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Schwarzseher
30.11.2003, 17:13
DEUTSCHES ÄRZTEBLATT ONLINE

M E D I Z I N
Droht eine Grippe-Pandemie? – Mahner und Verschwörungstheoretiker
MEMPHIS. US-Experten warnen in Science (2003; 302: 1519) vor einer “unvermeidlichen” Grippe-Pandemie, die unmittelbar bevorstehen könnte. Die Industrieländer seien auf diesen Fall schlecht vorbereitet, da die Bestände an Impfstoffen und Medikamenten nicht ausreichen würden, sollte die Epidemie ausbrechen. Doch für eine derartige Epidemie gibt es derzeit keinen Hinweis.

Die Warnung vor einer großen Influenza-Epidemie hat in der Vorweihnachtszeit fast schon Tradition. Im letzten Jahr hatte – auf einer Tagung auf Malta ("First European Influenza Conference") – der Leiter des virologischen Instituts der Erasmus Universität in Rotterdam, Albert Osterhaus, von einer wachsenden Wahrscheinlichkeit einer erneuten Influenza-Pandeemie gesprochen. Wie immer wurde an die Spanische Grippe von 1918 und die Grippe-Epidemien der Jahre 1957 und 1968 erinnert, der weltweit mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen. Grippe-Experten schließen nicht aus, dass sich derartige verheerende Pandemien erneut ereignen könnten. Bisher sind sie jedoch ausgeblieben.

In diesem Jahr fällt die Rolle des Mahners Richard Webby und Robert Webster zu, zwei Virologen des St Jude's Children's Research Hospital in Memphis. Sie befürchten das Auftreten eines komplett veränderten Grippe-Virus, der durch Rekombination des menschlichen Virus mit dem Geflügel-Influenza-Virus entstehen könne (und dann möglicherweise von den bestehenden Impfstoffen nicht erfasst werde). Als Warnung müssten zwei potenzielle Epidemien gewertet werden. Gemeint ist das Auftreten der Geflügelgrippeviren H5N1 und H7N7 in Hongkong und in den Niederlanden. Das H5N1-Virus tötete in Asien einen Patienten, während das H7N7-Virus insgesamt 80 Beschäftigte auf Geflügelfarmen infizierte und einen Tierarzt tötete.

Weder H5N1 noch H7N7 waren jedoch besonders humanpathogen. Doch die Experten befürchten, dass dies während einer Grippe-Saison durch den Austausch von genetischem Material leicht möglich wäre. In diesem Fall würde es mit der derzeitigen Technologie kaum gelingen, rechtzeitig einen geeigneten Impfstoff herzustellen, schreiben Webby und Webster – deren Mahnung nicht ganz uneigennützig zu sein scheint. Beide Forscher haben nämlich ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Herstellungszeit eines Grippe-Impfstoffes deutlich verkürzen ließe.

Dieser Impfstoff müsste zwar ebenso wie der derzeitige Impfstoff in Hühnereiern gezüchtet werden. Doch die Herstellung des Ausgangsvirus (“seed vaccine”) könnte dramatisch verkürzt werden. Die ganze Sache hat allerdings einen Haken. Für die Herstellung der Seed-Vakzine seien bestimmte Zelllinien aus tierischen Zellen notwendig. Derzeit gebe es nur wenige dieser Zelllinien und die meisten davon gehörten der Pharma-Industrie. Ob dies nur eine Verschwörungstheorie ist oder ob die Impfstoffhersteller tatsächlich eine neue Technologie behindern, lässt sich von außen kaum beurteilen.

Ob es in diesem Jahr zu einer besonders schweren Grippe-Epidemie kommt, ist derzeit noch nicht absehbar. Die Aktivität der Grippe wird in Deutschland von der Arbeitsgemeinschaft Influenza (gesponsort von fünf Impfstoffherstellern) auf den Seiten des Robert Koch-Instituts (RKI) registriert. Derzeit befindet sich die Aktivität der akuten respiratorischen Erkrankungen (ARE, einer Grippeverdachtsdiagnose) auf einem für die Jahreszeit üblichen Niveau. Die Anzahl der an das RKI übermittelten Influenzanachweise ist seit der 42. Kalenderwoche stetig ansteigend, erreicht aber wöchentlich bundesweit noch nicht mehr als zehn Nachweise, heißt es in der jüngsten Mitteilung.

Der RealFlu® Report der Firma Roche berichtete am 28. November von einer leichten Häufung in Rheinland Pfalz. In Frankreich, Spanien, Portugal, England, Schottland und Irland werde von einer weit verbreiteten Influenza-Aktivität berichtet. In den USA sind im Bundesstaat Colorado nach Auskunft der CDC vier Kinder an einer Grippe gestorben. Auch die Staaten Texas und Nevada seien stärker betroffen gewesen als im letzten Jahr. /rme (28.11.2003)



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