Vollständige Version anzeigen : Die Erde, die Menschen, die Zukunft - ein paar Infos
Weil ich nicht dauernd Germas Thread zumüllen möchte, mit meinen ganz und gar nicht trader- relevanten Meldungen, mach ich hier nun einen eigenen Thread auf, für diejenigen hier, die sowas interessiert.
Vielleicht gelingt es mir, ihn auch zu "pflegen".
Ich mach das nun gerade deswegen, weil es hier recht viele gibt, die der Zukunft ziemlich skeptisch entgegen schauen, sowohl was ihre Ersparnisse, als auch ihre Pensionsansprüche anlangt.
Und ich glaube, wenige sind sich der folgenden Faktenlage in einem grösseren Zusammenhang bewusst.
Wiewohl einzelne Infos daraus bereits sattsam bekannt sein dürften. Aber solche Meldungen werden meist nur als "Häppchen" und in anderem Kontext angeboten, und so gehen sie im medialen Tagesgeschehen auch recht schnell wieder unter.
Zuerst: Planet Terra ist eine verdammt kleine Kugel.
71% davon ist mit Wasser bedeckt, und dann noch jede Menge Berge, Wüsten und
zum direkten Überleben weniger Brauchbares.
Die Gletscher auf Nord- und Südpol binden fast 30% des Wassers.
Echter Trinkwasseranteilanteil an der Wassermenge ist nicht mal 3% vorhanden.
Ökologisch produktives Festland gibt es zwar ca. 9000 Mio. Hektar.
Benutzbares Land gibt es aber nur ungefähr 3200 Mio. Hektar.
In landwirtschaftlicher Nutzung befinden sich heute etwa 850 Mio. Hektar.
Tendenz fallend, man glaubt es kaum.
Die letzten Jahre nahmen die Flächen um etwa ein 20igstel ab. Das hat mehrere Gründe, die später noch erläutert werden.
Was hingegen die letzten 5 Jahre in der Landwirtschaft angestiegen ist, ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen - der hat sich seit Beginn um 95, 96 bis jetzt verfündundreissigfacht, auf insgesamt 57 Mio. Hektar (2002).
Der Löwenanteil entfällt auf die USA (36 Mio.) und Canada, dann China, dann Argentinien.
Grafik zur Entwicklung der Weltbevölkerung:
http://neuro.biologie.uni-freiburg.de/Skriptum/Gentechnik/Bev.entwicklung.gif
Das Wachstum entwickelt sich nicht exponentiell, sondern hyperexponentiell.
Jeder, der die Charts vom Neuen Markt noch vor Augen hat, weiss, dass dies gar nicht gesund ausschaut.
Und dass wir innert der nächsten 10-20 Jahre tatsächlich mit einer nenenswerten Verringerung der Bevölkerung rechnen dürfen, diese Wahrscheinlichkeit ist trotz SARS und dem kriegslüsternen Herrn Bush im verschwindend geringen Promillebereich.
1. ZUR WELTERNÄHRUNGSSITUATION:
Afrika: Zum Skelett abgemagerte Kinder mit dicken Ascitesbäuchen werden von barmherzigen weißen Helfern mit Lebensmittelspenden aus den überquellenden europäischen Lagerhäusern vor dem Hungertod gerettet.
Derartige Klischees mögen in den Köpfen wohlgenährter Bundesbürger auftauchen, wenn sie mit dem dramatisch steigenden Nahrungsbedarf einer rasch wachsenden Weltbevölkerung konfrontiert werden. Hier spendet man gern!
Aber die Elendsregionen dieser Erde mit einem minimalen Pro-Kopf-Einkommen sind als Nachfragefaktor am Weltnahrungsmarkt tatsächlich von nachrangiger Bedeutung.
Die Weltbevölkerung wird von derzeit knapp 6,4 Milliarden Menschen um jährlich 80 Millionen wachsen, so daß bis zum Jahre 2020 weitere zwei Milliarden Erdenbürger dazukommen. Das entspricht der Bevölkerung zweier Chinas bzw. 30 Deutschlands Dieser Zuwachs findet nun hauptsächlich in Asien statt.
UNO - Projektion der Bevölkerungsentwicklung, mittlere Variante, in Mrd. (UN World Population Prospects: The 1992 Revision)
Region Jahr
........ ........................ 1990* 1995 *2000 *2010 *2020
Welt.............................. 5.295 *5.759* 6.228*7.15* 8.05
Entwickelte Länder .........1.211 *1.244* 1.278* 1.341* 1.38
Entwicklungsländer...... ..4.084 *4.515* 4.950 * 5.809* 6.66
Afrika............................ 0.643 *0.774 *0.856* 1.116* 1.42
Asien............................ 3.118* 3.408* 3.692 * 4.214 *4.68
Lateinamerika............... .0.441* 0.482 *0.523* 0.600* 0.670
Europa.......................... 0.509* 0.516* 0.528* 0.536* 0.542
Nordamerika..................0.277* 0.292* 0.305* 0.330* 0.352
Ozeanien...................... 0.027* 0.029* 0.031* 0.035* 0.040
ehem. UdSSR................ 0.282* 0.289* 0.297* 0.317* 0.336
Die höchste Pro - Kopf - Getreideproduktion war 1984 erreicht.
Seither wächst die Weltbevölkerung jährlich um 1,7 %, während die Getreideproduktion mit einem durchschnittlichen Zuwachs von nur 1 % jährlich hinter der Bevölkerungsexplosion zurückbleibt.
Um wenigstens das jetzige katastrophale Niveau - es hungern derzeit 900 Millionen Menschen - zu halten, muß die Weltgetreideproduktion von 2 auf knapp 3 Mrd t wachsen. In den nächsten zwanzig Jahren werden so viele Nahrungsmittel benötigt, wie in den letzten 10.000 Jahren zusammen!!!!
Schon jetzt reichen die globalen Getreidevorräte nur noch für 55 Tage, d.h. 10 Tage weniger, als von der FAO gefordert. Jeder größere Ernteausfall, jede wetterbedingte Verzögerung bei der Ernte oder dem Transport kann den Weltmarkt und ganze Regionen destabilisieren.
Durch den Bevölkerungszuwachs drängen zusätzlich 1,5 Milliarden kostengünstiger Arbeitskräfte auf den Weltarbeitsmarkt. Gleichzeitig wird die Welt reicher, zumindest kaufkräftiger.
Das Welteinkommen wird sich in den nächsten zwanzig Jahren mindestens verdoppeln - eine Verdreifachung liegt durchaus im Rahmen des Möglichen. Am Weltmarkt können aber nur Nationen kaufen, die ihrer Bevölkerung aufgrund einer wachsenden Wirtschaft ein steigendes Einkommen ermöglichen. So wie die asiatischen „Tigerstaaten", die auch durch den Import europäischer Arbeitsplätze Kaufkraft und Lebensqualität schufen.
Wachstumsstarke asiatische „Tigerstaaten":
Wirtschaftswachstum in den Jahren 1993 - 95
China + 35 %
Singapur + 30 %
Vietnam + 29 %
Malaysia + 28 %
Thailand + 27 %
Südkorea + 25 %
Indonesien + 23 %
Taiwan + 21 %
Hongkong + 17 %
Indien + 15 %
westliche Industrieländer + 7 %
Zwar steht für den Weltbüger rein rechnerisch pro Tag noch immer fast ein Kilo Getreide zur Verfügung, es wird ihm künftig jedoch nicht reichen. Er verlangt genau wie der Europäer nicht nur nach Müsli, sondern vor allem nach Fleisch und Convenienceprodukten (Tiefkühlkost, Snacks, Babynahrung, Pasta, Hamburger, Süßwaren), da ihm Berufstätigkeit, Ausbildung und Freizeit weniger Zeit für die Zubereitung von Nahrung lassen.
Nach Angaben der FAO hat 1995 die Fleischproduktion in den Entwicklungsländern erstmalig die Produktion der Industrienationen überflügelt. Während in Asien der Verbrauch von Eiern, Geflügel und Schweinefleisch, rapide wächst, expandiert in den moslemischen Ländern die Geflügelfleisch- und Eierproduktion. Schon jetzt erzeugt China mit jährlich 20 Mio t Eiern etwa 40 % der Weltproduktion.
Die viel zitierte Schale Reis genügt den Asiaten schon lange nicht mehr zur Befriedigung der Ernährungsbedürfnisse.
2. MEGACITIES
Zur Zeit lebt knapp die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, im Jahre 2020 werden es zwei Drittel sein. Durch diese massive Landflucht entstehen in den kommenden Jahrzehnten gigantische städtische Agglomerate mit 20 und mehr Millionen Einwohnern - zumeist planlos wachsend und mit einer mangelhaften Infrastruktur: Peking, Mexiko-Stadt, Kairo, Lagos, Bombay, Schanghai, Kalkutta, Jakarta, Karachi, Sao Paulo. Eine schnelle Verstädterung wurde zusammen mit der Mangelernährung als Schlüsselfaktor für die großen Epidemien in Wales und England vom Mittelalter bis zum Beginn des Jahrhunderts verantwortlich gemacht.
Diese „Megacities" mit Hilfe der Kleinbauern des entvölkerten Umlandes versorgen zu wollen, ist pure Illusion.
Zwangsläufig werden große hochtechnisierte landwirtschaftliche Betriebe entstehen, Aquakulturen und leistungsfähige Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen. Gleichzeitig nimmt der Trend zu, daß die Menschen näher an die Küsten ziehen. Dort entstehen riesige Märkte für Meeresprodukte. Schon jetzt jagen 3 Mio. Fangschiffe die letzten Seefische, wobei die Erträge ungleich verteilt sind. Nur 11 Nationen erbeuten zwei Drittel des jährlichen Fangs. Nachdem sich die Anlandungen seit 1950 mehr als vervierfacht hatten, gehen die Erträge seit einigen Jahren dramatisch zurück.
3. WER ERNÄHRT CHINA?
In China leben derzeit 1,3 Milliarden Menschen, und jährlich kommen 13 - 14 Millionen dazu. Die chinesische Führung beabsichtigt in den nächsten Jahren, die Landwirtschaft zielstrebig zu modernisieren, die Produktion um 4 % jährlich zu steigern und das Einkommen der Landwirte um 5,8 % jährlich anzuheben.
Mit 20 % der Weltbevölkerung stehen China aber nur 7 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Verfügung, denn der größte Teil des Landes ist für die Landwirtschaft unbrauchbar.
Folgt China bei der Industrialisierung dem Vorbild Japans, so wird sich die landwirtschaftliche Fläche bis zum Jahr 2030 halbieren.
Einkommen und Fleischverbrauch in China steigen sprunghaft
Einkommen pro Kopf 1980 1989 1995
in US $......................... 280 400 602
Pro - Kopf - Verbrauch
Fleisch insg. ( kg )........ 13,6 22,4 38,8
- Rind ( kg ) .....................0,3 0,9 3,2
- Geflügel ( kg ) ...............1,9 2,7 6,3
- Schwein ( kg ) .............11,4 18,8 29,3
Schon jetzt verschwinden Reisfelder - unter Garnelenfarmen oder Rebflächen, da diese den Landwirten bessere Erlöse garantieren. Diese Antibiotikaverpesteten Tümpel belasten aber nicht nur die Umwelt, ich bezweifle stark, das man das essen kann,.
Geringe Mieten und Gesundheitskosten gestatten es einem chinesischen Stadtbewohner 40 % seines Einkommens für Lebensmittel auszugeben.
100 Millionen Chinesen können sich jetzt schon Importlebensmittel leisten.
Eine Million Chinesen hat schon ein Jahreseinkommen von mehr als 100.000 US $!!!
China wird auf Dauer nicht in der Lage sein, genug Lebens- und Futtermittel im eigenen Land zu produzieren.
Seit 1995 importiert China 15 Mio t Getreide jährlich. Experten schätzen, daß sich dieser Bedarf in den nächsten Jahren verdreifachen und bis zum Jahr 2030 auf 200 Mio t emporschnellen wird.
Und dies entspäche dem derzeitigen Volumen des Weltgetreidehandels.
China hat - wenn sein Wohlstand weiter anwächst - keine Hungerkatastrophe zu erwarten. Vielmehr wird dieser gigantische Bedarf den Weltmarkt in Aufruhr versetzen und die Getreidepreise in ungeahnte Höhen steigen lassen.
Dann könnten Deng Xiao Pings Worte auch für andere Nationen wahr werden: „Ohne Landwirtschaft gibt es keine Stabilität, ohne Getreide gibt es Chaos"
Das ohnehin schon sinkende Volumen des globalen Seefisch- und Krustentierfangs würde nicht ausreichen, um China auch nur teilweise zu ernähren. Schon jetzt fangen chinesische Fischer ein Sechstel des gesamten Fischfangvolumens (12 Mio t).
China, Indien, Japan, Südkorea und die Philippinen sind weltweit die größten Aquakulturproduzenten mit einem Anteil von 80 % der insgesamt knapp 22 Mio t. Insbesondere durch die Karpfenzucht in Asien konnte die weltweite Lebensmittelproduktion in Aquakulturen von 1994 bis 1995 um 3 Mio t erweitert werden.
Allein 11 Nationen erbeuten mehr als 60 % des jährlicher Fang an Seefischen von 90 Mio. t :
(Stand 1995, nach Ländern in Mio. t)
China 11,6
Peru 8,9
Chile 7,4
Japan 5,9
USA 5,2
Rußland 4,3
Indonesien 3,5
Indien 3,3
Thailand 3,0
Norwegen 2,5
Süd - Korea 2,3
Summe 57,9
Soviel zum Seafood.
4. INDIEN ERWACHT:
Auch in Indien wächst die Bevölkerung rasant: Zu den derzeit 964 Millionen Indern kommen jährlich ca. 19 Millionen dazu.
Der asiatische Subkontinent hat sich in den letzten drei Jahrzehnten von einer ländlich geprägten Gesellschaft in eine moderne Industrienation mit eigener Raumfahrt, eigenem Atomprogramm und einem eigenen „Silicon Valley" gewandelt.
In Bombay haben die Büromieten das Niveau Tokios erreicht. Gleichzeitig leben noch 70 % der Bevölkerung in völliger Armut, 500 Millionen sind Analphabeten.
Nach optimistischen Prognosen würde Indien nach China, den USA und Japan im Jahre 2020 die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde sein.
Auch hier konsumiert insbesondere die "Mittelklasse", die mit 250 Millionen Menschen der Bevölkerung Westeuropas entspricht, immer bessere Nahrungsmittel.
Als sechstgrößter Eierproduzent der Erde wird Indien dieses Jahr seine Produktion um 13 % steigern. Neu errichtete Anlagen sind an US- und EU - Standards ausgerichtet, so daß auch in die EU exportiert werden kann.
Bis zum Jahre 2000 wird der Legehennenbestand von jetzt 110 Mio auf mehr als 200 Mio Tiere anwachsen. Zum Vergleich: In Deutschland werden knapp 57 Mio. Hennen gehalten.
Die Verdoppelung der indischen Hühnerbestände erfordert jährlich etwa 2,5 Mio t Futtergetreide. Die Steigerung der Getreideernte (80 Mio t Reis, 60 Mio t Weizen) durch künstliche Bewässerung ließ in den „Kornkammern" Punjab und Haryana die Grundwasserspiegel dramatisch absinken. Es ist fraglich, ob die Erträge gehalten werden können. Zusammen mit China wandelt sich auch Indien vom Selbstversorger zum wichtigsten Kunden am Weltgetreidemarkt.
5. UND WAS IST MIT RUSSLAND?
Rußlands Landwirtschaft wird sich noch weit über das Jahr 2000 in einer Phase des Umbruchs befinden.
Parallel zum teilweisen Zusammenbruch der großen Staatsgüter und der staatlichen Lebensmittelindustrie sowie getrieben durch die mehr als unsichere Lage am Arbeitsmarkt haben kleine landwirtschaftliche Betriebe, private „Schrebergärten" und wenig leistungsfähige Verarbeitungsbetriebe einen Teil der Produktion übernommen.
Daher ist die Produktionsleistung Rußlands unkalkulierbar. Während es in den 80iger Jahren noch 30 Mio. t Getreide - zwei Drittel davon aus den USA - importierte, sind es heute weniger als 5 Mio. t.
Die Getreideproduktion dürfte nach Expertenmeinung noch bis weit über das Jahr 2000 hinaus maximal den innerrussischen Bedarf abdecken.
Aufgrund des Zusammenbruchs ihrer Landwirtschaft, haben die Russen ihre Fleischimporte in wenigen Jahren mehr als verdreifacht.
Dazu hat neben dem rapiden Preisanstieg für inländische Ware, der das teure Importfleisch konkurrenzfähig machte, auch die mangelhafte russische Fleischqualität beigetragen sowie das Fehlen leistungsfähiger Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen.
So sind Ballungsräume wie Moskau und St. Petersburg auf den Import von qualitativ hochwertigen Convenience - Lebensmitteln angewiesen.
6. DIE AGRARFLÄCHEN SCHWINDEN
Die landwirtschaftliche Fläche ist sehr knapp und kann nur noch in Teilen Afrikas und Südamerikas auf insgesamt 950 Mio ha zunehmen.
Hinzu kommt, daß viele Regionen der Tropen nicht als besonders ackerbaufreundlich einzustufen sind. Während in der EU bestes Ackerland extensiv bewirtschaftet oder mittels Stillegungsprämien aus der Produktion genommen wird, sind 900 Millionen Menschen chronisch unterernährt.
Verzweifelte südamerikanische Landwirte rodeten den Regenwald, um dem schnell erschöpften Boden eine armselige Ernte abzuringen. Sie zerstören wertvolle Lebensräume mit zahlreichen Pflanzen- und Tierarten, die noch gar nicht auf ihre Bedeutung für Medizin und Biotechnologie untersucht worden sind.
Jedem Bewohner eines Entwicklungslandes steht derzeit ein Drittel ha Ackerland zur Verfügung. (Erst seit den 70er Jahren hat eine deutlich verbesserte landwirtschaftliche Produktion ergeben, dass durchschnittlich ein Erdenbürger von den Erzeugnissen aus 0,4 ha überleben konnte. Noch in den 50ern war die zehnfache Landmenge nötig. Alle Verbesserungen in der Produktion, bis zu den bekannten Tierfabriken auf engstem Raum, haben uns an einen Punkt gebracht, dass mit einem Hektar nun sogar bald 8 Leute ernährt werden sollen. Irgendwann ist da Ende!!! - Dies in intensivster Bewirtschaftung, mit teils unglaublichem Düngereinsatz. Allen voran die Niederlande, Belgien und England. )
Die rasant wachsende Bevölkerung wird diese ohnehin schon kleine Fläche bis zum Jahr 2020 auf ein Zehntel ha schrumpfen lassen! Und aus 1000 m2 lässt sich unmöglich mehr rausholen, als lediglich homöopathische Dimensionen.
Noch mehr Hungerkrisen sind da vorprogrammiert.
Gleichzeitig schreitet die Wüstenbildung fort, konkurrieren Städte, Industrieanlagen, Naturschutzgebiete, Tourismus, Verkehr, Freizeiteinrichtungen und der Anbau nachwachsender Rohstoffe mit der Landwirtschaft um die Flächen in klimatisch bevorzugten Regionen.
Auf dem Weg zum Industrieland hat Japan 52, Südkorea 42 und Taiwan 35 % seines Ackerlandes verloren.
Allein in den letzten 15 Jahren verringerte sich die weltweite Ackerfläche um ein Sechstel.
7. BELASTUNG DER UMWELT DURCH TIERPRODUKTION
Bei der zunehmenden Produktion tierischer Lebensmittel sind Techniken zur Minimierung der Veredelungsverluste und der hieraus resultierenden Umweltbelastung von vitaler Bedeutung.
So läßt sich etwa die Stickstoff - Ausscheidung in der Schweinemast durch gezielte Ergänzung mit synthetischen Aminosäuren senken, weil dadurch der Eiweißanteil der Rationen gesenkt werden kann. Der Einsatz von Phytase zur Aufspaltung des phosphorhaltigen Phytins im Futter erlaubt den Verzicht auf Phosphatzusätze. Das verringert die Phosphatausscheidung der Tiere.
Verringerung der N - Ausscheidung in der Schweinemast durch Proteinabsenkung und Aminosäureergänzung.
Mischungsanteile in % Rohprotein in %
........................17,5 16,0 14,0
Gerste 53,0 56,0 60,7
Weizen 25,2 27,0 28,0
Sojaextraktionsschrot 19,3 14,3 8,3
L - Lysin - HCL - 0,16 0,35
DL - Methionin - - 0,06
L - Threonin - - 0,05
N - Ausscheidung in % 100 85 70
Leistungsförderer werden weltweit bis auf wenige Ausnahmen - in Deutschland sind sie umstritten, in Schweden verboten - akzeptiert.
In der deutschen Schweinehaltung ließe sich durch konsequenten Einsatz die Umwelt je nach Berechnungsmethode von 11.500 bis 140.000 t reinem Stickstoff jährlich entlasten. Auch verhalten sich Hochleistungsmilchkühe umweltfreundlicher,da sie im Vergleich zu Kühen mit geringer Leistung je produziertem Liter Milch weniger Futter und Wasser verbrauchen und weniger Fäkalien ausscheiden.
8. ÖKOLOGISCHE LUXUSPRODUKTION
Es ist ein Trugschluß, zu glauben, eine extensive Fütterung, bei der die Tiere nicht mehr so schnell wachsen, führe zu einer Verminderung der Stickstoff- und Phosphor - Belastung der Umwelt.
So benötigen Mastschweine mit einer mittleren Tageszunahme von 570 g im Vergleich zu Schweinen mit 630 g Tageszunahmen für das gleiche Endgewicht 22 kg mehr Futter und 65 Liter mehr Tränkewasser.
In einem modernen Mastbetrieb sind Tageszunahmen von 750 g und mehr möglich. So kann Futter, Wasser, Gülle, landwirtschaftliche Nutzfläche und Dünger gespart werden. Entgegen landläufiger Meinung führt eine verhaltene Schweinemast unter den spezifischen Bedingungen einer Ökoproduktion nicht automatisch zu einer Verbesserung der Fleischqualität. Ähnliches gilt für die Produktion von Rindfleisch und Eiern. Auch dem Erzeugerverband „Bioland" liegen keine greifbaren gegenteiligen Erkenntnisse vor.
Vor diesem Hintergrund sind Tageszunahmen von 380 g auf Demeterhöfen und 520 g auf Biolandbetrieben zumindest aus ökologischen Erwägungen indiskutabel, insbesondere dann, wenn noch dazu geringere Hektarerträge bei Getreide zu einem höherem Verbrauch an landwirtschaftlicher Fläche führen.
Diese Ertragsrückgänge lassen sich nur durch besondere Vermarktungswege (Direktvermarktung), höhere Preise und eine auch in Zukunft finanzkräftige Kundschaft kompensieren.
Der Öko - Landbau kann auch nach eigenen Einschätzungen nicht die Leistungen und Hektarerträge einer modernen Intensivlandwirtschaft erreichen.
Er ist der Landwirtschaft in Entwicklungsländern zwar überlegen, eignet sich aber nicht als Lösungsmodell für die Welternährungskrise und wird insofern global auch in Zukunft keine Rolle spielen.
Er bleibt eine sozialromantisch verklärte Luxusproduktion für die verwöhnten Söhne und Töchter einer Überflußgesellschaft.
Alternative Ernährungsformen, insbesondere der Verzehr hygienisch empfindlicher Lebensmittel wie Rohmilch, erfordern extrem hohe Hygienestandards.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich allein in Europa rund 130 Mio. Menschen an einer Lebensmittelinfektion, das sind rund 15 % der Bevölkerung.
Der Krankheitsgrad reicht von milden Verläufen bis hin zu schweren Magen - Darm - Erkrankungen mit tödlichem Ausgang. Weltweit gesehen wird der Großteil der Gesundheitsschäden durch eine quantitativ und qualitativ unzureichende Nahrungs- und Wasserversorgung hervorgerufen.
Wenn ich da an SARS denke...
9. WASSER - DAS LEBENSMITTEL NR.1
Nur 16 % des weltweiten Ackerlandes werden künstlich bewässert, diese liefern aber fast 40 % der Ernten.
China, Indien, Indonesien und Pakistan produzieren mehr als die Hälfte ihrer Nahrungsmittel durch Bewässerungsfeldbau. Künstliche Bewässerung hat eine Schlüsselstellung in der Ernährungssicherung.
Die Landwirtschaft ist der größte Wasserverbraucher: Weltweit entfallen zwei Drittel auf sie, in Deutschland sind es nur ca. 3 %, in manchen Entwicklungsländern bis zu 80 %. Auf der anderen Seite verbraucht sie dort nur 4 % der nicht erneuerbaren Energieträger.
Die ökologischen Folgen liegen auf der Hand: In vielen Regionen der Welt sinken die Grundwasserspiegel, Flächen versalzen durch eine nicht angepaßte Be - und Entwässerung.
Nach Schätzungen erbringen aufgrund eines hohen Salzgehaltes etwa 15 Mio. ha Ackerland verminderte Ernten. Die weltweite Wasserkrise wird durch die ungebremste Landflucht in die Millionenstädte der Entwicklungsländer in den nächsten 10 Jahren in eine extreme Wasserknappheit münden.
Bereits 26 Länder stuft die FAO als „wasserarm" ein. Betroffen sind derzeit 250 Millionen Menschen, bis zum Jahr 2025 dürfte die Zahl auf 3 Milliarden ansteigen. Zudem werden weltweit nur 5 % aller Abwässer gereinigt. So verwundert es nicht, daß schätzungsweise die Hälfte aller Menschen in Entwicklungsländern an einer wasserbedingten Krankheit leidet.
Schon jetzt versorgen in den Entwicklungsländern mobile Wasserhändler - zumeist zu horrenden Preisen - jeden fünften Stadtbewohner, da die Menschen keinen Zugang zu einer Wasserleitung haben. Mit diesem dramatisch steigenden Wasserbedarf sind politische und militärische Konflikte um die Wasserreserven vorprogrammiert.
Eine durch die NATO initiierte Studie „Environment and Security in an International Context" beschäftigt sich mit den sicherheitspolitischen Aspekten von Wassermangel und anderen Umweltveränderungen. Sie kommt zu beunruhigenden Ergebnissen.
Schon jetzt haben umfangreiche Dammbauten des Natopartners Türkei an Euphrat und Tigris (Atatürk-Stausee) den Argwohn seiner Nachbarländer Irak und Syrien geweckt. Ähnliche Konflikte ergeben sich um das Jordanwasser und die Wasserreserven der „West Banks".
Ägyptens Landwirtschaft ist völlig vom Nil abhängig. Jeder massive Zugriff durch den Sudan oder Äthiopien am Oberlauf des Nils wäre für den Mittelmeeranrainer existenzbedrohend und würde mit Sicherheit eine militärische Konfrontation heraufbeschwören.
Im Golfkrieg waren die Meerwasserentsalzungsanlagen Kuwaits und des Iraks das Ziel von gegnerischen Bomben- und Raketenangriffen.
Nach dem Rohstoff Öl geht es um den Rohstoff Wasser.
10. MÜLL, DÜNGUNG, ABWÄSSER
Ähnlich problematisch gestaltet sich die Müll- und Abwasserentsorgung der städtischen Ballungsräume.
Hongkong, ein Zentrum des Wohlstandes, schüttete über lange Zeit jeden Tag 1 Mio t unverarbeiteter Fäkalien in das Südchinesische Meer.
In Deutschland fallen jedes Jahr 624 Mio t menschliche Gülle an, dreimal mehr als in der Landwirtschaft.
Neben dem Hygienerisiko entgehen so der Landwirtschaft große Nährstoffmengen, die im Sinne einer Kreislaufwirtschaft wieder in Form von Kompost und Klärschlämmen zur Düngung eingesetzt werden müßten. Die Flächen wiederum müssen im Umland der Städte zur Verfügung stehen. Schon vor etwa 150 Jahren formulierte Justus Liebig sehr drastisch: „In den Kloaken von Rom ist im Laufe von Jahrhunderten der Reichtum des Römischen Weltreiches versunken".
Liebigs Erkenntnisse auf dem Gebiet der Pflanzenernährung führten zur Verbesserung der Mineraldüngung und waren damit ein Meilenstein zur Ernährungssicherung für Mensch und Tier.
In der Intensivlandwirtschaft stößt der Einsatz von Mineraldüngern an Umweltgrenzen. Auf der anderen Seite macht die Nachfrage der reichen Industrienationen den Mineraldünger für die Landwirte in den Entwicklungsländer unerschwinglich; sie ernten durch den Mangel an Dünger nur minimale Flächenerträge.
Das wird sich erst ändern, wenn sich die Weltmarktpreise ändern.
Im EU-Haushalt entfällt der grösste Milliarden-Brocken von fast der Hälfte des Haushalts auf Agrarförderungen. Angesichts der Staatsverschuldungen wird sich die EU diesen Luxus der geschützten Landwirtschaft nicht ewig leisten können.
11. DIE GRENZEN DES LANDBAUS - DIE ZUKUNFT DER WELTERNÄHRUNG
Die politische und wirtschaftliche Stabilität ganzer Weltregionen wird auch in Zukunft von Arbeitsplätzen, Bildung und einer ausreichenden Wasser- und Lebensmittelversorgung abhängen.
Ein höherer Lebensstandard führt nach aller Erfahrung zu einer Senkung der Geburtenrate und trägt so zur Problemlösung bei.
Die vielgestaltigen kulturellen, gesellschaftlichen, regionalen und klimatischen Gegebenheiten erfordern ebenso viele Lösungsansätze.
So kann z.B. durch die Ausbildung der Frauen, durch eine optimierte Lagerung von Lebensmitteln und das vermehrte Anlegen sogenannter „Küchengärten" die Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln im ländlichen Raum der Entwicklungsländer sehr verbessert werden.
Zwar lassen sich in einigen Regionen der Erde durch an den Standort angepaßte Pflanzensorten, verbesserten integrierten und biologischen Pflanzenschutz, moderne Agrartechnik und gezielte Düngung die Hektarertäge steigern, durch angepaßte Fütterung Veredelungsverluste verringern oder z.B. wenig attraktive Teile von Schlachttieren so aufbereiten, daß sie von den „Armen" als Lebensmittel akzeptiert werden, aber auch die konventionelle Lebensmittelproduktion ist technologisch an ihre Grenzen gestoßen.
Noch immer wird ein Drittel der Welternte durch Pflanzenkrankheiten, Insektenbefall und Unkräuter vernichtet. Weltweit werden die Einbußen allein durch Viruserkrankungen bei Nutzpflanzen auf 2 Mrd US $ geschätzt.
Von den weltweit geernteten 270 Mio t Kartoffeln werden 5 %, d.h. mehr als die deutsche Kartoffelernte von 9 Mio t, allein durch die Kraut- und Knollenfäule vernichtet.
Ein gesteigerter Einsatz herkömmlicher Pflanzenschutzmittel verbietet sich aber in vielen Regionen aus Gründen der Boden-, Grundwasser- und Gewässerbelastung. Insbesondere in Monsunländern sind viele Ernteverluste naturgegeben und kaum beeinflußbar.
Zumindest für einen Teil dieser Probleme kann die Gentechnologie vernünftige Lösungsansätze bieten. Man möchte Nutzpflanzen ertragreicher, krankheits - und herbizidresistent machen. Weitere Züchtungsziele sind z.B. Reissorten, die weniger Wasser erfordern, salzhaltige Böden tolerieren und höhere Erträge ermöglichen, Weizensorten, die auch in wärmeren Klimaregionen (Treibhauseffekt) fruchtbar sind, Nutzpflanzen, die mit luftstickstoffbindenden Bakterien in Symbiose leben, schnell wachsende Fische für Aquakulturen oder Nahrungs- und Futterpflanzen mit optimierten Inhaltsstoffen.
Ein Beispiel: Reis mit nennenswerten Vitamin - A - Gehalten könnte Mangelerscheinungen vorbeugen. Experten schätzen, daß das globale Marktvolumen für Biotechnik bis zum Jahr 2000 auf ca. 128 Mrd US $ emporschnellen wird (Landwirtschaft 53 Mrd, Pharma 50 Mrd, Nahrungsmittel 20 Mrd, Anlagen u. Technik 5 Mrd).
12. CHANCEN FÜR DIE EU-LEBENSMITTELWIRTSCHAFT?
Ein solches Szenario hat auch positive Nebeneffekte.
Steigende Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse stärken die Position der Landwirte - und zwar weltweit.
Sie verhindern auch, daß z.B. Billiggetreide der EU lokale und regionale Märkte in den Entwicklungsländern überschwemmt und so die örtliche Landwirtschaft ruiniert.
Bisher mußten jährlich 15 - 30 Mio t EU- Getreide mit Subventionen auf dem Weltmarkt „entsorgt" werden. Erstmalig hat Brüssel 1996 durch Exportzölle Getreide in der EU gehalten, da es am Weltmarkt teuerer war. So wurde den EU - Bürgern und Landwirten, die Getreide verfüttern, günstige Preise beschert. Langfristig könnte diese Entwicklung auch wieder zu Einkommenssteigerungen bei den europäischen Landwirten führen.
Durchschnittliche Bestandsgrößen in der EU:
Rinder pro Halter Schweine pro Halter
Luxemburg 90 107
Großbritannien 84 451
Niederlande 80 557
Dänemark 66 431
Belgien 63 472
Frankreich 58 107
Deutschland 46 90
Irland 41 531
Italien 27 31
Spanien 20 41
Griechenland 12 22
Portugal 7 18
In vielen entwickelten Nationen haben Politik, Handel und Landwirtschaft die wirtschaftliche und politische Dimension einer explodierenden Weltbevölkerung erkannt. US-amerikanische Investoren kaufen südamerikanische Sojaumschlagplätze, um vom boomenden Weltsojamarkt und den steigenden Preisen zu profitieren.
US-amerikanische und niederländische Reeder bereiten sich darauf vor, gigantische Nahrungsmengen über die Weltmeere zu transportieren. Investoren in Argentinien beabsichtigen, die Rindfleischproduktion zu verdoppeln.
In Frankreich, Dänemark und den USA wird z.B. die Schweine-, Eier- und Geflügelproduktion massiv ausgeweitet und in Landwirtschaftsforschung investiert. Alle Beteiligten sind, wie auch die Bio- und Gentechnologiefirmen, aber sicher nicht dazu angetreten, das Elend vom Angesicht der Erde zu tilgen.
Die Ernährungssicherung der Elendsregionen ohne nennenswerte Kaufkraft ist eine politische Entscheidung der entwickelten Nationen. Afrika wird von den drastisch steigenden Lebensmittelpreisen am Weltmarkt dramatisch getroffen. Allein 1995 mußte der Kontinent 5 Mrd DM mehr für Nahrungsmittel ausgeben.
Gen- und Biotechnologie findet weltweit auch ohne deutsche Beteiligung statt.
Machen wir uns eines klar: Mittlerweile ist es den Chinesen egal, ob in Bonn ein Sack Kartoffeln umfällt! Man kann sich unschwer ausmalen, welchen Stellenwert deutsche Sicherheitsansprüche in Ländern haben werden, in denen die Hoffnung auf neue Techniken und der Hunger größer sind als Angst und Übersättigung.
Grundnahrungsmittel wie Getreide, Kartoffeln, Fleisch, Eier und Gemüse müssen zukünftig - bis auf Verbrauchsspitzen - in den Verbraucherländern direkt produziert werden.
Gleichzeitig ist es aber unsinnig, z.B. „durstige" Pflanzen wie Zuckerrohr oder Bananen in wasserarmen Regionen anzubauen. Bedingt durch die unvermeidlich steigenden Weltmarktpreise kann es auch für die EU - Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie rentabel, (moralisch geboten?) und politisch ratsam sein, verstärkt Getreide, Fleisch, Fisch aus Aquakulturen und andere hochwertige Nahrungsmittel für den Weltmarkt zu produzieren.
Und in dem Maße, wie sich neue kaufkräftige Absatzmärkte vor allem im pazifischen Raum auftun, wird die einseitige Fixierung der großen Agrarexportländer auf den europäischen Markt schwächer werden.
Auch so können Arbeitsplätze in Land-, Fischwirtschaft und Lebensmittelindustrie gesichert und die EU - Landwirte von Subventionen unabhängig gemacht werden.
Die bisherigen EU - Agrarsubventionen haben bekanntlich nicht verhindern können, daß jährlich 3 % der Betriebe aus der Produktion ausscheiden. Im Gegenteil, die Kleinen sterben, während die Grossen absahnen.
AUSBLICK UND LITERATUR:
Was passiert, wenn schließlich die Lebensmittelpreise in die Höhe schießen?
Dem jetzt noch wohlhabenden Europa steht nicht nur eine Diät - weniger Fett und Kalorien - ins Haus, gleichzeitig wird ein deutlich höherer Anteil der sinkenden Massenkaufkraft für Ernährung „aufgefressen".
Der geringere Spielraum für andere Konsumgüter, Mieten, Gesundheit und Reisen wird insbesondere für sozial schwache Bevölkerungskreise, Handel und Industrie schmerzhaft spürbar sein. Für Millionen Slumbewohner in der dritten Welt könnte dies aber sogar den Hungertod bedeuten.
Wo aber immer mehr Hungernde zu den Fleischtöpfen der Industrienationen drängen, wird auch der Reiche nicht mehr ruhig schlafen können.
Schon gar nicht der sehr Reiche....
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Donnerstag, 01. Mai 2003
Bund verkauft vorerst keine weiteren DDR-Agrarflächen
Bonn/Berlin - Das Bundesfinanzministerium in Bonn hat den Verkauf ehemals volkseigener landwirtschaftlicher und forstwirt- schaftlicher Flächen aus DDR-Zeit durch die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) bis auf weiteres ausgesetzt.
Das Ministerium reagierte damit auf Forderungen der EU-Kommission zur teilweisen Abänderung des Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetzes (EALG) und der zugehörigen Flächenerwerbsverordnung.
Laut ADN wurden die zwölf Niederlassungen noch am letzten Mittwoch des alten Jahres angewiesen, vorerst keine Verträge nach EALG und Flächenerwerbsverordnung mehr abzuschließen. Damit die Privatisierung nicht als Ganzes zum Erliegen kommt, wird sich die BVVG verstärkt möglichen Verkäufen außerhalb des EALG - etwa Bauland und Objekte auf BVVG-Flächen - widmen.
Unmittelbar nach Bekanntwerden der Forderungen aus Brüssel hatte die BVVG-Zentrale bereits vorsorglich verfügt, keine Kaufverträge mit solchen Erwerbern mehr zu vereinbaren, "deren Kaufberechtigung nach dem EALG maßgeblich auf dem Kriterium der Ortsansässigkeit am 3. Oktober 1990 beruht". Davon betroffen sind vor allem Neueinrichter aus dem Bereich Land- und Forstwirtschaft. Bisher hat die BVVG mit Neueinrichtern rund 1.600 Verträge abgeschlossen.
Das Bundesfinanzministerium hatte zuvor eine eingehende Prüfung der Änderungsforderungen aus Brüssel nach Eingang der genauen Begründungen zugesagt. DW
http://www.welt.de/daten/1999/01/05/0105wi58528.htx
10 Jahre nach dem Reaktorunfall Tschernobyl
Daten und Fakten
Der Tag der Reaktorkatastrophe am 26. April 1986 im Block 4 des Kernkraftwerks in Tschernobyl jährt sich zum zehntenmal. Bis heute leiden in den betroffenen Gebieten Menschen, Umwelt und Wirtschaft an den Folgen. Wir stellen einen Überblick zur Belastungssituation und zu den gesundheitlichen Auswirkungen zusammen.
Auswirkungen auf die Bundesrepublik Deutschland
Bodenkontamination durch den Tschernobyl-Unfall 1986
Leitnuklid Cäsium-137 (Cs-137)
Die schweren Regenfälle südlich der Donau während des Durchzugs kontaminierter Luftmassen führten im Süden zur Deponierung deutlich höherer Radionuklidmengen als im Norden Deutschlands:
südlich der Donau im Mittel 16.000 Bq/m2
in München 19.000 Bq/m2
im Bayerischen Wald teilweise 30.0000 Bq/m2
im Südosten Bayerns bis zu 80.000 Bq/m2
in Norddeutschland im Mittel 4.000 Bq/m2
Im Vergleich dazu beträgt die Gesamtdeposition durch oberirdische Kernwaffenversuche an Cs137 bis 1986 ca. 4.000 Bq/m2. Die Bodenkontamination durch den Tschernobyl-Unfall an Cs137, die 1996 noch meßbar ist, beträgt aufgrund der physikalischen Halbwertszeit von 30 Jahren zwar noch etwa 80 % der oben genannten Mengen. Wegen der stark zurückgegangenen Pflanzenverfügbarkeit und der Wanderung in tiefere Bodenschichten ist die Strahlenexposition durch Cäsium auf weit weniger als die Hälfte zurückgegangen.
Strontium-90 (Sr-90)
In München betrug die durch den Reaktorunfall verursachte Bodenkontamination durch radioaktives Strontium 200 Bq/m2. Die Gesamtbelastung durch oberirdische Kernwaffentests an Sr-90 beträgt hier 2500 Bq/m2. Die daraus resultierende Strahlenexposition ist geringer als die durch Cs-137.
Plutonium
Die Bodenkontamination durch den Tschernobyl-Unfall an Plutonium-238, -239, -240 betrug in München 54 mBq/m2 (Millibecquerel). Die daraus resultierende Strahlenexposition ist geringer als die durch Cs-137.
Zusätzliche Äquivalentdosis durch den Tschernobyl-Unfall
Die durch den Reaktorunfall resultierende zusätzliche Strahlenexposition der deutschen Bevölkerung wurde je zur Hälfte durch die Nahrungsmittel bzw. durch die externe Bestrahlung verursacht. Die mittlere zusätzliche Strahlenexposition (intern und extern) beträgt summiert über die volle Lebensdauer 0,7 Millisievert (mSv), südlich der Donau steigt dieser Wert auf 1,5 mSv, im Voralpengebiet bis zu 2,5 mSv.
Die natürliche Strahlenbelastung über die volle Lebensdauer beträgt dazu im Vergleich ca. 200 mSv, dieser Wert schwankt je nach Wohnort zwischen 100 und 400 mSv (1 5 mSv pro Jahr). 1.000 m Höhenunterschied führen beispielsweise pro Jahr zu 0,15 mSv erhöhter externer Strahlenbelastung.
Biologische Strahlenfolgen
Aufgrund der geringen Strahlenexposition sind in Deutschland bisher keine strahlenbiologischen Effekte bei Menschen, Tieren und Pflanzen beobachtet worden und auch in Zukunft nicht zu erwarten.
Situation in der Ukraine, Weißrußland und Rußland
Gesamtflächenbelastung an Cs-137 durch den Tschernobyl-Unfall 1986
Durch den Reaktorunfall wurden große Flächen der Ukraine, Weißrußlands und Rußlands (ca. 30 % Waldflächen, ca. 60 % Agrarflächen) radioaktiv kontaminiert. Davon sind 145.000 km2 (Kontrollzone) mit einer Cs-Flächenaktivität von 37.000 Bq/m2 -185.000 Bq/m2 belastet. In diesem Gebiet leben 7 Millionen Einwohner.
Eine Cs-Flächenaktivität von 185.000 Bq/m2- 555.000 Bq/m2 (freiwillige Umsiedlung) findet man in folgenden Gebieten:
Ukraine: 4.600 km2 (460.000 ha) mit 253.000 Einwohnern (Januar 1995)
Weißrußland: 16.500 (1,65 Mio. ha)km2 mit 314.000 Einwohnern (Januar 1996)
Rußland: 8.100 km2 (810.000 ha) mit 440.000 Einwohnern (Januar 1995)
Folgende Gebiete sind mit 555.000 Bq/m2 - 1,5 Mio. Bq/m2 belastet (Zone, die evakuiert werden muß):
Ukraine: 1.500 km2 mit 52.000 Einwohnern (1995)
Weißrußland: 6.400 km2 mit 41.000 Einwohnern (1996)
Rußland: 2.400 km2 mit 112.000 Einwohnern (1995)
Neben Cs-137 spielte Jod-131 eine große Rolle für die Strahlenexposition der Bevölkerung. In der Umgebung von Tschernobyl war die J-131-Flächenaktivität bis zu 30mal so groß wie die Cs-137-Flächenaktivität.
Gebiete, deren Cs-137-Aktivität mehr als 1,5 Mio. Bq/m2 beträgt (3.000 km2), wurden vollständig evakuiert (zum Beispiel die Stadt Pripjat mit etwa 50.000 Einwohnern) und dürfen nicht mehr bewohnt werden. Trotz dieses Verbots leben zum Beispiel in der 30-km-Zone um den Reaktor etwa 750 sogenannte Rückkehrer. Die mittlere Lebensdosis für Personen, die sich zum Zeitpunkt des Unfalls in der hochexponierten Zone aufgehalten haben, wird durch den Unfall auf etwa 120 mSv geschätzt. Individuell kann sie bis zu 400 mSv betragen. Dazu kommt die natürliche Strahlenexposition von ca. 200 mSv.
Strahlenexposition der Liquidatoren
Etwa 200.000 "Liquidatoren" wurden zwischen 1986 und 1987 für erste Maßnahmen zur Begrenzung der Katastrophe eingesetzt. Die durchschnittliche Strahlenexposition der Liquidatoren während dieser Zeit beträgt 100 mSv, 10 % haben eine Dosis bis zu 200 mSv erhalten, einige Prozent bis zu 500 mSv und nach offiziellen Angaben nur einzelne Personen mehr als 500 mSv. Insgesamt haben 600.000 - 800.000 Liquidatoren in der 30-km-Zone gearbeitet. Die Aufgaben der Liquidatoren waren Arbeiten zur Begrenzung des Unfalls, Dekontamination des Reaktorgeländes, Errichtung des Sarkophags, Dekontamination von Häusern und Geräten, Straßenbau und die Entfernung von radioaktiv belasteten Bäumen, Böden, Baumaterialien und Geräten. In dieser Zahl sind auch weitere Personengruppen wie zum Beispiel Ausbilder, Kantinenpersonal, Dolmetscher, technisches Personal enthalten. Dies erklärt die unterschiedlich hohe Strahlenbelastung der Liquidatoren.
Evakuierung der hoch-kontaminierten Gebiete
Vom 27. April bis Mitte August 1986 wurden insgesamt 116.000 Personen evakuiert (92.000 Ukrainer und 24.000 Weißrussen).
Diese Menschen erhielten eine mittlere Strahlendosis von etwa 50 mSv. 10 % davon eine Dosis zwischen 50 und 100 mSv und 5 % über 100 mSv. Es gibt Individualwerte bis zu 400 mSv. Die geschätzte Lebensdosis von Personen, die bis 1990 in hoch-kontaminierten Gebieten gelebt haben, beträgt 160 mSv. Bis 1995 wurden weitere 52.500 Ukrainer, 106.500 Weißrussen und 47.500 Russen umgesiedelt. Das unbewohnte Gebiet in der Ukraine, in Weißrußland und in Rußland umfaßt insgesamt 4300 km2.
Gesundheitliche Auswirkungen auf die Bevölkerung in der Ukraine, Weißrußland und Rußland
Durch die Radiojodexposition in der Ukraine und insbesondere in Weißrußland kam es vor allem bei Kindern zu hohen Schilddrüsendosen. Seit 1988 steigen Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Jugendlichen, die zum Zeitpunkt des Unfalls jünger als 18 Jahre waren, stark an. 1986 wurden zum Beispiel in Weißrußland insgesamt 2 Fälle, 1988 5 Fälle, 1990 29 Fälle und 1995 91 Schilddrüsenkrebsfälle gefunden. Insgesamt sind bis 1.1.1996 bei der beschriebenen Personengruppe 424 Fälle an Schilddrüsenkrebs dokumentiert. Die Zahl der Personen, die zum Zeitpunkt des Unfalls zwischen 0 und 18 Jahre alt waren und bis 1996 Schilddrüsenkrebs bekommen haben, wird für Ukraine, Weißrußland und Rußland auf 1.000 geschätzt (ca. 400 in der Ukraine, 500 in Weißrußland, 100 in Rußland). Bisher sind von dieser Personengruppe drei Jugendliche an Schilddrüsenkrebs verstorben.
Akute Strahlenkrankheit bei Liquidatoren
237 Liquidatoren wurden in der Klinik 6 in Moskau behandelt. 31 Personen davon sind 1986 in den ersten Wochen nach dem Unfall an den akuten Folgen der Strahlenexposition verstorben. Bis 1.3.1993 sind weitere 14 Liquidatoren verstorben. Einige davon sind nicht unmittelbar an den Strahlenfolgen sondern zum Beispiel an Herzinfarkt gestorben. Eine Steigerung der Leukämie-, Lymphom- und Schilddrüsenkrebsfälle wurde nur bei Liquidatoren, die 1986 eingesetzt waren, gefunden. Bei der Gesamtgruppe der Liquidatoren wurde in der wissenschaftlichen Literatur bisher keine statistisch relevante Erhöhung von auf Strahlung zurückführbaren Tumoren im Vergleich zur Gesamtbevölkerung beschrieben. Mündlich wurde allerdings von einer Verdopplung der Leukämiefälle (52 statt 26 erwartete) und der Schilddrüsentumore (ca. 55 statt 20 erwartete Fälle) unter den 152.000 russischen Liquidatoren berichtet. Deutlich erhöht ist die Selbstmordrate bei Liquidatoren. Die Ukraine definiert im Gegensatz zu Rußland als Todesursache durch den Tschernobyl-Unfall nicht nur die unmittelbare Strahlung, sondern auch Veränderungen der Lebensbedingungen wie zum Beispiel Streß. Die Zahl von 2.500 Todesopfern enthält damit auch Unfälle, Herz-Kreislauferkrankungen oder Selbstmord als Tschernobyl-bedingte Todesursache.
Gesundheitszustand bei der Gesamtbevölkerung
Der Gesundheitszustand der gesamten Bevölkerung in der Ukraine, in Weißrußland und in Rußland verschlechtert sich aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Situation dramatisch, die Lebenserwartung hat in den letzten 10 Jahren um 5 Jahre abgenommen. Bei vielen Krankheiten wie zum Beispiel Erkrankungen des Nervensystems, bösartigen Tumoren, Geburtsfehlern, Zuckerkrankheit und Immunschwäche wird ein Zusammenhang mit dem Tschernobyl-Unfall diskutiert. Für diese Erkrankungen liegt allerdings bisher in der Literatur kein wissenschaftlich abgesicherter Zusammenhang mit direkten Strahlenwirkungen durch den Reaktorunfall vor. Durch die fortdauernde Strahlenexposition bleibt in den höher kontaminierten Gebieten theoretisch ein geringes Zusatzrisiko an Leukämieerkrankungen, anderen Krebserkrankungen und einer möglichen Erhöhung der Rate von Erbschäden. Statistisch wurden solche Erhöhungen jedoch bisher nicht deutlich.
Grund und Boden in Russland erstmals frei handelbar
Neuer Landkodex: Ausländer müssen Investitionsabsicht nachweisen, Agrarflächen bleiben ausgenommen
Von Jens Hartmann
Moskau - Nach mehr als einem Jahr des Tauziehens hat Russlands Präsident eines seiner wichtigsten Reformvorhaben auf den Weg gebracht. Erstmals sind Grund und Boden in Russland frei handelbar.
Putin setzte mit seiner Unterschrift am vergangenen Freitag den so genannten Landkodex in Kraft, der den An- und Verkauf von Land gesetzlich regelt. Binnen zwei Jahren sollen nun noch ein Dutzend Gesetze verabschiedet werden, welche die Basis für das Bodenrecht bilden sollen.
Damit hat sich der Kremlchef in einer heiklen Frage gegen Kommunisten und Nationalisten durchgesetzt. Die Gegner des Projektes befürchten mit dem Handel von Grund und Boden den Ausverkauf von Mutter Russland. Dabei musste Putin ohnehin Kompromisse machen. So wurde das Recht auf Kauf und Verkauf von landwirtschaftlichen Nutzflächen, mithin der Löwenanteil des russischen Bodens, komplett ausgenommen. Zum Verkauf stehen künftig also nur etwa zwei Prozent des Bodens. Dabei handelt es sich um Grundstücke in Städten, Siedlungen und Dörfern sowie um Datschengrundstücke und Flächen, auf denen Industrieunternehmen stehen. Bisher befinden sich etwa 92 Prozent des russischen Grundbesitzes in der Hand des Staates, die verbleibenden 7,6 Prozent sind de facto bereits Privateigentum.
Die Debatte darüber, wem das Land gehören soll, wird in Russland seit Jahrhunderten geführt und wird deshalb gerne als "ewige Frage" bezeichnet, die insbesondere Zar Alexander II. (1818-1881) und später auch Lenin beschäftigte.
Erstmals können nun Ausländer - wenn auch mit Einschränkungen - zum Zuge kommen. Die Bedingung: Auf dem Grundstück muss bereits ein ausländisches Unternehmen stehen, oder es muss die Absicht bestehen, dass der Auslandsinvestor hier etwas bauen möchte. Bislang war für Nicht-Russen nur die so genannte Dauerpacht möglich. Grenzregionen wie der komplette Ferne Osten Russlands oder das Kaliningrader Gebiet im Westen bleiben Auslandsinvestoren weiterhin verschlossen. Hier kann allerdings im Einzelfall der Präsident persönlich per Ukas eine Erlaubnis erteilen.
Die Regierung hofft, nachdem eines der größten Investitionshemmnisse beseitigt ist, mit einem Investitionsboom. "Innerhalb von fünf bis sechs Jahren wird sich der Zustrom von Auslandsinvestitionen von gegenwärtig vier bis fünf Milliarden Dollar auf dreißig Milliarden erhöhen", sagte Finanzminister Alexej Kudrin. Er erwartet, dass die Einschränkungen für Ausländer schon bald gelockert werden können.
Mit dem Landkodex versucht der Kreml eine längst übliche Praxis zu legalisieren und Regionen, die bereits eigene Bodengesetze verabschiedet haben, auf Linie zu bringen. So wurden im Jahr 2000 landesweit eine Million Grundstücksgeschäfte ohne feste Rechtsgrundlage abgeschlossen. So wurden nicht nur Wohnungen gehandelt, sondern auch Datschen auf den landesüblichen 600 Quadratmeter-Grundstücken und mehrere Hektar große Anwesen vor den Toren Moskaus, wo der Quadratmeter die für Russland horrende Summe von 800 DM kostet. Mehr als 43 Millionen Bürger, mithin jeder dritte Russe, sind inzwischen entweder Eigentümer oder Pächter eines Grundstücks. Ihnen soll das Land, das sie schon besitzen, nun rechtmäßig überschrieben werden.
Freilich bietet der gigantische Schwarzmarkt einen hervorragenden Nährboden für Korruption. Experten bezweifeln, dass sich die Beamten durch den neuen Landkodex nun eine ihrer Haupteinnahmequellen nehmen lassen werden. So müssen viele Bürger wohl auch in Zukunft Bestechungsgelder zahlen, um sich den Rechtsweg zum eigenen Grundstück zu bahnen.
http://www.welt.de/daten/2001/10/29/1029wi291955.htx
Die Nutzung der Agrarflächen in Australien:
Über die Hälfte Australiens ist Agrarland, aber nur sieben Prozent des Landes eignen sich für intensive Nutzung. Wie die Karte zeigt, ist die Schaf- und Rindzucht, die auch in relativ dürren Gebieten möglich ist, weit verbreitet.
Der Getreideanbau ist überwiegend auf die feuchten Küstenregionen des Südostens und Südwestens beschränkt. Zuckerrohr und tropische Früchte wachsen im heissen, feuchten Norden. Der Busch, der wie 90% der Landschaftlichen Nutzfläche Australiens im natürlichen Zustand genutzt und extensiv beweidet wird. Australien besitzt etwa 15% des Weltbestandes an Schafen; die Schafwolle bringt fast ein zehntel der Exporterlöse. Agrarland: Nutzfläche Extensiv: gegen aussen gerichtet
Energie
Die Energieversorgung in Australien liegt in der Verantwortlichkeit der australischen Bundesregierung.1998 wurden 89,85% der Gesamtenergiemenge in Wärmekraftwerken erzeugt(hauptsächlich in Kohlenkraftwerken). Ferner verfügt Australien über mehrere Wasserkraftwerke, von denen insbesondere das riesige Snowy-Mountains-Projekt, das überwiegend die Energieversorgung in Canberra, Melbourne und Sydney sicherstellt, und eine Anzahl kleinerer Anlagen in Tasmanien von besonderer Bedeutung sind. Wasserkraftwerke erzeugen etwa 8,35 Prozent der Gesamtenergiemenge. Australien kann den bestehenden Erdölbedarf fast vollständig aus den eigenen Quellen decken, so dass lediglich etwa 4% der Jahresbedarfsmenge importiert werden müssen.
Bevölkerung
Die Zahl der Bevölkerung stieg von 1850 bis 1999 von 1,2 Mio. auf 18 Mio.. 78% dieser Bevölkerung wurde in Australien geboren. 1% davon sind Aborigines. Ohne die Einwanderung wäre allerdings das Wachstum seit 1976 rückläufig. Von den 18 Mio. Einwohner leben rund 13 Mio. in Städten. Ungefähr 65% der Bevölkerung sind auf die acht Grossstädte verteilt, nämlich die sechs Hauptstädte der Einzelstaaten sowie Canberra und Darwin, die grössten Städte der beiden Bundesterritorien.
DÄNEMARK:
Die dänische Landwirtschaft produziert Nahrungsmittel für etwa 15 Mill. Menschen, was dem Dreifachen der Bevölkerungszahl Dänemarks entspricht. Obwohl im Zuge der Industrialisierung und der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung die Landwirtschaft innerhalb der dänischen Gesamtwirtschaft eine zunehmend kleinere Rolle spielt, ist sie durch die Nettodeviseneinnahmen als Arbeitgeber sowie als Lieferant täglicher Nahrungsmittel nach wie vor eine zentrale Wirtschaftsbranche. Da die Landwirtschaft fast zwei Drittel der Gesamtfläche des Landes beansprucht, spielt die Branche auch eine wichtige Rolle als Verwalter von Kultur- und Naturlandschaften.
Agrarflächen
1998 machten die landwirtschaftlichen Nutzungsflächen in Dänemark rund 2,679 Mill. Hektar einschließlich 0,154 Mill. Hektar Brachland bzw. non-food-Anbauflächen gemäß den EU-Brachlegungsverordnungen aus. Topographisch eignet sich die Landschaft gut zur Bewirtschaftung, und der Pflanzenanbau wird durch ein gemeinhin gutes Klima und eine gute Verteilung der Niederschläge begünstigt. Der Anteil bewirtschafteter Flächen erreichte in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit 3,270 Mill. Hektar seinen Höhepunkt. Die Verringerung der Flächen ist insbesondere seit 1960 durch die Aufgabe landwirtschaftlicher Flächen zugunsten von Stadtentwicklung und Erholungszwecken bedingt. Gleichzeitig haben sich in den Betriebsstrukturen große Veränderungen vollzogen.
Betriebsstruktur [nach oben]
Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe lag in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei etwa 200000 mit einer durchschnittlichen Fläche von rund 16 Hektar. Nach 1950 begann sich jedoch schon ein leichter Rückgang zu zeigen. Seit 1960 Verstärkte sich diese Entwicklung, und in den 60er Jahren wurden durchschnittlich 5000 landwirtschaftliche Betriebe pro Jahr aufgegeben. In den 70er Jahren reduzierte sich der Rückgang auf jährlich 2600. Diese zahlenmäßige Entwicklung hielt bis in die 90er Jahre an, als die Zahl der Betriebe 1997 auf rund 60900 mit einer Bewirtschaftungsfläche von durchschnittlich 43,6 Hektar sank. Am stärksten vom Rückgang betroffen waren Vollzeit-Familienbetriebe, eine Entwicklung, die auch für die Zukunft erwartet wird, so daß es um die Jahrtausendwende vermutlich ungefähr 20000 Vollzeitbetriebe mit einer sehr großen Durchschnittsfläche geben wird. Zugleich haben sich in den Betriebsformen Veränderungen vollzogen. Die Landwirte konzentrieren sich in zunehmendem Maß auf nur einen Bewirtschaftungszweig, und die Spezialisierung bei tierischen Produkten hat zu wenigeren, aber dafür größeren Viehbeständen geführt. Im Zeitraum 1973/74-96/97 gab es eine jährliche Produktionssteigerung von 2,3%. Hintergrund für die Änderungen von Betriebsstruktur und -form bildeten die Forderungen nach einer stetig verbesserten Produktivität als Gegengewicht zu fallenden Austauschrelationen im Warenverkehr und zur Rentabilitätsentwicklung.
Beschäftigung [nach oben]
1997 waren in der reinen Landwirtschaft (d.h. die Landwirtschaft ohne die Lebensmittelindustrie), zu der auch Pelztierfarmen und Gärtnereien gehören, 96744 Personen bzw. 4% der gesamten Arbeitskräfte des Landes beschäftigt. In den westlichen Landesteilen kann die Beschäftigungsrate bis zu 7-10% der Arbeitskräfte betragen. Die Hälfte der 12000 Beschäftigten im Gartenbau sind Hilfskräfte, gegenüber nur 18% in der Landwirtschaft, wo es zumeist Familienbetriebe gibt. Weniger als jeder fünfte Betrieb hat eine oder mehrere festangestellte Hilfskräfte. In den landwirtschaftlichen Verarbeitungsbetrieben – molkereiwirtschaftliche Betriebe, Schlachtereien usw. – gab es 1996 55000 Angestellte, d.h. daß 6% aller Arbeitnehmer auf dem Agrarsektor beschäftigt sind. Dazu kommen weitere 72000 in den Bereichen Zulieferung, Transport und andere Dienstleistungen. Damit waren in der Landwirtschaft und den damit verbundenen Betrieben insgesamt 233000 Personen beschäftigt, was gut 9% der Gesamtbeschäftgung in Dänemark entspricht.
In der dänischen Landwirtschaft gehören die meisten Betriebe den Landwirten selbst: 91% der Betriebe sind Einmannbetriebe in persönlichem Besitz, 7% unterstehen verschiedenen Gesellschaftsformen und die übrigen sind im Besitz von Staat, Gemeinden, Stiftungen u.a. Die verpachteten Flächen machten 1997 rund 25% der Agrarnutzflächen aus, hauptsächlich durch die Zupachtung von Boden.
Produktion [nach oben]
Der jährliche Ernteertrag bei pflanzlichen Argrarprodukten schwankt zwischen 160 und 170 Mill. Ertragseinheiten, davon rund 60% Getreideerträge. Mehr als 90% der pflanzlichen Agrarproduktion werden als Tierfutter, hauptsächlich für Schweine und Rindvieh, verwendet.
Die Produktion von Schweinefleisch ist seit Beginn der 80er Jahre um 40% auf etwa 1,64 Mill. Tonnen im Jahr 1997 gestiegen. Die Milchproduktion ist im gleichen Zeitraum um 9% auf 4,6 Mill. Tonnen gesunken, u.a. infolge der Einführung der Milchquoten der EU. Der Bestand an Milchkühen wurde um 33% reduziert, wobei jedoch eine Steigerung der Milchproduktion pro Kuh (bis zu mehr als 7500 Liter Milch pro Jahr) den Rückgang kompensiert hat.
Der Nettowert der dänischen Agrarproduktion auf den Inlands- und Exportmärkten, angegeben als Bruttoinlandsprodukt zu Faktorkosten (BIPF), betrug 1997 67,7 Mrd. Kronen (einschließlich EU-Förderung). Davon entfielen etwa 22 Mrd. auf die Landwirtschaft und rund 40 Mrd. auf Verarbeitung und Veredelung. Insgesamt trug die Landwirtschaft 15% zum gesamten BIPF aller dänischen Betriebe bei. Rund zwei Drittel der Agrarprodukte gehen in den Export, was der Landwirtschaft 1997 einschließlich der EU-Subventionen rund 47 Mrd. Kronen einbrachte. Die Subventionen machten 1997 6,2 Mrd. Kronen oder etwa 11% des Exportwertes aus. Rechnet man eine Reihe industriell verarbeiteter Agrarprodukte wie z.B. Obst- und Gemüsekonserven mit, beläuft sich der Agrarexport auf über 60 Mrd. Kronen bzw. rund 15% der gesamten dänischen Ausfuhr.
Wie viele Menschen erträgt die Natur?
Die Umweltbelastung hängt ab von den Faktoren Bevölkerungsdichte (B), Ressourcenverbrauch pro Kopf (Konsumverhalten K) und Technologie (mehr oder weniger umweltbelastende Technik T):
U = B x K x T
Je nachdem, wie viel wir konsumieren und wie umweltschonend die von uns angewendete Technologie ist, erträgt die Erde mehr oder weniger Menschen.
Nach William Rees und Mathis Wackernagel ("Our Ecological Footprint", 1996) beträgt die Fläche von ökologisch produktivem Land weltweit rund 9 Mrd. ha.
Bei einer Weltbevölkerung von 6 Milliarden würde demnach pro Person 1,5 ha Festland zur Verfügung stehen.
Der Verbrauch ist aber sehr ungleich verteilt.
Der "ökologische Fussabdruck" eines Menschen (dabei wird der Energieverbrauch in die dafür beanspruchte Landfläche umgerechnet) beträgt bei einem durchschnittlichen Lebensstandard wie in Indien 0,4 ha, bei einem europäischen Niveau 3-4 ha, beim USA-Level 5,1 ha.
Rees und Wackernagel weisen darauf hin, dass der heutige weltweite (in Nord und Süd sehr unterschiedliche) Ressourcenverbrauch die langfristige Tragfähigkeit der Erde bereits um 30% übersteigt.
Wenn alle Menschen soviel verbrauchen würden wie die Amerikaner, bräuchte es drei Erdbälle wie den unsrigen, um der Nachfrage nach Ressourcen zu genügen. Wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch bei einem angemessenen Lebensstil etwa 2 - 3 ha benötigt, dann hätten auf der Erde 3 bis maximal 4,5 Mrd. Menschen Platz.
Prof. Arthur A. Westing, Oslo, kam in einer 1990 erschienenen Studie zum Schluss, die Tragfähigkeit der Erde liege eigentlich bei nur 2 Mrd. Menschen. 1994 kam die amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft zum gleichen Ergebnis.
Beide gehen aber von einem Leben in Komfort aus.
In einem Leben ohne Komfort wäre bei 15 Mrd. das Maximum erreicht.
http://www.ciesin.org/datasets/gpw/gppycpd-12in.gif
Verteilung der Bevölkerungsdichte
Der CROP-EXPLORER, als Übersicht über globale Agrar-Produktion:
http://151.121.3.218/rssiws/
Länderprofile von der FAO:
http://www.fao.org/countryprofiles/default.asp
Russland unterstützt private Landwirte
Private Bauern und andere ländliche Unternehmer in Russland sollen ab sofort die gleiche staatliche Unterstützung geniessen wie die gemeinschaftlich geführten Agrarbetriebe.
Das sieht ein jetzt vom Ministerpräsidenten des Landes, Michail Kassjanow, unterzeichneter Regierungsbeschluss vor. Die potenziellen Möglichkeiten dieses Sektors der nationalen Landwirtschaft seien besser zu nutzen und dessen Marktproduktion zu fördern, heisst es im Dokument.
Unter anderem soll durch die Auffüllung eines entsprechenden zentralen Finanzfonds der Ausbau der privatbäuerlichen Genossenschaften gestützt werden, die sich auf dem Gebiet der Verarbeitung und Lagerung sowie des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse engagieren.
Genossenschaften einrichten
Den regionalen Administrationen schlägt die Regierung in Moskau vor, Genossenschaften zur agrochemischen, veterinären und technischen Versorgung privater Agrarproduzenten einzurichten. Auch sollen Informations- und Beratungsdienstleistungen sowie finanzielle Unterstützung für die Bauern bereitgestellt werden.
Weiters ist eine einmalige Beihilfe für aufs Land umsiedelnde Familien, die einen Bauernbetrieb gründen beziehungsweise übernehmen, vorgesehen. Neben den im Zusammenhang mit der Reduzierung der Streitkräfte in die Reserve versetzten Armeeangehörigen sollen den Anspruch darauf auch Übersiedler aus den anderen zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) gehörenden Republiken haben.
Weniger Bauernbetriebe
Zum Anfang 2000 gab es in Russland insgesamt rund 261'000 offiziell eingetragene private Bauernbetriebe, um 13'300 weniger als vor zwei Jahren. Andererseits vergrößerten sich die von ihnen bewirtschafteten Flächen in dieser Zeit um 1.3 Mio. ha beziehungsweise um fast 10% auf insgesamt etwa 14.4 Mio. ha.
Damit entfielen auf jeden Betrieb im Durchschnitt etwa 55 ha gegenüber 48 ha im Jahr 1997.
Der Anteil privater Landwirte an der Bruttoerzeugung von Getreide sowie Sonnenblumen und Zuckerrüben lag im vergangenen Jahr zwischen 5 und 13%, von Fleisch und Milch aber unter 2%. aiz
Zum Vergleich: Die Landwirtschaft in Argentinien (Landesgrösse: 270 Mio. ha.)
ging von ca. 70 Mio. ha in 2001 auf heute 34 Mio. ha. zurück.
Brasilien bewirtschaftet von insgesamt 840 Mio. Hektar aber auch nur etwa 240 Mio. ha. Tendenz aber steigend. Trotzdem - verglichen mit dem riesigen Russland...
Russland: Gesetz zu Privatbesitz von Boden
Der russische Präsident Wladimir Putin hat am 25. Juli ein Gesetz unterzeichnet, das erstmals seit der Oktoberrevolution 1917 den Verkauf von Agrarland an Privatleute erlaubt.
Zuvor hatte die Duma bereits den Gesetzestext gebilligt, der ehemals staatliche Agrarflächen zum Privatbesitz freigibt. Auf Druck der Kommunisten, die das Gesetz ablehnen, dürfen Ausländer keinen Boden erwerben, sondern lediglich bis zu 49 Jahre lang pachten.
Mit dem Gesetz, das als eine der wichtigsten Reformen Putins gilt, will der Kreml die notwendige Modernisierung der Landwirtschaft finanzieren.
Ein Viertel der Gesamtfläche
Von der Neuregelung sind 4,06 Mio. km2 (406 Mio. ha) mögliche landwirtschaftliche Nutzfläche, bzw. 24 % der Gesamtfläche Russlands von 17 Mio. km2 (1.700 Mio. ha)betroffen.
Westliche Investoren halten das neue Gesetz für nicht weitgehend genug. Der Verkauf von Staatsboden an Ausländer der maroden russischen Landwirtschaft könnte neue Impulse geben.
Immer noch ein heikles Thema
Ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Frage des Landeigentums im Jahr 2002 in Russland immer noch ein heikles Thema. Viele Russen vertreten die Auffassung, dass Land nicht als Ware gehandelt werden sollte.
1993 ebnete die russische Verfassung zwar den Weg für den Landverkauf. Die weitere Gesetzgebung wurde jedoch von kommunistischen Abgeordneten blockiert, die bis Dezember 1999 die Mehrheit in der Duma hatten. 2001 trat schliesslich ein Gesetz in Kraft, das Privatbesitz und den Verkauf von Land erlaubt, das nicht landwirtschaftlich genutzt wird. sda
http://www.schweizerbauer.ch/news/aktuell/artikel/10765/artikel.html
DIE NIEDERLANDE
Die Niederlande (540 840 Km²) befinden sich im nordwesteuropäischen Tiefland. Im Norden und Westen grenzen sie an die Nordsee. Ein großer Teil des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Die Polder sind entwässerte, dem Meer genommene Landstücke an der Nordseeküste. Viele Felder sind von Seen, Flüssen und Kanälen durchzogen. Nur die Plateaus im Südosten sind bei Deichbrüchen vor Überschwemmungen geschützt. Der höchste Berg des Landes ist der Vaalserberg in der Provinz Limburg mit einer Höhe von 321 m.
Die Niederlande sind in 12 Provinzen unterteilt.
Eine sehr hohe Bevölkerungsdichte
Die Niederlande haben 16 Millionen Einwohner. Mit einer Bevölkerungsdichte von 452 Einwohnern pro Km² sind die Niederlande der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Europäischen Union und gehören auch weltweit zu den Ländern mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Die niederländische Bevölkerung konzentriert sich zum größten Teil in den Städten der sogenannten Randstad (Ringstadt), die die Ballungsräume von Amsterdam, Den Haag, Rotterdam und Utrecht umfasst.
Die Landessprache ist Niederländisch. Allerdings gibt es in der nordöstlichen Provinz Friesland eine zweite offizielle Sprache, die friesische Sprache.
Eine hochmechanisierte Landwirtschaft
2 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 108 000 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 1,5 % eine Fläche von über 100 ha haben.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 19 ha (EU : 18,5 ha).
28 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die Landwirtschaft produziert 3 % des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 5 % der Erwerbstätigen (210 000 Personen, davon sind 27 % Arbeitnehmer).
42 % des landwirtschaftlichen Gesamtertrages werden im Gartenbau erzielt.
Der Export von Schnittblumen spielt eine große Rolle (16 % der landwirtschaftlichen Produktion).
LUXEMBURG
Im Herzen Europas
Das Großherzogtum Luxemburg ist ein Land ohne Meeresküsten mit einer Fläche von 2 586 Km². Der Ösling im Norden ist ein Plateau der Ardennen mit einer Höhe von 559 m. Das Gutland im Süden hat eine durchschnittliche Höhe von 250 m. Die größten Flüsse sind die Mosel, der Our und die Sûre.
Luxemburg hat 430 000 Einwohner und eine Bevölkerungsdichte von 166 Einwohnern pro Km².
Die Luxemburger sprechen Letzeburgisch, eine Mundart, die 1984 zur offiziellen Sprache wurden. Französisch wird im allgemeinen in Behörden gesprochen und die deutsche Sprache findet vor allem in der geschriebenen Presse Verwendung.
Eine unauffällige Landwirtschaft...
127 000 ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Die Landwirtschaft beschäftigt 2,2 % der Erwerbstätigen (davon 15% Arbeitnehmer).
Es gibt 2 461 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 47 % über 50 ha groß sind (9 % über 100 ha).
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 53 ha (EU : 18,5 ha).
54 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
BELGIEN
Ein dreigeteiltes Land
Das Königreich Belgien hat eine Fläche von 30519 Km². Es liegt an der Nordsee.
Es umfasst drei Regionen :
- Flandern im Nordwesten, wo Niederländisch gesprochen wird.
- Das französischsprachige Wallonien im Südosten.
- Brüssel, die Hauptstadt (und zugleich Region), in der 1 Million Menschen wohnen.
Ein dicht bevölkertes Land
Belgien hat 10,2 Millionen Einwohner. Mit 330 Einwohnern pro Km² zählt Belgien zu den Ländern Europas, die die höchste Bevölkerungsdichte aufweisen. Allerdings bilden die Ardennen, wo es viele Waldgebiete gibt und nur 50 Einwohner pro Km² leben, eine Ausnahme. 57 % der Belgier sprechen Niederländisch, 42 % Französisch und 1 % Deutsch.
Mittelständische Betriebe
1,4 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 67200 landwirtschaftliche Betriebe, wovon nur 2 % eine Fläche von über 100 ha haben.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 21 ha (UE : 18,5 ha).
68 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die belgische Landwirtschaft produziert 1 % des Bruttoinlandsproduktes und beschäftigt 3 % der Erwerbstätigen (79 000 Personen).
DEUTSCHLAND
Deutschland, das früher aus zwei Teilen bestand, ist heute ein gemeinsamer Staat
Seit der Wiedervereinigung im Jahre 1990 erstreckt sich die neue Bundesrepublik Deutschland im Herzen Europas auf einer Fläche von 357 000 Km² .
Die Integration der ehemaligen DDR gestaltet sich teilweise problematisch.
Deutschland besteht heute aus 16 Bundesländern, die eine gewisse Autonomie genießen.
Eine hohe Bevölkerungsdichte
Deutschland hat 83 Millionen Einwohner. Mit 225 Einwohnern pro Km² zählt Deutschland zu den europäischen Ländern mit der höchsten Bevölkerungsdichte.
In der Hauptstadt Berlin leben zur Zeit 3,5 Millionen Menschen.
Mittelständische landwirtschaftliche Betriebe
17,2 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 535 000 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 5 % eine Fläche von über 100 ha haben.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 32 ha (EU : 18,5 ha).
63 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die deutsche Landwirtschaft produziert 1 % des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 3 % der Erwerbstätigen ( das entspricht 657 000 Personen, davon sind 28 % Arbeitnehmer).
GRIECHENLAND
Eine bergige Halbinsel
Die Republik Griechenland ist eine bergige Halbinsel, die von vielen Inseln umgeben ist. Die Gesamtfläche Griechenlands beträgt 131 990 Km².
Am blauen Wasser des Mittelmeers erheben sich zerklüftete Bergspitzen. Der höchste Berg ist der Olymp (2 917 m). Kreta, die größte griechische Insel, hat von Osten nach Westen eine Länge von 266 km. Griechenland hat 10,5 Millionen Einwohner. Die Bevölkerungsdichte beträgt 78 Einwohner pro Km².
Die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle
Die griechische Landwirtschaft produziert 21 % des Bruttoinlandsprodukts. Sie beschäftigt 23 % der Erwerbstätigen (600 000 Personen, davon sind 14 % Arbeitnehmer).
3,5 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt, davon sind 27 % Pachtflächen.
Es gibt 821 000 landwirtschaftliche Betriebe. Davon haben 0,1 % eine Fläche von über 100 ha.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 4,5 ha (EU : 18,5 ha).
SPANIEN
Ein Staat und 17 autonome Regionen
Das Königreich Spanien hat eine Fläche von 504800 Km². Es besteht aus 17 autonomen Regionen. Jede Region hat eine eigene Regierung und teilt sich die offiziellen Verwaltungskompetenzen mit der spanischen Regierung.
Insbesondere im Bereich der Landwirtschaft haben die einzelnen Regionen weitreichende Kompetenzen. Spanien hat 40 Millionen Einwohner. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte beträgt 78 Einwohner pro Km². Viele Spanier ziehen in die Küstengebiete und mit Ausnahme des Großraumes Madrid nimmt die Bevölkerung im Landesinneren immer weiter ab.
In der Hauptstadt Madrid leben fast 5 Millionen Menschen. Auch die Balearen im Mittelmeer und die Kanarischen Inseln gehören zu Spanien. Die offizielle Landessprache ist Kastilianisch.
Jedoch gibt es 3 weitere offizielle Regionalsprachen :
- Katalanisch (in den Regionen Kataloniens, auf den Balearen und in der Region von Valencia)
- Baskisch (im Baskenland)
- Galizisch (in der Region Galicien).
54 % des Landes werden landwirtschaftlich genutzt
25,6 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt (54 % der Gesamtfläche).
Die spanische Landwirtschaft produziert 3 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und beschäftigt 6,4 % der Erwerbstätigen (720 000 Personen, davon sind 38,5 % Arbeitnehmer).
Es gibt 1 210 000 Betriebe, wovon 4 % eine Fläche von über 100 ha haben.
Die durchschnittliche Betriebsgröße beträgt 21 ha (EU : 18,5 ha). Dabei gibt es große Unterschiede :
- Durchschnittsgröße eines Betriebes, der Getreide anbaut : 40 ha
- Durchschnittsgröße eines Betriebes, der Gemüse anbaut : 6 ha
27 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die geradlinigen, extensiven Anbauformen von Oliven, Wein und Schalenfrüchten charakterisieren das Landschaftsbild vieler spanischer Regionen
FRANKREICH
Ein Bindeglied zwischen Nord- und Südeuropa
Die französische Republik grenzt im Norden an den Ärmelkanal, im Süden an das Mittelmeer und im Westen an den Atlantik. Einschließlich der Insel Korsika beträgt die Gesamtfläche 544 000 Km².
Das französische Mutterland besteht aus 22 Regionen und 95 Departements. Frankreich hat vier Übersee- Departements (Französisch-Guayana, Guadeloupe, Martinique und La Réunion).
Jeder siebte Franzose lebt im Großraum Paris
Frankreich hat 59,1 Millionen Einwohner. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte beträgt 108 Einwohner pro Km². Die Hauptstadt Paris hat über 2 Millionen Einwohner. Im Großraum Paris leben 8 Millionen Menschen.
Der grüne Riese der Europäischen Union
Frankreich gilt als das größte Agrarland Westeuropas, dicht gefolgt von Italien, dem größten Weinproduzenten der Welt.
28,35 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 680 000 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 10 % eine Fläche von über 100 ha haben.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 42 ha (EU : 18,5 ha).
Die französische Landwirtschaft produziert 2 % des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 6 % der Erwerbstätigen (960 000 Personen, davon sind 24 % Arbeitnehmer).
66 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
ITALIEN
Eine Halbinsel und zwei große Inseln
Die Republik Italien (301 270 Km²) umfasst eine Halbinsel, die sich von den südlichen Alpen bis hin zum Mittelmeer erstreckt, sowie zahlreiche Inseln. Die zwei größten Inseln sind Sizilien im Südwesten und Sardinien im Westen. Italien besteht aus 20 Regionen.
5 Regionen, nämlich Trient, das Friaul, das Aostatal, Sardinien und Sizilien genießen eine relativ autonome Stellung.
Eine hohe Bevölkerungsdichte
Italien hat fast 58 Millionen Einwohner.
Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte beträgt 189 Einwohner pro Km². In der Hauptstadt Rom leben 2,7 Millionen Menschen.
Viele kleine Bauernhöfe
14,83 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 2 315 000 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 1 % eine Fläche von über 100 ha haben.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 6,5 ha (EU : 18,5 ha).
24 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die italienische Landwirtschaft produziert 3 % des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 9 % der Erwerbstätigen (1 800 000 Personen, davon sind 15 % Arbeitnehmer).
IRLAND
Eine grüne Insel
Irland hat eine Gesamtfläche von 70 284 Km². Rund um ein zentrales Kalkplateau steigen Hügel und Küstengebirge an. Der höchste Berg ist 1 040 m hoch. Der Shannon ist mit 368 km der längste Fluss Irlands. Außerdem gibt es in Irland zahlreiche Seen. Irland ist in die vier Provinzen Ulster, Munster, Leinster und Connaught unterteilt. Jede Provinz besteht aus Grafschaften. Insgesamt gibt es in der Republik Irland 26 Grafschaften. 6 Grafschaften in der Provinz Ulster gehören zu Nordirland (Vereinigtes Königreich).
Ein Auswanderungsland
Irland hat 3,7 Millionen Einwohner. Davon leben ungefähr 1 Million Menschen im Großraum der irischen Hauptstadt Dublin. Die Bevölkerungsdichte beträgt 50,4 Einwohner pro Km². Früher hatte Irland die höchste Emigrationsrate Europas. In vielen Ländern der Erde, insbesondere in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien und in Australien, haben viele Menschen irische Vorfahren.
Nach der irischen Verfassung gilt Irisch als erste Landessprache. Offizielle Dokumente werden in englischer und irischer Sprache verfasst. Dennoch sprechen die meisten Iren im täglichen Leben Englisch.
Die Bedeutung der Landwirtschaft
Die Landwirtschaft spielt in der irischen Wirtschaft eine sehr wichtige Rolle.
Fast 5 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
90 % der Flächen sind Wiesen.
Die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelproduktion machen 10,5 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. 10,5 % der Erwerbstätigen arbeiten in dieser Branche.
Es gibt 143 900 landwirtschaftliche Betriebe.
Die Durchschnittsgröße eines irischen Betriebes beträgt 29 ha (EU : 18,5 ha). 47 % der Betriebe haben unter 20 ha.
Die Rinderzucht und die Milchproduktion stellen 60 % des Gesamtertrages der Landwirtschaft dar.
ÖSTERREICH
Ein bergiges Land
Die Republik Österreich ist ein Bergland in Mitteleuropa. Die Alpen nehmen zwei Drittel der Gesamtfläche des Landes ein. Der höchste Berg Österreichs ist der Großglockner mit einer Höhe von 3 797 m. Die Gesamtfläche des Landes beträgt 83 857 Km².
Österreich besteht aus neun föderativen Bundesländern.
Ein Viertel der österreichischen Bevölkerung lebt in der Hauptstadt
Österreich hat 8,1 Millionen Einwohner. In der Hauptstadt Wien leben 1,7 Millionen Menschen.
40 % landwirtschaftliche Nutzflächen
3,42 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 210 000 Betriebe, wovon 1,5 % über 100 ha groß sind.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 16 ha (EU : 18,5 ha).
21 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die Landwirtschaft erzeugt 2 % des Bruttoinlandsproduktes und beschäftigt 7 % der Erwerbstätigen (180 000 Personen, davon sind 10 % Arbeitnehmer).
PORTUGAL
Mittelmeer und Atlantik
Die Republik Portugal (91 980 Km²) liegt auf der Iberischen Halbinsel und grenzt an den Atlantik.
Zu Portugal gehören zwei Inselgruppen im Atlantik : die Azoren und Madeira. Sie gelten als autonome Regionen.
Ein Auswanderungsland
Portugal hat 10 Millionen Einwohner. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte beträgt 107 Einwohner pro Km², allerdings weisen die Küstengebiete nördlich von Lissabon eine höhere Bevölkerungsdichte auf. Die größten portugiesischen Städte sind Lissabon und Porto. Man geht davon aus, dass 3 Millionen Portugiesen im Ausland leben.
Innerhalb der Europäischen Union zieht es die Portugiesen vor allem nach Frankreich, Deutschland und Luxemburg.
Die Landwirtschaft produziert fast ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts
3,8 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 420 000 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 2 % über 100 ha groß sind.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 9 ha (EU : 18,5 ha).
29 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die Landwirtschaft produziert 17 % des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 17 % der Erwerbstätigen (520 000 Personen, davon sind 18 % Arbeitnehmer).
FINNLAND
Die Republik Finnland (auf finnisch Suomi) befindet sich im nördlichen Teil Europas. Der Westen und Süden des Landes grenzen an das Baltische Meer. Finnland hat eine Fläche von über 338 000 Km². Dort gibt es tausende von Seen, die vor allem im Osten Finnlands sehr groß sind. Nur der Süden des Landes kann landwirtschaftlich genutzt werden.
Ein dünn besiedeltes Land
Finnland hat 5 Millionen Einwohner und eine durchschnittliche Bevölkerungsdichte von 16 Einwohnern pro Km². Ungefähr 60 % der Bevölkerung leben im Umland der Städte. In Helsinki wohnen 500 000 Menschen.
Die Finnen lieben das Landleben und sie haben daher auf dem Lande fast 400 000 Sommerresidenzen. Die kleine Bevölkerungsgruppe der Lappen (Sami) lebt im Norden Finnlands. Die Lappen sprechen eine eigene Sprache und haben in gewissem Maße ihren traditionellen Lebensstil beibehalten. In Finnland gibt es zwei offizielle Landessprachen : 93,4 % der Bevölkerung sprechen Finnisch, 5,9 % Schwedisch.
Die finnische Landwirtschaft
2,2 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 91 400 landwirtschaftliche Betriebe. Davon haben 2 % eine Fläche von über 100 ha.
Die durchschnittliche Betriebsgröße beträgt 24 ha (EU : 18,5 ha).
22 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die Landwirtschaft produziert 6 % des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 9 % der Erwerbstätigen (126 000 Personen, davon sind 6 % Arbeitnehmer).
SCHWEDEN
Das größte skandinavische Land
Schweden bildet das Zentrum Nordeuropas und ist das größte (450 000 Km²) und am dichtesten besiedelte skandinavische Land. 50 % der Gesamtfläche des Landes sind mit Waldgebieten bedeckt, weniger als 10 % werden landwirtschaftlich genutzt. Die relativ flache Landschaft wird durch die fast tausend Seen geprägt. Der höchste Punkt der langen Bergkette Skanderna im Nordwesten des Landes liegt bei 2 123 m.
Eine geringe Bevölkerungsdichte
Schweden hat 9 Millionen Einwohner. 85 % leben im Süden des Landes.
Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte beträgt 21 Einwohner pro Km².
Die Bevölkerungsgruppe der Sami (Lappen) umfasst 15 000 bis 17 000 Personen.
Relativ große Betriebe
3,1 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 89 600 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 8 % über 100 ha groß sind.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 35 ha (EU : 18,5 ha).
48 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die Landwirtschaft produziert 2 % des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 3 % der Erwerbstätigen (82 000 Personen, davon sind 24 % Arbeitnehmer).
UNITED KINGDOM
Eine Inselgruppe im Atlantik, in der Nordsee und im Ärmelkanal
Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland hat eine Fläche von 244 111 Km².
Es umfasst :
- Die Insel Großbritannien , die aus England, Schottland und Wales besteht und mit Abstand die größte der Inseln darstellt.
- Nordirland (Ulster) im Nordosten der irischen Insel.
Eine hohe Bevölkerungsdichte
Das Vereinigte Königreich hat 60 Millionen Einwohner und eine durchschnittliche Bevölkerungsdichte von 239 Einwohnern pro Km².
In der Hauptstadt London leben 7 Millionen Menschen.
Großbetriebe
16,17 Mio. ha werden landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt 233 000 landwirtschaftliche Betriebe, wovon 18 % über 100 ha groß sind.
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 70 ha (EU : 18,5 ha).
35 % der Agrarflächen sind Pachtflächen.
Die Landwirtschaft produziert 2 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und beschäftigt 2 % der Erwerbstätigen (416 000 Personen, davon sind 38 % Arbeitnehmer).
SCHWEIZ
Die Schweiz war einmal Agrarland
Die Bedeutung der Landwirtschaft mit etwa 1,5 Mio. ha für die Volkswirtschaft der Schweiz ist relativ gering; der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt ungefähr 1 %; 5 % der Beschäftigten sind in der Landwirtschaft tätig. Aus ökologischer Sicht spielt die Landwirtschaft eine wesentlich bedeutendere Rolle; nahezu 40 % der Bodennutzung entfällt auf die Landwirtschaft.
Die Schweiz hat wie viele andere OECD Länder die öffentlichen Ausgaben für agro-ökologische Programme in den 90iger Jahren beträchtlich erhöht. Mehr als 30 % der gesamten öffentlichen Agrarforschungsausgaben werden von der Regierung für agro-ökologische Zwecke verwendet.
Die organische Landwirtschaft wird von der Regierung im Rahmen des Schweizerischen agro-ökologischen Programms gefördert. 7 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden organisch bewirtschaftet. Mit diesem Anteil befindet sich die Schweiz im Spitzenfeld der OECD Länder.
Schätzungen Mitte der 90iger Jahre ergaben für die Schweiz, dass ungefähr 40 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Bodenerosion betroffen waren, wobei 30 % der Fläche Erosionsraten von mehr als 6 Tonnen pro Hektar und Jahr aufwiesen. Das verursachte nicht nur einen Produktivitätsverlust in der Landwirtschaft, sondern verschlechterte auch die aquatische Umwelt. Jüngste Verbesserungen beim Bodenschutz und andere Bodenkonservierungspraktiken könnten allerdings zu einer Reduktion der Erosionsprobleme in der Zukunft führen.
Ungefähr 40 % der Nitratverschmutzung und zirka 22 % der Phosphatverschmutzung der Oberflächengewässer in der Schweiz stammen aus der Landwirtschaft. Damit ist die Landwirtschaft die Hauptverschmutzungsquelle für das Wasser, obwohl in einigen anderen europäischen Ländern die Wasserbelastung durch die Landwirtschaft noch höher ist. Die Landwirtschaft ist auch ein Verursacher der Grundwasserverschmutzung durch Pestizideinträge, hauptsächlich durch den Einsatz von Atrazine bei Maisfrüchten.
In Anbetracht der enormen Reduzierung des Stickstoffüberschusses in der Schweiz seit Mitte der 80iger Jahre wird sich das potenzielle Risiko der Wasserverschmutzung durch Nitrate vermutlich verringern (siehe Grafik). Dennoch liegt der durchschnittliche Stickstoffüberschuss in der Schweiz beträchtlich über dem OECD Durchschnitt und dem einiger Nachbarländer wie z.B. Österreich und Frankreich.
Der Pestizideinsatz in der Schweiz hat sich auch signifikant verringert, um 25 % zwischen 1985 und 1997 (siehe Grafik). Die Expansion der organischen Landwirtschaft und die Aufnahme eines integrierten Schädlingsbekämpfungsmanagements erklären zum Teil die Reduktion des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft, doch auch die Verminderung der landwirtschaftlichen Bodennutzung durch Programme zur Aufgabe von Wirtschaftsflächen hat dazu beigetragen.
Von 1990 bis 1997 sanken die von der Landwirtschaft verursachten Bruttotreibhausgasemissionen in der Schweiz um 6 %, während das Emissionsvolumen im OECD Durchschnitt um 1 % anstieg (siehe Grafik). Die Landwirtschaft trägt jedoch nur ungefähr 11 % zu den gesamten Treibhausgasemissionen der Schweiz bei. Die Landwirtschaft spielt eine Rolle als „Senke“ für Treibhausgase und insbesonders in Anbetracht der Veränderungen bei einigen Landmanagement-Praktiken könnte das möglicherweise die Bedeutung der Landwirtschaft als „Treibhausgassenke“ in der Schweiz noch erhöhen.
Da die Landwirtschaft einer der Hauptbodennutzer in der Schweiz ist, hat sie erheblichen Einfluß auf die Biodiversität und die Landschaften. Über 70 % der wildlebenden Spezies (z.B. Säugetiere, Vögel, Schmetterlinge und Pflanzen) nutzen das Agrarland als Lebensraum, wobei der Großteil der Spezies halbnatürliche Lebensräume wie z.B. wenig intensiv genutze Wiesen den intensiv bebauten Flächen wie z.B. Weizen- oder Maisfelder vorzieht. Während sich die landwirtschaftliche Nutzfläche von 1985 bis 1998 nicht verändert hat, erhöhte sich das Ausmaß halbnatürlicher Lebensräume auf dem Agrarland um nahezu 3 %, was durch eine Reduktion bei den bepflanzten Flächen kompensiert wurde. Diese Entwicklung könnte sich möglicherweise günstig für die Flora und Fauna in der Schweiz auswirken, was allerdings vom Management der halbnatürlichen Lebensräume auf dem Agrarland abhängen wird.
Jetzt verlagern sich die Schweizer ja auf Hanfanbau.
Der Anteil der Drogenproduktion (ohne Tabak und Wein) am globalen Ackerbau beträgt übrigens seit Jahren ziemlich konstant zwischen 700.000 und 800.000 ha.
Trotz der amerikanischen DRUG-FORCE.
USA zu Afrikas Hungernden: Friss oder stirb!
Schweres Geschütz gegen Genfood-Gegner: Ablehnung von Genmais ist "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"
BRÜSSEL/BERLIN taz Die USA üben immer massiveren Druck auf die von Hungersnot betroffenen Länder Afrikas aus, genmanipulierte Nahrungsmittelhilfe anzunehmen. Die Weigerung der Regierung Sambias, Genmais zur Versorgung der Hungernden des Landes anzunehmen, sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagte der US-Botschafter bei der zuständigen UN-Unterorganisation FAO, Tony Hall, am Donnerstag in Brüssel nach seiner Rückkehr von einer Reise durch das südliche Afrika. "Führer, die ihrem Volk Nahrung verweigern und sie damit verhungern lassen, sollten vor den höchsten Gerichten der Welt für die schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden", so der US-Demokrat Hall.
Der Diplomat forderte Europa auf, mehr Druck auszuüben. "Wir brauchen Hilfe von unseren Alliierten und Freunden", sagte Hall. "Die EU ist sehr hilfreich gewesen, aber sie muss mehr tun. Sie muss ganz klar sagen, dass Genfood gut und sicher ist."
Nach UN-Angaben sind in ganz Afrika etwa 38 Millionen Menschen akut von Hungersnot bedroht, davon 15 Millionen im südlichen Afrika. Am 16. Dezember will das UN-Welternährungsprogramm WFP weltweit die Hilfskampagne "Africa Hunger Alert" starten, um auf das Ausmaß dieser "beispiellosen" Krise aufmerksam zu machen. Das WFP bekommt nach Halls Angaben zwei Drittel seiner Hilfsgüter von den USA, die auch 50 Prozent der bisherigen Hungerhilfe für das südliche Afrika geliefert haben. Sambias Regierung ist die einzige der Region, die genmanipulierten Mais in jeder Form als Nahrungsmittelhilfe ablehnt. In Sambia gelten 2,9 Millionen der etwa 10 Millionen Einwohner als von Hunger bedroht; am schwersten ist die Krise in Simbabwe, wo knapp die Hälfte der 14 Millionen Einwohner als gefährdet gilt. " F.M., D.J.
http://www.taz.de/pt/2002/12/07/a0011.nf/textdruck
Medikamente in Cornflakes
In den USA wächst der Widerstand gegen Gen-Pflanzen für die Pharmaproduktion
Von Lucian Haas
Ein Silo voller Medikamente?
Es hätte nicht passieren dürfen, doch es ist passiert: Die US-Landwirtschaftsbehörde für Pflanzenhygiene (Aphis) fand jüngst Spuren von gentechnisch verändertem Mais in einem Silo voller Sojakörner. Eigentlich nichts Ungewöhnliches in einem Land, in dem bereits ein Drittel der Maisernte und drei Viertel der Sojaernte von transgenen Pflanzen stammen. Doch der Fall ist skandalös. Der transgene Mais ist ein Produkt der Biotech-Firma Prodigene und bildet in seinen Zellen einen Impfstoff gegen eine Viruskrankheit bei Schweinen. Er sollte darum niemals mit Nahrungsmitteln in Kontakt kommen. Jetzt keimt in den USA der Widerstand gegen die Nutzung von transgenen Nahrungspflanzen zur Pharmaproduktion, das so genannte Molecular Farming.
Auslöser dafür ist die Unachtsamkeit eines Farmers im Bundesstaat Nebraska. 2001 hatte er mit einem Vertrag von Prodigene in der Tasche den Gen-Mais auf einer kleinen Fläche angebaut. In diesem Jahr nun säte er auf dem gleichen Feld Soja. Allerdings sprossen dort auch wieder einige Maiskörner. Der Bauer hätte laut Vorschrift alle Maispflanzen sorgsam ausreißen und entsorgen müssen, doch er schaute offenbar nicht genau genug hin. So gelangten auch Teile des Maises in seine 13 Tonnen Erntegut, die zusammen mit weiteren 13 000 Tonnen Soja in ein großes Silo gefüllt wurden. Dort entdeckten Aphis-Kontrolleure die Kontamination. Auf Anordnung der US-Landwirtschaftsministeriums wurde der gesamte Silo-Inhalt konfisziert.
Für Gentechnik-Kritiker in den USA kommt der Fall zur rechten Zeit. Im Sommer starteten mehrere Umwelt- und Verbraucherverbände eine Kampagne, um auf die Gefahren des Molecular Farming aufmerksam zu machen. Denn wenn transgene Pflanzen, in denen pharmazeutische Wirkstoffe produziert werden, im Freiland wachsen, könnten sie sich in der Umwelt verbreiten und am Ende mitsamt ihrer eingebauten Medizin in die Nahrungsmittelkette gelangen. "Es reicht ein Fehler einer Biotech-Firma, und wir essen die Medikamente anderer Leute mit unseren Cornflakes", sagt Larry Bohlen vom US-Umweltverband Friends of the Earth.
Greenpeace-Aktivisten kletterten auf das Soja-Silo in Nebraska und hängten daran ein großes Banner mit der Aufschrift: "Das ist deine Nahrung auf Drogen. Verhindert gentechnisch veränderte Pharma-Pflanzen." Zusammen mit anderen Verbänden schickte Greenpeace einen Brief an US-Präsident Bush. Darin heißt es, Bush solle Freiland-Versuche mit transgenen Pharma-Pflanzen untersagen und die Produktion von medizinischen Wirkstoffen in Pflanzen, die auch als Nahrungsmittel dienen, grundsätzlich verbieten.
Doch es sind nicht nur die klassischen Gentech-Gegner, die jetzt Front gegen das Molecular Farming machen. Auch die US-Lebensmittelindustrie ist durch den Prodigene-Vorfall geschockt. Bislang zeigte sie sich offen gegenüber der grünen Gentechnik - in der Erwartung, mit Hilfe der Biotechnologie die Nahrungspflanzen so verändern zu können, dass sie besser schmecken, länger halten und keine allergischen Reaktionen bei den Konsumenten hervorrufen. Doch die Vorstellung, dass plötzlich Impfstoffe, Antikörper oder Hormone in ihren Produkten auftauchen könnten, bereitet den Nahrungskonzernen große Sorge. Sie fürchten neue Lebensmittelskandale, die den Fall "Star-Link" weit übertreffen könnten. Im Sommer 2000 war die transgene Maissorte Star-Link, die nur zur Fütterung von Tieren zugelassen war, in Taco-Chips und anderen Produkten entdeckt worden. Die fällige Rückrufaktion kostete die Hersteller mehrere hundert Millionen Dollar.
"Was wird passieren, wenn eines Tages die Pharma-Pflanzen auf zehntausenden Hektar wachsen?" fragt Rhona Applebaum, Vizepräsidentin des US-Verbands der Nahrungsmittelverarbeiter (NFPA), besorgt. Sie fordert: "Es sollten keine Freiland-Tests dieser Art mehr stattfinden, solange es keinen hundertprozentigen Schutz vor der Verbreitung solcher Pflanzen und ihrer Gene gibt."
Auch die weltweit größte Nahrungsmittelhersteller-Vereinigung Grocery Manufacturers of America (GMA) bringt sich gegen das Molecular Farming in Stellung. "Wir bitten die Biotech-Industrie eindringlich, ihre Forschungskapazitäten für die Nutzung von Pflanzen zur Pharma-Produktion allein auf Pflanzen zu konzentrieren, die nicht der Ernährung dienen", sagt Karil Kochenderfer, umweltpolitischer Sprecher der GMA.
Bislang ist allerdings keines der betroffenen Unternehmen bereit, auf diesen Wunsch einzugehen. Denn die landwirtschaftlichen Nutzpflanzen sind auch für die pharmazeutische Wirkstoffproduktion ideal, weil sie hohe Erträge liefern. Zudem haben die Firmen bereits viel Zeit und Geld in die aufwendige Züchtungsarbeit investiert. "Wir haben uns sehr viele verschiedene Alternativen angeschaut, und das beste derzeit verfügbare Produktionssystem für diese Technologie ist der Mais", sagt Anthony Laos, der Chef von Prodigene. "Es hat fast 20 Jahre gedauert, bis wir mit dem Mais so weit waren, wie wir jetzt sind." Darum will Prodigene, das unter anderem an der pflanzlichen Produktion von Impfstoffen gegen Hepatitis B und Durchfall forscht, auf die Möglichkeit, Mais als Basis für das Molecular Farming zu nutzen, nicht verzichten. Laos erklärte sich nur bereit, im kommenden Jahr keine Versuchsfelder mehr in den klassischen Mais-Anbaugebieten, dem "Corn-Belt", dem Mais-Gürtel im mittleren Westen der USA, anzulegen.
Damit bekräftigt Prodigene eine Selbstverpflichtungserklärung der amerikanischen Biotech-Industrievereinigung "BIO". Deren Mitgliedsunternehmen hatten bereits Mitte Oktober ein Moratorium unterzeichnet. Darin versprechen sie, von 2003 an transgene Pharma-Pflanzen aus den landwirtschaftlichen Hauptanbaugebieten in den USA und Kanada fern zu halten. Die Versuchsfelder sollen stattdessen in entlegene Regionen auf Hawaii oder in den Wüstenstaat Arizona verlegt werden.
Dass die Biotech-Unternehmen ihre Anbaumöglichkeiten selbst beschränken, zeigt, wie groß sie das eigene Sicherheitsrisiko einschätzen. Denn sie gehen damit weit über die offiziellen Regelungen für das Molecular Farming hinaus. Bislang hat das US-Landwirtschaftsministerium nichts dagegen, wenn gentechnisch veränderte Pharma-Pflanzen in den "Kornkammern" des Landes wachsen. Es gibt nur Vorschriften bezüglich regelmäßiger Kontrollen, Sicherheitsabständen zu anderen Feldern und speziellen Saatzeiten. Testfelder mit transgenem Pharma-Mais müssen beispielsweise 21 Tage vor oder nach dem Anbaubeginn aller Maisfelder in der Nachbarschaft angelegt werden, um Überschneidungen in der Blütezeit und somit das Auskreuzen der Pflanzen zu minimieren. Es gilt als sicher, dass die US-Regierung diese Regeln in Zukunft weiter verschärfen wird. Ob sie dabei so weit geht, die Pharmaproduktion in Nahrungspflanzen grundsätzlich zu verbieten, wird vermutlich auch davon abhängen, ob noch größere Kontaminationsskandale bekannt werden. Den Fall des verunreinigten Soja von Nebraska versuchen die Behörden zumindest noch herunterzuspielen und verweisen auf den Erfolg der Kontrollen. Denn von dem Skandal hat erst einmal nur die Firma Prodigene einen Schaden. Sie erklärte sich bereit, den gesamten Silo-Inhalt aufzukaufen und zu vernichten, was sie mehr als zwei Millionen Dollar kosten wird. Zudem muss sie eine gesetzliche Strafe von 250 000 Dollar zahlen.
"Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Pharma-Proteine aus der Lebensmittelkette fern halten können", sagt Cindy Smith vom US-Landwirtschaftsministerium. "Die Botschaft sollte sein, dass das System funktioniert."
Frankfurter Rundschau
http://213.187.75.204/_inc/_locals/print.php?cnt=66472
In Simbabwe wird die Hungersnot Realität
Die Landwirtschaft ist zusammengebrochen - jetzt werden Hungertote gemeldet. Regierung gibt sich hilflos
HARARE taz Als vor kurzem in Simbabwes Hauptstadt Harare eine Durchfallepidemie umging, wusste die Regierung von Präsident Robert Mugabe sofort, wer schuld ist: die Opposition. Der von der oppositionellen MDC (Bewegung für Demokratischen Wandel) geführte Stadtrat Harares lasse die Kanalisation verkommen und fördere damit die Verbreitung von Krankheiten. Aber Ärzte, die die Kranken behandelten, widersprachen: Die Durchfallsymptome deuteten auf Mangelernährung hin.
Ganz allmählich wird in Simbabwe die Hungersnot Realität, vor der Hilfswerke seit Monaten warnen. Es gibt bereits Hungertote in einigen ländlichen Gebieten, wo das Grundnahrungsmittel Mais knapp und teuer geworden ist und die Menschen stattdessen von Beeren, Wurzeln und Baumrinde leben.
34 Monate ist es her, dass Ökonomen und Agronomen zuerst warnten, dass Simbabwe in die Lebensmittelkrise steurere, wenn die angekündigte Politik der Beschlagnahmung weißen Farmlandes umgesetzt würde. Die Politik wurde umgesetzt - der Hunger ist da. Über 7 Millionen der 14 Millionen Menschen in Simbabwe werden in den nächsten Monaten auf ausländische Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein, warnen Hilfswerke.
Ende November gab Landwirtschaftsminister Joseph Made erstmals zu, dass die Regierung gescheitert sei im Bemühen, Ernährungssicherheit für Simbabwe herzustellen. "Wir wissen nicht, was in dieser Saison angepflanzt worden ist, und das ist für die Regierung ein großes Problem", sagte er der Sonntagszeitung Standard. "Wir können nur hoffen, dass die neuen Farmer genug Getreide produzieren, um das Land zu ernähren."
"Made war wohl der Einzige, der nicht wusste, was hier los ist", kommentierte der Standard diese Bemerkungen. "Die meisten Simbabwer wissen Bescheid, weil sie mit dem Mangel leben." Das beste Agrarland Simbabwes liegt brach, weil auf die Vertreibung der kommerziellen Farmer nichts gefolgt ist. Über 3.000 weiße Farmer sind enteignet worden; über 300.000 schwarze Familien erhielten Grundstücke von je 10 bis 20 Hektar und weitere 50.000 Familien von 40 bis zu 400 Hektar. Aber weniger als die Hälfte der Begünstigten haben ihr neues Land in Besitz genommen. Und auch die können sich angesichts von Hyperinflation und Wechselkursverfall kein Saatgut oder Düngemittel leisten.
Die Ernte von kommerziellen Agrarprodukten wie Tabak, Baumwolle, Soja und Weizen war dieses Jahr nur noch halb so hoch wie 1999/2000. Das trifft die gesamte Wirtschaft. Zahlreiche Firmen haben dichtgemacht. Die Arbeitslosenquote liegt bei 70 Prozent und steigt.
"Unsere Jobs sind bedroht", sagt ein Angestellter einer Vermarktungsfirma für Agrarprodukte. "Die neuen Farmer wissen nicht, wie man eine hohe Ernte einholt. Sie denken, es reicht, Mais zu pflanzen und dann zu warten. Es wird fünf bis zehn Jahre dauern, bis wir auch nur wieder da angelangt sind, wo wir vor fünf Jahren waren."
http://www.taz.de/pt/2002/12/07/a0060.nf/textdruck
WTO -- World Trade Organisation
Einführung
Die zunehmende Liberalisierung des Welthandels ist eine der treibenden Kräfte für das Wachstum der Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten gewesen. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden in immer neuen Runden internationale Verhandlungen geführt, um das Welthandelssystem weiterzuentwickeln. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten diese Bemühungen mit dem Abschluss der so genannten Uruguay-Runde durch die Unterzeichnung der Schlussakte von Marrakesch (Marokko) am 15. April 1994. Damit konnte zum 1. Januar 1995 das Übereinkommen zur Errichtung einer Welthandelsorganisation (WTO – „World Trade Organisation”) in Kraft treten, welches einen Ordnungsrahmen für ein weltweites Handelssystem darstellt.
Damals wurde die Landwirtschaft erstmals umfassend in das multilaterale Handelssystem einbezogen. Damit wurde ein grundlegender Reformprozess eingeleitet, der nach Artikel 20 des WTO-Agrarübereinkommens ab Ende 1999 durch die Aufnahme weiterer Verhandlungen in der WTO fortgesetzt werden soll.
Mit der 3. WTO-Ministerkonferenz in Seattle (USA) im November/Dezember 1999 sollte der Startschuss fallen für eine neue umfassende multilaterale Runde von Verhandlungen über weitere Handelsliberalisierungen. Dies ist nicht gelungen; die Konferenz wurde ergebnislos unterbrochen. Gleichwohl wurden auf Grund der abkommensinternen Regelungen im Jahr 2000 in verschiedenen Bereichen wie Dienstleistungen und Landwirtschaft die Verhandlungen sektoral aufgenommen. Zwar ist zu erwarten, dass es einen neuen Anlauf zu einer umfassenden Runde geben wird, ein Zeitpunkt dafür ist jedoch noch nicht absehbar.
Im Folgenden wird zunächst ein allgemeiner Überblick über Grundsätze, Entwicklungen, Aufgaben, Organe und in diesem Zusammenhang relevante Übereinkommen der bestehenden Welthandelsorganisation gegeben. Ausführlicher dargestellt werden das WTO-Agrarübereinkommen der Uruguay-Runde und die bisher damit gemachten Erfahrungen. Danach wird die Ausgangssituation für die WTO-Folgeverhandlungen untersucht. Dabei werden die Grundlinien der Positionen der WTO-Mitglieder, insbesondere aber die Erwartungen und Ziele der Europäischen Gemeinschaft näher erläutert. Schließlich werden andere in diesem Zusammenhang relevante internationale Entwicklungen wie die Erweiterung der Europäischen Union (EU) und multilaterale Abkommen der EU mit Entwicklungsländern sowie Freihandelsabkommen in ihrem Bezug zu den WTO-Folgeverhandlungen dargestellt.
Vom Gatt zur WTO
Freier Handel führt regelmäßig für alle Beteiligten zu einem Wohlstandsgewinn. Diese Erkenntnis liegt den Bemühungen zu Grunde, ein freies multilaterales Welthandelssystem zu schaffen. Begründet wird diese Erkenntnis durch die Theorie der komparativen Vorteile. Nach dieser Theorie können alle Staaten ein Höchstmaß an Nutzen dadurch erzielen, dass sich die einzelnen Staaten auf die Produktion der Güter spezialisieren, die sie am besten, d. h. am kostengünstigsten herstellen können, und diese Produkte dann untereinander frei handeln (optimale Ressourcennutzung durch internationale Arbeitsteilung).
Anteil am Weltagrarhandel 1998
(ohne Intra-EU-Handel)
Einfuhr ..............................................................Ausfuhr
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Quelle: WTO
Dementsprechend liegt die wichtigste Aufgabe der internationalen Handelspolitik darin, die Rahmenbedingungen für einen freien Welthandel zu schaffen. Welche Bedeutung der Welthandel auch für die EU im Agrarbereich hat, lässt sich daran erkennen, dass sie wertmäßig 1998 der bedeutendste Importeur war. Bei den Exporten belegte sie hinter den Vereinigten Staaten den zweiten Platz.
Bis zur Gründung der WTO wurden die multilateralen Rahmenbedingungen für den Welthandel in erster Linie im Rahmen des 1948 ins Leben gerufenen Allgemeinen Zoll und Handelsabkommen GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) verhandelt. In insgesamt acht GATT-Verhandlungsrunden, die sich inhaltlich in drei Phasen gliedern lassen, wurden schrittweise die Rahmenbedingungen für den Welthandel festgelegt.
1. Phase Gründung des GATT einschließlich der Zollsenkungsrunden bis zur so genannten "Dillon-Runde" 5 Verhandlungsrunden
von 1947 bis 1962
2. Phase Einbeziehung der nichttarifären Handelshemmnisse im Rahmen der so genannten "Kennedy"- und "Tokyo-Runde" 2 Verhandlungsrunden
bis 1977
3. Phase Konstituierung einer Welthandelsrunde in der "Uruguay"-Runde 1 Verhandlungsrunde
von 1986 bis 1994
In der Uruguay-Runde wurde ein sehr umfassendes Verhandlungspaket verabschiedet. Zu den wesentlichen Ergebnissen der Uruguay-Runde zählt die Gründung der WTO, die Ausweitung des multilateralen Handelssystems auf die Bereiche Dienstleistungen und den Schutz geistigen Eigentums, die Verabschiedung verbindlicher Regelungen hinsichtlich nichttarifärer Handelshemmnisse sowie die Einrichtung eines effektiven Streitschlichtungsverfahrens. Schließlich wurde die Landwirtschaft durch das WTO-Agrarübereinkommen erstmals umfassend in das multilaterale Handelssystem integriert.
Durch alle multilateralen Handelsübereinkommen ziehen sich – gleich einem roten Faden – folgende Grundsätze:
Meistbegünstigung
Nach diesem Grundsatz ist ein Staat verpflichtet, alle handelspolitischen Vorteile insbesondere Zollermäßigungen, die er einem bestimmten Staat gewährt, auch allen anderen Staaten einzuräumen. Der Meistbegünstigungsgrundsatz ist eine Form des Diskriminierungsverbots.
Inländerbehandlung
Nach diesem Grundsatz müssen importierte und heimische Waren (z. B. mit Blick auf die steuerliche Behandlung oder bestimmte Standards) gleich behandelt werden. Auch dieser Grundsatz ist Ausdruck des Diskriminierungsverbots.
Voraussehbarkeit und Transparenz
Grundsätzlich sind alle Einfuhrbeschränkungen, die nicht Zölle sind, verboten. Die bei der Einfuhr erhobenen Zölle sind zu konsolidieren, d. h. jedes WTO-Mitglied muss die maximale Einfuhrbelastung für jedes Produkt im voraus verbindlich festlegen und darf diese Höchstgrenze nicht einseitig anheben.
Von diesen Grundsätzen gibt es zahlreiche Ausnahmen; dies gilt insbesondere für den Bereich der Landwirtschaft.
Die Welthandelsorganisation
Die WTO wurde im Jahre 1995 als multilaterale Handelsorganisation gegründet. Sie trat an die Stelle des GATT aus dem Jahr 1948. Im Gegensatz zum GATT ist die WTO eine eigenständige internationale Organisation.
Die WTO hat folgende Hauptaufgaben:
Erleichterung
der Durch-
führung,
Verwaltung
und Wirkungs-
weise multi-
und plurilate-
raler Handels-
überein-
kommen
Forum für
Verhandlungen
zwischen ihren
Mitgliedern
über deren
multilaterale
Handels-
beziehungen
Regelung von
Handelskonflikten
zwischen den
Mitgliedern
in einem
besonderen
Streit-
schlichtungs-
verfahren
Der Sitz der WTO ist in Genf (Schweiz). Gegenwärtig zählt die WTO 137 Mitglieder. Zahlreiche weitere Staaten haben den Wunsch geäußert, der WTO beizutreten. Mehr als zwei Drittel der WTO-Mitglieder sind Entwicklungsländer. In den Organen der WTO sind jeweils alle Mitglieder vertreten.
Höchstes Organ ist die Ministerkonferenz, die mindestens einmal alle zwei Jahre zusammentritt. Die Ministerkonferenz ist für alle Aufgaben der WTO zuständig.
Zwischen den Ministerkonferenzen wird das Tagesgeschäft vom Allgemeinen Rat der WTO wahrgenommen. Der Allgemeine Rat tritt zudem als Organ zur Überprüfung der Handelspolitiken der Mitgliedstaaten und als Streitschlichtungsorgan zusammen.
Dem Allgemeinen Rat sind der Rat für den Handel mit Waren, der Rat für den Handel mit Dienstleistungen und der Rat für handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums sowie mehrere Ausschüsse und Arbeitsgruppen nachgeordnet. Dem Rat für Handel mit Waren arbeiten seinerseits zahlreiche Ausschüsse zu, welche die einzelnen multilateralen Handelsübereinkommen betreuen.
Die vorgenannten Organe der WTO werden von einem Sekretariat unterstützt. Die Leitung des Sekretariats obliegt einem Generaldirektor, der von der Ministerkonferenz ernannt wird.
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Für die Entscheidungen der WTO gilt grundsätzlich das Einstimmigkeitsprinzip. Kann eine einstimmige Entscheidung nicht getroffen werden, wird über die strittige Angelegenheit durch Abstimmung beschlossen, wobei grundsätzlich die Mehrheit der abgegebenen Stimmen entscheidet. Jeder Mitgliedstaat hat eine Stimme; die Europäische Union hat 15 Stimmen. Das WTO-Übereinkommen sieht vier Sonderfälle für Abstimmungen vor:
Über die verbindliche Auslegung der multilateralen Handelsübereinkommen wird mit Drei-Viertel-Mehrheit beschlossen.
Die Ministerkonferenz kann mit Drei-Viertel-Mehrheit ein Mitglied von einer Verpflichtung aus den multilateralen Handelsübereinkünften entbinden („waiver”).
Für eine Änderung der multilateralen Abkommen ist grundsätzlich eine Drei-Viertel-Mehrheit erforderlich.
Über den Beitritt neuer Mitglieder entscheidet die Ministerkonferenz mit Zwei-Drittel-Mehrheit der WTO-Mitglieder
Die 137 WTO-Mitglieder :
(Stand Juni 2000)
Ägypten
Angola
Antigua und Barbedos
Argentinien
Australien
Bahrain
Bangladesch
Barbados
Belgien
Belize
Benin
Bolivien
Botsuana
Brasilien
Brunei
Darussalam
Bulgarien
BurkinaFaso
Burundi
Chile
Costa Rica
Côte d'Ivoire
Dänemark
Demokratische Republik
Kongo
Deutschland
Dominica
Dominikanische Republik
Dschibuti
Ecuador
El Salvador
Estland
Europäische Gemeinschaften
Fidschi
Finnland
Frankreich
Gabun
Gambia
Georgien
Ghana
Grenada
Griechenland
Guatemala
Guinea
Guinea-Bissau
Guyana
Haiti Honduras
Hongkong, China
Indien
Indonesien
Irland
Island
Israel
Italien
Jamaika
Japan
Jordanien
Kamerun
Kanada
Katar
Kenia
Kirgisistan
Kolumbien
Kongo
Korea
Kuba
Kuwait
Lesotho
Lettland
Liechtenstein
Luxemburg
Macau, China
Madagaskar
Malawi
Malaysia
Malediven
Mali
Malta
Marokko
Mauretanien
Mauritius
Mexiko
Mongolei
Mosambik
Myanmar
Namibia
Neuseeland
Nicaragua
Niederlande
Niederländische Antillen
Niger
Nigeria Norwegen
Österreich
Pakistan
Panama
Papua-Neuguinea
Paraguay
Peru
Philippinen
Polen
Portuga
Ruanda
Rumänien
Salomonen
Sambia
Schweden
Schweiz
Senegal
Sierra Leone
Simbabwe
Singapur
Slowakische Republik
Slowenien
Spanien
Sri Lanka
St. Kitts und Nevis
St. Lucia
St.Vincent und die Grenadinen
Südafrika
Suriname
Swasiland
Tansania
Thailand
Togo
Trinidad und Tobago
Tschad
Tschechische Republik
Tunesien Turkei
Uganda
Ungarn
Uruguay
Venezuela
Vereinigte Arabische Emirate
Vereinigte Staaten von Amerika
Vereinigtes Königreich
Zentralafrika
Zypern
germanasti
01.05.2003, 09:37
:ek
AFRIKA
Naturraum, Klima und natürliche Ressourcen
Konrad Schliephake
Landwirtschaft
Die auf den ersten Blick für die agrarische Produktion günstig erscheinenden Savannengebiete sollten während der Kolonialzeit Europa mit „tropischen Produkten“ versorgen. Soweit ist es bis heute im Rahmen der weltweiten Arbeitsteilung nur teilweise gekommen. Bei Kaffee, der aus seiner Heimat Äthiopien im 17. Jahrhundert nach Südamerika und Südasien gebracht wurde, erzeugen das Heimatland und Länder wie Uganda, Elfenbeinküste und Kenia heute noch circa 16 Prozent der Weltproduktion. In der Gegenrichtung brachten Pflanzer den Kakaobaum aus dem mittleren Südamerika nach Afrika, von wo heute vor allem aus Elfenbeinküste, Ghana und Nigeria 60 Prozent der Welterzeugung (1976: 70 Prozent) stammen. Die Erdnuß- (22 Prozent der Weltproduktion aus Afrika, unter anderem Senegal) und Ölpalmenpflanzungen (29 Prozent, Nigeria) haben ihre Bedeutung gegenüber Sojaölen und Pflanzungen in Südasien und Südamerika verloren.
Die afrikanischen baumwollproduzierenden Länder wie Ägypten (315000 Tonnen pro Jahr) und Sudan (63000 Tonnen), deren Außenhandel zum Teil sogar von der Baumwolle bestimmt wird (Tschad, Mali, Benin, Burkina Faso), leiden unter schwacher Nachfrage, weiten Wegen zum Verbraucher und Qualitätsschwankungen. Für einzelne Länder interessante agrarische Exportprodukte sind daneben Ananas (20 Prozent der Weltexporte; Elfenbeinküste), Zitrusfrüchte (elf Prozent; Marokko, Ägypten), Tee (21 Prozent; Kenia), Tabak (15 Prozent; Malawi, Simbabwe), Zucker (neun Prozent; Mauritius, Réunion) und Vanille (56 Prozent; Mauritius, Komoren).
Der kolonialzeitliche Aufbau von agro-industriellen Monokulturen, Mißwirtschaft und eine „galoppierende Demographie“ sind einige der Ursachen dafür, daß sich die Mehrzahl der afrikanischen Länder heute nicht mehr selbst ernähren kann. Vom Grundnahrungsmittel Getreide (alle Sorten) mußte 20 Prozent des Verbrauches Mitte der neunziger Jahre importiert werden. 54 Prozent der Länder führen heute mehr landwirtschaftliche Produkte (einschließlich Holz und Fischerei) ein, als sie ausführen. Trotzdem bleibt Afrika ein vom primären Sektor geprägter Kontinent. 57 Prozent der circa 800 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner (Schätzung, 1999) leben ebenso wie die Asiaten von der Landwirtschaft (Weltdurchschnitt: 45 Prozent).
Landwirtschaftliche Nutzflächen und Bevölkerung sind äußerst ungleichmäßig verteilt. Die detaillierte Analyse räumt mit der Vorstellung auf, daß das mittlere Afrika überwiegend bewaldet sei. Lediglich in Zentralafrika, das heißt im wesentlichen im Kongobecken, bedeckt der Wald mehr als 50 Prozent der Landfläche. Im Maghreb, den Nilländern und dem Norden der westafrikanischen Staaten (insbesondere Mauretanien, Mali, Niger) herrschen Wüste und Wüstensteppe, auch die ausgewiesenen „Dauerweiden“ sind eher kümmerliche Steppen, die in der Regel wegen geringer Niederschlagsmengen oder aus morphologischen Gründen nicht zum Ackerland taugen.
Die Formen der landwirtschaftlichen Produktion sind ebenso vielfältig wie der Kontinent. Im mittelmeerischen Raum bestimmen marktorientierte Familien-, teilweise auch ehemalige Kolonial- und heutige Staatsbetriebe (Algerien, Libyen) mit Getreideproduktion und Baumkulturen (Oliven, Zitrus) das Bild. Für die Sahara und ihre Randgebiete (einschließlich ägyptisches Niltal) sind die Oasen mit gartenbauartigen Kulturen charakteristisch, deren Bewässerung (Brunnen, Kanäle, Leitungssysteme zum Beispiel des Großen Künstlichen Flusses in Libyen) zunehmend von Menschen- und Tierkraft auf Motorpumpen umgestellt wird. Während traditionelle Oasen verfallen, produzieren Großbetriebe mit Beregnungsanlagen Weizen, Viehfutter, Baumwolle (Ägypten, Sudan) und Gemüse.
Die Savannen des Sahelraumes prägen Hirse-, Erdnuß- (Senegal) und Baumwollanbau kleinbäuerlicher, zum Teil genossenschaftlich organisierter Betriebe. Die intensive Weidetierhaltung (Ziegen, Rinder), insbesondere zur Fleischversorgung in den Feuchtsavannen und Regenwaldregionen (dort ist wegen der Tiere befallenden Form der Schlafkrankheit keine Großviehhaltung möglich), bringt zwar wichtige Exporterträge (Burkina Faso, Niger), zerstört jedoch die natürliche Vegetation nachhaltig. In den Feuchtsavannen und tropischen Regenwäldern gab es traditionell Brandrodungsanbau von Knollenfrüchten (Yams, Maniok) sowie Sammelwirtschaft. Das Potential nutzen heute inselartig Plantagen, die insbesondere Palmöl (Nigeria), Kakao (Elfenbeinküste), Bananen und Kautschuk, daneben in höheren Lagen durch kleinbäuerliche Betriebe Kaffee erzeugen (Ruanda, Burundi, Uganda). So leben in Zentral- und Ostafrika noch 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft, die überwiegend mit nur geringem Marktanschluß dem eigenen Lebensunterhalt dient.
Die für das südliche und östliche Afrika früher charakteristischen europäischen Großfarmen sind in Kenia und Tansania (Kaffee, Sisal) sowie den ehemaligen portugiesischen Gebieten weitgehend auf einheimische, oft genossenschaftliche Betriebe aufgeteilt worden. In Simbabwe (Mais), Malawi (Tabak) und der Republik Südafrika (Mais, Zucker, Tabak, Obst, Wein) funktionieren sie bis heute als agro-industrielle Großbetriebe und erzeugen große Teile des landwirtschaftlichen Exportes. Eine Sonderstellung nehmen das Hochland von Äthiopien mit seiner altansässigen seßhaften bäuerlichen Kultur (Getreide, Kaffee) und Madagaskar mit Reiskulturen sowie traditioneller Großviehhaltung ein.
Afrikas Landwirten mangelt es nicht an Fläche: Pro Einwohner gibt es heute 0,25 Hektar Nutzfläche. Dies entspricht dem Weltdurchschnitt, und die Möglichkeiten zum landwirtschaftlichen Ausbau sind gegeben, wenn Organisation, Vermarktung und politische Stabilität erreicht werden.
Ernährung
Berechnungen zum Kalorienwert der Ernährung ließen in den achtziger Jahren den Begriff vom „Hungerkontinent“ auftauchen, Bildreportagen und Spendenaktionen taten ein Übriges dazu. Es gab und gibt Hungerkatastrophen in Regionen, wo der Nutzungsdruck einer schnell wachsenden, weiterhin überwiegend für den Eigenbedarf wirtschaftenden Bevölkerung die natürlichen Ressourcen (Bodensubstrat, Grundwasser, natürliche Vegetation) zerstört hat.
Dies geschah im Sahel (Trockensavanne im Übergang zur Sahara) in den siebziger und achtziger Jahren und geschieht heute dort, wo Konflikte – oft um die Teilhabe an eben jenen Ressourcen – Bevölkerungsgruppen entwurzeln und vertreiben.
Afrikas Nahrungsmittelproduktion insgesamt lag Anfang der neunziger Jahre mit durchschnittlich 2382 verfügbaren Kalorien pro Einwohner und Tag tatsächlich unter dem Weltdurchschnitt von 2711 Kalorien. Doch Nordafrika, die Nilländer und der Süden zeigten mit 2900 bis 3000 Kalorien einen deutlich höheren Wert, dagegen Zentral- und Ostafrika mit 1970 beziehungsweise 1975 Kalorien einen sehr viel geringeren.
Besorgniserregend ist eher, daß der Ausbau der Nahrungsmittelproduktion nicht mit dem Bevölkerungswachstum des Kontinents von derzeit 2,85 Prozent pro Jahr (West- und Ostafrika: 3,4 Prozent bzw. 3,1 Prozent) Schritt hält. Die Pro-Kopf-Lebensmittelproduktion sank von 1989/91 (100 Indexpunkte) bis 1995 auf 95 Punkte. Die afrikanische Entwicklung verläuft regional ganz verschieden. Staaten, die jahrelang ihre Landwirtschaft vernachlässigten, wie Algerien und Nigeria, zeigen ebenso wie einige in den letzten Dekaden als „fast hoffnungslos“ eingestufte Fälle (Tschad, Burkina Faso, Guinea, Sudan) absolutes und relatives Wachstum, in anderen öffnet sich die Schere zwischen Bevölkerungswachstum und Lebensmittelproduktion weiter.
Alle makroökonomischen Daten enthalten regionale Informationen, die wesentlich vielschichtiger sind. Sicherlich gibt es Armutsgegenden, wo meist durch äußere Einflüsse lokale Produktion und Warenaustausch zusammengebrochen sind. In einigen Gebieten zerstören Bevölkerungsdruck, mangelnde Alternativen und vielleicht Unwissenheit von neu zugewanderten Gruppen schonungslos die natürlichen Ressourcen. Doch wer einen Bauern oder eine Bäuerin in Afrika im liebevollen Umgang mit Boden und Pflanzen, in intimer Kenntnis von Klima und Wasser, in findiger Anwendung traditionellen Wissens und moderner Innovationen wirtschaften sieht, wer die afrikanischen Märkte mit ihrer Vielfalt kennt, wer die Lebensfreude und Bildungswilligkeit der Menschen in allen Regionen Afrikas sieht, dem kann nicht bange werden: Afrika ist anders, und es ist vielfältig.
AFRIKA
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Jeder der 55 Staaten auf 30 Millionen Quadratkilometern (3 Mrd. ha) ist durchschnittlich 545000 Quadratkilometer oder 1,5mal so groß wie Deutschland.
Durchschnittlich werden aber nur 5% oder insgesamt etwa 150 Mio. ha landwirtschaftlich genutzt.
Inselkleinstaaten von wenigen Quadratkilometern stehen Riesen wie der Sudan mit 2,5 Millionen Quadratkilometern gegenüber, der von der Vollwüste bis zum tropischen Regenwald, von der Korallenküste bis zum Hochgebirge, von Reichtum bis zu bitterer Armut reicht.
Afrika ist daher nicht mit Schlagworten zu beschreiben und nicht mit Patentrezepten zu entwickeln. Eine kleinräumliche Betrachtung in der Verknüpfung zwischen naturräumlicher Ausstattung, der Inwertsetzung durch die verschiedenen Völkergruppen und dem wirtschaftlichen Entwicklungspotential ist zum Verständnis notwendig.
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http://www.bpb.de/publikationen/02082942904527057031776677531179,6,0,Naturraum_Klima_und_nat%FCrliche_Ressourcen.html
Großartig, INPUTS, ein hoch interessanter, äusßerst informativer Thread. :)
Ich halte ihn für eine großartige Idee und bin sehr gespannt, was du noch alles ausgräbst.
Lieben Gruß
Eliska:)
Die Entwicklung Afrikas
Der Schlüssel zur Entwicklung Afrikas liegt in dieser Dynamik der Eurasischen Landbrücke und der strategischen Partnerschaft zwischen USA und China. Es wird entscheidend sein, den Ländern, die an der Entwicklung der eurasischen Landbrücke teilnehmen, zu zeigen, daß die Entwicklung Afrikas in ihrem ureigensten strategischen Sicherheitsinteresse liegt. Denn das größte unmittelbare Wirtschaftspotential Afrikas liegt in seiner Rolle als Kornkammer der Welt.
Vor zehn Jahren berichtete die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN), nur ein Drittel der Weltbevölkerung sei gut ernährt, ein Drittel habe ausreichend zu essen, leide aber aufgrund von Mängeln noch an geistigen und körperlichen Gebrechen, während ein Drittel ständig mit Hunger lebe. Diese Einteilung hat sich inzwischen zuungunsten der zweiten Gruppe verändert.
Praktisch das ganze Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ist von der ersten zur zweiten Kategorie übergegangen, und Länder wie Bulgarien und Rumänien sowie der asiatische Teil Rußlands sind in die dritte Kategorie zurückgefallen.
Angesichts der außergewöhnlichen Fruchtbarkeit des Bodens in Afrika, wo zwei Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche von höchster Bodenqualität sind, könnte der Kontinent sehr schnell ein wichtiger Brotkorb für die Welt werden. Afrika bebaut gegenwärtig nur ein Viertel des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens. China dagegen hat 22% der Weltbevölkerung, aber nur 7% des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens der Welt. Afrika könnte sehr leicht die Hälfte des Weltbedarfs an Getreide liefern.
Nur mit einer entwickelten Infrastruktur kann der afrikanische Kontinent eine entscheidende Rolle bei der Überwindung des Welthungers spielen, kann er die Nahrungsmittelversorgung aller Menschen auf diesem Planeten in wirklich menschenwürdigem Umfang garantieren. Das erfordert natürlich, daß Nahrungsmittel in der notwendigen Güte und Menge erzeugt, entsprechend verarbeitet und transportiert werden - und das wiederum ist nur möglich, wenn die Reste des Kolonialismus in Afrika ebenso beseitigt werden wie der skandalöse Mangel an Infrastruktur, an Häfen, Nord-Süd- und Ost-West-Eisenbahnverbindungen, Straßen, Kanälen, Bewässerungsanlagen, Energieerzeugung und -verteilung.
In der gegenwärtigen Weltlage hat Afrika nur eine Chance, seine Unterentwicklung zu beheben. Dies kann sogar kurzfristig geschehen, aber nur wenn die Eurasische Landbrücke über den Nahen Osten und die Straße von Gibraltar nach Afrika ausgedehnt wird und dieser Kontinent durch Infrastrukturkorridore so erschlossen wird, wie das bereits jetzt, von China ausgehend, für Eurasien der Fall ist.
Ein günstiger Zeitpunkt
Es ist von großem Vorteil, daß die politische Führung Nigerias die Zukunft nach einer "Vision für das Jahr 2010" gestalten will. Nichts ist wichtiger in einer Welt, in der alle alten Institutionen zusammenbrechen, als in großem Maßstab zu denken - eine große Vision für die relativ kurzfristige Überwindung der Unterentwicklung Afrikas, an der es keine Schuld trägt - , denn der Augenblick der Krise des alten Systems ist gleichzeitig eine großartige Chance für einen vollständigen Neubeginn!
Jetzt ist der Augenblick da, die vielen Programme, die schon angefangen sind oder noch auf den Reißbrettern liegen, auszuführen. Eine Eisenbahnlinie von Dakar bis Port Sudan bildet den notwendigen Kern eines Entwicklungskorridors, der dann durch Sudan und Ägypten mit dem internationalen Netz der Eurasischen Landbrücke verbunden werden kann. Gleichzeitig müssen natürlich viele neue Seehäfen, Straßen und Bahnstrecken gebaut werden.
Von den vielen naheliegenden Infrastrukturprojekten möchte ich nur kurz das Transaqua-Projekt erwähnen. Dabei geht es darum, jährlich 100000 Mio. m3 Süßwasser aus dem Becken des Zaire-Flusses durch Kanäle und die Regulierung der Flüsse Bamingui und Chari in die Sahelzone und den Tschadsee zu leiten. Dem Zaire würden nur 5% seines Wassers entzogen, man würde also den Unterschied im wasserreichen Süden gar nicht spüren, während es für die Sahelzone von ungeheurem Vorteil wäre.
In der Sahelzone, wo sich die Wüstengebiete ständig ausdehnen, sind bei intensiver und extensiver Bewässerung schätzungsweise 5-7 Mio.ha als landwirtschaftliche Nutzfläche geeignet. Zum Vergleich sei darauf hingewiesen, daß 40 Mio. Ägypter in einem bewässerten Gebiet von weniger als 3 Mio.ha leben, das allerdings landwirtschaftlich sehr intensiv genutzt wird.
Dieser "Wassertransport" muß natürlich im Zusammenhang mit einem größeren internationalen Verkehrsnetz in Afrika gesehen werden. Dazu gehört u.a. die geplante transafrikanische Schnellstraße von Lagos nach Mombasa, die über 6000km Entfernung den Indischen Ozean mit dem Atlantik verbindet, und die Autobahn von Lagos nach Algier, die schon befahrbar, aber noch nicht ganz fertiggestellt ist, als Schnellverbindung zwischen dem Golf von Guinea und dem Mittelmeer.
Transaqua und ähnliche Großprojekte können in relativ kurzer Zeit eine Wende in der Wirtschaftsdynamik Afrikas herbeiführen, und bald wird Afrika nicht mehr Opfer der Kriege imperialistischer Mächte um die Ausbeutung billiger Rohstoffe sein, sondern kann die größte Nahrungsmittel-Exportregion der Welt werden und dadurch seine wirtschaftlichen Ressourcen entwickeln, seine Rohstoffe selbst verarbeiten und eine eigene Industrie aufbauen.
In der Vergangenheit ist es oft geschehen, daß in einem Teil der Welt ganze Kulturen und Zivilisationen zusammenbrachen, während gleichzeitig andere Regionen Blütezeiten wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritts erlebten. Nun sitzen wir zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit alle im gleichen Boot. Das bedeutet eine große Gefahr, wenn wir nicht handeln und im Chaos versinken. Aber es ist auch eine wunderbare Chance, Oligarchismus und Kolonialismus, diese "Kinderkrankheiten der Menschheit", ein für allemal zu überwinden und eine gerechte neue Weltwirtschaftsordnung zu schaffen.
Afrika sollte Landwirtschaft mit höheren öffentlichen Investitionen fördern
(FAO) Die VN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) hat die afrikanischen Staaten aufgerufen, mehr in die eigene Landwirtschaft zu investieren. Das erfolgreiche Beispiel asiatischer und einiger afrikanischer Staaten zeige, dass mindestens ein Viertel des nationalen Budgets für die Landwirtschaft und ländliche Entwicklungsprogramme ausgegeben werden sollte. Damit könnte die Beteiligung des privaten Sektors gestärkt und das Wachstum der Landwirtschaft gefördert werden, betonte die FAO in einem Bericht, der anlässlich der FAO-Regionalkonferenz für Afrika veröffentlicht wurde. Die Konferenz findet in Yaounde, Kamerun, vom 21. bis 25. Februar statt.
Mehr öffentliche Mittel für die Landwirtschaft könnten dazu beitragen, dass mehr private Investitionen in den Agrarsektor fließen und die Probleme von Kleinbauern verringert werden, so die FAO.
Die Landwirtschaft Afrikas spiele bei der Bewältigung von Hunger und Armut eine herausragende Rolle. Auch in Afrika südlich der Sahara produziere die Landwirtschaft den größten Teil der Nahrungsmittel und beschäftige rund 70 Prozent der Bevölkerung. Die Landwirtschaft bleibe in Afrika die Hauptantriebskraft für wirtschaftliches Wachstum, heißt es in dem FAO-Bericht.
Momentan ist leider nur etwa ein Viertel bis ein Drittel des fruchtbaren Landes in Produktion. Es könnten aber bis zu 600 Mio. ha werden.
Zwischen 1961 und 1997 seien in den meisten afrikanischen Staaten weniger als zehn Prozent der nationalen Haushaltsmittel in die Landwirtschaft geflossen. Der Agrarsektor trage aber zwischen 30 und 80 Prozent zum Bruttosozialprodukt in den afrikanischen Staaten bei. "Noch erstaunlicher ist, dass die direkten und indirekten Einkommenstransfers aus der Landwirtschaft, die in den öffentlichen und in andere Bereiche der Volkswirtschaft fließen, viel höher sind als die Beträge, die die Landwirtschaft selbst an öffentlichen Mitteln erhält", heißt es in dem FAO-Bericht.
Selbst in den Ländern, die in landwirtschaftliche Infrastruktur investiert hätten, sei es den Regierungen oft nicht gelungen, Straßen und Bewässerungssysteme instand zu halten und erfolgreich zu verwalten.
Außerdem seien traditionelle Grundnahrungsmittel wie Wurzeln und Knollen sowie Hülsenfrüchte und Ölsaaten im Vergleich zu Weizen, Reis oder Mais viel zu wenig gefördert worden.
Der Niedergang der Landwirtschaft und die Marginalisierung der afrikanischen Länder spiegele sich auch im Verlust von Exportanteilen wider. Afrika habe bei den traditionellen Ausfuhrprodukten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich Marktanteile verloren und sei zunehmend auf den Import von Nahrungsmitteln und auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.
Bei Kakao, einem der wichtigsten Exportgüter Afrikas, sei der Produktionsanteil von 71,6 Prozent in den 60er Jahren auf 58,7 Prozent in den 90er Jahren gesunken. Der Marktanteil sei von 78,9 Prozent auf 64,7 Prozent gefallen.
Bei Kaffee ging wegen der immer drastischer fallenden Preise der Produktionsanteil von 25,9 Prozent in den 60er Jahren auf 18,6 Prozent in den 90er Jahren zurück, der Marktanteil sank im gleichen Zeitraum von 28,8 Prozent auf 18,5 Prozent.
Zwischen 1961 und 1997 war die Wachstumsrate bei der Getreideproduktion in Afrika südlich der Sahara niedriger als in anderen Entwicklungsländern.
Um das Wachstum der afrikanischen Landwirtschaft anzukurbeln und die Entwicklung voranzutreiben, empfiehlt die FAO den afrikanischen Staaten, die Steuern in der Landwirtschaft zu verringern und den Kleinbauern, davon rund 80 Prozent Frauen, den Zugang zu Krediten zu erleichtern. Ausserdem nütze eine Liberalisierung der Wechselkurse der Landwirtschaft.
AUSTRALIEN
Australien ist das einzige Land, das einen ganzen Kontinent und die dazugehörigen Inseln einnimmt. Das Festland ist die größte Insel und der kleinste und flachste Kontinent der Erde. Der höchste Punkt auf dem Festland, Mount Kosciuszko, ist nur 2228 Meter hoch. Mit einer Fläche von 7.692.024 km² (769 Mio. ha) ist Australien nach Rußland, Kanada, China, den Vereinigten Staaten von Amerika und Brasilien das sechstgrößte Land. Jedoch leben hier nur rund 18,5 Millionen Menschen.
Grundpfeiler der australischen Wirtschaft sind Landwirtschaft und Bergbau.
Das Land weist extreme Temperaturunterschiede auf, mit großen Wüstengebieten neben weiten fruchtbaren Landschaften. Abgesehen von der Antarktis ist Australien der trockenste Kontinent. Zwei Drittel des Landes werden landwirtschaftlich genutzt, allerdings weniger als 10 Prozent ( um die 6%, oder 40 Mio. ha) davon für den Anbau von Feldfrüchten oder intensive Weidewirtschaft. Der größte Teil eignet sich nur als naturbelassenes Weideland nur zur extensiven Bewirtschaftung.
Zwar eignen sich nur ganze 6% des Landes als landwirtschaftliches Anbaugebiet, aber Schaf- und Rinderzucht sind auch in relativen Dürregebieten möglich. Bereits 1797 wurden die ersten Schafe in Australien eingeführt, und Schafwolle war für mehr als ein Jahrhundert der wichtigste Exportartikel. Bis heute ist die Schafzucht ein wesentlicher Bestandteil der australischen Wirtschaft. Die verarbeitende Industrie und der Bergbau holen jedoch immer mehr gegenüber der Landwirtschaft auf.
Zu den landwirtschaftlichen Spitzenexportgütern zählen neben Wolle auch Rind- und Kalbfleisch, lebende Schafe und Ziegen sowie Getreide, Zuckerrohr und Molkereiprodukte. Momentan (1998) grasen in Australien ca. 120 Mio. Schafe und 26,2 Mio. Rinder, von denen 2,8 Mio. als Milchkühe gehalten werden.
Australien hat sich zu einem bedeutenden unabhängigen Staat entwickelt, mit einem demokratischen Regierungssystem und einer ethnisch vielfältigen, multikulturellen Gesellschaft. Es spielt eine wichtige Rolle im Welthandel und leistet wesentliche Beiträge zu globalen Entwicklungen und internationalen Angelegenheiten. Die Australische Föderation besteht aus sechs Bundestaaten und zwei Territorien. Die meisten Binnengrenzen folgen den Längen- und Breitengraden. Der größte Bundesstaat, Westaustralien, ist ungefähr so groß wie Westeuropa.
Lieber Inputs,
wäre es vielleicht möglich, dass du die Texte nach und nach postest und nicht alle auf einmal. So viel kann man nicht auf einmal verdauen. Außerdem würde der Thread dann länger im Blickfeld bleiben und damit mehr interessierten Usern zugänglich sein.
Lieben Gruß
Eliska:)
In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein sehr interessantes 1500-Seiten-Buch hinweisen: GLOBAL 2000 - Der Bericht an den Präsidenten
Diesen Wälzer habe ich vor 10 Jahren durchgeackert und einen Schulvortrag gestalten. Es geht dabei um die Folgen der Umweltzerstörungen.
Der Bericht an den US Präsidenten - Global 2000
Oft wird argumentiert, alle früheren Vorhersagen über die Größe und die Reichweite der Erdölvorräte wären fehlerhaft gewesen. Entsprechend dieser Linie wird dann jede neue diesbezügliche Aussage als von vornherein ebenfalls von zweifelhafter Qualität hingestellt, vergleichbar den früheren Aussagen.
Tatsache ist jedoch, dass man spätestens seit den 70er Jahren weiß, dass das Maximum der Neufunde bereits in den 60er Jahren überschritten wurde (siehe z.B. die Folie Nr.1) - denn seit dieser Zeit geht der Trend beim Auffinden neuen Öls zurück. Spätestens ab diesem Zeitpunkt konnte man auch durch entsprechende Trendextrapolationen hinreichend verlässliche quantitative Aussagen wagen.
So haben sich weder die Aussagen des ersten Berichts des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" aus dem Jahr 1972 bisher als vollkommen falsch erwiesen, noch erst recht die wesentlich detaillierteren und fundierteren Aussagen des 1980 erschienenen Berichtes "Global 2000" .
Im Gegenteil entsteht beim Wiederlesen der Analysen der Eindruck, dass man damals durchaus bereits in der Lage war, zu wissen, was man wissen wollte oder mußte.
Im Bericht des Club of Rome wurde die prinzipielle Unmöglichkeit eines anhaltenden exponentiellen materiellen Wachstums innerhalb eines begrenzten Systems diskutiert. Die Energierohstoffe bildeten dabei nur einen betrachteten Parameter unter mehreren. Beispielhaft wurde für Erdöl eine Quantifizierung durchgeführt. An Erdölreserven waren damals 72,5 km3 bekannt entsprechend 456 Gigabarrel. Beim damaligen Verbrauch hätte das einer statischen Reichweite von 31 Jahren entsprochen. In den Tabellen des Berichts wurde darüber hinaus angenommen, dass etwa die fünffache Menge an Erdöl insgesamt vorhanden ist. Das entspräche 2280 Gb und bei den damaligen Verbrauchswachstumsraten von 3,9 % p.a. einer dynamischen Reichweite von 50 Jahren.(Siehe dazu z.B. in der deutschen Ausgabe die Tabelle 4.)
Während "Die Grenzen des Wachstums" vor allem die prinzipiellen Zusammenhänge diskutierte, war des Anliegen des 1980 erschienenen Berichts "Global 2000", eine nach damaligem Wissen bestmögliche quantitative Beschreibung der künftigen Versorgungssituation mit Rohstoffen zu geben. Die Studie war vom damaligen US-Präsidenten Carter beauftragt worden und in mehrjähriger Arbeit von einem vielköpfigen Expertenteam (auch unter Einbeziehung externer Experten) erstellt worden. Erst nach dem bald folgenden Machtwechsel im Weißen Haus zum neuen Präsidenten Reagan wurde es schnell still um die Untersuchung. Statt dessen wurde der Sternenkrieg (SDI) als neue Herausforderung Amerikas begriffen.
In dem 1500 Seiten starken Werk finden sich zahlreiche Aussagen zur Verfügbarkeit von Erdöl. Die Basis der Aussagen bildete zum einen die für die Weltenergiekonferenz 1977 von einem Expertenteam erarbeitete Untersuchung "Report on Oil Ressources 1998-2020" und zum anderen die am MIT erarbeitete Studie "Energy Supply-Demand Integrations to the Year 2000". Diese Grundlagen wurden als bestmögliche Quellen benutzt.
Zusammenfassend heißt es in Global 2000 unter anderem:
"Darüber hinaus scheint bei der Erschließung neuer Erdölreserven die Erfolgsquote bezogen auf den jeweiligen Explorationsaufwand zu fallen"
(Seite 72 der deutschen Ausgabe)
sowie
"Obwohl diese Varianten für das Jahr 2000 zu verschiedenen Höchstproduktionsniveaus kommen, indizieren sie doch, daß die mögliche Nachfrage im Jahr 2000 wahrscheinlich nicht durch Rohölproduktion aus konventionellen Quellen gedeckt werden kann. Neue Ölfunde oder höhere Erschließungsraten können diesen Scheitelwert zwar um einige Jahre hinausschieben, würden aber den unvermeidlichen Rückgang der Ölreserven nicht verhindern." (Seite 415)
Nach Auffassung der damaligen Experten würde sich die "Recovery-Rate", also der Anteil des in einem Vorkommen insgesamt vorhandenen Öls, der wirklich aus dem Ölfeld entnommen werden kann, von 25 % im Jahr 1975 auf etwa 40 % im Jahr 2000 erhöhen (Seite 414). Tatsächlich betrug die Recovery-Rate der 200 größten Ölfelder nach einer Untersuchung von J. Laherrere aus dem Jahr 1998 etwa 40 % und stimmt also sehr gut mit der etwa 20 Jahre alten Prognose überein.
Die beiden nachfolgenden Grafiken sind aus dem Bericht "Global 2000" entnommen und wurden um die Darstellung der seither tatsächlich erfolgten Entwicklung ergänzt. Wie man sieht, stimmt die tatsächliche Entwicklung sehr gut mit den damaligen Prognosen überein.
Sowohl die Menge des insgesamt vorhandenen Erdöls (Estimated Ultimate Recovery), als auch die künftige maximal mögliche Förderrate der Erdölproduktion wurden damals sehr genau vorhergesagt und müssen bis heute nicht korrigiert werden.
Die Extrapolation wurde anhand der damals veröffentlichten Reservestatistiken erstellt. Damals wurden Höherbewertungen noch nicht rückdatiert, sondern dem Jahr der Höherbewertung zugeschrieben. Dies hatte zur Folge, dass der steile Anstieg der kumulierten Ölfunde gegen Ende wesentlich stärker zurückgeht.
...
In der Studie "Global 2000" ging man davon aus, dass der Ölverbrauch mit einer Rate von 2 - 3 % p.a. , möglichweise sogar mit 5 % p.a. wachsen würde. Unter diesen Voraussetzungen war das Produktionsmaximum in den 90er Jahren, bzw. bei 5 % p.a. Wachstum Mitte der 80er Jahre zu erwarten, wobei die Maximalproduktion je nach Szenario zwischen 85 - 100 Mio Barrel Tagesproduktion gesehen wurde.
Tatsächlich entwickelte sich jedoch die Ölnachfrage wesentlich langsamer, nämlich seit 1975 im Mittel nur mit etwa 1,3 % p.a. . Unter dieser Voraussetzung ist das Produktionsmaximum um das Jahr 2002 bei etwa 80 Millionen Barrel Tagesproduktion zu erwarten. Diese Entwicklung wurde von energiekrise.de nachträglich in Rot in die Grafik eingetragen. Damit stimmt die alte Prognose aus dem Jahr 1980 bzw. 1977 mit den aktuellen Einschätzungen von Campbell, Laherrere, aber auch von Rubin (Canadian Imperial Bank of Commerce) und Magoon (US-Geological Survey) sehr gut überein. Man darf daher annehmen, dass Insider der Szene seit mehr als 20 Jahren sehr gut die Situation der Ölindustrie kennen.
Unseres Wissens war "Global 2000" die einzige jemals einer breiten Öffentlichkeit zugängliche ernsthafte Analyse der tatsächlichen Situation. Das Buch konnte damals in jeder Buchhandlung erworben werden. Bezeichnenderweise war dies auch die letzte derartige Veröffentlichung. Unsere Interpreation: Die Studie entstand als unmittelbare Reaktion auf die beiden Ölpreisschocks der 70er Jahre. In den darauf folgenden Jahren bildete sich dann immer mehr ein Interessenkonflikt heraus zwischen den Ölverbraucherstaaten - allen voran der USA - und den wesentlichen Ölförderländern - allen voran den Staaten um den Persischen Golf.
In dieser Situation war es unserer Einschätzung nach nicht mehr im Interesse vieler Regierungen und auch einflußreicher Teile der Industrie, diese Fragen für eine breite Öffentlichkeit (und insbesondere auch für die OPEC) weiterhin transparent zu machen. Also gab es in der Folge keine entsprechenden Untersuchungen mehr. Insbesondere wurde keine öffentlich zugängliche und verlässliche Datenbasis zu diesen Fragen aufgebaut. Zwar ist die Internationale Energieagentur (IEA) auf den Weg gebracht worden - diese Organsation hatte aber nur die Aufgabe, die kurzfristigen Entwicklungen zu beobachten. Von der OPEC wurde diese Organisation von Anfang an als gegen sie gerichtet verstanden.
Quelle: Die Grenzen des Wachstums, D. Meadows et al., dt. Ausgabe, Stuttgart, 1972
Global 2000, Der Bericht an den Präsidenten, dt. Ausgabe, Frankfurt, 1980
http://www.a-b-i-s.de/a21/aeg/global2000.jpg
Quelle (http://images.google.de/imgres?imgurl=www.energiekrise.de/oel/artikel/global2000/global2000_EUR1.gif&imgrefurl=http://www.energiekrise.de/oel/artikel/global2000.html&h=359&w=479&prev=/images%3Fq%3D%2522global%2B2000%2522%26svnum%3D10%26hl%3Dde%26lr%3D%26cr%3DcountryDE%26ie%3DUTF-8%26oe%3DUTF-8%26sa%3DN)
Vll. scanne ich die Arbeit mal ein - dann ist sie wenigstens im Internet verewigt. :D
INDIEN
Indiens Wirtschaft wird zu über siebzig Prozent von der Landwirtschaft bestimmt, da die meisten Leute arm sind und auf dem Land leben. Früher war in weiten Teilen Indiens der Wanderhackbau verbreitet, das heisst nachdem die Bauern das Feld einmal bestellt und geerntet hatten, zogen sie weiter. Heute wurde diese Form von Landnutzung grösstenteils durch die bäuerliche Landwirtschaft in kleinen Betrieben ersetzt.
Anbau der Felder
Der Anbau der Felder wird in Indien durch den Monsun bestimmt. Dieser bedingt, dass die Bauern zweimal im Jahr anbauen und ernten können. Während des Sommermonsuns (Kharif) , der sichere und gute Ernten bringt, wird hauptsächlich Reis, Hirse, Mais, Baumwolle und Zuckerrohr, wo immer es auch nur möglich ist, angebaut. Jedoch sind die Ernten des Wintermonsuns (Rabi) unsicher und zudem ist eine künstliche Bewässerung notwendig. Hauptanbaufrüchte während dieser Periode sind Weizen, Gerste und Hülsenfrüchte.
Die Felder müssen seit jeher bewässert werden. Im wesentlichen kommen drei Bewässerungsmethoden vor. Das sind zum einen die Kanalbewässerung, die vor allem in den Flussdeltas betrieben wird. Zum anderen die Brunnenbewässerung bei entsprechend hohem Grundwasserstand sowie die Bewässerung über Stauteiche (Tanks).
Eine weitere Form der Landnutzung ist die Plantagenwirtschaft, deren Produktion auf den Weltmarkt ausgerichtet ist. Diese Form von Landnutzung ist sehr wenig verbreitet. Die dazu benötigte Fläche beträgt jedoch nur gerade 0.2 Prozent der Gesamtanbaufläche Indiens. Indien ist das bedeutenste Teeland der Erde; dazu kommen im Export Kaffee und Kautschuk. Diese landwirtschaftlichen Produkte machen 40 Prozent des Exportwertes Indiens aus.
Grüne Revolution
Die Erträge konnten nur bei Weizen und Reis, durch den Einsatz von neuen Saatgutsorten, Mineraldünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln wesentlich gesteigert werden. Nicht aber bei Hirse auch einer wichtigen Getreideart, von welcher sich die Hindus hauptsächlich ernähren.
Die Kleinbauern haben den Anschluss an die Entwicklung verloren. Ihre Felder waren zu klein für den Einsatz von Maschinen. Aufgrund solcher Verschuldungen mussten viele solcher Kleinbauern" ihr Land aufgeben. Nun bewirtschafteten Grossgrundbesitzer ihr Land, welches sie früher zu günstigen Konditionen an Kleinbauern verpachteten, selbst. So kamen viele Grossgrundbesitzer zu raschem Reichtum und expandierten auch dementsprechend. Folglich wurden immer mehr Pächter entlassen. Nur in wenigen Gebieten verlief die Entwicklung so erfolgreich wie in Punjab. In den übrigen Landesteilen blieb alles beim Alten. Die reichen Regionen wurden immer reicher und die armen Regionen immer ärmer.
Sicherstellung der Ernährung
Das Grundnahrungsmittel ist Reis, es folgt in den trockneren Gebieten die Hirse und in der oderen Gangesebene Weizen. Die Erträge aus der eigenen Landwirtschaft werden jedoch von der Bevölkerung Indiens zu 100 Prozent verbraucht. Das Land ist sogar gezwungen auf dem Weltmarkt Lebensmittel zuzukaufen.
Indien hat den grössten Rinder- und Ziegenbestand der Welt. Ueber die Hälfte aller Kühe sind heilig und werden nicht verspiesen. Zudem sind sie für die Wirtschaft nicht von Nutzen und benötigen eine Menge Futtermittel. Dies ist sicherlich auch ein grosser Faktor, nebst den schlechten Ernten und Dürre, der zu den Hungersnöten beiträgt.
All dies ändert nichts daran, dass Indien auch nach 40 Jahren industrieorientierter Entwicklungsstrategie und Wirtschaftspolitik noch immer in erster Linie ein Agrarland ist, dessen Konjunktur mehr vom pünktlich eintreffenden Monsun und den davon abhängigen Ernten bestimmt wird als von industriellen Zyklen.
Hauptanbauprodukte bleiben Zuckerrohr, Reis, Weizen, Hülsenfrüchte und Baumwolle. Indien ist der weltgrößte Produzent von Jute, Hülsenfrüchten, Hirse und Sesam. Mit einer Gesamtproduktion von 700.000 Tonnen, wobei etwa 250.000 Tonnen exportiert werden, ist Indien der mit Abstand führende Teeproduzent der Erde. Bedeutende Erlöse werden auch mit Gewürzen, Cashewnüssen und Kaffee erwirtschaftet.
In der Besitzstruktur dominieren kleine und Kleinstbetriebe. Über die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe bewirtschaften weniger als einen Hektar Land. Rund ein Drittel der ländlichen Haushalte besitzt keinen Boden. Obwohl insgesamt 66 % aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt sind, erarbeiten sie nur 28 % des Sozialprodukts des Landes. Zudem trägt der Agrarsektor mit einem Anteil von nur 30 % zu den Exporterlösen bei. Allein diese Zahlen verdeutlichen die mangelnde Rentabilität der Landwirtschaft.
FLÄCHE: 3.287.365 qkm. (329 Mio. ha)
BEVÖLKERUNGSZAHL: 1.027.015.247 (2001).
BEVÖLKERUNGSDICHTE: 308.4 pro qkm.
Original geschrieben von Eliska
Lieber Inputs,
wäre es vielleicht möglich, dass du die Texte nach und nach postest und nicht alle auf einmal. So viel kann man nicht auf einmal verdauen. Außerdem würde der Thread dann länger im Blickfeld bleiben und damit mehr interessierten Usern zugänglich sein.
Lieben Gruß
Eliska:)
Hallo! Guten Morgen!
Mir kommt das gar nicht soo viel vor.
Ich bin da eher dabei, die Dinger für mich selber zusammenzuklauben und auf einen Haufen zu tragen, die mich interessieren. Ich speichere ja fast nie was ab, wenn ich was im Netz finde. Und 5 Monate später is die Site wieder im Orkus.
Find dauernd was, vergess die Hälfte und habs dann nicht parat.
Irgendwie wird dies eine Art Puzzle, das ich in der Zusammensetzung noch nirgends kompakt so gefunden habe.
Und heute konnt ich nicht schlafen, da hab ich gedacht, ich mach das mal hier, weil es ja doch einige interessieren könnte.
Ichn hab das jetzt relativ ungeordnet, bis ich das für mich auf ne Datei ordne und speicher. Ihr könnt aber ruhig thematisches beisteuern!:p
Nicht jeder ist ein Papierfresser. :rofl
Frage:
Liest du 50 Artikel mit Unmengen von Informationen hintereinander? :lach
Da bleibt doch kaum was hängen. Es war ja auch nur ein Vorschlag im Interesse des "Normalusers", den ich dir per PM gemacht hätte, wenn das möglich gewesen wäre.
Eliska
Hi, auch Iby!
Mir gehts jetzt zwar schon auch ein wenig um Moral und Verantwortung, aber erstens hab ich mit den Leuten von Global 2000 genauso schlechte Erfahrungen gemacht wie mit den Greenpeace -Fritzen, inkusive Thilo Bode, der mich mal in Amsterdam versetzt hat, wo ich extra von Hamburg wegen nem Termin für Brasilien mit ihm hin bin.
Und zweitens, also, auch weil das hier ein Börsenboard ist, möchte ich eigentlich mehr auf die finanziellen Aspekte der Weltfutterstory raus - auf die Tragweite der Veränderungen in den künftigen Preisentwicklungen und in die Verschiebungen von Besitzstrukturen.
Da hab ich noch nirgends das gefunden, was meinen Vorstellungen als kompakte Infosammlung entspräche.
Anfangen tu ich mal mit dem Aufzählen von Flächen. Dann Produktivität, Landpreise, Arbeitskosten, Einzelpreisentwicklungen. mal sehn, wie weit ich komme...
Für Brasiliens Bundesstaaten hab ich z. B. schon sehr viel Detailmaterial, was einen schärferen Blick auf die grossen Veränderungen der letzten 10 und der künftigen 20 Jahre erlaubt.
Original geschrieben von Eliska
Nicht jeder ist ein Papierfresser. :rofl
Frage:
Liest du 50 Artikel mit Unmengen von Informationen hintereinander? :lach
Da bleibt doch kaum was hängen. Es war ja auch nur ein Vorschlag im Interesse des "Normalusers", den ich dir per PM gemacht hätte, wenn das möglich gewesen wäre.
Eliska
Ja, ich lese oft sogar noch viel mehr hintereinander.
Und Du hast vollkommen recht! - Da bleibt wirklich kaum was hängen.
Jedenfalls zuwenig.
Das ist mit ein Grund, warum ich das hier mache. Beim Strukturieren dieser "hingeschluderten" Infohäufen bleibt denne sicher mehr hängen, als nur beim flotten Durchlesen.
Wenn de so willst, eine Art Eselsbrücke für nen alten Esel wie mich.
Ausserdem glaub ich, dass es ohnedies nur maximal 5 Leute hier wirklich interessiert.
Ein "Pferdewettenthread" hätte mit etwa 30-40 Interessenten sicher mehr Zuspruch...
:hihi :hihi :hihi
CHINA - AN DER KANTE:
,, Für China ist es eine gute Sache, eine große Bevölkerung zu haben. Von allen wertvollen Dingen der Welt sind die Menschen das wertvollste."
Dieses Zitat von Mao Zedong beschreibt eine lange Tradition in der chin. Gesellschaft.
Kinderreichtum und Großfamilien waren schon immer üblich. Das damit verbundene Bevölkerungswachstum brachte dem Land aber auch Probleme. Da der Nahrungsspielraum gering war, kam es vor allem nach Naturkatastrophen immer wieder zu ernsthaften Versorgungsschwierigkeiten und damit zu großen Hungersnöten in der Bevölkerung.
Mao Zedong sah allerdings in einer großen Bevölkerung das wichtigste Potential für den Aufbau des Landes. Zudem sollte sein sozialistisches. China in der Lage sein, auch eine rasch wachsende Bevölkerung zu ernähren und mit den nötigen Grundgütern zu versorgen. Dies gelang ihm durch eine konsequente Grundbedürfnisstrategie. Die Abkoppelung vom Weltmarkt und Ausrichtung der industriellen Produktion auf die Bedürfnisse des Landes waren neben umfangreichen Reformen in der Landwirtschaft die Hauptmaßnahmen. Der Erfolg dieser Politik machte China zum Modell für Entwicklungsländer.
Seit 1949 hat sich die Bevölkerung aber mehr als verdoppelt. Mit 1,1 Milliarden Menschen lebten 1998 in China 22% der Weltbevölkerung. In den letzten Jahren rückt deshalb das Ernährungsproblem immer mehr in den Vordergrund politischer Diskussionen. Die zentrale Frage ist, ob das Land in der Lage sein wird, eine steigende Bevölkerungszahl zu ernähren oder ob eine große Krise bevorsteht
1. Naturraum und Grenzen der Nutzung:
1.1. Natürliche Voraussetzungen für die Landwirtschaft.
China ist durch Relief und Klima in zwei extreme Teilbereiche geteilt:
Das mit Ausnahme einiger Becken über 2000m hohe Westchina erlaubt durch sein semi- bis
Klima keinen flächenhaften Anbau, sondern nur extensive Weidewirtschaft und Ackeranbau in Oasenkulturen.
Dagegen leben mehr als 90% der Chinesen in den Ebenen und Bergländern Ostchinas. Das vorwiegend durch den Monsun geprägte Klima läßt hier in den meisten Teilen Regenfeldbau zu. Dazu kommt eine von Nord nach Süd zunehmende Wärmegunst; im Süden herrschen subtropische Verhältnisse. Allerdings befinden sich die besten Böden im winterkalten Norden, während der klimatisch bevorzugte Süden minderwertige bzw. übernutzte Böden aufweist. Dadurch ergeben sich folgende Konsequenzen: Die Produktionserträge ( landwirt-
schaftliches Einkommen) sind ungleichmäßig verteilt. Das heißt, dass das Grundnahrungsmittel Getreide zu erheblichen Teilen verteilt werden, um im ganzen Land eine ausreichende Ernährung sicherzustellen.
Die Einschränkungen bringen mit sich, dass nur 15% der Gesamtfläche Chinas landwirtschaftlich genutzt werden. Durch zunehmende Landnutzung für Industrieanlagen, Siedlungen und Verkehrswege, aber auch durch Bodenerrosion und Desertifikation nimmt die Anbaufläche in den letzten Jahren sogar ab. Im Gegensatz zum Rückgang der Anbaufläche steht aber die erhebliche Bevölkerungszunahme, was große Auswirkungen auf die Pro-Kopf-Anbaufläche hat.
Es ist zwar noch ca. 13 Mio. ha erschließbares Ackerland vorhanden, die angepaßte agrarische Inwertsetzung wäre aber nur unter enormem finanziellem Aufwand möglich. Deshalb muß daran gezweifelt werden, ob China in den nächsten Jahren dazu fähig sein wird.
Um die ständig wachsende Bevölkerung ausreichen ernähren zu können, scheint eine Intensivierung der Produktion auf der vorhandenen Anbaufläche unumgänglich zu sein.
1.2. Die Intensivierung der Agrarproduktion
Die Intensivierung der Landwirtschaft erweist sich in China als relativ schwierig. Viele wissenschaftliche. und technische Erkenntnisse werden in der Landwirtschaft noch nicht angewandt. China nimmt zwar in der Getreideproduktion den ersten Platz in der Welt ein, im Ertrag pro Flächeneinheit liegt es aber nur an neunter Stelle.
Sicher sind die Grenzen der Produktivität auf den vorhandenen Agrarflächen noch nicht erreicht, aber es wird deutlich, dass eine Steigerung nicht ohne Agrartechnologie möglich ist. Und hier liegt offensichtlich das Hauptproblem der chin. Landwirtschaft. Die eingesetzten agrarische Mittel reichen nicht aus. Aus dieser Mittelknappheit resultiert in einigen Regionen ein Raubbau am Boden mit unvorhersehbaren Risiken für die Zukunft.
Der Raum Shanghai als Beispiel für intensive Agrarproduktion:
Die traditionell angebauten Reissorten hatten eine relativ lange Wachstumsdauer. Wegen der winterlichen Trockenphase reichte die Zeit für einen zweimaligen Anbau im Jahr deshalb nicht aus.
Erst die Fortschritte in der Pflanzenzucht durch die Zucht von neuen, schnellwüchsigen Sorten ermöglichten einen Zweifachreisanbau. Allerdings wiesen die neuen Sorten Qualitätsmängel auf.
2. China als Agrarmodell für Entwicklungsländer
2.1. Das ländliche China von 1949
Die Situation im ländlichen China zu Beginn dieses Jahrhunderts war geprägt von einer zunehmenden Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung. Eine Ursache dafür lag sicher in der Agrarstruktur des ländlichen. Chinas. Die bäuerlichen Besitze waren in viele kleine Parzellen eingeteilt, was einen sehr hohen Arbeitsaufwand für die gesamte Familie bedeutete.
Dazu kam eine sehr ungleiche Besitzverteilung. Fast alle Bauern mußten von Großgrundbesitzern Land pachten, was für die Pächter eine große Bürde darstellte.
Durch nicht selten vorkommende Naturkatastrophen kam es oft zu einer vollkommenen Abhängigkeit des Bauern vom Pächter. Politische Wirren und bürgerkriegsähnliche Zustände brachten die am Existenzminimum lebende große Masse der bäuerlichen Bevölkerung endgültig in Hunger und Elend.
2.2. Maos Weg zur sozialistischen Landwirtschaft
2.2.1. Bodenreform und erste Kollektivierung
Schon seit Ende der zwanziger Jahre fanden die Kommunistischen Truppen unter Mao Zedong auf ihren Märschen durch die vielen Dörfer unter den verelendeten Kleinbauern viele Anhänger. Deshalb galt das Ziel der ersten großen ,,Massenkampagne" der jungen Volksrepublik den bäuerlichen Verhältnissen.
Mitte 1950 wurde ein Bodenreformgesetz erlassen. Hauptmaßnahme war die Enteignung der Grundherrn gefolgt von Schauprozessen gegen die Grundherren. Viele der Todesurteile wurden sofort vollstreckt, wobei die Zahl der Hinrichtungen mehrere Millionen betrug.
Nach der Enteignung wurden der Boden an arme Bauern und kommunistische. Kämpfer verteilt.
Dabei bekamen ca. 300 Millionen Familien Land und die dazu notwendigen Arbeitsgeräte.
Aber bereits 1950 wurden erste Kollektivierungsversuche durchgeführt. Unter sowjetischer Anleitung erstellte die KPCh 1951 einen Stufenplan: über zunächst freiwillige Zusammenschlüsse sollten bis 1958 alle Bauernhaushalte in einer LPG organisiert sein.
2.2.2. Die Volkskommunen
Die chinesische Wirtschaft entwickelte sich sehr gut in der ersten Jahren der Volksrepublik China, so das der erste Fünfjahresplan (1953-1957) übererfüllt werden konnte. Angesichts dieser Tatsache beschloß man 1958 ,,den großen Sprung nach vorne": In Abkehr vom sowjetischen Vorbild sollte ein ,,chinesischer Weg" eingeschlagen werden. Ziel war es, China innerhalb weniger Jahre aus dem Stadium eines Entwicklungslandes zu führen und in eine Industrienation zu verwandeln. Nach dem Motto Mao Zedongs ,,3 Jahre Arbeit, 1000 Jahre Glück" sollte in einer gigantischen Massenbewegung dieses hochgesteckte Ziel erreicht werden.
Das Paradepferd des großen Sprunges war die Einrichtung von Volkskommunen, die 1958 innerhalb eines Monates die LPG′s ablösten. Die Aufgabe neben der agrarischen Produktion war es, einen neuen sozialistischen Menschen heranzuziehen, der Vorbild für die chinesische Gesellschaft werden sollte. Alle Verwaltungs- und Organisationstätigkeiten wurden den Volkskommunen übertragen: Agrarproduktion, industrielle Produktion eines großen Teils der benötigten Güter, Handel, Erziehung, Miliz, Sozial- und Gesundheitsförderung, Verwaltung. Das gesamte Privateigentum wurde in das Volkseigentum überführt und das Alltagsleben fand nur noch in kollektivem Rahmen statt. Eine Entlohnung nach Leistung wurde durch eine Entlohnung nach Bedürfnissen ersetzt.
Eine Volkskommune umfaßte ca. 5000 Haushalte. Die Grenzziehung nahm häufig keine Rücksicht auf traditionelle Verwaltungs- und Marktstrukturen, wodurch der Warenaustausch extrem erschwert wurde. Als dann auch noch schwere Naturkatastrophen dazukamen, waren die Auswirkungen verheerend. Schätzungen ergaben, dass zwischen 1958 und 1961 ca. 18 Millionen Menschen verhungerten.
Revision 1961: die Volkskommunen wurden entscheidend verkleinert und in sich selbst strukturiert in Produktionsbrigaden und Produktionsgruppen mit jeweils spezifisch festgelegten Aufgabenbereichen. Die Produktionsgruppe bildete als Eigentümerin von Boden und Produktionsmitteln die Grundeinheit. Es wurde wieder nach geleisteter Arbeit verrechnet und die Bauern erhielten eine kleine Privatparzelle zugewiesen. Die gewerbliche Produktion und Dienstleistungen wurden ebenfalls auf verschiedene Ebenen verteilt. Dadurch wurden die Volkskommunen effektiver.
Diese Erfolge, aber auch geschickt gelenkte Informationspolitik führten dazu, dass die FAO (Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO) die Volkskommunen als Modell für Entwicklungsländer darstellte.
Die enormen Steigerungen der Getreideproduktion stehen auch im Zusammenhang mit einem vor allem während der Kulturrevolution (1966-1970) verfolgten Ziel der regionalen Wirtschaftsautarkie: Jede Region sollte in der Lage sein, die Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen.
Erst später wurde klar, unter welchen Bedingungen die ,,Erfolge" erzielt wurden. ,,Es wurde viel zuviel herausgeholt und zuwenig hineingesteckt". Auf ökologische Notwendigkeiten wurde keine Rücksicht genommen. Aufgrund der hohen Fruchtbarkeit der Gebiete im Osten und im Roten Becken zeigten sich aber kaum Schäden größeren Ausmaßes.
2.2.3. Im Lößbergland (1978: 200000 km Fläche, 24 Mio. EW)
Das Lößbergland bildete bereits seit über 2000 Jahren wegen seiner Fruchtbarkeit einen der Kernräume des chinesischen Reiches. Der fruchtbare Lößboden führte dazu, dass die traditionelle Viehwirtschaft immer mehr vom intensiven Ackerbau abgelöst wurde. Aber im Lößbergland, mit seinen bis zu 200 m mächtigen , jedoch relativ lockeren Lößauflage, ist der Ackerbau sehr problematisch. Im Nordteil des Lößberglands wird im relativ trockenkalten Winter bei fehlender Pflanzendecke die oberste Bodenschicht durch die stürmischen Westwinde weggeweht.
Noch bedrohender ist aber die Bodenerrosion an den Hängen. Da beim Ackerbau die Pflanzendecke nicht flächendeckend ist und dichtes Wurzelwerk fehlt (im Gegensatz zur Grasbedeckung), werden bei sommerlichen Starkniederschlägen große Mengen von Lößboden abgeschwemmt.
Dies alles führte zu erheblichen Ernährungsproblemen im so dicht besiedelten Raum, doch auch dieses Problem sollte durch die Volkskommunen behoben werden. Vorbild wurde die Produktionskommune Dazhaiim östlichen Lößbergland, die angeblich ausschließlich aus eigener Kraft die natürlichen Schwierigkeiten überwunden und die notwendigen Grundnahrungsmittel erzeugte.
Die Volkskommunen versuchten, die für die Ernährung notwendigen Getreidemengen zu erzeugen. Für den Ackerbau wurden immer weitere Neulandflächen erschlossen. Trotz Warnungen von ökologischer Seite wurde auch vor den von Erosion bedrohten Gebieten nicht halt gemacht.
Im Zusammenhang mit den umfangreichen Reformen 1978 (siehe später) wurde zum ersten Mal Kritik an den Zuständen im Lößbergland laut. Es war auch herausgekommen, dass der Erfolg der Vorzeigebrigade Dazhai nur durch staatliche Subvention zustande gekommen war.
3. Die ,,zweite Revolution" in der Landwirtschaft
3.1. Kritik und Reformen
Einen radikalen Einschnitt in die ländlichen Verhältnisse brachte der politische Umschwung 1978. Der ,,ultralinke" Kurs der Kulturrevolution wurde durch eine pragmatische Reformpolitik unter Deng Xiaoping abgelöst. Da der Getreideertrag seit längerem stagnierte, galten die ersten Reformen der Landwirtschaft. (1982 lebten nach wie vor 79,5% der Bevölkerung am Land.)
Auf dem heute schon als historisch zu bezeichnenden 3. Plenum des XI. ZK im Dezember 1978 wurden Maßnahmen beschlossen, die heute als ,,Zweite Revolution" im ländlichen China bezeichnet werden. Dazu gehörten vor allem:
1. Einführung eines ,,vertragsgebundenen Verantwortlichkeitssystem": Der Einzelhaushalt ist wieder Basis der Produktion, Entlohnung nach Leistungsprinzip. Zwar sind Boden und Produktionsmittel immer noch Kollektiveigentum, aber die Arbeit wird wieder individualisiert. Wichtig ist, dass Überschüsse frei verkauft werden können und somit einen starken Produktionsanreiz darstellen. (Bis 1984 hatten sich alle Volkskommunen auf dieses System umgestellt.)
2. Erhöhung der staatl. Ankaufspreise als Produktionsanreiz.
3. Einrichtung freier Märkte, Lockerung des staatlichen Handelsmonopols.
4. Die ehemaligen Volkskommunen verlieren ihre administrativen Aufgaben. Einzig die Betreiber größerer Betriebe der Dorfindustrie treten noch in Erscheinung.
5. Rückübertragung von politischer Macht und Verwaltung auf die Gemeinden und Kreise. Die Funktion der 50000 Volkskommunen wird auf 92000 Gemeinden übertragen. Eine Gemeinde besteht aus mehreren Dörfern.
6. Ausbau von Mittelpunktstädten (xiang) als Innovatoren für die dörfliche Industrialisierung (,,Städte führen die Kreise").
7. Schaffung von Marktgemeinden (zhen) als Handelszentren für Agrarprodukte.
3.2 Dorfindustrie und spezialisierte Haushalte
In den Volkskommunen mit ihrem starken Kollektivcharakter spielte Produktivität keine Rolle. Nach den Reformen von 1978 stand die Produktivität plötzlich im Vordergrund. Dadurch wurden große Mengen von Arbeitskräften freigesetzt. Die durch Gesetze eingeschränkte persönliche Mobilität verhinderte einen Massenexodus in die Großstädte. Es mußten somit Beschäftigungsmöglichkeiten im ländlichen Raum selbst geschaffen werden.
Einen Ansatzpunkt boten die noch aus der Volkskommunenzeit her vorhandenen Industrieanlagen. Durch die Förderung von Betriebszusammenschlüssen und die Schaffung von ,,Wirtschaftsvereinigungen" mit genossenschaftlichem Charakter sollten diese alten Anlagen zu effektiven Betrieben (,,Dorfindustrien") umgewandelt werden. Aber auch eine Vielzahl neuer Unternehmungen kamen hinzu. Im Jahre 1989 gab es 18 Mio. solcher ländlicher Industriebetriebe mit insgesamt 93,6 Mio. Arbeitskräften. Das sind 23% der Gesamtarbeitskräfte auf dem Land.
Sind die Möglichkeiten der Dorfindustrie im westlichen Binnenland doch noch stark eingeschränkt, so ist dies im Küstenraum anders. Hier ist eine infrastrukturelle und wirtschaftliche Verflechtung mit der vorhandenen ,,städtischen Industrie" möglich. So gibt es in der Küstenprovinz Shandong Dörfer, in denen bis zu 80% der bäuerlichen Einkommen außerhalb der Landwirtschaft erwirtschaftet werden.
3.2.1 Arten der ländlichen Betriebe:
- Betriebe, deren Erzeugnisse in den Dörfern selbst gefragt sind: verarbeitete Agrar- und Nebenprodukte, Landmaschinen, Kleidung, Gebrauchsartikel, Baumaterialien; dazu Handels-, Transport-, Gastronomie-, Reparatur- und andere Dienstleistungsbetriebe.
- Betriebe, die in Kooperation mit Großbetrieben in den Städten arbeiten (Zulieferung von Einzelteilen und Werkstücken)
- Betreibe des alten Kunsthandwerks
- Kleine Bergwerke
3.2.2 Bedeutung der Dorfindustrie für die Volkswirtschaft
(Daten von 1985)
- Förderung von 227 Mio. t Rohkohle (28,9% der Gesamtfördermenge)
- Herstellung von 50% der gesamten Konfektionskleidung
- Erwirtschaftung von 43% des gesamten Produktionswertes in der Bauindustrie
- Export von Produkten im Wert von 4 Milliarden US-$ ( ca. 15% des Gesamtexportvolumens)
3.3. Bilanz der Reformen
Die Erfolge in der Landwirtschaft und die Verbesserung der Lebensbedingungen auf dem Land dürfen aber nicht über enorme Strukturprobleme in der jetzigen chinesischen Landwirtschaft hinwegtäuschen:
1. Die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft verschlechtern sich laufend:
-Reduzierung der Anbaufläche jährlich um 2000 bis 3000 km durch Landverbrauch und Landverluste
-Verfall von Bewässerungssystemen und Hochwasserschutzanlagen (durch Wegfall der Kollektivbewirtschaftung)
2. Bei den heute eingesetzten agrarischen Möglichkeiten ist offenbar die Höchstertragsgrenze erreicht. Zur Steigerung der Produktivität wären deshalb erheblich höhere Investitionen erforderlich, als im Augenblick finanzierbar sind. Erfolgen diese nicht, so ist mit erheblichen ökologischen Schäden durch Übernutzung zu rechnen.
3. E gibt ungünstige politische und wirtschaftliche Umfeldbedingungen für die Landwirtschaft:
- Staat investiert zu wenig in die Landwirtschaft (z.B. in Agrarforschung, Infrastruktur)
- Die staatlichen Ankaufspreise für Agrarprodukte sind im Vergleich zu den Preisen auf den freien Märkten zu niedrig
- rücksichtslose Preissteigerungen bei den landwirtschaftlichen Produktionsmitteln
- Zu viele willkürliche lokale Abgaben und Gebühren für die Bauern
3.3.1. Raumordnung
Die neue Agrarpolitik zeigt sich auch in einer verstärkten Differenzierung des ländlichen Raumes. Vor allem auch durch die Möglichkeiten der Tätigkeiten außerhalb der reinen Argarproduktion haben sich vier Raumtypen im ländlichen China gebildet.
Diese Raumdifferenzierung führt allerdings auch zu sich verstärkenden regionalen Ungleichgewichten. Die sowieso schon bevorzugten Gebiete haben auch jetzt die besten Möglichkeiten. ,,Zuerst sollen einige wohlhabend werden, damit die anderen folgen können." Dieses Motto zeigt die Grundidee der aktuellen Entwicklungspolitik: Die Erfolgsregionen sollen als Innovationszentren Vorbildfunktionen für die ärmeren Regionen übernehmen, vor allem im Bereich der Agrartechnik, aber auch im so wichtigen Bereich der Organisation und Vermarktung.
3.3.2. Strukturelle Raumtypen im ländlichen Raum
Stadtferner ländlicher Raum:
rein agrarische Gebiete
kein großen privaten Vermarktungsmöglichkeiten
Aufschwung nur in den Gebieten der Handelsgetreidebasen
Marktorientierter ländlicher Raum:
private Vermarktung möglich
Tätigkeiten außerhalb der Landwirtschaft (Dorfindustrie, Dienstleistungssektor)
Großstädtischer ländlicher Raum:
ausgerichtet auf die Versorgung der städtischen Bevölkerung
gute Möglichkeiten der privaten Versorgung
hohe Einkommen möglich
Exportorientierter ländlicher Raum:
bietet Möglichkeiten in der Weiterverarbeitung agrarischer Produkte
hohe Einkommen möglich
4. China auf dem Weg zu einem Industriestaat
4.1. Das sowjetische Vorbild
4.1.1. die Last der Vergangenheit:
Schon im historischen China gab es Regionen, die sich schneller entwickelten. Vorzugsräume waren die Unterläufe der großen Flüsse (Hwangho, Jangtsekiang, Hsikinang), das östliche rote Becken und einige Gebiete an der Ostküste.
Es entstand bis Mitte dieses Jahrhunderts das ,,Zweigeteilte China". Neben dem erweiterten Küstenraum mit Industrie und ausgebauter Infrastruktur war der große Binnenraum ( mit Ausnahme des Roten Beckens; Sichuan) relativ unerschlossen und ländlich geprägt.
4.1.2. Nachahmung des sowjetischen Vorbilds:
Nach Ende des Bürgerkrieges und Machtübernahme durch die kommunistische Partei im Jahre 1949 stand die Wirtschaftspolitik zuerst einmal im Zeichen des Wiederaufbaus. Die Investitionen beschränkten sich auf die Reaktivierung der Industrieanlagen. 68% der industriellen Produktion kamen aus den 7 Küstenregionen (11% der Landesfläche).Diese ungleichmäßige Verteilung war der chinesischen Führung ein Dorn im Auge, deshalb sollte eine Standortverlagerung stattfinden.
Hauptziele des ersten Fünfjahresplanes, der sich stark an die Strategien der stalinistischen Wirtschaftspolitik hielt, war der Aufbau der Schwerindustrie als Grundlage für die allgemein Industrialisierung und die Förderung der industriellen Entwicklung im Binnenland. Im Rahmen dieses 1.FJPs wurden 694 neue industrielle Projekte in Angriff genommen, 156 davon mit sowjetischer Hilfe ( neben finanzieller Hilfe auch massiver Einsatz von sowjetischen Fachkräften).
4.2. ,,Vertrauen auf die eigene Kraft"- Chinas eigener Weg
Mitte der fünfziger Jahre kam es zu immer größeren Differenzen mit der Sowjetunion. Diese eskalierten dadurch, dass die Sowjetunion innerhalb weniger Monaten ihre gesamten ,,Entwicklungsarbeit" einstellte. Die fehlende Unterstützung und der Abzug von mehreren
Tausend sowjetischen Fachleuten wog schwer, sodass für einige Chinaexperten der ,,Sprung nach vorn" nur eine Notreaktion auf die eingetretene Situation war.
Mit dem ,,Großen Sprung nach vorn" wurde allerdings eine Politik eingeleitet, die 20 Jahre lang das Wirtschaftsleben in China bestimmen sollte. Man wollte ohne fremde Hilfe den Weg zu einem Industrieland schaffen.
Wichtige Schlüsselprojekte lagen weiterhin im Binnenland, aber China war nach dem Abzug der sowjetischen Hilfszahlungen nicht mehr in der Lage, Großprojekte zu verwirklichen. Ausländische Kredite lehnte man prinzipiell ab. In dieser Zeit entstand das Konzept des ,,Auf zwei Beinen Gehens": Kleine lokale Industrien wurden gefördert, viele Chinesen wurden das ersten Mal mit den Problemen der Technik bekanntgemacht. Ein Vorteil dieser kleinen Betriebe war auch der weitaus geringere finanzielle Aufwand.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten kam es in den sechziger und siebziger Jahren zu einem stetigen Wirtschaftswachstum. Und dies trotz geringer finanzieller Möglichkeiten und einer Abschottung vom Weltmarkt. Das Ausland bewunderte diese Erfolge des ,,chinesischen Modells" der Entwicklung.
4.3. Kritik und Abkehr
Nach dem Tod Maos 1976 und der kurzen Übergangsphase der ,,Viererbande" (ultralinke Gruppe unter der Führung von Maos Witwe) wurde erstmals Kritik an den gegebenen Verhältnissen laut. Kritisiert wurden unter anderem:
1. Eine Vernachlässigung der Leichtindustrie (Konsumgüterindustrie, wie Haushaltswaren, Apparate usw.) und die daraus resultierende Mangelversorgung mit Konsumgütern.
2. Eine zu geringe Produktivität der Fabriken, resultierend aus der Verwendung von veralteten und unzureichenden Technologien
3. Das fehlende Qualitätsniveau im Vergleich zum Qualitätsniveau auf dem Weltmarkt.
4. Die Territorialstruktur orientiere sich nicht an wirtschaftlichen Bedürfnissen.
In den einzelnen 5 Wirtschaftsgroßräumen (Mitte der 60er Jahre eingeführt) wurde eine Standortpolitik betrieben, die keine Rücksicht auf die unterschiedlichen Produktionsbedingungen nahm. Auf Wirtschaftlichkeit wurde nicht geachtet.
Das Ergebnis dieser Kritik war ein Reformkurs, der hauptsächlich mit dem Namen Deng Xiaoping in Verbindung gebracht wird. Unter ihm kommt es zu einer radikalen Änderung in der Politik. Die Wirtschaft hat sich nun nicht mehr hauptsächlich an ideologischen Vorgaben zu orientieren, sondern an praktischen Erfordernissen.
5. Der Reformkurs seit 1978
5.1. Wirtschaftsreformen im Inland
Das Ziel der Reformen war, eine effektive und somit ökonomisch vertretbare Wirtschaft zu entwickeln. Dazu wurden umfangreiche Maßnahmen ergriffen:
1. Einführung von Marktmechanismen:
Die Wirtschaft ist noch immer eine Planwirtschaft. Der direkten Befehlsplanung unterliegen aber nur noch sogenannte Schlüsselprodukte wie z.B. Stahl, Rohstoffe und Rüstungsgüter.
Bei vielen Branchen wird eine Leitplanung durchgeführt. Hier macht der Staat mittel- bis langfristige Vorgaben.
2. Reformen zur Steigerung der Produktivität in den Betrieben:
Einführung des Verantwortlichkeitsprinzips (Zwang für die Betriebsleitung zur Wirtschaftlichkeit)
Höhere Autonomie für die Einzelbetriebe
Schaffung freier Märkte als Produktionsanreiz
3. Einführung neuer Unternehmensformen, um Konkurrenzverhalten zu fördern
z.B.: Einzelhandel, Verarbeitungsindustrie
5.1.1. Neue Entwicklungen in der Raumplanung
Die bestehenden 5 Wirtschaftsregionen wurden in 3 Regionen (Wirtschaftsregion Ost, Mitte und West) aufgegliedert.
Im Vordergrund der neuen Investitionen steht nun die Wirtschaftsregion Ost (Küstenraum). Hier sollten neue moderner Industrien mit Hilfe aus den Regionen Mitte und Süd entstehen.
Es ist von einem ,,Ost-West-Dialog" die Rede. In der jetzigen ersten Phase wird die Region Ost auf Kosten der Regionen Mitte und Süd zu einem modernen Wirtschaftszentrum ausgebaut. In einer zukünftigen zweiten Phase soll die dann modernisierte Region Ost ,,Entwicklungshilfe" für die beiden anderen Regionen leisten. Es werden also zum ersten Mal in der chinesischen Wirtschaft zeitweilige Ungleichgewichte in Kauf genommen.
5.2. Öffnung nach außen
Von 1958 bis 1978 war die chinesische Wirtschaft relativ stark gegen die Weltwirtschaft abgeschottet. Im Reformkurs von Deng Xiaopng bekam die Außenwirtschaft allerdings größere Bedeutung.
Die Öffnung des Landes für ausländische Investitionen erfolgte schrittweise. Es wurden gesonderte ,,geöffnete Gebiete" ausgewiesen, die verschiedene Zielsetzungen hatten:
a_ 4 Wirtschaftssonderzonen (seit 1978)
- vom Binnenland abgegrenzte Gebiete zur Herstellung von Exportwaren
b_14 geöffnete Küstenstädte (seit 1984)
auch binnenwirtschaftliche Interessen ( Produktion modernster Waren für den Binnenmarkt)
c_ 3 geöffnete Wirtschaftsgebiete, Lage in den Deltamündungen (seit 1985)
neben der Industrie soll hier auch die Landwirtschaft mit Hilfe ausländischen Kapitals effektiver werden
d_270 geöffnete Städte und Kreise im Binnenland (seit 1985)
sollen Bindeglieder zwischen Küste und Binnenland darstellen
5.3. Shenzhen - Hongkong: Grenzüberschreitende Entwicklung
Die ersten geöffneten Gebiete für Auslandkapital waren die 4 Wirtschaftssonderzonen. Als Vorlage dienten die in mehreren asiatischen Entwicklungsländern existierenden Exportverarbeitungszonen (export processing zone). Dabei handelt es sich um Industriegebiete, in denen arbeitsintensive Produkte für den Weltmarkt hergestellt werden. Hauptanreize für Investitionen sind die billigen Arbeitskräfte und evtl. gewährte Zoll- und Devisenvergünstigungen.
Die Zielsetzungen in der Wirtschaftssonderzone Shenzen gehen allerdings viel weiter:
- die Region soll Schrittmacherfunktion für ganz Südchina übernehmen
- es soll auch Projekte außerhalb der Industrie, wie Landwirtschaft, Tourismus geben
- Shenzhen soll das Experimentierfeld für die friedliche Koexistenz von Kapitalismus und Sozialismus dienen (,,Spielwiese des Kapitalismus").
Der Hauptgrund für diese ,,Pionierfunktion" Shenzhens erklärt sich aus der geographischen Nähe zu Hongkong, das 1997 von Großbritannien an China zurückgegeben wurde. China möchte den Welthandelsplatz Hongkong erhalten. Unter dem Motto ,,Ein Land, zwei Systeme" wurden den Bürgern Hongkongs politische Sonderrechte und marktwirtschaftliche Freiheiten eingeräumt. Damit die Einbindung in die chinesische Volkswirtschaft dennoch möglich ist, soll Hongkong mit Shenzhen eine gemeinsame, vom übrigen Festland abgegrenzte Wirtschaftszone mit kapitalistischer Prägung bilden.
Heute hat die Region Shenzhen den höchsten Lebensstandard in der Volksrepublik China. Shenzhen ist durch einen 108,7 km langen und 3m hohen Grenzzaun vom übrigen China getrennt, um einen unkontrollierten Bevölkerungszuzug zu verhindern.
5.4. Shanghai- Chinas Tor zur Welt
Der Aufstieg Shanghais zur Weltmetropole begann mit der chinesischen Niederlage in Opiumkrieg (1842). Neben der Abtretung Hongkongs an Großbritannien wurde China gezwungen, mehrere Häfen, darunter auch Shanghai für den internationalen Handel zu öffnen. Deshalb entstand in Shanghai neben der chinesischen Stadt auch ein ,,International Settlement".
Begünstigt wurde Shanghai auch durch seine geographische Lage:
- Die Stadt hat einen Seehafen als auch einen Binnenhafen
- Der Jangtsekiang ist der Hauptbinnenschifffahrtsweg Chinas
-Shanghai liegt in der Mitte der chinesischen Küstenlinie.
- das Delta des Jangtsekiang gehört zu den fruchtbarsten Gebieten Chinas
Zuerst war Shanghai eine reine Handelsstadt. Erst um die Jahrhundertwende begann man mit der Ansiedlung von Textilfabriken. Rasch zogen andere Industriezweige nach. China wurde innerhalb weniger Jahre zur bedeutendsten Industriestadt Chinas. Allein im Urban District befinden sich über 7000 Fabriken und 20000 Läden. Zur Entlastung der Innenstadtbereiche wurden neue Industriegebiete, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind ausgewiesen. Einige dieser Projekte kamen allerdings bisher nicht über das Planungstadium hinaus.
Als Beispiel industrieller Großprojekte: Shanghai Volkswagen
6. Aktuelle Probleme und Entwicklungen
6.1. Wirtschaftsentwicklung
Der aktuelle politische Kurs der VR China basiert auf den Grundlagen der 1978 eingeleiteten Reformen. Für die weitere Entwicklung des Landes gilt die politische Richtlinie: ,,Ein Mittelpunkt, zwei Gegensätze". Der Mittelpunkt ist der umfangreiche Aufbau der Wirtschaft. Die beiden Grundsätze, die dazu beitragen sollen, sind erstens die Wirtschaftsreform mit der Öffnung nach außen und zweitens das Festhalten an den ,,Vier Grundprinzipien" (Sozialistischer Weg, Demokratische Diktatur des Volkes, Führung durch die KPCh, Marxismus-Leninismus und Mao Zedong -Ideen).
Über ein augenblicklich hohes jährliches Wirtschaftswachstum soll langfristig bis zum Jahre 2050 der industrielle Standard mittlerer Industrieländer wie Spanien oder Italien erreicht werden. Das gegenwärtige Wirtschaftswachstum darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, das China vor einem großen Problem steht. Die teilweise mangelhafte Infrastruktur ist ein erheblicher Hemmfaktor für weiteres wirtschaftliches Wachstum. Auch die politische Situation scheint nach wie vor instabil.
6.2. Bevölkerungswachstum
Auch noch heute herrscht in China so etwas wie ein Ehe- und Geburtenzwang, der aus jahrelanger Tradition resultiert. Auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts und bis 1950 war die Kommunistische Partei Chinas der Meinung, dass eine Bevölkerungszunahme unbedingt vonnöten sei , um nicht von anderen Weltmächten unterjocht zu werden.
1849 betrag die Geburtenrate ca. 4%. Erst Mitte der sechziger Jahre erkannte man die Gefahr eines zu hohen Bevölkerungswachstum. Seit 1984 verpflichtet die chinesische Verfassung den Staat zur Geburtenkontrolle.
Maßnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums:
- Kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln
- Kostenlose Schwangerschaftsunterbrechung
- Einführung eines Mindestheiratsalter
- Verpflichtung zur Einkindehe: bei Einhaltung gibt es finanzielle und soziale Zulagen, ab dem 3. Kind keine Krankenversicherung, Arbeitsplatzvermittlung usw. Mehr
In den Städten werden den Betrieben und Wohneinheiten bestimmte Geburtenquoten zugeteilt. Junge Ehepaare bekommen zu gegebener Zeit von ihrer Wohneinheit die Kindererlaubnis.
Anders die Situation auf dem Land. Kontrollinstanzen wie in der Stadt sind kaum vorhanden. Außerdem wird durch die fehlende Altersversorgung ein zweites Kind von der Bevölkerung als nötig angesehen, wenn das erste eine Tochter war.
6.2.1. Die aktuelle Situation:
1980 stellte die chinesische Führung ein Zukunftsszenarium vor, welches vorsah, dass aufgrund der Geburtenkontrolle bis zum Jahr 2000 die Einwohnerzahl von 1,2 Milliarden nicht überschritten wird.
Die Gründe für eine immer noch zu hohe Geburtenrate sind vielfältig. Zum einen gibt es zur Zeit gerade einen ,,Babyboom", da jährlich 64 Mio. Frauen ins heirats- und gebärfähige Alter kommen. Zum anderen zeigt sich, dass die Maßnahmen zur Geburtenkontrolle nur teilweise eingehalten werden. Immer noch ca. 40% der Ehepaare haben 2 oder mehr Kinder.
Beim Vergleichen der Geburtenziffern muß allerdings deutlich das Einhalten der Maßnahmen in der Stadt und dem häufigen Übertreten auf dem Land beachtet werden. Da allerdings nach wie vor ¾ aller Chinesen auf dem Land leben, so wird klar, welche Zeitbombe hier tickt.
Wie eng die gegenwärtige Ernährungssituation schon ist, zeigt folgendes: 1989 gab es eine Rekordernte an Getreide. Diese müßte beim gegenwärtigen Bevölkerungswachstum um 12% gesteigert werden, um im Jahr 2000 dieselbe pro-Kopf-Menge zu erwirtschaften.
CHINA
FLÄCHE: 9.572.419 qkm. (957 Mio. ha)
BEVÖLKERUNGSZAHL: 1.245.745.000 (1998).
BEVÖLKERUNGSDICHTE: 130 pro qkm.
HAUPTSTADT: Beijing (Peking). Einwohner: 10.780.000 (1998). Eine der größten chinesischen Metropolen ist Shanghai mit 14.640.000 Einwohnern (1998). Es gibt mindestens 39 weitere Städte, in denen über 1 Mio. Menschen leben.
GEOGRAPHIE: China ist flächenmäßig das drittgrößte Land der Welt.
China besteht aus 22 Provinzen, 5 autonomen Gebieten und 4 regierungsunmittelbaren Städten. Die landschaftliche Vielfalt reicht vom Hochland im Westen mit über 8000 m hohen Bergen, bis zu den Tiefebenen im Osten.
Etwa ein Drittel des Landes ist Wüste, das andere Drittel Gebirge. Die bekanntesten Gebirgsketten sind der Himalaja, die Altai-Berge, die Tianshan-Berge und die Kunlun-Berge. An der Grenze zu Nepal liegt der 8848 m hohe Mount Everest.
Im Osten und Westen davon liegen die Qinghai-Hochebene und die Tibet-Hochebene; letztere ist über 4000 m hoch und wird das »Dach der Welt« genannt. Am Fuß der Tianshan-Berge liegt die Turfan-Tiefebene, die mit 154 m unter dem Meeresspiegel Chinas tiefsten Punkt bildet. Der Gelbe Fluß (Huang He) und der Yangtse Kiang (Chang Jiang) sind die bekanntesten Flüsse.
Die Küste hat eine Gesamtlänge von 18.000 km
keine 10% der Fläche eignen sich für die Landwirtschaft. - Nicht einmal 90 Mio ha.
.
Bei den Zahlen für China gibt es jetzt mal enorme Widersprüche.
Mal sind es 15%, mal 9%, mal 12%, an landwirtschaftlich nutzbarem oder benutztem Gebiet, bei nur ein paar Textquellen.
Da muss ich noch mehr Quellen suchen. Aber was is dann echt?
In die Maobibel schaun?
Irgendwie nen Mittelwert nehmen...
Was auch Shit ist, die Angaben über Staats-und Privatbesitz von gewissen Ländern werden wie Staatsgeheimnisse gehütet.
Aber gerade das ist ja das Interessante: Vor 10.000 Jahren gab es kein Katasteramt.
Sogar vereinzelte Eingeborene & Indianer sind ja heute noch der Meinung, dass Land nicht jemandem als Privateigentum zugeordnet werden darf.
Der ordentliche Kapitalist und Anleger aber nich!
Hier eine einigermassen seriöse Kurve zu zeichnen - wie der Landbesitz dieser Welt zunehmend in feste, private Hände gelangt ist - wird auch schwer sein.
In Südamerika ist ungefähr etwas mehr als ein Drittel noch nicht in privaten Händen.
In Russland noch 90%. Wird bei den Chinesen ähnlich sein.
Mal sehn, wie das anderswo ist.
Aber in Europa ist ja wirklich schon sehr viel "demokratisiert"...
Kaum ein Staat, der mehr als 5-10% an Staatsterritorium für die Allgemeinheit zusammenhält.
Der Privatisierungsgrad ist hier sogar höher als in den USA.:eek:
@inputs
da haste ja was zusammengebracht hier. :eek:
interessiert mich :) - einer mehr auf deiner liste. ;)
werde das aber so stück für stück "abarbeiten". :cool:
gitb einiges zu tun in den nächsten 200 jahren. :rolleyes:
So, genug geleistet, für den "Tag der Arbeit"!
Nach nochmaligem Durchlesen schälen sich aber schon Konturen aus dem Textmatsch:
Um so leben zu können wie die Amerikaner, bräuchte jedes Menschlein, ob gross ob klein, nun 5 Hektar Land im Privatbesitz.
Das ginge sich erdoberflächenmässig verteilt sogar noch aus, bei etwa 30 Mrd. ha Erdoberfläche.
Auf wen aber verteilen wir die Ozeane?
5 ha Nordsee, oder Adria?
Als erstes fiele mir Germa fürne Zuteilung ein - weil: Fett schwimmt ja...
:lach :lach :lach
Original geschrieben von mrabc
@inputs
da haste ja was zusammengebracht hier. :eek:
interessiert mich :) - einer mehr auf deiner liste. ;)
werde das aber so stück für stück "abarbeiten". :cool:
gitb einiges zu tun in den nächsten 200 jahren. :rolleyes:
Oh, Hallo, Hi mrabc!
Hat sich ja sogar nochnen Mohikaner herverirrt, in meine Gedankensammelstelle zur Erdaufteilung.
Trag ruhig rein, wenn de was weisst oder findst.
Für Öl-und Gold gibts eh andere Threads.
Wir "germanistischen RIVA-Diätler" reden nur übers Globalfutter!
:hihi :hihi :hihi :hihi :hihi
kosto würde sagen
denke se mal über food nach,sprich nestle und unilever
und vll noch die amichemieschleuder monsanto
:rolleyes: :rolleyes:
puhhhhhhhhhhhhhh
soviel zur börsenrelevanz
rohstoffe im weitestem sinne
Oh, Hallo, 4604!
Tja, PIONEER und MONSANTO - die "2 Heiligen des entseelten Frasses"!
Ich mein halt, von all der Zinsrechnerei über das Ersparte, und inmitten der Scheuklappen durch vorgegebene Börsenturbulenzen verlieren sehr viele den Blick fürs Wesentliche. - Für den Treibstoff, den Klebstoff, der unsere Körper alle hier auf der Erde hält...
tag inputs,schon klar
apropos treibstoff
das thema öl & china dürfte auch noch an brisanz gewinnen
wenn die wirtschaftsdaten drüben stimmen sollten
industralisierung kommt mächtig voran,fahrräder werden immer weniger autos immer mehr
gibts überhaupt nen chart betr. chinas ölverbrauch
hhmmmmmmmmmmmm
:rolleyes:
naja,je näher sich china/indien an den industriestandarts der ersten welt annähern desto brisant dürfte das thema öl und food werden
Weisste, 46, was mich ein wenig ermüdet?
In all den Börsenboard gehts doch immer nur ums gleiche: Gold, Devisen- und Rohstoffspekulationen, Anleihen, Papiere und: hauptsächlich um Derivate.
Vor 3 Jahren noch waren es Netties, Chippies und Commies.
Dieselben Derivate, über die man dauernd schimpft.
Derivate, mit denen man selber reich werden möchte und gleichzeitig der Finanzwelt den Supergau wünscht.
Es wird kritisiert, dass die Welt jeden Tag unproduktiver wird. Dass keiner mehr investiert, weil alle nur mehr den bösen Derivaten hinterher sind.
Inklusive man selber.
Irgendwie Gaga.
Man verschläft wieder mal wichtigere Entwicklungen dabei. Weil es die eigenen Scheuklappen nicht erlauben, noch andere Zusammenhänge auszumachen oder zu erkennen.
Und dann lese ich jeden Tag, und das immer öfter: "Die Welt ist seit Jahrzehnten zu verwöhnt! Die Party geht zu Ende! Ein Krieg muss kommen, ein Krieg wird kommen! Eine Not muss kommen, eine Not wird kommen!"
Man begeilt sich am künftigen und kommenden Grusel als Elend der anderen (zu denen man ja nie gehört) schon jetzt, Grusel, Horror, den man da täglich herbeiredet, und kommt nicht 5 Sekunden lang auf die Idee, dass es an einem selbst läge, etwas für sich daran zu ändern.
Es ist, wie wenn jemand sich ermattet schnaufend neben eine Badewanne voll Säure legt, und seine Hand hineintaucht.
Es raucht und zischt, das Fleisch verbrennt, und es beginnt sich aufzulösen.
Und der Besitzer der Hand sagt dann: "Ja, seht nur! Genauso habe ich es vorausgesagt! Das Übel kommt! Schmerzen, nichts als Schmerzen! Unglaubliche Schmerzen! Ein Abmagerungsprozess ohnegleichen, für diese überfetteten Körper!
Jetzt ist die Hand gar schon fast zur Hälfte weg!
Hab ich´s nicht gesagt?- Hab´ ich nicht gewarnt? - Ach, Herrjeh...."
Auf die Idee, die Hand schnell rauszuziehen und sie für was Konstruktiveres zu verwenden als für die letztesten Finanzmogeleien, auf die kommt da kaum wer.
Oder überhaupt!!! - die Pfote erst gar nicht reinzuhalten!
:rolleyes:
hey inputs du nase :D
lass dich von eliska nicht durcheinander bringen - tolle arbeit http://www.stock-channel.net/stock-board/images/icons/icon14.gif
für manche ist es halt schwierig genug die postingnummern auf einen zettel zu schreiben :lach
tja was soll mann da sagen
krieg hat seine zeit
lieben hat seine zeit
hassen hat seine zeit
weinen hat seine zeit
lachen hat seine zeit
frieden hat seine zeit
leben hat seine zeit
sterben hat seine zeit
abreissen hat seine zeit
aufbauen hat seine zeit
usw...
alles kommt und geht wie die jahreszeiten
winter,frühling,sommer,herbst..............
machen wir das beste daraus
den lauf der zeit können wir nicht anhalten
vll muss es so sein
:rolleyes:
Chinas Energiepolitik
Globale Dimensionen und Auswirkungen
Die Bewältigung der energiepolitischen Herausforderungen bildet eine zentrale Bedingung für den Aufstieg Chinas zu einer regionalen und globalen Großmacht. Die Lösung der Energiefrage ist grundlegende Voraussetzung für ein weiterhin hohes Wirtschaftswachstum, das wiederum die Grundlage für sozioökonomische und politische Stabilität bildet. Zudem muss die Lösung der Energiefrage auch im Zusammenhang mit anderen Ressourcenfragen (Wasser, Nahrungsmittel) gesehen werden. Aufgrund der größer werdenden Schere zwischen rapide ansteigendem Energiebedarf und fehlenden Rohöl- und Erdgasvorräten im eigenen Land ist die zukünftige Energiesicherheit für die chinesische Führung inzwischen zu einer „Frage von Leben und Tod“ geworden.
China ist auf einen zunehmenden Import von Rohöl und Erdgas, vornehmlich aus dem Nahen und Mittleren Osten, angewiesen. Dies eröffnet einerseits Chancen zu verstärkter regionaler und globaler Kooperation sowie der beschleunigten Integration Chinas in die Weltwirtschaft. Andererseits kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass China eher seiner traditionell-historischen „strategischen Sicherheitskultur“ folgt, die von weitgehender Autarkie, Selbstversorgung und Verringerung von Abhängigkeiten gegenüber ausländischen Mächten und Märkten gekennzeichnet ist. Unilateral-nationale Lösungen aber könnten die strategische Rivalität und Machtkonkurrenz mit anderen asiatischen Großmächten (insbesondere Japan und Indien), die ebenfalls von hohen Energieimporten abhängig sind, verstärken und zu Rüstungswettläufen sowie gewalttätigen Konflikten führen. Daher sollte die internationale Gemeinschaft ein strategisches Interesse an der Lösung der Energieprobleme Chinas im 21. Jahrhundert haben.
Zur gegenwärtigen Lage
Seit 1990 ist China zum Nettoimporteur von Energie und seit November 1993 auch zum Nettoimporteur von Rohöl geworden; nach Japan inzwischen zweitgrößter Energiekonsument bei Rohöl in der asiatisch-pazifischen Region. Chinas gegenwärtige und zukünftige Energiesituation ist durch folgende Fakten gekennzeichnet:
rapider Anstieg des Energieverbrauchs in den nächsten Jahrzehnten;
gleichzeitiger Anstieg des Energiebedarfs fast aller anderen ost- und südasiatischen Staaten, der in energie- und machtpolitische Konkurrenz münden kann;
geringe Öl- und Gasvorkommen im eigenen Land, aus dem sich ein gewaltiger Importbedarf vor allem aus dem Persischen Golf mit sicherheitspolitischen Konsequenzen ergibt;
hohe Abhängigkeit von Kohle, die aufgrund umweltpolitischer Auswirkungen begrenzt werden muss;
Notwendigkeit zur Diversifizierung der Energieträger, Transportwege und Produktionsstätten (insbesondere im Ausland) aufgrund weltwirtschaftlicher Trends (Globalisierung, Kosten etc.) sowie sicherheitspolitischen Gründen;
die bisher geringe eigene Erfahrungen bei der Einbindung in weltwirtschaftliche Prozesse gegenseitiger Abhängigkeit. Dabei kommt der institutionellen Verflechtung geoökonomischer und geopolitischer Interessen in der Außen- und Sicherheitspolitik Chinas eine zentrale Rolle zu, da die staatlichen Energiekonzerne noch Teil des sicherheitspolitischen Institutionengeflechts im Machtapparat Beijings sind.
China verbraucht gegenwärtig etwa 4 Millionen Barrel Rohöl pro Tag (b/d). Dies macht ca. 20 Prozent des gesamten Rohölverbrauchs Asiens und 5,5 Prozent des weltweiten Verbrauchs aus. 1997 importierte Beijing bereits 432 Millionen b/d vor allem aus der Golf-Region. Im Zeitraum 1990 bis 1994 betrug der jährliche Anstieg des Energieverbrauchs acht Prozent, während die Energieproduktion lediglich um ein Prozent zunahm. Dennoch war China 1996 sechstgrößter Erdölproduzent der Welt.
Aufteilung der Energieträger in China und Asien-Pazifik (in %)
Kohle Öl Gas Kernkraft Wasserkraft
Globaler Anteil 20 40 29 8 3
Anteil Asien-Pazifiks 45 39 9 5 2
Anteil Chinas 75 20 2 1 2
Obwohl mehr als 90 Prozent der gegenwärtigen chinesischen Erdölproduktion auf dem Festland erfolgt, sind die größeren Steigerungsraten im Ost- und Südchinesischen Meer zu verzeichnen. Obwohl bis Ende 2000 die Offshore-Produktion in China auf jährlich etwa 73 Millionen Fass ansteigen sollte, war bereits frühzeitig abzusehen, dass dies die noch dynamischere Erhöhung des Energiebedarfs nicht ausgleichen könnte.
China verfügt über lediglich 2,43 Prozent der weltweiten Rohöl- und 1,2 Prozent der globalen Erdgasreserven. Obwohl das Land (nach USA und Russland) über die drittgrößten Kohlereserven der Welt verfügt, wird es in den nächsten Jahren auch ausländische Kohle in größeren Mengen importieren müssen. Im Jahr 2010 muss China vermutlich etwa 40 Prozent seines Erdölbedarfs importieren. Der Import würde dann von 35 Millionent (1997) auf bis zu 142 Millionen t (2010) ansteigen. Dieser gewaltige Energiebedarf ist jedoch nicht allein auf den Bevölkerungszuwachs zurückzuführen, sondern auch auf die beschleunigte landwirtschaftliche Elektrifizierung, Urbanisierung und den rasant ansteigenden Konsum (Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher, Klimaanlagen etc.). Dieses Ungleichgewicht zwischen dem aus dem Wirtschaftswachstum und der Bevölkerungszunahme resultierenden Bedarf sowie der einheimischen Energieproduktion nimmt tendenziell weiter zu, so dass China bereits im Jahr 2000 nur noch 70 Prozent seines Energiebedarfs aus eigenen Vorkommen decken kann. Bis zum Jahr 2015 wird sogar eine Verdreifachung des Energiebedarfs erwartet. Setzen sich die gegenwärtigen Energietrends fort, wird China in weniger als 30 Jahren auch die USA überholt haben.
Nachfrage in Asien-Pazifik
Gleichzeitig ist aber nicht nur der Energiebedarf Chinas angestiegen, sondern auch die regionale Nachfrage in der asiatisch-pazifischen Region. So ist im Zeitraum 1990 bis 1996 der Rohölbedarf in der Region um durchschnittlich 5,3 Prozent gestiegen. 1992 betrug der japanische Rohölimport noch 77 Prozent des gesamten asiatischen Erdölimports; im Jahr 2010 wird er voraussichtlich auf 37 Prozent gefallen sein. Zwischen 1986 und 1996 hat die regionale Energienachfrage um 60 Prozent zugenommen. Diese ist von etwa 18 Prozent des globalen Energiebedarfs 1984 auf ca. 25 Prozent 1998 gestiegen.
Die gegenwärtige Asien-Krise wird mittel- und langfristig jedoch kaum signifikante Auswirkungen auf den regionalen und globalen Ölverbrauch haben und somit die langfristigen Energietrends nicht umkehren können. Selbst bei einem Rückgang des Wirtschaftswachstums auf ein Prozent in den nächsten drei Jahren dürfte der Tagesbedarf 2010 um 9 Millionen b/d höher liegen als 1996. Damit wäre der Bedarf höher als die gesamte gegenwärtige Rohölproduktion Saudi Arabiens! Wie auch immer eine Lösung der Fragen der Energiesicherheit in Ost- und Südasien aussehen mag, sie kann nicht ohne China erfolgen. Dessen Energieverbrauch macht gegenwärtig bereits etwa 64 Prozent des gesamten Energieverbrauchs im asiatisch-pazifischen Raum aus.
Die Schere zwischen rapide zunehmender Energienachfrage und eigenen Energiereserven wird auch deshalb weiter auseinandergehen, weil Rohölreserven nur begrenzt vorhanden sind und auch neu entdeckte Rohölvorkommen mit dem rasch wachsenden Energiebedarf nicht Schritt halten. 1989 vermutete China im Südchinesischen Meer 130 Milliarden Fass Rohöl, während internationale Schätzungen zwischen 6 und 105 Milliarden Fass Rohölreserven schwankten. Die derzeit nachweisbaren Rohölreserven liegen jedoch bei lediglich etwa 7,5 Milliarden Fass. Auch für das Tarim-Becken (Sinkiang) haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt. Gegenüber den ursprünglich erhofften Ölreserven von 13 bis 29 Milliarden t sind bisher lediglich 230 Millionen t nachweisbar. Allerdings konnten erhebliche Erdgasressourcen nachgewiesen werden. Die Kosten für den Bau von Pipelines und Verflüssigungsanlagen sind aufgrund der langen Transportwege gewaltig.
Kohle und Umwelt
Ein weiterer Anstieg der Kohleproduktion ist nur begrenzt möglich, da die Umwelt in China schon heute übermäßig belastet ist, das Wirtschaftswachstum gefährdet und die Ernährungssituation beeinträchtigt. Gleichzeitig ist China nach den USA der größte Produzent von Treibhausgasen, die für die globale Klimaerwärmung verantwortlich sind. Zusammen mit den USA produziert China mehr als 36 Prozent der weltweiten Schadstoffemissionen. In Südkorea sollen bereits 33% aller CO2-Ablagerungen und in Japan 50% der Schwefelemissionen, die für den sauren Regen verantwortlich gemacht werden, chinesischen Ursprungs sein. Für 2020 wird erwartet, dass China und Indien zusammen für 75% aller globalen CO2-Emissionen verantwortlich sein werden. Chinas Kohlereserven können daher nur dann weiter an Bedeutung gewinnen, wenn saubere und kostengünstige Verbrennungstechnologien breiteste Anwendung finden. Hierfür fehlen aber die finanziellen Mittel.
Die chinesische Führung setzt daher zwar verstärkt auf andere Energieträger. Doch auch dem Ausbau der Wasserkraft sind durch Umweltschutzanliegen zunehmend Grenzen gesetzt, wie an den Widerständen gegen gigantische Großbauvorhaben (Drei-Schluchten-Projekt) deutlich geworden ist. Zwar soll die Nachfrage vor allem nach Erdgas um jährlich 8% steigen, doch wird auch dessen Anteil am gesamten Energieverbrauch Chinas bis 2020 höchstens 11% betragen. Auch der Anteil der zivilen Kernkraftnutzung am gesamten Energieverbrauch Chinas wird – trotz des Ausbaus von gegenwärtig drei auf 16 bis 18 Kernkraftreaktoren im Jahr 2025 – lediglich von 1,5% Mitte der neunziger Jahre auf höchstens 4 bis 6 Prozent bis zum Jahr 2020 ansteigen. Gleichzeitig wird zwar der Anteil der Kohleproduktion am gesamten Energieverbrauch prozentual sinken, der Umfang der Kohleproduktion jedoch weiter ansteigen. So ist im Zeitraum 1996 bis 2020 eine Zunahme beim globalen Kohleverbrauch von etwa 2 Milliarden Tonnen zu erwarten, wovon allein 85% auf China und Indien entfallen.
Die politische Anti-Politik des Neoliberalismus
Helge Meves 01.05.2003
Trotz großer Bedeutungsunterschiede wurde der Neoliberalismus zu einem markanten und politisch mächtigen Sammelbegriff
Der Neoliberalismus ist zum Schlagwort geworden. Einigen Kritikern erscheint er dämonisch. Apologeten dagegen schreiben den Namen stolz auf ihre Fahnen. Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten schließlich macht alles nicht einfacher. Ist das Neoliberalismus ( Der postmoderne Krieg ist am Ende) oder noch Imperialismus oder schon wieder was Neues? Und was hat das schließlich alles mit der Bundesrepublik zu tun?
Die Vereinigte Volksfront von Chicago
Die Judäische Volksfront, die Volksfront von Judäa und - nicht zu vergessen - die Populäre Volksfront wirken wie ein einheitliches Gebilde, nimmt man den Neoliberalismus in den Blick. Auch Peter Hacks' verschrobenes "Natürliches System der politischen Linken" mit seinen zahlgenau fünfzehn Strömungen weltweit ist dagegen geradezu noch eine Einheitsfront.
Der Neoliberalismus bietet mehr: André F. Lichtschlag unterschied zuletzt ca. fünfundzwanzig, allein hierzulande teils im Entstehen begriffene, K-Gruppen im Umfeld der Zeitschrift eigentümlich frei. Das "K" steht für "Kapitalistische"; nicht nur den gewählten Namen nach brauchen sich diese K-Gruppen vor den Judäern nicht zu verstecken.
Dennoch ist der Neoliberalismus zum Sammelbegriff geworden. Kritiker wie Verteidiger sitzen hier gemeinsam der PR-Strategie des Neoliberalismus auf, der die erheblichen internen Differenzen aus der öffentlichkeitswirksamen Diskussion heraushält. Der moralisch-politische Impetus der globalisierungskritischen Bewegungen ebnet weiter neoliberale Berge und Schluchten zuweilen auch bis zur Unkenntlichkeit ein. Übersprungen oder verklärt werden gravierende volkswirtschaftliche und philosophische Differenzen zwischen den neoliberalen Think Tanks selbst. In Vivianne Forresters Terror der Ökonomie, einem diese Bewegungen vor sieben Jahren initiierender Text, etwa ist zu lesen:
"Wir leben im Zeitalter des Liberalismus, der sein Denksystem durchsetzen konnte, ohne es je wirklich zu formulieren, als Doktrin arbeiten zu müssen. So verinnerlicht und wirksam war er, noch bevor man ihn zu erkennen vermochte. Er schaffte damit ein autoritäres, im Grunde totalitäres System, das sich im Augenblick jedoch noch in der Demokratie versteckt hält. Er ist noch gemäßigt, beherrscht und diskret und darauf bedacht, keine Aufsehen zu erregen. Wir befinden uns in der Gewalt der Stille."
Idee und Wirklichkeit
Dazu kommt, dass die Durchsetzung des Neoliberalismus in Folge der politischen, kulturellen und ökonomischen Differenzen zwischen den Ländern zu unterschiedlichen Ergebnissen führte und führt. Damit wird eine Zurechung von praktischen Folgen zu den ideologischen Absichten der Akteure heikel.
In Großbritannien etwa waren die Differenzen zwischen der Ideologie der Neoliberalen und den praktischen Ergebnissen ihrer Politik den damaligen Protagonisten geradezu peinlich: Der britische Staatsapparat nutzte am Ende der neoliberalen Wende nicht weniger ökonomische Ressourcen als in den siebziger Jahren; die Steuerbelastung der meisten Familien war in dieser Zeit gar gestiegen.
Schließlich wird die neoliberale Ideologie von der aktuellen Politik der USA sukzessive durch eine Politik überlagert und ersetzt, die von den neoliberalen Bemühungen der WTO und IWF verschieden ist und in der gegenwärtigen Praxis ein American Empire mit klassisch imperialer Autorität zu etablieren sucht.
Zur Geschichte des Neoliberalismus
Der Begriff Neoliberalismus hat sich in den letzten Jahrzehnten in Europa als Kennzeichnung für eine neue Ideologie eingebürgert. Synonym wird in der Vereinigten Staaten vom Neokonservatismus und Washingtoner Konsens, im französischen Sprachraum vom pensée unique und generell vom Laissez-faire-Kapitalismus, personifiziert durch die Chicago-Boys, gesprochen.
Das Präfix "Neo" nimmt eine Abgrenzung zum traditionellen Liberalismus vor. Im Unterschied zu diesem versteht er seine Vorstellungen der negativen Freiheiten von der Ökonomie her und dehnt er sie von dort her auf die gesamte Gesellschaft aus. Der freie Markt ist der Anfangs- und Endpunkt; er gilt als die Möglichkeit, dass größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl zu erreichen.
Die zentralen Forderungen dieser Ideologie sind freier Handel mit Produkten und Dienstleistungen, freie Kapitalzirkulation und freie Investitionspolitik. "Frei" meint hier im Sinne negativer Freiheiten frei von allen Auflagen und Einschränkungen, seien es politische Regelungen von Nationalstaaten, Staatenverbänden oder auch präkapitalistischen Clans. Bestritten werden politische Regelungen wie soziale, ökologische und politische Vorstellungen zur Gestaltung der Gesellschaft.
Die klassische Debatte in der Volkswirtschaftslehre um Freihandel oder Schutzzoll ist der historische Ansatzpunkt. Soweit steht diese Ideologie noch in der Tradition des klassischen Liberalismus. Während aber der von Verteidigern und Kritikern der neoliberalen Ideologie zu unrecht in Anspruch genommene Adam Smith zum Beispiel noch eine politische Gestaltung der Gesellschaft für erforderlich hielt, er etwa Schutzzölle und komplette Handelverbote Großbritanniens gegen die nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben überlegene holländische Handelsflotte verteidigte und ihm die vollständige Wiederherstellung des Freihandels in Großbritannien schon damals so "absurd" vorkam, wie die Gründung eines "Utopia" nach den Ideen von Thomas Morus dort selbst, verlässt der Neoliberalismus in dieser Hinsicht seine Tradition.
Neu ist im Neoliberalismus über die Schuldifferenzen untereinander hinweg, dass sich der Mensch aus Gründen der Bewahrung seiner Freiheit der marktbestimmten gesellschaftlichen Evolution anvertrauen muss. Die nicht nur durch ihre radikalen und originellen Positionen schillernde und mit ihren teils verfilmten Romanen in den Vereinigten Staaten sehr wirkungsmächtige Ayn Rand ( Kapitalismus und Freiheit) spricht in ihrem Essay "Mans Right" aus, was danach von den liberalen Bürger- und Menschenrechten bleibt:
"Das ist die Konstellation bei einer der aktuell entscheidendsten Fragen: politische Rechte stehen gegen ökonomische Rechte. Die Frage ist Entweder-Oder. Das eine Recht zerstört das andere. Aber es gibt in Wirklichkeit gar keine "ökonomischen" Rechte, "gemeinschaftlichen" Rechte und "öffentlichkeitsrelevanten" Rechte. Der Ausdruck "individuelle" Rechte ist überflüssig: es gibt keine andere Art von Rechten als individuelle und niemand sonst kann diese Rechte besitzen. Diejenigen, die den Laissez-fair-Kapitalismus verteidigen, sind die alleinigen Verteidiger der Menschenrechte."
Der Triumph des Neoliberalismus
Der Durchbruch zur dominierenden Ideologie gelang dem Neoliberalismus Anfang der 70er Jahre mit den Wirtschaftsnobelpreisen für die Chicagoer Schule, Friedrich August von Hayek 1974 und Milton Friedmann 1976, sowie den ersten neoliberalen Großexperimenten an den Menschen im Chile Pinochets ab 1975 und im Großbritannien Thatchers ab 1979. Die Ideen und Erfolge des Neoliberalismus können mit einem Blick auf die Bilanzen nachgezeichnet werden, die seine Dissidenten ziehen.
John Gray, ehemals Cheftheoretiker Margret Thatchers, spricht in seiner Analyse von einer "Ideologie des Laissez-faire", die "bestenfalls ein Anachronismus" sei. Joseph Stiglitz, bis 2000 Senior Vice President der Weltbank, resümiert aus seiner Praxis der Entscheidungsfindung im Weißen Haus und danach bei der Weltbank sowie aus seiner Analyse der Folgen dieser Wirtschaftspolitik:
"... dass viele Entscheidungen ideologisch oder interessenpolitisch motiviert sind, ... dass es weder auf ökonomische noch auf politische Rationalität ankommt, ... was allzu oft mehr den Interessen in den Industriestaaten - genauer: bestimmten Partikularinteressen in diesen Ländern - als denen der Dritten Welt diente."
Der Neoliberalismus ist eine Ideologie, deren Wurzeln in der liberalen Gesellschaftsutopie negativer Freiheiten, respektive Bürger- und Menschenrechte, von einem ökonomistischen Gesellschafts- und Menschenbild überdeckt werden. Er ist eine politische Anti-Politik. Die Frage "Schutzzoll oder Freihandel?" etwa kann danach nicht mehr als politische Frage gestellt werden. Als Modell für die ganze Welt wird er seit dem Ende des zweiten Weltkrieges mit einem außerordentlichen Aufwand und Geschick propagiert. Susan George diagnostiziert treffend und damit zugleich Defizite beschreibend:
"Sie haben begriffen, dass es zur Durchsetzung ihrer Überzeugungen materieller Infrastrukturen bedarf. Sie haben begriffen, dass diese Strukturen weitgehend intellektuelle Superstrukturen bestimmen - das ist es, was Gramcsi mit dem hegemonialen Projekt des Kapitalismus meinte: Entscheidend ist, in die Köpfe der Menschen zu gelangen, dann gewinnst Du ihr Herz, ihre Hände und ihr Schicksal. ... Nicht nur vertraute die Linke zu lang auf ihre intellektuelle Überlegenheit, ruhte in der Überzeugung, es bedürfe keiner Anstrengungen, ihre Positionen zu begründen, sie machte sich naiverweise auch keine Gedanken über die wachsende intellektuelle Kraft der Rechten, die schon bald hegemonial werden sollte."
Das trägt Früchte. Derzeit eher unterhaltend mag sein, dass unter den erwähnten "Kapitalistischen Gruppen" allein drei von Ayn Ran inspiriert sind: die "Orthodoxen Objektivisten vom Ayn Rand Institut Deutschland" (ARID), die "Neoobjektivistischen Revisionisten der Objektivistischen Union" (OU) und die "Blaue Armee Fraktion/Kommando Wolfgang Gerhardt" (BAF/KWG) um Ragnar Danneskjöld. Letzteres ist selbstredend ein Deckname, der der romangewordenen Negation Robin Hoods in Ayn Rands "Atlas Shrugged" entliehen wurde und die sich dort wie folgt beschreibt:
"Robin Hood war der Mann, der das, was er den Reichen raubte, den Armen gab. Ich dagegen bin der Mann, der das, was er den Armen raubt, den Reichen gibt - oder, um genau zu sein, der Mann, der das, was er den diebischen Armen raubt, den produktiven Reichen zurück gibt."
Bemerkenswerter ist, dass selbst der imperialen Politik der USA im letzten Jahr ihre Einfuhrzölle für europäischen Stahl und kanadisches Holz als ein Verrat gegen den neoliberalen Konsens vor- und sie in einen Topf mit den sogenannten Globalisierungskritikern geworfen wurden.
Und über die reinen Wirtschaftsdebatten hinaus hat diese Ideologie schließlich längst den Alltag erreicht, ist sie Pop-Kultur geworden. Der ökonomische Konflikt in George Lucas' "Star Wars" ist der Streit um den Freihandel zwischen den Galaxien: Freihandel oder die Macht des Imperiums, das ist hier die Frage. Die Handelsföderation in "Episode 1", verborgen gelenkt von Sith-Lord Darth Sidious, ist Freihandelsgegner. Sie setzt alle parlamentarischen Mittel ein, um die "dunkle Bedrohung" Wirklichkeit werden zu lassen. Die Naboo sind ihre ersten Opfer. Deren Queen Amidala teilt im Senat der Galaktischen Republik beängstigende Demokratieschelte aus und verteidigt mit dem Freihandel genauso populistisch die untergehende Alte Republik - und den Neoliberalismus als Glaubenssatz .
Und wieder die Zappatisten
Gegen diese erfolgreiche geistig-kulturelle Offensive nahmen die globalisierungskritischen Bewegungen der Zappatisten in Chiappas/Mexiko seit Mitte der neunziger den Begriff auf und besetzten ihn sukzessive neu. Ihre Kritik setzt dabei ebenfalls an den negativen Freiheiten an, versteht die Versprechungen dieses Freiheitsbegriffs aber vom Verschwinden bisheriger positiver Freiheiten auf Kosten negativer her. Sie klagen alle Freiheiten ein, die der Neoliberalismus nur teilweise versprochen hat.
Die ökonomische Globalisierung erfolgt nach der Ideologie des Neoliberalismus auf Kosten sozialer, ökologischer und politischer Rechte und wird von daher als teilweise unvollständig, vollkommen ungenügend oder generell nicht korrekturfähig charakterisiert. Die neuen Koalitionen reichen von Globalisierungspropheten über Globalisierungskritiker bis zu Globalisierungsgegnern. Sie wollen zurück zum sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat, arbeiten an einem neuen Gesellschaftsvertrag oder wünschen eine Deglobalisierung. Michael Hardt und Antonio Negri beschreiben in ihrer Diagnose des Empire diesen unabgeschlossenen Prozess und die daraus folgenden Anforderungen an linkssozialistische Bewegungen:
"Wir sollten in der Lage sein zu erkennen, dass hier nicht ein neuer Zyklus internationalistischer Kämpfe entsteht, sondern eine neue Qualität sozialer Bewegungen auftaucht. Wir sollten, mit anderen Worten, in der Lage sein, die grundlegend neuen Charakteristika zu erkennen, die alle diese Kämpfe ungeachtet ihrer radikalen Verschiedenheit aufweisen. Zum ersten springen alle diese Kämpfe, obwohl sie in lokalen Verhältnissen fest verankert sind, sofort auf die globale Ebene und greifen die Konstitution des Empire ganz allgemein an. Zum zweiten zerstören all diese Kämpfe die traditionelle Unterscheidung zwischen ökonomischen und politischen Kampf. Sie sind gleichzeitig ökonomisch, politisch und kulturell - es sind biopolitische Kämpfe, ihr Einsatz ist die Lebensform. Es sind konstituierende Kämpfe, die neue öffentliche Räume und neue Formen von Gemeinschaft schaffen."
Made in Germany
Die hier knapp dargestellte Neoliberalismus-Kritik geht also davon aus, dass es sich beim Neoliberalismus um eine Ideologie handelt, die abhängig von den Gegebenheiten der Staaten in unterschiedlicher Art und Weise sowie in einem unterschiedlichem Umfang durchgesetzt wird. Der Begriff ist nach wissenschaftlichen Kriterien sicher unscharf. Da er aber in der politischen Diskussion etabliert ist, sollte er nach seiner Relevanz für diesen Kontext beurteilt werden. Aus dieser Perspektive lässt ihn seine politische Inanspruchnahme durch seine Verteidiger und erst recht seine Umdeutung und Neubesetzung durch die Kritiker zu einem Schlagwort der Gesellschaftskritik wirkungsmächtig werden. Schon die Verwendung des Begriffes drückt eine Thematisierung, Wertung und Kritik aus.
Und der Begriff trifft schließlich auch wesentliche Momente der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, weil z.B. das Menschenbild des ursprünglichen Hartz-Konzeptes durchaus dem des Neoliberalismus entspricht. Die Ich-AG wird als die einzige Möglichkeit offeriert, in der der Mensch durch sein Anvertrauen an die marktbestimmte gesellschaftliche Evolution seine Freiheit zurückgewinnen kann, indem er sich selbst auf seine ökonomisch marktgängig zu machenden Funktionen bescheidet. Vor der letzten Bundestagswahl, die Anbiederungen an Attac nahm schon groteske Formen an und die PDS war noch in Fraktionsstärke im Bundestag, hielt etwa Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul noch dagegen:
"Der Neoliberalismus als Glaubensrichtung hat längst abgewirtschaftet. Das ist ja der neue Monterrey-Konsens: Es gibt staatliche Verpflichtungen, die erfüllt sein müssen, damit der Markt überhaupt funktionieren kann. Der alte Washington-Konsens - let the market rule - ist passé. Man muss trotzdem aufpassen, da haben Sie schon recht."
Die letzte Regierungserklärung vom 14.03.03 und insbesondere die darin angekündigten Änderungen in der Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik, bestätigen aber dieses Menschenbild und damit den ungebrochen steigenden Einfluss neoliberaler Konzepte:
"Wir brauchen deshalb Zuständigkeiten und Leistungen aus einer Hand. Damit steigern wir die Chancen derer, die arbeiten können und wollen. Das ist der Grund, warum wir die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenlegen werden, und zwar einheitlich auf einer Höhe- auch das gilt es auszusprechen-, die in der Regel dem Niveau der Sozialhilfe entsprechen wird. Wir kommen gleichzeitig den Menschen entgegen, denen wir mehr abverlangen müssen. ...
Erfolg werden wir nur haben, wenn zwei Ziele unstrittig sind: hohe Qualität der Gesundheitsversorgung und kostenbewusstes Verhalten von Ärzten, Krankenkassen, Kliniken, Apothekern, Pharmaunternehmen, aber auch der Versicherten. ... Wir verlangen der Gesellschaft heute etwas ab, aber wir tun es, damit den Menschen neue Chancen eingeräumt werden, Chancen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und Höchstleistungen zu erbringen."
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/14697/1.html
Furcht vor dem Nahrungsmittel-Bioterrorismus:
real oder Mittel zum Protektionismus?
Herbert Hasenbein 26.06.2002
Ein neuerliches Beispiel für die stille Notstandsgesetzgebung in den USA, die der 11. September beschert hat
Kaiser und Könige hatten sie, die Potentaten dieser Welt werden nicht ohne sie sein: die Vorkoster, weil Nahrungsmittel töten können. Verständlich, dass der "Bioterrorism Act", vom amerikanischen Präsidenten am 12. Juni unterzeichnet, auch an die Gefährdung durch Nahrungsmittel denkt. Die US Food and Drug Administration ( FDA) soll bis zum Ende des Jahres 2003 die Gesundheit im Detail festlegen. Verständlich auch, dass die National Food Processors Association ( NFPA) diesem Marathon mit gemischten Gefühlen entgegensieht.
Wurde noch am 22. Mai 2002 zur "Bioterrorism Bill Food Provisions" rückhaltlos applaudiert, macht sich jetzt Ernüchterung breit. Da wird von einem extremely challenging task gesprochen, und Paul Wood, Mitglied des NFPA-Boards und zugleich Vizepräsident des Weltunternehmens Unilever stellt fest:
While the Bioterrorism Preparedness Act represents a broad expansion of FDA's food-related enforcement authorities, the Agency will need to be circumspect in how it invests its new resources to assure the most effective food security protections. ...If nothing else, the aggressive timeframe under which FDA must complete its work leaves little if any margin for error..
Die NFPA ist in ihrer Darstellung die bedeutendste "food trade association and the voice of the food processing industry on scientific and public policy issues involving food safety, food security, nutrition, technical and regulatory matters and consumer affairs." Sie spricht für 1.5 Millionen Beschäftigte, 21.000 Produkte und etwa 16.000 Produktionsstätten in den USA.
Woher kommt die Sorge? Das Gesetz ist zum Freibrief geworden, weil es die in der Vorlage noch beschränkten Rechte der FDA und des Secretary of Health and Human Services ( HHS) über die Maßen gestärkt hat. So bedarf es jetzt keiner Deklaration eines Notstandes mehr, um die Behörden tätig werden zu lassen. Allein der Verdacht, dass "the article of food presents a threat of serious adverse health consequences or death to humans or animals" reicht für das Eingreifen und weitere Aktionen aus. Als besonders gefährdet werden Kinder und Operierte angesehen, womit die Richtschnur bei Bedarf hoch angesetzt werden kann. Bereits ein einfacher Angestellter der Behörde ist ermächtigt, ein Produkt für zunächst einmal 10 Tage festzusetzen, wenn er "credible evidence or information" hat, daß "the food presents a threat of serious adverse health consequences or death to humans or animals." Bei Importprodukten reicht dieser Schritt aus, um die Einfuhr durch die Zollbehörde zu untersagen. Die FDA darf die Blockade bis zu 30 Tagen verlängern und ggf. durch eigene Untersuchungen weiter protrahieren.
Deshalb ist bemerkenswert, dass der Hersteller im Falle einer fälschlichen Anschuldigung keinen Schadenersatz geltend machen kann. Ein weiteres Element, das an die Zulassung von Arzneimitteln erinnert, ist die Forderung nach der Registrierung aller Nahrungsmittelprodukte von in- und ausländischen Herstellern. Die einzureichenden Unterlagen müssen detailliert ausgefüllt werden und beinhalten mitunter schützenswerte Besonderheiten des Produkts. Die Beamten der FDA dürfen diese Informationen nicht weitergeben - solange nicht eine Gefährdung durch das Nahrungsmittel vermutet wird.
Der Knackpunkt ist die pauschal gefasste Gesundheitsgefährdung, die keines Notstandes bedarf. Kelly Johnston, Vice President for Government Affairs and Communications for NFPA, stellt deshalb zu Recht fest, dass es sich bei dem Gesetz um "the largest expansion of food related enforcement authorities in the history of the Federal Food, Drug and Cosmetic Act (FFDCA)" handelt. Das Diktat der Regierung ist auch im internationalen Vergleich einmalig.
Die Auswirkungen sind unkalkulierbar. Weil der amerikanischen Gesundheitsbehörde zugestanden wird, gesundheitsschädliche Produkte auszumachen und zu verbieten, werden die Beamten alles tun, um sich dem Vorwurf zu entziehen, sie hätten etwas unbeachtet gelassen. Das fördert unzweifelhaft den Protektionismus der landeseigenen Produzenten, weil die durch zusätzliche staatliche Regelungen und die US Rechtsprechung einfacher in den Griff zu bekommen sind als ausländische Hersteller. Schon jetzt besteht die Möglichkeit, dass sich die FDA vor Ort umsieht, um zu einer Meinung zu kommen. Andererseits bedeutet die Registrierung, dass exportierende ausländische Produzenten damit werben werden, auf dem US Markt zugelassen zu sein. So wird die US-Gesundheit stillschweigend zum allgemeingültigen Maßstab aufgewertet. Diese Befürchtung hat eine Parallele. Die FDA, primär zuständig für Arzneimittel, bewertet nach einem organisierten Schema und bringt nicht-standardisierten "natürlichen" Produkt besonderes Misstrauen entgegen. Nicht-normierte Nahrungsmittel, und das kann der organisch gewachsene Apfel sein, werden suspekt und animieren noch mehr als bisher zur Massenfabrikation von "genetisch reinen" Nahrungsstoffen.
Bei aller Fürsorge ist allerdings ein wichtiges Element vom amerikanischen Präsidenten vergessen worden! Das Gesetz sieht noch nicht das Recht vor, in ein fremdes Land einzufallen, um dort die Hersteller von Nahrungsmitteln präventiv einzusammeln und unter US Kriegsrecht zu stellen.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/12745/1.html
The National Food Processors Association. NFPA is the voice of the $500 billion food processing industry on scientific and public policy issues involving food safety, food security, nutrition, technical and regulatory matters and consumer affairs.
http://www.nfpa-food.org/
Fleißige Bienen steigern Kaffee-Erträge
Katja Seefeldt 15.06.2002
Wenn afrikanische Honigbienen Kaffeesträucher bestäuben, steigen die Erträge
Apis mellifera scutellata, die afrikanische Honigbiene, hat sich zwar als Killerbiene einen zweifelhaften Ruf erworben, doch für südamerikanische Kaffeepflanzer bedeutet ihr Herumschwirren womöglich bares Geld. Forscher vom Smithsonian Tropical Research Institute in Balboa/Panama, berichten in der aktuellen Ausgabe von Nature", dass von diesen Honigbienen bestäubte Pflanzen fast doppelt so viel Ertrag liefern können.
Der afrikanische Kaffeestrauch Coffea arabica gilt als Säule der tropischen Landwirtschaft. Die Pflanze gehört zu den Selbstbestäuber, deshalb war man davon überzeugt, dass die offene Bestäubung, d. h. die Bestäubung durch Insekten, für den Ertrag keinen Unterschied macht. Ein Forschungsteam um den Entomologen David Roubik vom Smithsonian Tropical Research Institute konnte jetzt allerdings zeigen, dass Kaffeepflanzen die Dienste von Honigbienen sehr wohl zu schätzen wissen und diese mit schwereren Früchten honorieren.
In Panama, in einer Höhenlage von 1500 m über dem Meeresspiegel, konnten die amerikanischen Wissenschaftler an 50 zweijährigen Kaffeesträuchern beobachten, dass die reifen Kaffeekirschen (die Früchte des Kaffeepflanze), die durch offene Bestäubung der Blüten befruchtet wurden, um durchschnittlich 7 Prozent schwerer waren als bei den Pflanzen, deren Blüten mit einem feinmaschigen Material vor Fremdbestäubern geschützt worden waren. Darüber hinaus setzten sie um bis zu 49 Prozent mehr Früchte an. Als Top-Bestäuber erwies sich obendrein die wegen ihrer Angriffslust gefürchtete afrikanische Honigbiene, die in den 50er Jahren aus brasilianischen Forschungslabors ausgebüchst war und als Killerbiene für viel Aufregung gesorgt hatte. Gegenüber den von anderen Insekten bestäubten Kaffeeblüten, brachten die exklusiv von ihr Bestäubten durchschnittlich 25 Prozent mehr Gewicht auf die Waage.
Beim Vergleich der Erträge zentral- und südamerikanischer Kaffeeplantagen mit denen auf den karibischen Inseln, wo es keine Honigbienen gibt, fand Roubik seine Ergebnisse weitgehend bestätigt. Denn auch wenn die afrikanische Honigbiene auf dem Festland nicht durchweg für Ertragssteigerungen sorgte, so wirkte ihre Tätigkeit zumindest deutlich stabilisierend, die Ernteerträge auf den karibischen Inseln wiesen erheblich stärkere Schwankungen auf. Daten aus Langzeituntersuchungen ergaben insgesamt, dass die Ausbreitung der Honigbiene in Lateinamerika mit einer Zunahme der Kaffeeerträge einherging.
Für Kaffeeplantagenbesitzer dürften diese Ergebnisse nicht uninteressant sein. 2001 wurden auf 11 Millionen Hektar Kaffee geerntet. Die traditionellen Anbauländer wie Elfenbeinküste, Ghana, Kenia, Kamerun und Indonesien haben in den vergangenen 41 Jahren ihre Anbaufläche um das Zwei- bis Fünffache gesteigert. Trotzdem waren die Erträge um 20 bis 50 Prozent rückläufig. Roubik und sein Team sind nach ihren Untersuchungen davon überzeugt, dass dies in nicht unerheblichem Maße mit dem aggressiven Anbau in Monokultur zusammenhängt, der den Lebensraum von Bienen zerstört. Rückläufige Erträge versuchen die Kaffeebauern in der Regel durch eine dichtere Bepflanzung zu kompensieren. Dem fallen leider die Bäume zum Opfer, die den Kaffeesträuchern Schatten spenden sollen, um den Geschmack der Bohnen zu verbessern. Und mit ihnen verschwinden die Nistmöglichkeiten für Bienen und andere potenzielle Bestäuber.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/12727/1.html
Riskanter Gen-Mix
Katja Seefeldt 27.05.2002
Was passiert, wenn gentechnisch veränderte Pflanzen in größerem Stil auf europäischen Äckern kultiviert werden
Wenn auf nur 10 Prozent der europäischen Felder gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut würden, wäre es künftig unmöglich, auf den restlichen Flächen gentechnik-freie Erzeugnisse zu ernten. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der EU
Bislang sind die europäischen Felder noch weitgehend "gentechnikfrei". Doch die Industrie drängt darauf, den Anbau genetisch modifizierter Nutzpflanzen, so genannter GVOs (gentechnisch veränderter Organismen, engl.: genetically modified organisms, GMO) auch in Europa zuzulassen. Dies wirft die Frage auf, was passiert, wenn gentechnisch veränderte Pflanzen in größerem Stil auf europäischen Äckern kultiviert werden. Eine von der Europäischen Umweltagentur in Auftrag gegebene Studie ist bereits zu dem Ergebnis gekommen, dass Wind und Bienen Pollen von GVOs auch über weite Strecken übertragen können. Bei Nutzpflanzen wie Raps und Zuckerrüben kann es dann zur unbeabsichtigten Kreuzung mit deren verwandten Wildarten kommen, wobei die veränderten Gene auf diese übertragen werden.
Jetzt liegt eine weiteren Studie vor, die die EU-Kommission beim Institute für Prospective Technological Studies des EU Joint Research Center ( JRC) in Auftrag gegeben hat. Die Untersuchung Scenarios for co-existence of genetically modified, conventional and organic crops in European agriculture beschäftigt sich mit den Auswirkungen, die der parallele Anbau von konventionellen und gentechnisch veränderten Pflanzen auf Ebene einer Region bzw. eines Einzelbetriebs hat und wie die Verunreinigung von Saatgut und Lebens- bzw. Futtermitteln mit DNA-Anteilen gentechnisch veränderter Pflanzen begrenzt werden kann.
Das JRC stützt sich bei seiner Untersuchung auf Computersimulationen und Expertenmeinung. Die entworfenen Szenarios konzentrieren sich auf Ölraps, Mais und Kartoffel - Nutzpflanzen, von denen bereits gentechnisch veränderte Varianten zur Verfügung stehen. Die Studie orientiert sich außerdem an den Schwellenwerten für unbeabsichtigte Einstäubungen und Beimischungen aus gentechnisch veränderten Pflanzen, die die EU-Kommission schon bald in einer Verordnung festschreiben möchte: Für Lebens- und Futtermittel steht ein Grenzwert von 1% zur Diskussion, bei Saatgut sollen es je nach Kulturart 0,3% bis 0,7% sein.
Die Ergebnisse der JRC-Studie sind allerdings heikel: Die EU-Forscher stellen fest, dass sich das Saatgut nicht mehr rein halten ließe, wenn auch nur auf 10 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen GVOs wachsen würden. Wenn die Verunreinigung von Lebens- und Futtermitteln auf konventionellen Feldern mit transgener DNA von Gentech-Pflanzen nicht mehr als ein Prozent betragen soll, erfordert dies Maßnahmen, die aufwändig und kostspielig sind und eine erhebliche Veränderung der Anbau- und Erntegewohnheiten der Landwirte bedeuten. Dazu gehört beispielsweise das Einhalten von Sicherheitsabständen bei der Kultivierung oder der Anbau von Sorten, die zu anderen Zeiten blühen, als die genmanipulierten Pflanzen. Einen Problemfall bildet auch dann immer noch der Raps, bei dem die Koexistenz von konventionellem und Gentech-Raps in derselben Region zwar als "technisch möglich", jedoch "wirtschaftlich schwierig" beschrieben wird. Der Parallel-Anbau von Gentech- und konventionellen Nutzpflanzen innerhalb eines Betriebs gilt laut der Studie sogar bei Großbetrieben als "unrealistic".
Das Nachsehen haben vor allem kleine Agrarbetriebe und Bio-Bauern: Die Richtlinien des biologischen Landbaus, die keinen GVO-Anteil über 0,1 Prozent zulassen, wären kaum einzuhalten, konventionelle Kleinbetriebe wären mit dem Aufwand für Schutzmaßnahmen finanziell überfordert. Überhaupt die Kosten: Der Anbau von Mais und Kartoffeln würde sich um bis zu 9 Prozent verteuern, bei Ölraps wären es sogar bis zu 41 Prozent. Sowohl konventionell arbeitende Landwirte als auch Bio-Bauern könnten, wegen möglicher DNA-Verunreinigungen, ihr Saatgut künftig nicht mehr selber erzeugen, sondern müssten es ankaufen.
Die Einhaltung der Schwellenwerte setzt einen enormen Kooperationswillen der Landwirte einer Region voraus: Sie müssten künftig womöglich absprechen, was sie wann anbauen. Und so manche Schutzvorkehrung könnte (gerade in Deutschland) die Witterung zunichte machen. Das gesamte ausgeklügelte System von Maßnahmen funktioniert nur, wenn sich alle Beteiligten hundertprozentig daran halten, doch wer kann das kontrollieren?
Ist der Anbau von GVO-Pflanzen ein Glücksspiel mit ungewissem Ausgang? Die JRC-Studie jedenfalls wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. Doch Forschung und Industrie machen Druck, und die Neigung der EU-Kommission ist klar, sie hat ihre Mitgliedsländer bereits mehrfach aufgefordert, den Zulassungsstopp für gentechnisch veränderte Organismen aufzuheben. Die Zeit scheint zu drängen: Weltweit sind gentechnisch veränderte Nutzpflanzen (vor allem Sojabohnen, Mais und Baumwolle) auf dem Vormarsch. Allein von 2000 bis 2001 hat sich die kommerzielle Anbaufläche um 20% auf 52,6 Mio. Hektar erhöht. Die EU-Kommission will ihre Entscheidung in den nächsten Wochen treffen.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/12610/1.html
Terrorismus in Lateinamerika
Miriam Lang 10.11.2001
Eine Frage der Definitionsmacht
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Während die medial gesteuerte Öffentlichkeit seit dem 11. September die USA und den mittleren Osten fokussiert, wirkt sich die weltpolitische Eskalation auch auf ganz andere Regionen und Konflikte aus, die im Westen eher marginal wahrgenommen werden. In Lateinamerika beispielsweise sehen sich MenschenrechtsaktivistInnen, soziale Bewegungen und DissidentInnen des Neoliberalismus seit neuestem schnell mit einem pauschalen Terrorismusverdacht konfrontiert. Ein genauerer Blick nach Kolumbien, Ecuador und Mexiko wirft allerdings die Frage auf, ob es nicht vielmehr die bestehende Ordnung ist, die mit terroristischen Mitteln aufrechterhalten werden soll.
"Das, woran man die Stadt immer erkennt, woran man sich erinnert, wenn man den Hautpilz und die Hitze schon lange vergessen hat, sind die Flammen, das Feuer über der Raffinerie, das unruhige Züngeln in Orange, gelb und blau hoch über den Dächern. Die Erdölfackeln tauchen weit vor den vier- oder fünfstöckigen Hotels im Zentrum, den Bohrtürmen, Tanks und Militärposten auf, die an den Einfallstraßen zu sehen sind. ... Die Ortschaft, die nur aus einstöckigen Baracken zu bestehen scheint, liegt im Halbdunkel, trotz ihrer angeblich 400 000 Einwohner und der größten Raffinerie im Land. In vielen Vierteln kein Strom, weil das Kraftwerk zu klein oder unterversorgt ist oder die Leitung wieder einmal unterbrochen. ... Der Bus schaukelt unruhig. Man sieht die schwingenden Glühbirnen der Billardsalons, die dunkle, vom Schweiß glänzende Haut der Passanten, die kleinen Pulks vor den Kneipen, den cantinas, und spürt, dass das eine Begegnung st, ein nervöser Zusammenstoß, die Wiederkehr einer Leidenschaft, die man einfach nicht los wird. Diese Stadt ist Barrancabermeja."
Barrancabermeja, hier beschrieben von Raul Zelik in seinem Roman La Negra, ist die Heimatstadt von Ana Rueda und Pablo Arenales. Ana Rueda arbeitet für die Frauenbasisorganisation Organización Femenina Popular (OFP), bei der seit Anfang des Jahres insgesamt 45 Todesdrohungen eingegangen sind, und die für ihr Engagement im Oktober den deutschen UNIFEM-Preis des Frauenentwicklungswerks der Vereinten Nationen erhalten hat. Der 29jährige Pablo Arenales ist bei CREDHOS aktiv, einer Menschenrechtsorganisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, GewerkschafterInnen, StudentInnen, Jugendliche und andere soziale Aktivisten gegen staatliche und parastaatliche Angriffe öffentlich zu verteidigen. Bisher sind seit Gründung der Organisation 1987 sieben MitarbeiterInnen von CREDHOS ermordet worden. Einmal war Arenales selbst bereits in der Gewalt von Paramilitärs, er konnte nur durch einen Zufall entkommen, dem er vermutlich sein Leben verdankt.
Denn Barranca, wie die KolumbianerInnen sagen, liegt in einem der am härtesten umkämpften Gebiete im seit über vierzig Jahren andauernden Bürgerkrieg, und verzeichnet Rekordraten an politischen Morden. Dies liegt vor allem daran, dass die Stadt sich auch in einer der reichsten Regionen des Landes befindet: Neben Erdölreserven beherbergt der Magdalena Medio die drittgrößte Goldmine der Welt, umfangreiche Kohlevorkommen, die wichtigste Wasserstraße des Landes, Viehzucht, eine große Biodiversität und auch Anbauflächen für Koka. Bis vor zwei Jahren gehörte Barrancabermeja zum Einflußgebiet der zweitgrößten Guerilla des Landes (Ejército de Liberación Nacional - ELN), bevor diese sich aufgrund massiver Angriffe paramilitärischer Gruppen zurückziehen musste. Diese privaten Milizen, meist unter der Hand von Großgrundbesitzern oder großen Unternehmen finanziert, sind in Kolumbien für die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. (zur Situation in Barranca)
Seitdem die ELN zurückgedrängt wurde, ist die Region extrem militarisiert, und Polizei und Soldaten prägen auch das Straßenbild von Barrancabermeja. Allerdings bedeutet die verstärkte Präsenz der Staatsmacht alles andere als mehr Sicherheit für die Bevölkerung. Denn neben den Uniformierten üben auch Paramilitärs eine engmaschige soziale Kontrolle aus. Pablo Arenales vergleicht: "Als es in der Stadt noch bewaffnete Auseinandersetzungen mit der Guerilla gab, starben bei Angriffen auf Militärkonvois oder Kasernen leider auch unbeteiligte Zivilisten. Doch seitdem die Paramilitärs hier das Sagen haben, hat sich die Zahl der Toten verdoppelt: allein im letzten Jahr sind in Barranca 573 Menschen ermordet worden, das entspricht einem Toten alle 16 Stunden."
Die Paramilitärs intervenieren vor allem gegen die politische und soziale Organisierung von Bevölkerungsgruppen für ihre eigenen Belange - denn die Erdölstadt Barrancabermeja hat auch eine lange Tradition sozialer Kämpfe. Während die Bevölkerung mithilfe von Bürgerstreiks (paros cívicos) z.B. die Gründung einer Universität und die Verbesserung der städtischen Dienstleistungen durchgesetzt hat, operieren die Milizen mit Einschüchterung und Terror, um künftig öffentliche Proteste im Keim zu unterbinden: "Immer wieder kommt es vor, dass sie Menschen vor den Augen ihrer Nachbarn und Angehörigen zerstückeln, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie dringen bis in die Privatsphäre der Leute ein, treiben z.B. Ehebrecherinnen nackt und mit einem Schild um den Hals durch die Straßen, oder zwingen Familien mit Waffengewalt, für sie zu kochen und Wäsche zu waschen", erklärt Ana Rueda.
Es gibt zahlreiche Hinweise für eine Komplizenschaft der offiziellen Sicherheitskräfte mit den Paramilitärs. Zum Teil ereignen sich die Morde und Entführungen direkt vor den Augen der Uniformierten, die sich jedoch weigern, einzugreifen, oder kurzfristig verhaftete Paramilitärs sofort wieder auf freien Fuß setzen. Wer nach Drohungen Anzeige erstattet oder die Polizei um Hilfe bittet, begibt sich in noch größere Gefahr, später ermordet zu werden. Auch Gesetze und Justizsystem bieten keinerlei Schutz. Pablo Arenales und Ana Rueda können ihre Menschenrechtsarbeit nur machen, weil sie rund um die Uhr von internationalen Beobachtern der Organisation Peace Brigades International begleitet werden, die durch ihre Anwesenheit den politischen Preis für ihren Kopf in die Höhe treiben. Ein Privatleben gibt es unter derartigen Bedingungen nicht.
Die Frauenorganisation OFP sucht einen offensiven Umgang mit der allgegenwärtigen Angst. Sie weigerte sich nicht nur, den Paramilitärs den Schlüssel zu einem ihre Gemeindezentren zu überlassen, als diese ihn forderten, sondern stellte das Haus vierzig Familien als Zuflucht zur Verfügung, die auf Grund von Drohungen ihre Hütten hatten verlassen müssen. Im vergangenen Sommer führte die OFP eine öffentliche Kampagne unter dem ungewöhnlichen Motto "Machen wir Liebe mit der Angst" durch (hagámosle el amor al miedo), in der sie die allgegenwärtige Angst als sinnvollen Schutzinstinkt, aber auch als Triebkraft für die Suche nach kollektiven, friedlichen Lösungen interpretierten. 5000 Frauen aus verschiedensten Ländern reisten an, um gemeinsam mit der OFP trotz wiederholter Drohungen von Seiten der Paramilitärs eine landesweite Bewegung von Frauen für den Frieden zu gründen.
Demonstration der Frauenorganisation OFP
Sowohl OFP als auch CREDHOS setzen sich für eine Verhandlungslösung des bewaffneten Konflikts in Kolumbien ein und fordern eine aktive Beteiligung der Zivilbevölkerung am Friedensprozess. Allerdings betont Pablo Arenales, dass "ein dauerhafter Frieden nur möglich sein wird, wenn auch soziale Gerechtigkeit hergestellt wird. Denn in Kolumbien befinden sich 60 Prozent aller produktiven Ländereien im Besitz von ganzen sieben Familien, während über die Hälfte aller Menschen unter der Armutsgrenze lebt."
Mit dem von der US-Regierung forcierten Plan Colombia ist die politische Verhandlungslösung, die Ana Rueda als "unsere einzige Hoffnung" bezeichnet, allerdings wesentlich unwahrscheinlicher geworden. Während die Verhandlungen mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) auf der Stelle treten, wird die zweitgrößte Guerilla ELN von der Regierung seit Jahren mit dem Versprechen hingehalten, im Magdalena Medio eine entmilitarisierte Zone zu schaffen, in der Verhandlungen unter Beteiligung der Zivilgesellschaft stattfinden könnten. Im Rahmen des Plan Colombia erhält die kolumbianische Regierung unterdessen modernstes Kriegsgerät aus den USA im Wert von 1,3 Milliarden Dollar, sowie Anleitung durch US-amerikanische Militärberater. Offiziell sollte dieses "Hilfspaket" zwar der Bekämpfung des Drogenhandels dienen, doch sind sich soziale und Menschenrechtsorganisationen einig, dass es in Wirklichkeit um die gewaltsame Durchsetzung des herrschenden ökonomischen Modells gegen bewaffnete Aufständische und Zivilbevölkerung geht. "Die weitere Militarisierung des Landes im Rahmen des Plan Colombia wird die Menschenrechtssituation nur noch verschlimmern und eine Verhandlungslösung erschweren", sind Rueda und Arenales sich einig.
Kolumbianische Elitesoldaten
Seit dem 11. September hat sich die Rhetorik noch verschärft, mit der Aktivistinnen in Kolumbien zu Freiwild erklärt werden. Denn drei der fünf lateinamerikanischen Organisationen, welche die USA in die seit den Anschlägen von Washington und New York handlungsleitende Kategorie des "internationalen Terrorismus" einstufen, sind kolumbianisch: Die beiden größten Guerillaorganisationen FARC und ELN, sowie immerhin auch die AUC, der landesweite Dachverband paramilitärischer Gruppen. Für Pablo Arenales ist die Einstufung der beiden Guerillabewegungen als "terroristisch" nicht nur besorgniserregend, weil das Label nun auch auf Menschenrechts- und andere soziale Aktivistinnen ausgedehnt werden kann. Denn in Kolumbien "ist es bereits gefährlich, von sozialer Gerechtigkeit nur zu sprechen. Hier werden Menschen, die ein Leben in Würde fordern, schnell mit den Aufständischen gleichgesetzt." Die neue Terrorismus-Rhetorik wertet Arenales auch als weiteres Anzeichen dafür, dass kolumbianische und US-Regierung zunehmend auf die militärische Karte setzen.
Auch im südlich an Kolumbien angrenzenden Nachbarland Ecuador häufen sich in letzter Zeit Todesdrohungen gegen MenschenrechtsaktivistInnen, GewerkschafterInnen, JournalistInnen und andere. Alexis Ponce, der Sprecher der ständigen Menschenrechtsversammlung Ecuadors war der erste, der einen Drohbrief von einer Gruppe namens Legión Blanca (weiße Legion) erhielt. "Was die 55 Leute, die bisher Drohungen erhalten haben, verbindet,", so Ponce, "ist daß sie gegen den Plan Colombia Stellung beziehen, und gegen die Politik unserer Regierung, die Washington zu Diensten ist." Ein Journalist wurde bereits ermordet.
In Mexiko an der Nordgrenze des lateinamerikanischen Subkontinents sieht die Lage nicht besser aus: Auch hier beginnen Politiker, Dissidenten und Aufständische im Fahrwasser des 11. September als Terroristen zu bezeichnen und ihnen so jegliche soziale Legitimität abzusprechen. Der Senat mußte jüngst in einer Stellungnahme richtigstellen, dass die zapatistische EZLN sich seit 1996 an das mit der Regierung unterzeichnete Friedensabkommen halte und deshalb nicht als terroristisch zu bezeichnen sei. Allerdings, so der Historiker und Anthropologe Andrés Aubry, ist "der Friedensprozeß mit der EZLN so festgefahren wie noch nie." Nach dem 11. September schreite die Militarisierung voran, im Bundesstaat Chiapas seien zivile Behörden wie die Migrationsbehörde und bestimmte Ministerien von Militärs übernommen worden. Ein portugiesischer Tourist, der sich in San Cristobal de las Casas einer Gruppe näherte, die Plakate gegen den Krieg im mittleren Osten klebte, wurde im Oktober aufgrund von "Terrorismusverdacht" unverzüglich deportiert.
Dabei sind es auch in Mexiko ganz andere Gruppen, die auf offenen Terror zurückgreifen, um ihre Interessen durchzusetzen: Am 19. Oktober wurde in der Hauptstadt die renommierte Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa erschossen in ihrer Kanzlei aufgefunden. Die Täter hatten weitere Drohungen gegen die Organisation hinterlassen, für die Ochoa zuletzt gearbeitet hatte. Der Mord sorgte für internationales Aufsehen, weil es sich um das erste politische Verbrechen seit dem Machtwechsel im vergangenen Jahr handelt, der nach über 70 Jahren Herrschaft der Partei der Institutionalisierten Revolution PRI Hoffnungen auf eine Demokratisierung geweckt hatte. "Der Verdacht fällt auf Paramilitärs und Militärs", so Andrés Aubry. "Denn Digna Ochoa verteidigte vor allem indianische und bäuerliche Aktivisten, die militärischer Verfolgung ausgesetzt waren. Der Mord zeigt, dass die alten Machtstrukturen noch fortwirken, obwohl die Gesichter vordergründig ausgetauscht worden sind."
http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=/tp/deutsch/inhalt/co/11080/1.html&words=Anbaufl%E4chen
Tomatenpflücker gegen Taco Bell
Andrea Naica-Loebell 19.10.2001
Landarbeiter in den USA arbeiten für einen Hungerlohn und haben zum Boykott von Taco Bell aufgerufen
Die Tex-Mex Fastfood-Kette kauft die Tomaten zu Billigpreisen und ist deshalb nach Meinung der Pflücker mitverantwortlich für die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer
Taco Bell gehört zum größten Restaurant-Konzern der Welt. Tricon Global besitzt auch die Ketten Kentucky Fried Chicken ( KFC) und Pizza Hut, nach eigenen Angaben gibt es weltweit 30 417 dieser Restaurants. McDonalds bringt seine Hamburger "nur" in 29 000 Verkaufsstätten an die Hungrigen. In Deutschland ist Tricon Global Restaurants mit Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut vertreten.
Die Landarbeiter aus Florida, die in der "Coalition of Immokalee Workers" ( CIW) zusammen geschlossen sind, haben sich einen mächtigen Feind ausgesucht, denn sie rufen zum nationalen Boykott der Taco Bell-Restaurants auf.
Florida ist ein Staat, der wenig Industrie hat, dafür viel Tourismus und Landwirtschaft. Außer mit Zitrusfrüchten wird auch mit Tomaten eine Menge Geld verdient. Aber am wenigsten davon landet in den Lohntüten der Arbeitern auf den Feldern.
Lucas Benitez von der CIW erläutert, worum es den Landarbeitern geht:
Taco Bell ist eine multinationale Gesellschaft mit $5,2 Milliarden Umsatz und Teil von Tricon, der weltgrößten Restaurant-Kette mit $22 Milliarden jährlichem Umsatz. In einem signifikanten Umfang beruht Taco Bells enormer globaler Gewinn auf den billigen Zutaten für ihre Mahlzeiten, und dazu gehören auch die billigen Tomaten, die von Landarbeitern in Florida gepflückt werden. Diese Landarbeiter verdienen unterhalb der Armutsgrenze. Nach dem letzten Bericht des U.S. Department of Labor an den US-Kongress verdienen Landarbeiter durchschnittlich $7 500 pro Jahr, und das ohne weitere Vergünstigungen und ohne rechtlichen Anspruch auf Überstundenbezahlung oder kollektive Vertretung in Verhandlungen mit dem Arbeitgeber. Nun gut, wir als Landarbeiter sind es leid, Taco Bells Profite mit unserer Armut zu subventionieren. Wir rufen heute zu diesem Boykott auf, weil das ein erster Schritt ist, um zu erreichen, was unser gutes Recht wäre: ein fairer Lohn und Respekt für die harte und gefährliche Arbeit, die wir tun.
Taco Bell steht auf dem Standpunkt, dass ihre eigenen Firmenpolitik sauber ist und sie alle ihre Mitarbeiter fair entlohnen. Für die Lohnpolitik und die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer seien sie nicht verantwortlich, ließen sie verlauten. Taco Bell kauft zu Dumpingpreisen und als große Restaurantkette hat sie eine gute Position in Verhandlungen mit den Tomatenbauern. Die Firma kauft von einem der größten Tomaten-Produzenten des Landes (Six L's Packing Co.), der den Pflückern $0,42 für jeden 32-Pounds-Korb (1 Pound sind 453,6 g) zahlt. Entscheidend war für Taco Bell bisher immer nur möglichst gute Qualität für möglichst wenig Geld zu bekommen, aber das könnte sich ändern.
Die Landarbeiter haben im vergangen Jahr versucht mit der Tex-Mex-Fastfood-Kette zu reden. Sie wollten Verständnis für ihre Position wecken und Taco Bell bewegen, sich für sie und ihre Forderungen bei den Tomatenproduzenten einzusetzen. Die Vorstellung war, dass die Restaurants als wichtigster einzelner Tomaten-Einkäufer in Florida verlangen könnten, dass ihnen die Zulieferer garantieren, ihre Arbeiter angemessen zu entlohnen. Aber Taco Bell hatte kein Interesse und ließ die CIW-Vertreter abblitzen. Studenten solidarisierten sich, schrieben Briefe an die Firma, aber die antworte nur, die Bezahlung der Farmarbeiter sei nicht ihre Angelegenheit, sie würden nur die Tomaten ankaufen, die Farmen seien nicht ihr Eigentum und deswegen seien sie auch für die internen Vorgänge dort nicht verantwortlich. Nachdem alle Dialogversuche gescheitert waren, rief die Vertretung der Farmarbeiter zum nationalen Boykott gegen Taco Bell auf. Studentenvertretungen haben sich bereits solidarisiert.
Die Coalition of Immokalee Workers bezeichnet sich selbst als "community-based worker organization". Auf den Farmen arbeiten vor allem Migranten aus Mittelamerika oder der Karibik und sie verdienen bei extrem harten Arbeitsbedingungen oft unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Der gesetzliche Mindestlohn wurde in den USA das letzte Mal 1997 erhöht: auf $5,15 pro Stunde. Manche Bundesstaaten haben gesetzlich einen höheren Mindestlohn festgelegt - Florida gehört nicht dazu. Außerdem sind viele Farmarbeiter davon ausgenommen, weil sie mit saisonal befristeter Arbeitserlaubnis nicht unter die Garantie dieser Mindestbezahlung fallen. Viele haben keinen Vertrag mit Stundenlohn, sondern werden z.B. beim Pflücken nach "Stückzahl", d.h. pro gefülltem Korb bezahlt.
Der soziale Status der Landarbeiter ist eine Katastrophe, wie auch der Bericht des Department of Labor im Dezember 2000 feststellte ( The Agricultural Labor Market - Status and Recommendations). Das Ministerium für Arbeit untersuchte einen Zeitraum von 10 Jahren - mit dem Fazit, dass sich die Einkommensverhältnisse der Landarbeiter sogar noch verschlechtert hat. Arbeitsrechtliche Bestimmungen werden von den Arbeitgebern oft ignoriert. Mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von $5'000-$7'250 (Familien $7'500-10'000) ist der Verdienst weit unterdurchschnittlich, 60% leben unter der Armutsgrenze.
Auch die Bezahlung gemäß erbrachter Leistung hat sich deutlich verschlechtert. Um auf den Mindestlohn zu kommen, muss ein Pflücker 13 Körbe (32-Pounds) à $ 0,40 pro Stunde pflücken.
Die Coalition of Immokalee Workers setzt sich seit Jahren für die Rechte der Ärmsten der US-Gesellschaft ein. Sie hat in den ganzen Staaten mit Aktionen wie Hungerstreiks, Protest-Märschen und anderen Aktionen viele Unterstützer gewonnen und auch lokale Verbesserungen in einigen Bereichen durchsetzen können. Dialog und öffentliche Aufmerksamkeit gehören zu ihrer Strategie und die Leute von CIW wissen, dass sie letztlich für alle Farmarbeiter der USA sprechen, denn die Situation ist überall gleich katastrophal.
Für den Taco-Bell-Boykott haben sie Studenten als Unterstützer gewonnen und das ist eine sehr guter Ansatz. Taco Bells Kundschaft ist sehr jung, Studenten sind eine wichtige Zielgruppe und auf dem Campus vieler US-Colleges stehen diese Tex-Mex-Läden. Taco Bell könnte durch seiner Ignoranz beträchtlichen Image-Schaden erleiden, der sich möglicherweise in den Umsatzzahlen spiegeln wird. Studenten tendieren in den USA zu starker politischer Korrektheit.
Der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen der Landarbeiter geht weiter und die einzige Waffe der beinahe Rechtlosen ist die Unterstützung der Öffentlichkeit. Romeo Ramirez von CIW: "Wenn man den Unterschied der Macht zwischen uns Landarbeitern und dem Milliarden-Dollar-Konzern Taco Bell betrachtet, muss man denken, dass wie verrückt sind, uns mit denen anzulegen. Die haben alle finanzielle und politische Macht und wir haben nur eine einzige Waffe. Aber diese Waffe - die Wahrheit - ist das Mächtigste auf der Welt und deshalb sind wir sicher, dass wir gewinnen werden."
Übrigens ist Tricon Global auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Es gibt bereits über 100 Pizza-Huts und 27 Kentucky Fried Chickens. Weitere 10 Hähnchenfrittier-Läden sollen noch in diesem Jahr eröffnet werden.
http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=/tp/deutsch/inhalt/co/9857/1.html&words=Pizza%20Hut
Onkel Soros
Ivo Skoric 09.04.1997
Der erste kapitalistische Dissident
George Soros hat in Ost- und Zentraleuropa ein Imperium mit seinen Stiftungen aufgebaut. Sein Vermögen hat er durch Finanzspekulationen erworben. Manche glauben, daß er mit seinen Stiftungen allmählich und heimlich ein osteuropäisches Medienmonopol errichten will, andere wundern sich über soviel Menschenfreundlichkeit und Sendungsbewußtsein. Neu aber ist die Deutung, daß der Milliardär mit seinen mysteriösen Beweggründen, der den kruden Neoliberalismus mittlerweile für gefährlich hält, nicht die Ex-Kommunisten an der Macht hält, sondern auch insgeheim ein Linker ist. Ivo Skoric findet diese Attacke, die von der Zeitschrift Forbes geritten wurde, seltsam. Beginnen jetzt die Kapitalisten unter sich mit Säuberungskampagnen?
In einer alten Tradition der europäischen politischen Patronage steckt dieser Multimilliardär seine Milliarden in Zeitschriften, Politiker und Lehrer in Europa und anderswo. Diese haben in aller Regel eine ausschließliche Linksorientierung
Richard C. Morals: Vorsicht vor Milliardären, die Geschenke mit sich bringen, in Forbes, April 1997
In einer seltsamen persönlichen Animosität hat die Zeitschrift Forbes den weltweit führenden Devisenhändler plötzlich einen Kommunisten genannt. Obgleich schon einiges dran ist, daß Soros ein exzentrischer Linker und ein Milliardär mit großer Abneigung gegenüber dem Nationalismus ist, scheint es jedoch absurd zu sein, ihn einen Feind der freien Marktwirtschaft zu nennen.
Fast ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird der Großteil von Zentral- und Osteuropa noch immer von der alten Clique beherrscht. Erraten Sie, wer ihnen dabei hilft, an der Macht zu bleiben?
Richard C. Morals
Er ist ein Spekulant. Was kann für die freie Marktwirtschaft typischer sein? In jedem kommunistischen Land wäre er für seine Aktivitäten schon längst eingesperrt worden. Der Autor des Forbes-Artikels zeigt ein fundamentales Mißverständnis der Politik in Osteuropa. Er beschuldigt Soros "Open Society Institute", recycelte Kommunisten anzustellen. Das stimmt, aber er erwähnt nicht, daß auch seine hochgelobten Gegner recycelte Kommunisten sind.
Ein heller Glanz scheint für Soros die Linke zu umgeben, während der Koservatismus für ihn ein Trittbrett für den Nazismus darstellt. Das mag an amerikanischen Universitäten ganz wohltätig klingen, aber es ist reines Gift in Zentral- und Osteuropa, das dringend freie Märkte entwickeln muß.
Richard C. Morals
Das Problem mit den postkommunistischen Ländern ist, daß ALLE politisch aktiven Menschen, ausgenommen meine Generation (30) und die noch jüngeren, ehemalige Kommunisten sind. In diesen Ländern war es nicht möglich,politisch aktiv zu sein, wenn man nicht in die Partei eintrat. Alle gegenwärtigen Politiker gehörten zu irgendeinem Zeitpunkt der kommunistischen Partei an. Sie wurden erst zu Dissidenten, nachdem sie von der Partei in einer der vielen Säuberungen ausgeschlossen wurden, die die kommunistischen Parteien alle paar Jahrzehnte durchführten. Die kroatische Regierung und die Opposition bestehen beispielsweise aus recycelten Kommunisten aus dem letzten Schicht der 90er Jahre, aus der Säuberung im kroatischen Frühling 1971, aus nachfolgenden und vorhergehenden Säuberungen in den 60er Jahren wie Tudjman und seine Gefolgsleute. Dasselbe Muster gilt auch für den Rest des postkommunistischen Osteuropas. Manchmal war die letzte Schicht der kommunistischen Parteiführer - wie in Slowenien - die beste, weil sie am stärksten marktorientiert, demokratisch gesinnt und modern war. Soros stellt meist Leute aus der letzten Schicht an. Überdies war die "Open Society" die einzige große Stiftung, die seit ihrem Beginn ihre Unterstützung auch nicht-kommunistischen regionalen Organisationen zukommen ließ, zumindest im ehemaligen Jugoslawien, die von allen anderen großen NGOs des Westens als zu jung und zu unseriös gemieden wurden.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/reg/1166/1.html
George Soros - einer der Grossgrundbesitzer dieser Erde.
Ihm gehört u.a. etwa ein 17tel der argentinischen Landwirtschaft.
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Ein Porträt der vielfältigen Aktivitäten des Finanzhändlers George Soros im Osten Europas
Wenn es jemand geben sollte, dessen Namen von nah und fern, von den Ufern der Donau bis zum weit entfernten Kamchatka widerhallt, dann ist dies der von George Soros. Weltweit bekannt als gerissener Geschäftsmann und Philanthrop, hat Soros erheblichen Einfluß auf jene Länder ausgeübt, die einst dem "Red Empire" angehörten, wie es bei amerikanischen Kämpfern des Kalten Krieges hieß. Über verschiedene Stiftungsnetzwerke und -organisationen hat Soros, den man gelegentlich den "Mann mit der Midashand" nennt, voller Mut versucht, ein riesiges, fast die halbe Erdkugel umspannendes Gebiet zu reformieren und zu einem neuen Leben zu verhelfen. Sein Konzept geht von Karl Poppers "offener Gesellschaft" aus. John Horvath wirft einen Blick hinter die philanthropische Hülle des Soros-Netzwerks und dessen Ideologie.
Das Soros-Netzwerk
George Soros wurde 1930 in Budapest geboren. Er emigrierte 1947 nach England, wo er Wirtschaftswissenschaft studierte, und ging 1956 in die USA. Dort sammelte er durch einen von ihm gegründeten Investmentfonds ein großes Vermögen an, das der sich selbst als Philanthrop bezeichnende Geschäftsmann seit 1979 auch in Stiftungen steckt. Sein Stiftungsnetzwerk erstreckt sich mittlerweile über 25 Länder. Wurden die ersten "Open Society Foundations" in Ungarn (1979) und der früheren Sowjetunion (1987) gegründet, so findet man sie jetzt nicht nur in den zentral- und mitteleuropäischen Ländern, sondern auch in Südafrika, Haiti, Burma und den USA. Neben den "Open Society"-Projekten gibt es überdies Programme, die sich mit erzwungener Migration, mit dem Tod und der Sterbehilfe oder mit der Kriminalität beschäftigen.
Bücher hat Soros auch geschrieben, so beispielsweise "The Alchemy of Finance" (Simon&Schuster 1987), "Opening the Soviet System" (Weidenfeld&Nicholson 1990), "Underwriting Democracy" (The Free Press 1991) und "Soros about Soros. Staying Ahead of the Curve" (John Wiley&Sons 1995)
Wenn man versucht, sich in den Tausenden von Stiftungen und Organisationen zurechtzufinden, die von George Soros unterstützt werden, dann kann man schnell den Überblick verlieren. Gegenwärtig haben alle das Schlagwort der "offenen Gesellschaft" gemeinsam. Gelangt man zur Homepage auf dem Web, dann stößt man unweigerlich auf den konzeptuellen Rahmen, in dem Soros seine Aktivitäten für eine offene Gesellschaft betreibt.
Der Begriff der "offenen Gesellschaft", wie ihn Karl Popper definiert hat, bezieht sich auf eine Form der gesellschaftlichen Organisation, die anerkennt, daß niemand ein Monopol auf die Wahrheit hat, daß unterschiedliche Menschen unterschiedliche Perspektive und Interessen besitzen und daß Institutionen notwendig sind, um die Rechte aller Menschen zu schützen und ihnen ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen.
George Soros
Das klingt ganz beeindruckend. Ähnlich beeindruckend sind all die Berichte aus verschiedenen Bereichen der Welt über die Tätigkeiten der Soros-Stiftungen. Sie sind alle mit denselben Bestandteilen ausgestattet, auch wenn sie je nach der politischen Umgebung, in der sie sich befinden, unterschiedliche genannt und dargestellt werden.
Der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt in der Ausbildung, in Bibliotheken, Veröffentlichungen und Medien. Studenten werden zahlreiche Stipendien angeboten, um ihnen - in der Theorie - einen Zugang zu den Ressourcen zu eröffnen. Soros sponsert überdies unterschiedliche kulturellen Aktivitäten, um die Ressourcen zu den Menschen zu bringen. In Albanien organisierte die Soros-Stiftung vor vier Jahren beispielsweise eine Ausstellung mit Gemälden, was zu dieser Zeit, wie Eduard Muka, ein Künstler und Professor in der Fakultät für visuelle Künste der Akademie für Bildende Kunst in Tirana, sagt, "das einzige bekannte Medium" war.
Zunächst wurde das Konzept der offenen Gesellschaft der geschlossenen Gesellschaft gegenübergesetzt, und galten nur politische Richtungen, die die Autorität des Staates gegenüber den Individuen verstärkten, als Feinde der offenen Gesellschaft. Ich räume ein, daß die offene Gesellschaft auch vom Fehlen der Regierung und einer zu großen Instabilität bedroht wird. Die Laissez-faire-Doktrin behauptet, daß dem Allgemeinwohl am besten durch die uneingeschränkte Verfolgung von eigenen Interessen gedient werde. Aber wenn die Laissez-faire-Doktrin nicht durch die Anerkennung eines allgemeinen Guts in Schranken gehalten wird, das über den individuellen Interessen steht, wird sie zu einem Zusammenbruch des gegenwärtigen Systems führen, das, so unvollkommen wie es ist, als eine universelle offene Gesellschaft bezeichnet werden kann.
George Soros
Ausstellungen wurden nicht nur in den entfernten und benachteiligten Regionen Zentral- und Mitteleuropas und der früheren Sowjetunion durch geführt. In Budapest gab es kürzlich eine Ausstellung "Nach der Kunst" im Ludwig-Museum, die später nach Graz ging. Die Durchführung dieser Ausstellung wurde in Ungarn in Zusammenarbeit mit C3, einer der hier neu eingerichteten Organisationen der Soros-Stiftung, realisiert.
C3 bedeutet Center for Culture and Communication. Es soll Kurse und Workshops über das Internet, Kommunikationtechnik und neue Medien veranstalten. Zur Eröffnung im Sommer 1996 sagte Soros, daß das Internet wesentlich zum Aufbau einer offenen Gesellschaft beitrage. Das ist eine ironische Aussage eines Mannes, der selbst nicht direkt das Internet benutzt.
Wie C3 zeigt, sind die Aktivitäten der Soros-Stiftungen nicht auf die Unterstützung von Fortbildung und Ausstellungen beschränkt, sondern man beteiligte sich auch an der Schaffung von Ausbildungs- und Medienzentren. Die "Central European University" (CEU), eine staatlich anerkannte und prüfungsberechtigte Ausbildungsinstitution, die "die Studenten der Region ausbilden und deren stattfindende Veränderung wissenschaftlich erforschen soll", ist wahrscheinlich die bekannteste Einrichtung.
Aber nicht alle Aktivitäten finden in einem solch großen Rahmen statt oder werden nur von Soros und/oder seinen Stiftungen finanziert. Ein Fotolaboratorium wurde beispielsweise vor fünf Jahren nicht nur mit der Hilfe der Soros-Stiftung, sondern auch vom British Council an der Akademie der Schönen Künste in Budapest aufgebaut.
Obgleich sich die Aktivitäten von Soros in vielen Hinsichten gleichen, sind sie doch auch für die Regionen, in denen sie stattfinden, einzigartig. Eines der größten von der International Soros Foundation (ISF) initiierten Projekten war der Ausbau des Backbones in Moskau, das kommerzielle und akademische Provider und Institutionen mit den Telefonschaltzentralen der Stadt verbinden sollte. Gordon Cook, Autor und Herausgeber des COOK Report( email), einer monatlich erscheinenden Zeitschrift über Computer und Netzthemen, legte in einem Bericht vom 8.11.1994 dar, daß "der Zweck des Backbones darin bestand, die kommerziellen und wissenschaftlichen Orte der Stadt miteinander und mit einem internationalen Kanal zu verbinden, der zum ersten Mal Rußland 'live' ins Internet bringen sollte."
In Rußland beschränkte sich Soros nicht nur auf Moskau oder auf die "europäische" Seite des Urals. Vor kurzem wurden 12000 Studenten und Lehrer der Universität von Wladiwostok mit dem Internet verbunden. Das alles steht in Zusammenhang mit einem Fünf-Jahres-Plan, der von Soros und dem Premierminister Viktor Chernomyrdin im Frühjahr 1996 unterzeichnet wurde und 32 russische Provinzuniversitäten an das Intrenet anschließen wird. Ähnliche Projekte wurden bereits als Teil dieses Programms in der sibirischen Stadt Novosibirsk und dem näher an Moskau gelegenen Industriezentrum Yaroslavl realisiert.
Inzwischen wird auch ein Entwicklungsplan für andere Orte der ehemaligen Sowjetunion entwickelt, der dem für Rußland gleicht. Man hat in Belorußland begonnen, einen leistungsstarken IP-Backbone in Minsk einzurichten, der für viele Organisationen im ganzen Land den Zugang zum Internet ermöglichen wird. Neben solchen technischen Unterstützungen hat sich die Soros-Stiftung in Belorußland selbst das Ziel gesetzt, die "Internetkultur und -ideologie" als ein Mittel einzuführen und zu verbreiten, um "große Gruppen unterschiedlicher Benutzer zusammen zu bringen." Der Zweck des Ganzen ist offensichtlich. Nach Igor Tavgen, dem Programmkoordinator der Soros-Stiftung in Belorußland, "entwickelt sich das Internet jetzt und wird es sich weiterhin entwickeln. Weder der Präsident noch ein Minister oder irgend ein anderer kann es durch Schließung wieder aus der Welt schaffen."
Das sind mutige Worte, besonders wenn man die politische Situation in Belorußland in Betracht zieht. Einer der einzigartigen Aspekte der Aktivitäten von Soros ist, daß man die seine Stiftungen, im Unterschied zu anderen, nicht von der UNO finanzierten Organisationen wie beispielsweise dem British Council, in den meisten der politisch instabilen Regionen Zentral- und Mitteleuropas und der früheren Sowjetunion finden kann, auch in Bosnien und Serbien. In Moldawien war die Stiftung z. B. an einem Programm zur Ausstattung von Oberschulen mit Computern, an Ausbildungsprogrammen für Lehrer und ähnlichen Projekten beteiligt.
Aktivitäten in diesen instabilen Regionen sollen normalerweise unabhängige Medien, vor allem unabhängige Rundfunksender, unterstützen. Damit verbunden ist das Thema der Menschenrechte und der Umwelt. 1995 wurde ein Treffen von NGOs aus Moldawien, Rumänien und der Ukraine von Soros zusammen mit dem TACIS-Programm (Technical Assistance for the Commonwealth of Independent States) der Europäischen Kommission organisiert und finanziert.
Philanthropische Probleme
Trotz aller guten Absichten kam es zu ernsthafter interner und externer Kritik an der Arbeitsweise der Soros-Stiftungen. Die Probleme scheinen überdies im ganzen Soros-Netzwerk von Stiftungen und Organisationen vorherrschend zu sein. Nach und nach entstanden zu Fragen und Skepsis, was die wirkliche Grundlage des philanthropischen Unternehmens von Soros ist.
Intern gibt es den Eindruck vieler, daß die Soros-Organisationen nur alte Methoden und Konzepten auf neue Situationen anwenden, obgleich eben diese das primäre Problem darstellen. Zudem werden innovative Prozesse viel zu oft von traditionellen Ansichten und Hierarchien behindert und gelähmt. In einer Auseinandersetzung beispielsweise, die während der Realisierung des Moskauer Backbones ausbrach, stellte Cook mit Unbehagen fest, daß "niemand daran interessiert ist, mit einem anderen zusammenzuarbeiten und daß jeder nur sein eigenes Reich erbauen will.
Wenn man über die "offene Gesellschaft" von Soros spricht, dann scheint gerade diese Offenheit oft zu fehlen. Viel von dem, was getan wurde, besteht nur aus Worten. Gute Absichten haben sich nicht immer selbst in einen erfolgreichen Wandel umgesetzt. Manche, die sich zu einer offenen Gesellschaft bekennen, scheinen nur auf den Wagen aufzuspringen und zu hoffen, so viel wie möglich an Unterstützungsgeldern herauzuholen.
Oft sind jene, die für Soros-Organisationen arbeiten, Wirtschaftsflüchtlinge aus westlichen Ländern und besonders aus den USA. Weil es fast keine guten Angestelltenjobs für Anfänger in Amerika gibt, beschlossen viele, zuerst Erfahrungen zu sammeln oder auswärts zu arbeiten und darauf zu warten, bis sich die Situation in der Heimat verbessert. Nur sehr wenige der Angestellten von Soros teilen die Philanthropie ihres Chefs. Wenn man sie über ihre Liebe zur Menschheit sprechen hören will, dann erwarten sie, dafür bezahlt zu werden.
Wenn man für Soros arbeiten möchte, dann muß man überdies anscheinend zum Mitglied einer Clique werden. Die Menschen im Soros-Netzwerk scheinen von Organisation zu Organisation nicht nur im selben Land, sondern auch international zu wandern. Jobs werden auf der Grundlage vergeben, wen man kennt, und nicht auf der, was man weiß. Obgleich die meisten Organisationen Verfahren wie die Ausschreibung von Stellen und das Führen von Vorstellungsgesprächen einhalten, sind sie oft doch nur Formalitäten. Viele, die in Soros-Organisationen arbeiten, bekamen ihre Jobs, weil sie Monate, bevor sie öffentlich bekanntgegeben wurden, über freie Stellen Bescheid wußten.
Damit in Verbindung steht, daß es Angestellte in den Stiftungen und anderen Organisationen gibt, die ganz klar unterqualifiziert oder überhaupt nicht qualifiziert sind. Zum Beispiel werden an der Central European University Computerkurse oft von Dozenten durchgeführt, die weder professionelle Dozenten sind noch ein wirkliches Computerwissen besitzen. An einem anderen Ort in Budapest ließ eine Übersetzerin, die ganz offensichtlich nicht aus dem Ungarischen ins Englische übersetzen kann, ihre wiederholten Fehler von Kollegen decken. Persönliche Beziehungen haben so den Vorrang vor Leistung.
Ironischerweise sind solche Korruptionen und Inkompetenzen für diejenigen, die in Zentral- und Mitteleuropa und der früheren Sowjetunion leben, eine Art "offenes Geheimnis". Man weiß, daß große Summen des Geldes von Soros verschwendet werden. Während einer Konferenz in C3 im Sommer 1996 griff Janos Sugar, ein Künstler und Mitglied der Media Research Foundation, offen die Weise an, wie Geld verschwendet wird. C3 hatte nach und nach das ganze Geld in die neueste Hardware gesteckt und erst später bemerkt, daß sie nicht mehr genug hatten, um die benötigte Software zu kaufen.
Das vielleicht beste Beispiel für die unbedachte Ausgabe des Geldes von Soros findet man in Sarajewo. In einem Beitrag mit dem Titel "Beserkistan - Internet Link to Sarajevo University Goes Unused" (BosNet vom 16. Juli 1996, via Nettime) wurde aufgedeckt, daß eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Amsterdam und der Universität in Sarajewo nicht benutzt wurde, weil, wie ein Projektmitglied sagte, "wir einige Stalinisten in der Kommission hatten, die gelähmt zu sein schienen." Soros und die holländische Universität, die an dem Projekt teilnahm, zahlen jetzt jede Woche 5000 Dollar für einen Satellitentransponder, der nicht genutzt wird.
Es gibt zahlreiche weitere Beispiele, doch haben nicht alle Probleme mit der internen Organisation der Stiftungen zu tun. Es gibt genau so viele Probleme mit der Art, in der Soros mit den Regierungen und Verwaltungen umgeht, mit denen er zusammenarbeitet. Der Fall des Moskauer Backbones ist ein Beispiel dafür, wie eine Soros-Stiftung etwas, das höchst notwendig und willkommen ist, in eine sehr umstrittene Sache verwandeln kann.
Der Moskauer Backbone ist gebrochen. Wie jeder, der eine verschobene Wirbelsäule besitzt, erzählen kann, ist das nicht lustig. Botschaften, die von einem Ende der Stadt ans andere geschickt werden, müssen zuerst in die USA, anstatt direkt durch die Stadt geschickt zu werden. Die Situation hat sich seit 1994 offensichtlich etwas verbessert. Der Backbone ist noch immer gebrochen, aber man hat eine Möglichkeit gefunden, die Botschaften direkter zu senden und sie nicht mehr über die USA leiten zu müssen.
Weil der Backbone aber noch immer gebrochen ist, hat sich das ISF geweigert, bei der Fertigstellung weiter zu helfen, weil das damit verbunden wäre, daß die ISF die Kontrolle mit Relcom, einem großen kommerziellen Provider, teilen müßte. Da die Soros-Stiftung nach ISF eine nicht-kommerzielle Organisation ist und öffentliche Gelder in Anspruch nimmt, darf keine von ihr realisierte Infrastruktur kommerziell sein, weil sich sonst Interessenskonflikte und Schwierigkeiten mit der Steuer ergeben würden.
Eine solche Entschuldigung scheint zumindest ein wenig lahm zu sein. Es sollte für eine nicht-kommerzielle Organisation kein Problem darstellen, dieselbe Infrastruktur mit einem kommerziellen Provider gemeinsam zu haben, solange beide unabhängig voneinander für sie zahlen. "Immer wieder", faßt Cook zusammen, "wurde betont, daß sich akademische und kommerzielle Netze nicht vermischen dürfen. Immer wieder bauten akademische und kommerzielle Gruppen unabhängige Infrastrukturen in einem Land auf, das nicht genug Kapital hat, um die einen oder die anderen angemessen zu unterstützen."
Der Backbone in Moskau scheint ein Opfer der politischen Macht geworden zu sein. "Man ist", wie Cook knapp bemerkt, "entweder ein Freund oder ein Feind des ISF und wird dementsprechend behandelt."
Die Ausrichtung der Stiftung
Wichtiger als die interne und externe Arbeitsweise ist die jedoch Ausrichtung der Soros-Stiftungen. Im Zentrum der "offenen Gesellschaft" scheinen die Medien, insbesondere die visuellen Medien und die Medienkunst, zu stehen. Das aber ist nur ein sehr kleiner Bereich aus der Welt der Telematik. In Regionen vor allem, in denen nur eine schmale Minderheit der Bevölkerung Zugang zu neuen Medien hat, von elementaren Kommunikationsdiensten wie dem Telefon ganz zu schweigen, ist das Konzept der "offenen Gesellschaft" fragwürdig: Welche "Gesellschaft" ist damit gemeint, und in welcher Weise ist sie "offen"?
In den Regionen, in denen der Großteil meiner Stiftungen aktiv sind, nehme ich eine Tendenz zur Verschließung wahr. Wenn die Konflikte eskalieren, kann sich die EU in eine Festung verwandeln und die USA können in den Isolationismus zurückkehren. ... Ich klage der vorherrschenden Laissez-faire-Haltung an, die glaubt, daß das ungehinderte Verfolgen des Selbstinteresses das allgemeine Wohl wahren wird. Ich glaube, daß das Konzept einer offenen Gesellschaft, das entschlossen gefördert werden muß, um sich durchsetzen zu können, eine bessere Handlungsanleitung ist.
George Soros
Zugegebenermaßen sehen die meisten Stiftungen es als Teil ihrer Aufgabe an, daß sie mehr Menschen zu einem Netzzugang verhelfen. Doch die Ausrichtung der Stiftungen scheint von der Annahme auszugehen, daß unter den früheren Regimen die Medien nur Lügen verbreitet haben, daß sie eine Waffe des Kalten Krieges waren, die von den Kommunisten rücksichtslos verwendet wurde. Viele Menschen aus dem Westen aber, die in den ehemaligen kommunistischen Staaten gelebt haben, waren normalerweise überrascht, wenn sie sahen, daß die Menschen auf der "anderen Seite" des Eisernen Vorhangs manchmal besser als die im Westen lebenden informiert waren.
Während der 60er und 70er Jahre hatten die meisten kommunistischen Regierungen Programme zur "Liberalisierung" durchgeführt. Die stalinistische Ideologie der Machterhaltung durch brutale Gewalt wurde durch eine mildere Form der Diktatur ersetzt, die den Status quo legitimieren sollte, was schließlich den Weg zur politischen Entspannung mit dem Westen ebnete. Janos Kadar, der ungarische Führer der Kommunisten, brachte dieses neuen Denken am treffendsten durch die Bemerkung zum Ausdruck, daß "derjenige, der nicht gegen uns ist, für uns ist."
Nach und nach wurden die Medien - und besonders die Intellektuellen - während dieser Periode anders behandelt. Auch wenn sie nie völlig unabhängig sein konnten, gewährte man den Medien eine quasi unabhängige Rolle. Man erwartete wenig von ihnen im Austausch für eine begrenzte Freiheit. Sie sollten ihren Interessen und Problemen durch Themen nachgehen, die mit den nationalen und gesellschaftlichen Angelegenheiten zusammenhingen. Während die Medien noch immer als eine Form der gesellschaftlichen Kontrolle für die Regierung dienten, waren sie doch auch ein Ventil für die Intellektuellen, um die Regierung in einer stillschweigenden Weise zu kritisieren. Indem sie den Intellektuellen und den Medien erlaubten, ihre Themen (wie die Selbstmordrate in Ungarn oder den Alkoholismus in Rußland) nahezu frei zu behandeln, konnten die verschiedenen kommunistischen Regierungen deren passive Unterstützung gewinnen.
Was die Menschen am anderen Ende der Medien angeht, so lernten sie perfekt zwischen den Zeilen zu lesen. Das ist eine Fähigkeit, die den Menschen im Westen noch immer abgeht, da jeder an die Illusion der "freien Presse" glaubt. Die Menschen waren sich der Inkonsistenzen und der ungenauen Informationen bewußt, die sie von den Medien erhielten. Über den zunehmenden Kontakt mit Ausländern verstärkte sich ihre Einstellung, so daß die Menschen noch skeptischer wurden und das, was sie lasen, hörten oder sahen, noch weniger unmittelbar glaubten. Da sie wußten, daß ihre Regierungen nicht immer die Wahrheit sagten oder diese zumindest vor ihnen verbargen, kann man die Meinung vertreten, daß viele Menschen im östlichen Europa freier waren als im Westen, insofern sie wußten, daß sie nicht "frei" waren und deswegen der Illusion der "freien Medien" nicht unterlagen.
Seit den politischen Veränderungen dieses Jahrzehnts stirbt dieses Wissen allmählich aus. Überdies verstärkt das Internet die Illusion, daß es freie und unabhängige Massenmedien geben kann. Aus diesem Grund könnten die Voraussetzungen der "freien Gesellschaft" die Gesellschaften in Wirklichkeit zu geschlosseneren Gesellschaften machen.
Noch schlimmer ist, daß die Soros-Stiftungen sich nicht der Flut von neuen Ideen und Methoden gewidmet haben, die sich möglicherweise widersprechen könnten. Der "freie Markt", die Demokratie, der Schutz der Umwelt etc. werden als ganzes Paket vom Westen übernommen, ohne deren Verhältnis zueinander oder deren Balance zu thematisieren. Viele erkennen beispielsweise nicht den möglichen Konflikt zwischen der Konsumgesellschaft und dem Schutz der Umwelt, obgleich ein wesentlicher Teil des globalen Umweltproblems auf den Konsum, einem Nebenprodukt des Kapitalismus des freien Marktes, zurückzuführen ist.
Für die Gesellschaften, in denen die Soros-Stiftungen arbeiten, ist noch bedrohlicher, daß die Befürwortung der "offenen Gesellschaft" einen Keil zwischen den ländlichen und städtischen Gesellschaftsschichten getrieben hat. Die Aktivitäten sind überwiegend auf die urbanen, industriellen und westlichen Werte zentriert, die die Bedürfnisse und Werte der ländlichen Gebiete ignorieren. Obgleich die von den Stiftungen verwendeten Begriffe "Kultur" und "Gesellschaft" ein weites Spektrum abdecken, haben diese ihre Interessen auf Kosten eines erheblichen Bevölkerungsanteils eingeengt.
Die Soros-Stiftungen müssen dringend objektivere Richtlinien entwickeln. Über ihre Unterstützung unabhängiger Medien und Projekten zur Einrichtung von Infrastruktur hinaus sollten sie sich mehr um den technischen Wandel in den ländlichen und abgelegenen Gebieten kümmern. Das sollte nicht nur mittels Publikationen geschehen, sondern durch Experten, die zeigen, was eine offene Gesellschaft wirklich ist.
Letztendlich besteht die Schwierigkeit darin, daß die westlichen Länder nicht selbst als wirklich offene Gesellschaften verstanden werden können. Unglücklicherweise setzen die Menschen mittlerweile materielle Güter und exzessiven Konsum mit Offenheit gleich, während sie in Wirklichkeit ein Mittel sind, um die Menschen zu befrieden oder die Massen "aufzukaufen".
Ein geschlossenes Geheimnis
An dieser Stelle entsteht natürlich die Frage nach der Rolle von George Soros selbst in den Stiftungsaktivitäten. Man hat behauptet, daß Soros sich nicht wirklich darum zu kümmern scheine, wie seine Stiftungen auf der lokalen Ebene arbeiten. Eine solche Ansicht unterstellt, daß Soros eher vom Schuldgefühl, so viel Geld verdient zu haben, oder einfach von Exzentrizität als von Philanthropie motiviert wird.
Die meisten glauben jedoch, daß es für Soros, wenn man den Wirkungskreis seiner Aktivitäten ansieht, unmöglich ist, gleichzeitig alles im Auge zu behalten. Wie bei allen riesigen politischen oder wirtschaftlichen Organisationen hat der Mensch an der Spitze keine totale Kontrolle über die alltägliche Verwaltung auf den unteren Ebenen der Hierarchie. Deswegen lassen sich Exzesse nur aus der Größe des philanthropischen Interesses erwarten.
Überdies scheinen die Probleme isolierte Vorkommnisse zu sein. Der Streit um den Moskauer Backbone war beispielsweise in Minsk oder anderswo nicht nachvollziehbar. "Das Internetprogramm arbeitet", wie Igor Tavgen sagt, "sehr eng mit den Programmen anderer Soros-Stiftungen in Belorußland zusammen und hat gute Beziehungen mit anderen Organisationen und Stiftungen, die in Belorußland tätig sind." Das schließt auch Relcom ein, eben die Organisation, mit der ISF in Moskau nicht gemeinsam den Backbone betreiben will.
Daher ließe sich sagen, daß Soros einfach nur naiv ist oder ignoriert, was in seinen Stiftungen geschieht. Als Beleg dafür mag dienen, daß weder Soros noch andere seiner Führungskräfte wirklich das Internet verstehen, weil sie es nicht selbst nutzen, auch wenn sie verkünden, wie wichtig es für eine "offene Gesellschaft" ist, und trotz der Gelder, die in es investiert werden.
Doch die Situation ist weitaus komplexer. Anstatt eine "offene Gesellschaft" zu fördern, scheint Soros den Status quo auf einem anderen Niveau wiederhergestellt zu haben. Dieselbe Art der Bürokratie, die unter dem Kommunismus geherrscht hat, scheint auch die Stiftungsaktivitäten zu beherrschen. Das ist ironischerweise das Gegenteil des Konzepts einer "offenen Gesellschaft". "Sie wollen nur", wie ein Netizen erzählt, "ihr Spielzeug wiederhaben, und sie benutzen jetzt sehr geschickt den Markt, um das zu tun. Elektronische Medien sind nur eines der offensichtlichsten Beispiele. Es geht um den Versuch, ein Monopol der Information zu errichten."
In ähnlicher Weise verschließen die Stiftungen aus einer wirtschaftlichen Perspektive eher Türen, als daß sie welche öffnen. "Soros ist daran interessiert", sagt Geert Lovink von XS4ALL, "langsame und offizielle NGO-Bürokratien zu verbinden und überläßt den Rest der Bevölkerung dem Markt." Es scheint also einen Widerspruch zwischen dem Wunsch von Soros, eine gesellschaftlich orientierte Kommunikationsinfrastruktur und Internetkultur zu etablieren, und geschäftlichen Interessen zu geben. Daraus hat sich eine ablehnende Haltung gegenüber Soros und der "offenen Gesellschaft" herausgebildet. Aber das ist nicht nur eine Frage der Wirtschaft. Soros hat auch schon politischen Einfluß auf eine Region ausgeübt. In einem Artikel von Connie Bruck in der Zeitschrift "New Yorker", der vor zwei Jahren erschien, wurde darauf hingewiesen, daß die Soros-Stiftung bei der Wahl des ukrainischen Präsidenten aktiv wurde.
Am wahrscheinlichsten wird die ISF jedoch als Mittel für das geschickte Eindringen in einen ökonomisch darniederliegenden Markt erscheinen. In welchem Ausmaß errichtet die ISF durch ihre Ausrichtung auf die Entwicklung der Medien- und Telekommunikationsinfrastruktur ein von Soros kontrolliertes Telekommunikationsreich, das vom Pazifik bis nach Zentraleuropa reicht? "Was würde geschehen", fragt Cook in deutlichen Worten, "wenn die ISF in der nächsten Phase ähnliche Backbones in den 10 oder 15 größten russischen Städten einrichtet und die Städte mit terrestrischen oder Satellitenverbindungen vernetzt? Wenn Soros unter dem Deckmantel einer Telekommunikationsstruktur für Wissenschaftler solch ein Netzwerk schafft, dann hätte er nicht nur eine Alternative zu Relcom realisiert, sondern dann würde er die vermutlich beste Telekommunikationsinfrastruktur in ganz Rußland betreiben und kontrollieren. Ist sein Ziel also, ein russisches Gegenstück zur AT&T zu schaffen?"
Sind die medienbasierten kulturellen Aktivitäten, die von der ISF organisiert werden, dann nur eine Form, um eine neue Generation von Nutzern und schließlich auch von Konsumenten zu erziehen? "Soros gab bekannt", wie eine von Cook zitierte Quelle lautet, "daß die von ihm "beratenen" Investmentfonds über seine philanthropischen Tätigkeiten hinaus in den Bereich der Telekommunikation in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion einsteigen könnten. Man sollte also nicht überrascht sein, wenn die Soros-Stiftungen in Telekommunikationsunternehmen investieren, die in diesem Bereich der Welt arbeiten."
Auch wenn Soros öffentlich eine Zusammenarbeit mit kommerziellen Unternehmen zurückweist, was die Auseinandersetzung um den Moskauer Backbone zeigt, erscheint die Wirklichkeit in einem anderen Licht. Bei der Realisierung von C3 hatte die Soros-Stiftung beispielsweise keine Bedenken, mit MATAV (der monopolistischen staatlichen Telekom von Ungarn) und mit Silicon Graphics zusammenzuarbeiten, obgleich diese Partner ganz klar kommerziell ausgerichtet sind. Man kann sich fragen, ob die philanthropischen Aktivitäten von Soros wirklich nicht mehr als ein Deckmantel für eine geschickte Form der Markterschließung und -ausbeutung sind.
Meine Stiftungen fördern Ausbildung, Kultur, pluralistische Medien, die Zivilgesellschaft, wirtschaftliche Reformen und so weiter. Sie propagieren nicht direkt die offene Gesellschaft. Die Gesellschaft wird wahrscheinlich eher durch nicht beabsichtigte Folgen widerstreitender Ansichten und Interessen offen als durch das Ergebnis einer bewußten Gestaltung. Widerstreitende Ansichten und Interessen werden nur dann eine offene Gesellschaft herstellen, wenn es Institutionen gibt, die dem Allgemeinwohl dienen und den Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Interessen erlauben, in Frieden miteinander zu leben
George Soros
Der Einsatz von philanthropischen Organisationen als Deckmantel für wirtschaftliche und letztlich auch politische und gesellschaftliche Ausbeutung weist bereits einen Vorläufer auf. In ihrem gut recherchiertem Buch "Thy Will be Done - The Conquest of the Amazon. Nelson Rockefeller and Evangelism in the Age of Oil" (Harper Collins) haben die Autoren Gerard Colby und Charlotte Dennett die Methoden dokumentiert, mit denen Nelson Rockefeller das Amazonasgebiet und andere südamerikanische Regionen mit der Hilfe von Religion und Philanthropie erobern konnte. Man drang in ein begehrtes Territorium ein, indem man landwirtschaftliche Produkte aus den USA an südamerikanische Bauern mittels angeblicher philanthropischer Organisationen verkaufte. Manchmal wurden die Bauern mit Gewalt von ihrem Land vertrieben. Ein Vergleich mit Soros zeigt erschreckende Ähnlichkeiten: der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, daß Rockefeller in den Süden ging und Soros in den Westen, daß Rockefellers Ziel das Öl war und das von Soros die Telekommunikation ist.
Man sich jetzt natürlich fragen, ob die Aktivitäten von Soros Teil eines größeren Plans sind. Mark Stahlman von New Media Associates, der das Wesen der sozialen Technik und der Technologie und deren Verbindungen untersucht und sich dabei auf Theorien wie die von H.G.Wells, Alvin Toffler und John Perry Barlow stützt, interessiert sich für die größere Ausrichtung der ISF. Auch wenn er nicht glaubt, daß Soros bewußt versucht, die Welt zu beherrschen, sollte die philanthropische Grundlage seiner Philanthropie hinterfragt werden. Das gilt besonders für das Konzept der "freien Gesellschaft". Wenn man eine solche Philanthropie mit der Taktik von Rockefeller im Amazonasgebiet verbindet, dann scheint sie ein schlaueres Kontrollmittel als die autoritäre Macht zu sein, die sie ersetzen will.
Das Konzept der "offenen Gesellschaft" beginnt natürlich nicht mit Soros, sondern stammt von Karl Popper, seinem verehrten Lehrmeister. Im Mittelpunkt des Interesses von Popper und seinem Wiener Kreis an der London School of Economics stand stets das Konzept einer Kontrolle durch Freiheit. Wenn man von solch einem Paradigma ausgeht, in dem Sozialtechnik und Bevölkerungskontrolle primäre Aufgaben sind, dann entsteht natürlich die Frage, wie man eine "offene Gesellschaft" beherrscht.
Eine Lösung dieses Problems kann man in der "Fabel von den Bienen: individuelles Laster, öffentliche Tugend" von Bernhard de Mandeville finden. Dementsprechend ist der Zweck einer "offenen Gesellschaft" die "Befreiung" des Alltagslebens, indem man es zu einem endlosen Strom von kindlichen Bedürfnissen macht, während die allgegenwärtige "Umwelt", also all die Probleme, mit denen die Gesellschaft konfrontiert ist, von oben nach unten streng kontrolliert wird. Das spiegelt wieder, was Mark Stahlman als "Englische Ideologie" beschreibt, also als einen Liberalismus in der Form eines eng begrenzten Privatlebens, in dem "anything goes", kombiniert mit genau definierten gesellschaftlichen Einschränkungen, die von einer technokratischen Elite kontrolliert werden.
Auch wenn ein solches Szenario "phantastisch" erscheinen mag, hat gerade das Internet es ein Stück wirklicher gemacht. Einzelne fliehen in virtuelle Welten, indem sie "auf dem Netz surfen" und sich mit interaktiven Spielen (und anderen Programmen) beschäftigen. Inzwischen planen und feiern die politischen Führer die schnellen Schritte, die man zur Etablierung einer globalen Ökonomie unternommen hat.
Wenn man dieses Entwicklungsmuster auf die Soros-Stiftungen anwendet, dann kann man davon ausgehen, daß die Ideologie der "offenen Gesellschaft" in Zentral- und Osteuropa sowie in der ehemaligen Sowjetunion so eingeführt wird, daß man den gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch, der auf das Ende des "Kalten Krieges" folgte, zu seinem Vorteil benutzt. Die "offene Gesellschaft" wurde folglich zu einem geschickt operierenden imperialistischen Ansatz, der die Menschen gegen sich selbst ausspielt. Auf viele Weise reflektiert er die Weise, wie der Kommunismus seinen Einfluß hier für einen Großteil des Jahrhunderts aufrechterhalten hat. Es sollte daher keine Überraschung sein, wenn die Nomenklatura, die einen Einfluß auf die Vorgehensweise der ISF zu haben scheint, in Symbiose mit Soros und seiner "offenen Gesellschaft" arbeitet.
Ob es solch eine Beziehung wirklich gibt oder ob die Soros-Stiftungen nur von Schwierigkeiten dank ihrer Naivität, ihrer Ignoranz, ihrer aufgeblähten Bürokratie, ihrer Schuld oder, negativer, ihres Konsumkapitalismus bedrängt werden, kann nur Soros selbst wissen. Trotzalledem fließen viel Geld und eine Menge an Ressourcen nach Zentral- und Osteuropa sowie in die ehemalige Sowjetunion, von denen die Menschen hier profitieren können. Wenn die von Soros betriebenen Stiftungen wirklich seiner Philanthropie angehören, dann sollte er seine Absichten deutlicher formulieren und sie in ihrer Arbeitsweise reformieren. Ansonsten existiert die offene Gesellschaft nur als Namen.
Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/reg/1095/2.html
Cyber Paulista
São Paulo - Das Monster
Vorspann I
Ich sitze auf dem Balkon der Casa das Rosas, während der Verkehr der Avenida Paulista meine Ohren betäubt. Doch langsam nimmt das Rauschen und Brummen eine beruhigende Qualität an, wie Meeresrauschen, und ich denke daran, wie es noch vor einer Woche war, als ich von São Paulo träumte, ohne je hiergewesen zu sein. Ich mußte an die mächtigen Wolkenkratzer denken, die ich auf Fotos gesehen hatte, und an die Obdachlosen, die sich nachts in den dunklen Nischen zu Füßen dieser Riesen aus Stahl und Glas zusammenkauern. Ich las Bücher über die 500-jährige und fortdauernde Geschichte der kolonialen Ausbeutung und der rücksichtslosen Bereicherung einer einheimischen Oberschicht. Freunde, die schon einmal hiergewesen waren, entwarfen das Schreckgespenst einer allgegenwärtigen Kriminalität. Ich dachte aber auch an Fußball, Caipirinha, Samba und Karneval.
Nun, eine Woche später, sitze ich hier zwischen den Wolkenkratzern in- und ausländischer Banken, zwischen Radio-, Fernseh-, Telefonfunk- und Satellitenantennen, die auf Mega- und Gigahertzfrequenzen Sprache, Texte und Daten rund um die Welt senden. Die Ungewißheit meines Traums von São Paulo, einer Riesenstadt in der Neuen Welt, ist verflogen. Fern ist mir der Gedanke, ich befände mich in der Dritten Welt. São Paulo ist eine Global City, wie sie Saskia Sassen beschrieben hat, oder besser, São Paulo ist Teil der Global City, der weltumspannenden Ströme von Geld, Waren, Menschen und Informationen. São Paulo, diese Phantomstadt, diese Megametropole umfaßt in ihrem abstrakten Stadtgebiet aber auch die Zweite, Dritte und Vierte Welt. Diese Stadt hält sich nicht an den dreidimensionalen Raster der cartesianischen Raumvorstellung. Hier wachsen die Slums vertikal und die Baumasse, diese angeblich festen Körper, scheinen in einem beständigen Fluß zu sein. São Paulo erscheint mir wie eine Stadt im WWW, die mehr durch ihre Links als durch ihre Festkörper geprägt ist. Nun, da mich solche Ahnungen beschleichen, weiß ich, ich bin angekommen, ich bin da.
Vorspann II
Rodney Brooks, Leiter einer Forschungsgruppe über Robotik und Künstliche Intelligenz (KI) am MIT, Masachusetts Institute of Technology, gilt als Pionier eines neuen Ansatzes in der KI. Seine Roboter verzichten auf den Luxus einer zentralen Steuerung ihrer Aktionen durch ein mächtiges Elektronengehirn. Brooks baut Roboter von der Größe von Spielzeuglastwagen oder Krebsen. Jedes einzelne Körperteil - die Beine, Arme und Fühler - dieser mechanischen Tiere wird durch einen eigenen Chip gesteuert, der gerade soviel Intelligenz besitzt, wie nötig ist, um die lokal nötigen Handlungen auszulösen. Vor, Zurück, Links, Rechts, Stop. Die Koordination zwischen den Gliedmaßen wird durch eine einfache Hierarchie von Prioritäten gewährleistet. Damit haben diese kleinen metallischen Biester jedoch schon mehr erreicht als so mancher riesiger Stahlkoloß, ausgestattet mit mächtigen Batterien und enormer Rechenpower, welche die NASA noch bis vor wenigen Jahren bauen ließ, um damit den Weltraum und ferne Planeten zu kolonialisieren. Brooks hingegen möchte noch kleinere Roboter bauen, Fleabots nennt er sie, also Flohroboter, und er ist überzeugt, daß es möglich wäre, durch Millionen solcher Flohbots z.B. die menschliche Besiedlung des Mars vorzubereiten.
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Rodney Brooks
Die Roboter von Brooks funktionieren, ohne daß sie eine innere Repräsentation von der Welt hätten. Sie haben keinen Referenzort im Sinne einer inneren Kartographie des Raums, in dem sie sich bewegen. Brooks sagt:
Die beste Karte der Wirklichkeit ist die Wirklichkeit selbst.
Rodney Brooks
Künstliche Lebewesen, die mit der Logik von Ameisenhaufen, Termitenbauten oder Bienenschwärmen arbeiten, schaffen Werke, die wir eigentlich nur Zivilisationen zutrauen, die über einen ausgeprägten kulturellen Überbau verfügen. Ist São Paulo die Stein und Fleisch gewordene Wirklichkeit eines neuen Paradigmas? Ist sein chaotisches Stadtbild der Abdruck eines anarchistischen Selbtsorganisationsprinzips in der Wirklichkeit? Ist dies jene Form von Anarchie, die aus einem besonderen Zusammenspiel von Klima, Wirtschaftsliberalismus, staatlich gestützter Oligopolwirtschaft und "New Frontier"-Denken entsteht?
Einleitung/Hypothese
Die Entwicklung von São Paulo ist entscheidend für die Zukunft der globalen Techno-Zivilisation. São Paulo ist ein Laboratorium für einen neuen Typ Gesellschaft, deren Schicksal fast ausschließlich von der Ökonomie bestimmt wird. Ihr dynamisches Wachstum im zwanzigsten Jahrhundert übersteigt für Europäer alle vorstellbaren Dimensionen und läßt sie in gewißem Sinn als geschichtslos erscheinen. In dieser Hinsicht ähnelt São Paulo den ebenso schnell wachsenden Metropolen Asiens und Afrikas. Die gesellschaftlichen Konflikte der alten Welt, zwischen Intellektuellen und Technokraten, zwischen Arbeit und Kapital, welche die europäische Stadtentwicklung so nachhaltig geprägt hat, findet hier nur bedingt statt. Zwar wird ebenso polemisiert und theoretisiert, doch bleibt das ohne Auswirkung auf die reale Entwicklung. Eine intellektuelle Elite spricht zu sich selbst, während das Geld und die vitalen Bedürfnisse jener, die über Geld verfügen, beständig Fakten schaffen, während die Armut des "Volkes" als weiteres Faktum hingenommen wird.
Technologisches Wissen und Fähigkeiten kreiieren in einem der Willkür des Kapitals ausgelieferten Wirtschaftsraum die seltsamsten Wucherungen. Die eingewanderten Europäer sehen sich einer feindlichen Lebenswelt - im kulturellen Sinn ebenso wie im Sinn von "Natur" - ausgesetzt und haben sich eine historische Verachtung für die Leiden der Caboclos zugelegt. Unter dieser Distanz leidet das Selbstverständnis der "Brasilianer" als Volk, verschärft durch die Mechanismen und Zwänge der Weltwirtschaft. Daher kann von Verwurzelung nicht die Rede sein und die "Hit and Run"-Mentalität - zu kriegen, was zu kriegen ist und sich dann davonzumachen - allgegenwärtig. Daraus resultiert eine Politik der verbrannten Erde, Sinnbild geworden mit den Brandrodungen in den Urwaldgebieten, aber auch übertragbar auf die Stadt als kybernetischer Metaorganismus.
Zugleich hat die Einwanderung der Stadt eine große kulturelle Vielfalt beschert und ethische Minderheiten - jeder ist hier eine Art ethischer Minderheit - können ihre Besonderheiten frei ausleben. Aus europäischer, in diesem Fall kulturpessimistischer Sicht, könnte das als sozialdarwinistischer Kampf aller gegen aller verstanden werden. Doch zugleich begünstigt diese "Suppe" autokatalytische Prozesse, die auf europäischem Boden niemals entstehen könnten. In einem technokulturellen Gährungsprozeß werden die Umrisse einer Kultur des 21. Jahrhunderts sichtbar, die in Zukunft weit weniger als in den vergangenen 500 Jahren von Europa und den USA bestimmt sein wird.
Lokalisierung I
Vilém Flusser, der von 1940 bis 1972 in São Paulo lebte, beschreibt in seinem Essay "Alte und neue Codes: São Paulo", die Stadt folgendermaßen:
Eine beinahe chaotische, von Lücken durchbrochene Häusermenge erstreckt sich mit einem Durchmesser von zirka 45 Kilometern über ein bis zu 800 Meter hohes Mittelgebirge. Darüber wölbt sich eine Smog-Glocke. Durchstößt man mit dem Flugzeug diese Glocke, dann werden verstreute Gruppen von Hochhäusern und Hütten sichtbar, jedoch keine Plätze. Am Rande der Häusermenge, stellenweise auch in ihr, erkennt man Industrieanlagen. Alles ist ins Grauweiße und Rötliche getaucht, mit einigen dunkelgrünen Flecken. [...] Es stellt sich sofort die Frage, ob eine derartige Siedlung "Stadt" genannt werden kann.
Vilem Flusser
Bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt konkretisiert sich dieser Eindruck. Längs der Stadtautobahn erstrecken sich die Favelas, Hüttensiedlungen aus Wellblech und Pappe, selten Holz, noch seltener Ziegeln. Je näher man dem Zentrum kommt, desto dichter stehen die Hochhäuser, Häuser unterschiedlicher Höhe, Alters und Bauweise, oft in einem Abstand weniger Meter nebeneinandergesetzt und durchpflügt von Stadtautobahnen mit ihren kreuzungsfreien Verzweigungen, Über- und Unterführungen. Bausubstanz, die älter als 30 Jahre ist, gibt es praktisch kaum
noch.
Die Straßen folgen selten dem so gewohnten Schachbrettmuster moderner Millionenstädte wie z.B. NYC. Plätze oder auch nur platzartige Erweiterungen scheint es nicht zu geben, auch keine Parks oder Kinderspielplätze. Nur in "Jardins", dem Viertel der Reichen, mischt sich Grün zwischen die Wohnanlagen und Villen. Der alles dominierende Beton der Häuser, Brücken und Straßenrandbefestigungen wirkt rau, rissig, vernarbt, von einer Schicht pulverisierten Smogs überzogen. Das Stadtbild spiegelt eine neoliberale, sich selbst überlassene, Wildwestgesellschaft. So etwas wie Flächen- oder Raumordnungspläne scheint es nicht zu geben. Wer über genügend Geld verfügt, baut wo und wie er will. Und es wird sehr viel gebaut. Während Gebäude, die keine zehn Jahre alt sind, bereits alt und verfallen wirken, werden neue hochgezogen. Die Stadtentwicklung scheint keinem übergeordneten Gesetz zu gehorchen als dem der beständigen Veränderung. So gleicht die Stadt mehr einem biotechnologischen, selbstorganiserenden Organismus, als einer von Menschen sinnvoll geplanten Struktur.
Geschichte
Abgesehen von einem Kloster am Ort der ursprünglichen Stadtgründung war São Paulo im 17. Jahrhundert eine Stadt der "Bandeiras".
Dieser Begriff bezeichnet eigentlich eine Standarte oder Flagge, die in den Boden gerammt wurde, um den Herrschaftsanspruch eines aristokratischen Großgrundbesitzers über einen Landstrich zu verdeutlichen. Daraus abgeleitet entstand der Begriff der "Bande", Gruppen von Outlaws, die für private Auftraggeber "ordnungspolitische Aufgaben" übernahmen, sprich Gegenden von Indianern zu "säubern", damit sie zu sicheren Weidegründen für Viehherden wurden, entlaufene Sklaven wieder einzufangen oder Sklavenaufstände niederzuringen und nicht zuletzt Besitz gegen andere "Bandeirantes" zu behaupten.
Noch im 19. Jahrhundert war São Paulo verhältnismäßig klein, unbedeutend gegenüber Salvador de Bahia (bis ca. 1800 Hauptstadt), Rio de Janeiro oder der Goldgräberhochburg Minas Gerais. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewann die Stadt an Bedeutung als Umschlagplatz für Kaffee und Mineralien, die aus dem Landesinneren kamen. Eine lokale Verarbeitungsindustrie entstand, bevor die nun veredelten Waren an die Häfen weitergeleitet wurden. In den zwanziger und vor allem den dreißiger Jahren setzte dann die sprunghafte Entwicklung São Paulos zur heutigen Größe ein.
Diese Entwicklung ist vor allem ein Produkt der europäischen Einwanderung und eng an den Aufschwung des Industriezeitalters nach fordistischem Modell in Brasilien gekoppelt.
Die damalige Regierung hatte erkannt, daß die Jahrhunderte lang protegierte Wirtschaftsform des feudalen Großgrundbesitzes gegenüber modernen industriellen Produktionsformen nicht mehr wettbewerbsfähig war. Auch entwickelte das Ende des 19. Jahrhunderts Demokratie gewordene Brasilien langsam so etwas wie ein nationales Selbstbewußtsein und der kapitalistisch, und nicht feudal-aristokratisch, orientierte Teil der Oberschicht erkannte, daß nicht mehr Landbesitz und schier unermeßliche Bodenschätze allein den Wohlstand sichern konnten, sondern daß auch handwerkliches und technisches Geschick der Bevölkerung vonnöten sein würde, um sich in einer expandierenden Weltwirtschaft zu behaupten. Daher versuchte man gezielt die Einwanderung von fleißigen Handwerkern und Facharbeitern aus dem von Krieg, Inflation und Wirtschaftskrise zerrütteten Europa zu begünstigen. Ob Deutsche, Polen, Italiener, sie sollten kommen und Brasilien, den schlafenden Riesen, erwecken helfen.
Und sie kamen. Der Stadtteil Bras war in den dreißiger Jahren bevorzugte Anlaufzone für die einwandernden Europäer. Für Millionen wurde dieses flache Stück Land, zwischen zwei Flüßen und daher auf sumpfigem Grund gelegen, zur ersten neuen Heimat, bevor sie zu Arbeit oder gar Selbständigkeit kamen und in bessere Wohngebiete ziehen konnten. Es ist bezeichnend, daß gerade dieser Stadtteil, obwohl doch eigentlich zentrumsnah, inzwischen wieder zur völligen Bedeutungslosigkeit abgesunken ist. Die beiden Flüsse verwandelten sich immer mehr in stinkende Abwasserkanäle. Eine Bahnlinie und eine Stadtautobahn wurden so angelegt, daß sie Bras verkehrsmäßig fast völlig vom Rest der Stadt abschlossen und daher jeglicher weiterer Entwicklung die Luft abschnitten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, der Bezirk dämmert vor sich hin. Entlang des Bahndammes und des verfallenden Güterbahnhofes erstrecken sich für Paulistaner Verhältnisse sehr niedere Gebäude, von Siedlungen verarmter Kleinbürger bis hin zu wirklichen Elendsquartieren. Im nächsten Jahrtausend könnte der Bezirk aber wieder aufleben, da eine neue Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke gebaut werden soll, die São Paulo mit Rio verbinden wird und deren Endpunkt sich ausgerechnet in Bras befinden soll.
Ökonomie
Das eigentliche Problem São Paulos befindet sich, tausende Kilometer von der Stadt entfernt, im Nordosten des Landes. Dort, im "Nordeste", den eigentlich fruchtbaren Tropen, sorgen die Reste des auf Sklaverei aufgebauten Feudalsystems im Verbund mit investorenfreundlicher, neoliberaler Politik dafür, daß Millionen von Menschen weder Land noch Arbeit haben. So bleibt ihnen als einziger Ausweg vor dem Verhungern die Abwanderung in die Millionenstädte des Südens, bevorzugt nach São Paulo. Wie menschliches Treibgut werden sie hier in den Favelas angespült, ein nicht enden wollender Zustrom, der die Errungenschaften der dynamischen Wirtschaftsmetropole beständig aufzufressen droht. Denn obwohl sich die Wirtschaft von São Paulo mit einer Wachtumsrate von mehr als 5% in den letzten Jahren vorteilhaft entwickelt, kann sie mit diesen meist analphabetischen und auch handwerklich nicht ausgebildeten Menschen nichts anfangen. Und auch in den Favelas - Slum ist nicht gleich Slum - werden sie zunächst nicht aufgenommen, da die eingesessenen Slumbewohner ihr Gewohnheitsrecht gegen die Neuzugänger verteidigen. Und so ziehen sie, ihr Hab und Gut in wenigen Plastiksäcken tragend, ziellos durch die Stadt oder haben es, mit einigem Glück, immerhin zu einem Handkarren gebracht, mit dem sie ihr faltbares Eigenheim, aus Pappkartons bestehend, transportieren.
Die Ursachen der Armut im Nordosten wirklich ausreichend zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Doch das Thema soll auch nicht ganz ausgeklammert bleiben. Es hängt sowohl mit brasilianischen Besonderheiten als auch mit ausländischen Einflüssen zusammen. Nur einen Aspekt zu betonen, würde ein verzerrtes Bild liefern. Brasilianisch, oder im eigentlicheren Sinn portugiesisch, ist die Art, wie Brasilien kolonialisiert wurde.
Anders als die Passagiere der Mayflower kamen die Portugiesen nicht als Siedler, sondern als Koloniasateure im puren ausbeuterischen Sinn. Als Soldaten, Abenteurer, Statthalter des Königs, lag ihnen nichts daran, eine nachhaltige Entwicklung im Land einzuleiten, sondern bloß möglichst schnell möglichst viele Reichtümer anzuhäufen und damit anderswo ein besseres Leben zu beginnen. Diese Mentalität wurde durch die Politik des Königshauses noch gefördert, das alles unternahm, damit sich im Lande keine unabhängigen Denkströmungen entwickeln konnte. So war es bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts verboten, eine Druckerpresse ins Land zu bringen. Ebenso wurde es gezielt unterlassen, Universitäten oder höhere Schulen zu gründen. Beides änderte sich erst mit der formalen Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1822.
Die Ansiedlung erfolgte bevorzugt an der Küste. Über die Häfen wurden die Reichtümer des Landes ins Heimatland verschifft und europäische oder sogar asiatische Luxusgüter importiert. Die adelige Oberschicht brachte riesige Landgüter in ihren Besitz und ließ sie durch Sklaven aus Afrika bestellen. Über Jahrhunderte hielt sich so ein Ausbeutungssystem, das weder Mensch noch Landschaft schonte und sich nur durch die wechselnden, bevorzugt produzierten Güter unterschied. Ein Boom löste den anderen ab. Zunächst Gold und Silber, dann Zuckerrohr, Kakao, Kaffee, Tabak, Kautschuk. War der Boden ausgelaugt oder wurden die gleichen Güter in anderen Erdteilen besser und billiger produziert, so wechselte man eben zum nächsten Produkt. Dabei wurden unter anderem auf mehreren tausend Kilometern die gesamten Küstenwälder abgeholzt, um für die jeweiligen Monokulturen Platz zu schaffen. Eine nachhaltige, auf Schonung von Resourcen bedacht nehmende Entwicklung wurde nie eingeleitet. Das Bildungsniveau der Bevölkerung blieb anhaltend schlecht und die Macht der Großgrundbesitzer ist, trotz starker Ermüdungserscheinungen, bis heute kaum gebrochen.
Dazu kam im zwanzigsten Jahrhundert die Macht der multinationalen Konzerne, die auf riesigen Flächen monokulturelle Agrarindustrie betreiben, gefördert und beschützt von der Staatsmacht im Namen einer neoliberalen Geldpolitik, die sich allein an makroökonomischen Zahlen wie z.B. der Geldwertstabilität orientiert, nicht aber an den lokalen Gegebenheiten und den ihnen unterworfenen Menschen.
Daten
Im Staat São Paulo lebten 1991 32% der Einwohner von zwei Mindestlöhnen im Monat oder darunter (ein Mindestlohn entsprach mal 112.- US$/2002: 60.- US$). 33,9% mußten sich mit 2 bis 5 Mindestlöhnen zufriedengeben und nur 12 Prozent verdienten mehr als 10 Mindestlöhne im Monat, während 4,2% über gar kein Einkommen verfügten, wobei São Paulo ca. 35% des brasilianischen wirtschaftlichen Bruttonationalprodukts hervorbrachte und in allen Werten durchschnittlich etwa doppelt so gut steht wie der Rest Brasiliens. Zum Vergleich mit Deutschland: Das jährliche Bruttoprokopfprodukt von São Paulo lag 1993 bei 4240.- US$, das von Deutschland bei 23560.- US$, wobei das Preisniveau in São Paulo ungefähr so hoch liegt wie in Europa, wenn bei einzelnen Produkten und Dienstleistungen nicht sogar höher.
Daten aus:SEADE - State Data Analysis System Foundation www.seade.gov.br/english/
Politik
Das wahrscheinlich verpönteste Wort in Brasilien ist "Landreform". Eine solche hat es, trotz zahlreicher Ansätze selbst zu Zeiten der Militärregierung (und erst recht in Zeiten demokratisch gewählter Regierungen, die auf jede Wählerstimme angewiesen sind und daher zu großherzigen Versprechungen neigen) nie gegeben.
Und auch der jetzige Präsident, Fernando Henrique Cardoso (von den abkürzungsverliebten Brasilianern FHC genannt), ist weit davon entfernt, eine Landreform, die diese Bezeichnung verdient, einzuleiten. Dabei müßte er selbst es eigentlich am besten wissen, inwiefern dieses aus feudalistischen Zeiten geerbte System der agrarischen Großflächenwirtschaft die Abhängigkeit vom Ausland, von den Launen des Weltmarkts und den preisdrückenden Auswirkungen der GATT-Abkommen dauerhaft zementiert. Denn vor seiner politischen Laufbahn war Cardoso Soziologe an der Universität von São Paulo und hat die Dependenz-Theorie mitbegründet, jene Theorie, die erklärt, warum die Entwicklungsländer, die Rohstoffe exportieren und Produkte von hoher Fertigungstiefe importieren, immer nur auf der Verliererseite stehen werden.
Warum Cardoso von seiner eigenen Theorie scheinbar nichts mehr wissen will, ist relativ leicht erklärt. Bei der letzten Wahl, der, die ihn zum Präsidenten machte, war sein stärkster Gegner der ehemalige Gewerkschaftsführer Luís Inácio Lula da Silva. Dieser hatte aus seiner Bewegung, eine Vereinigung der verschiedensten linken Bewegungen, von radikalen Gewerkschaftern über städtische Sozialdemokraten bis hin zur Bewegung der Landlosen, in eine reguläre Partei umgeformt, die "Partido dos Trabalheros" (Arbeiterpartei), kurz PT.
Bei der Wahl 1989 war da Silva, im Volksmund "Lula" genannt, Fernando Collor de Mello nur knapp unterlegen und konnte sich, nach dem Scheitern dessen neoliberaler Radikalkur für die Wirtschaft, die der Währungsstabilität alle anderen Ziele unterordnete, gute Aussichten auf einen Wahlerfolg machen. Doch die Übernahme des Präsidentenamtes durch die Linke erschien wohl vielen Brasilianern zu radikal und so wurde Cardoso als Kandidat der bürgerlichen Mitte aufgebaut. Mit seiner Soziologenvergangenheit fiel es ihm leicht, ein sozialreformerisches Image über die Medien zu verbreiten. Doch um die Mehrheit im Parlament zu erlangen, mußte er mit der Partei der Großgrundbesitzer paktieren, die an Köpfen klein, an Einfluß aber immer noch groß ist. Somit wurde die Landreform wieder einmal zu einem Projekt, das vor allem Papierstapel füllte, die in Aktenordnern abgelegt werden. Solange aber in diesem Punkt nichts geschieht, werden die Slums von Rio und São Paulo weiter wachsen.
Diese Ereignisse der jüngeren Geschichte haben Wurzeln in der Vergangenheit und stehen im Kontext der bereits erwähnten "ausländischen Einflüsse". Zwischen 1950 und 1964 wurde Brasilien von gewählten Präsidenten regiert. Was sich in dieser Zeit ereignete, die Entstehung von für südamerikanische Verhältnisse starken Gewerkschaften und die Ausbreitung einer kommunistischen Partei bis in die letzten Zipfel des Landes, war den USA nicht recht, die im Sinn der Monroe-Doktrin Brasilien als Teil ihres "Hinterhofes" betrachteten. So kam es 1964 zu einer vom CIA initiierten und von eingreifbereiten Flugzeugträgern vor Rio überwachten Machtübernahme der Militärs. Die Militärregierung hielt sich bis 1986. Es ist jedoch eine brasilianische Besonderheit, daß diese Militärherrschaft weniger grausam als in Argentinien, weniger totalitär als in Chile oder osteuropäischen kommunistischen Diktaturen verlief. So konnte sich ab den späten siebziger Jahren die Arbeiterbewegung von "Lula" entwickeln und durch Streikwellen in den achtziger Jahren entscheidend mit zum Sturz der Militärs beitragen.
Auch konnte die Militärdiktatur den Brasilianern die kulturelle Liberalität und die sprichwörtliche Lebensfreude nie austreiben. Zugleich ist es ein anderer Aspekt der brasilianischen Besonderheit, daß nun 10 Jahre nach Ende der Militärherrschaft Reste fortbestehen, wie sie sich zum Beispiel in der keiner demokratischen Kontrolle unterstehenden Militärpolizei manifestieren, die immer noch ihre Todesschwadronen ausschickt und im Zweifelsfall Demonstrationen Landloser mit Schußwaffengebrauch auflöst. Am 17.April 1996 starben bei einer solchen Militäraktion mindestens 19 Menschen (offizielle Statistik) im Bundesstaat Pará.
Mentalität
Den oben angesprochenen "brasilianischen Besonderheiten" liegt eine spezifische Mentalität zu Grunde, die sich in Grausamkeiten ebenso wie in einer übergroßen Herzlichkeit äußern kann. Es hat dies wohl niemand besser gezeigt als Sérgio Buarque de Holanda in seinem 1936 verfaßten Essay "Die Wurzeln Brasiliens". Dabei gelingt es ihm, viele Eigenheiten des Landes, die dem europäischen Besucher völlig fremdartig erscheinen, und ein Verständnis des Landes und der Städte nahezu verunmöglichen, einleuchtend auf eine besondere Mentalität zurückzuführen, die aus der Begegnung des Portugiesentums mit dem Land und zumindest teilweisen Verschmelzung mit Urbevölkerung und importierten Afrikanern entstanden sind. Nach ihm waren die ersten portugiesischen Einwanderer noch kaum vom Geist der Renaissance beleckt, sondern gefielen sich vielmehr in einer Fortführung mittelalterlichen Gedankentums.
Diese bestand zum einen in einer "edlen Gesinnung", die innere geistige Werte, Beschäftigung mit Kunst und Poesie, ritterliches Verhalten als wertvoller erachtete, als die Früchte harter Arbeit, welche das protestantische Ethos so sehr betont. Es ist eine Einstellung, die im Kern individualanarchisch ist, d.h. das Individuum über alles hebt und sich somit gegen alle systemischen Zwänge stellt, ob von Kirche, Staat oder Wirtschaftssystem ausgeübt. Das einzige Ordnungskriterium, aus dem Festigkeit, bzw. Kontinuität entsteht, ist die Familie.
Buarque belegt unter anderem, wie sich das auf die Art auswirkte, wie die Portugiesen ihre Städte anlegten. Das Schachbrettmuster, wie es die römischen, die spanischen und auch die US-amerikanischen Stadtgründungen prägte, wurde von den Portugiesen kaum jemals angewandt. Sie zogen es vor, den Verlauf der Straßen, die Plazierung der Häuser individuell anzulegen, auf örtliche Besonderheiten Rücksicht nehmend, grandiose und erbauliche Wirkung suchend: Die Terrasse mit der Aussicht auf die Meeres-Bucht, die sich an den Hügel schmiegende kurvige Straße, das Häuschen am Weiher, usw. Was sich in der mittelalterlichen Kleinstadt putzig ausnimmt, wird jedoch in der Megametropole zur Plage. São Paulo leidet darunter, daß es keine wirklichen Durchzugsachsen für den Autoverkehr hat, daß seine Straßen allzuoft in erzwungenen Sackgassen enden usw. Kein großer Wurf, keine Haussmannschen Boulevards helfen Ordnung in die Systemlosigkeit zu bringen.
Buarque zeigt auch, wie die brasilianische Mentalität des "herzlichen Familienmenschen" sowohl der Entwicklung eines demokratischen Staatsgedankens als auch der industriellen Arbeitsteilung im Wege stand. Da der Lebensmittelpunkt von vorneherein in der Familie gesucht wird, besteht kein Grund, hinauszugehen und sich in der "Polis" zu engagieren und organisieren. Der Sinn für das Gemeinwesen besteht schlichtweg nicht.
Der Familiengedanke in Gestalt der erweiterten Familie des Großgrundbesitzers schließlich begünstigte eine sich selbst genügende Wirtschaft, die alles "inhouse" zu produzieren trachtete. Die politischen Umstände haben dieses "inhouse"-System länger erhalten, als für die Wirtschaft des Landes gut war.
Die intellektuelle Tätigkeit schließlich konzentrierte sich allzuoft auf die gelungene Formulierung, die schöngeistigen Schnörksel, die erhabene Filosofie, anstatt praktische Handlungsanweisungen für das Alltagsleben auszuwerfen. Das äußert sich z.B. darin, daß Brasilien eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt hat, jedoch in vielen Bereichen immer noch von wenigen Familienclans regiert wird. Öffentliche Ämter werden hauptsächlich benutzt, dem eigenen Clan Geldquellen durch Postenschacher zu erschließen. So steht die aus dem Bürgertum stammende Intelligentsia dem Ereignis des Zusammentreffens der Moderne mit den Besonderheiten Brasilien verständnislos gegenüber und versucht, das Land mit politischen Rezepten zu kurieren, die aus Europa, USA oder neuerdings auch Asien stammen, in Brasilien aber zu Leerformeln verkommen. Diese fundamentale Verständnislosigkeit der brasilianischen Intellektuellenschicht gegenüber dem eigenen Land und zu welchen seltsamen Auswüchsen das führen kann, beschreibt auch Vilem Flusser sehr überzeugend in seinem Essay "Brasilien oder die Suche nach dem neuen Menschen" und bildet hier die Brücke zwischen Buarque und der Gegenwart.
Das Singapur-Modell
Es ist nicht so, daß sich die Regierenden São Paulos mit den Favelas einfach abfinden würden. Man schämt sich dafür vor der Welt und versucht, diese Schandflecke zu beseitigen. Dabei begann man in den achtziger Jahren auf das sogenannte "Singapur-Modell" zurückzugreifen. Das bedeutet nichts anderes, als daß schnell billige Wohnblocks als Sozialwohnungen hochgezogen wurden, in die man die Bewohner zwangsumsiedelte. Doch diese blieben meist nicht lange, da sie mit der Wohnform in Kleinfamilienzellen wenig anzufangen wußten. Erst vor kurzer Zeit aus ländlichen Gebieten zugewandert, erscheint ihnen das Leben in der Favela immer noch erstrebenswerter, da es in seiner Kleinteiligkeit so etwas wie dörfliche Strukturen zuläßt, während dieser Zusammenhalt, der auch eine Form sozialer Absicherung bedeutet, in den "vertikalen Slums" zerbricht. Viele ziehen einfach bloß pro forma ein, um dann die Wohnung weiterzuvermieten. Wenn die Menschen aber bleiben, einfach weil ihnen der Rückzug in die Favela verwehrt ist, da diese plattgewalzt wurde, so leben sie meist auf Kosten der Infrastruktur der Häuser, ohne Sinn für deren Erhaltung. Die Hochhäuser erleben in kurzer Zeit eine innere Verslummung.
Zu Beginn der neunziger Jahre war eine Vertreterin der PT (Arbeiterpartei) für zwei Jahre Oberbürgermeisterin von São Paulo. Sie versuchte einen anderen Weg zu gehen, indem sie den Favela-Bewohnern Hilfe zur Selbsthilfe bot. Durch kleine materielle Zuwendungen, oft in Form von Baumaterial und Werkzeugen, ermöglichte sie es, daß die Bewohner Abwasserkanäle und Stromleitungen verlegen konnten und Ziegelhäuser bauten. So konnten die dörflichen Strukturen innerhalb der Stadt ausgebaut werden. Das Modell war ausgesprochen erfolgreich. Doch zugleich ließ sie die Bautätigkeit im großen Stil völlig erlahmen, selbst an begonnenen Baustellen wurde nicht weitergearbeitet. Dadurch brachte sie die Medien gegen sich auf und verlor bei der nächsten Wahl gegen den Vertreter der Bauindustrie.
Nun ist man wieder zum Singapur-Modell zurückgekehrt. Das Ergebnis sind immer mehr vertikale Slums, verrottete Hochhäuser, in denen weder Wasser noch Strom funktionieren, von denen niemand weiß, wieviele Menschen in ihnen leben und sterben, weil kein öffentlich Bediensteter, ob Polizist, Volkszähler oder Strommonteur es wagen würde, sie zu betreten.
Rasse
Es ist eine Besonderheit der Portugiesen in ihrer Kolonialistenphase, daß sie keinen biologisch begründeten Rassismus kannten, zumindest nicht in der Form, wie er von den Nordeuropäern praktiziert wurde. Mit anderen Worten, die Portugiesen empfanden keinen Abscheu davor, sich mit dunkelhäutigen Menschen zu vermischen. So kam es, daß in der Frühphase der Kolonialisierung viele Männer indianische Frauen heirateten, da ein großer Mangel an Europäerinnen herrschte. Es gibt kaum einen Nachfahren dieser ersten Einwanderer, die nicht ein wenig indianisches Blut in den Adern hatten. Später kam es auch zu häufigen Vermischungen zwischen "Weiß" und "Schwarz", "Rot" und "Schwarz" usw. (die Verwendung dieser auf die Hautfarbe bezogenen Begriffe erfolgt im Bewußtsein ihrer negativen, Rassismus implizierenden Besetztheit, zugleich aber um der Kürze willen und aus Mangel an Alternativen). Aus dieser Praxis heraus entstand die wohl nur in Brasilien bestehende Vielfalt der Vermischungen von Genen.
Diese wurde oft als Grund angegeben, daß es in Brasilien keinen Rassismus gebe. Dies ist jedoch eine auch in Brasilien gerne geglaubte Schönfärberei, um nicht zu sagen Lüge. Der Rassismus wird in Brasilien vor allem kulturell definiert. "Weiß" sein ist eine Haltung und heißt, Schulbildung zu haben und auf einem Karriereweg zu sein. Viele Brasilianer versuchen in Kleidung und Lebensstil möglichst "weiß" zu erscheinen, da dies die Basis für Erfolg im Berufsleben ist. Dieser Prozeß wird auch als "Branqueamento" (Weiß-Werden) bezeichnet. Wer das mit Erfolg betreibt, entkommt den "schwarzen" Elendsquartieren der Favelas und rückständigen Landgemeinden.
Problematisch ist daran vor allem auch, daß die Erfolgreichen nichts an die Gemeinden zurückgeben, aus denen sie kommen, nicht aktiv versuchen, dort das Niveau zu heben. Weißgeworden schließen sie sich dem Kleinbürgertum bzw. Mittelstand an und sehen mit ebensolcher Verachtung auf die Schwarzgebliebenen herab, wie die, die immer schon "Weiß" waren. Dieser kulturelle Rassismus kann u.U. schlimmer sein als ein offener Rassismus, da er schwerer zu bekämpfen ist, indem so getan wird, als gäbe es ihn nicht.
Tatsächlich aber stellen "Schwarze" die Mehrheit derjenigen, die für den Mindestlohn oder darunter arbeiten müssen. Nach Angaben des Journalisten Caco Barcellos tötete die Polizei in São Paulo im Zeitraum von 1970 bis 1990 8000 Personen, von denen die Mehrzahl arm, schwarz, Migranten aus dem Nordosten Brasiliens, um 19 Jahre alt war und über ein monatliches Durchschnittseinkommen von 60 US$ verfügte. Diese Angaben ähneln dem soziografischen Durchschnitt der Häftlinge in Brasiliens Gefängnissen, so z.B. im berüchtigten "Carandiru" in São Paulo, das mit 7200 Gefangenen hoffnungslos überbelegt ist, was immer wieder Anlaß zu Revolten gibt Quelle.
Lokalisierung II
Liberdade, dtsch. "Freiheit", heißt ein Stadtteil São Paulos, weil das der erste Stadtteil war, in dem ehemalige afrikanische Sklaven befreit leben konnten. Im Laufe des 20. Jhdts. wurde der Stadtteil zunehmend von japanischen Einwanderern übernommen, die auch sein heutiges Gesicht prägen, mit zahlreichen Einzelhandelsgeschäften und Sushi-Restaurants. In einer Straße in Liberdade kam ein arabischer Geschäftsmann auf die Idee, Hochzeitskleider zu verkaufen. Er war damit so erfolgreich, daß ihm zahlreiche andere arabische Händler nacheiferten, so daß es heute eine Straße in Liberdade gibt, in der lauter arabische Geschäftsleute Hochzeitskleider verkaufen. São Paulo ist eine ausgeprägt multi-ethnische Gesellschaft. Unter seinen 20 Millionen Einwohnern befinden sich die verschiedensten Volksgruppen. Außer in Liberdade, das eine Art Sonderrolle hat, hat das jedoch keinen äußerlich prägenden Einfluß auf die Stadt. Die ethnische Vielfalt geht im Betonmeer der Hochhäuser unter.
Ausdifferenzierungsprozesse
Die großen sozialen Gegensätze bewirken Prozesse der Segregation, wie sie z.B. auch Mike Davis bezüglich L.A. beschreibt. Der gehobene Mittelstand und die Superreichen verschanzen sich in durch High-Tech und bewaffnete Wächter gesicherten Häusern und Straßenzügen. Die Stadt ist durchzogen von Demarkationslinien, die für den Fremden auf den ersten Blick unsichtbar sind. Die Avenida Paulista gilt zur Zeit als eine Art Zentrum der Stadt, obwohl das kein Stadtzentrum im europäischen Sinn ist, sondern bloß eine Ballung von Verkehr und Finanzdienstleistungen. Die Paulista verläuft mehrere Kilometer entlang einer Hügelkuppe. Auf der einen Seite geht es hinab zum ehemaligen Zentrum. Da sich dort in älteren Hochhäusern durch Wohnungs-Besetzungen immer mehr vertikale Slums entwickelt haben, wurde das Viertel von den Wirtschaftskräften aufgegeben, die sich auf die Hügelkuppe der Paulista zurückzogen, ein Prozeß, der sich erst vor wenigen Jahren vollzog. Auf der anderen Seite der Paulista geht es hinunter nach "Jardins", dem Villenviertel der Superreichen.
In einer Art Übergangsviertel stehen die Hochhäuser zwar auch dichtgedrängt, doch hat sich hier eine große Vielfalt an Baustilen entwickelt. Die Hochhäuser haben gläserne Pförtnerlogen und schmiedeeiserne Zäune. Ihre Wände sind von bunten Kacheln oder teuren Tropenhälzern bedeckt. Sie wirken elegant, grazil, mediterran.
Sao Paulo 1957, Foto GI
Es ist nicht ratsam, die Paulista auf der falschen Seite zu verlassen. Die Gefahr, von umherstreifenden Jugendbanden überfallen zu werden, ist ausgesprochen groß. Auf der anderen, der "guten" Seite, werden diese Banden von Polizisten und Privatsherriffs vertrieben. Arme haben hier gar nicht erst das Recht, den Bürgersteig zu benutzen. So kann sich hier das Yuppietum in Cafes, Bars und Restaurants unbekümmert produzieren. Handies und Goldketten, deutsche Automarken und italienische Designermode werden hier ausgeführt. Allein der Smog, der sich manchmal fast zu einer Art Bodennebel verdichtet, macht alle gleich.
High-Tech
Die Bewohner São Paulos sind stolz darauf, an den neuesten technischen Entwicklungen teil zu haben. Dies wird unterstützt durch die Präsenz ausländischer High-Tech Unternehmen. Die Basis wird durch Produktionsanlagen von 5 Autoweltmarken gestellt (demnächst werden es 8 sein), die hier nicht nur produzieren, sondern auch forschen und entwickeln, neue Modelle mit Computern visualisieren lassen und sie mit aufgemotzten Fernsehclips bewerben. Autofirmen, Elektronikunternehmen, Nahrungsmittel- und Pharmazeutikhersteller zahlen Löhne, die ein Leben in einem bescheidenen Wohlstand ermöglichen, der dem der hiesigen Mittelklasse zwar nicht vergleichbar ist, aber doch so etwas wie ein Kleinbürgertum aus Arbeitern und Angestellten entstehen ließ, die am fordistischen Wohlstandsmodell teilhaben können, mit Auto, Waschmaschine, Videogerät und Home-Pc´s.
Im Sommer 96 hatten in ganz Brasilien 1 Million Menschen Internetzugang. Führender Informationsanbieter ist die Tageszeitung Folha mit Universo Online. Das Grafic-Design der brasilianischen Web-Pages ist den großen amerikanischen Vorbildern wie CNET oder Yahoo nachempfunden, doch werden die Vorbilder hinsichtlich Geschmack, Farbwahl, Icon-Gestaltung oft übertroffen. Ebenso wie sich das "tropische" Lebensgefühl in grazilen Hochhausbauten äußert, scheint es sich auch auf die Web-Pages-Gestaltung positiv auszuwirken. Die Angebote von Universo-Online oder etwa dem Suchdienst Cadê? lassen nichts zu wünschen übrig. Kurznachrichten werden in UOL stündlich aktualisiert, das redaktionelle Angebot ist breit und widmet sich auch besonderen Internet-Themen, welche z.B. in der Print-Version der Tageszeitung "Folha" nicht enthalten sind. Dazu gibt es interaktive Chat-Foren und Newsgroups mit vielen Möglichkeiten für die Leser, auch selbst zu Wort zu kommen. Cadê? ist ein spezifisch auf das brasilianische Netz zugeschnittener Suchdienst, der in Design und Funktionalität Yahoo nachempfunden ist. Ein anderer Server mit individuellen Abfragemöglichkeiten bietet gratis und unverschlüsselt Zugang zu aktuellen soziologischen Daten über Stadt und Staat São Paulo. Die größten und buntesten Web-Pages haben zweifellos die Fußballclubs, doch auch die Politiker, bis hinunter zur lokalpolitischen Ebene, demonstrieren ihre Aufgeschlossenheit für das Informationszeitalter.
Doch bei aller Buntheit und Informationsvielfalt beschleicht einen ein seltsames Gefühl angesichts der unüberwindbaren Schranken zwischen der gebildeten Schichte und dem "Rest der Gesellschaft", der sich nicht einmal Zugang zu normaler Schulbildung leisten kann, da Bildung ein Privileg der Besserverdienenden ist. Mehr noch als in Europa oder den USA erscheint das Internet als ein zwar schön gestalteter doch irgendwie schon sehr abgehobener Schnörksel am Dachfirsat der brasilianischen Gesellschaft. Mit verzweifelter Insbrunst versuchen die Paulistas auf der Höhe der Zeit zu sein. Und auch wenn das einem Teil von ihnen sichtbar gelingt, so trägt das doch nichts zur Verbesserung der Lage des anderen Teils der Gesellschaft bei.
Die zahlreichen riesigen Bildschirme an der Avenida Paulista und anderen Zentren des Geschäftslebens, von denen computeranimierte Werbeclips für Auto, Nahrungsmittelkonzerne, TV-Sendungen und Web-Pages auf die Passanten herabrieseln, den geschäftigen Banker ebenso wie den seinen Handkarren ziehenden Obdachlosen, umflort von den Ausdünstungen des brutalen Straßenverkehrs, scheinen das Sinnbild dieser Differenz zu sein.
Stein und Fleisch
Faszinierend an São Paulo ist nicht die Stadt an sich, das unüberblickbare Häusermeer manchmal graziler, oft plumper Hochhäuser, zerfurcht von holprigen Stadtautobahnen, über die sich der Verkehr in ewigem Stau quält, sondern die Tatsache, daß es in dieser Stadt überhaupt möglich ist, zu leben, und dabei auch noch Spaß zu haben, was den "Paulistas offensichtlich gelingt. Wenn mit "Leben" eine bestimmte vitale Qualität bezeichnet wird, dann Leben die Leute nicht in, sondern gegen diese Stadt. Es ist faszinierend, hier zu sein, weil es so absurd ist. Selbst erfahrene Paulistas erleben ihre Stadt als eine Art groteske Unmöglichkeit, mit der man sich einfach irgendwie abzufinden hat. So ist diese Stadt wie eine Art künstliche Natur. São Paulo ist der wahre Großstadtdschungel, nicht das geordnete Gittermuster New Yorks.
Die Paulistas haben merkwürdige Überlebensmechanismen entwickelt. Die Abschottung gegen Armut, Elend, Rassendiskriminierung ist normal, wird nicht als verwerflich angesehen. Ein Kunstkurator, der sich in seinen theoretischen Texten mit Poststrukturalismus und Political Correctness abmüht, möchte eine schöne alte Fabrik für eine Ausstellung nutzen. Zu diesem Zweck muß die Halle allerdings erst von Obdachlosen, die sie besetzt haben, mittels Polizeieinsatz geräumt werden. Eine Bekannte erzählt mir, das wirklich Schöne an Brasilien seien die vielen Blumen. Allerdings habe ich in São Paulo außer in "Jardins" keine freiwachsenden Blumen gesehen. Die Blumen sind also deshalb so schön, weil sie so selten sind.
Das soziale Leben ist ausgesprochen komplex. Es gibt angeblich 200 verschiedene Arten, sich zu umarmen, und jede Art signalisiert den Umstehenden, welches besondere Verhältnis die Umarmenden zueinander haben. Im Viertel zwischen Paulista und Jardins gibt es wie erwähnt viele gute Restaurants, doch die meisten sind nach außen hin kaum zu erkennen, ihre Eingänge sind schmal und unscheinbar und erst dahinter öffnen sich die Räume in großzügige Dimensionen. Das soziale Leben ist sehr schnell und kennt viel mehr Übergänge zwischen Härte und Herzlichkeit als es sich Bewohner der alten Welt vorstellen können. Und während die "Geister" den europäischen Bildungsidealen nacheifern, geben sich die "Körper" afrobrasilianischer Rhythmik hin. Das "Branqueamento", also der Versuch der aufstrebenden Mischline, kulturell möglichst "weiß" zu erscheinen, verwandelt sich nachts und zu Zeiten des Karnevals ins Gegenteil, dann, wenn es vorteilhafter ist, beim Tanzen und Musizieren afrikanische oder indigene Wurzeln wiederzuentdecken und die weiße Steifheit abzulegen.
Epilog - Stadt auf Wanderschaft
Das Finanzdienstleistungszentrum, das sich erst im Lauf der letzten Jahre entlang der Avenida Paulista angesiedelt hat, ist bereits wieder im Aufbruch. Auf Grund der unmöglichen Verkehrssituation auf der ewig verstopften Hauptstraße, wird es für die Banker immer schwieriger, ihre Geschäfte abzuwickeln. Nur die Top-Manager können sich den Luxus leisten, die Hubschrauberlandeplätze auf den Hausdächern zu benutzen. Alle anderen stecken im gnadenlosen Stau und darunter leidet das Geschäft. Deshalb wird nun in Flughafennähe ein neues Finanzzentrum aus dem Boden gestampft. Die "Global City" São Paulos fühlt sich keinem historischen Zentrum, keinem Stadtentwicklungsprogramm verpflichtet. Sie bewegt sich dorthin, wo es gerade opportun erscheint.
In weiterer Folge wäre es genauso denkbar, daß auch die Stadt als ganzes dieser Logik folgt. Jetzt noch florierende Stadtteile werden einfach aufgegeben. Die Stadt als Ganzes bewegt sich auf den Flughafen zu, erstickt diesen, ein neuer Flughafen wird gebaut, São Paulo beginnt, sich auf die Wanderschaft zu machen. Im Zeitraffer von Jahrzehnten betrachtet schiebt sich die Stadt wie ein großer Cyberorganismus über die Hochebene von São Paulo, Fabriken hinter sich herschleifend, Elendsquartiere ausspuckend, verödete Teile abstoßend und sich immer neues Land und Menschen einverleibend.
http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=/tp/deutsch/special/arch/6089/2.html&words=Landbesitz
Platz für Paramilitärs und Drogenhändler
Tommy Ramm 28.05.2002
Der Rechtspopulist Álvaro Uribe Vélez konnte bereits in der ersten Runde die Präsidentschaftswahlen für sich entscheiden. Ein Hintergrundbericht aus Kolumbien
Wieder entschied der Umgang mit der Guerilla die Präsidentschaftswahlen in Kolumbien . War vor vier Jahren die Bereitschaft zu Friedensgesprächen ausschlaggebend, kam diesmal die harte Linie zum Zug. Der smart auftretende Rechtspopulist Álvaro Uribe Vélez, der "mit harter Hand und großem Herz" der Guerilla ihr Ende bereiten will, wird die kommenden vier Jahre das von einem blutigen Konflikt zerrüttete Land regieren. Dass in seinem großen Herzen auch Platz für die Paramilitärs und Drogenhändler steckt, zeigt seine Vergangenheit. Die Kolumbianer scherte es jedoch wenig. Bereits im ersten Wahlgang am letzten Sonntag konnte er 53 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, was eine Stichwahl unnötig macht.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/12620/12600_2.jpg
Die Wahlkampfzentrale von Álvaro Uribe Vélez im Norden Bogotás gleicht zwei Wochen vor den Wahlen einem Hochsicherheitstrakt. Hinter Panzerglastüren stehen ein halbes Dutzend bewaffneter Polizisten. Hin und wieder kreuzt ein in zivil gekleideter Mitarbeiter den Empfangsraum. Ein Interview (siehe "Keinen Schritt zurück") mit ihm zu bekommen, gleicht einem Versteckspiel. Tags darauf führt der Termin nach einer kleinen Irrfahrt in eines der zahlreichen Hotels in der Innenstadt. Auch dort stehen mehrere Bodyguards in zivil herum. Erst beim näheren Hinsehen sind sie an den Ohrstöpseln und den unnatürlich geschwellten Oberkörpern zu erkennen, welche die schusssicheren Westen tragen. Rund 200 Bewacher stehen dem Präsidentschaftskandidaten Kolumbiens rund um die Uhr zur Verfügung, sagt einer von ihnen.
Dieser Mann fürchtet offenbar um sein Leben. Nicht zu Unrecht. Am 14. April explodierte eine Busbombe in der Küstenstadt Barranquilla, just als die Wahlkampfkarawane von Uribe Vélez daran vorbeifuhr. Mit etwas Glück konnte er diesem Anschlag entkommen. Drei seiner Bodyguards und weitere drei Zivilisten nicht. Die Täter waren offenbar Rebellen der FARC-Guerilla.
Nach einstündiger Wartezeit betritt Uribe das Hotelzimmer. Klein, smart und unheimlich schnell. Schon in der ersten Sekunde vermittelt er den Eindruck, nicht gepackt werden zu wollen. Diesmal weniger von der Guerilla als vielmehr von ungenehmen Fragen. Schlechte Erfahrungen hatte er bereits mit der Zeitschrift Newsweek gemacht, die in seiner Vergangenheit herumzustochern versuchte. Ihm werden Verbindungen zu den rechten Paramilitärs und den früheren Drogenkartellen nachgesagt. Mit Antworten wie aus der Maschinenpistole versucht er die drei anwesenden Journalisten festzunageln, die kaum den Atem haben, mit Fragen zu folgen. Was hängen bleiben soll, sind kernige Aussagen. Viel mehr besser nicht. Sein Lieblingswort: Autorität. Nach acht Minuten ist der Spuk vorbei. Der kleine Uribe verschwindet, umringt von einem Tross grösserer Bodyguards, im dunklen Hotelgang.
Der Messias gegen den Krieg
Wie Phoenix aus der Asche sollte dieser Kandidat aufsteigen, nachdem der Friedensprozess zwischen Regierung und FARC-Guerilla am 20. Februar erfolglos beendet wurde. (siehe Bomben statt Waffenstillstand) Schon Monate zuvor wetterte Uribe gegen die bedingungslosen Verhandlungen mit der Guerilla, die sich ausserhalb einer entmilitarisierten Zone weiter munter ihrer Kriegsstrategie widmete. Als die letzten Hoffnungen auf eine politische Lösung des kolumbianischen Konflikts erloschen, katapultierte sich Uribe binnen kürzester Zeit nahezu uneinholbar an die Spitze der Umfragen.
"Ich wähle Uribe Vélez", sagt eine Ladenbesitzerin in einem kleinen Dorf nahe Bogotá. Ob sie denn nicht dessen nachgesagte Verbindungen zum Paramilitarismus beunruhige? “Das interessiert mich nicht, der Mann greift durch." So dachten die meisten Kolumbianer vor den Wahlen, die in Uribe den neuen Messias sehen, der nach der "Schande Pastrana" - so die Besitzerin - nun mit der Guerilla aufräumen wird. Bomben, die in den ersten Apriltagen in Bogotá und Villavicencio explodiert waren, gaben der Wahlkampfmaschinerie von Uribe Velez noch Nachschub. Anschläge, besonders von den FARC ausgeübt, trieben Uribe die Wähler in die Arme. Nach dem missglückten Anschlag in Barranquilla rief er unbeeindruckt in die Kamaras, dass nur eine "autoritäre Regierung" diesem Terror ein Ende setzen könne. Und er ist die personifizierte Autorität. Seine Versprechen, die bei den meisten Kolumbianern offene Ohren finden, können kaum populistischer sein: Aufstockung der professionellen Soldaten auf 100.000 Mann von derzeit rund 54.000, samt erhöhtem Militärhaushalt und Ausrottung der Guerilla.
Eine Million bewaffneter Zivilisten
Die weitgehende Ablehnung des 49-jährigen Uribe von Friedensverhandlungen mit der Guerilla resultiert aus den achtziger Jahren. Sein Vater, ein Landbesitzer, wurde von den FARC erschossen. Der Sohn konnte nie verstehen, wie Präsident Pastrana 1998 dieser Guerilla ein Gebiet von der Größe der Schweiz für Friedensverhandlungen ohne Konditionen überlassen konnte. Damals noch Gouverneur von Antioquia, sollte er eine ganz andere Politik verfolgen, die ihm den Ruf eines Paramilitär-Unterstützers einbrachte.
Während seiner dreijährigen Amtszeit als Gouverneur forcierte Uribe die Gründung von Convivir-Gruppen , eine unter Präsident Samper legalisierte Form von Selbstverteidigungsgruppen , die in den ländlichen Gebieten gegen die Guerilla vorgehen sollte. Laut Menschenrechtsorganisationen hatten diese Gruppen enge Verbindungen zu den Paramilitärs aufgebaut und sollen mitverantwortlich für Massaker gewesen sein, die besonders in der unter Uribe regierten Provinz anstiegen. 200.000 Menschen flohen damals wegen dem verschärften Konflikt aus ihrer Heimat. 1998 wurden die Convivir-Gruppen wieder für illegal erklärt.
Spricht man Uribe auf diese Punkte an, erzählt er jedoch von einem Erfolg dieser Strategie. Mehr noch: im Falle seiner Präsidentschaft will er eine Million Kolumbianer bewaffnen lassen, was einer Reaktivierung der Convivir gleichkommt. Journalisten hält er immer wieder Zahlen vor, wonach er in den meisten Teilen Antioquias mit der Guerilla aufgeräumt habe. So sei die nordwestliche Bananenregion Urabá "befriedet" worden. Dort herrschen seit Jahren jedoch brutal die rechten Paramilitärs. Seit März versuchen die Rebellen von FARC und ELN wieder, ihr altes Territorium zurückzugewinnen. Im Mai entwickelten sich schwere Kämpfe in Antioquia und der Provinz Chocó zwischen den irregulären Gruppen. Über 200 Bewaffnete und viele Zivilisten kamen dabei ums Leben. Uribe will diesem Treiben zivilen Widerstand entgegen setzen. Dass dabei gerade diese Zivilisten die zukünftigen Opfer sein werden, scheint er in Kauf zu nehmen. Wenn die Bürger mit der Armee eng zusammenarbeiten, so Uribe, wird der Konflikt beendet.
Smart Boy mit Schattenseiten
Sich selbst sieht Uribe als den Repräsentanten, der dem vielerorts einflusslosen Staat wieder Legitimität verleihen wird. Im Auftrage der Gesetze und: mit "respektvoller Autorität". Diese Sauberkeit und Gesetzestreue, die er im Wahlkampf repräsentiert, hat allerdings ihre Kratzer. So wie seine Biografie. Der gelernte 49-jährige Anwalt, der als Oberschichtsjunge eine typische Beamtenlaufbahn in der Medelliner Verwaltung mit Studium in Oxford und Harvard begann, könnte als das reine Beispiel eines Aufsteigertyps durchgehen. Gäbe es da nicht diverse Kontakte, die immer schwerer auf ihn lasten. Anfang der neunziger Jahre unterhielt er enge Kontakte zum Ochoa-Clan, der zum Drogenkartell von Pablo Escobar gehörte. Immer wieder betont Uribe, dass diese Beziehungen rein familiar gewesen seien. Ausgehend von seinem Vater, « Er ruhe in Frieden », so Uribe. Dem britischen Journalisten Simon Strong, der für sein Buch "Whitewash" 1994 über die Drogenkartelle in Kolumbien recherchierte, drohte Uribe vor einer Veröffentlichung eines mit ihm geführten Interviews. Als der Journalist in einem Medelliner Restaurant Fragen an den damaligen Abgeordneten zu einem seiner politischen Unterstützer stellte, der Jahre zuvor enge Kontakte zu Pablo Escobar gepflegt haben soll, rannte Uribe wutschnaubend aus dem Restaurant heraus. Schliesslich galt es, die weisse Weste öffentlich reinzuhalten. Vor der Tür erwartete den Journalisten der jetzige Präsidentschaftskandidat, Drohungen speiend, mit erhobener Faust und umringt von Bodyguards. Seltene Ausbrüche eines sonst so kontrollierten Kandidaten.
In den achtziger Jahren traf sich Uribe mehrfach mit Salvatore Mancuso. "Ein oder zweimal. Zufällig ", erklärt Uribe. Mancuso gilt heute als militärischer Chef der Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens AUC. Viele der heutigen Paramilitärchefs kommen aus den früheren Kreisen der Drogenkartelle. Uribe hatte enge Kontakte zu ihnen. Offenbar danken es diese ihm im Wahlkampf. In mehreren Regionen des Landes unterstützen die Paramilitärs offen die Kandidatur Uribes. "Wir schlagen den Leuten vor, wen sie zu wählen haben", brachte es Mancuso in einer Stellungnahme auf den Punkt. Wer das ist, darin besteht kein Zweifel. Schliesslich ist Uribe unmittelbarer Nachbar von Mancuso. Dessen Finca grenzt nahe der Provinzhauptstadt Montería an ein Landgut von Mancuso. Wenn Uribe nicht da ist, passen die Verwalter von Mancuso auf Uribes Kühe auf.
Eine Hand wäscht die andere. Eine deutsche Menschenrechtskommission , die im März die Stadt Barrancabermeja besuchte, berichtete von Plakatbestückten Stützpunkten der Paras in der Stadt mit dem Foto von Uribe. Bei den Parlamentswahlen im März kam es besonders in dieser Region zu einem grossangelegten Wahlbetrug, bei denen Stimmzettel vormarkiert waren. Das Kreuz befand sich an den Namen der Abgeordneten, die zukünftig den parteilosen Uribe unterstützen wollen.
Seinen Willen zur Präsidentschaftskandidatur äusserte Uribe Vélez 1999 auf einer Galaveranstaltung, auf der er zeitgleich zwei anwesende Armeegeneräle hochleben liess. Fernando Millan und Rito Alejo del Rio sollten später vom Militärdienst ausgeschlossen werden, nachdem ihnen enge Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen und eine Mitverantwortung für Massaker nachgewiesen wurde. Was Uribe aber in der Folgezeit nicht davon abhielt, die beiden Militärs bei mehreren Gelegenheiten für ihr "ehrenhaftes Verhalten" hochleben zu lassen und ihnen jede Verletzung von Menschenrechten abzusprechen. Die Liste liesse sich fortsetzen.
Was erwartet also ein kriegsgebeuteltes Kolumbien mit einem Uribe als Präsidenten? Die (zu) späte, aber nicht neue Erkenntnis, dass die Guerilla nicht auf militärischem Wege zu besiegen ist. Viele Präsidenten haben sich bereits vorher daran versucht und sind gescheitert. Mit Uribe steigt allenfalls das Risiko, dass dieser Krieg noch schmutziger wird als bisher. Bereits jetzt sterben jährlich 34.000 Kolumbianer eines gewaltsamen Todes. Alle 20 Minuten findet ein Mord statt. Werden eine Million Zivilisten legal bewaffnet, kann man getrost ausschliessen, dass sich dieser Zeitabstand verringert.
http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=/tp/deutsch/inhalt/co/12620/1.html&words=Landbesitzer
nocherts
02.05.2003, 11:46
Sauberer Thread, klasse!
:eek:
Die Landwirtschaft der USA
Die geographische Lage der USA erweist sich als außerordentlich günstig für den Anbau verschiedener Pflanzen.
Grundsätzlich kann man die Fläche in 2 Hälften teilen:
Der aride Westen
Der humide Osten
Diese werden noch einmal getrennt, wobei die Differenzierung von Klima, Boden und Wasserhaushalt abhängig ist:
Südöstliche Region:
warmgemäßigt, ständig feucht, heiße Sommer, milde Winter
Nordöstliche Region:
kontinentales Klima, warme Sommer, kalte Winter, feucht
Mittelwesten:
Nord-Süd-Streifen mit Steppenklima
entlang des 100. Meridians Nordosten:
Mischwaldklima
Südwesten:
subtropisches Klima
Auch die Lage zu den jeweiligen Verbraucherzentren war für den Anbau von Getreide, Viehzucht, Forstwirtschaft und den Anbau subtropischer Pflanzen von entscheidender Bedeutung. Die amerikanischen Farmer waren von Anfang an viel strebsamer und marktorientierter als zB. die europäischen.
Es wurden Landwirtschaftsregionen, die ähnliche Produkte anbauten, angelegt, sogenannte Belts:
Maisgürtel - Corn Belt Milchwirtschaftsgürtel - Dairy Belt
Weizengürtel - Wheat Belt Baumwollgürtel - Cotton Belt
Gürtel subtropischer Kulturen - Subtropical Crops Belt Gemüsegürtel - Trucking Belt (an der atlantischen Küste)
Diese 6 Belts wurden in einer bestimmten Reihenfolge um Chicago angesiedelt. Ganz innen der Dairy Belt, da leicht verderbliche Produkte nicht lange transportiert werden können (verarbeiteten Milchprodukte wie Käse, Joghurt,...). Anschließend der Corn Belt an. Weiter außerhalb befindet sich der Wheat Belt. Dann verliert sich die ringförmige Anordnung, da Weizen auch in der Nähe der Trockengrenze angebaut werden kann. Außerdem kann die Anbaugrenze im Frühjahr weiter nach Norden vorgeschoben werden (Sommerweizen).
Beschreibung der einzelnen Belts:
Dairy Belt - Milchwirtschaftszone:
befindet sich im Nordosten (Neuengland, südlich der großen Seen). Früher wurden hier ausschließlich Milchprodukte erschaffen. Durch Züchtung von Geflügel und Frühgemüse wurde eine Ertragssteigerung erreicht.
Heute dienen die Ackerflächen großteils der Produktion von Viehfutter.
Voraussetzungen dazu sind:
Naturausstattung - gemäßigte Zone mit ausreichend und das ganze Jahr über fallenden Niederschlägen
Einwanderer - sie kamen weitgehend aus Westeuropa und fanden ähnliche Verhältnisse wie zuhause vor
Bevölkerungskonzentration in Großstädten - das heißt viele Abnehmer für frische Produkte
Corn Belt - Maisgürtel:
Früher: Maisanbau und Rinderzucht. Durch die Züchtungen ("Bastardmais") wurde die Revolutionierung des Maisanbaus vorangetrieben (Hybridisierung). Die Halme dieses Maises waren gleich groß, so dass Maschinen zum Einsatz kommen konnten. Er war kälteunempfindlich und konnte daher auch im Norden angebaut werden (Wisconsin).
Insgesamt konnte die Produktivität gesteigert werden. Nochmals die Gründe:
starke Düngung
Hybridenmais
Einsatz von Maschinen
Vergrößerung der Fläche
Neben Schweinezucht gewann die Rinderzucht immer mehr an Bedeutung. Durch den hohen Fleischbedarf der Amerikaner kam es zur Modernisierung im Stallwesen. Auch heute sieht man dort viele Mastbetriebe. Trotzdem kann eine bestimmte Anzahl an Vieh nicht überschritten werden, da das Personal zu teuer wäre.
Der Boden wurde in dieser Region nach der Rodung, Beackerung und durch einseitigem Maisanbau (Monokulturen) stark beeinträchtigt.
Gegenmaßnahmen:
Drainage - Wasserabfluss schaffen
Fruchtwechsel - jährlich verschiedene Fruchtsorten anbauen
Konturenpflügen - Pflügen quer zum Hang (nicht bergauf-bergab) um die Bodenabwaschung zu mindern .
Wheat Belt - Weizengürtel:
Der Weizengürtel gehört zu den größten und ertragreichsten der Erde. Riesige Farmareale werden seit Jahrzehnten von wenigen Personen beherrscht.
http://www.borglinz.eduhi.at/usa/images/lw/DIn_LW.jpg
http://www.borglinz.eduhi.at/usa/lw/lw.html
US- Landwirtschaft
Outline of the U.S. Economy: American Agriculture: Its Changing Significance
A Condensed History (Timeline) of American Agriculture
Biotechnology: Food Security & Safety
Traditionell nahm die Landwirtschaft einen wichtigen Platz in der amerikanischen Wirtschaft und Kultur ein. Als die Nation noch in den Kinderschuhen steckte, galten Landwirte als die beispielhafte Verkörperung solcher Tugenden wie harter Arbeit, Initiative und Unabhängigkeit. Ihre Fähigkeit zur Erzeugung großer Erträge verdanken die amerikanischen Landwirte verschiedenen Faktoren. Der amerikanische Mittelwesten verfügt über einen der weltbesten Böden. In vielen Gebieten reichen die Niederschläge von bescheiden bis reichlich. In den Gebieten des Landes, wo es nicht so viel regnet, ermöglichen Flüsse und das Grundwasser intensive Bewässerung. Hohe Kapitalinvestitionen und der zunehmende Einsatz hervorragend ausgebildeter Arbeitskräfte tragen ebenfalls zum Erfolg der amerikanischen Landwirtschaft bei.
Die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts erwiesen sich als das goldene Zeitalter der amerikanischen Landwirtschaft. Die Preise für Agrarprodukte waren hoch, da die Nachfrage nach Waren stieg und der Wert des Bodens zunahm. Technische Fortschritte erhöhten die Produktivität. Den erfolgreichen Jahre Anfang des 20. Jahrhunderts endeten mit fallenden Preisen im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg. Diese Zeit war noch verheerender als zurückliegende Zeiten, weil die Landwirte nicht mehr unabhängig waren. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Landwirtschaft das Problem der Überproduktion. Technologische Fortschritte wie die Einführung von Benzin und Strom betriebenen Maschinen, sowie der Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln, erbrachte höhere Erträge pro Hektar als je zuvor.
Das 21. Jahrhundert begannen die amerikanischen Landwirte mit denselben Problemen, denen sie sich im 20. Jahrhundert gegenübergesehen hatten. Das wichtigste Problem war weiterhin die Überproduktion.
Die amerikanische Landwirtschaft ist zunehmend zu einem "Agrounternehmen" geworden. Agrounternehmen umfassen eine Vielzahl landwirtschaftlicher Unternehmen und Strukturen - von kleinen Familienbetrieben bis zu riesigen Zusammenschlüssen oder multinationalen Unternehmen, die große Ländereien besitzen oder die von den Landwirten verwendeten Waren und Materialien herstellen.
Diese landwirtschaftlichen Unternehmen, die manchmal im Besitz von Aktionären sind, benutzen mehr Maschinen und weit weniger landwirtschaftliche Arbeitskräfte. 1940 gab es 6 Millionen landwirtschaftliche Betriebe mit durchschnittlich je 67 Hektar.
Ende der neunziger Jahre gab es nur noch rund 2,2 Millionen landwirtschaftliche Betriebe von durchschnittlich 190 Hektar.
In dieser Zeit nahm die Beschäftigung in der Landwirtschaft dramatisch ab - von 12,5 Millionen 1930 auf 1,2 Millionen in den neunziger Jahren.
1900 arbeitete die Hälfte der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft. Am Ende des Jahrhunderts arbeiteten nur noch 2 Prozent in landwirtschaftlichen Betrieben. Etwa 60 Prozent der Landwirte arbeiteten nur Teilzeit. Sie hatten andere Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft, um ihrer Einkünfte aus der Landwirtschaft zu ergänzen.
http://www.usembassy.de/usa/wirtschaft-landwirtschaft.htm
Genpflanzen: Situation in den USA
In den Vereinigten Staaten befinden sich gentechnisch veränderte Pflanzen seit 1996 im kommerziellen Anbau. Zwei im Sommer 1999 veröffentlichte Studien1 beleuchten hauptsächlich die wirtschaftlichen Auswirkungen des Einsatzes von herbizid- und insektentoleranten Kulturpflanzen. Die Interpretation der Ergebnisse ist nicht leicht und lässt kein pauschale Wertung der Biotechnologie in der Pflanzenzüchtung zu. Folgende klare Aussagen können den beiden Berichten allerdings entnommen werden:
Die Anbauflächen für gentechnisch veränderte Pflanzen haben massiv zugenommen, insbesondere von herbizidtoleranten Sojabohnen (RRS) und insektentoleranten Maissorten (Bt-Mais).
Tabelle: Anbauflächen gentechnisch veränderter Pflanzen in den USA in den Jahren 1996 bis 1998 (in % der gesamten Anbaufläche der jeweiligen Kultur)
Kultur 1996 1997 1998
RRS 7% 17 % 45 %(= ca. 13 Mio. ha)
BT-Mais 1% 7% 19 %(= ca. 5.8 Mio. ha)
Quelle: Economic Research Service des USDA, vereinfacht und ergänzt
Der Einsatz von Bt-Mais führte in den Jahren 1997 und 1998 zu einem signifikanten Ertragszuwachs. Laut der Studie von Gianessi und Carpenter entspricht der dank Bt-Mais in den Jahren 1997 und 1998 im amerikanischen "corn belt" nicht an den Maiszünsler verlorene Maisertrag einer Anbaufläche von schätzungsweise 150'000 ha.
Der Einsatz von RRS führte je nach Region zu einer bis zu 50%-igen Reduktion des Spritzmitteleinsatzes.
1997 hat sich der Einsatz von BT-Mais für die Landwirte auch finanziell ausbezahlt. 1998 mussten hingegen Einbussen in Kauf genommen werden, da der Maiszünslerbefall in diesem Jahr extrem niedrig war. Der Landwirt wählt die Option "BT-Mais" quasi als Versicherung, da das Ausmass des Maiszünslerbefalls in Frühjahr bei der Maissaat nicht vorausgesagt werden kann.
http://www.internutrition.ch/market/agrocult/sit_usa.html
Der biologische Krieg könnte zuerst in der Landwirtschaft stattfinden
Florian Rötzer 02.10.2001
Die Maul-und-Klauen-Seuche in Großbritannien hat deutlich gemacht, was die Zukunft bereit halten könnte
Wenn man von den Risiken spricht, die von biologischen Waffen ausgehen können, denkt man zunächst vornehmlich an durch Züchtung oder Gentechnik scharf gemachte Erreger, die den Menschen selbst unmittelbar gefährlich werden können. Sieht man aber auf die Geschichte des biologischen Krieges, dann wird man nicht nur feststellen, dass der biologische Krieg gegen Nutzpflanzen und -tiere immer schon im Vordergrund stand, sondern auch, dass eine der ersten Waffen, die in den Labors gezüchtet worden sind, just der Erreger der Seuche ist, von der Großbritannien noch immer nicht ganz erlöst ist und die zumindest in Ansätzen demonstriert, welches Ausmaß ein gezielter Anschlag mit biologischen Waffen auf Tiere oder Nutzpflanzen haben könnte.
Zuerst der Rinderwahnsinn und anschließend vor allem der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien, die sich dort blitzartig verbreitet hatte und auch auf andere Länder übergesprungen ist, haben eindringlich demonstriert, wie gefährlich ein absichtlich als biologische Waffe ausgesetzter Erreger mit einer vergleichbaren Verbreitungsgeschwindigkeit sein könnte. Dabei müssen keine Menschen direkt sterben, aber es entstehen große volkwirtschaftliche Belastungen, die noch lange nachwirken können. Allein die direkten Kosten, die durch das Töten und Beseitigen von Millionen von Tieren, die Desinfizierung der Höfe, die Zoll- und Grenzkontrollen u.a. entstehen, sind erheblich.
Anders als bei einem etwaigen Versuch, Menschen mit Krankheitserregern zu infizieren, ist dies bei Tieren und Pflanzen in der Landwirtschaft wesentlich einfacher und für die Täter auch ungefährlicher. Hier gibt es kaum Schutzmaßnahmen - und dank intensiven Bewirtschaft, vor allem aber der Massentierhaltung, könnten mit einem ansteckenden Erreger wie der Maul- und Klauenseuche schnell große Wirkungen erzielt werden. Betriebe, die mehrere Hundert Rinder, mehrere Hunderttausend Schweine oder Millionen von Hühnern halten, sind keine Seltenheit mehr. In den USA gibt es Farmen, auf denen Hunderttausende Rinder gehalten werden: ein idealer Ort zur Auslösung einer Epidemie. Möglicherweise würde schon die erfolgreiche Infizierung eines Tieres reichen, um etwa eine Maul- und Klauen-Seuche zu bewirken, die auch dank der vielen Tiertransporte nicht mehr zu stoppen ist.
Vermutungen wurden geäußert, dass der Erreger durch den illegalen Import von Fleisch aus Asien nach Großbritannien eingeführt worden sein könnte. Schuld daran seien asiatische Restaurants. Überreste wurden dann an britische Schweine gefüttert. Einigen Betrieben war dies seinerzeit noch gestattet. Aber unabhängig von der wirklichen Ursache hätte ja vielleicht auch genügt, ein paar Schafe, Schweine oder Rinder zu infizieren, indem man ihnen Erreger unters Fressen mischt, um eine Seuche auszulösen ....
Seit den Terroranschlägen im September und der drohenden Vergeltung wird wieder die Angst vor Anschlägen mit Biowaffen geschürt ( Biopanik). Wirklich aufgeflammt ist sie während des Golfkriegs und danach vorwiegend in den USA, nachdem man entdeckte, dass der Irak ein großes Aufrüstungsprogramm für biologische Waffen betrieb, aber auch als deutlich wurde, dass nach Berichten von Kanatjan Alibekov, Direktor von Biopreparat, in der ehemaligen Sowjetunion noch lange an gefährlichen Pathogenen geforscht worden ist. Seitdem besteht die Angst, dass die militärische Überlegenheit der USA feindliche Staaten und Terroristen zum Einsatz "asymmetrischer" Waffen treiben könnte.
Bislang haben auch die blutrünstigsten Machthaber biologische Waffen nur höchst zurückhaltend eingesetzt, weil sie erstens schwer effektiv zu verbreiten sind und sie zweitens auch die eigene Bevölkerung in Gefahr bringen könnten. Und dass Sekten wie die japanische AUM bislang nicht erfolgreich waren, die nicht nur den Anschlag auf die U-Bahn mit dem Giftgas Sarin durchgeführt hat, sondern auch mit biologischen Waffen experimentiert haben, sollte nicht dazu verleiten, dass dies so bleiben wird. hinsichtlich der Wirksamkeit mit MKS vergleichbar für die Menschen wären vielleicht die Pocken. Seit Ende der 70er Jahre sind sie offiziell für ausgestorben erklärt worden, Proben gibt es offiziell nur noch in Russland (Biopreparat in Nowosibirsk) und den USA (CDC in Atlanta), die noch nicht vernichtet wurden. Würde eine erneute Epidemie ausbrechen, so wären jetzt die Menschen nicht mehr geschützt und gäbe es zu wenig Impfstoffe, um wirklich die Ausbreitung verhindern zu können.
Allerdings hat AUM gezeigt, dass es für eine Terroristengruppe auch mit ausreichend Geld, Einsatzbereitschaft und Experten nicht einfach ist, biologische Waffen herzustellen und einzusetzen. Die Sekte wollte mit Botulinus und Milzbrand große Menschenmengen töten. 1993 versuchte die Sekte, von einem achtstöckigen Gebäude in Tokio Milzbrandsporen zu versprühen, ohne dass daran jemand erkrankte. Botulinus-Toxin wurde auf Straßen in der Nähe von zwei amerikanischen Luftwaffenstützpunkten versprüht. Man nimmt aber an, dass die Sekte einen falschen Stamm von C. botulinum gezüchtet und eingesetzt hatte. Vergeblich suchte man in Zaire an Ebola-Viren heranzukommen. Die Sekte hatte auch 500.000 Hektar Grund in Australien gekauft, um dort Experimente durchzuführen. Auch aus diesem Scheitern könnten Nachahmer nicht unbedingt davon überzeugt werden, dass solche Anschläge vergeblich sind, sondern dass sie auf andere Ziele gelenkt werden, beispielsweise auf Tiere.
AUM steht aber nicht alleine für die Bereitschaft, biologische Erreger einzusetzen. 1984 züchtete bereits die Bagwan-Sekte in Oregon in einem biologischen Labor mehrere Krankheitserreger, darunter auch Salmonella typhirium, und brachte sie in Salatsaucen von 10 großen Restaurants. Ziel des Anschlags war, möglichst viele Wähler im County außer Kraft zu setzen, um die Chancen für die eigenen Kandidaten zu vergrößern. Über 700 Menschen erkrankten an Salmonellen. Bestellt hatte die Sekte die Erreger bei der Sammelstelle American Tissue Type Culture ( ATTC) die auch später wieder ins Gerede kam, weil sie 1995 Milzbrand-Proben in den Irak und Pesterreger an den rechtsradikalen Larry Harris in Ohio geliefert hatte, der 1998 mit einer Probe von Milzbranderregern festgenommen wurde. Weltweit gibt es Hunderte solcher Sammelstellen, die Proben vieler Erreger verkaufen - mitunter auch über das Internet. Ein Nachweis, dass man sie für Forschungszwecke benötigt, ist oft nicht einmal erforderlich.
Wer ist schuld an der Maul-und-Klauen-Seuche?
Würde man für Verschwörungstheorien empfänglich sein, so hätte man eine zeitlich möglicherweise naheliegende Verbindung zwischen der erneuten Bombardierung britischer und amerikanischer Kampfflugzeuge von irakischen Luftabwehranlagen am 16. Februar und dem Beginn der Maul-und-Klauen-Seuche am 19. Februar in Großbritannien herstellen können. Der panasiatische Virus wurde zuerst, wie die FAO berichtet, 1990 in Indien festgestellt. Seitdem hat er sich "erfolgreich" über den Nahen Osten bis nach Europa, aber auch nach Korea, Japan, China und Taiwan verbreitet und findet sich bei Schafen, Schweinen, Rindern, Rehen, Büffeln, Kamelen, Ziegen und Antilopen. Im Irak ist dieser Virus ab 1996-97 aufgetreten.
Bekannt ist, dass im Irak nicht nur biologische Waffen gegen Menschen wie Botulinus, Pest oder Milzbrand entwickelt wurden, sondern auch solche, die gegen Tiere und Pflanzen gerichtet waren. Hergestellt hat man beispielsweise große Mengen von Aflatoxin, einem bakteriellen Pflanzengift, das man in Bomben einfüllen kann, um sie über Weizenfelder abzuwerfen, aber auch Kamelpocken. Kultiviert wurden überdies die Erreger der Maul-und-Klauen-Seuche, die zum Standardrepertoire biologischer Waffen gehört, weil sie sich so schnell verbreiten kann. Schwierig ist dabei immer festzustellen, ob an solchen Erregern zur Abwehr von Epidemien geforscht wird oder ob es sich um Forschung zur Entwicklung biologischer Waffen handelt ( Streit um die Wiederinbetriebnahme eines Labors für die Maul-und-Klauenseuche im Irak).
Die Grenzen sind schon bei der Herstellung von Erregern fließend, was alles sehr schwierig macht. Schließlich lassen sich beispielsweise Impfstoffe im vorgeblichen Rahmen einer Defensivforschung nicht nur bei einem feindlichen Angriff verwenden, sondern auch als Schutz der eigenen Truppen, wenn diese selbst eine biologische Waffe gebrauchen. Schwierig kann es auch sein festzustellen, ob es sich tatsächlich um einen Anschlag oder um eine anderweitig ausgebrochene Epidemie handelt. Zum Beispiel kann aufgrund neuartiger Erreger, die bislang in einer Region nicht vorkamen, nicht schon auf einen Anschlag zurückschließen. Die Globalisierung der Verkehrsströme eröffnet Krankheitserregern eine schnelle geographische Verbreitung, die Veränderung von ökologischen Nischen durch Umweltzerstörung oder landwirtschaftliche Erschließung kann dazu führen, dass Erreger sich neue Wirte suchen. Das amerikanische Center for Disease Control and Prevention sagt, dass 80 Prozent der Erkrankungen durch Lebensmittel auf Viren oder andere Pathogene zurückgehen, die noch nicht identifiziert werden konnten. Kann man also mit überzeugender Sicherheit ausschließen, dass der Ausbruch der MKS in Großbritannien nicht auch auf die geplante Infizierung von Tieren zurückgeführt werden könnte?
Epidemien lassen sich schon seit jeher, aber besonders seit dem Aufstieg der Bio- und Gentechnik immer auch anders sehen. Die für Epidemien zuständigen Centers for Disease Control and Prevention ( CDC) haben daher auf ihrer Website eine Rubrik, die über Gerüchte aufzuklären sucht. Wie schnell ein Konglomerat aus Bedrohung, Gerüchten, Geheimhaltungsstrategien und Bekämpfung zu schwierigen Situationen führen kann, hat das sogenannte Golfkriegssyndrom gezeigt. Noch 1998 weigerten sich viele Angehörige des US-Militärs, sich gegen Milzbrand impfen zu lassen. Viele Geimpfte behaupteten, bei ihnen sei es durch die Impfung zu gesundheitlichen Probleme gekommen, Gruppen wie die Citizen Soldier warnten vor der Impfung, weil man sie als Vorbereitung für einen biologischen Krieg betrachtete, während Gruppen aus dem rechten Spektrum fürchteten, die US-Regierung wolle die Truppen dadurch schwächen. Das alles weist nicht nur auf die latente Angst hin, die bereits besteht, sondern auch auf die Schwierigkeiten, die entstehen würden, wenn eine gefährliche Seuche ausbricht und Massenimpfungen notwendig werden sollten.
Im Fall der MKS im Irak wurde den USA vorgeworfen, sie hätten 1999, als ein erneuter, landesweiter Ausbruch sich ereignete, die MKS in den Irak als biologische Waffe verbreitet. Der CIA wird daran eine indirekte Schuld zugesprochen. Die UN-Waffeninspektoren der UNSCOM, die von der CIA infiltriert worden seien, hätten 1993 das Labor in Al Manal zerstört, in dem Impfmittel gegen MKS hergestellt worden seien. Hier hätte man soviel Impfstoff produzieren können, dass die Bauern drei Mal im Jahr ihre Tiere impfen konnten. Die Anlage wurde von der UNSCOM demontiert, weil man den Verdacht hatte, dass hier biologische Waffen hergestellt worden sind. Schon daraus lässt sich erkennen, dass biologische Waffen - darin gleichen sie dem vielbeschworenen Infowar - auch schon allein in Form von Gerüchten zu Verunsicherungen führen können. So hatte Cuba 1997 sich an die UN gewandt und die USA beschuldigt, biologische Waffen eingesetzt zu haben, die man mit einem Flugzeug versprüht hatte. Ein Jahr darauf hat ein Wissenschaftler aus Florida wiederum Kuba beschuldigt, biologische Waffen verwendet zu haben. Das CIA konnte diese Behauptung zwar nicht bestätigen, hat sich aber gerne darum kümmert, um der Kritik aus Kuba zu begegnen.
Eine kurze Geschichte der Biowaffen
Die Geschichte der biologischen Waffen, die gegen Tiere und Pflanzen des Gegners eingesetzt und entwickelt wurden, geht weit zurück. Die Vergiftung von Brunnen mit Trinkwasser durch Kadaver ist beispielsweise eine alte Strategie. Einen ersten Höhepunkt des biologischen Krieges gab es im 14. Jahrhundert, ab dem 20. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg beginnt eine neue Entwicklung, die mit den Erkenntnissen der Genforschung und den Mitteln der Gentechnik in unserem Jahrhundert vermutlich erst wirklich durchschlagen wird, wenn nicht schnell und umfassend ein weltweit anerkanntes und effektiv überwachbares Abkommen zustande kommt, dass die Herstellung, Lagerung und Verwendung von biologischen Mitteln verbietet.
Man nimmt auch an, dass die Pest in Europa durch eine perfiden Anschlag eingeführt worden sein könnte, zumindest hat er die Verbreitung in der frühen Zeit der Globalisierung beschleunigt. Bis Anfang des 14. Jahrhunderts hatte sich die Pest nur in Asien ausgebreitet, die ursprünglich vermutlich bei Murmeltieren im heutigen Turkestan endemisch war und offensichtlich auf die dort lebenden Nomaden nicht übergesprungen ist. Durch irgendwelche Störungen der Ökologie, sei es durch Erdbeben oder durch soziale Veränderungen, begann sich die Seuche dann auch auf die Ratten und die Menschen auszubreiten. Die "Globalisierung" hatte, wie heute auch, einen entscheidenden Anteil, denn mit den Waren, Tieren und Kaufleuten zogen auch die Erreger mit. Zumindest ging durch die Region der von der Pest heimgesuchten Nager die große Seidenstraße, die China mit Europa verband und auf der der Verkehr immer stärker zugenommen hat. Entlang der Straßen entstanden Posten und Städte - und anscheinend waren die sesshaften und dicht beieinander wohnenden Stadtbewohner auch anfälliger für die Pest als die Nomaden.
Im 14. Jahrhundert hatten Tartaren den von den Genuesen 1266 gegründeten Schwarzmeerhaften Kaffa (heute: Theodosia), eine Stadt an der Seidenstraße belagert. Janiberg, der Anführer der sogenannten Goldenen Horde, ließ dann einige Leichname mit dem Pesterreger über die Stadtmauern katapultieren. Auch wenn die Bewohnern die infizierten Körper sofort ins Meer warfen, breitete sich die Pest aus. Auf Schiffen kamen Menschen und vermutlich Ratten aus der Stadt in das große Handelsnetz der Genuesen und brachten so den Schwarzen Tod nach Italien und schließlich nach ganz Europa. Man geht davon aus, dass um 1420 die Bevölkerung Westeuropas auf ein Drittel der der Menschen zurückgegangen ist, die 100 Jahre zuvor hier gelebt hatten. In Städten und Dörfern starben bis zu 80 Prozent der Einwohner am Schwarzen Tod. Wie immer, wenn es sich um Seuchen handelt, entstanden auch Gerüchte über die Herkunft. So wurden etwa Juden in Europa oder Andersgläubige im Osmanischen Reich für die Pest verantwortlich gemacht und verfolgt.
Im Ersten Weltkrieg, dem Einsatzort vieler Neuerungen und auch der Kriegsführung mit chemischen Waffen, versuchten die Deutschen mit Milzbrandsporen und Rotz gegen die Zugtiere, Reitpferde und der Ernährung dienenden Tiere der Alliierten vorzugehen, um den Transport und die Versorgung der Truppen zu stören. Geforscht wurde auch mit Ricin, ein sehr giftiges in der Kastorbohne vorkommendes Protein. Jüngst wurde bei der Ausstellung "Schwarzer Tod und Amikäfer" ein milzbrandverseuchtes Zuckerstück gezeigt, dass russische Soldaten bei einem finnischen Agenten gefunden hatten. Auch wenn man nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Genfer Abkommen von 1925 die Verwendung von chemischen und biologischen Waffen im Krieg zu ächten suchte, hatte die Geschichte der bewussten Verwendung von Bakterien, Viren, Pilzen und anderen Erregern und Toxinen erst begonnen..
Im Zweiten Weltkrieg experimentierte man, auch noch nach Hitlers explizitem Verbot 1942, vornehmlich mit MSK sowie mit Kartoffelkäfern und anderen Schädlingen. Es wurden auch Feldversuche in Russland unternommen, bei denen von einem Flugzeug aus der MSK-Erreger über Rinder und Rentiere versprüht wurden - angeblich mit großem Erfolg. Die Kartoffelkäfer wurden über einem Feld bei Speyer verteilt. Auch die Franzosen waren an der Entwicklung biologischer Waffen interessiert und konzentrierten sich neben dem Erreger von Rinderpest vornehmlich auf Kartoffelkäfer. Japan experimentierte nicht nur mit biologischen Waffen wie Cholera, Pest oder Typhus gegen Menschen in China, sondern untersuchten die Einsatzmöglichkeiten von Pilzen, Bakterien und anderen Schädlingen an Getreide und Gemüse in der Mandschurei und in Sibirien. Zwischen 1940 und 1941 verteilte man aus der Luft auch Anthrax, infizierte Weizenkörner und Baumwollsamen.
In Großbritannien hatte das Microbiology Warfare Committee schon 1937 den ersten Bericht über den Einsatz von Milzbrand und MSK fertiggestellt. Unter anderem wurden 5 Millionen Kekse mit Anthrax für Kühe hergestellt, die man mit dem Flugzeug verbreiten wollte. Vermutlich gab es hier die größten Forschungsanstrengungen zu Mitteln, die man gegen Nutzpflanzen einsetzen kann. Eine zu Übungszwecken Anfang der 40er Jahre mit Milzbranderregern verseuchte Insel ist heute noch immer kontaminiert. Auch die Amerikaner entwickelten schon im Zweiten Weltkrieg einige biologische Waffen wie Pilze gegen Weizen, die Rinderpest und immer wieder natürlich MKS. Gegen Ende des Krieges erwogen die Amerikaner sogar, ein Pilz einzusetzen, um japanische Reisfelder zu vernichten, kamen aber davon wieder ab. Neben der USA hat nach dem Weltkrieg vornehmlich die Sowjetunion die Entwicklung von biologischen Waffen auch gegen Pflanzen und Tiere weiter getrieben. In den USA wurden auch mehrere Freilandversuche mit Infektionserregern durchgeführt und Bomben, Sprühgeräte oder Unterwasserminen entwickelt, um die Erreger freizusetzen. 1969 wurde dann durch Präsident Nixon die Forschung an biologischen Waffen eingestellt, nicht aber die Entwicklung von Defensivwaffen.
In der Sowjetunion hielt man aber weiter an der Forschung fest, wo sich auch 1979 ein Unfall in einem Rüstungsbetrieb in Jekaterinburg mit Milzbrand-Sporen ereignete. Dass der Erreger aus dem Biowaffen-Labor stammte, zeigte sich unter anderem an dem Todesstreifen, der sich aufgrund der vorherrschenden Windrichtung ergab und in dem Menschen und Tiere erkrankten und starben. Es handelte sich, wie man später herausfand, um vier verschiedene Bakterienstämme, die gegenüber Antibiotika resistent waren. Milzbrand ist deswegen so beliebt, weil sich die getrockneten Sporen, abgeschirmt vom Sonnenlicht, gut bis zu 100 Jahren einsatzbereit vorrätig halten lassen.
In der Sowjetunion haben viele Tausende von Wissenschaftler über viele Jahre hinweg an Hunderten von Erregern geforscht, um sie zu effektiven Biowaffen heranzuzüchten. Zwar wurde die Forschung offiziell eingestellt, aber es ist weiterhin unbekannt, ob sie nicht geheim von den Militärs weiter betrieben wird, ob nicht "scharf" gemacht Erreger an Interessierte verkauft wurden und ob nicht manche der arbeitslos gewordenen Wissenschaftler ihr Wissen gegen gute Bezahlung anderen Staaten oder Organisationen zur Verfügung stellen. Im Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie in Nowosibirsk hatte man nicht nur Pocken, Ebola, Marburg oder Lassa erforscht und zu Biowaffen zu entwickeln versucht, hier sollen auch jetzt noch unter sehr unsicheren Bedingungen mehr als 20.000 unterschiedliche Viren- und Bakterienproben lagern. Wahrscheinlich wurde in der Sowjetunion auch das umfangreichste Forschungsprogramm zur Entwicklung von biologischen Waffen gegen Pflanzen und Tiere durchgeführt. Bekannt ist, dass man mit MKS, Rinderpest, dem Afrikanischen Schweinefieber oder der Vogelinfluenza experimentiert hat. So hatte man erfolgreich beispielsweise MKS durch Zecken übertragen oder Insekten einsetzen können, um Pathogene auf Pflanzen zu bringen.
Die schwarze Biologie
Mit den heute vorhandenen gentechnischen Mitteln lassen sich Viren oder Bakterien wahrscheinlich noch weitaus gefährlicher und unbehandelbarer machen als bislang. Die "Schwarze Biologie" hat erst begonnen. Grundlage für sie ist die weitere Sequenzierung des Genoms von Erregern. Veröffentlicht wurden bereits die Genome etwa von Vibrio cholerae oder den Bakterien, die Milzbrand, Pest oder Typhus verursachen. Der Molekularbiologie Steven Block, Mitglied der Gruppe JASON, die die US-Regierung in wissenschaftlichen Fragen berät, schrieb in American Scientist: "Bakterien und Viren können jetzt so hergestellt werden, dass sie sich qualitativ von herkömmlichen Biowaffen unterscheiden. Aus der Perspektive der Biowaffen gehört dazu, dass man sie mit "erwünschten" Eigenschaften wie eine sicherere Handhabung, höhere Virulenz, verbesserte Angriffsmöglichkeiten auf den Wirt, schwierigere Identifizierbarkeit und leichtere Verteilung ausstatten kann." So könne man "binäre" Biowaffen entwickeln, die nur dann tödlich wirken, wenn die beiden Komponenten zusammenkommen. Es ließen gezielte Abänderungen von Genen oder Organismen herstellen. Und wenn man für die Gentherapie einen guten Vektor entwickelt hat, um Gene in den Körper gezielt einzuführen, ließe sich das auch für das Einbringen von pathogenen Genen benutzen. Möglich wäre es, "Stealth-Viren" zu erzeugen, mit denen man die Ziele infiziert, die Infektion aber erst ausbricht, wenn ein Auslöser aktiviert wird. Und natürlich könnte man nicht nur Organismen verändern, sondern auch neue Krankheiten schaffen.
Dass die "Schwarze Biologie" nicht erst in der Zukunft wartet, haben australische Wissenschaftler zu Beginn des Jahres gezeigt. Eigentlich hatten Ron Jackson und Ian Ramshaw nur versucht, einen Virus genetisch zu verändern, um ein Mittel gegen die Vermehrung von Mäusen herzustellen. Die überraschende Folge war, dass daraufhin das Immunsystem der Mäuse außer Kraft gesetzt wurde. Dazu führten sie in ein Mäusepockenvirus, eine normalerweise leichte Infektionskrankheit, die Schwellungen und Nekrosen der Pfoten hervorruft, ein Gen ein, das für die Produktion von großen Mengen an Interleukin 4 verantwortlich ist. Interleukin 4 ist ein Cytokin, das T-Helferzellen anregt, die wiederum die Immunantwort des Körpers stimulieren. Der Virus war lediglich das Vehikel, um die in ihm enthaltenen Proteine in den Körper einzuschleusen, um die Antikörperreaktion auszulösen. Doch das genveränderte Virus führte dazu, dass die zellvermittelte Immunreaktion, d.h. der Angriff von T-Zellen auf infizierte Zellen völlig unterdrückt wurde. Ganz ähnlich ließen sich auch Pockenviren zu tödlichen Biowaffen umbauen, warnen die Wissenschaftler ( Tödliche Biowaffe).
Natürlich sind im Zeitalter der Globalisierung und der Massentierhaltung keine Biowaffen-Anschläge notwendig, um Tierseuchen auszulösen. Die MKS ist nicht nur eine der ansteckendsten Infektionen, sondern es gibt sie auch immer irgendwo. Das trifft etwa auch auf das Schweinefieber zu, wegen dem in Holland erst 1997 10 Millionen Schweine getötet wurden. Aber der Einsatz von Biowaffen könnte auch ganz anders beginnen, beispielsweise als Kampf gegen den Anbau von Pflanzen, die zur Gewinnung von Rauschmitteln dienen. Und hier ist man schon ziemlich weit gekommen, im Rahmen (oder unter dem Deckmantel) der Verbrechensbekämpfung Biowaffen zu verwenden und damit das sowieso nur als Papiertiger geltende Abkommen über das Verbot von biologischen Waffen, schon bevor es möglicherweise noch dieses Jahr durch ein Protokoll über Kontrollmechanismen ergänzt wird, auszuhebeln.
Ganz "offiziell" hatten die USA auf der Grundlage von Forschungsergebnissen der ehemaligen Sowjetunion durch ein großes Hilfspaket die kolumbianische Regierung zu "überzeugen" versucht, mit einem Pilz gegen Kokapflanzen vorzugehen. Auf Initiative Washingtons wurde die Forschung an dem Pilz Fusarium ocysporum sogar auch vom UN-Programm zur Drogenkontrolle (UNDCP) gefördert. Freilich wird in diesem Zusammenhang nicht von Biowaffen gesprochen, sondern von "green agents", gleichwohl sind auch hier die Grenzen zwischen Biowaffen und Pflanzenvernichtung fließend. Vorerst hat die kolumbianische Regierung vor allem aufgrund des Drucks der Nachbarländer beschlossen, das Versprühen des Pilzes zu unterlassen ( Drogenbekämpfung oder biologischer Krieg?).
Dringend erforderlich wäre jetzt, das "Abkommen zum Verbot der Entwicklung, Herstellung und Lagerung biologischer Waffen" aus dem Jahr 1972 endlich durch Kontrollmechanismen zu ergänzen. Eine der Maßnahmen, die in jahrelangen Verhandlungen geplant sind, ist die internationale Untersuchung von "verdächtigen" Seuchenausbrüchen, die ein Ergebnis einer Angriffs mit biologischen Waffen oder eines Unfalls in einem Biowaffen-Labor sein könnten. Jedes Jahr gibt es Tausende von Epidemien, die Menschen, Tiere und Pflanzen befallen. Vor allem aufgrund der Bedenken der US-Regierung sind die Verhandlungen unlängst wieder einmal gescheitert ( Sieg der Rüstungsindustrie).
Allerdings wäre auch mit einem solchen Zusatzprotokoll das Problem weiterhin nicht aus der Welt zu schaffen, wenn ein Anschlag keine verdächtigen Indizien hinterlässt, also beispielsweise die Erreger durchaus natürlich vorkommen könnten und genetisch nicht verändert sind. Die britische MKS-Epidemie hätte so theoretisch beides sein können: Folge eines Anschlags oder selbstverschuldetes Auslösen einer Epidemie. Im Zeitalter der Biologie sind bösartige Viren Waffen, die auch fahrlässig zur Anwendung kommen können. Das größte Problem ist, dass ebenso wie die Mittel in der Computertechnik die für die Biotechnik eingesetzten Anlagen, Verfahren und Materialien stets für einen "dualen Gebrauch" geeignet sind. Jedes Labor kann auch ein Produktionsort für Biowaffen sein. Wenn man nicht direkt einzelne Kühe oder Tiere auf einer Farm infiziert, könnten die Wirkstoffe mit Sprühflugzeugen oder anderen Sprühern, wie sie in der Landwirtschaft üblich sind, relativ unauffällig verbreitet werden. Und die Kampfstoffe sind natürlich vorkommende Organismen.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/9698/1.html
VOM BAUERN ZUM MULTI - VOM MULTI ZUM BAUERN?
Agrobusiness- Landwirtschaft als Industriebetrieb
In den letzten 20 Jahren sind amerikanische Industriebetriebe verstärkt in die Landwirtschaft eingestiegen. Geflügelschlachtereien, Konservenfabriken und andere Nahrungsmittelhersteller haben Zulieferfarmen gekauft oder sich an ihnen beteiligt.
Auch Ölkonzerne sind heute in großem Umfang Eigentümer vom Farmland. Die neuentstehenden Großfarmen erzeugen auf 10% der Nutzfläche ein Drittel der gesamten Agrarproduktion der USA.
Heute vereinigen etwa 50.000 Großfarmen drei Viertel der Produktion auf sich.
Industriebetriebe kaufen Farmen auf oder beteiligen sich an ihnen, da sie verstärkt in die Landwirtschaft einsteigen und somit die Zulieferfarmen bedrängen · Branchenfremde Unternehmen beteiligen sich auch an Farmland - Rechtsanwälte, als Treuhänder für Unbekannte, z. B.
Die Folge: hunderttausende Farmer verlieren ihre Existenz ·
Veränderungen in der Rindviehmast: Familienfarmen des Corn Belts hatten die Rindermast ursprünglich in der Hand. Rancher verkaufen ein Jahr alte Jungrinder an agroindustrielle Grossbetriebe, in denen die Rinder in Feedlots- offenen, manchmal überdachten Stallungen- zu Tausenden gehalten werden. Dort werden sie in kürzester Zeit durch maschinelle Fütterung, die aus Mais, Soja, Sorghum und Weizen besteht, zu ihrem Schlachtgewicht hochgefüttert.
Anbau von Tomaten (siehe Taco Bells), überwiegend für die Nahrungsmittelindustrie, hat in Kalifornien eine lange Tradition -
Großfarmen haben Kleinbetriebe verdrängt und produzieren durchschnittlich 190 Hektar Tomaten - Die Tomaten werden maschinell geerntet und verdrängen damit viele Arbeitsplätze - Probleme sind die Bodenversalzung und die sinkende Qualität der Produkte, da zu viele Spritzmittel angewandt werden.
Kalifornische Tomaten - ein Industrieprodukt? - Tomaten werden in Kalifornien schon lange angebaut, heute gibt es jedoch nur noch hochspezialisierte Großfarmen mit durchschnittlich 190 ha Tomaten - Damit die Tomaten entsprechend einfach maschinell geerntet werden können, ist es nötig, dass sie eine feste Konsistenz haben und alle zeitgleich reif sind, dazu ist jedoch eine Genmanipulation notwendig
- Viele Restaurants haben angekündigt, diese Tomaten nicht anzubieten, dies ist jedoch nicht nachweisbar - Durch die Automatisierung der Ernte sind Tausende von mexikanischen Arbeitern arbeitslos geworden.
Landwirtschaft im "alten" Amerika:
Im mittleren Westens gewinnt man den Eindruck eines endlosen Meeres von Weizen-Mais- und Sojabohnenfeldern. Am Rande der quadratischen Felder stehen die Farmgebäude, viele sind verlassen und verfallen.
Die schachbrettartige Landaufteilung orientiert sich an den Längen- und Breitenkreisen. Da jeder Siedler in den Central Plains eine Viertel Quadratmeile Land erhielten, die etwa 65 Hektar waren und das damit weit mehr war, als sie zur Selbstversorgung benötigten, begann man frühzeitig für den Markt zu produzieren.
So bildeten sich rasch weite Gebiete, die sich wie Gürtel über das Land legten, genannt Belts, heraus, in denen nur ein Produkt vorherrscht. Die Bodenermüdung und der Zwang, rentabel zu arbeiten, führen zur Auflösung der Belts.
Die große Betriebsfläche benötigt nun modernste Geräte, intensive Schädlingsbekämpfung und Düngung- ein weiterer Kostenfaktor....
Im Gebiet der Central Plains hatte jeder Siedler eine viertel Quadratmeile Land.
So entstanden die Family-Size-Farms.
Man produzierte für den Markt die Produkte, die den höchsten Preis erzielten und die dem Klima in der Region entsprachen. Weil die Bauern Kredite aufnehmen mussten, waren sie gezwungen, mehr zu produzieren. Sie verwendeten teures Hochleistungssaatgut, das neue Kosten verursachte.
Diese intensive Bewirtschaftung führte zur Überproduktion und damit zu sinkenden Preisen. Viele Bauern müssen ihr Land nun verkaufen oder ein Lohnunternehmen beauftragen.
Größer als die ackerbaubetreibenden Farmen sind die Ranches, die durch ihr großes Gebiet Rinder und Schafe für die Fleischproduktion aufzüchten. Das Schlachtgewicht des Tieres wird durch Soja und Getreide gesteigert.
USA – Heute auf dem Weg zur High-Tech-Farm:
Der Brotkorb der USA hatte einen sehr fruchtbaren Boden, doch kein Farmer rechnete damit, als er sich vor hundert Jahren nieder ließ, dass dies eines Tages nicht mehr so sein werde.
Als 1934 ein gewaltiger Sturm die südlichen Plains angriff, wurden Milliarden Tonnen fruchtbaren Bodens und zehntausende von Rindern durch den Staub erstickt.
Diese sogenannten Black Blizzards gaben dem Land dem Namen "Staubschüssel=Dustbowl).
Bis 1936 verloren 650 000 Farmer ihre Existenzgrundlage, weil eine Fläche größer als Deutschland verwüstet wurde. Auch andere Teile der USA wurden bis heute von der Erosion heimgesucht, daher versucht man durch "contour ploughing" die Wassererosion abzuschwächen, und durch Windschutzhecken die Wirkungen des Windes zu verringern.
Zuerst: endlose Meere von Mais-, Soja- und Bohnenfeldern und reiche Ernten auf fruchtbaren Böden, und große Viehherden. Dann: - lange Dürre - gewaltige Stürme mit Milliarden Tonnen Verlust des fruchtbaren Oberbodens. Heftige Sturzniederschläge vollendeten die Arbeit des Windes.
Bis 1936 alleine verloren 650.000 Farmer ihre Existenzgrundlagen
Heute versucht man den Boden vor Erosion zu schützen, durch hangparalleles pflügen (contour ploughing) - Streifenanbau von Früchten mit versch. Reifezeit (strip cropping) - Anlage von Windschutzhecken - Einschalten von Brachjahren (dry farming) - Stehen lassen des Getreidestrohs - und, vor allem durch den Einsatz von Gentechnology.
Farmland ist längst keine Lenbensgrundlage mehr für dumme Bauern mit abstehenden Ohren und schiefen Zähnen. Smarte Investoren machen mit High-Tech eine Investmentgeschichte für smarte Anleger draus.
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GENTECHNOLOGIE UND NEUE LANDWIRTSCHAFT
Die im Neolithikum beginnende Domestizierung von Pflanzen war ein wichtiger Schritt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Hierdurch wurden die Grundlagen für die Entstehung humaner Hochkulturen gelegt. Die fortschreitende Anpassung der Pflanzen an die sich im Laufe der Zeiten ändernden Wünsche und Bedürfnisse der Menschen führte zu den heute bekannten Kulturpflanzen, deren überlebensfähigkeit in "freier" Natur - wenn überhaupt - nur sehr eingeschränkt möglich ist.
In fast allen Erdteilen wurden von den unterschiedlichsten Völkern Pflanzen domestiziert und, was wesentlich erscheint, zum Anbau in den folgenden Jahrhunderten über den ganzen Erdball verteilt. Diese so kultivierten Pflanzen wurden besonders auf hohe Erträge und gute Verdaulichkeit ausgewählt, was das Anwachsen der Erdbevölkerung auf gegenwärtig über 5 Milliarden Individuen ermöglichte.
Die Verteilung der Menschen (Abb.1) und ihre Wachstumsrate ist auf den einzelnen Kontinenten jedoch recht unterschiedlich.
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Bevölkerungsverteilung und Nahrungsmittelproduktion
Hieraus resultieren für jeden Kontinent spezifische Probleme, die hier nicht im einzelnen betrachtet werden können, vielmehr sollen nachfolgend drei Probleme angesprochen- werden, bei deren Lösung gentechnologisch veränderte Pflanzen einen Beitrag leisten könnten:
1. eine adäquate Ernährung aller Menschen muß durch Steigerung der globalen Nahrungsmittelproduktion gewährleistet,
2. eine intensive, aber ökologisch weniger belastende Landwirtschaft muß entwickelt, und
3. eine Entschärfung von Umweltproblemen mit Hilfe von "Designer-Pflanzen" kann angegangen werden.
ad1) Steigerung der Nahrungsmittelproduktion
Wie die Abb.1 verdeutlichte, ist nicht nur die Bevölkerung auf die einzelnen Kontinente unterschiedlich verteilt, sondern auch die landwirtschaftliche Produktion in den Kontinenten recht verschieden. Lediglich in Nordamerika und Europa werden
Agrarüberschüsse erzielt, die u.a. zum Ausgleich von Defiziten in anderen Teilen der Welt eingesetzt werden.
Im asiatischen Raum leben mehr als 60% der Weltbevölkerung, deren vornehmlich auf Reis basierende Agrarproduktion für eine kalorische Versorgung nicht ausreichend ist. Ebenso defizitär ist die Versorgung mit Proteinen und Fetten in Afrika, Asien und Südamerika (Abb.2). Dies ist deswegen so besorgniserregend, weil dort die Bevölkerung immer noch exponentiell wächst, und so zukünftig ein immer größer werdender Nahrungsbedarf entsteht. Diese Spirale des Hungers kann nur bei einer sinnvollen Kontrolle des Bevölkerungswachstums durchbrochen werden .
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Nahrung pro Kopf und Tag (1988-1990)
Die Forderung nach ausreichender Nahrung für alle dürfte daher in diesen Regionen unerfüllbar bleiben, wenn es nicht gelingt, das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren und auch hier Hochleistungssorten, die eine hochintensive Agrarproduktion ermöglichen, einzuführen.
Neben diesen weitreichenden überlegungen sind auch ganz konkrete agronomische Maßnahmen zur Steigerung der Agrarproduktion notwendig.
Jährlich geht etwa ein Drittel der Welternte durch Insekten, Krankheiten und Unkräuter verloren. Die einzelnen Anteile der Verluste sind bei den verschiedenen Kultursorten recht unterschiedlich. In Abb.3 ist dies für die sechs großen "Welternährer" dargestellt, wobei hier die unterschiedliche Bedeutung der einzelnen Verlustträger in den verschiedenen Weltregionen nicht aufgeschlüsselt ist. So gehen z.B. durch virale Erkrankungen bei Maniok in Afrika etwa 40% bis zu 95% der Ernte verloren.
Ernteverluste
Andere große Verluste treten bei der Lagerung und dem Transport auf. Dies im einzelnen aufzuführen ist im Rahmen dieser Darstellung nicht möglich, bietet aber Ansatzpunkte zur Steigerung der Menge, der zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel. Eine weitere Möglichkeit stellt die Herstellung von für den Anbau optimierten Nutzpflanzen dar, die nachfolgend erläutert werden soll.
a) Entwicklung von Hybridsaatzucht
Die Nutzung männlich steriler Linien in der Pflanzenzüchtung wurde durch den Erfolg der Hybridsaatzucht bei Mais seit Mitte der dreißiger Jahre offensichtlich. Mais hat gegenüber den meisten Gräsern den züchterischen Vorteil, daß die Geschlechter räumlich getrennt auf verschiedenen Blütenständen derselben Pflanze verteilt sind. Dies ermöglichte mit relativ bescheidenen Mitteln, reine Linien zu erstellen und anschließend durch Kreuzung zweier unterschiedlicher Inzuchtlinien Hybridlinien herzustellen, deren Erträge alle bisherigen Sorten weit übertrafen. Die Herstellung der Hybridlinien im großen Stil wird durch männliche Sterilität eines Partners erleichtert. Dies konnte bei Mais durch manuelle Entfernung der männlichen Blütenstände leicht erreicht werden. Das Verfahren wurde lange praktiziert bis infolge der Verteuerung menschlicher Arbeitskraft einerseits und der Entwicklung eines biologischen Sterilitätssystem andererseits Hybridsaatgut kostengünstiger hergestellt werden konnte. Mehrere biologische Systeme der cytoplasmatischen männlichen Sterilität waren beim Mais entdeckt worden. Allerdings nützen derartige sterile Systeme wenig, wenn sie nicht restauriert werden können. Neben der männlich sterilen Linie ist also auch eine "Restorer" Linie für die Entwicklung eines Hybridsaatzuchtprogrammes notwendig. Die Erträge des Anbaus von Hybridsaatgut sind so hoch, daß bei optimalem Anbau und ausreichender Düngung in einem Zeitraum von etwa 50 Jahren eine mehr als 4-fache Ertragssteigerung (Abb.4) erzielt werden konnte.
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Hybridsaatzucht
Die Tatsache, daß für die nächste Wachstumsperiode kein Saatgut zurückbehalten werden kann, beruht auf seinem hybriden Charakter, der keine Einheitlichkeit des Materials für einen weiteren Anbau gewährleistet. In anderen Worten: Hybridsaatgut muß ständig vom Züchter geliefert werden. Dennoch ist diese Strategie beim Mais so erfolgreich, daß eine Ausdehnung auf andere Kultursorten angestrebt wurde.
Obwohl in einigen Kulturpflanzen ebenfalls cytoplasmatisch männliche Linien bekannt waren, hatte das Desaster bei Mais im Jahre1970 in den USA den Optimismus zur Nutzung dieser Systeme zerstört. Wegen des einheitlichen Cytoplasmas des Hybridmaterials und aufgrund der Tatsache, daß ein Pilz sich in diesem Material besonders gut vermehren konnte, war durch eine explosionsartige Ausbreitung der "Northern Leaf Blight" ein Schaden von mehreren Milliarden Dollar entstanden. Cytoplasmatische männliche Sterilität wurde daher nicht weiter zur Herstellung von Hybridsaatgut beim Mais verwendet, vielmehr kehrte man zu alten Verfahren zurück, oder nutzt zunehmend moderne Wege, um Hybridsaatgut herzustellen.
Bei vielen kultivierten Pflanzen liegt bei der Etablierung einer Hybridsaatzucht die Schwierigkeit in der Tatsache, daß sie hermaphroditisch sind, also Blüten mit männlichem und weiblichem Geschlecht aufweisen. Bei den Getreiden, deren Blüten winzig sind, verursacht das erhebliche praktische Probleme bei Kreuzungen. Angestrebt wird daher die Etablierung von Linien, die männlich steril sind, sowie Linien, in denen diese Sterilität wieder aufgehoben ist (Restorer). Letztere dienen dann auch der Vermehrung der männlich sterilen Inzuchtlinien.
Heute können solche Linien gentechnologisch hergestellt werden.
Hier soll ein Szenario angedeutet werden, das von der belgischen Firma PGS unter Zuhilfenahme gentechnologischer Methoden entwickelt wurde (2). Die Tapetum-spezifische Ausprägung einer bakteriellen RNAse (Barnase) in den Antheren transgener Tabakpflanzen verhindert die Reifung der Pollen und führt somit zur männlichen Sterilität. Die genetische Erhaltung dieser Linie ist nur dann möglich wenn die Sterilität rückgängig gemacht werden kann. Die gentechnologische Einführung und tapetal-spezifische Ausprägung eines Inhibitors der RNAse (Barstar) hebt die Sterilität auf (Restorer) und die Pflanze kann generativ vermehrt werden. Dieses System wurde von PGS inzwischen auch für Raps ausgetestet. Andere Systeme männlicher Sterilität nutzen die Möglichkeiten des Sekundärmetabolismus der Pflanzen, indem z.B. die Bildung von Flavonolen in den Tapetalzellen transgener Pflanze durch anti-sense Expression des Chalkonsynthase-Gens verhindert wird (3). In Abb.5 ist dies verallgemeinernd durch die Ausprägung eines Sterilitätsgens dargestellt, das gentechnologisch eingeführt wurde und die Entwicklung von fertilem Pollen verhindert. Linie A kann zusätzlich mit dem Gen Tnp A transformiert werden, so daß dessen Genprodukt die Ausprägung des Sterilitätsgens blockiert, was zur Restaurierung der männlichen Fertilität führt. Linie B kann dann geselbstet und zu einer Inzuchtlinie entwickelt werden. Die segregierenden männlich sterilen Linien können für die entscheidende Kreuzung mit einer anderen analog hergestellten Inzuchtlinie zur Erstellung des Hybridsaatgutes verwendet werden. Dieses System wird gegenwärtig von der holländischen Firma De Laat den Züchtern zur Nutzung angeboten. Da sich dieses Angebot jedoch auf die Genkonstrukte und die Primärtransformanten und nicht notwendigerweise auf "fertige " Kultivare bezieht, wartet auf den Züchter noch viel Arbeit.
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Männliche Sterilität und ihre Retauration
Der Anbau von Hochleistungssorten und die Nutzung von Hybridsaatgut auch in den Entwicklungsländern ist absolut notwendig.
b) Reduktion von Ernteverlusten
Wie einleitend bereits erwähnt sind die Ernteverluste in Entwicklungsländern durch Pflanzenkrankheiten besonders hoch. Verluste durch virale Erkrankungen sind insbesondere in Afrika erheblich. Eine chemotherapeutische Behandlung der Pflanzen ist derzeit nicht möglich. Schutzmaßnahmen beschränken sich auf die prophylaktische Bekämpfung der überträger mittels Insektizide. Hierfür fehlen den Entwicklungsländern aber oft die Mittel.
Der Anbau von virus-resistenten Pflanzen wäre wünschenswert und könnte Ernteverluste in den Entwicklungsländern reduzieren und somit zur Erhöhung der zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel beitragen.
Die gentechnologische Herstellung von virus-resistenten Pflanzen wird weiter unten beschrieben. Diese erfordert aber auf jeden Fall molekularbiologische Hochtechnologie. Der immer wiederkehrenden Behauptung, High-Tech sei für Entwicklungsländer unbezahlbar, könnte folgendermaßen begegnet werden:
Die Erstellung der transgenen Unikate könnte z.B.in der Bundesrepublik vorgenommen, die Einkreuzung in die Landsorten vor Ort vorgenommen werden. Da in diesem Szenario Märkte hiesiger Unternehmen nicht oder kaum berührt sind, ist auch auf diesem Sektor eine Kooperation zwischen Industrie und öffentlicher Hand denkbar. Die transgenen Unikate würden im Rahmen der Entwicklungshilfe den Drittweltändern überlassen. Entwicklunsghilfe bedeutet also hier: Schaffung von Arbeitsplätzen in der Bundesrepublik und (unentgeldlicher) Abgabe des Produktes an die Drittweltländer.
Dies scheint nicht nur eine neue, sondern auch eine effektive Art von Entwicklungshilfe zu sein, da neben der Lösung von Problemen vor Ort, deutsche Strukturen auf- bzw.ausgebaut, in jedem Fall aber bereits sehr frühzeitig in den Prozeß einer Entwicklungshilfe miteinbezogen werden.
Im folgenden sollen Schlüsselthemen Zentraleuropas angesprochen werden, die weniger einer Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion als vielmehr der Nahrungsqualität und insbesondere ökologischen Problemen der Landwirtschaft gewidmet sind.
2) Entwicklung einer intensiven aber ökologisch weniger belastenden Landwirtschaft
Der Anbau von genetisch einheitlichen Pflanzen, wie er in der intensiven Landwirtschaft heute üblich ist, zieht eine Vielzahl von Umweltproblemen nach sich. Erwähnt wurde der Verlust der Kompetitivität der Kultivare, was zur Folge hat, daß diese vor ihren "Mitbewerbern" auf den Agrarflächen geschützt werden müssen. Dies geschieht durch die Ausbringung von Herbiziden, also Wirkstoffen, die das Wachstum unerwünschter Pflanzen auf der Nutzungsfläche verhindern sollen. Die heute verwendeten Herbizide wirken spezifisch auf "Unkräuter" und beeinflussen nicht den zu schützenden Kultivar. Die hohen Aufwandmengen und die lange Bodenpersistenz vieler derartiger Herbizide kann zu einem Eindringen in das Grundwasser führen. Dies kann nicht länger hingenommen werden. Infolgedessen bemüht sich die Industrie denn auch neuartige, kurzlebigere Substanzen zu entwickeln, die in geringeren Aufwandmengen ausgebracht werden können. Leider fehlt diesen "neuen" Herbiziden jedoch oftmals die spezifische Wirkung, d.h. sie inaktivieren alle Pflanzen und werden daher als Totalherbizide bezeichnet. Sie sind somit nur vor Auflauf der Saat, also zeitlich sehr eingeschränkt verwendbar.
Eine umfassendere Nutzung derartiger Substanzen erscheint ökologisch sinnvoll, kann aber nur angegangen werden, wenn es gelingt, den Kultivar vor der Wirkung dieser Substanzen zu schützen.
Bevor wir jedoch hierauf eingehen, seien einige anderen Probleme intensiver Landwirtschaft kurz angesprochen. Der Anbau von Kurzstrohsorten, aber auch anderer Hochertragssorten ist nur bei ausreichender Applikation von Dünger besonders produktiv. Hierin liegt aber wiederum ein anderes ökologisches Problem, da zunehmend z.B. mehr Nitrate in das Grundwasser gelangen. Darüberhinaus stellt der Anbau von genetisch einheitlichem Material eine ideale Grundlage für die explosionsartige Ausbreitung von Pflanzenkrankheiten dar, die nur durch erhöhten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln kontrollierbar sind. Dies ist eine weitere Quelle ökologischer Belastungen.
a) Herbizid-Toleranz
Die klassischen, in der Öffentlichkeit vieldiskutierten Szenarien gentechnisch veränderter Pflanzen beziehen sich auf Herbizid-Toleranz und erhitzen die Gemüter.
Die Bodenpersistenz der Herbizide der neuen Generation liegt deutlich unter der der jetzt verwendeten. Infolge ihrer mangelnden Wirtsspezifität müssen die Kultivare jedoch vor deren Wirkung geschützt werden. Dies ist mit Hilfe gentechnologischer Methoden möglich.
Viele der neuen Wirkstoffe,die von Mikroorganismen produziert werden, greifen z.B. in die Aminosäurebiosynthese ein, so daß "alle" Pflanzen empfindlich gegenüber diesen Wirkstoffen sind. Allerdings schützen sich die Bakterien vor ihren Wirkstoffen mit Hilfe eines Resistenz-Gens. Eine derartige Toleranz kann auf mehreren Mechanismen basieren. Einmal wird das "sensitive" Enzym überproduziert und somit eine Toleranz gegenüber einer bestimmten Dosis des Wirkstoffes erreicht, zum anderen kann ein mutiertes Enzym vorliegen, das unempfindlich gegenüber der Wirkungsweise der Substanz ist und zum dritten kann eine neue Enzymaktivität in dem Bakterium vorliegen, die den Wirkstoff inaktiviert. Gene aus solchen toleranten Bakterien wurden isoliert, in ihren Expressionssignalen verändert und in Pflanzen eingebracht. Das Ergebnis war, daß diese jetzt tolerant gegenüber dem Herbizid wurden (4).
Der Einsatz derartiger transgener Pflanzen könnte zu einer Reduktion der Aufwandmengen an Herbiziden in der Landwirtschaft führen, da nunmehr äußerst effektive, aber relativ kurzlebige Wirkstoffe nur nach entsprechender Indikation eingesetzt werden müßten. Die Belastung der Ökosysteme sänke entsprechend.
b) Insekten-Resistenz
Der Einsatz von Pestiziden, hier insbesondere Insektizide hat ein bedrohliches Ausmaß erreicht, so daß auch hier nach neuen Wegen zu suchen ist. Seit vielen Jahren werden biologische Präparate zur Bekämpfung von Insektenfraß eingesetzt. Unterschiedliche Bazillus thuringiensis (Bt) Arten produzieren äußerst spezifische Toxine, die sehr spezifisch auf bestimmte Insektengruppen wirken. Aus diesem Grund wurden die entsprechenden Mikroorganismen auf besonders gefährdete Kultursorten, etwa Baumwolle ausgebracht, um eine möglichen Schädigung zu verhindern. Viel eleganter und auch sicherer wäre eine Verlagerung dieser Schutzmaßnahme direkt in die Pflanze. Toxin-kodierende Gene wurden aus verschiedenen Bac.thuringiensis Arten isoliert und in ihren Expressionssignalen so verändert, daß eine Ausprägung auch in Pflanzen stattfinden konnte. Transgene Bt-Pflanzen sind, wie viele Versuche gezeigt haben, resistent gegenüber Fraß durch bestimmte Insekten.
In großflächigen Freilandversuchen, insbesondere in den USA, konnte so bis zu einem Drittel an Pestiziden eingespaart werden (5).
Dies scheint ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.
Leider ist in Deutschland die Bereitschaft derzeit noch nicht vorhanden, diese positiven Seiten, der neuen Technologien zu nutzen. Hier gilt es noch viele Vorurteile, die größtenteils auf Unkenntniss basieren, abzubauen.
c) Virus-Resistenz
Große Teile der Ernte sind in jedem Jahr durch virale Erkrankungen gefährdet. Da hier keine chemischen Wirkstoffe existieren, die eine Therapie ermöglichen, können nur die überträger der Krankheiten, oftmals Insekten, durch Pestizide bekämpft werden. Dieser ungezielte, oft auch prophylaktische Einsatz von hochwirksamen Substanzen belastet die Umwelt und sollte soweit als irgend möglich eingeschränkt werden.
Bislang hatte der Züchter lediglich die Möglichkeit Virus-Resistenz-Gene, soweit sie in verwandten und kreuzbaren Arten bekannt waren, in seine Kultursorten einzukreuzen. Dies ist jedoch ein zeitaufwendiges Verfahren und bringt oftmals nur geringen Erfolg, da nur wenige Virus-Resistenzen monogen vorliegen.
Hier eröffnet die Gentechnologie neue Möglichkeiten.
Eine Vielfalt von Virus-resistenten Kulturpflanzen wurde gentechnisch erzeugt (6) und in vielen Freilandversuchen getestet.
Hier sollen keine Einzelheiten aller Möglichkeiten beschrieben werden, die die Etablierung einer Virus-Resistenz in einem Kultivar ermöglichen. Vielen Strategien gemeinsam ist, daß Segmente des viralen Genbestandes in das Pflanzengenom integriert und ausgeprägt werden. Dies verleiht der Pflanze, auf ganz unterschiedlichen Ebenen der Vermehrung und Verbreitung des Virus, einen Schutz. Dies sei am Beispiel der Blattrollvirose bei Kartoffeln dargestellt, da entsprechende PLRV-resistente Pflanzen 1994 am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung im Freiland getestet werden (7). PLRV kodiert ein Protein, das für seine Ausbreitung in der Pflanze durch das Phloem benötigt wird. Hierbei bindet eine Domäne des Proteins an die Nukleinsäure des Virus und eine andere Domäne dient der Polymerisation der Proteine untereinander auf der Virus Nukleinsäure. Dies ermöglicht die Ausbildung von gestreckten Strukturen und somit einen Transport von Zelle zu Zelle durch die Plasmodesmata. Das virale Gen wurde isoliert und so verändert, daß das von ihm kodierte Protein bei Co-Polymerization auf der viralen Nukleinsäure keine gestreckten Strukturen mehr bildet und daher der Transport von Zelle zu Zelle unterbleibt. Kartoffeln, die dieses Genkonstrukt enthalten, sind im Gewächshaus resistent gegenüber dem Blattroll-Virus (PLRV).
Für eine Nutzung dieser Resistenz in der Praxis bedarf es aber natürlich noch der Erprobung im Freiland.
Der Anbau Virus-resistenter transgener Pflanzen eröffnet die Möglichkeit, virale Erkrankungen, die wie im Fall des Blattroll Virus bis zu 80%-ige Ernteverluste bedingen, auch wirksam bekämpfen zu können. Dies könnte wiederum helfen Insektizide einzusparen, was wiederum als Beitrag zur Entspannung der Umweltproblematik zu sehen ist.
d) Resistenz gegen pilzliche Erkrankungen
Eine weiteres großes Problem der Landwirtschaft industrialisierter Länder stellen Pilzkrankheiten dar. Insbesondere durch den Anbau von Monokulturen besteht die Notwendigkeit, Fungizide zur Bekämpfung auftretender Pflanzenkrankheiten einzusetzen. Dies hat zur Folge, daß zunehmend Umweltschädigungen beobachtet werden. Die Züchter stellen sich zunehmend darauf ein, Krankheitsresistenzgene aus verwandten Wildsorten in die Kultivare einzukreuzen.
Der Anbau krankheitsresistenter Sorten würde eine erhebliche Einsparung sonst notwendiger Pflanzenschutzmittel nach sich ziehen.
Die Erstellung biologisch geschützter Linien ist, wie bereits vorhin erwähnt wurde, eine sehr zeitraubende Arbeit, die jedoch mit Hilfe von High-Tech wie etwa der RFLP-Methoden zielgerichteter und somit auch schneller durchgeführt werden könnte. Dies setzt allerdings voraus, daß der Züchter, die entsprechenden High-Tech Methoden auch nutzen kann.
1) RFLP Analysen:
Die Suche des Züchters nach geeigneten Nachkommen einer Kreuzung erfolgt klassischerweise durch die Auswahl auf phänotypischer Ebene, also bei der Ausprägung eines Merkmals. Auch hier hat die Molekularbiologie eine methodische Vielfalt an Alternativen entwickelt, die es ermöglicht, eine gesuchte Rekombinante auf genetischer Ebene bereits in einer 2.Filialgeneration zu ermitteln. Sogenannte RFLP-(Restriction-Fragment-Length-Polymorphism) Analysen leisten dies und sind heute Bestandteil des Methodenrepertoires moderner international erfolgreicher Pflanzenzüchter. Diese Methode ist dann leistungsfähig, wenn eine hinreichend große Zahl von Pflanzen analysiert werden kann. Entsprechendes Know-how und die notwendige Kapazität fehlt aber vielen deutschen Pflanzenzüchtern. Einige moderne Methoden, wie z.B. die AFLP-Technik, sind sogar noch weitaus leistungsfähiger als die RFLP-Technik.
Für viele Kultivare mögen entsprechende resistente Wildarten nicht zur Verfügung stehen; dann könnte ein Resistenzgen aus irgendeiner Pflanze gentechnologisch isoliert werden und stünde somit zur übertragung auf recht unterschiedliche Pflanzenarten bereit, die sich dadurch alle besser gegenüber pilzlichen Erkrankungen schützen ließen.
2) Genübertragung:
Die Molekularbiologie hat Methoden entwickelt, die es erlauben, Gene aus Mikroorganismen, Tieren oder Pflanzen zu isolieren, sie in-vitro zu verändern und z.B. wieder in Kulturpflanzen einzubringen. Dies führt zu einer Bereicherung des Genbestandes des Kultivars, da er jetzt Merkmale auch aus einer anderen Spezies besitzen kann.
Leider ist derzeit die übertragung eines Gens in das Genom einer Pflanze noch nicht zielgerichtet, d.h. der Integrationsort im Pflanzengenom ist zufällig. Hierdurch bedingt kann einerseits die Ausprägung des übertragenen Gens nicht optimal oder sogar defekt sein, was etwa durch DNA-Methylierung des übertragenen Gens hervorgerufen werden kann. In jedem Fall wird der Züchter nur die transgene Pflanze auswählen, in der das Transgen optimal ausgeprägt wird und in der keine weiteren Veränderungen festzustellen sind.
Diese Technologie ist kapitalintensiv und erfordert ein Know-how, das nur bei wenigen großen deutschen Pflanzenzüchtern anzutreffen ist.
Gegenwärtig stellt die Isolierung solcher Krankheitseresistenzgene noch ein erhebliches Problem dar, denn in vielen Fällen scheint Resistenz gegen pilzliche Erreger multifaktoriell bedingt zu sein.
e) Etablierung einer Feldresistenz gegen Krankheitserreger
Im Sommer 1990 wurde in der Bundesrepublik Deutschland mit einer transgenen Petunie der erste Freilandversuch durchgeführt (8). Obwohl zu dieser Zeit keine gesetzliche Regelung existierte, war dieser Versuch bereits 1989 im Umweltausschuß des Rats der Stadt Köln öffentlich zur Diskussion gestellt worden. Es wurde bald klar, daß in Deutschland einige politische Gruppen aber auch Umweltverbände gegen derartige Neuerungen mobil machten. Ideologische Voreingenommenheit hatte die Sicht für die Fakten verstellt.
Bereits 1987 war durch übertragung eines Maisgens in eine geeignete Petunienmutante ein Biosyntheseweg eröffnet worden, der zu einem für diese Pflanze neuen Pigment führte (9). Die nunmehr lachsrot blühende Pflanze wurde zu einem wissenschaftlichen Modellsystem, da beim Anbau im Freiland neue Befunde erhoben werden konnten, die weltweite Forschungsaktivitäten initiierten.
Etwa 30 000 lachsrot blühende Petunien wurden im Sommer 1990 im Freiland angebaut. Mehr als 92% der ersten Blüten der Pflanzen zeigten die erwartete lachsrote Pigmentierung. Im Verlauf des Sommers fand jedoch eine bis dahin nicht gekannte Umprogrammierung im Erscheinungsbild der Blüten statt. Nur 30% der späteren Blüten zeigten die lachsrote Farbe. Die molekulare Analyse ergab, daß das übertragene Maisgen in mehr als 60% der Pflanzen nach starker Veränderung einiger Umweltfaktoren (langanhaltende klare, heiße Sommertage mit einem hohen UV-Anteil) einen hohen Methylierungsgrad aufwies, der, wie spätere Experimente im Labor ergab, zur Abschaltung des Maisgens führte (8).
Neben der Beobachtung eines für Petunia neuen Pigmentes und der Umwelt-induzierten DNA-Methylierung konnte ein weiterer Befund erhoben werden. Die transgenen Pflanzen waren erheblich resistenter gegenüber einer Vielzahl an Krankheitserregern als die weißblühende Ausgangslinie (10). Diese akkumulierte, bedingt durch Mutationen in zwei unterschiedlichen Genen, Dihydrokaempferol, das durch die petunieneigene Dihydroflavanol-Reduktase nicht umgesetzt werden kann. Das entsprechende Maisenzym hat keine derartige Substratspezifität und wandelt daher die obige Substanz in Leukopelargonidin um. Die nachgeschalteten Petunienenzyme können dieses Substrat zu einem gewissen Anteil in Folgeprodukte und schlußendlich in das für Petunia neue Pigment Pelargonidin umwandeln. Dies führt zu der lachsroten Blütenfarbe. Infolge der konstitutiven Ausprägung des Maisgens und des reduzierten Abflußes des gebildeten Leukopelargonidins in den Blättern könnte dort diese Substanz spontan polymerisieren und somit Gerbstoffe, wie etwa Proanthozyanidine bilden. Diese Substanzen inaktivieren und präzipitieren Proteine und sind somit auch für Pflanzen möglicherweise toxisch. Ein möglicher Schutz für die Pflanze wäre ein Transport in die Vakuole. Sollte allerdings ein Krankheitserreger die Zelle befallen, könnte der Inhalt der Vakuole nicht nur die Pflanzen-, sondern auch die Pilzzelle abtöten oder sie zumindest in ihrem Wachstum hemmen. Pflanzen mit diesen Inhaltsstoffen sollten demnach resistent gegenüber vielen Pathogenen sein. Diese Vorstellungen sind nicht bewiesen, werden jedoch durch die Befunde mit den transgenen Petunien, aber auch durch alte Beobachtungen von Züchtern nahegelegt (11). Die transgenen Petunien zeigen eine quantitative Resistenz gegenüber vielen pilzlichen Krankheitserregern (Abb.6).
http://www.mpiz-koeln.mpg.de/~saedler/Abb6.jpg
Breitspektrum-Resistenz
Infolge der gerbstoffartigen Wirkung von Proanthozyanidinen ist deren Konsum für monogastrische Tiere nicht angezeigt. Wildpflanzen wehren sich gegen Pathogenbefall häufig durch derartige Sekundärstoffe.
Da inzwischen die notwendigen Gene für eine Manipulation dieses Biosyntheseweges bekannt und isoliert worden sind, kann mit den Methoden der Gentechnik die Biosynthese dieser Stoffe in anderen Pflanzen aufgebaut und gesteuert werden, so daß jetzt erstmals die Synthese einer Breitspektrum-Resistenz möglich ist.
Biosynthesewege anderer Sekundärstoffe müssen weiter erforscht und können dann möglicherweise analog genutzt werden. Auch hier ist ein Zusammenspiel zwischen Forschung und Anwendern angezeigt, möglicherweise ist für die Nutzung der Erkenntnisse eine separate Institution für die Anpassung der Ergebnisse an die Praxis notwendig.
Im letzten Beispiel geht es um ein futuristisch anmutendes Projekt.
3) "Designer-Pflanzen"
In Abb.7 ist vereinfachend die Beziehung zwischen der Photosynthese und der Atmung der Lebewesen dargestellt. Ohne menschlichen Einfluß befinden sich diese beiden Prozesse im Gleichgewicht. 35 Milliarden Tonnen Kohlendioxyd, die bei der Atmung entstehen, werden durch die Photosynthese wieder gebunden. Die Verbrennung fossiler Ressourcen sowie das Abholzen insbesondere der Regenwälder führt zu einer empfindlichen Störung dieses Kreislaufes, so daß nun ein überschuß an Kohlendioxyd entsteht, der möglicherweise auch zu einer Aufheizung der Atmosphäre beitragen kann. Nachwachsende Rohstoffe könnten zur Entspannung dieser Problematik beitragen. Hier könnten u.a. Rapssorten eingesetzt werden, deren ölgehalt und/oder Fettsäurezusammensetzung gentechnologisch zu verändern wäre.
http://http://www.mpiz-koeln.mpg.de/~saedler/BioUmwelt.jpg
Biotechnologie und Umweltpflege
Aber es kämen auch andere transgene Pflanzen in Frage, deren Inhaltsstoffe zu neuen, die Umwelt weniger belastenden Produkten (Bioplastik) führen könnten. Bakterien der Art Alcaligenes eutrophus produzieren Polyhydroxybuttersäure, ein thermisch verformbares Material, das den großen Vorteil hat, biologisch abbaubar zu sein und daher kurz als Bioplastik bezeichnet wird. Bislang ist seine Produktion in Bakterien zu teuer, um mit chemisch produzierten Plastikmaterialien konkurrieren zu können. Gelänge eine Produktion dieses Materials in einer Kulturpflanze, dann könnte der große Vorteil der biologischen Abbaubarkeit voll genutzt werden und somit eines unserer dringlichen Umweltprobleme (Müll) lösen helfen. Für die Biosynthese von Polyhydroxybuttersäure sind drei Enzyme notwendig, deren Gene von der Arbeitsgruppe um Chris Somerville aus Bakterien isoliert und nach entsprechender Veränderung in Arabidopsis thaliana eingebracht wurden (12). Die Keimlinge akkumulieren das Bioplastikmaterial in kleinen Kügelchen, aber leider im Zellkern, so daß der Keimling eingeht. Dieses Problem gilt es zu lösen, bevor Aussicht auf eine Anwendung besteht.
Dennoch zeigen diese Versuche, welche Potenz in dieser neuen Technologie liegt und welche Hilfe sie bei der Lösung vieler Probleme bieten könnte.
Woran liegt es dann, daß die Vorteile dieser Technologie in der Bundesrepublik Deutschland nicht oder nur zögernd genutzt werden? Stellt die Nutzung gentechnologisch hergestellter Pflanzensorten ein neues Risiko dar?
4) Öffentliche Akzeptanz
Von den mehr als 1300 Freilandversuchen mit transgenen Pflanzen, die bis 1993 weltweit durchgeführt wurden, fanden nur wenige in Deutschland statt (Abb.8).
http://www.mpiz-koeln.mpg.de/~saedler/Freilandvers.jpg
Freilandversuch mit trangenen Pflanzen
Die Gründe hierfür sind sicherlich vielfältig; neben rein bürokratischen Hürden spielt sicherlich die mangelnde öffentliche Akzeptanz dieser neuen Technologie eine erhebliche Rolle. Im wesentlichen scheint es dabei um Vorurteile zu gehen, die auf der Annahme basieren, daß transgene Pflanzen sich unkontrolliert ausbreiten und somit das "biologische Gleichgewicht" erheblich verschieben könnten. Beispielhaft hierfür wird dann auch immer die unkontrollierte Ausbreitung von Wildpflanzen angeführt, wenn diese in neue Biotope verbracht werden. Wildpflanzen stellen aber natürlich keine guten Modellsysteme für diese Frage dar, denn im Gegensatz zu den kultivierten Pflanzen besitzen sie alle Eigenschaften, die eine optimale Ausbreitung ermöglichen.
Bei der Domestizierung der Pflanzen (siehe Einleitung) wurden in der Regel Pflanzen ausgewählt, die in ihrem Verbreitungspotential drastisch eingeschränkt sind. Beim Mais z.B. sind die Körner so fest am Kolben anhaftend, daß sie nur noch mit Gewalt abgetrennt werden können. Daher kann Mais nur noch durch Menschenhand verbreitet werden. Entsprechendes gilt für viele andere Kulturpflanzen. Entstanden sind unsere Kulturpflanzen auf den verschiedenen Kontinenten. Sie werden heute jedoch weltweit angebaut, oftmals ohne daß Verwilderung zu beobachten ist. In Abb.9 ist die Verwilderungstendenz wichtiger Kulturpflanzen Mitteleuropas aufgeführt (13). Klar ersichtlich ist, daß keine nennenswerten Verwilderungen bislang beobachtet wurden, obwohl diese Pflanzen seit Jahrhunderten im Anbau sind, wie etwa die "Exoten" Mais oder Kartoffel, die beide aus Latein-Amerika stammen. Selbst mit Raps, bei dem eine Verwilderungstendenz möglich erscheint, konnte in 3-jährigen Anbauversuchen mit transgenem Material keine Invasion unterschiedlicher Habitate beobachtet werden (14).
http://www.mpiz-koeln.mpg.de/~saedler/Verwilderung.jpg
Verwilderung von Kuturpflanzen
Neben der Ausbreitung der Kultursorte per se könnten sich Gene auch durch Pollenflug auf einheimische Arten ausbreiten, falls diese miteinander kreuzbar wären. Dies ist jedoch bei vielen der aufgeführten Kulturpflanzen nicht der Fall. Lediglich bei den einheimischen Kultivaren Raps und Zuckerrübe bestünde ein diesbezügliches Ausbreitungspotential, da hier nahe verwandte Pflanzen ebenfalls einheimisch sind.
Gentechnologische Veränderungen werden vornehmlich an Kulturpflanzen mit geringem Verbreitungspotential vorgenommen.
So kann etwa der von Menschenhand geschaffene Mais, der in der freien Natur nicht anzutreffen ist, als Sicherheitssystem par excellence angesehen werden. Gentechnologisch veränderter Mais, unabhängig von dem eingebrachten Gen, stellt somit keinerlei erhöhtes Risiko für die Umwelt dar. Ähnliches gilt für die Kartoffel, die Tomate und andere. Im Falle des Hafers oder des Raps etwa könnte aber die Funktion der transferierten Gene bei einer Risikoabwägung eine Rolle spielen.
Von daher scheint für eine landwirtschaftliche Nutzung gentechnologisch veränderter Pflanzen die Aufstellung einer Positiv-Liste der Pflanzen, deren Ausbreitungspotential unbedenklich ist, angezeigt.
Wenn eine europäische Kompetetion mit außer europäischen Landwirtschaften erfolgreich sein soll, dann sind nicht nur nationales Recht, sondern auch EU Richtlinien entsprechend zu ändern.
http://www.mpiz-koeln.mpg.de/~saedler/Gentechnologie.html
Hilfe für die Landwirtschaft der Entwicklungsländer: Investitionen in Armutsminderung und neue Exportmöglichkeiten
(IFPRI) Das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI), Washington D.C., USA, nimmt im Rahmen der Studie "Vision 2020 für Nahrung, Landwirtschaft und Umwelt" zur Hilfe für die Landwirtschaft der Entwicklungsländer Stellung (Autoren: Per Pinstrup-Andersen u. Marc. J. Cohen):
Rückgang der Entwicklungshilfe
Die Forderung, der landwirtschaftlichen Entwicklungshilfe Priorität vor anderen Sektoren zu geben, ist unabweisbar. Tatsächlich jedoch ist die landwirtschaftliche Entwicklungshilfe zwischen 1986 und 1996 um fast 50 Prozent zurückgegangen. Die gesamte Entwicklungshilfe ist um nahezu 15 Prozent zwischen 1991 und 1996 gefallen. 1997 sind die Leistungen von Mitgliedern des Entwicklungshilfeausschusses (DAC) der OECD, d.h. von den Gebern, die 95 Prozent der gesamten Entwicklungshilfe bereitstellen, auf 0,22 Prozent ihres zusammengefaßten Bruttoinlandsproduktes (BIP) gefallen, der niedrigste Anteil aller Zeiten. Der Anteil der USA war lediglich 0,08 Prozent. Nur 4 von 21 Geberländern – Dänemark, die Niederlande, Norwegen und Schweden – haben das von den vereinten Nationen gesetzte Ziel von 0,7 Prozent des BIP erreicht oder übertroffen. Der Rückgang war größtenteils die Folge der Reduzierung der Entwicklungshilfe der sieben reichsten Länder; die Hilfe anderer Geber ist stabil geblieben.
Der Fluß von Privatkapital in Länder mit niedrigen oder mittleren Einkommen nahm zwischen 1990 und 1996 um fast 400 Prozent zu, aber der größte Anteil dieser Mittel ging in eine Handvoll von Ländern mit mittleren Einkommen. Die Landwirtschaft in einkommensschwachen Ländern dagegen konnte nur sehr wenig ausländische Investitionen anziehen. Dieses düstere Bild zeigt allerdings einige Lichtblicke. Denn einige Geberländer erhöhten im Jahre 1997 ihre Unterstützung für die landwirtschaftliche Entwicklung beträchtlich.
Öffentliche Investitionen und Förderpolitiken notwendig in Entwicklungsländern
Entwicklungshilfe kann zwar eine Katalysatorrolle für ein von der Landwirtschaft ausgelöstes Wirtschaftswachstum spielen, aber die Regierungen der Entwicklungsländer tragen dafür die Hauptverantwortung selbst. Sie müssen die landwirtschaftliche Infrastruktur schaffen und erhalten, den Zugang der Kleinbauern zu Betriebsmitteln und Krediten erleichtern, in die Agrarforschung, das Grundschulsystem, Basis-Gesundheitsdienste und in die Ernährung investieren sowie Anreize zum Schutz der natürlichen Ressourcen schaffen. Jedoch verringern in den 90er Jahren viele Entwicklungsländer ihre öffentlichen Ausgaben im Agrarsektor in dem Maße wie die Geberländer eine Verschlankung des staatlichen Verwaltungsapparates fordern. Die Folgen blieben nicht aus. Zwischen 1990 und 1996 wuchs die Landwirtschaft in einkommensschwachen Ländern (mit Ausnahme von China und Indien) um weniger als 3 Prozent jährlich und in Afrika um nur 2 Prozent - nicht genug, um mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten. 1997 stieg die Pro-Kopf-Produktion von Grundnahrungsmitteln weltweit nur geringfügig und fiel sogar in den einkommensschwachen Ländern, die Netto-Nahrungsmittelimpor-teure sind.
Dennoch gibt es einige ermutigende Anzeichen, besonders in Afrika. In mehreren von Kriegen heimgesuchten Ländern ist wieder Frieden eingekehrt. Viele Länder haben sich demokratische und durchschaubare Regierungsformen gegeben. Einige Regierungen haben der Ernährung und Landwirtschaft eine höhere Priorität eingeräumt. Die Landwirtschaft und die Volkswirtschaften insgesamt verzeichneten seit 1995 ein Wachstum. Offene Märkte haben ineffiziente, manchmal korrupte staatliche Getreidemonopole ersetzt. Ghana verdoppelte zwischen 1986 und 1996 seine Maisproduktion. Nigerias Maisproduktion wuchs um 50 Prozent von 1990 bis 1996. Seit dem Ende des zerstörerischen Bürgerkrieg in Mosambik 1992 ist die Agrarproduktion um 50 Prozent gestiegen. Seit 1988 hat Uganda die Ernten der Hauptanbauprodukte verdoppelt oder verdreifacht, obwohl die Pro-Kopf-Nahrungsmittel-Produktion immer noch unter der Marke von 1971 bleibt.
Agrar-Entwicklungshilfe bewirkt höheren Import und weniger Armut
Entwicklungshilfe zur Steigerung der Agrarproduktivität in Entwicklungsländern verspricht auch den Geberländern Vorteile. Im Durchschnitt zieht jeder zusätzliche Dollar, um den die Agrarproduktion in Entwicklungsländern steigt, 73 Cents an neuen Importen nach sich, einschließlich 17 Cents bei landwirtschaftlichen Gütern allgemein und 7 Cents für Getreideeinfuhren.
Die Erfahrungen Süd-Koreas sind ein gutes Beispiel für den Zusammenhang zwischen landwirtschaftlicher Entwicklungshilfe und Agrarimporten. Von den fünfziger Jahren bis 1980 war Süd-Korea ein Hauptempfänger von US-amerikanischer Entwicklungshilfe, einschließlich Agrarhilfe in beträchtlichem Umfang. Heute erhält dieses Land keine US-Entwicklungshilfe mehr, ist aber der fünftgrößte Markt für US-Agrarexporte geworden. Ebenso beklagten in den 70-er Jahren einige US-amerikanische Farmer-Organisationen, daß die Agrar-Entwicklungshilfe Brasilien zu einem Wettbewerber auf den Weltmärkten aufbaue. Aber 1997 importierte Brasilien US-amerikanische Agrarprodukte im Umfang von 500 Millionen US $.
Die Entwicklung der Landwirtschaft vermag auch, die Armut zu verringern. In den ärmsten Ländern stellt die Landwirtschaft die Lebensgrundlage für 69 % der Arbeitskräfte und für 76 % der in der Wirtschaft tätigen Frauen dar und trägt im Durchschnittt die Hälfte des Brutto-Inlands-Produktes bei. 70 % der Armen Afrikas leben in ländlichen Gebieten. Aus diesen Gründen ist die Landwirtschaft der entwicklungsfähigste Wirtschaftssektor, um Wirtschaftswachstum in einkommensschwachen Ländern anzukurbeln. In Afrika bedeutet jeder zusätzliche Dollar an bäuerlichem Einkommen, daß die Gesamtwirtschaft um 2 bis 3 Dollars wächst. Denn sobald Bauern mehr produzieren und mehr verdienen, fragen sie mehr Güter und Leistungen nach. Dadurch werden Beschäftigung und Einkommen in anderen Wirtschaftssektoren angeregt. Da die einheimische Agrarproduktion im allgemeinen nicht Schritt halten kann, wachsen auch die Importe.
Wenn Arme über höhere Einkommen verfügen, stellen sie ihre Ernährung von Maniok, Mais und Reis auf Weizen, Fleisch, Milch und verarbeitete Nahrungsmittel um. Einige der letztgenannten Erzeugnisse, besonders Weizen, lassen sich in vielen Entwicklungsländern nur mühsam produzieren, und die Nachfrage nach Fleisch treibt die Futtermittelimporte an.
Exporte aus Industrieländern in Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen haben sich zwischen 1985 und 1996 mehr als verdreifacht. Die Ausfuhren der Industrieländer in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen wuchsen zwischen 1986 und 1996 jährlich um 10,3 %, während ihre Exporte in andere Industrieländer lediglich um 8 % pro Jahr anwuchsen. 1997 verschifften die Industrieländer 30 % aller ihrer Exporte in Entwicklungsländer, was eine Steigerung von 23 % gegenüber 1990 war. Die Länder der Europäischen Union verkauften 1996 22 % ihrer gesamten Ausfuhren in Entwicklungsländer, davon mehr als 2,5 Milliarden ECUs (US $ 3,1 Milliarden) an Agrarprodukten in einkommensschwache Länder in Afrika, der Karibik und im Pazifik. Heute gehen mehr als 40 % aller US-Exporte in Entwicklungsländer. Ca. 50 % der US-Agrarexporte gehen in Entwicklungsländer, vor allem in Asien.
Zwischen 1993 und 2020 werden 84 % der Nachfragezunahme bei Getreide wahrscheinlich von Entwicklungsländern kommen, deren Nettogetreideimporte sich wegen ihres Bevölkerungs- und Einkommenswachstums mehr als verdoppeln werden. Davon werden besonders die USA und Australien profitieren. Entwicklungshilfe für die Landwirtschaft in armen Ländern wird die Gewinne steigern und ist eine bessere langfristige Sicherung der bäuerlichen Einkommen in Industrieländern als kurzzeitige Überschußbeseitigung durch Nahrungsmittelhilfe. Diese wird allerdings dann benötigt, wenn landwirtschaftliches Wachstum nicht eintritt.
Schlußbemerkung
Um die aufgezeigten Erfolge nachhaltig zu machen und sie auf andere arme Länder zu übertragen, ist es erforderlich, daß die Geberländer und die Regierungen der Entwicklungsländer gleichermaßen ihre gegenwärtigen Prioritäten überprüfen. Wenn sie den politischen Willen und greifbare Mittel aufbringen können, die Agrarentwicklung zu unterstützen, dann werden beide, sich entwickelnde und entwickelte Länder, davon Nutzen haben.
EIN TEILASPEKT DER ALCA - DIE NUN VON BUSH SO FAVORISIERT WIRD:
Stoppt die Verhandlungen über Landwirtschaft in der Welthandelsorganisation!
Wir fordern Ernährungssouveränität für alle Völker, Zugang zu Land und das Recht zu produzieren.
Via Campesina fordert eine weltweite Abschätzung der Folgen, die die Aufnahme der Landwirtschaft in die GATT/WTO Vereinbarungen bewirkt hat. Das oberste Ziel des GATT, den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu liberalisieren, hat die Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln weltweit umstrukturiert und den Völkern und ihren Regierungen die Kontrolle über ein grundlegendes Menschenrecht aus den Händen genommen. Es ist unannehmbar, daß die Regeln für die Erzeugung von Nahrungsmitteln in Übereinstimmung mit der sogenannten "freien" Handelsordnung" diktiert werden.
Der Verlust an nationaler Ernährungssouveränität innerhalb des WTO-Systems ist gefährlich und nicht akzeptabel. Via Campesina erhebt entschieden Einspruch gegen das Führen von Verhandlungen über Landwirtschaft unter den Bedingungen der WTO. Die WTO-Politik ist Ausdruck der Interessen der Transnationalen Konzerne, die den internationalen Handel dominieren und unsere Möglichkeiten zur Erzeugung von Lebensmitteln, unsere Gemeinschaften und unsere natürliche Umwelt zerstören.
Internationaler Handel muß der Gesellschaft dienen! Der Handel muß die Ernährungssouveränität der Länder respektieren, und das erfordert Zugang zum Land und Landnutzung durch kleine und mittlere bäuerliche Produzentinnen und Produzenten. (Siehe auch das von Via Campesina anläßlich des Welternährungsgipfels in Rom, November 1996, veröffentlichte Dokument zur Ernährungssouveränität "Right to produce and access to land").
Die "Liberalisierung" der Märkte unter den Bedingungen der WTO hat folgende, unannehmbare Konsequenzen:
Zerstörung der Nahrungsmittelproduktion in einigen Regionen, gekoppelt mit Überschüssen in anderen. Die Bedingungen der WTO beschleunigen Strukturanpassungsprogramme, die die Erzeugung für einheimische Märkte verdrängen zugunsten von intensiver Produktion für den Export. Sie treiben Millionen von Bauernfamilien in den Bankrott. In Indien, im Bundesland Andhra Pradesh, haben mehr als 400 vom Baumwollanbau abhängige Kleinbauern im letzten Winter Selbstmord begangen, weil ihre Situation hoffnungslos war.
Die WTO-Politik läßt Dumping zu und veranlaßt intensive Überschußproduktion in einigen Regionen, während sie in anderen Gegenden der Welt soziale Katastrophen erzeugt wie Arbeitslosigkeit, Landflucht, soziale Degradierung, Gewalt und Selbstmord. Sie führt zudem zu irreparablen Umweltschäden, zerstört Böden und biologische Vielfalt, vergiftet Land, Wasser und Luft.
Es gibt zahlreiche Beispiele für Nahrungsmittel-Dumping, besonders von Seiten der USA, der EU und anderer Industrieländer in weniger industrialisierte Länder. Diese zerstörerische Praxis wird durch das "Blair-House" Abkommen der WTO legalisiert. Gleich schädlich ist das Dumping, oft in Form von Sozialdumping, welches den Handel aus einigen Ländern des Südens charakterisiert.
Zunehmende rücksichtslose Vertreibung von Menschen vom Land in die Städte im Zuge dieser "Liberalisierung". Gegenwärtig besteht ein starker Druck für eine Deregulierung der Investitionspolitiken (Multilaterales Investitionsabkommen). Eine solche Politik wird katastrophale Auswirkungen haben für das Management der natürlichen Ressoucen, die notwendig sind für die Erzeugung von Lebensmitteln. Regierungen werden nicht länger in der Lage sein, Landbesitz und Landnutzung zu organisieren, der Zugriff der Konzerne auf das Land wird erleichtert, der Zugang für Bauernfamilien beschränkt. Weltweit wurden bereits Millionen von Bauernfamilien gezwungen, das Land zu verlassen, davon zwei Millionen Menschen in Brasilien allein in den letzten Jahren.
Einige Länder und Konzerne streben eine Gesetzgebung an, die durch Patentierung von Lebewesen Biopiraterie in der WTO erlaubt (Rechte geistigen Eigentums auf Gene aus Pflanzen, Tieren und Teilen des menschlichen Körpers). Überall in der Welt, von Brasilien bis Europa, gibt es ein starkes Lobbying der Industrie für das Recht, Lebewesen zu kontrollieren.
Durch die WTO zwingen die Konzerne den Verbraucherinnen und Verbrauchern gentechnisch manipulierte und unter Einsatz von Hormonen produzierte Nahrungsmittel auf. So werden zum Beispiel europäische Märkte gezwungen, gegen den Willen der Bevölkerung genmanipuliertes Soja von Monsanto und unter Einsatz von Hormonen erzeugte Fleisch- und Milchprodukte zu akzeptieren.
Exklusive und undemokratische Verhandlungen der WTO. Die Vereinbarungen werden von den industrialisierten Ländern (USA, EU, Kanada, Japan usw) und transnationalen Konzernen definiert. Die Partizipation der übrigen Länder sowie der sozialen Bewegungen ist gering. Die Zukunft unseres Planeten kann nicht in solche Hände gegeben werden, die ohne jede Verantwortlichkeit handeln und dabei sowohl die Völker der Welt demütigen als auch die natürlichen Ressourcen degradieren.
La Via Campesina fordert die Regierungen und die internationalen Institutionen auf:
Alle Verhandlungen über Nahrungsmittelproduktion und -vermarktung aus der WTO herauszunehmen.
Authentische, internationale, demokratische Mechanismen aufzubauen, um die Nahrungsmittelproduktion mit Respekt gegenüber der Ernährungssouveränität jeden Landes zu regulieren.
Jede Diskussion um das Multilaterale Investitionsabkommen sofort zu stoppen.
Mit einer vertieften Analyse der Folgen der Marrakesh-Entscheidung für Bäuerinnen und Bauern und für die Lebensmittelproduktion fortzufahren.
Die Ernährungssouveränität aller Länder zu gewährleisten und Prioritäten zu setzen auf die Nahrungsmittelproduktion für die Bevölkerung, soziale Aspekte und Umwelt.
Die Verpflichtung abzuschaffen, eine Mindestimportquote von 5% des internen Verbrauchs zu akzeptieren. Alle zwangsweisen Marktzugangsklauseln müssen abgeschafft werden.
Jedem Land das Recht zu geben, seine eigene Agrarpolitik zu definieren um seine internen Bedürfnisse zu decken. Das schließt das Recht ein, Importe zu verbieten um die heimische Produktion zu schützen, und Agrarreformen durchzuführen, um den Menschen den Zugang zu Land zu ermöglichen.
Jedes Dumping zu stoppen und die Produktion von einheimischen Grundnahrungsmitteln zu schützen.
Biopiraterie und Patente auf lebende Organismen (Tiere, Pflanzen, Teile des menschlichen Körpers) einschließlich der Entwicklung steriler Sorten durch Genmanipulation zu verbieten.
Den Ländern das Recht zu überlassen, Qualitätskriterien für Nahrungsmittel gemäß den Präferenzen der Bevölkerung aufzustellen.
Die folgenden Organisationen, neben anderen, arbeiten bei Via Campesina mit:
Zentralamerika: ATC Nicaragua, ASOCODE (Dachorganisation mit mehr als 100 Mitgliedern in 7 Ländern)
Südamerika: ANUC-UR Kolumbien, CCP Peru, "Bartolina Sisa" Bolivien, "El Surco" Chile, CSUTCB Bolivien, FENOC-I Ecuador, FENSUAGRO-CUT Kolumbien, MST Brasilien, MARP Argentinien, MAM Argentinien.
Westeuropa: CPE (Dachorganisation mit 17 Mitgliedern), COAG Spanien, SOC Spanien.
Osteuropa: EFU Estland, Peasent Solidarnosc Polen.
Nord- und Südostasien: dKMP Philippinen, KMP Philippinen, Forum of the Poor Thailand.
Südasien: IFTOP Indien, KRRS Indien, DGSM Indien, Sindh Rural Workers Cooperative Organisation Pakistan.
Kuba und Karibik: CONAMUCA Dominikanische Republik, MPPapay Haiti, ANAP Kuba, WINFA Karibik.
Nordamerika: ANEC Mexiko, AMUCSS Mexiko, CIOAC Mexiko, CNPA Mexiko, UNORCA Mexiko, NFU Kanada, NFFC (Dachorganisation mit 40 Mitgliedern) USA
DER KONZENTRATIONSPROZESS DER AGRARINDUSTRIEN IN DEN USA
USA: Landwirtschaft auf Top getrimmt
Auf einer Fachreise für Fütterungsfachleute besichtigten die Autoren verschiedene Betriebe in den USA. Fazit: In den letzten Jahren fand unverändert ein massiver Strukturwandel statt.
Peter Bringold, Heinrich Rhyner
Die Besichtigung konzentrierte sich auf verschiedene modern geführte, grössere Milchvieh-, Rindviehmast- und spezialisierte Aufzuchtbetriebe sowie Futtermühlen in den Staaten Iowa und Wisconsin. Auf dem Programm stand auch der Besuch einer der grössten Spezialhefeproduzenten der USA.
Einschneidender Strukturwandel
Der Bericht zeigt folgende Trends auf:
Immer weniger Farmen halten immer mehr Tiere.
Es findet also eine Verlagerung von Familienbetrieben zu anonymen Kapitalgesellschaften statt.
Dem Betriebsmanagement im Generellen und dem Finanzmanagement im Speziellen kommt eine immer wichtigere Bedeutung zu.
Die vertikale Integration ist augenblicklich vorherrschend (vor allem in der Fleischindustrie; vom Hof bis zur Verkaufsstelle - ob dies auch in ein paar Jahren die ideale Lösung sein wird, sei dahingestellt).
Genmanipulierte Mischfutterzusätze sind stark im Kommen (im Gegensatz zu Europa, wo sog. botanische Zusätze gefördert werden).
Die Umweltprobleme verstärken sich laufend. Die daraus resultierenden Lösungsansätze werden zusätzliche Kosten schaffen, die nicht ohne weiteres auf den Konsumenten überwälzt werden können.
Immer weniger Betriebe
Die Verarbeitungs- und Produktionsbetriebe haben in den letzten 20 bis 40 Jahren um das 2.5 bis 13-fache abgenommen. Hierzu einige Beispiele:
Milch Käsereien USA:
1960 ~ 40‘000
2000 ~ 3‘000
2020 ~ 300, davon laut Prognose ca. 10% Grossbetriebe mit ca. 2/3 des Umsatzes.
Verarbeitungsbetriebe: Es bestehen nun nur mehr 2 grosse und ca. 100 kleinere Betriebe. Andererseits gehen immer mehr Milchproduzenten direkt auf den Markt und beliefern die Läden.
Milchviehhalter: 90‘000 mit ca. 9 Mio. Kühen.
1% der Besitzer halten ca. 60% der Tiere.
Die Konzentration wird noch weiter in diese Richtung gehen.
Man rechnet, dass bis in 10 Jahren ca. nur mehr 10.000 Milchviehhalter 80-90% der Kühe halten werden. Ø Milchleistung ~ 10.000 Liter (heute ca. 8'000 Liter)
Schweine: 1980: ~ 400‘000 Betriebe.
2000: ~ 150'000, davon halten ca. 20 Firmen 50% der Schweine.
Immer mehr Betriebe haben eine eigene Mischfutterproduktion, da Mischfutter nicht mehr Marken- sondern zum reinen Massenprodukt wird. Die Beratung wird immer mehr oder fast ausschliesslich von „neutralen“ Beratungsbüros gegen Verrechnung geleistet.
http://www.schweizerbauer.ch/news/aktuell/artikel/00845/artikel.html
USA
Area:
total: 9,629,091 sq km (oder 960 Mio. ha)
land: 9,158,960 sq km
water: 470,131 sq km
note: includes only the 50 states and District of Columbia !!!
Not including Iraq and other satellites!
Area - comparative:
about half the size of Russia; about three-tenths the size of Africa; about half the size of South America (or slightly larger than Brazil); slightly larger than China; about two and a half times the size of Western Europe
Land boundaries:
total: 12,034 km
border countries: Canada 8,893 km (including 2,477 km with Alaska), Mexico 3,141 km
note: US Naval Base at Guantanamo Bay, Cuba is leased by the US and thus remains part of Cuba; the base boundary is 29 km !!!
BEI FIDEL ZUR UNTERMIETE: hihi
territorial sea: 12 NM
Climate:
mostly temperate, but tropical in Hawaii and Florida, arctic in Alaska, semiarid in the great plains west of the Mississippi River, and arid in the Great Basin of the southwest; low winter temperatures in the northwest are ameliorated occasionally in January and February by warm chinook winds from the eastern slopes of the Rocky Mountains
Terrain:
vast central plain, mountains in west, hills and low mountains in east; rugged mountains and broad river valleys in Alaska; rugged, volcanic topography in Hawaii
Natural resources:
coal, copper, lead, molybdenum, phosphates, uranium, bauxite, gold, iron, mercury, nickel, potash, silver, tungsten, zinc, petroleum, natural gas, timber
Land use:
arable land: 19.32% (180 Mio. ha)
other: 80.46% (1998 est.)
permanent crops: 0.22%
Irrigated land:
214,000 sq km (1998 est.) = 2 Mio. ha
Natural hazards:
tsunamis, volcanoes, and earthquake activity around Pacific Basin; hurricanes along the Atlantic and Gulf of Mexico coasts; tornadoes in the midwest and southeast; mud slides in California; forest fires in the west; flooding; permafrost in northern Alaska, a major impediment to development
Environment - current issues:
air pollution resulting in acid rain in both the US and Canada; the US is the largest single emitter of carbon dioxide from the burning of fossil fuels; water pollution from runoff of pesticides and fertilizers; very limited natural fresh water resources in much of the western part of the country require careful management; desertification
USA: Bodenschätze
Die USA sind weltweit führend, was die Ausbeutung von Bodenschätzen betrifft. Dies gilt insbesondere für Erdgas und Erdöl. 1992 hat man weit über 500 Mio. t Erdgas und mehr als 420 Mio. t Erdöl gefördert. Ergiebige Lagerstätten befinden sich in der westlichen Golfküstenebene (Texas). Sie bilden dort die Grundlage für eine gewaltige petrochemische Industrie. Auch in den zentralen Ebenen (u.a. Texas, Oklahoma), am Ostrand der Rocky Mountains (u.a. Colorado) und in den intermontanen Becken (z.B. Becken von Wyoming) gibt es reiche Erdöl- und Erdgasvorkommen. Ebenso ist man im südlichen Kalifornischen Längstal auf größere Erdölfelder gestoßen. Zu Beginn der achtziger Jahre sind vor der südkalifornischen Küste beträchtliche Erdölvorkommen entdeckt worden. Seit der Fertigstellung der "Trans Alaska Pipeline" im Jahre 1977 hat man mit Förderung von Erdöl in der arktischen Küstenebene von Alaska am Polarmeer begonnen. Das dortige Prudhoe-Revier ist die momentan größte in Ausbeutung befindliche Erdöllagerstätte Nordamerikas.
Der Rohstoff Kohle kann in den USA, dem kohlenreichsten Land der Erde (28% der Weltreserven), durchweg wirtschaftlicher gewonnen werden als in Europa, weil die Flöze in relativ ungestörtem Gestein und nahe der Oberfläche anzutreffen sind. 1992 hat man rund 860 Mio. t Steinkohle und mehr als 80 Mio. t Braunkohle gefördert. Bedeutende Steinkohlevorkommen sind in den Appalachenplateaus sowie im Westen (bes. Colorado und Wyoming) aufgeschlossen. Die Lagerstätten werden im Tagebau (30%) oder im horizontalen Stollen (70%) abgebaut, die von den Talhängen aus leicht vorangetrieben werden können. Traditionsreichstes Revier ist das um Pittsburgh, das sich im vergangenen Jahrhundert zum bedeutendsten Standort der US-amerikanischen Eisen- und Stahlindustrie entwickelt hat. Auch die großen Vorräte an Braunkohle in den zentralen Flachländern (bes. North Dakota, Montana und Wyoming) werden kontinuierlich ausgebeutet.
Die wichtigsten Eisenerzvorkommen liegen im Bereich des an Rohstofflagerstätten aller Art reichen Kanadischen Schildes, an dem die USA im Gebiet der Großen Seen Anteil haben. Von dort stammen mehr als 90% der Jahresfördermenge (1992: über 55 Mio. t). Die hochwertigen Hämatiterze der Mesabi Range im Superior Upland westlich des Lake Superior begründeten mit einem Eisengehalt von 56% die Weltgeltung der US-amerikanischen Eisenerzförderung. Seit der allmählichen Erschöpfung dieser hochwertigen Erzvorkommen in der Nachkriegszeit weicht man verstärkt auf die geringer wertigen Takonite aus, die im nördlichen Minnesota zu finden sind. Deren Eisengehalt (20-35%) wird in einem Konzentrationsverfahren auf konkurrenzfähige Werte erhöht. das Erz wird über den Hafen Duluth zu den Zentren der Stahlindustrie an den Großen Seen und im Appalachenrevier verschifft. Die Großen Seen bezeichnet man daher mit Recht als den "Binnenozean" der nordamerikanischen Schwerindustrie. Trotz der reichen Vorkommen deckt das Superior Upland nicht den enormen Bedarf der US-amerikanischen Industrie, so dass erhebliche Mengen Eisenerz importiert werden müssen.
Weitere wichtige Erzlagerstätten der USA finden sich vor allem in den Kordilleren: Große vollmechanisierte Tagebaue zur Gewinnung von Kupfererz und mit ihnen verknüpfte Buntmetallschmelzen sind in den Bundesstaaten Utah, Arizona und Montana angesiedelt. Uranerze werden hauptsächlich im südlichen Felsengebirge abgebaut. Erwähnenswerte Vorkommen von Produktionsgrundstoffen außerhalb der Kordilleren betreffen vor allem Metalle und Industrieminerale. Goldbergbau wird in Alaska, in den Black Hills, aber auch in den Kordilleren (Rocky Mountains, Sierra Nevada) betrieben. Größere Mengen Silber findet man in den Rocky Mountains. Bleierze kommen hauptsächlich aus den Ozarkplateaus. Größere Schwefelvorkommen sind in der westlichen Golfküstenebene erschlossen. Phosphat wird in Florida und Bauxid in Arkansas abgebaut.
USA:Naturraum
Die Landschaftsgliederung der USA ergibt sich aus dem Zusammenwirken der Reliefunterschiede mit den klimatischen Gegebenheiten. Es lassen sich vier übergeordnete, in sich mannigfach differenzierte Naturräume unterscheiden. Es sind dies die Appalachen, die Kordilleren, untergliedert in Felsengebirge, intermontanen Bereich und pazifisches Gebirgssystem (auch in Alaska), das Zentrale Flachland mit zwischen diese Gebirgsstränge gespannten Ebenen und Plateaus sowie die Küstenebenen am Atlantik und am Golf von Mexiko. Am fünften Naturraum Nordamerikas, dem Kanadischen Schild, haben die USA nur geringen Anteil; dieser reicht lediglich am Oberen See (Lake Superior) und in den Adirondacks südwärts in das Gebiet der Vereinigten Staaten.
Die klimatische Landschaftsgliederung äußert sich zum einen im Übergang von Humidität im Osten zu Aridität im Westen, zum anderen im Übergang von subpolaren Bedingungen in Alaska bis zu subtropisch- tropischen Temperaturverhältnissen im Süden. Auch dieser Wandel der zwei wichtigsten Klimafaktoren Feuchte und Temperatur ist im einzelnen noch weiter differenziert. So stellen z. B. in den Trockengebieten die Gebirge Inseln größerer Feuchte dar.
Nach Besiedlungsgang und Wirtschaftsstruktur lassen sich vier kulturgeographische Großräume unterscheiden, die in sich zwar sehr unterschiedliche Merkmale aufweisen, jedoch wiederum so viele Gemeinsamkeiten besitzen, dass sie als eigenständige Kulturräume in Erscheinung treten.
Ein Gebiet ursprünglich bäuerlicher Siedlung ist der Nordosten mit Neuengland, zu dem auch die mittlere Atlantikküste und deren Hinterland gerechnet wird. Hier befindet sich die größte Städteballung der USA ("Megapolis"). Sie umfasst vor allem die östlichen Teile des Industriegürtels.
Der Mittelwesten ist der Kernraum der USA und stark auf Chicago als Zentrum ausgerichtet. Es ist ein Gebiet ertragreichster Agrarproduktion, besonders im Mais-Soja-Gürtel, und zugleich bedeutender industrieller Produktion im westlichen Teil des "Manufacturing Belt".
Von Virginia bis Texas reicht der Süden, wo in der Vergangenheit auf Sklavenarbeit gestützte Plantagenwirtschaft betrieben wurde. Hier hat die wirtschaftliche - vor allem industrielle - Entwicklung erst relativ spät eingesetzt. In einzelnen Regionen erfolgte jedoch ein Zuzug junger, bedeutender Industrien, z. B. an der westlichen Golfküste und im Gebirgsvorland der Appalachen (Piedmont).
Größtenteils zum Süden gehört der als "Sun Belt" bezeichnete, thermisch begünstigte Gebietsstreifen, der das Hinterland der südlichen Atlantik- bzw. Golfküste, aber auch die Trockenräume nördlich der mexikanischen Grenze umfasst. Seit den siebziger Jahren verzeichnet dieser Bereich durch Ansiedlung von Wachstumsindustrien einen starken wirtschaftlichen Aufschwung und ist wichtigstes Zielgebiet der Binnenwanderung. Das relativ bekömmliche Klima lockt in starkem Maße ältere Menschen an. Vor allem in Florida und Arizona wird die Zahl der Altersruhesitze immer größer.
Der Westen, die weiträumigste der US-amerikanischen Kulturlandschaften umfasst den Trockenraum der "Plains" und die Kordilleren. Bis auf die pazifische Küste und einzelne verstreute Bevölkerungsverdichtungen ist er relativ menschenarm. Es dominieren Bergbau- und Agrarproduktion. In einigen Gebieten ist eine moderne Industrieentwicklung im Gange.
Relief und geologischer Bau
Die Oberflächengestaltung der USA bestimmen zwei meridional verlaufende Gebirgskomplexe, zwischen denen sich in endloser Weite flaches Land erstreckt. Der östliche dieser Gebirgszüge, die Appalachen, zieht parallel zur atlantischen Küste von Neuengland im Norden bis nach Alabama im Süden. Aus altgefalteten oder flach anlagernden Sedimentgesteinen des Erdaltertums aufgebaut, dann zur Rumpffläche eingeebnet und während der Kordillerenfaltung als Scholle wieder herausgehoben, entsprechen die Appalachen in ihrem Formenschatz weitgehend den deutschen Mittelgebirgen: Kuppige, treppenförmig herauspräparierte Bergländer, gelegentlich von Härtlingszügen überragt, oder umrahmende, durch Schichtstufen gegliederte Plateaus. Die höchsten Berge, im Norden der Mount Washington (1.917 m ü.d.M.) in den White Mountains von Neuenland, im Süden die Great Smoky Mountains mit dem Clingmans Dome (2.025 m ü.d.M.) und vor allem der steil über die Gebirgsfußfläche (Piedmont) aufsteigende Mount Mitchell (2.037 m ü.d.M.) in der Blue Ridge bieten sehr gute Aussichten. Eine Quergliederung erfahren die Appalachen durch die malerischen Durchbruchstäler der dem Atlantik zustrebenden Flüsse, vor allem durch Hudson, Delaware, Susquehanna und Potomac.
Die Längsgliederung der mittleren und südlichen Appalachen ergibt sich durch den geologischen Bau: Von Osten nach Westen lassen sich bei jeder Querung des Gebirgssystems deutlich vier Landschaftszonen unterscheiden: das wellige Plateau des Piedmont, das mit der an Stromschnellen reichen Falllinie zur atlantischen Küstenebene absinkt, die langgezogene, hoch aufragende Kette der Blue Ridge, das Große Appalachental ("Valley and Ridge Province") mit einer Vielzahl längsgestreckter kleinerer Faltenzüge und schließlich die mit einer örtlich sehr markanten Steilstufe ("Allegheny Front" und "Cumberland Front") im Westen ansetzenden Appalachenplateaus.
Jenseits der alluvialen Mississippiniederung laufen die Appalachen in den Höhenzügen der Ozarks und der Ouachita Mountains aus, die bis 878 m ü.d.M. aufsteigen.
Der westliche Gebirgszug nimmt ungleich größere Areale ein. insgesamt als "Kordilleren" bezeichnet, gliedert er sich in zwei Gebirgssysteme: das Felsengebirge (Rocky Mountains) im Osten und das pazifische Gebirgssystem im Westen. Dazwischen liegt der ausgedehnte Bereich der internmontanen Landschaften.
Die Kordilleren sind das Resultat einer phasenweisen Anlagerung ozeanischer Kruste und kontinentaler Bruchstücke (Terrane) im Zuge der Subduktion der pazifischen unter die nordamerikanische Platte und der damit einhergehenden Krustenverdickung.
Das Nebeneinander von gehobenen und abgesenkten Teilschollen ist das Ergebnis einer ausgeprägten Bruchtektonik in jüngerer geologischer Vergangenheit (Typ des Bruchfaltengebirges). Die bis heute andauernde Labilität der Erdkruste an dieser konvergenten Plattengrenze macht sich durch aktiven Vulkanismus und Erdbeben bemerkbar. Man denke nur an die Beben im Raum San Francisco bzw. an die Vulkanausbrüche im Nordwesten der USA (Mount St. Helens) und in Alaska.
Hochalpine Formen stellen sich in den Rocky Mountains erst in sehr viel größerer Höhe als in den Alpen ein, was in der Trockenheit der Felsengebirgsregion begründet liegt. im niederschlagsreichen pazifischen Gebirgssystem reichen die alpinen Formen mit Talgletschern in Alaska bis zum Meeresspiegel hinab, so dass der Pazifische Ozean dort in einer großartigen Fjordlandschaft an das Gebirge grenzt. Die Kordilleren erreichen mit dem Mount McKinley (6.193 m ü.d.M.) in Alaska ihre größte Höhe. Auf ihre gesamte Längserstreckung steigen sie vielfach über 4.000 m auf, innerhalb des pazifischen Gebirgssystems im Kaskadengebirge und in der Sierra Nevada, innerhalb des Felsengebirges in der Umrahmung von Yellowstone- Wyomingbecken, ebenso in der Front Range und in den Sangre de Cristo Mountains. Aussichtsreich sind die für den Tourismus erschlossenen Gipfel Mount Evans (4.348 m ü.d.M.) bei Denver und Pikes Peak (4.301 m ü.d.M.) bei Colorado Springs in der Front Range.
Die im Regenschatten des pazifischen Gebirgssystems gelegenen trockenen intermontanen Landschaften vermitteln durch ihren Steppen- oder Wüstencharakter besonders eindrucksvolle Landschaftsbilder. Die Vegetationsarmut lässt den geologischen Bau ziemlich klar erkennen, beispielsweise die in mannigfachen Farben übereinander geschichteten Sedimentgesteinen.
In eindrucksvollster Weise ist dies in dem weltberühmten Canyon zu beobachten, den der Colorado River in die nach ihm benannten Plateaus horizontal lagernder Schichten aus dem Erdaltertum eingesägt hat: im Grand Canyon.
Ähnliche Erosionsformen stellen sich auch im Bereich basaltischer Lavadecken im Columbiaplateau ein.
Der besonders trockene südliche Abschnitt der intermontanen Landschaften, größtenteils ohne Abfluss zum Meer, ist das Gebiet der Basins and Ranges. Dort wechseln Becken und zahlreiche isolierte, kurze und steil aufragende Gebirgsschollen einander ab. Das größte dieser Becken, in sich vielfach gegliedert, ist das Great Basin, an dessen östlichem Rand sich der Große Salzsee (Great Salt Lake) erstreckt und in dessen südwestlichem Teil das Tal des Todes (Death Valley) mit dem tiefsten Punkt der USA 86 m unter dem Meeresspiegel liegt.
Das Zentrale Flachland zwischen den Appalachen und den Kordilleren stellt eine weitgespannte Schichtstufenlandschaft dar, die aus flachlagernden Gesteinen des Erdmittelalters aufgebaut ist. Der steile Rand der High Plains gegen das Missouriplateau, das sog. Pine Ridge Escarpment, ist - ebenso wie das Coteau du Missouri und viele andere Steilanstiege - eine Schichtstufe, die durch unterschiedliche Erosionsresistenzen der flach lagernden Sedimentgesteine gebildet wird. Trotz der über weite Strecken herrschenden Monotonie entbehrt das Zentrale Flachland nicht einiger Abwechslung im Formenschatz, die sich insbesondere auch durch die einstige Vergletscherung des Kanadischen Schildes erklärt. Es wechseln weite Areale kuppiger und seenreicher Jungmoränenlandschaft des Nordens mit absolut ausdruckslosen, tischebenen Ablagerungsflächen ehemaliger Eisstauseen.
Mit den fünf großen Seen (Great Lakes: Lake Superior, Lake Huron, Lake Michigan, Lake Erie, Lake Ontario), die beim Abschmelzen des Inlandeises entstanden sind, haben die USA im Zentralen Flachland mit 157.000 km² einen bedeutenden Anteil an einem der größten Süßwasser-Binnensysteme der Erde, dessen Gesamtfläche sich mit dem kanadischen Anteil auf knapp 250.000 km² summiert.
Die großen Seen spielen als Binnenschifffahrtsweg eine sehr wichtige Rolle. Sie sind einerseits durch den in den fünfziger Jahren eröffneten Sankt-Lorenz-Seeweg mit dem offenen Meer (Atlantischer Ozean) verbunden und haben andererseits mehrere Verbindungen mit dem schiffbaren Mississippi-Missouri-Flußsystem.
Nach Süden geht das Zentrale Flachland in die Golfküstenebene über, die ihrerseits entlang dem Mississippi rund 900 km landeinwärts reicht und in Florida in die atlantische Küstenebene überleitet. Beide Küstenebenen sind aus geologisch jungen (tertiären und quartären) Ablagerungen aufgebaut und grenzen mit einer Nehrungsküste an den Golf von Mexiko bzw. an den Atlantischen Ozean. Häufig sind die Nehrungen in Inseln aufgelöst, so etwa in den Sea Islands von Georgia. Die hinter den Nehrungen liegenden Haffs der Golfküstenebenen nutzt der "Intracostal Waterway" als wichtige Binnenwasserstraße.
An der atlantischen Ingressionsküste ermöglichen die breiten trichterförmigen Flussmündungen vor allem von Delaware, Susquehanna und Potomac der Seeschifffahrt ein beträchtliches landwärtiges Vordringen in die Delaware Bay und in die Chesapeak Bay. Die schier endlosen Sandstrände beider Küstenebenen ermöglichen einen regen, im Süden sogar ganzjährigen Badebetrieb
USA:
Wirtschaft
Soziales Gefälle
Ein Ergebnis der relativ freizügigen wirtschaftlichen Entwicklung in den Vereinigten Staaten von Amerika ist ein recht breit gestreuter Wohlstand. Das jährliche Durchschnittseinkommen lag 1989 bei 22.000 $. Allerdings schrumpft seit einigen Jahren die Gruppe der Empfänger mittlerer Einkommen (30.000 bis 50.000 $). Die Gruppe der Empfänger höherer Einkommen und der 'Reichen' nimmt weiter zu.
Dagegen wächst die Zahl der Armen (Jahreseinkommen eines Vier-Personen-Haushalts unter 14.000 $), deren Anteil mittlerweile ein Sechstel der Bevölkerung umfasst. Vor allem in den Großstädten steht die Fülle des Konsumangebots in scharfem Kontrast zur Bedürftigkeit außerhalb der Geschäftszentren. Signifikant stark betroffen sind die Bevölkerungsgruppen der Schwarzen und der sog. Hispanics.
In den USA sind 72% der Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich tätig. In der Europäischen Union sind dies 62% und in Deutschland nur 56%! Obwohl auch in den USA allenthalben über Arbeitslosigkeit geklagt wird, lag die Arbeitslosenquote in Deutschland auf der Spitze des Wiedervereinigungsbooms mit 7,2% deutlich höher als in den USA während der tiefsten Rezession. Interessant ist auch, dass nur 6% aller US-amerikanischen Arbeitslosen länger als ein Jahr ohne Arbeit sind. Bedenklich gestaltet sich jedoch in den USA die Jugendarbeitslosigkeit. Derzeit sind dort über ein Sechstel aller weißen Jugendlichen, knapp ein Viertel aller hispano-amerikanischen Jugendlichen und etwa ein Drittel aller schwarzen Jugendlichen arbeitslos.
Energie
Am Gesamtenergieverbrauch der Vereinigten Staaten sind Erdöl und Erdgas mit etwa 65% beteiligt, Kohle mit etwa 23% und Kernkraft mit fast 8%, Wasserkraft, Geothermik und sonstige alternative Energiequellen erbringen den Rest. Die USA sind das Land mit dem zweithöchsten Pro-Kopf-Energieverbrauch. Noch vor wenigen Jahren wurde hier mehr als ein Drittel der Weltenergieproduktion verbraucht. Sparanreize fehlten gänzlich. Erst seit kurzer Zeit macht sich die Erkenntnis breit, dass sorgsamer mit der Energie umgegangen werden sollte; zudem könnten die USA auf diese Weise auf dem Energiesektor autark werden.
In den USA werden etwa 25% der Weltproduktion erzeugt. Etwa 60% der Elektrizitätserzeugung stammt aus Kohlekraftwerken. Kernkraftwerke erbringen etwa ein Fünftel der Stromerzeugung. Eine eher untergeordnete Rolle spielen Öl- und Wasserkraftwerke sowie diverse alternative Energieerzeuger.
Tourismus
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben sich in den letzten Jahrzehnten zu einem klassischen Fernreiseziel entwickelt. Besonders für viele Bewohner des deutschsprachigen Raums sind die USA das Traumreiseziel. Interessante Großstädte wie New York, Washington, Chicago, Los Angeles und San Francisco, höchst eindrucksvolle Naturschönheiten wie der Grand Canyon, die Niagarafälle oder der Yellowstone-Nationalpark, vielgestaltige Freizeit- und Sporteinrichtungen - die Palette reicht vom Traumstrand an subtropischen Gestaden über einige der schönsten Golf- und Tennisplätze der Welt bis zum 'Champagner-Schnee' der Rocky Mountains mit ihren rasanten Skipisten - haben 1992 mehr als 45 Mio. ausländische Touristen angelockt.
Von den knapp 20 Mio. Auslandtouristen des Jahres 1978 kamen etwa 60% aus Kanada, 12% aus Europa, 11% aus Mexiko und 4% aus Japan. 1992 ergab sich folgendes Bild: Die Zahl der Auslandstouristen ist auf 45,6 Mio. angewachsen, davon kamen 47% aus Kanada, knapp 20% aus Europa, 17% aus Mexiko und knapp 8% aus Japan. Mit ausschlaggebend für diese Entwicklung dürfte vor allem der Verfall des Dollarkurses und die gegenläufige wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsländern der Touristen einerseits und in den USA andererseits gewesen sein. So schwoll der Touristenstrom aus Deutschland von 1987 bis 1992 von etwas mehr als 700.000 auf über 1,5 Mio. Reisende an.
USA: Allgemeines
Die Vereinigten Staaten von Amerika ( United States of America, USA) sind derzeit nach Russland, Kanada und der Volksrepublik China der viertgrößte Staat der Erde.
Staatsfläche beträgt 9,37 Mio. km². Das räumlich zusammenhängende Staatsgebiet der USA (48 von 50 Staaten, ohne Alaska und Hawaii) umfasst zwischen Atlantischem und Pazifischem Ozean sowie zwischen Kanada und dem Golf von Mexiko eine Fläche von rund 7,83 Mio. km².
Dieses kontinentale Kernland hat in groben Zügen die Form eines liegenden Rechtecks und misst vom Atlantik im Osten bis zum Pazifik im Westen rund 4500 km und erstreckt sich damit über vier Zeitzonen. Von der kanadischen Grenze im Norden (49° nördlicher Breite) bis zur Südspitze Floridas (24° nördlicher Breite) sind ca. 2.700 km (Luftlinie) zurückzulegen. Die Länge der internationalen Staatsgrenze beträgt gegen Kanada (ohne Alaska) annähernd 6.400 km und gegen Mexiko rund 3.200km. Die Küstenlänge der räumlich zusammenhängenden USA beträgt je nach Meßmethode zwischen 50.000 und 87.000 km, wenn man die Gesamtstrecke der Meeresränder, inklusive der Buchten und Ästuare, zugrundelegt.
Dank ihrer Größe haben die Vereinigten Staaten an den meisten Naturräumen des nordamerikanischen Kontinents Anteile. Sie reichen von subpolaren Breiten (Alaska) bis in die Randtropen (Florida); zudem gehören mit dem Hawaii-Archipel und den pazifischen Außengebieten Guam und Samoa tropische Inseln zum Hoheitsgebiet.
Die Vereinigten Staaten von Amerika, oft auch als "God's own Country" apostrophiert, sind die führende Weltmacht und Industrienation der Erde. Ständig berichten die Medien von neuen Rekorden in der Forschung und in der technischen Entwicklung, in der Wirtschaft, im Sport und vielen anderen Lebensbereichen.
Hier sind acht der zehn größten Industrieunternehmen der Erde tätig, hier leben die meisten Reichen, hier fliegen die meisten Düsenjets und fahren die meisten Autos, hier wird die meiste Energie vergeudet und hier gibt es die meisten Wolkenkratzer.
Ein enormer Reichtum an Bodenschätzen (bes. Kohle, Erdöl, Erdgas, Kupfer), höchst ertragsstarke land- und forstwirtschaftliche Nutz- und Anbauflächen sowie riesige Weideflächen, die eine extensive Viehzucht ermöglichen, sind die natürliche Grundlagen. Die gewaltigen naturräumlichen Dimensionen und die klimatischen Extreme waren und sind eine große Herausforderung, gefordert waren und sind Widerstandskraft und Erfindungsgabe.
Laut der letzten amtlichen Volkszählung im Jahr 1990 haben die USA insgesamt 248,7 Mio. Einwohner, mittlerweile allerdings dürfte diese Zahl sich - bei der jährlichen, vor allem illegalen Zuwandererrate von etwa 700.000 bis 800.000 Menschen - um einige Millionen erhöht haben. Die Bevölkerungsdichte beträgt 27,6 (Deutschland: 224,0) Einwohner pro Quadratkilometer Landfläche, dieser Mittelwert wird von einzelnen städtischen Verdichtungsräumen stark übertroffen. (Mehr dazu unter "Bevölkerung und Siedlungen".)
Obwohl weite Gebiete des riesigen Landes bis heute erst oberflächlich kultiviert worden sind, wohnen nirgendwo sonst auf der Erde so viele Menschen in Städten- bezogen auf die Gesamtbevölkerung - wie in den USA.
Die Verstädterung ist inzwischen schon so weit fortgeschritten, dass einige Großstädte entlang der sie verbindenden Highways in Gestalt von sogenannten Strip Cities ("Streifenstädten") zusammenwachsen.
Besonders weit vorangekommen ist diese Entwicklung im Nordosten der USA (Megalopolis "Boswash" von Boston bis Washington), im Mittleren Westen (Strip City "Chipitts" von Chicago bis Pittsburgh) und in Kalifornien (Strip City "Sansan" von San Diego bis San Francisco).
US-Familienbetriebe bewahren?
Warum die amerikanische Landwirtschaftspolitik durchaus von der europäischen lernen könnte.
Von Michael Wilson, Herausgeber der Fachzeitschrift "Prairie Farmer" (Illinois)
Die Bauernbetriebe bewahren? Dumme Frage. Wer würde da nicht ja sagen? Und trotzdem sind in den letzten zwanzig Jahren fast 350'000 Bauernbetriebe von der ländlichen Bildfläche verschwunden. Die amerikanische Agrarpolitik hat alles andere getan, als die Bauernbetriebe zu bewahren.
Aber vielleicht ist die Agrarpolitik ja gar nicht der Grund für den Strukturwandel. Vielleicht hat die Agrarpolitik, die sich auf Einkommen von den Märkten konzentriert, das Sinken der bäuerlichen Einkommen ja verlangsamt.
Was wir aber sicher wissen ist, dass eine protektionistische Politik wie sie die EU betreibt, die familiären Bauernbetriebe eher erhalten kann. Uns Amerikaner stört aber die Idee des Protektionismus.
Die EU-Beiträge an die Landwirtschaft gehören zu den höchsten der Welt, obwohl die EU ihre Agrarpolitik 1992 reformiert hat und mit "Agenda 2000" weiter reformieren wird. Damit werden die Einkommen weiter entkoppelt von der Produktion und die Abhängigkeit von Exportsubventionen wird vermindert.
Rückzug des Staates ist gescheitert
Die US-Regierung spielt aber ihr eigenes protektionistisches Spiel. Seit dem "Freedom to Farm Act" von 1996 ist das Einkommen der amerikanischen Bauern von 54,9 Mia. auf 40 Mia. US-$ (65 Mia. Fr.) gefallen, und es soll bis 2009 auf 37 Mia. $ (60 Mia. Fr.) fallen.
In der gleichen Zeit sind die staatlichen Beiträge von 8,8 Mia. $ (14,4 Mia. Fr.) auf 20,3 Mia. $ (33,1 Mia. Fr.) im Jahr 1999 angestiegen – so hoch wie nie zuvor. Die Landwirtschaftspolitik hat zwei Ziele ganz klar nicht erreicht: Den Rückzug der Regierung aus der Landwirtschaft und die Schaffung der Möglichkeiten für amerikanische Bauern, auf dem Weltmarkt zu bestehen.
Vielleicht ist es für die US-Handelsrepräsentanten auch Zeit zuzugeben, dass wir nie Weltmarktpreise erreichen werden.
Die 308 Mio. $ (502 Mio. Fr.) Sanktionen, welche die USA auf EU-Exporte verhängt hat (als Vergeltung für verhinderte Hormonfleischimporte), erzürnte die Europäische Kommission und hat die Europäer elektrisiert. Die Europäer haben beim Hormonfleisch und beim GVO-Getreide bewiesen, wie weit sie gehen, um ihre Bauern zu schützen.
Sollten wir nicht das gleiche tun, wenn wir unsere Familienbetriebe schützen wollen?
Handelsschranken sind ein Sakrileg
Nur schon die Idee, künstliche Handelsschranken aufzustellen, ist in den USA ein Sakrileg. Nahrungsmittelproduktion wird jeder anderen Branche gleichgestellt, ausgeliefert dem Spiel von Angebot und Nachfrage. In Europa ist die Landwirtschaft mehr als nur Zahlen und Effizienz, sie ist ein Teil des sozialen Zusammenhalts.
Als Amerikaner ist es für mich unmöglich, die europäische Mentalität voll und ganz zu verstehen. Von aussen betrachtet reflektiert die EU-Politik, dass bäuerliche Familienbetriebe einen Wert haben und es deshalb wert sind, erhalten zu werden – auch wenn es etwas kostet und zu einer Wirtschaft führt, die mehr auf sozialer Ideologie beruht als auf freiem Markt.
Die USA sollten diese Haltung mit in Betracht ziehen, wenn die amerikanische Politik weiterentwickelt wird.
In einem anregenden Artikel im Washington Monthly hat US-Senator Byron Dorgan aus North Dakota das ländliche Europa als Ort bezeichnet, wo die Familienbetriebe blühen. "Der Grund dafür ist natürlich, dass Europa seine Familienbetriebe erhält, während Amerika sich im Grunde nicht darum kümmert", schreibt er.
Kümmern sich die Amerikaner darum? Wieso sollten sie, so lange die Nahrungsmittelkosten nur 11 % der verfügbaren Einkommen ausmachen, weniger als sonst irgendwo auf der Welt?
Eine marktorientierte Landwirtschaft hat offenbar keinen Raum für Werte oder Empfindungen. Und doch, Nahrung ist nicht Stahl, Benzin oder Computer-Chips. Sie ist die grundlegendste aller Notwendigkeiten und eine der wichtigsten Lebensfreuden. Die Amerikaner müssen beginnen, die Nahrungsmittelproduktion nicht nur mit einer Einkaufstaschenmentalität anzuschauen. Sonst werden Familienbetriebe ein weiterer Wirtschaftszweig mit Kleinbetrieben, gezwungen zur Industrialisierung, "bissige Fussnoten zur schönen neuen Wirtschaft... wie die kleinen Esslokale der Schnellstrasse Route 1 entlang, die auf der Strecke blieben, als der Interstate Highway kam", wie Dorgan schreibt.
Ländliche Werte und soziale Ideale
Wenn der Kongress nicht gewillt ist, die notwendigen Änderungen zu machen, damit die amerikanischen Bauern auf dem Weltmarkt konkurrieren können, dann ist es Zeit, die amerikanische Agrarpolitik zu reformieren, mit dem Akzent auf ländlichen Werten, nicht auf dem freien Markt. Man könnte damit beginnen, dass die Unterstützung nur an Familienbetriebe geht.
"Dies würde eine moderne und produktive Landwirtschaft und gesunde ländliche Gemeinschaften fördern", meint Dorgan. "Es würde unserer Wirtschaftspolitik mit unseren traditionellen Familienwerten und sozialen Idealen verbinden."
Vielleicht ist es Zeit, Europas teure Agrarpolitik mit etwas anderen Augen zu betrachten. Sie ist nicht unbedingt auf den Prinzipien des freien Marktes aufgebaut, aber sie unterstützt wenigstens die ländlichen Gemeinschaften und Werte. Und sie erhält die bäuerlichen Familienbetriebe. Sind es diese nicht wert, erhalten zu werden?
http://www.schweizerbauer.ch/news/aktuell/artikel/02408/artikel.html
EIN BLICK IN DIE VERGANGENHEIT:
WIE SAH ES 1950 AUS?
Rüstung und Reallohn ( Ausgabe 9/1950)
Die Rüstungswelle, die durch die Koreakrise ausgelöst worden ist, scheint den Reallohn der Arbeiter in der westlichen Welt zu gefährden. In den Vereinigten Staaten läuft die Wirtschaft seit Jahren auf vollen Touren. Der im zweiten Weltkrieg in seinem Nutzeffekt gewaltig gesteigerte amerikanische Produktionsapparat fing gleich nach Kriegsschluß an, statt Kanonen, Munition, Flugzeugen und Tanks in gewaltigen Mengen Personenwagen, Lastwagen, Eisschränke, Zentralheizungseinriditungen und - insbesondere auf Grund von Trumans Programm des sozialen Wohnungsbaus - Wohnungen und Einfamilienhäuser zu produzieren. Und da diese Dinge in den USA nicht nur für eine kleine Oberschicht von Reichen, sondern weitgehend für die breiten Massen der Arbeiter und Angestellten erschwinglich sind, entwickelte sich ein Massenabsatz für alle diese guten Dinge, der mit der Massenproduktion ständig Schritt hielt und so das neue amerikanische Weltwunder: jahrelange Vollbeschäftigung mit Friedensproduktion bei ständig steigendem Reallohn ermöglichte.
Durch die Ruck-Umstellung eines Teils des amerikanischen Produktionsapparates auf Rüstung scheint diese Entwicklung - zwar nicht die Vollbeschäftigung, aber der Vollkonsum - gefährdet. Die amerikanische Regierung bereitet ein umfangreiches Programm der wirtschaftlichen Mobilmachung vor. Im Rahmen dieses Programms sind Rationierungen insbesondere in der Rohstoff Zuteilung zu Gunsten der Rüstungsproduktion im breitesten Umfang vorgesehen. Selbst von einer vollständigen Einstellung der Automobilproduktion für die privaten Verbraucher wurde schon gesprochen. Damit ergibt sich für die breiten Massen in Amerika die Gefahr, daß sie wiederum, wie im zweiten Weltkrieg, zwar hohe Löhne verdienen, einen erheblichen Teil dieser Löhne aber mangels Angebots von Konsumgütern nicht ausgeben dürfen und damit auf den Weg des Zwangssparens für Rüstungszwecke abgedrängt werden.
Im Marshallplan-Europa scheinen die Dinge noch viel ernster zu liegen. Seit Jahren haben die Amerikaner die Europäer aufgerufen, sich ganz auf die Produktion von Friedensgütern zu konzentrieren. Sie haben ihnen mit großen Anleihen, wie der 5-Milliarden-DolIar-Anleihe an England, mit der UNRRA-Hilfe und schließlich mit den Milliardensummen des Marshallplans dazu eine Starthilfe gegeben. Der Sinn dieser Amerikahilfe sollte darin bestehen, daß Europa in den Stand gesetzt wird, seine Produktion an Friedensgütem aller Art so zu steigern, daß es von weiterer amerikanischer Hilfe unabhängig wird. In weiten Teilen Europas hatte vor dem Marshallplan zwischen niedrigem Reallohn, ausgedrückt in völlig ungenügender Ernährung, Bekleidung und Behausung großer Teile der Arbeiterschaft, und niedrigem Nutzeffekt der menschlichen Arbeit ein verhängnisvoller Kreislauf bestanden. Der Marshallplan und die anderen Formen der Amerikahilfe haben es den Europäern ermöglicht, sich von diesem verhängnisvollen Kreislauf freizumachen: auf Grund besserer Ernährung, Bekleidung und Behausung der Arbeiter und darüber hinaus auf Grund besserer technischer Ausstattung der Arbeitsplätze den Nutzeffekt ihrer Arbeit gewaltig zu steigern und so allmählich sich ein menschenwürdiges Dasein zu erarbeiten, nicht mehr auf Grund amerikanischer Geschenke, sondern auf Grund eigener produktiver Leistungen.
Wenn nun dieser Aufruf zu höchster Leistung in der Friedensproduktion wieder durch einen Appell zur Rüstungsproduktion abgelöst werden soll, so scheint die unmittelbare Gefahr zu bestehen, daß die Produktion an Verbrauchsgütern und damit der Reallohn wieder unter das zur Erhaltung des Lebens und der vollen produktiven Leistung Notwendige sinkt. Diesen pessimistischen Auffassungen über die Zusammenhänge zwischen Rüstung und Reallohn, wie sie heute ziemlich allgemein verbreitet sind, soll hier eine ausgesprochen optimistische Analyse gegenübergestellt werden:
Zunächst aber muß mit einigen Worten klargestellt werden, an welches Ausmaß und welche Art der Rüstung dabei gedacht ist.
Es gibt zwei mögliche Rüstungsprogramme für die westliche Welt:
ein Programm der totalen Rüstung, durch welches die westliche Welt Rußland militärisch nicht nur ebenbürtig, sondern soweit überlegen würde, daß sie auch einen Angriffskrieg gegen Rußland wagen könnte, und
ein Programm der rein defensiven Rüstung.
Die totale Rüstung ist, wie es schon in ihrem Begriff liegt, ohne Einschränkung des Reallohns nicht denkbar. Das Wesen der totalen Rüstung besteht ja gerade darin, daß in einer Volkswirtschaft alle Männer und Frauen, deren Arbeitsleistung für die Fristung des notdürftigsten Lebens entbehrt werden kann, für den Kriegsdienst und für die Rüstungsproduktion eingesetzt werden. Eine solche totale Rüstung würde es der westlichen Welt ermöglichen, sehr bald über eine Armee zu verfügen, die an Zahl hinter Rußlands angeblich mobilen 175 Divisionen nicht zurückbleiben und die russischen Divisionen bezüglich der technischen Ausrüslung weit übertreffen würde, von der Luftwaffe ganz zu schweigen. Um allerdings insbesondere die Infanterie und die Panzertruppen numerisch und qualitätsmäßig auf den entsprechenden Stand zu bringen, wäre eine totale Wiederaufrüstung Deutschlands und Japans erforderlich. Die in den letzten Wochen mehrfach genannte Zahl von 35 deutschen Divisionen bildet einen logischen Bestandteil dieses Programms der totalen Rüstung der westlichen Welt.
Gerade diese Zahl aber zeigt, daß das ganze Programm der totalen Rüstung ein Wahnsinn ist. Es ist völlig ausgeschlossen, daß die Russen eine solche Wiederaufrüstung Deutschlands zulassen würden. Es bestehen gute Gründe dafür, daß Rußland auf viele Jahre hinaus keinen dritten Weltkrieg will, solange es selber glaubt, nicht angegriffen zu werden. Eine deutsche Wiederaufrüstung und insbesondere eine Wiederaufrüstung in diesem Stil ist das sicherste Mittel. Rußland davon zu überzeugen, daß der „Interventionskrieg der kapitalistischen Welt" unmittelbar bevorsteht, und Rußland dadurch in den Präventivkrieg zu treiben. Totale Aufrüstung, insbesondere mit ihrem wirksamsten Teil: Wiederbewaffnung Deutschlands, ist daher gleichbedeutend mit einem fast unvermeidbaren Hineintaumeln in den dritten Weltkrieg. Wenn es auch sehr wahrscheinlich ist, daß die westliche Welt diesen dritten Weltkrieg schließlich gewinnen würde, so bedeutet er für Deutschland und Westeuropa ein zweimaliges Schicksal der verbrannten Erde, die Vernichtung von Millionen von Menschen und der gesamten Industrie.
Für die Deutschen und für die Westeuropäer gibt es daher nur ein Rüstungsprogramm, das für sie annehmbar ist: nicht die totale Rüstung, die uns in den dritten Weltkrieg hineintreibt, sondern die rein defensive Rüstung.
Diese rein defensive Rüstung verlangt vor allem eine Verstärkung der englischen und amerikanischen Truppen in Deutschland auf das Doppelte, höchstens auf das Dreifache des gegenwärtigen Standes. Eine aktive Teilnahme Deutschlands an dieser Militärmacht ist überflüssig, ja schädlich, weil sie die Gefahr eines panikartigen Losschlagens Rußlands nur heraufbeschwört. Ob die Aufrüstungspläne, die Frankreich jetzt verfolgt, für dieses Programm der rein defensiven Rüstung notwendig sind oder nicht, mag dahingestellt sein. Schädlich sind sie zumindest insofern nicht, als die Russen in einer um fünf sehr kostspielige Divisionen verstärkten französischen Armee bestimmt keine für sie gefährliche Angriffsmacht sehen werden.
Was mit dem Programm der defensiven Rüstung an der Front des Eisernen Vorhanges erreicht werden muß, ist etwas sehr Einfaches: ein Kräfteverhältnis, bei dem der Einsatz der ostdeutschen Volkspolizei von vornherein aussichtslos erscheint und Infolgedessen eine Wiederholung des koreanischen Bürgerkrieges nicht möglich ist, und darüber hinaus eine Wacht am Eisernen Vorhang, die auch für die Russen selber den Vormarsch auf die Kanalküste und auf die Pyrenäen nicht zu einem bloßen Spaziergang machen würde. Dieses bescheidene Ziel aber ist ohne jede deutsche Wiederaufrüstung und schon ganz und gar ohne totale Rüstung der westlichen Welt zu erreichen.
Nur eine solche defensive Rüstung kann den dritten Weltkrieg vermeiden - eine Garantie gegen den dritten Weltkrieg gibt es selbstverständlich nicht, sondern nur ein Optimum an Vernunft in seiner Vermeidung. Eine solche defensive Rüstung ist sicher nicht billig, aber sie ist für die westliche Welt ohne Gefährdung des Reallohnes und für Marshallplan-Europa ohne das Wiederhineinfallen in den verhängnisvollen Kreislauf von zu niedrigem Reallohn und zu niedriger Arbeitsleistung durchführbar.
Die Zauberformel, welche ein solches defensives Rüstungsprogramm mit einer Erhaltung und sogar Steigerung des Reallohnes vereinbar macht, heißt: Vollbeschäftigung, und zwar Vollbeschäftigung im Rahmen eines einheitlichen Generalplans für die westliche Welt.
Wo in der westlichen Welt heute schon Vollbeschäftigung besteht, da gibt es natürlich nur noch wenig Reserven, die mobilisiert werden. Das gilt von der englischen Volkswirtschaft als Ganzem, es gilt weitgehend auch von der amerikanischen Industriewirtschaft. Es gibt in der westlichen Welt aber zwei gewaltige Wirtschaftsgebiete, in denen die Produktionsmöglichkeiten noch nicht annähernd ausgeschöpft sind. Das eine Gebiet ist die amerikanische Landwirtschaft, das andere die kontinentaleuropäische Industriewirtschaft, insbesondere repräsentiert durch Deutschland.
Die amerikanische Landwirtschaft hatte es im zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach gelernt, nicht nur Nahrung, und zwar überreichliche Nahrung für 140 Millionen Amerikaner, sondern darüber hinaus für weitere 50 Millionen Menschen zu produzieren. Nachdem aber die Kriegs- und Nachkriegsschäden in der europäischen Landwirtschaft überwunden sind, gibt es keine 50 Millionen Menschen mehr, die für ihre Ernährung auf amerikanische Zuschüsse angewiesen sind. Infolgedessen konnte eine von Jahr zu Jahr steigende Menge von amerikanischen Nahrungsmitteln zur Vorratsbildung zurückgelegt werden. Die Vorräte an Brot- und Futtergetreide, die die westliche Welt aus dem Erntejahr 1949/50 in das neue Jahr 1950/51 hinübernimmt, sind mit 70 Millionen tons die größten, die es jemals in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. Milliarden von Dollars an öffentlichen Geldern sind in Amerika in den Stützungsbeständen investiert, um den Raum an Scheunen, Speichern und Silos zu vermehren, da der vorhandene Raum den Erntesegen nicht mehr zu fassen vermag. Schließlich glaubte man im letzten Jahr, die Sintflut an steigender Agrarproduktion nur noch dadurch eindämmen zu können, daß man der amerikanischen Landwirtschaft eine Verringerung ihrer Anbaufläche an Weizen und Mais aufzwingt. Im vorigen Erntejahr sollten es 15 v. H. sein - die glücklicherweise von den Farmern nicht eingehalten wurden - für das neue Erntejahr hatte man schon 20 v. H. ins Auge gefaßt.
Alle diese Anbauflächenrestriktionen muß man jetzt fallen lassen, um von der Seite der amerikanischen Agrarproduktion her die Voraussetzungen für die Vollbeschäftigung in der westlichen Welt zu schaffen. Der amerikanische Farmer muß sein ganzes Land bebauen und voll produzieren dürfen. Und wenn die Scheunen, Speicher und Silos nicht ausreichen, so müssen nochmals neue gebaut werden, sei es in Amerika, sei es in Europa. Das Ziel muß sein, den Vorrat in der westlichen Welt insbesondere an Brotgetreide und Futtergetreide so zu steigern, daß keinerlei Mißernten diesen friedlichsten Teil des defensiven Rüstungsprogramms gefährden können. Und das weitere Ziel muß sein, jedem Land in der westlichen Welt die Grundnahrungsmittel in solchen Mengen zur Verfügung zu stellen, daß durch Vollernährung des Arbeiters eine volle Leistung möglich ist, daß insbesondere kein Industrieland sich m seiner Vollbeschäftigungspolitik wegen seines Mangels an Nahrungsmitteln oder landwirtschaftlich produzierten Rohstoffen (Baumwolle) irgendwelche Beschränkungen auferlegen muß.
Auf dieser Grundlage der Vollbeschäftigung des amerikanischen Farmers können alle Projekte der Vollbeschäftigung in der europäischen Industriewirtschaft verwirklicht werden. Deutschland hat heute 20 Millionen Beschäftigte, die bei einem Je-Kopf-Produkt von 5000 DM ein Sozialprodukt von etwa 100 Milliarden DM hervorbringen. Das sind schon 20 Milliarden DM mehr als vor einem Jahr, aber wir müssen weitere fünf Millionen Menschen in Deutschland in Arbeit bringen. Da sind zunächst die 1,3 Millionen sichtbare Arbeitslose, die wir heute statistisch haben, zu denen aber noch mindestens 1 Million unsichtbare Arbeitslose, d. h. mobilisierbare Arbeitskräfte kommen. Darüber hinaus müssen wir in den nächsten Jahren jährlich 300.000 Arbeitsplätze und Lehrstellen schaffen, und zwar für die starken Jahrgänge, die jetzt aus der Schule ins Erwerbsleben entlassen werden und die die Zahl der wegen Alters und Arbeitsunfähigkeit Ausscheidenden jährlich um eine drittel Million überschreiten werden. Auch vor dem Einstrom weiterer Heimatvertriebener und politischer Flüchtlinge aus dem Osten sollten wir uns nicht scheuen: für sie alle hat die westliche Welt Arbeit. Für sie alle muß sie Arbeit haben, wenn es ihr mit einem Programm der Vollbeschäftigung ernst ist.
Fünf Millionen zusätzlich Produzierende in Deutschland, das bedeutet selbst beim heutigen niedrigen Stand der Produktivität ein zusätzliches jährliches Sozialprodukt von 25 Milliarden DM. Diese 25 Milliarden DM sind jedoch erst ein kleiner Teil der im Marshallplan-Europa mobilisierbaren Reserve. Im Marshallplan-Europa gibt es heute rund 120 Millionen Erwerbstätige. Durch Vollbeschäftigung kann diese Zahl auf 130 Millionen gebracht werden. In USA produzieren rund 65 Millionen Erwerbstätige ein Sozialprodukt von rund 220 Milliarden Dollar, d. h. annähernd 4000 Dollar je Kopf. Im Marshallplan-Europa beträgt das Sozialprodukt je Kopf nur den dritten, z. T. sogar nur den vierten Teil des amerikanischen Sozialprodukts.
Englische, irische, deutsche, schwedische und italienische Einwanderer und ihre Kinder stellen die Elite der amerikanischen Arbeiterschaft. Es ist nicht einzusehen, warum der Nutzeffekt der Arbeit der gleichen Völker in Europa ständig so viel niedriger bleiben soll als in den USA. Durch die Schaffung eines einheitlichen europäischen Wirtschaftsgebiets mit rund 270 Millionen Verbrauchern können die Vorteile der Serienproduktion, die Amerika in einem Wirtschaftsgebiet mit 150 Millionen Verbrauchern so erfolgreich anwendet, auch für Europa nutzbar gemacht werden. Auch die technische Ausstattung der Arbeitsplätze kann und muß in Europa schrittweise dem amerikanischen Vorbild angepaßt werden. Wenn auf diese Weise 130 Millionen Erwerbstätige in Europa ihr Sozialprodukt um 1000 Dollar je Kopf steigern - und damit wäre noch nicht die Hälfte des Abstands eingeholt -, so bedeutet das eine Steigerung des Sozialprodukts um 130 Milliarden Dollar.
130 Milliarden Dollar, das dürfte rund das Zehnfache von dem sein, was eine Rüstung in dem oben definierten defensiven Sinne etwa kostet. Mit jedem Dutzend Milliarden Dollar, um das Marshallplan-Europa durch Vollbeschäftigung und Vereinheitlichung des Wirtschaftsgebietes diesem Ziele näherkommt, trägt es entscheidend dazu hei, eine solche Rüstung nicht nur ohne Senkung sondern unter fortgesetzter Steigerung des Reallohns möglich zu machen.
http://www.gmh.dgb.de/main/jahresin/1950/Texte_5009/1950_09_02-Baade.html
Die G7-Finanzminister in Halifax und die Welternährung:
AUGENAUSWISCHEREI ODER CONSPIRACY?
Herbert Hasenbein 19.06.2002
Sage mir, wie du es mit den Bauern hältst, und ich sage dir, was für ein Mensch du bist
Der Protest kam nicht nur von der Straße, sondern aus berufenem Munde: "Die Unterstützung der amerikanischen Landwirtschaft für ihre Art der Massenfabrikation macht es für die Welt ungemein schwierig, die afghanischen Bauern davon zu überzeugen, anstelle von Mohn lokale Produkte wie Bohnen, Linsen und Kichererbsen anzubauen."
Der kanadische Finanzminister John Manley wurde mit seiner Feststellung auf dem G7 Treffen in Halifax außergewöhnlich deutlich. Er geißelte den Protektionismus der amerikanischen Regierung mit deren eigenen Worten: "Die Kriminalität zu bekämpfen ist ein Teil des Kampfes gegen den Terrorismus.
Dazu gehören die ernsthaften Bemühungen, den Anbau von Grundnahrungsmittel gegen Mohn und Opium zu fördern."
Auslöser war die "Farm Bill", vom amerikanischen Präsidenten Bush kürzlich in Aktion gesetzt, die den Wert von Nahrungsmitteln für die Welt neu definiert.
Nur oberflächlich besehen geht es um die staatlichen Subventionen. Sie sollen die US Bauern für die Wirtschaftsflaute entschädigen, vor allem aber die Vormachtsstellung der USA festigen und nebenbei den Makel überwinden, der genetisch modifizierten Nahrungsmitteln anhaftet. Auf der ersten Seite des Faltblattes wird George W.Bush, der amerikanische Präsident zitiert:
Wir sind ein begnadetes Volk (blessed nation), weil wir unsere Nahrungsmittel selbst erzeugen können, und deshalb sind wir geschützt. Ein Staat, der seine Bevölkerung ernähren kann, ist besonders sicher.
Die Befürchtung der Kanadier ist deshalb nicht wirklich die Opiumproduktion, sondern eine seit langem schwelende Hassliebe, die beide Länder aneinander kettet , nämlich die Bereitschaft, GM Food, also genetisch modifizierte Nahrungsmittel , zu produzieren.
Während die Regierung in Ottawa keineswegs von der Ungefährlichkeit überzeugt ist und die potenten Hersteller in den USA zügeln möchte, wird der Protektionismus in den USA zum gefährlichen Druckmittel, das den kanadischen Bauern keine andere Alternative lässt, als dem großen Bruder im Süden bedingungslos zu folgen. Die US Politik hat sich mit dem neuen Verständnis zur Landwirtschaft geschickt der langjährigen Kritik entzogen, indem sie den Begriff "GM Food" schlichtweg aus den Schriften und der Diskussion verbannt.
Wer heute danach sucht, läuft ins Leere. Stattdessen werden die Erfolge der Biotechnologie herausgestellt: "Die Biotechnologie," so heißt es im Faltblatt, "ist zu einem wichtigen Werkzeug geworden, um den Wünschen der Konsumenten entgegenzukommen und zeigt, wie beides, nämlich die heutigen Anforderungen und die Technik gemeinschaftlich einen neuen Markt begründen.
Der Nahrungsmittelmarkt wird weiter an Bedeutung gewinnen, weil das Interesse an "functional foods" zugenommen hat. Das sind Produkte, die nach dem Ernährungswert oder medizinischen Gesichtspunkten produziert werden, damit sie den Bedürfnissen des Konsumenten nach optimaler Ernährung und Gesundheit entgegenkommen. Das meint die "zweite Generation" biotechnologischer Produkte. Sie löst die "erste Generation" innovativer Produkte ab, die für die Bauern nur die Produktionskosten verringerten und den Ertrag förderten."
Die "Farm Bill", das neue Verständnis für die amerikanische Landwirtschaft, macht aus dem, was andere zunehmend frösteln läst, die längst abgeschlossene erste Phase einer erfolgreichen Entwicklung und definiert überschwänglich eine besondere Art von Conservation and Environment.
In Bezug auf die Länder der Dritten Welt gilt nun die Devise, der Anbau "minderwertiger" Grundnahrungsmittel muss unterbunden werden. Als Fürsprecher dient der Nobelpreisträger Norman Borlaug: "Die modernen Produktionsmethoden der amerikanischen Bauern haben einen überragenden Effekt auf den Umweltschutz: sie bewahren Millionen Hektar "wildland" in der Dritten Welt davor, für minderwertige Ernten vernichtet zu werden.
Das wären bis heute allein die Hälfte der 16 Millionen Quadratmeilen natürlichen Waldes. Der Rest geht in den nächsten 30 Jahren verloren. (The Wall Street Journal, 13. Mai 2002).
Aus dieser Einstellung kommt der Widerstand der USA gegen die finanzielle Zuwendungen für Länder, sprich Bauern, der Dritten Welt. Folgt man dem Gedanken der autarken "blessed nation" von Bush, dann sollen die gar nicht erst zur Selbständigkeit gebracht werden.
In Kanada haben BSE in Europa und Brasilien sowie wiederholt auftretende nahrungsmittel-bedingte Erkrankungen und deren Abwiegelung das Vertrauen in die Wissenschaft und die Behörden erschüttert.
Die Versprechungen, man könne alle Hauptnahrungsmittel gefahrlos für den Menschen gegen Pestizide und Herbizide resistent machen, werden nicht nur hier zunehmend angezweifelt. In Großbritannien ist die Royal Society in London dem Lager der Gegner beigetreten, weil die Beurteilungskriterien geradezu lächerlich schwach sind. "Die Untersuchungsverfahren müssen erweitert und verfeinert werden," so Eric Brunner vom University College London.
Was müssen die Hersteller nachweisen? Ihr Produkt soll "substantially equivalent" zum herkömmlichen Nahrungsmittel sein. Das ist weniger als für jedes neue Arzneimittel gefordert wird. Die für die Äquivalenz relevanten Messwerte sind der Gehalt an Eiweiß, Kohlenhydraten und Fetten. Jeder Naturwissenschaftler weiß, dass die Konzentrationsangaben weder ein Maß für die biologische Wirksamkeit sind, noch für spätere Nebenwirkungen. Letztere werden vorsorglich gar nicht erst getestet.
Bereits im Mai 1999 hat die British Medical Association gefordert:
Die Entwicklung antibiotika-resistenter Markergene für GM Food muß geächtet werden, weil das Risiko antibiotika-resiste nter Mikroorganismen eines der gefährlichsten Entwicklungen im 21. Jahrhundert sein wird.
Das Gegenteil dieser Entwicklung ist bis heute nicht bewiesen. Aufsehen erregte dennoch kürzlich der BBC Thriller "Fields of Gold", der die Befürchtungen der britischen Ärzte aufnahm und den horizontalen Transfer von Transgenen zum Horrorszenarium machte. In einem Kommentar in Science wird argumentiert, diese Vision sei nicht realisiert. Allerdings bleibt einzuwenden: bisher noch nicht. Als neutraler Beobachter kann niemand so recht beruhigt sein: warum sollte die genetische Manipulation von Pflanzenprodukten nicht ebenso viele Unwägbarkeiten mit sich bringen wie die ständig neuen Überraschungen bei tierischen Organismen?
USA, Kanada, Argentinien und China sind gegenwärtig die Hauptproduzenten für genetisch modifizierte Nahrungsmittel, Mexico und Indonesien sind dabei, auf diesen Zug aufzusteigen. Die Chinesen haben in den USA gelernt, und werden den Markt für Sojabohnen beherrschen. So konnte Ann Veneman, Secretary der USDA (United States Department of Agriculture) auf die Frage nach der geplanten Vereinbarung mit dem chinesischen Vizepremier antworten:
Wir werden über das Regelwerk in Verbindung mit der Einführung der modernen Biotechnologie sprechen. China bedeutet für die USA eine überragende Chance für den Export landwirtschaftlicher Produkte; und natürlich werden wir uns über die Sojabohnen frage einig werden.
Danach bestieg Frau Veneman die Maschine nach Rom, um dort die Leitung des World Food Summit, wohlweislich finanziert von den USA, zu übernehmen.
Die Subventionen in den USA und die Diskussionen auf dem G7-Gipfel in Halifax haben die letzten Zweifel ausgeräumt:
In Wirklichkeit geht es um Marktbereinigung und die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt.
Die Produktion in den USA ist ein Spiegel der Einflusssphären und soll über den Weltmarktpreis die konkurrenzlos billige Produktion den USA gewährleisten und neue Kunden in den armen Ländern erschließen. Diese Bemühungen tragen dazu bei, ohne Getöse "GM Food" weltweit zu vermarkten.
Die EU, nicht weniger zimperlich in der Unterstützung ihrer Bauern, könnte ein Gegengewicht bilden. Der deutsche Finanzminister Eichel hatte dazu in Halifax nichts Substantielles beizutragen. Nur Kanada, als gebeutelter Nachbar der USA, fühlte sich betroffen, weil die "Farm Bill" zugleich verspricht, die Einfuhr unerwünschter Produkte zu verhindern.
Das kann schnell passieren, zumal Nahrungsmittel inzwischen dem Schutz gegen Bioterrorismus unterliegen.
Finanzminister John Manley kennt die Klagen der kanadischen Kartoffelbauern vom Prince Edward Island: weil nicht genetisch rein, sondern wie üblich mit Unkrautvertilgungsmitteln behandelt, durften die Kartoffeln im Vorjahr erst nach langen Auseinandersetzungen wieder in die USA eingeführt werden. Am Unkraut und dessen Behandlung hat sich nichts Grundlegendes geändert; in Wirklichkeit ging es um eine Kompensation: der Kompromiss sicherte den USA weiterhin den in Gefahr geratenen Zugriff auf sauberes kanadisches Trinkwasser.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/12753/1.html
DER GEN-ETHISCHE INFORMATIONSDIENST:
Auszüge aus Landwirtschaft und Lebensmittel
Sie finden hier die Überschriften der Notizen, die Texte befinden sich weiter unten in dieser Datei.
Streit in Australien
Freak-Zonen
Simbabwe akzeptiert Gen-Mais
Sambia: Hungerhilfe mit Gentechnik
Nicaragua: Hilfe ohne Gentechnik
Neue Schädlinge für Gen-Kartoffeln?
Gentechniker sagen, Gentechnik ist gut
Immer mehr Gen-Pflanzen?
Atrazin auf Gen-Pflanzen
Unerwartete Risiken
Umweltschäden durch Bt-Baumwolle?
US-Maisanbauverband warnt
Japan: Neue Sorten zugelassen
Superhirse ohne Gentechnik
Oregon gegen Gen-Food
Gentech-Lebensmittel und Darmbakterien
Lebensmittel ohn Gentechnik
Raps-Honig verunreinigt
Kaufhauskette famila macht's vor
Salzresistente Tomaten
Freisetzung beim Naturschutzgebiet
http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/TEXTE/ARCHIV/PRESSEDIENST_GID153/LANDWIRTSCHAFT153.HTML
US-Agrarsubventionen werden stark erhöht
03.05.2002 - Sylvain Coiplet
Der Freihandel gilt natürlich für alle - außer für dessen stärksten Verfechter, die USA. Nach dem Repräsentantenhaus hat nun auch der Senat eine massive Erhöhung der Subventionen für die US-Landwirtschaft beschlossen. Sie werden innerhalb der nächsten sechs Jahren um 73 Milliarden Dollar erhöht.
EU-Agrarkommissar Franz Fischler bewertete das Gesetzesvorhaben bereits vor einigen Tagen als einen eklatanten Verstoß gegen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). Die europäische Kritik ist natürlich heuchlerisch angesichts der eigenen massiven Agrarsubventionen. Leidtragend sind wie immer die Bauern in den Entwicklungsländern, die sich vor dieser unfairen Konkurrenz kaum schützen können.
http://www.dreigliederung.de/news/02050300.html
HISTORISCHES EUROPA (mehr Infos auf der Site)
Landwirtschaftliche Produktion, Agrarverfassung und Agrarreformen:
Grafik 1: Anteil der Sektoren an den Beschäftigten in verschiedenen west- und westmitteleuropäischen Ländern (um 1850)
Grafik 2: Anteil der Sektoren an den Beschäftigten in einigen west und westmitteleuropäischen Ländern (um 1910)
Grafik 3: Anteil der Sektoren an den Beschäftigten in einigen Ländern der europäischen Peripherie (um 1910)
Vorbemerkungen:
1. Die Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft ist in dem Moment besonders wichtig, in dem sie Versorgungskrisen unmöglich macht und so die Kontinuität des industriellen Fortschritts sichert. (P. Bairoch)
2. Agrargeschichte betrachtet v.a. die Agrarverfassung (property rights), Produktionsstruktur und Produktivität sowie die Sozialgeschichte der ländlichen Bevölkerung.
1. Agrarverfassungen in Europa am Ende des 18. Jhs.
Grundherrschaft
System beruht auf Bodenverleihung
Boden keine Ware
Boden im Eigentum des Adels und gleichzeitig im Besitz des Bauern (Nutzungsrecht)
daher Bauern zumindest über Bodenbesitz an Adel gebunden
regional unterschiedliche Qualität des Besitzrechtes
große Bedeutung außerökonomischer Macht im Wirtschaftsprozess
Leibherrschaft, Gerichtsherrschaft, feudale Privilegien; aber schon Ende des 18. Jhs. bestanden im westelbischen Europa nur noch Reste der Leibeigenschaft, die spätestens in der Naopoleonischen Ära abgeschafft wurden
Regionale Abweichungen vom Idealtypus „Grundherrschaft“
1. Bereits im Mittelalter von Feudalisierung ausgenommen (häufig geografisch bedingt)
2. Auflösung der Grundherrschaft durch Wandlung in kapitalistisches Pachtsystem (England)
3. ostelbische Gutsherrschaft
4. große Bedeutung der Leibeigenschaft (Russland)
Beispiel England:
Gentry, Großgrundbesitz, Anfänge des modernen Managements
Großer Teil der Bauern wird zu Landarbeitern
Beispiel "Deutschland“:
Agrardualismus
Grafik 4: Durchschnittliche Fläche pro ländlicher Besitzung im Kgr. Preußen des Jahres 1849
Modernisierungspotenziale Modernisierungshemmnisse
(westelbische) Grundherr-schaft Spezialkulturen, Flexibilität Lokale Beschränktheit, Flurverfassung
Gutsherrschaft Exportorientierung, Großbetrieb Fronarbeit, fehlender Mittelstand, Inflexibilität
Beispiel Russland:
Leibeigenschaft, Katharina II.
Radistschew „Reise von Petersburg nach Moskau“
Insgesamt beeinflussen auch Marktlage und Produktstruktur die Betriebsgröße.
2. Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktivität im 18. Jh. (die „Agrarrevolution“)
Bodennutzungssysteme, verbesserte Dreifelderwirtschaft, schließlich Fruchtwechselwirtschaft; neue Kulturen: Kartoffeln; Rüben, Kohl, Hülsenfrüchte; Klee, Luzerne als Futterpflanzen; Lein, Flachs, Farbkräuter; Hopfen und Tabak; neue Geräte: Dreschmaschinen, Eggen
Züchtung; Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Melioration ..., Einsatz von Pferden; Beginn der Separation (Domänen); Herausbildung der Agrarwissenschaft und Verbreitung ihrer Kenntnisse; Physiokratie (Quesnay, Turgot); Albrecht Daniel Thaer
Fazit: Erschließung von neuem Boden und intensivere Bodennutzung; Agrarrevolution erfolgt zeitlich ca. 40-60 Jahre vor der Industrialisierung
3. Die Bedeutung der „Agrarrevolution“ für die Industrialisierung
Tabelle: Vergleich des Entwicklungsniveaus von Landwirtschaft und Industrie
Lebensmittelversorgung und Bevölkerungswachstum; Freisetzung von Arbeitskräften; Kapitaltransfer; Absatzmarkt für Industriegüter
4. Grenzen des agrarischen Fortschritts in der traditionellen Gesellschaft
Ressourcenknappheit (Boden, Holz)
Feudale Dienste und Abgaben (etwa 30-40% des Sozialprodukts) mindern Marktproduktion
Außerökonomische Macht verringert den rationalen Einsatz der Produktionsfaktoren (u.a. durch unklare property rights)
Flurverfassung verhindert Neuerungen
5. Die Schaffung der institutionellen Rahmenbedingungen für die Entstehung der kapitalistischen Landwirtschaft in Kontinentaleuropa
Bauernbefreiung oder Agrarreform?
Freiheit der Person
Freiheit des Bodeneigentums
Freiheit von Abgaben und Diensten
Freiheit der Flurverfassung
Freiheit von adliger Gerichts- und Polizeiherrschaft
Beispiel Frankreich
4. August 1789 NV verfügt die Abschaffung der Feudalrechte
1793 Jakobiner heben alle Feudallasten entschädigungslos auf
Ergebnis: Erhalt der klein- und mittelbäuerlichen Struktur als konservatives Ergebnis der Revolution
Beispiel Preußen
1807 Oktoberedikt
1811 Regulierungsedikt
1816 Deklaration zum Regulierungsedikt
1821 Gemeinheitsteilung und Separation
1849 Patrimonialgerichtsbarkeit abgeschafft
1850 Ablösungsgesetz für nichtspannfähige Bauern
1872 adlige Polizeiherrschaft abgeschafft
Ablösung in Sachsen und Hannover ab 1832; in Bayern und Österreich ab 1848
Ergebnis: Stärkung des Gutsbesitzes bei weitgehender Erhaltung der Bauernschaft („Mittelweg“); Agrardualismus wirkt fort
Beispiel Russland
Krimkrieg (1853-1856)
Industrialisierung durch Umverteilung landwirtschaftlicher Einkommen
Nebenwirkung: schwacher Binnenmarkt; 1861 Aufhebung der Leibeigenschaft; Beginn der Eigentumsübertragung an Bauern
Aber hohe Entschädigungen für Adel und eingeschränkte property rights in Obstschina
6. Die Entwicklung von Produktion und Produktivität im 19. Jh. Angebots- und Nachfragefaktoren
Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche und der Tierhaltung
Grafik 5: Umfang des Ackerlandes in Preußen
Entwicklung zahlreicher Arbeitsmaschinen, aber geringe Nutzung aufgrund von Antriebsproblemen
USA mit hoch mechanisierter LW (Mc Cormicks Reeper)
D als Zentrum der Agrarwissenschaften (Liebig, mineralischer Dünger)
Steigende Hektarerträge müssen letztlich vorrangig durch institutionelle Faktoren verursacht worden sein, da Mechanisierung und Chemisierung noch gering verbreitet waren.
Ab 1850 Veränderungen der Nachfragepräferenzen zugunsten tierischer Produkte, höherwertiger und veredelter Produkte sowie Kolonialwaren.
1830-1870 Goldene Ära der deutschen LW (kontinuierlich steigende Preise)
Unterschiedliche Entwicklungen in Nord-/West-/Mitteleuropa, Mittelmeerraum sowie Ost- und Südosteuropa (Subsistenzwirtschaft)
7. Die Entstehung eines Weltmarktes für Agrarprodukte und die Folgen für die europäische Landwirtschaft
Verringerung der Transportkosten und hoch mechanisierte amerikanische Landwirtschaft als Konkurrenz für Europa
1880 beginnt der europäische Agrarprotektionismus (hält bis heute an).
http://www.wsgn.euv-frankfurt-o.de/vc/pageL4.html
Durchschnittliche Landbesitzflächen in "Morgen" (=0,25 ha) um 1849 in Preussen:
http://www.wsgn.euv-frankfurt-o.de/vc/imagepageL4-4.JPG
AMIWIRTSCHAFT:
Binnen-Und Aussenverflechtungen:
http://www.politik.uni-halle.de/rode/texte/uswirtsch.PDF
DIE BAYRISCHE REGIERUNG WILL EINE WARENTERMINBÖRSE FÜR DIE HIESIGE LANDWIRTSCHAFT:
Was ist eine Warenterminbörse?
Zweck der WTB
Aufbau der Warenterminbörse
Kosten von Warentermingeschäften
Funktion einer WTB mit Programm zur Berechnung eines Beispiels
Nutzen einer WTB für die Landwirtschaft
Europäische Warenterminbörsen
Ausblick
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Was ist eine Warenterminbörse?
An der Warenterminbörse (WTB) werden Lieferverpflichtungen für Waren gehandelt. Warentermingeschäfte sind Käufe und Verkäufe von genau definierten Kontrakten einer bestimmten Ware. Der Preis für einen Kontrakt (Kurs) ergibt sich - wie bei jedem anderen Börsenkurs auch - börsentäglich aus Angebot und Nachfrage.
Wer einen Kontrakt verkauft, verpflichtet sich, die Ware zum Fälligkeitstermin zu liefern und sichert sich den Preis von heute; wer einen Kontrakt kauft, sichert sich die Ware zum Fälligkeitstermin zum Preis von heute.
Wird ein Kontrakt fällig, wird normalerweise nicht die reale Ware, z.B. Raps, geliefert. Statt dessen wird der Kontrakt durch ein Gegengeschäft "glattgestellt": Wer als Kontraktverkäufer eine Lieferverpflichtung eingegangen war, kompensiert diese durch den Kauf eines Kontraktes; wer einen Kontrakt gekauft hatte, verkauft ihn wieder. Dabei werden Kursgewinne oder -verluste erzielt.
An der Warenterminbörse agieren Hedger und Spekulanten. Zum Funktionieren einer Warenterminbörse sind beide notwendig. Beide können sowohl als Käufer wie auch als Verkäufer auftreten. Eine Erzeugergemeinschaft für Raps beispielsweise, die über die WTB ihre Verkaufspreise absichern will, wird als Hedger und Verkäufer agieren.
Wurde ein fälliger Kontrakt nicht rechtzeitig glattgestellt - was in der Praxis der WTB eher selten vorkommt - dann muss der Verkäufer die Ware tatsächlich zum bestimmten Termin an einen vorausbestimmten Ort liefern und bekommt dafür den vereinbarten Kontraktpreis; gegebenenfalls mit entsprechenden qualitätsbezogenen Korrekturen.
Ein Hedger, der den Kontrakt vor Fälligkeit zurückgekauft hat, kann die Ware wieder frei verkaufen, wohin er will. Er hat sein Preisrisiko vermindert, indem er sich zweier paralleler Geschäftsvorgänge bediente: dem Warentermingeschäft und dem Warengeschäft. Sind ideale Verhältnisse auf einem solchen Markt vorhanden, laufen die Preise auf beiden Märkten weitgehend parallel und die Gewinne beim einen Geschäft gleichen die Verluste beim anderen aus. Der Hedger sichert sich gegen Verluste ab und verzichtet auf mögliche Gewinne.
Zweck der WTB
Zweck einer Warenterminbörse ist, sofern man sich als Hedger beteiligt, in erster Linie die Preisabsicherung für die Erzeuger. Das Warentermingeschäft ist eine Art Versicherung durch gegenläufige Risiken. Der Hedger kann sich damit frühzeitig ein Preisniveau sichern ( siehe Funktion einer WTB)
Dies allein erklärt bereits, warum dieses Instrument in den USA einen sehr hohen Stellenwert hat, bei uns dagegen erst im Aufbau begriffen ist. Die Farmer in den USA waren seit Jahrzehnten dem freien Spiel der Märkte ausgesetzt, da ihr staatliches Stützungssystem mehr unserem heutigen System (Ausgleichszahlungen und Stilllegung) entsprach als dem Interventionssystem, das bei uns für viele Jahre Preiszusammenbrüche auf den wichtigsten Agrarmärkten ausschloss. Die Amerikaner sicherten ihre Erzeugerpreise über die Börse ab, wir über die Interventionsläger.
http://www.stmlf.bayern.de/alle/cgi-bin/go.pl?region=home&page=http://www.stmelf.bayern.de/lba/wtb/index.html
SUPER-SITE FÜR CHINA (VIELE GUTE LINKS):
http://www.hphein.de/index.htm
Entwicklung der Landwirtschaft
Die Landwirtschaft ist die Basis der chinesischen Volkswirtschaft. 1997 betrug der Wertzuwachs der Landwirtschaft 1367,4 Milliarden Yuan, berechnet nach vergleichbaren Preisen bedeutet dies eine Zunahme um 3,5% gegenüber 1996. Chinas Landwirtschaft beginnt nun in eine neue Phase einzutreten, in der verstärkt um hohe Erträge, gute Qualitäten und eine hohe Rentabilität gerungen wird und die industrielle Bewirtschaftung eingeführt wird.
Die materielle Grundlage der Landwirtschaft und ihre technische Ausrüstung wurden erheblich verbessert. Laut der Statistik vom September 1997 betrug die Gesamtleistung der landwirtschaftlichen Maschinen 385,469 Millionen kW, die Zahl der großen und mittleren Traktoren 671 000, die der Lastkraftwagen für die Landwirtschaft
837 000. 50,381 Millionen ha Ackerfläche wurden bewässert, der Verbrauch an chemischen Düngemitteln betrug 38,279 Millionen t und der Verbrauch an Elektrizität auf dem Lande 167,64 Milliarden kWh.
Ackerbau
Die Hauptnahrungsmittel in China sind Reis, Weizen, Mais, Sojabohnen und Knollengewächse wie Kartoffeln, Süßkartoffeln und Yamswurzeln. Wasserreis ist die wichtigste Getreideart Chinas, sein Ertrag macht derzeit 38,7% der gesamten Getreideproduktion aus. Seine Anbaugebiete befinden sich haupt-sächlich in den Einzugsgebieten des Yangtse, in Südchina sowie auf dem Yunnan-Guizhou-Plateau. Der Weizenertrag beträgt derzeit 21,9% der gesamten Getreideproduktion. Weizen wird außer in den Hauptanbaugebieten Henan, Shandong, An-hui, Shanxi, Jiangsu, Hubei und Sichuan überall im Land angebaut. Der Maisertrag beträgt etwa 25,3% der gesamten Getreideproduktion. Mais wird vorwiegend in Nordostchina, Nordchina und Südwestchina angebaut. Sojabohnen werden vor allem in der Huanghuai-Ebene und der Songliao-Ebene in Nordostchina geerntet. Die Süßkartoffel findet man im Einzugsgebiet des Zhujiang, am Mittel- und Unterlauf des Chang-jiang, am Unterlauf des Huanghe und im Sichuan-Becken.
Die Industriepflanzen umfassen Baumwolle, Erdnüsse, Raps, Sesam, Zuckerrohr, Tee, Tabak, Maulbeerbäume und Obst. Die wichtigsten Anbaugebiete von Baumwolle liegen im Einzugsgebiet des Gelben Flusses, am Mittel- und Unterlauf des Yangtse und im Einzugsgebiet des Manas in Xinjiang. Erdnüsse werden hauptsächlich in Shandong, Guangdong, Guangxi und Liaoning angebaut. Raps wächst im Einzugsgebiet des Mittel- und Unterlaufs des Yangtse und im Sichuan-Becken, Zuckerrohr vorwiegend in den Provinzen Südchinas, Zuckerrüben hingegen in Heilongjiang, Jilin und in der Inneren Mongolei.
Viehzucht
In China gibt es 313,33 Millionen ha Weidefläche. Die natürlichen Weidegebiete befinden sich hauptsächlich in der Inneren Mongolei, in den Becken zwischen dem Tianshan- und dem Altay-Gebirge in Xinjiang und auf dem Qinghai-Tibet-Plateau. Mehr als 400 Arten Haustiere wie Schweine, Rinde, Schafe und Ziegen, Pferde, Esel, Maultiere, Kamele und Hausgeflügel werden in China gezüchtet.1997 erreichte die Gesamtproduktion von Fleisch 53,54 Millionen t, was einen Zuwachs um 8% gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Die Produktion von Milch betrug 6,63 Millionen t. Mit der rapiden Entwicklung der Tierzucht seit dem Jahr 1979 wurde die Produktion von Eiern, Hausgeflügel, Fleisch, Milch und Lederprodukten um ein Vielfaches gesteigert. In großer Menge werden diese Produkte auch exportiert.
Aquakultur
1997 betrug der Ertrag an Süßwasser- und Meeresprodukten 35,61 Millionen t, eine Steigerung um 8,3% gegenüber 1996. Da ab 1984 bei der Fischerei das Hauptgewicht auf die Zucht von Fischen und anderen Süßwasserprodukten gelegt und zugleich der Hochseefischfang energisch entwickelt wurde, konnte eine gute wirtschaftliche Effizienz erzielt werden. Der Ertrag an Süßwasser- und Meeresprodukten hat sich jährlich um mehr als zwei Millionen t gesteigert. Zur Zeit gibt es in China über 20 Gesellschaften für Hochseefischfang und mehr als 60 eigene Betriebe oder Joint Ventures im Ausland.
Gemeinde- und ortschaftseigene Unternehmen
Seit 1979 erleben die ländlichen Unternehmen einen raschen Aufschwung. Sie haben sich zu einer bedeutenden Kraft in der chinesischen Volkswirtschaft und zu einer Stütze der ländlichen Wirtschaft entwickelt. 1997 belief sich der Wertzuwachs dieser Unternehmen auf 1800 Milliarden Yuan, eine Steigerung um 18% gegenüber dem Vorjahr. Zur Zeit gibt es in China 24 Millionen solcher Unternehmen mit 139,08 Millionen Beschäftigten. Ihr Bewirtschaftungsbereich umfaßt Industrie, Landwirtschaft, Gastronomie und Dienstleistungen, das Verkehrs-, Transport- und Bauwesen sowie den Handel. Die Erzeugnisse umfassen für die Landwirtschaft bestimmte Produkte, alltägliche Bedarfsartikel, Eßwaren, Agrar- und Nebengewerbsprodukte, Produkte der Leichtindustrie u.a. Viele dieser Erzeugnisse wurden in großer Menge exportiert. 1997 erreichte der Wert der Exportwaren der gemeinde- und ortschaftseigenen Unternehmen 700 Milliarden Yuan. Ihre Entwicklung hat für die überschüssigen Arbeitskräfte auf dem Land neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen. So verließen diese zwar den Ackerboden, aber nicht ihre Heimatdörfer, und entlasten den Staat von der Bürde, Arbeitsplätze zu schaffen.
http://www.china-botschaft.de Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland All Rights Reserved
AMERIKAS EINSTIEG IN CHINA:
Handelsabkommen führt zur "Umstrukturierung" der chinesischen Wirtschaft
Von Nick Beams
17. November 1999
aus dem Englischen (16. November 1999)
Das Handelsabkommen zwischen China und den Vereinten Nationen, das am Montag nach sechstägigen intensiven Verhandlungen in Peking unterzeichnet wurde, wird mindestens ebenso weitreichende Folgen für die chinesische Wirtschaft nach sich ziehen, wie die Politik der "Reformen und Öffnung", die von der stalinistischen Bürokratie 1978 in die Wege geleitet worden war.
Das Abkommen, dem 13 Verhandlungsjahre vorausgingen, ebnet dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) den Weg und eröffnet US-amerikanischen Unternehmen grosse Möglichkeiten in den Bereichen Landwirtschaft, Fertigwaren, Autos, Telekommunikation, Internetdienste, Banken und Finanzdienstleistungen.
Die sozialen Auswirkungen werden gravierend ausfallen. Kenner der Situation sprechen bereits davon, dass mehrere Millionen Beschäftigte in der Landwirtschaft und in den über 7000 staatlichen Betrieben (SOEs) ihren Arbeitsplatz verlieren werden, sobald die chinesische Wirtschaft stärker von transnationalen Konzernen und Finanzinstitutionen dominiert werden wird.
Das Abkommen ist so abgefasst, dass US-Konzernen der Zugang zu ganzen Wirtschaftsbranchen ermöglicht wird, von denen sie bislang ausgesperrt blieben.
Telefongesellschaften, die bislang nur Geräte verkaufen dürfen, können unmittelbar nach Chinas Beitritt zur WTO Anteile von bis zu 49 Prozent aller chinesischen Telekommunikationsdienstleister erwerben, und nach weiteren zwei Jahren bis zu 50 Prozent. Ausserdem werden ausländische Firmen in Internetunternehmen investieren dürfen, u.a. in Providerfirmen, von denen sie bisher ausgeschlossen waren.
Die Hersteller werden ohne Einmischung von Regierungsbehörden direkt exportieren und auch direkt auf dem chinesischen Markt verkaufen dürfen. Zusätzlich gestattet werden Kundendienste etwa in den Bereichen Reparatur und Wartung.
Zwei Jahre nach Chinas Beitritt zur WTO werden US-Banken in der Lage sein, Kredite an chinesische Unternehmen in der örtlichen Währung zu vergeben. Die Frist für Kredite an Privatpersonen beträgt fünf Jahre.
Autohersteller werden uneingeschränkte Vertriebs- und Handelsrechte erhalten, und die Zölle werden bis zum Jahr 2006 von gegenwärtig 80 bis 100 Prozent auf 25 Prozent sinken. Auch Kreditaufnahmen für den Autokauf werden gestattet sein.
Die Zölle auf importierte Agrarprodukte werden drastisch auf rund 14 Prozent herabgesetzt werden, und China wird sämtliche Export-Subventionen streichen.
Ausländische Firmen werden das Recht erhalten, bis zu 33 Prozent Anteile an Aktienfonds zu erwerben, drei Jahre nach Chinas Beitritt zur WTO wird diese Quote auf 49 Prozent heraufgesetzt.
Als besonders wichtig gilt die Einigung über die lukrative Telekommunikationsbranche, denn darüber hatte es ein halbes Jahr lang heftige Auseinandersetzungen innerhalb der regierenden Staatsbürokratie in China gegeben.
Im Zuge von Diskussionen in Washington im vergangenen April hatte der chinesische Premier Zhu Rongji ein entsprechendes Abkommen mit den USA beinahe schon unterzeichnet, als die Clinton-Regierung in letzter Minute einen Rückzieher machte. Zhu wurde daraufhin heftiger Kritik unterzogen, weil er die Angelegenheit nicht unter Dach und Fach gebracht und den USA als Gegenleistung für die Aufnahme in die WTO zu viele Zugeständnisse angeboten hätte.
Einer der umstrittensten Punkte war Zhus Angebot gewesen, bei Telekommunikationsunternehmen einen ausländischen Anteil von bis zu 51 Prozent zuzulassen. Besonders Wu Jichuan, der Leiter des Informationsministeriums, hatte dagegen Front gemacht. Nachdem sich Präsident Jiang Zemin in die Verhandlungen eingeschaltet hatte, fand man schliesslich eine Formel, die der amerikanischen Forderung nach einer Aktienmehrheit, die eine Unternehmenskontrolle ermöglicht, weitgehend entsprach.
Ein weiteres Gebiet, an dem die USA ein vitales Interesse hegen, ist die Landwirtschaft. Vor einer Pressekonferenz am Montag erklärte die US-Handelsbeauftragte Charlene Barshefsky, dass die Zölle insgesamt gesehen auf rund 17 Prozent zurückgeführt würden. Sie sprach von "einem außerordentlich guten Ergebnis".
"Was die Landwirtschaft angeht, so werden die Zölle deutlich auf rund 14,5 oder 15 Prozent gesenkt. In diesem Rahmen wird es eine sehr bedeutsame Liberalisierung des Agrarsektors geben. Am wichtigsten sind dabei die Massenprodukte: Mais, Getreide, Baumwolle, Soja - das sind für uns die grossen Brocken. China wird außerdem keine Exportsubventionen mehr gewähren. Das ist für die Bereiche Baumwolle, Reis und einige andere Produkte sehr wichtig."
Abgesehen von einigen nebensächlichen Verschiebungen hinsichtlich der zugelassenen ausländischen Anteile in der Telekommunikationsbranche scheinen die USA der chinesischen Seite wenige, wenn nicht gar keine Zugeständnisse gemacht zu haben. Barshefsky stellte fest, dass China während der Verhandlungen im vergangenen April noch darauf bestanden hatte, dass die Strafmassnahmen der USA gegen chinesische Billigimporte nach und nach aufgehoben werden müssten. Laut dem neuen Abkommen wird hingegen die sogenannte "Regel gegen Importsteigerungen" noch zwölf Jahre in Kraft bleiben, und die "Anti-Dumping-Methodologie" sogar noch weitere fünfzehn Jahre.
Besonders begeistert war die Haupt-Unterhändlerin der USA über jene Punkte des Abkommens, die den USA den Zugang zum chinesischen Kapitalmarkt eröffnen und die Stellung amerikanischer Unternehmen gegenüber potentiellen Rivalen stärken.
"Was die Frage des Wertpapiermarkts angeht", erklärte sie vor der Pressekonferenz, "so bestand unser Hauptziel darin, dass insbesondere unser Finanzministerium ein Forum bekommt, über das es sich mit China hinsichtlich der Entwicklung des - noch sehr unterentwickelten - Aktienmarktes abstimmen kann. Bisher wandte sich China üblicherweise an Hong Kong, wenn es Rat brauchte, und natürlich waren dort ausgezeichnete Experten, aber uns, besonders unserem Finanzministerium, lag sehr viel daran, an dieser Festlegung der Regeln und überhaupt an der Entwicklung der Kapitalmärkte in China teilzuhaben; denn dabei geht es auch um den künftigen Zugang zu diesem Markt."
Seit einem China-Besuch des US-Finanzministers Larry Summers, fuhr sie fort, "besteht ein Dialog über die Gesamtheit aller Fragen, die mit dem Bankenwesen zusammenhängen, und auch über den Komplex Wertpapiere und Regulierung der Börsen."
Mit anderen Worten, die USA und ihre politischen Vertreter werden die Struktur des chinesischen Finanzsystems ganz unmittelbar mit bestimmen.
Die Zulassung ausländischer Banken mit denselben Rechten wie chinesische Banken in allen Teilen des Landes wird weitreichende Konsequenzen mit sich bringen. Insbesondere wird es bedeuten, dass die chinesischen Banken, die in erster Linie die staatlichen Unternehmen (SOEs) finanzieren, mit einer starken Konkurrenz überlegener Rivalen konfrontiert sein werden. Das Ergebnis wird die Abwicklung Hunderter, wenn nicht Tausender staatlicher Unternehmen sein.
Ein weiterer wichtiger Bereich für die USA, dem sie laut Barshevsky "höchste Priorität" einräumten, war das Internet. Dies sei "kein Thema mehr", da die USA nun "das Recht zu Investitionen" hätten.
Das Abkommen verpflichtet die USA, auf den "baldmöglichsten" Beitritt Chinas zur WTO hinzuwirken. Es muss noch vom amerikanischen Kongress ratifiziert werden, wo es auf erhebliche Opposition von Teilen der Republikanischen Partei trifft. Da es jedoch von der amerikanischen Wirtschaft stark unterstützt wird, rechnet man allgemein mit der Ratifizierung.
Der Dow-Jones-Nachrichtendienst berichtete, dass amerikanische Unternehmen in China "mit Entzücken" auf die Meldung über das Abkommen reagiert und ein Anwachsen amerikanischer Investitionen in China vorausgesagt hätten. John Sullivan, der stellvertretende Vorsitzende der amerikanischen Handelskammer in China, erklärte, dass die Verwirklichung der WTO-Vorschriften "viele Vertriebs- und Regulierungsprobleme" der US-Unternehmen reduzieren und "amerikanischen Unternehmen mehr Wachstumspotential" verschaffen werde.
Andere Aussichten eröffnen sich den chinesischen Arbeitern und Bauern. Ganze Bereiche der Landwirtschaft werden nicht konkurrenzfähig sein. Die Abwanderung in die Städte wird zunehmen, doch dort stehen Millionen Beschäftigte der SOEs vor der möglichen Entlassung.
Hinsichtlich der langfristigen Auswirkungen des Abkommens erklärte Mark Frasier vom amerikanischen National Bureau of Asian Research der Zeitung Australian Financial Review: "Die eigentliche Bedeutung der Beteiligung Chinas an der WTO liegt nicht in den kurzfristigen Vorteilen, die Konzernen nun vielleicht in bestimmten Branchen zuwachsen, sondern in der Umstrukturierung der chinesischen Wirtschaft über die kommenden zehn Jahre."
Diese "Umstrukturierung" wird die chinesischen Arbeiter in direkten Konflikt mit eben jenen transnationalen Konzernen, Banken und Finanzinstitutionen bringen, deren unablässige Jagd nach Märkten und Profiten auch ihren Kollegen in den großen kapitalistischen Ländern seit Jahren so schwer zu schaffen macht.
http://www.wsws.org/de/1999/nov1999/wto-n17.shtml
NOCH MEHR LINKS ZU DEN WTO-SAUEREIEN:
http://www.schweizerbauer.ch/news/aktuell/artikel/02432/artikel.html
WTO: die Liberalisierung des Agrarhandels
Die WTO mit Sitz in Genf macht stetig Druck für die weltweite Liberalisierung des Agrarhandels. Die Schweiz und die EU wehren sich für die Multifunktionalität der Landwirtschaft.
Die WTO hat ein Ziel: den Agrarhandel zu liberalisieren.
Nach der Uruguay-Runde, die 1994 abgeschlossen wurde, sollte im Jahr 2000 die nächste WTO-Runde eröffnet werden. Doch das Debakel von Seattle im Dezember 1999 brachte den Liberalisierungsprozess ins Stocken. Wie geht es weiter mit der Liberalisierung des Agrarhandels? Ein Dossier von schweizerbauer.ch.
Weiterführende Infos zur WTO (externe Links)
Homepage WTO
Gatt-Abkommen Uruguay-Runde 1994 (Englisch)
Gatt-Abkommen Uruguay-Runde 1994 (Französisch)
WTO-Website des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco)
WTO-Website des BLW
Schweizer WTO-Eingabe vom 21. 12. 2000 (PDF)
LID-Dossier zur WTO-Millenniumrunde (1999)
EU-Website zur WTO
Website des US-amerikanischen Handelsbeauftragten
Dossier "WTO" von "Schweizer Bauer"
Auf schweizerbauer.ch zur WTO
EU: Weniger Subventionen für Fischerei ? (25.04.2003)
WTO-Generalsekretär will mehr Flexibilität (07.04.2003)
WTO: Wasescha letzte Hoffnung der Bauern? (04.04.2003)
WTO-Verhandlungen: SBV ist zuversichtlich (04.04.2003)
3500 gemeinsam gegen WTO und Irakkrieg (29.03.2003)
Bauerndemo vor Nestlé-Hauptsitz in Vevey (28.03.2003)
Kein Fortschritt bei WTO-Verhandlungen (28.03.2003)
Fischler und Deiss trafen sich in Brüssel (26.03.2003)
WTO: Forderungen der Schweizer Bauern (24.03.2003)
SBV nimmt Stellung zu WTO-Verhandlungen (24.03.2003)
WTO fordert Kanada zu Liberalisierung auf (24.03.2003)
USA: Angst vor Bioterrorismus (24.03.2003)
Uniterre ruft zur Demo vor WTO auf (21.03.2003)
WTO: auch 2. Agrarvorschlag unakzeptabel (20.03.2003)
WTO: Liberalisierung des Milchmarkts ? (10.03.2003)
Fischler will ausgewogenes WTO-Abkommen (07.03.2003)
WTO-Verhandlungen in der Sackgasse (07.03.2003)
WTO: Schweiz gibt nicht klein bei (03.03.2003)
Deiss hält WTO-Agrar-Entwurf für untauglich (26.02.2003)
AP 2007: Deiss setzt auf den Dialog (25.02.2003)
EU: Empörung über WTO-Vorschläge (21.02.2003)
SBV bestärkt Schweizer WTO-Delegation (20.02.2003)
WTO: Acht Jahre Agrarabkommen (18.02.2003)
WTO: EU und Japan gegen USA (18.02.2003)
SBV: WTO-Agrar-Vorschlag inakzeptabel (18.02.2003)
WTO-Vorschläge schlagen Wellen (13.02.2003)
Fischler: EU als Vorbild für USA (7.2.2003)
EU: Diskussion über WTO-Verhandlungen (28.1.2003)
Fischler: EU-Agrarreform notwendig (17.1.2003)
OECD: Agrarsubventionen leistungshemmend (17.1.2003)
USA - EU: Konflikt um Gentechnik (13.1.2003)
US-Agrarvertreter gegen EU-Moratorium (7.1.2003)
Internationale Deklaration der Bauern (30.10.2002)
WTO: USA kritisieren Haltung der EU (04.09.2002)
Fast-Track-Mandat für Bush (06.08.2002)
Japan: Keine Einigung bei Agrar-Treffen (29.07.2002)
Skepsis über US-Agrarreformvorschläge (26.07.2002)
Japan: Agrarminister beraten über Zölle (26.07.2002)
WTO: USA wollen Termine einhalten (15.07.2002)
EU verschärft den Ton gegenüber USA (15.07.2002)
Kanada: Milchquoten nicht WTO-konform (09.07.2002)
USA will Aufhebung von Exportsubventionen (01.07.2002)
Schweizer Mandat für WTO-Runde (14.06.2002)
WTO: Russland fühlt sich diskriminiert (20.03.2002)
Skepsis gegenüber WTO-Agrarverhandlung (07.02.2002)
WTO-Chef fordert Marktöffnung (04.02.2002)
WTO-Runde: Bauern befürchten Druck (23.11.2001)
Bötsch: Hauptziele in Katar erreicht (19.11.2001)
Bötsch: Hauptziele erreicht (15.11.2001)
WTO: Einigung dank schwammigen Begriffen (15.11.2001)
Doha-Runde ist die 9. Runde (15.11.2001)
WTO: neue Handelsrunde lanciert (14.11.2001)
WTO: Durchbruch gelungen (14.11.2001)
WTO: Einigung zum Greifen nahe (14.11.2001)
Doha-Konferenz verlängert (14.11.2001)
Libyen und Syrien wollen in die WTO (13.11.2001)
WTO: Keine Lösung der Agrarfragen in Sicht (13.11.2001)
WTO: Streitpunkt Landwirtschaft (13.11.2001)
Unzufrieden mit Landwirtschaftsvorschlag (13.11.2001)
Keine Lösung der Agrarfragen in Sicht (13.11.2001)
Lybien und Syrien wollen in die WTO (13.11.2001)
Grosse Konfusion in Doha (12.11.2001)
WTO: verhärtete Fronten (12.11.2001)
EU: Völliger Stützungsabbau ist tabu (10.11.2001)
Chinas WTO-Beitritt besiegelt (09.11.2001)
Japan eliminiert Handelsschranken (08.11.2001)
WTO: Handel über die Grenzen vereinfachen (07.11.2001)
Anti-WTO-Demo ohne SBV und AGORA (06.11.2001)
EU: Zunehmende Oeffunung für Agrar-Importe (05.11.2001)
Uniterre: Demo gegen WTO-Runde (02.11.2001)
Pharmaindustrie für starken Patentschutz (2.11.2001)
Schwammige Basis für WTO-Konferenz (31.10.2001)
Couchepin leitet Schweizer WTO-Delegation (31.10.2001)
USA: Skepsis gegenüber WTO-Runde (31.10.2001)
EU-Aussenminister für Flexibilität (30.10.2001)
WTO: Vorbereitungen laufen auf Hochtouren (29.10.2001)
Schweizer WTO-Gegner kritisieren Bundesrat (29.10.2001)
Bauernverbände für Multifunktionalität (24.10.2001)
Mike Moore: WTO findet in Katar statt (22.10.2001)
Fischler erklärt WTO-Position der EU (19.10.2001)
WTO: Singapur statt Katar? (18.10.2001)
Konsumenten fordern Zollabbau (17.10.2001)
Weiterhin Gerüchte über Verschiebung (17.10.2001)
Russland soll WTO-Mitglied werden (12.10.2001)
WTO-Konferenz: Durchführung bestätigt (11.10.2001)
WTO: Agrarverhandlungen stocken (10.10.2001)
WTO: Fischler verteidigt EU-Agrarpolitik (09.10.2001)
WTO hält an Konferenz in Katar fest (08.10.2001)
SBV: WTO nicht weiter als AP 2002 (04.10.2001)
WTO: Kaum Konzessionen vor Doha (04.10.2001)
Fischler steckt WTO-Position ab (27.09.2001)
WTO-Ministerkonferenz in Doha findet statt (26.09.2001)
Einigung über Beitritt Taiwans zur WTO (19.09.2001)
WTO sieht hohe Handelshürden in USA (18.09.2001)
Chinas WTO-Beitritt formell beschlossen (18.09.2001)
WTO-Treffen in Katar findet statt (14.09.2001)
China: Verhandlungen über WTO-Beitritt (10.09.2001)
Cairns-Gruppe fordert mehr Freihandel (06.09.2001)
Couchepin skeptisch für neue WTO-Runde (03.09.2001)
Fortschritt für neue WTO-Runde in Sicht (03.09.2001)
EU verteidigt die Agrarsubventionen (29.08.2001)
Japan setzt die Schutzklausel in Kraft (07.08.2001)
WTO: Konsens in weiter Ferne (31.07.2001)
Chinas WTO-Beitritt fast unter Dach (21.07.2001)
Fischler will Label in der WTO verteidigen (09.07.2001)
Fortschritte beim WTO-Beitritt Chinas (05.07.2001)
China: Bahn frei für WTO-Beitritt (03.07.2001)
WTO: Entwicklungsländer beunruhigt (30.06.2001)
China verhandelt über WTO-Beitritt (29.06.2001)
Schweizer Vorschläge zur WTO-Konferenz (27.06.2001)
EU und USA für WTO-Runde in Katar einig (26.06.2001)
WTO: Einigung zwischen EU und China (22.06.2001)
China und USA einigen sich zu WTO-Beitritt (11.06.2001)
Fischler kritisiert WTO-Position der USA (22.05.2001)
OECD: neue WTO-Runde im November (18.05.2001)
Lammfleischimporte: WTO gegen USA (17.05.2001)
WTO: Klimaverbesserung vor Katar (04.05.2001)
Russland kritisiert EU-Forderungen (19.04.2001)
OECD: Gatt hat Agrarhandel verschont (17.04.2001)
USA und China einig über Agrarsubventionen (17.04.2001)
Fischler: USA als WTO-Verbündete (02.04.2001)
WTO vor neuer Freihandelsrunde (02.04.2001)
WTO: zweite Vorbereitungsrunde (28.03.2001)
WTO: erste Phase abgeschlossen (27.03.2001)
Schweiz für weitere Liberalisierung (07.02.2001)
WTO gegen BSE-Protektionismus (06.02.2001)
Nächste WTO-Ministerkonferenz in Katar (30.01.2001)
WTO: Kampf gegen Armut (29.01.2001)
Neue WTO-Runde - oder Fausrecht (27.01.2001)
Chile verzichtet auf nächste WTO-Konferenz (23.01.2001)
WTO-Beitritt Chinas verschoben (18.01.2001)
China vor dem WTO-Beitritt (10.01.2001)
Nächste WTO-Konferenz in der Wüste? (05.01.2001)
WTO zieht bescheidende Jahresbilanz (18.12.2000)
WTO kritisiert Schweizer Agrarstützung (07.12.2000)
Einigung in WTO-Agrarverhandlungen (21.11.2000)
WTO: Priorität für Ölsaaten (02.11.2000)
WTO-Thema: Umweltbelange (18.10.2000)
Kein WTO-Thema: Tierschutz (18.10.2000)
Geballte Kritik an Schweizer WTO-Position (12.10.2000)
Über die Sprengkraft der Kartoffeln
oder: Die Landwirtschaft als WTO-Stolperstein
Nach einjähriger Vorbereitungsphase ist es den Vertretern der 135 WTO-Mitglieder im Vorfeld von Seattle nicht gelungen, sich auf ein Arbeitsprogramm für die nächste Welthandelsrunde zu verständigen. Einig war man sich bei dem Treffen Mitte November in Genf allein darüber, dass die Liberalisierung des Welthandels weitergeführt werden sollte.
Wie man dies konkret erreichen könnte, war in den vorbereitenden Verhandlungen allerdings nicht zu klären - zu unvereinbar waren die Erwartungen der verschiedenen Mitgliedsländer. Wenige Tage vor der Ministerkonferenz der WTO in Seattle stimmt diese Entwicklung nicht eben optimistisch. Von dem für Handelsfragen zuständigen EU-Kommissar Pascal Lamy hieß es sogar, er sei "überhaupt nicht sicher", ob in Seattle eine neue Liberalisierungsrunde lanciert werde.
Die Bedeutung der Landwirtschaft
In diesem Zusammenhang findet sich das Agrar-Dossier immer wieder im Mittelpunkt der Diskussionen und Analysen. Auch wenn es mit Sicherheit nicht die Landwirtschaft alleine war, die die Genfer Vorbereitungsverhandlungen scheitern ließen, so ist doch die Sprengkraft dieses Themas unbestritten.
Schon in der letzten Welthandelsrunde - der sogenannten Uruguay-Runde - als zum ersten Mal auch über den Sektor Landwirtschaft verhandelt wurde, drohten die Verhandlungen mehrfach an ihm zu scheitern. Schließlich gelangte man nur unter großem Druck der USA zu einem Kompromiss, und die schon 1986 aufgenommenen Verhandlungen konnten erst 1994 mit drei Jahren Verspätung abgeschlossen werden. Damals einigte man sich darauf, Exportsubventionen zu reduzieren und bestehende Einfuhrquoten in Zölle umzuwandeln und schrittweise zu beseitigen - womit die Akte Landwirtschaft allerdings noch lange nicht geschlossen werden konnte.
Denn obwohl den Handelsdiplomaten kein Arbeitsprogramm aus Genf mit auf den Weg nach Seattle gegeben wird, steht ein Verhandlungspunkt schon seit langem auf der Tagesordnung. Als so genannte "built-in agenda" muss die in der Uruguay-Runde begonnene Verhandlung über die Liberalisierung der Agrarmärkte ebenso wie die über die Liberalisierung der Dienstleistungen in der neuen Runde fortgesetzt werden. Dass dies nicht nur eine lästige Pflichtaufgabe ist, wurde dies- und jenseits des Atlantiks klar zum Ausdruck gebracht: Während sich die Gemüter auf Frankreichs Straßen im Protest gegen Amerika und die Agrarmultis erhitzten (siehe Artikel über José Bové), betonte die US-Handelsbeauftragte Charlene Barshefsky mehrfach, dass eine "aggressive" Reform des Agrarhandels eines der zentralsten amerikanischen Ziele ist.
Präsident Clinton beschwor die Notwendigkeit, amerikanische Farmer-Familien vor unfairer Konkurrenz aus der alten Welt zu schützen. Das klingt zu Recht nach Öffentlichkeitsarbeit und erinnert daran, dass die nächste Präsidentschaftwahl vor der Tür steht. Das Buhlen um die starke Bauernlobby wird die Kompromissbereitschaft der amerikanischen Delegation wohl kaum erhöhen.
Der Konflikt
Sehr viel zurückhaltender als die Amerikaner äußern sich die zuständigen EU-Kommissare Franz Fischler und Pascal Lamy, die das Agrardossier gerne in ein umfassenderes Arbeitsprogramm mit breitem Themenspektrum eingebettet sehen würden. Denn, so hofft man in Brüssel, wenn es gelänge, im Abkommen über die weitere Öffnung der Märkte auch soziale Aspekte bzw. Themen wie die Umwelt, den Verbraucherschutz und die kulturelle Identität zu integrieren, hätte man der Skepsis der Gegner mehr entgegenzusetzen. Nach Ansicht der EU soll eine Handelsreform für das 21. Jahrhundert einen Ausgleich schaffen zwischen Effizienz und Fairness, zwischen Wachstum und Umweltbelangen.
Dieses Zugeständnis an die öffentliche Meinung wollen die Vereinigten Staaten jedoch nur akzeptieren, wenn in jedem Feld getrennt Vereinbarungen getroffen werden könnten. Anders sei es kaum vorstellbar, das Pensum in den für die Milleniums-Runde angesetzten drei Jahren zu bewältigen. Eine Verzögerung jedenfalls sei für die USA und viele ihrer Handelspartner völlig inakzeptabel. Brüssel will die Entscheidungen aber nur im Paket akzeptieren - ohne Abkommen zur Lebensmittelsicherheit keine Liberalisierung des Agrarhandels.
Schwerer als die organisatorischen wiegen jedoch die inhaltlichen Differenzen. Im Mittelpunkt der Liberalisierungsverhandlungen stehen - wie schon in der Uruguay-Runde - drei Aspekte:
Öffnung der Agrarmärkte,
Abbau der heimischen Agrarsubventionen und
Reduzierung von Exportförderungen für Agrarprodukte.
Als Hauptstreitpunkt zwischen den USA und den in der Cairns-Gruppe zusammengeschlossenen Agrarexporteuren (u.a. Australien, Brasilien, Kanada und Neuseeland) einerseits und der Europäischen Union, Japan und Südkorea andererseits, erwies sich im Vorfeld der Ministerkonferenz das Problem der Exportsubventionen.
Obwohl auch die EU in der letzten Runde zugestimmt hat, ihre Agrarsubventionen bis zum Jahr 2000 zu reduzieren, erhalten die europäischen Bauern immer noch 85% der weltweit ausgezahlten direkten Exporthilfen, was für die EU jährliche Ausgaben in Höhe von etwa 3 Milliarden Euro bedeutet. Diese Zahl erklärt sich dadurch, dass die Europäische Union bis jetzt den Landwirten die Differenz zwischen dem EU-intern garantierten Mindestpreis und dem sehr viel niedrigeren Weltmarktpreis für Agrarprodukte erstattet hat. Mit der Agenda 2000 wurde Anfang dieses Jahres der Versuch unternommen, dieses teure und wettbewerbsverzerrende System zu reformieren. Auch wenn die beschlossenen Preissenkungen hinter den ursprünglichen Vorschlägen zurückblieben, wird das Reformpaket die Verhandlungsbasis sein, mit der sich die EU an den WTO-Tisch setzt.
Den Amerikanern allerdings gehen die in der Agenda 2000 beschlossenen Preissenkungen nicht weit genug. Ihr erklärtes Ziel ist die vollständige Beseitigung jeglicher Ausfuhrsubventionen. Dementsprechend fordert Charlene Barshefsky eine neuerliche Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, die sie als "die weltgrößte Einzelverzerrung des Handels mit Agrarprodukten" bezeichnet.
Die reinen Unschuldslämmer sind die US-Amerikaner allerdings auch nicht. In einem ausgeklügelten System von Agrarförderungen betreiben sie einen kaum geringeren finanziellen Aufwand zur Unterstützung ihrer Landwirtschaft. Experten schätzen, dass dafür immerhin 2,5 Milliarden US-Dollar ausgegeben werden. Berechnungen aus Brüssel zufolge profitiert jede US-amerikanische Farm von indirekten Subventionen in Höhe von 9.500 US-Dollar, europäische erhielten dagegen umgerechnet nur 5.300 US-Dollar.
Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass Farmen in den USA in der Regel sehr viel größer sind als in Europa. Andere Kritiker weisen auf staatlich geschützte Sektoren wie den amerikanischen Zuckermarkt bzw. die für dieses Jahr geplanten Sonder-Agrarhilfen von 8,7 Milliarden US-Dollar hin.
Die Forderung nach einer Beseitigung auch der heimischen Agrarsubventionen versucht die EU mit ihrem Argument der "Multifunktionalität" der Landwirtschaft zu entkräften. Durch die Zusatzleistungen, die Landwirte für die Umwelt und die Gesellschaft erbringen, seien Direktzahlungen an sie gerechtfertigt, so Brüssel, denn vor allem landpflegerische Aufgaben können von den Bauern nicht zum Nulltarif erfüllt werden.
Auch wenn dieses Argument vielerorts als Ausrede gewertet wird, mit der die "Agrarfestung Europa" gegen globale Konkurrenz verteidigt werden soll, hat Washington signalisiert, dieses Argument möglicherweise akzeptieren zu können - je nach dem, wie der Terminus "Multifunktionalität" definiert wird.
Ausblick
Durch die wenig erfreulichen weltwirtschaftlichen Rahmendaten werden die zu erwartenden harten Verhandlungen kaum erleichtert werden. So scheint etwa in den Vereinigten Staaten, deren Außenhandelsdefizit in den letzten Jahren auf ein Rekordniveau gestiegen ist, das Risiko einer protektionistischen Gegenreaktion zugenommen zu haben.
Der weitverbreitete Rückgang der bäuerlichen Einkommen und die sinkenden Farmpreise sind weitere Elemente, die einer Liberalisierung auch in den USA entgegenwirken.
Angesichts der drohenden Abschwächung der Konjunktur setzen sich im US-Senat offenbar schon mehrere Senatoren für eine Wiedereinführung des Subventionssystems ein, das erst vor drei Jahren abgeschafft worden war. Ihre Forderungen rechtfertigen sie - natürlich - mit der starren Haltung der EU und ihrem Unwille, den Agrarmarkt der Union zu liberalisieren.
http://www.europa-digital.de/aktuell/dossier/wto/agrar.shtml
Die Tendenz ist unübersehbar. Genauso wie Öl die nächsten 20 Jahre seltener und teurer wird, werden das auch die anderen Rohstoffe. - Auch, und vor allem: Lebensmittel!
Subventionen können sich nur reiche Staaten leisten. Wenn der Reichtum aus irgendeinem Grund wegfällt, gibt es auch keine Subventionen mehr.
http://www.earlyamerica.com/earlyamerica/milestones/louisiana/puchase1.jpg
LOUSIANA-PURCHASE - DIE USA KAUFEN SICH FAST HALB AMERIKA VON NAPOLEON:
By a treaty signed on Apr. 30, 1803, the United States purchased from France the Louisiana Territory, more than 2 million sq km (800,000 sq mi= 200 Mio. ha) of land extending from the Mississippi River to the Rocky Mountains.
This was about 7,5 cent per ha, today not yet 5 Dollars.
The price was 60 million francs, about $15 million; $11,250,000 was to be paid directly, with the balance to be covered by the assumption by the United States of French debts to American citizens.
In 1762, France had ceded Louisiana to Spain, but by the secret Treaty of San Ildefonso (1800) the French had regained the area.
Napoleon Bonaparte (the future Emperor Napoleon I) envisioned a great French empire in the New World, and he hoped to use the Mississippi Valley as a food and trade center to supply the island of Hispaniola, which was to be the heart of this empire.
First, however, he had to restore French control of Hispaniola, where Haitian slaves under TOUSSAINT L'OUVERTURE had seized power (1801; see HAITI). In 1802 a large army sent by Napoleon under his brother-in-law, Charles Leclerc, arrived on the island to suppress the Haitian rebellion.
Despite some military success, the French lost thousands of soldiers, mainly to yellow fever, and Napoleon soon realized that Hispaniola must be abandoned. Without that island he had little use for Louisiana. Facing renewed war with Great Britain, he could not spare troops to defend the territory; he needed funds, moreover, to support his military ventures in Europe. Accordingly, in April 1803 he offered to sell Louisiana to the United States.
Concerned about French intentions, President Thomas Jefferson had already sent James Monroe and Robert R. Livingston to Paris to negotiate the purchase of a tract of land on the lower Mississippi or, at least, a guarantee of free navigation on the river. Surprised and delighted by the French offer of the whole territory, they immediately negotiated the treaty.
Jefferson was jubilant.
At one stroke the United States would double its size, an enormous tract of land would be open to settlement, and the free navigation of the Mississippi would be assured. Although the Constitution did not specifically empower the federal government to acquire new territory by treaty, Jefferson concluded that the practical benefits to the nation far outweighed the possible violation of the Constitution.
The Senate concurred with this decision and voted ratification on Oct. 20, 1803. The Spanish, who had never given up physical possession of Louisiana to the French, did so in a ceremony at New Orleans on Nov. 30, 1803. In a second ceremony, on Dec. 20, 1803, the French turned Louisiana over to the United States.
http://gatewayno.com/history/images/la_pur.gif
http://gatewayno.com/history/LaPurchase.html
ALASKA PURCHASE
Treaty with Russia (Alaska Purchase)
(1867)
[The risk of encroachment by Russia had been one of the causes which induced President Monroe to give official utterance to the “Monroe Doctrine.” After his statement, Russia ceased from attempts to increase her influence on the Pacific coast, and became willing to dispose of Alaska, regarding it as a possession difficult to defend and of little value. The territory was formally transferred on Oct. 18, 1867.]
CONVENTION between the United States of America and His Majesty the Emperor of Russia, for the Cession of the Russian Possessions in North America to the United States, Concluded at Washington, March 30, 1867; Ratification Advised by Senate, April 9, 1867; Ratified by President, May 28, 1867; Ratification Exchanged at Washington, June 20, 1867; Proclaimed, June 20, 1867. 1
The United States of America and His Majesty the Emperor of all the Russias, being desirous of strengthening, if possible, the good understanding which exists between them, have, for that purpose, appointed as their Plenipotentiaries, the President of the United States, William H. Seward, Secretary of State; and His Majesty the Emperor of all the Russias, the Privy Counsellor Edward de Stoeckl, his Envoy Extraordinary and Minister Plenipotentiary to the United States; 2
And the said Plenipotentiaries, having exchanged their full powers, which were found to be in due form, have agreed upon and signed the following articles: 3
Article I
His Majesty the Emperor of all the Russias, agrees to cede to the United States, by this convention, immediately upon the exchange of the ratifications thereof, all the territory and dominion now possessed by his said Majesty on the continent of America and in adjacent islands, the same being contained within the geographical limits herein set forth, to wit: The eastern limit is the line of demarcation between the Russian and the British possessions in North America, as established by the convention between Russia and Great Britain, of February 28—16, 1825, and described in Articles III and IV of said convention, in the following terms: 4
“III Commencing from the southernmost point of the island called Prince of Wales Island, which point lies in the parallel of 54 degrees 40 minutes north latitude, and between the 131st and 133d degree of west longitude (meridian of Greenwich), the said line shall ascend to the north along the channel called Portland Channel, as far as the point of the continent where it strikes the 56th degree of north latitude; from this last-mentioned point, the line of demarcation shall follow the summit of the mountains situated parallel to the coast, as far as the point of intersection of the 141st degree of west longitude (of the same meridian); and finally, from the said point of intersection, the said meridian line of the 141st degree, in its prolongation as far as the Frozen Ocean. 5
“IV With reference to the line of demarcation laid down in the preceding article, it is understood— 6
“1st That the island called Prince of Wales Island shall belong wholly to Russia” (now, by this cession to the United States). 7
“2d That whenever the summit of the mountains which extend in a direction parallel to the coast, from the 56th degree of north latitude to the point of intersection of the 141st degree of west longitude, shall prove to be at the distance of more than ten marine leagues from the ocean, the limit between the British possessions and the line of coast which is to belong to Russia as above mentioned (that is to say, the limit to the possessions ceded by this convention), shall be formed by a line parallel to the winding of the coast, and which shall never exceed the distance of ten marine leagues therefrom.” 8
The western limit within which the territories and dominion conveyed are contained passes through a point in Behring’s Straits on the parallel of sixty-five degrees thirty minutes north latitude, at its intersection by the meridian which passes midway between the islands of Krusenstern of Ignalook, and the island of Ratmanoff, or Noonarbook, and proceeds due north without limitation, into the same Frozen Ocean. The same western limit, beginning at the same initial point, proceeds thence in a course nearly southwest, through Behring’s Straits and Behring’s Sea, so as to pass midway between the northwest point of the island of St. Lawrence and the southeast point of Cape Choukotski, to the meridian of one hundred and seventy-two west longitude; thence, from the intersection of that meridian, in a southwesterly direction, so as to pass midway between the island of Attou and the Copper Island of the Kormandorski couplet or group, in the North Pacific Ocean, to the meridian of one hundred and ninety-three degrees west longitude, so as to include in the territory conveyed the whole of the Aleutian Islands east of that meridian. 9
Article II
In the cession of territory and dominion made by the preceding article, are included the right of property in all public lots and squares, vacant lands, and all public buildings, fortifications, barracks, and other edifies which are not private individual property. It is, however, understood and agreed, that the churches which have been built in the ceded territory by the Russian Government, shall remain the property of such members of the Greek Oriental Church resident in the territory as may choose to worship therein. Any Government archives, papers, and documents relative to the territory and dominion aforesaid, which may now be existing there, will be left in the possession of the agent of the United States; but an authenticated copy of such of them as may be required, will be, at all times, given by the United States to the Russian Government, or to such Russian officers or subjects as they may apply for. 10
Article III
The inhabitants of the ceded territory, according to their choice, reserving their natural allegiance, may return to Russia within three years; but if they should prefer to remain in the ceded territory, they, with the exception of uncivilized native tribes, shall be admitted to the enjoyment of all the rights, advantages, and immunities of citizens of the United States, and shall be maintained and protected in the free enjoyment of their liberty, property, and religion. The uncivilized tribes will be subject to such laws and regulations as the United States may from time to time adopt in regard to aboriginal tribes of that country. 11
Article IV
His Majesty, the Emperor of all the Russias, shall appoint, with convenient despatch, an agent or agents for the purpose of formally delivering to a similar agent or agents, appointed on behalf of the United States, the territory, dominion, property, dependencies, and appurtenances which are ceded as above, and for doing any other act which may be necessary in regard thereto. But the cession, with the right of immediate possession, is nevertheless to be deemed complete and absolute on the exchange of ratifications, without waiting for such formal delivery. 12
Article V
Immediately after the exchange of the ratifications of this convention, any fortifications or military posts which may be in the ceded territory shall be delivered to the agent of the United States, and any Russian troops which may be in the territory shall be withdrawn as soon as may be reasonably and conveniently practicable. 13
Article VI
In consideration of the cession aforesaid, the United States agree to pay at the Treasury in Washington, within ten months after the exchange of the ratifications of this convention, to the diplomatic representative or other agent of His Majesty the Emperor of all the Russias, duly authorized to receive the same, seven million two hundred thousand dollars in gold. The cession of territory and dominion herein made is hereby declared to be free and unincumbered by any reservations, privileges, franchises, grants, or possessions, by any associated companies, whether corporate or incorporate, Russian or any other; or by any parties, except merely private individual property-holders; and the cession hereby made conveys all the rights, franchises, and privileges now belonging to Russia in the said territory or dominion, and appurtenances thereto. 14
Article VII
When this convention shall have been duly ratified by the President, of the United States, by and with the advice and consent of the Senate, on the one part, and, on the other, by His Majesty the Emperor of all the Russias, the ratifications shall be exchanged at Washington within three months from the date thereof, or sooner if possible. 15
In faith whereof the respective Plenipotentiaries have signed this convention, and thereto affixed the seals of their arms. 16
Done at Washington, the thirtieth day of March, in the year of our Lord one thousand eight hundred and sixty-seven.
DER KAUF VON ALASKA
Der Kampf um die Unabhängigkeit Alaskas begann im frühen 20. Jahrhundert, nachdem der Goldrausch im Norden die nationale Aufmerksamkeit auf Alaska gelenkt hat. Seit dem Kauf Alaskas im Jahre 1867 befand es sich unter der Zuständigkeit der U.S. Armee (1867- 1877), der U.S. Schatzkammer (1877- 1879) und schließlich der U.S. Marine (1879- 1884). 1884 wurde Alaska der Regierungsbezirk Alaska mit einem vom Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannten Gouverneur an der Spitze.
Der Kongress erließ 1912 ein Gesetz von Richter James Wickersham, das Alaska den Status eines Territoriums gab. Obwohl die Bevölkerung Alaskas darauf bestand, ein eigenständiger Staat zu werden, dauerte es noch bis 1940, als die U.S. Regierung weitere Entscheidungen traf.
Während des 2. Weltkrieges stellte das Verteidigungsministerium Militärbasen und baute den Alaska Highway. Als die Japaner Dutch Harbor bombardierten und die Attu und Kiska Inseln besetzt hatten, blieb zwar das Militär in diesem Territorium präsent, aber Gegner des Beitritts zur USA wandten ein, dass die Bevölkerung noch zu zerstreut und das Gebiet zu weitläufig sei.
Ein anderes Argument gegen den Beitritt zur USA ergab sich aus der schwachen wirtschaftlichen Lage. Die Entdeckung von Öl im Jahre 1957 half dem Territorium, die letzte Hürde zu nehmen. Als man die immensen Rohstoffquellen in Alaska realisierte, war der Kongress sofort davon überzeugt, die vorherigen Argumente gegen den Beitritt außer Acht zu lassen. Am 3. Januar 1959 unterzeichnete Präsident Dwight D. Eisenhower das Gesetz, mit dem Alaska der 49. Staat der Vereinigten Staaten wurde.
DER KAUF VON ALASKA II
Das Leben der frühen Bevölkerung Alaskas blieb weitestgehend über Tausende von Jahren unverändert, bis 1741 die russischen Seefahrer, geführt vom dänischen Entdecker Vitus Bering, das Festland Alaskas sichteten.
Die russischen Abenteurer wurden bald von den britischen, den spanischen und den amerikanischen gefolgt. Es waren aber die Russen, die dort geblieben sind, um mit Fellen zu handeln. Sie hinterließen Spuren ihrer Kultur und haben hohe Anforderungen an Alaska geltend gemacht. Nach dem Absatzrückgang des Pelzhandels haben die Russen jedoch das Interesse an diesem wunderschönen und größtenteils unerforschten Land verloren.
Im Jahre 1867 bot der U.S. Staatssekretär William H. Seward den Russen 7,2 Millionen Dollar für den Kauf von Alaska. Für 170 Mio. ha!!!
Umgerechnet waren es ca. 2 Cents pro Morgen. (Ein Morgen ist 0,4 ha)
Auf heutigen Wert umgelegt: etwa 4 Dollar der Hektar
In jener Zeit spotteten die Amerikaner über diesen Preis und haben Alaska "Sewards Verrücktheit" und "Sewards Gefrierschrank" genannt. Die offizielle Übergabe Alaskas an die Vereinigten Staaten fand am 18. Oktober 1867 mit Zeremonien in der russischen Stadt Sitka statt.
http://www.travel-alaska.de/history/rightframehistory3.html
ALASKA
Allgemeines
FLÄCHE: 1.700.138 qkm. (170 Mio. ha)
BEVÖLKERUNGSZAHL: 626.932 (2000).
BEVÖLKERUNGSDICHTE: 0,4 pro qkm.
HAUPTSTADT: Juneau. Einwohner: 26.751 (1990).
GEOGRAPHIE: Alaska, der größte Staat der USA, ist kaum besiedelt. Die Weite und Einsamkeit, die man hier findet, mag für Europäer überwältigend sein. In über 100 State Parks kann man die wunderbare, noch unberührte Wildnis kennenlernen. Alaska ist ein Land mit 5000 Gletschern, 3000 Flüssen, Wasserfällen, Fjorden, Wäldern, Steppen, Wiesen und 3 Mio. Seen. Der 6190 m hohe Mount McKinley ist die höchste Erhebung Nordamerikas. Die Tierwelt ist überaus vielfältig. In den weiten Wäldern und Tundraflächen leben Elche, Moschusochsen, Karibus, Wölfe und Bären. An den Küsten kann man Wale, Tümmler und Seelöwen beobachten. Unter den 400 Vogelarten, die es in Alaska gibt, ist der Weißkopfadler wohl der imposanteste. Die größte Stadt ist Anchorage mit rund 225.000 Einwohnern.
SPRACHE: Obwohl Englisch offizielle Landessprache ist, überleben in Alaska noch zahlreiche Sprachen und Dialekte der Ureinwohner. Viele Menschen sind zweisprachig, wobei die ältere Bevölkerung die eigene Sprache dem Englischen
Inzwischen sind die Amis schlauer.
Der Preis für etwa 80 Mio. ha Ackerland wird von den Argentiniern selbst bezahlt, und von internationalen Anlegern, die sich ihre Argentino- Anleihen in die Haare schmieren können.
23.03.2001
Fleischkonsum 2000 leicht rückläufig
Der Fleischkonsum in der Schweiz hat im letzten Jahr erneut abgenommen: um 1,5 % auf 382'000 t.
Umgerechnet entspricht dieser Rückgang einem Pro-Kopf-Konsum von 52 kg (-2,3 %). Die Lust auf Fleisch ist den Schweizerinnen und Schweizern nicht vergangen, doch hält ein rückläufiger Trend an, nachdem auch 1999 eine Abnahme (um 1 %) gegenüber dem Vorjahr registriert werden musste.
Die BSE-Problematik hatte vor allem Ende 2000 und Anfang 2001 Auswirkungen auf das Konsumverhalten. Dabei traten gemäss Zahlen des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) deutliche Unterschiede im Verhalten der Deutsch- und Westschweizer Privathaushalte auf.
Während letzten November in der Romandie der Rindfleischkonsum gegenüber dem Vormonat um 17 % zurückging, lag dieser Rückgang in der Deutschschweiz bei 3 %. Im Januar war es umgekehrt. In der Westschweiz kehrten die Haushalte zur üblichen Menge zurück oder konsumierten gar mehr (+25 %). In der Deutschschweiz dagegen war der tiefste Stand seit Beginn der Krise zu verzeichnen (-24 %).
Weniger Rind und Kalb, mehr Geflügel und Lamm
Die anhaltende Reduktion der Tierbestände zeigte nach einer am 23. März veröffentlichten Bilanz 2000 der Proviande Auswirkungen auf die Inlandproduktion von Rind- und Kalbfleisch. Der Rückgang um 18'500 t (-12,6 %) habe letztes Jahr zu höheren Preisen geführt, die trotz Mehrimporten (+ 3460 t) bestehen blieben.
Für die Proviande ist es dies der Grund, weshalb weniger Rind- und Kalbfleisch gegegessen wurde: Der Pro-Kopf-Verbrauch ging um 10 % zurück. Schweinefleisch war mit einem Pro-Kopf-Konsum von 25 kg (-0,8 %) immer noch das am meisten konsumierte Fleisch.
Der Konsum von Geflügelfleisch nahm gegenüber 1999 um 4 % auf 9,04 kg pro Kopf zu. Der Mehrbedarf an Geflügel konnte durch eine Erhöhung der Inlandproduktion auf 49'280 t (+8 %) gedeckt werden.
Beim Lammfleisch wurde eine Zunahme um 13,5 % auf 1,61 kg pro Kopf festgegstellt; die Inlandproduktion nahm indes um 12,6 % auf 5528 t ab. Leicht zugenommen hat der Konsum von Ziegen-, Pferde- und Kaninchenfleisch. Ausserdem wurden 3 % mehr Fisch und Krustentiere verzehrt, nämlich 7,7 kg pro Kopf.
http://www.schweizerbauer.ch/news/aktuell/Artikel/03501/artikel.html
DIE SICHT DER VEGETARIER
http://www.vegetarismus.ch/info/oeko.htm
Die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen der
fleischorientierten Ernährungsweise
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Weltweite Fleischproduktion steigt weiter an
1999 wurden weltweit 217 Millionen Tonnen Fleisch produziert (1990 waren es erst 170 Mio. Tonnen und 1994 erst 194 Millionen Tonnen). Allein auf die Schweiz entfallen jährlich über 600'000 Tonnen.1 Mengenmässig hat das Fleisch den Brotkonsum in der Schweiz (und bestimmt auch in manch anderen Ländern) bereits überholt.2 Dies hat weltweit enorme ökologische und ökonomische Folgen, die leider bisher viel zu wenig Beachtung fanden.
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Gülle verursacht Waldsterben
Neuste wissenschaftliche Untersuchungen weisen eindeutig darauf hin, dass die heutige Massentierhaltung ein Hauptverursacher des Waldsterbens ist.
Der Biologe Dr. Hans Mohr3 schreibt im «Spektrum der Wissenschaft» vom Januar 1994:
«Eine wesentliche Erkenntnis aus zehn Jahren Waldschadensforschung ist, dass die atmosphärischen Einträge an Stickstoff und insbesondere an Ammonium-Stickstoff4, der in erster Linie aus der Landwirtschaft stammt, vermindert werden müssen. [...] Das Kardinalproblem bleibt die Entsorgung der unaufhörlich wachsenden Menge tierischer Exkremente und menschlicher Fäkalien.»
Die menschlichen Fäkalien werden heute zum Grossteil über Kläranlagen entsorgt, die tierischen Exkremente werden jedoch immer noch auf die Felder geschüttet bzw. gespritzt. Dies hat zur Folge, dass der Stickstoff (N) in Form von Ammoniak (NH3), der heute als hauptverantwortlich für das Waldsterben gilt, zu rund 85% durch die Emissionen der Tierhaltungen verursacht wird.5 Die Emissionen von Ammoniak aus der Landwirtschaft stammen zu rund 90% aus Jauche und Mist.6
Eine Kuh entlässt etwa doppelt soviel Stickstoff in die Luft wie durchschnittlich ein Auto ohne Katalysator, nämlich 36 kg pro Jahr.7 Stickstoff, eigentlich ein unverzichtbares Nährmittel für Wiesen, Wälder und Wasserlebewesen, kann bei einem Übermass zur folgenschweren Überdüngung derselben führen. Dies wurde erst sehr spät bemerkt, da bei hoher Stickstoffzufuhr die Wälder zuerst schneller wachsen, und erst, wenn die Böden mit Stickstoff übersättigt sind, mit den ersten Schäden reagieren.
Die Untersuchungskommission des Deutschen Bundestages zum Thema «Schutz der Erdatmosphäre» kam 1992 zum selben Ergebnis. Zum Thema Ammoniak (NH3) veröffentlichte sie in «Klimaänderung gefährdet nationale Entwicklung»:
«National (BRD), kontinental (Westeuropa) und global sind die NH3-Emissionen zu 90% der Landwirtschaft und hier zu 80% der Tierhaltung zuzuordnen. In der Bundesrepublik Deutschland werden jährlich 528'000 t NH3 emittiert. Ammoniak entsteht im Stallbereich, der Weidewirtschaft sowie bei der Lagerung und Ausbringung von organischem Dünger. [...] Durch Minderung der Viehbestände, Fütterungsumstellungen und Reduzierung der Güllewirtschaft würden die Ammoniak- und Stickoxid-Freisetzungen vermindert. [...] Das wäre nicht nur in ökologischer, sondern auch in ökonomischer Hinsicht wünschenswert.»8
Um sich ein Bild von den ökonomischen Folgen des Waldsterbens machen zu können, wurden sie am Beispiel des Schweizer Kurortes Davos berechnet9: Die teilweise Entwaldung der dortigen Wälder würde demnach rund 267 Mio. Fr. an Folgekosten verursachen, eine vollständige Entwaldung würde rund 508 Mio. Fr. kosten. Selbst wenn sämtliche steileren Waldstücke nur durch Lawinenverbauungen ersetzt werden müssten, würde dies Kosten in der Höhe von 415 Mio. Fr. zur Folge haben.
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Zerstörung der Gewässer
Ammoniak hat jedoch nicht nur verheerende Auswirkungen auf den Wald, sondern auch auf die Gewässer. Die Überdüngung bewirkt unter anderem ein unnatürlich starkes Wachstum der Algen, die dadurch dem Gewässer den Sauerstoff entziehen.
Die heutigen bodenunabhängigen Tierfabriken produzieren eine solche Menge an Gülle, dass dadurch das Grundwasser ernsthaft gefährdet wird.10 In der Schweiz müssen z. B. der Sempachersee und der Baldeggersee wegen Überdüngung bereits mit riesigen Sauerstoffgebläsen künstlich «beatmet» werden.
Über 50% der Wasserverschmutzung in Europa ist auf die Massentierhaltung zurückzuführen. Das Nitrat aus der Landwirtschaft ist heute schon soweit ins Grundwasser vorgedrungen, dass deshalb bereits einige Mineralwassermarken nicht mehr Trinkwasserrichtwerte erfüllen.11 In den USA ist der Anteil der Landwirtschaft an der Wasserverschmutzung grösser als alle Städte und Industrien zusammen!12
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Übersäuerung des Bodens
Ammoniak und Stickoxide (NOX) tragen auch wesentlich zur Übersäuerung des Bodens bei. In den Niederlanden hatte dies bereits 1989 ein solches Ausmass angenommen, dass sich ein Ministerium mit diesem Problem befassen musste. Das Resultat des niederländischen Instituts für Gesundheit und Umweltschutz:13
«Das Nitrat aus der Gülle entweicht als Ammoniakgas auch in die Luft; es ist ein Umweltgift, das den sogenannten Sauren Regen und andere säurehaltige Ablagerungen hervorruft. In Holland stammt der grösste Teil der Niederschläge von den Ammoniakgasen aus den Kuhställen – sie schaden dem Land mehr als alle Automobile und Fabriken.»
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Treibhauseffekt
Für den Treibhauseffekt wurden bisher fast ausschliesslich der Verkehr und die Industrie verantwortlich gemacht. Auch hier wurde lange der Einfluss der landwirtschaftlichen Tierhaltung fast gänzlich vernachlässigt. Der Leiter des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie, Ernst U. v. Weizsäcker, dazu:
«Die Beiträge der Rinderhaltung zum Treibhauseffekt sind ähnlich gross wie die des gesamten Autoverkehrs, wenn wir die Waldrodung fürs Rind und für Futtermittel einbeziehen. [...] Und die Verwandlung von Savannen in Wüsten, die Erosion in Berggebieten, der übermässige Wasserbedarf der Rinder, der gigantische Energiebedarf der Mastviehhaltung sind einige weitere Gründe dafür, dass wir mit jedem Pfund Rindfleisch der Umwelt schwer zusetzen.»14
Der Treibhauseffekt wird unter anderem durch die drei Gase Methan, Kohlendioxid und Stickstoffoxide verursacht. Alle drei entstehen in der landwirtschaftlichen Tierhaltung in grossen Mengen. Allein die weltweit gehaltenen 1,3 Milliarden Rinder (bzw. die Konsumenten ihrer Körper) sind für 12% der weltweiten Methangasemission verantwortlich. Bei der Viehzucht entstehen jährlich insgesamt 115 Millionen Tonnen (=115'000'000'000 kg) Methangas. Noch gravierender ist dies, wenn man bedenkt, dass ein Methanmolekül 25mal mehr zum Treibhauseffekt beiträgt, als ein Kohlendioxid-Molekül.15
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Ressourcenverschwendung
Die Konsumenten, die für die Fleischproduktion verantwortlich sind, sind auch zu einem grossen Teil verantwortlich für einen verschwenderischen Umgang mit unseren Ressourcen:
Auf der Fläche eines Grundstückes, das benötigt wird, um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, könnte man im selben Zeitraum 200 kg Tomaten oder 160 kg Kartoffeln ernten.
Auf einem Landstück können folgende Mengen Nahrungsmittel erzeugt werden:16
1'000 kg Kirschen
4'000 kg Äpfel
6'000 kg Karotten
jedoch nur 50 kg Rindfleisch.
In der Schweiz werden rund 67% der landwirtschaftlichen Nutzfläche für die Tierhaltung und den Futtermittelanbau verwendet. Seit 1970 wurden über 20 Mio. Hektar der feuchten Tropenwälder in Rinderweiden umgewandelt. Viehweiden bedecken bereits ein Drittel der Landfläche unseres Planeten.17
Zur Erzeugung von 1 kg Getreide braucht es ca. 100 Liter Wasser. Um 1 kg Fleisch zu erzeugen, braucht es ca. 2'000-3'000 Liter Wasser.
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Nahrungsmittelverschwendung
Um 1 kg Fleisch zu erzeugen, benötigt man 7-16 kg Getreide oder Soyabohnen. Dies kann ohne weiteres als die effektivste Form von Nahrungsmittelvernichtung bezeichnet werden. Bei der «Umwandlung» von Getreide in Fleisch gehen durch diese künstliche Verlängerung der Nahrungskette unter anderem 90% Eiweiss, 99% Kohlenhydrate und 100% Faserstoffe verloren. Hinzu kommt, dass vom Körper der sogenannten Nutztiere nur ein kleiner Teil tatsächlich das gewünschte Fleisch ausmacht. Beim Rind ist der Gewichtsanteil an Fleisch (ohne Knochen) nur gerade 35%, beim Kalb 39%.18
Dennoch werden 57% des Getreides in der Schweiz an Tiere verfüttert (1990). In den USA werden 80% der Getreideernte an rund 8 Milliarden Schlachttiere verfüttert. Bei den Sojabohnen macht es weltweit sogar 90% aus.19 Rund die Hälfte des weltweit produzierten Getreides wird an Tiere verfüttert, um deren Fleisch zu essen. Wenn z.B. die Amerikaner nur 10% weniger Fleisch essen würden, könnte man mit dem dadurch eingesparten Getreide rund eine Milliarde Menschen vor dem Hungertod bewahren.
Allein in der Schweiz werden jährlich rund 1'200'000 Tonnen Kraftfutter an die Nutztiere verfüttert, der grösste Teil davon ist Futtergetreide. Die Schweiz kann sich diese Verschwendung leisten, bei den Entwicklungsländern sieht es jedoch kaum besser aus: Wie die FAO berichtet, dienten 1981 75% der Getreideeinfuhren in die Dritte Welt als Futter. Doch auch der inländische Nahrungsmittelanbau steht weltweit in direkter Konkurrenz zum Futtermittelanbau: In Ägypten zum Beispiel ist in den letzten 25 Jahren der Anbau von Mais als Viehfutter auf Äcker vorgedrungen, die früher Weizen, Reis und Hirse, alles Grundnahrungsmittel, hervorbrachten. Der Anteil des Futtergetreides ist dabei von 10% auf 36% angestiegen.20
Ähnlich erging es auch den anderen Ländern, die ihren Fleischkonsum erhöhten. In Taiwan wurde 1950 die Bevölkerung noch mit 170 kg Getreide pro Kopf und Jahr satt. Bis 1990 versechsfachte sich der Fleisch- und Eierkonsum. Durch diese Verlängerung der Nahrungskette ist der Getreidebedarf pro Kopf auf 390 kg angestiegen. Trotz ständig wachsenden Ernten konnte Taiwan diesen steigenden Bedarf nur durch Einfuhren decken. Während Taiwan 1950 noch Getreide exportierte, musste es 1990 74% seines Bedarfs aus dem Ausland einführen, grösstenteils als Viehfutter.21
Ähnliche Zahlen ergeben sich für die ehem. Sowjetunion: seit 1950 Verdreifachung des Fleischkonsums, Vervierfachung des Futtermittelverbrauchs. 1990 verzehrte das Vieh in der ehem. Sowjetunion bereits dreimal soviel Getreide wie die Menschen. Die Einfuhren an Futtergetreide widerspiegeln dies: Von fast Null im Jahre 1970 stiegen sie auf 25 Millionen Tonnen im Jahr 1990. Sie wurde damit zum zweitgrössten Futtermittelimporteur der Welt.
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Gesundheitliche Auswirkungen
Durch das Verlängern der Nahrungskette, indem man pflanzliche Nahrungsmittel zuerst an Tiere verfüttert und erst deren Fleisch isst, ergibt sich ein weiterer Nachteil: Im Körper der Tiere summieren sich die Pestizide, Schwermetalle und andere Gifte aus den Futtermitteln. Dies hat zur Folge, dass z. B. der Pestizidgehalt im Fleisch ca. 14 mal höher ist als in pflanzlichen Nahrungsmitteln, bei Milchprodukten ist er 5,5 mal höher.
Der massenhafte Konsum von tierischen Produkten hat in den letzten Jahrzehnten so stark zugenommen, dass auch die gesundheitlichen Nachteile einer solchen Ernährung jetzt offensichtlich werden: Bluthochdruck, Herz- / Kreislauferkrankungen, Rheuma, Gicht, Neurodermitis und einige Krebsarten sind nur einige der sogenannten Zivilisationskrankheiten, von denen man weiss, dass der Konsum von tierischen Produkten ein Hauptauslöser ist. Die früher oft gehörte Behauptung, dass der Mensch Fleisch brauche, um gesund zu bleiben, ist übrigens von der Wissenschaft längst widerlegt worden und wird nur noch von einzelnen (Fleisch-)Wirtschaftsvertretern geäussert.
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Ökonomie
Wie ist es möglich, dass trotz der oben beschriebenen immensen Nachteile einer fleischorientierten Gesellschaft der Fleischkonsum weltweit weiterhin ansteigt?22 Nebst einigen psychologischen und sozialen Gründen, die meist durch die Werbung hervorgerufen werden (Fleisch gibt Kraft, etc.), ist ein weiterer Aspekt kaum zu unterschätzen: Das Geld.
Auf den ersten Blick scheint dies ein Widerspruch, denn unter normalen Umständen müsste ein Wirtschaftszweig, der auf die Vernichtung von Nahrungsmitteln und Ressourcen programmiert ist, längst von selbst zusammenbrechen. Die Kosten, die die heutige Fleischproduktion weltweit verursacht, stehen längst in keinem vernünftigen Verhältnis zu ihrem Nutzen.
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Kosten auf die Steuerzahler abgewälzt
Ein Grund, weshalb die Fleischindustrie immer noch existiert, ist der, dass die Einnahmen aus dem Geschäft privatisiert werden, die Kosten jedoch auf die Allgemeinheit (und somit auf alle Steuerzahler) abgewälzt werden. Dies ist von anderen Wirtschaftszweigen (z. B. Automobilindustrie) bereits bestens bekannt. Von Kostenwahrheit auch in der Landwirtschaft keine Spur: Nach Schätzung des renommierten Worldwatch Instituts in Washington müsste sich der Fleischpreis verdoppeln oder verdreifachen, wenn man die vollen ökologischen Kosten einschliesslich der Verbrennung fossiler Brennstoffe, der Absenkungen des Grundwassers, der chemischen Verseuchung des Bodens und der Erzeugung von Ammoniak und Methangas auch auf die Rechnung setzen würde.23 Ganz zu schweigen von den Folgekosten im Gesundheitswesen.
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Subventionierter Wahnsinn
Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen wird die Fleischindustrie jedoch in fast allen Ländern vom Staat subventioniert, da sie sonst (trotz der Abwälzung ihrer Kosten) nicht rentabel wäre. In der Schweiz verwendet der Staat im Schnitt 84% seiner Landwirtschaftssubventionen, um die Fleisch-, Milch- und Eierproduktion zu unterstützen. Nur ganze 16% stehen für die pflanzliche Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung.24 Die Bundesausgaben für die Preis- und Absatzsicherung 1992 betragen für die Viehwirtschaft 1'205,9 Mio. (78,4%) und für den Pflanzenbau 332,1 Mio. (21,6%).25
In keinem anderen Wirtschaftszweig wird der Markt so stark verzerrt wie in der Landwirtschaft. Könnten Sie sich vorstellen, dass eine private Firma vom Staat mehr Zuschüsse bekommt, als sie durch den Verkauf der produzierten Güter einnimmt? Dies, obwohl sogar die Abnahme der Güter vom Staat garantiert wird? In den ehemaligen Ostblockländern wurde mit einer solchen Politik die ganze Wirtschaft in den Abgrund geführt. In den Staaten der «freien Marktwirtschaft» beschränkt man sich mit dieser Politik auf die Landwirtschaft.
77 Prozent der Einnahmen der Schweizer Landwirtschaft sind auf direkte und indirekte Subventionen sowie auf zahllose Interventionen des Staates zurückzuführen. Dies kostet den Staat jährlich über 7 Milliarden Franken.26 Mittlerweile unterhält die Schweiz bereits eine rund 3'500 Personen starke Agrarbürokratie. Allein für die Unterstützung der landwirtschaftlichen Organisationen gibt sie jährlich ca. 900 Millionen Franken aus.27 Rund 99,5% davon stehen den Organisationen der Tierhalter zur Verfügung.
Für die anderen Industrieländer gelten ähnliche Verhältnisse in der Landwirtschaft. Doch nicht nur national, sondern auch international wird die Viehwirtschaft stark unterstützt und damit am Leben erhalten: Allein in Lateinamerika hat die Weltbank von 1963 bis 1985 1,5 Milliarden Dollar in die Viehwirtschaft hineingepumpt, zumeist in grosse Rinderfarmen.28
Doch trotz der Externalisierung der Kosten und trotz den horrenden Subventionen bleibt für die Bauern und Banken die Landwirtschaft im doppelten Sinn ein «Wahnsinnsgeschäft»: In den USA geben laut Frederic Vester in manchen Zeiten bis zu 2'000 Bauern pro Woche ihren Beruf auf, weil sie mit der Intensivierung der Fleischproduktion nicht mehr mithalten können. Die Bauern brauchen immer teurere Maschinen, dafür brauchen sie immer grössere Kredite von den Banken. In den USA gab es z.B. 1986 160 Bankpleiten, wovon ein Grossteil durch das Agrobusiness in den Ruin getrieben wurde.29
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Schlussbetrachtung
Da die eigene Ernährungsweise etwas sehr Persönliches ist, ist ein Nachdenken über deren Folgen meist sehr unbeliebt. Dennoch wird in diesem Artikel versucht, anhand der Ernährungsweise mit tierischen Produkten die ökologischen und wirtschaftlichen Folgen unseres Handelns für diejenigen aufzuzeigen, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst sind.
Alle in diesem Artikel aufgegriffenen Themen haben auch schwerwiegende wirtschaftliche Folgen. Eine nachhaltige, umweltverträgliche Wirtschaftsordnung ist deshalb ohne Einbezug dieser Fakten nicht möglich. Es bleibt deshalb zu wünschen, dass sich in Zukunft nicht nur Umwelt- und Tierschützer mit der Problematik des Fleischkonsums auseinandersetzen, sondern ebenso auch Ökonomen und Politiker. Für die Vorkämpfer der Natürlichen Wirtschaftsordnung30, wie z. B. Werner Zimmermann, war dies selbstverständlich; sie setzten sich deshalb ebenso für eine vegetarische Lebensweise wie für eine Änderung unseres Wirtschaftssystems ein. Im Gegensatz zu letzterem kann jeder sofort bei sich selbst mit der Änderung seiner Ernährungsgewohnheiten beginnen.
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Ein aussichtsloser Standpunkt. 80% der deutschen Jugendlichen wollen Fleisch.
Nur 2% der Männer und 6% der Frauen leben vegetarisch.
Fair Essen ... für eine bessere Welt
Durch die Auswahl der Nahrungsmittel kann jede/r Einzelne Weltpolitik machen. Wir können der Globalisierung ökologische und soziale Schranken setzen: mit biologischen und saisongerechten Produkten aus der Region, gemäßigtem Fleischkonsum und fair gehandeltem Kaffee, Tee und Orangensaft.
Unter dem Titel „Fair essen ... für eine bessere Welt“ haben die GPA und die Gewerkschaften Agrar-Nahrung-Genuss und Hotel-Gastgewerbe-Persönlicher Dienst eine Kampagne für umwelt- und sozialverträgliches Kantinenessen gestartet. Über 1,5 Millionen Menschen essen täglich in Österreichs Betriebskantinen. Hunderttausende Tonnen Nahrungsmittel werden jährlich in Österreichs Werksküchen verzehrt. Allein mit der richtigen Auswahl könnten die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Österreichs die Welt ein Stück verändern.
Küchenprofis gesucht und gefunden
Nun mussten wir nur noch Küchenprofis finden, die mit uns die gute Idee in die Praxis umsetzten. Gesucht wurde ein Küchenchef, der Lust hatte, für eine ganze Woche ein "Faires Menü" zu entwickeln und an der eigenen Belegschaft zu testen.
Wir fanden unsere "Fairen Köche" schließlich im Hanuschkrankenhaus, wo die Kollegen Leo Schwarz, Souschef Wolfgang Friedl, Michael Schwelle und Konditor Manfred Stadtlehner bereit waren, sich auf unser Experiment einzulassen. Sie sind für tausend Essen täglich zuständig, 450 davon sind ein eigenes Personalmenü. Dieses sollte versuchsweise auf "fair" umgestellt werden. Klar war, dass die Haupthürde vor allem der Einkauf und das Ausforschen von Bezugsquellen sein würde, um "faire" Produkte in der notwendigen Menge und Qualität zu bekommen.
Das Team der
„fairen Köche“
Unser Kriterienkatalog
Die Kriterien, nach denen eingekauft werden sollte, umfassten ein ganzes Bündel unterschiedlicher Gesichtspunkte. Dabei war unser Anspruch nicht, in allem 100% zu erreichen, sondern nach den gegebenen Möglichkeiten zu optimieren.
Bio
Die heute übliche industrialisierte Landwirtschaft ist auf maximalen Ertrag mit möglichst geringem Arbeitseinsatz orientiert. In keinem anderen Wirtschaftssektor stieg die Arbeitsproduktivität so stark an. Der Preis sind hoher Chemikalieneinsatz (Kunstdünger, Unkrautvertilgungsmittel, Antibiotika...) und hoher Energieverbrauch auf Kosten der Natur. Auch das Geschmackserlebnis, das die Vielfalt regionaler Nahrungsmittel bietet, geht zunehmend verloren. Im Gegensatz dazu garantieren die Biobauern eine ökologische Alternative. Es wird möglichst wenig Fremdenergie eingesetzt. Daher wird auch auf Kunstdünger, der in der Erzeugung sehr energieintensiv ist, verzichtet. Zur Regeneration des Bodens dient ein ausgewogener Fruchtwechsel und der Einsatz von Nützlingen.
Kompost, Gründüngung und sorgfältige Bodenbearbeitung aktivieren die Bodennährstoffe. Es wird Kreislaufwirtschaft betrieben und verwertet, was am Hof anfällt. Die Tiere werden artgerecht gehalten - keine Vollspaltböden, Einstreu für Liegeplätze im Stall, Mindestregelung für Auslauf und Futter aus biologischem Anbau und die pro Tier vorgesehenen Mindeststallflächen sind für Bio-Produzenten ein Muss. Leistungsförderer und andere Tierfutterzusätze sind grundsätzlich untersagt. Das Tierfutter muß frei von gentechnisch veränderten Organismen sein.
Chemie
Monokulturen und Pestizide
Auf oft riesigen Plantagen werden Früchte wie Bananen, Kiwis, Kaffee oder Orangen angebaut. Plantagenwirtschaft benötigt in hohem Maße Pestizide und Kunstdünger. Hoch toxische Stoffe sind im Einsatz - mit fatalen Auswirkungen auf die Umwelt und auf die Gesundheit der Menschen. Zwei Drittel aller Vergiftungen durch Pestizide treten in der Dritten Welt auf. Die Kenntnisse jener, die auf den Plantagen arbeiten sind meist gering. Bis heute fehlen Zulassungs- und Verbotsregelungen für giftige Agrochemikalien auf internationaler Ebene.
Fleischeslust?
Bio-Landwirtschaft ist wesentlich arbeitsintensiver als die herkömmliche. Sie hilft, Arbeitsplätze am Land zu erhalten.
Der Vorwurf, dass wir durch zuviel Fleischkonsum quasi die Nahrungsmittel der Armen im Süden an unser Vieh verfüttern, ist bekannt. Er stimmt aber für Österreich in dieser Pauschalität nicht. Denn in Österreich muß durch die sogenannte Flächenbindung jeder Bauer über 1/2 ha pro Kuh verfügen, um die Rinderförderung zu erhalten. Daher stammt der Großteil der Futtermittel auch aus Österreich. Auch die zusätzlichen Eiweißfuttermittel werden zunehmend aus eigenem Anbau gewonnen. Für Geflügel wird allerdings sehr viel Futter importiert.
Anders ist auch die Situation bei Wurstwaren. Da kommt auch in Österreich teilweise billiges Importfleisch "in die Würscht".
Es liegt an den Konsumenten, mit gemäßigtem Konsum von österreichischem Qualitätsfleisch, am besten aus biologischer Landwirtschaft, negative Entwicklungen zu verhindern.
Saisongerecht und regional
Der Hauptteil der Nahrungsmittel sollte beim "Fair Essen" schon aus Umweltschutzgründen möglichst aus heimischen Gefilden bzw. der Region stammen. Denn frisch auf den Tisch, ohne großen Energie- und Treibstoffverbrauch, kann nur kommen, was die Saison und die Region bietet.
Dem gegenüber steht das Motto der Weltwirtschaft und des Welthandels: immer schneller und immer billiger. Der Transport von einem Kilogramm gekühlter Ware per LKW aus Athen nach Österreich kostet nur knapp mehr als einen Schilling. Der Faktor Transportkosten fällt für Unternehmer und Konsumenten somit kaum ins Gewicht. Aber für die Gesellschaft sind die Folgekosten der Verkehrslawine längst viel zu teuer.
Wegstrecken bis Wien
Lebensmittel Herkunft Transport*)
Salat Wien Umgebung 30
Ei Steiermark 203
Salz Oberösterreich 270
Orangen Italien 801
Camembert Frankreich 1.278
Erdbeeren Spanien 2.324
Zuckermelone Israel 2.420
Ananas Ghana 4.990
Ceylon-Tee Sri Lanka 7.963
Bananen Costa Rica 9.940
Mango Mexiko 10.168
Trauben Chile 12.500
*) in km
Bio schafft Arbeitsplätze
Der Lebensmittelsektor ist ein Kernbereich der österreichischen Wirtschaft - von der Landwirtschaft über die Lebensmittelproduktion bis hin zum Restaurant. Rund
12 % des jährlichen Bruttoinlandsproduktes werden in diesem Sektor erwirtschaftet. In mehr als 300.000 Betrieben arbeiten rund 500.000 Menschen. Zählt man den großen Bereich der Gemeinschaftsverpflegung dazu, arbeiten im Lebensmittelsektor ca. 15 % aller Erwerbstätigen (Unselbständige und Selbständige). Wer bodenständig konsumiert, sichert auch österreichische Arbeitsplätze.
Fair gehandelt
Damit meinen wir keinesfalls, dass man schon ein schlechtes Gewissen haben soll, wenn man sich ein Schalerl Kaffe gönnt oder auf Südfrüchte und exotische Gewürze nicht verzichten will. Auch die Produzenten des Südens wollen vom Ertrag ihrer Arbeit leben und exportieren. Aber genau da liegt der wunde Punkt: Von einem Kilo Bananen um 20 Schilling erhalten die Produzenten lediglich 5 %, also einen Schilling.
Damit von den Gewinnen nicht nur wenige multinationale Konzerne profitieren, wurden die Organisationen des "Fairen Handels" gegründet. Das sichert den Kleinproduzenten und den Landarbeitern des Südens bessere Einkünfte, bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, vermeidet Kinderarbeit, erhält landwirtschaftliche Strukturen und fördert umweltverträgliche Bewirtschaftungsformen.
EZA (Entwicklungszusammenarbeit mit der 3. Welt) organisiert seit 20 Jahren direkten, fairen Handel und hat mittlerweile in etwa 25 Partnerländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas Partnervereinigungen. EZA initiierte auch das Gütesiegel "TransFair".
Insbesondere unsere Schwestergewerkschaft Agrar-Nahrung-Genuss engagiert sich seit langem im "Fairen Handel" und beteiligt sich an Kampagnen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen im Süden.
Die Kampagne "Bittere Orangen" gegen Kinderarbeit und Pestizideinsatz auf den Orangenplantagen im Vorjahr war so erfolgreich, dass demnächst auch in Österreich "Fairer Orangensaft" auf dem Markt angeboten werden wird.
Gesund
Natürlich muss das "Faire Essen" auch für den fair sein, der es isst. Daher wurde unser "Faires Küchenteam" auch von der Ernährungswissenschafterin Hanni Rützler unterstützt. Wobei sich aus dem Kriterium bio, frische Produkte und mäßiger Fleischkonsum aus artgerechter Tierhaltung sowieso bereits gesündere Kost ergibt, weil man damit die chemischen Rückstände und Zusätze in den Nahrungsmitteln vermeidet.
Das Ergebnis unseres "Feldversuchs" Fair Essen in der Werksküche des Hanuschkrankenhauses, die Erfahrungen beim Ausfindigmachen entsprechender Bezugsquellen sowie Hintergrundinformationen präsentieren wir bei unserem Symposium (siehe nebenstehendes Programm).
Das faire Wochenmenü.
Das von Leo Schwarz und Team entwickelte „5-Tage-Menü“ sowie ein Folder und eine Broschüre zum Thema können in der GPA-Grundlagenabteilung, Tel. (01) 313 93 DW 502, Frau Tamandl, oder per Mail bestellt werden. Vergessen Sie bitte in diesem Fall die Angabe Ihrer Postadresse nicht, da die Materialien nur in gedrucker Form verfügbar sind.
Die Rezepte sind für Profis in der Großküche konzipiert. Man kann sie aber auch zu Hause nachkochen (Mengenangaben für 4-Personen-Rezepte umgesetzt).
Konsum
Der Landverbrauch für Fleisch
Der Fleischkonsum steigt. Längst reicht in den meisten Industrieländern die Weide im Dauergrünland nicht mehr aus, um mit traditioneller Tierhaltung den Bedarf zu decken. Die Folge ist Massentierhaltung, wobei die Futtermittel aus Entwicklungsländern importiert werden. Soja wird auf Ackerflächen angebaut, die heute der Bevölkerung des Südens zur Deckung ihres eige-nen Nahrungsbedürfnisses fehlt. Monokulturen, Bodenerosion, Artendezimierung und irreversible Klimaveränderungen sind die Folge. Regenwälder müssen neuen Anbauflächen weichen.
Agrar
Vorreiter bei Bio-Bauern
Mit einem Anteil von 9 % Biobetrieben (20.000) und rund 10 % biologisch bewirtschafteter landwirtschaftlicher Nutzfläche (345.375 ha) nimmt Österreich die Spitzenposition unter den europäischen Ländern ein. Die Zahl der Biobetriebe hat im gesamten EU-Raum in den letzten Jahren stark zugenommen. Der große Erfolg der Bioprodukte in Österreich ist zurückzuführen auf:
Biobauernförderung
(Österreichische Produktion für Umweltgerechten Landbau)
Einstieg großer Handelsketten
in die Vermarktung von Bioprodukten
Direktabsatz
(ab Hof Verkauf, Bauernmärkte, bäuerliche Vermarktungsinitiativen).
http://www.gpa.at/umwelt/fair/fair.htm
Diese netten Versuche der EZA-Freunde, ein paar Luxuskinder für Luxusideen zu begeistern, sind ja ganz nett. Internationales Rollo wird das net spielen.
Nicht einmal nationale Bedeutung hat das in den EU-Ländern. Dort sind ohnehin die Österreicher die Einzigen, die sich über Jahre hinweg die höchsten Standards am Sektor Lebensmittel erarbeitet haben.
Ist auch wichtig für ein Land, in dem der Tourismus die tragende Säule der Wirtschaft ist.
Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Working Poor, die leisten sich nur Billigramsch, vertrieben von immer konzentrierteren Supermarktketten. Ketten, die den Dreck schon längst selbst zu produzieren begonnen haben.
Erst werden Markenartikler dazu verführt ihre "Auslastung zu heben" und NoName-Produkte der Ketten nebenher zu produzieren, für die Billiglinien.
Danach gehen sie mit ihren Marken pleite, oder werden aufgeschnupft.
SCHON LÄNGST WIEDER VERGESSEN - BSE
Fleisch-Demokratie oder Sozialismus?
Über BSE, Vegetarismus und die industrialisierte Fleischproduktion
Es sei der GAU der industriellen Landwirtschaft. Zwei MinisterInnen mussten das Kabinett Schröder verlassen. Nun ist von der Wende in der Agrarpolitik die Rede. Seit Ende November 99 die erste an BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) erkrankte Kuh in der BRD offiziell vermeldet wurde, überschlagen sich Medien und PolitikerInnen in Superlativen über das Agrar-Krisenmanagement.
Die hektische Geschäftigkeit hat den Zweck, das Nachdenken über Gründe und Ursachen den selbsternannten ExpertInnen und PolitikerInnen zu überlassen.
Der grossspurig mit der Atomenergie parallelisierte Ausstieg aus der industriellen Landwirtschaft wird zur vergleichbaren Mogelpackung rot-grüner Reformpolitik.
Die Stellfläche pro Rind wird wohl etwas erhöht werden, die Subventionen werden tendenziell von Massenproduktion auf ökologische Standards, selbst angebaute Futtermittel und "artgerechte Haltung" - was immer das heissen mag - umgeschichtet.
Der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Landwirtschaftsfläche soll so in den kommenden Jahren von jetzt 2,6 auf das österreichische Niveau von rund 10 Prozent erhöht werden. :hihi
Dass sich damit grundsätzlich etwas an den gesellschaftlichen Bedingungen ändert, die zu BSE führten, darf aus libertärer Sicht stark bezweifelt werden. Und dass sich jede Agrarreform nach den Gesetzen des kapitalistischen Marktes richten wird, beweist schon das Festhalten der neuen Superverbraucherschutzministerin Künast an dem Vorhaben der Bundesregierung, zur Preisstützung mehr als 400.000 Rinder aufzukaufen, nur um sie dann zu verbrennen.
Wo sie nicht marktgerecht verwertet werden können, wo sie nicht als kapitalistisches Lebensmittel dienen, haben Tiere als Lebewesen kein Existenzrecht. Das ist der Imperativ der Fleisch-Demokratie. Wahrer VerbraucherInnenschutz führt aber nicht zu auch in der Krise noch konstruierten Bedürfnissen der VerbraucherInnen - Bio-Fleischer haben Hochkonjunktur und kommen mit den Aufträgen kaum nach -, er kann nur zu wirksamem Tierschutz führen.
Das Polit-Management in der BSE-Krise
BSE gibt es nicht erst seit gestern. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass BSE durch Nahrungsmittelübertragung beim Menschen zu einer neuen Form der Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJK) führt. In Grossbritannien sind mehr als 180.000 Fälle verseuchter Rinder bekannt.
Schätzungen zufolge waren allein dort 750.000 verseuchte Rinder unerkannt im Handel. Zur Zeit sind dort 88 Menschen an BSE-verursachter CJK erkrankt, höchstwahrscheinlich werden mehr als 200.000 Menschen allein in Britannien daran sterben.
Auf dem Höhepunkt der britischen BSE-Krise wurden 14.000 Rinder in die BRD exportiert, zwischen 1987 und 1989 wurden 1200 Tonnen verseuchtes Tiermehl aus England eingeführt, jährlich bis zu 17000 Tonnen kamen aus anderen Ländern, in denen es bereits BSE-Fälle gab. Diese Fakten sind heute in jeder billigen Illustrierten nachzulesen.
Und was machten die deutsche Agrarlobby und mit ihnen die PolitikerInnen im Grunde die ganzen letzten Jahre hindurch? In nationalistischer und schlimmer antibritischer Selbstherrlichkeit erklärten sie die BRD ohne flächendeckende Kontrollen für BSE-frei.
Eine Werbekampagne der Fleischindustrie ließ Aufkleber mit "Deutsches Rindfleisch" über die Theken kleben wie ein Gütesiegel und deutsche PolitikerInnen gingen gegen EU-Richtlinien vor, Gehirn und Rückenmark von Rindern gar nicht erst in den Handel kommen zu lassen - deutsches Rinderhirn und - mark sei nicht betroffen. Angesichts dieser arroganten Hirnlosigkeit - im wahrsten Sinne des Wortes - kann man/frau die internationale Schadenfreude über die weltweite Inkriminierung deutscher Wurst, die kürzlich die inländische Fleischindustrie heimsuchte, nur teilen.
Und selbst als das erste deutsche BSE-Rind in Norddeutschland nachgewiesen wurde, entblödete sich Stoiber nicht, als allererstes Bayern für BSE-frei zu erklären. Diese Anfälle von rein menschlichem Wahnsinn bei der Fleischindustrie und bei PolitikerInnen haben das Vertrauen der Menschen zunächst einmal tief zerstört: sie glauben nichts mehr - und das ist gut so.
Die industrialisierte Fleischproduktion
Etikettenschwindel bei Fleischprodukten, mangelnde Kontrollen, ungenaue Deklarationen beim Tierfutter, Schiebereien von infizierten Produkten und Rindern, neue Ekelbegriffe wie "Separatorenfleisch" - was jetzt an die Öffentlichkeit kommt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die industrialisierte Fleischproduktion, ja Landwirtschaft, so heißt es, sei an einem Wendepunkt angelangt: es werde immer schneller, unter immer größerer Vernachlässigung von Qualitätskriterien produziert, um die Produkte immer billiger zu machen - das sei nicht mehr haltbar.
Die politische Lösung wird auch gleich mitgeliefert: wer mehr Qualität will, muss auch mehr zahlen - dabei beweist jede Food-Coop, jede direkte ErzeugerInnen-VerbraucherInnengemeinschaft, die die Grossvermarktungsbürokratie der Agrarindustrie umgeht, seit zwei Jahrzehnten das Gegenteil, aber das sei nur nebenbei vermerkt.
Ist es wirklich ein Wendepunkt? Und die BSE-Krise damit eine Fehlentwicklung, die eben durch eine andere Agrarpolitik gelöst und von den VerbraucherInnen bezahlt werden kann?
Oder geht es hier nicht vielmehr um ein grundlegendes Prinzip kapitalistischen Wirtschaftens?
"Wer gegen konkurrierende Anbieter sich durchsetzen will, muß den Imperativen gehorchen, die maximalen Gewinn durch Senkung der Kosten (und sei es durch Hormonzusatz zum Futter), Erhöhung der Stückzahl (ob Autos, Kälber oder Maschinengewehre) und Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit (die zur Herstellung einer Ware erforderlich ist, eben der Aufzuchtzeiten für Kälber etwa) erzielen."
Das stand übrigens in einer Analyse eines der letzten Skandale der Fleisch-Demokratie 1988 in der GWR: dem Kälberskandal.
Auch damals wurden hormonverseuchte Rinder massenhaft notgeschlachtet. Auch damals wurde eine Kehrtwende in der Agrarpolitik versprochen. In der GWR wurde kommentiert: "Es ist denkbar, daß über veränderte Gesetze, Verordnungen, höhere Preise für nicht-industrielle Produkte die Richtung verändert wird. (...)
Aber was ändert das?" Nichts, wie wir heute wissen. Der Kälberskandal wurde gerade wegen der damaligen politischen Geschäftigkeit - wie so mancher weitere Lebensmittelskandal - ausgesessen. Es spricht nichts dafür, dass das heute anders werden sollte.
Das billige Fleisch, die totale Verwertung des Lebewesens Tier, steht eben nicht am Ende der industrialisierten Landwirtschaft, sondern genauso am Anfang, ja es ist seine Grundlage.
Niemand hat das literarisch besser beschrieben als der US-amerikanische Sozialist und große sozialkritische Romancier Upton Sinclair in seinem wichtigsten und gleichzeitig weltweit erfolgreichsten Buch "Der Dschungel", in welchem er mit der industrialisierten Fleischproduktion im damaligen Zentrum kapitalistischer Industrialisierung in den USA, Chicago, abrechnete, und zwar den haarsträubenden Bedingungen für ArbeiterInnen sowohl wie für die Tiere.
Da erzählt z.B. ein Fleischkonservenarbeiter von seiner Arbeit:
"Bei Durham (ein US-Fleischtrust um 1900, Red.) seien die reinsten Alchimisten am Werk; man (...) preise ein 'Hühnerragout' an - und das sei wie die aus den Witzblättern her bekannte Hühnersuppe im Wirtshaus, durch die ein Huhn in Gummigaloschen hindurchgelaufen war.
Wer weiß, vielleicht habe man ein Geheimverfahren, Hühner chemisch herzustellen; was in das Ragout hineinkommt, sei jedenfalls nichts anderes als Kaldaunen, Schweinefett, Unschlitt, Rinderherzen und schließlich noch, wenn gerade angefallen, Kalbfleischreste.
Diese Mixtur werde in verschiedenen Qualitäts- und Preisklassen angeboten, der Inhalt aller Büchsen aber komme aus ein und demselben Pott.
Es gebe auch noch 'Wildragout' und 'Wachtelragout', ja sogar 'Schinkenragout', außerdem eine 'Schinkenpaste' - von den Arbeitern 'Stinkepaste' genannt.
Die bestehe aus Abfällen von geräuchertem Rindfleisch, die zu klein sind, um von den Maschinen noch aufgeschnitten werden zu können, aus Gekröse, das chemisch gefärbt ist, damit es nicht weiß durchschimmert, aus Resten von Schinken und Corned Beef, aus Kartoffeln, mit Schale und allem, und schließlich aus knorpeligen Rindergurgeln. Diese einfallsreiche Mischung werde durch den Wolf gedreht und dann stark gewürzt, damit sie nach etwas schmeckt."
Das war 1900. Und jetzt das Jahr 2000, Udo Pollmer, ein Kritiker der Fleischwirtschaft, über die Qualität der ca. 300 deutschen Wurstsorten:
"Der Verbraucher muss sich darüber im Klaren sein, dass er die Tierprodukte, die er beim Metzger nicht kauft, weil es ihn davor graust oder Verbraucherschützer ihn davor gewarnt haben, also Nieren, Lunge, Schweinemicker - das ist das Gekröse -, Kutteln, Milz, Magen und Vormagen, in der Wurst wiederfindet. Der Fleischer wirft das Zeug ja nicht in Rhein, Spree oder Elbe."
Hat sich da in 100 Jahren irgendwas grundsätzlich verändert? Wirklich nicht. Upton Sinclair hat für seine Romanbeschreibungen damals gut recherchiert. Da das Buch ein internationaler Renner wurde, sah sich die US- Regierung gezwungen, die Angaben zu überprüfen. #
Dazu Sinclair-Herausgeber Dieter Herms: "Zwei Referenten begaben sich nach Chicago, um im Auftrage des Weißen Hauses zu recherchieren. Sie kamen zurück mit einem Bericht, der Sinclairs Funde voll inhaltlich bestätigte, mit einer Ausnahme: Es gab keine Evidenz für die Behauptung, daß Arbeiter, die in die Brühkessel gefallen waren, als 'Armours Feinschmalz' in die Welt hinausgingen."
Sinclairs Buch produzierte einen frühen Skandal in der Fleischindustrie. Schon damals forderte eine erschreckte Öffentlichkeit eine Wende in der Fleischproduktion und minimale Qualitätsverbesserungen wurden durchgeführt - sehr viel später auch bei den unmenschlichen Arbeitsbedingungen, die Sinclair in seinem Roman noch stärker in den Mittelpunkt stellte und schließlich zu einem flammenden Aufruf für den Sozialismus ummünzte. Und hier haben wir einen entscheidenden Unterschied zwischen dem damaligen Beginn und der heutigen angeblichen Wende in der industrialisierten Fleischproduktion: heute redet niemand vom Sozialismus als einer Lösungsmöglichkeit der BSE- Krise! Genau das aber wäre nötig, wenn es eben nicht mehr so weiter gehen sollte wie bisher!
Chicago
Die USA waren die erste Industrienation, die die Landwirtschaft komplett industrialisierten. Und die Chicagoer Fleischproduktion, in der ImmigrantInnen aus verarmten europäischen Ländern unter unglaublichen Bedingungen arbeiteten, wurde schnell zum Prototyp der modernen, organisierten, arbeitsteilig strukturierten kapitalistischen Industriegesellschaft.
Am Anfang des Romans beschreibt Sinclair die Struktur der Chicagoer Stockyards sehr plastisch: "Die Yards dehnen sich über eine Fläche von mehr als einer Quadratmeile aus, und über die Hälfte davon nehmen Rinderpferche ein; nach Norden und Süden erstreckt sich, so weit das Auge reicht, ein einziges Meer von Pferchen, Buchten und Boxen. Und die waren jetzt alle voll - nie hätte man gedacht, daß es so viele Rinder überhaupt gab
(...), sanftäugige Milchkühe und wilde Texas-Jungochsen." Sie werden - Kennzeichen der arbeitsteiligen Industrialisierung - nicht mehr auf den Bauernhöfen geschlachtet, sondern kommen aus allen Teilen der USA nach Chicago, und zwar in Viehwaggons der Eisenbahn.
Die litauischen EinwandererInnen von Sinclairs realistischem Roman "standen in der Nähe des östlichen Eingangs, und die ganze Ostseite der Yards entlang laufen die Bahngleise, auf denen die Schlachttiere herangebracht werden. Die Nacht hindurch wären ununterbrochen Viehwagen gekommen, erklärte Jokubas, und jetzt seien die Pferche voll; am Abend würden sie sämtlich wieder leer sein, und dann gehe das Ganze von neuem los. 'Und was geschieht mit diesen vielen Geschöpfen?' rief Teta Elzbieta. 'Bis heute abend sind sie alle geschlachtet, ausgenommen und zerteilt', antwortete Jokubas. 'Dort drüben hinter den Fleischfabriken befinden sich noch mehr Gleise. Die sind zum Abtransport.' In den Yards gebe es zweihundertfünfzig Meilen Eisenbahnschienen, berichtete ihr Führer weiter.
Auf ihnen kämen jeden Tag rund zehntausend Rinder angerollt, die gleiche Anzahl Schweine und halb so viele Schafe - das bedeute, daß hier im Jahr acht bis zehn Millionen Lebendtiere zu Fleisch verarbeitet werden. Während man so stand und schaute, erkannte man allmählich, wohin die Flut ging, nämlich in Richtung Fleischfabriken.
Gruppenweise wurden die Rinder auf die Rampen getrieben, etwa fünf Meter breiten massiven Stegen, die über den Pferchen entlangliefen. Auf diesen Rampen zog ein nicht abreißender Strom von Tieren dahin; es war geradezu unheimlich mit anzusehen, wie sie ahnungslos ihrem Schicksal entgegendrängten, ein wahrer Todeszug. Unsere Freunde waren nicht poetisch veranlagt, und der Anblick bewog sie nicht zu Vergleichen mit dem Menschenlos; sie dachten nur daran, wie großartig das alles organisiert sei. Die Rampen für die Schweine führten weit hinauf, bis zu den obersten Stockwerken von Gebäuden im Hintergrund, und Jokubas erklärte, für den Transport der Schweine nutze man deren eigene Kraft: für den hinauf ihre Muskelkraft und für den wieder herunter - durch all die für ihre Umwandlung in Büchsenfleisch nötigen Verarbeitungsprozesse hindurch - ihre Schwerkraft. 'Hier wird überhaupt nichts ungenutzt gelassen', sagte er, lachte und fügte ein Witzchen hinzu, von dem, wie er zu seiner Freude merkte, die anderen in ihrem schlichten Gemüt annahmen, es stamme von ihm: 'Vom Schwein bleibt absolut nichts unverwertet - bloß für das Quieken hat man noch keine Verwendung gefunden.'"
Das wurde 1906 geschrieben.
Die industriell-kapitalistische Fleischproduktion kann nicht reformiert werden, sie muss abgeschafft werden.
Freiheitlicher Sozialismus als Vegetarismus
Die derzeitige Hochkonjunktur von Bio-Landwirtschaft und Bio-Fleischertum führt daher in eine perspektivische Sackgasse - verspricht einen billigen Ausweg, um das ganze Falsche am Laufen zu lassen. "'Wir wissen ganz genau, was der Verbraucher will', sagt Professor Stefan Dabbert, Experte für Ökolandbau von der Universität Hohenheim. 'Das Produkt darf nicht mehr als 30 Prozent teurer sein als das normale, es muss im Supermarkt erhältlich sein, es muss ein großes Sortiment geben, und es muss ganz leicht als Bio erkennbar sein.'"
Das ist die alte Fleisch- Demokratie in reformierter Form. Doch so einfach sollte mit BSE nicht umgegangen werden, wie auch erste Fälle zeigen, bei denen BSE in ökologisch korrekt wirtschaftenden Betrieben nachgewiesen wurde.
Dabei ist das gar nicht der biologischen Landwirtschaft vorzuwerfen, es dreht sich eher um das zentralistisch-industrialisierte Umfeld, das dadurch als Normalfall der Produktion nicht angetastet wird und in das die Bio-Höfe im Kapitalismus unweigerlich verflochten sind.
Und jede Food-Coop ist unterstützenswert, aber es besteht wenig Aussicht, dass sie aus ihrer nicht- marktwirtschaftlichen Nischenexistenz herauskommt. Warum? Weil das dahinterstehende Gesellschaftsmodell dann eine bäuerliche Kleinwirtschaft und eine damit verbundene drastische Reduktion der industriellen Arbeitsteilung wäre.
Das ist nicht nur nicht vorstellbar, weil es heute nur noch einen Bruchteil Bauern/Bäuerinnen im Vergleich zu den Zeiten vor der industrialisierten Landwirtschaft gibt. Es wirkt auch unattraktiv - und wer den enormen Zeitaufwand, den der Aufbau einer direkten ErzeugerInnen-VerbraucherInnen-Beziehung mit sich bringt, schon einmal am eigenen Leibe erlebt hat, weiss davon ein Lied zu singen. Das kann also nur ein Teil - und nicht der zentrale - der Lösung sein. Zu dieser Perspektive war in der GWR schon beim Kälberskandal zu lesen:
"Der bäuerliche Familienbetrieb (wahlweise Alternativ-Kommune) mache einen anderen Umgang mit den Tieren möglich. Artgerechte Haltung, Freilauf: gar ein 'persönliches Verhältnis' zum Tier verspricht sich die Opposition davon. Das stimmt zum Teil, hat für mich aber doch den Beigeschmack: falsche Idylle gegen wirkliche Industrie und real existierenden Kapitalismus. (...) Einmal sollten wir den bäuerlichen Familienbetrieb und das alte Bauerntum nicht idealisieren: das Leben war hart, die Menschen oft roh, die Familienstruktur patriarchal... Aber dahin gibt es ohnehin keinen Weg zurück, die Mentalitäten und Bedürfnisstrukturen sind zu weitgehend verändert. Vielleicht ist, was für das alte Bauerntum selbstverständlich und alternativlos war, für Menschen, die heute nach den Grundlagen und der Beseitigung von Herrschaft fragen, ein Problem. Ich reiße hier die Frage nur an: Ist uns eigentlich die Vorstellung sympathisch, daß ein Bauer oder eine Bäuerin 'noch ein persönliches Verhältnis' zu einem Tier hat, es streichelt und beim Namen nennt - um ihm dann mit sicherer Hand die Kehle durchzuschneiden?"
Upton Sinclair hat sich in seinem Roman ebenfalls mit diesen Fragen beschäftigt.
Und er propagiert am Ende des Romans durch feurige Reden und hitzige politische Diskussionen hindurch eine vegetarische Sozialismusvorstellung.
Sozialismus in Sinclairs Verständnis bedeutet im Gegensatz zur Fleisch-Demokratie, dass Lebewesen zunächst als solche, und nicht als Lebensmittel betrachtet werden.
Sinclair lässt am Ende des Romans einen "philosophischen Anarchisten", mit Namen Schliemann, dozieren: "Nehmen Sie Kropotkins 'Landwirtschaft, Industrie und Handwerk' und lesen Sie über die neue Agrarwissenschaft, die in den letzten zehn Jahren entwickelt worden ist.
Mit deren Hilfe können Obst- und Gemüsefarmer bei entsprechend vorbereitetem Boden und Intensivkultur in einer einzigen Reifeperiode zehn bis zwölf Ernten erzielen."
Schliemanns Lösung für eine nicht konkurrenzförmig organisierte, sozialistische Nahrungsmittelproduktion geht in Richtung wissenschaftliche Automation: "Kommunismus in der materiellen Produktion, Anarchismus in der geistigen", wobei ihm die geistige Produktion das wahre Menschsein ausmacht. Diese Perspektive ist sicherlich zu technizistisch - eine Verbindung aus Kropotkins wissenschaftlich- moderner Vorstellung und den Erfahrungen des realen dezentralen Bio-Landbaus wäre wohl wünschenswert. Sinclair lässt seinen philosophischen Anarchisten weiter reden:
"Außerdem ist erwiesen, daß der Mensch kein Fleisch braucht. Und Fleisch ist doch unstreitig schwerer zu erzeugen als pflanzliche Nahrung, unangenehmer zu verarbeiten und auch leichter verderblich. (...) Solange wir Lohnsklaverei haben, spielt es überhaupt keine Rolle, wie erniedrigend oder abstoßend eine Arbeit ist - es läßt sich ja leicht jemand finden, der sie macht.
Aber sobald die Arbeiter befreit sind, wird der Preis für solche Arbeiten steigen. (...) Proportional dazu, wie sich die Bürger unserer Industrie-Republik kultivieren, werden sich die Schlachthausprodukte von Jahr zu Jahr verteuern, bis schließlich, wer Fleisch essen will, selber schlachten muß - und wie lange, glauben Sie, wird sich der Brauch dann noch halten?"
Das ist der Zusammenhang von Vegetarismus - der als Vorform oder Ergänzung und nicht in dogmatischer Weise als Gegensatz zum VeganerInnentum verstanden werden sollte, wie viele sektiererische Vegangruppen meinen - und Sozialismus: "Um Grausamkeit und Ausbeutung gegen Tiere nicht wahrzunehmen, müssen die Menschen selbst unter der Herrschaft so gequält worden sein, daß sie nur weitergeben, nachvollziehen, anwenden, was ihnen doch nur immer neu an Leiden zugefügt wird: (das) Recht des Stärkeren. Sich selbst so fremd, daß Lohnarbeit ihnen normal erscheint oder eine Ausbildung, die auf das Abschlachten anderer Menschen orientiert (Wehrpflicht etwa), können sie auch Verstümmelungen anderer: die Leiden, die Gewalt den immer noch Wehrloseren zufügt, nicht erkennen. Daß viele lieber wegschauen, zeigt noch die Abwendung vom Terror. Aber erst das Hinschauen und schließlich das Begreifen der Schlachthäuser als Symbole einer Epoche, dann der Wille, diese zu beenden, wird uns der gewaltlosen Gesellschaft annähern." (15)
Der Sozialismus kann nur vegetarisch/tierschützerisch sein - oder er ist nicht! Ein neuerlicher Beweis dafür, dass er in der staatskapitalistischen Sowjetunion nie existierte... Anstatt die Bedingungen für die Herstellung von Bio-Fleisch zu verbessern, wäre demnach ein Vorschlag für eine libertäre Lösung der BSE-Krise, den Zivilisationsprozess "eher voranzutreiben als zurücknehmen zu wollen, was für unser Thema hieße" (16): die vegetarisch-sozialistische Gesellschaftsperspektive überhaupt erst wieder denkbar und durchsetzbar zu machen!
Frank Tiresias
http://www.graswurzel.net/256/bse.shtml
"Der gute Sozialist isst kein Fleisch? Und wenn ja, nur Selbstgezogenes!"
Die Geschichte läuft woanders hin:
Der moderne Prolet braucht doch nur mehr TV, PC Convenience und Pringles.
Schon in Kürze wird es für den Durchschnittsfuzzi noch schwieriger werden, zu einem Stück Land zu kommen. Die Schrebergärten wurden zu Parkplätzen und Industrieparks umbetoniert, und der Garten des eignen Häuschens ist zu klein für Selbstversorgung. Reicht grad für Koniferen, einen Biotümpel für den Hausfrosch, ein paar Narzissen und zwei Sträusschen Schnittlauch.
:hihi
mal was aus der vergangenheit. oder zukunft? interessant, daß es doch noch unerklärliche dinge gibt
http://www.fosar-bludorf.com/ural/
Original geschrieben von lupo
mal was aus der vergangenheit. oder zukunft? interessant, daß es doch noch unerklärliche dinge gibt
http://www.fosar-bludorf.com/ural/
:hihi :hihi :hihi
Tja, Lupo, Erich von Däneken hätte seine Freude daran.
Für mich ist es schon schwierig genug, das "Erklärliche" zu überblicken.
"Unerklärliche Dinge" sind daher momentan noch ausserhalb meines Focus.
Auch, weil mein Aspirinvorrat zu klein dafür wäre...
:hihi :hihi :hihi
Original geschrieben von Ibykus
In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein sehr interessantes 1500-Seiten-Buch hinweisen: GLOBAL 2000 - Der Bericht an den Präsidenten
Diesen Wälzer habe ich vor 10 Jahren durchgeackert und einen Schulvortrag gestaltet. Es geht dabei um die Folgen der Umweltzerstörungen.
http://www.a-b-i-s.de/a21/aeg/global2000.jpg
Im Folgende nundie größere Hausarbeit von 1997, die ich auf Grundlage des Schulvortrages für ein erneutes Umweltthema erarbeitet habe.
:D
DIE FOLGEN DER BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG UND DES RESSOURCENVERBRAUCHES AUF DIE UMWELT
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort
Einleitung
1. Traditionelle Kulturen
1.1. Viehhaltung
1.2. Ackerbaut Wanderfeldbau
2. Industrielle Kulturen
3. Energieverbrauch
3.1. kommerzielle Energie
3.2. nicht-kommerzielle Energie
4. Wälder
5. Nahrungsmittel/ Landwirtschaft
6. Küstenentwicklung/ Küstenverschmutzung
7. Wasser
7.1. saurer Regen
7.2. Wasserkraftwerke
7.3. Krankheiten
8. Treibhauseffekt
9. Ozonloch
DIE FOLGEN DER BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG UND DES RESSOURCENVERBRAUCHES AUF DIE UMWELT
VORWORT
Am 23. Mai 1977 führte US-Präsident Carter vor dem amerikanischen Kongress aus: "Umweltprobleme machen nicht Halt an Ländergrenzen. Im vergangenen Jahrzehnt haben wir und andere Nationen die Dringlichkeit internationaler Anstrengungen zum Schutz unserer gemeinsamen Umwelt erkannt.“ In diesem Zusammenhang forderte er das Außenministerium, das Umweltministerium, die Nationale Wissenschaftsstiftung, die Nationale Ozean- und Atmosphäre-Institut auf, eine einjährige Untersuchung über die voraussichtlichen Veränderungen der Bevölkerung, der natürlichen Ressourcen und der Umwelt auf der Erde bis 2000 durchzuführen, um eine Grundlage für die längerfristige Gesamtplanung zu besitzen. Das Ergebnis wurde 1980 in dem Buch "The Global 2000 Report to the President" veröffentlicht. Die wichtigsten Prognosen, Analysen, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen hieraus sind in dieser Hausarbeit enthalten. (S. 103)
EINLEITUNG
Das Bevölkerungswachstum hält weiter an. Durch die immer größer werdende Anzahl von Menschen auf der Erde steigt die Inanspruchnahme von Ressourcen und damit die Belastung der Umwelt. Für das Jahr 2000 wird eine Gesamtbevölkerung von mindestens 6 Mrd, Menschen erwartet, wobei die unterentwickelten Länder neun Zehntel des Gesamtzuwachses tragen werden. Zwar beginnen die dortigen Geburtenraten aufgrund gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fortschritte, hauptsächlich Methoden zur Familienplanung, zu sinken, aber durch steigende Lebenserwartung bleibt ein Geburtenüberschuss beim Verhältnis Geburtenrate/ Sterberate als Zuwachs bestehen. Um die direkten Folgen dieser Entwicklung für die Umwelt aufzuzeigen, ist es zweckmäßig, die Kulturen der Welt in die Kategorien "traditionelle" Kulturen (auch "unterentwickelte Länder") und "industrielle" Kulturen (auch "entwickelte Länder") einzuteilen. (S. 498- 501)
1. Traditionelle Kulturen
Unter den traditionellen Kulturen versteht man diejenigen, die das, was sie zum Leben brauchen - Nahrungsmittel, Energie, Bekleidung, Unterkunft - hauptsächlich aus ihrer lokalen Umwelt beziehen und nicht oder nur teilweise auf regionalen oder internationalen Handel angewiesen sind. Aufgrund ihrer Abhängigkeit zur lokalen Umwelt kennen sie aus eigener Erfahrung, welche Folgen ihre Anzahl und ihre Bedürfnisse für die Umwelt haben können. Deshalb ist das Bewusstsein für eine gesunde Umwelt hier stärker ausgeprägt und somit leben sie in einer harmonischeren Beziehung zur Umwelt.
Aber im Zuge der Ausdehnung der industriellen Kulturen wurden die traditionelle Kulturen durch Handel, Medizin, Technologie und andere Faktoren in ihrer Lebensweise, ihren Wertvorstellungen und ihrer Beziehung zur Umwelt negativ beeinflusst. Deshalb kann es leicht geschehen, das eine solche traditionelle Kultur wegen steigender Wachstumsraten an die Grenzen ihrer Fähigkeit zur Lebenserhaltung stößt. Die Folge sind Einbußen in der Lebensqualität, Konflikte wegen der Verteilung knapper werdender Ressourcen und die Verringerung der Fähigkeit der Umwelt, Leben zu erhalten.
In Bezug auf die Umwelt haben drei Formen der traditionellen Kulturen besondere Bedeutung: solche, die auf Viehhaltung beruhen, solche, die Wanderfeldbau betreiben und solche, die Wälder abholzen und zum sesshaften Ackerbau übergehen. (S. 501 -502)
1.1 Tierhaltung
Die Hirtenvölker der Erde haben beim Halten ihrer Herden eine große Verantwortung, da zwischen der Produktivität des Ökosystems und der Größe der Herden immer ein gesundes Verhältnis herrschen muss. Aber durch zunehmende Bevölkerung, die zur Sicherung der Nahrung eine größere Anzahl an Vieh benötigt, und durch die Tradition, zur Widerspiegelung des Reichtums große Herden aus Rindern, Kamelen, Schafen und Ziegen zu besitzen, kommt es zur Überweidung und damit verbunden zu einer Verschlechterung oder Zerstörung des Weidelandes. Die Fähigkeit der Pflanzen, die Trockenheit zu überstehen, wird zerstört, und somit ersetzt die Natur im Laufe der Zeit Futterpflanzen durch Unkrautarten. Unaufhaltsam wird somit die Erosion und die Verwandlung produktiver Weideflächen in wüstenähnliche Ödländer mit Gestrüpp mit niedrigem Futterwert gefördert -schlechte Aussichten, zumal es im Jahr 2000 weltweit 1,6 Mrd. Rinder und 1,7 Mrd. Schafe und Ziegen geben wird. Besonders betroffen sind die Gebiete in Sahel -und Sudan-Zonen, im Nahen Osten und in Nordafrika. Um die Folgen des Überweidens zu verhindern, müssen die künftigen Herdengrößen nach den vorhandenen Futterressourcen eingerichtet und verbesserte Methoden der Weidewirtschaft eingeführt werden. (S. 503- 510)
1.2 Ackerbau/ Wanderfeldbau
Aber auch die traditionellen Kulturen, die Ackerbau (speziell Wanderfeldbau) betreiben, stellen zunehmend eine Belastung für die von ihr genutzte Umwelt dar, denn durch die auch bei ihnen steigende Bevölkerung sind in manchen Gegenden die Wanderfeldbauern bereits gezwungen, auf Böden auszuweichen, die eine längere intensive landwirtschaftliche Nutzung nicht aushalten können. Infolgedessen wird die Produktivität des bearbeiteten Landes geschädigt und seine Fähigkeit, Leben zu erhalten, vermindert.
Der Wanderfeldbau stellt an und für sich eine brauchbare und nützliche Vorgehensweise dar, denn er kann über längere Zeiträume mit geringem Energiebedarf aufrechterhalten werden, sodass er im Verhältnis zur Investition einen hohen Ertrag erbringt. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass er in Maßen, auf geeigneten Böden und für eine Bevölkerung betrieben wird, die ausreichend ernährt werden kann. Der wichtigste Punkt liegt aber darin, dass die genutzten Böden periodisch brach liegen müssen, damit sich die Fruchtbarkeit wiederherstellt. Da angesichts des Bevölkerungsdrucks ein angemessener Brachezyklus zu viel Zeit beansprucht, werden immer neue Gebiete, vorrangig Urwald, urbar gemacht. Dies geschieht in den meisten Fällen durch Brandrodung. Das beste Beispiel ist der tropische Regenwald im Amazonasbecken. Durch das Abbrennen so großer Pflanzenflächen werden große Mengen CO² freigesetzt, sodass die Luft verunreinigt und das Klima bedroht wird.
Infolge der nun kleiner werdenden Waldflächen aber sind die Wanderfeldbauern immer öfter gezwungen auf Land zurückzukehren, welches schon früher gerodet oder kultiviert worden ist. Dies hat zur Folge, das die Erholungsphasen für den Boden immer kürzer werden, Nährstoffe verloren gehen, vorhandene Pflanzen- und Tierarten abnehmen und sich allmählich anspruchslose Unkrautarten ansiedeln. Aus diesen Gründen sind die betroffenen Menschen auch gezwungen, Ackerbau an steilen Abhängen oder auf rotem Verwitterungsboden (Laterit) zu betreiben (zu diesen Auswirkungen siehe 4. Wälder).
Auf der UNO-Konferenz zur Wüstenausbreitung 1977 wurde von einigen Gebieten eine Abnahme der Bodenproduktivität bis zu 90% berichtet. Durch eine derartig intensive Bodennutzung hauptsächlich in Afrika, Asien und Lateinamerika besteht die große Gefahr, dass der Boden seine lebenserhaltenden biologischen Fähigkeiten verlieren wird. (S. 510 -513)
Durch die sich in vielen Entwicklungsländern verschlechternden Lebensbedingungen der Landbevölkerung (Armut, Hunger, Gesundheit) verstärkt sich die Abwanderung der Menschen in die Großstädte und deren Randbezirke. Die meisten von solchem Zuwachs betroffenen Städte haben selbst leere Kassen, sodass sie nicht in der Lage sind, den Zuwanderern und auch der bereits ansässigen Bevölkerung Arbeitsplätze, Wohnraum, Ausbildung, Gesundheitsversorgung, Abwasserbeseitigung und Wasserversorgung zu gewährleisten. Daher wird ein Großteil der Menschen auch in Slums leben. Die besten Beispiele sind Kalkutta, Rio de Janeiro, Mexico City und Bombay.
Durch sich somit verstärkende Probleme wie Hunger, Hygiene, Krankheit und fehlende Perspektiven könnte eine entgegengesetzte Abwanderungswelle aus den Städten auf das Land einsetzen. Doch dadurch wird die Situation nicht besser. Berechnungen zufolge wird es 2000 weltweit 400 Millionenstädte geben, wobei Mexico City mit 30 Mio. Einwohner der Spitzenreiter sein wird. (S. 44- 45)
2. Industrielle Kulturen
Wie die traditionellen Kulturen stellen auch die industriellen Kulturen eine wachsende Belastung für die Umwelt dar, welche sich in der Bevölkerungsgröße begründet. Denn jeder zusätzliche Mensch in der industriellen Gesellschaft beansprucht die Ressourcen in einem größeren Maße und verursacht durch Handel und Verkehr eine sich über ein größeres geographisches Gebiet ausbreitende Umweltbelastung als ein Mensch in einem Entwicklungsland.
Aufgrund der enormen Industrieproduktion ist bei den Industrienationen ein höherer Pro-Kopf-Verbrauch an Energie und Nahrungsmitteln festzustellen, was natürlich auf die Produktion zurückwirkt. Im Gegensatz zu den traditionellen Kulturen fallt stetig mehr (produzierter) Abfall an, darunter auch umweltschädlicher Abfall. Damit steigen für den Bürger die Gebühren für die städtische Müllabfuhr und die Kosten für die Müllbeseitigung. Eine erfolgreiche Abhilfe zur Rohstoffgewinnung aus Abfällen und die Verringerung deren Volumen ist das Recycling von Papier, Glas und Metallen. Zum Beispiel spart die Baustahlherstellung aus Schrott statt Eisenerz viel Energie und Wasser, senkt die Luftverschmutzung durch Immissionen und den Abraum in Bergwerken.
Die Menschen in den Industrienationen erfahren die von der Industriegesellschaft ausgehende Belastung auf die Umwelt nicht direkt, da sie von vielen schweren Umweltzerstörungen räumlich getrennt sind. Deshalb ist das Bewusstsein für Umweltschutz noch weniger stark ausgeprägt; und solange die Kosten für die Umwelt nicht im Marktpreis eingeschlossen sind, kann der Markt nicht zum Schutz der Umwelt funktionieren. (S. 513- 518)
3. Energieverbrauch
Eine sich weiterentwickelnde Weltbevölkerung bedarf einer immer größer werdenden Energiemenge. Dies trifft gleichsam für die entwickelten und für die unterentwickelten Länder zu, allerdings unterscheiden sie sich in der Art der Energiegewinnung/-erzeugung. Die entwickelten Länder beziehen ihre gesamte Energie aus Öl, Wind, Kohle, Erdgas, Kernkraftwerken, Wasserkraftwerken und von der Sonne. Die gewonnene Energie aus diesen Quellen nennt man kommerzielle Energie. Die unterentwickelten Länder erlangen ihre Energie jedoch aus Holz, Ernteabfallen, Holzkohle und Dung. Die aus diesen Quellen gewonnene Energie wird als nicht-kommerzielle Energie bezeichnet. (S. 728)
3.1 kommerzielle Energie
Um die natürlichen Energieträger (fossile Brennstoffe) Kohle, Öl und Erdgas für den Menschen nutzbar zu machen, bedarf es der Umformung durch Verbrennung. Bei diesem Vorgang aber werden große Mengen an Kohlendioxid, Kohlenmonoxyid, Stickstoffoxid, Schwefeldioxid und Staub freigesetzt, die nach ihrem Weg durch die Atmosphäre auch das Meer schädigen. Zudem fallen Verbrennungsrückstände (feste Abfälle) in Form von Schlamm und Asche an. Die Immissionen haben aufgrund der Verstärkung des Treibhauseffektes eine Klimaerwärmung zur Folge, und die Stickstoff -und Schwefelverbindungen sind die Ursache für sauren Regen (zu dessen folgen siehe 7. Wasser). Auch die sich ergebende einfache Luftverschmutzung beeinträchtigt die menschliche Gesundheit durch Atemwegserkrankungen und das ökologische System.
Aber nicht nur aus ihrer Verbrennung ergeben sich Gefahren für die Umwelt, sondern auch bei der Gewinnung und dem Transport. So kann bei der Kohleförderung die riskante Arbeit im Untertagebau zu Gesundheitsschäden bei den Arbeitern führen und durch mögliche Einstürze ist ihre Sicherheit unter Tage bedroht. Eine häufige Erscheinung beim Untertagebau für die Umwelt stellen Landabsenkungen dar. Die andere und einschneidendere Abbauart ist der offene Bergbau, denn dabei werden in großem Ausmaß natürliche Lebensräume zerstört und landwirtschaftliche Nutzflächen unproduktiv. Zusätzlich wird durch beide Kohleabbauarten das Wasser durch säurehaltige Minenabwässer verschmutzt. Diese Wasserverschmutzung und die Zerstörung der natürlichen Lebensräume haben zur Folge, dass Flora und Fauna zerstört und einzelne Tier -und Pflanzenarten in ihrer Existenz bedroht werden. (S. 743)
Die steigende Förderung von Erdöl hat vergleichbare folgen wie der Kohleabbau. So werden zur Deckung der Nachfrage immer neue Ölfelder erschlossen, wobei größtenteils wertvolle unberührte Natur zerstört wird. Und durch den wachsenden Transport von Öl mittels Supertankern auf den Weltmeeren steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bei Transportunfällen Öl ins Meer ausläuft (erinnert sei hier an die riesige Katastrophe des Tankers "Exxon Valdez" im Prinz-William-Sund vor Alaska 1989, als der Tanker auf ein Riff lief, somit 45 Mio. Liter Öl ins Meer flossen und die Brutgebiete von Seehunden, Seelöwen und Vögeln verseucht wurden). Die Zerstörung der Natur, Tankerunfalle und andere im Zusammenhang mit der Ölförderung- und verarbeitung stehende Verschmutzungen haben zur folge, dass Flora und die Gesundheit der Menschen nachhaltig geschädigt werden. (8. 744)
Außer der oben angesprochenen Luftverschmutzung halten sich die Umweltfolgen von Erdgas in Grenzen. Zu erwähnen ist, dass Erdgas jetzt immer mehr verflüssigt und dann ebenfalls wie Öl in Tankern über die Ozeane transportiert wird. Bei einem eventuellen Unfall an Land besteht durch das sehr leicht verdunstende Gas die Gefahr einer Explosion oder eines katastrophalen Brandes. Erdöl und Erdgas werden zu einem großen Teil auch aus dem Meeresboden abgebaut, was somit den Lebensraum Ozean direkt beeinträchtigt, denn durch chronische Ölverluste, die sich beim Abbau nicht vermeiden lassen, Ablagerung von Bohrschlamm und Bohrspänen auf dem Boden, den Bau von Plattformen und Pipelines und den damit verbundenen allgemeinen Beschädigungen werden Meer und Küsten verschmutzt, und die dort lebenden Organismen werden geschädigt. (S. 744)
Eine ganz andere Reihe von Problemen ergibt sich im Zusammenhang mit der Herstellung von Atomenergie. Zum Beispiel findet eine direkte Luftverschmutzung nicht statt, und auch muss wegen des hohen Wirkungsgrades von Uran viel weniger Land aufgewühlt werden. Doch ergeben sich für Gesellschaft und Umwelt besondere Probleme wie Reaktorsicherheit, internationale Sicherheit und Beseitigung radioaktiven Abfalls. Denn es besteht bei Kernkraftwerken die Gefahr eines Atomunfalles, wie 1957 in Windscale (Großbritannien), als die für die Produktion von Plutonium für Atomwaffen gebaute Anlage in Flammen aufging und drei Tage lang brannte, oder wie 1979 bei Harrisburg (USA), als der Reaktor heiß lief, oder 1986 in Tschernobyl (Ukraine), wo aufgrund einer Reaktorkernschmelze das Reaktorgebäude in die Luft gesprengt und tausende Menschen verstrahlt wurden. Durch eine Explosion wird viel radioaktive Strahlung freigesetzt, welche Flora, Fauna und Menschen verseucht und beim Menschen Erbkrankheiten hervorrufen kann. Außerdem entstehen Sachschäden in Milliardenhöhe. Aus diesen Gründen stellt das Vorhandensein von Anreicherungs- und Wiederaufbereitungsanlagen sowie von Kernkraftwerken einen bedeutenden Angriffspunkt für Terroristen dar. wodurch die Weltsicherheit erheblich gefährdet ist. Dazu trägt ebenfalls die weltweite Verbreitung von Atomwaffen bei.
Ein weiterer Nachteil der Atomstromproduktion ist das Anfallen von giftigen, langlebigen radioaktiven Abfällen, deren sichere Beseitigung umfangreiche Lager- und Aufbereitungsmöglichkeiten erfordert. Um diese zu realisieren, bedarf es spezieller Technologien, die natürlich hohe Kosten mit sich ziehen. In Bezug auf die Lagerung ist zu sagen, dass weltweit noch kein geeignetes Atommüllendlager gefunden ist und somit bisher nur Zwischenlager bestehen, die wie bei der Castor-Lagerung in Deutschland zu innerpolitischen Diskussionen führen. (S. 744- 746)
3.2 nicht-kommerzielle Energie
Die Umweltfolgen der Energiegewinnung in den unterentwickelten Ländern stellt sich noch schwerwiegender dar. Der Hauptgrund des Energieverbrauchs in diesen Ländern ist weniger die Wirtschaft, sondern die wachsende Stadt -und Landbevölkerung, die Energie zum Kochen und zum Heizen benötigt. Aufgrund ihrer Armut ist es ihnen aber nicht möglich, auf dem Weltmarkt Erdöl zur Deckung ihres Energiebedarfes einzukaufen, zumal die Ölpreise weiter steigen. Auch Kerosin und Flüssiggas werden teurer. Deshalb sind sie gezwungen, Holz, Holzkohle, Dung und Pflanzenabfälle zu verbrennen. Daher haben die Entwicklungsländer einen Anteil von 90% am Weltbrennholzverbrauch. Um an das Holz zu gelangen, werden entweder Wälder abgeholzt und fördert somit die Verödung des Landes (weiter siehe 4. Wälder) oder man sammelt das umherliegende Leseholz auf. Dieses Holzsammeln ist aber sehr zeitaufwendig, da bei der Suche immer weitere Strecken zurückgelegt werden müssen. Dies fuhrt dazu, dass weniger Zeit für andere Tätigkeiten bleibt und somit andere Bereiche, z.B. der Wirtschaft, vernachlässigt werden (in der Sahelzone z.B. ist die Brennholzsuche zur Ganztagsbeschäftigung geworden). Wegen der entstehenden Holzknappheit sind die Menschen gezwungen, Aufforstung zu betreiben. Wenn das Angebot sinkt und die Nachfrage gleich bleibt oder steigt, kommt es zu einer Erhöhung des Preises des Angebotes. So auch beim Holz. Daher weichen Menschen, die steigende Holzpreise nicht mehr bezahlen können auf andere Energiequellen, nämlich Dung und Pflanzenabfalle, aus. Man schätzt, dass jährlich 100 Mio. Tonnen Dung und Pflanzenabfalle zu diesem Zweck verbrannt werden (1 Tonne Kuhmist = 50 Kilogramm Getreide = 4 Monate Nahrung für 1 Menschen). Deshalb kommen diese Mengen nicht ihrem eigentlichen Verwendungszweck, der Düngung der FeIder, zugute, was zur Folge hat, dass der Boden wichtige Dünger wie Stickstoff, Phosphor oder Kaliumkarbonat nicht erhält und sich somit ein schleichender Nährstoffentzug einstellt. Fehlende Nährstoffe verursachen ein Abnehmen der Bodenfruchtbarkeit, welche letztlich eine sinkende Nahrungsmittelproduktion für Mensch und Tier bedeutet, da auch einst fruchtbare Weideflächen an Qualität abnehmen. Die Nutztiere geben somit weniger und nährstoffärmeren Mist ab, was zur Schließung des Kreislaufes führt. Für den Menschen (und auch für Tiere) haben die sich ausbreitenden Engpässe in der Nahrungsmittelproduktion zur Folge, dass durch den Hunger, der vorherrschender wird, die Gefahr des Verhungerns entsteht und deswegen Hungertod und Auswanderungen steigen.
In Bezug auf die Pflanzenabfalle gibt es eine umweltschonende Energiegewinnungsmethode, sogenannte Biogasanlagen. Dabei werden durch anaerobische bakterielle Verdauung, die in einer abgeschlossenen Grube stattfindet, Methangas und Kohlendioxid produziert. Durch einen dabei entstehenden Dreifacheffekt wird genügend Energie erzeugt, im Umwandlungsprozess werden Bakterien abgetötet und der zurückbleibende nährstoffhaltiger Matsch ist als guter Dünger verwendbar. Diese Methode wird hauptsächlich in China und Indien, aber auch Südkorea, Taiwan und Thailand gefordert und angewendet. Allerdings stehen ihr (noch) hohe Investitionskosten entgegen. Möglichkeiten zur Verringerung des Verbrauchs von Holz, Dung und Pflanzenabfällen wären der Gebrauch von Kerosin, bessere Öfen mit mehr Effektivität, Brennholzplantagen und die Nutzung von Sonne und Wind, die aber ebenfalls mit Mehrkosten verbunden sind. (S. 778- 786)
4. Wälder
Der nächste Schwerpunkt der Umweltvernichtung ist die Veränderung der Wälder. Jährlich werden weltweit circa 18 Millionen Hektar Wald vernichtet, und zwar vorrangig in den unterentwickelten Ländern. im Mittelpunkt der Gründe der Vernichtung steht natürlich die wachsende Bevölkerungszahl, welche einen steigenden Holzverbrauch mit sich zieht. Dieser begründet sich auf der größeren Nachfrage nach Baumaterial, Energieträgern in Form von Brennholz und Holzkohle, nach Papier, Edelmöbeln und Edelhölzern allgemein (durch den Edelholzexport sind die Entwicklungsländer in der Lage, viel Geld zu verdienen und somit ihre bei den westlichen Ländern entstandenen Schulden zu tilgen), und selbstverständlich auf dem größeren Bedarf an Nahrungsmitteln.
Um den Nahrungsmittelbedarf decken zu können, müssen zum einen die Viehbestände erhöht und mit ihnen die für sie notwendigen Weideflächen vergrößert und zum anderen neue Ackerflächen geschaffen werden. Um all diese Bedürfnisse erfüllen zu können, werden die Wälder gerodet oder abgebrannt. Die somit sinkenden Baumbestände verursachen einen statistisch kleineren Prokopfbestand an Langnutzholz, sodass es auf dem Handelsmarkt weniger Holz in Form von Brenn- und Baumaterial oder für andere Holzprodukte gibt. Ein Anstieg der Holzpreise ist daher unvermeidbar und bringt Veränderungen bei Industrie und Bevölkerung. Beispielsweise werden in der Industrie vermehrt Kunststoffe als alternative Ausweichmöglichkeiten zum Holz gewählt, aber auch die Bevölkerung in den unterentwickelten Ländern, die Holz kaufen muss, wird sich in bezug auf Feuerung auf das Verbrennen von Gras, Viehdung und Getreiderückständen umorientieren (siehe 3.2).
Um nun die entstehenden Versorgungslücken zu schließen, werden vielfach Maßnahmen der Neupflanzung durchgeführt, die, genauso wie die daraus resultierende Intensivierung, einen enormen Kostenaufwand bedeuten. Außerdem verleiten und zwingen Neupflanzung und Intensivierung zur Anwendung von Düngemitteln, Pestiziden und Herbiziden (siehe 5. Landwirtschaft).
Wie bereits erwähnt, bedarf die wachsende Bevölkerung zur Nahrungssicherung größerer Ackerflächen und Weideflächen für das Vieh. Die dabei durch Brandrodung oder Abholzung betroffenen Flächen, besonders Abhänge, die dadurch von Erdrutschen bedroht sind, bieten einen idealen Angriffspunkt für Erosion durch Wind und Regen. Wertvoller Mutterboden wird somit abgetragen. Bei der Abtragung des Material durch Wasser gelangt dieses nach und nach in die Flussbetten, erhöht den Wasserspiegel und führt zur Verschlammung und Versandung des Gewässers. Dadurch kommt es zu Beeinträchtigungen von Häfen, Städten, Bewässerungsanlagen und Transportsystemen. Zusätzlich treten Überflutungen auf, welche durch das dabei entstehende Auswaschen von Nährstoffen ein Absinken der Bodenfruchtbarkeit bewirken was, um die Produktivität zu erhalten, den Einsatz von Düngemitteln erforderlich macht, oder aber die Acker -und Weideländer gehen für die Nutzung gleich verloren. (S. 671- 700)
Da bei der Vernichtung und Zerrüttung von Wald auch empfindliche, unberührte Lebensräume, besonders tropische, angegriffen werden, kommt es zum Aussterben zehntausender, zum Teil noch nicht entdeckter Tier- und Pflanzenarten, die für immer verloren gehen. Der Wert dieser verlorenen Arten ist schwer einzuschätzen, denn sie hätten eine dauerhafte Quelle neuer Nahrungsmittel, Arzneien, Brenn -und Baustoffe und Schädlingsvertilger bilden können. (S. 86)
Wald geht aber auch durch Überflutung verloren, z.B. beim Anfüllen von Stauseen. Die Folgen von überhandnehmender und somit nicht mehr kontrollierbarer Brandrodung machte im September 1997 die Katastrophe der Brände der Regenwälder auf Sumatra und Borneo deutlich, da der Monsun, auf den man sich immer verließ, plötzlich zum erwarteten Zeitpunkt ausblieb. Der Smog, der sich in kurzer Zeit über ein großes Gebiet ausbreitete, stellt eine immense Belastung für die Atmosphäre dar und wird tausende Menschen aufgrund seiner Giftigkeit nachhaltig schädigen. Außerdem werden durch das Feuer viele Tier- und Pflanzenarten noch mehr vom Aussterben bedroht. Hinzu kommen werden beträchtliche Kostenaufwendungen zur Heilung der erkrankten Menschen und zum Ausgleich der für die Wirtschaft und den Tourismus entstandenen Verluste.
Die oben erwähnten steigenden Holzpreise werden bewirken, dass man sich verstärkt auf Investitionen in der Forstwirtschaft besinnen wird, fortlaufende Erträge gewährleisten zu können. Aus diesem Grund werden zur Erzielung maximaler Ausbeute Baumsorten angebaut, die besonders ertragreich sind. Durch solche Plantagen können zwar der Bedarf an Brennholz und Holzkohle gewährleistet und die natürlichen Baumbestände geschont werden, aber es kommt zur Entstehung von Monokulturen. Diese sind wegen ihrer genetischen Gleichheit äußerst anfällig für Schädlinge und Krankheiten, da die natürlichen Feinde der Schädlinge in der Monokultur keine Lebensgrundlage finden. Somit steigt die Gefahr des Auftretens von Epidemien, die letztendlich den Einsatz von chemischen Vertilgungsmitteln (Pestiziden) erforderlich machen.
Weiterhin tritt das Problem auf, das in diesen künstlichen Wälder im Gegensatz zum natürlichen Wald alle Bäume nahezu gleich alt sind und somit Wassereinzugsgebiete nicht so gut stabilisieren können. Außerdem wird durch den steigenden Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger die Vielfalt von Flora und Fauna der Natur außerhalb der Plantagen beeinträchtigt und dabei auch Seen und Flüsse verunreinigt. Diese ganzen Zusatzaufwendungen summieren sich so zu einem Berg an Mehrkosten, der dann durch größere Gewinne wieder wettgemacht werden muss. (S. 671 -700)
5. Nahrungsmittel/ Landwirtschaft
Wie bereits angesprochen, bedürfen die Menschen immer größerer Mengen an Lebensmitteln. Um dieses Mehr zu erwirtschaften, bietet sich als erste Möglichkeit eine Erweiterung der Kulturfläche an. Jedoch gehen solche Expansionen immer weiter zurück, da durch die Erschließung von Randgebieten oder weiter entfernten Gebieten unrentable Kapitalkosten entstehen. Das heißt also, dass infolge der verlangsamten Steigerung der Agrarfläche pro Hektar immer mehr Menschen versorgt werden müssen. Aus diesem Grund wird die zweite Möglichkeit, die Ertragssteigerung, zunehmend favorisiert. Diese wird durch drei Verfahren bewirkt: der Bewässerung (1975 wurden weltweit 223 Mio. Hektar Land bewässert), der Düngung und der Genetik. Die Bewässerung kann auf zweierlei Weise bewerkstelligt werden: durch Berieselung und durch den Bau von Kanälen. Doch beide Systeme haben negative Seiten, welche sich in der Versalzung, Versumpfung und Alkalisierung des Bodens zeigen. Bei der Berieselung und der Kanalbewässerung wird dem Feld meist durch ineffektive und schlecht organisierte Systeme mehr Wasser zugeführt als abfließen kann, sodass sich der Grundwasserspiegel allmählich anhebt und dabei die Bodensalze auflöst und herausspült. Aus den an die Oberfläche gebrachten Salzen bildet sich eine Kruste, deren Beseitigung einen hohen Kostenaufwand erfordert, doch manchmal müssen Gebiete wegen zu hohem Salzgehalt sogar aufgegeben werden. Davon besonders betroffen sind u.a. Irak, Syrien, Pakistan, Afghanistan, Peru und Argentinien.
Aber auch Technologien zur Entwässerung, um den Wasserspiegel wieder zu senken (Drainagen), fordern ihren Preis. Außerdem bieten Kanäle einen idealen Nährboden für Schnecken, Moskitos und Unkraut, die beim Menschen und vorrangig bei Kindern Bilharziose und Malaria auslösen können. (S. 592 -594)
Düngemittel enthalten als Grundstoffe Phosphor, Kalium und Stickstoff, wobei Stickstoff am gefährlichsten ist. Denn der vielfach verwendete Stickstoffdünger schädigt nach der Oxidation die Ozonschicht, führt zusammen mit Phosphor zur Eutrophierung, d.h. zur Zunahme von Nährstoffen in Gewässern. welche zu einem nachteiligen Wuchern bestimmter Pflanzenarten führt, und zur Verschlechterung des Grundwassers, welches letztlich in der Nahrungskette der Menschen endet. Wesentlich umfangreicher ist das Problem der Herbizide und Pestizide. (8. 602- 604)
Pestizide werden hauptsächlich auf Baumwolle, Tabak und Gemüse, weniger auf Getreide angewendet. Ein großer Verbrauch dieser Mittel ist in den Ländern Indien, Mexiko und Argentinien festzustellen. Weiterhin besteht in den Entwicklungsländern die Hälfte der verwendeten Pestizide aus organischen Chlorverbindungen, DDT, Aldrin und anderen Kohlenwasserstoffen. Das Hauptanwendungsgebiet für Herbizide liegt in der Anbaumethode "no-till planting", bei der der Boden nicht bestellt wird und die Rückstände der vorherigen Bepflanzung angebaut werden, also mit dem vorrangigen Ziel minimaler Bodenbearbeitung. Die pflanzlichen Rückstände bieten allerdings gute Brutplätze für Schädlinge, zu deren Bekämpfung es bei extremer Vermehrung des Einsatzes von Pestiziden bedarf. Dessen Folgen für die Umwelt sind zum einen die Anreicherung oder Konzentration in den Lebewesen, die vor allem durch das DDT entsteht.
Ein ebenso bedeutsames Problem ist die sich entwickelnde steigende Resistenz der Schädlinge gegenüber Pestiziden. Diese Resistenz entwickelt sich bei den Arten, auf die das Pestizid wiederholt angewendet wird. Das enthaltene Gift stellt eine Eingriff in den Fortbestand der Schädlingspopulation dar, so dass einzelne Lebewesen unter evolutionären Druck geraten, um der Wirkung der Gifte zu entgehen. Infolge der Anpassung entwickelt sich eine Immunität, welche die Art sich fortpflanzen und überleben lässt. Moskitos und Milben sind dabei besonders genetisch flexibel. Durch einen erneuten Befall von Pflanzen entstehen wieder Ernteeinbußen und damit verbunden eine Steigerung der Nahrungsmittelpreise, da die erlittenen Verluste ausgeglichen werden müssen. Außerdem wird die Entwicklung neuer und besserer Pestizide erforderlich, die natürlich viel Geld kostet.
Neben den künstlichen Schädlingsbekämpfungsmitteln gibt es auch natürliche Schädlingsvertilger wie räuberische Insekten oder Vögel. Diese sind aber selbst durch die Pestizide in ihrer Existenz bedroht, denn durch die Aufnahme vergifteter Insekten und durch das Pestizid selbst werden sie vergiftet. Leider sind diese natürlichen Feinde der Schädlinge infolge ihrer geringeren Fruchtbarkeit in ihrer Population weniger zahlreich vertreten, besitzen wegen des Mangels an genetischem Material weniger die Fähigkeit, um ihrerseits gegen Pestizide immun zu werden und bedürfen nach der Anwendung der Gifte einer längeren Erholungszeit. Darum besteht die Gefahr, in ihrer Anzahl so dezimiert zu werden, dass sie sich davon nicht mehr erholen können und deshalb oder durch Entzug der Nahrung lokal ausgerottet zu werden. Hauptsächlich sind davon räuberische Insekten betroffen. Ferner werden in Umgebungen, in denen keine natürlichen Feinde mehr vorhanden sind, ehemals harmlose Schädlinge zum Befall.
Um die Arbeit, die die nun fehlenden Schädlingsvertilger bisher verrichteten, zu ersetzen, wenden die Farmer noch stärker die Pestizide an, was natürlich rapide die Möglichkeit senkt, dass sich die Schädlingsvertilger wieder ansiedeln. Zusätzlich fuhrt dieses Mehr an Anwendung zu einer Investitionssteigerung und damit verbunden zu einer Preissteigerung bei Nahrungsmitteln. (8. 288, 605- 610)
Ein weiteres Verfahren, um die Erträge der Nahrungsmittelproduktion zu steigern, ist die Anwendung der Gentechnik. Dabei werden in Bezug auf die Landwirtschaft besonders ertragreiche Pflanzensorten von z.B. Mais, Reis und Getreide, sogenannte Schlüsselpflanzen, untereinander gekreuzt (Inzucht), um noch höhere Erträge zu erzielen. Mit dem Anbau so entstandener Pflanzenarten, die aufgrund der Inzucht eine immer höhere genetische Gleichförmigkeit besitzen, verdrängt man zunehmend die weniger ertragreichen, dafür aber genetisch vielfältigeren Nahrungsmittelpflanzen. Auf diese Weise entstehen auf den Feldern Monokulturen, so dass die ohnehin schon schmale genetische Basis der Pflanzen noch schmaler wird. Diese Monokulturen besitzen deshalb, wie schon beim Thema Wald als Monokultur angesprochen, eine weniger starke Widerstandsfähigkeit gegen Pflanzenkrankheiten wie z.B. Pilze, Kartoffelfaule, Maisbrand oder Weizenhalmrost. Daher sind die Pflanzenzüchter gezwungen, neue resistentere Arten zu züchten, um die Möglichkeit eines Befalls mit Krankheiten zu verringern. Als Grundlage für die Züchtung solcher Arten dient der Bestand der Zehntausenden von Genotypen, also der "wilden" Arten. Dabei gilt es allerdings zu beachten, dass weder die Produktivität vermindert, noch unerwünschte Merkmale der neu mit einbezogenen Art übernommen werden. Die Lebensräume dieser wilden Arten, aus denen ja die modernen Arten entstanden sind, werden aber ebenfalls mit der Zeit zerstört oder sie werden durch Hochertragssorten ersetzt, sodass einzelne Arten, welche die Bauern Jahrhunderte hinweg lokal entwickelt haben, aufgrund ihres nur lokalen Bestandes für immer verschwinden. Außerdem gehen mit dem Verlust dieser lokalen Sorten bestimmte Eigenschaften, wie z.B. Widerstandsfähigkeit gegen lokale Schädlinge und Krankheiten, verloren, welche die nun angesiedelte gezüchtete Art gebrauchen könnte.
Durch zwingenden Bedarf besonders ertragreicher Nahrungsmittelpflanzen werden viele Sorten mit sich gleichenden Genbeständen weltweit verbreitet. Wegen ihrer genetischen Uniformität sind sie daher gegen bestimmte Krankheiten resistent, und gegen bestimmte Krankheiten anfällig. Im Falle des Befalls einer Monokultur von einer artspezifischen Krankheiten oder von Schädlingen haben diese es leicht, auf benachbarte Monokulturen überzugreifen und sich so geographisch auszubreiten. Daher wächst die Gefahr von schwerwiegenden Epidemien, denn die Feldfrüchte sind diesen wegen ihrer geringen Widerstandsfähigkeit schutzlos ausgeliefert. Treten Epidemien auf, so können sie Ernteschäden oder sogar Missernten verursachen, welche die Bauern zwingen, zum Ausgleich des erlittenen Verlustes die Preise der Nahrungsmittel zu erhöhen. Außerdem zwingen sie zur Anwendung von Dünger und Pestiziden, die ebenfalls Geld kosten, und bringen die Gefahr von Hungersnöten mit sich. Somit ist der Mensch ebenfalls gefährdet. (S. 612- 620)
Die Viehzucht ist ebenfalls von ähnlichen Problemen wie die Landwirtschaft bedroht. Durch künstliche Besamung in Massentierhaltungen finden entscheidenden Veränderungen des Viehbestandes statt. Lokale Viehzüchtungen verschwinden vergleichbar schnell wie lokale Getreidearten. Hauptsächlich sind Rinder, Geflügel und Schweine von der Inzucht bedroht. Somit wächst auch hier die Gefahr von Tierepidemien, die sich nachteilig auf den Menschen auswirken können. (S. 618 )
6. Küstenentwicklung/ Küstenverschmutzung
Auch die Küsten bleiben von schädlichen Einwirkungen durch den Menschen nicht verschont, denn der Bevölkerungsdruck und der Bedarf an Energie und Gütern bewirkt, dass an den Küsten neue Industrieanlagen, z.B. Raffinerien und Kraftwerke, entstehen und neue Städten heranwachsen. Zusammen mit der Landwirtschaft, die sich notwendiger Weise entwickeln muss, zieht dies einen großen Bedarf an Wasser mit sich. Um diese entsprechende Wasserversorgung gewährleisten zu können, müssen Flüsse eingedämmt und Staudämme errichtet werden. Infolge der dabei einhergehenden Umleitung und Regulierung von Flussläufen kommt es zu Einschnitten in die Vielfalt der Flora und Fauna. Ebenfalls werden wertvolle Marschlandschaften und Mangroven, aber auch Korallenkolonien gefährdet und zerstört.
Um optimale Gegebenheiten für die neuen Siedlungen, die zu verändernden Flussläufe und Industrieanlagen zu schaffen, müssen in großem Umfang Baggerarbeiten betrieben werden, z.B. zwecks Landauffüllungen, besseren Hafenanlagen und Kanälen. Außerdem werden kommerzielle Baggerarbeiten zur Gewinnung von Kies und Korallen durchgeführt. Die dabei anfallenden Rückstände werden hauptsächlich gleich ins offene Meer oder in naheliegende Natur auf dem Land entsorgt. Ebenfalls entstehen durch Fabriken, Terminals und Andienungsstraßen Lärm, Wasser -und Luftverunreinigungen. Durch das Baggern an den Küsten kommt es vorrangig in den unterentwickelten Ländern zu Beschädigungen und Zerstörungen an bedeutsamen Korallenriffen. Dies bewirkt, dass der durch sie bewirkte Küstenaufbau und Küstenschutz verloren geht und die Vielfalt von Flora und Fauna beeinträchtigt wird. (S. 637- 638)
Bedingt durch die Veränderungen der Küsten und mit ihr verbundenen Aktivitäten besteht die Möglichkeit, dass sich nicht-eingeborene Wassertierarten ansiedeln. Dabei könnten sie, befreit von ihren natürlichen Feinden und Rivalen, beginnen, eingeborene, Wassertierarten zu jagen. Dies und die Wasser- und Luftverunreinigungen belasten die Produktivität, die Stabilität und die Mannigfaltigkeit der Ökosysteme und wirken sich negativ auf Flora und Fauna aus. Außerdem fallen Giftmüll, Abwässer, Abfalle, Schlick und Rückstände von Pestiziden, Herbiziden und Düngemitteln durch entstandene Landwirtschaft an, welche die Umwelt zusätzlich belasten. Z.B. wurde in den 70er Jahren in der Bucht von New York beobachtet, dass durch Parasiten und Sinkstoffe die Kiemen von Schalentieren verstopft wurden. Außerdem werden durch die Beseitigung von Abfallen ins Meer kommerzielle und biologische Prozesse beeinträchtigt, sprich Fischerei und das Leben von Meerestieren. Z.B. wurden von Seeschildkröten durchsichtige Plastikstück gefressen, weil sie sie für Quallen hielten.
Alle Faktoren zusammengenommen, die die Natur der Küsten belasten, können als Folgen die Schädigung der Zellen der Meereslebewesen, Veränderungen in biochemischen Reaktionen, der Aufbau von Krankheitserregern, Sauerstoffmangel und genetische Veränderungen auftreten, so dass letztendlich auch der Mensch als letztes Glied der Nahrungskette gefährdet ist. (S. 656- 659)
Die Bevölkerungsentwicklung hat im Hinblick auf die Ernährung nicht nur Auswirkungen auf die Landwirtschaft, sondern gleichermaßen auf die Fischerei. Dabei werden die herkömmlichen, traditionellen essbaren Meerestierarten stärker befischt, so dass diese Populationen einem großen Druck ausgesetzt werden, d.h. es kommt zu einer Übernutzung der Meerestierressourcen, die soweit gehen kann, dass einzelnen Arten in bestimmten Gebieten nicht mehr ansässig sind. Infolge dieser Überfischung wird zwangsläufig auf nicht-traditionelle Arten ausgewichen, die meistens auch einen geringeren wirtschaftlichen Wert haben. Ein wachsender Teil der Fänge wird auch zu Düngemitteln und zu Fischmehl für die Tierernährung verarbeitet. (S. 660- 661)
Unüberlegte und nur auf Profit orientierte Übernutzung führte und fuhrt zu einer bedrohlichen Reduzierung der Bestände an Meeressäugetieren, wie Wale, Tümmler, Delphine, Seehunde, Seelöwen, Seekühe, Seeotter und Eisbären. Je nach technischer Voraussetzung wurde teilweise nur gezielt eine Art gejagt. Wie überall im Ökosystem übt die Dezimierung einer Art Einfluss auf andere Komponenten des Lebensraums aus, z.B. das Verhältnis Jäger-Beute, Fleisch -und Pflanzenfresser. Somit wird die Stabilität des Ökosystems gefährdet. (S. 661- 663)
7. Wasser
Die wachsende Bevölkerung, die künstlich bewässerte Landwirtschaftfläche und die Industrie haben einen wachsenden Wasserbedarf, und rein statistisch ist genügend Süßwasser vorhanden. Aber aufgrund starker saisonaler und geographischer Ungleichmäßigkeiten entstehen die Extreme, dass Regionen, die Wasser benötigen, in ständiger Mangelwirtschaft leben, während andere ausreichend versorgt sind. In vielen Fällen auf der Erde gibt es große Flüsse, die von mehreren Ländern gleichzeitig genutzt werden. Besteht in diesen Ländern dann zusätzlich Wasserknappheit, dann besteht immer die Gefahr von Konflikten, wenn z.B. ein Land am oberen Flusslauf zur Deckung seines Energiebedarfs Staudämme baut. (701 – 702)
7.1 Regen
Ein Umweltproblem, das die Gewässer besonders beeinträchtigt, ist der saure Regen. Um den Energiebedarf zu decken, wird Kohle, Öl und Erdgas verbrannt. Bei diesem Vorgang werden Schwefeloxid -und Stickstoffoxid-Emissionen freigesetzt. Zwar gibt es Technologien zur Verringerung der Schwefeloxide, doch sind diese kostspielig. Diese Emissionen nun reagieren mit dem Wasser in der Atmosphäre zu Schwefelsäure und Salpetersäure. Diese Säuren gehen als Regen oder Schnee überall auf die Erde nieder und führen dazu, das der pH-Wert der Gewässer in den säurehaItigen Bereich absinkt. In einem extremen Fall wurde 1974 bei einem Unwetter in Schottland ein Säuregehalt des Regens von 2,4 registriert, welche vergleichbar mit Essig ist. (S. 706- 707)
Zu den feststellbaren Auswirkungen des sauren Regens zählt vor allem das Fischsterben in den Seen, denn ab dem pH-Wert von ca. 4 können Fische nicht mehr existieren. Davon besonders betroffen sind Gewässer in Schweden und Norwegen. Bei natürlichen Wälder bewirkt der Regen ein langsameres Wachstum der Bäume; auch hier ist ganz Skandinavien besonders betroffen. Ähnlich sind die Auswirkungen auf die Landwirtschaft, denn es wurde beobachtet, dass das Wachstum von Schößlingen zurückgeht, wenn der pH-Wert die Grenze von 3,2 erreicht. Wie anfällig ein Boden auf sauren Regen ist und wie er reagiert, hängt größtenteils vom Kalziumgehalt des Bodens ab, denn Kalzium puffert aufgrund seiner Eigenschaften die Erde gegen Ansäuerung ab, wird aber trotzdem von ihm ausgelaugt. Somit kommt es auch zur Auslaugung von Bodennährstoffen, die sich nachteilig auf die Ernte auswirkt. Eine Möglichkeit, der Übersäuerung zu begegnen, ist die Beigabe großer Mengen Kalk. Aber auch Bauwerke aus Sandstein und anderen Materialen sind der schädlichen Wirkung des sauren Regens ausgesetzt. (S. 707)
Besonders interessant und umfangreich ist die Auswirkung auf das natürliche Ökosystem. Durch die Veränderung des Säuregehaltes in Seen, Flüssen, Teichen und Pfützen wird bewirkt, das der Bakterienabbau zurückgeht, der organische Abfall zunimmt und somit Fungi dominierend werden. Vorhandene Nährsalze werden von Pflanzen aufgenommen, die einen niedrigen pH-Wert vertragen, z.B. Moose, Fadenalgen und Fungi. Weiterführend können sich nun dichte Verfilzungen dieser Organismen und organische Abfalle bilden, welche den Austausch mineralischer Nährstoffe im Gewässer verhindern und andere Wasserpflanzen ersticken. Somit verringert sich das Zooplankton, Arten wirbelloser Tiere und Schwebeflora. Letztlich gehen die Fischbestände zurück, darunter die besonders anfälligen und seltenen Arten Bachforelle, Starrauge und amerikanischer Schwarzbarsch. Alle diese Vorgänge sind natürlich langfristig zu sehen. (S. 708)
7.2. Wasserkraftwerke
Der nächste Eingriff in den natürlichen Wasserhaushalt ist der Bau von Wasserkraftwerken, der zum Zwecke der Stromerzeugung, der Abflussregulierung, der künstlichen Bewässerung und zur Hochwasserkontrolle erforderlich wird und in großem Umfang in den unterentwickelten Ländern stattfindet. Derzeit werden schätzungsweise 10000 Kubikkilometer Wasser durch Staudämme und Wasserreservoirs kontrolliert. (S. 712)
Durch den Bau von Wasserkraftwerken kommt es zur Überflutung von wertvollem Land. Z.B. werden nach Fertigstellung des Drei-Schluchten-Dammes am Jangtsekiang in China historische Bauten der chinesischen Geschichte unwiederuflich verloren gehen. Weiterhin entstehen durch Wasserkraftwerke künstliche Seen, die einen guten Nährboden für Moskitos und Schneckenarten, die Krankheiten wie Malaria und Bilharziose übertragen, bilden. Außerdem werden die Wanderwege flussaufwärts laichender Fische unterbrochen, die Wasserqualität leidet allgemein und es müssen hohe Kosten für die Umsiedelung vieler Menschen aufgebracht werden. (S. 713)
7.3 Krankheiten
Künstliche Bewässerungssysteme, Stauvorrichtungen, mangelnde Trinkwasserversorgung und mangelnde Abfallbeseitigung stellen gute Brutstätten für Krankheitserreger wie Schnecken, Moskitos und Fliegen dar , sodass besonders die Menschen in den unterentwickelten Ländern von Krankheiten bedroht sind. Die typischsten und gefährlichsten sind Bilharziose (durch in menschlichen Bauchvenen schmarotzende Saugwürmer hervorgerufene Krankheit), Malaria (tropische Fieberkrankheit), Filariose (Krankheit durch Fadenwürmer), Gelbfieber, Cholera (Brechdurchfallkrankheit), Typhus (fieberhafte Infektionskrankheit), Ruhr (Darminfektion) und Diarrhö (Durchfall). Viele dieser Krankheiten sind mitverantwortlich für die Kindersterblichkeit. In den entwickelten Ländern sind die Menschen "lediglich" durch Krebs gefährdet, der durch Chlorzusätze in Wasseraufbereitungsanlagen entstehen kann. (S. 722 -724)
8. Treibhauseffekt
Durch den enormen Ausstoß von CO², Methan und Stickoxiden steigert sich deren Konzentration in der Atmosphäre. Diese Gase bilden somit einen Schild, der die direkte Sonnenenergie hindurchlässt, aber die indirekte Infrarotstrahlung der Erde absorbiert. Aus diesem Grund bleibt die Wärme in der Atmosphäre der Erde gefangen und kommt es zu einer weltweiten Erwärmung, die das Abschmelzen des Polareises bewirkt, den Meeresspiegel ansteigen lässt und somit wertvolles Land überflutet. Besonders bedroht sind dabei Inselstaaten im asiatischen Raum.
9. Ozonschicht
Den Abschluss soll das Problem des seit den 70er Jahren beobachteten wachsenden Abbaus der Ozonschicht bilden. Deren Abbau in der Stratosphäre wird durch die Freigabe von Stickstoffoxid (aus verwendetem Stickstoffdünger der Landwirtschaft), Abgasen ( vorrangig CO2) und FCKW in die Atmosphäre gefordert, denn diese Emissionen heben die Sauerstoffbindungen des Ozons auf und führen so zu dessen Zerstörung. Ein Ozonloch ist bereits über dem Südpol entstanden, aber auch über T eilen Europas ist die Ozonschicht dünner geworden. Deshalb können höhere Dosen der schädlichen UV -Strahlung auf die Erde gelangen. Infolgedessen gibt es ein höheres Krebsrisiko und mehr Krebsfälle beim Menschen sowie ein vermehrtes Auftreten von Schäden an Pflanzen und Tieren.
Ende :D
Anmerkung des Verfassers :D :
Leider war die Vorgabe für uns alle, nicht mehr als 14 Seiten vorzulegen, sodass einige Punkte nur kurz abgehandelt werden konnten. :(
:rolleyes:
Dieser begründet sich auf der größeren Nachfrage nach Baumaterial, Energieträgern in Form von Brennholz und Holzkohle, nach Papier, Edelmöbeln und Edelhölzern allgemein (durch den Edelholzexport sind die Entwicklungsländer in der Lage, viel Geld zu verdienen und somit ihre bei den westlichen Ländern entstandenen Schulden zu tilgen), und selbstverständlich auf dem größeren Bedarf an Nahrungsmitteln.
zumindest für deutschland kann man sagen, das mehr holz zu verfügung steht als gebraucht wird.
der rest stimmt aber. leider :(
http://www.geburtskanal.de/index.html?mainFrame=http://www.geburtskanal.de/Wissen/W/WeltBevoelkerung.shtml&topFrame=http://www.geburtskanal.de/Advertising/BannerTop_Random.jhtml?Banner=
livecharts :rofl
inputs
haste infos über die bodenqualität in frankreich?
Original geschrieben von Dolby
inputs
haste infos über die bodenqualität in frankreich?
unter #31 steht zwar was, reicht mir aber nicht.
der boden muss aber gut sein.
haste noch mehr infos? wahlweise bretagne
Original geschrieben von Dolby
unter #31 steht zwar was, reicht mir aber nicht.
der boden muss aber gut sein.
haste noch mehr infos? wahlweise bretagne
Dolby, die Nachfahren von Asterix sind trotz Zaubertrank relativ arm und etwas zurückgeblieben :
Die Landwirtschaft nimmt dort aber noch den ersten Rang ein.
Die autonomen Landstände förderten früh die Küsten- und Hochseefischerei.
Heute sind über 60% aller Exportgüter landwirtschaftliche Produkte der Anbaugebiete in den Küstenregionen (Gemüse, Erdbeeren, aber auch Butter und besonders Käse).
2/3 der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig. Ölpest-Katastrophen brachten Austernzucht und Küstenfischerei in Gefahr und stellten vorübergehend die Erwerbsquelle Tourismus in Frage.
Hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens liegen die Bretonen im Vergleich zu den Nordregionen Frankreichs an letzter Stelle. Mangel an Rohstoffen und Energiequellen ließen eine Industrialisierung großen Ausmaßes nicht zu, ausgenommen in den Ballungsgebieten wie Rennes (Automobile, Baustoffe), Nantes (Import- und Industriehafen), Saint-Nazaire (Schiffbau) und in den Häfenstädten an der Cornouaille-Küste.
Weiss nicht wasde suchst?
Viele Weiden. Vergleichbar mit Irland. Was aber nicht bedeutet, dass man neben dem Überhang an langweiligen Weiden dort auch fette Ackerbaugebiete finden könnte. Die gibt es überall. Mehr oder weniger selten.
Sogar im vielgescholtenen, brandgerodeten Amazonasgebiet, wo die Krume sehr schnell erodiert, wenn sie den tropischen Regenfällen blank ausgeliefert ist, habe ich viele Stellen gesehen, wo die Qualität vergleichbar ist mit erstklassiger Blumenerde.
Es gibt also keinen generellen Schlüssel dafür, für Regionen. Nur statistisch überwiegt dann mal das eine, mal das andere.
Hier hab ich ne Website gefunden, von einem Bretagne-Afficionado:
http://www.vive-la-bretagne.de/
Mail einfach den an, der weiss sicher mehr als ich. Zumindest wird er dir sagen, wo de solche Detailinfos kriegst. Mit Preisen, und Internet-Immo-Händlern.
Im Net selber wird es, wie gesagt, täglich schwieriger was Schlaues zu finden. Zuvieles erschliesst sich erst nach 5 Querlinks, und ist dann trotzdem nur als nicht paste-bare pdf-Datei vorhanden.
dank dir inputs :)
was ich suche?
bisle weizenanbau. ein, zwei kühe. paar hühner usw.
das dürfte keine hohe messlatte für grund und boden darstellen.
Unter folgendem Link gibt es eine große Datensammlung zur Welt.
Spiegelalmanach (http://www.spiegel.de/jahrbuch/)
:)
Original geschrieben von Dolby
dank dir inputs :)
was ich suche?
bisle weizenanbau. ein, zwei kühe. paar hühner usw.
das dürfte keine hohe messlatte für grund und boden darstellen.
Dürfte kein Problem sein, dort noch was halbwegs günstiges in der Art zu finden, dass man in echt Selbstversorger sein könnte.
Da aber nicht jeder Bauer sein kann oder sein will, wäre es ohnehin schlauer, gleich soviel Land in einer rentablen Grössenordnung zu kaufen, um es dann in Pacht von Nachbarn mit entsprechender Kapazität bewirtschaften zu lassen.
Ich glaube nicht an Gold oder andere unproduktive Investments.
Und ein altmodisches "Schrebergarten-Denken", natürlich in entsprechender Grössenordnung, und für möglichst viele, würde ja nicht nur eine andere Form von qualitativerer Produktivität gewährleisten, es wäre auch eine Antwort auf die totalitären Strukturen der "Food-Mafia".
Diese Lebensmittelnazis scheissen sich einen Dreck darum, was sie uns für Gift zum Fressen vorsetzen. Hauptsache, es gibt Profit für ein paar CEOs und Hauptaktionäre.
Wie gesagt, gemessen an unseren Einkommen ist sogar "teures" Land jetzt noch billig.
In Brasilien ist es für Leute mit 100 Dollar Einkommen trotz der verhältnismässigen Billigkeit, bei einem Zehntel unserer Preise, schlicht für die Mehrheit unerschwinglich.
Und wenn Du dir nur die Preiskurven ausrechnest, die nordamerikanisches Land betreffen, so waren die 7 Cent pro Hektar für den "Louisiana-Purchase" vor 200 Jahren ein gutes "Familien -Investment", bei heutigen Hektarpreisen für 5-10.000 Dollar. Diese 100.000fache Wertsteigerung ist auch im Kaufkraftvergleich noch attraktiv. Würde in etwa mit dem Faktor 1000 zu berechnen sein, über 200 Jahre.
Wenn Du das mit Aktien, Gold oder Sparbuch im selben Zeitraum vergleichst, wirst Du sehen was ich meine.
Die letzten 30 Jahre haben einen globalen Ausverkauf von noch nicht nachvollziehbarer Rasanz mit sich gebracht, vor allem in Ländern, wo der Privatbesitzanteil vorher sehr gering war. Dort gibt es noch reichlich Land, die Frage ist nur, wie lange?
Wenn das alles ausverkauft ist, vor allem an die Superreichen dieser Welt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Preise in entwickelten Ländern noch mehr anziehen als jetzt schon.
Siehe Polen oder Ungarn: In nur 10 Jahren von 2.000 auf 10.000 Euro der ha.
Und Ende is da noch nicht abzusehen. Ein noch grösserer BSE-Skandal, und viele halbwegs Wohlhabende wollen kein Giftzeugs mehr fressen.
Ob eine "Not" kommt oder nicht, ist angesichts der Entwicklung eigentlich egal.
Die Reichen dieser Welt haben es nun immer eiliger, jedes Stückchen dieser Welt einem Besitzer zuzuordnen, es sich unter den Nagel zu reissen. Nix is mehr mit Allgemeinbesitz!
Und der einzige "echte" Boom-Markt von heute, das sind die Lebensmittel.
Stell Dir vor: Jedes Jahr frische 80 Millionen Kunden. - Und jeder muss was fressen. Keiner kommt daran vorbei...
„Ideal ist Hitze von der Seite“
Was Gourmets vom Grillen halten
Herr Pflaum, die Deutschen grillen wie die Weltmeister. Ist das ein Ausdruck kulinarischer Kultur oder ein Rückfall in die Barbarei?
Beim Grillen zeigt sich weniger die Kultur als die Naturverbundenheit der Deutschen, die gern wandern und sich im Freien aufhalten. Traditionell gab es in Deutschland dafür Landgasthöfe, die eine Brotzeit mit guter Wurst, leckerem Käse und frischem Brot anboten. Doch die Brotzeit wurde zum Leid der Nachbarn durch das Grillen ersetzt. Ich persönlich betrachte den Geruch verbrannten Fleisches als Belästigung. In rauchenden Kohlen und brennendem Fett zubereitete Koteletts sind für mich kein Genuss.
Wollen Sie den Deutschen die Freude am Essen im Freien nehmen?
Keineswegs. Es gibt in Deutschland die Tradition der Brotzeit, in England gibt es das Picknick. Im Londoner Hyde Park können Sie beobachten, dass das hohe kulinarische Kultur ist. Das fängt mit der Damasttischdecke und feinem Porzellan an. Dann gibt es ein mehrgängiges Menü mit passend abgestimmter Speisefolge. In den USA gibt es eine große Salat-Tradition mit einfallsreichen Zutaten wie geriebenem Parmesan, Brotcroutons und Schinken. All das kann man wunderbar im Freien essen und die Nase freut sich.
Benutzen nicht auch Gourmet-Köche manchmal den Grill?
Das kommt vor, aber Profis greifen meist zum Gas- oder Elektrogrill. Wenn es Holzkohle sein soll, achten Kenner darauf, dass kein Fett in die Glut tropft. Ideal ist es, wenn die Hitze von der Seite kommt. Denn verbranntes Fett ist eine Naturbelastung und ungesund. Ebenso zu schwarz gegrilltes Fleisch. Es ist schon erstaunlich, wie die Deutschen auf Abgaswerte bei Autos achten, aber beim Grillen leichtfertig versengtes Fleisch zu sich nehmen.
Ernähren wir uns wie die Neandertaler?
Zumindest gibt es in Deutschland aus kulinarischer Sicht noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten.
Hier sind den Menschen Dinge wie Wohnung, Auto und Kleidung viel wichtiger.
In der Deutschen Akademie für Kulinaristik werben wir dafür, dem Essen einen gebührenden Platz einzuräumen. Dabei geht es nicht um eine besonders extravagante Küche. Das gute, einfache Essen mit frischen Zutaten in Ruhe zubereitet – das ist doch ein wunderbarer Genuss. In anderen Ländern ist nach dem Fast Food längst wieder das gemütliche Slow Food gefragt. Das hat sich hierzulande noch nicht durchgesetzt.
Das Gespräch führte Alexander Visser.
http://archiv.tagesspiegel.de/archi...2003/552614.asp
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Der Deutsche ist eigentlich "amerikanisierter" als man denkt.
Frisst sich mit Dreck voll, bis zum Platzen, weil er für sein Auto spart....
:hihi :hihi :hihi
"Lebensmittelnazis" :hihi :hihi :hihi
nöö, da haste schon richtig vermutet. selbstversorger soll´s sein.
ein schickes haus auf´s land und dann tagesgeldzinsen durchbringen :D
Wenn Du das mit Aktien, Gold oder Sparbuch im selben Zeitraum vergleichst, wirst Du sehen was ich meine.
joo, darum gehts!
land und grund wird bei der überbevölkerung der outperformer auf jahrzehntesicht werden.
:cool:
Dolby, ich vermute ja, dass die Mächtigen des IWF Argentinien hauptsächlich deswegen haben abstinken lassen, um dort Land für neue Gentechnik-Projekte aufzuschnupfen.
Monsanto und Pioneer haben 1995 auch in Brasilien versucht Fuss zu fassen, mit zwei Grossprojekten im Bundesstaat Goias, jeweils um die 50.000 ha mit Gensoja.
Aber die Grünen sind in Brasilien schon relativ stark, da gab es dann wochenlange Medienkampagnen, bis das Zeug wieder abgebrannt wurde.
Und auch in Nordamerika regt sich jetzt Unmut, obwohl man es dort geschafft hat, ab Ende der 80er, alles Klammheimlich und ohne Begleitmusik der Medien durchzupeitschen.
Generell ist es ja mit der Gentechnik so, dass man sie in 2 Richtungen einteilen kann: Das eine sind Veredelungsprozesse mit Genmaterial aus der gleichen oder ähnlichen Pflanzenkategorien, was ich für weniger gefährlich bis sinnvoll halte.
Das andere ist der Einbau von Tier- und bakteriellen Genen in Pflanzenmutanten, oder umgekehrt.
Das hält sogar die Mehrheit der Fachleute für "Frankensteinismus".
Aber leider gibt es genug Bescheuerte, die das gerade tun.
Vor allem in den USA.
Irgendwie kann ich das nur bildhaft so vergleichen, wie wenn jemand um Beton zu sparen, ein Hochaus mit einem Anteil von 20% an steifen, toten Katzen bauen würde.
Das dürfte sogar ne zeitlang halten.
Aber, wenn die erst verwest sind, kracht das dann instabile Haus zusammen.
Ein bisschen wie Chicago 1930, da sollen ja auch viele Opfer einbetoniert worden sein.
Und heute verwendet man daher die Stahlträgerbauweise.
:lach :lach
inputs
sind die bestimmungen in frankreich bezüglich landwirtschaft genau so doof wie in deutschland oder gehen die die sache etwas lockerer an? paar hühner gelten in D ja schon als mastbetrieb :rolleyes:
Original geschrieben von Dolby
inputs
sind die bestimmungen in frankreich bezüglich landwirtschaft genau so doof wie in deutschland oder gehen die die sache etwas lockerer an? paar hühner gelten in D ja schon als mastbetrieb :rolleyes:
Ich hab wenig Ahnung, was das anlangt. Da musste andere fragen. Ich interessier mich nur dafür, wie das in Brasilien läuft. Und glaub mir, auch da hat man schon genug um die Ohren.
In Europa ist es doch die letzten 50 Jahre durch die Grossakkumulation der Agrarindustrien nur ein einziges Bauernsterben.
Bauern gehen in andere Berufe.
Der Prozentsatz an Leuten, die den umgekehrten Weg gehen und "Neobauern" werden, der ist verschwindend gering. Das hat auch gute Gründe.
Ich muss sagen, dass ich mich schlecht zum "Bauern" eignen würde.
In kleinen Dimensionen als Familienbetrieb, ist das ein brutal harter Job. Das funzt hier finanziell erst sinnvoll mit entsprechender Zahl an Beschäftigten, und so ab 50-100 Hektar. Und dann auch nur entsprechend spezialisiert und maschinisiert.
Original geschrieben von Ibykus
Unter folgendem Link gibt es eine große Datensammlung zur Welt.
Spiegelalmanach (http://www.spiegel.de/jahrbuch/)
:)
was vergleichbares bietet auch: www.cia.gov
Und noch was:
Ich seh mich bei dem was ich mache, ehrlich gesagt eher nur als Agrar-Immo-Spekulanten.
Aber auch da gibt es sehr viel frisch zu lernen, wenn man in sowas erstmal eingestiegen ist. Da sehe ich inzwischen genug "echte Bauern", die verglichen mit mir ein Info-Defizit aufweisen.
Ohne mich jetzt wichtiger zu machen als ich bin, ist es heute einfach notwendiger mehr zu wissen als nur, dass man hier Mais im März aussät. Von der Sorte Bauernschädeln kenn ich aber genug.
Für mich stellt sich nur eine Frage:
Was ist INPUTS von Beruf? :rolleyes: :rolleyes:
Sex, Drugs und Schwarzarbeit
Ernst Corinth 05.05.2003
Diese drei Wörter stehen in den USA für Wachstum
Auch die US-Wirtschaft ist in der Krise. Dennoch gibt es zumindest drei Branchen, die weiterhin enorm boomen: Die Pornoindustrie, der Drogenanbau und die illegale Beschäftigung von Landarbeitern. Der dort oder der damit erwirtschaftete Umsatz soll mittlerweile schon etwa rund 10 Prozent des gesamten Bruttosozialprodukts der USA entsprechen. Das behauptet Eric Schlosser in seiner jetzt erschienenen Studie Reefer Madness: Sex, Drugs and Cheap Labour in the American Black Market.
Die Zahlen, die der Autor in diesem Zusammenhang nennt, sind jedenfalls beachtlich. Demnach ist rein finanziell gesehen der Anbau von Marihuana inzwischen wichtiger als der von Mais. So soll jährlich in den USA Marihuana im Wert von 25 Milliarden Dollar produziert werden, während Mais gerade einmal 19 Milliarden einbringt. Und auch das Bild des Drogenanbauers hat sich offenbar gewandelt. Der größte Teil des berauschenden Stoffes wächst und gedeiht nämlich ausgerechnet im konservativen Mittleren Westen. Und von den insgesamt drei Millionen Marihuana-Farmern leben etwa 100.000 bis 200.000 ausschließlich vom Anbau und Verkauf des illegalen Stoffes. Über die Nachfrage brauchen sie sich zudem keine Sorgen machen: Jeder dritte US-Amerikaner soll schon einmal Marihuana konsumiert haben.
Doch in den USA wird nicht nur gekifft, sondern auch, um es biblisch zu umschreiben, gar heftig gehurt. Wurden 1985 gerade einmal 79 Millionen Pornovideos ausgeliehen, so waren dies 2001 insgesamt schon 759 Millionen. Jede Woche werden - vor allem in der Region Los Angeles - mehr als 200 neue Pornofilme produziert. Die Bürger geben inzwischen mehr Geld in Stripclubs aus als für Theater, Oper oder Konzert. Und auch im Internet spiegelt sich natürlich diese Entwicklung: Hat es 1997 gerade einmal 22.000 Porno-Netzseiten made in USA gegeben, so sind heute etwa 300.000 online. Und es werden täglich mehr.
Die USA sind inzwischen weltweit auch längst der Hauptexporteur für Pornovideos. Der jährliche Umsatz der gesamten Pornobranche beträgt 10 Milliarden Dollar, was in etwa dem der US-Kinobranche entspricht. Von diesem Boom profitieren allerdings die Pornodarsteller selber nicht. Zu groß ist nach Meinung von Schlosser die Zahl der Frauen, die bereit sind, sich für durchschnittlich 400 Dollar pro Film ablichten zu lassen.
Unterbezahlt sind auch die mehr als eine Million illegalen Landarbeiter in den USA, die unter arg primitiven Bedingungen leben oder besser: hausen müssen. Auch den Durchschnittslandarbeiter hat Schlosser in diesem Zusammenhang ermittelt: Er ist demnach 29 Jahre alt und stammt aus Mexiko. Und weil er nicht nur billig arbeitet, sondern sein Heimatland Mexiko zudem die Kosten für seine meist bescheidene Schulausbildung getragen hat, erspart er der genauso durchschnittlichen US-Familie jährlich Ausgaben in Höhe von etwa 50 Dollar.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/14733/1.html
Original geschrieben von Dolby
Grossgrundbesetzer :D
Mit 1000 ha? "Grossgrundbesitz" beginnt ab 10.000 ha.
ich bin "Pflanzer". :hihi
WIE WAR ES BEI DEN RÖMERN MIT DEM LANDBESITZ?
Die leges Iuliae agrariae im Kontext der Ackergesetzgebung seit den Gracchen
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Ackergesetzgebung von 133 v. Chr.bis 60 v. Chr.
2.1 Die Ackergesetze der Gracchen
2.2 Die nachgracchischen Ackergesetze bis 111
2.3 Die lex Appuleia agraria 100 v. Chr.
2.4 Die lex Livia agraria
2.5 Landvergabe unter Sulla
2.6 Die lex Plotia agraria
2.7 Die Ackergesetzvorlage des Rullus
2.8 Die rogatia Flavia agraria des Jahres 60 v. Chr.
3 Die Ackergesetze Caesars
3.1 Das erste caesarische Ackergesetz
3.2 Das zweite Ackergesetz Caesars
3.3 Caesars Motive
3.4 Einordnung der caesarischen Ackergesetze in die Ackergesetze seit den Gracchen
4 Schlußbetrachtung
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Die Ackergesetzgebung zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahrzehnte der römischen Republik. Sie zeigt deutlich die Auseinandersetzung zwischen Optimaten und Popularen, die sich nach der Ackerreform der Gracchen begrifflich trennten und deren Gegensatz durch die Maßnahmen des Saturninus noch einmal eine Verschärfung erfuhr.
Wie der Titel schon impliziert, liegt mein Schwerpunkt auf den Ackergesetzen Caesars. Ich möchte versuchen zu zeigen, daß sie ganz in der popularen Tradition der vorherigen Ackergesetze stehen, deren Abschluß sie gleichzeitig bilden. Um diese Aspekte klar hervorheben zu können, habe ich eine chronologische Vorgehensweise gewählt.
Zunächst möchte ich kurz wichtige Werke angeben und erläutern. Dabei habe ich die häufiger zitierten Werke mit einer Abkürzung belegt, deren Auflösung sich im Literaturverzeichnis befindet.
Die neueste Darstellung der römischen Agrargeschichte wurde von Dieter Flach geschrieben.1 Das Buch enthält einen informativen Teil über die Bodengesetze in republikanischer Zeit, der auch die neueren Forschungsergebnisse berücksichtigt. Derselbe Autor hat auch eine Bibliographie zur römischen Agrargeschichte veröffentlicht, die einen umfassenden Überblick über die vorhandene Sekundärliteratur gibt.2
Einen guten Überblick über die Geschichte, die Forschungsprobleme und die Quellen für die Zeit der römischen Republik gibt J. Bleicken.3
Grundlegend für die Geschichte dieser Zeit ist auch das Werk Peter A. Brunts, Italian Manpower, das mir leider nur in der ersten Auflage vorlag.4
Weil die von mir bearbeiteten Ackergesetze auch eng mit der Veteranenversorgung zusammenhängen ist ein Ausgreifen auf die Literatur, die dieses Feld bearbeitet, unumgänglich. Hierzu verweise ich auf die Dissertation von H.-Chr. Schneider.5
Als Information über die Quellen und Forschungsprobleme zu Caesar habe ich das Buch von Helga Gesche, Caesar,6 und die Caesardarstellung von Karl Christ gewählt.7
Interessante Aufsätze zur Ackergesetzgebung haben Flach und M. Cary geschrieben, wobei letzterer den Schwerpunkt auf die Ackergesetze Caesars gelegt hat.8
Auf die umstrittene Chronologie in Caesars Konsulat bin ich nicht eingegangen, weil sie für mein Thema irrelevant ist.9
Ein Problem, das sich mir gestellt hat, war die Tatsache, daß Ackergesetze teilweise Ausdruck einer Entwicklung sind, die bereits einige Zeit vorher einsetzte. So war zum Beispiel die Ackerreform der Gracchen ein Produkt der Probleme, die sich bereits Jahrzehnte zuvor angebahnt hatten. Ein anderes Beispiel sind die Ackergesetze des Saturninus, die Ausdruck einer Umstrukturierung der römischen Armee waren. Auf gerade diese Aspekte, die zu einem Verständnis der Probleme unerläßlich sind, konnte ich nur sehr marginal eingehen. Ich habe versucht, durch Hinweise auf weiterführende Literatur dieses Problem zu umgehen.
2. Die Ackergesetzgebung von 133 v. Chr. bis 60 v.Chr.
2.1 Die Ackergesetze der Gracchen
Wie Plutarch berichtet (neben Appian die Hauptquelle für die gracchischen Ackergesetze), legte der Volkstribun des Jahres 133 Tiberius Sempronius Gracchus zunächst ein Ackergesetz vor, das vorsah, für den ager occupatorius eine Höchstgrenze festzulegen, um den dadurch freiwerdenden ager publicus an Neusiedler zu vergeben.10 Die Nutzung von Staatsland (ager publicus) für private Zwecke hatte in den letzten Jahrzehnten vor den Gracchen ein ungeheures Ausmaß angenommen. Die Okkupation wurde vor allem von den reichen römischen Bürgern praktiziert, da sie das nötige Kapital für die Bewirtschaftung besaßen. Dadurch waren sie in der Lage riesige Großgüter (Latifundien) zu schaffen, die sie dann vor allem von Sklaven mit "kapitalistischen" Methoden bewirtschaften ließen.11 Bereits vor den Gracchen hat es ein Ackergesetz gegeben (die genaue Datierung ist umstritten), das die Höchstgrenze an ager occupatorius auf 500 iugera festgelegt hatte.12 Es war aber anscheinend kaum beachtet worden. Darauf griff T. Gracchus zurück, als er die Höchstgrenze auf 500 iugera (125 ha --- 4 iugera oder Morgen, sind ein ha) festlegte, wobei pro Sohn noch weitere 250 iugera zugestanden wurden, aber 1000 iugera insgesamt nicht überschritten werden durften. Eine Begrenzung dieser Regelung auf zwei Söhne ist in der Forschung errechnet worden aus den Angaben des Livius (perioch. 58), der von einer Höchstgrenze von 1000 iugera spricht, und denen des Appian (BCiv. I,9), der Besitz an ager occupatorius von höchstens 500 iugera erwähnt. Hinzu kommen, laut Appian, noch je 250 iugera pro Sohn. Um die 1000 iugera nicht zu überschreiten, kann nur eine Anrechnung für maximal zwei Söhne erfolgen. Diese Rechnung hängt aber entscheidend von der Prämisse ab, die Angabe des Livius sei richtig.13 Daß dieser Vorschlag auf erbitterte Gegnerschaft des Senates stieß, ist u.a. damit zu erklären, daß vor allem die reichen Römer den Vorteil der Okkupation genutzt hatten.
Plutarch erwähnt einen ersten Gesetzentwurf des Tiberius Gracchus, der vorsah, die von der "Enteignung" betroffenen Personen entsprechend zu entschädigen. Dieser Vorschlag wurde aber später durch schärfere Bedingungen verändert.14 In der Forschung trifft man häufig auf die Angabe, die neu geschaffenen Siedlerstellen hätten eine Begrenzung von 30 iugera (ca. 7,5 ha) gehabt, die den Siedlern für eine eher symbolische Abgabe überlassen werden sollten. Diese Höchstgrenze ist aber umstritten.15 Wichtig ist auch die Bestimmung, daß die Bauernstellen unveräußerlich waren.16 Mit der Ausführung dieses Gesetzes wurde eine Dreierkommission beauftragt (zunächst als Triumviri agris dandis adsignandis, dann nach einem weiteren Gesetz, das die Dreierkommission noch mit der richterlichen Gewalt ausstattete, als Triumviri agris dandis adsignandis iudicandis bezeichnet).17 Die Annahme des Gesetzes war mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden, u.a. mußte Tiberius Gracchus in einem revolutionären Schritt einen interzedierenden Volkstribun absetzen.18
Interessant ist die Tatsache, daß Tiberius Gracchus das an Rom gefallene Erbe des Königs Attalos Philometor aus Pergamon an die Bürger vergeben wollte, die ein neues Landlos erhielten, um ihnen ein gewisses Anfangskapital zur Verfügung zu stellen.19 Dieser Vorgang war ein klarer Eingriff in die Zuständigkeit des Senats.
Umstritten ist in der Forschung die Frage nach den Motiven des Tiberius Gracchus. Vor allem auf zwei Motive, die allerdings eng miteinander zusammenhängen, möchte ich detaillierter eingehen: auf das Motiv, der Verelendung des Bauernstandes Einhalt zu gebieten (sozialer Aspekt) und auf das, der Verbesserung der Wehrkraft des römischen Reiches (militärischer Aspekt). Zu ersterem ist vor allem Plutarch zu nennen, der in seiner Biographie einen Bericht des C. Gracchus erwähnt, Anlaß für das Ackergesetz seines Bruders sei ein Schlüsselerlebnis gewesen, das er auf seinem Weg durch Etrurien gehabt habe. Dort habe er nämlich die verödeten Landschaften und die Sklaven, die die Felder bestellten, gesehen.20 Verwunderlich ist nur, daß Etrurien Gebiet der Bundesgenossen war.21 Bestärkt in seinem Einsatz für den Bauernstand, so Plutarch weiter, habe ihn außerdem das Volk selbst, durch die Forderung, den Armen das Gemeindeland zurückzugeben.22 Eine Rolle spielte mit Sicherheit auch das Bestreben des Tiberius Gracchus, das Stadtproletariat in Rom zu verringern.23 Vor allem in der jüngeren Forschung ist die Vorrangstellung des sozialen Motivs des Tiberius Gracchus als falsche These widerlegt worden.24 Dagegen wurden die folgenden Aspekte als wichtiger eingestuft. Das römische Rekrutierungssystem setzte ein gewisses Mindestvermögen voraus, um Militärdienst leisten zu können. Durch den Verfall des Bauernstandes lagen immer mehr Personen unter dieser Mindestgrenze, so daß dessen Stärkung, gleichzeitig die Zahl der wehrfähigen Männer erhöhte (bisher hatte man eine Agrarreform durch eine Senkung des Census vermieden).25 Hinzu kommt, daß, wie Plutarch darstellt, die bäuerliche Landbevölkerung keine Lust mehr hatte, Kinder großzuziehen.26 Diese Einstellung war eine Bedrohung für das Rekrutierungssystem, und auch ihr konnte durch das Ackergesetz Abhilfe geschaffen werden. Durch eine Vergrößerung der Zahl der Wehrfähigen konnte außerdem die lange Zeit der Abwesenheit vom Hofe verkürzt werden.27 Diese Argumente zeigen, daß Tiberius Gracchus` primäres Motiv war, die Wehrkraft der römischen Armee wieder zu verbessern - natürlich durch eine Stärkung der römischen Mittel- und Kleinbauern. Umstritten ist auch die Auswirkung seiner Maßnahmen.28
In der Folgezeit sah sich die Ackerkommission mit enormen Problemen konfrontiert. Zunächst fiel es ihr schwer, bei der jahrelang praktizierten Vermischung von ager privatus und ager occupatorius zwischen beiden zu unterscheiden. Dadurch zog die Ackerkommission wahrscheinlich viel Unmut auf sich. Hinzu kamen große Probleme mit den Bundesgenossen.29 Das führte wohl auch zu dem Vorschlag des Konsuls Fulvius Flaccus im Jahre 125, den Bundesgenossen das römische Bürgerrecht zu verleihen, die in Streitfälle um die Abgrenzung des ager publicus verwickelt waren.30 Als Mitglied der Ackerkommission wird er gewußt haben, wo es wichtige Probleme zu lösen galt. Das Vorhaben des Fulvius Flaccus scheiterte aber am Widerstand des Senats, der sowieso das Ackergesetz des Tiberius Gracchus torpedierte, wo er nur konnte. So wurde bereits 129 durch Scipio die richterliche Befugnis der Ackerkommission wieder entzogen und an die Konsuln übergeben. Die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern verhärtete sich zunehmend. In dieser von starken Spannungen geprägten Phase stellte sich dann Gaius Gracchus zur Wahl für das Volkstribunat des Jahres 123 und wurde gewählt.31 C. Gracchus brachte in diesem Jahr dann u.a. ein Ackergesetz ein.32 Als eine wichtige Bestimmung gab es der Ackerkommission wieder die richterliche Gewalt zurück. Umstritten ist die Frage der weiteren Inhalte.33 Die Triumvirn erhielten durch ein weiteres Gesetz zusätzlich noch das Recht, Kolonien zu gründen und Wege zu bauen.34 Laut Flach, nahm C. Gracchus, um die Bundesgenossen zu beruhigen, die Gebiete, die ihnen vor dem Vorläufergesetz der Ackergesetze seines Bruders zur Nutzung überlassen worden waren, von der Verteilung aus.35 Jetzt hatte er aber nicht mehr genügend Land zur Verfügung, das er verteilen konnte. Deswegen verfiel er auf die Idee, Kolonien außerhalb Italiens, v.a. in Nordafrika, zu gründen.36 Dem Senat gelang es aber durch maßlose Demagogie ihres Schützlings Livius Drusus, die Pläne des C. Gracchus zu untergraben und das Volk gegen ihn aufzuhetzen.37 Damit war sein Vorhaben gescheitert.
2.2 Die nachgracchischen Ackergesetze bis 111 v. Chr.
In der Folgezeit versuchten die Gegner der gracchischen Ackerreformen, diese durch neue Gesetze auszuhöhlen. Livius Drusus hatte bereits die Siedler von der jährlichen Dauerpachtabgabe befreit und das Veräußerungsverbot aufgehoben38, als der Volkstribun Spurius Thorius 119/118 v. Chr. zu einem weiteren Schlag ausholte. Laut Appian bestimmte er, daß der Grund und Boden nicht mehr weiter verteilt werden sollte. Stattdessen setzte er die Anerkennung der jetzigen Besitzer durch.39 Dadurch wurde natürlich die Arbeit des Dreimännerkollegiums unnötig.40 Die Bodenbesitzer sollten aber eine Ausgleichsabgabe leisten, die als "Trost" an die Armen weitergegeben werden sollte.41
Im Jahre 111 kam es dann zu einem weiteren Gesetz42, das als eine Art Schlußpunkt der langjährigen Streitereien um die Agrarreform seit den Gracchen bezeichnet werden kann.43 Dieses Gesetz enthält als wichtigsten Punkt eine Bestätigung der momentanen Bodenrechtsverhältnisse, die es noch einmal genau auflistet. Damit war es bei nachfolgenden Ackergesetzen kaum noch möglich, Ansiedlungen auf italischem Staatsland durchzuführen (sieht man einmal von dem ager campanus ab, den aber selbst die Gracchen nicht angetastet hatten). Damit hatte sich die römische Führung aber auch der Möglichkeit beraubt, durch eine Stärkung des Bauernstandes die Wehrkraft wieder zu erhöhen. Diese Tatsache sollte sich bald bemerkbar machen.
2.3 Die lex Appuleia agraria von 100 v. Chr.
Bereits im Jahre 103 soll der Volkstribun L. Appuleius Saturninus ein Gesetz zur Versorgung der Veteranen des Marius eingebracht haben.44 Hierbei handelte es sich um eine Zuteilung von 100 iugera Ackerland pro Siedler in der Provinz Nordafrica. Mehr weiß man aber über ein Gesetz, das von Saturninus im Jahre 100 eingebracht wurde (lex Appuleia agraria), wahrscheinlich verbunden mit einem Koloniegründungsgesetz (lex Appuleia de coloniis).45 Es bestimmte, daß die den Kimbern abgenommenen Gebiete unter den Veteranen aufgeteilt werden sollten.46 Außerdem enthielt es eine Klausel, wonach die Senatoren einen Eid auf das Gesetz ablegen mußten.47 Bei der Abstimmung kam es zu großen Tumulten (u.a. wurde ein interzedierender Tribun verjagt48), so daß das Gesetz nur mit Gewalt durchgesetzt werden konnte.49Durch ein zweites Agrargesetz wollte Saturninus Siedlungsland ankaufen lassen. Die Finanzierung sollte durch das aurum Tolosanum gewährleistet werden.50
Diese Vorgänge zeigen deutlich, daß die Ackergesetzgebung jetzt im Begriff war, zu einem reinen Mittel der Veteranenversorgung zu werden. Im Zuge seiner Heeresreform hatte Marius durchgesetzt, daß Freiwillige ins Heer eintreten durften (das alte Rekrutierungssystem bestand aber noch weiter). Diese Möglichkeit wurde vor allem durch das Landproletariat genutzt.51 Das brachte allerdings das Problem der Integration dieser Bevölkerungsteile nach einem Feldzug mit sich. Nichts lag näher, als sie mit Land zu versorgen, das man eventuell gerade erobert hatte, das brach lag oder das man unliebsamen Personen abnehmen konnte (z.B. durch Proskriptionen). Durch die Heeresreform des Marius entstand aber auch ein neues Verhältnis zwischen dem Feldherr und seinen Soldaten. Der Feldherr mußte sich nach einem beendeten Feldzug für die Versorgung seiner Veteranen einsetzen. Dafür verfügte er aber über ein Heer, das viel stärker als die vorherigen Truppen an ihn gebunden war. Dadurch, daß sich jetzt immer genügend Freiwillige für den Kriegsdienst fanden, entfiel auch der Grund, der bei den Gracchen noch maßgeblich war, nämlich einen wehrfähigen Bauernstand zu schaffen.52
Bereits bei Saturninus zeigen sich Grundzüge, die für die nachfolgenden Ackergesetze charakteristisch wurden: zum einen der erbitterte Widerstand des Senats gegen jegliche Form von Ackergesetzen, so daß es kaum möglich war, diese legal oder zumindest gewaltlos durchzusetzen; des weiteren die Instrumentalisierung der Armee durch den Feldherrn, um durch öffentlichen Druck eine Annahme zu erzwingen. Auch der Eid, den die Senatoren auf dieses Gesetz schwören mußten, wurde von Caesar später wieder aufgegriffen.
Umstritten ist auch ein Ackergesetz des Sextius Titius aus dem Jahre 99 v. Chr. und eins des L. Marcius Philippus (104 v. Chr.), auf die ich nicht weiter eingehen möchte.53
2.4 Die lex Livia agraria
Der Volkstribun M. Livius Drusus brachte 91 einen Ackergesetzantrag ein. Da er laut Appian auf noch unverteiltes Staatsland zurückgriff54, konnte damit nur das Land gemeint sein, das sich die Bundesgenossen unter Verstoß gegen das Ackergesetz von 111 angeeignet hatten. Das erklärt auch, warum Livius Drusus die Verleihung des römischen Bürgerrechts an die Bundesgenossen beantragte, die natürlich gegen den Verlust des Landes protestierten. So konnte er sie mit seinem Antrag besänftigen.55 Daraufhin wurden seine Vorhaben auf das Bitterste vom Senat bekämpft und mit der Begründung, er habe die Auspizien mißachtet zum Teil schon angenommene Gesetze des Livius Drusus wieder annulliert.56 Als der Volkstribun dann unter dubiosen Umständen ums Leben kam, löste das den Bürgerkrieg aus.
2.5 Landvergabe unter Sulla
Auf die der Veteranenversorgung dienende Landvergabe Sullas möchte ich nur sehr knapp eingehen, weil sie ein eher untypisches Vorgehen darstellt. Sulla nutzte dafür die ihm als Diktator gegebene Machtvollkommenheit. Er griff bei der Veteranenansiedlung z.T. auf Gebiete zurück, die durch Proskriptionen an den Staat gefallen waren. Den größten Teil an Land, das er an seine Veteranen vergab, hatte er aber den feindlichen Städten abgenommen. Das hatte für Sulla den Vorteil, daß er diese Städte durch seine Veteranen kontrollieren konnte. Brunt hat Sullas Ziele bei der Veteranenansiedlung sehr treffend zusammengefaßt: "His veterans settled on the land were to be garrisons holding down Italy, to assure his personal safety and, he must also have hoped, the durability of his regime."57 Die Landlose, die er vergab waren auch mit einem Veräußerungsverbot belegt.58 Durch die Vorgehensweise Sullas war ein großer Unruheherd entstanden, u.a. kam es zu großen Konflikten zwischen den Stadtbewohnern und den angesiedelten Veteranen.
Wahrscheinlich unterließ man ein solch extremes Vorgehen in der nächsten Zeit, weil die Auseinandersetzungen im Zuge der sullanischen Ansiedlungspolitik ein warnendes Beispiel waren.
2.6 Die lex Plotia agraria
Über die lex Plotia agraria ist nicht viel bekannt. Cicero erwähnt ein plotisches Gesetz im Zusammenhang mit dem Ackergesetz des Flavius aus dem Jahre 60 v.Chr.59 Aus dem Kontext heraus wird klar, daß es sich um ein Ackergesetz handeln muß. In der Forschung wird es häufig auf das Jahr 70 datiert.60 Wahrscheinlich sollte es der Versorgung der Veteranen des Pompeius dienen, über seinen genauen Inhalt ist aber nichts bekannt. Weil aber in der Folgezeit die Versorgung der pompeianischen Veteranen immer noch eine große Rolle spielte, könnte man davon ausgehen, daß das Gesetz nicht ausgeführt wurde.61 Dio Cassius gibt an, daß dafür nicht genügend Geld vorhanden war.62
2.7 Die Ackergesetzvorlage des Rullus 63 v. Chr.
Im Jahre 63 brachte der Volkstribun P. Servilius Rullus einen Ackergesetzvorschlag ein, der uns hauptsächlich durch die Hetzkampagne des Cicero überliefert worden ist (Cic. leg. agr., daraus auch die folgenden Bestimmungen). Das trägt natürlich nicht zu einer objektiven Erfassung seiner Inhalte bei. Bemerkenswert ist allerdings ein Ausgreifen auf ager campanus und campus stellas als Siedlungsland63 und die Tatsache, daß Flächen zur Verteilung durch den Staat gekauft werden sollten, wobei der Preis nicht festgesetzt war. Das, so Cicero, fördere die Spekulation.64 Cicero kritisierte auch vehement, die Einrichtung eines Zehnmannkomitees, das mit sehr weitreichenden Vollmachten ausgestattet worden wäre.65 Als Hintermänner dieses Gesetzes werden in der Forschung häufig Caesar und Crassus gesehen.66 Es wird vermutet, sie wollten sich damit ein Druckmittel auf Pompeius schaffen, der bei einer Rückkehr aus dem Osten auf Land für seine Veteranen angewiesen war. Das hätten diese ihm dann bereit stellen können. Cicero war mit seiner Kampagne aber so erfolgreich, daß Rullus den Vorschlag zurückzog.67
2.8 Die rogatia Flavia agraria des Jahres 60
Auch der Volkstribun Flavius schlug kurze Zeit später ein neues Ackergesetz vor. Auch hier ist die Hauptquelle für seine Inhalte Cicero. Flavius sah anscheinend eine Finanzierung der Landankäufe durch die Beutegelder des Pompeius vor.68 Zusätzlich zu den Veteranen sollte wohl noch das Stadtproletariat mit einbezogen werden.69 Der Antrag scheiterte aber kläglich am Widerstand des Senats und des Konsuls Metellus, der Lucius Flavius (und damit auch Pompeius) sogar noch vor dem Volk blamierte.70 Spätestens hier muß Pompeius klar geworden sein, daß er alleine gegen den Willen des Senats nichts ausrichten konnte. Darin liegt sicherlich ein Hauptgrund für das Einwilligen des Pompeius in den Zusammenschluß mit Caesar und Crassus noch im selben Jahr.
3. Die Ackergesetze Caesars
3.1 Das erste Ackergesetz
Caesar brachte als erste Aktion in seinem Konsulat im Jahre 59 eine Ackergesetzvorlage vor den Senat.71 Die Gesetzesvorlage mußte allerdings schon im Jahre 60 vorbereitet gewesen sein, denn Cicero erwähnt sie in diesem Jahr bereits gegenüber seinem Freund Atticus.72 Das Gesetz sah die Verteilung des gesamten italischen Staatslandes mit Ausnahme des ager campanus vor, wobei Caesar festlegte, daß es keine Zwangsenteignungen geben dürfe, daß für die Ankäufe des Landes verkaufsbereiten Personen der Wert des letzten Census gezahlt werde, und daß die Kosten der Landverteilung hauptsächlich aus der Beute des Pompeius getragen werden sollten.73 Die für den Landkauf und die Verteilung zuständige Ackerkommission bestand aus 20 Personen, wobei Caesar betonte, daß er nicht dazugehören dürfe.74 Bekannt geworden ist auch ein Fünf-Mann-Ausschuß75, dessen Funktion in der Forschung umstritten ist, der aber meistens als leitendes Komitee angesehen wird.76 Appian erwähnt, daß die neu vergebenen Besitztümer zwanzig Jahre unveräußerlich sein sollten.77 Der Senat opponierte gegen das Gesetz, wahrscheinlich weil man eine Steigerung des Ansehens Caesars und eine drastische Erhöhung der Klientenzahl Caesars durch die von ihm angesiedelten Personen verhindern wollte.78 Vor allem der erbitterte Feind Caesars, Cato, sprach sich gegen das Gesetz aus, worauf Caesar ihn ins Gefängnis bringen lassen wollte. Als aber fast der gesamte Senat sich anschickte, Cato zu folgen, sah Caesar davon ab.79 So blieb Caesar keine große Wahl, und er brachte das Gesetz direkt in die Volksversammlung ein.80
Dort hielten Pompeius und Crassus eine Rede, in der sie sich deutlich für das Ackergesetz aussprachen.81 Caesars Amtskollege Bibulus gab sich aber nicht geschlagen, sondern erklärte kurzerhand die restlichen Tage des Jahres als Festtage, so daß theoretisch keine Gesetze mehr verabschiedet werden konnten. Caesar setzte sich aber darüber hinweg, legte einfach einen Tag zur Abstimmung fest, und das Gesetz wurde von der Volksversammlung angenommen. Dabei wurde Bibulus, der auf das Forum kam, um die Abstimmung zu verhindern mit Mist beschüttet, und seinen Liktoren wurden die Rutenbündel zerbrochen.82 Daraufhin zog sich Bibulus bis zum Ende seines Konsulatsjahres in sein Haus zurück.83 Interessanterweise ließ Caesar die Senatoren auf dieses erste Ackergesetz einen Eid schwören, was zuerst bei dem Ackergesetz des Volkstribuns Saturninus im Jahre 100 erfolgt war (siehe Kapitel 2.3).
Zum mächtigsten Gegner Hannibals avancierte Publius Cornelius Scipio, der Karthago direkt bedrohte. Hannibal musste Italien räumen und nach der Schlacht bei Zama 202 v.Chr. war die einstige Grossmacht besiegt.
Kaum war Karthago keine grosse Bedrohung mehr, wandte sich Rom dessen Verbündeten Philipp von Makedonien zu. Er wurde 197 v.Chr. besiegt und ein Jahr später Griechenland erobert. Hannibal hatte bei König Antiochos von Syrien Unterschlupf gefunden. Aber auch er wurde besiegt. Nach der Schlacht von Pydna 168 v.Chr. war Rom endgültig Herrscherin über das östliche Mittelmeer. Da sich unterdessen Karthago wieder zu fangen schien, überzeugte Cato d.Ä. die Römer, den ewigen Fein endgültig auszulöschen. Die Stadt wurde erobert und ausradiert.
Verschiebungen im Staatsgefüge
Das Engagement und der Aufschwung Roms hatten schwerwiegende Folgen für die innere Struktur des ehemaligen Stadtstaates. Die italischen Kleinbauern waren nach all den Kriegen ruiniert und waren gezwungen ihr Land an Grossgrundbesitzer zu verkaufen. Auf grossen Latifundien wurden statt Getreide mittels Sklaven Öl- und Weinplantagen betrieben.
Die verarmten Bauern zogen in die Städte und wurden so zu Slumbewohnern. Mit den Eques hatte ein neuer Stand an Bedeutung gewonnen. Als Händler, Grossunternehmer und Bankiers hatten sie am Krieg verdient und bildeten nun das finanzielle Rückgrat des Reiches. Die Patrizier standen ihnen kaum nach und als Statthalter sorgten sie für schamlose Ausbeutung zahlreicher Provinzen.
Durch die Ausweitung des Herrschaftsgebietes kam Rom mit neuen geistigen Strömungen in Berührung. Die Faszination für alles Griechische bestimmte von nun an die kulturelle Entwicklung des Weltreichs.
Die Ressourcen der neuen Provinzen dienten zur Ausgestaltung der Hauptstadt. Der äussere Glanz wurde durch die inneren Probleme getrübt. Die staatlichen Einrichtungen waren kaum noch in der Lage die Administration des Reiches zu bewältigen. Die Plebejer hatten kaum ein Mitspracherecht. Daraus resultierten Anarchie und Chaos.
Ackergesetze und die Parteien
Die Gracchen versuchten sich als erstes daran, die Lage der Armen zu verbessern. Als Volkstribun brachte Tiberius Gracchus 133 v.Chr. ein Ackergesetz ein, nach dem neue Gehöfte auf Staatsland zu schaffen wären. Die Durchsetzung stiess auf breite Ablehnung in der Oberschicht.
Nachdem sein Bruder bei einem Tumult ermordet worden war, setzte Gaius Gracchus die Pläne der Bodenreform fort. Mit Unterstützung des Ritterstandes konnte er Getreidezuteilungen aus Staatsmitteln an die Armen durchsetzen. Als er aber allen Italikern das Bürgerrecht verleihen lassen wollte, wurde auch er ermordet.
All dies hatte das Gemeinwesen polarisiert. Die Agrarreformen wurden behindert und die Reformgegner schlossen sich Optimaten zusammen. Die Anhänger des Volkes wurden Popularen genannte.
Marius und Sulla
Zur Lösung der anstehenden Probleme im Krieg gegen Jugurtha setzte die Ritterschaft das Konsulat für einen starken Mann mit Können, aber ohne aufsehnerregende Ahnen, durch. Gaius Marius beendete den Krieg und schützte Rom vor den einströmenden Kimbern und Teutonen. Am bekanntesten ist jedoch seine Heeresreform, die die Grundlage für das römische Berufsheer schuf.
Nachdem man den Italikern das Bürgerrecht verweigert hatte, zogen die Enttäuschten in den Bundesgenossenkrieg, der für Rom schwere Niederlagen brachte. So wurde 88 v.Chr. den Aufständischen das Bürgerrecht verliehen.
König Mithridates von Pontos liess unterdessen in Kleinasien 80.000 Römer samt Anhänger umbringen. Um die Tat zu rächen wurde von den Optimaten der Feldherr Sulla berufen. Die Popularen vertrauten weiterhin auf Marius. Wegen dieses Oberkommandos kam es in Rom zum Bürgerkrieg mit wechselnden Siegern und Verfolgung der Gegner. Unter Abwesenheit von Sulla errag Marius die Oberhand und übte Vergeltung an all seinen Feinden in Rom.
Sulla kehrte siegreich nach Rom zurück und mittels Prokriptionen erklärte er Tausende von Popularen für vogelfrei.
82 v.Chr. ordnete Sulla den römischen Staat neu und zog sich anschliessend ins Privatleben zurück. Die inneren Verhältnisse blieben gespannt und es kam zu mehreren Aufständen, u.a. der Skalven unter ihrem Anführer Spartakus.
Pompeius, Crassus und Caesar
Als Anhänger der Optimaten wurde Pompeius die Bekämpfung der Seeräuberei übertragen. Anschliessend wandte er sich gegen Mithridates und ordnete Kleinasien von Grund auf neu.
Er verbündete sich 60 v.Chr. mit Caesar und Crassus zum ersten Triumvirat. Die Macht lag in den Händen dieser drei Männer und ihrer Anhänger und nicht mehr bei den gesetzlichen Einrichtungen. Als Proconsul eroberte Caesar von 58 bis 51 v.Chr. Gallien und schlug die Germanen über den Rhein zurück.
Crassus hatte sich unterdessen in einen prestigeträchtigen Feldzug gegen die Parther gewagt und fiel im Feindesland. Der Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius begann, als Caesar den Rubicon überschritt. Pompeius wich nach Griechenland aus, Caesar folgte ihm. In der Schlacht von Pharsalus war für Caesar siegreich und Pompeius floh nach Ägypten, wo er kurz danach ermordet wurde.
Eine Romanze verband ihn mit der ägyptischen Königin Kleopatra. Als Diktator auf Lebenszeit begann er Rom eine neue Ordnung zu geben. Arbeitsbeschaffung und die Gründung von Veteranenkolonien liess auch die Zahl der Almosenempfänger in Rom deutlich zurückgehen. Das Bürgerrecht wurde auch an einige Provinzialen verliehen, der Strassenbau forciert und der Kalender einer Reform unterzogen.
Von Caesar zu Octavian
Die Gegner von Caesars Alleinherrschaft gaben sich noch nicht geschlagen und an den Iden des März 44 v.Chr. fiel Caesar einem Mordanschlag unter der Führung von Brutus und Cassius zum Opfer. Die Täter wurden verfolgt und getötet.
In der Folge verbündeten sich Marcus Antonius, Gaius Octavius und Lepidus zum zweiten Triumvirat. Lepidus wurde bald entmachtet. Antonius heiratete Kleopatra und handelte im Stile der Ptolemäer. Der Gegensatz zwischen dem orientalischen Antonius und dem die westliche Hälfte beherrschenden Octavian führte zum militärischen Konflikt.
Die Entscheidung fiel 31 v.Chr. in der Seeschlacht von Actium durch Octavians Feldherrn Agrippa. Antonius und Kleopatra mussten flüchten und begingen Selbstmord. Damit war Octavian der alleinige Herrscher über die römischen Gebiete.
Feldwirtschaft
In Italiens ältester Geschichte herrschte der Emmer (Triticum dicoccum) vor.
In historischer Zeit wurde Emmer mit mehreren Sorten gleichzeitig angebaut.
Spelz wird zum ersten Mal in Diokletians Preisedikt genannt. Als Brotgetreide war Weizen am meisten verbreitet und in verschiedenen Arten bekannt.
In manchen Gebieten deckte die jährliche Produktion nicht den Bedarf, und besonders die Großstädte importierten große Mengen. Weizen produzierende Gebiete waren in erster Linie Sizilien, Nordafrika, Ägypten und die Schwarzmeergebiete.
Hirse wurde besonders in der Poebene angebaut. Roggen wurde selten angebaut. Hafer kannte man im wesentlichen als Viehfutter. Emmer, Gerste und Weizen wurden im allgemeinen im Herbst gesät (Oktober bis Dezember). Hirse wurde ausschließlich im Frühjahr gesät (März). Über den Ertrag herrschte große Unsicherheit, da die Quellen von den verschiedenen Gegenden sehr unterschiedliche Zahlen nennen. Am wahrscheinlichsten ist Varros Angabe vom 15 fachen Ertrag in Etrurien.Von den Hülsenfrüchtengewächsen waren die wichtigsten Saubohne, Erbse, Kichererbse und Linse. Die Technik des Ackerbaues scheint durch Jahrhunderte ziemlich unverändert gewesen zu sein. Wichtig war die Ökonomisierung der Bodennutzung, damit der Boden nicht ausgemergelt wurde. Umschichtiger Anbau mit einem Jahr Frucht und einem Jahr Brachliegen ist die ursprünglichste Methode, aber es wurden auch mehrere Formen des Fruchtwechsels entwickelt (Varro rust. I, 44, 2 f.). Ein Misthaufen ist ein wichtiger Bestandteil bei der Anlage des Hofes (Cato, Varro, Columella).
Der kräftige Winter- und Frühjahrsregen machte es notwendig, das überflüssige Wasser von den Feldern abzuleiten, um Erosion zu verhüten. Im allgemeinen wurde die Saat untergepflügt, so daß das Feld in langen Furchen eingeteilt war. Die Geräte waren recht einfach. Handgeräte sind Hacken mit einem oder mehreren Zähnen oder einem breiten Blatt, Spaten, Rechen und Beile verschiedener Typen samt Sicheln. Gezogen von Ochsen und Eseln wurden Wagen und Karren, Eggen und Pflüge verwandt. Nach dem Eggen bzw. Pflügen wurde das Säen durch die Hand vorgenommen. Die Aussaatzeit ist Frühjahr oder häufiger Herbst. Die Ernte erfolgte mit der Sichel. In römischer Zeit kannte man eine Art Mähmaschine aus Gallien. Die abgemähten Ähren brachte man zum Dreschplatz. Das Korn wurde in Kornlagern mit guter Entlüftung oder in unterirdischen Silos aufbewahrt, Hülsenfrüchte in eingegrabenen Vorratsgefäßen.
Erst im Hellenismus und nach der römischen Eroberung Griechenlands verbreitete sich der Großgrundbesitz. Erste Formen der Bodenverbesserung durch Düngung und Entwässerung waren bekannt. Die Sklaverei rentierte sich in der Landwirtschaft besonders dann, wenn Sklaven das ganze Jahr hindurch beschäftigt werden konnten. Zur Saisonarbeit nahm man lieber Tagelöhner. Die landwirtschaftliche Technik war wenig entwickelt. Besonders Getreide, Gemüse und Ölfrüchte wurden angebaut.
Zur Zeit Catos (234 bis 149 v. Chr.) galt als beste Art der Bodennutzung der Weinbau, dann folgten Obstanbau in Gärten, Weidenanpflanzungen, Olivenanbau, Anlage von Wiesen für die Viehwirtschaft, Getreideanbau und schließlich Strauch-, Busch- und Baumpflanzungen. In der frühen Kaiserzeit wurden der Getreidebau als vorteilhafter angesehen.
Die Dreifelderwirtschaft mit Fruchtwechsel kam auf, wurde aber noch nicht allgemein üblich. In der römischen Landwirtschaft entwickelte sich etwa seit dem 2. Jh. v. Chr. ein Großgrundbesitz (Latifundien), der vor allem von Sklaven bewirtschaftet wurde. Es handelt sich um römische Großbetriebe in der Landwirtschaft seit der späten Republik. Zuerst arbeiteten dort Sklaven, später vor allem Kolonen.
Zur Zeit Neros besaßen 6 Großgrundbesitzer die Hälfte der Provinz Afrika. I
In der Kaiserzeit ging man in den landwirtschaftlichen Großbetrieben zur Kolonenwirtschaft (Kolone) über, weil der Kleinbetrieb freier Pächter auf diesen Gütern rentabler als Sklavenarbeit wurde.
Ein Kolone ist ein Pachtbauer, der ein Stück Land eines Grundherrn gegen Zahlung eines Pachtzinses bewirtschaftete, daneben aber auch eigenes Land besitzen oder bebauen konnte.
Auch konnten Sklaven vom Herrn ein Grundstück als Pekulium erhalten und wurden damit Quasi-coloni (den Kolonen angeglichene Sklaven). Außerdem gab es im römischen Reich stets freie Bauern.
In der späten Kaiserzeit erlangten sie wieder größere Bedeutung. In der späteren Kaiserzeit stellten die Kolonen eine besondere Schicht innerhalb der Landbevölkerung dar.
Durch ihre Bindung an das Gut des Herrn wurde ihre rechtliche Freiheit und Bewegungsfreiheit mit der Zeit stark eingeschränkt. Zahlreiche Gesetze späterer Kaiser seit Konstantin behandelten die rechtliche und soziale Lage der Kolonen.
Die ersten Ackergesetze wurden bereits in der Königszeit erlassen. Durch die vielen Kriege wurden die Bauern sehr lange von der Bewirtschaftung der Felder abgehalten. Den vernachlässigten Besitz eigneten sich Gutsherrn an, während die Bauern als besitzlose Bürger aus dem Krieg zurückkehrten.
Eine richtungsweisende Lösung erreichten zuerst die Gracchen. Seit 133 ging die Initiative zur Ackergesetzgebung fast immer von Volkstribunen aus. Die letzte Erwähnung eines Ackergesetzes erfolgte zur Zeit Nervas (96-98 n. Chr.). Ohne Kenntnis der biologischen Faktoren erreichte man im Altertum auf rein empirischen Weg einen sehr hohen Stand innerhalb des Acker- und Gartenbaus, wesentlich kraft eines hochqualifizierten Stabes von Arbeitern, in hellenistisch-römischer Zeit hauptsächlich Sklaven.
Amerikas "Fantasie der Weltherrschaft"
Der weltbekannte Historiker Eric Hobsbawm im STANDARD-Interview: "Reine Militärmacht hat nie genügt"
Eric Hobsbawm: "Die 'Theologie des freien Marktes' grassiert seit den letzten 25 Jahren in fast allen Regierungen"
Volltext-Version des Interviews von Erhard Stackl
Siehe
Zur Person: Eric Hobsbawm
STANDARD: Herr Professor, Sie haben im Zusammenhang mit der von der UNO gedeckten US-Intervention in Afghanistan gesagt, dass Sie sich an die Zeit nach 1918 erinnert fühlen, als neue Kolonien als Völkerbundmandate getarnt wurden. Wie beurteilen Sie den Irakkrieg - ist das für Sie ungetarnter Kolonialismus?
Hobsbawm: Ungetarnt ist es ganz sicher. Ich glaube aber nicht, dass es mit dem Kolonialismus zu vergleichen ist. Das große amerikanische Imperium - Lateinamerika - bestand schon immer aus Satellitenstaaten. Der Hausstil des amerikanischen Imperialismus ist eher so, wie es jener der UdSSR war: abhängige Staaten, die tun was man will und wo man, wenn sie es nicht tun, interveniert. Ich glaube nicht, dass es den Amerikanern angenehm wäre, wenn sie als Kolonialherren in der ganzen Welt herumsitzen müssten. Sie haben bis jetzt versucht, sich herauszuwursteln. Im Irak und in zukünftig besetzten Gebieten wird das schwerer sein. Die werden die Amerikaner entweder selbst besetzen oder jemanden finden müssen, der es für sie tut.
STANDARD: Ist das ein Geschäft oder etwas, das Geld kostet?
Hobsbawm: Unter englischen Historikern besteht seit langer Zeit eine große Diskussion darüber, inwieweit sich das Empire finanziell gelohnt hat. Im Großen und Ganzen hat es sich für den Staat finanziell nicht gelohnt, wohl aber für die Unternehmer und Unternehmungen des Staates. Es kostet viel, heute vielleicht noch mehr als früher. In der Vergangenheit hat das englische Empire versucht, die Sache so zu lösen, dass die Kolonien für ihre Besetzung gezahlt haben. Und das versuchen die Amerikaner im Irak auch.
STANDARD: Da denkt jeder natürlich sofort an Öl.
Hobsbawm: Ob das gelingt? Denn eigentlich kommt an Öl im Augenblick nicht soviel heraus, da muss erst einmal viel investiert werden, bevor die earning capacity des irakischen Öls wirklich groß wird.
STANDARD: Was bedeutet diese Entwicklung für die Weltlage? Müssen wir uns vom System der UNO verabschieden, ist die Nato irrelevant geworden?
Hobsbawm: Die Nato ist schon lange irrelevant und das ist kein großer Verlust. Ob die Vereinten Nationen irrelevant geworden sind, ist noch nicht klar. Ihr Problem ist, dass sie bis jetzt nur handlungsfähig waren, wenn der Sicherheitsrat - das heißt, die Amerikaner - zugestimmt haben. Das ist im Augenblick aus, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass die Vereinten Nationen von der Bildfläche verschwinden. Es gibt zu viele Funktionen, die ohne eine solche Organisation schwer aufrecht zu erhalten sind.
STANDARD: In den Feuilletons großer Zeitungen wird das US-Konzept des "Präventivkriegs" ohne Deckung der UNO als Tabubruch und Rückfall ins Faustrecht beklagt. Ist das so, oder gab es das nicht auch schon früher, im "Hinterhof" Lateinamerika?
Hobsbawm: Das hat es regional gegeben, in bestimmten Grenzen. Man muss sich daran erinnern, dass die Leute das nie gern ganz öffentlich gemacht haben. Das war sozusagen "halboffiziell", z.B. die Contras (in Nicaragua). Die neue Doktrin ist ein ganz bewusster Tabubruch, ein Bruch mit der Idee der internationalen Ordnung. Es sollte nicht mit der zynischen "Realpolitik" im alten Sinn des 19. Jahrhunderts verwechselt werden. Rumsfeld ist auch mit Kissinger nicht zu verwechseln. Da ja das 20. Jahrhundert barbarischer als das 19. war, hat die Realpolitik Kissingers sich barbarischer benommen als Bismarck. Tatsache war aber, dass für Kissinger die Regeln einer internationalen Ordnung galten, er wusste, man hat nationale Interessen, denen muss man intelligent nachgehen. Heute ist das eine Fantasie der Weltherrschaft und hat sehr wenig auch mit der zynischsten Großmacht- Realpolitik zu tun. Daher ist es gefährlich.
STANDARD: Geht es auch über den imperialen Gedanken Englands hinaus, weil es sich nicht nur um das eigene Kolonialreich, sondern um die ganze Welt dreht?
Hobsbawm: Ja, die Vereinigten Staaten sind, wie die Franzosen nach der französischen Revolution unter Napoleon, wie die Russen nach der russischen Revolution, eine revolutionäre Großmacht und daher eine, die die Weltveränderung will. Das gefährliche daran ist, dass die Amerikaner glauben, sie hätten genug Macht dazu. Andererseits besteht das Paradox, dass man, wie in den vergangenen Weltimperien, theoretisch die Welt im Sinne einer großen Revolution, einer großen Befreiung, ändern will, in der Praxis läuft es aber - wie bei Napoleon - auf den Vorteil des großen Imperiums hinaus.
STANDARD: Kann so etwas Bestand haben?
Hobsbawm: Die Schwierigkeit solch einer Weltherrschaft besteht darin, dass es sich um ein absolutes Novum handelt. Eine wirkliche globale Herrschaft ist noch nie da gewesen, bei keinem Imperium. Und daher weiß man nicht, was da möglich ist, unter den heutigen technischen Bedingungen. Man weiß aber, dass die Welt ungeheuer kompliziert ist und bleibt. Man weiß auch, dass der riesige Vorteil der Amerikaner heute rein militärisch ist. Sie sind natürlich auch sehr reich, aber dieser Reichtum ist brüchiger. Stellen Sie sich z.B. vor, da wir in Wien sind, dass morgen die Opec sich entscheidet, ihre Rechnungen in Euro und nicht in Dollar zu fakturieren. Da heute der Euro stärker ist als der Dollar, hätte das ungeheure Auswirkungen. Die amerikanische Wirtschaft ist eine von zwei oder drei großen Wirtschaftsgebieten. Die amerikanische Militärmacht wird auf absehbare Zukunft unerreichbar bleiben. Aber reine Militärmacht hat nie genügt. Denken sie an die Mongolen, an Dschingis Khan. Die haben die ganze Welt erobert und zwar sehr geschwind, aber aus dem Großteil der Welt sind sie sehr bald verschwunden. Der einzige Teil der Welt, wo sie - mit Ausnahme von einigen Gebieten Russlands - geblieben sind, war China, wo sie sich der Welt, wie sie damals war, angepasst hatten. Die Tatsache, das man jeden besiegen kann, genügt nicht zur Weltherrschaft. Und ganz besonders deshalb nicht, weil, wie ich in meiner "Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts" gesagt habe, die Menschen in der Vergangenheit die Logik der Macht anerkannt haben. Das ist heute nicht mehr der Fall.
STANDARD: Ist da der Terror auch ein neues Element?
Hobsbawm: An sich nicht, aber denken Sie an die Palästinenser und and Israel. Obwohl die Macht Israels ungeheuer groß ist, wird sie nicht angenommen. Und daher ist das, was in den ersten 20 Jahren für die Israelis ein Kinderspiel war - Palästina ruhig zu halten - heute nicht mehr möglich. Dieses Problem haben Weltherrscher wie auch Regionalherrscher. Es ist nicht unlösbar, aber es erfordert anderes als bloß die Rhetorik von der "Rückkehr zur Demokratie". Eine der Schwierigkeiten der Weltherrschaft ist es, dass die Amerikaner nicht wissen, was sie damit wollen. Die gesamten Slogans wie die "Achse des Bösen" oder die "Roadmap" für den Nahen Osten, wurden nicht als politische Analysen gemacht, sie wurden als reine Reklameanalysen erstellt, sie wurden von den Publicityleuten erfunden. Ein Großteil der amerikanischen Politik - außer das rein strategisch-militärische - ist irgendwie hinter einer Wolke von Orwellschen Newspeak, die auch die Amerikaner selbst nicht klar sehen lassen.
STANDARD: Wo bleiben da die Europäer? Wirtschaftlich sind sie ja durchaus gleichrangig mit den USA.
Hobsbawm: Die Europäer sind wirtschaftlich mehr oder weniger gleichwertig, politisch nicht besonders, militärisch existieren sie nicht. Die Schwierigkeit besteht darin, dass eines der ersten praktischen Resultate der amerikanischen Hegemonie darin bestanden hat, Europa zu sprengen. Ich halte es für den gefährlichsten der vielen gefährlichen Aspekte der US-Politik, dass die Sprengung Europas dessen zwei großen Errungenschaften aufs Spiel setzt. Nämlich die erste, dass seit 1945 mit Ausnahme der Balkanhalbinsel aus einem Kontinent der Kriege ein Kontinent des Friedens geworden ist. Und zweitens, dass dieser Kontinent das große Heim des Wohlfahrtsstaates, sozusagen des "gezähmten Kapitalismus" geworden ist. Und das wird jetzt aufs Spiel gesetzt.
STANDARD: Wird sich Großbritannien zu einem US-Satelliten entwickeln?
Hobsbawm: England versuchte in den letzten 20 Jahren irgendwie zwischen Amerika und Europa herum zu manövrieren, jedenfalls den Anschluss an Europa nicht zu verlieren. Unter den gegebenen Umständen wird das immer schwerer. In der Logik der Lage ist es, dass England mehr zu Satellitenstaat Amerikas wird. Nicht unbedingt aus wirtschaftlichen Gründen, zum Teil ist das der strategische Druck der Amerikanern. Es stimmt aber auch, dass England immer auch kulturell und wirtschaftlich auf halbem Weg zwischen den beiden Seiten des Atlantiks stand.
STANDARD: Was sagen sie zum Vorwurf des "alten Europa"?
Hobsbawm: Das sind wieder so Spiele mit der Sprache. Man kann doch die moderne Politik nicht als eine Art Macho-Vorführung betrachten. Das schaut sich in Amerika, im Fernsehen, gut an. Alle diese Sachen sind reiner Blödsinn. Erstens einmal ist Europa gleich alt, oder gleich jung. Die meisten Länder Europas sind in den letzten 50 Jahren gänzlich erneuert worden. Die Behauptung, dass die Europäer nicht genug Courage hätten, das ist doch nicht ernst zu nehmen.
STANDARD: Zur Frage des Wohlfahrtsstaates: In Österreich gibt es erstmals seit Jahren Streiks wegen einer Pensionsreform. Woher kommt der Reformdruck? Ist das ein Resultat der Globalisierung?
Hobsbawm: Es ist ein doppelter Druck. Erstens einmal durch die Globalisierung, d.h. die Auswanderung der Industrie in die Dritte Welt, besonders nach Asien. Zweitens aber ist es die "Theologie des freien Marktes", die in den letzten 25 Jahren in fast allen Regierungen grassiert. Europa ist heute bei weitem die reichste Region der Welt, in der das Produkt verhältnismäßig noch am wenigsten ungleich verteilt ist. Es besteht meiner Ansicht nach kein Grund, warum wir nicht weiter einen Wohlfahrtsstaat haben können. Es ist schon möglich, dass in manchen Ländern wie z.B. in Deutschland oder Österreich der Wohlfahrtsstaat etwas zu freigiebig war. In England wäre es unglaublich, dass die Leute Pensionen bis zu 80 Prozent bekommen. Wie ich in Pension gegangen bin, habe ich 50 Prozent meines Gehalts bekommen. Darüber lässt sich sicher diskutieren. Aber Tatsache ist, dass es möglich ist. Es ist nur dann nicht möglich, wenn man glaubt, dass der Staat bzw. die Öffentlichkeit keine Verantwortlichkeit für die Verteilung des Sozialproduktes hat, dass man sagt, für den Profit wird zuviel an Sozialabgaben gezahlt. Wie das gemacht werden soll ist eine andere Sache. Man muss zuerst feststellen, wie viel man sich leisten kann, nicht wie recht oder unrecht die Sozialabgaben den Unternehmen sind.
STANDARD: Es gibt dann immer die Drohung von Unternehmen mit der Abwanderung in Billiglohnländer...
Hobsbawm: Das werden sie aber sowieso tun.
STANDARD: Beherrscht die von Ihnen so genannte "Theologie des freien Marktes" nicht schon lange auch die Universitäten und Forschungsinstitutionen? Wird überhaupt ausreichend an Gegenmodellen gearbeitet?
Hobsbawm: Doch, seit dem Ende der Neunzigerjahre fangt man wieder an, z.B. ging der Nobelpreis an Amartya Sen, und im Jahr später an Joseph Stiglitz. Zwanzig Jahre lang bekamen nur Leute aus Chicago die Nobelpreise. Das war ein solcher Skandal, dass die Wissenschafter in den Nobelgremien protestiert haben, es soll ein wissenschaftlicher und nicht ein ideologischer Preis sei. Diese Freien-Markt-Leute machten auch bankrott, denken Sie an den Fonds Long Term Capital Management (in den die Nobelpreisträger Robert Merton and Myron Scholes involviert waren - Anm. d. Red.) Die Krise seit 1997/98 - eine der großen Krisen der Weltwirtschaft - hat die Theologie des freien Marktes doch ein bisschen geschwächt.
STANDARD: Auf der Ebene der politischen Parteien sieht man kaum jemanden, der ein Gegenmodell propagiert. Was halten sie von den neuen sozialen Bewegungen, den Globalisierungskritikern?
Hobsbawm: Die haben einen Vorteil, nämlich dass sie die erste politische Bewegung sind, die transnational organisiert ist. Die riesigen Schwierigkeit, u.a. auch der alten Parteien und der alten Gewerkschaften war es, dass sie alle innerhalb des nationalen Rahmens funktionierten, trotz der ganzen Rhetorik über Internationalismus. Die NGOs sind von Anfang an transnationale Politik gewöhnt. Der Nachteil der Antiglobalisierer ist es, dass sie kein positives Programm haben und dass sie auch - nicht alle - die Globalisierung als solche bekämpfen, was einfach nicht geht. Die Globalisierung der Wirtschaft, der Kultur, fast aller Aspekte mit Ausnahme der Politik ist eine Tendenz, die schon seit dem 16. Jahrhundert besteht und einfach nicht rückgängig gemacht werden kann. Der Irrtum ist, dass man sie mit einem besonderen Stil, nämlich der Globalisierung durch den freien Markt identifiziert. Und obwohl diese Bewegungen ziemlich wirksam sind, sind es keine Massenbewegungen. Wenn ich sie mit der Bewegung gegen den Irakkrieg vergleiche - sowohl in England wie in Spanien und Italien - die großen Demonstrationen, die es da gab - die gingen weit über alles hinaus, was früher politisch zu mobilisieren war. Die Hälfte der Leute waren solche, die noch nie auf die Straße gegangen sind. Da besteht ein gewissen Novum, dass im Protest gegen diesen Krieg, gegen diese neuen Hegemonie, Leute in riesiger Zahl mobilisiert werden. Wie wirksam das ist, das ist eine andere Frage.
STANDARD: Am Schluss ihrer Autobiografie rufen Sie dazu auf, soziales Unrecht weiterhin zu benennen uns zu bekämpfen. Wie schätzen Sie da die Bewegung der Globalisierungskritiker ein? Könnte sie stark genug werden, um die Realität der Welt zu verändern?
Hobsbawm: Das Problem ist, dass es das Publikum heute nicht mehr so einfach gibt. Was sich heute viel leichter mobilisieren lässt, sind die professionals, Leute der middle class, auch bei den Jugendlichen. Was früher von der Arbeiterbewegung mobilisiert wurde, ist heute nicht mehr so leicht anzusprechen. Sehr viel davon ist abgebröckelt, an die Rechte. Aber: die Welt wird nicht von allein besser.
Werden die Karten neu gemischt?
Krystian Woznicki 03.05.2003
Der "Atlas der Globalisierung" sucht Themen und Probleme, Schauplätze und Akteure des Globalisierungsprozesses darzustellen
Mit dem Atlas der Globalisierung ist dieses Jahr ein Führer erschienen, der sich mit einer Fülle von anschaulich dargestellten Fakten anschickt, die Idee und die Praxis der Wirtschaftsglobalisierung zu entmythologisieren. Er geriert sich dabei nicht nur als Lehrmaterial, das über den Stand und die Hintergründe unterschiedlichster Weltprobleme informiert, sondern auch als Werkzeug um in den häufig als unaufhaltsames Naturereignis inszenierten Globalisierungsprozess einzugreifen.
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BSP pro Kopf im Jahr 2000: Die anamorphotische Weltkarte erstellte Wladimir Tichunow, Professor für Geographie an der Universität Moskau (Atlas der Globalisierung)
Die Jesuiten begriffen die Welt nicht nur sehr früh als eine unermessliche Ansammlung verschiedener Einzelphänomene, die es zu studieren und in Zusammenhang zu setzen galt. Sie waren auch Vorreiter einer netzwerkförmigen Organisation dieses Wissens: Die Missionare des Ordens wurden in die entlegensten und entferntesten Teile der Welt entsandt (darunter Mexiko, Salvador Bahia, Brasilien, Afrika, Indien, Japan oder China), fühlten sich vor Ort in die vorgefundenen Kulturen ein, passten sich an sie an und lernten von Innen heraus von ihnen, um letztlich auf dieser Basis ihr religiöses Universalprodukt (den katholischen Glauben) zu "lokalisieren".
Diese Grundlage war es im Gegenzug, die es ihnen ermöglichte einen enormen Fundus an Informationen zurück zu übermitteln. Siegfried Zielinski hält in seinem neuen Buch "Archäologie der Medien" (Rowohlt, 2002) diesbezüglich fest:
"So entstand in den letzten Jahrzehnten des 16. und 17. Jahrhunderts ein weltweites Netzwerk des Missionierens, der Bildung und der Künste. Der Vatikan in Rom war seine übergeordnete politische Kontrollinstanz."
Zielinski spricht sogar von einem "jesuitischen Informations- und Kommunikationssystem" im Weltmaßstab und erzählt von Athanasius Kircher, der zu dieser geistigen Zentrale Zugang hatte und mit diesem Wissen begann, enzyklopädische Publikationen herauszubringen, darunter "China Illustrata", die 1667 erstmals erschien, also nur 37 Jahre nach dem das erste Werk, das den Namen Enzyklopädie (aus griechisch enkýklios paideía "Kreis der Bildung", "Umkreis des Wissens") trug, herausgekommen war.
Der (globale) Herrschaftsanspruch, der sich in diesen Wissenskompendien spiegelte, kommt auch in der karthographischen Arbeit von Gerhard Mercator zum Ausdruck, der - für Kaiser Karl V arbeitend - 1595 mit einer Sammlung seiner Karten den Begriff "Atlas" prägte und vor allem aber auch durch seine große, für die Seefahrt bestimmte Weltkarte (18 Blätter; 1569) berühmt wurde. Diese wurde in der von ihm neu entwickelten Mercator-Projektionsform gestaltet und war eine konforme, normalachsige Zylinderprojektion der Erde, bei der sich die (als Geraden abgebildeten) Meridiane und Breitenkreise rechtwinklig schneiden. Wegen ihrer Winkeltreue ist noch heute für die Navigation von Bedeutung.
Die Frage des systematischen Zusammenhangs des Weltwissens, die von Aristoteles über F. Bacon bis hin zu G.W.F. Hegel nahezu alle philosophischen Universalgelehrten beschäftigte, hatte aber auch schon immer eine emanzipatorische Dimension: Die "Encyclopédie" (1751-72) zum Beispiel war das große Gemeinschaftswerk der französischen Aufklärung - trotz unterschiedlicher Weltanschauung einte deren Herausgeber und Mitarbeiter die Überzeugung, durch Sammlung und Aufzeichnung alles verfügbaren Wissens dem Fortschritt der Menschheit zu dienen. Mit einem vergleichbaren Anspruch haben sich auch die Macher des "Atlas der Globalisierung" (2003) an die Arbeit gemacht, der von Le Monde diplomatique herausgegeben wurde.
Schließlich gilt es heutzutage, das Wissen um die Welt nicht nur gegen die Geheimdienste zu behaupten, sondern auch gegen eine Globalisierung, die zum Stichwort für den totalen Weltmarkt eines schrankenlosen Kapitalismus geworden ist und deren stärksten Befürworter eine Nation ist, die sich als "von Gott auserwähltes Volk" begreift, "das die religiöse Pflicht und Mission hat, überall auf der Welt Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zu verbreiten." (Rudolf Maresch in "Raum-Macht-Wissen", Suhrkamp 2002).
Die Karte als symbolisches Kapital für politische Korrekturen (The Nation-Cover)
Hermann Scheer zeichnet in dem Einleitungs-Essay zum "Atlas der Globalisierung" nicht nur nach, wie Mitte der 1990er in Aussicht gestellt wurde, dass diese universalen Werte durch den Welthandelsvertrag und der damit verbundenen freien Welthandelsordnung durchgesetzt würden. Scheer schildert auch eindrücklich, wie der Welthandelsvertrag unterzeichnet wurde, ohne Kenntnis darüber, dass er mit den utopischen Zielen eigentlich unvereinbar war:
"Kaum einer merkte den Widerspruch zwischen beiden Weltplänen. Und zwar auch deshalb, weil die WTO mit dem hehren Versprechen begründet wurde, den Entwicklungsländern die Märkte in den Industrieländern zu öffnen und weltweit den wirtschaftlichen Wohlstand zu mehren."
Scheer erinnert aber auch auf ein ungehöriges Unwissen, dass 1994 bei Vertragsabschluss vorherrschte: "Kein internationales Abkommen wurde jemals in derartigem Eiltempo durchgewinkt. Nicht einmal alle Vertragstexte lagen den Abgeordneten vor, weil die Zeit zum Übersetzen zu knapp war." In noch größerer Geschwindigkeit sollte die Globalisierung dann über die Bühne gebracht werden. Der "TINA-Satz" (Carl Amery) - "There is no alternative" - wurde zur Apologie der 1990er. Doch zeichneten sich allzu bald die ohnehin bestehenden Ungleichheiten zwischen Ost und West, sowie Nord und Süd in noch größerem Ausmaße ab.
Um diese Folgen in ihrer ganzen Bandbreite aufzuzeigen widmet sich der "Atlas der Globalisierung" im ersten Teil Themen wie Kommunikation, Wirtschaft, Rüstung, technischer Fortschritt, Umweltverschmutzung, Demokratie und Geo-Politik. Im zweiten Teil werden ebenso facettenreich und detailliert die Schauplätze und Akteure der Globalisierung analysiert. Kurze Texte bieten einen Einstieg in das jeweilige Thema, fassen zentrale Entwicklungen zusammen und erlauben somit auch Nicht-Eingeweihten Zugang zu der jeweiligen Problematik. Diese Texte sind aber auch dienlich, um die zahlreichen Karten, die diesen Atlas bebildern, zu kontextualisieren und verständlicher zu machen.
In diesen Weltkarten, die so unterschiedliche Zusammenhänge aufzeigen wie "Die Osterweiterung der NATO", "Sprach- und Bevölkerungsgruppen in China", die "Internationale Vernetzung von Greenpeace" oder "Die größten Freihandelszonen der Welt", wird deutlich, was John A. Gentry mal über Informationen im Geheimdienstkontext gesagt hat:
"Information alone is not intelligence; it becomes intelligence only after proper verification and assessment."
Man wird hinzufügen wollen, dass diese Informationen auch erst dann von Wert sind, wenn sie entsprechend kontextualisiert, kombiniert und visualisiert werden. An den Karten im "Atlas der Globalisierung" zeigt sich jedenfalls, dass die im komplexen und widersprüchlichen Globalisierungsprozess begriffene Welt für jedermann lesbar gemacht werden kann. Doch leisten diese Karten darüber hinaus noch etwas anderes.
Wie Eva Horn im "Raum-Zeit-Macht"-Reader festhält, gelten Karten klassischerweise als Träger kriegswichtigen Wissens und folglich "als begehrtes und verbotenes Objekt in dem Maße, wie sie das Labyrinth zum begehbaren, nutzbaren Raum machen." Die Karten im "Atlas der Globalisierung" drehen den Spieß an dieser Stelle um. Das "Labyrinth der Gegenwart", wie Ignacio Ramonet die Globalisierung im Vorwort bezeichnet, wird durch sie für alle begeh- und nutzbar. Die Macht, die gegenwärtig Bildern zugesprochen wird, kann folglich also auch von dieser Warte aus für aktivistische Ziele mobilisiert werden. (Vgl. auch "Geoinformationssysteme werden IT-Mainstream" ( Geoinformationssysteme werden IT-Mainstream).
Archäologie der Medien, Siegfried Zielinski, Rowohlts Enzyklopädie 2002
Raum-Wissen-Macht, Herausgegeben von Rudolf Maresch und Niels Werber, Suhrkamp 2002
Atlas der Globalisierung, Le Monde diplomatique, taz Verlags- und Vertriebs GmbH 2003
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/buch/14684/14684_3.jpg
Geheimwissen: Militärisch-politische Aufklärung (Intelligence) als enzyklopädisches Nachschlagewerk (World Fact Book 2002-Cover)
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/buch/14684/1.html
Pearl Jam kaufen sich ein Stück Regenwald
Die US-Rockband Pearl Jam will die auf ihrer letzten Tournee verursachten Klimaschäden wieder gut machen und hat ein 1400 Quadratmeilen großes Stück Regenwald auf Madagaskar gekauft.
AP
Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder: Ökologisches Rocker-Bewusstsein
Frankfurt/New York - Die ehemaligen Grunge-Heroen ("Alive") ließen den Schadstoffausstoß ihrer laufenden Welttournee berechnen, der von ihrem Tour-Konvoi aus Lkw, Bussen und Flugzeugen verursacht wird. Nach einem Bericht des Münchner Magazins "Musikexpress" kam die von der Rockband beauftragte Umweltschutzorganisation Conservation International auf einen Schadstoffausstoß von 5700 Tonnen Kohlendioxid.
Um den vermeintlich angerichteten Schaden für die Ozonschicht der Erdatmosphäre wieder auszugleichen, hat die Band jetzt ein 1400 Quadratmeilen großes Stück Regenwald in Madagaskar gekauft, der den Gegenwert von 140 Millionen Tonnen Kohlendioxid kompensieren kann. Der Wald, der ansonsten von der Abholzung und Brandrodung bedroht gewesen wäre, beherbergt zudem Tausende von seltenen und vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten.
Auf der Band-Website heißt es zu der umweltfreundlichen Aktion: "Zwanzig Prozent der weltweiten Treibhausgase entstehen bei der Abholzung des tropischen Regenwaldes. Der Schutz der verbleibenden Wälder ist eine Möglichkeit, etwas für die Erhaltung der Artenvielfalt, wie auch den Klimaschutz zu tun. Wir können es uns nicht leisten, eine solche Chance ungenutzt verstreichen zu lassen."
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,247631,00.html
PSYCHODROGEN?
Jessica Lynch: Null Erinnerung an Gefangenschaft
Die aus irakischer Kriegsgefangenschaft befreite US-Soldatin Jessica Lynch leidet unter Gedächtnisverlust – und kann damit zunächst nicht über mögliche Kriegsverbrechen aussagen. Der 19-Jährigen fehle die Erinnerung ab dem Zeitpunkt des Überfalls irakischer Soldaten auf ihre Einheit, wie der US-Fernsehsender FoxNews unter Berufung auf US-Regierungskreise am Sonntag (Ortszeit) berichtete. „Eine komplette Amnesie ist eine typische Folge traumatischer Erlebnisse oder schwerer psychischer Schäden“, bestätigte die Psychiaterin Isadore Rosenfeld. Die US-Regierung geht davon aus, dass Lynch geschlagen und möglicherweise gefoltert wurde.
US-Marines hatten die 19-Jährige am 1. April aus einem Krankenhaus gerettet, nachdem sie mit ihrer Kompanie am 23. März in einen Hinterhalt der irakischen Truppen geraten war. Bei der Befreiung waren die Leichen von neun weiteren US-Soldaten gefunden worden. Sie hatten ihre Gefangennahme nicht überlebt.
Lynch trug schwere Verletzungen davon. Mit einer Kopfwunde, Verletzungen an der Wirbelsäule sowie Brüchen am rechten Arm und beiden Beinen war sie zunächst in das Militärkrankenhaus im deutschen Landstuhl ausgeflogen worden. Von dort haben US-Truppen sie dann zurück in die USA gebracht.
Die US-Regierung hofft, von Lynch Informationen über mögliche Kriegsverbrechen der irakischen Seite zu erhalten. Nun will sie mit Hilfe von Psychologen sowie durch die Konfrontation mit anderen Überlebenden des Überfalls Lynchs Gedächtnis zurückbringen.
Die Psychiaterin Isadore Rosenfeld rät allerdings zu Geduld. „Normalerweise dauert es mehrere Monate, manchmal auch Jahre, bis die Traumatisierten ihr Gedächtnis wiedererlangen“, sagte sie dem US-Sender.
http://news.focus.msn.de/G/GN/gn.htm?snr=119806&streamsnr=7
Glückliche Schweine bringen Lidl Klage ein
AK will verstärkt gegen irreführende Werbung vorgehen
WIen (pte, 7. Mai 2003 12:05) - Die Alpenidylle, die der Lebensmitteldiskonter Lidl http://www.lidl.at in einer Werbung für billige Schweinsschnitzel darstellt, ist für die Arbeiterkammer (AK) http://www.arbeiterkammer.at Grund für eine Klage. Die AK nimmt den Fall als Auftakt eines verstärkten Vorgehens gegen irreführende Lebensmittel-Werbungen. In der Lidl-Werbung suggerieren sieben Schweine auf einer saftigen grünen Wiese mit Wald, hochalpinem Gebirge und einem Bauernhaus, dass die Schweinsschnitzel vor ihrem Ableben glücklich und frei waren. Das stimmt aber laut AK nicht und bringt Lidl daher eine Klage nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb ein. Statt Konsumenten mit schönen Bildern zu täuschen, solle der Diskonter die Haltungsbedingungen der Tiere verbessern.
Herkömmliches Fleisch habe nichts mit Freilandhaltung zu tun, so die AK. Fleisch von so genannten "glücklichen Tieren" sei meist mit speziellen Gütezeichen versehen und zu höheren Preisen in den Regalen. Der Alltag der Schweine, die als billige Schweinsschnitzel bei Lidl enden, sieht aus der Sicht der AK nicht anders aus wie das Leben von 99 Prozent aller Mastschweine auch: Sie kommen niemals ins Freie. Ihr Lebensraum ist nicht grün, sondern betongrau und beschränkt sich meist auf die gesetzlich vorgegebenen 0,7 Quadratmeter. Ein verschwindend kleiner Teil der Schweine lebe nicht auf Betonspaltenböden, sondern auf Stroh und dürfe ab und zu ins Freie. Das Fleisch dieser Tiere wird laut AK unter speziellen Programmen und unter speziellen Gütezeichen vermarktet und kostet mehr. (Ende)
Aussender: pressetext.austria
HOCHKONJUNKTUR FÜR APOKALYPTIKER
Wie Chemie - heißt nur anders
Philipp Grätzel von Grätz 07.05.2003
Apokalyptiker haben weiter Konjunktur, wenn es um die Zukunft der Menschheit und die Gefahren der Technowissenschaften geht
Ziemlich genau drei Jahre nachdem Bill Joy in einem Beitrag für das Magazin Wired öffentlichkeitswirksam vor einem Nanoroboter-Overkill gewarnt hat, entflammt die Debatte um die Zukunft der Menschheit erneut. Das Stichwort: Nanotechnik-Moratorium. Die Akteure: ein Futurologe, ein Astronom, ein Physiker, Michael Crichton, eine Million Nanoboter und Prinz Charles. Vorhang auf.
Apokalyptiker haben weiter Konjunktur, und sie verdienen nicht schlecht mit ihren Visionen. Ob sie nun Bill Joy, Jeremy Rifkin oder Martin Rees heißen, ob sie über Gene, Xenotransplantation, Mikroorganismen oder Nanoroboter schreiben: Skepsis zwischen Buchdeckeln verkauft sich blendend.
Einer allerdings war vorher schon berühmt. Ende April hat Britanniens ewiger Kronprinz Charles eine auf seinen Wunsch von der Wissenschaftsorganisation Royal Society zusammengestellte Expertenriege zu einem ziemlich ad hoc einberufenen "Krisengipfel" in sein Londoner Wohnzimmer bestellt. Das Thema waren die angeblich unvorhersehbaren Folgen der so genannten Nanotechnologie. Der Prinz habe Sorge, hieß es dazu britisch-lakonisch in der Sonntagszeitung "The Mail on Sunday", die die Story zunächst exklusiv brachte. Mittlerweile befasst sich die gesamte britische Presse mit des Prinzen Sorgen.
Von diesseits des Kanals mag das alles latent komisch klingen, zumal die Vision einer Menschheit, die von sich selbst replizierenden Nanorobotern ausgebremst wird, nicht gerade neu ist. Spätestens seit einem Wired-Artikel 1990 geistert "grey goo", wie die nanotechnologische Variante der Apokalypse auch genannt wird, durch die Presse. Weltweit bekannt wurde grey goo durch Java-Erfinder Bill Joy und seinen Artikel Why the future does not need us, der im Frühjahr 2000 ebenfalls in Wired erschien. Bestsellerautor Michael Crichton legte dann im vergangenen Jahr mit seinem Roman "Prey" noch einmal nach. Kurz gesagt geht es bei grey goo um das Szenario eines Schwarms sich selbst replizierender Miniroboter, der außer Kontrolle gerät, sich wie wild vermehrt und dann entweder alles kurz und klein frisst oder sich in den Körpern der Menschen niederlässt und diese merkwürdig verändert oder, oder, oder.
In Großbritannien wird die neuerliche Debatte jedenfalls aufmerksam verfolgt, was unter anderem daran liegt, dass Prinz Charles seit seinem überaus erfolgreichen Kreuzzug gegen genetisch veränderte Nahrungsmittel als Umweltlobbyist sehr ernst genommen wird. Er hatte sich damals mit der gesamten Labour-Regierung sowie der mächtigen englischen Pharmaindustrie angelegt und gilt heute als maßgeblich verantwortlich für Monsantos Komplettrückzug von den an sich gentechnikfreundlichen britischen Inseln.
Das Wissenschaftsmagazin New Scientist widmet der Nano-Skepsis des Prinzen in seiner aktuellen Ausgabe dann auch prompt einen Leitartikel. Tenor: Nanotechnologie sei eigentlich nur Chemie, "heißt nur anders". Die Printausgabe des New Scientist gibt außerdem dem Apokalyptiker-Astronomen Martin Rees vier Seiten Platz, um unter dem amüsanten Titel "The Final Countdown" seine These zu erläutern, dass das 21. Jahrhundert unser letztes sein wird. (Martin Rees Buch "Our final century" erscheint in den USA bei Basic Books und in England im William Heinemann-Verlag).
Seitens der Politik ließ sich der Labour-Abgeordnete und Wissenschaftsexperte Ian Gibson mit dem Satz zitieren, der Prinz solle seine Nase nicht in Dinge stecken, die ihn nichts angehen. Und der konservative Daily Telegraph sieht schon eine Verfassungskrise herauf ziehen, weil Mitglieder des Königshauses politisch neutral sein sollten.
"Nanotechnologie": Eher Marketing als neuer Wissenschaftszweig?
Doch wie steht es bei aller Polemik um den Kern der Debatte: Ist es wirklich Zeit für ein Nano-Moratorium? Am lautesten wird so ein Moratorium von der etwas bizarren doch finanziell blendend ausgestatteten amerikanischen ETC-Group gefordert ("Action Group on E-rosion, T-echnology and C-oncentration"), die erst vor zwei Wochen wieder entsprechende Forderungen lancierte. Skeptisch sind auch Vertreter des kanadischen Joint Center for Bioethics in Toronto.
Der bekannte Futurologe und Leiter des nanotechnologiefreundlichen Foresight Institute Eric Drexler, der den Begriff Nanotechnologie 1986 für sein Buch "Engines of creation" erfunden hat, hält derartige Forderungen für "unlogisch", wie er in einem Interview mit der Onlineredaktion des New Scientist verrät. In "Engines of creation" verwendete Drexler 1986 den Ausdruck Nanotechnologie ausschließlich für molekulare Maschinen, die ein Atom aufs andere setzen können und sich so selbst reproduzieren sollten. Heute allerdings, so Drexler, sei der Ausdruck zu reinem Marketing geworden, und einen Marketingbegriff zu regulieren, mache keinen Sinn.
Quantenwelten aus Kohlenstoff: Grey-goo-Ehrgeiz Fehlanzeige
Es spricht einiges für diese Interpretation. Eine der im Moment am häufigsten im Zusammenhang mit dem Begriff Nanotechnologie genannten Innovationen etwa sind die so genannten Kohlenstoff-basierten Nanoröhren. Das sind "Quantendrähte", die aus hauchdünnen Kohlenstoffschichten bestehen. Sie sind als hocheffektive Stromleiter eine der großen Hoffnungen der Mikroelektronik. Physiknobelpreisträger Richard Smalley etwa träumt in einem ebenfalls gerade erschienenen Interview mit dem Siemens-Magazin Pictures of the Future von Elektromotoren mit heute noch unerreichbarem Wirkungsgrad.
Transistoren, die Nanoröhren nutzen, sollen es bereits mit ihren Siliziumkonkurrenten aufnehmen können, wie kürzlich in der Zeitschrift Physics World zu lesen war. Brandaktuell sind gerade Gen-Chips auf Nanoröhrenbasis, die Gendiagnosen in unerreichter Schnelligkeit erlauben sollen.
All diese aufgrund ihrer molekularen Dimensionen "nanotechnologisch" genannten Entwicklungen haben jedoch wenig bis gar nichts mit Selbstreplikation oder gar grey goo-Szenarien zu tun.
Während Drexler zwar zugibt, dass einige Bedenken - etwa die Angst vor Gesundheitsrisiken durch neuartige molekulare Stäube - nicht völlig aus der Luft gegriffen seien, so ist er doch der Ansicht, dass es genügen sollte, neue nanotechnologische Substanzen wie die Kohlenstoffröhren so zu behandeln, wie andere neue Stoffe auch. Was auf der anderen Seite die Replikatoren angeht, so sieht Drexler die Nanoforschung im Moment dort, wo sich "die Raumfahrt vor Sputnik und die Atomkraft vor dem Manhatten Project" befand - in einem Frühstadium also, das noch keine zuverlässigen Zukunftsprognosen erlaubt.
Richard Smalley ist was Nanoreplikatoren angeht um einiges skeptischer als Drexler, wie folgender Satz aus dem genannten Interview bezeugt:
"Ich glaube schon, dass wir winzige Maschinen bauen werden, die zu unglaublichen Dingen fähig sind. Allerdings denke ich nicht, dass wir jemals in der Lage sein werden, etwas herzustellen, das wirklich winzig ist und gleichzeitig eine Kopie von sich selbst anfertigen kann (...) Wir haben noch nie einen Roboter gebaut, der aus Erde, Luft, Feuer und Wasser einen anderen Roboter baut - oder gar seine eigenen Einzelteile herstellt und sie dann selbst zusammensetzt. Ich glaube zwar, dass das möglich wäre, aber die interessante Frage ist: Wie klein könnte er wohl sein? Ich arbeite seit Jahrzehnten im Nanometerbereich und bin mir ziemlich sicher, dass das niemals in diesem Maßstab funktionieren wird."
Moratorien und die Erfahrung mit der Gentechnik
Sind alle Rufe nach einem Moratorium also nur Ausdruck der unbegründeten Panik eines ahnungslosen Blaublütigen oder anderer grüner Krieger? Schwer zu sagen, wie auch Apokalyptiker Martin Rees in seinem New Scientist-Beitrag zugeben muss. Der Astronom jongliert dabei mit Disaster-Wahrscheinlichkeiten, die genauso wenig real sind wie sein Skeptizismus ("unser letztes Jahrhundert") überzeugend.
Weiter helfen könnte vielleicht ein Blick in die Vergangenheit. Es gibt ein historisches Beispiel für ein Forschungsmoratorium, das auch von Rees erwähnt wird. 1974 führten mehrere Briefe an die Zeitschriften Science und Nature zu einem Moratorium für Experimente mit DNA-Rekombinationstechniken. Das Moratorium wurde im Februar 1975 auf der dadurch berühmt gewordenen Konferenz von Asilomar von Paul Berg von der Stanford University als gemeinsame Position verkündet.
Wie dieses Moratorium zu bewerten ist, daran scheiden sich noch heute die Geister. James Watson findet es im Nachhinein (wie viele andere Dinge auch) albern. Der Virologe David Baltimore hält es dagegen weiter für richtig, weil es das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft gestärkt habe. Diese Begründung spricht natürlich Bände. Fakt ist, dass besagtes Moratorium - es dauerte 15 Monate - kein einziges Problem gelöst hat, weil viele Fragen sich zum damaligen Zeitpunkt allenfalls in Ansätzen gestellt haben. Gerade die jüngsten Debatten über das therapeutische Klonen belegen das eindrucksvoll. Wissenschaftshistoriker Robert Bud behauptet sogar, dass Asilomar die Gentechnik letztlich gefördert habe, weil das Moratorium den Biowissenschaftlern Zeit gegeben habe, den Nutzen der neuen Verfahren zu propagieren, ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen.
Wie dem auch sei, harte Gründe für ein Nanotechnik-Moratorium lassen sich aus dieser Episode jedenfalls nicht ableiten. Asilomar ist im Übrigen schon deswegen nicht auf die Gegenwart übertragbar, weil die Genbiologen damals im Gegensatz zu den Nanotechnikern heute ein überschaubarer Kreis waren, in dem jeder jeden kannte. Ein derartiger Gruppenzwang, der die Durchsetzung eines freiwilligen Moratoriums garantieren würde, lässt sich heute kaum herstellen. Man müsste schon mit der Gesetzeskeule wedeln, und das dann auch noch international.
Abgesehen von einer gewissen Naivität liegt Forderungen nach einem Nanotechnik-Moratorium zu einem so frühen Zeitpunkt auch ein etwas trostloses Menschenbild zu Grunde, was alleine vielleicht nicht als Argument gelten sollte. Aber daran erinnern darf man schon, dass alle bisher prophezeiten Overkillszenarien letztlich nicht an der Technik gescheitert sind, sondern daran, dass die Menschheit zu vernünftig war, um sich atomar auszuradieren oder um das Zeitalter der Gentechnik für ein Revival der Eugenik zu nutzen. Ein bisschen mehr menschliches Selbstbewusstsein schadet wahrscheinlich auch im Umgang mit der Nanotechnik nichts.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/14731/1.html
GEWALTORDNUNG?
Der Nomos der Erde
Rudolf Maresch 04.05.2003
Die "neue Weltgewaltkriegsordnung" wird in Washington D. C. entschieden
Die Statuen sind gestürzt, die Tempel geplündert, die Götzenbilder zerstört. Unter dem Jubel einiger hundert herbeigerufener Jungiraker ist der Diktator am Fardo-Platz mediengerecht vom Sockel geholt werden. Das Fernsehen war da, und viele werden später sagen: Wir sind live dabei gewesen. Gottlob hat noch einer der Veranstalter des Spektakels der Statue das Sternenbanner rechtzeitig vom Kopf gerissen. Nicht auszudenken, wenn mit Saddam auch die amerikanische Flagge in den Staub gesunken wäre.
Für einige Feuilletonisten ist "der Sturz" zum Fanal geworden, es allen Weichlingen so richtig zu zeigen. Überschüttet der eine das US-Imperium mit Lob ( Lob des Imperiums), zeiht der andere all jene, die den Bushies nach wie vor misstrauen und nicht in das Triumphgeheul einstimmen wollen, des Antiamerikanismus und des westlichen Selbsthasses ( Die Schmerzen der Befreiung), oder rechnet genüsslich vor, wie viele Tote durch den Krieg präemptiv verhindert worden sind ( Wie schön wäre Rom ohne Römer).
"This type of modern life is not for me,
this type of modern life is not for free."
Madonna, American Life
"Noch nie hat ein Krieg von solcher Dimension so wenige Opfer gefordert wie dieser", lässt der Dichter Enzensberger in der F.A.Z vom 15.4.2003 verlauten ( Normative Trümmer und solche aus Stein). Vom "humansten Kampf in der Geschichte" schwärmt Richard Myers, der Generalstabschef der US-Streitkräfte. Damit meinen können beide die nur ca. 122 amerikanischen Opfer, denen das Vaterland jetzt höchstselbst mit Bild, Namen und Ehrabzeichen für ihren heroischen Kampf gegen das Böse dankt. Nicht jedoch jene Abertausend irakische Leichen (ein britischer Sprecher nennt die Zahl 30.000), die unbekannt, anonym und ehrlos den Weg der US-Militärmaschine nach Bagdad pflastern. Und sicherlich auch nicht jene Toten und Verwundeten, die von Streubomben und Sperrfeuer zerfetzt, verstümmelt und traumatisiert wurden.
Ist ein toter Amerikaner also mehr wert als ein Toter anderer Nationalität? Spielen Ethnie oder Nationalität eine viel größere Rolle als gemeinhin zugegeben wird? Haben die Irakis und andere von Willkürherrschaft zu befreienden Völker den "neuen Kolonialismus" nur noch nicht als "ihre einzige Chance" erkannt (F.A.S. vom 20.4.2003)?
The Winner Takes It All
Auf dieses Mehr, Nur oder Noch ist zu achten. Der Blick zurück lehrt das. Ausgerechnet Carl Schmitt, der "furchtbare Kronjurist der Nazis", liefert nämlich die beste Munition gegen die "neue Weltgewaltkriegsordnung", die sich das neue Rom für den Planeten ausgedacht hat.
Schmitts gallige Kritik am "modernen Imperialismus", die er am Vorabend der Machtergreifung Adolf Hitlers formuliert, entkleidet noch heute die Semantiken all jener, die von Befreiung, Autonomie und Teilhabe sprechen, damit aber die Sicherung von Rohstoffreserven, die Ausweitung von Macht- und Einflusszonen und die schwunghafte Einführung von Markt, Freihandel und den Free Flow of Information meinen. Sie führt aber auch diejenigen auf den Boden des Politischen zurück, die in Recht (ius gentium) und Moral (Normativismus) jene Medien zu finden hoffen, um Gulliver zu binden und seine Macht und seinen Expansionsdrang einzuhegen. Und schließlich zeigt Schmitts bissige Kritik, dass die Sieger nicht nur die Geschichte schreiben, sondern letztlich auch noch über das Vokabular und die rechtliche Terminologie bestimmen.
Markt und Handel sind Medien des Politischen
Schmitt bezweifelt die "friedlichen Absichten", die Wirtschaft, Handel und Verkehr hegen. Für ihn sind sie Medien des Politischen, die von "rechtlichen Begriffen und Formeln", von "Redensarten" und "Schlagworten" begleitet und legitimiert werden.
Beispielsweise ist das Völkerrecht bis weit ins 19. Jahrhundert christlich geprägt. Erst mit der Aufnahme der Türkei 1856 kehrt dort die Unterscheidung "christlich vs. nicht-christlich" ein. Dies ist nötig, um etwa die "Kapitulation" zwischen Staaten oder die Exterritorialität der Europäer in "exotischen" Ländern zu regeln. Nach und nach wird dieser Code durch die Unterscheidung "zivilisiert, nichtzivilisiert und halbzivilisiert" ersetzt. Dies kommt den Methoden des europäischen Imperialismus entgegen. Findet man für halbzivilisierte Völker das Statut des "Protektorats" oder "Mandats", firmieren unzivilisierte Völker rechtlich als "Kolonien".
Wie sich diese juristische Neudefinition politisch auswirkt, zeigt Artikel 22 der Völkerbundsatzung von 1919, die auf Initiative des damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson in Genf ins Leben gerufen wird. Darin heißt es: Völker, die "noch" nicht in der Lage sind, sich selbst zu leiten, sind von zivilisierten Völkern "so zu erziehen", dass sie sich selbst leiten können. Das Recht dazu liegt also nicht nur auf Seiten der Zivilisierten, es ist auch ihre "heilige Aufgabe", die Halb- oder Unzivilisierten durch Mandate, Protektorate oder Kolonien zu zivilisieren. Die Bushdokrin, in der Nationalen Sicherheitsstrategie 2002 niedergelegt, greift diesen Grundsatz auf. Ihr Ziel ist es, die "Welt nicht nur sicherer, sondern auch besser zu machen."
Testfall einer neuerlichen Befreiungs- und Umerziehungsaktion ist derzeit der Greater Middle East. Von Marrakesch bis Bangladesh machen US-Strategen Staaten ausfindig ( The New Transatlantic Project), die modernitäts- und globalisierungsfeindlich sind, unter einer latenten "Krise der Unregierbarkeit" leiden und sowohl Terrorismus als auch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen fördern und/oder finanzieren. "Es geht vor allem darum," schreibt James Woolsey, früherer CIA-Direktor, "Demokratie in jene Teile der arabischen und moslemischen Welt zu bringen, die unsere freiheitliche Zivilisation bedrohen." Dieser "neue Weltkrieg" werde vielleicht "nicht so lange dauer[n] wie der Dritte Weltkrieg. Aber er wird sicherlich länger dauern als der Erste und der Zweite Weltkrieg, vermutlich Jahrzehnte."
Mit der Verwandlung des "halbzivilisierten" Iraks in ein Protektorat oder US-Mandat, ist der Anfang gemacht. Die Tür für eine Zivilisierung der gesamten Region steht offen. Ein zivilisierter Irak kann nun auf andere "halbzivilisierte" Staaten (Syrien, Iran, Saudi-Arabien...) ausstrahlen. Gelingt diese Demokratisierung wider Erwarten nicht, dann kann ihr notfalls durch preemptive strikes nachgeholfen werden. Mit der Stationierung von US-Streitkräften an den Grenzen zu Syrien, dem Iran und Saudi-Arabien hat das Imperium diese Bereitschaft bereits deutlich unterstrichen.
Recht ist, wer darüber souverän befindet
Streng genommen handelt es sich bei der Neuordnung des Greater Middle East um einen Rückfall in den Imperialismus des 19. Jahrhunderts. Nach Schmitt müssten die Vereinigten Staaten nämlich "über dieses Stadium längst hinaus sein". Zwar unterhalten auch sie Kolonien in Übersee und bedienen sich der Methoden und des "Vokabulariums der 'Zivilisation'". Gleichzeitig haben sie aber einen qualitativ neuen Code in das Völkerrecht eingeführt, einen, der zwischen "Gläubigerstaat und Schuldnerstaat" unterscheidet.
Kern dieses "modernen Imperialismus" ist für Schmitt die Monroedoktrin von 1823. Sie besagt, dass keine "raumfremde Macht" sich in amerikanische Verhältnisse einmischen darf und umgekehrt die USA nicht in europäische. Neu an ihr ist, dass die USA dieses Verbot zur Intervention von sich aus verkünden. Es handelt sich dabei also um keinen Vertrag zwischen Partnern, sondern um eine Kriegserklärung der USA an die Welt.
Nach und nach ist diese Doktrin konzentrisch ausgeweitet worden, zunächst über den eigenen Kontinent, dann nach Mittel- und Südamerika. Im Zeitalter der Fernlenkwaffen und globalen Datennetze bieten auch die Meere den USA nicht mehr ausreichend Schutz vor "raumfremden Mächten". Der elfte September hat das noch mal deutlich gemacht. Spätestens seitdem gehören auch Zentralasien, der Mittlere Osten und der asiatische Raum quasi zum Vor- und Hinterhof des Imperiums.
In jeder Ecke und in jedem Winkel der Erde, aber auch zu Hause, auf dem Land oder in den Häuserschluchten der US-Metropolen, könnte der Feind lauern und das Land mit Massenvernichtungswaffen bedrohen. Weswegen das "Prinzip der Selbstverteidigung", auf dem die Monroedoktrin gründet, präemptiv ausgelegt und auf den gesamten Planeten ausgedehnt wird. Jürgen Habermas liegt falsch, wenn er in der F.A.Z. vom 17.4.2003 die Bushdoktrin als "revolutionäre" Umorientierung der US-Außenpolitik deutet. Im Prinzip handelt es sich allenfalls um eine Neuanpassung und Fortentwicklung der Monroedoktrin an neue Bedrohungen, technische Gegebenheiten und geopolitische Lagen.
Was beide Glaubenslehren jedoch auszeichnet, ist ihr "dehnbarer" und "widersprüchlicher" Charakter. Was als Interventionsverbot, Selbstverteidigung oder präemptive Maßnahme zu gelten hat, wann und wo die USA mit Waffengewalt intervenieren, entscheidet das Imperium in souveräner Eigenregie von Fall zu Fall. Schmitt macht deutlich, dass es den USA obliegt festzustellen, "was genau der Inhalt der Monroedoktrin ist". Sie gestehen sich damit etwas zu, was sie anderen verweigern. Diese Verfügungsgewalt spiegelt auch die Bushdoktrin wieder. Das Imperium entscheidet höchst selbst, wohin es den Krieg tragen will.
Ein Netz von Abhängigkeiten und Verpflichtungen
Mit der Weiterentwicklung des "Prinzips der Nichtintervention" wird aus dem einstigen Schuldnerstaat USA ein Gläubigerstaat. Der "Imperialismus" erhält so sein modernes Gesicht. Statt "Kuba, Haiti, San Domingo, Panama, Nikaragua usw." in Kolonien, US-Protektorate oder neue Bundesstaaten zu verwandeln, schließen die USA mit diesen Staaten so genannte "Interventionsverträge". Dadurch bleiben diese Staaten offiziell zwar frei und souverän. Sie besitzen eine eigene Regierung, führen unabhängige Wahlen durch und können folglich auch Mitglied im Völkerbund werden. Aber trotz formeller völkerrechtlicher Gleichberechtigung unterstehen sie der Kontrolle der USA.
Mit anderen Worten: Das "Do, ut des", das im Mittelalter zwischen Lehensherrn (Schutz) und Lehensmann (Treue) geschlossen wird, übertragen die USA auf das zwischenstaatliche Verhältnis und verschärfen es nochmals einseitig. Im Zweifelsfall hebt nämlich der Schutz die Freiheit und Unabhängigkeit des Beschützten auf. Das Imperium entscheidet, wann dieser Ernstfall gegeben ist, darüber, ob ihm eine Regierung dort legal oder illegal erscheint, und ob es dort eingreifen will oder nicht.
Im Laufe der Jahrzehnte haben die USA dieses "System" verfeinert und flexibilisiert. Zu Recht spricht Brzezinski von einer "Hegemonie neuen Typs", die sich in allen ihren Begründungen und Rechtfertigungen "pluralistisch" "durchlässig", und "flexibel" zeigt. Ob internationale Verträge, Protokolle oder Vereinbarungen eingehalten werden oder nicht, bestimmt das Imperium. Und ob ein Staat Protektorat oder Vasall, Tributpflichtiger oder Militärstützpunkt wird, entscheidet das Imperium nach den jeweiligen geografischen, kulturellen und politischen Gegebenheiten und Möglichkeiten. Die NSS 2002 schreibt auch diesen Gedanken fort.
"Um die Gefahren für unsere Sicherheit unter Kontrolle zu halten, benötigen die Vereinigten Staaten Basen und Stützpunkte in Westeuropa, Nordostasien und darüber hinaus, ebenso wie zeitweise Zugangsmöglichkeiten für die Entsendung amerikanischer Streitkräfte in weit entfernte Gegenden."
Noch in der Zwischenkriegszeit beginnen die USA dieses "System" über den ganzen Erdball auszudehnen. "Faktisch sind die Vereinigten Staaten", so Schmitt schon damals, "die Schiedsrichter der Welt". Im Völkerbund (wie später in der UN) agieren Satelliten, die über weltpolitische Angelegenheiten mitbestimmen, zugleich aber verhindern, dass andere Staaten sich in die inneren Angelegenheiten des Imperiums einmischen. Die jüngste Niederlage des Imperiums im UN-Sicherheitsrat, als Staaten, die am finanziellen Tropf der USA hängen, sich der Verabschiedung einer zweiten Irak-Resolution verweigert haben, ist darum nicht hoch genug zu veranschlagen.
Ächtung des Krieges
Dem Völkerbund sind die USA zwar nicht beigetreten, dessen Entscheidungen haben sie aber nachhaltig geprägt. Auf ihre Initiative ist beispielsweise der Krieg geächtet worden. Bemerkenswerterweise nicht in Genf, sondern in Washington, wie Schmitt süffisant anmerkt. Im so genannten Kelloggpakt, benannt nach dem damaligen US-Staatssekretär Kellogg, wird der Krieg verurteilt, nicht als solcher, aber als "Instrument der nationalen Politik". Als Mittel "internationaler Politik" hingegen ist er weiter erlaubt und folglich gerecht.
Für Schmitt ist diese Unterscheidung nur logisch. Schließlich behauptet der "moderne Imperialismus", im Namen der Menschheit zu handeln. Er führt nur "Kriege, die einer internationalen Politik dienen", oder gar keinen Krieg. Es agieren allenfalls "Frieden erzwingende Truppen", die "humanitäre Operationen", "vorsorgende Maßnahmen" oder "friedliche Besetzungen" durchführen. Zwar werden sie von Einschüchterungen, Repressalien und Embargos begleitet, von Beschießungen, Bombardements und Landnahmen ebenso. Aber mit Krieg haben diese Operationen nichts zu tun. Bis heute weigert man sich beharrlich, die Kosovo-Kampagne als kriegerischen Akt zu bezeichnen. Und die Schließung der Pipeline vom Irak nach Syrien, die die US-Regierung soeben verfügt hat, beinhaltet nur die Aufforderung zur "engen Kooperation" mit den USA.
Man sieht: Die Grenzen zwischen Krieg und Frieden, Krieg und Nicht-Krieg, Intervention und Nicht-Intervention verschwimmen nicht erst mit den nichtstaatlichen Kriegen, sondern schon damals. Zwar ist mit Ende des Zweiten Weltkrieges der Verzicht auf das ius ad bellum in die UN-Charta aufgenommen worden. Erlaubt ist danach der Einsatz militärischer Gewalt nur, wenn a) ein Staat von einem anderen widerrechtlich angegriffen wird, oder wenn b) ein autorisierter Beschluss des UN-Sicherheitsrates nach Kapitel 7 der UN-Charta (Nothilfe) vorliegt. Doch nicht erst mit der Bushdoktrin ist diese Definition Makulatur. Schon der Kelloggpakt gab laut Schmitt den USA die Möglichkeit, souverän darüber zu befinden, "wann etwas Krieg ist oder [...] ein friedliches Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit in einem Staat, der selber dazu nicht imstande ist."
Den Frieden wünschen alle. Die Frage ist nur, wer entscheidet, was Krieg und was Frieden, "was ein erträglicher und was ein unerträglicher Zustand" ist. Die Antwort, die Schmitt darauf gibt, ist heute noch die gleiche wie damals: "Die Regierung der Vereinigten Staaten." Es ist die Elastizität und Flexibilität des Vokabulars, die Allgemeinheit und Offenheit der Terminologie, worin Carl Schmitt, nicht ohne Bewunderung, "die erstaunliche politische Leistung der Vereinigten Staaten" entdeckt.
Dieses Faktum sollte all jene beunruhigen, die jetzt dem Völkerrecht nachtrauern, es reformieren, wieder herstellen oder an die neuen, "irregulären Kriege" anpassen. Indirekt und ungewollt könnten sie nämlich, ganz im Sinne des Imperiums, daran mitwirken, "die ganze Erde in das Schlachtfeld ihrer Interventionen" zu verwandeln.
Großräume treten gegeneinander an
Noch während WK I gelingt den USA eine Umdefinition. Die Monroedoktrin wird zur "Weltdoktrin". Es ist schließlich Präsident Woodrow Wilson, der das "Interventionsverbot" auf andere Räume ausdehnt, es mit idealistischen Zielen (Markt, Freiheit, Demokratie) überhöht und den USA auf diese Weise "die grenzenlose Ausdehnung liberaldemokratischer Prinzipien auf die ganze Erde und die ganze Menschheit" eröffnet.
Um der "ungeheuren Machtausdehnung" der USA Paroli zu bieten, verfällt Schmitt auf den Begriff der "Großraumordnung". Nach Schmitt gründet er auf dem "Reichsgedanken". Danach sind Reiche "die führenden und tragenden Mächte, deren politische Idee in einen bestimmten Großraum ausstrahlt" und Interventionen fremder Mächte in diesen Räumen prinzipiell ausschließen.
"Raummissachtende Universalisierungen" unterscheiden ein Imperium grundsätzlich von einem "Reich". Ein Imperium ist nach Schmitt ein "übervölkisches Gebilde", das Welt und Menschheit zugleich umfasst, während ein Reich einen "konkreten Großraum" beansprucht, der explizit "nichtuniversalistisch" und "wesentlich volkhaft" ist. Noch kurz vor Ausbruch von WK II lobt Schmitt den "Führer", weil dieser die Monroedoktrin für das "Deutsche Reich" reklamiert und eine "schiedlich-friedliche Abgrenzung der Großräume" vornimmt.
Das Imperium setzt das Recht
Wie dieser Abgrenzungsversuch ausgeht, wissen wir. Das Reich wird zerstört, die Führerclique beseitigt, die Bevölkerung befreit. Dank Réeducation, Wirtschaftshilfe und der Installierung US-freundlicher Regierungen gelingt die Neuordnung Europas und des südostpazifischen Raums. Deutsche und Japaner schwören ihren militaristischen und rassistischen Ideologien ab. Sie mutieren zu Pazifisten und laufen ins universalistische Lager über.
Mit dem Sowjetreich, das nach Westen expandiert und sich zum Imperium auswächst, entsteht jedoch ein neuer Konkurrent und Feind. Jetzt steht das sowjetische Großreich dem Versuch im Wege, "die Erde in einen einzigen, allen angelsächsischen Interventionen offen stehenden Raum" zu verwandeln. Atomwaffen und das "Gleichgewicht des Schreckens" verhindern, dass die Rivalität um Macht, Einfluss und Dominanz in Europa mit Waffengewalt ausgetragen wird. Für diesen "relativen Frieden" müssen Afrika, Asien und Süd- und Mittelamerika bluten. Sie werden mit diversen Stellvertreterkriegen überzogen. Eine kluge Mischung aus Hard und Soft Power sorgt dafür, dass auch WK III erfolgreich gestaltet wird. James Woolsey dazu:
"Die Zivilisation, die wir aufgebaut haben, musste bereits im 20. Jahrhundert in drei Weltkriegen - den Kalten Krieg mitgezählt - verteidigt werden."
Das "Reich des Bösen" verschwindet anno 1989 sang- und klanglos. Die Geschichte scheint zuende, der Weg zu mehr Frieden, Freiheit und Demokratie geebnet, die Anbindung auch entfernter Regionen "an den abstrakten Geld- und Kapitalverkehr" nur eine Frage der Zeit.
Während Deutschland seine Souveränität zurückbekommt, die Europäer ihre politische Einigung vorantreiben und die Friedensdividende in Gestalt wirtschaftlicher Dynamik und Prosperität einstreichen wollen, ist das Ende der Bipolarität für die Vereinigten Staaten kein Anlass, eine "geostrategische Verschnaufpause" (Robert Kagan) einzulegen. Noch ehe das sowjetische Imperium 1991 endgültig kollabiert, formuliert Charles Krauthammer, Kolumnist der Washington Post, in der Winterausgabe der Foreign Affairs das "unipolare Moment". Fortan obliegt es der "Stärke Amerikas und seiner Willenskraft, eine unipolare Welt zu führen und ohne Scham die Regeln der Weltordnung festzulegen und sie auch durchzusetzen."
In der sog. "Defense Planning Guidance" (DPG), die Paul Wolfowitz und Lewis Libby im Jahr drauf verfassen und die zehn Jahr später Grundlage der Bushdoktrin wird, werden die imperialen Ambitionen der USA formuliert und der Dreiklang zu ihrer globalen Durchsetzung: US-Hegemonie, Prävention und Regimewechsel festgeschrieben.
Spätestens seitdem besitzt die "neue Weltgewaltkriegsordnung" Namen und Adresse. Das Wurzelgeflecht der Globalisierung, das versuchs- und wechselweise mal "Weltgesellschaft" (Luhmann), "Netzwerkgesellschaft" (Castells) oder "Empire" (Hardt und Negri) heißt, ist der US-Imperialismus.
Das Imperium findet zu sich
Mit dem Antritt der Bush-Administration nehmen diese Leitlinien und Grundsätze, die durch das Ende des Ost-West Gegensatzes in Gang gekommen sind und von der Clinton-Regierung nur halbherzig oder hinter vorgehaltener Hand vertreten werden, Gestalt an. Der elfte September wird schließlich zur Initialzündung. Durch ihn findet das Imperium zu sich und endgültig seine historische Mission. Fortan will es weltweit für Recht und Ordnung sorgen und den Planeten Zug um Zug "verwestlichen" (R. Rorty).
"Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" lautet die simple, Komplexität reduzierende Botschaft. "The mission defines the coalition; not the coalition the mission", nennt Richard N. Haass, Planungsdirektor des Brookings Institute, diesen "Multilateralismus à la carte". Und in What we're fighting for bekennen sich über sechzig führende US-Intellektuelle zu den Ideen dieses "gerechten Krieges".
Mit den Entwaffnungskriegen am Hindukusch und im Irak sind die ersten Ausrufezeichen gesetzt. Mit Siebenmeilenstiefeln nähern sich die USA ihrem historischen Auftrag, die Welt von allen Übeln zu befreien und sie nach ihren Regeln und Prinzipien zu gestalten. Sowohl in Kirgisien und Usbekistan als auch in Georgien, Tadschikistan und Kasachstan, Regionen, die einst dem sowjetischen Machtbereich unterstellt waren, haben sie Truppen stationiert und Stützpunkte errichtet. Nach der Eroberung Bagdads werden sie im Mittleren Osten Fuß fassen und Militärbasen errichten. Fortan wird dort nichts mehr gegen den Willen des neuen Rom geschehen. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Iran und zum Risikostaat Saudi-Arabien werden sie die Politik in der Region dominieren und als Verwalter der irakischen Ölreserven die Preispolitik der OPEC künftig entscheidend mitbestimmen.
Die alten Bündnisse liegen in Trümmern...
Erneut gelingt es Charles Krauthammer, diese Politik der letzten zehn Jahre auf den Punkt zu bringen:
"Amerika hat den Kalten Krieg gewonnen, Polen und Tschechien in die Tasche gesteckt, Serbien und Afghanistan pulverisiert und ganz nebenbei gezeigt, dass Europa nichts ist."
Die prominentesten "Opfer" dieses Alleingangs sind die alten Bündnisse. UN, Nato und EU liegen in Trümmern. Sie haben sich als irrelevant und überflüssig erwiesen. "Die UN sind ein Garant des Nichts", hieß es schon in The Unipolar Moment. Über eine Dekade später dankt Richard Perle Gott "für den Tod der UN" und bezeichnet sie als "Schwatzbude vom Hudson River" ( "Dank sei Gott für den Tod der UN"). Für die künftige Weltgewaltkriegsordnung werden sie nicht mehr gebraucht. Zumal sie sich in der Vergangenheit (Nazi-Deutschland, Südkorea, Ruanda, Balkan) als unfähig erwiesen haben, Recht und Ordnung im US-amerikanischen Sinn durchzusetzen und sich den neuen Herausforderungen und Bedrohungen (Proliferation, Terrorismus, Entwaffnungskriege ...) nicht gewachsen zeigen. Über den neuen "Nomos der Erde" wird allein in Washington D.C. entschieden, und zwar nach amerikanischen und nicht nach internationalen Regeln.
Künftig will das Imperium sich der UN nur noch von Fall zu Fall bedienen. Etwa dann, wenn es um die Organisierung humanitärer Hilfe, um die Aussetzung und Aufhebung von Sanktionen oder ums Aufräumen geht. Dann sind burden sharing und Multilateralismus erwünscht. Und künftig wird das Imperium sich Koalitionen nach Gutdünken zusammenstellen. Schließlich will man nicht von der Zustimmung "so unbedeutender Staaten wie Guinea, Kamerun oder Angola" abhängig sein, wenn es gilt, "andere Länder vom Joch grausamer und gefährlicher Tyrannen zu befreien und das Leben amerikanischer Soldaten zu riskieren." Ein "Recht auf eine andere Meinung" will Richard Perle anderen Ländern zwar weiter zugestehen, ein "Vetorecht" aber nicht mehr ( Im Moment sind wir mit dem Irak beschäftigt).
Neben der UN liegt auch die Nato am Boden. Das Bündnis ist nicht mehr zu retten, wie lautstark und wortreich sich Henry Kissinger auch für seine Rettung einsetzen mag. Die List der Schwachen und Ohnmächtigen hat nicht verfangen. Ihnen ist es nicht gelungen, den Koloss einzubinden und ihn zu einer echten transatlantischen Partnerschaft zu bewegen.
Zug um Zug wird klar, dass die Nato immer schon der verlängerte Arm der USA gewesen ist. Das beweisen Meldungen, in denen schon wieder davon die Rede ist, ob nicht vielleicht doch die Nato die Scherben im Irak zusammenkehren und Truppen und Aufbaukräfte entsenden wird.
Am Boden liegt schließlich auch die EU. Dem Imperium ist es gelungen, einen Keil zwischen das alte und neue Europa zu treiben und so die alte Welt zu spalten. Seitdem acht europäische Regierungschefs in einem gemeinsamen Aufruf ihre Solidarität und Unterstützung für den Irak-Feldzug erklärten, ist das Klima zwischen Paris und London vergiftet. Und mit der Ost-Erweiterung, die das Imperium gefördert hat, "um Westeuropa einzudämmen" (Ruth Wedgewood), wird sie auf Jahre politisch und wirtschaftlich gelähmt sein. Vom neuen Byzanz, zu dem Europa von manchen bereits hochgeschrieben wurde, ist weit und breit nichts zu sehen.
Das bunte Konglomerat, welches das Gruppenbild ihrer Führer nach dem Athener Gipfel dem Zuschauer geboten hat, legt Zeugnis davon ab. Es spiegelt jenen postmodernen "geopolitischen Pluralismus" wider, den Brzezinski sich an allen geostrategischen Dreh- und Angelpunkten der Welt wünscht, damit nirgends ein neue Rivale entstehen kann.
Die Prognose Dirk Schümers in der F.A.Z. vom 8.4.2003, wonach Europa und die UN langfristig aus den Ruinen der alten Bündnisse als Sieger hervorgehen, ist also äußerst kühn und verwegen. Eher ist zu vermuten, dass einige der "Unwilligen" sich an das Imperium wieder heranrobben werden. Die Anzeichen und Signale dafür mehren sich. Vor allem in Berlin, aber auch in Paris.
...und die Autorität der Kosmopoliten auch
Kosmopoliten sollten sich daher nicht täuschen. Es gibt weder ein gutes noch ein böses Amerika. Es gibt nur die "großartige", "einmalige" und "unverzichtbare Nation", die zugleich "Ausnahme", "Zukunft" und "Vorhut der menschlichen Geschichte" ist. Diesen "Mythos" Amerikas haben wir in Telepolis genügend oft "gewürdigt" ( Und was tust Du für Dein Land?). Und dass das Imperium zwischen nationalen und globalen Interessen nicht unterscheidet, ausschließlich nach Maßgabe eigener Regeln und Prinzipien handelt, ebenso.
Folglich hat keine böse "neokonservative Clique" das Imperium handstreichartig genommen, wie Habermas im Gleichklang mit Pat Buchanan, Zbig Brzezinski und anderen uns glauben machen will. Dass das mehr ist, als eine "kleine Gruppe von Amerikanern, die glauben, die Kontrolle über die gesamte US-Strategie zu haben" (Brzezinski), ist inzwischen sogar Richard Rorty klar ( Kabale und Liebe).
Die Politik der konzentrischen Machtentfaltung ist weder Ausnahme noch Unfall, wie die Geschichte der Monroedoktrin eindrucksvoll zeigt. Schon für Benjamin Franklin war "die Sache Amerikas [...] die Sache der ganzen Menschheit". Und laut Robert Kagan ist die "territoriale Expansion und Ausweitung der Einflusssphäre [...] die unleugbare Realität der amerikanischen Geschichte [und] tief im amerikanischen Charakter verwurzelt."
Was die laut Dany Cohn-Bendit "rechten Bolschewisten" ( Cohn-Bendit debattiert mit Richard Perle) derzeit tun, ist nichts anderes als die Revitalisierung des "Amerikanischen Traums". Sie legen nur aggressiv und expansiv-missionarisch aus, was die Gründerväter vor fast einem Vierteljahrtausend der Nation ins Stammbuch geschrieben haben. Das bessere Amerika, das Habermas vor Augen hat, repräsentiert er selbst. Vermutlich hat der US-Soziologe Mark Lilla recht: Die Réeducation war viel erfolgreicher als die meisten Intellektuellen und Leitartikler zugeben wollen.
"Heute umfasst Amerika die ganze Welt", stellt Brzezinski bereits 1970 fest. "Wir sind alle Amerikaner", sinniert Le Monde am Tag nach dem Anschlag. Vielleicht hat so mancher Amerikas Idealismus missdeutet, seinen Messianismus unterschätzt und beides von seinen imperialistischen Implikationen getrennt. Diese Leute sitzen nun natürlich tief enttäuscht auf den Trümmern ihrer kantischen Weltfriedensordnung. Aber schon der Königsberger Philosoph Kant wusste, dass der "Ewige Frieden", den er annoncierte, ein schrecklicher sein würde. Über sechs Milliarden Menschen über den gleichen Kamm zu scheren, muss zu permanenten Befriedungs- und Entwaffnungskriegen führen. Und die Statistik scheint diese Sorge zu bestätigen. Seitdem nehmen die Kriege erheblich zu.
Kontrafaktisch zu denken, heißt: Macht und Moral, Politik und Philosophie und Gewalt und Recht voneinander zu entkoppeln und das eine ständig gegen das andere auszuspielen. Carl Schmitt ist da viel eindeutiger und klarer. Mit Habermas teilt Schmitt zwar den Glauben an die Macht des Rechts. Dem Recht muss es gelingen, Macht, Politik und Gewalt einzuhegen. Im Gegensatz zu Habermas weiß Schmitt aber, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist. Nicht das Recht, sondern Gewalt setzt Recht. Der Neo-Imperialismus erfindet sich "seine eigenen Begriffe". Ein im Schmittschen Sinne "falscher Normativismus und Formalismus führt nur dahin, dass am Ende niemand weiß, was Krieg und was Frieden ist".
Die Trümmer, die Habermas dem Land seiner universalistischen Sehnsüchte nun vor die Füße wirft, sind seine eigenen. Der Philosoph spürt das insgeheim. Auch er ahnt, dass alle säkularisierten Begriffe der Moral und der modernen Rechtslehre theologischen Ursprungs sind, deren Sprengkraft durch Rationalisierungen nicht einzuhegen sind.
Die Neokonservativen wissen das längst. Leo Strauss hat ihnen das beigebracht. Über ihn dürften sie auch mit den Schriften Carl Schmitts in Berührung gekommen sein. Zeitlebens hielt nämlich der deutsch-jüdische Politphilosoph, der 1938 in die USA emigrierte, regen Kontakt mit dem deutschen Staatsrechtler. Von ihm stammt die bis auf den heutigen Tag bedeutendste Auseinandersetzung mit dem "Begriff des Politischen". Auf sie wird zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukommen sein.
Neue Großraumbildung
Karl-Otto Hondrich hat recht. Mit Multilateralismus allein lassen sich gewalttätige Konflikte nicht lösen. Das Kantische Paradies ist nicht von dieser Welt. Er hat aber unrecht, wenn er glaubt, dass Ordnung, Sicherheit und Freiheit sich nur mittels Gewalt herstellen lassen. Die Welt braucht weder einen Leviathan noch einen Katechonten, der andere niederhält oder ihren Fall in Anarchie und "Heillosigkeit" aufhält. Was die Welt vielmehr braucht, ist Machtgleichgewicht.
Macht wird allein begrenzt durch Gegenmacht. Im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen schließt das den Besitz von Atomwaffen nicht aus, sondern ein. Das Gebot der Stunde heißt daher nach wie vor Abschreckung. Nordkorea exerziert es vor. Sicherer, besser und friedlicher wird die Welt dadurch gewiss nicht, wie einem Bericht der New York Times zu entnehmen ist. Demzufolge gibt es bereits US-Pläne zum Sturz Kims. Aber vielleicht wird sie unabhängiger, vielfältiger, vielstimmiger.
Darum werden alle diejenige, die, in Abwandlung eines Bonmots von Carl Schmitt, nicht sous l'aeil des Americains leben möchten, um die Bildung einer alternativen Großraumordnung nicht herumkommen. Sam Huntington hat sie jüngst im Begriff der "Bruchlinie" neu belebt. Danach stehen sich an diesen Linien verschiedene Kulturkreise gegenüber. Sie leben in territorial abgegrenzten Räumen und ko-existieren schiedlich-friedlich miteinander.
Auch Huntingtons "Kulturkreise" sind "vom konkreten Raum her gedacht". Auch ihm ist klar, dass "ein die ganze Erde und Menschheit umfassendes, universalistisches Weltprinzip [...] naturgemäß zur Einmischung aller in alles [führt]." Selbstverständlich muss man die von Schmitt und Huntington ins Auge gefassten "Großräume" ihres "völkischen" Charakters entkleiden und ihnen einen postmodernen, nicht universalistischen Anstrich geben.
Alternativer Großraum
Nachdem die EU dafür nicht mehr in Frage kommt, weil für London der Ärmelkanal breiter ist als der Atlantik, kann das nach Lage der Dinge nur eine eurasische Macht sein, die Kerneuropa (Paris-Berlin) mit Moskau verbindet, eine Option, die schon Karl Haushofer in der Zwischenkriegszeit vorschwebte.
Warum osteuropäische Staaten (insbesondere Polen) darüber in Panik verfallen sollten, vermag ich nicht zu sehen. Die territoriale Nähe und die Kraft des Euro werden sie mittelfristig sowieso an die Seite Kerneuropas "zwingen", und das zu ihrem eigenen Vorteil. Geschichte wiederholt sich zwar, aber nicht immer gleich.
Ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet rotgrüne Linke diese Option nun ernsthaft in Erwägung ziehen? "Amerika zerstört im Augenblick den Begriff des 'Westens'" und die dahinter liegende "Wertegemeinschaft", meint Gernot Erler, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender. Heute sei dieser Begriff "kein transatlantischer Identitätsbegriff mehr."
Vorerst meiden Sozialdemokraten und Grüne noch die Rede von einer "Achse Paris-Berlin-Moskau". Doch soll Russland in diesem "neuen Europa" künftig eine weitaus größere Rolle spielen als bisher. "Putin will Russland zu einem europäischen Staat machen und die EU will diesen Putinschen Weg nach Kräften unterstützen." Als Langzeitperspektive sieht Erler eine Partnerschaft, die auf "gemeinsamen ökonomischen, politischen und kulturellen Interessen" beruht.
Auch der konservative Strippenzieher Werner Weidenfeld sieht langfristig die Achse "Paris-Berlin-Moskau" als einzige, nennenswerte Alternative zur US-Hegemonie. Er bezweifelt allerdings, ob die genannten Länder ihre unterschiedlichen Interessen jemals bündeln und sich auf das Ziel: Einhegung des Imperiums verständigen werden können. Immerhin beginnen Paris und Berlin, zusammen mit einigen kleineren Staaten Kerneuropas (Belgien, Luxemburg), über den raschen Aufbau einer gemeinsamen Streitmacht (EVU) nachzudenken. Stürzt Schröder jedoch über seine "Agenda 2010", dann ist dies alles Schnee von gestern. Dann sind in Berlin wieder die Merkels und Schäubles am Zug, die Kräfte des alten Europas.
Der kommende Schlachtfeld der Welt
Bei all diesen Überlegungen sollte man den asiatisch-pazifischen Raum aber nicht vergessen. Spätestens Mitte des Jahrhunderts wird er Zentrum des Welthandels sein und die volle Aufmerksamkeit des Imperiums beanspruchen. Die Claims dafür werden soeben abgesteckt.
Der Nordkorea-Konflikt und die Diskussion um die künftige Rolle Japans (Atommacht oder bloße Wirtschaftsmacht) sind erste Vorboten. Bislang versuchte das Imperium abzuwiegeln und das Problem möglichst niedrig zu halten. Schließlich will es erst im Greater Middle East für Ordnung und Sicherheit sorgen. Für einen Zweifrontenkampf ist man trotz der in der NSS 1996 erhobenen Forderung weder militärisch noch politisch gerüstet ( Der Koloss schwächelt).
Doch nach dem Eingeständnis Nordkoreas, im Besitz von Atomwaffen zu sein, scheint das Problem nicht auf die lange Bank verschiebbar. Statt mit Pjöngjang den von ihm gewünschten Nichtangriffspakt zu schließen, scheinen die Bushies zum Regimewechsel entschlossen. Die Schwelle von der Diplomatie zum Krieg wird offenbar gerade überschritten. Traut man Berichten, dann erwägt das Imperium bereits "Land- und Seeblockaden", wobei es auf die Mithilfe Chinas und Japans hofft. Für Nordkorea käme das allerdings einer Kriegserklärung gleich.
Ob hier nur geblufft wird oder ein neuer, diesmal viel blutigerer Krieg bevorsteht, ist noch nicht auszumachen. Noch will das Imperium den arabischen Raum zur Demokratie bekehren und dort Freihandel und Free Flow of Information einführen. Erst danach gedenkt man sich dem asiatisch-pazifischen Raum zuzuwenden, der von den aufstrebenden Mächten Indien und China dominiert werden wird. Erst in der Konfrontation mit diesen "überdimensionierten" Völkern und ihren Märkten wird sich zeigen, ob die Geschichte der Aufklärung mit dem Imperium Americanum zuende geht, ob seine Macht "ewig" dauern wird, oder ob es sich doch nur um eine kurze Episode der Geschichte gehandelt hat.
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I'm just living out the American dream.
And I just realized that nothing is what it seems.
Madonna, American Life
Kriege sind Kriege um Ideen
"Alle großen Kriege sind Glaubenskriege", stellt Werner Sombart anno 1915 in Händler und Helden fest, "waren es in der Vergangenheit, sind es in der Gegenwart und werden es in der Zukunft sein."
Nicht anders sehen es die Bushies. Auch für sie der Krieg ein "ewiger "Kampf zwischen dem Bösen und dem Guten." Mit Leo Strauss teilen sie die Überzeugung, dass nur Ideen die Welt verändern. Gut ist, wenn sie sich mit globalen Interessen decken, mit einer historischen Mission, wie sie die Demokratisierung der Welt à la americain vorgibt. Diese Wahrheit zu erkennen, ist nach Strauss nur wenigen bescheiden.
So beharrlich kann demnach Geschichte sein. Und so dauerhaft können macht- und geopolitische Kontinuitäten wirken. Optionen, Drehbücher und Arrangements kehren auf die weltpolitische Bühne zurück, wie sie vor, während und nach WK I, WK II und WK III in Europa mit jeweils unterschiedlichen Gegnern, Rivalen und Darstellern uraufgeführt worden sind. Nur einer ist bei all diesen Tragödien immer der gleiche Spieler und Gewinner: die Vereinigten Staaten von Amerika. Werden sie auch WK IV erfolgreich beenden, den Krieg des einen gegen alle anderen?
http://www.heise.de/tp/deutsch/kolumnen/mar/14717/1.html
Drogen, Samba, Gewalt
Von Hauke Goos
Good Fellas in den Ghettos von Rio: Dem brasilianischen Regisseur Fernando Meirelles gelang mit "City Of God" auf Anhieb ein Meisterwerk.
JENS NEUMANN
Regisseur Meirelles: "Ich dachte: Herr, ich danke dir. Was für ein glücklicher Zufall!"
Am meisten freut er sich über die Frage nach seinen Vorbildern. Sergio Leone habe ihn beeinflusst, heißt es, mit seinem gewalttätigen New-York-Film "Es war einmal in Amerika"; Sam Peckinpah, mit dem durch Zeitlupe zerdehnten Todesballett von "The Wild Bunch"; und Martin Scorsese natürlich, dessen Mafia-Klassiker "GoodFellas" in vielerlei Hinsicht Inspiration war - seit Fernando Meirelles' Film "City Of God" ("Cidade de Deus") im vergangenen Frühjahr bei den Filmfestspielen in Cannes bejubelt wurde, ist kein Vergleich zu groß. Das Erstaunliche daran ist: Mit "City Of God", diesem überwältigenden, brutalen, humorvollen Drama über den Drogenhandel in Rios Elendsvierteln ist Meirelles, 47, auf Anhieb ein Film gelungen, der die Klassiker des Erzählkinos ausbeutet, weiterführt - und dabei doch in jeder Einstellung eigenständig und originell ist.
Der Film hat Meirelles zum Regie-Star gemacht. Es ist sein dritter Spielfilm, sein erster großer; in Brasilien war "City Of God" der erfolgreichste Film der vergangenen zehn Jahre. "Ein brillanter Film!", soll Steven Spielberg gerufen haben, die "L. A. Times" urteilte: "ein Meisterwerk". Und Bernd Eichinger, der einiges vom Filmemachen und noch mehr von PR versteht, ließ sich zu dem Satz hinreißen, Meirelles' Werk sei "vielleicht der beste Film der letzten 10 Jahre". Konsequenterweise hat er sich mit seiner Firma Constantin die deutschen Verleihrechte gesichert.
Und weil der Film jetzt endlich auch in Deutschland anläuft, sitzt Meirelles an einem kalten Februartag während der Berliner Filmfestspiele im Hotel Adlon und versucht, das Wunder zu erklären. Er trägt eine schmale Hornbrille, schwarze Jeans und hat ein offenes, entspanntes Lachen; je länger das Gespräch dauert, desto mehr lässt er sich von der allgemeinen Begeisterung für seinen Film anstecken.
Natürlich habe ihn "GoodFellas" beeinflusst, sagt Meirelles, vor allem, was die Struktur des Drehbuchs angehe: Wer einen 600-Seiten-Roman (von Paulo Lins, der in der Cidade de Deus aufgewachsen ist) mit Hunderten von Charakteren verfilmen will, sollte sich beizeiten überlegen, wie er seinen Stoff geordnet kriegt. Scorsese hat vorgemacht, wie so etwas funktionieren kann: Er erzählt "GoodFellas" aus der Sicht von Henry Hill, der einerseits zur Mafia gehört und andererseits wegen seiner irischen Herkunft ein Außenseiter bleibt.
Meirelles lässt "City Of God" von Buscapé erzählen, aus dem Off; der Junge wächst wie die anderen Figuren auch im Slum Cidade de Deus auf (was auf deutsch "Stadt Gottes" bedeutet, auf Portugiesisch aber wesentlich schöner klingt, weshalb man den Film unbedingt in der untertitelten Originalfassung sehen sollte, wenn die Constantin Gelegenheit dazu gibt). Buscapé ist zu schmächtig und zu sensibel, um sein Leben mit Drogenhandel zu vergeuden. Er träumt davon, Fotograf zu sein. Wie Henry Hill gehört er dazu, aber nicht ganz. Dass er seinen Traum am Ende verwirklicht, ist die unwahrscheinlichste Wendung von Meirelles' Film und zugleich sein überraschendster Triumph: die Geschichte eines Wunders.
Kinderbande aus "City of God": Bunte Bilder, harte Schnitte
Die Handlung umfasst drei Jahrzehnte Drogenhandel in Rio: die sechziger Jahre, in denen Meirelles die Unschuld der Jugend mit Samba-Klängen unterlegt hat; die siebziger, als die Kleinkriminellen in den Marihuana-Handel einsteigen und die Samba von Pop und Funk abgelöst wird; die achtziger, als Kokain das Marihuana verdrängt und die Bandenkriege beginnen.
Meirelles hat für jedes Jahrzehnt einen eigenen Rhythmus, ein eigenes Tempo gefunden: eine eigene Sprache. Die Sechziger drehte er vom Stativ, mit Kamerafahrten, in traditionellen Einstellungen. Die Siebziger sind bunter, die Schnitte härter, die Kamera ist beweglicher; die Achtziger schließlich, unterlegt mit Hard Rock und Heavy Metal, verstören durch Jump Cuts, falsche Anschlüsse, unruhige, unscharfe Bilder.
"In 'City Of God' geht es darum, die Kontrolle zu verlieren."
Am Anfang gibt es noch Perspektiven, sagt Meirelles. "Der Horizont ist sichtbar, weil die Figuren im Film eine Perspektive haben." Meirelles und sein Kameramann César Charlone setzten fast ausschließlich 32-Millimeter-Weitwinkel- und 65-mm-Objektive ein. Je länger der Film dauert, desto länger werden die Brennweiten: Dadurch sieht es aus, als würden die Häuser den Menschen den Platz zum Leben wegnehmen. "Der Zuschauer hat beinahe den Eindruck, als würde die Filmcrew die Kontrolle über die Geschichte verlieren. Aber genau das ist der Punkt: Es geht darum, die Kontrolle zu verlieren."
Meirelles hat sein Handwerk als Werbefilmer gelernt. "Werbung zu machen ist großartig, weil die Leute dich dafür bezahlen, Sachen auszuprobieren", sagt er. "Es ist ein bisschen wie auf der Filmhochschule: Jemand kommt zu dir und sagt: 'Wir wollen einen emotionalen Plot, der 40-jährige Frauen ansprechen soll.' Also versucht man's."
City Of God
"Cidade de deus": Brasilien/Frankreich 2002. Regie: Fernando Meirelles, Katia Lund. Buch: Paulo Lins (Roman), Bráulio Mantovani; Darsteller: Matheus Nachtergaele, Seu Jorge, Alexandre Rodrigues; Produktion: Globo Filmes, Wild Bunch, Studio Canal; Verleih: Constantin; Start: 8. Mai 2003
Der erste Film seit langer, langer Zeit, der einen staunend, atemlos und glücklich erschöpft zurücklässt im Kino: Fernando Meirelles' gewalttätiges Fresko über den Drogenhandel in Rios Elendsvierteln verwebt Dutzende Charaktere, zahllose Handlungsstränge und drei Jahrzehnte Favela-Geschichte derart virtuos miteinander, dass Scorseses "Gangs of New York", in den Kinos etwa zeitgleich gestartet, dagegen aussieht wie eine Kostümprobe alter Männer. Es geht um Bandenkriege, um Ehre und Freundschaft inmitten der Anarchie, und, über allem, um die Vergeudung der Jugend und die Verschwendung von Leben - dass der jämmerliche Tod des Psychopathen Zé Pequeño einem danach tatsächlich wie das Ende einer Ära vorkommt, ist nicht die kleinste Leistung in diesem meisterhaften Film. Meirelles hat sein Handwerk als Werbefilmer gelernt, und selten hat jemand die Tricks der Filmsprache ökonomischer und sinnvoller eingesetzt: Zooms, Reißschwenks, Freeze Frames und 360-Grad-Fahrten vermitteln das Gefühl, der Hölle so gerade eben noch entronnen zu sein.
Meirelles war so erfolgreich, dass ihm bald eine der größten Werbefilmfirmen Brasiliens gehörte; er gewann internationale Preise, produzierte Fernsehserien, Dokumentarfilme und Hunderte von Spots. Dabei lernte er alles über Technik, Objektive, Brennweiten, Postproduction. Hier entdeckte er auch seine Vorliebe für Reißschwenks und Zooms, für Werbefilme, die nicht aussehen wie Werbefilme. Außerdem lernte er, dass es kein Problem gibt, das nicht beim Drehen oder im Schnitt gelöst werden kann.
Mit der Erfahrung kam das Selbstbewusstsein, das ihm die Souveränität gab, sich in seinen Film hineinreden zu lassen. Um "City Of God" möglichst authentisch aussehen zu lassen, verpflichtete er Laiendarsteller - und ermunterte sie, ihn an ihrer Favela-Erfahrung teilhaben zu lassen.
Eines der schönsten Beispiele für diese Zusammenarbeit ist am Ende von "City Of God" zu sehen. Bevor die Schlacht zwischen den verfeindeten Gangs anfängt, sollten die Jungs ursprünglich einfach aus einer Tür kommen. Meirelles brachte also die Kamera in Position, rief "Achtung, wir drehen!", als ihm plötzlich einer der Jungen von der anderen Straßenseite etwas zubrüllte. Der hatte vor den Dreharbeiten mit Drogen gedealt. "Bevor es zum Angriff geht, müssen wir beten! Lass einfach die Kamera laufen, wir zeigen's dir", rief er. Auf einmal fassten sich die Jungen an den Händen und beteten. Der Anfang dieser Sequenz ist nicht ganz scharf, weil der Kameramann zu weit entfernt stand, und auch der Ton ist kaum zu verstehen, weil der Tonassistent Mühe hatte, seinem Kameramann zu folgen. Meirelles entschied sich trotzdem dafür, die Szene nicht noch einmal zu drehen. So bekam der Film etwas Authentisches, fast Dokumentarisches.
"Wir haben den Film überhaupt sehr naturalistisch gedreht, ohne zusätzliches Licht, mit der Handkamera", sagt Meirelles. Umso wichtiger war die Nachbearbeitung des Materials. Meirelles' Cutter war 22, als er für den Schnitt verpflichtet wurde - vorher war er DJ. "Es war etwa so, als ließe man das Material von einem Dokumentarfilmer drehen und heuert dann die Cutter von Oliver Stone an", sagt Meirelles. Vor Freude über diesen Coup springt er beinahe aus seinem Sessel.
Mit "City Of God" führt Meirelles inzwischen eine ganze Reihe hoffnungsvoller lateinamerikanischer Regisseure an, die sich anschicken, das Weltkino zu erneuern. Sein Landsmann Walter Salles ("Central Station") gehört dazu, der Argentinier Carlos Sorin und natürlich der Mexikaner Alejandro González Iñárritu, der vor zwei Jahren mit "Amores Perros" begeisterte.
Ursprünglich hatte Meirelles vor, einen der Charaktere von "City Of God" von einem Rudel Hunde begleiten zu lassen; immer, wenn er auftauchte, sollte es bellen. Irgendwann verwarfen sie die Idee. An einem drehfreien Tag sah Meirelles sich "Amores Perros" an, der von der Liebe zu Hunden handelt. "Ich dachte: Herr, ich danke dir. Was für ein glücklicher Zufall!"
Es ist selten genug im Kino, dass so etwas zusammenkommt: ein Regisseur, der den Zufall auf seiner Seite hat, die Filmsprache wie kaum ein anderer beherrscht - und darüber hinaus auch noch etwas zu erzählen hat.
"Manchmal kommt ein Film, der einen einfach umhaut, dessen Bilder sich tief einbrennen", hatte der "Rolling Stone" geschrieben.
Meirelles strahlt über das ganze Gesicht.
Das Privatvermögen der Habsburger
Es existiert noch eine genaue Aufstellung der 1938 geraubten Vermögenswerte.
NS-Restitution: Habsburger werden ungeduldig und fordern Milliarden
Bis zum Jahr 1744 bestritt das "Hof- Rechnungsdepartement und Hofzahl amt" die Ausgaben des kaiserlichen Hofstaates in Wien und in den Kronländern. Eine Unterscheidung zwischen Staats-, Hof- oder Privateinnahmen gab es noch nicht. Das Haus Habsburg besaß zu dieser Zeit noch keine eigenen (privatrechtlich ihm zur Gänze oder seinem Oberhaupt allein zugehörigen) Großgrundherrschaften.
Erst Franz Stephan von Lothringen, der Gemahl Maria Theresias, hatte eine glückliche Hand. Er kaufte viele Ländereien, und nach seinem Tod stifteten seine Erben, nämlich Maria Theresia und ihr Sohn Josef II. mit Urkunde vom 16. Oktober 1765 einen Fonds, der zur Entlastung des Staates bestimmt war. Der sollte die Mitglieder des Kaiserhauses standesgemäß versorgen.
Der Familienversorgungsfonds bestand aus 5,861.719 Gulden in Bargeld und Obligationen - und aus zahlreichen Herrschaften in den Kronländern, darunter Teschen, Eckartsau, Essling und Hof (Schlosshof), später erwarben die Habsburger Orth, Mattighofen, Pöggstall, Laxenburg, Vösendorf, Mannersdorf, Groß-Enzersdorf. Dazu mehrere Häuser in Wien.
Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 blieb der Besitz als "Generaldirektion der Habsburg-lothringischen Vermögensverwaltung" unter der Leitung des Sektionschefs Albin von Schager-Eckartsau.
Nach 1945 machte Österreich eine
Verfügung Hitlers zu geltendem Recht.
Das "Habsburggesetz" vom 3. 4. 1919 verwies das Herrscherhaus außer Landes und machte die Republik Deutschösterreich zur "Eigentümerin des gesamten in ihrem Staatsgebiet befindlichen beweglichen und unbeweglichen hofärarischen . . . Vermögens." Die Erträgnisse flossen an Kriegsopfer.
Am 13. Juli 1935 ließ der österreichische Ständestaat unter der Regierung Kurt von Schuschnigg den Habsburgern ihr Privatvermögen zurückerstatten. Die Kunstschätze allerdings galten praktisch als "Leihgaben", weil sie in den Museen verblieben.
Was die Liegenschaften betraf, so herrschte "grundbücherliche Ordnung": Die Familie war wieder rechtmäßige Eigentümerin. Als die Deutsche Wehrmacht im März 1938 in Österreich einmarschierte, flohen die in Wien verbliebenen Mitglieder des Hauses. Das Privatvermögen wurde neuerlich beschlagnahmt. Das ging relativ formlos vor sich, weil eine persönliche Anordnung des "Führers" Adolf Hitler genügte.
1945 dachte die wiedererrichtete Republik nicht daran, das Nazi-Gesetz zu kassieren. Im Gegenteil: Durch mehrere Gesetze wurde 1954 das ehemalige Habsburger-Privatvermögen dem staatlichen Besitz einverleibt. Erst 1998 wurden Ottos Brüder Carl-Ludwig und Felix, beide haben ihren Hauptwohnsitz im Ausland, tätig. Sie forderten Bundeskanzler Klima auf, in Verhandlungen über "angemessene Entschädigung" einzutreten. Doch der ließ den Brief durch einen Sektionschef bestätigen - und schwieg. hws
HÜHNER-SARS? (würde Germa sagen...)
Hühnerseuche greift auf Deutschland über
M ehr als zwei Monate nach Ausbruch der Geflügelpest in Belgien und den Niederlanden hat die Epidemie Nordrhein-Westfalen erreicht. Im Grenzgebiet zu den Niederlanden wurde ein ernster Verdacht auf die Tierseuche festgestellt. Das staatliche Veterinäruntersuchungsamt Krefeld ordnete daraufhin am späten Donnerstagabend die Tötung von 32 000 Masthähnchen in einem Mastbetrieb in Schwalmtal (Kreis Viersen) an. Im Umkreis von 1000 Metern um das betroffene Gehöft müssen alle Geflügelbestände getötet werden. In diesem Gebiet arbeiten sieben weitere, allerdings kleinere Betriebe.
Ob die betroffenen Tiere tatsächlich von der Krankheit befallen sind, wird mit Gewissheit erst nach sieben Tagen feststehen. Die Behörden haben erste Sperrmaßnahmen getroffen. Die Feuerwehr hat eine Desinfektionsschleuse an dem Mastbetrieb eingerichtet.
Die Behörden kündigten die Veröffentlichung einer Tierseuchenverordnung an. Damit wird ein Verdachtssperrbezirk gebildet. Betroffen ist auch ein Großteil der Stadt Viersen. Der Sperrbezirk umfasst außerdem Teile von Mönchengladbach. In diesen Gebieten muss sämtliches Geflügel ab sofort in Ställen gehalten werden.
Kurz zuvor hatte die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn (Grüne) für Samstag die Aufhebung der strikten Stallhaltung angekündigt, da sich die Geflügelpestsituation in den Niederlanden und Belgien weiter entspannt habe.
This article appears in the June 21, 2002 issue of Executive Intelligence Review.
'Fannie and Freddie Were Lenders':
U.S. Real Estate Bubble Nears Its End
by Richard Freeman
(Tables and Figure for this article appear in the print version of EIR and in PDF format in Electronic Intelligence Weekly.)
The U.S. financial system is now dependent to an unprecedented degree upon one prop: the greatest housing-real estate bubble in human history. A hyperinflationary spiral has sent home prices shooting up by 10-40% annually in recent years—depending on the region of the country—and artificially pushed the price of millions of homes into the $400,000 to $1 million range or above. Already in 2001, one out of every ten homes for sale in the United States was priced at $1,000,000 or more. Since then, prices, assessments, real estate taxes, and mortgage credit volume have continued to spiral upwards, even as the productive economy staggered downhill. Many homes today are simultaneously glorified shacks—with plastic exteriors and gold-plated faucets in the bathroom—and yet unaffordable to most American families.
This housing bubble is without precedent, far larger than the 18th-Century Mississippi Bubble of Venetian-Scottish agent John Law. In 1717, Law established the Mississippi Company and issued shares to the public, initially against the supposed wealth to be drained from France's Louisiana Territories in North America, and eventually against the value of all of France's colonial trade. These were shares, effectively, against ground-rent. In 1719, the value of the Mississippi Company's paper shares rose to 40 times their original value, and many times the wealth that possibly could back them up. In 1720, the shares collapsed, bankrupting the nation of France. The U.S. housing bubble's stated ground-rent value is 1,000 times greater than that of the Mississippi Bubble. Unless corrective measures are taken, the inevitable collapse and the ensuing devastation will destroy millions of families.
The cumulative value of all homes in America is now an astounding $12.04 trillion, which is only $3 trillion less than the hyperinflated value of all the stocks traded in America. People have been deluded into buying homes in the $250,000 to $500,000 range, on the grounds that if they can hold on to them for two to five years, they will be able to re-sell them at an even higher price; or, alternatively, that these are the only homes available, and that if they don't buy them now, however overpriced, prices will go even higher and become further out of reach. Millions of families are spending 35 to 50% of their annual income on mortgage or rent payments.
There is a physical constraint on their ability to pay, and thus, ultimately, a constraint on the housing bubble itself: These families are one or two missed paychecks, or the loss of a job, away from defaulting on a mortgage. Default rates on mortgages insured by the Federal Housing Administration—used primarily by families of middle or modest income—have recently reached 10% in some urban areas of the United States. As a wave of cumulative mortgage defaults spreads, the housing market will implode, wiping out trillions of dollars in housing values.
In testimony on April 17, before Congress' Joint Economic Committee, Federal Reserve Board Chairman Alan Greenspan foolishly denied that there is a housing bubble, and asserted that housing conditions are "scarcely tinder for a speculative conflagration." Greenspan's statements fall under the heading of "he doth protest too much."
On May 28, the 2004 Presidential pre-candidate Lyndon LaRouche told an international webcast audience: "We are sitting on top of a real-estate bubble collapse in the United States today; the Fannie Mae/Freddie Mac bubble is about to blow. What day it's going to blow, I don't know. But it's going to blow. People are going to find that houses which they have listed as mortgages at a half million [dollars] or so, plus or minus, in the Washington, D.C. area, or the New York area, these shacks will probably be lucky to go for $100,000 redeemable value. People are going to be wiped out. Jobs are going to be wiped out. Firms are going to be closed down."
The Two 'Golems' of the Bubble
The housing bubble has been developing for two decades, and it has been undergoing accelerated growth since 1995. It is under the control of Fed Chairman Greenspan, acting on behalf of the Wall Street-City of London oligarchical financiers. Greenspan depends upon the huge sums of liquidity pumped in by the Federal National Mortgage Association (Fannie Mae) and the Federal Home Mortgage Loan Corporation (Freddie Mac), through the secondary home real estate market, which they control. Fannie Mae and Freddie Mac—which are private corporations, not government agencies—are the linchpin of the housing bubble; without them, it could not exist. The City of London-Wall Street financiers' objective, and also that of Fannie Mae, is to inflate housing prices through increases of "fictitious value," thereby increasing the size of mortgages needed to buy the houses at inflated prices, and thus, increasing the principal and interest-rate cash that can be gouged from households. It is an unadulterated looting operation.
Without the huge margin of Fannie- and Freddie-generated liquidity, the housing mortgage market would not be the size that it is, and without an enormous mortgage market, there absolutely could be no housing bubble.
Since 1995, the housing bubble has required between $400 to $600 billion per year in new mortgages to finance homeowners' purchase of new and existing homes at inflated prices. Between 1995 and 2001, banking institutions (including savings and loan institutions) lent $2.25 trillion in new housing loans to prospective home-buyers. But during the same interval, banking institutions lent only $1.29 trillion in loans of all types, including to commerce and industry, to consumers (for car purchases, etc.), and for housing. This seems impossible. How could banks lend more for housing, at $2.25 trillion, than they lend to the entire economy, at $1.29 trillion, when the latter includes housing as a sub-sector? The answer: the great Fannie Mae and Freddie Mac lending machine. Between 1995 and 2001, Fannie and Freddie (and a few similar, smaller agencies) acquired almost three-quarters of the $2.25 trillion in new mortgage loans that all banks had made. Upon getting cash from Fannie and Freddie, the banks made new housing loans. Since 1995, Fannie and Freddie, et al., accounted for almost three-quarters of all housing mortgages.
The housing bubble can only function if it pushes home prices up; the home price can only go up, if there is a mortgage to purchase the home at the increased price. Without Fannie Mae and Freddie Mac, the home mortgage market would have been only one-quarter as large as it actually was. A housing bubble could not exist in that framework.
Fannie Mae and Freddie Mac have raked in huge profits from the housing bubble. But they have also concentrated in themselves, an enormous exposure to mortgage debt—a concentration even greater than the 35% of all financial derivatives contracts sitting in one bank, J.P. Morgan Chase—and have issued some obligations which are very risky. Thus, it is ironic that the housing market depends on Fannie Mae and Freddie Mac, which are in such rotten condition that they could puncture the very housing bubble which they are called upon to support.
How It Grows
To understand the importance of Fannie Mae and Freddie Mac, one must understand the rudiments of the housing financing market. To buy a home, a prospective purchaser must have the financial means: Either the purchaser is wealthy enough to buy the home in cash, or—in most cases—the purchaser takes out a mortgage loan. Commercial banks, and savings and loan associations are the financial institutions most likely to originate a mortgage loan. The primary mortgage-lending institution can hold that loan until maturity—30 years, for example—collecting, during this time, interest and principal payments.
However, the primary mortgage-lending institution can exercise a second option: After originating the mortgage loan, it can sell it off. Two of the leading corporations that could buy the mortgage from the primary institution—known as secondary market corporations—are Fannie Mae and Freddie Mac. As a result of Fannie Mae and/or Freddie Mac buying the mortgage from the primary lending institution, that primary institution now has cash, which it can use to originate a new mortgage.
This process can be, and is, repeated several times during the course of the year, for each primary-mortgage lending institution in America. Thus, Fannie Mae and Freddie Mac act as a spigot pouring liquidity into the U.S. mortgage market.
There is another step to this process. When a primary mortgage lending institution offers to sell a mortgage loan it has originated, Fannie Mae or Freddie Mac can do one of two things. They can, as described, buy the mortgage loan outright and hold onto it (Fannie and Freddie issue bonds in their own names, and use the proceeds from the bond sale to buy mortgage loans). Or, they can pool several mortgage loans together, into a derivatives-like instrument, called a Mortgage-Backed Security (MBS); put a guarantee on it; and sell it to a third party—such as a mutual fund, a pension fund, or an insurance company. In the latter case, the pension fund or mutual fund end up owning the MBS, which gives them a claim to the underlying principal and interest stream of the mortgage. Thus, it is the cash from the pension fund, or mutual fund, etc., which is going into the housing market, having been drawn into that market by Fannie Mae and Freddie Mac as issuers of securities.
Volcker Destroys Traditional Home Financing
In the post-World War II period to 1963, when a previous generation of Americans bought their homes, the purchase cost reflected the cost of construction, such as materials and labor, plus a moderate, but fair profit for the homebuilder. It also reflected the cost of the land, which was not high. For financing, a traditional relationship existed with savings and loan institutions, so that the home purchaser could readily obtain a 30-year mortgage, usually at a 5-6% interest rate which would make the mortgage affordable. As late as the 1950s, the median price of an American home was less than $15,000.
In the mid-1960s, the financier oligarchy moved America away from a producer to a consumer society, by introducing the "post-industrial society" policy, which also shattered the workable housing relationships. There were a few key benchmarks in this process.
In 1979, then Federal Reserve Board Chairman Paul Volcker instituted the New York Council on Foreign Relations' policy of "controlled disintegration of the economy," so that the commercial banks' prime interest rate reached 20.5% by December 1980. This policy intentionally shattered manufacturing, agriculture, and infrastructure, and built a gigantic speculative bubble. It also crushed the savings and loan associations, which were the mainstay of the housing industry. They then had to pay interest rates of 15-18% to attract and hold depositors, but they were earning only about 5% on the mortgage loans they had previously made. The negative spread of 10-13% caused the S&Ls huge losses.
In 1982, the disastrous Garn-St Germain law, which deregulated the banking system, was approved, removing the wise and longstanding restrictions which had severely limited the amount of money the S&Ls could invest in commercial real estate. Advised to invest in commercial real estate to make up the losses that Volcker's policy had created in housing, the panicked S&Ls lost more than a quarter of a trillion additional dollars. The bailout of these losses in the mid-1980s, became known as the S&L debacle.
In 1986, the Tax Reform Act was passed, which created tax breaks for speculative shelters in real estate. By this point, the bankers thought it timely to introduce the full speculative virus into the home real estate market. Home prices rose, although there was a downturn in the 1989-91 period. By 1995, Fed Chairman Greenspan, who had been nurturing the housing bubble since he was ensconced in that post in 1987, let out all the stops to pump up the bubble. Fannie Mae and Freddie Mac began priming the bubble with hundreds of billions of dollars in funds per year.
Today, the basic characteristic of the housing market has been altered so that it is entirely different from what it had been in the mid-1960s. The home's principal function is no longer shelter and development of a family, obtained through the instrument of the mortgage market; rather, the home has become the mere instrument of the housing market bubble. The home price is a function of whatever the hyperinflationary housing spiral can drive it up to.
For the banks, the objective is to create fictitious value in a home, through a fake appreciation in price. To comprehend what fictitious value is, consider the example of a home built in 1992, and sold then for $100,000, which is now priced on the market for $225,000. The $125,000 increase in the home's price represents fictitious value. In real physical construction terms, the home has depreciated for ten years, and is worth less; even if there were home improvements made to keep the home at the same functional level, it is worth, at most, $100,000.
Take any other useful entity, such as a car or a machine tool. One could not put ten years of wear and tear on it, and then sell it for twice what it was worth ten years ago. However, this is what is done with housing.
The process is the same in the case of a McMansion, which sells for $400,000, but is made of the shoddiest material, and is only worth $125,000. The difference of $275,000, between what it sells for and what it is worth, is fictitious.
For the banks, the aim is: If the price of a home can be fictitiously doubled, say to $400,000, then the market value of the mortgage attached to the home can be fictitiously doubled to $400,000, and the income cash flow stream of principal and interest payments that can be looted, can be doubled. The banks pre-figure what principal and interest cash stream they want to realize from a mortgage, and then set the price of the house at a level that will allow them to extract, through an attached mortgage, that principal and interest cash stream.
This is the system that the banks put into place during the course of the 1980s, and which Greenspan and Fannie Mae have geared up full force since 1995. It is completely unsustainable and unstable.
Explosion in Home Prices
There is an explosion of home prices since 1995, but especially since 1999, in the hot markets in New York, Florida, California, and Greater Washington, D.C.—the last of which may be the hottest market in the nation. Greater Washington includes Washington, D.C. proper; Arlington and Fairfax Counties in northern Virginia; and Montgomery County in Maryland. Table 1 and Table 2 show, respectively, the average and median prices of homes in this region.
In Washington, D.C. proper, in 1999, the average price of a home was $264,668. Now, less than two and one-half years later, it has jumped to $367,676, a compounded annual rate of increase of 16%. (During this time, the median home price increased at a compounded annual rate of 15%.)
Elsewhere in the area, the pattern is the same. In Fairfax County, in northern Virginia, between 1999 and the present, the average single family home price skyrocketed from $132,667 to $341,680, a staggering compounded annual rate of increase of 38.4%. In Arlington County, in northern Virginia, the average price of a home has jumped to $416,579. In the Greater Washington, D.C. region as a whole, the average single family home price is above $340,000, and rising at an incredible rate.
During 2001, home prices for the entire states of California, Florida, and Massachusetts, rose by more than 10%, and in portions of New York, by more than 15%.
This explosion in home prices increased the collective valuation of all household-owned home real estate in America. Figure 1 shows that since 1950, the value of all U.S. households' home real estate holdings rose steadily. Then it rose more rapidly during the 1980s, reaching $6.608 trillion by 1990.
But between 1990 and 1995, the collective value of all homes rose only by $1 trillion. However, since then, under the deliberate manipulation of Alan Greenspan, nurtured by the Fannie Mae-Freddie Mac money-pumping machine, it shot upward: Just between 1999 and 2001, the collective valuation of all households' home real estate holdings increased by $2.084 trillion to $12.04 trillion, a rise of 20.9% during those two years.
The increase in the collective valuation of all household-owned homes achieved the bankers' prime objective: Against that valuation, a tremendous amount of mortgages and secondary forms of mortgage-based debt could be floated, thus increasing the rate of looting through interest and principal mortgage streams, as we shall show.
The sharp jump in the collective valuation of all household-owned homes, makes it, along with derivatives, the chief element of the dynamic that is holding up the U.S. speculative bubble. Figure 2 shows the trajectory of the collective valuation of households' home real estate holdings versus that of the capitalization of all stocks traded on stock markets in the United States. With the rupturing of the New Economy stocks, between 1999 and 2001, $4.5 trillion of fictitious valuation of stocks has been wiped out. The collective value of U.S. households' home real estate holdings is now just $3 trillion less than the stock market capitalization of all U.S. firms.
According to EIR's estimation, $6 trillion of the $12.04 trillion valuation of household-owned home real estate is fictitious, debt and liquidity artificially forced into the housing market over the past few decades, especially since 1995. This gives an estimate of the amount of hot air which will be wiped out in this market in a collapse of the bubble, driving home prices down with explosive impact.
Cost and Quality
Two other characteristics distinguish the new housing market.
First, the cost of homes has reached a dangerous multiple of average income. Figure 3 shows the ratio of total home real estate valuation to total disposable (after-tax) personal income, complied by Ian Morris, an analyst at HSBC Securities. It now has reached 1.62, its highest level in this 50-year series. However, the cost of a home becomes even worse, when the mortgage interest costs are figured in, which will be examined shortly below.
Second, the quality of homes. The homes of today have several glaring problems. The new homes that sell for $300,000 to $750,000 are frequently made with the shoddiest material. They are built with doors made of cardboard cores instead of wood; no cross-braces under the joists of floors to support them and prevent shaking; and the proverbial 2-by-4 piece of wood shaved down to 1.5 by 3.5 inches. Whereas 50% of the siding in houses in the 1970s was made of brick, today less than 30% of housing siding is made of brick.
Thousands of homes, priced at one-half million dollars and up, have their elegant looking facades made out of—stryofoam. The Maday family, for example, of Reston, Virginia, moved into a $522,000 home in late 1996, having been told they had an exterior of stucco (a mixture of cement and limestone), which is typically @c6 to 1 inch thick. They found that their house had a ¼ inch coating of styrofoam. The styrofoam trapped water and developed a "99% moisture reading," and as a result, the walls rotted away. An Aug. 29, 2001 Boston Globe article exposed the fact that thousands of McMansions from northern Virginia, to Connecticut, to Illionis have been constructed with styrofoam fronts.
Figures 4 and 4A document, since 1950, the increase in the volume of U.S. household home mortgage debt outstanding. This grew steadily up to 1980, and then afterward, at a faster rate. Starting 1995, the banks, collaborating closely with Greenspan and the money-pumping of Fannie Mae and Freddie Mac, caused the level of mortgage debt outstanding to grow at an accelerating rate: Just between 1999 and 2001, it jumped by nearly $1 trillion, to reach $5.757 trillion.
The more a home costs, the more cumulative interest a mortgage borrower must pay, and the more interest the bankers collect, even if the interest rate remains the same.
Figure 5 shows for the period 1963-2001, the total cost to purchase a new home, on a 30-year mortgage. The purchase price used for this demonstration, is the nationwide median cost of a new home, as reported by the National Association of Realtors. The interest rate is the fixed interest rate prevailing for that year. In 1963, the median cost of a new home was $18,000. The total cumulative cost to buy the new home on a 30-year mortgage, was $34,616: $18,000 paid in purchase price (which is broken down into down payment, and principal), and $16,616 paid in interest. In 2001, the median cost of a new home was $174,000. The total cumulative cost to buy a new home on a 30-year mortgage leapt to $393,986: $174,000 paid for the median purchase price, and $219,986 paid in cumulative interest. So, today, the mortgage-payer must pay nearly a quarter of a million dollars in interest. The cumulative interest cost, which in 1963 was somewhat lower than the purchase price, in 2001's "low-rates" market was nearly 1.3 times greater than the original $174,000 purchase price of the house.
According to the U.S. Department of Housing, the total monthly "home cost" should not exceed 28% of a household's gross income. The "home cost" consists of the mortgage interest and principal payment, plus the home insurance payment, plus the home property tax due.
How able are home-purchasers to finance the mortgage? Let us utilize a strictly standard arrangement. If a household were to buy a new home, at the median price of $174,000 (in the above example), on a 30-year mortgage, putting the (now standard) 10% of the home purchase price down in a down-payment, and financing the rest in a mortgage at the prevailing fixed interest rate of 7.04%, then its mortgage payment of principal and interest, would be $12,553 per year ($1,046 per month). On such a home, the home insurance and home property tax would be approximately $1,920 per year. Thus, the total "home cost" would be $14,473 on an annual basis. If, according to HUD, the "home cost" should be no more than 28% of total household income, then $14,473 is 28% of $51,689. A household would need an annual income of $51,689 to afford the "home costs" of a median priced home of $174,000.
Sixty percent of American households do not have an annual income of $51,689. Three-fifths of American households could not afford to purchase and live in such a home.
Rising Market, Falling Living Standards
How is it possible for families to buy these homes, and for Fannie Mae to constantly boast that the rate of home ownership, including among minorities, is rising?
Millions of households have bought homes by "getting in over their heads." They are paying 35%, 45%, and even more of their annual income, on the home mortgage. This makes them dangerously vulnerable. Some think that if they own the house for 2-5 years, it will rise in price by $100,000-150,000, and they will sell to the "next guy," in a rising real estate market. Soon there will not be a next guy. Many, many families hold two, two-and-one-half, or three jobs among the family's members to pay for the home. The next round of layoffs that wipes out one of these jobs, will leave them unable to pay their mortgage, leading to default.
Some other families bought homes in the $350,000 to $1 million range, because they earned money from stock capital gains, stock options, bonuses in the financial and high-tech industries, etc. That is drying up on a large scale.
For some households, the fact that they can borrow new money against the value of their home, each time the value of their home rises, keeps them in the game.
Overall, Greenspan has engineered relatively low interest rates, both to keep the financial markets going, but in large measure to keep the housing bubble afloat. The need to raise interest rates, for example, to prop up the collapsing U.S. dollar, would destroy the interest rate environment that is essential to keeping the housing bubble alive.
The key constraints, which govern everything, are living standards and the real physical economy's productivity. For the lower 80% of the population, living standards, measured by market baskets of consumer and producer goods, are falling. They appeared to be, falsely, propped up by stock capital gains, and the like. One cannot long increase home prices, such as in the Greater Washington area, by 15 to 38% annually, and increase the mortgage interest income streams which are to be extracted, by a similar percentage, from households whose living standards, in reality, are falling by 1 to 2% per annum.
If one clears away all the clutter, home prices have gotten much more expensive. One measure that EIR has developed is straightforward. The U.S. Department of Labor's Bureau of Labor Statistics provided information on the value of the weekly paycheck of the average non-agricultural worker. If this worker were to buy a new median-priced home, how many of his paychecks would it take for him to pay off the home, including the interest costs on a 30-year mortgage? The answer is shown in Figure 6. In 1963, it required 388 paychecks; in 2001, it required 804 paychecks. In terms of the employee's paycheck, the home is 2.07 times more expensive. The reason for this has to do with the fall in living standards, but also with the shooting-up of home prices.
In earlier periods, such as around 1980, in which the number of paychecks required to buy a home rose, this was due to a spike (Paul Volcker's deliberate spike) in interest rates. Today, when interest rates are relatively low, the fact that it requires a large number of paychecks to buy a home, indicates just how serious the problem is.
The Intervention of Fannie and Freddie
What has kept the housing bubble functioning, especially since 1995, is the massive role of Fannie Mae and Freddie Mac.
One must know how these agencies work. Fannie Mae presents itself in its public relations campaign as "Building the American Dream." It holds big events with legislators, in particular black and minority legislators, spending lavish amounts of money around the country. It puts more ads on the radio and in the newspaper, than almost any major corporation. It probably has one of the biggest patronage machines in the nation, reaching deep into every state.
What does one expect of a private corporation, which, if it were a bank, would be the third largest bank in the world, and which makes money hand over fist in the real estate market?
Fannie Mae is positioned as the key prop in the housing bubble (what is said of it applies as well to its smaller cousin, Freddie Mac). But Fannie Mae has as much "radioactive" financial risk as any institution in the world. Fannie Mae built up this financial risk in the process of constructing the housing bubble.
A crucial bank that has shaped the agenda of Fannie Mae is Lazard Frères investment bank, a powerful cog in the international Wall Street-City of London oligarchy. Fannie Mae Chairman Franklin Raines spent ten years working at Lazard. Lazard counts in its network the Graham family that owns the Washington Post. (In 1995, Franklin Raines, working with the Post's Katharine Graham, established the Financial Control Board, which destroyed Washington, D.C.)
Fannie Mae had started out in 1938, not as an instrument of speculation, but as part of President Franklin Delano Roosevelt's New Deal. As the accompanying box shows, in the short run, its function was to get the lagging home mortgage lending started again, and more broadly, to contribute to the growth of a financial market to make it possible to purchase affordable housing.
In the beginning, Fannie Mae existed as a government agency. In 1954, it was turned into a mixed, part-private, part-government agency, and in 1968, it was transformed into a totally private corporation, issuing its own stock, which was bought by private investors, and eventually became listed on the stock exchange. For the most part, all through this period, up to the mid-1970s, Fannie Mae fulfilled its original function: It brought liquidity into the housing market in moderate quantities, and functioned as a subordinate agency in that market.
However, starting in 1979-81, at precisely the time that then-Fed Chairman Volcker instituted the policy of "controlled disintegration of the economy," new lending policy changes were made at Fannie Mae. These changes were intended to bring eventually a flood of money into the housing market, from both outside "third party investors"—using the derivatives-like instruments called Mortgage-Backed Securities—and from the corporation itself. The seeds of the housing price explosion planted in 1979-81, came to fruition from 1995 to the present.
Prior to the late 1970s, there had been two principal forms of lending; this transformation added a third.
The first and simplest form of lending is the primary mortgage loan. The second form is that involving Fannie Mae: A mortgage-lending financial institution makes a mortgage loan, but instead of holding onto it, it sells it to Fannie Mae, and uses the cash to make a second loan. It can repeat the process, of selling the second loan to Fannie Mae, and make a third, fourth, and so on, loan. In this manner, a mortgage-lending financial institution could make five loans for $150,000. It sells the first four loans to Fannie Mae (which buys them with proceeds from the issuance of its bonds) and keeps the fifth loan. At the end of the process, the mortgage-lending institution has one loan totalling $150,000 on its books, and Fannie Mae has loans totalling $600,000 on its books.
These were the only two types of lending up to 1979-81, when the third type was introduced: Fannie Mae began creating Mortgage-Backed Securities. As the risk on the MBS became greater, the risk that Fannie Mae had became greater. But this is part and parcel of how the mortgage market, and thus the mortgage-bubble, expanded.
The Mortgage-Backed Security
In the case of the MBS, Fannie Mae gathers its purchased mortgages from different mortgage-lending institutions, and pools them together. For example, Fannie Mae may bundle a thousand 30-year fixed-interest mortgages, each worth roughly $100,000, and pool them together into a $100 million Mortgage-Backed Security. Fannie Mae puts a loan guarantee on the MBS, for which it earns a fee. Fannie Mae promises that in case there is a default on the MBS, Fannie Mae will pay the interest and principal "fully and in a timely fashion." The MBS, once it has Fannie Mae's guarantee on it, is sold to outside investors in denominations of $1,000 and up. The insurance funds, pension funds, and so forth, become the owners of the MBS, but if anything goes wrong, Fannie Mae is responsible.
From the standpoint of those building the mortgage bubble, the MBS taps into a broader layer of funds to be used for housing, on the order of additional trillions of dollars. The sources of funds that can support the housing bubble have been extended very far into the U.S.—and international—financial markets.
In 1979-81, the Volcker polices caused Fannie Mae some losses, like those of the S&Ls. In 1981, David Ogden Maxwell became chairman of Fannie Mae. Maxwell overhauled the corporation and began issuing MBS, which had not been issued except in minuscule volumes before then. Maxwell's career path led into the circles of Lazard Frères investment bank: Today, Maxwell is on the board of Washington's Urban Institute, which is run by the Graham family of the Washington Post, itself part of the Lazard network.
However, not satisfied with "plain vanilla" MBS, Fannie Mae found that it could take these securities and pool them once again, into an instrument called a Real Estate Mortgage Investment Conduit (REMIC) (which is also known as "restructured MBS" or a collateralized mortgage obligation [CBO]). These REMICs are derivatives, of increasing complexity. They are pure bets, although they are also sold to institutional investors, and individuals, to draw money into the housing bubble.
There are many types of REMICs; we will look at two of them. There is a REMIC called a STRIP, in which the interest payments on the mortgages underlying the REMIC, are stripped from the principal, and the interest stream is sold separately as one REMIC instrument, and the principal amount is sold as another. In fact, the principal amount itself can be broken up into several instruments reflecting different time-periods during the life of the mortgages, called tranches, each of which is sold separately, and has a different level of risk. There is a REMIC called a "floater," in which the interest rate on the instrument floats in direct proportion to the movement—up or down—of the international interest rate called the London Interbank Offered Rate (LIBOR); there is an "inverse floater," in which the interest rate of the instrument floats in inverse proportion to the LIBOR.
Approximately half of all Fannie Mae's MBS have been transformed into these highly speculative REMIC derivative instruments.
Thus, what started out as a simple home mortgage, has been transmogrified into something one would expect to find at a Las Vegas gambling casino. Yet the housing bubble now depends on precisely these instruments as sources of funds.
The 1995 Bubble
By 1995, Fannie Mae had been transformed, the MBS and REMICs were widely marketed and in use, and the housing market had been totally changed. The old days of the financing of a home at an affordable price were gone. The plan of the banks, and Alan Greenspan, was to create a bubble: to finance homes at increasingly fictitious prices. Simply put, to realize a fictitious increase in home price, say from $100,000 to $250,000, there had to be an increase in mortgage size, and not just one mortgage, but tens of thousands of mortgages. This, in turn, required a gigantic inflow to the housing market, of funds which had had nothing to do with its functioning.
During the bubble period 1995-2001, the volume of mortgage loans in the United States increased by $2.249 trillion. But the volume of mortgage loans by the primary mortgage-lending institutions, such as commercial banks and S&Ls, which they held on their books, only increased by $592 billion. They generated only one-quarter of the increase in the volume of mortgage debt during this period. The remaining three-quarters of the loans were conveyed to Fannie Mae, Freddie Mac, and cousins like the Federal Home Loan Bank Board. Fannie Mae took the dominant role, accounting by itself for 35.5% of all the money that flowed into home mortgages since 1995. But this was not an act of largesse: During this period, Fannie Mae raked in $25 billion in profits, and the financiers achieved their purpose of setting off a hyperinflationary housing bubble.
Yet, by its very "success," Fannie Mae turned itself into a time-bomb, completely contaminated by the cancer of housing speculation it made possible.
To understand the root of its crisis, look at the rapid growth of its four key parameters. Figure 7 shows Fannie Mae's ownership of mortgages, which it purchased from mortgage lending institutions; by the end of 2001, this stood at $705 billion. Figure 8 shows Fannie Mae's debt, mostly its bonds, which it principally incurred to raise the cash to buy the mortgages it now owns; by the end of 2001, this reached $764 billion. Figure 9 shows the Mortgage-Backed Securities that Fannie Mae created through pooling of primary mortgages; by the end of 2001, this reached $859 billion. Finally, Figure 10 depicts the "regular" derivatives obligations Fannie Mae contracted, such as interest rate swaps (but not counting the above MBS), and which it claims are necessary for doing business; by the end of 2001, this reached $533 billion.
Of the four parameters, the first is the only one that represents an asset for Fannie Mae. It represents a steady stream of interest and principal payment that Fannie Mae collects. The other three parameters represent obligations, which are very risky. These three types of obligations fed, and fed off, the housing bubble's constant rapid growth of the last six years in particular.
But a wave of mortgage defaults is inevitable. As that occurs, the three risky obligations amplify the crisis, and threaten the bankruptcy of Fannie Mae, and the housing market bubble which depends on Fannie, Freddie, et al.
The Threat of Leverage
Consider the first of the three risks: Fannie Mae's bonds, which make up over $700 billion of its outstanding debt total of $764 billion. The sole source of income, from which Fannie Mae can pay the interest and principal to its bond-holders, is from the interest and principal that it collects on the mortgages that it owns. If a portion of these mortgages goes into default and ceases to pay interest or principal, Fannie Mae will not have sufficient cash to pay the holders of its bonds. If the situation worsens, Fannie Mae will default on its bonds.
So, whereas before one had one economic catastrophe—the default of some mortgages—because of the way the housing market is structured, this produces a second catastrophe—the default of Fannie Mae's bonds. Fannie Mae's bonded debt is at least ten times greater than that of any corporation in America. No company in America has ever defaulted on as much as $50 billion in bonds, and Fannie Mae has over $700 billion. With a bonded debt of that magnitude, a default would put an end to the U.S. financial system, right then and there.
Yet a second obligation compounds the problem. In addition to the mortgage bonds, Fannie Mae has put its guarantees on $859 billion of Mortgage-Backed Securities. In a crisis in the housing mortgage market, Fannie Mae could never meet the terms of its guarantee, that it would pay "the full and timely interest and principal," on the mortgages to which it gave a guarantee. By the time it made payment on $5 to $10 billion of the principal and interest of the MBS which it guaranteed, Fannie Mae would go bankrupt from this source, if it had not already defaulted on its bonds. The pension or other funds which had bought the MBS on its guarantees, would suffer tens of billions of dollars of losses.
Finally, Fannie has derivatives obligations: $533 billion in hedges, allegedly to protect it from risks, which themselves could go into default against its bank and other financial counterparties.
Fannie Mae's three risky obligations total over $2 trillion, vigorously used to inflate the housing bubble. Now, an increased default level among the $5.757 trillion in home mortgages, which by itself were not enough to bring down the whole housing market, would create a radioactive reaction inside Fannie Mae, causing it to bring down that market by defaulting on hundreds of billions of obligations.
While Fannie Mae was building up its risky obligations, so was its crony Freddie Mac. Freddie Mac's total of these three risky obligations is $2.91 trillion. (The smaller Freddie Mac's total is bigger than Fannie Mae's, because it has a much bigger derivatives portfolio.) Other institutions which perform functions similar to Fannie Mae, such as the Federal Home Loan Bank Board and private issuers of MBS, have approximately another $0.7 trillion in risky obligations. Thus, the total of housing-related high-risk obligations is roughly $5 trillion.
It should be kept in mind that if one starts with $5.757 trillion in mortgages, these $5.0 trillion in risky obligations are distinct from and in addition to the mortgages, and a total of $10.757 trillion is laden onto the homes and attached to the incomes of America's homeowners. A Mortgage-Backed Security is an instrument with its own risks, independent of those of the underlying mortgages. For example, a dramatic change in interest rates or even a significant increase in pre-payments of mortgages can wipe out MBS value, quite as efficiently as the increase in mortgage defaults. In the case of the REMIC portion of MBS, this risk is considerable. Fannie Mae's financial paper is a ticking time-bomb threatening to bring the whole leveraged operation down.
Mortgage Financing Props Up Consumer Bubble
This is already far too dangerous, but the financier oligarchs decided to extend the housing bubble to do double duty, to support consumer spending, to halt the rate of economic decline. It thus serves now not only as a bubble for housing values in their own right, but the Wall Street-City of London circles are encouraging homeowners to borrow against the increases of fictitious value in their home to extract "wealth" with which to engage in consumer spending. This is known as the wealth effect.
While it is commonly thought that stock market capital gains have held up consumer spending, a recent study by a team led by Yale economist Robert Shiller, shows otherwise. In the study, entitled "Comparing Wealth Effects: The Stock Market Versus the Housing Market," Shiller shows that for every 10% gain in the stock market, there is a 0.2 to 0.3% gain in consumer consumption; while for every 10% gain in the housing market, there is a 0.62% increase in consumer consumption. Whether or not the numbers are precise, the rough comparison of boosts in consumer spending, is two to one in favor of the housing bubble.
Households are finding two ways to get their hands on some of the fictitious value of their homes: cash-out refinancing, and home equity loans. Under cash-out refinancing, a homeowner takes out a new, larger mortgage on his home, whose value has been artificially pumped up by general speculation. With the new cash, he pays off his first mortgage, pays off his credit card debt, and has money to buy a spate of consumer goods. According to Fannie Mae, in 1993, homeowners extracted approximately $28 billion in cash, from cash-out refinancing; but this tripled to $80 billion in 2001. With an equity loan, the homeowner borrows against a portion of the equity existing in his house (rather than refinancing the entire mortgage, as with cash-out refinancing).
The amount of home equity loans outstanding stagnated between 1990 and 1995, only rising from $235.9 billion to $289.3 billion. Then, as "Bubbles" Greenspan et al. pumped the bellows, the amount of home equity loans soared, reaching $701.5 billion in 2001. The amount of home equity loans is larger than all borrowing by credit cards in the United States.
A Federal Reserve Board economist told EIR that half of the value of all home equity loans does not go for home improvements, but for consumer expenditures and paying down credit card debt. Others indicate that as much as 60% of home equity loans—over $400 billion a year—is for consumer cash and credit card expenditures.
The banks have made it very easy to get home equity loans since the mid-1990s, and now promote "home equity lines of credit," where the homeowner borrows, not a fixed amount—as was the case with the old home equity loan—but an almost unlimited amount of credit.
Write It Down Before It Falls Down
The housing bubble, represented by $12.04 trillion in homeowner home real estate valuation, and $10.757 trillion in original home mortgage and secondary housing market paper, is the biggest such bubble in history. It has more than doubled its size since 1995.
Signs now exist of an increase in mortgage problems: In the first quarter of 2002, more than 4.65% of mortgage loans nationwide were delinquent (30 days past due), the highest level in ten years, and the rate of mortgage defaults is rising. Fannie Mae has taken extraordinary measures to roll over troubled homeowners' mortgages, in order not to have the level of defaults show up. But the housing bubble cannot be sustained. The principal boundary condition is reality: Households with declining real standards of living, are not able to take out of their incomes what is necessary to pay rising home prices, and the demands of ever larger mortgages.
Lyndon LaRouche has proposed putting the financial system through Chapter 11 bankruptcy reorganization, as part of the process of a New Bretton Woods monetary system. That would include writing down a good part of the mass of U.S. housing paper. If that is not achieved, as mortgage defaults increase, beyond the ability of Fannie Mae and Greenspan to control them, the leverage that has been built into the housing market will come undone, with lightening de-leveraging of the entire market. Six trillion dollars of fictitious real estate value will deflate rapidly. Mortgage defaults will intensify, and millions of families will be devastated. The grand payoff is that the housing bubble's puncture will bring down consumer spending, and the U.S. financial system which Greenspan et al. built it to sustain.
http://www.larouchepub.com/other/2002/2924fannie_mae.html
Die Fürsten des IV.Weltkriegs
Thomas Pany 28.04.2003
US-Think Tanks und das Netzwerk der Neokonservativen, Teil 1
"Die meisten Stiftungen", sprach Roger Hertog, der reiche, konservative Mäzen und neue Miteigner des politischen Magazins The New Republic vor einer Handvoll ranghoher Repräsentanten amerikanischer Think Tanks, "geben ihr Geld für Backsteine und Mörtel aus. Für Museen, Hospitäler, Konzerthallen und Universitäten". Das sei alles sehr fein und gut , aber die anwesenden Vertreter von der Heritage Foundation, dem Cato Institute, dem Manhattan Institute und dem American Enterprise Institute hätten etwas sehr viel weiter Reichendes vollbracht: Sie hätten es geschafft, den Kurs der amerikanischen Politik radikal zu verändern. Und: Alle zusammen würden "nur" 70 Millionen Dollar im Jahr kosten. "Man erreicht eine ziemliche Hebelwirkung für seine Dollars", versicherte Hertog der erlesenen Runde; die Herren von den Ideen-Instituten lächelten zustimmend
Es ist das leise Lächeln der Sieger, das dem einzigen "Quotenliberalen", dem Abgesandten der Zeitschrift The American Prospect, bei diesem Treffen in den klimatisierten Räumen des New Yorker Nobel-Hotels "Pierre" samten entgegen strahlte. Im Sommer letzten Jahres traf sich dort eine handverlesene Schar von konservativen "good men", um vor dem Diner über "Mäzenatentum (Philanthrophy), Think Tanks und die Wichtigkeit von Ideen" zu räsonieren. Was als Diskussionsveranstaltung konzipiert war, liest sich im Report des beiwohnenden Journalisten als eine zwar verhaltene, aber selbstgewisse Zur-Schau-Stellung eines geistig-moralisch-strategischen Total-Triumphes: der Sieg der Konservativen im nationalen Kampf der Ideen. Solche Kämpfe, so Ed Crane, der Chef des Cato Institutes, bräuchten zwei oder drei Dekaden Zeit. Sein Institut habe seit 1979 in der "Wildnis" für die Privatisierung der sozialen Sicherheit gefochten, bevor man mächtig genug gewesen sei, um sich die Bundesrichter der Bush-Administration zu "pflücken".
Tausend strahlende Lichtpunkte
Seit 70er Jahren kämpft die konservative Bewegung Amerikas - man hat sich geschickt den Dynamik verheißenden Begriff des "movements" von den Linken der 60er Jahre entlehnt und neu besetzt - für eine Wiederbelebung der Moral ("remoralisation") gegen "falsche Modernität", so der auf den Begriff gebrachte Befund einer nationalen Krankheit, die nach konservativer Lesart Amerika nach Vietnam und vor allem unter Clinton's Präsidentschaft befallen hat. Unter "falscher Modernität" wird ein munteres Durcheinander an verschiedensten Symptomen rubriziert: Hedonismus, radikaler Individualismus, sexuelle Libertinage (sprich Homosexualität, Pornographie u.a.), Abtreibung, Wohlfahrtsstaat, Antitrust-Gesetze, das postmoderne "Fun-House" (Cultural Studies) an den Universitäten, überzogene Minderheitenrechte, übertriebener Umweltschutz und und und...
Die Bezeichnung "neokonservativ" weist, wie oft beteuert wird, darauf hin, dass viele dieser Bewegung früher im anderen politischen Lage angesiedelt waren. Wie z.B. Donald Kagan, ein Yale-Historiker und Vater einer der Leuchtfiguren der neokonservativen Intelligenzia, Robert Kagan ("Europäer bewohnen den Planeten Venus; Amerikaner den Planeten Mars" siehe Eurasische Gegenmacht). Kagan Senior schwur in den siebziger Jahren den linksliberalen Ideen ab und konvertierte zum überzeugten Konservativen. Eine ähnliche Bekehrung erzählt man sich u.a. auch von Paul Wolfowitz.
Ob nachträglich gestrickte Legende - ein geschicktes narratives Manöver, das nahelegen soll, dass man bestimmte schlechte Denkgewohnheiten überwunden hat und weiter gekommen ist, ergo progressiver ist als die "Progressiven" ? - oder faktische Wahrheit, wie auch immer die individuellen Vorgeschichten aussehen, wahr ist jedenfalls, dass die Neocons derzeit mit ihren Konzepten die intellektuellen Debatten in den USA bestimmen. Die Linke hat dem momentan wenig entgegenzusetzen.
Seit Jahren treten die "good men", ein Lieblingsausdruck George W.Bush (siehe Peggy Noonan) bei der Ernennung Gesinnungstreuer für Regierungsjobs (das politische Urbild aller Good Men ist natürlich Ronald Reagan), in Talkshows (siehe Vergib niemals die Chance auf Sex oder einen Fernsehauftritt!) zur besten Zeit auf, schreiben unzählige Kommentare in der Washington Post, in der New York Post, im Wall Street Journal, im Hausblatt des Pentagon, dem Weekly Standard; vor allem aber bekleiden sie gegenwärtig Schlüsselposten in der US-Administration, um die großen politischen Strategien, die sie über viele Jahre im American Enterprise Institut (AEI), im Project for the New American Century (PNAC), in der RAND Corporation, um nur die bekanntesten Denk-Tanks zu nennen, vorbereitet haben, in Realpolitik umzusetzen.
Die Vormacht der Konservativen sei die "Kulmination einer 25jährigen strategischen Allianz aus Business, ideologischem Konservatismus, anwaltschaftlicher Forschung und der Republikanischen Partei", so das Fazit des Journalisten Robert Kuttner aus der oben beschriebenen Diskussionsrunde.
Nicht nur der linksliberale Kuttner oder Jim Lobe (siehe US-Präsident Bush zwischen den konservativen politischen Lagern), die beide einer größeren Öffentlichkeit wenig bekannt sein dürften, unterstellen dem Maschenwerk aus neokonservativen Think Tanks, Stiftungen, Wirtschaft und der Republikanischen Partei einen immens großen Einfluss auf die gegenwärtige amerikanische Politik - eine Ansicht, die seitens der Neokonservativen schnell mit dem Vorwurf einer obskuren Verschwörungstheorie gekontert wird; auch die Physiknobelpreisträgerin Helen Caldicott spricht von 32 Mitgliedern der Bush-Administration, die dem militärisch-industriellem Komplex angehören, aus dem, wie im Falle Lookheed-Martin, z.B. den Panzerdenkern der Heritage Foundation reichlich finanzielle Unterstützung zufließt.
Der Economist, das Organ des "extremen Zentrums" (Selbstbeschreibung), adelt die neokonservativen Ideologen in den Think Tanks als "Grand Strategists", die einen großen Plan zur Transformation des gesamten Mittleren Ostens verfolgen und umsetzen können. Die Brainiacs, schwärmt der Economist, sollen sogar ein Konzept für den freien Handel im Weltraum bereithalten.
Selbst in der liberalen israelischen Zeitung Ha'aretz, die vom Verdacht, Verschwörungstheorien zu produzieren, soweit entfernt ist wie George W. Bush von einer Mitgliedschaft in der muslimischen Bruderschaft, schreibt Ari Shavit ("White Man's Burden") von 25 neokonservativen Intellektuellen, die Präsident Bush dazu gebracht haben, die Geschichte zu verändern:
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Der Irakkrieg war eine Marketingangelegenheit der Neokonservativen. Diese Leute hatten eine Idee zu verkaufen, als der 11.September passierte, und sie verkauften sie. Also, dies war nicht der Krieg, den die Masse wollte. Dies ist der Krieg einer Elite. (Lachend:) Ich könnte Ihnen die Namen von 25 Leuten nennen, jeder von ihnen befindet sich zum Zeitpunkt dieses Interviews innerhalb eines Radius von fünf Blöcken von diesem Büro (in Washington, Anm.d. A.), wenn man sie vor anderthalb Jahren auf eine abgelegene Insel geschickt hätte, hätte der Irakkrieg nicht stattgefunden (Lacht wieder) Natürlich ist es nicht ganz so einfach.
Thomas L. Friedman, Kolumnist der NewYork Times im Interview mit Ari Shavit
Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Deshalb suchten die Amerikaner nach einer Doktrin, die sie dazu befähigen würde, mit dieser gefährlichen Welt zurecht zu kommen. Und die einzige Doktrin, die sie fanden, war die neokonservative
William Kristol, Herausgeber des "Weekly Standard" im Interview mit Ari Shavit
Den tonangebenden Neokonservativen sagt man nach, dass sie nicht weit in der Welt herum kommen, auf den Karten des Nahen und Mittleren Ostens schon, aber nicht wirklich; auch der, der sie in echt sehen will, heißt es, muss nicht weit nach den Meisterdenkern fahnden; es genügt, sich in der Washingtoner K-Street umzusehen, früh aufzustehen und an einem "Black Coffee"- Briefing des American Enterprise Institute teilzunehmen.
Dort, so berichtet die BBC kann man bei einem üppigen Frühstück, Lichtgestalten wie Richard Perle, "the Überhawk", James Woolsey (Ex-CIA-Chef, jetzt für einen Posten in der Nachkriegsverwaltung des Irak vorgeschlagen) und Michael Leeden (National Security Berater unter Reagan) dabei zuhören, wie die derzeitige politische Großwetterlage panzerdenkerisch interpretiert wird. Während man in den zeitlosen Winkeln der deutschen Friedensbewegung noch am Zopf des dritten Weltkriegs strickt, ist man im AEI schon längst bei WorldWar IV. Woolsey ist ein notorischer und lautstarker Gläubiger und Verfechter des WorldWarIV- Bekenntnisses; seine Ausführungen; zum vierten Weltkrieg hören sich stellenweise an wie Wahngesichte eines religiösen Fanatikers:
Zum vierten Mal innerhalb von 100 Jahren sind wir erweckt worden und dieses Land ist auf dem Weg..
Geistiger Urheber dieser historischen Kategorie ist Elliot Cohen, Professor an der John Hopkins School of Advanced International Studies in Washington, AEI -Fellow und Mitglied des Defence Policy Boards, Berater des Verteidigungsministers Rumsfeld in Fragen der "großen Strategie". Mit "World War IV.Let's call this conflict what it is." überschrieb Cohen im November 2001 einen Kommentar der für großes Aufsehen sorgte - und nicht nur den Konflikt akkurat bezeichnen sollte, sondern auch den Feind:
Der Feind in diesem Krieg ist nicht der "Terrorismus"....sondern der militante Islam. Der Feind hat eine Ideologie, und eine Stunde Surfen im Internet wird dem durchschnittlichen Bürger zumindest die Art von Einsicht geben, die er während der Weltkriege II oder III bei der Lektüre von "Mein Kampf" oder den Schriften von Lenin, Stalin oder Mao gewonnen hätte.
Zu Cohens intellektuellen Freunden, so die Washington Post, zählen "Prince of Darkness (Sunday Herald) " Richard Perle, Thomas Donnelly, Michael Ledeen, James Woolsey (alle Mitglieder von AEI), Daniel Pipes Neue Aufgabe für den "führenden Islamophobiker", Paul Wolfowitz und William Kristol (Weekly Standart Herausgeber) - Mitglieder eines anderen berüchtigten neokonservativen Think Tanks: des "Project for the New American Century" (PNAC). Sie alle finden Gehör bei Donald Rumsfeld (Gründungsmitglied des PNAC) und Vize-Präsident Cheney (AEI, wie seine Ehefrau Lynne). Elliot Cohen's Buch "Supreme Command: Soldiers, Statesmen and Leadership in Wartime" war die letztjährige Sommerlektüre von George W.Bush.
Nicht alle Denk-Tankers konstatieren mit gleicher Akkuratesse und Emphase wie Cohen und Woolsey den 4.Weltkrieg. Dennis K. McBride vom Potomac Institute for Policy Studies spricht in seiner Studie über den BioCyberTerrorism etwas vorsichtiger von einem "möglicherweise gerade entstehendem WW IV", der sich entwickeln könnte, wenn " ein komplexes adaptives System, wie etwa der ideologisch getriebene Hass, versucht ein anderes System, wie die wirtschaftliche Ordnung, durch das Verbreiten designter unheilbarer Krankheiten zu zerstören. (Vom Reporter der Washington Post auf SARS angesprochen meint McBride: "Man kann nicht ausschließen, dass dies eine Waffe ist". Er selbst glaube aber nicht daran).
Aber alle guten Männer aus dem "Milieu juste" in Washington sind sich in einem sicher: Amerika hat den dritten Weltkrieg (den kalten Krieg) gewonnen. Und es wird auch den vierten gewinnen. Auch wenn er einige Dekaden ( J. Woolsey) dauert.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/14688/1.html
Die Prätorianer-Garde des Imperiums
Thomas Pany 05.05.2003
US-amerikanische Think Tanks und das Netzwerk der Neokonservativen, Teil 2
1991 schätzt der Autor James A.Smith in seinem Buch " The Idea Brokers" die Zahl der Think Tanks in den Vereinigten Staaten auf etwa 1200, davon hätten ungefähr 100 ihren Sitz in Washington. Naturgemäß unterscheiden sie sich z.T. fundamental in ihrer politischen und ideologischen Ausrichtung; nicht alle haben sich der selben Mission, der Vorherrschaft der USA in der Welt, verschrieben, die spätestens seit dem Irakkonflikt für großen diskursiven Wirbel sorgt. Dennoch sind die Verknüpfungen einiger prominenter "Expertenkommissionen", was das Personal und die ideologischen Leitmotive betrifft, zur Bush 43 - Administration frappant.
Die Amerikaner seien obsessiv an Expertisen und Fachwissen interessiert, so James A. Smith. Das Personal der ersten Think Tanks habe sich fast ausschließlich aus akademischen Experten zusammengesetzt, die daran glaubten, dass Sozialwissenschaften den Schlüssel zu einer besseren Regierungsweise bereithielten. Man wollte unabhängigen und objektiven Rat beisteuern. Im Vergleich zu den gegenwärtigen Ideen-Maklern gesteht ihnen Smith eine "politische Unschuld" zu.
Und diese feur'gen Geister auserkoren, Ruhm zu suchen
Erst Franklin Roosevelt's "brain trust" ebnete den Weg für den modernen Think Tank, indem er die Rolle von externen Beratern für die Gestaltung der Politik institutionalisierte. Das Muster vervollständigte sich mit den Reformanstrengungen der Präsidenten Kennedy und Johnson, vor allem durch das Große Gesellschaftsprogramm des letzteren. Experten wurde nicht mehr nur als politische Berater gebraucht, sondern auch als Analytiker politischer Prozesse.
Es oblag noch immer den Politikern, den Ausgang zu definieren - Sieg in Vietnam, das Ende der Armut - aber die Think Tanks steuerten die Mittel dazu bei
J. A. Smith
In den letzten zwanzig Jahren tendierte die Rolle der Experten mehr und mehr in Richtung Parteilichkeit und politischem Aktivismus. Das Scheitern in Vietnam und im Krieg gegen die Armut, so Smith, diskreditierte die technokratische Rolle des Experten.
Vor allem Konservative argumentierten, dass das "liberale Establishment" und deren bevorzugte Think Tank- Experten das politische Leben "erstickt" hätten. Eine neue Bewegung gegen das "liberale Establishment" entstand und gebar neue konservative Denk-Hochburgen wie die Heritage Foundation, das American Enterprise Institute und das Manhattan Institute for Policy Research (vgl. dazu Die
Die Geschichte von intellektuellen Beratern in der Antike und modernen Experten ist meist mit Wissen und politischer Ambition verbunden...und in unserer Zeit muss man sich fragen, ob die Experten-Klasse nicht einen mystifizierenden Jargon und eine stattliche Reihe von verblüffenden und verwirrenden Modellen und spezieller Instrumente dazu benutzt hat, um sich zwischen die Bürger und den gewählten Repräsentanten zu stellen
J. A. Smith
Familienalbum1: Mitglieder und Wirkungsstätten
Die Bezeichnung "Familie" für das Netzwerk der Neokonservativen taucht zuerst in einem Artikel der amerikanischen Zeitschrift Mother Jones, Anfang der achtziger Jahre auf. Der entsprechende Artikel ist leider im Netz nicht mehr abrufbar. Prominenz erlangte die zu Verschwörungstheorien einladende Metapher durch einen viel beachteten Artikel von Jim Lobe.
Was haben William Kristol, Norman Podhoretz, Elliot Abrams und Robert Kagan gemeinsam? Ja, sie sind alle "die-hard"-Falken, die seit dem 11. September die Kontrolle über die US-amerikanische Aussenpolitik übernommen haben. Aber sie sind ebenso Mitglieder einer großen neokonservativen Familie - einem weit verzweigtem Clan von Ehegatten, Kindern und Freunden, die sich seit Jahrzehnten kennen
Jim Lobe
Dass diese "böse Clique" das Imperium tatsächlich im Handstreich genommen habe, wie hier suggeriert und vom paleo-konservativen Pat Buchanan dezidiert unterstellt wird, ist nach Ansicht kluger Beobachter eine fragwürdige Simplifizierung der verschiedenen Strömungen in der konservativen Sammel-Bewegung, die sich nicht erst seit kurzem auf großer Mission befinde. Es gäbe ja schließlich noch die "Theo-Cons" und eben die "Paleo-Cons", deren Auffassungen in vielen entscheidenden Punkten nicht mit denjenigen der Neo-Cons übereinstimmen würden. Das politische Spektrum in der Bush-Administration ist vielgestaltiger als es durch derartige neokonservative Cliquen- und Clan-Cluster nahegelegt wird. Stimmt. Dennoch sind die personalen und ideologischen Verbindungen zwischen konservativen Think-Tanks, der Regierung und finanzstarker Gönnerfamilien und Stiftungen evident.
Für Jim Lobe ist das American Enterprise-Institut ein bedeutender "Nexus" der inter-familiären Beziehungen. 14 seiner Mitglieder sind in der gegenwärtigen Bush-Administration. Die Liste der Mitglieder, sowie der durch Stipendien geförderten neokonservativen Intellektuellen ist lang und unüberschaubar (und auch über die Website nur umständlich und unvollständig nachzulesen), weswegen hier nur die schillerndsten Namen genannt werden, allen voran Richard Perle, Michael Ledeen ("Das Regime in Teheran könnte schnell fallen" siehe Washington Times, Eliot Cohen ("This country is on the march", siehe Die Fürsten des IV.Weltkriegs), J. Woolsey (siehe ebd.), Lynne Cheeny (Ehefrau von Dick, der Victoria Nuland als Deputy Security Advisor bestellt hat. Nuland ist mit Neocon-Edelfeder Robert Kagan verheiratet), Douglas Feith (Nr.3 im Pentagon), Jeane Kirkpatrick, David Frum (ehemaliger Redenschreiber von Bush 43, Schöpfer der "Achse des Bösen", Autor von "The Right Man" (George W.Bush), Barbara Leeden (Ehefrau von Michael, Gründerin und Vorsitzende des antifeministischen Independent Women's Forum, David und Meyrav Wurmser (siehe Der Club der rechten Schlaumeier), die 1996 ein Memorandum ("How to break the Oslo Peace Process" Jim Lobe) für Netanjahu verfasst haben.
Norman Podhoretz, zusammen mit Irving Kristol (Vater von Weekly-Standard-Herausgeber William) einer der Gründervater der Neokonservativen, in den siebziger Jahren noch antikommunistischer Demokrat, ehemaliger Herausgeber der Zeitschrift "Commentary" wurde vom AEI der 2002 Francis Boyer Preis verliehen, wofür er sich mit einer Rede bedankte: "Nachdem wir uns so lange damit aufgehalten haben, was falsch an uns ist, können wir uns jetzt daran erinnern und es feiern, wie viel mehr richtig ist und gut und nobel."
Ein langjähriger Stipendiat des AEI war übrigens auch der Autor Charles Murray, der den politischen Meinungsbildungsprozess mit gespenstischen Thesen bereichert hat, wie etwa, dass staatliche Wohlfahrt zur Verarmung der Nation führe oder dass Afro-Amerikaner einen inferioren IQ hätten.
Die rechte Öffentlichkeitsarbeit hatte es in den Neunzigern geschafft, Charles Murrays These, dass staatliche Wohlfahrt zu Armut führe zu einem allgemein akzeptierten politischen Axiom zu machen. Murray wurde zu einer gefeierten politischen Persönlichkeit und sogar die Demokraten stimmten seinen Ideen zu
Christopher DeMuth; Präsident von AEI
Andere Think Tanks, in denen sich die Familienmitglieder versammeln, sind u.a.:
das Project for the New American Century, berühmt u.a. für offene Briefe an US-Präsidenten, in denen schon seit mehreren Jahren zu entschiedenem militärischen Handeln aufgerufen wird (siehe Irak-Krieg von langer Hand vorbereitet). Gründer des PNAC sind William Kristol, Robert Kagan und Dick Cheney; weitere Mitglieder: Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz, John Bolton, Lewis Libby (Mitverfasser des berühmten Pentagon-Papiers Defense Strategy for the 1990s), Michael Joyce, James Woolsey - die große intellektuelle Lobby für die neue amerikanische Nahost-Politik.
Die RAND Corporation, die über beste Beziehung zum "Defence Policy Board (DPB)" verfügt (siehe RAND's Pionierarbeit) und
das Jewish Institute for National Security Affairs (JINSA) Mitglieder: Paul Wolfowitz, Richard Perle, Douglas Feith, James Woolsey; Oliver North (Iran-Contra-Affäre)
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/14728/1.html
Schlauer als die CIA
Thomas Pany 12.05.2003
US-Think Tanks und das Netzwerk der Neo-Konservativen, Teil 3
1974 bezichtigte Alfred Wohlstetter, Professor an der Universität von Chicago, akademischer Mentor von Richard Perle (später dessen Schwiegervater) und Paul Wolfowitz die CIA, dass der Geheimdienst systematisch die Entwicklung des sowjetischen Raketenprogramms unterschätzen würde. Es begann eine konzertierte Aktion von konservativen Kräften gegen die jährlichen Berichte der CIA zur Einschätzung der sowjetischen Bedrohung.
Im März 1976 wurde das "Committee on the Present Danger" (CPD) wiederbelebt mit dem Ziel, die Öffentlichkeit vor der wachsenden sowjetischen Gefahr zu warnen. Die Wiederbelebung des CPD, das in den fünfziger Jahren unter Paul Nitze für eine starke militärische Aufrüstung der USA zur Eindämmung des Kommunismus zugunsten einer militärischen Oberhoheit der USA in der Welt eintrat, war vor allem Mitgliedern des Team B zu verdanken, das 1976 vom damaligen CIA-Chef George Bush gegründet wurde, um eine unabhängige Einschätzung der sowjetischen Kapazitäten und Absichten zu entwickeln.
Intellektueller Kopf des Team B war Richard Pipes, Professor in Harvard und Vater von Daniel Pipes (vgl. dazu Neue Aufgabe für den "führenden Islamophobiker"), zuständig für Geschichte und Ideologie des "Imperiums des Bösen"; Paul Wolfowitz, damals in der Präsident-Ford-Administration als Experte für Rüstungsbeschränkung (Arms Control and Disarmament) tätig, war ebenfalls Mitglied von Team B.
Committee on the Present Danger
Die politische Basis, so die amerikanische Website Public Eye, für das erneuerte "Committee on Present Danger II" bildete die "Koalition für eine demokratische Mehrheit (Coalition for a Democratic Majority - CDM)", eine Gruppe von konservativen Demokraten, angeführt vom legendären Senator Henry "Scoop" Jackson, die den Kampf gegen das "große Böse", den Kommunismus, aufnahm. Die Vereinigten Staaten hätten die moralische Pflicht, das "Reich des Bösen" zu "entwurzeln" und Demokratie über die ganze Welt zu verbreiten.
Dem CPD II gelang es bald, seine politische Basis auszudehnen; auch hohe Gewerkschaftsfunktionäre, Liberale und neokonservative Intellektuelle - wie etwa Richard Perle und Michael Ledeen - gehörten zur wachsenden Mitgliederschar; man begnügte sich nicht mehr mit dem Widerstand gegen die SALT-Abkommen; mehr und mehr wurden imperiale und unilaterale Machtkonzeptionen in die Debatte gebracht. Als Geldgebern des CPU II werden u.a. genannt: David Packard von Hewlett-Packard und der Öl-Millionär und politische Mäzen Richard Scaife, sowie diverse Scaife-Stiftungen; 33 Mitglieder des CPD arbeiteten in der ersten Reagan-Administration.
1992 veröffentlichte die CIA die "Team-B"-Berichte (vgl. dazu The Trillion Dollar Experiment); das Resumé: die Bedrohung durch das Reich des Bösen wurde maßlos überschätzt.
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Team B' s Versagen ein sowjetisches nicht-akustisches Anti-U-Boot-System zu finden, galt als Beweis dafür, dass es sehr wohl eins geben könnte: "Die Implikation könnte sein, dass die Sowjets tatsächlich einige operationelle nicht-akkustische Systeme einsetzen und in den nächsten Jahren noch mehr einsetzen werden."
in:The Trillion Dollar Experiment
Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf; nicht nur, was einige Namen betrifft, sondern auch die Methode. Ein aktuelles Beispiel dafür, wie man zu der Wahrheit gelangt, die politisch ins Programm passt, und dabei die CIA im Nassen stehen lässt, kann man in der aktuellen Ausgabe des New Yorker verfolgen.
Special Plans
Seymour M. Hersh stellt dort die Qualität der Informationen, die das Büro des Pentagon für besondere Pläne (Pentagon's Office of Special Plans) abseits der CIA gesammelt hat, infrage. Wie es in dem Bericht heißt, wurde "Special Plans" gegründet, um Beweise dafür zu finden, was Paul Wolfowitz und sein Chef Donald Rumsfeld, für wahr hielten: Dass es enge Beziehungen gebe zwischen Saddam Hussein und Al-Qaida, dass der Irak über ein enormes Arsenal an chemischen, biologischen und möglicherweise sogar nuklearen Waffen verfüge, die nicht nur die Region bedrohten, sondern auch die USA.
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Rumsfeld und seine Kollegen glaubten, dass die CIA unfähig war, die wirkliche Situation im Irak wahrzunehmen. Die "Agentur" war draußen, um die Verbindung zwischen dem Irak und dem Terrorismus zu widerlegen, sagte mir der Pentagon Vertraute. Das trieb sie. Wenn Sie jemals mit geheimdienstlichen Datenmaterial arbeiten, könnten Sie die in Fleisch und Blut eingegangene Lesarten der CIA erkennen, die Art, wie sie Daten sehen. Das Ziel von Special Plans, sagte er, war die Daten unters Mikroskop zu halten, um zu entdecken, was die Geheimdienste nicht sehen konnten.
Perle äußerte ähnliche Bedenken gegenüber der CIA schon vor dem 11.September; er war sich sicher, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hatte. Aber der Beweis fehlte. Den sollten dann Überläufer des irakischen Regimes erbringen, so Hersh. Der Führer des Irakischen Nationalkongresses (INC), Ahmed Dschalabi, der beste Verbindungen zu Wolfowitz und Perle hat, spielt eine Hauptrolle in der "Rekrutierung" geeigneter Belastungszeugen mit dem richtigen Wissen.
Hersh zitiert mehrere Beispiele für Informationen von Überläufern, die in der westlichen Presse für Aufsehen sorgten, etwa die Aussage eines Ingenieurs namens Al-Haideri, dass der Irak über mobile Fabrikationsanlagen für biologische Kampfstoffe verfüge, eine Quelle aus erster Hand, wie es schien. Auch Colin Powells Rede vor dem UN-Sicherheitsrat bezog sich u.a. auf Haideris Angaben, der neben den mobilen Produktionslabors noch zwanzig andere versteckte Produktionsstätten für chemische und biologische Waffen erwähnte. Bis heute konnte keine von Haideris Behauptungen bestätigt werden; weder von Blix Inspekteuren noch von den amerikanischen Militärs.
Der frühere Geheimdienstmitarbeiter fuhr fort: Eine der Gründe, weshalb ich kündigte, war mein Gefühl, dass sie Geheimdienstmaterial von der CIA und anderen Agenturen nur dann nutzten, wenn es in ihre "Agenda" passte. Sie mochten das Material nicht, das sie bekamen, weshalb sie Leute einkauften, die das richtige Zeug schrieben. Sie waren so verrückt und so abgefahren, so weit von der Vernunft entfernt, bis zu dem Punkt, dass sie bizarr wurden. Dogmatisch, als ob sie sich auf einer göttlichen Mission befänden. Er fügte hinzu: Wenn es nicht zu ihrer Theorie passte, dann wollten sie es nicht akzeptieren
Seymour M. Hersh
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/14781/1.html
Die Geldmaschine der Rechten
Thomas Pany 15.05.2003
US-Think Tanks und das Netzwerk der Neo-Konservativen, Teil 4
"Wenn es in ihre Agenda passte." (vgl. Schlauer als die CIA) - dieser radikal-pragmatische und ideologisch durchtränkte Umgang mit der Wahrheit durch prominente Leuchtfiguren der Neokonservativen beschränkt sich weder auf den Umgang mit Geheimdienstmaterial, noch auf das derzeit strahlende Exekutiv-Team der US-Außenpolitik.
Die konservative Bewegung, die seit den späten 60er Jahren mehr und mehr Einfluss auf die politischen Debatten in den USA gewonnen hat, umfasst mehr als eine Handvoll neokonservativer Machiavellis.
In einer detaillierten, lesenswerten Untersuchung Wie konservative Gönner (Philanthropies) und Think Tanks die Politik der USA veränderten schrieb Sally Covington (vermutlich Ende der 90erJahre):
1984 warnte der moderate Republikaner John Saloma vor einer "mächtigen neuen Präsenz in der amerikanischen Politik". Die, wenn ihr nichts entgegengesetzt wird, als "neues konservatives Labyrinth" das politische Zentrum der Nation scharf nach rechts rücken würde. Heute ist das Labyrinth größer, ausgefeilter und mehr und mehr dazu imstande, das zu beeinflussen und zu bestimmen, was wichtig ist und was unbedeutend ist für die Agenda des öffentlichen politischen Lebens
Ob es ganz allgemein um die Reduzierung der Staatsaufgaben, Privatisierung und Downsizen von Sozialprogrammen, drastische Steuerkürzungen, angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, Negieren von Umweltschäden, Ausstieg aus internationalen Umweltvereinbarungen, medizinische Grundversorgung, Abtreibung, Minderheitenpolitik, Geschlechterrollen (Der Irakkrieg habe eine von den Frauen lange verachtete Tugend, nämlich den Mut, wieder ans Tageslicht gebracht, schrieb der "Weekly Standard") usw. geht oder um die Rolle der Vereinigten Staaten (unipolar, dominant, weniger "apologetisch") in der Weltpolitik: die richtigen Wahrheiten dazu findet man in den "wissenschaftlichen Expertisen" der Heritage Foundation, des Cato Institutes, des Manhattan Institutes und - last but not least - des American Enterprise Institutes (AEI) - vgl.hierzu: Die Prätorianer-Garde des Imperiums.
Sie nennen sich "senior fellows", "alumnis", "scholars" - alles Titel, die auf alterwürdige, ergo seriöse akademische Tradition hinweisen. Und sie schreiben Expertisen, täglich, wie bestellt: "Warum die Luftverschmutzung weiterhin abnehmen wird" (AEI) oder "Die neue Steuerkürzung bringt 61.000 neue Jobs in Texas"(Heritage).
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Als Reaktion auf die liberalen Universitäten unterstützen reiche konservative Geschäftsleute eine wachsende Zahl von äußerst rechten Think Tanks, um eine Theorie-gestützte Basis für ihre Anliegen zu schaffen. Ohne die erforderlichen Korrektur- und Kritikinstanzen, die akademische Forschung zur 'Wahrhaftigkeit' zwingt, produzieren diese Think Tanks fehlerhafte und vorurteilsbehaftete Studien, deren einziger Zweck darin besteht, die politischen Maßnahmen zu unterstützen, welche die Geschäfte derer begünstigen, die sie finanzieren
Steve Kangas
Familienalbum 2: Mäzene
Fünf große Gönner, so Kangas in seiner 'Entmystifizierung' der Think Tanks als Antwort auf linke Universitäten haben den großen rechtsgerichteten Think Tanks (z.B. Cato, Heritage, AEI) zum schnellen Aufstieg verholfen: die Lynde und Harry Bradley Stiftung, die Koch-Familien-Stiftung, die John M. Olin Stiftung, die Scaife-Familien-Stiftung (siehe Anfang des Artikels) und die Adolph Coors Stiftung. (Von William Coors wird gerne erzählt, dass er, wie eine weitere Quelle bestätigt, 1984 bei einem Treffen mit afro-amerikanischen Geschäftsleuten gesagt habe, "eine der besten Dinge, welche sie (die Sklavenhändler) für Sie getan haben, war, Ihre Vorfahren in Ketten hierher zu schleppen.")
Der Journalist David L. Callahan stützt Kangas These in einem viel beachteten Artikel, der 1999 in der linken amerikanischen Zeitschrift "The Nation" erschienen ist:
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Der Erfolg von Heritage (das Heranschaffen von Sponsorgeldern in Höhe von 85 Millionen Dollar für die "Leadership for America"-Kampagne; Anm. d. A.) beim Füllen der Geldkoffer ist ein dramatisches Zeugnis für die wachsenden finanziellen Ressourcen, die den konservativen Think Tanks in den Neunzigern zur Verfügung stehen...Der Großteil dieser Gelder kommt von Stiftungen und reichen Geschäftsleuten und in diesem Zusammenhang agieren die konservativen Think Tanks mehr und mehr als Magneten für "special-interest"- Geld.
Als weitere Beispiele führt Callahan "einige Millionen Dollars" an, die Wall Street Firmen an das Cato Institute und anderen Befürwortern für die Privatisierung der sozialen Sicherheit abgeführt haben. Außerdem gebe es neuerdings große Anstrengungen seitens der Think Tanks ihre Ideen im Internet zu verbreiten. Die Heritage Website verzeichne beispielsweise mehr als 100.000 Zugriffe am Tag (1999). Town Hall ein Zusammenschluss von Heritage und National Review - "The conservative movement starts here" - konnte 1997 immerhin mehr als 145.000 Hits verbuchen.
Es sei unmöglich, die Rolle, welche die konservativen Think Tanks beim Rechtstrend der amerikanischen Politik gespielt haben, genau zu ermessen; aber alle Beobachter in Washington würden der Feststellung zustimmen, dass ihr Einfluss zwangsläufig sei und am Wachsen.
Neben den Expertisen, Studien, Webseiten und unzähligen Kommentarbeiträgen in viel gelesenen Zeitungen haben konservative Think Tanks größere finanzielle Unterstützung seitens ihrer Mäzene auch für eine besonders effektive Art von Aufmerksamkeitspolitik bekommen: dem Lancieren von Best-Sellern.
Die Rechten, so Eric Alterman in seinem Artikel "Die 'rechten' Bücher und große Ideen", hätten ihre Botschaft in Form von einem Bestseller nach dem anderen ans "Volk" gebracht. Und, wenn man genau hinsehe, sehe man nicht nur die neue "Blüte" von ideologisch revanchistischen Ideen, sondern auch die, welche sie finanzieren:
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Abigail Thernstrom, ein "senior fellow" am Manhattan Institute, und ihr Gatte, Harvard-Professor Stephan Thernstrom, bedanken sich bei der John M. Olin Stiftung, der Lynde und Harry Bradley Stiftung, der Smith Richardson Stiftung und.....für die finanzielle Unterstützung beim Verfassen ihres anti-affirmative-action-Werkes "America in Black and White". Tamar Jacoby, Mitglied des Manhattan Institutes, bedankt sich bei der John M.Olin Stiftung, der Joyce Stiftung und der Smith Richardson Stiftung für die finanzielle Unterstützung beim Verfassen ihres kritischen Beitrags zur Integration "Someone Else's House: America's Unfullfilled Struggle for Integration". Dinesh D'Souza bedankt sich bei der John M.Olin Stiftung für die finanzielle Unterstützung beim Verfassen seiner Bestseller:"Illiberal Education" und "The End of Racism" und "Ronald Reagan: How an Ordinary Man Became an Extraordinary Leader"; außerdem ist D'Souza auch dem American Enterprise Institute zur Dankbarkeit verpflichtet.
Nicht erwähnt wurde hier der Bestseller-Autor Charles Murray (vgl. dazu Die Prätorianer-Garde des Imperiums), der für seine Bücher "Losing Ground"(Sozialhilfe soll abgeschafft werden) und "The Bell Curve" (Intelligenz hängt von der Rasse ab) ebenfalls vom American Enterprise Institute (dem Manhattan Institute erschienen Murrays Thesen nicht mehr passend) und von der Lynde und Harry Bradley Stiftung mit 100 000 Dollar im Jahr unterstützt wurde.
Der Präsident der Bradley Stiftung Michael Joyce - "Murray ist einer der hervorragendsten sozialen Denker dieses Landes" - gilt als Schlüsselfigur in den konservativen Gönner-Kreisen. Er war früher Präsident der Olin-Stiftung (siehe weiter unten) und ist Vorsitzender des "Philantrophy Roundtable", der federführend an der Entwicklung eines nationalen Netzwerkes von Think Tanks beteiligt war.
Die John M. Olin Stiftung, hervorgegangen aus einer reichen Industriellenfamilie, unterstützt das American Enterprise Institute, Heritage, das Manhattan Institute und Publikationen wie Commentary und Public Interest - mehr darüber hier: Buying a movement.
Richard Mellon Scaife (siehe Artikelanfang) ist Mitglied einer reichen Bankiers- und Ölfamilie; der "monetäre Erzengel für die Finanzierung intellektueller Unterströmungen der konservativen Bewegung" wurde von Newt Gingrich als einer derjenigen bezeichnet, die "den modernen Konservativismus wirklich erschaffen haben". Das Geld seiner Familienstiftungen fließt in großzügigen Mengen an das American Enterprise Institute, Heritage, und an den American Spectator, der Clinton während der Lewinsky-Affäre sehr zugesetzt hat. Mehr hier: Buying a movement.
Die Adolph Coors Stiftung - die Ansichten von William Coors zu den Afro-Amerikanern wurde weiter oben bereits zitiert - gründet ihr Vermögen u.a auf Brauereien und die Gründung von Heritage mitfinanziert; Beteiligungen an der Finanzierung von Streikbrechern und den Nicaraguanischen Contras werden ihr ebenfalls nachgesagt. Mehr hier: Buying a movement.
Die Geldmaschine der Rechten sei bewundernswert, schreibt der frühere Konservative David Brock in seinem Buch "Blinded by the Right: The Conscience of an Ex Conservative", das letztes Jahr in den USA erschien. Das Geld von der Rechten sei auch völlig ideologisch.
Keiner der großen Gönner wie Richard Mellon Scaife, Smith Richardson, Coors, Olin würde den Anspruch erheben, dass man unparteische Forschung oder unabhängige Untersuchungen von öffentlichen Themen finanziere. Man unterstütze Think Tanks und Gruppierungen, die ausdrücklich damit befasst seien, eine Agenda der Rechten zu verfechten.
In den vergangenen drei Jahrzehnten, schreibt der Princeton-Professor und Wirtschaftsexperte Paul Krugmann (in der ZEIT vom 7.November 2002), seien die Gehälter der meisten US-Bürger nur moderat gestiegen, um 10 Prozent in 29 Jahren. Die Jahresgehälter der Firmenchefs dagegen seien nach Angaben des Fortune Magazines in derselben Zeit von 1,3 Millionen Dollar, dem 39fachen Gehalt eines durchschnittlichen Arbeiters, auf 37,5 Millionen Dollar gestiegen, was dem mehr als 1000fachen Lohn eines normalen Arbeitnehmers entspreche.
Die Explosion der Vorstandsgehälter deutet für Krugman auf einen größeren Zusammenhang hin: "die erneute Konzentration von Einkommen und Wohlstand in den USA." Offizielle Erhebungen, so Krugman, würden belegen, dass ein wachsender Einkommensanteil an die oberen 20 Prozent der Familien fließe und innerhalb dieser Schicht besonders an die obersten fünf Prozent, während die Familien in der Mitte immer weniger abbekämen.
Dies sind die Fakten. Trotzdem beschäftigt sich eine ganze, gut finanzierte Industrie damit, sie zu leugnen. Konservative Denkfabriken produzieren reihenweise Studien, die diese Daten, die Methoden ihrer Erhebung und die Motive jener Statistiker diskreditieren sollen, die doch nur das Offensichtliche berichten.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/14782/1.html
WAS ZUM LACHEN - 200 SCHUBLÄDCHEN VERBESSERN DIE WELT:
zunehmend liest man in anderen boards zum beispiel, nachfolgende unterhaltungen. diese sind meines erachtens typisch für das kommende. und dem ist nichts hinzu zufügen, weil sie der weitsicht und der realität entsprechen.
die auszüge sind etwas lang und schwer zu lesen, es dürfte sich aber für interessierte lohnen.
Ich fürchte daß die Auswirkung von ebay auf die Geschäftswelt dazu führt daß die Preise für Allerleigüter rasant fällt.
Der Preisvorteil besteht darin daß man die Beschaffungskosten minimieren kann.
Es wird frei Haus geliefert.
Die entstehenden Portokosten sind erheblich geringer als der Zeitaufwand sich den Kram in irgend einem Geschäft besorgen zu müssen.
Beispiel:Man möchte für sein Kind ein Lego-Spielzeug besorgen.
Dieses Zeug wurde in der Vergangenheit zu Mondpreisen an den Mann gebracht.
Der Verkaufspreis von Lego zum Herstellpreis dürfte in der Größenordnung von mehr als 1000 % liegen.
Bei ebay kann man wählen ob man 1kg Dachsteine oder 5kg Grundplatten oder was immer haben möchte.
Die Preise in den Geschäften sind derart überhöht daß man in Zukunft solche Dinge nicht mehr verkaufen kann.
Auch im Modellbahnmarkt ist mehr an Loks oder Wagen zu erstehen als ein Geschäft jemals bieten könnte.
Modellbahntrafos die zu weit über 60 Euro verkauft wurden kann man bei ebay zu tatsächlich 1 Euro plus Porto 5 Euro erstehen.
Habe ich selbst gekauft.
Es wird nicht mehr lange dauern bis auch die Bauern hier mit frischen sehr guten Lebensmitteln ihr Geschäft abwickeln können.
Das Zeitalter der Verkäufer dürfte vorüber sein.
Ein Massenexodus an Geschäften dürfte bevorstehen.
Die gewerblichen Mieten für Geschäfte in Städten dürften vor großen Einbrüchen stehen.
Ich warte darauf daß sich der Staat bald in dieses wachsende Geschäft mit einer Umsatzsteuer einklinkt und versucht den Rahm abzuschöpfen.
Wer rechtzeitig disponiert kann erhebliche unnötige teure Fahrten mit dem PKW einsparen die die Kosten der Beschaffung von Kleinigkeiten in enorme Höhen katapultiert.
Man denke nur mal an eine schnöde Sicherung im Haushalt.
Der Preis einer Schmelzsicherung für hohe Amperezahlen wird allein durch die Fahrtkosten potenziert.
Die Sicherung kostet 1 Euro und die Fahrt zum Besorgen 10 Euro weil kein örtlicher Elektrofritze mehr am Ort ist und bei kleinen Amperezahlen fast nur noch Sicherungsautomaten eine Verwendung finden.
Es wird immer wichtiger das sinnlose Umherfahren mit dem PKW zu minimieren.
Dazu muß man wissen was man zuhause braucht.
Eine sorgfältige Analyse von Startern für Leuchtstoffröhren bis zu Glühbirnen und Sicherungen aller Art ist von Nöten.
Dazu braucht man einen ordentlichen Schrank mit mindestens 200 Einschubfächern im Keller wo man diese Dinge auch findet wenn man sie braucht.
Am besten man numeriert die Kasteninhalte und schreibt sich eine Liste in welchem Schubkästchen was vorhanden ist.
Dann weiß man schon bevor man in den Keller geht in welchem Kästchen der benötigte Gegenstand zu finden ist.
Ich möchte nicht wissen wieviele unnötige km mit Privat-Pkws auf diese Art und Weise des Nichtvorrats sinnlos verballert wurden.
Es wird Zeit daß das Ordnungsprinzip wieder Einzug hält weil es unnötige Kosten erspart.
:hihi
DER BÜRGERKONVENT:
Ich sehe es genauso. Ich denke wir sind an einem Punkt angekommen ab dem es nun für ziemlich breite Beverölkerungsschichten spürbar bergab geht. Was vorher noch unter den Tisch gekehrt wurde ist nicht mehr lange zu vertuschen.
Die Leute haben seit etwa 1995 (so mein persönlicher Eindruck aber auch das Ergebnis aus meiner eigenen Interpretation von Zahlen aus Konsum- und Freizeitstudien, z.B. BAT Freizeit-Monitor) begonnen auf einzelne Dinge zu verzichten. Je nachdem was für die Leute wichtiger war hat der ein oder andere beim Urlaub gespart, der nächste bei Dauerkarten fürs Fußballspiel, der andere beim Restaurantbesuch oder beim Wochenendtrip, Eisessen oder auch shoppen sowie Disco- und Kinobesuche usw.
Ich denke, daß in den letzten Jahren viele Menschen versucht haben noch zu halten was eigentlich nicht mehr zu halten war. Es klingt tragisch waren doch vor allem darunter Menschen die mit Mehrarbeit, mehr Engagement, durch Weiterbildung und allerlei Maßnahmen sich bemüht haben und dennoch vor Scherbenhaufen stehen. Viele haben schwarz gearbeitet, viele Nebenjobs gemacht, manche Überstunden, manche haben sogar Verwandte gefragt und kurzfristige Kredite aufgenommen. Nunmehr sind wir an einem Punkt wo alle diese Mittel bei vielen dennoch nicht mehr ausreichen den eigenen Lebensstandard, Konsum oder gar das Vermögen zu halten. Die Restaurantbesuche bis hin zu den Kinobesuchen und Urlauben sind drastisch eingebrochen. Und es liegt bei langem nicht nur am 11. September. Ich stimme zu wenn dies den Abwärtstrend, z.B. in der Reisebranche teilweise kräftig nach unten verstärkt hat aber der Trend und das Abkippen nach unten waren auch schon vorher mit dem Crash an den Börsen zu sehen. Der Crash an den Börsen, die wirtschaftlichen Probleme und die Überschuldungsproblematik oder auch demographische Probleme, strukturelle Probleme, Probleme der Globalisierung usw. die dieses Forum bereits vor dem Crash an den Börsen sah beginnen nun immer stärker anhand der Folgen und Konsequenzen für uns sichtbar zu werden.
Ich werde demnächst hier einige Grafiken einstellen die das bereits begonnene Sinken des Lebensstandards auf breiter Ebene für große Bevölkerungsschichten darstellen.
Es gibt mehrere Indizien auf die ich meine eigenen Prognose eines sinkenden Lebensstandards in Deutschland (aber nicht nur dort) für breite Bevölkerungsschichten sehe. Ich möchte einige kurz aufzählen
1. Arbeitslosigkeit
Betrachtet man die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland so muß man feststellen, daß diese seit Jahrzehnten nur einen Trend kennt. Sie steigt. Es gibt zwar mal Schwankungen nach unten und auch mal nach oben aber langfristig steigt sie. Mittlerweile sind wir bei fast 5 Millionen angekommen. Früher hatten wir mal fast Vollbeschäftigung, dann eine Million Arbeitslose, dann zwei Millionen, drei ...
2. Die Steuern und die Umverteilung steigen, Staatsverschuldung steigt
Auch die Staatsverschuldung steigt seit Jahrzehnten immer weiter. Nicht nur in Deutschland sondern generell in allen westlichen Industriestaaten. Die Wiedevereinigung hat sicherlich sehr viel gekostet und es werden durchaus dumme Investitionen von Staatsseite her getätigt die nicht nötig wären (Stichwort: Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler). Dennoch - auch wenn die Wiedervereinigung nicht gekommen wäre, auch wenn Deutschland keine Schuldenerlasse gemacht hätte wäre es m.E. so gekommen. Allenfalls wäre es etwas langsamer gegangen. Vielleicht hätte sich alles um fünf oder zehn Jahre verschoben. Ich vermag dies nicht zu beurteilen. Aber auch dies nur "vielleicht".
Die Staatsverschuldung als Indikator hat ein ziemlich hohes Niveau erreicht. Wir verleben immer mehr die Einnahmen die wir erst in der Zukunft erwirtschaften. Mittlerweile wird es ja schon als Erfolg gesehen wenn die Verschuldung mal nicht steigt. Aber selbst das ist kaum mehr möglich. Erfolg ist schon wenn die Steigerungsrate der Verschuldung sich verringert. Dieser Tatbestand ist eigentlich beängstigend.
Da immer mehr Menschen notleidend werden (sieht man an den Privatinsolvenzen, an den Zahlen zu den Offenbarungseiden von Privatpersonen und vielen anderen Indikatoren) wurde auch die Umverteilung immer größer. Mittlerweile empfangen fast 5 Millionen Arbeitslose Staatsgelder und in Wirklichkeit dürften es wohl eher sogar noch mehr als weniger sein.
Die Steuern steigen immer weiter. Der Staat zeigt dadurch, daß er eigentlich schon insolvent ist. Er lebt von der Hand in den Mund. Kürzlich wurde hier in Neulußheim mal eben die Grundsteuer erhöht (bzw. der Hebesatz, denn davon hängt diese Steuer meines Wissens ab). Vermutlich war die Gemeindekasse mal wieder leer. Also wurde ein neuer Steuerbescheid fällig und man hat so die kurzfristigen Probleme gekittet.
Steigende Staatsverschuldung, steigende Arbeitslosigkeit, steigende Steuern und Abgaben die bis an die Schmerzensgrenze gehen führten nebenbei auch dazu, daß es viele Menschen gibt die keinen Grund mehr sehen in diesem Land hart zu arbeiten oder sich weiterzubilden. Dies ist verständlich. Auch braucht sich niemand zu wundern wenn keiner mehr arbeiten geht oder ausschläft wenn er - wenn er acht Stunden am Tag mauert - gerade mal 50 Euro mehr im Monat bekommt als jemand der Sozialhilfe bezieht.
Die Maßnahme die Abhilfe schafft wäre die Sozialhilfe nun auch zu kürzen. Sagen wir um 10% Damit wäre zumindest für diejenigen die Arbeit haben wieder ein größerer Anreiz geschaffen sich weiterzubilden und sich damit dem Arbeitsmarkt anzupassen in welchem die Anforderungen an den arbeitenden Menschen ebenfalls seit Jahren im Steigen sind. Außerdem wüde die Auwanderung der hochqualifizierten Menschen weniger stark ausfallen.
Es darf nicht sein, daß wir diejenigen auswandern lassen die eigentlich noch gebraucht werden und diejenigen von irgendwoher reinholen die bei uns sowieso zu 90% in der Arbeitslosigkeit landen. Ich bin - um mal kurz vom Thema abzuweichen - nicht generell gegen eine Einwanderung zur Eindämmung des demographischen Problems (Rentenversicherungsproblem). Nur wird das Problem nicht behoben wenn mal Leute importiert die hier zum größten Teil arbeitslos werden. Ganz im Gegenteil. Diese Menschen benötigen alle Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe/-geld und müssen dann auch im Alter versorgt werden, zahlen aber kaum etwas in die Sicherungssysteme ein.
Zurück zu Punkt 2 und zum Fazit: Die steigende Staatsverschuldung wird uns über kurz oder lang das Genick brechen
Weiterhin glaube ich nicht, daß eine Hyperinflation oder ähnliche Tricks zur heilen Welt zurückführen werden. Eine solche Maßnahme untergräbt massiv das Vertrauen und verringert nebenbei die Kaufkraft derer die v.a. mittels festverzinslicher Anleihen und Bundesschatzbriefen und dem ganzen Zeug ihre Alterversicherung aufgebaut haben. Es würde also letztendlich wieder den Normalbürger treffen und das es denen besser geht will man ja erreichen bzw. das das Land überhaupt mal wieder in Schwung kommt.
3. Technischer Fortschritt
Ich habe mal gelesen, daß bei gleichbleibendem Lebensstandard und anhaltendem technischen Fortschritt in etwa 40 bis 50 Jahren etwa 80% der Menschen arbeitslos sein könnten da diese einfach nicht mehr qualifiziert genug wären. Sie besitzen schlicht und einfach - und so grausam es klingt - einfach nicht mehr die Fähigkeiten welche die "neuen Berufe" mit sich bringen.
Ich verwende für die Begründung der These immer ein Beispiel: Früher arbeiteten in Autokonzernen Schweißer. Diese waren ausgebildet im Schweißerberuf und schweißten die Karossen. Heute gibt es diese - sagen wir - 200 Arbeitsplätze nicht mehr. Sie wurden wegrationalisiert.
Dafür gibt es die Fertigungsstraße. 10 neue Überwachungsjobs (Leute die den Fertigungsprozeß nur noch im großen und ganzen überwachen und kontrollieren) und 20 neue Jobs in der Maschinenindustrie. Das sind diejenigen die die Maschinen warten oder sie gar konstruieren. Diese Jobs sind von ihren Anforderungen her wesentlich höher.
So schön all diese Technik ist die uns täglich das Leben einfacher macht so schädlich ist sie auch für unsere Arbeitswelt. Es wird immer mehr gefordert und verlangt, der Produktivitätssteigerungszwang wird immer größer, die Arbeitswelt auch hektischer und stressiger, schnell-lebiger. Die Anforderungen immer höher.
Selbst wenn ich unterstelle, daß neue Technik genausoviel Arbeitsplätze (oder gar noch mehr) schafft als sie vernichtet ist sie in meiner abschließenden Betrachtung für den Arbeitsmarkt schädlich. Die Nachteile überwiegen m.E.
Denn gehe ich mal von der Biologie aus und der Evolution so habe ich gelernt, daß sich Lebewesen ihren Umweltbedingungen durchaus anpassen können. Soweit so gut. Betrachtet man die menschlichen Fähigkeiten hinsichtlich Kreativität, analytischem Denken, Gedächtnis, körperliche Fähigkeiten so sind alle Menschen ja verschieden. Die einen sind nicht gut im analytischen Denken haben dafür aber Kraft und keine "zwei linken Hände" und sind handwerklich begabt.
Tendenziell führt technischer Fortschritt aber zu massiven Arbeitsplatzverlusten gerade bei manuellen bzw. körperlicher Arbeit. Hingegen führt sie eher zu neuen Berufen die aber oft komplexes analytisches Denkvermögen oder Fähigkeiten erfordern die mehr im Büroalltag gefordert sind (Verhandlungsgeschick, Fähigkeiten die benötigt werden um ein guter Berater zu sein, usw.)
Ohne die Sache zu weit und zu detailliert beschreiben zu wollen führt technischer Fortschritt m.E. im Endeffekt dazu, daß wir irgendwann einen Arbeitslosigkeitssockel haben werden. Das sind Menschen die arbeitswillig sein werden, engagiert sind aber deren Fähigkeiten einfach nicht mehr ausreichen um der Arbeitswelt gerecht zu werden. Das ist die Katastrophe die ich kommen sehe.
Denn betrachtet man als eine von vielen Fähigkeiten mal die Intelligenz des Menschen so ist diese wohl ähnlich der Gaußschen Glockenkurve verteilt. Auch wenn sie es nicht sein sollte so dürfte klar sein, daß es hinsichtlich dieses Punktes sowohl Menschen gibt die rechts vom Durchschnitt liegen als auch Menschen die links vom Durchschnitt liegen.
Was aber nun wenn die Eintrittsbarieren für die Arbeitswelt bzw. die Grundvoraussetzungen für normale Berufe sich immer weiter nach rechts auf dieser Kurve verschieben. Die Intelligenz der Menschen in Form der Glockenkurve wird sich sicher nicht im gleichen Tempo mit nach rechts verschieben. Evolutionsprozesse sind Prozesse die nicht in 10, 100, 200 oder 400 Jahren ablaufen sondern deren Ergebnisse häufig nur in Jahrtausenden und Jahrmillionen sichtbar werden.
Jeder Mensch hat ein gewisses Potential an analytischer Denkfähigkeit oder auch anderen Fähigkeiten. Jeder Mensch kann etwas mehr aus sich machen und etwas weniger. Soll heißen: Durchaus kann man - wenn man sich mehr anstrengt als vielleicht ein anderer der ähnliche Fähigkeiten hat - mehr daraus machen.
Aber dennoch: Irgendwo hat jeder Mensch seine individuelle Leistungsgrenze erreicht. Was für ein Superhirn das mit 12 sein Biologiestudium abschließt (kürzlich stand es im Videotext) ein einfaches mathematisches Integral sein kann ist für den anderen fast unbegreiflich schwer zu erlernen oder zu verstehen. Einige verstehen es auch nie haben dafür aber andere Fähigkeiten.
Die Folge die sich hieraus ergeben kann und wird ist, daß viele Menschen irgendwann nicht mehr beschäftigbar sind. Die optimistische Annahme, daß der Arbeitsmarkt in zehn Jahren von Arbeitslosigkeit befreit sein wird weil viel mehr Menschen durch die Demographie bedingt aus dem Arbeitsleben ausscheiden und in Rente gehen als das junge Menschen in den Arbeitsmarkt strömen halte ich für eine Utopie.
Es wird durchaus viele Arbeitsplätze geben. Aber das diese dann alle gerade mit denjenigen belegt werden können die arbeitslos sind halte ich für ein Gerücht.
Außerdem muß man eines bedenken: Je positiver es für den Arbeitsmarkt ist, daß Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden desto negativer ist es für das Rentensystem. Jeder einzelne Angestellte der in Rente oder Ruhestand geht muß versorgt werden. Dafür haben wir dann jeweils einen einzelnen Arbeitsplatz. Meiner Meinung nach ist durch diese SO gewonnen Arbeitsplätze im Gesamten nicht viel gewonnen.
Im günstigen Fall wird durch einen Arbeitsplatz der so entsteht der Staat einerseits belastet als auch entlastet. Entlastet da er (im günstigen Fall) keine Arbeitslosenversicherung usw. für einen Arbeitslosen (der dann Angestellter o.ä. ist) zahlen muß aber belastet da es einen Rentner mehr zu versorgen gibt.
Im ungünstigen Fall kann es sogar passieren, daß Arbeitsplätze nicht wieder neu besetzt werden. D.h. es wird niemand neues eingestellt sondern es "entsteht" nur ein neuer Renter. Keine Einnahmen seitens des Staates, aber entstandene Ausgaben!
Auch kann es sein, daß der Arbeitsplatz zwar wieder besetzt werden soll aber hierfür nicht die entsprechend qualifizierten Menschen vorhanden sind. Unter anderem vielleicht auch wegen dem oben erwähnten Problem der immer stärker steigenden Gesamtanforderungen an die Qualifikationen die in der Arbeitswelt verlangt werden.
Auch hier muß ich die Technik nochmals verurteilen. So schön die Handys sind so Recht haben diejenigen die sie auch durchaus verdammen. Früher hatte niemand ein Handy. Es gab sie schlicht und einfach nicht. Früher hatte niemand eMail, Fax und ähnliches. Die Vorgänge liefen langsamer ab, man mußte gar nicht wissen wie eMail funktioniert. Heute kann man sich ja kaum dem Wahn noch entziehen. Wer versucht sich dagegen anzulehnen und sich kein Handy zulegt der gilt als "lahm", "nie erreichbar" u.ä. Häufig kann man sich dem ganzen also gar nicht oder nur sehr sehr schwer entziehen.
Auch bringt der technische Fortschritt ein weiteres Problem mit sich. Es gibt Ansätze wie man die entstehende Arbeitslosigkeit durch technischen Fortschritt verringern oder vermeiden kann denn auf Dauer wird es ja wohl so kommen. Eine Strafsteuer für den Einsatz von Maschinen und alle diese Dinge habe ich schon gehört. Letztendlich werden diese Modelle und Ansätze jedoch durch die globalisierte Welt scheitern. Es gibt weit über 100 Staaten auf dieser Erde und auch für Maschineneinsatzstrafsteuern würden sich Oasen bilden genau nach dem gleichen Modell wie es sie für Steuerflüchtlinge gibt.
Das Modell ist immer das Gleiche. Man schottet sich (wie im Beispiel Monaco) gegen Niedrigverdiener ab und läßt nur diejenigen rein die ordentlich Pulver haben und dadurch kann man den Steursatz auf erträgliche Billigniveaus senken. Getreu nach dem Motto: 5% von 50.000.000 Euro Jahresgewinn eines Michael Schumachers (mittlerweile wohnt er aber glaube ich woanders) sind halt doch noch mehr wie 53% eines Architekten der in Deutschland seine 60.000 Euro Gewinn macht (und dann gehts ihm angesicht der derzeitigen Konjunkturlage noch gut!)
Die möglichen Lösungen würden daher an der Globalisierung scheitern. Auch diese ist stark durch den technischen Fortschritt bedingt. Die erweiterten Kommunikationsmöglichkeiten die es alle früher nicht gab (Fax, eMail, Handy, Telefonnetze um die ganze Welt, Datenaustausch) und auch die technischen Verkehrsmittel und die Infrastruktur (Autobahnen, Schienennetze, Flughäfen, Transportschiffe) ermöglichen es nahezu in jedem Land der Welt zu produzieren. Nicht zuletzt durch diesen technischen Fortschritt sind die Unternehmen auch in eine stärkere Position gekommen als es jemals der Fall war. Dies ist der vierte Punkt.
4. Die stärkere Position der Unternehmen
Früher gab es Tante Emma Läden, die Kohleindustrie siedelte dort wo die Kohle war (Stichwort: Ruhrgebiet) weil die Infrastruktur und Eisenbahnen usw. nocht nicht so verbreitet war. Stahlwerke siedelten in der Nähe der Kohleindustrie da diese die Energie brauchten.
Ganz grob gesagt könnte man sagen, daß die Industrie und Unternehmen früher - und so lange ist es noch nicht her, es war zu Beginn der Industrialisierung - tendenziell näher dort siedelten wo sie die benötigten Materialen herbekamen (Beschaffungsaspekt) und tendenziell auch dort siedelten wo sie das Zeug absetzen konnten (Tante Emma läßt, um nur ein einziges der vielen Beispiele zu nennen, grüßen).
Heute spielen diese Faktoren zwar noch eine Rolle aber oft nur noch eine wesentlich geringere, in vielen Branchen sogar eine fast bedeutungslose. Beschaffung und Absatz finden heute immer mehr weltweit statt. Unternehmen werden immer größer. Kleinere Unternehmen können durch technischen Fortschritt immer weniger mithalten. Denn auch dies ist ein Problem der Technik.
Genau wie es im Kleinen mit den Kopiergeräten und Druckern abläuft ist es auch in der Industrie. Je teurer der Kopierer, desto billiger der "Stückpreis", die Einzelkopie was Tonerverbrauch u.ä. angeht.
Je besser die Maschinen, je schneller die Maschinen, je kostengünstiger die Maschinen desto mehr Arbeitsplätze gehen verloren, desto billiger kann produziert werden. Wer mehr produziert kann tendenziell billiger produzieren. Alleine dadurch sind andere Konkurrenten gezwungen in Nischenmärkte (Abhebung durch besondere Qualität, Spezialprodukte, usw.) zu gehen oder ebenso billig zu produzieren (Rationalisierungsdruck!) oder gar aus dem Markt auszuscheiden.
Zusammengefasst hat all dies fatale Folgen. Nicht nur für Deutschland, sondern für die gesamte industrialisierte Welt. Denn die Unternehmen bekommen eine immer stärker werdende Position.
a) Durch technnische Kommunikationsmittel und Infrastruktur ist es einfacher geworden den Produktionsstandort zu wechseln. Man kann viel besser Druck auf die Arbeitnehmer oder den Staat ausüben. Ich will nicht sagen, daß jedes Unternehmen einfach auswandern kann denn oftmals scheitert die Auswanderung glücklicherweise noch daran, daß im gewünschten Billigsteuerland die Ausbildung der Arbeitskräfte nicht ausreicht. Es sind nicht genügend Leute da die die Fähigkeiten haben die Jobs zu übernehmen. Aber dennoch: Im Trend betrachtet wird es EINFACHER den Standort zu verlagern. Wesentlich einfacher als noch vor 20 oder 30 Jahren. Wenn ein Großkonzern seine Buchhaltung nach Portugal auslagert so wäre dies vor 50 Jahren kaum möglich gewesen. Dort gab es damals kaum Telefone und Internet und elektronischen Datenverkehr schon gar nicht. Es wäre gar nicht möglich gewesen um auch hier ein einfaches Beispiel zu geben.
Fehler! Textmarke nicht definiert.Der Trend hin zu immer größer werdenden wenigen Weltkonzernen macht deren Position auch immer stärker. Es steht immer mehr Vermögen und Einfluß dahinter.
c) Die Infrastruktur die weltweit gewachsen ist ist ebenfalls ein Punkt der es erst ermöglichte überhaupt so billig in alle Welt liefern zu können. Dies kann man selbst bei uns in der Ortschaft daran sehen, daß die kleineren Läden ausgestorben sind und es dafür größere aber weniger Supermärkte auf der "grünen Wiese" gibt wie es oft so schön heißt. Deren Angebot ist größer, die Tante-Emma-Läden konnten gar nicht wirklich konkurrieren. Wie auch, wenn im Supermarkt die Auswahl viermal so groß ist und die Preise auch noch billiger...??
Aber auch auf anderer Ebene kann man es sehen. Autokonzerne wie Volkswagen produzierten erst für einen Markt wie Deutschland und heute hat der Konzern Standorte in der ganzen Welt. Selbst in Brasilien und sonstwo.
--> Die Unternehmen sind weniger von Ihrem Absatzmarkt abhängig und durch viele Standorte auch flexibler
--> Ihre Verhandlungsposition wird noch stärker
Alle diese Tatsachen haben dazu geführt, daß vor allem der Staat in einer immer schlechter werdende Position gegenüber den Unternehmen rückt. Heute können Großunternehmen die Politik regelrecht "erpressen". Denn sie können wesentlich leichter damit drohen ins Ausland abzuwandern. Und dann hätte unser Staat ja gar nichts mehr von diesem Unternehmen. Weder den Imageeffekt für Fortschritt, noch die Arbeitsplätze. Also versucht der Staat nur das zu machen was man in einer schlechten Position macht: Das maximale noch rauszuholen. Lieber wenig Steuern und die Arbeitsplätze als gar nichts mehr. So könnte man die Handlungsweise charakterisieren.
Auch hier scheitert die Eindämmung der immer stäker werdende Position sog. Weltkonzerne daran, daß die Staaten sich nie alle einig sein werden, jeder andere Steuersätze hat, jede andere Bedingungen bietet und viele Bedingungen gar nicht vom Staat direkt bestimmt werden können wie z.B. geografische, klimatische, kulturelle Bedingungen u.ä.
Letztendlich führt dies dazu, daß die Staaten weniger von den Unternehmen an Steuern einnehmen und in eine Abhängigkeit geraten. Die Steuerlast trägt mehr und mehr der Normalbürger
5. Die Ausbildungsmisere
PISA und TIMS sind nicht neu. Die Ausbildung und der Wissenstand junger Menschen hierzulande ist im Sinkflug. Auch wenn dies mehr oder minder im Gegensatz zu Punkt 3 und Punkt 4 ein "deutsches Problem" ist so ist es für unser Land eine Katastrophe.
Einerseits steigen die Anforderungen in der Arbeitswelt und auf der anderen Seite sinkt gleichzeitig auch noch das was die jungen Leute zu bieten haben. Das Problem hat mit Sicherheit vielerlei Ursachen. Nicht unterschätzen würde ich hierbei aber die Spaßgesellaschaft denen Opaschowksi das Ende prophezeit und dessen Meinung ich für durchaus interessant halte. Man kann fast davon sprechen, daß sich diese Spaßgesellschaft, Actiongesellschaft, Eventgesellschaft, Konsumgesellschaft oder wie auch immer man es nennen will ihr eigenes Grab schaufeln wird. Die Menschen sehen viel zu viele Dinge als selbstverständlich an und merken dabei nicht, daß eigentlich großflächig nur noch nach verzehrt wird was andere Generationen vor uns erwirtschaftet haben. Leistung wird in deutschen Schulen oft als Strebertum abgetan, die Musik-Charts werden teilweise von einigen jungen Menschen jede Woche auswendig aus dem Eff-Eff beherrscht, 91% der Kids bestimmen selbst was sie für Turnschuhe kaufen (weiß leider die Quelle nicht mehr aber habe es vor etwa sechs Monaten mal gelesen). Auch wenn ich hier etwas pauschalisierend schreibe möchte ich natürlich anmerken, daß es nicht so gemeint ist. Ich will nur einen Trend bzw. die Tendenz etwas überspitzt darstellen. Die jungen Menschen wollen teilweise immer mehr haben, das Anspruchsdenken ist groß wie nie, nie hatten junge Menschen soviel Taschengeld, nie wurde von jungen Menschen so dermaßen viel Alkohol getrunken wie heute und soviele Zigaretten konsumiert, nie hatten soviele jungen Menschen wie heute bereits mit 18 den Führerschein sponsored by Daddy und Mami und noch nie gab es soviele Jugendliche die es als "normal" empfinden wenn sie für ihr Abi oder einfach so von Daddy bis zum 20. Geburtstag ein Auto hingestellt bekommen. Schließlich haben`s die Freunde ja auch bekommen.
Ohne weiter ausschweifen zu wollen: Das Anspruchdenken ist groß wie nie, die Leistung nicht eingebrochen aber schwächer geworden. Oftmals - so mein Onkel - sind aber auch die Eltern selbst schuld. Was früher normal war, daß Kinder und Jugendliche etwas im Haushalt mitarbeiteten wird heute fast schon als "Kinderarbeit" bezeichnet. Natürlich darf man Kinder nicht überfordern aber ist es normal wenn Eltern auf ihren eigenen Urlaub verzichten damit der 14-jährige Sohn nach Italien kann oder das die Mutter nebenbei auch noch arbeiten geht nur damit man dem Kid die Nike-Turnschuhe oder andere total überteuerte Marken-Artikel kauft.
Wohl wissentlich ist es schwierig für Eltern hier nicht mitzumachen. Große Teile der Gesellschaft haben diesen Wahn selbst herbeigeführt. Status, Prestige, Individualismus, Selbstverwirklichung, Egoismus, Proleterei, Arroganz sind heute Eigenschaften die - das weiß jeder und ist tausendmal nachgewiesen - extrem krass ihre Ausehnung in vielen Bevölkerungsschichten gefunden haben. Teilweise selbst bei Erwachsenen die sich umoperieren lassen und mit 40 noch denken sie müßten 25 sein.
Auch hier sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft viele. Es werden unnötige Anschaffungen gemacht (teure Autos, teure Reisen, Konsumgüter) die eigentlich nicht wirklich nötig sind aber doch irgendwie wieder nötig sind um überhaupt noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. "Haste was biste was, haste nix biste nix". Und in der Tat ist es so, daß man sich gegen diesen Trend kaum wirklich selbst verteidigen kann.
Auch das macht die Elternrolle heute sehr schwer. Man hat auf der einen Seite zunehmende Geldsorgen und auf der anderen Seite fragt die Tochter oder der Sohn nach neuer Kleidung. Gibt man das Geld hat man wieder mal die Industrie unterstützt die total überteuerte Ware verkauft nur weil sie gerade eben im Moment "in" ist wie es so schön heißt, macht man es nicht wird das Kind oder der Jugendliche darunter leiden. Schimpfworte wie Aldi-Kind sind auf deutschen Schulhöfen leider normal. Neid, Status zeigen, Geld haben sind Dinge die heute viel zu wichtig geworden sind.
Hier sehe ich - nebenbei erwähnt - die Chancen an einem Verlust des Lebensstandard. Die Menschen finden wieder dahin zurück was wirklich wichtig ist im Leben. Gesundheit, wieder mehr Bedeutung für die eigenen vier Wände, es wird wieder mehr Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen gelegt, die Scheidungsraten könnten zurückgehen, das Prestige- und Statusdenken könnte aufhören und die Menschen könnten dadurch einem Gesellschaftsdruck entfliehen den sie vorher selbst erzeugt haben.
Denn für viele Menschen wird es einfacher werden den Verfall des Lebensstandards oder Wohlstands zu verkraften wenn sie sehen das viele andere mit betroffen sind. Schließlich ist man nicht der einzige der sagen muß "ich bin arbeitslos", "ich habe nur noch ein Auto" oder "ich wohne in einer kleineren wohnung" oder ganz einfach "das kann ich mir nicht mehr leisten".
Ein Umdenken findet derzeit statt hier in Deutschland. Ich sehe es bei vielen.
Um zurückzukommen auf das Kernproblem in Punkt 5 "Die Ausbildungsmisere".
Ich sehe ein gewaltiges Problem auf uns zukommen wenn viele Jugendlichen nicht beschäftigbar sind. Einzelne Handelskammern sprechen von rund 15% der Jugendlichen. Und sind wir ehrlich. Bekam man früher mit nem Hauptschulabschluß noch einen ordentlichen Ausbildungsplatz unter ordentlichen Arbeitsbedingungen muß man doch heute schon viel Glück haben um mit einem Hauptschulabschluß eine Ausbildungsstelle zu finden. Weitere Probleme sind
a) Die Schere zwischen Realität und "heiler Welt": Eltern vermitteln ihren Kindern heute oft (so schön es von ihnen auch gemeint ist) eine heile Welt die seit mindestens einigen Jahren einfach nicht mehr so existiert. Sicher wird nicht jeder Jugendliche gleich arbeitslos aber es werden immer mehr. Die Eltern ließen Jugendlichen in den letzten Jahren und teilweise gar Jahrzehnten immer mehr Freiheiten, gaben ihnen immer mehr finanzielle Möglichkeiten, forderten nicht mal mehr eine Agaben für das Wohnen zuhause wenn die Kids in Ausbildung waren um nur wenige Beispiele aufzuzählen. Dadurch erscheint doch den jungen Menschen - die den Durchblick gar nicht haben können da sie sich kaum noch mit Politik, Ehrenämtern, Zeitung lesen u.ä. beschäftigen - die Welt oft heiler als sie noch ist. Manche erkennen die Misere oft erst in der Ausbildung und manche erst wenn sie von zuhause ausgezogen sind. Das Problem ist, daß durch das Vormachen einer falschen Welt der Fall - der häufig nach Auszug von zuhause
kommt - viel schwieriger wird. Viele verkraften das nicht.
Folgen: Drogenmißbrauch, Alkoholmißbrauch, seelisch-psychologische Probleme, ...
--> Unglück, Depression, Aufgabe ("alles ist mir jetzt scheiß egal-Haltung"
Fehler! Textmarke nicht definiert.falsche Einstellung. Jugendliche haben die sich durchsetzende und immer weiter verbreitete Einstellung von Pflicht- und Disziplinwerten hin zu Individualismus-Werten (um den groben Trend zu benennen) mtigemacht solange die Eltern die finanzielle Basis bildeten. Eine Umstellung fällt vielen schwer. Viele denken heute beispielsweise aus Angst "irendwas zu verpassen" gar nicht mehr an Familie. Man könnte ja weniger in Urlaub gehen, könnte sich nicht den 3er BMW leisten und nicht der "Star" sein.
Festhalten möchte ich, daß natürlich(!!!) nicht alles auf jeden einzelen SO zutrifft. Ich will nur die Tendezen und Trends zeigen die stattfinden und das immer häufiger so gedacht wird oder vielleicht können wir bald schon sagen: so gedacht WURDE.
6. Demographisches Problem und Überalterung
Da ich es weiter oben bereits erwähnt hatte nur noch kurz. Wenn nichts drastisches geschieht wird auch dieses Problem zu einem Desaster führen. Bereits heute wird an vielen Dingen ersichtlich das das Rentensystem mehr als nur krank sondern eigentlich bankrott ist. Man sieht es z.B. an Maßnahmen wie
a) Erhöhung des Renteneintrittsalters
Fehler! Textmarke nicht definiert.Senkung der Schwankungsreserven in der Rentenversicherung
c) Mögliche Streichung der Rentenerhöhung im nächsten Jahr
d) Erhöhung der Rentenbeiträge
e) Einbau eines "demograpischen Faktors" in die Rentenformel
f) Senkung des Rentenniveaus
g) ...
Es klingt vielleicht etwas böse aber es ist nicht so gemeint. Die Leute werden immer älter, auch medizinischer Fortschritt und medizinische Spezialgeräte und Präparate kosten viel Geld, auch Versorgung alter Menschen und Pflege ist sehr teuer. Die Menschen leben immer länger. Ich bin jedoch dafür, daß hier zuletzt - erst wenn alle Stricke reißen - gespart wird denn normalerweise werden wir alle einmal alt und meist sind DIE älteren Menschen gar unsere Eltern oder Großeltern.
7. Andere Indikatoren
Ich könnte noch eine Reihe weiterer Indikatoren nennen die ein Absinken des Lebensstandards und eine Zunahme von sozialem Elend und schlimmen Einzelschicksalen in Deutschland zeigen. Beispielsweise die Zahl der Offenbarungseide steigt drastisch, die Zahl der Insolvenzen bei kleinen Gewerbebetrieben, die Zahl von Privatinsolvenzen. Auch die Zahl derer die Alkoholabhängig sind steigt, wie auch die Zahl derer die zur Schuldnerberatung gehen. Auch die Interpretation dottore`s ist natürlich richtig wenn er sagt, daß der Anstieg kurzfristiger Kredite ein Krisenindikator ist. Die Menschen ziehen ihre Bausparverträge, nehmen kurzfristige Kredite auf, Verschieben größere Anschaffungen, Autos werden länger gefahren und die Inspektionshäufigkeit nimmt ab (alles in Zahlen belegbar).
Oder auch das durchschnittliche Alter des Auszuges von Jugendlichen aus dem Elternhaus steigt. Nicht jedoch deswegen weil es mehr einkommensschwache Studenten gibt oder aus solchen Gründen sondern vor allem durch finanzielle Probleme oder weil man keine Arbeit findet. Angesichts von 140.000 fehldenden Lehrstellen ist die Entwicklung dieses Indikators nicht erstaunlich.
Auch andere Indikatoren weisen auf sich zuspitzende Probleme hin. So stieg die Zahl privater Ausleihungen unter den Menschen laut Umfragen stark an. Der Sohn greift dem Vater unter die Arme oder eher - was wohl häufiger vorkommt - der Vater oder die Mutter dem Sohn oder der Tochter. Viele Eltern versuchen ihren Kindern nach dem Auszug mit Zuschüssen von 100 bis 200 Euro unter die Arme zu greifen damit diese überhaupt noch leben können wenn sie eine junge Familie sind. Brüder verleihen sich mehr Geld untereinander und Freunde. Alles Zeichen, daß es bergab geht. Kinos, Restaurants und Cafés haben weniger Besucher. Der Tourismus bricht ein. [Und brach auch schon ein vor dem 11. September, by the way: Das immer der 11. September für alle Probleme herhalten muß ist schon fast lächerlich].
8. Es gibt keine Wachstumslokomotive mehr
Erst Japan, jetzt die USA und Europa. Japan liegt nach dem Platzen der Spekulationsblase seit nunmehr rund 13 Jahren am Boden und hatte schon vier oder fünf Rezessionen. Das Land kommt nicht mehr auf die Beine. Auch hier gibt es eine schlechte demographische Lage. Auch hier gibt es Arbeitslosigkeit. Auch die USA ist nun nach dem Crash an den Börsen dran. Auch hier läuft es nicht mehr so rund mit "ewigem Wachstum" und Boom ohne Ende. Auch hier wird man irgendwann die Abrechnung präsentiert bekommen und je später es ist (d.h. je länger man das ganze Fiasko noch künstlich hinauszögert) desto stärker und vernichtender wird sie ausfallen. Handelsbilanzdefizit, importierte Akademiker die durchaus auch wieder weggehen können, soziale Spannungen, Verwicklung in Kriege, hohe Militärausgaben, ebenfalls hohe Staatsverschuldung, steigende Arbeitslosigkeit. Aus aucgh der Traum von einer New Economy seit 2000.
In Deutschland und den USA könnte es wie in Japan kommen. Zumindest gibt es einige Ähnlichkeiten. Es gibt auch Unterschiede aber nicht nur positiv erscheinende wie u.a. der bei weitem nicht so starke Immobilienboom wie in Japan aber auch negativ erscheinende. Denn während zehn von dreizehn Abwärtsjahren in Japan war die weltwirtschaftliche Entwicklung die meiste Zeit gesehen (mal abgesehen von 1990-92) noch stark. Die USA und Europa waren die meiste Zeit noch starke Wachstumsmotoren. Für uns gibt es nun kein "USA & Europa" das unseren Abwärtstrend verlangsamen könnte.
9. Zyklen...
Es kann nicht immer nur in eine Richtung geben. Alleine aus dieser Überlegung heraus kann ich mir generell vorstellen, daß es - nachdem es lange nach oben ging (vieles von dem was wir haben, haben wir nämlich verselbständigt und sehen wir schon gar nicht mehr oder nehmen es gar nicht mehr wahr) auch mal jahrelang bergab gehen kann.
10. Der Beschleunigungsfaktor
Heute gibt es viele - so könnte man es nennen - Wohlstandsjobs. vor allem in der Dienstleistung. In der Tourismusbranche sind direkt und indirekt 2,8 Millionen Menschen beschäftigt. Tourismus ist ein Geschäft, daß schnell brutal zusammenbrechen kann wie wir aktuell sehen. Ein Verlust des Lebensstandards, der realen Kaufkraft und des Wohlstands in breiten Bevölkerungsschichten könnte in diesen Berufen viele Insolvenzen und weitere Arbeitslose Menschen fordern. dies könnte ziemlich schnell gehen und kann das Abwärtstempo meiner Meinung nach doch durchaus stark beschleunigen. Auch viele andere Jobs in der Gastronomie, im Freizeitsektor (Disco, Kino, ...) könnte es erwischen.
usw.
schönen gruß an die ewig diskutierenden politiker und selbstbediener
es formieren sich bereits neue gruppen
Willkommen beim BürgerKonvent !
Es ist soweit. Der BürgerKonvent ist gegründet.
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Alles aufgezählt, soweit?
Wir sollen also jetzt die wählen. Oder wo war da sonst die "Lösung"?
BÜRGERADVENT - DIE ZWEITE:
Damit haben alle diejenigen in Deutschland eine Plattform, die den bedrohlichen Reformstau unseres Gemeinwesens nicht nur beklagen, sondern dauerhaft auflösen wollen. Die Zeit hierfür ist knapp geworden. Denn viele kostbare Jahre sind mit endlosem Gerede und nutzlosen Streitereien vertan worden.
Jetzt drängen die gewaltigen Herausforderungen von Bevölkerungsumbrüchen, veränderten Arbeitsmärkten, maroden Sozialsystemen und vielem anderen.
Deshalb reicht es nicht, weiterhin nur im Kreise Gleichgesinnter Gedanken auszutauschen. Vielmehr muss in einer breiten Öffentlichkeit für sachgerechte Konzepte geworben und einer zukunftsfähigen Politik der Weg gebahnt werden.
Wo dies zur Konfrontation mit jenen führt, die Deutschland in die Sackgasse manövriert haben, muss ihr standgehalten werden.
Überholtes überwinden, notwendige Veränderungen durchsetzen, Orientierung geben - das sind die wichtigsten Zielsetzungen des BürgerKonvents.
Um diese Ziele zu erreichen, wird sich der BürgerKonvent zunächst durch eine gründlich vorbereitete Kampagne weithin bekannt machen. Dann wird er der Öffentlichkeit seine Notwendigkeit und Relevanz verdeutlichen, ehe er in einem dritten Schritt Vertrauen in seine Tätigkeit schafft.
Diese Vorgehensweise ist zwar aufwändig, zugleich aber auch unverzichtbar, wenn die daran anschließenden konkreten Aktionen wie Internetauftritte, Seminare für Abgeordnete und Journalisten, Stellungnahmen zu politischen Maßnahmen und ähnliches nachhaltigen Erfolg haben sollen.
Allerdings steht und fällt dieser Erfolg mit den Männern und Frauen, die sich im BürgerKonvent zusammenschließen und ihn in der Öffentlichkeit vertreten. Hierzu bedarf es Vieler.
Im Laufe einiger Monate soll ein bundesweites Netzwerk mit möglichst vielen Knotenpunkten entstehen.
Der BürgerKonvent: das sind die Bürger, die sich, wo und wie auch immer, für ihn einsetzen - mit ihrem guten Namen, ihrer Arbeitskraft, ihrer Zeit, ihren Verbindungen und ihrem Geld.
Ja, auch Geld wird benötigt und sogar ziemlich viel. Jeder und jede sollen beitragen wie sie es vermögen.
Der erforderliche Einsatz ist beträchtlich. Aber noch weitaus beträchtlicher sind die Schäden, die das Gemeinwesen und jeder einzelne nehmen werden, wenn alles weitertreibt wie bisher. Alle, die klarer sehen und tiefer schürfen, tragen besondere Verantwortung für das Ganze. Werden wir ihr gerecht!
Wirken wir im BürgerKonvent zusammen und bewegen wir Mitbürger, uns zu folgen.
Prof. Dr. Meinhard Miegel
Sprecher des BürgerKonvents
http://www.buergerkonvent.de/
WWW.NEW-SENSE.NET
NONSENS, ODER KONSENS?
Das sich verändernde Weltbild der kommenden Jahre und Jahrzehnte
von Marco Feiten
Börsencrash und Megapleiten, Terroranschläge und Krieg gegen den Terror, Verschwörungstheorien,... wir erleben gerade eine Zeit des Umbruchs: Mit dem Verfall einer durch die USA geprägten Welt- und Werteordnung werden weitere Trends und Entwicklungen einhergehen, welche die nächsten 5 bis 10 Jahre prägen werden.
I. Vernichtung und Umverteilung von Vermögen
Seit drei Jahren fallen die Börsen der „westlichen Welt“. Die Spekulationsblase bzw. Inflation bei den Finanzwerten in den 90ern hat zu Über- und Fehlinvestitionen geführt. Es entstand eine „Massengier“, die den kritischen Verstand weitestgehend ausschaltete und damit Wege für vielfache Manipulationen eröffnete. Ein „irrationaler Überschwang“ wurde zwar zwischenzeitlich durch Alan Greenspan erkannt, aber die verschiedenen Krisenzwangen zwecks Systemerhalt zur Liquiditätsflut. Günstige Rahmenbedingungen (Vgl. „Börseninfo“ Ausgabe 9) und die übertrieben optimistische Beurteilung neuer Technologien (Internet, Biotechnologie) trieben die Aktienkurse, ohne das die Gewinne mit diesem Tempo mithalten konnten. Entsprechend deutlich brachen die Kurse ein, nach dem die Gewinne der Unternehmen zurückgingen. Ursächlich dafür sind auch die globalisierten und liberalisierten Märkte, welche die Unternehmen einem massiven Preiskampf aussetzen und somit Deflation erzeugen (Vgl. „Börseninfo“ Ausgabe 15). Die Baisse bei Aktien dürfte noch Jahre anhalten und noch etliche Unternehmen zugrunde gehen. Um den Kursverlusten zu entgehen, flossen zuletzt immer größere Summen in die vermeintlich sicheren Häfen: Gold, Immobilien und Anleihen. Hier droht die nächste Phase der Vernichtung von Vermögen. Immobilienpreise dürften fallen, Anleihenkurse bei steigenden Zinsen ebenso. Gold könnte sich als einziger wirklicher ‚Safe-Haven’ erweisen, unter anderem wegen der Verschuldungsblase, die das Vertrauen in die Papierwährungen erschüttern wird (Vgl. Fiat Money Special). Insgesamt ergibt sich somit ein Trend zur Vernichtung von Vermögen und ich glaube, dass sich dieser Trend erst in seinen Anfängen befindet. Eine Ausnahme könnten verschiedene Emerging Markets bilden, die gegen den Trend Wachstum verzeichnen und Wohlstand aufbauen können.
II. Scheitern der Altersvorsorgemodelle
Es sind grundsätzlich zwei Modelle zu unterscheiden: das Kapitaldeckungsverfahren und das Umlageverfahren. Vereinfacht dargestellt bedeutet ersteres, dass jeder sein Alterskapital selbst anspart während beim zweiten die jüngere Generation durch seine Beiträge die Renten der älteren Generation finanziert. Einige Länder haben Mischformen entwickelt, die dem Schein nach die optimalste Lösung darstellen. In den USA setzt man auf das Kapitaldeckungsverfahren, in Deutschland eher auf das Umlageverfahren. Über die Probleme der US-Pensionskassen wurde in „Börseninfo“ Ausgabe 16 ausführlich berichtet. Die Baisse an den Aktienmärkten hat gewaltige Summen an für die Altersvorsorge gedachtem Kapital zerstört und nicht wenige Unternehmen wie z.B. Ford werden kaum in der Lage sein, diese immensen Beträge zu finanzieren. Entweder werden hier – sofern rechtlich möglich - Kürzungen vorgenommen, oder aber die entsprechenden Unternehmen melden Insolvenz an. (Nebenbei sollte man diesen Aspekt auch hinsichtlich der weiteren Aussichten der US-Aktienmärkte berücksichtigen: die „Baby-Boomer“ werden hier nun eher Geld abziehen als zusätzliches zu investieren.)
Aber auch das Umlageverfahren funktioniert offensichtlich nicht mehr, denn durch den demografischen Wandel kommen immer mehr Rentner auf immer weniger junge Menschen, für die zudem nicht einmal ein Arbeitsplatz als gesichert angesehen werden kann. In der Folge werden entweder die Rentenbeiträge weiter steigen, oder die Renten sinken – wahrscheinlich aber wohl beides. Die Deutschen verfügen weitestgehend über hohe Ersparnisse, weshalb sich ein Gros der Rentner noch immer an einem „gemütlichen Lebensabend“ erfreuen kann, doch die Zeit läuft gegen unser Rentenmodell und die Politik wird wohl erst dann tiefgreifende und schmerzhafte Reformen durchführen, wenn das Volk durch die Reformen weniger leidet als wenn nichts unternommen wird oder anders ausgedrückt: wenn die Parteien nicht befürchten müssen, Stimmen zu verlieren. Ich sehe hierin eine wesentliche Schwäche der Demokratie, worauf ich in den nächsten Wochen in einem gesonderten Artikel eingehen werde.
III. Ende des sozialen Friedens
Für lange Zeit haben wir in einer für die „westliche Welt“ friedvollen Zeit gelebt, auch hinsichtlich des sozialen Friedens. Zwar gab es immer mal wieder Streiks und Proteste, aber insgesamt verliefen alle Vorgänge sehr geordnet und friedlich, was im Übrigen ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil ist. Die aktuellen ökonomischen Vorgänge lassen es jedoch als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass die Zeit des sozialen Friedens vorüber geht. Alle „westlichen Industrien“ verfügen über weitestgehend gesättigte Märkte und die Produktion verschiebt sich zunehmend in Billig-Lohn-Länder wie China. Die Folge wird sein, dass die Arbeitslosigkeit eher weiter steigen als fallen wird. Dabei muss jedoch neben der Zahl der Arbeitslosen auch darauf geachtet werden, wie sich die Arbeitswelt für jene darstellt, die Arbeit haben. In den USA haben die Menschen teils drei Jobs gleichzeitig! Bedenken Sie hier auch, dass es viele Rentner geben wird, die trotz ihres Alters arbeiten gehen werden müssen – zu fast jedem Lohn. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass die Löhne fallen werden. Bei steigender Arbeitslosigkeit steigt auch der Steuerbedarf des Staates – es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, woher die zusätzlichen Mittel kommen werden. Da der Staat selbst nichts produziert und folglich keine Einnahmen erzielt, wird er den steigenden Kapitalbedarf entweder über weitere Schulden oder höhere Steuern (oder beides) finanzieren müssen. Eine hohe Arbeitslosigkeit, hohe Steuern und Unzufriedenheit werden sich in zunehmenden Maße in sozialen Unfrieden auswirken.
IV. "Kapitalistische Planwirtschaft" und Rückkehr des Sozialismus
Was wie ein Widerspruch zu klingen scheint ist keiner. Seit dem Fall der Sowjetunion und der faktischen Aufgabe des „echten Kommunismus“ in China ist der Kapitalismus sich selbst überlassen und tendiert selbst in den USA zu einer zunehmenden „kapitalistischen Planwirtschaft“. Sehen Sie sich die nebenstehende Grafik an: der Anteil des Staates USA am Nationaleinkommen hat sich in den letzten 50 Jahren verdoppelt.
In Japan wie auch in den USA und Europa wird massiv in die Märkte eingegriffen – offiziell als „Stützungskäufe“ bezeichnet, sehen nicht wenige Anleger hierin Marktmanipulation. In Deutschland, Japan und den USA wird offiziell über den Kauf schlechter Kredite nachgedacht – was eine Quasi-Verstaatlichung bedeuten würde. Es liegt eine bitte Ironie darin, dass man auf der einen Seite von Liberalisierung der Märkte spricht, auf der anderen aber offensichtlich genau das Gegenteil macht. Und der Grund dafür ist simpel: völlig liberalisierte Märkte führen zu Deflation, wenn die Produkte und Dienstleistungen substituierbar sind. Also müssen die Unternehmen wieder geschützt werden, monopolisiert bzw. verstaatlicht. Ich wundere mich, warum bisher niemand der großen Ökonomen diesen einfachen Sachverhalt überzeugend dargestellt hat. Neben diesem Trend wird mit zunehmender sozialer Ungerechtigkeit, die vor allem in den USA ungeahnte Ausmaße annehmen dürfte, der Ruf nach dem tot geglaubten Sozialismus zurück kehren. Dies zeigt sich schon seit einiger Zeit in der ehemaligen DDR, aber auch in anderen Ländern wie Frankreich oder Italien wird es einen „Linksruck“ geben. Diese Entwicklung dürfte sich in den nächsten 5 Jahren vollziehen.
Hinsichtlich dieses Trends möchte ich noch kurz auf die meines Erachtens tragische Rolle der Globalisierungsgegner bzw. der Organisation Attac eingehen: Attac erfreut sich immer größerem Zulauf.Der Grund ist recht einfach: die politischen Parteien sind offensichtlich zu sehr mit sich selbst beschäftigt und schließlich braucht es für eine globale Entwicklung eine globale Organisation. Außerdem entwickelt sich Attac zu einer Sammelanlaufstelle für die Unzufriedenen, Weltverbesserer, US-Gegner,... die Organisation liegt also gerade voll im Trend. Ich nehme an, dass Attac eine höchst tragische Rolle in den nächsten Jahren zukommen wird, die darin liegen wird, dass man durch die eigenen Aktivitäten die Krise der westlichen Industrien verschärfen und damit das Erreichen der eigenen Ziele verhindern wird.
V. Energiekriege und das Zeitalter des Terrors
Es ist kein Geheimnis, dass sich die natürlichen Ressourcen irgendwann dem Ende zuneigen werden. Öl ist hier wohl als der wichtigste Industrierohstoff zu sehen und daher von größter Relevanz. Die Einsätze der USA in Afghanistan und im Irak sind ohne jeden Zweifel auch durch die Ambition getrieben, die Versorgung mit billigem Öl für die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte sicherzustellen. Russlands militärische Aktionen in Tschetschenien sind ähnlich motiviert.
Es ist dato nicht absehbar, wie der Irak-Krieg enden wird bzw. welche Folgen die US-Einsätze haben werden, doch es deutet sich an, dass auf absehbare Zeit neben dem Irak auch Iran und Syrien „demokratisiert“ werden sollen. Wenn es zu einer deutlichen Reduzierung des Ölpreises kommt, wird sich das sehr negativ auf die Lebensverhältnisse der Menschen im Nahen Osten auswirken, wofür wohl der „große Satan USA“ verantwortlich gemacht werden dürfte. Die Völker des Nahen Ostens haben eine hohe Anzahl an Jugendlichen, ein Alter, in dem man noch leicht zu beeinflussen und zu prägen ist. Dies könnten sich einige radikal-islamische Organisationen zu nutze machen, woraus sich ein immenses Potenzial für aggressive Akte ergibt. Schon in der zurückliegenden Ausgabe der „Börseninfo“ hatte ich angedeutet, dass sich die Welt auf ein „Zeitalter des Terrors“ zu bewegt, denn militärisch wird kaum ein Land es wagen, gegen die USA und seine Verbündeten vorzugehen, zumal an der Effizienz eines solchen Unterfangens doch hohe Zweifel angebracht sein dürften. Ich bin mir relativ sicher, das wir noch weitere Terrorakte erleben werden und selbst einen atomaren Terroranschlag kann man nicht ausschließen - wahrscheinlichstes Ziel ist wohl erneut New York. Der Krieg gegen den Terror wird meines Erachtens das genaue Gegenteil dessen erreichen, wofür er begonnen wurde. Stellen Sie sich vor, Sie wären Iraner oder Syrer: würden Sie dann jetzt nicht aufrüsten, wenn Sie ständig aus den USA als Teil einer „Achse des Bösen“ und als nächstes Ziel dargestellt würden? Es besteht somit die nicht zu unterschätzende Gefahr einer Eskalation hin zu einem „großen Krieg“.
VI. Krise des Geldsystems (Fiat Money) und die Rückkehr des Goldes
Dazu habe ich ein Special verfasst, das alles Wesentliche enthält. Sie finden dieses hier: http://www.new-sense.net/Sonstiges/Fiat%20Money%20Special.pdf (pdf-Dokument, 412 kb). Kernaussage: Speziell der US-Dollar sowie der Yen werden wegen der immensen Verschuldung der beiden Staaten weiter an Boden verlieren. Da jedoch auch dem Euro kein volles Vertrauen zukommen und die EZB gezwungen sein wird, die anderen beiden großen Währungen zu stützen, wird es letztlich zu einer Abwertung des Geldes selbst kommen, und zwar hinsichtlich seiner Kaufkraft gegen Realwerte wie z.B. Rohstoffe. Wahrscheinlicher Profiteur: Gold. Das Edelmetall dürfte wieder seinen Weg zurück in die Währungsordnung finden, wenn auch nur über einen bestimmten Faktor. Insgesamt bin ich recht sicher, dass die Begründung einer neuen globalen Währungsordnung eine der wichtigsten Aufgaben des 21. Jahrhundert sein wird.
VII. Aufstieg Asiens und das erstarkende Selbstbewusstsein Afrikas
Parallel zum Zerfall des US-Imperiums entwickelt sich eine neue Weltmacht: China. Das Land verfügt über 1,3 Milliarden Menschen, die für sich schon eine gewaltige Binnennachfrage darstellen. Ein lesenswertes Special über China können Sie im Research-Bereich auf www.TAC2000.de downloaden. Generell glaube ich, dass Asien die Welt in den nächsten Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten prägen wird. Im Prinzip hat dieser Prozess schon vor einigen Jahren begonnen, sowohl materiell, als z.B. die ersten Produkte „Made in Taiwan“ Einzug in den Geschäften fanden, wie auch geistig, als der Buddhismus, Yoga, Tai Chi und Zen in Europa und den USA einen Siegeszug erlebten. Auch wenn dies eher eine Modeerscheinung war, so wurde damit doch die Bekanntheit der asiatischen Lehren sehr gefördert. Wichtig zu sehen ist, dass Asien also nicht nur Fabrik der Welt wird, d.h. Güter dort produziert werden, sondern dass von Asien auch Impulse für neue Wertvorstellungen ausgehen werden.
Für eine Überraschung könnte Afrika gut sein. Ich glaube, dass sich dieser Kontinent, angeführt durch Südafrika, auf seine Wurzeln besinnen und aus der künstlichen Abhängigkeit von den Industrienationen lösen wird. Dieser Prozess kann allerdings noch einige Jahre mehr in Anspruch nehmen, durchaus auch Jahrzehnte.
VII. Wertewandel und neues Denken
Die ökonomische und darauf folgend vielleicht auch politische Krise wird zu einer Rückbesinnung auf die Familie führen. Auch dieser Trend hat schon begonnen, wird aber weiter an Bedeutung gewinnen. Dabei wird nicht unbedingt die räumliche Nähe entscheidend sein, aber die Intensität der Kommunikation. Das Internet und Bildtelefone stellen hier die nötigen technischen Voraussetzungen dar. Generell glaube ich, dass reines Profitdenken der Vergangenheit angehören und Solidarität und gegenseitige Hilfe an Wichtigkeit gewinnen wird. Dies war in Ansätzen während der Flutkatastrophen im letzten Sommer bereits erkennbar. Die Kinder der „Grünen“ wachen heran, eine neue Generation für die Umwelt- und auch Tierschutz normal und ein fester Bestandteil ihrer Werteordnung ist. Hier sehe ich auch eine Möglichkeit für Deutschland, global weiter Akzente zu setzen und wieder Technologieführer in einem Bereich zu werden. Politik wird in ihrer jetzigen Form eher abgelehnt werden, doch das heißt nicht, dass sich die Menschen nicht engagieren werden. Es werden neue Institutionen entstehen, ähnlich wie Attac. Speziell für die USA erwarte ich, dass die ständigen militärischen Konflikte, die Eingrenzung der Freiheitsrechte und die sich durch Verarmung großer Teile der Bevölkerung ergebenden sozialen Spannungen dazu führen werden, dass die US-Amerikaner ihren naiven Glauben an ihre Regierung verlieren werden. Schon einmal habe ich dargestellt, dass ich hier soziale Massenunruhen in den nächsten Jahren durchaus für möglich halte. Religionen könnten eine neue Blütezeit erleben, wobei ich mir vorstellen könnte, dass sich ein Trend zu einer toleranten „individuellen Religionspraxis“ entwickelt, d.h. einer individuellen Interpretation der Religion, losgelöst von Dogmen und Traditionen. Womöglich tritt auch eine völlig neue Religion auf, die sehr schnell global an Bedeutung gewinnt und sehr wahrscheinlich aus dem asiatischen Raum kommen dürfte. Die kommenden Jahre des Umbruchs bereiten den Weg für ein globales Denken, das sich von nationalen Interessen verstärkt lösen wird, weil sich die Einsicht durchsetzen wird, dass die Menschheit vor Problemen steht, die auf nationaler Ebene nicht mehr gelöst werden können. Hier glaube ich, dass insbesondere von Europa aus große Akzente kommen werden, da hier dieser Prozess schon in kleinem Maßstab stattfindet. Ich halte es für möglich, dass das Sterben – das letzte große Tabuthema – anders beurteilt und sich aktive Sterbehilfe weltweit als Option des Patienten durchsetzen wird, weil es humaner ist. Letztlich werden in den bevorstehenden Jahren des Umbruchs wichtige Erfindungen gemacht werden, insbesondere im Bereich neuer Energien und Antriebstechnologien. Dies erklärt sich daraus, dass die Menschen schon immer die wichtigsten Erfindungen in Krisenzeiten gemacht haben, wohl weil dann darauf die größten Energien gesetzt wurden.
Anmerkung:
Die voran dargestellten Abschnitte bilden mein Zukunftsszenario, das große Bild. Natürlich kann ich mit einigen Punkten völlig falsch liegen und vor allem der letzte Abschnitt ist höchst spekulativ, doch ich bin kein Prophet und kann daher auch keine sicheren Aussagen zur Zukunft machen. Ich glaube auch nicht an die Vorherbestimmtheit der Geschichte. Vielmehr denke ich, dass sich aus bestimmten Glaubenssätzen, Handlungsweisen, Entscheidungen – ob individueller oder kollektiver Natur - Wahrscheinlichkeiten für zukünftige Entwicklungen bestimmen. Einstein war über seine eigene Theorie erschüttert und sagte: „Gott würfelt nicht“. Dem stimme ich zu, aber ich glaube, dass wir selbst bewusst oder unbewusst Tag für Tag „würfeln“ und dadurch die Geschichte zu einem gewissen Grad determinieren.
Diese Seite wird in den nächsten Wochen und Monaten weiter vertieft.
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31.03.2003
Die Hoffnung stirbt zuletzt!
AUS W:O
guter Artikel.
Ich bin auch der Auffassung, das es hier in den nächsten Jahrzehnten zu einem grundlegendem Wandel ganz einfach kommen muss.
Die gesamte westliche Welt lebt eigentlich über ihre Verhältnisse, deren Gruppe der wirkliche Nutznießer immer kleiner wird.
Und die Lasten dieser Politik soll der normale Arbeiter bis zu mittelständigen Unternehmer durch immer höher werdende Abgaben tragen. Abgaben, deren jetzige Höhe schon nicht mehr ausreicht, um die immer größer werdende Verschuldung zu verhindern.
Ich denke das es eine Grenze des belastbaren gibt. Eine Grenze eben, wo die große Masse nicht mehr bereit ist sich von diesen Politikern und Machthabern auspressen und gängeln zu lassen. Was das bereits für Ausmaße annimmt, kann man bei der jüngsten Tabaksteuererhöhung nachvollziehen. Es geht da nicht etwa nur um 3 %, nein es ist gleich eine Größenordnung mehr. Da taucht eben zwangsläufig die Frage auf: "Was ist die nächste Steuererhöhung und wie hoch fällt die aus?"
Macht man sich noch einmal die Erhöhung bewusst, so kann man sich ungefähr vorstellen, in welchen finanziellen Schwierigkeiten dieser Staat (und nicht nur dieser) bereits befindet. Die Krankenkassenbeiträge dadurch senken zu wollen halte ich für eine genauso große Lüge, wie die Aussage von Herrn Eichel voriger Woche "es gibt keine Steuererhöhung" (im übrigen keine 24 Stunden vor der Bekanntgabe eben dieser Tabaksteuererhöhung).
Ich denke auch, das bedingt durch diese immer stärker werdende Ausbeutung von Staatsmacht und Multikonzernen, der zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit Gruppen wie Attac in Zukunft einen wesentlich größeren Zulauf erfahren werden (mit dem ich im übrigen absolut keine Probleme habe, ganz im Gegenteil).
Ich kann in diesem Zusammenhang allerdings nur hoffen, das nicht durch diese Effekte faschistische Parteien oder Organisationen jemals wieder Oberwasser gewinnen (was allerdings theoretisch durchaus möglich ist!).
Ronald
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Morgens nach Arbeit jagen, nachmittags den Ertrag abfischen
Die Gegenwart als Existenz in der Gegenutopie: Die normale Erwerbsbiographie auf der Suche nach der Zukunft der Freiheit im real existierenden Kapitalismus
Von Markus Brauck
Einmal noch zurück, bitte, ein einziges Mal in das Reich der Utopie. Nur ganz kurz. Als Befreiung von der Arbeit noch ein Ziel war, als Papi Samstag endlich der Familie gehörte, und Mami auch noch zu Hause war, weil sie ja noch nicht im Kaufhaus an der Kasse stand.
Noch weiter zurück, ganz zurück bis zum Ursprungsmythos der Freiheit von der Erwerbsarbeit. Zurück zu Karl Marx. Der es, vermaledeit, ärgerlich fand, dass man nur arbeiten muss, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, und der von einer Gesellschaft träumte, die es "möglich macht, heut dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe."
Ohne das Jagen, Fischen, Hüten oder Kritisieren gleich zum Beruf werden zu lassen. Ein Bild, das, losgelöst von den Marx'schen Gesamtgedankengebäude, etwas Faszinierendes hat. Und zugleich wie ein sarkastischer Kommentar wirkt zu einer Gesellschaft, der - wie das inzwischen Allgemeingut ist - "die Arbeit ausgeht". Ein Zitat übrigens, auf das man in letzter Zeit häufig trifft, und das nicht zufällig.
Nur einen Augenblick noch in der Vergangenheit verweilen. Weil die ganze Sache mit der Arbeit ja auch damals nicht rosiger war, sondern bloß die Zukunft rosiger aussah, also unsere Gegenwart, die diesen Traum nicht erfüllt hat, jedenfalls nicht auf diese Weise. Es ist ja nicht so, dass es Karl Marx besser ging als uns. Im Gegenteil. Nur konnte er noch von uns träumen, längst, bevor wir da waren, und jetzt, wo wir da sind, träumen wir ein bisschen davon, noch wie Marx träumen zu können. Auch wenn wir an seine Wege nicht mehr glauben. Das ist ein bisschen kompliziert, aber mit einfachen Konstruktionen sind Utopien ja kaum noch hinzubekommen. Unsere Utopie: noch eine Utopie zu haben. Aber noch einmal, bitte, zurück. Ein letztes Mal, versprochen.
Zurück zu einer Bemerkung eines verärgerten Karl Marx. Als nämlich einer die ziemlich nahe liegende Frage stellte, wer denn in dieser Gesellschaft der Zukunft die Stiefel putzen werde, watschte ihn Marx mit der Antwort ab: "Das werden Sie tun." Und als eine Freundin dem großen Theoretiker sagte: "Ich kann mir Sie auch gar nicht in einer nivellierenden Zeit denken", antwortete Marx: "Ich auch nicht. Diese Zeiten werden kommen, aber wir müssen dann fort sein."
Kapital um den Globus schießen
Und flugs ist sie wieder da, die Gegenwart. Man sieht sie vor sich, die Rürups, Sommers, Hundts und Lambsdorffs, die so schön davon erzählen können, dass künftig jeder mehr für sich selbst sorgen muss als bisher - gewissermaßen die genaue Gegenutopie zu Marx, nur dass man sich kaum traut, dazu Utopie zu sagen - alle jene scheinen sich doch gerade das zu denken. "Die Zeiten werden kommen, aber wir müssen dann fort sein." Wenn im Jahr 2030 niemand in Rente geht, weil die Alten schon längst drin sind und die Jungen noch fünf Jahre warten müssen.
Wenn man Karl Marxens Bild einmal der positiven Vorzeichen und aller kommunistischen Theorie entkleidet, also nicht gleich mitdenkt, dass das eine glückliche Gesellschaft sein soll, und zugleich den kritischen Einwurf, wer denn dann die Schuhe putzt, einbezieht, so ist sein Bild keineswegs mehr eine Utopie. Es ist Wirklichkeit. Die einen tun, was sie wollen, morgens Leute entlassen, nachmittags Kapital um den Globus schießen und abends in Talkshows politisieren. Und wenn sie eine Yacht haben, können sie auch fischen gehen. Die anderen putzen Schuhe, in der Ich-AG Glänzende Sohle - was immer noch besser sein mag als das gleichnamige Kombinat - bewachen Häuser, polieren Glasfronten und fahren Pakete aus. Und jedem Sozialhilfeempfänger, der Florian Gerster fragt, wer denn die armen Schweine sind, die diese Jobs annehmen müssen, wird der Vorstandschef aller Arbeitsagenturen antworten: "Das werden Sie sein."
Das ist nicht mehr der einfache Gegensatz zwischen arm und reich. Und auch kein Gegensatz zweier Klassen, wie er Marx vorschwebte. Denn Arbeit und Kapital sind nicht mehr abhängig voneinander, so dass sie sie sich gegenseitig unter Druck setzen könnten. Für die Zukunft des Kapitalismus sei ein großer Teil der Arbeit und der Arbeitenden entbehrlich geworden, schreibt Ralf Dahrendorf. "Kapital ohne Arbeit ist denkbar, ja vielfach annähernd wirklich, das Entsprechende gilt für Arbeit ohne Kapital." Womit er vor allem die Jobs meint, die sich hinter dem großen Wort "Dienstleistungsgesellschaft" verbergen. "Solche Arbeit ohne Kapital kann man haben, aber es geht auch ohne sie."
Die Globalisierung hat Karl Marx visionäres Bild in die Wirklichkeit umgesetzt, wenn auch auf völlig anderen Wegen. Mit einer deutlichen Änderung: Was da gesagt wird, gilt eben nicht für alle. Und schon gar nicht für eine Klasse, weil es Klassen gar nicht mehr gibt, jedenfalls nicht so, wie Marx sie sich vorgestellt hat, gewissermaßen im ständigen Kampf gegeneinander doch miteinander verbunden. Das Kapital ist auf die Arbeit, die Marx noch vorschwebte, nicht mehr angewiesen, und eine Solidarisierung der Schuhputzer-Klasse nicht mehr Erfolg versprechend. So gibt es nur noch den Kampf der einzelnen, und jeder versucht es eben für sich allein.
Glücksselige und Glücksspieler
Erstrebenswert ist ja nicht mehr die normale Erwerbsbiographie, die dritte Gruppe zwischen den Glücklichen und den Schuhputzern, die bisher außer acht gelassen wurde, weil sie es sie künftig ohnehin nicht mehr geben soll, erstrebenswert ist es, irgendwie ein Glückseliger zu werden. Darum vielleicht sind Superstar-Suchen und Millionärs-Ratespiele und Klassenlotterien derzeit so erfolgreich. Wo es sich nicht mehr zu lohnen scheint, um einen Ausbildungsplatz zu kämpfen, weil man hinterher keinen Arbeitsplatz bekommt, und um eine Arbeitsplatz zu kämpfen, weil man ihn irgendwann ohnehin verliert oder, wenn man ihn tatsächlich behält, nicht weiß, ob später die Rente reicht, wo also die ganze Mühsal keinen entsprechenden Ertrag verspricht, da scheint es vielleicht doch verlockend, Alles oder Nichts zu spielen. Entweder Superstar oder Ich-AG.
Wo allenthalben gesagt wird, dass sich das normale Arbeitsleben kaum noch lohnt, als dritte Alternative eines Kompromisses zwischen Arbeit und Kapital also ausfällt, ist die Hoffnung per Katapult von unten nach oben geschleudert zu werden, auch nicht trügerischer als der Wunsch, Arbeit möge sich wieder lohnen.
Dahinter steckt nicht nur die Mentalität der Krise. Die Globalisierung und was mit ihr zusammenhängt, ist ja nicht erst seit zwei Jahren Thema. Vielmehr ist es so, dass vor ein paar Jahren das utopische Bild, das Marx entworfen hat, für einen kurzen Sommer Wirklichkeit zu werden schien. Nicht nur für wenige, sondern für ziemlich viele. Das Kapital vermehrte sich von selbst, und jeder schien daran teilhaben zu können. Jetzt vermehrt sich Kapital immer noch von selbst, aber nicht mehr jedes und zu jeder Zeit.
Es sind nur noch ein paar Glückliche, die vom Kapital leben und deshalb frei genug sind, sich morgens, mittags und abends der Tätigkeit hinzugeben, auf die sie gerade Lust haben. Und da man jetzt nicht mehr glaubt, dass irgendwann alle zu den Glücklichen gehören, hofft wenigstens jeder, dass er den Sprung schafft. Dass es bei "Deutschland sucht den Superstar" wenigstens ein paar schaffen konnten, diese Verheißung war ja auch ein Ersatz dafür, dass es leider nicht stimmte, dass der Börsenboom viele reich und frei macht. Und manche schaffen den Sprung ja tatsächlich. Immer noch. Ist das nicht Beweis genug?
Letztlich geht es bei alledem ja auch nicht um Geld, sondern um die Freiheit, die das Geld verheißt. Denn nicht nur das Geld scheint knapp geworden zu sein in den öffentlichen Kassen, sondern auch die Freiheit. Jeden frei entscheiden zu lassen, zu tun, was er tun möchte. Und nicht manchem von Stoiber und Clement mitteilen zu lassen, dass er leider zu den Verlierern gehört und darum eben nicht zu den Glücklichen, die frei wählen können, was sie tun wollen. Er also nicht fischen und jagen und kritisieren darf, wann er Lust dazu hat, sondern erst einmal seinen Lebensunterhalt bestreiten muss - ohne dass er noch die Wahl hätte, selbst zu sagen, womit. "Ohne Pflichten keine Rechte", heißt das dann und verwässert doch nur die Tatsache, dass es genügend Arbeit nicht mehr gibt, jedenfalls nicht genug um den meisten noch eine Wahl zu lassen. Im Klartext bedeutet das doch nur, dass da einer nicht nur ökonomisch zu den Schwachen gehört, sondern dass ihm deshalb auch weniger Freiheit zusteht. Das gleiche gilt auch für Studienförderung und Ausbildungsplätze.
Dass begonnen wird, die Freiheit der ökonomischen Verlierer zu beschneiden, ist keine Lappalie. Das utopische Bild von Marx ist ja gerade wegen seiner Beschreibung der Freiheit so faszinierend. Von Reichtum ist da nirgendwo die Rede. Doch Clement, Koch und Stoiber, und wie sie alle heißen, reden immer nur von der Verteilung des Wohlstands, der sinkt. Davon, dass auch die Freiheit künftig anders verteilt sein wird, ist nirgends die Rede. An ihre Verlockung scheint man ohnehin nicht mehr recht zu glauben.
Das ließe sich weiterdenken. Man könnte Arbeitsunwilligen und Scheinarbeitslosen ja auch das Wahlrecht entziehen. Steuerhinterziehern auch, aber nur spaßeshalber, weil die sich das dann im Zuge einer großzügigen Amnestie zum halben Preis wieder zurückkaufen können.
Aber wer wollte damit schon drohen? "Wenn du nicht brav bist, darfst du nie wieder wählen!" - "Jetzt habe ich aber Angst."
www.diezeit.de
Das Wiki-Prinzip
Erik Möller 09.05.2003
Tanz der Gehirne Teil 1
Weitgehend unbemerkt von der Medienöffentlichkeit arbeiten Tausende von Freiwilligen an einer Enzyklopädie ungekannter Größe. Die Inhalte stehen unter einer Copyleft-Lizenz, sind also beliebig nutzbar, solange veränderte Versionen ebenfalls frei sind. Menschen aus der vernetzten Welt haben in zahlreichen Sprachen bereits fast 200.000 Artikel verfasst, das Themenspektrum deckt alle Bereiche menschlichen Daseins ab. Wikipedia, "die freie Enzyklopädie", ist der bisherige Höhepunkt der Wiki-Entwicklung - und vielleicht der Beginn einer neuen Internet-Ära.
Lange Zeit fristeten Wikis im Internet ein Schattendasein. Wer darüber stolperte, nahm die merkwürdige Syntax, das altertümliche Design und den fremdartigen Jargon zur Kenntnis, las vielleicht noch kurz eine Zusammenfassung des Prinzips - "jeder kann alles editieren" - und surfte dann kopfschüttelnd weiter. Doch die Wiki Wiki Webs wollten einfach nicht verschwinden. Mehr und mehr Communities von Wiki-Anhängern formierten sich um jedes nur erdenkliche Thema.
Die meisten Wikipedia-Autoren haben die Enzyklopädie über eine Suchmaschine wie Google entdeckt, denn viele Artikel haben bereits ein hohes Ranking in der Ergebnisliste. Beim Betrachten des Artikels bemerken sie den "Edit this page"-Link und landen plötzlich auf einem Bearbeitungsbildschirm. Durch Folgen der zahlreich gestreuten Verweise auf die Dokumentation erschließt sich vielen Benutzern so das Wikipedia-Prinzip.
Die dokumentierte Geschichte der Wikis beginnt am 16. März 1995 mit einer Email von Ward Cunningham, einem Software-Designer aus Portland, Oregon, an einen gewissen Steve P.:
"Steve - ich habe eine neue Datenbank auf meinem Web-Server installiert und bitte Dich, mal einen Blick darauf zu werfen. Es ist ein Web von Menschen, Projekten und Mustern, auf das man über ein cgi-bin-Skript zugreifen kann. Es bietet die Möglichkeit, ohne HTML-Kenntnisse mit Formularen Text zu editieren. Es wäre schön, wenn Du mitmachen oder wenigstens Deinen Namen in der Liste der RecentVisitors eintragen könntest .. Die URL ist http://c2.com/cgi-bin/wiki - danke schön und beste Grüße."
Cunningham beschäftigte sich schon länger mit sogenannten Entwurfsmustern (Patterns) - in der Software-Entwicklung sind das möglichst allgemeine Standardlösungen für wiederkehrende Probleme, z.B. "Anordnung von Objekten in einer Baumhierachie". Um solche Muster zu sammeln und zu verfeinern, bot es sich an, mit Entwicklern aus aller Welt zusammen zu arbeiten. So erweiterte Cunningham sein "Portland Pattern Repository" um eine Datenbank für Entwurfsmuster, die er WikiWikiWeb nannte.
"Wiki Wiki", das bedeutet "schnell" auf Hawaiianisch. Schnell sollte es gehen, die neue Datenbank mit Inhalten zu füllen. Als alternativer Name stand "QuickWeb" zur Disposition, doch in Anlehnung an das noch junge WWW gefiel dem Entwickler die Alliteration besser. Wäre die Entscheidung anders gefallen, würde Wikipedia heute vielleicht Quickipedia heißen ...
Angriff der Killer-Kamele
Das Prinzip hinter der neu gegründeten Musterdatenbank war einfach, aber genial: Unter jeder Seite befindet sich ein "EditText"-Link, der es erlaubt, den Text der Seite direkt im Browser zu bearbeiten. Doch wie Cunningham in seiner Email schrieb, sollten sich die Autoren nicht mit HTML, der Beschreibungssprache für WWW-Seiten, herumquälen müssen. Statt dessen entwickelte er eine vereinfachte Syntax, die von der Wiki-Software in HTML umgewandelt wird. Text kann unformatiert eingegeben werden, möchte man Überschriften, Hervorhebungen usw. einsetzen, muss man ein paar Regeln lernen (z.B. "== Abc ==" für Überschriften ersten Grades).
Um auch das Setzen von Verweisen auf andere Seiten zu ermöglichen, erfand Cunningham ein Schema namens "CamelCase" (wegen der Großbuchstaben, die wie Kamelbuckel hervorstehen). Zeichenfolgen, die einen Großbuchstaben am Anfang und innerhalb der Folge enthalten - z.B. "WikiWiki", "DesignPattern" - werden als Verweise auf andere Seiten mit diesem Namen interpretiert. Existiert die Seite noch nicht, kann sie durch Anklicken eines kleinen Fragezeichens neben dem Link angelegt werden. Da man eine Seite erst auf einer anderen Seite eintragen muss, um sie anzulegen, ist sichergestellt, dass neue Seiten mit bereits im Wiki vorhandenen vernetzt werden.
Jedes Wiki, das die CamelCase-Syntax verwendet, enthält also Hunderte oder Tausende von Seiten mit Worten und Titeln in dieser Form. Benutzer unterschreiben Bemerkungen mit ihrem Namen in CamelCase-Form - aus Ward Cunningham wird z.B. WardCunningham. Und weil ein einzelnes Wort noch keinen Link macht, wird entweder ein Großbuchstabe eingefügt - aus "Evolution" wird "EvoLution" - oder ein Wort angefügt - "EvolutionTheory". Durch CamelCase verstümmelte Worte gelten als "UgLy" (hässlich).
Sabotage-Prävention
"Ugly", das ist auch die Reputation, die Wikis seit langem anhaftet. Unformatierte Seiten voller Worte in Kamelform mit kreuz und quer eingefügten Kommentaren offenbarten sich neuen Besuchern. Ein harter Kern von Fans bildete sich und erweiterte die Musterbank dennoch fleißig, und schon bald schossen andere Wikis wie Pilze aus dem Boden. Neben einer meist ähnlichen Formatierungs-Syntax weisen fast alle Wikis verschiedene Merkmale auf:
Eine "RecentChanges"-Seite der zuletzt gemachten Änderungen im Wiki, also z.B. "Seite InfiniteMonkey geändert am 3. Mai von AnonymousHero"
Eine Historie von Änderungen an einer Seite, die teilweise bis zur ersten Version zurück reicht, je nach Wiki aber mitunter aus Platzgründen begrenzt ist
Eine "Diff"-Funktion, welche die Änderungen zwischen zwei Revisionen einer Seite zeigt
Einige Wikis erlauben das Anlegen von Unterseiten, die Seite "TelePolis" könnte also z.B. die Unterseite "BestOf" enthalten.
Die meisten Wikis ermöglichen das Editieren ohne vorherige Anmeldung. Dauerhaft beschädigen kann man in Wikis kaum etwas - eine verunstaltete Seite wird meist relativ schnell wieder restauriert, wenn jemand die Änderung in den RecentChanges sieht. Dazu wird einfach eine vorherige Version editiert und gespeichert. Weniger gut funktioniert dieses Prinzip in toten Wikis, wo sich niemand um Änderungen kümmert. Aber es kommt natürlich auch vor, dass in aktiven Wikis unerwünschte Edits unter den Tisch fallen - in diesem Fall dauert die Reparatur, bis jemand die entsprechende Seite erneut liest.
Die wundersame Welt der Wikis
Insgesamt gibt es über 100 verschiedene "Engines" zum Betrieb eines Wikis, eine stets aktuelle Liste findet sich natürlich im Original-Wiki. Die meisten Wiki-Engines sind Open-Source-Software unter einer entsprechenden Lizenz.
Mit den von Nutzern eingespielten Inhalten ist es anders: Hier gibt es bei den wenigsten Wikis explizite Regeln, womit eine gewisse Rechtsunsicherheit besteht. Eine Weitergabe in anderen Medien ist dann in jedem Fall ohne Erlaubnis der Autoren unzulässig, eine Erlaubnis zur Bearbeitung innerhalb des Wikis ergibt sich bestenfalls implizit aus dessen Funktion.
Wer selbst ein kleines Wiki betreiben möchte, ist mit einer einfachen Lösung wie UseModWiki gut bedient. Das UseMod-Projekt hatte ursprünglich das Ziel, ein offenes Moderations- und Bewertungsforum für das Diskussionsnetz UseNet zu schaffen, entwickelte sich jedoch zum Allzweck-Wiki, das auf Dutzenden Websites zum Einsatz kommt.
Mittlerweile gibt es Wikis für jedes erdenkliche Thema. Wer möchte, kann im virtuellen Reisebus eine Community nach der anderen besuchen, aber natürlich gibt es auch eine schnöde Liste. Und da Wiki-User notorische Erbsenzähler sind, führen sie auch eine Liste der größten Wikis. Damit die Wikis nicht völlig voneinander isoliert sind, gibt es neben der Reisetour noch sogenannte Interwiki-Links: Innerhalb eines Wikis kann man auf einen Artikel in einem anderen verweisen, indem man einen Präfix - wie etwa "WikiPedia:" - vor dem Link-Namen hinzufügt.
Die Jedermann-Enzyklopädie
Das größte Wiki ist mit Abstand die Wikipedia, die derzeit in ihrer englischen Ausgabe rund 120.000 Artikel zählt. Varianten gibt es in fast allen Sprachen, aktiv sind vor allem die englische, deutsche, französische, polnische, schwedische, dänische, holländische und japanische Wikipedia, und natürlich die Esperanto-Wikipedia, die im Mai 2003 um die 6.500 Artikel verzeichnete. Insgesamt gibt es rund 190.000 Artikel - das nächstgrößte Wiki, das Original-Wiki von Ward Cunningham, wirkt mit an die 25.000 Seiten geradezu mager. Dabei beinhaltet die Wikipedia-Statistik keine Diskussionsseiten, Bilder oder Seiten über die Wikipedia selbst, was allein auf der englischen Wikipedia noch einmal rund 90.000 Seiten ausmacht.
Die Idee, das Wiki-Prinzip auf eine Enzyklopädie anzuwenden, lag mit der zunehmenden Verbreitung von Wikis nicht fern, und es verwundert fast, dass es bis zum Januar 2001 gedauert hat. Wikipedia war zunächst nur ein Experiment, dessen Erfolg alle Beteiligten regelrecht überwältigt hat. Die Idee einer freien Enzyklopädie hat ihre Wurzeln dagegen in einem völlig anderen Projekt, Nupedia.
Das Nupedia-Projekt wurde im März 2000 vom Internet-Unternehmer Jimmy ("Jimbo") Wales gegründet und hatte von Anfang an das Ziel, eine gigantische, freie Enzyklopädie zu schaffen, die Britannica, Encarta & Co. den Garaus machen sollte. Für die Koordination stellte Wales einen Chefredakteur, Larry Sanger, ein.
Von der Bürokratie zur Anarchie
Doch nicht die totale Offenheit sollte zum Erfolg führen, sondern rigorose Qualitätskontrolle durch "Peers", also qualifizierte Experten aus den jeweiligen Fachgebieten. Artikel sollten von motivierten, informierten Freiwilligen stammen, deren Werke einen komplizierten Prozess von Faktenprüfung, Lektorat und Finalisierung überstehen mussten.
Alle Nupedia-Artikel sollten frei verfügbar sein und es auch bleiben. Um das sicherzustellen, wurde die Freie Dokumentationslizenz ( FDL) des GNU-Projekts verwendet. Das GNU-Projekt, verantwortlich für einen großen Teil der existierenden Open-Source-Software, hatte die Lizenz ursprünglich für gedruckte Handbücher entwickelt. Sie erlaubt die Erstellung und Weitergabe von Derivaten (veränderten Kopien), sofern auch diese unter der FDL stehen. Das heißt im Klartext, dass man zwar FDL-Texte beliebig verändern und weitergeben kann - will man sie aber mit anderen Werken kombinieren, muss das gesamte Werk unter der FDL stehen. Das Prinzip ist bekannt: Die beliebte Open-Source-Software-Lizenz GPL funktioniert ähnlich.
In den 3 Jahren seiner Existenz hat Nupedia ca. 30 Artikel produziert - ohne das Wikipedia-Experiment würde das Enzyklopädie-Projekt wohl heute als Beispiel dafür zitiert, warum freie Inhalte keine Zukunft haben. Doch Nupedia scheiterte nicht an mangelnder Bereitschaft - Hunderte von Autoren, zahlreiche davon Wissenschaftler, hatten sich für das Projekt interessiert. "Nupedia ist tot und wird es auch bleiben", befindet Eivind Kjørstad, Informatikstudent aus Norwegen, der sich an dem Projekt beteiligen wollte. "Es gibt kaum einen Anreiz, sich mit der Bürokratie von Nupedia zu befassen, mit den fünf Prüfungsebenen (oder wie viele es auch sein mögen), den endlosen Streitereien, alles für nichts. Die meisten Autoren geben angeekelt auf, bevor sie auch nur halbwegs den 'Prozess' durchlaufen haben."
Im Januar 2001 diskutierte Larry Sanger mit einem Bekannten erstmals die Idee einer Enzyklopädie auf Wiki-Basis. Er war sofort von dem Wiki-Konzept begeistert und zog am 10. Januar 2001 auf der Nupedia-Mailing-Liste die logische Konsequenz: "Let' make a wiki!" Am 15. Januar ging Wikipedia mit der UseMod-Software an den Start - dieser Tag ist seitdem jedes Jahr "Wikipedia Day". Auch alle Wikipedia-Artikel standen von Anfang an unter der GNU FDL.
"Das Ende von CamelCase - hurra!"
Am 27. Januar schlug Clifford Adams, Hauptautor der UseMod-Software, vor, für Wikipedia eine neue Syntax zum Setzen von Links zu verwenden. Die KamelWorte würden die Zukunft der Enzyklopädie gefährden: Weil es zu viele unterschiedliche Schreibweisen gebe ("DemoCracy", "DemocracY", "DeMocracy" usw.) würden notwendige Links nicht gesetzt. Lesbarer wurden die Texte durch die komische Schreibweise auch nicht. Adams implementierte deshalb speziell für Wikipedia ein Verfahren namens "Free Links" - um einen Link zu setzen, werden um einen Text [[doppelte eckige Klammern]] gesetzt. Das ist zwar schwieriger zu tippen, führt aber zu deutlich lesbareren Artikeln.
Kurzum wurden die Kamele aus der Wikipedia verbannt, doch selbst heute trifft man mitunter noch auf Verweise in CamelCase-Form - ein großes Wiki, das sich einmal für die CamelCase-Syntax entschieden hat, kann praktisch nicht mehr zurück, da eine Konvertierung zu aufwendig ist. Um so wichtiger ist es, sich als Betreiber frühzeitig über den Unterschied im Klaren zu sein. Heute bieten viele Wiki-Engines Free-Link-Funktionalität an.
Wikipedia wuchs schon bald schneller als alle anderen Wikis. Im Februar waren 1.000 Artikel erreicht, im März 2.000, im September 10.000. Ursprüngliche gespeist wurde das Wachstum aus der vorhandenen Nupedia-Community, bald folgten erste Erwähnungen in Weblogs, schließlich Online-Magazine, im September 2001 die New York Times.
Von Grund auf neu
Schon bald entpuppte sich die UseMod-Software als zu beschränkt. Der Kölner Biologie-Student Magnus Manske entwickelte daraufhin mit Hilfe der Skriptsprache PHP und der Datenbank MySQL eine neue Software, die viele Wikipedia-Kinderkrankheiten ausmerzte. Diskussionsseiten und Seiten über Wikipedia wurden von Artikelseiten streng getrennt. Das Benutzerinterface wurde in viele Sprachen übersetzt. Unterstützung für das komfortable Hochladen von Bilddateien wurde hinzugefügt. Neue Schutzmechanismen kamen hinzu, Administratoren wurden ernannt, die Seiten löschen und Benutzer wegen Vandalismus verbannen konnten.
Doch die vielen neuen Funktionen hatten ihren Preis. Schon bald ging die Performance der Wikipedia in die Knie, und lange Wartezeiten beim Laden und Bearbeiten von Artikeln waren die Regel. Wieder einmal wurde die Software neu geschrieben, diesmal von dem Kalifornier Lee Daniel Crocker. Diese neue Software, bekannt als Wikipedia "Phase III" und wie alle vorherigen Versionen Open Source, ist seit Juli 2002 in Gebrauch und wird nun auch von einigen Spin-Off-Projekten verwendet (dazu mehr in Teil 2).
Eine wesentliche neue Funktion, die Wikipedia anderen Wikis voraus hat, sind sogenannte Beobachtungslisten: Alle in diese Liste eingetragenen Artikel lassen sich gesondert von den "Recent Changes" über einen längeren Zeitraum überwachen. Wer also viel Zeit in einen umfangreichen Artikel investiert hat, muss nicht ständig auf die Liste aller Änderungen schielen - ein regelmäßiger Blick auf die Beobachtungsliste genügt, und unerwünschte oder unpassende Änderungen durch Dritte können verbessert, gelöscht oder integriert werden.
Kampf den Wiki-Hooligans
Seitens der Administration wurde stets auf eine möglichst transparente Vorgehensweise geachtet. Soll eine Seite beispielsweise gelöscht werden, muss sie - sofern es sich nicht um eine offensichtliche Nonsens-Seite handelt - auf einer Spezialseite namens "Votes for deletion" (auf der deutschen Wikipedia: "Seiten, die gelöscht werden sollen") eingetragen werden. Dort bleibt sie eine Weile stehen, und sofern niemand Einspruch erhobt, darf ein Sysop sie entfernen. Gibt es dagegen Widerspruch, gilt das Konsens-Prinzip: Entscheidungen müssen wenn irgend möglich einvernehmlich gefällt werden. Kontroverse Inhalte werden deshalb eher verschoben, umbenannt oder nachbearbeitet als gelöscht.
Bei der Verbannung von Benutzern gelten ähnlich strenge Regeln. Sofort darf ein Nutzer nur in Fällen von offensichtlichem Vandalismus verbannt werden, ansonsten ist eine Diskussion mit Wiki-Eigentümer Jimbo Wales höchstpersönlich erforderlich. In 2 Jahren hat er gerade mal eine Handvoll registrierter Nutzer verbannt. Dabei macht die einfache Neuanmeldung eine effektive Durchsetzung der Regeln ohnehin schwer - bei der Registrierung findet keinerlei Identitätsprüfung statt. Deshalb kehren Regelverletzer häufig unter neuem Namen zurück.
Trotzdem ist die Diskussionsatmosphäre erstaunlich zivilisiert. In der Regel konzentrieren sich Gespräche tatsächlich darauf, wie ein Artikel verbessert werden kann. Natürlich gibt es auch "Flamewars" (Internet-Slang für hitzige Diskussionen), aber meist ruft ein Außenseiter die Teilnehmer rechtzeitig zur Ordnung. Wikipedia ist schließlich nicht primär eine Diskussionsplattform, sondern eine Enzyklopädie. "Tragt das woanders aus", lautet also die häufige Reaktion auf Entgleisungen. Kommt es zu Streitigkeiten, steigt auch das Risiko von Bearbeitungskonflikten - wenn ein Nutzer einen Artikel verändert hat, während ein anderer noch eine ältere Version bearbeitet, muss derjenige, der als letztes speichert, beide Versionen mühselig miteinander verknüpfen.
Auch aus anderen Gründen zahlt sich unfreundliches Verhalten auf Wikipedia nicht aus: Man erlangt schnell eine entsprechende Reputation und muss damit rechnen, verbannt zu werden - zumindest aber damit, dass andere Nutzer die eigenen Bearbeitungen besonders kritisch beäugen. Und der gleiche Nutzer, den man gerade beleidigt hat, ist vielleicht schon beim nächsten Artikel ein potenzieller Alliierter. Und damit es auch der letzte versteht, gibt es natürlich auch Verhaltensregeln für Wikipedianer - bekannt als Wikipetiquette.
Tanz der Gehirne: Teil 2
Quantitativ kann sich Wikipedia durchaus mit bekannten Nachschlagewerken messen. Doch das Vorurteil, ohne jegliche redaktionelle Kontrolle und mit teilweise völlig anonymen Beiträgen könne ein Wiki nie hochwertige Informationen liefern, liegt nahe. Verdient Wikipedia wirklich den Namen Enzyklopädie? Gibt es bereits Bereiche, in denen das offene Projekt die gedruckten oder gepressten Werke übertrumpft? Die Antworten verraten mehr über unsere Kultur, als wir vielleicht glauben.
Alle gegen Brockhaus
Qualitätsvergleich
Jagd nach Diamanten
Die CIA, Gedankenkontrolle und die Illuminaten
Wiki-News und Wiki-Sex
Wikipedia funktioniert - Schlussfolgerungen
Im Größenvergleich mit bekannten Multimedia-Lexika steht Wikipedia bereits gut da: Die rund 120.000 Artikel der englischen Ausgabe stehen etwa 85.000 Artikeln in der 2002er Encyclopaedia Britannica, 60.000 Artikeln in Microsofts Encarta Deluxe 2002 und 39.200 Artikeln in der Grolier-Enzyklopädie gegenüber. Die 24-bändige Brockhaus-Enzyklopädie wuchtet dagegen rund 260.000 Stichwörter.
Viele Wikipedia-Artikel enthalten statistische Daten aus offiziellen Werken. So gibt es etwa 36.000 Einträge über US-Dörfer und Städte, die automatisch aus den US-Volkszählungsdaten generiert wurden (Beispiel: Pownal, Vermont). Viele davon wurden zwar nachträglich um interessante Informationen ergänzt, doch nicht jedes Kuhdorf hat auch einen Wikipedia-Benutzer, der davon erzählen könnte. In der englischen Wikipedia findet man auch Informationen über die deutschen Landkreise (Beispiel: Oberbergischer Kreis), über finnische Provinzen, über japanische Präfekturen usw.
Auch Listen sind in Wikipedia zahlreich vertreten - Listen von Städten, Restaurants, Taschenrechnern, Genkrankheiten, Dämonen, fiktiven Katzen, Gewerkschaften, Bürgerkriegen, Entführungen, Militärbasen, verbotenen Büchern, Indie-Plattenlabels, Schacheröffnungen und Episoden der Serie "Buffy: Der Vampirkiller", um nur einige zu nennen.
Die Artikel in Wikipedia sind über zahlreiche Ordnungsschemata kategorisiert. Auf der Hauptseite finden sich verschiedene Oberkategorien, die man ähnlich einem Web-Katalog wie Yahoo! durchblättern kann. Daneben gibt es einige mehr oder weniger gepflegte alternativen Kategorisierungen, wie z.B. das Schema der Library of Congress. Für die Moderne gibt es für jede Jahreszahl einen eigenen Artikel, in dem sich wiederum Verweise auf relevante Ereignisse befinden. Wweniger gut dokumentierte Zeiten wie das finstere Mittelalter sind dagegen in Jahrzehnte unterteilt. Ein alphabetisches Durchblättern ist natürlich ebenfalls möglich, und auch eine Zufallsanzeige fehlt nicht.
In einem Wiki sind Verweise schnell gesetzt, deshalb befinden sich innerhalb jedes Artikels zahlreiche Links - weitaus mehr als selbst in Multimedia-Enzyklopädien wie Encarta. Existiert der Artikel noch nicht, ist der Link rot, und der Text kann durch Anklicken angelegt werden. Weil manche Artikel unter verschiedenen Namen auftreten können, gibt es sogenannte Weiterleitungen. Folgt man z.B. einem Link auf Chomsky, wird man automatisch weitergeleitet auf den Artikel über Noam Chomsky. Die hohe Zahl von Links führt zum Symptom des Sich-Verlierens, das viele Wikiholiker beschreiben.
Bei der Suchfunktion haben CD-ROM-Enzyklopädien derzeit noch die Nase vorn: Sie verfügen meist über komplexe Abfragemasken und einen schnellen Index. Die Suchfunktion der englischen Wikipedia hat dagegen häufig mit Performance-Problemen zu kämpfen und wird zeitweise gänzlich deaktiviert. Benutzer werden dann an Google verwiesen, wo eine Suche mit einer speziellen Einschränkung auf Wikipedia-Seiten durchgeführt werden kann. Leider indexiert Google jedoch nicht alle Artikel und ist nur begrenzt aktuell. Bei den kleineren fremdsprachigen Wikipedias kann stets die interne Volltextsuche verwendet werden, die immerhin Boolesche Verknüpfungen (AND, OR, AND NOT) unterstützt und gefundene Stichwörter farbig im Kontext hervorhebt.
Fehlerteufel
Wer ein wenig in Wikipedia blättert, stößt hier und da auf störende Kleinigkeiten: ein sinnloser Satz, redundanter Text, eine unglaubhafte Behauptung ohne Quellenangabe, eine stilistisch unpassende Passage in einem langen Text oder gar amateurhaft wirkende Einschübe wie "(stimmt das wirklich?)". Um Wikipedianer zu werden, muss man keinen Kurs belegen: Der Lerneffekt soll langfristig allein durch die Partizipation entstehen. Und selbst wenn Dutzende Benutzer am gleichen Text schreiben, können solche Probleme leicht übersehen werden.
Die schiere Menge an Inhalten zu jedem erdenklichen Thema ist für die meisten Besucher überwältigend, doch von einer einheitlichen Qualität kann keine Rede sein. Das veranlasst viele Journalisten, die über Wikipedia berichten, zu einem einfachen Schnellurteil: ein interessantes Projekt, aber noch lange keine Konkurrenz zu klassischen Nachschlagewerken.
Das Sternbild des Schützen, aus dem Wikipedia-Artikel Sagittarius. Erstellt wurde es für Wikipedia von Torsten Bronger mit der von ihm entwickelten Open-Source-Software PP3
Doch dieses Urteil greift zu kurz. Wikipedia befindet sich eben in einem ständigen Fluss - ein Artikel, der gerade noch völlig in Ordnung war, kann Minuten später von einem anonymen Nutzer komplett umgearbeitet worden sein. Vandalismus wird, wie in Teil 1 beschrieben, meist früh erkannt und rückgängig gemacht. Auch subtile Änderungen können mittels der Differenz-Funktion ihren Autoren zugeordnet und korrigiert werden. Werbe-Einträge werden nicht toleriert und umgehend gelöscht. Entgegen der Intuition ist reine Bosheit das geringste Problem in Wikis - Unwissenheit, Unfähigkeit, ideologisches Denken oder einfache Nachlässigkeit sind problematischer.
Wurde ein Artikel sehr häufig editiert, ist in der Tendenz festzustellen, dass die Fakten besser geprüft wurden als in anderen Texten, aber Vorsicht ist geboten: Gelegentlich kommt es zu sogenannten "Edit-Kriegen", bei denen zwei Benutzer um die Version des Textes streiten und versuchen, ihre Version durch mehrfaches Speichern durchzusetzen. Solches Verhalten ist natürlich verpönt, und wenn ein Sysop davon Kenntnis nimmt, ist er aufgerufen, zu einer Schlichtung beizutragen. Zu diesem Zweck kann er die Seite vorübergehend schützen, d.h., sie ist nicht mehr editierbar, bis die Nutzer sich geeinigt haben. Nur unbeteiligte Dritte dürfen als Schlichter fungieren, denn Sysops agieren innerhalb von Wikipedia nur als Repräsentanten der Benutzergemeinde und haben relativ wenig Entscheidungsfreiraum.
Ein Artikel mit vielen Revisionen kann also einfach ein besonders heiß umkämpfter Text über ein komplexes Thema sein. Ein Beispiel dafür ist der englische Wikipedia-Text über Richard Wagner, der mit über 250 Revisionen zu den am meisten editierten Artikeln überhaupt gehört. Ein Nutzer war der Meinung, dieser Text sollte keine Informationen über Wagners Antisemitismus enthalten - man dürfe einen Menschen, der so wundervolle Kunstwerke geschaffen hat, nicht durch solch unwichtige Details über "Jugendsünden" schmähen. Statt dessen sollte die Angelegenheit, wenn überhaupt, in einem separaten Artikel zusammengefasst werden. Es folgte ein langwieriger Edit-Krieg, der natürlich viele Nutzer abschreckte und dazu führte, dass die oben erwähnten Schlichtungsprozeduren eingeführt wurden. Letztlich wurde der Nutzer wegen anderer Verstöße gegen die Wiki-Etikette verbannt, der Text über Wagner behandelt die Problematik des Antisemitismus erwartungsgemäß ausführlich.
Das höchste Gebot
Wer Wikipedia nicht kennt, mag von solchen Extrembeispielen schockiert sein und erwarten, dass das Projekt voller ideologischer Texte ist, die nur eine Meinung vertreten. Doch davon kann keine Rede sein. Dafür sorgt das philosophische Vermächtnis von Larry Sanger, dem Projektmitbegründer, der im März 2002 seinen Posten als "Herausgeber" aufgab. Sanger entwickelte die Regel des "neutralen Standpunkts" bzw. "neutral point of view", unter Wikipedianern kurz als NPOV bekannt. In der klassischen Wiki-Philosophie gibt es keine Regeln, die eingehalten werden müssen. "Ignore all rules", heißt es deshalb auch noch auf manchen Wikipedia-Seiten. Doch von diesem Grundsatz ist das Projekt längst abgerückt, und die NPOV-Doktrin ist unantastbar. Wer sie wiederholt verletzt, muss damit rechnen, verbannt zu werden: Er kann dann zwar noch Artikel lesen, aber nicht mehr bearbeiten.
NPOV heißt nicht, dass die Autoren selbst keine Meinung haben dürfen. Sie dürfen sie nur nicht fälschlich als die einzig vorhandene oder gar die einzig richtige Meinung repräsentieren. "Ein Artikel sollte nicht behaupten, dass Großunternehmer Verbrecher sind, auch wenn der Autor dies glaubt. Statt dessen sollte er darauf hinweisen, dass einige Menschen dies glauben, was ihre Gründe sind und was die andere Seite denkt", erklärt Wikipedia-Gründer Jimbo Wales. Das gleiche gilt für jeden anderen Standpunkt. Sofern sich aus glaubhaften Quellen belegen lässt, dass eine relevante Zahl von Menschen den Standpunkt vertritt, kann er in einem Artikel zitiert werden. Ein Wikipedia-Artikel wird deshalb selten eindeutige Schlussfolgerungen ziehen. Statt dessen werden meist verschiedene alternative Sichtweisen präsentiert. Stellt sich natürlich in der Diskussion heraus, dass eine bestimmte Argumentation unlogisch oder fehlerhaft ist, so kann dies auch vermerkt werden. Eindeutige Falschinformationen müssen nicht der Neutralität halber weiterverbreitet werden.
Auch Extremismus findet aufgrund der NPOV-Logik nicht automatisch seinen Weg in Artikel. Das scheitert meist schon an der mangelnden Intelligenz der Protagonisten: Nur wenige Rassisten sind in der Lage, ihren Standpunkt in einer NPOV-konformen Weise zu formulieren. Die NPOV-Doktrin besagt weiterhin, dass die Zahl und Reputation derjenigen, die einen Standpunkt vertreten, dafür entscheidend ist, wo dieser Standpunkt wiedergegeben wird. So wurden zum Beispiel die Argumente der Holocaust-Leugner in einen eigenen Artikel ausgelagert. Trotzdem entspricht natürlich auch dieser Artikel dem NPOV und präsentiert Argumente beider Seiten.
Die NPOV-Philosophie ist nichts grundsätzlich Neues - Journalisten folgen ähnlichen Richtlinien, und auch konkurrierende Enzyklopädien bemühen sich um Neutralität. Doch so konsequent verfolgt wie bei Wikipedia wird sie fast nirgendwo. Der Versuch, Argumente aller Seiten zu präsentieren, erfordert bei komplexen Fragen neue Herangehensweisen. In der aktuellen Revision des Artikels über den amerikanischen Drogenkrieg findet sich z.B. ein regelrechter Argumentbaum, der Pro- und Contra-Positionen in Bezug aufeinander wiedergibt. Wer häufig an Diskussionen über bestimmte Themen teilnimmt, findet hier wertvolle Schützenhilfe. Für eine Enzyklopädie ist diese Art der Auseinandersetzung aber außergewöhnlich, und manchen wird sie stilistisch unangemessen vorkommen.
NPOV wirft auch philosophische Fragen auf. Kann man es z.B. jugendlichen Lesern zumuten, offen mit bestimmten Argumenten konfrontiert zu werden oder muss eine Enzyklopädie moralisch Stellung beziehen? Landet Wikipedia womöglich in Deutschland auf dem geheimen Index jugendgefährdender Schriften, weil blasphemischen oder sexuell freizügigen Ansichten nicht zur Genüge Einhalt geboten wird? Während die Amerikaner ihre verfassungsmäßig geschützte Meinungsfreiheit genießen, müssen die deutschen Wikipedianer hoffen, dass nicht der ein oder andere Regierungspräsident von dem Projekt Kenntnis nimmt ..
Quellensuche
Klassische Enzyklopädien verzichten häufig auf genaue Quellenangaben. Bibliographien sind zwar bei größeren Texten meist vorhanden, doch die hohe Reputation einer Encyclopaedia Britannica erlaubt es dem Leser, sie als Sekundärquelle zu zitieren. Wikipedia kann in der jetzigen Form diese Reputation kaum erreichen und muss deshalb Quellenbelege für wesentliche Faktenaussagen liefern. Verweise auf gedruckte Quellen sind in der Praxis eher die Ausnahme, die meisten Wikipedianer nutzen das Web zu Recherchezwecken. Das muss nicht schlecht sein, denn zahlreiche hochwertige Publikationen sind im Volltext im Web zu finden. So finden sich in manchem Artikel (Beispiel: Sex Education ) Links direkt auf Studien im "British Medical Journal", im "Cancer Journal" oder anderen renommierten Fachzeitschriften.
Die zunehmende Verfügbarkeit wissenschaftlicher Arbeiten im Netz ( Free Online Scholarship) wird diesen Trend sicher noch verstärken. Besonders geeignet für Enzyklopädie-Artikel sind dabei sogenannte Meta-Analysen, die Studien zu einer Fragestellung zusammenfassen und auch methodologisch bewerten. Der NPOV stellt sicher, dass bei kontroversen Themen wie Homöopathie nicht einseitig Studien ausgewählt werden dürfen, die eine bestimmte Sichtweise unterstützen.
Dieses Foto illustriert den Artikel Vegetarianism. Produziert wurde es im Auftrag des US Agricultural Research Service, einer Regierungseinrichtung. In den USA sind im öffentlichen Auftrag erstellte Informationen aller Art Eigentum der Allgemeinheit und dürfen - auch international - für beliebige Zwecke verwendet werden. Wikipedia bedient sich aus diesem reichhaltigen Fundus.
Zweifellos enthält Wikipedia mehr ausgewählte Weblinks als jede andere Enzyklopädie. Während Encarta & Co. meist auf komplette Sites zu einem bestimmten Thema verweisen, zeigen Wikipedia-Artikel auch auf Online-Papers, News-Artikel, Weblog-Einträge, Usenet-Postings usw. Erscheint ein Link nicht glaubhaft, wird er entfernt, zeigt er auf eine ideologisch motivierte Website, wird häufig ein entsprechender Hinweis hinzugefügt (Beispiel: Global Warming] - die über 20 Links sind in 6 Kategorien aufgeteilt).
An Fotos und Illustrationen mangelt es Wikipedia ebenfalls nicht. Viele Wikipedianer gehen selbst auf Motivsuche und stellen ihre Bilder unter den Bedingungen der FDL oder völlig lizenzfrei zur Verfügung. Auch Karten, Diagramme und andere Illustrationen werden schon einmal ad hoc erstellt. Daneben gibt es noch Bilder und Fotos, die nicht urheberrechtlich geschützt sind. Das sind zum einen Gemälde oder Veröffentlichungen, deren Schutz abgelaufen ist (70 Jahre nach dem Tod des Autors). Zum anderen gibt es aber auch Bildersammlungen, die frei zur Verfügung gestellt wurden - entweder, weil die Urheber es so wollten oder, was bedeutender ist, weil sie im Auftrag der amerikanischen Regierung erstellt wurden. Veröffentlichungen der Regierung müssen in den USA der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, so dass die riesigen Archive der NASA, der Forst- und Landwirtschaftsbehörden, des Militärs usw. frei nutzbar sind. Dabei handelt es sich oftmals um hochprofessionelle Fotografien. Um die Recherche zu vereinfachen, gibt es eine Liste der entsprechenden Archive.
Ähnliches gilt für Deutschland nicht, und auch sonst bereitet das Urheberrecht Schwierigkeiten. Viele Museen haben zum Beispiel strikte Richtlinien gegen das Fotografieren bestimmter oder gar aller Ausstellungsstücke und bestehen auf der Nutzung eines kostenpflichtigen Reproduktions-Services, oft in Verbindung mit einem stark eingeschränkten Nutzungsabkommen. Ob das bei Kunstwerken, deren Inhalt längst nicht mehr geschützt ist, überhaupt legal ist, sei dahingestellt. Praktiziert wird es dennoch, teilweise mit der Rechtfertigung, die Digitalisierung selbst stelle einen Schöpfungsakt dar und sei deshalb schützenswert. Auf politische Reformen in diesen Bereich zu hoffen heißt, den verantwortlichen Politikern einen hohen Grad von Intelligenz, Wissen und Integrität zuzuschreiben.
Professoren und Teenager
Bei Wikipedia kann jeder mitmachen, doch eine offene Enzyklopädie zieht vorwiegend Menschen mit akademischem Hintergrund an. Informatiker sind zahlreich vertreten, was wohl damit zusammenhängt, dass Wikipedia bereits eine hohe Penetration in Internetmedien wie Weblogs und Diskussionsforen hat. Doch Biologen, Mathematiker, Historiker, Juristen, Musiker, Linguisten und Experten oder Amateure aus zahllosen anderen Disziplinen sind ebenfalls an dem Projekt beteiligt. An fachlich qualifizierten Mitarbeitern herrscht bei den über 10.000 registrierten Nutzern kein Mangel, viele davon könnten wohl ohne Weiteres einen Job bei der Encarta- oder Britannica-Redaktion bekommen.
Was motiviert diese Menschen? Menschen wie Axel Boldt, Mathematikprofessor an der Metropolitan State University in Saint Paul, Minnesota und einer der aktivsten Wikipedianer. Oder Jani Melik, CAD-Designer und abgebrochener Physik- und Astronomie-Student aus Celje in Slowenien. David Wheeler, Software-Designer und Buchautor aus Virginia, USA, und Verfasser mehrerer Studien über Open-Source-Software. Oder James Duffy, Historiker und Politologe aus dem irischen Dublin. "Es gibt verdammt viele intelligente Leute auf Wikipedia, und ich empfinde es als intellektuelle Herausforderung, dabei zu sein", meint Duffy, der in einem Monat über 400 Euro an die irische Telefongesellschaft für seinen "Wikiholismus" bezahlt hat und auch schon mal beim Buckingham-Palast anruft, um dort zu erfahren, wie die stilistisch korrekte Titulierung der Mitglieder des britischen Königshauses lautet. "Ein paar von uns haben über einen Monat daran gearbeitet, und heute gehören die Informationen über die Royals zu den akkuratesten im Internet."
Dabei ist Ruhm und Ehre zumindest für Duffy nur eine sekundäre Motivation. "Zu wissen, was Du geleistet hast, ist oft wichtiger, als dafür gelobt zu werden. Als aber zum Beispiel mein Artikel über das Irische Parlamentgebäude auf der Seite der besten Artikel eingetragen wurde, war ich hocherfreut, insbesondere, da ich auch die Fotos dafür gemacht hatte." Immerhin wird in der Artikelhistorie der Beitrag jedes Autors für die Ewigkeit festgehalten.
Unter den Wikipedianern gibt es auch Jugendliche wie den 14jährigen Daniel Ehrenberg aus Rochester, New York, Linux-Benutzer und Esperanto-Fan, der über fast alle Themenbereiche schreibt und vergeblich versucht, seine Klassenkameraden von dem Projekt zu begeistern. Es gibt Couch-Potatoes, die alles über ihre Lieblings-Fernsehserien sammeln. Rentner, die ihre besten Fotos scannen und in passenden Wikipedia-Artikeln veröffentlichen. Und natürlich auch viele, die aus Eitelkeit einen Enzyklopädie-Artikel über ihr eigenes Projekt schreiben möchten, sei es eine Band, ein Online-Rollenspiel oder eine Kunstausstellung. In diesem Fall wird häufig ein sogenannter "Google-Test" durchgeführt - lassen sich die Informationen nicht aus glaubwürdigen Quellen nachvollziehen, werden sie zusammengestutzt oder gelöscht.
Auch viele religiöse Menschen arbeiten an der Enzyklopädie mit. Die Heiligen des Katholizismus werden von entsprechenden Anhängern ähnlich eifrig eingetragen wie die verschiedenen Figuren aus dem Star-Trek-Universum von dessen Fans. Dass dabei der NPOV mitunter zu kurz kommt, versteht sich, insbesondere wenn gleich ganze Artikel aus der 1908er Catholic Encyclopedia übernommen werden, die frei verfügbar ist.
Alle gegen Brockhaus
Qualitätsvergleich
Jagd nach Diamanten
Die CIA, Gedankenkontrolle und die Illuminaten
Wiki-News und Wiki-Sex
Wikipedia funktioniert - Schlussfolgerungen
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/14802/1.html
KISSINGER SIEHT EINEN BRUCH ZWISCHEN EU UND USA:
Henry A. Kissinger im ALBUM-Interview: Der Bruch muss vermieden werden
Ohne eine gute Allianz des Westens werde die Gestaltung der nächsten fünf Jahre noch viel schwieriger - US-Außenminister Henry A. Kissinger im Gespräch mit Waltraud Kaserer
Das Interview erschien, ebenfalls in einer autorisierten Fassung, in der "Welt am Sonntag". © 2003 WamS.
Keine Eminenz in den USA ist grauer und zugleich eminenter als Henry Kissinger. 1923 im fränkischen Fürth geboren, 1938 in die USA ausgewandert, absolvierte er eine fulminante Laufbahn, von Harvard über die Camelot-Tage am Hofe Kennedys bis zu seiner Zeit als Berater unter Nixon. 1973 bis 1977 war er Außenminister. Ins erste Jahr dieses Amtes fielen sowohl der Coup gegen Allende in Chile als auch die Verleihung des Friedensnobelpreises an Kissinger (für seine Rolle im Waffenstillstandsabkommen zwischen Nordvietnam und den USA).
Heute betreibt der von Freunden wie Gegnern als Realpolitiker par excellence bezeichnete Kissinger eine Beratungsgesellschaft für internationale Unternehmen. Sie war einer der Gründe, warum er im vergangenen Dezember nach zwei Wochen den Vorsitz einer Kommission zurücklegte, die das Versagen der Geheimdienste bei 9/11 untersuchen sollte: Zu viele Interessenkonflikte wurden befürchtet.
***
Kaserer: Mr. Kissinger, der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat vor kurzem geschrieben, die USA hätten wegen des Präventivschlags gegen den Irak ihre normative Autorität in der Welt verloren. Stimmen Sie dem zu?
Kissinger: Ich respektiere Jürgen Habermas sehr. Aber diese Kritik berücksichtigt nicht die vorherrschende Tatsache unserer Zeit: den Wechsel von einem internationalen System, das mit dem Westfälischen Frieden geschaffen wurde, zu einem neuen System, das gerade heranreift. Die Prinzipien des Westfälischen Friedens basierten auf der Souveränität von Staaten und definierten das Überschreiten internationaler Grenzen durch organisierte Einheiten als Aggression. Aber der 11. September brachte mit der Privatisierung der Außenpolitik durch Nichtregierungsgruppen, die heimlich oder direkt von traditionellen Staaten unterstützt werden, eine neue Herausforderung. Und durch die Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen droht die globale Verwüstung.
Kaserer: Aber wo ist da die Verbindung zum Irak?
Kissinger: Diejenigen, die unsere politischen Entscheidungen fällen, sehen in der Weitergabe von Massenvernichtungswaffen eine Verbindung mit dem Thema des Terrorismus in der Region, von der die Attacken des 11. September ausgingen. Verstandesmäßig stimme ich dem zu. Dies sind beides Probleme, die in gewisser Weise nach präventiven Lösungen verlangten, weil man nicht auf einen tatsächlichen Akt der Aggression warten kann.
Kaserer: Sie meinen einen Präventivschlag?
Kissinger: Nur in dem Sinne, dass man mit der Bedrohung fertig werden muss, bevor sie eingetreten ist. Aber ich bin nicht damit einverstanden, dass eine einzige Nation auf lange Sicht die Art der Bedrohung und das Ausmaß der Prävention definieren darf. Deshalb sollte es eine Diskussion zwischen Amerika und insbesondere unseren Alliierten sowie anderen Ländern geben, nach welchen Prinzipien Prävention gerechtfertigt und plausibel ist.
Kaserer: Kann man durch Krieg Frieden schaffen?
Kissinger: Das hängt davon ab, was Sie unter Frieden verstehen. Die Idee eines Friedens ohne Spannungen ist ein philosophisches Konstrukt, das in der ganzen Geschichte nie real vorkam. Aber gab es Friedensperioden, die durch Kriege zustande kamen? Nach den Napoleonischen Kriegen gab es über 100 Jahre lang keine größeren Kriege. Kann ein Krieg alle Probleme lösen? Nein. Aber darum ging es im Fall des Irak auch nicht. Kann der Krieg überhaupt etwas lösen? Deutschland weiß aus seiner eigenen Geschichte, dass Kriege viele Veränderungen bringen, sei es zum Guten oder zum Schlechten.
Kaserer: War es richtig, dass die USA den Krieg gegen den Irak ohne UN-Mandat begannen?
Kissinger: Grundsätzlich habe ich die Bush-Regierung beim Krieg gegen den Irak unterstützt. Die meisten Krisen des Kalten Krieges - zum Beispiel wegen Berlin - wurden ohne UN-Mandat bewältigt. Nur zwei Kriege seit dem Zweiten Weltkrieg hatten ein Mandat des Sicherheitsrats, wobei eines von ihnen aus dem Zufall eines sowjetischen Boykotts des Sicherheitsrats resultierte.
Kaserer: Für die von Ihnen angeführten Punkte gibt es nicht viele Belege im Irak. Bisher wurden keine Massenvernichtungswaffen gefunden, und die Verbindungen zu Al-Kaida sind sehr dürftig.
Kissinger: Ich habe mit Geheimdienstlern aus den USA und Großbritannien, auch solchen ehemaliger US-Regierungen gesprochen. Niemand stellt in Zweifel, dass es dort Massenvernichtungswaffen gibt. Ich habe nie von einem Gegenbeweis zu den Informationsgrundlagen gehört, die das Handeln des Präsidenten bestimmten und wegen denen Präsident Clinton 1998 beinahe in den Krieg gezogen wäre.
Kaserer: Die USA haben im Krieg gegen den Irak gesiegt, aber werden sie auch den Frieden gewinnen?
Kissinger: Frieden ist ein relativer Begriff. Es wird gewiss Verbesserungen gegenüber der Situation unter Saddam geben. Das wird sehr schwierig, und es wäre mit besseren transatlantischen Beziehungen leichter.
Kaserer: Was sind die gravierendsten Probleme?
Kissinger: Stabilität zu erreichen, eine Regierung zu bekommen, die die Ordnung wieder herstellt und zugleich die Verantwortung an die Bevölkerungsmehrheit abgibt. Angesichts der verschiedenen Nationalitäten und Religionen ist das nur sehr schwer zu bewerkstelligen.
Kaserer: Sie würden nicht mit den UN direkt oder dem Sicherheitsrat zusammenarbeiten?
Kissinger: Solange die Verbündeten so geteilter Meinung sind, würde der Prozess im Sicherheitsrat sie nur wieder auseinander dividieren. Meiner Ansicht nach wäre das für niemanden gut, sondern würde wieder zu einem potenziellen Auseinanderbrechen der westlichen Allianz führen. Ich glaube dagegen, dass ein Bruch vermieden werden sollte.
Kaserer: Glauben Sie, dass die Situation im palästinensisch-israelischen Konflikt zurzeit der Situation nach dem ersten Golfkrieg ähnelt? Wird dies der Beginn eines neuen Friedensprozesses sein wie vor fast zehn Jahren in Madrid und Oslo?
Kissinger: Heute ist es anders. Ein Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern kann und wird beginnen. Beide Seiten haben unter der Intifada genug gelitten; das ist ein Anreiz für Verhandlungen. Das große Problem besteht darin, wie man den Prozess in Gang bringt. In der Vergangenheit hätte ich eher begrenzte Schritte einem umfassenden Schema wie dem Friedensfahrplan vorgezogen. Aber ich möchte das nicht präjudizieren, bevor die Verhandlungen überhaupt begonnen haben.
Kaserer: Zu den Hauptzielen Ihrer Außenpolitik gehörten "stabile" und nicht unbedingt demokratische Länder.
Kissinger: Das ist mehr als eine grobe Vereinfachung. Es gibt Grenzen für das, was irgendein Land tun kann, um die Welt zu verändern. Insbesondere sollte es sich mit Versuchen zurückhalten, in die inneren Verhältnisse anderer Staaten einzugreifen. Es gibt Extremsituationen, wo wir das machen sollten. Ich habe beispielsweise die Intervention in Bosnien unterstützt. Und ich hätte auch eine Intervention in Ruanda unterstützt. Auf der anderen Seite kann es keinen wirklichen Fortschritt ohne Stabilität geben. Je stärker die Ordnung zerstört ist, desto mehr Gewalt muss man einsetzen, um irgendeine Ordnung wieder herzustellen. Für mich sind Stabilität und Fortschritt keine Gegensätze. Eines ist gewiss: Wir befinden uns in einer Periode außergewöhnlicher globaler Veränderungen.
Kaserer: Bedeutet das eine neue Weltordnung?
Kissinger: In allen Zeiten herrscht ein internationales System, das eine Art von Weltordnung repräsentiert. Die Welt befindet sich nun in einem Prozess des Aufbaus einer neuen Ordnung. Sie entwächst dem Zusammenbruch des Kommunismus, den Massenvernichtungswaffen, der Privatisierung der Außenpolitik, der Globalisierung der Wirtschaft und der Kluft zwischen ökonomischer und politischer Globalisierung.
Kaserer: Was meinen Sie mit Privatisierung der Außenpolitik?
Kissinger: Die Terroristengruppen sind im Wesentlichen private Gruppen und keine Regierungsorganisationen. Sie werden zwar von Staaten finanziert, aber ihre Ziele sind nicht mit denen dieser Staaten identisch. Einige Prinzipien der Außenpolitik lassen sich nicht auf sie anwenden. Abschreckung funktioniert nicht bei Gruppen, die nichts zu verteidigen haben. Diplomatie funktioniert nicht bei Gruppen, die keine Kompromisse eingehen. Deshalb können auch die Prinzipien des Westfälischen Friedens nicht funktionieren, wenn man es mit privaten Gruppen, die eine revolutionäre Außenpolitik betreiben, oder mit einer Bedrohung solchen Ausmaßes zu tun hat, dass man nicht warten darf, bis die Bedrohung real wird. Man muss nach Einschätzung der Bedrohung handeln. Dies ist ein Problem, dem sich die Welt in Nordkorea und fast sicher auch bei anderen Staaten gegenübersehen wird.
Kaserer: Wie tangiert die neue Weltordnung die amerikanische Außenpolitik?
Kissinger: Wir werden, wie jedes andere Land, in den nächsten fünf Jahren zweifellos bedeutsame Debatten über die Außenpolitik führen müssen. In Europa, insbesondere in Deutschland und Frankreich, wird die Ansicht vertreten, Amerika habe eine Art illegitime Regierung, mit der man nicht kommunizieren könne. Das ist falsch. Es muss einen ernsthaften Dialog mit demjenigen geben, der tatsächlich die amerikanische Außenpolitik bestimmt, und das ist zufällig der Präsident.
Kaserer: Von Deutschland und Frankreich angeschoben?
Kissinger: Nach dem, was passiert ist, wäre es meiner Ansicht nach hilfreich, wenn die erste Anstrengung - oder zumindest eine symbolische Anstrengung - von Deutschland und Frankreich ausginge. Aber die USA sollten auch konstruktiv und großmütig darauf reagieren. Die Allianz fällt ohne diese Bemühung auseinander. Die westliche Welt, die große Zivilisationsleistungen vollbracht hat, wäre dann organisch am Ende. Sie hätte sich selbst durch interne Rivalitäten zerstört. Die Frage lautet: Findet die westliche Zivilisation eine gemeinsame Definition der Welt, in der sie selbst existiert, und der Chancen und Gefahren, mit denen sie konfrontiert ist?
Kaserer: Und die Antwort lautet?
Kissinger: Wegen des aktuellen Zustands könnte man einen negativen Standpunkt einnehmen. Ich mag das aber nicht akzeptieren. Ich hoffe, dass wir einen Dialog über Themen wie Weitergabe von Waffen, Globalisierung und Terrorismus haben werden. Wir müssen zu gemeinsamen Positionen kommen. Wir werden nicht immer identische Meinungen haben. Ich war extrem beunruhigt über das, was in den letzten Monaten geschah. Meine Generation glaubte an die atlantische Welt. Jetzt droht sie auseinander zu fallen. Zurzeit definiert sich ein Großteil der EU-Politik darüber, Strukturen zu schaffen, die die USA herausfordern.
Kaserer: Haben die Probleme nur etwas mit Kommunikation zu tun oder auch mit unterschiedlichen Philosophien?
Kissinger: Zum Teil ist es die Philosophie. Es hat vor allem zu viele Spielereien mit kurzfristigen Meinungen gegeben. Je mehr man jetzt die unterschiedlichen Ansichten von Deutschland und Amerika betont, desto schwieriger wird es, einen Weg zurück zu konstruktiven Beziehungen zu finden.
Kaserer: Welche Rolle spielt Russland in all dem?
Kissinger: Russland sollte als ein konstruktiver Partner im internationalen System willkommen geheißen werden. Ich würde es vorziehen, wenn die traditionelle transatlantische Gruppe zu einem gewissen Einverständnis käme und dann Russland dazu bäte. Am schlechtesten wäre es, wenn man Russland ermutigte, eine Politik des Machtgleichgewichts innerhalb der westlichen Welt zu spielen. Das könnte den traditionellen russischen Nationalismus wiederbeleben, der mit zum russischen Desaster führte. Es ist besser für Russland, in bestehende Strukturen einzutreten, als zu versuchen, sich seinen Weg durch die Lücken zwischen den vorhandenen Institutionen zu erzwingen.
Kaserer: Die Europäische Union wird demnächst einen Außenminister haben. Ist das die eine Telefonnummer, die Sie schon immer gerne haben wollten?
Kissinger: Vom technischen Standpunkt her, ja. Aber es wird vom Inhalt dieser europäischen Außenpolitik abhängen. [](DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.5.2003)
http://www.uibk.ac.at/c/cd/cd04/fsg/texte/serie_steuern.pdf
Der Staat und das Budgetdefizit
Wenn über das Budget oder Budgetpolitik diskutiert wird, geht es in erster Linie um Umverteilungseffekte. In diesem Artikel soll es mehr um jene Institution gehen, die die Budgeterstellung bzw. die gesamte Finanzaufbringung erst möglich macht - um den Staat. Die zentralen Fragen dabei sind: "Wie handelt er?" und "Wieso handelt er wie er handelt?"
Was ist der Staat?
Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen MarxistInnen und allen anderen Strömungen in der Arbeiterbewegung ist die Einschätzung des Staates. Die unterschiedlichen Analysen des Staates drücken sich auch und ganz besonders in der Budgetdebatte aus. Die Sozialdemokratie und reformistische Strömungen im allgemeinen sprechen dem Staat den Klassencharakter ab. Ihrer Auffassung nach ist der Staat prinzipiell neutral und als Schiedsrichter im Klassenkampf (so fern man nicht auch schon diese Realität leugnet) zu gebrauchen. In weiterer Folge gilt es ihn für progressive Zwecke nutzbar zu machen. Das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft oder der berühmte "Marsch durch die Institutionen", um staatliche Strukturen von innen heraus zu verändern, sind nur zwei unterschiedliche Ausflüsse dieser Theorie.
MarxistInnen sehen das etwas anders. Friedrich Engels hat den Staat einmal als eine Formation bezeichnet, die in letzter Instanz aus bewaffneten Menschen" besteht - bewaffnet um gewisse Interessen, die der jeweils politisch und ökonomisch Herrschenden, zu verteidigen. Der Staat ist keine unabhängige, außerhalb der Gesellschaft entstandene Struktur sondern er ist ein Produkt der Gesellschaft. Wie staatliche Strukturen letztlich aussehen, hängt entscheidend von der ökonomischen Basis ab. Die grundlegende Aufgabe des bürgerliche Staates ist der Schutz des Privateigentums. Das kann auf unterschiedliche Art und Weise geschehen. Es gibt daher nicht nur Unterscheidungen zwischen dem feudalistischen bzw. absolutistischen Staat und dem kapitalistischen, sondern auch Unterschiede und Veränderungen innerhalb des kapitalistischen Staates selbst.
Wenn wir die Problematik Budget/Staatsverschuldung behandeln, reicht es aber nicht aus, den Staat als "Formation bewaffneter Menschen" zu sehen. Wir müssen dabei vor allem auch seine zentrale Rolle in der kapitalistischen Akkumulation betrachten.
Der Staat und die Akkumulation
Diese Aufgabe des Staates – den kapitalistischen Produktionsprozess voran zu treiben - ist nicht neues - sie gilt bereits für vorkapitalistische Gesellschaften - so z.B. für den Staat in der "Asiatischen Produktionsweise", der Bewässerungsanlagen und Kanäle finanzierte und instandhielt oder das Rom der Spätantike, das die Sicherung des Transports der Nahrungsmittelvorräte gewährleistete. Das Gleiche gilt für den absolutistischen Staat. Er spielte eine unverzichtbare Rolle in der ursprünglichen Akkumulation, und zwar durch folgende Maßnahmen:
Als Großabnehmer industrieller Produkte (vor allem für die Textilfabrikanten war das von zentraler Bedeutung, schließlich musste die neugeschaffene Armee versorgt werden), durch Anlagemöglichkeiten für Kapital in Form von Staatspapieren, durch Militär- und Kolonialpolitik, durch merkantilistische Wirtschaftspolitik (Schutz des nationalen Kapitals durch Zölle etc.), durch staatliche Förderungen des Manufaktursystems, durch die gesetzliche Ausdehnung des Normalarbeitstages, durch die Sicherung eines stabilen Geldsystems u.v.m.
Eine wichtige Unterscheidung zwischen Kapitalismus und anderen Gesellschaftssystemen ist, dass sich ersterer nicht auf außerökonomische Zwangsverhältnisse gründet sondern auf ökonomische Abhängigkeiten. Darum ist der klassische Staat des expandierenden, vorimperalistischen Kapitals eher schwach. Es kommt zu einem Abbau der staatlichen Intervention in die Wirtschaft. Eine Ausnahme bildet die Infrastruktur.
In der Geschichte des Kapitalismus kann man eine Tendenz festhalten: Die Macht und die Aufgaben des Staates wachsen stetig (mit außerordentlichen Höhepunkten durch Krieg und Faschismus). Die Überbaustrukturen fressen immer mehr Mehrwert und haben die Tendenz sich bis zu einem gewissen Grad zu verselbstständigen (ein Phänomen, welches man in der Geschichte auch bei anderen Gesellschaftsformen beobachten kann). Sie werden dabei gleichzeitig eine Grundbedingung und ein Hemmnis für die Weiterentwicklung der Produktivkräfte. Die Tätigkeit des Staates dehnt sich jedenfalls aus und wird zusehends komplexer. Beide großen bürgerlichen ökonomischen Theorien, Neoliberalismus und Keynesianismus, erkennen diese Tendenz vollständig an - bei beiden kommt es zu keinem Abbau der Staatsfunktionen.
Die Budgetproblematik
Trotz gegenteiliger Propaganda kommt es bei der Reduktion der Defizite nicht zu einer Reduzierung der Aufgaben des Staates. In den meisten Fällen gibt es nur eine Verschiebung der Ausgaben. Trotzdem lautet das Ziel weltweit gesunde Finanzen - dieses Ziel ist nicht völlig willkürlich (auch wenn die österreichische Variante "Nulldefizit" nicht zuletzt ein Marketinggag ist), sondern spiegelt reale Tendenzen im Kapitalismus wider - einerseits die Internationalisierung und andererseits die steigende Bedeutung des Finanzkapitals. Damit ist nicht irgendein Flügel des Kapitals, vielleicht im Gegensatz zum Realkapital, gemeint, sondern die Notwendigkeit der Kapitalbesitzer immer mehr Kapital auf den aufgrund der sinkenden Profitraten in der "Realwirtschaft" Finanzmärkten anzulegen.
Das Kapital tendiert nicht zuletzt aufgrund der Verwertungsschwierigkeiten im jeweiligen Heimatland zu Aktivitäten auf den internationalen Märkten. Das Exportkapital (vor allem der starken Länder, wie z.B. Deutschland) hat ein Interesse an relativ stabilen Wechselkursen - dadurch sollen unliebsame Abwertungen, die die Exporte gefährden verhindert werden. Ein Mittel, um das zu erreichen, sind "gesunde Finanzen" und nicht zuletzt ein System fixer Wechselkurse - wie im Euroraum.
Riesige Mengen an Kapital sind an den Finanzmärkten angelegt. Spekulatives Kapital spielt dabei eine Rolle und sorgt für die dementsprechende Instabilität. Die Mehrheit des "Finanzkapitals" sucht aber nicht, oder nicht nur, kurzfristige Währungsspekulationsgewinne, sondern hat ein gewisses Interesse an Stabilität. Eine wichtige Anlagemöglichkeit sind Staatsanleihen zur Finanzierung Staaten ihre Defizite. So halten japanische Anleger 5% der Staatsschulden der USA. In diesem Zusammenhang muss auch auf die Gegnerschaft Euro-Dollar-Yen verwiesen werden. Die USA kann ihr Handelsbilanzdefizit nur deshalb finanzieren, weil ausländische Anleger bereit sind Dollar zu halten, sollten sich Euro oder Yen als interessantere Anlagemöglichkeit herausstellen, gibt das gewaltige Probleme für die USA. Die US-Finanzpolitik wandelt daher auf einem schmalen Grad. Einerseits will man keinen zu schwachen Euro oder Yen um die Stabilität der Weltwirtschaft nicht zu gefährden - zu stark sollten sie aber auch nicht werden. Diese Anleger haben im Regelfall kein Interesse an Inflation und an Währungszusammenbrüchen. Es ist schließlich auch ihr Kapital, das dabei entwertet wird, auch wenn der IWF versucht in ihren Sinne zu intervenieren. Die großen imperialistischen Länder halten sich Satelliten, wo sie ihren Kapitalüberschuss ohne all zu großes Risiko anlegen können. Deutschland hat den Euro-Raum, Japan hat (hatte) Südostasien, und die USA haben Lateinamerika, wo in einigen Ländern der Dollar bereits die offizielle Währung ist - in der Hoffnung dadurch zukünftige Währungskrisen zu verhindern.
Das Weltwirtschaftssystem ist voller Widersprüche - das "Management" dieser Widersprüche ist ohne den zentralen Einfluss der einzelnen Staaten nicht möglich. Das heißt, auch das Finanzkapital braucht den Staat!
Auf nationaler und internationaler Ebene ist die Rolle des Staates so groß wie noch nie in Friedenszeiten!
Die Rolle des Staates muss vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen werden. Der lange Nachkriegsaufschwung neigte sich Ende der 60er Jahre dem Ende zu. Das manifestierte sich in sinkenden Profitraten. Während sie in den 50er und 60er Jahren noch etwa 20% betragen fallen sie in den 70er Jahren auf rund 13%. Obwohl diese bis heute natürlich nicht kontinuierlich fielen, ist doch eindeutig eine Tendenz nach unten fest zu stellen. Selbst in Hochkonjunkturen können die hohen Profiraten der "Goldenen Ära" des Kapitalismus in den 50er und 60er Jahren nicht mehr erreicht werden. Es versteht sich von selbst, dass die Anforderungen, die von den Kapitaleignern an den Staat gestellt werden, in einer Krisensituation steigen. Heute kann man von einer strukturellen Krise des Kapitalismus sprechen (im Gegensatz zu einer zyklischen) – das bewirkt, dass die Staatsaufgaben nicht nur konjunkturell sondern dauerhaft vergrößert werden. Das stellt den bürgerlichen Staate in erster Linie vor finanzielle Probleme.
Der Staat ist in allen wichtigen Industrieländern trotz verzweifelter Einsparungsmaßnahmen de facto bankrott. In Deutschland belaufen sich die Staatschulden auf 2.300 Mrd. DM (ergibt 134 Mrd. DM Zinsen im Jahr, der österreichische Staat zahlt zwischen 90 -100 Mrd. öS an Zinsen). In Deutschland machten Zinszahlungen 1952 1% der Gesamtausgaben des Bundeshaushaltes aus. 1997 waren es bereits 22%. Für diesen Bankrott gibt es im wesentlichen zwei gängige Erklärungen:
Die Erklärung der Gewerkschaften: Hauptursache sei die Steuerpolitik im Interesse der Unternehmer. Geld ist prinzipiell genug da. Es muss nur für staatliche Infrastrukturprogramme und zur Stärkung der Binnennachfrage ausgegeben werden - eine richtige Politik könnte das erreichen.
Die Erklärung des Kapital: durch Abgaben und Gewinnsteuern, die für den Sozialstaat verwendet werden, werden Investitionen erdrückt - dadurch kommt es zu einer Schwächung der Wirtschaft.
Beide Erklärungen beinhalten richtige Elemente - sie bleiben aber doch im politischen und damit an der Oberfläche hängen.
Staatlichen Reaktionen auf die fallenden Profitraten
Eine wichtige, weltweit angewandte Strategie ist die Senkung der Gewinnsteuer. Das führt de facto zu einer Abschaffung der Steuerprogression. Exemplarisch seien hier Deutschland und Österreich erwähnt – ähnliches Entwicklungen wird man aber auch für alle anderen Industriestaaten finden. Der Anteil der Gewinnsteuern am Gesamtsteueraufkommen in Deutschland betrug 1950 - 22,2%, 1960 - 32,6% und 1998 - 12,3%. In Österreich hat sich der Anteil der Gewinnsteuern am Gesamtsteueraufkommen seit 1970 halbiert.
Diese Steuersätze verbergen nichtversteuerte Gewinne (und die existieren reichlich) und staatliche Rückflüsse an das Kapital. In Deutschland gab es 1997 "Transfers zur Förderung unternehmerischer Aktivität" (also Subventionen für Unternehmen) in der Höhe von 184 Mrd. DM. Allgemein kann man sagen, dass die Transfers des Staates an die Unternehmer im Regelfall höher sind als die Rückflüsse aus der Gewinnsteuer. Das heißt in seiner Gesamtheit zahlt das Kapital in den fortgeschrittenen Industriestaaten keine Steuern!
Staatliche Subventionen haben aber nicht nur den Sinn, dem Fall der Profitrate entgegenzuwirken. Es geht vor allem auch um die permanente Abschwächung des Wertgesetztes, d.h. dass das Kapital immer in den Sektor investiert wird wo die Profitrate über der Durchschnittsprofitrate liegt. Um Kapital in jenen Sektoren zu halten, die aus Unternehmersicht nicht profitbringend genug sind, wird subventioniert. Das gilt zum Beispiel teilweise für den Bergbau, die Werftindustrie in Deutschland oder die Landwirtschaft. Fest zu stellen ist aber, dass diese Subventionen den Niedergang nicht aufhalten - sie sorgen nur für geordnete Verhältnisse beim Kapitalsrückzug und verhindern dadurch potentielle Verluste für die Kapitalbesitzer. Folglich sind diese Subventionen keine ungerechtfertigte Subventionierung der Löhne, sondern eine Profitsubventionen. Durch die Subventionen sollen auch soziale Verwerfungen, die durch ein ungehindertes Wüten des Wertgesetzes entstehen würden, verhindert werden. Das Prinzip ist also denkbar einfach und allgemeingültig für den Kapitalismus: Gewinne werden privatisiert, Verluste und soziale kosten werden sozialisiert.
Subventionen gibt es aber nicht nur in niedergehenden Industrien. Im Gegenteil, ohne Subventionierung gäbe es keine Weiterentwicklung der Produktivkräfte. Technische Entwicklungen wären ohne staatliche Subventionen auf privatwirtschaftlicher Basis nicht möglich. Vor allem und gerade im High-Tech Bereich. Investitionsförderung ist generell die Normalität. Wobei vom Kapital die Förderung von Investitionen verlangt wird, ohne dass wirklich investiert wird.
Ankurbelung der Nachfrage und des Wachstums durch Staatsverschuldung
Das funktioniert in erster Linie über den Sozialstaat. Der ist ein durchaus widersprüchliches Wesen, was bereits aus seiner geschichtlichen Entstehung heraus resultiert. Einerseits gab es ein Interesse der herrschenden Eliten ein gewisses Mindestmaß an sozialen Standards zu gewährleisten, einfach um die Reproduktion der Arbeitskräfte zu sichern, andererseits war es auch der Versuch die stärker werdende und sich teilweise radikalisierende Arbeiterbewegung in das bürgerlich-kapitalisitische System zu integrieren. Nach dem 1.Weltkrieg war der Sozialstaat nicht zuletzt ein Produkt der revolutionären Bewegungen in ganz Europa. Nach dem 2.Weltkrieg. war es der Wirtschaftsaufschwung, der sozialstaatliche Leistungen möglich machte.
Der Sozialstaat hat aber immer auch eine andere Funktion: Der Staat agiert dabei ganz im Sinne eines "ideellen Gesamtkapitalist", er übernimmt die Aufgabe Nachfrage zu schaffen, da die Einzelkapitalisten dazu nicht nur nicht in der Lage sind, sondern die Nachfrage durch Lohnkürzungen, Arbeitslosigkeit etc. permanent beschränken. Dieser Mechanismus wirkte auch im Nachkriegsaufschwung, aber ganz besonders in Krisen. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich kam es in den Krisenjahren 1973-75 zum Ausbau sozialstaatlicher Leistungen. Wobei das ein "besonderer" Keynesianismus war. Er wurde nicht aus höheren Gewinnsteuern finanziert sondern einerseits durch gestiegene Lohnsteuern (d.h. die Beschäftigten zahlten sich ihre Nachfragesteigerung selbst) andererseits durch Staatsverschuldung. Auch hier ist das übliche Argument gerade umgekehrt richtig - nicht der Sozialstaat verursacht Verschuldung, sondern niedrige Profitraten, sprich eine krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus erhöhen die Notwendigkeit sozialstaatlicher Maßnahmen.
Die Ausweitung sozialstaatlicher Leistungen ist dabei nur eine theoretische Notwendigkeit. Denn in der Realität bleiben die Sozialausgaben gemessen am BIP konstant. Auch in dieser Frage gibt es wieder einen Widerspruch: Einerseits wird der Sozialstaat vom Kapital benötigt, andererseits wollen sie einen weiteren Abbau, um ihre Gewinnsteuern noch weiter zu reduzieren. Sozialstaatliche Leistungen werden auch deshalb immer wichtiger, weil die Löhne die Tendenz haben unter die Reproduktionskosten zu fallen. Das heißt objektiv gesehen, sind immer mehr staatliche Leistungen notwendig, um die Reproduktion der Arbeitskraft zu gewährleisten.
Ein Vehikel dafür sind direkte und indirekte Lohnsubventionen.
Unter indirekten Lohnsubventionen versteht man eine Verbilligung verschiedener Elemente der Reproduktion. Zum Beispiel durch staatliche Kinderbeihilfe, durch Mietsubvention, durch staatliche Zuschüsse zur Sozialversicherung (sie sind ein Mittel um die Bruttolöhne zu drücken), außerdem werden Kinder während der Arbeitszeit durch gesellschaftliche Mittel (und nicht durch Geld des Unternehmers) versorgt.
Ein klassisches Beispiel für indirekte Lohnsubventionen ist der Wohnungsbau. Ohne staatliche finanzielle Unterstützung gäbe es keinen Wohnungsbau – der Grund ist einfach. Marktkonforme Mieten wären für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung nicht leistbar. In den Produktionskosten der Ware Wohnung stecken nämlich die Profite von: Bauunternehmen, Bauinvestoren, Grundeigentümern und den Banken (80% des Wohnbaus sind kreditfinanziert). Es gibt daher in allen Industriestaaten üppige Wohnbauförderungen. In Österreich waren es alleine letztes Jahr 35 Mrd. ÖS, die an Steuervergünstigungen in den Wohnbau geflossen sind. D.h. das was normalerweise als Mietsubvention bezeichnet wird (und als Sozialleistung verbucht wird), sind wieder Profitsubventionen. Der Staat, respektive die Lohnabhängigen bezahlen also den privaten Wohnbau, Kontrolle darüber haben sie freilich keine.
Direkte Lohnsubventionen finden dann statt, wenn Löhne staatlich aufgestockt werden. Sei es in Form von finanziellen Förderungen für Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden oder in Form von Lohnsubventionen für ältere Arbeitnehmer. Wenn es ein Unternehmer geschickt anstellt übersteigen die Förderung, die er für die Anstellung eines Arbeitnehmers bekommt, den Lohn, den er bezahlen muss.
Der Staat gewährt Anlagemöglichkeiten für überschüssiges Kapital
Dafür gibt es im wesentlichen zwei Möglichkeiten:
1- Förderung der Aktienspekulation: Die Besteuerung von Finanzkapital ist niedriger als jene von Realkapital. Damit erkennt der Staat die Notwendigkeit des Kapitals an mit Hilfe spekulativer Finanzgeschäfte den Fall der Profitrate entgegenzuwirken. Die Börse erfüllt dabei eine ähnliche Funktion wie die "Permanente Inflation" der 70er Jahre. Dadurch wurde und wird die Produktion permanent über die Grenzen des Marktes ausgedehnt – mit den bekannten Folgen eines späteren umso tieferen Einbruchs. Linkskeynesianer wie ATTAC versuchen mit ihren Vorschlägen, die alle im Rahmen des Kapitalismus bleiben, zu Regulierung und Besteuerung der Finanzmärkte dem Kapital den Lebensnerv zu nehmen (für eine genauere Analyse von ATTAC siehe Funke Nr. 36).
2- Privatisierung von Staatsbetrieben: Diese dient als Anlagemöglichkeit für brachliegendes Kapital. Es spiegelt gleichzeitig auch die kapitalistische Tendenz wider, alles zur Ware zu machen, von der Literatur bis hin zur ehedem kommunalen Wasserversorgung. Darüber hinaus dienen Privatisierungen dem Privatkapital dazu ihren Markteinfluss auszudehnen, indem sie ehemalige staatliche Konkurrenten zuerst billig übernehmen und später nicht selten schließen.
Auch bei Privatisierungen gilt das gleiche Prinzip wie bei anderen wirtschaftlichen Tätigkeiten. Es gibt keine privatwirtschaftlichen Investitionen ohne staatliche Subventionen. Und die sehen folgendermaßen aus. Um die Privatisierung zu ermöglichen, übernimmt der Bund die Schulden des öffentlichen Unternehmens (bei der deutschen Post übernimmt der Staat allein aus dem Pensionsfonds Verbindlichkeiten in der Höhe von 75 Mrd. DM). Der Staat hat vor der Privatisierung für die nötige Modernisierung der Unternehmen zu sorgen. Ein gutes Beispiel dafür ist die österreichische Telekom – in den letzten Jahren wurde ein ehrgeiziges Modernisierungsprogramm, finanziert mit dem Geld der unselbstständig Beschäftigten, durch gezogen. Am Ende dieses Modernisierungsprozesses steht der Verkauf – die neuen Besitzer setzten sich in ein gemachtes Bett. Und selbst nach der erfolgten Privatisierung hört die Subventionsvergabe nicht auf. Das bekannteste Beispiel ist die privatisierte englische Eisenbahn – die erhält jetzt mehr staatliche Subventionen als ihr staatlicher Vorgänger.
Zwei weitere Aspekte sind in der Frage der öffentlichen Budgets noch hervorzuheben, vor allem auch deshalb weil sie plastisch zeigen wie falsch diverse Globalisierungstheoretiker liegen, wenn sie von einem Bedeutungsverlust des Staates reden. Zumindest was den Staat in den entwickelten Industrieländern betrifft – im Trikont stellt sich die Sache ein wenig anders dar:
1- die stärkere Regulierung des öffentlichen Lebens – die sogenannte "Gesetzesflut"
2- die personelle Ausdehnung der Staatsbehörden selbst
Bürgerliche Kommentatoren beklagen sich regelmäßig über Überregulierung und Gesetzesflut. Und tatsächlich gibt es eine Fülle von vor allem Wirtschaftsgesetzen. Das ist allerdings nicht Ausdruck der Regulierungswut des Wohlfahrtstaates, sondern eine Widerspiegelung widersprüchlicher privater Einzelinteressen. Viele verschiedene Kapitalfraktionen wollen jeweils für sich das Beste herausschlagen und betreiben dementsprechend eine Lobbypolitik, die den Staat zu den gewünschten Maßnahmen veranlassen soll. Ein weiterer Grund für die gerade im Bereich Steuerrecht extrem komplizierte Gesetzgebung ist natürlich der Wunsch des Kapitals nach einer möglichst freizügigen Gestaltung der Steuerverhältnisse. Unzählige Abschreibungsmöglichkeiten und Ausnahmen eröffnen bereits auf legaler Basis den Spielraum enorme Summen an Steuern einzusparen. Es gibt aber in diesem Bereich durchaus auch einen Widerspruch zwischen den Interessen der Aktionäre und den einzelnen Konzernen. Was nicht heißt, dass das unbedingt zwei voneinander unabhängige Akteure sein müssen. Im Gegenteil, oftmals prallen da die unterschiedlichen Interessen ein und desselben Konzerns aneinander. Einmal handelt er als Aktionär ein anderes mal als jemand der versucht die Gewinnsteuer in seinem Bereich zu sparen. Börsenkurse und Dividenden steigen nämlich im Regelfall mit steigenden Gewinnen. Dann besteht auch eher ein Interesse an einer höheren Gewinnbekanntgabe.
Ein zweiter Bereich mit zunehmend komplizierten Regelwerk ist der Sozialbereich – einerseits muss immer mehr Armut verwaltet werden, auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Einschränkungen, Ausnahmen, Sonderregelungen etc. die einzig und allein den Zweck haben Anspruchsberechtigte zu übervorteilen. Dieses System führt dazu, dass in Deutschland 50% der Anspruchsberechtigten keine Sozialhilfe in Anspruch nimmt.
Besonders plastisch lässt sich die Bedeutung des Staates in der Steigerung seiner Personalressourcen ablesen. Dabei geht es nicht um den kleinen oder mittleren Beamten – die werden bekanntlich fleißig abgebaut und ausgelagert, sondern in erster Linie um die oberen Etagen des Staatsapparates. Dort findet ein starkes personelles Wachstum statt. Das hängt damit zusammen, dass der Staat nicht nur immer mehr Aufgaben zu bewältigen hat, sondern auch immer mehr gesellschaftlichen Widersprüchen lösen sollte. Im deutschen Verteidigungsministerium arbeiten heute 5000 Ministerialbeamten – 1939 vor dem Überfall auf Polen waren es 400!
All diese Entwicklungen führen dazu, dass die Staatsquote Mitte der 90er Jahre überall höher als in den 70er Jahren war.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Der Staat ist ein enorm komplexes Gebilde. War es schon im 19. Jahrhundert für die Arbeiterbewegung nicht möglich, den Staat einfach zu übernehmen, umso weniger ist das heute möglich und denkbar. Gerade in der heutigen Periode offenbart der Staat ganz besonders deutlich die Richtigkeit der marxistischen Analyse. Weder verschwindet er noch verhält er sich im Klassenkampf neutral. Der Kapitalismus hat sich mit dem modernen Staat vielmehr ein Instrument geschaffen, das ihn künstlich am Leben erhält.
Es gab in letzter Zeit wieder verstärkte Diskussion über ein europäisches Steuersystem. Es soll verhindert werden, dass das Kapital die Steuervergünstigungen von diversen Staaten ausnützen kann. Teilweise wird die Diskussion auch aus einem gewissen Selbsterhaltungstrieb des Staates heraus geführt. Klar ist aber, dass es, sollte es wirklich zu Vereinbarungen kommen, dies nicht zu einer substantiell höheren Besteuerung von Kapital führen würde, als dies jetzt der Fall ist. Es würde höchstens zu einer Verschiebung der Steuerleistung kommen. Weiters haben solche Vereinbarungen immer die Tendenz bei ökonomischen Schwierigkeiten wieder aufzubrechen. Ähnliches gilt für die Debatte über die Einschränkungen der Subventionen. Keiner denkt ernsthaft daran "seinem" Kapital die Subventionen zu streichen. Vielmehr drücken solche Debatten die Interessenskonflikte zwischen den einzelnen Nationalstaaten und Wirtschaftsblöcken aus.
Fakt ist, dass jene Interessen, die die beschriebene Entwicklung vorangetrieben haben, tendenziell stärker werden. Aufgrund dieser ökonomischen Entwicklung ist letztlich jeder Versuch, das Kapital zu Investitionen in die Realwirtschaft zu zwingen, zum Scheitern verurteilt. Die Geschichte Japans der letzten 10 Jahre ist dafür nur ein weiterer Beweis.
Die strukturelle Krise des Kapitalismus zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass das Kapital ohne die Unterstützung des Staates nicht lebensfähig ist, sondern auch dadurch, dass das Kapital immer weniger daran denkt, jenes Geld, das es der Gesellschaft Tag für Tag stiehlt, produktiv einzusetzen.
Wir können feststellen, dass alle reformistischen Maßnahmen scheitern müssen, weil sie sich auf den Staat beschränken. Der Staat ist aber nicht in der Lage die Probleme des Kapitalismus zu lösen Im Gegenteil, in ihm spiegeln sich sämtliche Widersprüche, die dieses Wirtschaftssystem produziert wider. Reformistische Maßnahmen korrespondieren schlichtweg nicht mit den ökonomischen Realitäten. Ganz egal ob es Vorschläge nach einer Kontrolle der Finanzmärkte sind, niedrigere Zinsen oder die Hoffnung auf eine Vereinheitlichung/Erhöhung der Kapitalsteuern ohne dem Mittel des Klassenkampfes erreichen zu können.
Die Krise der Staatsfinanzen ist untrennbar mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus verbunden – diese Krise ist nicht das Produkt einer falschen Wirtschaftspolitik und unvorsichtiger Spekulanten, sondern Ausdruck der unlösbaren Widersprüche, die diesem System innewohnen. Weder der Neoliberalismus noch eine Neuauflage des Keynesianismus können daran etwas ändern. Die entscheidende Frage vor der unserer Gesellschaft und die Arbeiterbewegung steht ist nicht die Frage von hohen oder niedrigen Zinsen und der Regulierung der Finanzmärkte. Es geht vielmehr um die Frage, wer Kapital investiert und zu welchem Zweck er das tut. Erst wenn der Zweck die allgemeine Bedürfnisbefriedigung und das Mittel die demokratische Kontrolle des Wirtschaftsprozesses durch die Lohnabhängigen ist, haben wir die Sackgasse in der wir uns gegenwärtig befinden verlassen.
Herbert Bartik
http://www.derfunke.at/hp_artikel/staatbd.htm
hhmmmmmmmmmmmmmm :rolleyes:
Dr. Lawrence Britt, ein Politikwissenschaftler, hat einen Artikel über Faschismus für "Free Inquiry", eine humanistische Zeitschrift, geschrieben. Dr. Britt untersuchte die faschistischen Regime Hitlers (Deutschland), Mussolinis (Italien), Francos (Spanien), Suhartos (Indonesien) und Pinochets (Chile) und weiterer lateinamerikanischer Länder.
Er fand heraus, daß all die Regime 14 Dinge gemeinsam hatten und er nennt sie die Identifikationsmerkmale des Faschismus.
Der Artikel "Fascism Anyone?", Lawrence Britt, ist in Free Inquiry, Ausgabe Frühjahr 2003, Seite 20 erschienen.
Die 14 Merkmale sind:
1. starker und anhaltender Nationalismus
Faschistische Regime neigen zu einem ständigen Gebrauch von patriotischen Mottos, Slogans, Symbolen, Liedern und was sonst noch dazu gehört. Flaggen sind überall zu sehen, wie auch Flaggensymbole auf Kleidung und anderen öffentlichen Präsentationen.
2. Geringschätzung der Menschenrechte
Aus Angst vor Feinden und dem Bedürfnis nach Sicherheit heraus werden die Menschen in einem faschistischen Regime überzeugt, daß die Menschenrechte in einigen Fällen ignoriert werden können. Die Leute sehen in die andere Richtung oder stimmen den Folterungen, Massenhinrichtungen, Ermordungen, langen Inhaftierung von Gefangenen uns so weiter sogar zu.
3. Identifizierung von Feinden/Sündenböcken als vereinigende Sache
Die Leute werden in einen vereinigenden patriotischen Wahn getrieben durch das Ziel, eine erkannte allgemeine Bedrohung oder einen Feind zu beseitigen, sei es eine rassische, ethnische oder religiöse Minderheit; Liberale; Kommunisten; Sozialisten; Terroristen uns so weiter.
4. Vorrang des Militärs
Selbst wenn es weitreichende inländische Probleme gibt, erhält das Militär einen überproportional großen Anteil des Staatshaushalts und die inländischen Probleme werden vernachlässigt. Soldaten und das Militär werden verherrlicht.
5. wachsender Sexismus
Die Regierungen faschistischer Länder sind fast ausschließlich von Männern beherrscht. Unter faschistischen Regimen werden traditionelle Geschlechtsrollen stärker betont. Der Widerstand gegen Abtreibung ist groß, wie auch die Homophobie wie auch gegen Homosexuelle gerichtete Gesetzgebung und staatliche Politik.
6. kontrollierte Massenmedien
Manchmal werden die Medien direkt durch die Regierung kontrolliert, aber in anderen Fällen werden die Medien indirekt durch Verordnungen der Regierung kontrolliert oder durch geistesverwandte Sprecher oder Vorstände der Medien. Zensur, insbesondere in Kriegszeiten, ist weit verbreitet.
7. Besessenheit von der nationalen Sicherheit
Angst wird als Mittel der Motivation für die Massen durch die Regierung eingesetzt.
8. Religion und Regierung sind miteinander verflochten
Regierungen faschistischer Länder neigen dazu, die gebräuchlichste Religion des Landes zu nutzen, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Religiöse Rhetorik und Fachsprache wird von Regierungsmitgliedern häufig genutzt, selbst wenn die Lehrsätze der Religion der Politik oder den Handlungen der Regierung genau entgegenstehen.
9. unternehmerische Macht wird geschützt
Die Aristokraten der Industrie und der Unternehmen eines faschistischen Landes sind häufig diejenigen, die den politischen Führern an die Macht geholfen haben, was zu einer beidseitig nützlichen Beziehung von Unternehmen und Regierung und einer Machtelite führt.
10. gewerkschaftliche Macht wird unterdrückt
Da die organisierende Macht der Gewerkschaften die einzige wirkliche Bedrohung für ein faschistisches Regime darstellt, werden Gewerkschaften entweder ganz ausgemerzt oder sie werden stark unterdrückt.
11. Geringschätzung Intellektueller und der Künste
Faschistische Länder neigen dazu, offene Feindschaft zu höherer Bildung und Akademien zu förden und zu tolerieren. Es ist nicht ungewöhnlich, daß Professoren oder andere Akademiker zensiert oder sogar verhaftet werden. Freier Ausdruck in der Kunst wird häufig öffentlich angegriffen und die Regierungen lehnen es häufig ab, die Künste zu fördern.
12. Besessenheit von Verbrechen und Bestrafung
Unter faschistischen Regimes wird der Polizei fast unbegrenzte Macht zur Verbrechensbekämpfung eingeräumt. Das Volk ist häufig bereit, Polizeiverbrechen zu übersehen und sogar Bürgerrechte im Namen des Patriotismus' aufzugeben. In faschistischen Ländern gibt es meistens eine landesweite Polizeieinheit mit praktisch unbegrenzter Macht.
13. wachsende Seilschaften und Korruption
Faschistische Regime werden fast immer von einer Gruppe von Freunden und Genossen regiert, die sich gegenseitig Regierungsposten zuschieben und ihre Macht und ihren Einfluß nutzen, um ihre Freunde davor schützen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Es ist in faschistischen Regimen nicht unüblich, daß nationale Ressourcen oder sogar Schätze von den Regierungsmitgliedern angeeignet oder sogar gestohlen werden.
14. betrügerische Wahlen
Manchmal sind die Wahlen in faschistischen Ländern ein kompletter Schwindel. In anderen Fällen werden die Wahlen durch Schmutzkampagnen oder sogar die Ermordung von Oppositionskandidaten, Nutzung der Gesetzgebung um die Anzahl der Stimmberechtigten oder der Wahlbezirke zu kontrollieren, oder Beeinflußung der Medien manipuliert. Faschistische Länder nutzen auch typischerweise ihre Richterschaft, um die Wahlen zu manipulieren oder zu kontrollieren.
http://www.freace.de/artikel/mai2003/britt120503.html
Unsere Religion heißt Amerika
US-Schriftsteller Norman Mailer über die Stimmung in seinem Land und über George W. Bush
SPIEGEL: Mr. Mailer, aus Ihrer Wohnung konnten Sie die Türme des World Trade Center drüben in Manhattan sehen. Fehlen sie Ihnen?
Mailer: Als sie hochgezogen wurden, habe ich sie gehasst, weil sich in ihnen die Arroganz und die ungeheuerliche Eitelkeit der Architekten spiegelten. Ich habe allerdings nicht gewusst, was drum herum gebaut worden war. Dort durften sich talentlose Architekten mit riesigen Budgets an Gebäuden mit 40, 50 Stockwerken austoben, die aussehen wie Latrinen aus Backstein. Sie aber sind übrig geblieben, als die Twin Towers einstürzten. So frevelhaft sie auch waren, haben sie Manhattan
doch immerhin interessant gemacht. Jetzt herrscht dort silhouettenlose Hässlichkeit.
SPIEGEL: Anders als viele Amerikaner haben Sie die Angriffe der Terroristen offenbar nicht persönlich genommen.
Mailer: Weil es natürlich kein Anschlag auf Amerika war, sondern in gewisser Hinsicht ein Anschlag auf die amerikanische Oberschicht.
SPIEGEL: Die rund 2800 Ermordeten in New York waren wohl kaum Vertreter des Establishments.
Mailer: Aber sie lassen sich ihm zuordnen, weil sie in der Finanzwirtschaft, im Import-Export-Handel und rund um die Börse gearbeitet haben. Und nicht zufällig fühlt sich die Oberschicht in diesem Land seither persönlich berührt und bedroht. Sie hat einen tief gehenden Schock erlitten. Ich vergleiche die Wirkung des 11. September vorzugsweise mit dem Schock, den die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg erlebten, als ihre Währung allen Wert verlor ...
SPIEGEL: ... Sie meinen die Inflation von 1923.
Mailer: Sie haben damals ihr Selbstwertgefühl eingebüßt. Im selben Maße ist den Amerikanern am 11. September das Gefühl der Sicherheit abhanden gekommen.
SPIEGEL: Seitdem hat Präsident Bush, bei weiterhin hoher Popularität, zwei Kriege geführt. Heißt das aus Ihrer Sicht, um Rache zu üben?
Mailer: Mit Rache hat der Krieg gegen den Irak nichts zu tun. Das war ein enorm geschickter politischer Schachzug ohne jede moralische Bedeutung. Sämtliche präventiven Begründungen, etwa dass Saddam über ein ausgiebiges Arsenal an Massenvernichtungswaffen verfügt, wirken ja jetzt ziemlich blass. Wir mögen ein bisschen was finden, aber sicher nicht im beschworenen Umfang.
SPIEGEL: Aber das stürzt dann die Regierung Bush kaum in Legitimationsnöte.
Mailer: Die Amerikaner kümmert das ganz offensichtlich überhaupt nicht. Wenn nichts entdeckt wird, was soll's.
SPIEGEL: Warum ist das so?
Mailer: Weil wir einen Sieg erringen wollten. Wir brauchen ihn für unser nationales Ego. Die neue Begründung für den Krieg lautet jetzt, dass wir den Irak von einem Tyrannen befreien mussten, der sein Volk aufs Entsetzlichste gequält und gemordet hat. Die Zeitungen sind voll von schrecklichen Geschichten von Menschen, die gleichsam geschreddert wurden. Wir stellen allerdings nicht in Rechnung, dass wir ironischer- und perverserweise Mitschuld tragen.
SPIEGEL: Sie meinen, weil Bush Sr. 1991 Saddam politisch überleben ließ und das US-Militär zusah, als er dann die Kurden- und Schiiten-Aufstände blutig niederschlug?
Mailer: Und jetzt tun wir so, als retteten wir diese Menschen vor dem Terror. Es gibt keinen Grund, uns dafür selbst zu beweihräuchern. Amerika ist kein nobles Land.
SPIEGEL: Für etliche in der Regierung Bush geht es nun um die Hegemonie Amerikas im Nahen Osten - am Ende wohl gar um eine imperiale Neuordnung.
Mailer: Einige Protagonisten in der Regierung wirken tatkräftig auf die Errichtung eines amerikanischen Imperiums hin. Es gibt andere, die sich zu sagen scheinen, das ist zwar ziemlich schwierig, aber schauen wir doch mal, wie weit wir gehen können. Und andere wiederum sind der Auffassung, Amerika nimmt sich zu viel vor. Doch aufs Ganze gesehen gibt es die Tendenz, das Imperium als taugliches Mittel zu betrachten, die Probleme des Landes zu lösen.
SPIEGEL: Als Imperium wird Amerika spätestens seit 1945 betrachtet.
Mailer: Aber wir haben uns nicht so verstanden, wir haben es uns nicht eingestanden.
SPIEGEL: Aber seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks lässt sich das Monopol Amerikas als maßlos überlegene Supermacht nur schwer übersehen.
Mailer: Amerika gebietet über ein ökonomisches Weltreich mit einer großen Zahl militärischer Stützpunkte in aller Welt. Es kommt aber darauf an, den Leuten offen zu sagen, dass wir nicht ein stillschweigendes Imperium haben, sondern tatsächlich die Welt beherrschen wollen. Die Bürger müssen es schon allein deshalb zur Kenntnis nehmen, weil viele von ihnen fürs Militär in Frage kommen. Heute haben wir rund eineinhalb Millionen Soldaten. Um ein Imperium militärisch zu beherrschen, braucht Amerika erheblich mehr, vielleicht zehnmal so viel. Das verändert die Ökonomie. Das verändert die Psychologie der Bürger. Das verändert alles.
SPIEGEL: In welchen Zeiträumen?
Mailer: Ich denke an 20, 30, 40 Jahre. Ich habe einfach Bedenken, dass wir uns nicht mit einem Leben, in dem terroristische Anschläge von Zeit zu Zeit für Unsicherheit sorgen, abfinden können. Stattdessen suchen wir nach der befreienden Lösung, nach der Amerikaner immer suchen. Es gibt die berühmte Bemerkung nach unserer Landung auf dem Mond, die - wenn ich recht erinnere - John Kenneth Galbraith in Umlauf gebracht hat. Er hat sardonisch gefragt: Warum betonieren wir das Ding eigentlich nicht? Das ist die amerikanische Lösung für unsere Probleme: betonieren, zudecken.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass für den offenen Anspruch auf ein Imperium eine solide Mehrheit der Amerikaner zu gewinnen ist?
Mailer: Die Bereitschaft dafür gibt es. Ich schätze, dass die Hälfte aller Amerikaner mit Begeisterung dafür ist. Amerika ist ein christliches Land, ein Drittel aller Amerikaner sind streng gläubig. Ein Bestandteil unseres Christentums aber ist Liebe zu Amerika. Amerika ist die Religion in diesem Land. Jesus zu lieben und das Land zu lieben gehen Hand in Hand.
SPIEGEL: Man nennt das den typisch amerikanischen Patriotismus. Hat der 11. September die militanten Anteile im amerikanischen Christentum geweckt?
Mailer: Zuerst hat es den christlichen Krieger in George W. Bush geweckt. Er hat schnell erkannt, dass er damit nicht allein stand, dass er auf diese Weise sehr viel Rückhalt gewinnen kann und scheinbar unlösbare Probleme zu lösen vermag.
Teil II
SPIEGEL: Welche?
Mailer: Die katholische Kirche, eine Säule des Patriotismus, steckt in grunderschütternden Konflikten. Wenn ein Priester - und ich fühle durchaus mit den Priestern - die Straße entlanggeht, schaut ihn jeder fragend an, ob er sich vielleicht an Kindern vergreift. Dann gab es die Serie der Unternehmensskandale. Zudem ging es mit der Wirtschaft, die Amerika seit etlichen Jahrzehnten mehr und mehr beherrscht, wobei das Marketing wichtiger ist als die Produkte, schon damals bergab.
Der 11. September löste ziemlich viel für Bush. Für ein paar Jahre hat er seinen Lauf. Er ist gewitzt genug zu wissen, dass er für den Kampf gegen das Böse halb Amerika hinter sich bringen kann.
SPIEGEL: Interessiert Sie Bush als Person? Reizt Sie als Schriftsteller der Mensch im Präsidenten?
Mailer: Er ist einer der fotogensten Männer in der Geschichte. Ist Ihnen aufgefallen, mit welchem Geschick er es vermeidet, unvorteilhaft abgelichtet zu werden? Wenn er einen Hund streichelt oder aus einem Flugzeug steigt, bewegt er sich jedes Mal außerordentlich gut. Er würde - ich sage das nicht, um ihn herabzusetzen - ein vorzügliches männliches Modell abgegeben haben.
SPIEGEL: Als Schriftsteller müssen Sie seine Antriebskräfte interessieren. Wir kennen seine Familiengeschichte, seine früheren Alkoholprobleme, die lange Erfolglosigkeit in einer erfolgsverwöhnten Oberschichtfamilie. Welches Bild ergibt er?
Mailer: Ich habe Freunde, die bei den Anonymen Alkoholikern sind. Sie bezeichnen sich als trockene Trinker.
SPIEGEL: So heißt es auch vom Präsidenten. Was aber bedeutet es?
Mailer: Dass Kräfte in diesen Menschen toben, denen sie nicht freien Lauf geben dürfen. Sie müssen Ersatz finden, oder sie können nicht funktionieren. Aktivität und Macht bieten augenscheinlich genügend Befriedigung.
SPIEGEL: Kennen Sie eigentlich die Bush-Familie?
Mailer: Seine Mutter ein bisschen, ich habe in den achtziger Jahren bei zwei Abendessen neben ihr gesessen. Eine interessante Frau, geistreich, stark. Sie hat Ausstrahlung, wirkt echt. Sie ist auf natürliche Weise sympathisch. Sein Vater hat sehr viel mehr Kraft, als ihm zugeschrieben wird. Ich habe eine Geschichte über ihn geschrieben mit dem Titel "Wie der Schwächling den Krieg gewann". Die Pointe bestand darin, dass er eben kein Schwächling ist.
SPIEGEL: Wie fügt sich George W. in diese Familie ein?
Mailer: Als Schriftsteller möchte ich natürlich gern wissen, was seine Eltern von ihm denken. Einerseits sind sie zweifellos stolz auf ihn. Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder Versager sind. Aber andererseits glaube ich doch, dass sie in einem kleinen Winkel ihres Herzens bestürzt sein müssen über ihn, weil er nicht ihren Stil besitzt.
SPIEGEL: Die Eltern sind alteingesessene Ostküstler, George W. ist Texaner aus Überzeugung.
Mailer: An diesem Mann ist etwas Rohes, und das ist eine Überraschung. Wir sagen zu einem solchen Menschenschlag "yahoos" - Krakeeler. Er ist vulgär. In Anbetracht seiner würdevollen, interessanten und lebenskräftigen Eltern hat er mit seiner Vulgarität eine Wahl getroffen. Er ist zynisch, er liebt es, Menschen zu manipulieren. So bringt sich, um es anders zu sagen, der trockene Trinker dazu, die Lage zu beherrschen, denn er braucht die Genugtuung, ein überaus aktives und dynamisches Leben zu führen. Er versteht es, halb Amerika zu manipulieren, indem er ständig das Sternenbanner schwenkt.
SPIEGEL: Verglichen mit seinem Vater, der zwar Saddam Hussein aus Kuweit vertrieb, aber schön die Finger vom Pulverfass Nahost ließ und nichts von amerikanischen Alleingängen und Imperiumsansprüchen hielt, ist der Sohn ein Revolutionär.
Mailer: Ich kann es gar nicht leiden, wenn das wunderbare linke Wort Revolutionär auf Erzkonservative angewandt wird. Wie wäre es mit: Er ist ein militanter Flaggenkonservativer. Denn gegenwärtig sind diese Flaggenkonservativen in der Mehrheit, während die Wertkonservativen nicht begreifen, was passiert.
SPIEGEL: Wie unterscheiden sich die Wert- von den Flaggenkonservativen?
Mailer: Traditionalisten wie Pat Buchanan glauben daran, dass es für Amerika das Beste wäre, sich mit sich selbst zu beschäftigen, um unsere Probleme zu lösen. Sie halten an der Familie, am Vaterland, am Glauben fest. Sie stehen für harte Arbeit, Ehrlichkeit und einen ausgeglichenen Staatshaushalt.
Bush ist anders. Flaggenkonservative wie er tun so, als glaubten sie an die alten Werte, aber wenn es darauf ankommt, scheren sie sich darum nicht. Sie benutzen die Flagge, sie benutzen biblische Worte wie das "Böse" skrupellos. Sie leben in der Illusion, Amerika sei das Gute und die einzige Hoffnung für die Welt. Flaggenkonservative glauben wahrhaft, dass Amerika nicht nur die Welt beherrschen kann, sondern es muss. Denn ohne Imperium geht es mit dem Land ökonomisch und moralisch abwärts - das ist, wie ich meine, der unausgesprochene, allemal geleugnete Subtext für das Irak-Projekt.
SPIEGEL: Bush wird gern mit Präsident Harry Truman verglichen - beide eher schlichten Gemüts, weltunerfahren, aber zu schwerwiegenden Entscheidungen fähig.
Mailer: Nein, Truman war ein Selfmademan, er besaß Eigensinn, hatte starke Wurzeln, die Bush nicht hat. Bush erinnert mich in mancher Hinsicht an Ronald Reagan. Sie haben eine Eigenart gemeinsam, die sie für Amerikaner außerordentlich liebenswert erscheinen lässt.
SPIEGEL: Und das wäre?
Mailer: Reagan war ja als Schauspieler immer die Nummer zwei in Liebesgeschichten. Er bekam das Mädchen, aber er war auch dazu ausersehen, einem anderen Mann sein Mädchen zu überlassen - und zwar mit einem Lächeln im Gesicht. Dafür liebten ihn die Amerikaner, weil es in der Lebensgeschichte der meisten Männer vorkommt, dass sie bei der Frau ihrer Träume nicht die erste Wahl sind. Bush ist genauso. Als Schauspieler hätte er die Rolle des Verlierers in Würde gespielt.
SPIEGEL: Aber Reagan prangerte das "Böse" spielerisch an, während Bush ernsthaft dagegen in den Krieg zieht. Er meint, was er sagt.
Mailer: Das ist Scheinheiligkeit. Darin ähnelt er Maggie Thatcher. Er glaubt an das, was ihm zu glauben nützlich erscheint.
"In meinem Leben habe ich die Bücher, über die ich zu viel geredet habe, nicht geschrieben."
SPIEGEL: Mr. Mailer, Sie haben sich gerade in einem schmalen Band mit der Gegenwartspolitik beschäftigt. Sie haben die Feierlichkeiten zu Ihrem 80. Geburtstag überstanden. Aber an welchem Roman schreiben Sie eigentlich momentan?
Mailer: Ich arbeite an einem ambitionierten Buch, an einem sehr breit angelegten Roman. Vielleicht übersteigt er sogar meine Möglichkeiten.
SPIEGEL: Wie oft in Ihrem Leben haben Sie das von Romanprojekten behauptet?
Mailer: Es könnte das erste Mal sein. Aber ich rede nicht über den Inhalt, und zwar aus einem triftigen Grund: In meinem Leben habe ich die Bücher, über die ich zu viel geredet habe, nicht geschrieben. Nicht einmal meiner Frau habe ich diesmal erzählt, woran ich sitze, obwohl sie es ahnt.
SPIEGEL: Woran sitzen Sie denn?
Mailer: Es ist nicht eine Fortsetzung von "Gespenster", meinem Buch über die CIA. Ich werde alles tun, um das Buch zu Ende zu bringen, aber es kann gut noch zehn Jahre dauern, und ich weiß nicht, wie gut man schreibt, wenn man 90 ist.
SPIEGEL: Mr. Mailer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Gerhard Spörl.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-27163336.html
hoch mit dem thread ;) :)
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