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Vollständige Version anzeigen : Hedonistisches Preismodell


mfabian
17.09.2003, 02:52
(engl: hedonistic price indexing)

Das Wirtschaftswachstum in den USA wird derzeit um die 4% geschätzt, jenes von Deutschland auf 2%.
Wenn man alleine diese beiden Zahlen vergleicht, könnte man den falschen Eindruck gewinnen, die US-Wirtschaft wachse doppelt so stark wie die deutsche.

Ist das wirklich so? Nein, ist es nicht, denn zu Recht werfen Kritiker den Amerikanern hedonistische Preise vor. Ein Grund, dieses Wort ein wenig unter die Lupe zu nehmen:

Der Duden definiert "Hedonismus" als griechisch hedone, "Lust"; die Lehre der Kyrenaiker, dass das höchste Gut, mithin der Endzweck des Handelns, die Lust sei. Dabei bedeutet Lust mehr als nur sinnliche Lust.

Nun, das kann es ja nicht sein ;)

Ersetzen wir aber "Lust" durch "Nutzen", kommen wir der Sache schon näher.


Die Idee dahinter ist folgende: Wenn man Waren miteinander vergleicht, stellt man schnell fest, dass auch äusserlich "gleiche" Waren nicht gleich sind. Ein Kilo Orangen aus einem Gewächshaus hat nicht denselben Wert wie ein Kilo Bio-Orangen, die unter freiem Himmel gewachsen sind.
Genau so hat ein Computer Jahrgang 1990 einen geringeren Nutzen als ein Computer Jahrgang 2000.

Demnach wird das Produkt mit einem Faktor für den Nutzen, Qualität (oder Lustgewinn) gewichtet.

Beispiel: Normale Orangen werden mit Faktor 1.0 gewichtet, gentechnisch versaute mit 0.5 und Bio-Orangen mit 2.5

Produziert Amerika nun von jeder Sorte 1 Tonne, haben wir unter Berücksichtigung dieser Faktoren 1.0 + 0.5 + 2.5 = 4.0 Tonnen.

Obschon die USA also nur 3 Tonnen Orangen produziert haben, fliessen in die hedonistische Statistik 4 Tonnen ein, weil ja eine Tonne Bio-Orangen soviel zählt wie 2.5 Tonnen normaler Orangen.

Besonders makaber wird der Hedonismus bei Computern. Wie wir alle wissen, verdoppelt sich die Speicherleistung etwa alle 6 Monate und die Rechenleistung alle 3 Jahre. Wegen dieser gesteigerten Nutzleistung wird ein $1000 Computer vom Herbst 2003 höher bewertet als sein gleich teures Vorgängermodell vom Frühling 2003.

Merke: Das hedonistische Verfahren versieht also Güter, die qualitativ besser oder bei gleicher Leistung billiger werden mit einem Gewichtungsfaktor.

Ich will mich jetzt nicht darüber auslassen, ob eine Sekretärin heute einen Brief schneller schreibt als 2000 oder 1995 aber Tatsache ist folgendes:

Zwischen 1995 und 2000 wurden in den USA Computer im Wert von $64 Mill. produziert, die mit $240 Mill. in die Statistik einflossen. Die effektiven Verkäufe wurden also mit einem "hedonistic price index" von nahezu 4.0 multipliziert.

Zahlen aus den USA sind hedonistisch. Zahlen aus anderen Ländern nicht.

Wenn wir also lesen, Amerika hätte Elektronik im Wert von $200 produziert und Japan nur für $100 kann durchaus berechtigt angenommen werden, dass die Japaner mehr Elektronik produziert haben als die Amerikaner. :eek: :eek: :eek:

Marcus

mfabian
04.01.2004, 04:22
Hier einige Zahlen (hedonistisch und effektiv). Geklaut aus http://www.financialsense.com/editorials/daily/2003/1231.html

Informatik-Investitionen sind in den USA im Zeitraum vom 1.2.02 bis 30.9.03 von $297.6 Mia auf $390.3 Mia gestiegen. Eine Steigerung also von $92.7 Mia wovon $35.4 Mia ins dritte Quartal 2003 fallen.

Soweit die hedonistischen Zahlen.

Effektiv sind die Investitionen nur von $76.8 auf $88.3 Mia gestiegen. Also um $11.5 Mia, wovon $5.9 Mia im dritten Quartal.

Der hedosnistische Faktor für Informatik-Investitionen beträgt somit etwa 8.

Jeder effektiv ausgegebene Dollar wird also mit etwa 8 Dollar in der Statistik geführt. Dies ist bei Angaben zum Wachstum der Investitionen (1.8%) zu berücksichtigen, denn die Informatik-Ausgaben haben einen Anteil von 26%.

Marcus

picAS
08.09.2006, 14:26
:ek :eek