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Vollständige Version anzeigen : Der ISLAM - ein Hort des Friedens?


carlo
03.04.2004, 16:06
Die westeuropäische Beurteilung von Vorgängen, Auseinandersetzungen und Standpunkten islamischer Völker und ihrer Führer ist fast ausnahmslos vom Glauben beseelt, daß der vielgepriesene "Dialog" auf gleicher Augenhöhe geführt, der Austausch der Argumente den beiderseitigen Willen zum Konsens belegt und sich beide Seiten gleichermaßen einer Lösung des Konfliktes verpflichtet sehen.

In Zeiten,
in denen eine muslimisch-gläubige Lehrerin den Rechtsweg bis zur höchsten Instanz in Deutschland beschreitet, um im öffentlichen Schulen ein Kopftuch tragen zu dürfen, der deutsche Bundespräsident ("Versöhnen statt Spalten") einen Staatsbesuch im muslimisch geprägten Dschibuti wegen islamistischer Terrordrohungen abbrechen muß und immer öfter volljährige junge, im Geiste des Koran erzogene Frauen mit ihrer Ermordung durch einen Familienangehörigen rechnen müssen, wenn sie sich dem Willen des Vaters (beispielsweise in Bezug auf den auserwählten Heiratspartner) widersetzen, müssen Fragen, wie friedlich der Koran wirklich ist, erlaubt sein.

Im vollen Bewußtsein,
daß hiermit vielleicht ein heißes Eisen angepackt wird, bitte ich alle user ihre Meinungsäußerungen vor dem "Abschicken" auf ehrverletzende oder verunglimpfende Äußerungen zu untersuchen - es geht alleine um das Zusammentragen von Fakten, die die Themenüberschrift vielleicht irgendwann wertfrei und objektiv beantworten können.

Beginnen wir mit dem altehrwürdigen SPIEGEL, der vor gut 2 Jahren jenen, sehr lesenswerten Artikel zum Thema publizierte:





Der verlogene Dialog



Das jäh entflammte Interesse am Islam hat die Zahl der "interreligiösen Dialoge" zwischen Christen und Muslimen emporschnellen lassen. Kritiker warnen: Durch Naivität und Beflissenheit deutscher Gutmenschen verkommt der Dialog zur "multireligiösen Schummelei". Von Jochen Bölsche

Die beiden Prediger kennen einander nicht. Gemeinsam ist Isaac Mudaki und Kay Kraack nur, dass sie Christen sind, die in einer zum Teil muslimisch geprägten Umwelt leben - und dass sie unlängst allen Anlass hatten, sich dem Thema Islam und Gewalt zu widmen.

Der katholische Pfarrer Mudaki amtiert im nordnigerianischen Kaduna, wo etwa gleich viele Christen und Muslime wohnen. Dennoch will dort die Obrigkeit dem Volk die Scharia oktroyieren, die grausame islamische Rechtsordnung, nach der dem Dieb die Hand abgehackt und eine Ehebrecherin gesteinigt werden kann. In Kaduna brachen Unruhen aus, Muslime und Christen massakrierten einander mit Äxten und Macheten, Kirchen und Moscheen gingen in Flammen auf - rund 2000 Tote.

Der evangelische Pastor Kraack predigt in der Dreieinigkeitskirche im bunten Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg, wo immerhin fast jeder Dritte muslimischen Glaubens ist. In seinem Stadtteil, in der al-Kuds-Moschee am Steindamm, haben sich der islamistische Todespilot Mohammed Atta und zwei seiner Mittäter mehrmals zum Gebet getroffen, bevor sie sich aufmachten, das größte Verbrechen der letzten Jahrzehnte zu begehen - mehr als 3000 Tote.

Zwischen Kaduna und St. Georg liegen Welten. Doch die Christenmenschen Mudaki und Kraack reagieren auf die Massaker, als lebten sie nicht nur in anderen Breiten, sondern auch in anderen Zeiten.

Der nigerianische Pfarrer, nach dessen Überzeugung die Gewalttätigkeiten in seiner Heimat vor allem von fanatisierten Islamisten ausgehen, appellierte an die katholischen Gläubigen, "bis zum Letzten" gegen die Einführung der Scharia zu kämpfen, und zitierte das Bibelwort "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Einem Reporter vertraute der Pater an, warum er von dem Gebot "Du sollst nicht töten" nichts wissen will: "Wenn wir uns daran halten würden, wären wir schnell ausgerottet."

Der Hamburger Kraack setzt angesichts der Attentate militanter Islamisten auf eine gänzlich andere Strategie. Wenige Tage nach dem Massenmord in den USA riefen er und sein Kollege Gunter Marwege zusammen mit dem örtlichen Imam Mustafa Özcan Günesdogdu zum christlich-muslimischen Gemeinschaftsgottesdienst in die St. Georger "Centrum-Moschee". Dort warnte Marwege die Christen vor "Selbstgerechtigkeit": "Liebet eure Feinde."

Ein St. Georger Muslim-Sprecher pflichtete ihm bei: "Was wir brauchen, ist der Dialog."

Dialog - das gilt in der deutschen Kirchenszene als ein "Allheilmittel", dem "nahezu Wunderkräfte" beigemessen werden, wie der Berliner "Tagesspiegel" beobachtete. Ob in Gemeindesälen oder Gebetsstuben, in Fernsehstudios oder kirchlichen Akademien: Überall ist "interreligiöser Dialog" angesagt, suchen Christen eifrig nach dem Guten im Glauben der anderen.

"Wir haben noch selten Dialoge mit Muslimen mit so viel öffentlicher Resonanz gehabt wie nach dem 11. September", sagt Wolfgang Huber, evangelischer Landesbischof in Berlin. Allerdings: Seit den Terrorattacken auf die USA werden die frommen Dialogbemühungen besonders misstrauisch beäugt, innerhalb wie außerhalb der Kirchen. Wenngleich keiner der Kritiker eine Alternative zur friedlichen Debatte kennt - die Zweifel mehren sich, ob der Dialog bisweilen nicht allzu nachgiebig, allzu naiv geführt worden ist.

Unsicherheit kommt auf, wenn etwa die Hamburger Dreieinigkeitsgemeinde Muslime in ihre Kirche lädt, um "zu unserem gemeinsamen Gott" zu beten. Nicht nur Sektierer fragen sich dann, ob denn der dreieinige Christengott tatsächlich identisch sei mit dem Allah jener Araber, die wenige hundert Meter weiter, vor der al-Kuds-Moschee, Lokalreportern in den Notizblock diktieren: "Atta ist im Himmel, aber ihr kommt in die Hölle."

Vor gut gemeinter "Religionsvermischung" warnen selbst progressive Würdenträger wie Margot Käßmann, lutherische Landesbischöfin in Hannover. Auf fundamentale Unterschiede im Gottesverständnis von Muslimen und Christen weist auch ein Papier hin, das im Auftrag der katholischen Bischöfe verfasst worden ist: Der Christenglaube an den dreieinigen Gott - samt des gekreuzigten und auferstandenen Jesus - gelte nach der Koran-Sure 5 als strafwürdige "Vielgötterei".

"Wir dürfen den Dialog nicht naiv führen, wir müssen ihn selbstbewusst führen", lässt sich der EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock vernehmen. Es gebe, weiß der Bischof, in der Kirche "eine Mentalität der Gutmeinenden", die wünschten, "dass wir uns auf das Gemeinsame der Religionen konzentrieren und das Trennende weglassen müssen, so als wäre unser Christuszeugnis ein entbehrliches Sahnehäubchen".

Geradezu unterwürfig reagiert manch ein Christenmensch, wenn die brutale Unterdrückung der Frau in nahezu allen muslimisch geprägten Gesellschaften angesprochen werden müsste. Warum es einer Muslima verboten ist, einen Christen zu heiraten; warum sogar interreligiöse Techtelmechtel beispielsweise in Iran mit Kerker oder Tod bestraft werden; warum Frauen in islamischen Ländern die Schul- und Berufsausbildung oft untersagt ist; warum Söhnen im Erbfall doppelt so viel wie Töchtern zusteht; warum weibliche Untreue nach der Scharia mit Tod durch Steinigung bedroht ist - das alles wird in den Höflichkeitsdialogen oft ausgespart.

Zweifel anderer Art kommen auf, wenn Christen, so unlängst etwa im baden-württembergischen Sindelfingen, als Dialogpartner ausgerechnet einen Vertreter von Milli Görüs auswählen, einer Gemeinschaft, die nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes zwar auf Unauffälligkeit und Salonfähigkeit bedacht ist, aber als Arm der verbotenen türkischen Wohlfahrtspartei gilt, die einen Gottesstaat errichten will.

Solche Beobachtungen haben offenbar den sozialdemokratischen Bundesinnenminister Otto Schily zu der Rüge veranlasst, die Kirchen schienen "nicht immer die Kraft zu haben, die geistige Auseinandersetzung mit dem Islam zu bestehen".

Noch härter nimmt der Göttinger Muslim und Politologie-Professor Bassam Tibi die Berufschristen ins Gebet. "Besonders die protestantische Kirche" habe oft "Islamisten für Vertreter des Islam gehalten, sie anerkannt und ihnen so jahrelang Deckung geboten". Radikale Muslime wiederum hätten lange Zeit "das deutsche Gutmenschentum ausgenutzt, um für sich Freiräume aufzubauen".

Die Verantwortlichen mögen kaum widersprechen. Selbstkritisch gestehen Kirchenobere wie Bischof Rolf Koppe, Ökumene-Beauftragter der EKD, neuerdings ein, dass die kirchlichen Islambeauftragten bei der Wahl ihrer muslimischen Dialogpartner hin und wieder zu "arglos" gewesen seien. Künftig müssten sie "die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes stärker nutzen als bisher".

Das A und O eines Dialogs ist die Auswahl des richtigen Partners. Doch weil es eine allseits akzeptierte Vertretung der deutschen Muslime nicht gibt, geraten Dialogwillige in einen Dschungel untereinander zerstrittener Verbände teils obskuren Charakters. Rheinland-pfälzische Muslime, so erinnert sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, hätten an ihn appelliert: "Helft uns, eine vierte Moschee in Mainz zu bauen, denn die drei existierenden sind alle fundamentalistisch."

Allmählich dämmert manchem Kirchenmenschen auch, dass er sich aus schierer Konfliktscheu - Friede, Freude, Inschallah - zu lange darauf beschränkt hat, christliche Missetaten wie die Kreuzzüge vergangener Jahrhunderte zu verdammen, den Islam hingegen als "im Grunde tolerant" zu preisen.

Als Hauptbeleg für diese immer wieder bei Tagungen und Symposien vertretene These wird stereotyp die kulturelle Blütezeit des Islam im mittelalterlichen Andalusien beschworen. Das sei pure "Nostalgie", urteilt der Hamburger Orientalistik-Professor Gernot Rotter; die westlichchristliche und die islamische Welt hätten sich in den seither vergangenen Jahrhunderten weit auseinander entwickelt.

Dass Amnesty International heute in sämtlichen islamischen Staaten die Menschenrechte massiv verletzt sieht; dass vielerorts mit religiöser Billigung kritische Intellektuelle ermordet, arme Sünder ausgepeitscht und Mädchen vom Schulunterricht fern gehalten werden - auch das wird häufig verschwiegen, um die Gefühle der Gesprächspartner nicht zu verletzen.

Auf eine grausame Nebenwirkung solcher Beflissenheit weist der Islamexperte und Buchautor Hans-Peter Raddatz ("Von Gott zu Allah?") hin: "Indem beispielsweise der katholische Dialog den Islam als tolerante Religion verkündet, unterstellt er sich islamischer Propaganda, die ihn zudem zwingt, die Christenverfolgungen in dessen Gebieten zu verschweigen."

Duckmäuserei müssen sich die deutschen Kirchenoberen vor allem von ihren verfolgten Glaubensbrüdern und -schwestern in Nigeria und im Sudan, in Ägypten und in Indonesien vorwerfen lassen. Auf den indonesischen Molukken sind bereits Tausende von Christen religiösen Säuberungen zum Opfer gefallen und "weit mehr als 700 Kirchen" zerstört worden, wie EKD-Auslandsbischof Koppe berichtet, der auch die Ursachen kennt: "Die gewalttätigen Konflikte haben fundamentalistische muslimische Gruppen begonnen."

Dennoch bleiben solche Exzesse im deutschen Dialog durchweg unerwähnt. Nur hin und wieder riskiert jemand wie der evangelische Leitende Bischof Hans Christian Knuth höflich formulierten Protest: "Es gibt leider islamische Länder, in denen Christen sich nicht so entfalten können wie die Muslime bei uns."

Rar waren lange Zeit beherzte Stellungnahmen wie die des EKD-Ratsvorsitzenden Kock, des höchsten geistlichen Repräsentanten der Protestanten. "Unerträglich", rügte Kock jüngst, sei es etwa, dass in Saudi-Arabien Frauen "misshandelt und bestraft" werden, nur weil sie eine Halskette mit Kreuz tragen.

Lieber schwärmen die Dialogbeflissenen davon, dass Islam "Frieden" bedeute (obgleich das Wort in Wahrheit für "Hingabe" steht) und eine von Grund auf friedfertige Religion sei. Doch die Dialogversion der Wahrheit stößt zunehmend auf Zweifel - bei Rechten wie bei Linken, in der "FAZ" wie in der "taz".

Alle Welt versichere nun "eilfertig", mit dem Terrorismus habe der Islam "nicht das Geringste zu tun - als beziehe sich Bin Laden auf den Buddhismus", mokiert sich die "Frankfurter Allgemeine". "Geradezu gebetsmühlenhaft" werde derzeit der Unterschied zwischen Islam und Islamismus betont, hat auch die linksalternative "Tageszeitung" beobachtet, die in ihrem Milieu ein "merkwürdiges Interesse" registriert, "den Islam gutzusprechen".

Tatsächlich zeigen zumindest viele links gestimmte Theologen ein gewisses Verständnis für die ausgeprägte Neigung fundamentalistischer Muslime, alle Übel der islamischen Welt, von der Frauenunterdrückung bis zum Flugzeugattentat, den USA anzulasten. Walter Laqueur, Direktor des Washingtoner Instituts für Strategische und Internationale Studien, glaubt sogar, dass sich Europas extreme Linke eines Tages "nicht länger auf Marx-Engels-Lenin beruft, sondern auf Marx-Engels-Laden".

Das Gerede vom "friedlichen" Islam, erklärt Fachautor Raddatz, sei zwar zum "festen Dogmenbestandteil des interreligiösen Dialogs" geworden. Es negiere jedoch "völlig das unerschütterliche Feindbild, das der Islam vom Westen und vom Christentum hat"; aus dieser Sicht müssen alle "Ungläubigen" bekämpft werden, bis der "Frieden", nämlich die "Weltherrschaft des Islam", gesichert sei.

Im Dialog vertreten Muslim-Lobbyisten ihre Position häufig überaus sanft im Ton, aber knallhart in der Sache. Wenn, selten genug, die unbequemen Fragen vom Dialogpartner nicht völlig ausgeklammert werden, hüllt sich der Aachener Gynäkologe Nadeem Elyas, Vorsitzender des Zentralrats der deutschen Muslime, bisweilen in beharrliches Schweigen - etwa wenn ihn die Feministin Alice Schwarzer bei einer TV-Diskussion zur Frauenun-terdrückung im Islam verhören will.

In solchen Situationen unterläuft Elyas schon mal, was ein Reporter der linksliberalen "Frankfurter Rundschau" so beschrieb: "Die dunkelbraunen Augen hinter seiner randlosen Brille verlieren alle Güte und lassen ahnen, dass er sich nun mit Sehnsucht der Gepflogenheiten seiner Heimat erinnern mag, die Frauen nicht ungestraft ein loses Mundwerk in aller Öffentlichkeit führen lassen."

Selbst oft nachgiebig bis zur "multireligiösen Schummelei" (so der Berliner Bischof Huber), zeigen sich die christlichen Dialogisten immer wieder verblüfft über den Absolutheitsanspruch ihrer Gegenüber, die selbst in Diskussionen um absurd anmutende Glaubenssätze keinen Millimeter preisgeben.

Als "befremdlich" empfindet der evangelische Bremer Islambeauftragte Heinrich Kahlert beispielsweise das "muslimische Überlegenheitsbewusstsein, den unverhohlenen Anspruch, die bessere Religion zu vertreten" - etwa wenn ihm "ein frommer Muslim auf den Kopf zusagt, er sehe für uns Christen keine Möglichkeit, ins Paradies zu gelangen".

Kritik am Konzept des islamischen Gottesstaates - in dem Ungläubige zwangsläufig Menschen zweiter Klasse sind - wimmeln dialogerfahrene Muslimvertreter gern mit rhetorischen Tricks ab.

"Die Verantwortlichen für den Staat sind andere als die Verantwortlichen für die Religion", argumentiert in solchen Fällen Ahmed al-Khalifa, Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft. Eine Trennung von Kirche und Staat, behaupten einige seiner Glaubensbrüder, könne schon deshalb nicht zur Debatte stehen, weil der Islam gar keine Kirche sei.

Ähnlich spitzfindig fallen die Antworten aus, wenn Dialogteilnehmer die heikle Frage nach dem Verhältnis der muslimischen Glaubenslehre zum Grundgesetz stellen und Umfragen zitieren, nach denen gerade mal 52 Prozent der Muslime in Deutschland Koran und Verfassung für vereinbar halten. Es gebe "keinen Widerspruch zum Grundgesetz, den man nicht juristisch lösen könnte", flüchtet sich al-Khalifa dann ins Nebulöse.

Andere Argumentationsmuster muslimischer Propagandisten zielen auf das notorisch schlechte Gewissen der Bundesbürger. Eine deutsche Muslima namens Anja, die jahrelang in Sachen Dialog durch die Bundesrepublik tourte, kontert Kritik an Gräueln, die heute im Namen Allahs begangen werden, nach derselben Methode, nach der Neonazis den NS-Völkermord an den Juden mit dem Hinweis auf britische Konzentrationslager im Burenkrieg zu entschuldigen versuchen.

Verständnisinnig nicken Christen, wenn sie zu hören bekommen: "Wurden nicht auch im Namen des Christentums jahrhundertelang Menschen verfolgt, gefoltert und hingerichtet? Wurden nicht reiche Beutezüge unternommen, Menschen versklavt und unterdrückt? Denken Sie an dieKreuzzüge, an die Kolonisatoren, an die Inquisition."

Im Prinzip, so versuchen die Apologeten ihren Gesprächspartnern weiszumachen, unterscheide sich der islamische Gottesstaat ja gar nicht von westlichen Demokratien. Wie Kopftuchträgerin Anja bei deutschen Dialogveranstaltungen argumentierte, lässt sich mittlerweile im Internet nachlesen.

In muslimisch geprägten Ländern, heißt es da, dürften Frauen sehr wohl "anziehen, was sie wollen": "Nur nicht in der Öffentlichkeit." Es sei "schließlich das gute Recht eines jeden Staates, die persönliche Freiheit seiner Bürger dort einzuschränken, wo das allgemeine Volksempfinden für Recht und Ordnung betroffen wird".

Im Übrigen, so die heute in Ägypten verheiratete Muslima, gebe es auch in Deutschland Bekleidungsvorschriften:

Versuchen Sie einmal, ohne jegliche Kleidung in Ihrer Hauptgeschäftsstraße einkaufen zu gehen ... Jedem Land steht es frei, die Grenzen zwischen erlaubt und unerlaubt entsprechend dem Volksempfinden zu ziehen.

Dass Dieben die Hand abgehackt wird, erscheint aus dieser Sicht geradezu als Musterbeispiel humanen Strafvollzugs:

Haben Sie einmal erlebt, was es heißt, im Gefängnis zu sitzen? Der Delinquent verbleibt (nach dem Handabhacken) bei seiner Familie in seiner gewohnten Umgebung und hat die Möglichkeit, sofort ein neues Leben zu beginnen.

Mit solcher Logik lässt sich auch rechtfertigen, dass die Scharia jeden mit dem Tode bedroht, der aus der islamischen Glaubensgemeinschaft austritt - klarer Widerspruch zur "negativen Religionsfreiheit", die das Grundgesetz garantiert. Die Tötung von Abtrünnigen sei nicht verwerflicher, so die Pro-Islam-Propaganda, als die anderswo nach wie vor existente Todesstrafe für Hochverräter:

Wenn in einem islamischen Staat der den Glauben Verlassende offen gegen den Islam rebelliert, der dort ja die vom Volk gewählte Verfassung ist, ist das je nach Sachlage zumindest verfassungsfeindlich, wenn nicht gar Hochverrat. Und darauf kann, falls keinerlei Reue gezeigt wird, ebenso wie in vielen anderen Staaten auch, die Todesstrafe stehen.

Der Islamist - der wahre Verfassungshüter. Selbst die Ermordung untreuer Ehefrauen per Steinigung lässt sich mit Geschick als grundgesetzkonform hinstellen:

Sie halten einige Strafen für überzogen und antiquiert? Was denn zum Beispiel? Die Todesstrafe auf Ehebruch? Die Todesstrafe gibt es in vielen Staaten, inklusive einiger Bundesstaaten der USA ... Und auch laut deutschem Grundgesetz dürfte theoretisch durch Gesetz in das Recht auf Leben eingegriffen werden ... Ehebruch zerstört Familien und bedroht damit die Basis des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. Nachzulesen u. a. wörtlich im deutschen Grundgesetz, Artikel 6, Absatz 1.

Und so weiter und so fort. So unerschütterlich stehen buchstabengläubige Muslime zu den mittelalterlichen Sittengesetzen, dass manch einer sich nicht scheut, sie seinen christlichen Dialogpartnern als mustergültig anzudienen.

Bei einem islamisch-christlichen Gipfel Anfang Oktober in Rom regten muslimische Geistliche an, beide Religionen sollten gemeinsam den Kampf gegen Ungläubige aufnehmen, speziell gegen die "Förderer der Pornografie" und der "Homosexualität". Der "peinliche Vorschlag", so notierten Zeitungskorrespondenten, habe bei den christlichen Gesprächspartnern "Verlegenheit" ausgelöst.

Dass der schwierige Dialog, bei dem Mittelalter und Postmoderne oft ungebremst aufeinander prallen, nur selten im offenen Eklat endet, liegt nicht allein an der Höflichkeit der christlichen Partner. Islamwissenschaftler Tibi hat muslimische Diskussionsteilnehmer beobachtet, die sich geschmeidig zum Grundgesetz und zur Integration bekennen - jedoch nur auf dem Dialogpodium. Tibi: "Kaum ist der deutsche Gutmensch gegangen, sagt der Fundamentalist: Das ist ein dreckiger Kreuzzügler."

Nur zögernd, so scheint es, folgen die deutschen Berufsseelsorger dem Appell des EKD-Auslandsbischofs Koppe, dem Dialog eine andere Wendung zu geben und Abschied zu nehmen von lieb gewonnenen Verschleierungsfloskeln. Zu den Aufgaben der Kirche gehöre es auch, fordert Koppe, "den Muslimen Menschenrechte, Minderheitenschutz und den säkularen Staat als Errungenschaften der Moderne zu vermitteln".

Während manch ein Seelsorger um des lieben Friedens willen noch immer dazu neigt, Kritik allenfalls auf Zehenspitzen zu üben, sehen sich Deutschlands Moscheegemeinden von unerwarteter Seite ungleich schärfer attackiert - von muslimischenFrauen und Schwulen, die das Internet als Medium entdeckt haben.

Online begehren Rebellinnen aus der Deutschen Muslim-Liga Bonn e. V. (http://members.aol.com/dmlbonn) dagegen auf, dass manch eine ihrer in Deutschland lebenden Glaubensschwestern "nicht an gemeinschaftlichen Gebeten in der Moschee teilnehmen" und selbst "am Tag das Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen" darf. Die Begründung, nur auf diese Weise seien Frauen in Deutschland vor männlichen Belästigungen geschützt, sei unaufrichtig, schreiben die Musliminnen:

Leider ist oft zu beobachten, dass Frauen in den so genannten muslimischen Ländern mehr Belästigungen ausgesetzt sind als in Europa - selbst wenn sie ihren Körper ganz bedecken. Es stellt sich daher die Frage, ob es ausreicht, Moral allein auf die Frau abzuwälzen.

Auch homosexuelle Muslime haben begonnen, wenn auch anonym, im Internet gegen die Schwulenverfolgung in islamisch geprägten Staaten anzugehen.

So belegt ein "Ismail", dass etliche frauen- und schwulenfeindliche Stellen islamischer Standardwerke in der deutschen Übersetzung nur "geschönt präsentiert", wenn nicht sogar ganz "unterschlagen" werden - wie etwa Passagen, in denen bestimmte homo- und heterosexuelle Praktiken bis auf den heutigen Tag mit Auspeitschung oder Tod durch Steinigung bedroht sind.

Von den bieder-korrekten Dialogchristen haben die wagemutigen Musliminnen und Muslime in ihrem Kampf um Menschenrechte vorerst wohl nicht allzu viel Beistand zu erwarten. Dabei kann der christlich-muslimische Dialog nur erfolgreich sein, wenn es den Teilnehmern gelingt, auch die dunklen Seiten des Islam zu thematisieren - und trotz alledem für Toleranz im täglichen Umgang mit den in Deutschland lebenden Muslimen zu werben.

Dass auch ein solcher Dialog, offen und ehrlich, möglich ist, beweisen Christen und Muslime im Hamburger Multikulti-Viertel St. Georg. Schon vor drei Jahren nahm ein Zirkel, dem auch Kirchenvertreter beitraten, das Gespräch über Themen auf, die anderswo tabuisiert werden.

Das Protokoll liest sich wie ein Katalog aller gängigen Urteile und Vorurteile: Dienen die vielen türkischen Gemüseläden im Viertel nur als "Fassade für dubiose Geschäfte"? Wie steht es um "antisemitische Tendenzen" in den zehn Moscheen und Gebetsräumen im Stadtteil? Warum müssen deutsche Frauen "vielfältige Anmache durch muslimische Männer" erdulden?

Und, anders herum: Was ist dran an dem muslimischen Pauschalurteil, alle Christen seien Ungläubige, "die nie genug vom Trinken, Schweinefleisch und Sex mit wechselnden Partnern" kriegen, sich "höchstens einmal im Monat waschen" und deren Kinder "keinen Respekt vor ihren Eltern haben - und", wie sich ein Moscheesprecher empörte, "sogar vor ihnen pupsen"?

Sosehr hat der offene Dialog die Luft gereinigt, dass die St. Georger Muslime bei Moschee-Bauprojekten heute mit der Unterstützung vieler ihrer christlichen Partner rechnen können. Solche Erfahrungen ermutigen auch Dialogkritiker, für eine Vertiefung der Gespräche zu plädieren.

Auch der skeptische Kardinal Lehmann setzt sich für die in Deutschland lebenden Muslime ein, obgleich er weiß: "Wenn ich in Saudi-Arabien einen Gottesdienst halten will, riskiere ich Gefängnis." Zwar hat der Vorsitzende der Bischofskonferenz bereits laut darüber nachgedacht, ob den Muslimen in Deutschland lediglich "Religionsfreiheit auf Gegenseitigkeit" gewährt werden sollte. Doch die meisten deutschen Kirchenoberen scheinen eine solche Politik, die mit der Verfassung kollidieren würde, abzulehnen.

Schon jetzt, klagt Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime, sei in Deutschland der Bau einer Moschee so schwierig "wie der Bau eines Atomkraftwerks".

Wer weitere Hürden errichten wolle und beispielsweise sage, in Deutschland dürfe es keine Moscheen geben, solange Christen beispielsweise in Saudi-Arabien der Kirchenbau verboten ist, der mache, so gibt das Kirchen-Magazin "Chrismon" zu bedenken, "die eigene Tradition der Offenheit klein".

Diese Offenheit zählt heute vielleicht zu den wichtigsten Unterschieden zwischen Christentum und Islam.

"Chrismon"-Chefredakteur Arnd Brummer bringt die Distanz zwischen den Religionen auf die Formel, Muslime und Christen glaubten ja "vielleicht an denselben Gott, mit Sicherheit jedoch nicht an den gleichen".

Oder sollte es umgekehrt sein?
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© DER SPIEGEL 51/2001

carlo
03.04.2004, 16:10
Zwischen Freiheit und Verfolgung



Christen in Ländern mit muslimischer Mehrheit


Dokumentation der Kath. Internationalen Presseagentur



Freiburg i. Ü., 05.12.2001 (Kipa) Nicht erst der 11. September und die erklärte Feindschaft islamischer Extremisten gegen dem Westen haben die Frage nach dem Verhältnis von Christen und Muslimen neu aufgeworfen. Im katholischen Bereich hat die Dialog-Euphorie der 70er Jahre Ernüchterung Platz gemacht. Christen in vielen islamischen Ländern sehen sich mit wachsenden fundamentalistischen Bewegungen im Islam konfrontiert. Bei den Bischofssynoden für Afrika (1994) und Asien (1998), aber auch beim jüngsten Weltbischofstreffen gab es neben dem Appell zum offenen Dialog auch warnende Stimmen.

Papst Johannes Paul II. hat bei seinen Auslandsreisen immer wieder die Begegnung mit dem Islam gesucht und für Toleranz, Gegenseitigkeit und für einen Dialog unter gleichberechtigten Partnern geworben. Sein erster Besuch einer Moschee in Damaskus im Mai sollte ein neuer Anstoss sein.

Die nachfolgende Zusammenstellung basiert in weiten Teilen auf einer Ländersicht des vatikanischen Missions-Nachrichtendienstes Fides. Experten geben zu bedenken, dass Zahlenangaben für diese Regionen oft widersprüchlich sind.



ASIEN
Christen geniessen Kultusfreiheit, missionarische Tätigkeit ist nicht erlaubt In den mehrheitlich muslimischen Ländern zwischen Nahost und Indonesien sind die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen nicht immer einfach. Interreligiöser Dialog ist vor allem dort möglich, wo es sich bei den Christen um Einheimische handelt, die mit den Muslimen Sprache und Kultur teilen. Auf der arabischen Halbinsel ist der Dialog problematisch, weil es sich bei den dortigen Christen meist um Ausländer handelt, die sich zu Arbeitszwecken für wenige Jahre im Land aufhalten.

In Saudi-Arabien gibt es keine Religionsfreiheit. In Afghanistan wurde die christliche Präsenz unter dem Taliban-Regime ausgelöscht. Da die missionarische Tätigkeit von den Regierungen oft als Proselytenmacherei betrachtet wird, beschränkt sich christliche Präsenz in vielen muslimischen Ländern auf ein Glaubenszeugnis durch das Leben inmitten der Bevölkerung - wie bei den Franziskanern oder den Charles-de-Foucauld-Schwestern in Afghanistan, Pakistan und der Türkei - sowie auf die Förderung sozialer Einrichtungen, Arbeit in Krankenhäusern, Schulen und Waisenheimen. [zurück]



AFGHANISTAN
Einwohner: 25.000.000; Religion: Muslime 99 %, Christen: wenige Dutzend. Das Taliban-Regime hat die Reste der christlichen Minderheit, die bis zum Jahr 2000 etwa 7.000 Mitglieder hatte, praktisch aus dem Land vertrieben. In Kabul leben derzeit drei Schwestern aus der Kongregation der Kleinen Schwestern von Charles de Foucauld, die im Stillen der einheimischen Bevölkerung helfen. [zurück]



BANGLADESCH
Einwohner: 129.000.000; Religion: Muslime 88 %, Christen 0,3 %.
Der Islam ist im Land seit 500 Jahren verbreitet und ist heute Staatsreligion. Er spielt im gesellschaftlichen Leben eine wichtige Rolle, die islamischen Gesetze der Scharia sind aber nicht Landesgesetze. Die Rechte christlicher Minderheiten sind gesetzlich anerkannt, die interreligiösen Beziehungen gelten als gut. Die christliche Minderheit engagiert sich im Rahmen der Caritas Bangladesch sowie durch zahlreiche soziale und karitative Dienste für die Bekämpfung der Armut. Dafür wird sie im Allgemeinen von der Bevölkerung geschätzt.

Die katholische Kirche engagiert sich auch im Bildungswesen: 518 Schulen befinden sich in kirchlicher Trägerschaft. Zudem verwalten die Katholiken 340 Gesundheitseinrichtungen. Das Christentum wird als "ausländische Religion" betrachtet. Die katholische Gemeinschaft ist noch jung, die Inkulturation noch nicht weit fortgeschritten. Missionare werden häufig mit Misstrauen betrachtet und erhalten oft nur unter Schwierigkeiten ein Einreisevisum. [zurück]



BAHRAIN
Einwohner: 617.000; Religion: Muslime 82,4 %, Christen 10,5 %.
Die rund 60.000 Christen verschiedener Konfessionen geniessen weitgehend Kultusfreiheit. Es gibt drei katholische Priester und sieben Comboni-Schwestern, die eine Schule mit 1.600 Schülern leiten. Vor kurzem wurde der Bau einer grossen katholischen Kirche fertiggestellt. Es gibt Tendenzen zur Öffnung gegen Demokratie und anderen Religionen. [zurück]



BRUNEI
Einwohner: 307.000; Religion: Muslime 70 %, Christen 7,7 %.
Der Islam ist im Sultanat Staatsreligion. Obwohl die Verfassung die Ausübung aller Religionen "in Frieden und Harmonie" garantiert, wurde dies mit der Zeit eingeschränkt. In den vergangenen zehn Jahren hat die Regierung Predigten und Bekehrungen untersagt, Bischöfen und Missionaren Visa verweigert, die Einfuhr von religiösem Material verboten und keine Genehmigungen für den Bau von Kirchen erteilt. Das Bildungsministerium verpflichtet alle Schüler, auch die nichtmuslimischen, den islamischen Religionsunterricht zu besuchen und Arabisch zu lernen. Auch an Privatschulen ist christlicher Religionsunterricht untersagt, islamischer dagegen verpflichtend. [zurück]



INDONESIEN
Einwohner: 211.000.000; Religion: Muslime 88 %, Christen 10 %. Indonesien ist mit rund 180 Millionen Muslimen das zahlenmässig grösste islamische Land der Welt. Die auf der Pancasila, den fünf grundlegenden Prinzipien des Staates, gründende Verfassung garantiert Kultusfreiheit für die anerkannten Religionen (Islam, Christentum, Buddhismus, Hinduismus), was von der Regierung - im Allgemeinen - respektiert wird. Der indonesische Islam gilt als gemässigt, das Zusammenleben mit christlichen Minderheiten ist in den meisten Regionen friedlich. Mit Beginn der Bombenangriffe auf Afghanistan kam es zu Protestkundgebungen fundamentalistischer Muslim-Bewegungen. Die gemässigten islamischen Gruppen Nahdlatul Ulama/NU und Muhamadiya (mit rund 70 Millionen Mitgliedern) riefen dagegen ihre Anhänger zur Ruhe auf.

In den vergangenen zwei Jahren kam es zu fundamentalistischer muslimischer Gewalt auf den Molukken. Hinter den Unruhen sehen Beobachter weniger einen Religionskonflikt als einen Machtkampf. Religiöse Gegensätze wurden insbesondere von den Vertretern der von aussen kommenden und von der Armee unterstützten "Laskhar Dschihad" geschürt. Zu Spannungen im Land führten eine Reihe von Attentaten auf christliche Kirchen in Jakarta an Weihnachten 2000. Auch im Juli 2001 wurden dort zwei Bombenanschläge auf Kirchen verübt. Die neue Staatspräsidentin Megawati Sukarnoputri hat vor einer "Balkanisierung" Indonesiens gewarnt, falls die ethnischen und religiösen Konflikte nicht unter Kontrolle kämen.

In dem 1976 von Indonesien annektierten Osttimor, das mehrheitlich von Christen bewohnt wird, war es Ende der 90er Jahre zu einem Bürgerkrieg und auch religiös motivierten Unruhen gekommen. In einer Volksabstimmung sprach sich 1999 die grosse Mehrheit für eine Unabhängigkeit aus. Daraufhin kam es zu gewalttätigen griffen pro-indonesischer Milizen, in deren Folge mehr als 1.000 Menschen getötet wurden. Im August 2001 fanden dort freie Wahlen statt. [zurück]



IRAK
Einwohner: 23.000.000; Religion: Muslime 96 %, Christen 4 %.
Im Irak ist der Islam Staatsreligion, doch - wie der chaldäische Patriarch Raphael I. Bidawid wiederholt betonte - bereiten der Bevölkerung weniger die Beziehungen zu den Muslimen als vielmehr die durch das Embargo bedingte Armut Probleme. Christen sind auch in der Regierung vertreten, etwa der stellvertretende Premierminister Tarik Asis. Im Norden des Landes gibt es eine kurdische christliche Gemeinde mit antiker Tradition. [zurück]



IRAN
Einwohner: 62.000.000; Religion: Muslime 99 %, Christen 0,1 %.
Seit der Proklamation der islamischen Republik 1979 ist der schiitische Islam Staatsreligion. Freiheiten sind für Minderheiten eingeschränkt. Die Verfassung legt jedoch fest, dass kein Anhänger anderer Religionen zum tritt zum Islam gezwungen werden kann; Bekehrungen von Muslimen sind jedoch untersagt. Religiöse Minderheiten dürfen im Iran die eigenen Riten in ihren Kulträumen zelebrieren. Christen, die muslimische Schulen besuchen, sind nicht verpflichtet, am islamischen Religionsunterricht teilzunehmen. Sie dürfen ihren eigenen Religionsunterricht besuchen. Ihre Lehrbücher müssen allerdings vom Bildungsministerium genehmigt werden und geben deshalb den Glauben nicht immer vollständig wieder. Der im Juni wiedergewählte Staatspräsident Mohammed Khatami verfolgt seit 1997 einen gemässigten Reformkurs. Mit den Christen und insbesondere mit dem Vatikan gibt es auf internationaler Ebene Gemeinsamkeiten und Zusammenarbeit, etwa zum Schutz des Lebens und der Familie. [zurück]



JEMEN
Einwohner: 18.100.000; Religion: Muslime 98,8 %, Christen 0,25 %. Die1990 verabschiedete Verfassung der Republik gründet auf dem Islamrecht Scharia. Christen geniessen Kultusfreiheit, Proselytenmacherei ist jedoch verboten. In jüngster Zeit kam es zu Verstössen gegen Menschenrechte und Religionsfreiheit: Im Januar 2000 wurde ein zum Christentum getretener somalischer Staatsbürger zum Tod verurteilt. 1998 wurden drei Missionsschwestern ermordet. [zurück]



JORDANIEN
Einwohner: 6.300.000; Religion: Muslime 96 %, Christen 4 %.
Christen geniessen vom Staat garantierte Religionsfreiheit, jedoch mit gewissen Einschränkungen. Im Februar 2000 forderten 53 der 80 Parlamentsabgeordneten in einer Petition die Einführung der Scharia. Verschiedene Gruppen, die mit christlichen Missionsorganisationen zusammenarbeiten, klagten bürokratische Schwierigkeiten bei Aufenthaltsgenehmigungen. Die Regierung verbot verschiedenen protestantischen Organisationen die Verbreitung von Bibeln und erteilte keine Genehmigung für öffentliche Kundgebungen der Gläubigen. Zum Papstbesuch im März 2000 wurde den Katholiken das Stadion von Amman für einen Gottesdienst zur Verfügung gestellt. [zurück]



KATAR
Einwohner: 600.000; Religion: Muslime 82,7 %, Christen 10,4 %.Gegenwärtig ist die Situation der Christen gut. Die Regierung hat im Zeichen der Öffnung und der religiösen Toleranz Ende 1999 den Bau der ersten katholischen Kirche in der Hauptstadt Doha genehmigt. Früher war die öffentliche Ausübung nichtmuslimischer Religionen untersagt. [zurück]



KUWAIT
Einwohner: 1.900.000; Religion: Muslime 83 %, Christen 12,7 %.
Die Religionsfreiheit wird von der Verfassung garantiert. Christen, bei denen es sich ausschliesslich um ausländische Arbeitnehmer handelt, geniessen Kultusfreiheit in einem allgemeinen Klima der Toleranz. Es gibt zwei katholische Gotteshäuser: die Kathedrale von der Heiligen Familie in der Wüste und die Kirche Unserer Lieben Frau von Arabien in Ahmadi. Vor einem Jahr erhielt ein privates Unternehmen die Genehmigung zur Einfuhr von Bibeln und religiösem Material. [zurück]



LIBANON
Einwohner: 4.000.000; Religion: Muslime 59 %, Christen 41 %.
Der Libanon mit seinen verschiedenen Kulturen galt lange Zeit als ein Beispiel für christlich-muslimisches Zusammenleben. Seit der Unabhängigkeit (1943) wird der Staat als laizistisch und pluralistisch definiert, Religionsfreiheit wird garantiert. Nach einem festgelegten Schlüssel sind die wichtigsten Staatsämter nach Religionszugehörigkeit verteilt. Mit der Ankunft der bis zu 500.000 palästinensischen Flüchtlinge und unter dem Einfluss der Nachbarländer (Syrien und Israel) und der Nahost-Problematik brach 1975 ein Krieg mit wechselnden Frontstellungen aus, der sich bis 1990 hinzog. drei Viertel der insgesamt rund 150.000 Kriegsopfer waren Christen. Die lange Kriegsdauer veranlasste viele vor allem christliche Familien zur Auswanderung. Dadurch verloren die Christen die demografische Mehrheit im Land. Durch den Krieg wurde auch das interreligiöse Zusammenleben zerstört, das zuvor auf gegenseitigen Garantien zwischen den Glaubensgemeinschaften basiert hatte.

Infolge des Einflusses aus den Nachbarländern nimmt heute der islamische Integralismus im Libanon zu. Die schiitische "Hisbollah" ("Partei Gottes") fordert die Gründung eines muslimischen Staates nach Vorbild des Iran. Nach dem Rückzug der israelischen Truppen aus dem Libanon im Mai 2000 brachten die christlichen Gemeinschaften im Südlibanon ihre Sorge ihr zukünftiges Schicksal zum Ausdruck. Gleichzeitig forderten viele Christen des Landes, darunter auch der maronitische Patriarch, Kardinal Nasrallah Sfeir, sowie Drusen und Muslime den Rückzug der syrischen Truppen aus dem Land. Der Papstbesuch 1997, der von Christen und Muslimen begrüsst wurde, zeigte, dass das konfessionsgreifende Gewebe noch Bestand hat. [zurück]



MALAYSIA
Einwohner: 22.200.000; Religion: Muslime 50 %, Christen 8,3 %.
In der konstitutionellen Monarchie ist der Islam Staatsreligion. Religionsfreiheit ist in der Verfassung garantiert; fundamentalistische islamische Bewegungen üben allerdings auf politischer und sozialer Ebene Druck aus. Proselytenmacherei wird verurteilt, christliche Presse kann nur unter Schwierigkeiten veröffentlicht werden. Der Bau von Kirchen wird nur mit grossen Einschränkungen genehmigt. Seit rund einem Jahrzehnt versucht die fundamentalistische Partei, das Islamrecht Scharia einzuführen. [zurück]



MALEDIVEN
Einwohner: 286.000; Religion: Muslime 99,2 %, Christen 0,1 %.
In dem Urlaubsparadies mit jährlich 400.000 Touristen ist der Islam Staatsreligion, andere Religionen sind verboten. Es gilt die Scharia, wobei Beobachter auf Toleranz etwa beim Alkoholkonsum verweisen. Es gibt keine christlichen Kultstätten; öffentliches Zeugnis kann bestraft werden. Anfang 1999 leitete die Regierung in den Medien eine massive Islamisierungskampagne ein, in deren Rahmen auch neue Moscheen errichtet wurden. [zurück]



OMAN
Einwohner: 2.500.000; Religion: Muslime 87,4 %, Christen 4,9 %.
(Katholiken: 55.000) Wie in den anderen kleinen Sultanaten finden auch im Oman regelmässig christliche Gebets- und "Wortgottesdienste" statt. Das Sultanat hat Grundstücke zum Bau von Gotteshäusern zur Verfügung gestellt und den Bau von Kirchen finanziert. Der Sultan stiftete der Kirche in Maskat eine deutsche Orgel. Es gibt christliche Schulen, die Christen dürfen sich in Organisationen zusammenschliessen. [zurück]



PAKISTAN
Einwohner: 141.000.000; Religion: Muslime 97 %, Christen 1,5 %.
Christliche Minderheiten werden durch das "separate Wahlsystem" diskriminiert: Nichtmuslime dürfen ihre Stimme nur einer beschränkten Anzahl von Kandidaten der jeweiligen Religion geben. Christenführer protestieren zudem gegen den Blasphemie-Paragrafen, der die Todesstrafe für jeden vorsieht, "der mit Wort oder Schrift oder auf andere Art und Weise direkt oder indirekt den heiligen Propheten Mohammed beleidigt" (Pakistanisches Strafgesetzbuch, 1986, Paragraf 295 c). Präsident Pervez Muscharraf hatte im Mai 2000 eine Änderung dieses Paragrafen angekündigt, dann jedoch offenbar dem Druck integralistischer Muslime nachgegeben.

Zuletzt kam es zunehmend zu Kundgebungen muslimischer Integralisten, die das Christentum pauschal mit den USA identifizieren. Am 28. Oktober nahmen muslimische Extremisten die Gottesdienstgemeinde einer christlichen Kirche von Bahawalpur unter Beschuss; dabei gab es 18 Tote und 5 Schwerverletzte. Bereits in der Vergangenheit waren die christlichen Minderheiten mehrfach Gewalt ausgesetzt. Als 1981 saudiarabische Extremisten die Kaaba in Mekka besetzten, wurden Brandanschläge auf Kirchen und Klöster in Pakistan verübt. 1991 wurde nach den alliierten Angriffen auf den Irak das Kloster von Rawalpindi geplündert. 1997 wurde das christliche Dorf Shantinagar (im Norden der Region Pandschab) dem Erdboden gleichgemacht. [zurück]



PALÄSTINA
Einwohner: 2.200.000; Religion: Muslime 73,5 %, Christen 8,6 %.
Die Christen in den Palästinensergebieten gehören unterschiedlichen Kirchen an: Katholiken (Lateiner und Unierte), Orthodoxe, Armenier und Protestanten. Im Westjordanland leben rund 20.000 Katholiken des lateinischen Ritus, die dank des Engagements zahlreicher Orden im Bildungswesen und im Sozialwesen in der Bevölkerung sehr geschätzt werden. Seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000 hat der Druck fundamentalistischer Gruppen zugenommen, die einen islamischen Palästinenserstaat fordern.

Der traditionell eher liberale Islam unter den Palästinensern ist zunehmend Strömungen ausgesetzt, die die Gefahr einer Ausgrenzung der Christen aus der Politik beinhalten. Die Kirchen leiden unter dem Leben als Minderheit in einem vorwiegend muslimischen Umfeld, das einerseits politische Solidarität fordert, andererseits die Christen vielfach als Randgruppe betrachtet. Viele Christen, vor allem Jugendliche und junge Familien wandern aus. Am 15. Februar 2000 wurden Vereinbarungen zwischen dem Vatikan und der Palästinensischen Befreiungsorganisation unterzeichnet, in denen die PLO der Kirche die freie Arbeit auf palästinensischem Territorium garantiert und sie als juristische Person anerkennt. [zurück]

Anmerkung: ISRAEL In Galiläa, vor allem in Nazareth, gibt es verschiedene Einrichtungen der rund 45.000 Melkiten - ein Seminar, ein Kolleg und zwei Schulen -, aber auch der Lateiner und anderer Denominationen. Die Zahl der Protestanten wird auf rund 2.500 geschätzt. Zu Spannungen zwischen Christen und Muslimen führte der soeben begonnene Bau einer Moschee auf dem Vorplatz der Verkündigungsbasilika in Nazareth. Der Vatikan, Christen in aller Welt, aber auch muslimische Behörden vor Ort und aus dem Ausland sowie Palästinenserführer Arafat hatten heftige Kritik an dem Bauvorhaben geübt. [zurück]



SAUDI-ARABIEN
Einwohner: 21.600.000, davon 6.000.000 ausländische Arbeiter; Religion: Muslime 93,7 %, Christen 3,7 %.
Die Christen sind die grösste nichtmuslimische Glaubensgemeinschaft in Saudi-Arabien. Die Religionsfreiheit der christlichen Gemeinschaft - grösstenteils ausländische Arbeitnehmer - ist eingeschränkt. Nichtmuslimische Religionen dürfen in Saudi-Arabien keine Kultstätten errichten. Christen dürfen sich auch in Privatwohnungen nicht zum Gebet versammeln. Gebetsgruppen in Riad, Dschiddah, Al Dschubayl und Damman werden von den saudi-arabischen Behörden kontrolliert. Proselytenmacherei ist unter Androhung der Todesstrafe verboten. Schon der Besitz von nichtmuslimischen religiösen Gegenständen wie Rosenkranz, Kreuze, Heiligenbilder oder Bibeln kann die Religionspolizei auf den Plan rufen. Das Verbot anderer Kulte wird damit begründet, dass "sich die Sakralität der Heiligen Städte Mekka und Medina auf das ganze Territorium ausdehnt". [zurück]



SYRIEN
Einwohner: 16.500.000; Religion: Muslime 85 %, Christen 7 %.
Das syrische Christentum setzt sich aus verschiedenen Gruppen zusammen: Griechisch-Orthodoxen (500.000), Melkiten (200.000), Armenisch-Gregorianischen (150.000), Syrisch-Orthodoxen, Syrisch-Katholischen, Armenisch-Katholischen, Maroniten, Assyrern, Chaldäern, Protestanten und Lateinern. Ein institutioneller Laizismus - der Islam ist nicht Staatsreligion, sondern die Religion des Staatsoberhauptes - garantiert den Christen eine relative Gleichberechtigung, obschon sie strengen Kontrollen unterstehen. Die seit 1964 regierende Baath-Partei versucht die verschiedenen Minderheiten des Landes in ein "arabisches" Konzept zu integrieren. Christliche Gemeinden dürfen Grundstücke kaufen und Kirchen oder andere Pastoraleinrichtungen bauen. Priester sind nicht zum Wehrdienst verpflichtet. In der Vergangenheit hat Syrien fundamentalistische Bewegungen durch Unterdrückungsmassnahmen eingeschränkt (so ist z.B. auch die protestantische Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Syrien immer noch verboten!). [zurück]



TÜRKEI
Einwohner: 66.600.000; Religion: Muslime 97 %, Christen 0,6 %.
Die türkische Verfassung garantiert die Trennung zwischen Religion und Staat sowie die Religions- und Kultusfreiheit. In der Praxis ist der Islam jedoch Staatsreligion. Ein staatliches Büro für Religiöse Angelegenheiten ist für die Beziehung zu den Religionen zuständig. Es kontrolliert alle mit dem Islam in Verbindung stehenden Aktivitäten, ernennt führende Religionsvertreter und weist ihre Gehälter. Proselytenmacherei ist nicht gesetzwidrig. Nach Angaben der US-amerikanischen Menschenrechtsorganisation "Freedom House" wurden jedoch Christen, die ihren Glauben öffentlich bekannten, von der Polizei wegen Störung der öffentlichen Ordnung festgenommen. ausführlichere Analyse | [zurück]



VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
Einwohner: 2.400.000; Religion: Muslime 75,6 %, Christen 11,1.
Eine provisorische Verfassung von 1971 erklärt den Islam zur Staatsreligion. Die christliche Gemeinschaft geniesst jedoch Kultusfreiheit und engagiert sich im Bildungswesen und im Sozialbereich. In den Emiraten sind 14 katholische Priester tätig; sechs Schulen befinden sich in kirchlicher Trägerschaft. Gottesdienste können in den fünf Pfarreien des Landes und in Privatwohnungen gefeiert werden. Im Emirat Abu Dhabi finden auch regelmässig Gottesdienste in der katholischen Kathedrale statt; in Dubai steht die grösste katholische Kirche des Nahen Ostens. Die christliche Gemeinschaft mit ihren mehr als 30.000 Gläubigen erhielt die Erlaubnis zum Bau einer weiteren Kirche. [zurück]



ZENTRALASIEN
Friedlicher Islam trotz extremistischer Infiltration.
In den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken ist der Islam oft von der mystischen Prägung der sufischen Bruderschaften beeinflusst. Mancherorts gibt es jedoch neben diesen moderaten Hauptströmungen extremistische Infiltrationen, die darauf abzielen, islamische Regime in der Region zu errichten. Um dieser "politisch-religiösen" Gefahr entgegenzuwirken, haben sich Russland, China, Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan zur gemeinsamen regionalen politischen und religiösen Planung im so genannten "Schanghai 5"-Forum zusammengeschlossen. [zurück]



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AFRIKA
Zwischen Frieden und Konflikt: Alte Strukturen haben weitgehend Bestand. In vielen Ländern Afrikas leben Christen und Muslime zusammen. Die Beziehungen zwischen den Religionen sind jedoch höchst unterschiedlich. In manchen Staaten gibt es ein friedliches Zusammenleben, andernorts Spannungen und Auseinandersetzungen. Die meisten Konflikte entstehen in Ländern, in denen der Islam Staatsreligion ist und das Islamrecht Scharia gilt. In solchen Ländern kann die katholische Kirche nur in sehr eingeschränktem Mass tätig werden; Religionsunterricht und Missionierung sind dort verboten; Muslime, die sich zum Christentum bekehren, werden verfolgt. Als grosses Problem wird das Eindringen islamischer Extremisten empfunden, die aus dem Ausland, etwa von Saudi-Arabien finanziert werden und das vorwiegend tolerante Wesen des einheimischen Islam entfremden. [zurück]



ÄGYPTEN
Einwohner: 62.110.000; Religion: Muslime 90 %, Kopten 8 %.
Die ägyptische Verfassung garantiert Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz, unabhängig von Sprache, Rasse und Religion. Das Justizsystem hat jedoch islamischen Charakter: 1971 erklärte ein Urteil des Verfassungsgerichts "den Islam als Staatsreligion und jedes Gesetz, das dem Islam widerspricht, als verfassungswidrig". Formell ist Missionierung nicht verboten; allerdings wird ein Artikel der Strafgesetzgebung, der Handlungen gegen den sozialen Frieden untersagt, auf zum Christentum übergetretene Muslime angewandt.

Vor allem in Oberägypten, wo die christliche Präsenz stärker ist als im Norden, werden koptische Christen durch extremistische islamische Bewegungen bedroht. Diese Gruppen werden von der Regierung verfolgt. Viele vermeintlich religiöse Konflikte haben allerdings wirtschaftliche oder soziale Hintergründe. Sie enden oft mit Plünderungen und Brandanschlägen auf Häuser und Geschäfte der anderen Glaubensgemeinschaft. An der Basis wird jedoch auch der Dialog gesucht. Die griechisch-katholische Pfarrgemeinde in Kairo ist etwa mit ihrem Al-ikhaa ad-dini-Verband ein Bezugspunkt für diesen Dialog. Auch die deutsche katholische Auslandsgemeinde sucht mit ihrem "Ökumenischen Zentrum Kairo" den Kontakt zum Islam. [zurück]



ALGERIEN
Einwohner: 29.476.000; Religion: Muslime 99,5 %, Christen 0,5 %. In dem Staat herrscht seit 1992 Bürgerkrieg zwischen der von der Armee beeinflussten Regierung und islamischen Extremisten. Im Kampf zwischen den Streitkräften und verschiedenen islamischen Gruppen starben bis heute mehr als 100.000 Menschen. Auch die kleine christliche Gemeinschaft zählte viele Opfer: Seit 1992 starben Bischof Pierre Claverie von Oran sowie 17 Priester und Ordensleute. Dutzende von ausländischen Gläubigen wurden nicht nur wegen ihrer Herkunft, sondern auch wegen ihres Glaubens ermordet. Die zumeist ausländischen Katholiken in Algerien versuchen jedoch weiter durch professionelle Kompetenz, soziales Engagement und freundschaftliche Beziehungen den Brückenschlag. [zurück]



BURKINA FASO
Einwohner: 10.891.000; Religion: Naturreligionen 45 %, Muslime 43 %.
In dem extrem armen Land gibt es seit 1989 verschiedene Formen von islamischem Extremismus. Während des Golfkriegs 1991 kam es auf Druck aus dem Iran und Libyen zu Belastungen der bis dahin friedlichen Beziehungen zwischen Islam und Christentum. Vor allem in den nördlichen Landesteilen mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung stossen Missionare in ihrer Arbeit auf Schwierigkeiten. [zurück]



ERITREA
Einwohner: 3.590.000; Religion: Muslime 50 %, orthodoxe Kopten knapp 50 %.
Die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen sind gut. Allerdings sind muslimische Extremisten aus dem Sudan, dem Jemen und Saudi-Arabien im Land tätig. [zurück]



GUINEA-BISSAU
Einwohner: 7.405.000; Religion: Muslime 86,9 %, Naturreligionen 4,6 %, Christen 4,3 %.
Die Regierung garantiert Kultusfreiheit, der einheimische Islam ist friedlich und weltoffen. 1996 wurden mehrere katholische Missionare aus politischen, nicht aus religiösen Gründen ausgewiesen. [zurück]



LIBYEN
Einwohner: 5.648.000; Religion: Muslime 97 %.
Unter dem Gaddafi-Regime wurde eine innovative Auslegung des Islams eingeführt, die von konservativen Geistlichen abgelehnt wurde. Extremistische islamische Bewegungen bekämpfen das Regime. Religiöse Minderheiten stossen auf Schwierigkeiten. Die meisten christlichen Kirchen wurden nach der Revolution von 1969 geschlossen. Die Beziehungen zum Heiligen Stuhl haben sich jedoch im Lauf der Jahre verbessert; 1998 wurden die diplomatischen Beziehungen wiederaufgenommen. [zurück]



MALI
Einwohner: 9.945.000; Religion: Muslime 90 %, Naturreligionen 9 %, Christen 1 % Der einheimische Islam ist weltoffen und dialogbereit. Staatspräsident Alpha Oumar Konare schätzt die christliche Glaubensgemeinschaft vor allem wegen ihres Beitrags zur sozialen und spirituellen Entwicklung des Landes. Nach seiner Auffassung widerspricht der religiöse Integralismus dem afrikanischen Wesen, dessen Identität auf der Vielfalt gründe. Integralistische Einflüsse kommen allerdings aus Saudi-Arabien. [zurück]



MAROKKO
Einwohner: 27.225.000; Religion: Muslime 98,7 %, Christen 1,1 %.
Der Islam ist Staatsreligion; Juden und Christen geniessen jedoch Religionsfreiheit. König Mohamad VI., der auch religiöses Oberhaupt ist, geht gegen extremistische Tendenzen vor. Proselytenmacherei ist nicht erlaubt, Religionsaustritt aus dem Islam strengstens verboten. Es gibt Berichte von Übergriffen und Diskriminierungen gegen Christen. [zurück]



MAURETANIEN
Einwohner: 2.411.000; Religion: Muslime 99,5 %, Christen 0,2 %. Der Islam ist die einzige anerkannte Religion. Proselytenmacherei ist verboten; wer sich öffentlich zum Christentum bekennt, wird strafrechtlich verfolgt. In den 80er Jahren wurde das Islamrecht Scharia eingeführt; es wird auch auf Nichtchristen angewandt. [zurück]



NIGER
Einwohner: 9.389.000; Religion: Muslime 98,7 %, Naturreligionen 0,7 %, Christen 0,4 %.
Der einheimische Islam enthält zahlreiche aus den Naturreligionen stammende Elemente und gilt als weltoffen. Die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen sind gut, obschon es extremistische muslimische Einflüsse gibt. [zurück]



NIGERIA
Einwohner: 103.460.000 (nach inoffiziellen Angaben 120.000.000); Religion: Muslime 45 %, Christen 45 % (davon 10-12 % Katholiken), Naturreligionen 9 %.
Die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen sind zunehmend belastet, vor allem seit in 12 der insgesamt 36 Bundesstaaten das Islamrecht Scharia eingeführt wurde. In Nigeria gibt es mehr als 250 unterschiedliche Ethnien. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation ist schwierig.

Dies führt zu Spannungen, die oft in Gewalt enden. Oft handelt es sich bei den Auseinandersetzungen um Stammeskonflikte und die Aufteilung von Ressourcen. Politiker nutzen mitunter religiöse Gefühle zu politischen Zwecken. Die wenigen muslimischen Fanatiker und Extremisten sind allerdings sehr aktiv. Es handelt sich oft um Personen, die im Iran studiert oder Stipendien aus Libyen erhalten haben. Bei ihrer Rückkehr nach Nigeria missionieren sie aggressiv für den Islam. [zurück]



SENEGAL
Einwohner: 9.404.000; Religion: Muslime 92 %, Christen 7 %.
Der Islam im Senegal ist ethnisch geprägt. Er wird von den verschiedenen Stämmen den jeweiligen Bräuchen angepasst. Im Land lebt auch eine grosse libanesische Gemeinde, grösstenteils Schiiten, die integralistische Gruppen unterstützen. Vereinzelt gibt es Forderungen nach einem islamischen Staat. Die 2001 verabschiedete Verfassung garantiert die Trennung von Religion und Staat sowie Kultusfreiheit. [zurück]



SOMALIA
Einwohner: 6.870.000; Religion: Muslime 99 % (Katholiken: 200).
Der Staat existiert seit dem Sturz des Barre-Regimes 1991 praktisch nicht mehr. Das Land befindet sich in den Händen kriegführender Gruppen, die in den von ihnen kontrollierten Gebieten das Recht bestimmen. Die Kirche stösst auf Schwierigkeiten: Die Kathedrale von Mogadischu wurde zerstört, katholische Ordensleute mussten das Land verlassen. Bei der Konferenz von Arta (Dschibuti) wurde im Jahr 2000 die Gründung einer nationalen Übergangsregierung beschlossen, die den Islam als einzige Religion anerkennt. [zurück]



SUDAN
Einwohner: 28.883.000; Religion: Muslime 73 %, Naturreligionen 16,7 %, Christen 8,2 % (Katholiken: 3.148.593).
Der Sudan wird von einem Militärregime regiert. Seit 1983 gilt das islamische Recht Scharia. Die Schriftreligionen - Christentum und Judentum - werden toleriert, doch für ihre Mitglieder gilt ebenfalls die Scharia. Proselytenmacherei ist verboten. Staatschef General Omar Hassan al-Baschir gilt als religiös tolerant und bemüht sich um eine interne Befriedung. Der Sudan ist gespalten in den vorwiegend arabischen und islamischen Norden und den Süden, in dem vor allem Christen und Anhänger von Naturreligionen leben.

Die Einführung der Scharia führte zu einem Volksaufstand im Südsudan. Im Bürgerkrieg starben seither mehr als zwei Millionen Menschen; Millionen mussten flüchten, weite Landesteile wurden zerstört. Die Religion ist nach Meinung von Kirchenvertretern einer von mehreren Faktoren des Krieges; auch wirtschaftliche Interessen spielen eine wichtige Rolle. Infolge der Flüchtlingsbewegungen stiegt der Anteil der Christen im Norden des Landes auf drei %. [zurück]



TSCHAD
Einwohner: 7.166.000; Religion; Muslime 54 %, Katholiken 20 %, Protestanten 14 %. Naturreligionen 7 %.
Das Land ist gespalten zwischen einem vorwiegend muslimischen Norden und einem Süden, in dem Naturreligionen und Christentum vorherrschen. Der Islam gilt als weithin tolerant. [zurück]



TUNESIEN
Einwohner: 9.128.000; Religion: Muslime 99 % (Katholiken: 21.000).
Die Verfassung von 1956 proklamierte den Islam zur Staatsreligion. Andere Glaubensbekenntnisse geniessen zwar Kultusfreiheit, doch ist Proselytenmacherei untersagt. Der Staat ist laizistisch, islamistische Bewegungen werden unterdrückt. Die kleine katholische Glaubensgemeinschaft bemüht sich um harmonische Beziehungen zu den Muslimen. [zurück]

(Quelle: Katholische Internationale Presseagentur KIPA, CH-1701 Freiburg im Üchtland, Schweiz; 5.12.2001 sowie RELIGIONEN HEUTE der KIPA, Nr. 49, 6.12.2001) _

carlo
03.04.2004, 16:24
"Wir werden an der Frage der Gegenseitigkeit nicht vorbeikommen"



aus einem Interview mit Kardinal Lehmann (WELT 25.10.01)



DIE WELT: Wie wollen Sie sich gegenüber dem Islam verhalten?



LEHMANN: Es ist nicht damit getan, dass wir mit ein paar islamischen Intellektuellen reden. Wir werden auch an der Frage der Gegenseitigkeit nicht vorbeikommen. In Rom steht eine riesige Moschee, in Deutschland ist es weit gehend auch kein Problem mehr, eine Moschee zu bauen. Wenn ich aber in Saudi-Arabien einen Gottesdienst halten will, riskiere ich Gefängnis. Diese Frage ist vor allem für die Bischöfe in den islamischen Ländern ganz wichtig. Viele von ihnen wundern sich über uns; die Bischöfe der Türkei sagen, was seid ihr blauäugig, ihr wisst ja gar nicht, in welch schwieriger Situation wir sind, was uns alles verboten ist, wie wir bedrängt werden. Da muss ganz konkret auch Religionsfreiheit auf Gegenseitigkeit getestet werden.



DIE WELT: Erleben sie mehr Toleranz im Alltag?



LEHMANN: Wenn ich im Priestertalar vom Priesterseminar komme und ich gehe an einem bestimmten türkischen Lokal vorbei, dann macht einer immer eine Handbewegung, als ob er mir den Kopf abschneiden wolle, und guckt dabei ganz grimmig. Aber dann gehe ich zum Frisör, und da werde ich von einer Tunesierin, die Moslemin ist, ganz toll behandelt, oder ich gehe zum Zahnarzt, die zahntechnische Assistentin ist ebenfalls Moslemin und ausgesprochen freundlich. Die Eindrücke sind also unterschiedlich. Der türkische Generalkonsul kam zu mir. Er wollte seine Kinder auf eine unserer Schulen schicken, weil er möchte, dass in deren Ausbildung Gott eine Rolle spielt.

syracus
03.04.2004, 16:27
http://www.e-papyrus.de/images/kreuzzuege.jpg

im Besonderen die auf Initiative des Papsttums hin durchgeführten Kriegszüge der abendländischen Christenheit ab 1095 zur Befreiung Jerusalems und des Heiligen Landes von der Herrschaft der "Ungläubigen", der Muslime; im Allgemeinen die von der katholischen Kirche veranlassten und unterstützten Kriege gegen heidnische Völker und gegen Ketzer zur Christianisierung bzw. zur Wiederherstellung des katholischen Glaubens.

Einleitung und Vorgeschichte

Anlass der Kreuzzüge in das Heilige Land war 1085 ein Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos an den Westen. Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts bedrängten die muslimischen Seldschuken das Byzantinische Reich; 1071 hatten sie bei Manzikert in Anatolien das byzantinische Heer vernichtend geschlagen, 1077 Jerusalem, die bedeutendste Stätte der Christenheit, erobert und 1085 Antiochia.

http://www.e-papyrus.de/images/kreuzfahrerburg_syrien_klein.jpg
Die mächtige Kreuzfahrerburg Crac des Chevaliers, 12./13. Jh. im heutigen West-Syrien.

Das Byzantinische Reich konnte dem Druck der Türken kaum mehr standhalten und bat daher den abendländischen Westen um Hilfe für die morgenländischen Christen gegen den gemeinsamen Gegner, die"ungläubigen" Muslime.

Am 27. November 1095 rief Papst Urban II. auf einem Konzil in Clermont-Ferrand vor hauptsächlich französischen Klerikern und Laien zum Kreuzzug auf. Als dessen vordringliches Ziel nannte er zunächst die Hilfe für die christliche Kirche des Ostens; die Befreiung Jerusalems und des Heiligen Landes machte dann die Öffentlichkeit während der folgenden Monate zum konkret greifbaren Ziel des Kreuzzugs. Ein weiteres, wenn auch nicht explizit formuliertes Ziel, das die päpstliche Politik während der gesamten Kreuzzüge nachhaltig bestimmte, war die Hoffnung des Papsttums, durch die Hilfe des Westens für die Christen des Ostens eine Wiedervereinigung der Ost- mit der Westkirche – die beiden Kirchen waren seit dem Schisma von 1054 gespalten – unter dem Primat Roms in die Wege leiten zu können.

Die Beweggründe der abendländischen Christen, sich den Strapazen des kostspieligen und ungewissen Abenteuers Kreuzzug zu unterziehen, waren vielschichtig. Das Grundmotiv bei allen Kreuzzügen war, wenn auch mit sehr unterschiedlicher Gewichtung, religiöser Natur: Zum einen lockte eine meist recht indifferente eschatologische Hoffnung auf Erlösung in Jerusalem, der himmlischen Stadt, wobei jedoch kaum zwischen himmlischem und weltlichem Jerusalem unterschieden wurde. Zum anderen hatte Urban II. den Kreuzzugsteilnehmern die Tilgung ihrer Sündenschuld in Aussicht gestellt. Dazu kamen demographische und ökonomische Gründe: Bevölkerungszuwachs und Missernten hatten in Westeuropa das einfache Volk in großem Umfang verarmen lassen, die Aussichten, dass sich die wirtschaftliche Situation im eigenen Land entscheidend verbessern würde, waren äußerst gering, die Verlockungen des himmlischen und des materiellen Lohnes im Heiligen Land umso größer. Ähnlich die Lage beim Adel: Hier hatte sich aus wirtschaftlichen Gründen die Primogenitur durchgesetzt, d. h., die jüngeren Söhne wurden nicht mehr angemessen mit Gütern ausgestattet, und im relativ dicht besiedelten Westeuropa hatten sie kaum Möglichkeiten, Besitz zu erwerben. Die Kreuzzüge boten ihnen nun die Chance, sich nicht nur im Kampf zu bewähren, sondern auch materielle Güter zu erwerben oder sogar Herrschaften zu errichten. Die Chancen dafür standen gut, da das Byzantinische Reich auf einem Tiefpunkt seiner Macht stand und zugleich unter den Muslimen selbst, die weite Teile des Byzantinischen Reiches unter ihre Herrschaft gebracht hatten, Konflikte aufzubrechen begannen, so dass sie sich auf keine gemeinsamen Maßnahmen gegenüber den Christen mehr verständigen konnten. Eine willkommene und vom Papst und den abendländischen Herrschern bei ihren Kreuzzugsaufrufen einkalkulierte Begleiterscheinung war die Eindämmung des überhand nehmenden Fehdewesens im Westen: In den Kreuzzügen konnten die zu kurz gekommenen Adligen ein Ventil für ihre Ambitionen finden.

Bei den späteren Kreuzzügen überwogen sicherlich materielle Motive: Der 1. Kreuzzug hatte gezeigt, dass es möglich war, Besitz und Macht zu erwerben, und neue Anreize geschaffen. Außerdem hatte die Eroberung des Heiligen Landes dem Handel neue Dimensionen eröffnet, weshalb sich bald auch Genua, Pisa und Venedig, die bedeutendsten italienischen Handelsstädte, in den Kreuzzügen engagierten. Neben religiösen und wirtschaftlichen Motiven sind schließlich noch die politischen Ambitionen – Machtzuwachs, Machterhalt, Ansehen, Durchsetzung gegenüber Rivalen – der Kreuzzugssführer bzw. derjenigen, die zu den Kreuzzügen aufriefen, als weitere, nicht zu unterschätzende Triebkraft zu nennen.



Der 1. Kreuzzug

Dem ersten "offiziellen" Kreuzzug voraus ging der so genannte "Kreuzug der Armen". Umherziehende Prediger, allen voran der Mönch Peter von Amiens, sammelten eine bunt zusammengewürfelte, schlecht ausgerüstete Menge – Bauern, auch Frauen und Kinder, vor allem vom wirtschaftlich besonders gebeutelten Niederrhein – und brachen Anfang 1096 in Richtung Jerusalem auf. Sie begannen ihren Kreuzzug gleich im eigenen Land mit Pogromen gegen Juden, die "Feinde Christi", und zogen dann plündernd weiter donauabwärts durch Ungarn bis nach Byzanz. Diejenigen, die Kleinasien überhaupt erreichten, wurden dort von den Türken vernichtet.

Im August 1096 brachen reguläre Kreuzfahrerheere, vor allem französische und lothringische Ritter sowie Normannen aus Frankreich und Süditialien, Richtung Konstantinopel auf. Die prominentesten ihrer Führer waren Bohemund, Gottfried von Bouillon, Raimund von Toulouse, Robert von Flandern und Balduin I. von Boulogne. In Konstantinopel wurden die Kreuzritter von Kaiser Alexios I. Komnenos höflich, aber zurückhaltend empfangen. Der Kaiser hatte Söldner erwartet, die bereit waren, sich seiner Führung zu unterstellen, doch es kamen selbständige und selbstbewusste Ritterheere.

Alexios ließ die Kreuzritter erst weiterziehen, nachdem sie ihm den Lehnseid geleistet hatten. Damit hatten sich die Kreuzritter gegenüber dem byzantinischen Kaiser verpflichtet, die Gebiete, die sie erobern würden, der Oberherrschaft des Kaisers zu unterstellen. Dieser Lehnseid sollte bald zum Anlass ständiger Konflikte zwischen den Kreuzrittern und Byzanz werden.

Die Eroberung Kleinasiens, Antiochias und Edessas

Im Frühjahr 1097 zogen die Kreuzritter von Konstantinopel aus weiter. Im Mai 1097 griffen sie das von den Seldschuken besetzte Nicäa an, das sich im Juni ergab, allerdings nicht den Kreuzrittern, sondern den Byzantinern. Kurz nach dem Fall der Stadt trafen die Kreuzritter bei Dorylaeum auf die seldschukische Hauptarmee und schlugen sie am 1. Juli 1097 vernichtend. Auf ihrem Weitermarsch durch Kleinasien stießen die Kreuzritter nur noch auf geringen Widerstand. Nächstes bedeutendes Ziel war Antiochia. Im Oktober 1097 begannen die Kreuzfahrer mit der Belagerung der Stadt, im Juni 1098 konnten sie sie schließlich einnehmen.

Bereits während ihres Zuges durch Kleinasien begannen die Führer der Kreuzzugsheere zunehmend ihre eigenen machtpolitischen Interessen zu verfolgen: Im Herbst 1097 hatte sich Balduin I. von Boulogne vom Hauptheer getrennt und war Richtung Osten gezogen, hatte Edessa in seine Gewalt gebracht und dort 1098 eine Grafschaft errichtet. Nach der Eroberung Antiochias machte Bohemund I. die Stadt zum Mittelpunkt seines Fürstentums Antiochia, und Raimund von Toulouse begründete an der syrischen Küste die Grafschaft Tripolis. Konflikte zwischen den Kreuzzugsführern blieben in der Folge nicht aus.

Die Eroberung Jerusalems

Ende November 1098 zog das Hauptheer der Kreuzritter von Antiochia aus weiter Richtung Jerusalem. Anfang Juni 1099 schlugen die Kreuzfahrer in Sichtweite der Stadtmauern Jerusalems ihr Lager auf, eroberten nach vierwöchiger Belagerung am 15. Juli 1099 die Stadt und richteten unter der jüdischen und muslimischen Bevölkerung ein grausames Blutbad an.

Eine Woche später wählten die Kreuzritter Gottfried von Bouillon, Herzog von Niederlothringen, zum "Vogt des Heiligen Grabes"; den Titel eines Königs von Jerusalem hatte Gottfried für sich noch abgelehnt. Wenig später, am 12. August 1099, besiegten die Kreuzritter unter Gottfrieds Führung bei Askalon ein muslimisches Heer. Bald darauf kehrte ein Teil der Kreuzritter, soweit sie sich nicht schon in Edessa, Antiochia und Tripolis niedergelassen hatten, nach Europa zurück. Diejenigen, die im Heiligen Land blieben, bauten in Jerusalem einen am westlichen Vorbild orientierten, vom Lehnswesen bestimmten Staat auf, das Königreich Jerusalem, und sicherten ihre Herrschaft über das Heilige Land.

Der 2. Kreuzzug

Der Erfolg des 1. Kreuzzuges war hauptsächlich auf Streitigkeiten unter den muslimischen Fürsten zurückzuführen und deren Unfähigkeit, sich auf ein geordnetes Vorgehen gegen den gemeinsamen Gegner zu verständigen. Die Siege der Kreuzritter hatten die islamische Seite weiter geschwächt, so dass die Kreuzfahrer in den ersten Jahrzehnten nach der Eroberung Jerusalems ihre Herrschaften relativ ungestört konsolidieren und ausbauen konnten. Allerdings kam es unter den Kreuzfahrerstaaten bald zu Rivalitäten, Thronstreitigkeiten und Bruderkriegen, wodurch sie sich gegenseitig und als Gesamtheit schwächten, während sich gleichzeitig die Muslime zu einem Gegenangriff sammelten. 1144 eroberten die Seldschuken Edessa; der zuerst gegründete Kreuzfahrerstaat war damit auch als Erster wieder untergegangen. Die anderen Kreuzfahrerstaaten hatten Edessa keine nennenswerte Unterstützung gegen den muslimischen Angriff zukommen lassen.

Aber der Fall Edessas schreckte den Westen auf. 1145 rief Abt Bernhard von Clairvaux zum 2. Kreuzzug auf. König Ludwig VII. von Frankreich, der staufische König Konrad III. und Roger II. von Sizilien folgten diesem Aufruf und machten sich im Frühsommer 1147 mit ihren Heeren Richtung Jerusalem auf. Konrads Truppen wurden bereits bei Dorylaeum in Anatolien von den Seldschuken geschlagen, und ein Großteil der Soldaten und Pilger kehrte demoralisiert und verängstigt um. Von den französischen Truppen erreichte 1148 ebenfalls nur ein kleiner Teil das Heilige Land, nachdem der Hauptteil unterwegs aufgerieben worden war. Zusammen mit König Balduin III. von Jerusalem entschlossen sich Ludwig und Konrad im Juli zu einem Angriff auf Damaskus, der aber bald wegen völlig unzureichender Vorbereitung abgebrochen werden musste. Im Frühjahr 1149 kehrten Konrad und Ludwig in ihre Heimat zurück.

Parallel zum 2. Kreuzzug unternahmen die norddeutschen Fürsten, allen voran die Sachsen unter der Führung Heinrichs des Löwen, einen von Papst Eugen III. ebenfalls als Kreuzzug gebilligten Kriegszug gegen die heidnischen Wenden, den Wendenkreuzzug, der nur bedingt erfolgreich war; er entband aber die Norddeutschen von der Teilnahme am Kreuzzug ins Heilige Land und trug so mit zur militärischen Schwäche der Kreuzzugsheere bei. Ein"Nebenergebnis" des 2. Kreuzzugs war die Einnahme Lissabons: König Alfons I. von Portugal eroberte 1147 zusammen mit einer Kreuzfahrerflotte die Stadt von den Mauren.



Saladin und der 3. Kreuzzug

Der Fehlschlag des 2. Kreuzzuges gab den muslimischen Fürsten weiteren Auftrieb. Saladin brachte 1171 Ägypten unter seine Herrschaft, anschließend Syrien und dehnte danach seinen Einflussbereich bis nach Mosul und Aleppo aus. Im Mai 1187 fiel er im Königreich Jerusalem ein, besiegte am 4. Juli die Europäer auf dem Berg Hattin, nahm die meisten Festungen der Kreuzritter im Königreich Jerusalem ein und am 2. Oktober 1187 schließlich auch die Stadt Jerusalem selbst. Als letzte ihrer großen Festungen war den Kreuzrittern Tyrus geblieben.
Die Niederlage am Hattin und der Fall Jerusalems waren ein Schock für das christliche Abendland. Am 29. Oktober 1187 rief Papst Gregor VIII. in einer Enzyklika zum 3. Kreuzzug auf. Der Aufruf wurde emphatisch begrüßt, und die drei bedeutendsten europäischen Monarchen leisteten ihm 1189 Folge: Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der französische König Philipp II. Augustus und der englische König Richard I. Löwenherz. Zusammengenommen stellten sie das größte Kreuzfahreraufgebot seit 1096, aber das Ergebnis des Unternehmens war vergleichsweise mager. Friedrich nahm mit seinem deutschen Heer den Landweg;


er ertrank 1190 beim Baden im Fluss Saleph an der Südküste Kleinasiens, woraufhin der größte Teil seines Heeres entmutigt nach Deutschland zurückkehrte und nur wenige Kreuzritter ins Heilige Land weiterzogen. Philipp und Richard kamen auf dem Seeweg ins Heilige Land. Nach langer Belagerung eroberten sie 1191 gemeinsam Akko, gerieten dann jedoch in Streit, woraufhin Philipp nach Frankreich zurückkehrte und der Kreuzzug praktisch ergebnislos beendet wurde. Richard konnte Saladin in einem Waffenstillstand lediglich die Erlaubnis zu Pilgerbesuchen in Jerusalem abringen; die Stadt selbst blieb in muslimischer Hand.

Eine gewisse Kontinuität im Heiligen Land stellten die mächtigen geistlichen Ritterorden sicher, die seit dem 1. Kreuzzug in Palästina entstanden waren. Sie waren in der Regel aus geistlichen Bruderschaften hervorgegangen, die sich ursprünglich der Pflege und Versorgung von Pilgern und Kranken gewidmet hatten, und entwickelten sich rasch zu gut organisierten, wohlhabenden und schlagkräftigen Orden, die zum Teil auch nach den Kreuzzügen noch eminente Bedeutung und Macht hatten. Die wichtigsten waren der Templerorden (gegründet 1119), der Johanniterorden (1155) und der Deutsche Orden (1198).

Die späteren Kreuzzüge

Der 4. Kreuzzug (1202-1204), zu dem Papst Innozenz III. 1198 aufgerufen hatte, erreichte nie das Heilige Land, sondern wurde von Venedig bzw. dem venezianischen Dogen Enrico Dandolo aus machtpolitischen Gründen nach Konstantinopel umgeleitet. Die Kreuzritter hatten sich, da sie Venedig den vereinbarten Betrag für die Schiffspassage nicht zahlen konnten, gegen das ausdrückliche Verbot des Papstes von den Venezianern zu einem Angriff auf die dalmatinische Küstenstadt Zara überreden lassen, sozusagen als Gegenleistung für die Überfahrt. Nach der Eroberung Zaras griffen die Kreuzritter auf Betreiben Venedigs in die byzantinischen Thronwirren ein, nahmen Konstantinopel, plünderten und brandschatzten die Stadt – die meisten der geraubten Kunstschätze gelangten nach Venedig –, zerschlugen das Byzantinische Reich und errichteten das Lateinische Kaiserreich, dessen erster Kaiser Balduin I. wurde. 1261 eroberte der byzantinische Kaiser Michael VIII. Palaiologos Konstantinopel zurück und stellte das Byzantinische Reich wieder her.

Im Frühjahr 1212 brachen in Verkehrung des Kreuzzugsgedankens einige tausend Kinder, Angehörige niederer Stände und Arme vor allem vom Niederrhein und aus Frankreich zum so genannten Kinderkreuzzug auf; die meisten kehrten wohl bereits in Genua oder Marseille wieder um, viele verschwanden spurlos, wurden wahrscheinlich in die Sklaverei verkauft.

1219 hatte ein christliches Heer auf Initiative des Papstes den ägyptischen Seehafen Damiette im Nildelta eingenommen. In der Folge sollte Ägypten angegriffen und Kairo erobert werden, um dann in Richtung Jerusalem vorzustoßen. Der Angriff auf Kairo musste jedoch abgebrochen werden, weil die versprochene Verstärkung durch Kaiser Friedrich II. nicht eintraf. Im August 1221 mussten die Kreuzritter auch Damiette wieder aufgeben, und im September löste sich das Kreuzfahrerheer auf.

Friedrich II. und der 5. Kreuzzug

Der 5. Kreuzzug, zu dem Friedrich II. 1228 aufbrach, unterschied sich bereits im Ansatz von den früheren. Friedrich hatte schon 1215 ein Kreuzzugsgelübde abgelegt und es 1220 erneuert, seine Abreise jedoch aus innenpolitischen Gründen mehrmals verschoben. Als ihm Papst Gregor IX. schließlich mit Exkommunikation drohte, brach Friedrich im August 1227 auf, kehrte jedoch nach wenigen Tagen wieder um, weil er krank geworden war. Erzürnt über diese neuerliche Verzögerung exkommunizierte der Papst den Kaiser. Trotz des Bannes machte sich Friedrich im Juni 1228 noch einmal auf den Weg ins Heilige Land. In Akko angekommen, nahm er Verhandlungen mit dem ägyptischen Sultan Al-Kamil auf und erreichte auf Verhandlungswege die friedliche Übergabe der christlichen Stätten Jerusalem, Nazareth und Bethlehem an das Königreich Jerusalem, wobei den Muslimen der freie Zugang zu den ihnen heiligen Stätten garantiert wurde, und er erreichte einen zehnjährigen Waffenstillstand. 1229 krönte sich Friedrich, der mit der Erbtochter des Königs von Jerusalem verheiratet war, selbst zum König von Jerusalem.

Die Kreuzzüge Ludwigs IX.

Den 6. Kreuzzug (1248-1254) organisierte und finanzierte König Ludwig IX., der Heilige, von Frankreich, nachdem die Muslime 1244 Jerusalem zurückerobert hatten. Ende August 1248 segelte Ludwig nach Zypern ab, wo er den Winter über blieb. Am 5. Juni 1249 landete er in Ägypten und eroberte am folgenden Tag Damiette. Der Angriff auf Kairo im Frühjahr 1250 endete jedoch mit einer Katastrophe: Im April 1250 musste Ludwig kapitulieren, geriet mit seinem gesamten Heer in Gefangenschaft und kam erst gegen ein hohes Lösegeld und die Übergabe Damiettes wieder frei. Anfang Mai 1250 segelte er nach Akko ab und verbrachte die folgenden vier Jahre im Heiligen Land, wo er die Verwaltung neu organisierte und Festungen neu bzw. wieder errichten und ausbauen ließ. Erst im Frühjahr 1254 kehrte er nach Frankreich zurück. Ludwigs Kreuzzug war gescheitert; was blieb von seinem langen Aufenthalt im Heiligen Land, war das Interesse Frankreichs an Palästina.

Ludwig initiierte auch den 7. und letzten großen Kreuzzug (1270), dessen Ziel Tunis war. Der Kreuzzug endete abrupt mit dem Tod Ludwigs, der zusammen mit Teilen seines Heeres im Sommer 1270 vor Tunis einer Seuche zum Opfer fiel.

Unterdessen gerieten die verbliebenen Kreuzfahrerbastionen in Syrien und Palästina unter zunehmenden Druck durch ägyptische Truppen und wurden nach und nach von den ägyptischen Mamelucken erobert. Als letzte große Festung fiel Akko am 18. Mai 1291, woraufhin die europäischen Siedler zusammen mit den Templern und den Johannitern auf Zypern Zuflucht suchten. Um 1306 setzten sich die Johanniter auf Rhodos durch, das sie praktisch als unabhängigen Staat und letzten Außenposten der Kreuzritter im Mittelmeer behaupteten, bis es 1522 an die Osmanen fiel. 1571 kam auch Zypern, bislang unter venezianischer Herrschaft, an die Türken. Andere lateinische Staaten, die im Zuge des 4. Kreuzzuges in Griechenland entstanden waren, hielten sich bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts.

Die Folgen der Kreuzzüge

Der Untergang der Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land bedeutete zwar nicht das Ende der Kreuzzugsbewegung im christlichen Europa, doch das Echo auf neuerliche Aufrufe zu Kreuzzügen ins Heilige Land war von nun an äußerst dürftig, und spätere Unternehmungen blieben erfolglos. Der Kreuzzugseifer richtete sich nun gegen Ungläubige und Ketzer in der eigenen Umgebung, so z. B. gegen die heidnischen Litauer im Baltikum und die Mauren in Spanien. In Syrien und Palästina hatten zwei Jahrhunderte der Kreuzzüge nur wenig Spuren hinterlassen; nur einige beeindruckende Burgen der Kreuzritter, wie Margat an der syrischen Küste, Montreal in Transjordanien, Crac des Chevaliers bei Tripolis und Montfort bei Haifa in Israel, blieben bestehen. Auch sonst war die Bilanz der Kreuzzüge eher negativ: Hunderttausende Menschen – Muslime und Christen – kamen ums Leben, West- und Ostkirche blieben getrennt, und infolge der Kreuzzüge vertiefte sich die Kluft zwischen Christen und Muslimen. Andererseits wirkte die Begegnung mit der muslimischen Welt auch befruchtend auf die kulturelle Entwicklung des Westens, und der expandierende Orienthandel zog einen wirtschaftlichen Aufschwung nach sich, der vor allem den oberitalienischen Handelsstädten wie Venedig und Genua zugute kam.

http://www.e-papyrus.de/kreuzzuege.html

auf Initiative des Papsttums hin durchgeführten Kriegszüge der abendländischen Christenheit ab 1095 zur Befreiung Jerusalems und des Heiligen Landes von der Herrschaft der "Ungläubigen", der Muslime;

Auch sonst war die Bilanz der Kreuzzüge eher negativ: Hunderttausende Menschen – Muslime und Christen – kamen ums Leben, West- und Ostkirche blieben getrennt, und infolge der Kreuzzüge vertiefte sich die Kluft zwischen Christen und Muslimen.

"Wir" Christen sind da nicht besser, bzw. die Gründe der heutigen Probleme haben wir gefördert wenn nicht gar die Grundlage dazu gelegt. Wohl mit ein Grund weshalb mir die Weltanschaung gewisser asiatischer Kulturen wesentlich symphatischer ist......

syr

carlo
03.04.2004, 16:35
Henri Boulad


ORF/Ö1, Sendung "Logos", 21. Juni 2003, 19.00 Uhr: (gedruckt in memo - Ökumenischer Manuskriptdienst , 7/2003 S. 8-12)
Gestaltung: Johannes Kaup



Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne



Der ägyptische Mystiker Henri Boulad zu Gast im Radiokulturhaus Wien



Der 1931 geborene Jesuit Henri Boulad steht in seiner Heimat Ägypten mit muslimischen Gelehrten in einem kritischen Dialog. Boulad kritisiert die christlichen Fundamentalisten mit ihrem manichäischen Dualismus ebenso wie die gewaltbereiten Fundamentalisten auf Seiten des Islams. Für ihn gibt es nur dann eine friedliche Zukunft der Religionen, wenn sie ihre mystische Tiefendimension erschließen. "Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne" - zu diesem weltpolitisch höchst brisanten Thema war Boulad am 5. Mai im Radiokulturhaus in Wien zu Gast, in einer Veranstaltung der ORF-Abteilung Religion im Hörfunk, in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Wien und der Buchhandlung Herder. "Logos" fasst die wesentlichen Passagen daraus zusammen.



Boulad: Es ist schwierig für einen Christen, objektiv über den Islam zu sprechen. Ich bemühe mich aber grundsätzlich, für den Islam Sympathie zu zeigen, obwohl ich ihm gegenüber oft gemischte, ambivalente Gefühle habe, und sage gleich, warum das so ist.



Meine Familie ist syrischen Ursprungs. Im Jahre 1860 wurden große Teile der Familie bei einem türkischen Massaker ausgerottet. Zehntausende Christen wurden damals in Syrien getötet, und ich trage diese Wunde einer Gruppe, die verfolgt worden ist, in mir. Gleichzeitig ist aber die Tatsache, dass ich heute lebe und dass mein Großvater überlebte gemeinsam mit Tausenden weiteren Christen, das Verdienst von Emir Abdel Kader, der ein Muslim war. Ihm ist es zu verdanken, dass meine Familie verschont wurde und ich jetzt am Leben bin. Ich habe also eine ambivalente Haltung, die sich durch mein ganzes Leben durchgezogen hat.



Abado: ich bin der Sohn des Südens. Mein Name ist Geduld. Auf meiner Stirn zeichnet sich ein Traum, auf meinen Lippen liegen Tau und Blumen.



J.K.: Ein Sohn des Südens aus der umkämpften Region Israel-Palästina ist der in Wien lebende Musiker Marwan Abado. Auf seiner Oud, einer arabischen Form der Laute, und mit seiner Stimme hat Marwan Abado im Radiokulturhaus Wien einen spannenden Vortragsabend mit einem anderen Sohn des Südens eingeleitet, dem ägyptischen Mystiker und Jesuiten Henri Boulad. Derzeit macht keine Religion so viele Schlagzeilen wie der Islam. Erst wenige Tage vor dem Vortrag ist in Graz eine hochkarätige Konferenz der muslimischen Imame in Europa zu Ende gegangen. Auf dieser haben die Imame, die immerhin bereits 10 Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung vertreten, jeglichem Fanatismus, Extremismus und Fatalismus eine klare Absage erteilt.



So wichtig diese Aussagen sind: In der medialen Wahrnehmung werden voraussichtlich weiterhin die muslimischen Fundamentalisten den Ton angeben, die religiöse Überzeugung auch mit Gewalt durchsetzen wollen. Womit hat das zu tun? Liegen die Gründe im Islam selbst? Sind Islam und moderne, freie und pluralistische Gesellschaften überhaupt miteinander vereinbar?



Der Islam befindet sich weltweit gesehen in einer tiefgreifenden Orientierungskrise.



Henri Boulad kennt den Islam in seinen positiven wie auch in seinen negativen Erscheinungsformen aus erster Hand. Geboren wurde er in Alexandria. Der Religion nach ist er griechisch-katholischer Christ. Er ließ sich in Frankreich und in den USA in Theologie, Philosophie und Psychologe ausbilden und wurde Jesuit. Zwölf Jahre lang war er Präsident der Caritas für Afrika und Arabien. Henri Boulad ist also prädestiniert dazu, zu diesem auch weltpolitisch brisanten Thema zu sprechen.







"Ich bemühe mich grundsätzlich, für den Islam Sympathie zu zeigen, obwohl ich ihm gegenüber oft gemischte, ambivalente Gefühle habe."





Boulad: Das Christentum und der Islam liegen seit vielen Jahrhunderten miteinander im Streit, und dieser Streit ist keineswegs zu Ende. Ein sehr wesentlicher Grund liegt darin, dass beide Religionen einen universalen Geltungsanspruch haben. Jede der beiden Religionen will in gutem Glauben ihren eigenen Glauben verbreiten, und zwar auf der ganzen Welt. Da ist es unvermeidlich, dass die Religionen aufeinander prallen. Das war immer so im Laufe der Geschichte.



Rufen wir uns einige der wichtigsten geschichtlichen Fakten in Erinnerung:



Die arabische Eroberung ab 640, wo ganz Nordafrika, das vorher christlich geworden war, wieder unter arabische Herrschaft gelangte und den Islam annahm. Dann die Schlacht von Poitiers 732, wo der Islam aufgehalten wurde, weiter nach Europa vorzudringen. Dann die Kreuzzüge, als Europa versuchte, das Heilige Land zu erobern, im 11. und 12. Jahrhundert.



Dann die Schlacht von Lepanto 1571, bei der die türkische Flotte vernichtet wurde. Schließlich Wien, wo die Türken im Jahr 1683 endgültig aufgehalten worden sind. Das sind nur einige der wichtigsten Daten, die diese beiden Weiten voneinander abgrenzen: Europa, das unter Anführungszeichen "christlich" ist, und die muslimische Welt.



J.K.: Ist der Islam tolerant oder intolerant? - Diese Frage wird sehr oft gestellt. Eine Antwort darauf kann nach Ansicht Boulads nur gefunden werden, wenn man den Islam in seiner historischen Manifestation beurteilt. Historisch gesehen - denkt man beispielsweise an die Kreuzzüge im Mittelalter oder die Reconquista in Spanien, wo Juden und Muslime massenweise ermordet und vertrieben wurden - sei das Christentum, insbesondere der Katholizismus, wesentlich intoleranter gewesen als der Islam, sagt Henri Boulad. Das hat sich allerdings heute geändert.



Boulad beginnt seine historische Analyse nicht mit Fundamentalismus, sondern mit Mystik.





"Jede der beiden Religionen will ihren eigenen Glauben auf der ganzen Weit verbreiten. Da ist es unvermeidlich, dass die Religionen aufeinanderprallen."





Boulad: Die muslimische Mystik, der Sufismus, ist etwas ganz Wunderbares. Es ist ein Gipfel an Spiritualität, und meiner Ansicht nach ist die islamische Mystik wesentlich systematischer und ausgefeilter als die christliche Mystik. Man kann sie wirklich als die Blüte der Mystik bezeichnen. Es geht darum, dass der Mensch die Erfahrung Gottes macht in einem Dialog der Liebe, und Christen und Muslime treffen hier miteinander zusammen. Das ist eine bevorzugte Dialogmöglichkeit.



Es gibt beim Sufismus nur ein Problem: dass der Islam ihn offiziell ablehnt und ihn als Häresie betrachtet. Das vergessen viele Europäer, die den Sufismus lieben. Alle Mystiker sind von den jeweiligen religiösen und politischen Machthabern mit dem Bannfluch belegt, abgelehnt, verfolgt oder sogar umgebracht worden. Und die Frage stellt sich, ob der Sufismus für den Islam repräsentativ ist - ich kann darauf keine Antwort geben.



Die muslimischen Mystiker stellen nämlich die Wahrheit dem Gesetz gegenüber, die Wahrheit des Herzens, das Gott spürt - dem Gesetz der Scharia, das den Menschen von außen aufgezwungen worden ist, so wie es für jede Institution typisch ist.



Es gibt im Koran nur einen einzigen Text - und das ist etwas ganz Erstaunliches -, wo die Nähe Gottes zum Menschen ausgedrückt wird. Dort heißt es sinngemäß: "Ich bin dir näher als deine Halsschlagader".



J.K.: Der zweite Schwerpunkt der Ausführungen Henri Boulads dreht sich um das Spannungsfeld zwischen Islam und Modernität. Die Moderne ist ein Phänomen des christlichen Abendlands, ein Phänomen, das in Europa im 15. Jahrhundert seinen Anfang genommen und von da an weitergewirkt hat, über die Renaissance, die Reformation und die Revolution.



Auf die Französische Revolution folgte die Aufklärung. Nicht mehr die Kirche und der Papst, sondern der Mensch ist zum letzten Referenzpunkt geworden für die Wirklichkeit. Er wird zum Maß aller Dinge. Er ist die Instanz, die mit der kritischen Vernunft und mit seiner Erfahrung die Dinge erkennen kann. In dieser Moderne fühlt sich die Kirche in ihrer Existenz und ihrem Wesen bedroht, sie tritt dagegen auf und verkrampft sich dabei. Bis weit in das 20. Jahrhundert dauert es, bis die Kirche die Ablehnung der Moderne schrittweise zurücknimmt. Im Zweiten Vatikanischen Konzil manifestiert sich diese historisch entscheidende Wende. Diese Moderne ist mittlerweile nicht mehr auf die westliche Welt beschränkt, sondern wurde zu einem universellen Phänomen. Weder im Lebensstil, noch in der Denkweise, noch in der Mentalität gibt es heute hinter die Moderne ein Zurück. Das ist die gewaltige Herausforderung für den Islam, sagt Henri Boulad.





"Die muslimische Mystik ist etwas ganz Wunderbares. Es gibt beim Sufismus nur ein Problem: dass der Islam ihn offiziell ablehnt und als Häresie betrachtet."





Boulad: Die ersten Jahrhunderte des Islam sind charakterisiert von einer Haltung der Offenheit gegenüber allem Neuen. Das führte zu den großen islamischen Zivilisationen in Damaskus, in Bagdad, in Ägypten, in Cördoba und Andalusien. Das waren Gipfelpunkte islamischer Zivilisation, Höhepunkte in allen Bereichen von Wissenschaft, Kunst und Kultur ganz außergewöhnlich.



Wenn der Islam heute mit großem Stolz auf diese ruhmreiche Zeit zurückblickt, dann sollte er sich gleichzeitig die Frage stellen: Ist eine Erneuerung des Islam möglich? Gelingt das, indem man sich abschottet nach außen, oder besteht die Herausforderung nicht eher in einer Öffnung und einem Dialog?



J.K.: Wenn man die Moderne als eine Öffnung gegenüber der Vernunft bezeichnen kann, dann muss man festhalten, dass es schon in den ersten Jahrhunderten des Islam auch Rationalisten gab. In Persien Avicenna und in Córdoba Averroes. Allerdings wurden diese von der orthodoxen islamischen Macht systematisch bekämpft, sagt Henri Boulad. Jahrhunderte des Rückschritts folgten. Anfang des 19. Jahrhunderts kam es wieder zu Jahren des Aufschwungs. Es begann in Ägypten mit Mohamed Alí, der den Westen neu entdeckte. Viele Wissenschaftler aus England und Frankreich kamen nach Ägypten, und die eigenen Leute wurden zur Ausbildung nach Europa geschickt. Eine Zeit der kulturellen Begegnung zwischen Ägypten und Europa, erzählt Henri Boulad. Das dauerte bis 1952, bis zur Revolution von Nasser.



Boulad: Dann kam es zu einem Gegenschlag. Denn die arabisch-muslimische Seite der Identität war fast verloren gegangen. Ab dann zeigte sich die Gegenbewegung. Afghaní, Mohammed Abdou, Rashid Redda - die versuchten den Islam zu modernisieren, haben dabei aber Schiffbruch erlitten. Ein wichtiges Datum in diesem Zusammenhang: 1924 hat Kemal Atatürk in der Türkei das Kalifat abgeschafft. Die Kalifen waren die Nachfolger des Propheten, die ab sofort als nicht mehr existent erklärt wurden. Es gab keine Kalifen mehr. Das ist vergleichbar damit, als ob man den Papst in Rom abschaffen würde. Das hat die Krise des Islam noch verstärkt - man fühlte, dass seine Führungsspitze, der Kopf verloren gegangen war.



Dazu kam dann noch die Okkupation Palästinas durch die Zionisten, die von der muslimischen Welt als tiefe Ungerechtigkeit empfunden wird.





"Es gibt im Koran einen einzigen Text, wo die Nähe Gottes zum Menschen ausgedrückt wird. Dort heißt es sinngemäß: ,Ich bin dir näher als deine Halsschlagader.'"





J.K.: Im dritten Teil seines Vortrags widmet sich Henri Boulad dem Phänomen Fundamentalismus im Islam. Fundamentalismus ist für Boulad - egal ob islamistisch oder christlich - eine Sackgasse. Denn Fundamentalismus behauptet starr den alleinigen Besitz der Wahrheit und spricht sie zugleich den anderen ab. Er ist vor allem eine Reaktion auf eine tief verunsicherte Identität:



Boulad: Der Fundamentalismus, mit dem wir heute über weite Strecken konfrontiert sind, ist größtenteils eine Reaktion, eine Abwehrhaltung und der Ausdruck der eigenen Identitätsvergewisserung, die sich als Reaktion auf die Ungerechtigkeit äußert.



Nach den Ereignissen des 11. September 2001 habe ich in der Schweiz, in Frankreich und in Belgien eine Vortragsreihe gehalten, und ich habe dabei immer eine Geschichte erzählt: Stellen Sie sich vor, ich fahre mit dem Autobus und mein Nachbar steigt mir auf den Fuß. Ich sage zu ihm: "Entschuldigen Sie bitte, Sie stehen auf meinem Fuß." Der andere sagt darauf: "Das tut mir Leid", und bleibt weiter darauf stehen. Ich fordere ihn wieder auf von meinem Fuß herunterzusteigen, aber er bleibt ungerührt stehen. Nach vier-, fünf erfolglosen Aufforderungen schlage ich ihn mit der Faust ins Gesicht. Daraufhin schreien alle im Bus: "Achtung, ein Terrorist!" Denn sie haben den Faustschlag wahrgenommen, aber nicht, dass er die ganze Zeit auf meinem Fuß stand.



Um das Phänomen des Terrorismus zu verstehen, muss man den Kontext miteinbeziehen. Es gibt auf Seiten der Araber eine riesengroße Frustration in Bezug auf Israel, die USA, den Westen insgesamt, aber auch sich selbst gegenüber. Denn die arabische Welt fühlt sich als minderwertig gegenüber einem Westen, der als Westen der Stärke und der Eroberung auftritt. Das schafft viele Ressentiments. Das ist ein sehr komplexes Phänomen, das nicht nur religiös oder politisch betrachtet werden darf. Es ist vor allem ein psychologisches Problem.



Zunächst: Was ist Fundamentalismus überhaupt? Der Fundamentalismus ist eigentlich ein protestantisch-amerikanisches Konzept, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Es ist eng mit dem Textverständnis beziehungsweise der Buchstabentreue verbunden: dass man einen Text an sich als etwas an sich Unveränderbares, als etwas Heiliges, Unantastbares ansieht. Das führt zur Versteinerung von Religion. Das war auch beim Christentum in den letzten Jahrhunderten der Fall. Aber auch der Koran und seine zahlreichen Kommentare werden als sakrale Texte angesehen, die Gott dem Mohammed wirklich Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe so diktiert haben soll. Texte also, die seit mehr als zehn Jahrhunderten nicht mehr adaptiert beziehungsweise geändert wurden.





"Wenn der Islam heute mit großem Stolz auf seine ruhmreiche Zeit zurückblickt, dann sollte er sich gleichzeitig die Frage stellen: Ist eine Erneuerung des Islam möglich?"





J.K.: Für Henri Boulad stellt sich hier die Frage: Wie kann man miteinander in ein echtes Gespräch kommen, wenn dem Islam ein historisch-kritischer Umgang mit den eigenen Offenbarungstexten fehlt?



Boulad: Im Arabischen gibt es das Wort "Isch-Dschihad". "Isch-Dschihad" heißt so viel wie intellektueller Kampf und geistige Anstrengung. Im Islam war es so, dass der Koran und die Kommentatoren des Korans so sehr als etwas Sakrales angesehen wurden, dass den einzelnen Menschen das Recht zu denken abgesprochen wurde. Jeder Mensch, der etwas Eigenes gedacht hatte, wurde im Namen einer orthodoxen Anschauung verurteilt, die auf eine lange Tradition zurückblickt.






Im 9. Jahrhundert der Begründer des Fundamentalismus war Ibn Hambal, der die Sekte der Hambaliten gegründet hat. Dann fünf Jahrhunderte später sein Schüler Ibn Tajimija, der auch für die heutigen Fundamentalisten eine wichtige Referenzperson ist. Und ab dem 17. Jahrhundert entsteht in Saudiarabien der Wahabismus, der dort zur Gründung der theokratischen Gesellschaft führte, die die Scharia zur Grundlage hat.



Im 20. Jahrhundert gibt es ein Wiedererwachen der Fundamentalisten im Islam: in Pakistan Maududi, in Indien Ekbal, im Iran tritt Khomenei auf, in Ägypten Hassan EI Banna und sein radikaler Schüler Sayed Kot'b, auf den sich der Großteil der islamistischen Fundamentalisten heute beruft.



Parallel mit dem Aufschwung der radikal-islamischen Bewegung entwickelten sich die politischen Bewegungen: Hamas, Hizbollah, Dschihad, die sich vor allem dem Krieg gegen Israel verschrieben haben. Aber diese verschiedenen Bewegungen sind eng miteinander verbunden und unterstützen sich gegenseitig. Das Problem Israel ist der politische Faktor, der diesen Kampf am Leben erhält. Der Kampf richtet sich auch gegen die USA, insofern sie den Staat und die Politik Israels bedingungslos unterstützen.



Wenn ich George W. Bush einen Rat geben könnte, wäre es dieser: Der direkte Kampf gegen die Terroristen selbst wird diese langfristig stärken. Wenn man den Terrorismus wirksam bekämpfen will, muss man die wahren Gründe dafür kennen und diese aus der Weit räumen, statt Menschen zu töten.





"1924 hat Kemal Atatürk in der Türkei das Kalifat abgeschafft. Das ist vergleichbar damit, als ob man den Papst in Rom abschaffen würde."





J.K.: Der Islam stehe heute vor folgender Alternative: Entweder er lehnt die Moderne ab. Dann werden politische und kulturelle Konfrontationen ausbrechen, die enorm viel Blutvergießen nach sich ziehen. Oder dem Islam gelingt es, die Moderne einzubinden, aber wird er dann noch der Islam sein, fragt Henri Boulad? Und er versucht abschließend darauf Antworten zu geben, die er bewusst offen halten will.



Boulad: Ich möchte nur zwei Sätze des alten Königs von Marokko, Hassan II., zitieren. Vor etwa fünf Jahren hat er im französischen Fernsehen TV5 Folgendes gesagt: "Franzosen, macht euch keine Illusionen. Unsere jungen Marokkaner werden sich niemals in eure französische Gesellschaft integrieren. Sie werden immer Fremde in eurem Land bleiben." Und ein weiterer Satz:" Islam und Laizismus sind inkompatibel." Das sind Aussagen, die daran zweifeln lassen, ob der Islam eines Tages einen modernen pluralistischen Staat akzeptiert.



Eine weitere Oberlegung in diesem Zusammenhang: Ein junger Franzose algerischer Herkunft wurde von der Polizei in Lyon verhört und nach seiner Identität gefragt: "Bist du ein Franzose oder ein Araber?" Er hat darauf geantwortet "Weder Franzose, noch Araber, sondern ein Muslim." Die Frage ist hier schon, ob der Islam eine übergeordnete Identität vermittelt.



Eine dritte Frage: Dazu eine Aussage Ayatollah Khomeinis, der gesagt hat: "Der Islam ist politisch oder er ist nicht." Diese enge Verbindung zwischen Politik und Religion scheint im Islam etwas ganz Wesentliches zu sein. Ich glaube: Seit Mohammed Mekka verlassen hat und sich 622 in Medina niederließ, hat der Islam nicht mehr aufgehört politisch zu sein. Drei Viertel der Suren des Koran verweisen auf eine religiös-theokratische Gesellschaft, die von Koran und Scharia dominiert wird. Ist es vorstellbar und zu hoffen, dass Politik und Religion jemals getrennt fortbestehen können?





"Werden die Mustime in Europa, die in demokratische Systeme integriert sind, in der Lage sein, einen Islam hervorzubringen, der kompatibel ist mit der Moderne?"





Eine weitere Frage: Wird es eines Tages gelingen, dass der Islam wirklich religiöse Freiheit zugesteht? Nicht nur, dass es möglich ist, seinen eigenen Kult zu praktizieren, was ja der Fall ist, sondern dass er den Menschen ermöglicht, wirklich ihre Religion frei auszuwählen, dass ein Muslim beispielsweise Christ werden kann, ohne dass er mit dem Leben bedroht wird. Ich kenne kein einziges muslimisches Land, nicht einmal die laizistischen Länder Türkei und Tunesien, wo diese Glaubensfreiheit tatsächlich existiert. Der Islam ist gewissermaßen eine Religion ohne Rückfahrkarte: Man kann eintreten, aber man kann nicht wieder austreten.



Dann noch eine letzte Frage: Werden die Muslime in Europa, die der Moderne offen gegenüberstehen, die in demokratische Systeme integriert sind, in der Lage sein, einen Islam hervorzubringen, der kompatibel ist mit der Moderne?



Als Christ in einem muslimisch-arabischen Land ist es nicht meine Aufgabe, darauf eine Antwort zu finden. Ich möchte nur noch eine allerletzte Frage stellen: Was sagt der Islam über sich selbst? Wer kann im Namen des Islam darauf eine Antwort geben? Denn es gibt keine höchste Autorität, die im Namen aller sprechen könnte. Violà, das ist die große Schwierigkeit, die wir heute haben.



Marwan Abado
Sänger, Komponist und Oud-Spieler,
Wien



Henri Boulad SJ M.A.
Buchautor und Vortragender, ehemals
Vizepräsident der Caritas Internationalis,

carlo
03.04.2004, 16:50
Danke für den Beitrag, syr :)


Allerdings bleibe ich etwas skeptisch,
ob nicht eben dieses "Vorrechnen" von historischen Bluttaten heute genau in die Hände derjenigen spielt, die massives Interesse daran besitzen, den fundamentalen Islam, wo er denn herrscht, mit all seinen zutiefst undemokratisch und menschen- und frauenfeindlichen Dogmen aufrecht zu erhalten...


:rolleyes:

carlo
03.04.2004, 17:37
Der Islam, die Frau und der Teufel




Anmerkungen zu einem westlichen Mißverständnis



Ein schwieriges Thema für die westliche Fremdorientierung ist die problematische Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft. Diese Schwierigkeit wird noch verstärkt durch die Weigerung, den islamischen Traditionalismus als integralen Aspekt der Religion des Islam zu sehen. Der Traditionalismus bzw. "Fundamentalismus" befindet sich - unterstützt durch enorme Finanzmittel - als wachsender Faktor auf einem offenbar unaufhaltsamen Vormarsch in der gesamten islamischen Welt, wobei der westliche "Dialog" dieses Geschehen als vom "eigentlichen" Islam losgelöstes Phänomen interpretiert.



Daß die Stellung der Frau dabei vom Islam selbst als Gradmesser traditionalistischer Unterdrückung zu betrachten ist (Goodwin, Himmel der Frauen, S. 35), wird in einer derartigen Wahrnehmung nicht zu hinreichender Geltung gelangen. So formierten sich in Europa und insbesondere in Deutschland fragwürdige Konstellationen, in denen die einschlägigen Verfassungsrechte auf Menschenwürde, die freie Wahl des Berufs, Wohnorts, Ehestands etc., von der muslimischen Frau auf deutschem Boden nicht bzw. nicht uneingeschränkt in Anspruch genommen werden können und sie mehrheitlich weiterhin den gleichen Repressionsmechanismen wie in ihrem jeweiligen Heimatland unterliegt. Hier wirkt der interkulturelle Kampf gegen den "Menschenrechtsfundamentalismus", dem keinesfalls gestattet werden kann, in das gesellschaftliche Geschehen der islamischen Minderheiten "kulturverändernd" einzugreifen, ganz zu schweigen von den islamischen Stammländern, deren Souveränität über die Frauenfrage unangetastet bleiben muß.



Unschwer erkennbar handelt es sich hier einmal mehr um die Frage der historisch gewachsenen, islamischen Macht, welche die Frau auf die_ Funktion weitgehend uneingeschränkter, biologischer Reproduktion reduziert und mit einem_ strukturellen Analphabetismus verknüpft. Aus dieser Verbindung beziehen der Traditionalismus und seine expansiven Kräfte das unverzichtbare Instrument ihrer Unterdrückungsstrategie.



Was ist nun die "traditionelle" Position der Frau im Islam? Wenngleich unsere Themenstellung hier nicht erlaubt, ausführlich auf die breitgefächerte Literatur über dieses fundamentale Thema einzugehen, sollten wir allerdings in angemessener Einschränkung einige Schlaglichter auf diejenigen Aspekte werfen, die für die Machtausübung des Islam unter individueller und kollektiver Instrumentalisierung der Frau wesentlich sind.



Schon ihre grundsätzliche, koranische Einordnung muß angesichts ihrer vorislamisch-beduinischen Position überraschen, die der Frau einen mehrheitlich mutterrechtlichen Vorrang mit zahlreichen, z.T. hymnischen Lobpreisungen in der altarabischen Poesie einräumte (Spuler, Kultur des Islam, 10), sich mit Beginn des Islam indes schlagartig änderte:



"Die Männer sind den Weibern überlegen, wegen dessen, was Allah den einen vor den andern gegeben hat, und weil sie von ihrem Geld (für die Weiber) auslegen. Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam und sorgsam in der Abwesenheit (ihrer Gatten), wie Allah für sie sorgte. Diejenigen aber. für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, warnet sie, verbannet sie in ihre Schlafgemächer und schlagt sie. Und so sie euch gehorchen, so suchet keinen Weg wider sie; siehe Allah ist hoch und groß" (Koran, Sure 4/ Vers 34) .



Das herabwürdigende Gehorsamsdiktat des Verkünders läßt sich als weitere, für den Islam so kennzeichnende Konservierung zeitgenössischer Einflüsse durch die jüdisch-christlichen Gemeinschaften auf der Halbinsel herleiten. Insbesondere die spezifischen Vorstellungen von einer Urschuld der Frau in Verbindung mit einer ihr generell unterstellten Unreinheit haben dem Islam eine zuweilen pathologisch wirkende Frauenfeindlichkeit implantiert, die entgegen anderslautenden Koranaussagen in der Prophetentradition das Paradies zu einer Domäne des Mannes werden ließ und die biologischen Besonderheiten der Frau zu Strafen Allahs ummünzte (Walther, Die Frau im Islam, 100ff.). Spurenelemente dieser Denkweise haben sich bekanntlich auch - entgegen dem Geist des Evangeliums - bis in die Gegenwartsformen der christlichen Kirchen erhalten können.



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Die Stellung der westlichen Frau konnte natürlich dennoch aus der Dynamik des liberalen Fortschritts ganz entscheidende Vorteile ziehen_ und ihre Benachteiligung gegenüber dem Mann deutlich kompensieren, wenngleich keinesfalls völlig ausgleichen. Die Rückorientierung des Islam auf das Modell von Medina und seine Konservierung des als für alle Zeit verbindlich verkündeten Gottesgesetzes haben dagegen die muslimische Frau in eine Form anscheinend unveränderbarer, ewiger_ Unterdrückung gepreßt.



Auch und gerade wenn zahlreiche Musliminnen, allen voran westliche Konvertitinnen, ihren Status als durchaus gleichberechtigt bezeichnen und zum Beweis gegenüber uninformierten Andersgläubigen jedoch ihren Propheten und nicht die tägliche Gegenwart anführen, so verdeutlicht dies umso mehr die Ambivalenz der real in der islamischen Praxis gehandhabten Frauenrolle: die immer wieder aufscheinenden Diskrepanzen zwischen Koran einerseits sowie hadith, Geschichte und Wirklichkeit andererseits.



Während sich im Koran auch einige Stellen finden lassen, aus denen eine wohlwollende, zu liebevoller und pfleglicher Behandlung der Frau aufrufende Haltung des Verkünders hervorgeht, entwickelte sich ihre Rechtsposition und faktische Rolle in der Gesellschaft zu einer umfassenden Form multipler Unterprivilegierung. Ihr Verstand und ihr Glaube sind so unvollkommen, daß sie weder der Heilsformel, noch der Teilnahme am Freitagsgebet und der Gemeinschaft der Gläubigen teilhaftig werden kann.



Gegenüber dieser grundlegenden Herabwürdigung nehmen sich die diskriminierenden Bestimmungen des positiven Rechts schon fast wie Vorrechte aus: die Halbwertigkeit ihrer Zeugenaussage und Erbfähigkeit, die Ausschaltung jedes Mitspracherechts bei der Verheiratung, die einseitigen Regelungen hinsichtlich Scheidung, d.h. Verstoßung (talaq), das Verbot der Heirat eines "Schriftbesitzers", die preisliche Prämiierung der jungfräulichen gegenüber der deflorierten Frau und nicht zuletzt die unabdingbare Ausnahmslosigkeit sexueller Verfügungsgewalt des Mannes über die Frau (ebd., 101f.).



Einmal verheiratet, ist die Muslimin in der konservativen Familie auschließlich auf das Haus beschränkt, das sie, vorausgesetzt, der Mann spricht keine Scheidung aus, bis zu ihrem Tode nicht mehr verlassen wird. Sie stellt Bestandteil des Besitzes ihres Mannes dar, der sie über die Morgengabe (mahr) erworben hat. Die Eheschließung kann bekanntlich bis zu viermal ausgeführt werden, solange die finanzielle Lage des Mannes die nachhaltige Versorgung seiner Frauen und potentiellen Kinder gewährleistet, die in Knabengestalt natürlich einen ungleich höheren Stellenwert erlangen. Die Frau hat keinerlei Mitsprache- geschweige denn Einspruchsrecht gegen Mitfrauen und Mätressen, sie kann nur in Ausnahmefällen und nur in Begleitung des Mannes oder männlicher Verwandter reisen bzw. die Pilgerfahrt vollziehen.



Die Mehrehe war und ist Dauerthema der islamischen Gesellschaften, da sie sich historisch aus kriegsbedingtem Männermangel herleitet und seit langem - ähnlich wie die Sklaverei und das Konkubinat obsolet geworden - nach dem Willen der Reformer der Abschaffung anheimfallen soll. Diesem Vorhaben ist indes angesichts der tiefverwurzelten, konservativen Frauenverachtung sowie der finanziellen Bedeutung heiratsfähiger Töchter für die hergebenden Familien bis auf weiteres wenig Aussicht auf Erfolg zu bescheinigen. Darüber hinaus läßt die aus der Einehe resultierende Teilemanzipation einen unerwünschten Anschub der Frauenbildung und -berufstätigkeit erwarten, der nicht
nur dem Trend zur islamischen Radikalisierung, sondern auch der strukturell hohen Arbeitslosigkeit entgegensteht.



So wird es zunächst bei der überkommenen, für die islamische Frau völlig perspektivlosen Lage bleiben, die sie neben ihren biologischen Funktionen als Quelle der Nachkommenschaft und allzeit verfügbares Sexualobjekt zur preiswerten Haushaltskraft degradiert, und dabei durch physische und psychische Überlastung sowie Ernährungs- und Sonnenmangel einem unverhältnismäßig hohen Sterblichkeitsrisiko ausliefert.



Innerhalb dieses Rahmens gestaltet sich die Situation der Frau in den islamischen Ländern in diversen Abstufungen gesellschaftlicher Diskriminierung. Während in Tunesien - am Westrand des Islamgürtels - die Mehrehe offiziell verboten ist und damit eine Gleichbehandlung der Frau zumindest auf dem Papier gewährleistet scheint, befindet sie sich am Ostrand - in Afghanistan, Pakistan und Indien - im Status nahezu vollständiger Rechtlosigkeit.



In einer solchen Situation - wie z.B. in Pakistan – stehen Frauen jederzeit jedem zur beliebigen Vergewaltigung zur Verfügung, ohne daß der Täter ernsthaft zur Verantwortung gezogen wird. Frauen, die Anzeige erstatten, werden in der Regel der Unzucht (zina') angeklagt. Israr Ahmad, Chefideologe Pakistans zur Zeit des später durch Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Präsidenten Zia' al-Haqq, verkündete im Fernsehen, daß niemand wegen Vergewaltigung verurteilt werden könne, solange noch Frauen in der pakistanischen Gesellschaft sichtbar seien. In einem unter dem im Westen als "gemäßigt" geltenden Präsidenten Rafsandjani erstellten Geheimdienstbericht wurden im Jahre 1992 allen Ernstes die iranischen Frauen - und damit etwa 50% der Bevölkerung - zusammen mit der Korruption als oberstes Sicherheitsrisiko des Iran eingestuft (Goodwin, 76, 159).



Vor diesem Hintergrund wirkt die alte Diskussion um die Interpretation des Kopftuchs in Europa und seine Zulassung im öffentlichen Dienst eher verfehlt und erweist sich allenfalls als geeignet, die europäische Öffentlichkeit von der eigentlichen Brisanz der Frauenfrage in den Ländern des Islam abzulenken. Abgesehen davon, daß der Koran ohnehin keinen konkreten Anhalt für eine Verschleierung des Kopfes, geschweige denn des Gesichts liefert, bildet diese mediokre Debatte, in der natürlich auch laufend vom "Dialog mit dem Islam" die Rede ist, nichts weniger als die zynischst mögliche Form, die eigentliche Situation im wahrsten Wortsinne zu "verschleiern". Wie im Falle der laufend verschwiegenen Gewalt gegen die Intellektuellen ist auch und ganz besonders die unkritische Behandlung des Frauenthemas geeignet, im Namen von Freiheit und Toleranz der Gewalt des Islam gegen die Frauen weiterhin tatkräftigen Vorschub zu leisten.



Da die Kopftuchfrage ein wichtiges Anliegen des traditionalistischen Islam zu sein scheint und im Westen äußerst kontrovers diskutiert wird, empfiehlt es sich, sie in den näheren Blick zu nehmen. Ihr Entstehen wird der unmittelbaren Situation des Verkünders zugeschrieben, dessen Frauen von Besuchern unverschämt angestarrt_ und bei der Verrichtung der Notdurft außerhalb des Hauses von Ungläubigen belästigt wurden:



"Ihr Gläubigen! Betretet nicht die Häuser des Propheten, ohne daß man euch ... Erlaubnis erteilt, einzutreten ... Und wenn ihr die Gattinnen des Propheten um irgendetwas bittet, das ihr benötigt, dann tut das hinter einem Vorhang! Auf diese Weise bleibt euer und ihr Herz eher rein (33/53). - Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (wenn sie austreten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, daß sie (als ehrbare Frauen) erkannt und daraufhin nicht belästigt werden" (33/59).



Zunächst ging es also darum, die Frau in ihrer unmittelbaren Eigenschaft als integre Person im privaten und öffentlichen Bereich vor den in der Zeit des Verkünders offensichtlich üblichen Übergriffen zu schützen. Dieser eher noch passive Schutz wurde bald in eine aktive Einschränkung des autonomen Handlungsbereichs ausgeweitet, die die Frau gesellschaftlich unsichtbar machen sollte:



"Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen (statt jemanden anzustarren) ihre Augen niederschlagen, und sie sollen darauf achten, daß ihre Scham bedeckt ist ... und ihren Schal sich über den Schlitz (des Kleides) ziehen (24/31) - ... Und bleibt in eurem Haus .. putzt euch nicht heraus, wie man das früher im Heidentum zu tun pflegte" (33/33).



Da die Verhüllung sich auch in unmittelbaren Bezug zum Glauben setzte, wurde sie nicht nur zum Instrument gesellschaftlicher Isolation, sondern auch zum Symbol gegen Untreue und Lasterhaftigheit im besonderen sowie die anderen Kulturen und Religionen im allgemeinen (Heller, Schleier, 112f.). Mit ihrer äußerlich abgrenzenden Funktion war zudem nicht nur eine neue Dynamik der Denunziation und allgegenwärtigen Kontrolle begünstigt, sondern vor allem auch die Installation des Patriarchats als dominanten Ordnungsfaktors, wie sie in der zitierten, koranischen Überlegenheitsklausel zum Ausdruck kommt.



In Verbindung mit den Vorstufen des passiven Schutzes und der Ausgrenzung autonomen Handelns installiert die einschlägige Sure die uneingeschränkte Herrschaft des Mannes über die Frau. In der hier erreichten Dominanz steckt allerdings auch eine unverkennbare Ambivalenz zwischen moralischem Anspruch und menschlicher Wirklichkeit, die in der Form äußeren Drucks durch Einsperren und Überwachen der Frau eine tiefe innere, dem islamischen System immanente Fehlschaltung offenbart. Denn unter dem Druck seiner_ „normativen" Gegenwart schwenkte sogar Muhammad, dessen Frauenbild lange Zeit grundsätzlich eher von Kooperation geprägt gewesen war, auf eine konsequente Linie der Konfrontation ein:



"Wenn ich meinen Auftrag als Prophet erfüllt habe, wird es in dieser Welt keine Versuchung mehr geben, die für Männer verhängnisvoller sein kann als Frauen"
(ebd., 83f.).



Dieser Meinungswandel verdankte sich in der Hauptsache dem Einfluß zweier Genossen, die ihm später auch als "rechtgeleitete Kalifen" nachfolgten, nämlich 'Ali Ibn Abi Talib und 'Umar Ibn al-Khattab, der das Recht des Mannes zur Züchtigung der Frau gefordert hatte. Beide prägten das sich im Frühislam rasch durchsetzende Weltbild, dem zufolge die Frau als Ganzes wie ein Übel zu betrachten war, dessen schlimmster Aspekt in seiner unausweichlichen Notwendigkeit bestand:



Ali: "Wenn sie (die Frauen) sich selbst überlassen sind, so kennen sie keine Religion. Sie sind ohne Tugend und ohne Erbarmen, wenn es um ihre fleischlichen Begierden geht. - Sie beklagen sich unterdrückt zu sein, obwohl sie es sind, die unterdrücken ... Erflehen wir Gottes Hilfe, um siegreich aus ihren teuflischen Verführungskünsten hervorzugehen ..." 'Umar: "Die Rede der Verschleierten ist ebenso wie sie selbst etwas, das man schamhaft verhüllen muß: Wie es sich nicht schickt, sie der Öffentlichkeit zu zeigen, ebenso schickt es sich nicht, ihre Rede auszuplaudern" (ebd., 81).



Mithin steht dem Muslim in Gestalt der Frau ein Wesen gegenüber, das -_ im Besitze kaum zitierfähigen Geistes - ein von Begierden getriebenes Symbol teuflischer Versuchung darstellt und daher unter permanenter Gehorsamskontrolle durch den Mann zu halten ist. Dies umso mehr, als koranisch gesehen der eheliche Geschlechtsakt als gottgefälliges Werk gilt, das möglichst oft und effizient zu vollziehen ist, da die unbefriedigte Frau potentiell den Teufel aktiviert und die islamische Ordnung stört (ebd., 40f.). Die Ehe, von den Rahmenbedingungen der Polygamie und Verstoßung bestimmt, reduziert die Frau mithin auf den Status einer austauschbaren Ware mit sexueller Funktion.



In einer Interaktion, in der die Frau als Sexualobjekt und potentielle Botschafterin des Teufels und der Mann als ihr Kontrolleur und omnipotenter Herrscher den ehelichen Akt im Sinne einer Glaubensübung und ordnungsschaffenden Beitrags zur islamischen Gemeinschaft zu verstehen hat, bilden sich zwei Ebenen fundamentalen Mißverhältnisses. Zum einen erschweren moralische Unreinheit der Frau und moralische Reinheit des Mannes in Verbindung mit einer vollständigen Rechtsunsicherheit ein stabiles Emotionsgefüge im Sinne von Zuneigung und Liebe zwischen den "Partnern". Zum anderen erfordert die zusätzliche Besetzung der weiblichen Unreinheit durch das metaphysische Böse in Gestalt von teuflischer Begierde und Verführung ein umfassendes System der körperlich-religiösen Reinigung. Dieses System ist insgesamt darauf ausgerichtet, dem Mann den Reifeprozeß zum Eingeständnis zu ersparen, Ursprung der gleichen "Begierde" zu sein, die er der Frau unterstellt. Die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi faßt diesen Sachverhalt zusammen:



" Der Geschlechtsakt, der als unrein gilt, wird von Riten und Beschwörungen begleitet, die eine gefühlsmäßige Distanz schaffen und die geschlechtliche Befriedigung auf seine elementarsten Funktionen reduziert: Orgasmus und Fortpflanzung. Die Botschaft des Islam, so schön sie auch sein mag, geht davon aus, daß die Menschheit nur aus Männern besteht. Die Frauen stehen außerhalb der Menschheit und sind sogar eine Bedrohung für sie ... Wenn es stimmt, daß Promiskuität und Permissivität die Barbarei kennzeichnen, dann ist nur die weibliche Sexualität durch den Islam zivilisiert worden; denn die männliche ist promiskuitiv (durch die Existenz der Polygamie) und permissiv (durch die Existenz der Verstoßung)" (ebd., 45, 49).



Das Ausmaß weiblicher Unreinheit läßt sich an der Bestimmung ablesen, der zufolge der Muslim sich nach dem Verkehr mit einer Frau zu reinigen hat, nicht jedoch nach einem solchen mit Tieren, Leichen oder Kindern, wobei das Hauptkriterium die Erregung ist, die beim Sexualobjekt hervorgerufen wird (ebd., 103). Abgesehen von den kulturhistorisch interessanten Sexualalternativen, die sich in Sodomie, Nekrophilie und Pädophilie ausdrücken, steht im Zentrum der islamischen Reinlich-keitsregeln die Sexualität als potentieller Störfaktor des Sakralen. Im Rahmen des ehelichen Aktes bei der Frau ausgelöste Begierden beinhalten notwendigerweise die virtuelle Anwesenheit des Teufels oder böser Geister (djinn), deren reale Wirkung der Mann durch beschwörende Glaubensformeln zu bannen hat. Nur die peinliche Beachtung der Verbindung aus strenger Gehorsamskontrolle und sexueller Reinheit kann das islamgerechte Verhalten der Frau, ein gottgerechtes Eheleben und den Zugang zur täglichen Glaubens-ausübung sichern.



Hier schließt sich nicht nur der Kreis zum Gehorsamssymbol des Kopftuchs, sondern es wird ebenso die fundamentale Bedeutung erkennbar, die eine konsequente Unterdrückung der Frau für das Glaubens- und Menschenverständnis des Islam hat. Menschsein im islamischen Sinne ist in allererster Linie männliches Sein. Weibliches Sein bedeutet latente Bedrohung männlichen Seins und damit des Islam an sich. Jeder Versuch zur Emanzipation kann daher nur als Tendenz von latenter zu akuter Bedrohung der traditionellen Existenzform des Islam interpretiert werden, die somit das Geistpotential der Frau systematisch ausgrenzen muß. Diese grundsätzliche Abwertung wirkt bis in unsere Zeit – auch und gerade in Europa – fort, indem ein andalusischer Imam kürzlich in einem vielbeachteten Buch darlegte, wie der gläubige Muslim seine Frau so effizient schlagen kann, daß keine_ Spuren hinterlassen werden – bekanntermaßen unverzichtbarer Teil der Grundausbildung von Folterknechten in totalitären Systemen.



Gerade weil diese Frage von existentieller Bedeutung für den traditionellen Islam ist, bemüht sich der westliche Dialog durchgängig,_ die Lücke zwischen koranischem Anspruch und der_ Wirklichkeit des islamischen Lebens zu übersehen, und eine weitgehende Gleichstellung der Frau in Ehe und Gesellschaft zu behaupten. Die katholische Kirche hat hier eine Führungsrolle übernommen, indem es nach Kardinal Arinze, zuständig für den interreligiösen Dialog im Vatikan, kaum Unterschiede zwischen islamischer und christlicher Ethik im Bereich Ehe und Familie gibt.



Daß ihre grundsätzliche Herabstufung in eine Sphäre minderer, eher biologisch verstandener Qualität eine dem Islam originär eingewurzelte und dort unverändert konservierte Daseinsform darstellt, konnte schon vor 800 Jahren kein Geringerer als der große Averroes bestätigen, der zu diesem Thema kritisch feststellte:



"In diesen unseren Staaten kennt man die Fähigkeiten der Frauen nicht, weil man sie hier nur für die Fortpflanzung einsetzt. Das macht ihre (anderen möglichen) Aktivitäten zunichte. Weil Frauen für keine der menschlichen Tätigkeiten für fähig gehalten werden, geschieht es oft, daß sie Pflanzen gleichen. Daß sie in diesen Staaten eine Last für die Männer sind, ist einer Gründe für die Armut dieser Staaten" (Heller, Schleier, 82).
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(c) Hans-Peter Raddatz

carlo
03.04.2004, 22:27
Dialog mit Saladin



Lessings "Nathan" und die Toleranz



Lessings exemplarisches Stück von Nathan "dem Weisen" mit seiner berühmten Ringparabel gilt als die literarische Ikone aufklärerischer Toleranz. Zur Erinnerung: Die Parabel soll die tiefe, gemeinsame Wahrheit der drei Weltreligionen, des Judentums, des Christentums und des Islam, versinnbildlichen. Sie besteht in einem Ring, der seit vielen Generationen in einem mythischen Königshaus des Orients weitergegeben wurde und seinem jeweiligen Besitzer die Eigenschaft verlieh, ihn "vor Gott und den Menschen angenehm" zu machen. Der vorläufig letzte König in der Kette, vor die Frage gestellt, welchem seiner drei gleichermaßen geliebten Söhne er den Ring geben sollte, umging das Problem, indem er zwei ununterscheidbare Duplikate anfertigen und den Streit um den echten Ring mit den Worten schlichten ließ:




Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach
Es strebe von euch jeder um die Wette / Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut / Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohthun
Mit innigster Ergebenheit in Gott / Zu Hilf‘!





Die in die Metapher der drei Söhne eintretenden Protagonisten Lessings, ein christlicher Tempelherr, der Recha, die Tochter des jüdischen Geldverleihers Nathan vor dem Feuertod rettet, der islamische Potentat Saladin, der ein zuvor ausgesprochenes Todesurteil gegen den Tempelherrn aufhebt, und schließlich Nathan selbst, der mit einem generösen Geldgeschenk den Muslimherrscher aus großer Finanznot befreit, sie alle folgen der humanitären Praxis aufklärerischen Handelns. Sie begründen damit zugleich auch die Maxime des späteren Existentialismus, welche die Tat nicht nur als spontane Überwindung des Vorurteils, sondern ganz generell dem Bewußtsein vorangehen läßt und betont der kirchlich-thomistischen Handlungsrichtung entgegenwirkte, welche die Tat aus einem stabilen Sein des Glaubens entstehen ließ (agere sequitur esse).



Indem sie damit die Handlungskonventionen und traditionellen Grenzen ihrer jeweiligen Religionen überschreiten, betreten sie eine gemeinsame Basis humanitärer Vernunft, die sie der engen, überkommenen Form des Gehorsams und der Loyalität gegenüber ihren Glaubensgemeinschaften enthebt und sie auf eine neue, der jeweiligen Offenbarung übergeordnete Toleranz verpflichtet. Die "göttliche Stimme der Vernunft" erklingt nun gleichermaßen in den Beteiligten, deren Handlungen sich allerdings nicht mehr der göttlichen, unverfügbaren Gnade und Zugehörigkeit zu religiösen Institutionen, sondern allein der Erfahrung menschlicher Unmittelbarkeit und einer religiösen Selbstoffenbarung in ihren guten Taten verdanken.



Der Begriff der "Gnade" verlagert sich vom christlichen, sich dem Menschen objektiv zuwendenden Gott auf den Menschen, dessen moralisches Gefühl sich dem Anderen widmet, ohne dabei - aufgrund unabdingbarer Subjektivität - gesetzmäßig verankert werden zu können. Es entsteht eine sich laufend selbstbestätigende Vernunft, die in Verbindung mit dem "Gefühl der Wahrheit" Religion nur anerkennt, wenn sie keinen Gegensatz zu menschlich-subjektiven Wertvorstellungen wie Logik und – zeitbedingte - Ethik bildet. Nur wenn diese Voraussetzung gewährleistet ist, kann sich der historische "Fortschrittsprozeß des Menschengeschlechtes" entfalten, eine Vorstellung, die Lessing den Freimaurern seiner Zeit entlehnte und die - gepaart mit ausgeprägtem Langzeitbewußtsein - im Prinzip jede Revolution rechtfertigte:



"... die wahren Thaten der Freymäurer ... sind auf die Abschaffung des Staates ausgerichtet. Auf der höchsten Stufe ihrer Entwicklung, wenn die absolute Herrschaft der Vernunft und die Glückseligkeit aller Menschen verwirklicht worden sind und der Mensch 'das Gute thun wird, weil es das Gute ist', erübrigen sich der Staat und seine gesellschaftliche Ordnung".



Gotthold Ephraim Lessing, als Sohn eines Pastors 1729 geboren, hatte nicht nur im "Nathan" dem aufklärerischen Ziel der interreligösen Toleranz eine bis heute wirkende, künstlerische Form gegeben, sondern auch in den etwa gleichzeitig erscheinenden Werken "Ernst und Falk, Gespräche mit Freimaurern" und "Erziehung des Menschengeschlechts" dem freimaurerischen Ideal einer in Glück, Freiheit, Toleranz und Wohlstand vereinten Weltgesellschaft dauerhafte, literarische Denkmäler gesetzt. Indem er sich damit deutlich gegen die institutionalisierte Religion und die etablierte Kirchenmacht stellte, wurde Lessing zwar zum Exponenten des modernen – vor allem islamischen - Religionsdialogs mit aktueller Geltung bis heute, blieb jedoch sowohl inhaltlich als auch biographisch deutlich hinter den von ihm selbst in seinen Stücken gesetzten Standards zurück.



Schon früh erfaßte den Hochbegabten eine intensive Spielsucht, die ihn ständig am Rande ruinöser Finanznot hielt, der auch die 1770 erfolgende Anstellung als Bibliothekar in Wolfenbüttel keine wirkliche Remedur verschaffte. Bis an sein Lebensende im Jahre 1781, selbst auf dem Totenbett hielt ihn diese Leidenschaft gefangen, so daß er – von ständiger Geldnot und psychischen Nöten bedrängt - immer wieder seine adligen Gönner, vor allem den Herzog und zuweilen den Erbprinzen von Braunschweig, um eine Aufbesserung der Einkünfte bzw. Ausweitung der Kompetenzen angehen mußte. Die hieraus verschiedentlich abgeleitete Ansicht, beim "Nathan" könnte es sich um eine durch Geldmangel beförderte Auftragsarbeit interessierter Kreise gehandelt haben, läßt sich allerdings in diesem Zusammenhang nicht nachweisen, zumal auch Lessings Logenzugehörigkeit erst sehr spät zustandekam und nur sporadisch ausgeübt wurde.



Umso konkreter entwickelte sich Lessings Antipathie gegen die Vertreter der Kirche, wahrscheinlich grundgelegt durch den eigenen Vater, jenen Pastor, der den aufstrebenden Literaten mit pathologischem Mißtrauen bis in sein Berliner Domizil verfolgte, indem er ihn durch seine dortigen Amtsbrüder regelrecht beschatten ließ. Insbesondere die Absicht, Komödien schreiben zu wollen, hatte dem Sohn die verfolgenswerte Aura mangelnder Frömmigkeit verliehen. Allerdings war das Genie Lessings dadurch natürlich nicht aufzuhalten. Schon um 1750, mit 21 Jahren, zeichnete er sich in Berlin als steil aufsteigende, literarisch-philosophische Berühmtheit ab, die der Kirche umso unangenehmer wurde, je klarer sich die Konturen seines "Christentums der Vernunft" herausbildeten:



"Da diese, von Gott geschaffenen, einfachen Wesen (die Menschen) gleichsam eingeschränkte Götter sind, so müssen ihre Vollkommenheiten den Vollkommenheiten Gottes ähnlich sein; so wie Teile dem Ganzen... dieses Gesetz ist aus ihrer eigenen Natur genommen, und kann kein anderes sein, als: handle deinen individualistischen Vollkommenheiten gemäß".



Hier begann sich schon früh der Kreis zum "Nathan" und seinem aufklärerisch überhöhten Menschenbild zu schließen, dem es kraft autonomer Vernunft möglich wurde, die Grenzen institutionell geregelter Spiritualität zu überschreiten und in einer Art Selbstoffenbarung eine alle Menschen umgreifende "Wahrheit" zu entwickeln. Diese Wahrheit ergab sich nicht nur aus der Befreiung von überkommenen Religionsvorschriften, die dem Menschen "Gottes Vollkommenheiten" erschloß, sondern schrieb auch Nathan sowie vor allem Saladin, dem fremdreligiösen Islamregenten, unislamische Eigenschaften zu. Denn in europäischer Vernunfttradition sollte dieser nun ebenso befähigt sein, die Fesseln traditioneller Religionsloyalitäten zu sprengen und sich in ungeteilter Toleranz sowohl dem Christentum als auch dem Judentum zuzuwenden, ein Sinneswandel, dem Geist, Tradition und Geschichte des Islam diametral entgegenstehen.



Eine solche Wahrnehmung, welche die menschliche Vernunft vom transzendenten Urgrund trennt und das gleiche Vorgehen dem euphorisch umgriffenen Fremden unterstellt, begreift das eigene Denken somit als universell gültige Kategorie, ohne die kulturelle Lebensmitte des Anderen zu berücksichtigen. Damit wird also gerade das zentrale Ziel der Aufklärung, das Eigen- und Andersartige des Fremden, von der modernen "Toleranz" nicht erreicht. In einer selbstreflexiven Bespiegelung läßt Lessing vielmehr den Nathan die drei Weltreligionen und -kulturen in einem einzigen, kühnen Bogen zusammenschmieden, ohne auch nur in Ansätzen ihre theologische und historische Verschiedenartigkeit anzudeuten. Gerade das Fehlen spielerisch-analytischer Schlaglichter, ansonsten ein integrales Qualitätsmerkmal der Kunst und in anderen Werken wie der "Minna von Barnhelm" und "Emilia Galotti" in reichlichem Maße vertreten, enthüllt Lessings Sicht des Saladin im "Nathan" als Musterbild aufklärerischer Toleranzideologie.



Wenngleich der historische Saladin in jungen Jahren eine gewisse religiöse Laxheit nachgesagt wurde, so schwenkte er nach seiner Machtübernahme in eine klare islamisch-traditionelle Haltung ein, die auf Basis eigener, intensiver hadith-Studien (Prophetentradition) unislamische Elemente unterdrückte und die konsequente Durchsetzung der shari'a, des islamischen Gottesgesetzes, verfolgte. Der kurdenstämmige Fürst der ägyptischen Ayyubiden, der vor allem durch seinen Kampf gegen die christlichen Kreuzfahrer bekannt wurde, kann umso weniger für eine besonders tolerante Haltung gegenüber den "Franken" in Anspruch genommen werden, als er gerade unter den kriegerischen Zwängen seiner Zeit zum Autor einer verschärften djihad-Doktrin (Heiliger Krieg) und Förderer einer stabilen Armee wurde, deren hohe Kosten die Staatsfinanzen zeitweilig in ernste Schwierigkeiten brachte.



In Lessings Prisma moderner Religionsautonomie hingegen kann Saladin alle Realitäten islamischer Herrschaft und Interessenwahrung sowie militärischer Gegnerschaft abstreifen und zum Sinnbild der Güte und des Ausgleichs werden. Dem islamischen Bild des glaubensgerechten Herrschers widerspricht diese Sicht allerdings vollständig, da in Anlehnung an die Allmacht Allahs, die Gutes und Böses ohne rationale Nachvollziehbarkeit hervorbringt, auch vom irdischen Machthaber Güte und Willkür in erratischer Abfolge erwartet werden kann, ohne daß dies seine Legitimation schwächt, solange er die Interessen des Islam wahrt. Diese Bedingung erfüllte Saladin in klassischer Weise mit einem Massenmord an christlichen Kreuzrittern bei der Rückeroberung Tiberias', der ihm - abgesehen von der zweifelhaften Behandlung von Gefangenen als Kriegshandlung - Lessings modernes Wunschdenken bestätigt und ein ebenso zweifelhaftes Licht auf die Faktenunterdrückung der heutigen Toleranzideologie wirft, die sich nach wie vor auf Lessing beruft.



In der unhistorischen Verzeichnung der Herrscherpersönlichkeit Saladins wurde die Ringparabel zur Prägeform moderner Realitätsverweigerung, die historische Fakten ausblendet oder umdeutet, um mit dem gleichen Nachdruck Toleranz für alles Fremde fordern zu können, wie sie diese für alles Eigene inkl. die Religion ablehnt.



Während Lessings Parabelidee die lateinische Übersetzung einer zeitgenössischen Propagandaschrift vorlag, können wir uns im vorliegenden Fall auf den nüchternen Bericht des Saladin-Sekretärs Imad ad-Din stützen, der für seine historisch korrekten Kreuzzugsberichte bekannt ist. Dabei wollte es die Ironie der Geschichte, daß es größtenteils Templer, geistige Teilvorfahren der Maurerbrüder Lessings waren, die hier einem grausamen, aus liberaler Sicht indessen nicht minder verdienten Schicksal zum Opfer fielen:



Montagmorgen, den 17. Rabi' II, zwei Tage nach dem Sieg, ließ der Sultan (Saladin) die gefangenen Templer und Hospitaliter suchen und sagte: "Ich will die Erde von den beiden unreinen Geschlechtern säubern." Er setzte 50 Dinar aus für jeden, der einen Gefangenen bringe, und sofort brachte das Heer sie zu Hunderten. Er befahl, sie zu enthaupten, denn er zog es vor, sie zu töten und sie nicht zu Sklaven zu machen. Eine ganze Schar Gelehrter und Sufis und eine gewisse Anzahl Frommer und Asketen befanden sich bei ihm; jeder bat, ob er nicht einen von ihnen umbringen dürfe, zog das Schwert und krempelte die Ärmel auf. Der Sultan saß mit frohem Gesicht dabei, während die Ungläubigen finster blickten... Es gab solche ... die laut lachten und mordeten; wieviel Lob ernteten sie, ewigen Lohn sicherten sie sich mit dem vergossenen Blut, wie viele fromme Werke vollbrachten sie mit den Hälsen, die sie durchhieben!... Wie viele Ungläubige töteten sie, um dem Islam Leben zu geben... wieviel Vielgötterei rissen sie nieder, um den Eingottglauben zu bauen ... (Bet.d.Verf.)



Was bereits in der Renaissance mit der humanistischen Erhöhung des „Wahren, Guten und Schönen" im Menschen begann und sich in der Reformation mit der Verselbständigung des Glaubens fortsetzte, hatte in der Vernunft der Aufklärung ein ideologisches Prisma gefunden, in dem sich nun der Verstand der Menschen in tausendfacher Varianz brechen und entfalten konnte.



Die historischen Fakten, die der Fremdtoleranz dabei häufig im Wege standen, konnten nicht nur, sondern mußten einer immer stringenteren, islamorientierten Moral weichen. Eine solche Wahrnehmung konnte weder in der Saladin-Interpretation des zeitgenössischen Vorzeigekonvertiten Murad Hofmann als "Gentleman-Krieger", noch in Saladins Damaszener Grabinschrift, derzufolge er Jerusalem "vom Schmutz der Ungläubigen" befreit hat, einen Widerspruch von nennenswerter Bedeutung entdecken.



Ein jüngerer Zeitgenosse des berühmten Philosophen Averroes, der aus Persien stammende Philosoph und Mystiker Abu Shihab as-Suhrawardi (gest. 1191), sollte in diesem Kontext ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Auch seine Erfahrung mit Saladin war nicht unbedingt von Toleranz im modernen Sinne gekennzeichnet. Sein Werk und Wirken, seine intellektuellen und spirituellen Fähigkeiten waren von so ungewöhnlicher Art und Ausstrahlung, daß er in kürzester Zeit zahlreiche Menschen - man nannte sie Jünger - um sich scharte und rasch auch politisches Aufsehen erregte.



Sein Hauptwerk, das "Buch der Erleuchtung" (kitab al-ishraq) - obwohl zur Besänftigung der islamischen Orthodoxie mit Koranzitaten verbrämt – war von so unkonventionell intellektuellem Geist, daß ihn schnell der Ruch der Ketzerei ereilte. Platonische Philosophie verband sich mit persischer Lichtmystik zu einem dynamischen Lehrsystem von hoher Attraktivität für die geistige Elite seiner Zeit, stand jedoch in gedanklicher und spiritueller Reife in krassem Gegensatz zur statischen Gedankenenge der islamischen Traditionsdogmatik. Das Universum des Suhrawardi bezog seine Dynamik aus verwobener Komplementarität von Licht und Finsternis, Geist und Materie, Seele und Leib, in deren Rahmen dem Menschen eine autonome, indes Gott verpflichtete Gestaltungskraft zugewiesen war.



Suhrawardis ungeheure charismatische Ausstrahlung, verbunden mit ans Übernatürliche grenzenden Fähigkeiten und Gaben, eine wachsende Anhängerschar mit rascher Tendenz zu überregionaler Ausbreitung, sogar beginnende Parallelen zum Leben und Wirken Christi, gezogen von den eigenen "Jüngern", ließen ihn in den Augen der Obrigkeit und der traditionellen Gelehrtenkreise zu einer konkreten Gefahr werden. Kein Geringerer als Saladin, der Exponent orientalischer Toleranz von Lessing bis zum zeitgenössischen Religionsdialog, gab die Anweisung zur Hinrichtung eines der brilliantesten Geister, die der Islam je hervorgebracht hat. Die Vernichtung des Genies Suhrawardis durch die Allmachtsvertreter des islamischen Zwangsglaubens besiegelte bereits wenige Jahre vor dem Tod des Averroes die Selbstbefreiung des Islam vom Geist schlechthin.



Von den wiederholten Schlägen des doktrinären Schriftglaubens gegen die Philosophie und ihre rationalen Denkalternativen hat sich das geistige Potential der islamischen Welt nicht mehr erholt. Schon die Jahrhunderte zuvor hatte der Islam eine ganze Reihe hervorragender Denker unterdrückt oder ganz einfach umgebracht, deren Verlust für den Islam und gleichzeitige Bedeutung für die westliche Wissenschaft kaum überschätzt werden kann. Umso absurder muß es wirken, wenn ihre Werke - von islamischen Eiferern verbrannt oder anderweitig vernichtet - von der westlichen Moderne als das "Vermächtnis des Islam" an das Abendland bezeichnet werden. Lessings verzeichneter Saladin liefert für den unbeirrbaren Positivfilter der Islamsicht des interkulturellen Dialogs eine ganz wesentliche, bis heute unverändert wirksame Prägeform.

carlo
03.04.2004, 23:02
Im Islam ist es gestattet,
die "Ungläubigen" zu täuschen, solange das Ziel oder auch nur die Absichtserklärung, sie letztendlich zum Islam zu bekehren, glaubhaft gemacht werden kann, genannt Al-Taqiya :


AL-TAQIYA...


The Muslim Method Of Conquest

By Professor Walid Phares

In the early years of the Tawheed (Islamic conquest of the Arabian peninsula) and in the Fatah (Arab-Islamic invasion and conquest of the upper Middle East and the outside world), a Muslim concept was devised to achieve success against the enemy, Al-Taqiya..

Al-Taqiya, from the verb Ittaqu, means linguistically dodge the threat. Politically it means simulate whatever status you need in order to win the war against the enemy..

According to Al-Taqiya, Muslims were granted the Shar'iya (legitimacy) to infiltrate the Dar el-Harb (war zone), infiltrate the enemy's cities and forums and plant the seeds of discord and sedition. These agents were acting on behalf of the Muslim authority at war, and therefore were not considered as lying or denouncing the tenants of Islam. They were "legitimate" mujahedeen, whose mission was to undermine the enemy's resistance and level of mobilization. One of their major objectives was to cause a split among the enemy's camp. In many instances, they convinced their targeted audiences that Jihad is not aimed at them, that indigenous people are not targeted, only Bysantium power. They convinced many Jews that they will be protected from Christians, called pagans, and they convinced many Christians that Jews were the mortal enemies, because they killed Issa (Jesus). They convinced the Aramaics, Copts, and Hebrews that the enemy is Greece, and signed peace agreements with the Bysantines Greeks at the expense of Maronite Aramaics, etc.

This Jihadic agency of subversion was one of the most fascinating and efficient arms of the conquest. In less them four decades the MIddle East fell to the Arab-Islamic rule, followed by north Africa and Central Asia.

Al-Taqiya was a formidable weapon, used by the first dynasties and strategists. Today, scholars may identify it as deception. But the Jihadic deception was and still is more powerful than the James Bondian methods of Western classical intelligence tactics, for the simple reason that it has a civilizational, global dimension versus the narrow state interest of the regular Western subversive methods.

Al-Taqiya is still in use today but not necessarily state-organized. One can easily detect Taqiya in the two discourses used by Islamist strategists. On the one hand, one comprehensive Islamist theory is attempting to mobilize Middle East, and sometimes Western Christia leaders and intellectuals, against "evil Jews." We see considerable success on that level. And on the other hand, another Islamist comprehensive theory is attemting -with success also- to mobilize the Jews against "evil and pagan Christians." One can easily detect the sophisticated work of Taqiya, for the strategic objective of Islamists is to destroy the foundations of the Judeo-Christian civilization, as a prelude to the defeat of an isolated Israel.

Taqiya is not a unique phenomenon in History, many strategists from all backgrounds implemented subversion. But the uniqueness of today's Taqiya is its success within advanced and sophisticated societies. Taqiya is winning massively because of the immense lack of knowledge among Western elites, both Jewish and Christian.

For interesting examples of Taqiya methods, visit Christian discussion groups and forums and note the discourse of Islamist visitors, aimed at undermining the Christian perception of Jews, and visit Jewish discussion groups and forums and note the subtle anti-Christian discourse of Islamists visitors. It is really informative and fascinating.

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Professor Walid Phares teaches in the Department of Religion, Florida International University.

carlo
03.04.2004, 23:29
Wie steht es mit der islamischen Rechtsordnung Sharia, die entgegen dem demokratisch inspiriertem Konzept der Gewaltenteilung wirkt, sondern vielmehr als maskulin-dominiertes und monotheistisch wirkendes "Rechtsorgan" agiert?


Sharia - islamisches Recht



Die Sharia, das islamische Recht beruht auf zwei Hauptquellen, dem Koran und der Sunna, aufgezeichneten Überlieferungen über das, was Mohammed in bestimmten Situationen gesagt, getan oder stillschweigend gebilligt hat. Nachdem die Koranverse und die Überlieferungen unterschiedliche Deutungen zuließen, gibt es als weitere Quellen den Analogieschluss, bei dem nach vergleichbaren Vorgängen Entscheidungen getroffen werden, und den Konsens, die "übereinstimmende Meinung aller gleichzeitig in einer Periode lebenden muslimischen Gelehrten."



Die Sharia umfasst auch das Familienrecht, das Strafrecht und die kultischen und ethischen Pflichten von Frauen und Männern. Wenn auch die religiösen und rechtlichen Normen für Frauen und Männer gleich gelten, so haben sich in der Praxis deutliche Benachteiligungen der Frauen ergeben, natürlich in den einzelnen Gesellschaften mit unterschiedlicher Ausprägung. Beispiel dafür ist, dass vor Gericht das Zeugnis der Frau nur halb soviel Gewicht hat wie das eines Mannes. Ferner ist die Scheidung für Frauen nur gerichtlich zu beantragen und kann nur dann durchgesetzt werden, wenn der Ehemann seine Unterhaltspflicht verletzt oder sie schlecht behandelt. Für den Ehemann genügt hingegen der Ausspruch einer Scheidungsformel. Der Koran erlaubt den Mann bis zu vier Ehefrauen - mit dem Hinweis auf eine gerechte Behandlung -, der Frau nur die Beziehung zu einem Mann.



Frauen sind in ihren vier Wänden gefangen - ohne Zustimmung oder Begleitung der Ehemänner oder nächsten männlichen Verwandten ist es ihnen nicht erlaubt, das Haus zu verlassen. Das führt bis zum Tod durch Verbrennen:


{ZITAT}


Saudi Arabien im März 2002

Nach Zeitungsberichten starben 14 Schülerinnen und wurden viele weitere Mädchen verletzt bei einem Brand in einer Schule in Mekka am 11.3.2002, nachdem die religiöse Polizei die Mädchen davor hinderte, vor dem Feuer zu fliehen und das Gebäude zu verlassen. Grund dafür war, dass sie keinen Schleier trugen und ihre männlichen Verwandten nicht auf sie warteten. Es wird auch berichtet, dass Retter die Schule nicht betreten durften, weil sie Männer waren und ihnen nicht erlaubt war, die Schulräume der Frauen zu betreten.


(Amnesty International am 15.3.2002 (www.amnesty.org))



{ZITATENDE}


Wenn dieser Bericht wahr ist, so ist er ein tragisches und unfassbares Beispiel von Menschenrechtsverletzung.

carlo
03.04.2004, 23:34
Etwas abschweifend, aber im Zusammenhang interessant:


Geldanlage nach der islamischen Sharia - Dow Jones Islamic Market Index


Neben den wachsenden rein islamischen Banken beteiligen sich auch westliche Kreditinstitute an dem Geschäft. Die Commerzbank International Capital Management verwaltet - als erstes deutsches Institut - den Al-Sukoor European Equity Fonds mit 30 Mio. Euro Anlagevolumen. Worms & Cie/SEDCO kümmert sich um Alfanar Europe und die American Express Bank um den Islamic Multi-Investment Fund. Islam-Fonds Online empfiehlt, 0,2 bis 0,3 Prozent der Fondsvermögen zu spenden, weil nie völlig ausgeschlossen werden könne, dass die Unternehmen im Fondsportfolio nicht doch Zinseinkünfte hätten.

Dow Jones berechnet Spezialindizes

Der Indexanbieter Dow Jones berechnet neben dem umfassenden Islamic Market Index sieben Subindizes, darunter den DJIM Technology Index und den DJ Islamic Market Europe Index .
Ein Aufsichtsrat islamischer Gelehrter wacht darüber, dass die in den Indizes berücksichtigten Aktien tatsächlich den Regeln der Sharia entsprechen. Mit dabei ist Scheich Dr. Mohammed A. Elgari, der Leiter des Zentrums für Wirtschaftsforschung an der König Abdulasis Universität von Saudi-Arabien.
Rein islamische Finanzinstitutionen sind bereits in mehr als 75 Staaten tätig. Nach einer ersten Blüte in Folge der Ölpreisschocks der 1970er Jahre bekamen sie dann mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Entstehung neuer muslimischer Staaten in Mittelasien sowie dem Börsenboom der 90er Jahre einen kräftigen Schub. Heute übersteigt ihr Vermögen laut islamicbanking-finance.com 230 Mrd. US-Dollar.
Die Zerstörung des World Trade Center löste auch in der islamischen Finanzwelt Entsetzen aus. "Die Täter müssen vor Gericht", fordert Hasnita Dato Hashim, Chef der IslamiQ Plc. Er rief über IslamiQStocks.com die Muslime zu der gemeinsamen Suche nach "den wahren Ursachen hinter solchen Taten" auf, damit sich "eine derartige Tragödie nicht wiederholen" könne.

carlo
03.04.2004, 23:41
Saudi 'torture' condemned by UN



Punishments - including executions - are carried out in public

http://news.bbc.co.uk/olmedia/690000/images/_693680_execution300.jpg



The United Nations Committee against Tortu has criticised Saudi Arabia over the amputations and floggings it carries out under Sharia Islamic law.

At a meeting in Geneva, the committee said such penalties violated international conventions against cruel and degrading treatment.

It recommended that the Saudi authorities re-examine their penal code.

The criticism was presented to Saudi delegates who immediately rejected it, saying Sharia law expressly forbade torture.

It is the first time Saudi Arabia has reported to the committee.

All signatories to the Geneva conventions are required to inform the committee about their records in upholding international laws on the treatment of prisoners.

Long-established practice

The BBC correspondent in Switzerland, Imogen Foulkes, says it is perhaps not surprising that Saudi Arabia came in for criticism, given its well-known policy of corporal punishment.

But the Saudi delegation in Geneva said it could not accept interference in its legal system, aspects of which have been practised in the region for more than 1,400 years, it said.

The committee dismissed Saudi protestations that Shari law expressly prohibited torture, pointing out that if this was the case it was not reflected in Saudi Arabia's domestic law.

The human rights group Amnesty International issued a major report on Saudi Arabia in 2000.

It said the kingdom was guilty of widespread human rights abuses, with the silent consent of western powers which are reliant on Saudi oil.

Amnesty said the criminal justice system facilitated torture - often to extract confessions and enforce discipline - while lack of judicial supervision, denial of access to relatives, doctors and lawyers leave prisoners extremely vulnerable to abuse.

carlo
03.04.2004, 23:46
Das Gesetz der Steine


Die schwangere Nigerianerin, die wegen »unehelichen Geschlechtsverkehrs« gesteinigt werden sollte, wurde vorerst freigesprochen.
von alex veit



Können sich religiöse Gruppen selbst diskriminieren? »Ein Muslim sollte für die gleiche Straftat nicht einer härteren Bestrafung ausgesetzt sein als andere Nigerianer. Gleichheit vor dem Gesetz heißt, dass Muslime nicht diskriminiert werden sollten«, schrieb der nigerianische Justizminister und Generalstaatsanwalt Kanu Godwin Agabi vorige Woche in einem Brief an die Gouverneure mehrerer nigerianischer Bundesstaaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung.

Die Antwort kam prompt. Muslime werden, sagte Ahmed Sani, Gouverneur des Bundesstaates Zamfara der BBC, keineswegs durch die Androhung der Todesstrafe für Vergehen diskriminiert, die für andersgläubige Nigerianer nicht existieren. Dem Justizminister mangele es an religiöser Toleranz. »Wir sollten uns gegenseitig erlauben, unsere Religion zu praktizieren. Der Islam ist ein Glaube, und nur die Gläubigen können entscheiden, ob etwas falsch oder richtig ist.« Die Einführung der islamischen Sharia widerspreche dem nigerianischen Recht nicht, vielmehr sei sie ein Ausdruck der in der Verfassung garantierten Religionsfreiheit. Im übrigen reagiere der Justizminister offenbar nur auf internationale Proteste aus nicht muslimischen Ländern gegen die Verurteilung von Safiya Husseini. Deren Einmischung aber sei unangebracht.

Die 35jährige Safiya Husseini wurde im vergangenen Oktober von einem lokalen Sharia-Gericht wegen »unehelichen Geschlechtsverkehrs« zum Tod durch Steinigung verurteilt. Im ersten Verfahren gab die geschiedene Frau an, vergewaltigt worden zu sein, und verlangte von dem Beschuldigten Unterhaltszahlungen für ihr Kind. Dieser gestand zwar drei Polizisten die Tat, doch das Gericht verlangte entsprechend den Bestimmungen der Sharia vier übereinstimmende Zeugenaussagen und sprach ihn frei. Das Sharia-Gericht im Bundesstaat Sokoto befand Husseini wegen ihrer Schwangerschaft für schuldig.

Husseini erklärte im Berufungsverfahren, von ihrem geschiedenen Mann schwanger geworden zu sein, was nach der Sharia legal wäre. In der vergangenen Woche verhandelte ein Berufungsgericht den Fall. Der Anwalt der Frau argumentierte, dass die Sharia nicht angewendet werden könne, da der Zeitpunkt der Zeugung vor der Einführung des islamischen Rechts in Sokoto gelegen habe. Rückwirkend könne aber kein Gesetz angewendet werden. Die Richter befanden, über diesen Sachverhalt nachdenken zu müssen. Am Montag sprachen sie Husseini frei.

Das Verfahren hatte nationale und internationale Proteste von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, Regierungen sowie der Europäischen Union ausgelöst. Der spanische Außenminister Josep Pique sagte, dass die EU »so viel diplomatischen und politischen Druck wie möglich ausüben wird, um diesen Akt extremer Grausamkeit, der absolut abstoßend und absolut inakzeptabel ist, zu verhindern«.

Die auf diese Art gebündelte - und angesichts der Verhältnisse in Nigeria wundersam plötzliche - Kritik meinte Justizminister Agabi, als er in der vergangenen Woche sagte, er erhalte täglich Hunderte von Protestbriefen. Der erwähnte Brief des Ministers an die muslimischen Gouverneure, in dem er Teile der Sharia als verfassungswidrig bezeichnet, ist der bislang schärfste Einspruch der Zentralregierung unter Präsident Olusegun Obasanjo gegen die Einführung des islamischen Rechts. Bislang hatte Obasanjo davon gesprochen, die Rechtsfrage sei politischer und weniger religiöser Natur, aber von konkreten Maßnahmen abgesehen.

Die Auseinandersetzung um die Sharia ist ein Mittel zur Politisierung religiös-ethnischer Identitäten geworden. Muslimische Politiker aus den Provinzen verwahren sich dabei gegen die Einmischung von Andersgläubigen in ihre Angelegenheiten. Eine offizielle Begründung für die Einführung des islamischen Rechts war neben der religiösen Dimension vor allem der weitgehende Zusammenbruch des nigerianischen Rechtssystems in den Jahren der Militärdiktatur. Die Polizeikräfte sind schlecht ausgerüstet und wegen ihres niedrigen und zudem unregelmäßig ausgezahlten Lohns anfällig für Korruption.

Angesichts der steigenden Kriminalität kam es in verschiedenen Landesteilen zur Bildung von Bürgerwehren, die das Recht in den Stadtvierteln selbst in die Hand nahmen. Nach anfänglicher Unterstützung durch die Bevölkerung entwickelten sich viele dieser bewaffneten und vom Staat verbotenen Gruppen selbst zu kriminellen Netzwerken. In vielen der bewaffneten Auseinandersetzungen der letzten zwei Jahre spielten die Bürgerwehren ein wichtige Rolle. Inzwischen ist in mehrere Bundesstaaten die Armee eingerückt, um die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Seitdem übernimmt sie vielerorts polizeiliche Aufgaben, geriet jedoch nach einem Massaker an der Zivilbevölkerung Ende vergangenen Jahres selbst in den Verdacht, Spannungen zu schüren.

In dieser Situation stieß die Einführung des harten Strafrechts der Sharia im Norden des Landes auf keinen hörbaren Widerspruch von Muslimen. Doch inzwischen sprechen auch Medien in den muslimischen Bundesstaaten davon, dass die Verhängung körperlicher Strafen über einfache Diebe und »ehebrecherische« Frauen im eklatanten Widerspruch zur allgemeinen Straffreiheit für Politiker und Geschäftsleute steht. Der muslimischen Elite wird vorgeworfen, fragwürdige religiöse Dogmen zum Erhalt ihrer Privilegien in ihren selbst im nigerianischen Vergleich armen Provinzen zu benutzen.

Seitdem Olusegun Obasanjo 1999 nach 14 Jahren Militärdiktatur zum Präsidenten gewählt wurde, haben sich die Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen so verschärft, dass einzelne Beobachter von einem Bürgerkrieg sprechen. Tatsächlich wurden während Obasanjos Amtszeit schätzungsweise 10 000 Menschen bei bewaffneten Zusammenstößen getötet. Die politischen Eliten, die diese Auseinandersetzungen anheizen, verteilen sich dabei auf die verschiedenen Regionen des Landes. Obasanjo selbst kommt aus dem mehrheitlich christlichen Südwesten, wurde aber bei seiner Wahl von einer Koalition des hauptsächlich muslimischen Militärestablishments unterstützt.

Doch diese Koalition ist längst zerbrochen, und schon jetzt bereitet sich das Land auf die Wahlen im Jahr 2003 vor, von deren Verlauf wohl das Überleben der parlamentarischen Demokratie abhängt. Während eines Treffens der wichtigsten politischen Gruppen im Februar beklagte Obasanjo, dass einige Politiker die Gewalt förderten. »Wir alle haben die Pflicht, den Wahlprozess vor dem zerstörerischen Einfluss der Gewalt zu schützen, da sonst das gesamte demokratische System wankt und schließlich kollabieren wird.« Doch seine Kritiker beklagen, dass auch er selbst nicht unschuldig an gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb seiner Partei PDP sei, die gespalten ist in Anhänger und Gegner des Präsidenten.

Den Hintergrund der Machtkämpfe bildet die ökonomische Situation des Landes. Da Landwirtschaft und Industrieproduktion seit Jahren stagnieren, stammen die wesentlichen Einnahmen des Landes aus der Öl- und Gasförderung, die von der Regierung zusammen mit westlichen Konzernen kontrolliert wird. »Die nigerianische Politik ist heute an einem Scheideweg. Entweder entwickelt sie sich in Richtung einer populäreren Demokratie oder zu einem Mafia-Konglomerat«, urteilte der Sozialwissenschaftler und frühere Minister Uche Chukwumerije in einem Interview mit der oppositionellen Tageszeitung Vanguard.

Obasanjo selbst hat seine erneute Kandidatur zwar noch nicht bestätigt, doch scheint er sich auf den Wahlkampf vorzubereiten. Anfang März beendete er Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über ein Strukturanpassungsprogramm. Der IWF hatte zuvor das Defizit des noch immer im Parlament verhandelten Staatsbudgets für das Jahr 2002 beklagt. Auf dem Uno-Entwicklungsgipfel in Mexiko übte Obasanjo wegen der schleppenden Entschuldung der so genannten Dritten Welt außerdem starke Kritik am IWF und an der Weltbank. Nun soll ein inländisches Sparprogramm entwickelt werden, das den »politischen, ökonomischen und sozialen Realitäten« Nigerias entspricht.

Dieser riskante Schritt, der zur Aberkennung der Kreditwürdigkeit des Landes durch den IWF führen kann, soll Obasanjo wohl die Möglichkeit geben, freier über die Verteilung staatlicher Mittel an seine Unterstützer zu bestimmen. Die Ankündigung eines internationalen Konsortiums unter Führung des britischen Shell-Konzerns in der vorigen Woche, über sieben Milliarden US-Dollar in die Öl- und Gasförderung in Nigeria zu investieren, kommt ihm wahrscheinlich wie gerufen.


http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2002/14/20a.htm

carlo
04.04.2004, 00:06
Ein sehr interessantes statement:



Demokratie und Demokratie


Ein Plädoyer gegen Vorurteile



Sind Islam und Demokratie miteinander vereinbar? Wer formuliert das Sharia-Recht der Muslime Allah oder die Menschen? Mit solchen Fragen setzt sich Y. H. Bajwa auseinander, rüttelt an Vorurteilen und deckt Widersprüche auf.



Huntington spricht vom Zusammenprall der Zivilisationen in erster Linie zwischen dem Westen mit ihren Verbündeten und dem Islam. Dabei vergisst er, dass unterdessen Millionen von Muslimen im Westen leben, ohne dass sie dabei zu Terroristen werden. In der Schweiz leben über 250 000 Muslime so viele Gefängniszellen stehen nicht einmal zur Verfügung! Man darf annehmen, dass die Muslime sich durchaus den demokratischen Verhältnissen angepasst haben aber der Zweifel bleibt natürlich, selbst wenn sie eingebürgert sind, die Steuern zahlen und ins Militär gehen.



Islam schließt Demokratie aus – ein Vorurteil



Im Westen geht man davon aus, dass sich Demokratie und Islam ausschließen. Somit kann ein islamischer Staat nicht demokratisch sein und ein Muslim wohl auch nicht ein Demokrat. Ein weit herumgereichtes Zitat aus dem Jahre 1992 von Amos Perlmutter, einer wichtigen Figur bei der Ausarbeitung der US-Außenpolitik, lautet: „Ist Islam fundamentalistisch oder in einer anderen Form mit dem liberalen, menschenrechtsorientierten, westlichen Stil der repräsentativen Demokratie kompatibel? Die Antwort ist ein klares Nein“ (International Herald Tribune, Paris, 21.1.92). Dürfte man dieser Aussage glauben, dann gäbe es weder mich (den Autor), noch viele andere, die sich sehr wohl als Muslime und Demokraten betrachten. Somit stimmt irgendwas bei Perlmutters Aussage nicht, vielleicht gerade deshalb, weil sie zu einfach ist. Wer das Zitat liest, wird in seinen Ängsten und Vorurteilen bestätigt; ein Prozess, der einfacher ist, als sich mit einer äußerst komplexen Materie auseinander zu setzen. Bei der obigen Aussage geht man davon aus, dass es nur einen Islam gibt dabei gibt es wie im Christentum Aufsplitterung in die verschiedensten Denkschulen. Sunniten und Schiiten, das erste Schisma im Islam nach dem Tod des Propheten Muhammad (saw), interpretieren den Islam verschieden. Die Sunniten wiederum unterteilen sich in mindestens 73 Untergruppen alle interpretieren den Islam ein bisschen anders. Somit ist die obige Aussage eine fahrlässig, grobe Verallgemeinerung.



Schlechte Erfahrungen mit der Demokratie des Westens



Im Westen ist man zu Recht auf die Demokratie stolz, das Ergebnis eines langen politischen Prozesses. Vergessen wir aber nicht, dass es auch ein blutiger Weg war. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde ganz Europa von Religionskriegen verwüstet. In der Schweiz führte der Zwiespalt zwischen den Katholiken und den Protestanten zu den Kappelerkriegen (1529-1531) und später zu den Villmergerkriegen (1656-1712). Im Augsburger Religionsfrieden wurden 1555 Katholizismus und Protestantismus als gleichwertige Konfessionen anerkannt. Die Fürsten bestimmten nach dem Motto „cuius regio, eius religio“ (wess die Macht, dess die Religion), welche Religion in ihren Gebieten den Vorrang haben sollte. Erst aus diesen Kriegen entstand ein Selbstbewusstsein der Bürger und Bauern. Später, nach den Bauernkriegen, wurde die Stellung des Staates gestärkt und die Kirche begann sich allmählich diesem unterzuordnen. Mit der französischen Revolution trennte sich dann der Staat endgültig von der Kirche.



Die demokratischen Errungenschaften waren und sind zum Teil auch heute noch nur für den Westen bestimmt, so die Meinung einiger Muslime. Im 19. Jahrhundert haben Staaten wie England, Frankreich, Spanien oder Italien Länder mit muslimischer Bevölkerung erobert und sie zu Untertanen gemacht; diese haben die Demokratie auf eine andere Weise kennengelernt als „Liberté, Egalité, Fraternité“. England eroberte große Teile des osmanischen Reiches. Die Araber wurden in diesen Kampf einbezogen mit dem Versprechen, dass sie die Unabhängigkeit oder mehr Rechte bekämen - diese wurden ihnen aber später verweigert. Kein Wunder also, dass diese Menschen, die ihr Land verloren hatten, nun auch noch ihre Religion und Kultur in Gefahr sahen - waren doch die Osmanen Muslime wie die meisten Araber. Der folgende Befreiungskrieg gegen die Briten war weniger gegen die Demokratie, als vielmehr gegen die Macht gerichtet, die die arabischen Völker unterdrückte, ausbluten ließ und ausbeutete. Die erste Erfahrung mit demokratischen Staaten war für die meisten muslimischen Länder negativ, die sich im Verlaufe der Geschichte ebenfalls, und zum Teil mit Waffengewalt, für ihre Unabhängigkeit einsetzten.



Das Sharia-Recht der Muslime



Es gibt Muslime, die wie Amos Perlmutter davon ausgehen, dass Demokratie und Islam unmöglich kompatibel sind. Wichtigstes Argument für die Muslime ist dabei, dass in der Demokratie Menschen die Gesetze machen, während im Islam Allah Gesetze vorgegeben hat. Betrachtet man den Koran, das heilige Buch der Muslime, so befassen sich nur gerade 600 der 6000 Koranverse mit der Verantwortung eines Muslimen; dabei geht es in erster Linie um religiöse Verpflichtungen wie das Ritualgebet, Fasten oder die Pilgerfahrt. Gemäß Maliese Ruthven, Professorin für vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Aberdeen, setzen sich nur gerade 80 Koranverse direkt mit Rechtsfragen auseinander, die meisten davon zu Themen wie Ehe- und Erbrecht. Ruthven verweist mit Recht darauf, dass der Koran somit nicht bis ins kleinste Detail das Leben eines Muslimen vorschreibt, wie immer wieder behauptet wird. In der islamischen Gesellschaft spielen die fünf Rechtsschulen (fiqh ) eine wesentliche Rolle bei der Ausformulierung eines Gesetzes und dessen Anwendung. Diese Gesetze bilden die Sharia, die islamische Gesetzgebung. Neue Gesetze werden eingeführt, indem sie mit den alten Gesetzen verglichen oder indem logische Folgerungen geschlossen werden. Es sind somit Menschen, die die Gesetze machen, auch wenn sie sich den Koran als Vorbild nehmen.



Als in Pakistan die Islamisten unter Zulfikar Bhutto und später verstärkt unter dem Diktator Zia ul Haq in den Achtzigerjahren an die Macht kamen, forderten sie, dass die 1947 von den Briten übernommenen Gesetze islamisiert werden sollten. Dazu wurde ein islamischer Ideologierat einberufen, der abklären sollte, ob die einzelnen Gesetze islamkonform seien. Interessant ist, dass die meisten Gesetze nicht im Widerspruch zum Islam standen und daher beibehalten wurden. Die Mullahs (Islamgelehrten) forderten Zia auf, Sharia-Gerichte einzuführen. Nun gab es aber ein Problem: Welche Interpretation der Sharia soll gelten? Die der Sunniten oder Schiiten? Diese wiederum waren sich auch untereinander nicht klar, wer nun Recht habe. Ein Unterfangen, das dazu führte, dass niemand gewillt war, sich dem Sharia-Gericht zu unterwerfen, man zog das weltliche, aber durchaus islamkonforme, Gericht vor.


Parallelen zwischen Demokratie und Islam



Betrachtet man die islamische Welt, dann sind in einigen Ländern Formen von Demokratie entstanden, in denen sogar Frauen zum Staatsoberhaupt gewählt wurden: In Pakistan Benazir Bhutto (zur gleichen Zeit erhielt die Schweiz ihre erste Bundesrätin, Elisabeth Kopp), die jeweils wegen Korruption abgesetzt wurden, oder in Bangladesch Sheikha Hasina. Auch in einem säkularen Land mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit wie der Türkei stand mit Ciller eine Frau an der Spitze. Den wenigsten wird bekannt sein, dass in Senegal, einem zu 97 Prozent aus Muslimen bestehenden Staat, die Wähler Leopold Sengor, ein Mitglied der katholischen Minderheit, zum Präsidenten wählten! Etwas Vergleichbares ist in den europäischen Demokratien kaum anzutreffen. Demokratie wird von vielen Islamgelehrten sogar als die einzige wirklich islamische Staatsform genannt.



„Versteht man unter Demokratie die Herrschaft der Mehrheitsmeinung, dann ist Islam demokratisch“, meinte Moniruzzaman an der letztjährigen Islam-Konferenz der Universität Georgetown in Washington. Einige Denker in islamischen Staaten verweisen auf die Tatsache, dass im Islam die Schura einberufen wird und dass der gewählte Amir (heute würde man diesen Ausdruck mit Präsident übersetzen) deren Meinung einholen muss. Die Schuramitglieder werden frei gewählt und sind so mit einem Parlament vergleichbar. In Saudi Arabien werden diese Mitglieder durch den König bestimmt somit pervertiert die Schura zu einem Marionettentheater! Der Amir und auch die Schuramitglieder müssen gewählt werden, dabei sollen Rasse, Familienzugehörigkeit oder Sozialstatus keine Rolle spielen. Gemäß Allah sollen die Gerechtesten für diese Ämter gewählt werden.



… und Widersprüche



Nimmt man Saudi Arabien als Beispiel, das von fast allen muslimischen Ländern wegen seiner rückständigen Islaminterpretation abgelehnt, aber wegen den Petrodollars geehrt wird, dann muss man sich die Frage stellen, weshalb die USA in Saudi-Arabien den wichtigsten Verbündeten nach Israel sehen. Hier zeigt sich das widersprüchliche Demokrativerständnis der USA und von Europa. Im Westen unterstützt man Regime, die uns nützen, auch wenn sie undemokratisch sind. Falls dies Demokratie ist, dann wird es Zeit, dass man sich ernsthaft über diesen Begriff Gedanken macht.



Erstveröffentlichung: „;FriZ“ Nr.1/2002, Schweiz



Yahya Hassan Bajwa

carlo
04.04.2004, 00:10
Wenn Muslime zum christlichen Glauben konvertieren möchten:

http://www.lausannerbewegung.de/index.php?p=25

:rolleyes:

carlo
04.04.2004, 13:04
Islamismus als Ideologie


1 Was ist Islamismus?
"Islamischer Fundamentalismus", "politischer Islam", "Islamismus" - vielfältig sind die Begriffe, mit denen versucht wird, das Phänomen der Politisierung von Religion und Sakralisierung von Politik in der islamischen Welt zu beschreiben. Westliche Beobachter fassen darunter zumeist eine "unbestimmte Negation der Grundlagen von Aufklärung und Modernisierung". Dies greift jedoch oft zu kurz. Im folgenden werde ich deshalb einige grundlegende Begriffe genauer abgrenzen.


1.1 Islam als Religion
Die unklaren Abgrenzungen und die Vielzahl der Definitionen geben dem Betrachter eine undeutliche Kontur des Phänomens, welches ich im folgenden "Islamismus" nennen werde. Die genannten Begriffe machen bereits deutlich, dass es hier, gewollt oder ungewollt, zu einer Vermischung von religiösen und ideologischen Komponenten kommt. Auch in innerislamischen Diskursen bekommt die Verschiebung von Begriffen aus dem religiösen in den politischen Bereich eine große Bedeutung. Um so wichtiger ist es deshalb für die vorliegende Arbeit, die Bereiche Religion und Politik voneinander abzugrenzen. Auch um zu klären, was unter "Islamismus" zu fassen ist, sind zuerst Begriffsbestimmungen von "Religion", "Islam" und "Ideologie" nötig.
Eine Unterscheidung in sakral oder säkular ist vor allem eine Frage des Selbstverständnisses der Akteure. So lassen sich nach Andreas Meier unter "Religion" diejenigen persönlichen und kollektiven Lebensäußerungen der Menschen zusammenfassen,
"..., die durch symbolische Bearbeitung von Wirklichkeit der Sinnstiftung und Wertorientierung von Individuen, Gruppen und Gesellschaften dienen und sich durch raumzeitliche Tradierung über die existenzielle Dimension des Individuums hinaus als kulturelle und gesellschaftliche Systeme bzw. Teilsysteme manifestieren."
Analog hierzu ist dann auch der Islam als Weltreligion kein statisches, von Ort und Zeit unabhängiges System. "Islam" ist, wie es Gudrun Krämer formuliert, vielmehr das, was Muslime an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit als islamisch definieren und praktizieren. Darüber hinaus ist der Islam ein Netzwerk sozialer Beziehungen,
"das über Kommunikation und symbolische Systeme vermittelt wird und über dessen Inhalt mehr oder weniger ein Konsens besteht"
Unter einem islamischen Diskurs sind hier all die Medien, Institutionen, sprachlichen Äußerungen und Symbole zu verstehen, für welche bewusst ein Vokabular und ein Zeichensystem benutzt werden, die Begriffe der islamischen Tradition transportieren. Manche Autoren, wie z.b. Schulze, ist deshalb der Überzeugung, dass
"der islamische Diskurs ... so in erster Linie eine äußere Form (ist) und ... keinesfalls über einen besonderen Inhalt (verfügt)."


1.2 Islamismus als Ideologie
Enttäuschungen aufzufangen, ist nach Niklas Luhmann eine der Hauptfunktionen von Religion. Diese Funktionen erfüllt Religion auch in der arabischen Welt. Solange jedoch Religion Enttäuschungen nur auffängt, bleiben wir im Bereich der Volksreligiosität. Wenn, wie es Bishara formuliert, "die politische Religiosität zur Offensive übergeht", wenn also ein religiöser Diskurs zur Vermittlung politischer Inhalte benutzt wird und dabei, wie es durch den Islamismus geschieht, die Machtfrage gestellt wird, dann bedienen sich die Akteure nicht mehr einer Religion, sondern politischer Ideologien, also
"... weltanschaulicher Systeme, die politische Prozesse und Handlungen interpretieren, mobilisieren und integrieren."
Schon die Auffassung, dass sich Religionen verändern, ist an sich bereits eine Häresie, denn keine der Weltreligionen sieht ihr Anliegen als vorübergehend und ihre Wahrheiten als vergänglich an. Aber Tatsache ist, und die meisten Gläubigen aller Religionen spüren es: Religionen verändern sich. Dies ist ein Widerspruch, der, wenn schon keiner Lösung, so doch zumindest einer Erklärung bedarf.
Aus säkularer Sicht besteht die Lösung dieses Widerspruchs darin, daß Religion nicht das Heilige, noch nicht einmal die Manifestation des Heiligen in der Welt, sondern eine Vorstellung davon ist. Gläubige Menschen benutzen Bilder, die sie als Abbilder wie auch als Richtlinien ansehen. Welche Bilder dies sind, hängt von Raum und Zeit ab.
Aus nicht-säkularer Sicht lag die Lösung lange Zeit in der radikalen Trennung von Religiösem und dem Sich-beschäftigen-mit-der-Natur, in einem Rückzug aus den modernen Entwicklungen. Damit verbunden war eine Hinwendung zum Skripturalismus, d.h. für Muslime die Hinwendung zum Islam der Schrift, zu Koran und Hadith und zu den verschiedenen Standardkommentaren als den einzig gültigen Grundlagen religiöser Autorität. Dieser Skripturalismus ist eine Grundlage für die "Ideologisierung von Religion".
Ins Spannungsfeld beider Konzeptionen gerät die Organisation zwischenmenschlicher Beziehungen und in der Mischung von Religion und Politik wird das Recht und seine Interpretation zur Machtfrage. Aus der allgemein gehaltenen Losung "al-'islam huwa al-hal" entwickelt sich als Konkretisierung die Forderung nach "vollständiger Einführung der Shari'a".
So handelt es sich bei diesem Phänomen einer scheinbar "politischen Religion" gerade nicht um eine Religion, sondern um eine Ideologie. Deshalb sind islamistische Bewegungen, anders als von ihren Parteigängern behauptet, keine religiösen, sondern politisch motivierte und agierende aber sich religiös artikulierende Bewegungen.
Abgegrenzt werden muss diese Ideologie, der Islamismus, vom Phänomen der zunehmenden gesellschaftlichen Bezugnahme auf den Islam,
"der allgemeinen Tendenz von Institutionen und Individuen, sich in allen Lebensbereichen -öffentlichen wie privaten- auf den Islam als Legitimitäts- und Sinnstifter zu berufen".
Oberflächliche Zeichen hierfür sind die starke Zunahme äußerer Symbole islamischer Pietät wie das Tragen des Hijab der eines auf bestimmte Weise geschnittenen Vollbartes oder eine genauere und weiter verbreitete Einhaltung der Fasten-Vorschriften im Monat Ramadan. Diese Entwicklung fällt zusammen mit der als Versagen der nationalen Regime empfunden wirtschaftlichen und politischen Krise.
Die hier geschilderte "Ideologie des politischen Islam" werde ich im folgenden als Islamismus bezeichnen, wobei dieser Begriff alle seine Erscheinungsformen ohne weitere Differenzierung bezeichnet.


2. Europäische Rezeptionen des Islamismus
Sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch in den Medien lassen sich die Darstellung des Islamismus nach zwei Konzepten unterscheiden: Islamismus als Bezugnahme auf vor-moderne, antimoderne Konzepte und Islamismus als eine Bewegung, die "dem widersprüchlichen Charakter der Moderne selbst zugeordnet werden" muss.


2.1 Islamismus als Restauration
In der ersteren Betrachtungsweise dominiert das dem Islamismus innewohnende Element der restaurativen Krisenbewältigung. Als "hilfloser Versuch, das Unübersichtliche wieder übersichtlich zu machen" werde durch den Islamismus eine retrospektive Utopie aufgebaut. Ein Vertreter dieser These ist auch Bassam Tibi, welcher den Islamismus nicht nur als die "Anti-Aufklärung" bezeichnet, die sich die Entwestlichung der Welt zum Ziel gesetzt hätte, sondern den Islamismus auch als Folge einer Identitätskrise der islamischen Welt sieht:
"In Wirklichkeit handelt es sich um defensive, die eigene Angst und Unterlegenheit durch Aggressivität kompensierende Handlungen der Angehörigen einer Kultur, die sich seit ihrer gewaltsamen Einbettung in die globale, europäisch geprägte Weltordnung in einer Krise befindet."
Ein muslimischer Kritiker des Islamismus, der Palästinenser Azmi Bishara verwirft eine solche Sichtweise jedoch und sieht Tibis Positionen als Folge seines
"Hass[es] auf die eigene kulturelle Identität und des damit verbundenen, übersteigerten Bedürfnis, im hegemonialen akademischen Diskurs im Westen akzeptiert zu werden."
Der von Vertretern dieses Konzeptes häufig verwendete Begriff des Fundamentalismus wird von mir u.a. wegen seiner Ableitung aus dem Protestantismus abgelehnt.


2.2 Islamismus als Teil der Moderne
Andere Untersuchungen über den Islamismus sehen ihn als eine Bewegung, welche
"nicht gegen die Moderne an sich auftritt, sondern gegen die westliche Auffassung von Moderne und die Beherrschung der Moderne durch den Westen."
Der Islamismus wird hier also nicht nur als Reaktion auf die Moderne gesehen, sondern als Phänomen, das selbst modern, selbst Teil der Moderne ist. Diese These wird von den meisten muslimischen Kritikern des Islamismus vertreten. Gerade die Realität in vielen Städten der islamischen Welt zeige, dass der Islamismus eine traditionslose Bewegung sei, die von Frustration über die Gegenwart und sozialen Hoffnungen profitiere. So wird von dem 1992 ermordeten Kritiker des Islamismus Farag Fuda darauf hingewiesen, dass es einen
"Zusammenhang zwischen ihrem Auftreten als organisierte religiös-politische Kräfte und der wirtschaftlichen Misere der städtischen Massen"
gebe. Auch bezeichnete er die größte Organisation des ägyptischen Islamismus, die Muslimbruderschaft, mit Blick auf den sozialen Hintergrund ihrer Funktionsträger als die islamische Strömung des Reichtums.


3. Selbstbezeichnungen: Aufwertung und Abgrenzung
Nicht nur die islamistischen Bewegungen unterscheiden sich von Land zu Land, auch das Selbstverständnis und die Eigenbezeichnungen differieren. Ein neutraler Begriff, welcher sich am weitesten durchgesetzt zu haben scheint, ist "Islamische Tendenz" oder "Strömung des politischen Islam" (tayyar al-'islam as-siyasi). In der ägyptischen Debatte wird häufig der Begriff 'islamiyun verwendet, um Anhänger dieser "islamischen Strömung" zu bezeichnen. Dies hebt sie in gewisser Weise von anderen muslimischen Gläubigen (muslimun) ab und vermittelt das Bild einer dem Islam enger verbundenen Elite. Nicht zuletzt wird hierdurch auch der Gegensatz zu den Säkularisten bzw. "Weltlichen" ('almaniyun) verdeutlicht. Ein Gegensatzpaar Religion-Welt wird so erzeugt und das wirksame Symbolsystem des Islam kann zur politischen Mobilisierung genutzt werden. Auch der ägyptische Islamist Muhammad 'Amara beschreibt sich als Teil einer "kämpferischen Vorhut" für die Wiederherstellung "islamischer Maßstäbe", welche die Denkvorstellungen der übrigen Muslime bestimmen sollen. Säkularisten sind für ihn nur eine Imitation des Westens und ihre Auffassungen sind ein Angriff auf den Islam. Für besonders verwerflich hält er dabei, dass das Diesseits zum alleinigen Ausgangspunkt für das Denken und Handeln erklärt werde.
Der Begriff 'almaniyun wird von den so Bezeichneten selbst nur noch selten verwendet. Mit zunehmender Dominanz des islamistischen Diskurses wird er häufig mit dem Vorwurf des Atheismus gleichgesetzt. Der Argumentation innerislamische Kritiker des Islamismus soll so die Glaubwürdigkeit entzogen werden, indem sie zu Ungläubigen erklärt werden. Der eigenen Position, gemeinhin als die "islamische Position" bezeichnet, wird so ein Bündnis von "Ungläubigen" gegenübergestellt: Der ungläubige Westen, die ungläubigen Säkularisten, die ungläubige Regierung.


4. Stärke und politische Attraktivität der Islamisten
Mehrere Faktoren förderten in den letzten Jahrzehnten das Erstarken der islamistischen Bewegungen. Gesellschaftliche Umbrüche und eine Änderung der wirtschaftlichen Situation nach der Niederlage 1967 gegen Israel erschütterten die Ideologie des arabischen Nationalismus und schufen ein Klima sozialer Unsicherheit. Einerseits wuchs das ökonomische Gewicht der Golfstaaten, andererseits kam es, z.B. in Ägypten, zu einem
"Legitimitätsverlust der herrschenden Eliten, denen es nicht gelang, die sozialen und politischen Konflikte zu lösen und sich unter den Bedingungen ausländischer Einflussnahme und raschen gesellschaftlichen Wandels neu zu legitimieren."
Dass der Westen auf technologischer, militärischer und ökonomischer Ebene als überlegen erlebt wurde, verstärkte die Suche nach Authentizität ('asala) und förderte die Wiederentdeckung der eigenen (arabisch-) islamischen Identität.
Neben erfolglosen und verunsicherten Nationalisten oder Sozialisten ohne Massenbasis einerseits und unorganisierten Liberalen andererseits erschienen die Islamisten oftmals als einzige Alternative zu den herrschenden Eliten. Sie übernahmen die Funktionen einer Opposition und sind deshalb primäres Ziel staatlicher Repression. Auch schafften sie es durch eine gute Infrastruktur, eine volksnahe Sprache, die Verwendung der bekannten und respektierten islamischen Symbolik sowie durch ein einfaches und undifferenziertes politisches Angebot Bevölkerungsgruppen dauerhaft an sich zu binden und die Bildung "alternativer Eliten" zu fördern.
Keine politische Bewegung in der arabischen Welt verfügt über eine auch nur annähernd so hohe Fähigkeit zu breiter Mobilisierung wie die diversen islamistischen Gruppen. Anders als es die durch Medien vermittelte Wahrnehmung islamisch geprägter Gesellschaften, die von einer gewissen Schematisierung lebt, vermuten lässt, verdanken die Islamisten dies nicht den radikalsten oder militantesten Ausprägungen der islamistischen Bewegung. Ihr Rückgrat bildet, basierend auf einer Alltagsreligiosität, ein islamischer Konservativismus, welcher nicht auf einen politischen Fortschritt hin orientiert ist und welcher sich durch den Respekt vor traditionellen Autoritäten und eine allgemeine antiliberale Haltung definiert. Parallel dazu werden nationalistische Empfindungen der Bevölkerung angesprochen. Beispiele hierfür sind nicht nur die islamistischen Bewegungen im Libanon und Palästina, Hamas und Hizb Allah. Ihr Charakter wird mit durch den Zustand der Besatzung geprägt, wodurch sie sich als nationale Befreiungsbewegungen profilieren können. Auch Teile der "islamischen Strömung" Ägyptens bauen, um ihre Akzeptanz zu erhöhen, auf den Nationalstolz. So erklärt ein "Verfassungsentwurf" aus der Feder von `Umar 'Abd-ar-Rahman eine zukünftige "Islamische Regierung Ägyptens" zum Kern des zu errichtenden "Weltkalifats".
Die Logik der islamistischen Position ist simpel: Ein Muslim kann nur Gott anbeten und tut dies in der Gemeinschaft von anderen Gläubigen. Dies bilde den Kern einer islamischen Gesellschaft. Bislang wurde diese Gemeinschaft von dem Dorf, dem Stadtvierteln oder der tariqa gebildet. Viele Aktivisten des modernen Islamismus gehen von der Annahme aus, dass der moderne Nationalstaat mit dieser Gemeinschaft von Gläubigen identisch zu sein hat. Der Anspruch auf eine bestimmte Ethik wird auf die Nation als Ganzes ausgedehnt und entwickelt sich so zum ethischen Totalitarismus. Um Muslime bleiben können, so die Prämisse der Islamisten, müsse der Staat in dem sie leben, "islamisiert" werden. Neben konservativen Quellen greift der Islamismus so auch auf nationalistische Motive zurück. Antiimperialistische und antiisraelische Rhetorik und eine Propagierung von nationaler Stärke haben hier ihre Wurzeln.


5. Islamistisches Staats- und Gesellschaftsbild
Kernpunkt der islamistischen Ideologie ist die vehemente Behauptung der Existenz einer göttlichen Wahrheit,
"die sie zu vertreten vorgeben, indem sie für sich in Anspruch nehmen, als einzige den unverfälschten, zeitlosen und heilbringenden Islam zu verkörpern und ihn in eine dementsprechend unangreifbare Politik umsetzen."
Gegnerische Kräfte, besonders die herrschenden Eliten werden des Rückfalls in vor-koranische Zeiten, in die jahiliya, in die Ungläubigkeit bezichtigt.
Um die Befolgung sämtlicher Gebote und Verbote und auch der kultischen Handlungen in der Öffentlichkeit zu garantieren, muss die erneuerte islamische Gesellschaft staatlich organisiert sein. In der Frage, in welcher Form dies geschehen müsse, reicht das Spektrum von der Wiederbelebung des Kalifats bis zur "bloßen Islamisierung" bestehender staatlicher Strukturen. Gemeinsam ist diesen Vorstellungen die Auffassung, dass der Staat, ob als Präsidial- oder Kalifatsstaat, nur als Treuhänder Gottes fungiere.
Die Gestaltung einer "Islamischen Gesellschaft" trägt nach der Ansicht von Reinhard Schulze deutlich kybernetische Züge:
"Die Avantgarde der islamischen Gruppen, welche die neuen Lebenswelten in den Vorstädten kontrollieren, verstehen sich selbst als Sozialarbeiter oder besser als `soziale Ingenieure, deren Aufgabe es ist, den neuen islamischen Lebenscode zu planen und zu ritualisieren. ... Die Kultur der neuen islamischen politischen und sozialen Organisationen ist durch ihre tiefe Beziehung zu Naturwissenschaften, Architektur und Technologie geprägt. Diese technische Weltsicht bezieht sich auch auf die Gesellschaft. ... Viele Angehörige islamischer Organisationen betonen den Systemcharakter der neuen Gesellschaft. Das islamische Recht und vor allem die Sunna steuern dieses System."
Die türkische Soziologin Nilüfer Göle kommt zu einem ähnlichen Vergleich, indem sie vom "Islam der Ingenieure" spricht.
Der Islamismus als politische Ideologie sieht so in der Gesellschaft seinen eigentlichen politischen Orientierungspunkt. Die Gegner sind nicht andere Religionen, sondern andere, als "westlich" bezeichnete Ideologien, mit denen um die Kontrolle der Gesellschaft gekämpft wird.


6. Die Terminologie der Islamisten
Die Terminologie der Islamisten ist einfach und bedarf keiner Rechtfertigung oder ausführlicher Erklärungen an ihre Adressaten. Sie wirkt weder anstößig noch kommt sie in Konflikt mit den kulturellen Vorstellungen der Mehrheit der Bevölkerung. Es handelt sich um eine "integrative Form des Protestes". Vielfach wird auf koranische Begriffe zurückgegriffen, die eine neue, der modernen politischen Realität angepaßte Bedeutung erhalten. Beispiel hierfür sind die Begriffe Hizb (Partei), shura (Rat), tawhid (Einheit) oder mustad'afun (Unterdrückte). Andere Begriffe werden mit einer neuen Bedeutung belegt oder auf bestehender Wurzel neu geschaffen, wie Hakimiya, welches in der islamistischen Terminologie zu "Souveränität" wird. Diese Vorgehensweisen erfüllen zwei Funktionen: Zum einen werden "alte Mythen aus den Tiefen kollektiver Erinnerung" benutzt, zum anderen führt die Übertragung ursprünglich koranischer Begriffe in einen anderen Kontext zu einer Sakralisierung islamistischer Politik. Am Beispiel Sharia wird dies besonders deutlich: Wenn im islamischen Kontext von Recht gesprochen wird, wird das Wort Sharia benutzt. Aus einer historischen Perspektive ist dies ist ein neutraler Begriff, der auch auf andere Rechtsysteme oder Religionen angewendet werden könnte. Aber mit dem Begriff Sharia wird zugleich auch ein religionsgeschichtlicher Inhalt transportiert, so dass Sharia wie ein religiöser Begriff erscheint. Dies wiederum sagt nichts darüber aus, was Menschen unter Sharia verstehen, wenn sie diesen Begriff verwenden. Je nach Zeitkontext kann Sharia "tatsächliches Recht", aber auch "islamische Rechtstradition" bedeuten.


7. Islamistische Handlungsoptionen
Innerhalb islamistischer Bewegungen gibt es Differenzen um die Definition und Bedeutung des Islam, die Definition und Bedeutung des modernen Staates und um die Methoden der politischen Aktion, die zu einer Vereinigung von Religion und Staat führen sollen. Im wesentlichen lassen sich zwei Positionen unterscheiden, die als Isolationismus und Integrismus bezeichnet werden können. Der Isolationismus lehnt jede Kooperation mit dem "ungläubigen" Staat ab und sucht die kulturelle und soziale Lösung aus dem gesellschaftlichen Kontext. Dies geht zum Teil so weit, daß, wie im Fall der ägyptischen Gruppe "At-Takfir wa-l-Higra" Lernen und Ausbildung als Haram (verboten) erklärt wurden. Im Prozeß der Loslösung von der alten Gesellschaft soll dann der Aufbau des Kerns der neuen Gesellschaft erfolgen. Die integristische Tendenz des Islamismus hingegen forciert die Teilnahme an politischen und gesellschaftlichen Prozessen. Das Ziel ist die Islamisierung der bestehenden Ordnung. Hieraus resultiert die Forderung nach einer "islamischen Erziehung", "islamischen Banken" und einer Kodifizierung des Rechts mittels islamischer Normen.
Bei der Beobachtung der praktischen Umsetzung und Verwirklichung der formulierten Ziele lassen sich in einer ersten Einteilung drei strategische Ansätze, die sich nicht notwendigerweise ausschließen, feststellen:
- Teilnahme am offiziellen politischen Leben,
- Versuch der sozialen Prägung der Gesellschaft und Aufbau einer kulturellen Hegemonie
- sowie die Bildung kleiner, eventuell bewaffneter Gruppen.
Dies und die jeweilige Basis einer islamistischen Bewegung müssen bei der Untersuchung islamistischer und antiislamistischer Argumentation berücksichtigt werden. Bilden Angehörige der Mittel- und Oberschicht die aktive Trägerschaft (wie z.B. bei der ägyptischen Muslimbruderschaft), rückt die Forderung nach einer "islamischen Wirtschaft" mehr in den Mittelpunkt. In Ägypten schlug sich das u.a. in den Auseinandersetzungen um das sogenannte Islamische Bankenwesen und Islamische Investmentgesellschaften nieder.
Zwei häufig ineinander verwobene, zentrale Themenkomplexe jedoch sind für jede islamistischen Bewegung konstituierend: Eine "islamische Position" zur Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Forderung nach "vollständiger Anwendung" bzw. "Einführung der Sharia". Während der Versuch einer Kontrolle über den weiblichen Körper auf die zentrale Stellung hindeutet, die die Fragen von Geschlecht und Sexualität in der islamistischen Kritik an der westlichen Moderne einnehmen, greift der Ruf nach der Sharia nach dem Machtmonopol der herrschenden Eliten und versucht, ihnen die religiöse Legitimation zu entziehen. Mit dieser Forderung stellt der Islamismus die Machtfrage.
(...)


© Henner Kirchner, Oktober 1997
www.henner-kirchner.de
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carlo
04.04.2004, 13:16
Iran

Anpassung an zeitgemäße Lesarten des Islam


Ist das islamische Recht mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar? Einer der bekanntesten Reformer der iranischen Geistlichkeit weiß hierauf Antwort und fordert damit die islamische Orthodoxie heraus. Der Journalist Bahman Nirumand berichtet über einen progressiven wie unbequemen Reformtheologen.




http://admin.qantara.de/uploads/272/35/3fd9ce66cf831_Mullahs.jpg

Iranische Geistliche warten in Qom auf den Reformtheologen Montazeri, der unter Hausarrest steht


Mohsen Kadivar, 1959 geboren, wollte eigentlich Elektroingenieur werden. Doch nach wenigen Semestern kehrte er der Technischen Hochschule in der südiranischen Stadt Schiraz den Rücken und begab sich in die Heilige Stadt Ghom, wo er sich 17 Jahre lang am Theologischen Zentrum dem Studium des islamischen Rechts, der Philosophie und der Mystik widmete.

Zwei Jahre später promovierte er an der Hochschule für Lehrerausbildung. Die Jahre danach verbrachte er als Lehrer und Forscher. Er hat bisher zwölf Bücher veröffentlicht und zahlreiche Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften geschrieben. Zurzeit lehrt er an der philosophischen Abteilung der Hochschule für Lehrerausbildung.

Der steinige Weg des streitbaren Geistlichen

Charakteristisch für Kadivar ist, dass er seine theologisch-philosophischen Erkenntnisse unverblümt und konsequent in die Politik, ja oft sogar in die Alltagspolitik umsetzt. Dies ist – angesichts der Härte und Brutalität, mit der die herrschenden Islamisten gegen ihre Kritiker vorgehen – ein höchst riskantes Unternehmen ist. Tatsächlich bescherte ihm ein Interview in der Tageszeitung Khordad 18 Monate Gefängnis. Grund: Er hatte nach 20 Jahren Islamische Republik Bilanz gezogen und einen Vortrag über die "Verurteilung des Terrors aus religiöser Sicht" gehalten.

Doch trotz aller Gängelung ließ sich Kadivar nicht einschüchtern. Bei einer Gedenkfeier anlässlich der Mordserie von 1998, in deren Verlauf das Politikerehepaar Forouhar sowie die beiden Schriftsteller Mohammad Mokhtari und Mohammad Dajafar Pujandeh ermordet wurden, sagte er: "Ich bin vor fünf Jahren zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil ich gegen die bestialischen Morde protestiert hatte. Heute möchte ich meine Äußerungen von damals wiederholen."

Es habe zwar Scheinprozesse gegen einige Täter gegeben, nicht aber gegen deren Auftraggeber. Diese müssten endlich vor Gericht gestellt werden, forderte Kadivar, der zugleich Vorstandmitglied des "Vereins zur Verteidigung der Meinungsfreiheit" ist.

Zwei Lesarten des Islam

Eines der Hauptanliegen Kadivars ist - wie bei den meisten Reformern - das islamische Recht. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Frage, ob das islamische Recht, die "Scharia", mit der Konvention der Menschrechte und der Demokratie vereinbar ist. Kadivars Antwort gehört zu den radikalsten, die bisher öffentlich geäußert wurden: So gebe es zwei Lesarten des Islam, eine traditionelle und eine moderne, sagt er.

Die traditionelle Lesart sei mit den Grundsätzen der Menschenrechte und der Demokratie gänzlich unvereinbar, stellt er in einem Interview mit der iranischen Zeitschrift „Aftab“ fest. Diese Unvereinbarkeit betreffe jedoch nicht nur Auslegungen, die im Verlauf der Geschichte Gläubige in die Irre geführt hätten. Sie schließe auch die wichtigsten Säulen des islamischen Glaubens ein, das heißt also den Koran und die Worte und Handlungen des Propheten (Hadith).

Diese Feststellung ist mehr als revolutionär, wenn man in Betracht zieht, dass es sich beim Koran, nach Auffassung der Muslime, um die Worte Gottes und bei den Aussagen des Propheten um die Eingebung Gottes handelt. Kadivar weist nach, dass es im Islam zwar unterschiedliche Rechte gibt, die verschiedene Gruppen – wie die Mitglieder der islamischen Gemeinde, Christen und Juden oder Männer und Frauen – betreffen.

Es gebe jedoch keinerlei Rechte, die für alle Menschen Geltung haben, unabhängig von ihrer Glaubenszugehörigkeit, ihrem Geschlecht und ihrer gesellschaftlichen Position. Ohne Menscherechte könne es aber auch keine Demokratie geben, meint Kadivar.

Islam und Menschenrechte – ein unlösbarer Konflikt?

Welcher Ausweg könnte aber aus diesem Dilemma herausführen? Unter den Gelehrten, die eine Anpassung des Islam an Demokratie und Menschenrechte anstreben, gäbe es unterschiedliche Bestrebung, schreibt Kadivar. Einige seien bemüht, bestimmte Vorschriften, die im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen, "so weit wie möglich aus dem Schaufenster des Islam herauszunehmen oder sie zu rechtfertigen", andere "versuchen, aus den vorliegenden Schriften jene Stellen hervorzuheben, die mit den Menschenrechten in Einklang stehen."

Mit dieser Flickschusterei will sich Kadivar nicht zufrieden geben. Es bestehe kein Zweifel darüber, dass es nicht nur in den Überlieferungen, sondern auch im Koran selbst gewisse Vorschriften gebe, die im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen. Entscheidend sei, wie man mit diesen Vorschriften umgehe. Der traditionelle Islam betrachte den Koran als Worte Gottes – Worte, die unantastbar und für die Ewigkeit bestimmt seien. Der moderne Islam lehne diese Auffassung für bestimmte Bereiche ab.

Historisierung des Rechts als Königsweg

Die gesamte Lehre des Islam kann man in vier Teile einteilen, sagt Kadivar. Die ersten drei Teile betreffen den Glauben an Gott und an den Propheten, die Ethik und Moral und das Gebet. Diese Bereiche seien unantastbar und für die Ewigkeit bestimmt. Nicht jedoch der vierte Bereich, der das Zusammenleben der Menschen in einer Gemeinschaft regelt, wie etwa das Handelsrecht, Individualrecht, Strafrecht und dergleichen mehr.

Alle Vorschriften in diesem Bereich sind – nach Auffassung der Modernisten – zeitlich bedingt und können, ja müssen, entsprechend der jeweiligen Erfordernissen der Zeit geändert werden – auch dann, wenn sie im Koran stehen.

Diese Historisierung des islamischen Rechts ist der eigentliche Schlüssel, der die Pforten zu der modernen Welt, zu Menschenrechten und Demokratie, öffnet. Wie die Menschen ihr Zusammenleben regeln, wie sie also die Politik, Erziehung und Bildung gestalten, wie sie Verbrechen und Vergehen ahnden – das regeln der Verstand, die Vernunft, die Erfahrung, die Wissenschaft – aufgrund realer Verhältnisse – die sich permanent verändern.

Das bedeutet jedoch in letzter Konsequenz, dass die islamische Gesetzgebung neu geschrieben und sich die Politik von der Religion trennen müsste.

Bahman Nirumand, © Qantara.de 2003

Bahman Nirumand hat in München, Tübingen und Berlin Germanistik, Philosophie und Iranistik studiert. Unter dem Schah-Regime wurde er politisch verfolgt und mußte in den 60er Jahren den Iran verlassen. Heute arbeitet er als freier Journalist in Berlin.

http://www.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-272/_nr-8/i.html

Trüffelschwein
04.04.2004, 18:23
Cooler Thread, Carlo! Danke! :supi

Ciao, Trüffelschwein

carlo
04.04.2004, 19:21
Christenverfolgung heute -
einige Beispiele...



Pakistan: Aufgrund des «Blasphemiegesetzes», das für «Beleidigung des Islam» die Todesstrafe vorsieht, verurteilen islamische Richter christliche Bürger des Landes zum Tod, auch auf offensichtlich erfundene Anklagen hin.

Saudi-Arabien: Jede offene, christliche Religionsausübung ist verboten. Im Mai 1997 wurden zwei phillipinische Gastarbeiter enthauptet. Ihnen wurde bewaffneter Raub vorgeworfen. In Wirklichkeit sind sie aber wegen ihres christlichen Zeugnisses hingerichtet worden.
Noch schwieriger ist die Lage für die im Untergrund lebenden einheimischen Christen. Bei Entdeckung können sie getötet werden.

Turkmenistan: Mitglieder staatlich nicht registrierter Glaubensgemeinschaften werden verfolgt und schikaniert. Unter
anderem werden Zwangseinweisungen in die Psychiatrie aus «weltanschaulichen» Gründen verordnet.

Türkei: Christliche Mädchen werden entführt und zur Heirat mit Muslimen gezwungen.Im Tur Abdin sind zwei 1600 Jahre alte syrische-orthodoxe Klöster von der Schliessung bedroht. Die Behörden verbieten ihnen, Gäste aufzunehmen und die syrisch-orthodoxe Kirchensprache zu lehren.

Ägypten: Islamische Extremisten in der ägyptischen Armee walzen ein christliches Heim für behinderte Kinder am Stadtrand Kairos mit Planierraupen nieder.
Islamische Extremisten versuchen Christen unter massivem Druck zum Islam zu bekehren. Eine besonders unmenschliche Methode ist die Entführung und Vergewaltigung von Frauen.

Sharia - das heilige Gesetz des Islam
In der Sharia sind die Vorschriften Allahs für den Menschen verankert. Sie umfasst jeden Lebensbereich.
Die Sharia ist menschenfeindlich und Rechtsgrundlage aller islamistischen Länder. Sie macht alle Nichtmuslime zu Bürgern zweiter Klasse. In der Rechtspraxis islamischer Staaten hat dies für anders glaubende Menschen furchtbare Folgen.

Kommunistisch regierte Länder
Hier haben es Christen weiterhin schwer. In Nordkorea verbirgt sich hinter einigen «Vorzeigekirchen» in der Hauptstadt eine starke Verfolgung auf dem Land. Ähnliches auch in Vietnam und China.


http://www.kirche-in-not.ch/v1.x/christen_heute/verfolgung.html

carlo
04.04.2004, 19:31
Freut mich sehr, trüffel! :verbeug

carlo
04.04.2004, 20:05
...und hier meldet sich einmal die "Gegenseite" zu einigen Vorwürfen:

http://www.ahmadiyya.de/islam/artikel/hadayatullah/entgegnung_schroeter.html#1

:rolleyes:

carlo
04.04.2004, 23:50
Nach der Lektüre des folgenden Artikels mußte ich erst einmal tief durchatmen...das ist so ziemlich das fundierteste zum Thema, was ich bislang im www finden konnte und gleichzeitig irgendwie ernüchternd:


Hartmut Krauss


Der islamische Fundamentalismus als religiöser Totalitarismus.



Die globale Nachrichtenlage ist überwiegend und zunehmend durch Ereignisse bestimmt, die auf die gewalttätigen Handlungen religiös motivierter Fanatiker und Terroristen unterschiedlichster Couleur zurückzuführen sind. Nicht erst seit den spektakulären Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich innerhalb dieser weltweit vorfindbaren unheiligen Allianz von Religion und Terror der Islam als fruchtbarster Nährboden erwiesen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwelche islamistischen Gewalttäter im Namen und zum Wohlgefallen Allahs "Ungläubige" oder Andersdenkende in den Tod reißen. Allerdings wäre es nicht nur eine Vereinfachung, sondern sogar eine Verharmlosung, würde man den Islamismus bzw. islamischen Fundamentalismus auf seine terroristische Ausdrucksform reduzieren. Die interkontinental vernetzten Terrorgruppen fungieren lediglich als ein - wenn auch spektakuläres - Funktionsmoment innerhalb eines arbeitsteilig gegliederten und strategisch differenzierten Tätigkeitskomplexes. Im Rahmen dieses Gesamtzusammenhangs bildet die alltagspolitisch wirksame islamistische Massenbewegung mit ihren Wohltätigkeitseinrichtungen, Spendenvereinen, logistischen Strukturen, Koranschulen, Überwachungs- und Sanktionsmilizen etc. ein mindestens ebenso bedeutsames und bedrohliches Potential. So haben die Islamisten 2002 in Marokko, Pakistan und der Türkei große Wahlerfolge errungen; "in den meisten arabischen Ländern haben islamistische Parteien ... eine Wählerbasis von 15-30 Prozent oder mehr. Sie sind in jedem Fall ein ernstzunehmender politischer Faktor und dürften es auf einige Zeit bleiben" (Perthes 1999, S.144).



Unter der Wirkungsmacht des 'Blockdenkens' bzw. des Ost-West-Gegensatzes als dem herausragenden Analyse- und Bewertungsschema während des Kalten Krieges wurde die kulturelle Eigenständigkeit der islamischen Herrschaftslogik ebenso ignoriert, wie der schubweise Aufstieg des Islamismus zu einer autochthonen Massenbewegung verkannt wurde. Islamische Staaten, Bewegungen, Politiker etc. wurden gemäß dieser eindimensionalen Sichtweise entweder als pro-westlich oder pro-sowjetisch einsortiert, ohne in ihrer autonomen Herrschaftsausrichtung und 'unabhängigen' politisch-ideologischen Inspiration und Beschaffenheit ernst genommen zu werden. Fixiert auf offizielle Beschwörungsformeln wie die wohlfeile Phrase vom Islam als dem ultimativen Sozialismus oder die rhetorische Nachahmung der sowjetischen Propaganda durch Nasser und die Baath-Parteien in Syrien und Irak bekamen z. B. die realsozialistischen Machthaber den islamischen Herrschaftsopportunismus niemals in den Griff. "Immer wieder entglitt dem plumpen Kaderdenken marxistisch-leninistischer Prägung die flexible Machtpraxis islamischer Prägung, die gleichermaßen totalitär agiert, jedoch Konspiration, Mord, Krieg und Religion frei von jeder ideologischen Bindung als Selbstzweck einsetzt" (Raddatz 2002, S.185). Auch die durch und durch utilitaristische Globalstrategie der USA hat letztendlich nicht nur den eigenständig-antiwestlichen Charakter der islamischen Herrschaftsträger bis zum 11. September 2001 ignoriert, sondern vermittels ihrer antisowjetischen Afghanistanpolitik den Islamismus entscheidend mit herangezüchtet.



Während in der jüngsten Vergangenheit der Schematismus des 'Blockdenkens' im Verbund mit einem grobschlächtigen "Antiimperialismus" die kritische Auseinandersetzung mit nichtwestlichen Herrschaftsstrukturen und -bewegungen im allgemeinen sowie mit dem Islamismus im besonderen behinderte, versucht heute eine buntscheckige Allparteienkoalition bestehend aus christlichen Kirchenfunktionären, bürgerlichen Politikern, Großkapitalisten, islamophilen Journalisten, kulturrelativistischen Ideologen und verrannten 'Gutmenschen' unter dem Schlachtruf "Feindbild Islam" eine begreifende Analyse des Islam als religiöse Herrschaftsideologie sowie des Islamismus als (neo-)totalitäre Bewegung zu sabotieren. Eine herrschaftskritisch-emanzipatorische Position gegenüber der vorherrschenden islamischen Weltanschauung wird von dieser "Islamlobby" von vornherein ohne Ansehen substanzieller Argumente unter Rassismus-Verdacht gestellt und damit tabuisiert. Die demagogische Formel lautet: Kritik am politischen Islam/Islamismus = Rassismus/Fremdenfeindlichkeit = Antisemitismus = Holocaust. Nach der "Haltet-den-Dieb"-Methode soll den Islamismus-Kritikern in perfider Manier etwas angelastet werden, was gerade für die islamischen Fundamentalisten zutrifft - nämlich die Kollaboration mit Faschisten und Rechtsextremisten auf der Grundlage antijüdischer Hetzpropaganda. Der ökonomische Hintergrund dieser "Islam-Lobby" liegt - angesichts der übersättigten westeuropäischen und amerikanischen Märkte -zum einen in den auf den arabischen bzw. generell islamisch geprägten Wirtschaftsraum gerichteten Geschäftsinteressen westlicher Großkonzerne. Im Hinblick darauf ist eine möglichst störungsfreie Kommunikation mit den islamischen Machthabern geboten. Eine kritische Auseinandersetzung mit den dortigen Herrschaftsstrukturen, Menschenrechtsverletzungen, Repressionsverhältnissen etc. würde nur das anvisierte big buisiness stören. Und das betrifft nicht nur den Export von Konsumartikeln. Längst ist z. B. Saudi-Arabien nicht nur Hauptsponsor des islamistischen Terrorismus, sondern auch ein äußerst potenter Importeur westlicher Rüstungsgüter. Generell ist bekannt, "daß der islamische Raum - während viele westliche Länder abrüsten - jährlich mehr als die Hälfte der globalen Waffenproduktion aufnimmt" (Raddatz 2002, S.226). Zudem sind die hiesigen Unternehmen an der Zuwanderung billiger Arbeitskräfte interessiert. Sofern Kosten für den Polizei- und Sicherheitsapparat eingespart werden können und Konflikte nicht in die Öffentlichkeit gelangen, haben weder westliche Unternehmer noch Politiker etwas gegen antidemokratisch-repressive Ghetto-Kulturen einzuwenden. Längst ist auch das global agierende 'postmoderne Kapital' antirassistisch, multikulturell und kulturrelativistisch geworden, so daß die entsprechenden IdeologInnen einschließlich der politikwissenschaftlichen Berufsverharmloser hier reichlich funktionalen Broterwerb zu erlangen vermögen. Die Aufgabe der politischen Klasse als Teil der "Islam-Lobby" besteht darin, samtpfötige Diplomatie öffentlichkeitswirksam als "kritischen Dialog" zu verkaufen und die Legende vom absoluten Gegensatz zwischen "friedlichem Islam" und "Terrorismus" zu streuen. Ein Meister dieses Geschäfts ist entgegen weit verbreiteter Klischees auch der "wiedergeborene Christ" George W. Bush, der sich zwar praktisch als kostspieliger Kämpfer gegen den Terrorismus geriert, aber weder Osama Bin Laden, Mullah Omar oder Saddam Hussein dingfest gemacht hat und ansonsten weder der islamistischen Bewegung (z. B. den pakistanischen Koranschulen) noch den islamistischen Herrschaftsregimen (z. B. Saudi-Arabien) auch nur ein Haar krümmt.



Wir haben es demnach mit einer bizarren Konstellation zu tun: Auf der einen Seite eine verwirrende Nachrichtenlage, die aus vielfältigen unzusammenhängenden Informationsfetzen bezüglich islamistischer Umtriebe besteht; auf der anderen Seite eine massenmediale Dominanz von verqueren Diskursen (nachwirkendes 'Blockdenken', vulgärer Antiimperialismus, Postmodernismus, Kulturrelativismus etc.) und Deutungsmustern ("Feindbild Islam", Legende vom friedlichen und toleranten Islam etc.), die einer problemadäquaten Analyse des Phänomens 'Islamismus' entgegenstehen.




Im Folgenden wird mit dem Begriff 'Islamismus' bzw. 'islamischer Fundamentalismus' ein (neo-)totalitärer Bewegungs- und Tätigkeitskomplex bezeichnet, der sich in vier wechselseitig von einander abhängigen Haupterscheinungsformen präsentiert:



1) als globales Netzwerk terroristischer Zellen samt logistischer Infrastruktur;



2) als alltagspolitisch agierende und organisierte Massenbewegung in Gesellschaften mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit;



3) als etabliertes religiös-totalitäres Herrschaftssystem (Iran, Sudan, das frühere afghanische Talibanregime); und



4) als expansiv ausgerichtete Diasporakultur in den westlichen Einwanderungsländern.








Die 'übergreifende' Klammer bzw. vermittelnde Basis dieses Komplexes bildet die islamistische Ideologie/Weltanschauung als subjektprägendes Bedeutungssystem (Einheit von Wirklichkeitsinterpretationen, Wertungen, Vorschriften und Handlungsanweisungen), das die emanzipatorischen Potentiale der unterworfenen Individuen systematisch verschüttet und deformiert und diese zu repressiv normierten "Gottesknechten" degradiert.



Zwar ist eine Gleichsetzung von 'Islam' und 'Islamismus' schon aus dem Grunde unzutreffend, weil der Islam bereits als Glaubenssystem kein homogenes Gebilde darstellt, sondern eine ausgeprägte Binnendifferenzierung in Form unterschiedlicher Konfessionen, Rechtsschulen und kulturell-regionaler Gestaltungen aufweist. Auch gab es innerhalb der kulturhistorischen Entwicklung des Islam progressive Tendenzen wie insbesondere den islamischen Rationalismus. So wurde in den Lehren von Al-Farabi, Ibn Sina, Ibn Ruschd, Ibn Khaldun u. a. die Dogmatik eines strikt theozentrischen Weltbildes aufgebrochen und durch eine rationalistisch-humanistische Sichtweise ersetzt, die bereits Keime der Aufklärung in sich trug. Aber dennoch setzte sich schließlich in den innerislamischen Kämpfen um Auslegungsdominanz und Normierungsmacht der konservative Gesetzes-Islam als herrschende Glaubensinterpretation durch. Und genau diese hegemoniale Interpretationsvariante des Islam bildet die Anknüpfungsgrundlage für islamistische Radikalisierungen und Zuspitzungen. D.h.: Nicht der Islam 'an sich', wohl aber seine dominante konservative Interpretationsvariante ist die Quelle des Islamismus.








1. Der Islam als religiöse Herrschaftsideologie.



Wie alle monotheistischen Religionen weisen auch Koran und Sunna als Grundquellen des islamischen Glaubens einen widersprüchlichen und ambivalenten Charakter auf. Daraus folgt, daß sich unterschiedliche bis gegensätzliche Auslegungen gleichermaßen legitimieren lassen, ohne daß sich letztendlich eine bestimmte theologische Interpretation als "allein gültig" nachweisen ließe. Von herausragender Bedeutung für das islamische Glaubenssystem ist hierbei vor allem der ethisch-normative Bruch zwischen dem mekkanischen und dem medinesischen Teil des Koran. In Mekka stand Mohammed mit seiner kleinen Anhängerschar einer übermächtigen Ablehnungsfront gegenüber. Entsprechend tragen die dort (610-622) offenbarten Koranverse einen überwiegend spirituellen Charakter. Von Kriegsführung und Gewaltanwendung ist angesichts der gegebenen Kräfteverhältnisse noch keine Rede. Nach der Übersiedlung nach Medina und der dortigen Gründung eines islamischen Gemeinwesens ändert sich dann der Verkündungsinhalt radikal, d. h. er wird den neuen Möglichkeiten der kriegerisch-räuberischen Selbstbehauptung 1 gegenüber einer feindlichen Umwelt angepaßt 2 . Aus der Position der errungenen Stärke wird nun ein friedlicher Ausgleich mit den Ungläubigen ausgeschlossenen: "Und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wannen sie euch vertrieben, denn Verführung3 ist schlimmer als Totschlag" (ebenda, S. 61). Das Konzept des 'Djihad', d. h. der 'Anstrengung' zur Verbreitung bzw. Durchsetzung des Islam, ist jetzt nicht mehr begrenzt auf 'Überzeugungstätigkeit' mit friedlichen Mitteln, sondern wird mit militärischer Gewaltanwendung verknüpft und gewinnt so den Charakter des "heiligen Krieges".



Tatbestand ist demnach, daß sich im Koran sowie in der Sunna des Propheten sehr wohl genügend Legitimationsgründe für eine "strenge", d. h. herrische, kriegerisch-gewalttätige und intolerante Auslegung finden lassen. Demgegenüber ist die Behauptung eines homogen "mildtätigen", d. h. auf gleichberechtigte Aussöhnung bedachten, friedliebend-gewaltlosen und toleranten Islam als schönfärberisches Trugbild zurückzuweisen.




Falsch ist auch die dualistische Gegenüberstellung, die besagt, der Islam sei eine 'reine' Religion, während der Islamismus eine Ideologie darstelle. 4 Hier wird Wahrheit durch erdichtete Zweckmäßigkeit ersetzt. Der Fehler liegt in der irrtümlichen Projektion des modernen individualrechtlichen Religionsverständnisses auf den Islam. Die innerhalb der europäischen Moderne vollzogene Trennung von Religion, Staat, Recht und Privatsphäre kann nämlich nicht unvermittelt und tatsachenwidrig auf den islamisch geprägten (prämodernen ) Herrschaftsbereich übertragen werden, der keine rechtlich geschützte individuelle Wahlfreiheit in weltanschaulichen Fragen zuläßt, sondern auch in diesem Sektor 'monokratisch' verfaßt ist. Entsprechend ist der Islam als allein herrschende Religion nicht einfach nur ein privates Glaubenssystem, sondern eine umfassende Weltanschauung, politische Doktrin und Herrschaftsideologie. Die Gesetze Allahs als dem einzigen und allmächtigen Schöpfer der Welt und des Menschen, die im Koran ewig und endgültig festgelegt sind, beinhalten nicht etwa nur spirituelle Aussagen und rituelle Hinweise, sondern Regeln, Vorschriften und Hinweise für alle Lebensbereiche, denen der Gläubige unbedingt zu folgen hat. 'Islam' bedeutet damit Unterwerfung unter den Willen Allahs in allen Lebensfragen wie Tagesablauf, Ernährung, Kleidungsordnung als Ausdruck von rechtgläubiger Moral, politisches, wirtschaftliches und soziales Handeln, das Verhalten gegenüber einer nichtmuslimischen Umwelt etc. Die alltagspraktische Befolgung der Gottesgesetze ist der wahre Gottesdienst der gläubigen Muslime und bildet den 'eigentlichen' Kern des gesamten Islam = Hingabe an Gott. Aus diesem Grund ist auch eine Trennung von Staat, Religion, Recht und Privatsphäre grundsätzlich ausgeschlossen: "Religiöse und politische Gemeinschaft sind eins: Das Staatsvolk ist Gottesvolk, das religiöse Gesetz (shari’a) Staatsgesetz" (Hagemann 1999, S.402) Im Grunde ist der Islam damit weniger eine spirituelle Glaubenslehre als vielmehr eine strikt antiindividualistische religiöse Weltanschauung und Moralideologie, die auf eine absolutistische Durchregulierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, insbesondere auch des Familienlebens, bis in die kleinste Einzelheit abzielt. Die Ausübung von Herrschaft ist im Rahmen dieses kulturellen Codes zusätzlich an die mit Sanktionsdrohung und -ausübung gepanzerte Überwachung der Regeln des Moralkodex gekoppelt. Der gesellschaftliche 'Sinn' dieses 'ganzheitlichen' religiösen Bedeutungssystems besteht so letztlich in der Legitimierung und Stabilisierung kulturspezifisch konstituierter Herrschaftsverhältnisse.




Worin zeigt sich nun der herrschaftslegitimierende Charakter des orthodox-konservativen Mehrheits-Islam im einzelnen?



1) In seiner Selbstbespiegelung sieht sich der Islam als letztgültige und damit einzig wahre Religion. Während in der Nachfolge von Abraham Moses als Überbringer der Thora und Jesus als Überbringer des Evangeliums aufgetreten sind, ist der nach ihnen kommende Prophet Mohammed als Überbringer des Koran dadurch ausgezeichnet, daß er als letzter die endgültige, umfassende, einzig wahre und vollendete Offenbarung von Allah empfing und somit Geltung als "Siegel der Propheten" beansprucht. Demnach hat sich Gott vermittels Mohammed im Koran abschließend und kategorisch geoffenbart. Daraus wird dann der herrschaftliche Geltungsanspruch des Islam als die einzig "wahre" und überlegene Religion abgeleitet und mit der religiösen Pflicht zur Islamisierung verbunden, also der weltweiten missionarischen Verbreitung des Islam. Folgerichtig akzeptiert das islamische Glaubensbekenntnis auch keine interkulturelle Gleichberechtigung, sondern impliziert die Forderung nach Unterordnung/Unterwerfung der Anders- und Nichtgläubigen. Dieser Dominanzanspruch hat noch "nichts mit Fundamentalismus zu tun, sondern (er) ist Inhalt der orthodoxen Doktrin von der Verbreitung des Islam, das heißt der Islamisierung, zu der die Hidjra, also die Migration gehört" (Tibi 2002, S.267).




Der Selbstsicht des Islam als einzig wahre und überlegene Religion, die bereits im dogmatischen Grundansatz antipluralistisch ist und eine gleichberechtigte Koexistenz und Kommunikation mit Anders- und Nichtgläubigen ausschließt, findet ihre 'organische' Entsprechung in der Glorifizierung der Umma, der Gemeinschaft aller gläubigen Muslime, als beste aller menschlichen Gemeinschaften. So heißt es in Sure 3, Vers 110 des Koran: "Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen erstand. Ihr heißet, was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrechte und glaubet an Allah". Ausgestattet mit einem solchermaßen religiös-narzißtisch begründeten Selbstbild sieht sich der konservative Mehrheits-Islam dazu berechtigt und verpflichtet, alles 'Unislamische' zu bekämpfen und seinen Herrschaftsanspruch gegenüber den unterlegenen und minderwertigen 'Ungläubigen' durchzusetzen. Dabei ist diese herrschaftliche Abgrenzung und Selbstaufwertung der Umma gegenüber der Masse der Anders- und Nichtgläubigen nicht etwa ein besonderes Merkmal des Islamismus, sondern gehört zum grundlegenden Kern des islamischen Weltanschauung. Im Zentrum dieser religiösen Herrschafts- und Ungleichheitsideologie steht der Begriff Kufr: "Kufr steht für jede Religion, Weltanschauung, Gruppierung oder Glaubensgemeinschaft, die man nicht unter der Definition 'Islam' einordnen kann - Kufr ist somit ein Sammelbegriff für jede nicht islam-konforme Lebensweise" (Zaidan, zit. n. Zentrum Demokratische Kultur 2003, S.95). Diese imperial ausgerichtete Bekämpfung des Kufr konkretisiert sich in der Erzeugung und Propagierung eines Feindbildes, das heute primär in der Verteufelung der 'modernen' bzw. säkularen Gesellschaft erscheint. Als "verdorben", "unrein", "verwerflich" etc. gilt alles, was nicht den konservativ interpretierten "göttlichen Gesetzen" entspricht bzw. sich dem absolutistischen Geltungsanspruch des Gesetzes-Islam entzieht.








2) Die klassische Weltsicht des Islam ist die herrschaftlich-moralistische Unterscheidung zwischen dem "Reich des Islam" (Dar-al-Islam) und dem Reich des Krieges (Dar- al-Harb). Zum "Reich des Islam" gehören demnach in erster Linie die Gemeinschaft aller rechtgläubigen Muslime und in zweiter Linie diejenigen Juden oder Christen ("Schriftbesitzer"), die sich der politisch-gesellschaftlichen Herrschaft des Islam unterwerfen und gegen Zahlung einer Steuer den Status eines Dhimmis, d. h. eines 'geschützten' Bürgers zweiter Klasse, erlangen. Die Gesamtheit des Kufr hingegen, all jene Elemente, welche die Herrschaft des Islam ablehnen und sich damit der gottgewollten Ordnung verweigern, bilden das "Reich des Krieges". Dieses Reich der Ungläubigen ist von den Muslimen als Feind anzusehen: Es in Form des 'kleinen Djihad' 5 bzw. des "heiligen Krieges" zu bekämpfen ist göttliche Pflicht. Die Handlungslogik der frühmuslimischen Beutezüge widerspiegelnd, wird die Verpflichtung zum heiligen Krieg im Koran sowie in den Traditionen des Propheten (Hadith) immer wieder betont. Hierzu einige Beispiele:


"Sie wünschen, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und daß ihr (ihnen) gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmet keinen von ihnen zum Freund oder Helfer" (Sure 4, 89).

"Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf" (Sure 9, 5).

"Kämpfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und nicht verwehren, was Allah und sein Gesandter verwehrt haben, und nicht bekennen das Bekenntnis der Wahrheit, bis sie den Tribut aus der Hand gedemütigt entrichten. Und es sprechen die Juden: Esra ist Allahs Sohn.' Und es sprechen die Nazarener: 'Der Messias ist Allahs Sohn.' Solches ist das Wort ihres Mundes. Sie führen ähnliche Reden wie die Ungläubigen von zuvor. Allah, schlag sie tot! Wie sind sie verstandeslos!" (Sure 9, 29, 30).

"Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt. ... Und hätte Allah gewollt, wahrlich, er hätte selber Rache an ihnen genommen; jedoch wollte er die einen von euch durch die anderen prüfen. Und diejenigen, die in Allahs Weg getötet werden, nimmer leitet er ihre Werke irre. Er wird sie leiten und ihr Herz in Frieden bringen. Und einführen wird er sie ins Paradies, das er ihnen zu wissen getan. ... Und viele Städte, stärker an Kraft als deine Stadt, welche dich ausgestoßen hat (Mekka), vertilgten wir, und sie hatten keinen Helfer!" (Sure 47, 4-6, 13).









Im Djihad-Gebot gelangen zwei zentrale Wesensmerkmale des Islam zum Ausdruck: Zum einen der militant-kriegerische Wille zur totalen Weltherrschaft:

"Und kämpfet wider sie, bis kein Bürgerkrieg6 mehr ist und bis alles an Allah glaubt" (Sure 8, 40).
Das islamische Gottesgesetz soll nicht nur für ein auserwähltes Volk gelten, sondern über alle Menschen herrschen 7 . Zum anderen wird deutlich die moralische Vorrangstellung der militanten Glaubenskämpfer als "Muslime erster Klasse" hervorgehoben :

"Und nicht sind diejenigen Gläubigen, welche (daheim) ohne Bedrängnis sitzen, gleich denen, die in Allahs Weg streiten mit Gut und Blut. Allah hat die, welche mit Gut und Blut streiten, im Rang über die, welche (daheim) sitzen, erhöht. Allen hat Allah das Gute versprochen; aber den Eifernden8 hat er vor den (daheim) Sitzenden hohen Lohn verheißen" (Sure 4, 959.




Dem universellen Herrschaftsanspruch des Islam entspricht folglich die Dominanz einer militärischen Akzentuierung des Djihad-Prinzips, was konsequenterweise die moralische Vorrangstellung der aktivistischen Glaubenskämpfer beinhaltet. Um diese nun in ihrer Eigenschaft als Märtyrer, die für die Durchsetzung der Gesetze Allahs ihr irdisches Leben opfern, zu prämieren, hat der Islam - gewissermaßen als psychische Antriebsquelle - einen ausgeprägten Paradiesglauben kultiviert. Es gibt nicht nur eine Sure, in der die Figur des Märtyrers idealisiert wird, wie manchmal behauptet wird (vgl. z. B. Meddeb 2002, S.202):


"Und wähnet nicht die in Allahs Weg gefallenen für tot; nein, lebend bei ihrem Herrn, werden sie versorgt" (Sure 3, 169). So heißt es z. B. auch in Sure 4, 76: "Und so soll kämpfen in Allahs Weg, wer das irdische Leben verkauft für das Jenseits. Und wer da kämpft in Allahs Weg, falle er oder siege er, wahrlich, dem geben wir gewaltigen Lohn." Sehr eindeutig sind auch folgende Aussprüche Mohammeds, die in den Traditionen überliefert sind: "Gott unterstützt den, der für den Pfad Gottes kämpft. Wenn er überlebt, kehrt er mit Ehren und Beute beladen nach Hause zurück. Wird er aber getötet, wird er ins Paradies gelangen." "Die Grenzen des Islam nur einen einzigen Tag zu bewachen ist mehr wert als die ganze Welt und alles, was in ihr ist." "In den letzten Tagen werden die Wunden der Kämpfer für den Pfad Gottes offenbar werden, und Blut wird ihnen entströmen, aber es wird wie Moschus duften". "Im Kampf für den Pfad Gottes getötet zu werden löscht alle Sünden aus." "Wer stirbt und nie für die Religion des Islam gekämpft hat und nie auch nur in seinem Herzen zu sich gesprochen hat: 'Wollte Gott, daß ich ein Held wäre und für den Pfad Gottes sterben könnte', der ist einem Heuchler gleich." "Für den Pfad Gottes zu kämpfen oder dazu entschlossen sein ist eine göttliche Pflicht. Wenn dein Imam dir befiehlt, in den Kampf zu ziehen, dann gehorche ihm."









Die elementare Verknüpfung von religiösem Überlegenheitsanspruch, universell-absolutistischem Herrschaftswillen und Djihad-Prinzip hat zwei folgenschwere Konsequenzen:



Zum einen wird hier mit der religiösen Überhöhung von Gewaltanwendung sowie der normativen Verankerung von Mord, Raub, Versklavung und Tributabpressung als religiöse Pflicht eine aggressive Disposition bei den unter dem Diktat des konservativen Gesetzes-Islam sozialisierten Gläubigen geschaffen. So kann es auch nicht überraschen, daß selbst unter in Deutschland lebenden türkischen Jugendlichen ein überaus starker "Zusammenhang zwischen einem islamzentrierten Überlegenheitsanspruch mit einer vorwiegend konservativ-traditionellen Sichtweise und einer religiös fundierten Gewaltbereitschaft" (Heitmeyer/Müller/Schröder 1997, S.130) herausgefunden wurde 10 . So stimmten 35,7% der befragten türkischen Jugendlichen der Aussage zu "Wenn es der islamischen Gemeinschaft dient, bin ich bereit, mich mit körperlicher Gewalt gegen Ungläubig durchzusetzen". 24,3% bejahten die Aussage "Wenn es der islamischen Gemeinschaft dient, bin ich bereit, andere zu erniedrigen". 28,5% regierten positiv auf die Aussage "Gewalt ist gerechtfertigt, wenn es um die Durchsetzung des islamischen Glaubens geht". Und 23,2% stimmten der Aussage zu "Wenn jemand gegen den Islam kämpft, muß man ihn töten". (Vgl. Heitmeyer/Müller/Schröder 1997, S.129).



Zum anderen fördert das islamische Überlegenheitsgefühl und der daraus hervorgehende Herrschaftswille die Orientierung auf eine kleptokratisch-parasitäre Raub-, Plünderungs- und Tributabpressungsökonomie an Stelle einer vernunftgeleiteten produktiv-kreativen Wirtschaftstätigkeit und Wissenskultur. D. h. der normative Kanon des Islam ist auf die Fixierung einer aristokratisch-klientelistischen Herrschaftskultur konzentriert mit ihren prämodern-mittelalterlichen Abhängigkeitsverhältnissen, Verteilungsprinzipien, Bereicherungsmethoden, Wertvorstellungen und Ehrenbegriffen. Damit sind die elementaren Bestandteile eines Teufelskreislaufes benannt, der heute in der fatalen Verbindung von leicht entflammbarer Aggressionsbereitschaft, einer ausgeprägten Rentiersmentalität und ökonomischer Stagnation sichtbar wird. (Vgl den ersten und zweiten arabischen Bericht über die menschliche Entwicklung 2002 und 2003.)




Insgesamt betrachtet entspricht dem islamischen Streben nach universeller Herrschaft ein differenziertes strategisches Vorgehen, das weltliche Kräfteverhältnissen sehr wohl zu berücksichtigen weiß. Seine Grundmaxime lautet: Verpflichtung zum Kampf mit offenem Visier bei eigener Stärke und fremder Schwäche; Unterlassung des offenen Kampfes bei eigener Schwäche und fremder Stärke. Angesichts einer Machtkonstellation, wo die Kräfte des Kufr überwiegen, was beispielsweise für die Situation immigrierter Muslime in einem nichtislamischen Einwanderungsland zutrifft, ist demnach die Methode der 'Verstellung' bzw. 'Täuschung' angebracht. D. h. der Glaubenskämpfer wird dazu angehalten 'taqiya' zu üben. 'Taqiya' bedeutet, daß ein Muslim seine religiöse Überzeugung oder seine wahren Absichten verbergen soll, wenn er sich in einer unterlegenen Position befindet. So heißt es in der Scharia:


"Wenn es möglich ist, ein Ziel nur durch Lügen und nicht durch die Wahrheit zu erreichen, dann ist lügen erlaubt, wenn das Ziel eine erlaubte Handlung ist, und obligatorisch, wenn das Ziel obligatorisch ist... (Die Welteroberung durch den Islam ist ein obligatorisches Ziel, Anm. Redaktion.)" (Verein contra Fundamentalismus/http://mypage.bluewindow.ch/a-z/vcf/index2.html.)




Als konkrete Verhaltensform tritt 'taqiya' als heuchlerische Anpassung an die nichtislamische Umgebung bei gleichzeitiger Verschleierung der eigenen Absichten in Erscheinung. Das gilt insbesondere auch für die doppelbödige Praxis der türkischen Islamisten in Deutschland: "Gegenüber Deutschen und in deutscher Sprache betont man unablässig, auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen und den Dialog zu wollen. Gegenüber Türken und in türkischer Sprache überwiegen Hetzparolen gegen die deutsche Demokratie, den Pluralismus und die angeblich 'sittlich verrotete' deutsche Gesellschaft'" (Hildegard Becker, zit. n. Spuler-Stegemann 2002, S.55).




3) Der Islam tritt aber nicht nur nach außen mit einem imperialen Herrschaftsanspruch auf, sondern dient auch nach innen als normative Begründung und Rechtfertigung einer intramuslimischen Herrschaftsordnung. Unter Verweis auf den Koran, Sure 4, Vers 59 ("O ihr, die ihr glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben"), werden die irdischen Herrschaftsbeziehungen innerhalb der islamischen Gemeinwesen als heiliges Gebot Allahs sanktioniert. Im Zentrum dieser islamischen Herrschaftsordnung steht der Imam, der Leiter der muslimischen Gesamtgemeinschaft. Da das religiöse und das staatliche System eine Einheit bilden und der Imam als Nachfolger des Propheten (Kalif) gilt, fungiert er zugleich als unantastbarer religiöser und politischer Führer im Interesse der Erhaltung der göttlichen Gesetzesordnung. Nach dem Tod Mohammeds und der ersten vier Kalifen wurde während der Dynastie der Abbbasiden der Islam zunehmend an die neuen Erfordernisse der Herrschaftstätigkeit angepaßt. Dabei ging es vordringlich darum, die herrschaftlichen Tributforderungen und Steuern angesichts des ausgedehnten islamischen Reiches und der nun stagnierenden Expansion zu begründen 11 In diesem Prozeß der verstärkten legitimatorischen Funktionalisierung des Islam übernahmen die Rechtsgelehrten zunehmend "die Rolle von Herrschaftsideologen" (Ayubi 2002, S.54) und Beratern der Imame und es etablierte sich der konservatisch-herrschaftideolgische 'Gesetzes-Islam'. Den Rechtgelehrten oblag es , die jeweilige Herrschaftspraxis im nachhinein im Sinne der religiösen Quellen zu rationalisieren, also 'sophistisch' einen Einklang zwischen absolutem Text und Realität zu konstruieren. Ibn Taimiyya (1236-1328), der heute ein herausragender Bezugsautor der islamischen Fundamentalisten ist, bestimmte den Sultan als "Schatten Allahs auf Erden" und betonte, daß die sechzigjährige Herrschaft eines ungerechten Imams besser sei als eine einzige Nacht ohne einen Sultan. Damit wird ein Widerstandsrecht der Muslime auch gegenüber einem von den religiösen Vorschriften abweichenden Herrscher kategorisch ausgeschlossen; vielmehr wird Widerstand mit strafwürdigem Unglauben gleichgesetzt und als Gotteslästerung verfolgt. Das dominant werdene Islam-Konzept der herrschaftsideologischen Rechtsgelehrten bestimmt damit die Menschen als Sklaven Gottes sowie als gehorsamspflichtige Untertanen der herrschaftlichen Vollstrecker und Sachwalter des göttlichen Willens. Zudem wird die Erneuerung von Glauben und Gesellschaft in Form rational begründeter Innovation als Häresie angesehen und verfolgt. Im Endeffekt wird die Entsubjektivierung der Menschen kategorisch festgeschrieben: "Die Menschen sind die Diener Gottes, die Herrscher vertreten Gott bei seinen Geschöpfen, und sie sind Ermächtigte über diese selbst" (Ibn Taimiyya, zit. n. Tibi 1996, S. 173). Grundcharakteristikum des Gesetzes-Islam ist damit die 'Heiligung' der bestehenden, in der Regel despotischen Herrschaftsordnung. Das schließt ein: (a) das Fehlen eines antidespotischen Widerstandsrechts der Muslime gegen "ungerechte" Herrscher sowie (b) die Vorenthaltung von Individualrechten. In dieser bis heute dominanten Form erweist sich der Islam als ideologisch-normativer "Kitt" des orientalischen Despotismus.





4) Das Herzstück des herrschaftsideologischen Islam-Konzepts ist die Transformation von Koran und Sunna in das Konstrukt des islamischen Gottesgesetzes, die sog. Schari’a. Dabei handelt es sich um eine willkürliche Schöpfung orthodoxer Rechtsgelehrter, die den situationsspezifischen Aussagebestand des Koran sowie zeitgebundene Äußerungen und Verhaltensweisen des Propheten (Traditionen/Hadith) in ein absolutes und unwandelbares, jederzeit und überall geltendes System von Vorschriften und Strafregeln verwandelten. Wesentlicher Bestandteil dieses Konzeptes ist die Setzung der Rechtsgelehrten als höchste Autoritäten und Wächter der Schari'a , denen die Oberhoheit in Auslegungs-, und Entscheidungsfragen zukommt. Demnach darf niemand die Auslegung des Koran und der Schari’a durch die mittelalterlichen Gelehrten in Frage stellen. So heißt es in der kategorischen Forderung an Koranschüler:


"Lege nie einen Koranvers nach deiner eigenen Vorstellung aus, sondern prüfe nach, wie ihn die Gelehrten des "heiligen Textes und die weisen Männer, die vor die lebten, verstanden haben. Wenn du den Vers anders verstehst und deine Auffassung dem "heiligen Gesetz" widerspricht, verlass deine erbärmliche Meinung und schleudere sie gegen die Wand" (Vgl. Fußnote 14).




In dieser Gestalt vollendet sich der Totalitätsanspruch des Islam, der ja darauf abzielt, den ganzen Menschen in allen Lebensbereichen zu erfassen12. Denn mit der Schari’a tritt die islamische Religion als absolutistisches System von Alltagsregeln, Vorschriften und Sanktionen in Erscheinung, denen sich der Einzelne bei Strafe massiver körperlicher und psychischer Repression bis hin zur Todesstrafe fügen muß.




Der Charakter der Schari’a als Kodex einer totalitären Lebensführungsdiktatur manifestiert sich deutlich sichtbar in folgenden Bestimmungen 13 :


"'Den Koran erörtern ist Unglaube' (und soll mit dem Tod bestraft werden)."

"'Eine sarkastische Einstellung gegenüber irgend einem Gesetz oder einer Verordnung des 'heiligen Gesetzes' haben.' (bedeutet 'Abfall vom Glauben' und wird mit dem Tode bestraft.)"

"Frömmigkeit ist, sich allen Gesetzen der Scharia unterwerfen."

"Heiliges Wissen (Kenntnisse über die Scharia) ist mehr wert als Frömmigkeit."

"Weder ist 'gut', was die Vernunft als 'gut' erachtet noch 'böse', was sie als 'böse' taxiert. Der Masstab von Gut und Böse ist das "Heilige Gesetz", nicht die Vernunft."

"(Dschihad (Heiliger Krieg) meint den Krieg gegen die Nicht-Muslime ... und bedeutet, Kriegführung, um die Religion zu etablieren ...)"

"'Leugnen, dass es Allahs Wille ist, dass die ganze Welt der Religion von der Botschaft des Propheten folgt' (ist Abfall vom Glauben und wird mit dem Tod bestraft.)".

"Es ist obligatorisch, den Befehlen und Verboten des Kaliphen (islamischen Führers) (oder seinem Vertreter) zu gehorchen ... auch wenn er ungerecht ist."

"... dass es gegen das Gesetz verstößt, sich Kaliphen zu widersetzen und sie zu bekämpfen, auch wenn sie korrupt sind..."

"Wenn ein strenger Herrscher einen unfähigen Muslim als Richter einsetzt, werden dessen Entscheide aus Notwendigkeit befolgt, um die Anliegen und Interessen der Menschen nicht zu verderben."




Ein weiterer Wesenszug der Schari’a besteht in der detaillierten Festlegung sowohl von rituellen Praktiken als auch von profanen Alltagshandlungen. So ist z. B. das fünfmalige Beten pro Tag zahllosen Regeln bezüglich der Reinheit von Kleidung, Boden und Körper, der richtigen Körperhaltung beim Gebetsvorgang, der verbindlichen Aussprache des Gebets usw. unterworfen. Ebenso verhält es sich mit Essens- und Kleidungsvorschriften. So "propagieren islamistische Religionsdeuter inzwischen selbst Medikamente mit einem kaum noch nachweisbaren Alkoholzusatz und Süßigkeiten, wie Gummibärchen oder Schokolade als haram 14 , da in ihnen Gelatine enthalten ist, die aus Knochen vom Schwein hergestellt wird. Die Liste der entsprechenden Ernährungsvorschriften ist inzwischen derart umfangreich, dass die Verbraucherzentrale in Bremen extra dazu ein Büchlein herausgegeben hat" (Zentrum Demokratische Kultur 2003, S.161).




Ein wesentlicher Bestandteil der Schari’a sind die Strafgesetze. Unterschieden wird in diesem Bereich zwischen Verstößen gegen das Gottesrecht (Haq Allah) und Vergehen von Menschen gegen Menschen (Haq adami). So darf ein Muslim seinen Glauben weder wechseln noch widerrufen. Für Apostasie sieht die Schari’a für Männer die Todesstrafe vor. Die Vollstreckung der Todesstrafe erfolgt mittels Steinigung oder Enthauptung durch das Schwert. Weitere Strafbestimmungen, die sich bereits bei Ibn Taimiyya finden, sind z. B.: "Wer Zina (unehelichen Verkehr) begeht, soll mit Steinen beworfen werden, bis der Tod eintritt. ... Wer Wein trinkt, soll ausgepeitscht werden" (Tibi 1996, S. 175). Auch Homosexualität wird mit der Todesstrafe geahndet, während lesbische Liebe zunächst "nur" mit 100 Peitschenhieben bestraft wird und "erst" beim vierten Mal die Todesstrafe zur Anwendung gelangt. Nach Auffassung des Experten Joseph Schacht ist das islamische Recht "das Mark des islamischen Denkens ... der Kern und das Wesen ... des Islam selbst. ... Die Theologie war nie in der Lage, eine vergleichbare Bedeutung im Islam zu erlangen ... es ist unmöglich, den Islam zu begreifen, ohne das islamische Recht zu verstehen" (zit. n. Tibi 2000, S. 87).








5) Der herrschaftsbegründende und -legitimierende Wesenszug des Islam tritt nicht zuletzt in einem ausgeprägt repressiven Patriarchalismus in Erscheinung. Die Grundlage hierfür bietet die folgende unmißverständliche Aussage des Koran (Sure 4, Vers 34):



"Die Männer sind den Frauen überlegen wegen dessen, was Allah den einen vor den anderen gegeben hat, und weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) auslegen. Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam und sorgsam in der Abwesenheit (ihrer Gatten), wie Allah für sie sorgte. Diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet - warnet sie, verbannt sie aus den Schlafgemächern15 und schlagt sie. Und so sie euch gehorchen, so suchet keinen Weg wider sie; siehe Allah ist hoch und groß."




Diese patriarchalische Ungleichstellung und Herrschaftsbeziehung zwischen den Geschlechtern ist untrennbar mit einer repressiven Sexualmoral verknüpft. In deren Mittelpunkt steht ein Bild von der Frau als einem von Begierden getriebenen Wesen, das als permanenter Ausstrahlungsherd satanischer Versuchungen unter fortwährender männlicher Gehorsamskontrolle zu halten ist. "Der Philosoph Al-Ghazali (gest. 1111) spricht sogar vom Verhältnis des Mannes zur Frau als dem Jäger zur Beute, der sie zur Strecke bringt, um dem Dienst an Allah gerecht zu werden" (Raddatz 2002, S.284). Zur Bannung der vom weiblichen Wesen ausgehenden Versuchung und zur Eindämmung der daraus erwachsenden Gefährdungen schreibt die praktische Ethik des Gesetzes-Islam eine Reihe von operativen Maßnahmen vor. Ihre wichtigsten sind: (a) eine rigorose voreheliche Trennung der Geschlechter; (b) die weitgehende Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen Raum und (c) die Verschleierung der Frauen in der Öffentlichkeit. Hinzu kommt, daß der Geschlechtsakt als unrein gilt. Er "wird von Riten und Beschwörungen begleitet, die eine gefühlsmäßige Distanz schaffen und die geschlechtliche Befriedigung auf seine elementarsten Funktionen reduziert: Orgasmus und Fortpflanzung. Die Botschaft des Islam ... geht davon aus, daß die Menschheit nur aus Männern besteht. Die Frauen stehen außerhalb der Menschheit und sind sogar eine Bedrohung für sie" (Fatima Mernissi, zit. n. Raddatz 2002, S.285).



Die islamische Projektion der Frau als triebhafte Abgesandte teuflischer Versuchung, die letztendlich die Alleinverantwortung für die durch sie ausgelöste Begierde des Mannes trägt, hat schließlich auch zur Blockierung einer männlichen Selbstkontrolle des Sexualverhaltens durch Verinnerlichung und Sublimierung beigetragen. Wie Ayubi (2002, S. 60) klarstellt, "legt die arabisch-islamische Kultur den Nachdruck auf die Durchsetzung der Moral 'von außen' anstelle 'von innen' - auf Vorkehrungsmaßnahmen anstelle von 'verinnerlichten Verboten'. Anstelle von Männern Sozialisierung und Erziehung zur Selbstbeherrschung zu erwarten, besteht die Lösung im Endergebnis darin, den Körper der Frau zu verbergen und sie - mit Ausnahme der ehelichen Beziehung - so gut wie möglich von Männern fern zu halten."16



Der moralische Vergesellschaftungseffekt dieses islamischen Geschlechtsdiskurses besteht nun darin, daß Frauen, die sich "unvorschriftsmäßig" verhalten, also sich z. B. unverschleiert und ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit bewegen, als moralisch defizitär und damit als "Freiwild" angesehen werden.



Daß unter den soziokulturellen Herrschaftsbedingungen des islamischen Patriarchalismus Liebesheiraten und Partnerschaftsehen 17 sich nur schwerlich entwickeln können, ist desweiteren dem Umstand geschuldet, daß die islamische Ehe im Grunde nicht auf freier Partnerschaftswahl beruht, sondern im Stile eines Kaufvertrages geschlossen wird, wobei die Frau auf die Eigenschaft einer austauschbaren Handelsware mit sexueller Grundfunktion beschränkt ist. So dominiert auch heute noch in der islamischen Welt der Modus der 'versprochenen Zwangsheirat' bzw. der patriarchalisch kontrollierten 'unfreien Gattenwahl'. Entsprechend "blieben in den meisten muslimischen Ländern Polygamie, Kinderheirat und Scheidung durch Verstoßung gesetzlich und häufig sozial zulässig. Polygamie und Kinderheirat, beide vom Schah abgeschafft, wurden von der Islamischen Republik im Iran wieder eingeführt" (Lewis 2001, S.90). Nach Mitteilung von Frauenrechtsorganisationen werden heute im Niger jedes Jahr zehntausende Mädchen im Alter von 11-13 Jahren zur Hochzeit gezwungen (Neue Osnabrücker Zeitung vom 25.06.2002, S.3). Auch in Deutschland werden islamische Zwangsehen unbehelligt praktiziert, wie schon von christlichen Frauenverbänden berechtigterweise angeprangert wurde 18 .




Während dem Mann (a) das Recht der Mehrehe, (b) das Recht auf Züchtigung der Frau und (c) das alleinige Recht auf Scheidung zusteht19, tauscht die Frau Unterwerfung unter die Autorität und Kontrollherrschaft des Mannes gegen materielle Sicherheit und Schutz ein. Die eheliche Herrschaftsstellung des Mannes konkretisiert sich schließlich in seiner permanenten Verfügungsgewalt über den Körper der Frau, die ihm nicht nur jederzeit als Sexobjekt zu dienen hat, sondern der er auch verbieten kann das Haus zu verlassen, einer Arbeit nachzugehen oder zu reisen.


"Der Mann ist nur verpflichtet, seine Frau zu unterhalten, wenn sie sich ihm hingibt oder sich ihm anbietet, das heisst, sie erlaubt ihm vollen Genuss ihrer Person und verweigert ihm nie Sex, weder am Tag noch in der Nacht. Sie ist nicht berechtigt zum Unterhalt wenn:

(1) sie rebellisch ist (das heisst, wenn sie ihm nicht gehorcht, sogar nur für einen Moment)

(2) sie ohne eine Erlaubnis reist, oder mit seiner Erlaubnis aber aus eigenem Bedürfnis;

(4) sie ohne Erlaubnis des Gatten freiwillig fastet ..." (weil er dann tagsüber auf Sex verzichten muss...)" 20








Fatal wirkt sich in diesem patriarchalischen Herrschaftskontext obendrein der elementare Tatbestand aus, daß die islamische Mannesehre unmittelbar an das normativ einwandfreie Verhalten seiner weiblichen Verwandten gekettet ist, so daß öffentlich bekanntgewordene Fehltritte wie z. B. "Fremdgehen" der Ehefrau, Verlassen des Ehemannes, Verweigerung des Beischlafs nach Zwangsverheiratung, Eingehen einer verbotenen Ehe mit einem Nicht-Muslim oder ähnliche Unbotmäßigkeiten oder Eigenwilligkeiten drakonische Strafen wie Steinigung oder Auspeitschen bzw. sog. Ehrenmorde nach sich ziehen.



Das zentrale Wahrzeichen des islamischen Patriarchalismus und Ausdruck der totalitären Konstitution der familialen Keimzelle der islamischen Herrschaftsordnung ist das Kopftuch und/oder die Ganzkörperverschleierung der Frauen. Als Legitimationsquelle des orthodoxen Gesetzes-Islam gilt hier Sure 33, Vers 59 des Koran:


"O Prophet, sprich zu deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, daß sie sich in ihren Überwurf verhüllen. So werden sie eher (als anständige Frauen, H. K.) erkannt und werden nicht verletzt."



In der Schari’a heißt es : "Die Nacktheit eines Mannes ... betrifft den Körper zwischen Nabel und Knie. Nacktheit einer Frau (auch wenn sie ein kleines Mädchen ist) betrifft den ganzen Körper ausser den Händen und dem Gesicht" 21




Entscheidend ist aus kritisch-analytischer Perspektive, das das Kopftuch angesichts der inhaltlichen Beschaffenheit und sozialisatorischen Prägekraft des konservativen Mehrheitsislam nicht einfach auf ein Symbol religiöser Überzeugung verkürzt und damit verharmlost werden kann, wie es eine indolente formaljuristisch überfrachtete Diskurslandschaft suggeriert. Worum es sich hierbei handelt, ist vielmehr das erzwungene oder bewußt-willentlich zum Audruck gebrachte Bekenntnis zu einer antiwestlichen, demokratie- und grundrechtsfeindlichen Herrschaftsideologie in religiöser Verpackung .Was in Gestalt des Ludin-Urteils negativ auf den aufklärungsethisch entkernten deutschen Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsapparat zurückschlägt, ist die eingangs bereits benannte Fehlbeurteilung des Islam als "reine" Religion. Tatsächlich aber sind im Islam Spiritualität, Herrschaftsideologie und grundrechtswidrige Normativität so eng miteinander verwachsen wie im menschlichen Körper Knochen, Muskeln und Sehnen. Das Kopftuch als passiven Ausdruck ausschließlich religiöser/spiritueller Überzeugung anzusehen ist deshalb nicht nur naiv, sondern selbstbeschädigend, denn es ist ein Symbol der Verachtung, das sich zum einen gegen die Werte der kulturelle Moderne richtet und zum anderen antiaufklärerische Integrationsverweigerung signalisiert. Es soll das Einleben und soziokulturelle 'Ankommen' seiner Trägerinnen und Hintermänner in der nichtmulimischen Aufnahmegesellschaft verhindern und sie in einer islamischen Subkultur gefangenhalten, wo sie leicht zu manipulieren sind. So ist das Kopftuch Wahrzeichen nicht nur der Islamisten, sondern auch des offiziellen orthodoxen Islam . "Beide vertreten den politischen Islam, beide verteufeln die westliche Kultur und beide wollen aus der Welt einen islamischen Gottesstaat à la Saudi-Arabien oder Iran machen. Die verschleierte Frau, die sich mit ihrer Kleidung zum Islam bekennt und sich damit gegen den Westen stellt, gehört zu ihnen, denn sie lassen keinen andern Islam zu als den ihrigen. Jedes neue Kopftuch bedeutet eine sichtbare Stärkung ihrer Ideologie. Darum setzen sie soviel daran, die Musliminnen davon zu überzeugen, dass sie den Schleier tragen müssen" (Verein contra Fundamentalismus, vgl. Fußnote 14). Generell ist die normative Leitidee des konservativen Islam, wonach die weibliche Hälfte der Menschheit aus religiösen Gründen zur öffentlichen Gesichtslosigkeit gezwungen wird, Ausdruck einer menschenfeindlichen Weltanschauung22, die nicht nur eine schwere Beleidigung und Demütigung säkular-humanistisch orientierter Menschen darstellt, sondern darüber hinaus auch ganz und gar unvereinbar mit den Leit- und Verfassungswerten eines menschenrechtlich-demokratischen Gemeinwesens ist.



Der Islam ist demnach zwar kein monolithisches, also ganz und gar gleichförmig-undifferenziertes Gebilde, aber ein durch konservativ-traditionalistische Auslegungsarten dominiertes Bedeutungssystem, das den einzelnen Gläubigen bzw. das islamische Subjekt systematisch in eine antiemanzipatorische, zugleich sklavische (gegenüber Allah), herrschsüchtige (gegenüber den Ungläubigen) und selbstgefällige (gegenüber dem sklavisch-herrschsüchtigen Ich) Richtung drängt. Hervorzuheben ist zudem, daß im Prinzip alle relevanten islamischen Bekenntnisformen inhaltlich gleichgerichtete totalitär-fundamentalistische Strömungen hervorgebracht haben, so z.B. den sunnitischen Fundamentalismus der Moslembruderschaft, den saudiarabische Wahabismus, den schiitisch-khomeinistische Fundamentalismus, die religiöse Ideologie der Ahmadiyya-Sekte etc.




Hinzu kommt die nahezu lückenlose multi-nationale Präsenz des Islamismus in allen Gesellschaften mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit von Marokko bis Indonesien.



Zweifellos gab und gibt es innerhalb des islamisch geprägten Kulturkreises fortschrittliche und humanistische Tendenzen. Aber wahr ist auch, daß sich diese Tendenzen bislang nicht durchzusetzen vermochten und so gut wie nie hegemoniefähig waren. So sind die "Vernichtung der Bücher des Averroes und sein Aufenthalt am Pranger vor der Moschee in Cordoba ... nur fragmentarische Beispiele für ein Vielzahl von Repressalien, denen kreatives, nichtorthodoxes Denken im Islam ausgesetzt war und ist" (Raddatz 2002, S.100). In dieser vorherrschenden Form ist der Islam vom Islamismus bzw. islamischen Fundamentalismus nicht etwa durch eine hermetische Mauer getrennt und stellt somit auch keinesfalls "das ganz Andere" oder aber das direkte Gegenteil dar. Ebenso wie der deutsche Faschismus im sog. "Jungkonservatismus" der Zwischenkriegszeit seine weltanschauliche Wegbahnung vorfand, beruht der islamische Fundamentalismus auf der umfassenden geistigen Vorarbeit des traditionalistischen Schari’a-Islam. Entsprechend läßt sich auch eine enge soziale, politische und ideologische Verflechtung zwischen den konservativ-traditionalistischen und den fundamentalistischen Kräften des Islam nachweisen. So stellten sich etwa im Jahr 2000 Ägyptens islamische Autoritäten zusammen mit der islamistischen Opposition gegen einen Gesetzentwurf, der es Frauen erlaubt hätte, auch ohne die schriftliche Einwilligung ihres Mannes ins Ausland zu reisen. Die Regierung zog das Vorhaben zurück. Eine ebenso erfolgreiche Koalition, die die parlamentarische und die außerparlamentarische islamistische Opposition sowie den Religionsminister zusammenbrachte, verhinderte in Marokko einstweilen wesentliche Änderungen des Familienrechts - insbesondere ein Verbot der Polygamie -, die Marokkos junger König Muhammad VI. offenbar gerne durchgesetzt hätte" (Perthes 2002, S.121).




So erweist sich der Islamismus seinem inhaltlichen Wesen nach lediglich als eine selektive Radikalisierung und kämpferische Zuspitzung kulturraumspezifisch vorgefundener konservativer Ideen, Ideologeme und Interpretationsmuster. Deshalb ist es auch ganz und gar ungerechtfertigt, wenn muslimische Propagandisten - im Sinne eines schönfärberischen Ablenkungsmanövers für die westliche Öffentlichkeit - den islamischen Fundamentalismus als illegitime Fälschung des "wahren Islam" auszugeben versuchen. Dem widerspricht wiederum vehement die in ihrem Heimatland Bangladesh verfolgte und mit dem Tode bedrohte Schriftstellerin Taslima Nasrin. Nach ihrer Auffassung besteht zwischen der Kernsubstanz des Islam und dem Islamismus kein Unterschied: "Alle Lehren des islamischen Fundamentalismus stammen aus dem Koran, der Sunna und den Hadithen. (...) Konsequenter und kohärenter als moderate und liberale Muslime haben die Fundamentalisten den Islam zur Grundlage einer radikal-utopischen Ideologie gemacht, die zum Ziel hat Freiheit und Demokratie (abzuschaffen)" (MIZ 4/02, S.25).




Natürlich sind nicht alle gläubigen Muslime orthodoxe Anhänger und radikale Verfechter des konservativ-reaktionären Scharia-Islam sowie des fundamentalistischen Islamismus. Bezogen auf den historisch gewachsenen und dominant gewordenen Aussage- und Interpretationsbestand des Islam - verkörpert in den autoritativen Mehrheitsauffassungen der islamischen Rechtsgelehrten - ist aber gleichfalls festzustellen, 'daß liberale' und 'moderate' Auslegungsarten einem abweichlerischen Revisionismus gleichkommen und sich folgerichtig in der Minderheit befinden. Der Verweis auf die Existenz moderater Auslegungsvarianten vermag somit nicht den totalitären Charakter des Islam als Herrschaftsideologie zu widerlegen.








2. Der islamische Fundamentalismus als regressiv-reaktionäre Widerspruchs- und Krisenverarbeitung



Wie seine verwandten christlichen, jüdischen, hinduistischen und buddhistischen Ausprägungsformen verkörpert auch der islamische Fundamentalismus, ähnlich wie die (neo)faschisistische Ideologie und Praxis als andersartige Totalitarismusvariante, den Typus einer aktivistischen, reaktionär-regressiven Widerspruchsverarbeitung angesichts einer zugleich objektiv-realen (ökonomischen, sozialen, politischen) und geistig-kulturellen Krisensituation. Charakteristisch ist hierbei, daß zwar reale gesellschaftliche Krisensymptome (soziale Gegensätze, Werteverfall, gesellschaftliche Anomie, Entsittlichungsphänomene u.a.) mobilisierungsideologisch aufgegriffen und angeprangert werden, aber zugleich hinsichtlich der ihnen zugrunde liegenden herrschaftsstrukturellen Verursachungs- und Erzeugungsmechanismen verkannt und verzerrt, d.h. regressiv umgedeutet werden. Daraus resultiert dann eine 'reaktionäre' Orientierung und Handlungslenkung auf die Wiederherstellung traditioneller bzw. die Vertiefung bestehender Herrschaftsverhältnisse.




Um nun die Gestaltung konkreter Widerspruchs- und Krisenverarbeitungsprozesse genauer zu untersuchen, muß man die folgenden analytischen Untersuchungsschritte durchführen und aufeinander beziehen:



A) Aufschlüsselung der objektiven gesellschaftlichen Widerspruchs- und Krisenkonstellation als "Betroffenheitsgrundlage" des subjektiven Verarbeitungsprozesses;



B) Sichtung des kulturraumspezifisch vorhandenen objektiven "Bedeutungs- und Ideenmaterials" als Anknüpfungs und Orientierungsbasis für die subjektive Widerspruchs- und Krisenbewältigung sowie



C) Beschaffenheitsanalyse des widerspruchs- und krisenverarbeitenden Subjekts.








Bei der vorangegangenen Behandlung des Islam als religiöse Herrschaftsideologie haben wir uns auf der zweiten Analyseebene bewegt und den konservativ-orthodoxen Gesetzes-Islam als herrschaftskulturell dominantes Bedeutungssystem beleuchtet. Dabei wurde der Islamismus seinem inhaltlichen Wesen nach als eine selektive Radikalisierung und kämpferische Zuspitzung kulturraumspezifisch vorgefundener konservativer Ideen, Ideologeme und Interpretationsmuster bestimmt.








2.1 Die Verarbeitung der globalen Krise der islamischen Herrschaftskultur



Wenden wir uns nun der ersten Analyseebene zu und behandeln die Frage nach der subjektiv bedeutsamen Widerspruchs- und Krisenkonstellation der islamischen Gemeinschaft. Welche konkreten Widerspruchserfahrungen liegen dem schubweisen Aufstieg des Islamismus zugrunde?



Während im Selbstverständnis zumindest der streng gläubigen Muslime der Islam bzw. die im Koran fixierte Offenbarung den End- und Höhepunkt allen menschlichen Wissens darstellt und die Umma die beste aller menschlichen Gemeinschaften bildet, steht die weltweite politisch-militärische Vorherrschaft und ökonomisch-technologische Überlegenheit der westlich-nichtisalmischen Zivilisation dazu in einem eklatanten Widerspruch. D. h. der nach universeller Herrschaft strebende Islam sieht sich, spätestens seit dem Einfall Napoleons in Ägypten und dem Zerfall des osmanischen Reiches durch den 'überlegenen' Westen in seinen elementaren (identitätsbildenden) Herrschaftsambitionen blockiert. Den historisch-politischen Hintergrund für die Entstehung breit gefächerter Re-Islamisierungsbewegungen in den islamisch geprägten Ländern bildet demnach der neuzeitliche Zerfall des muslimischen Überlegenheitsgefühls, d. h. die identitätsbedrohende Erfahrung, daß die islamisch-arabische Kulturregion ihre ehemalige Dominanzposition im Weltmaßstab eingebüßt hat. Während der mittelalterlichen Glanzperiode schien nämlich die islamische Selbstbespiegelung, die "beste von Gott erschaffene Gemeinschaft unter der Menschheit" zu sein, ihre Entsprechung in der Wirklichkeit zu finden. Das galt nicht nur für die geistig-kulturelle Blüte im 8. bis 12. Jahrhundert, sondern auch für die militärisch gestützte Machtstellung des osmanischen Imperiums, das der von 1520 bis 1566 regierende Suleiman II. Kanuni ("der Prächtige") auf den Zenit seiner Größe und Herrlichkeit führte. Seit der Niederlage der osmanisch-türkischen Armeen, die mit den Verträgen von Karlowitz (1699) und Passorowitz (1718) besiegelt wurde, setzte dann allerdings ein schmerzlicher Wahrnehmungsprozeß ein, in dessen Spannweite nicht die eigene, sondern die fremde ('westlich-abendländische') Kultur in Gestalt von 'moderner' (Waffen-)Technik und Wissenschaft, kriegerisch-kolonialistischer Durchsetzungs- und Behauptungsfähigkeit, ökonomischer Potenz etc. als überlegen und übermächtig erfahren wurde und wird.




In neuerer Zeit ist diese durch die Realität erzwungene 'Verkehrung' des arabisch-islamischen Überlegenheitsgefühls in eine selbstwertverletzende Unterlegenheitserfahrung insbesondere durch die arabische Niederlage im israelisch-arabischen Sechs-Tage-Krieg 1967 23 eher noch vertieft worden. Durch diese traumatische Zäsur wurden zentrale Visionen zerstört bzw. demaskiert, die bis dahin als politische Leitkonzepte fungiert hatten; so die Ideale der arabischen Einheit, des arabischen Sozialismus 24 , der Befreiung Palästinas sowie der selbsttragenden ökonomischen Entwicklung. Als Reaktion auf die damit hervorgerufene "Glaubwürdigkeitskrise" und zwecks Wahrung ihrer angeschlagenen Machtpositionen sahen sich eine Reihe der diskreditierten arabischen Regime zur Installierung, Förderung und 'Steuerung' islamistischer Bewegungen veranlaßt. Eine besonders provozierende Erscheinungsform der westlich-abendländischen Dominanz bildet heute natürlich die militärische Präsenz der USA und weiterer westlicher Staaten in der islamischen Welt und hier vor allem, bis zum 11. September 2001, die Stationierung von Truppen sowie die Errichtung von Militärbasen in Saudi-Arabien, dem Land der heiligen Stätten (Mekka und Medina). Nach dem 11. September und dem militärischen Sturz des fundamentalistischen Taliban-Regimes sowie der militärischen Beseitigung der baathistischen Diktatur im Irak tobt aktuell ein heißer, wenn auch asymmetrischer Krieg zwischen der neokonservativ und christlich-fundamentalistisch regierten USA und den militanten Kräften der islamisch Herrschaftszivilisation.




'Haß auf den Westen' ist angesichts dieser globalen Unterlegenheits - und Fremdbestimmungserfahrung nicht etwa, wie viele in vordergründiger Gutgläubigkeit annehmen, die unschuldige Reaktion eines Subjekts, das nach freiheitlicher Selbstbestimmung und emanzipatorischem Abbau zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse strebt. Was im Islamismus aufschäumt, ist vielmehr der aggressive Ausdruck eines frustierten Willens zur globalen Herrschaft - die sozialpsychologisch-ideologische Präsenz eines sich dominiert fühlenden Subjekts, das selbst Herrscher sein will und lange Zeit Herrscher war. Zwar beinhaltete die islamische Kultur in Gestalt des rationalistisch-humanistischen Denkens eines Averroès und anderer Vertreter der "aristotelischen Linken" (Bloch) progressive Tendenzen. Aber diese wurden durch die repressive Hegemonie des konservativen Gesetzes-Islam an den Rand gedrängt, in ihren Institutionalisierungs- und Tradierungsmöglichkeiten behindert und damit letztendlich verschüttet. So blieb die 'Aufklärung' das qualitativ bestimmende 'Vorsprungsereignis' des Westens, während im islamisch beherrschten Kulturraum weder eine Trennung von Politik, Privatsphäre und Religion vollzogen wurde, noch die Idee der Menschenrechte und die Stärkung des Individuums zum Durchbruch gelangte und sich damit der orientalische Despotismus unbeschadet reproduzieren konnte. Im ungebrochen fortexistierenden theozentrischen Weltbild des orthodoxen Islam blieb der Mensch "Gottesknecht" und folglich in seinen rational-kreativen und emanzipatorisch-gesellschaftsverändernden Handlungspotentialen entscheidend blockiert und gelähmt. Dieser kulturhistorisch wirksame und gesamtgesellschaftlich prägende Triumph des Gottesgesetzes über instrumentelle ratio und kritisch-humanistische Vernunft erzwang das Verharren des islamischen Subjekts in einer veralteten, fatalistisch-passivierenden Selbstsicht und bildet den endogenen Krisengrund der islamischen Zivilisation. Anstatt aus der kapitalistischen Selbstnegation der Moderne zu lernen, wurde die kulturelle Moderne verteufelt, die ökonomische und technologische Modernität partiell übernommen und die Tradition des Despotismus beibehalten. Diese Beibehaltung der despotischen und oligarchisch-klientelistischen Herrschaftskultur bei nur partieller und einseitiger Übernahme westlicher Modernität (Technologie und kapitalistische Profitlogik ohne Menschenrechte, Pressefreiheit, freie Wahlen und ein säkulares Werte- und Bildungssystem) führte wiederum zur verfälschten und eindimensionalen Wahrnehmung der Moderne in der islamischen Welt und mußte schließlich scheitern. "Da die Anleihe beim westlichen Modell nicht zu Ende geführt wurde, geriet sie zu einer weiteren Niederlage, die all die anderen Niederlagen während der vorangegangenen Entwicklungen nur noch verschlimmerte" (ebenda, S.126). Dieses Scheitern der selektiven Modernisierung mit dem Resultat technologisch erneuerter Despotien bildet natürlich den politischen Nährboden für die Kräfte des islamistischen Totalitarismus, deren demagogisches Geschäft u.a. darin besteht, "das ausländische Modell an sich schlecht zu machen, ohne die Verfälschung zu beachten, die es bei seiner Anwendung erfahren hatte. Indem sie zur Rückbesinnung auf das eigene Modell aufrufen, vergessen diese halbgebildeten Agitatoren, daß das Scheitern der Demokratie im Rückfall in den Despotismus begründet ist, auf dem auch das von ihnen vertretene Modell basiert" (ebenda).




Der regressiv-reaktionäre Charakter der globalen Widerspruchsverarbeitung seitens der islamistischen Bewegung zeigt sich nun insbesondere darin, daß die Ergründung für die frustrierende Unterlegenheit nicht etwa in Form einer selbstkritischen Analyse der endogenen Entwicklungsprozesse und der internen Beschaffenheitsmerkmale der eigenen Herrschaftsordnung vorgenommen wird, sondern zur Konstruktion eines selbstentlastenden, alle Selbstverantwortung von sich weisenden Doppelmythos geführt hat. Demnach resultiert die Unterlegenheit zum einen aus dem Abfall der islamischen Eliten und der ihnen folgenden Bevölkerungsanteile vom "wahren Glauben" und zum anderen aus einer "Verschwörung" des Westens mit den abtrünnigen Elementen der einheimischen Bevölkerung. Nicht der Despotismus und Autokratismus der eigenen Herrschaftsträger wird angeprangert, sondern deren Zusammenarbeit mit dem verteufelten 'Westen' und die Zulassung westlicher Einflüsse. Dem 'Westen' wiederum wird im Rahmen einer ebenso selbstgerechten wie paranoiden Verschwörungsideologie, die nicht nur den Islamismus, sondern weite Sektoren des heutigen Mehrheitsislam kennzeichnet, die Schuld für sämtliche Übel und Mißstände der islamischen Welt zugeschrieben. Als durchaus repräsentativ für diese verschwörungsideologische Denkweise kann die folgende Aussage von Suleiman Abu Gheit, dem Sprecher der al-Qaida, angesehen werden: "Amerika ist der Grund für alle Unterdrückung, alles Unrecht, alle Lasterhaftigkeit und alle Unterdrückung, die die Muslime unterjocht. Es steht hinter all den Katastrophen, die die Muslime heimgesucht haben und immer noch heimsuchen" (zit. n. Küntzel 2002, S.129.).








Aus dem Hang zur Konstruktion einer selbstgerechten Verschwörungsideologie ergibt sich auch die islamismustypische Aufnahmebereitschaft gegenüber dem christlich-faschistischen Antisemitismus. "So kann es nicht verwundern, daß die Protokolle (der Weisen von Zion, H.K.) zum Bestseller in der gesamten islamischen Welt wurden, wobei ihr Druck und Vertrieb in ganz besonderer Weise vom Terrorstaat Iran und vom Staat des verdeckten Terrors, Saudi-Arabien, finanziert und vermarktet wurden" (Raddatz 2002, S.190). Diese antijüdisch-verschwörungideologische Kumpanei zwischen Islamismus und europäischem (Neo-)Faschismus kommt zudem darin zum Ausdruck, daß Ägypten nach 1945 zu einer Heimstatt von mehreren Tausend Naziverbrechern wurde, Holocaustleugnung in der arabischen Welt zu einer Art politisch-kulturellem Volkssport geworden ist25 und Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1999 "auf der Bestsellerliste im palästinensischen Autonomiegebiet auf Platz sechs rangierte" (Küntzel 2002, S.117). Eine besonders perfide Erscheinungsform dieser antijüdisch-antiwestlichen Verschwörungsideologie ist in der von islamischen Medien gestreuten Legende zu sehen, der israelische Geheimdienst (Mossad) sei der Drahtzieher der Attentate des 11. September 2001 gewesen. Immer wieder erklärte der Vater des ägyptischen Attentäters Mohammed Atta, sein Sohn sei vom Mossad entführt und zu der Terroraktion gezwungen worden, um Ägypten und dem Islam Schaden zuzufügen. "Auf diese Art", so Meddeb (2002, S.151), "entledigt sich ein Vater der Schuld, einen Kriminellen und ein Monster hervorgebracht zu haben!". Es stellt sich dann allerdings die das schizoide Denken des Islamismus entlarvende Frage, warum so viele Muslime die Verbrechen vom 11. September bejubelten, wenn es doch gleichzeitig dem Geheimdienst des Erzfeindes Israel zugeschrieben wird?









2.2 Die Verarbeitung der inneren Krise der islamischen Gesellschaftsordnungen



Die zweite Ebene der islamistischen Widerspruchswahrnehmung und -verarbeitung betrifft die innergesellschaftliche Krisenentwicklung. Bei näherer Betrachtung erweist sich diese interne Problemkonstellation der arabisch-islamischen Gesellschaftsordnungen als Verflechtung zweier grundlegender Prozesse: zum einen die Krise der regionsspezifischen Rentenökonomie und zum anderen die Krise der exogenen Modernisierung infolge abhängiger Kapitalakkumulation.



Werfen wir zunächst einen Blick auf die Krise der Rentenökonomie 26 :



Die Grundstruktur der arabisch-islamischen Gesellschaften ist geprägt durch die Kombination eines despotisch-klientelistischen Herrschaftssystems mit einer von Land zu Land differierenden Teilhabe an der Erdölrendite. Im Zentrum standen und stehen zum Großteil noch immer jene Staaten, die über die größten Ölressourcen und damit auch über die umfangreichsten Einnahmen aus dem Ölexport verfügen: Saudi-Arabien, die übrigen Golfmonarchien, Algerien, Libyen und der Irak (bis zum zweiten Golfkrieg). Im Sinne der panarabischen und panislamischen Gesamtverantwortungsideologie wurden diese Erdölprofite in der regionalen Öffentlichkeit als der ganzen arabisch-muslimischen Gemeinschaft gehörend angesehen, so daß ein System zwischenstaatlicher Hilfeleistungen bzw. ein Netzwerk des multinationalen Profitransfers 27 geschaffen wurde. So stiegen die Finanzhilfen der reicheren Staaten an die ärmeren im Verlauf des Erdölbooms der 70er Jahre sprunghaft an: "Offizielle Leistungen wuchsen von weniger als 400 Millionen Dollar im Jahre 1970 auf 1,4 Milliarden 1973, 4,7 Milliarden 1975 und 5,5 Milliarden im Jahre 1980. Mehr als achtzig Prozent davon waren bilaterale Hilfen, drei Viertel des Ganzen gingen an die drei Frontstaaten Ägypten, Syrien und Jordanien, die zumindest zum Teil auch noch umfangreiche inoffizielle Zuschüsse insbesondere für Rüstungsbeschaffungsmaßnahmen erhielten" (Perthes 2002, S.52). In den Empfängerländern wurden diese Transferzahlungen zu einem wesentlichen Bestandteil der Staatshaushalte und zu einer festen Stütze der dortigen Regime, die das Verfügungsmonopol über die Hilfsgelder besaßen und damit in der Lage waren, herrschaftspolitisch nützliche Gruppen und Schichten gezielt zu subventionieren und an sich zu binden. Auf diese Weise entstand zwar eine "ölgeschmierte Interdependenz" der arabisch-islamischen Staaten, die aber zugleich ein krasses Wohlstandsgefälle zur Folge hatte. "Lag 1970 das Pro-Kopf-Einkommem in Saudi-Arabien mit knapp 600 Dollar noch beim Dreifachen und das in Kuwait mit immerhin 3250 Dollar beim 16fachen des ägyptischen Pro-Kopf-Einkommens, so nahm die saudisch-ägyptische Differenz bis 1975 auf das 17fache, die kuwaitisch-ägyptische auf das 36fache zu. Für 1980 schätzte die Weltbank das ägyptische Pro-Kopf-Einkommen auf 580 Dollar, das saudische auf 11 260, also das 19fache, und das kuwaitische auf 26 080, das 45fache" (ebenda, S.53). Zudem manifestierte sich die hierarchische Interdependenz auch in der innerarabischen Arbeitsmigration. So wuchs die Zahl ägyptischer , jordanischer, jemenitischer, syrischer und palästinensischer Einwanderer in die Ölstaaten stark an und somit auch deren finanzieller Rücktransfer in die Herkunftsländer. "Gab es zu Beginn der 70er Jahre nur einige Hundertausend Arbeitsmiganten im Vorderen Orient, so belief sich 1980 die Zahl ausländischer Arbeitnehmer in den Ölstaaten auf drei Millionen, von denen 65% aus arabischen Ländern kamen" (Beck/Schlumberger 1999, S.60). Entsprechend zeigt die arabisch-islamische Region ein soziales Erscheinungsbild, das durch eine "doppelte Klassenstruktur" gekennzeichnet ist: Neben der sozialen Schichtung innerhalb der einzelnen Länder existiert ein ausgeprägtes zwischenstaatliches Ungleichheitsverhältnis.




In Anbetracht der zentralen Bedeutung, die den direkten oder abgezweigten Einnahmen aus dem Ölexport zukommt, lassen sich die arabisch-islamischen Gesellschaftssysteme als autokratische Rentierstaaten charakterisieren. Der volkswirtschaftliche Reichtum ist nur zu einem relativ geringen Anteil das Ergebnis produktiver und kreativer Eigenleistungen, sondern primär dem schicksalhaften Umstand bzw. dem günstigen Zufall geschuldet, auf einem Territorium mit einer kostbaren Ressource zu residieren oder an den Einnahmen aus diesem Umstand durch Alimentierung zu partizipieren. Als unmittelbar über die gewaltige Ölrendite verfügende Herrschaftseliten sind die autokratischen Oligarchien in der Lage, die staatlichen Einnahmen je nach politischem Machtkalkül zu verteilen, d. h. die Bürger willkürlich zu alimentieren, anstatt ihnen finanzielle Lasten aufzubürden. Während im westlichen Modell des modernen Steuerstaates die aktiven Wirtschaftsbürger (Selbständige, Lohn- und Gehaltsempfänger) durch Abgaben von ihren Einkommen den Staatshaushalt alimentieren und dafür im Gegenzug durch 'freie Wahlen' das staats- und regierungspolitische Geschehen (einschließlich der öffentlichen Haushaltspolitik) indirekt beeinflussen können (Steuern gegen Partizipation), basiert das Modell des autokratischen Rentierstaats auf dem Tausch von Alimentierung 'von oben' gegen Loyalität/Gehorsam 'von unten'. "Die herrschaftspolitische Maxime des Rentierstaates lautet somit 'Kooptation statt Partizipation' und 'Alimentierung statt Besteuerung'" (Beck/Schlumberger 1999, S.61).








Besonders hervorzuheben ist nun der kontraproduktive Effekt der Rentenökonomie, der entscheidend zur ökonomischen und gesamtgesellschaftlichen Stagnation und Regression beiträgt. Denn rentenökonomische Verhältnisse legen eine subjektive Handlungslogik nahe, auf Eigeninitiative, produktive Investitionen und kreative Organisationsleistungen und entsprechende Anstrengungen zu verzichten und statt dessen vorzugsweise Rent-Seeking zu betreiben, d. h. gute Beziehungen zu Subventionsinstanzen zu pflegen, sich einzuschmeicheln, feinste Techniken der Bittstellerei zu entwickeln und in Korruptionsnetzwerke einzufädeln etc. "Weniger produktive Tätigkeiten und Wettbewerb als vielmehr Patronagesysteme, die auf familiären Bindungen und persönlichen Kontakten beruhen, entscheiden im 'Allokationsstaat' über die Verteilung von Werten" (ebenda 1999, S.61f.). Hinzu kommt, daß die dauerhafte Alimentierung durch den zugleich autokratisch-repressiven und paternalistischen Versorgungsstaat - noch dazu in Verbindung mit der islamischen Selbstsicht als herrschaftsberufener Gemeinschaft - eine Rentiersmentalität befördert, die individuelle Anstrengungsbereitschaft und Selbstverantwortung zersetzt. So gewöhnten sich die Einwohner der Golfstaaten daran, "dass jede Tätigkeit, die lästig oder mit wenig Prestige verbunden war, von Arabern anderer Staaten und anderen Ausländern ausgeführt werden würde. In allen sechs Staaten außer Bahrain überstieg die Zahl der ausländischen Beschäftigten die der inländischen; in den Vereinigten Arabischen Emiraten machten die Gastarbeiter noch Ende der neunziger Jahre 75 Prozent aller Beschäftigten aus, hier sowie in Qatar und Kuwait stellten die Arbeitsmigranten auch eine Mehrheit der Gesamtbevölkerung" (Perthes 2002, S.291). Zudem verleitete die arabische Rentenwirtschaft viele Staaten dazu, ausländische Experten ins Land zu holen, anstatt eine inländische Wissenskultur aufzubauen und das selbst produzierte Wissen effektiv in ökonomischen Tätigkeiten anzuwenden. So wird auch im "Arabischen Bericht über die menschliche Entwicklung 2003" (Kurzfassung, S.12) fest gestellt,

daß "der Ölboom zur Aushöhlung vieler Werte und sozialer Impulse (führte), die für die Entwicklung, den Erwerb und die Verbreitung von Wissen hilfreich gewesen wären. Mit der Ausweitung negativer moralischer Werte in dieser Zeit wurde die Kreativität vernachlässigt und Wissen verlor seine Bedeutung für die menschliche Entwicklung. Der soziale Status von Wissenschaftlern, Intellektuellen und gebildeten Menschen nahm ab. Die neuen Maßstäbe für soziale Werte waren Geld und Vermögen. Dabei war es gleichgültig, auf welche Weise der finanzielle Reichtum erlangt wurde. Eigentum und Besitz ersetzten Wissen und Intellekt. Die wohl negativste Auswirkung die Entwicklung jedoch war, dass Werte wie Unabhängigkeit, Freiheit und Kritikfähigkeit auch begraben wurden ... Ergebnis war, dass Gleichgültigkeit, politische Apathie und ein Gefühl der Vergeblichkeit in vielen Schichten gefährlich überhand nehmen konnte."











Infolge des Erdölbooms der 70er Jahre florierte die Rentenökonomie und das darauf fußende 'petrolistische System' zunächst, während seine kontraproduktiven Schattenseiten noch im Verborgenen blieben. Auf der Grundlage der steigenden Ölrendite kam es in dieser Dekade zum Ausbau der Bürokratien, der öffentlichen Einrichtungen, der staatlichen Repressionsapparate sowie des Militärs und damit auch zum Wachstum der in diesen Sektoren beschäftigten lohn- und staatsabhängigen Mittelschichten. Diese neue städtische Mittelschicht wiederum entwickelte Konsumwünsche nach dem Muster der Industrieländer: Fernseher, Kühlschrank, PKW etc. sowie in Ansätzen einen nichttraditionalistisch-urbanen Lebensstil. Zu Beginn der 80er Jahre geriet das rentenökonomische System dann allerdings aufgrund des Zusammentreffens zweier Prozesse in eine tiefe Krise: Zum einen stagnierten die Ölpreise und fielen dann sogar, zum anderen wirkte sich das beschleunigte Bevölkerungswachstum z. B. in Gestalt einer zunehmenden Masse arbeitsloser und wohnungssuchender Jugendlicher aus. Durch das Zusammenfallen dieser beiden Prozesse wurde so ein negativer Wirkungszusammenhang ausgelöst, der eine gesamtgesellschaftliche Abwärtsbewegung in Gang setzte: Aufgrund der sinkenden Einnahmen aus dem staatlichen Ölexportgeschäft wurden die nationalen und zwischenstaatlichen Alimentierungsleistungen gekürzt, diverse Subventionen gestrichen sowie Arbeitsplätze abgebaut, so daß auch die Finanzrückflüsse der arabischen Arbeitsmigranten zurückgingen. "Dies wiederum griff die Basis aller am Petrolismus beteiligten Akteure an: Die Staaten verfügten nicht mehr über ausreichende finanzielle Mittel, um ihre Patronagesysteme aufrechtzuerhalten" (Beck/Schlumberger 1999, S.63). Die Folge davon war und ist eine umfassende soziale Frustration, Desorientierung und Perspektivlosigkeit rentierstaatlich sozialisierter und islamisch erzogener Menschen. Dabei manifestiert sich diese Verbindung von rentierstaatlicher Sozialisation und islamischer Erziehung wiederum in einer spezifischen Anspruchshaltung, die auch unter Krisenbedingungen fortwirkt. An den Import billiger Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern gewöhnt, leistet sich z. B. Jordanien trotz hoher Arbeitslosigkeit immer noch 200.000 Gastarbeiter, denn das Spektrum der Berufe, in denen Jordanier bereit sind zu arbeiten, ist sehr begrenzt: " Die jordanische Jugend, so ein Parlamentarier, lehne manuelle Arbeit ab und verlange nach einem Job in der öffentlichen Verwaltung: nach "Schreibtisch und Sessel'" (Perthes 2002, S.251). Noch gravierender ist das Beispiel Saudi-Arabiens: Obwohl die Arbeitslosigkeit unter der einheimischen Bevölkerung auf 14-35% unter Männern und mehr noch unter Frauen geschätzt wird, waren 1999 von 7,2 Millionen Beschäftigten im zivilen Bereich gerade mal 880.000 Saudis, "von denen wiederum zwei Drittel im ohnehin schon überbesetzten öffentlichen Dienst tätig waren" (ebenda, S.307).




Eingebettet in das soziokulturelle bzw. herrschaftsideologisch wirksame Bedeutungsgefüge des Islam bildet diese sozialökonomische Krise des rentierstaatlichen Versorgungssystem die materielle Basis des Formierungsprozesses der islamistischen Bewegung. Der Islamismus ließe sich demnach als eine regressiv-aktivistische Reaktion auf die Krise der rentengesellschaftlichen Alimentierung bestimmen und somit als eine reaktionäre Protestbewegung unproduktiver, nunmehr subventionsblockierter und damit abstiegsbedrohter Gesellschaftsschichten unterschiedlicher Couleur charakterisieren (islamische Geistliche und Theologiestudenten ohne Jobperspektive, ehemals protegierte Händlerschichten, Teile der staatsabhängigen Mittelschichten etc.), die eine radikalisierte Version des konservativen Gesetzes-Islam gegen die verteilungspolitisch delegitimierten Herrschaftsträger des autokratisch-paternalistischen Versorgungsstaates richten. Weit davon entfernt, die Gesetzmäßigkeiten fremdbestimmter Kapitalakkumulation zu begreifen und anzuprangern oder aber die Demokratisierung der despotischen Herrschaftsverhältnisse zu fordern, bleiben die Islamisten der totalitären Tradition des orientalischen Despotismus verhaftet, und begnügen sich - neben der Beschwörung der "Goldenen Vergangenheit" des medinesischen Ursprungsislam - mit der korporatistischen Forderung nach einem gottesherrschaftlichen Versorgungsstaat, der die Renten "gerechter" verteilen soll als die herrschenden Regime. Wohin dies in der Praxis führt, kann am Beispiel des fundamentalistischen Systems im Iran studiert werden, wo es die Herrschenden vorzogen, "den unter dem Schah aufgebauten öffentlichen Sektor veröden zu lassen und die Bevölkerung mit Einbußen im Lebensstandard zu konfrontieren" (Beck/Schlumberger 1999, S.71), d. h. eine Politik reaktionärer Gleichmacherei auf niedrigem Niveau zu praktizieren. Die gesellschaftspolitische Praxis hat nicht nur nachhaltig gezeigt, daß der Islam keine Lösung ist. Sie demonstriert vielmehr eindrucksvoll, das der Islamismus mit seiner Konservierung rentiergesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und Erwartungshaltungen sowie mit seiner totalitären Verschwörungsideologie den Blick auf die strukturelle Selbstblockade der arabisch-islamischen Gesellschaften systematisch verstellt und damit als eigenständiger Krisenfaktor wirkt.




Die Krise des rentenökonomischen Verteilungssystems und die dadurch verursachten sozialen Verwerfungen, Frustrationen und Abstiegsängste werden zusätzlich ergänzt und verstärkt durch die negativen Auswirkungen der exogenen, d. h. der 'unorganisch' und spontan-chaotisch von außen hereinbrechenden Modernisierung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse. Hervorstechende Erscheinungsformen dieses Umbruchprozesses sind z. B. die schnell anwachsende Landflucht, die dadurch bedingte rapide Urbanisierung, die Zunahme der außerhäuslichen Erwerbstätigkeit von Frauen, die verlängerte Ausbildungszeit des zahlenmäßig stark gestiegenen Nachwuchses, das zunehmende Einsickern westlich-kapitalistischer Konsumangebote und Dienstleistungen mit der dazugehörigen Werbung und Warenästhetik sowie die Ausdehnung der Bürokratie. Das strukturell herausragende Merkmal dieses ungeregelt verlaufenden Modernisierungsprozesse besteht darin, "dass die Zuwachsraten in der Industrialisierung niemals die Zuwachsraten in Verstädterung, Bildung und Bürokratisierung erreichen. Kapitalistische Tauschbeziehungen und die kapitalistische Kultur des Konsumfetischismus ergreifen die Volkswirtschaften viel schneller, als der Zuwachs an kapitalistischer Akkumulation erfolgen kann. In den großen Städten wird eine relativ kleine Schicht an Konsumenten geschaffen, der im Allgemeinen ein im Dienstleistungssektor tätiges Subproletariat beachtlicher Größenordnung gegenübersteht und ein ziemlich großes Lumpenproletariat, das von den Abfällen der Konsumentenschicht lebt" (Ayubi 2002, S.242). Von zentraler Bedeutung ist natürlich die massive Kollision der von außen hereinbrechenden Modernisierung mit der prämodern-islamzentrierten Herrschafts- und Alltagskultur, die umfassende und tiefgreifende klassen-, geschlechter- und identitätsstrukturelle Auswirkungen hervorruft. So bedeutete z. B. der "von oben" seitens des Schah-Regimes im Iran aufgezwungene Modernisierungsprozeß eine nachhaltige Deprivilegierung des traditionellen Basarmilieus sowie einen damit untrennbar verknüpften Prestigeverlust seiner sozialen Träger: Groß- und Kleinhändler, Krämer, Handwerker, angestellte Gesellen und Verkäufer, Arbeiter und Lastenträger. "Die Vorbildlichkeit der Lebensführung des Basars, der traditionell als Hort der Frömmigkeit gilt, wird von einem wesentlichen Teil der Bevölkerung nicht mehr anerkannt, demonstrativ mißachtet oder gar lächerlich gemacht. Alkoholkonsum, Glückspiel, Theater und Kinos, eine gewandelte Sexualmoral sowie ein abgrundtiefer Bruch mit traditionalistischen Vorstellungen über die gesellschaftliche Stellung der Frau demonstrieren dem Basarmilieu den Verlust seiner kulturellen Leitbildfunktion und Vorbildlichkeit" (Riesebrodt 1990, S.203f). Die aushöhlende Wirkung des Modernisierungsprozesses auf das traditionalistische Milieu manifestiert sich z. B. in der Entwertung religiöser und der Aufwertung säkularer Ausbildung als aufstiegsrelevanter Ressource , was nicht nur soziale Differenzierungsprozesse hervorruft, sondern zugleich intergenerative Divergenzen und Konflikte auslöst. "Teile der jüngeren Generation suchen ihre berufliche Laufbahn außerhalb des Basars und viele von ihnen haben mit seinen traditionalistischen Wertvorstellungen gebrochen. Eine zentrale Erfahrung der Kleinhändler und Handwerker besteht somit im Generationenkonflikt" (ebenda, S. 189).




Im Zuge des gesellschaftlichen Modernisierungstendenzen geraten nun insbesondere auch die traditionellen patriarchalischen Herrschaftsverhältnisse unter einen multisektoral wirksamen Druck: Im ökonomischen Bereich werden bislang patriarchalisch-paternalistische Beziehungsmuster zwischen traditionalistischen Unternehmern und Arbeitern durch sachlich-formalrechtliche Regelungen zwischen Kapital und Arbeit ersetzt; im kulturellen Bereich kommt es - im Zuge der Etablierung kapitalistischer Werbung, Warenästhetik und Freizeitkultur - zu einer Auflockerung der Sexualmoral; infolge der tendenziellen Einebnung geschlechtspezifischer Unterschiede in der Rechtsstellung und Arbeitsteilung wird die häusliche Autorität des Mannes gegenüber der Frau untergraben; im Zuge der quantitativen und qualitativen Zunahme der Bildungsprozesse inklusive säkularer Bildungsinhalte wird die Position der Elterngeneration gegenüber den Kindern geschwächt; mit der Einführung sozialbürokratischer Wohlfahrt und Sozialkontrolle wird die patriarchalische Fürsorge in Verbindung mit traditioneller Sozialkontrolle nach und nach verdrängt etc. Insgesamt resultiert daraus eine systematische Untergrabung der patriarchalischen Autoritäts- und Machtstellung. In Reaktion auf diese Bedrohung patriarchalischer Verhältnisse artikuliert nun die fundamentalistische Ideologie in dramatischer Weise die Notwendigkeit der Retraditionalisierung von Familie, Frauenrolle und Sexualmoral. Im Zentrum steht hierbei die 'Satanisierung' des weiblichen Körpers als Verführungsmacht 28 . So wird im islamistischen Diskurs das Auftreten unverschleierter, "nackter" Frauen in der Öffentlichkeit als deutliches Anzeichen für den Niedergang der islamischen Ordnung angesehen. "Das Verlassen der häuslichen Sphäre und die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben, vor allem in Form von Berufstätigkeit, wird als permanente Stimulierung des männlichen Sexualtriebes gedeutet. Leidenschaften träten an die Stelle von Selbstkontrolle. 'Tag und Nacht sehen sich Männer und Frauen von Angesicht zu Angesicht in den Straßen, Büros, Schulen, Fabriken und anderen öffentlichen Plätzen, wodurch der Sexualtrieb zu allen Zeiten ohne Kontrolle stimuliert wird'" (Riesebrodt 2000, S.121).




In dem Maße, wie der Modernisierungsprozeß auch eine Defunktionalisierung religiöser Bildung und Rechtsprechung bedeutet, erschüttert er zudem die soziale Stellung und die Zukunftsperspektive insbesondere der mittleren und niederen Geistlichkeit sowie des theologischen Nachwuchses. D. h. die Frustration von Aufstiegserwartungen und -ansprüchen verschärft den Radikalisierungsprozeß und sichert der fundamentalistischen Bewegung eine sprudelnde Rekrutierungsquelle.



Ökonomischer Bedeutungs- und sozialmoralischer Prestigeverlust der Basaris, Defunktionalisierung religiöser Bildung und Statuseinbuße ihrer geistlichen Träger sowie eine generelle Verunsicherung des traditionalen islamistischen Patriarchalismus sind demnach hervorstechende Mobilisierungsursachen des Islamismus. Zudem kann sich die Verbreitung der fundamentalistischen Ideologie auf die auch innerhalb der unteren Klassen und Schichten tief verwurzelte traditionelle islamische Religiosität stützen und erweist sich in diesem sozialen Kontext als subjektiv bedeutsame Erklärungsfolie für zahlreiche gesellschaftliche Mißstände. "Auf engstem Raum hausende Slumbewohner, die unter Wassermangel leiden; Arbeiter, denen die Unpersönlichkeit moderner Arbeitsorganisation fremd ist; subalterne Angestellte, die der Arroganz von Vorgesetzten ausgesetzt sind; Studenten, deren Aufstiegshoffnungen und Idealismus in schlecht bezahlten, untergeordneten Positionen enden; junge Männer, die Probleme mit dem Wandel der Frauenrolle und Sexualmoral wie auch dem späten Heiratsalter haben; Frauen, die die sexuelle Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln oder überfüllten Hörsälen leid sind; sie alle können in der fundamentalistischen Ideologie eine Artikulation ihrer Frustrationen finden" (Riesebrodt 1993, S. 14f).



Ein weiteres, die sozialpsychische, moralische und politische Situation in den islamischen Ländern kennzeichnendes Problem ergibt sich aus folgender Konstellation: Aufgrund der Bevölkerungsexplosion und der gleichzeitig wirksam werdenden sozialökonomischen Krise kam es zu einer raschen Zunahme karriereblockierter, arbeitssuchender und unverheirateter junger Menschen ohne soziale Perspektive. Infolgedessen stieg auch das durchschnittliche Heiratsalter, so daß sich der Zeitpunkt der Familien- und eigenständigen Haushaltsgründung deutlich verzögert hat. Andererseits gilt nach wie vor unverändert die konservativ-traditionalistische Sexualmoral, die voreheliche sexuelle Beziehungen strikt verbietet und verteufelt. Entsprechend hoch ist die sexuelle Frustration, die sich zur sozialen und arbeitsmarktlichen Enttäuschung noch hinzugesellt. Das sich daraus ergebende Aggressionspotential wird von den Islamisten wiederum als sprudelnde Quelle genutzt, indem die destruktiven Energien auf Ersatzobjekte bzw. Sündenböcke gelenkt werden: Ungläubige, unverschleierte Frauen, westliche Einflüsse, die Juden etc29.




2.3 Grundelemente der islamistisch-fundamentalistischen Ideologie



Im Grunde ist der Islam die ahistorische Fixierung und gleichzeitige religiöse Überhöhung einer frühmittlelalterlichen Sozial- und Moralordnung innerhalb des arabischen Kulturraums. Im subjektiven Horizont der Gläubigen wird dieser konkret-historische/situative Charakter des Koran freilich vollständig eliminiert 30 . Denn: Der Koran gilt den gläubigen Muslimen als direkter Offenbarungstext, d. h. jedes Wort und jedes Komma sind unmittelbar von Allah selbst geoffenbart und deshalb in jeder Einzelheit geschützt. Man nennt diese Weise der Eingebung unmittelbarer Offenbarungen durch Gott Verbalinspiration, d. h. wortwörtliche und buchstäbliche Offenbarungskundgabe. Ein solches Verständnis der Inspiration (Eingebung des Textes der Offenbarung durch Gott) ist offenkundig einer besonderen fundamentalistischen Gefahr ausgesetzt" (Kienzler 1996, S. 24).



Diese Verabsolutierung und Konservierung der koranischen Normative zu einem zeitlos gültigen Dogmensystem, das auch für die heutige Gegenwart den Status eines unhinterfragbaren Regelwerks beansprucht, ist als eine autonome Hauptquelle der kulturraumspezifischen Rückständigkeit sowie der dortigen Beibehaltung prämoderner (despotischer) Herrschaftsstrukturen anzusehen. Das bedeutet: Der orthodoxe Islam ist eine Grundursache des Problems. An Stelle einer selbstkritischen Aufarbeitung der eigenen Selbstblockade propagieren die Islamisten den Islam als Lösung und verstellen damit jedweden Ansatz zu einer fortschrittlich-emanzipatorischen Widerspruchs- und Problembewältigung in Richtung auf Säkularisierung, Demokratisierung, Gleichberechtigung und rational-humanistische Bildung. Statt dessen haben sie ein System ideologischer Abwehrmechanismen geschaffen, das exakt den selbstgerechten Herrschaftsanspruch der streng gläubigen Muslime bedient und folgende Deutungsmittel einsetzt:



a) das Operieren mit dem irrealen Mythos eines 'Goldenen Zeitalters',



b) die selbstentlastende Inszenierung eines ausgeprägten Verschwörungsdenkens in Verbindung mit einem antiwestlich-antijüdischen Feindbild sowie



c) die Setzung eines angeblichen Glaubensabfalls als innere Krisenursache.




Im einzelnen sind folgende Grundinhalte der islamistisch-fundamentalistischen Ideologie festzustellen:



1) Im Zentrum steht das Streben nach einer absoluten, totalitären und universalen Herrschaft des Islam unter Führung der Islamisten als gottesherrschaftlicher Avantgarde. So lautet z. B. die Parole des Gründers der Moslembrüder, Hassan al-Banna: "Gott ist unser Ziel, der Koran ist unsere Verfassung; der Prophet ist unser Führer; Kampf ist unser Weg, und Tod um Gottes willen ist unser höchstes Streben." (zit. n. Ayubi 2002, S.190). Sehr deutlich kommt das Wesen des islamistischen Herrschaftsanspruchs in der folgenden Aussage des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Khomeini zum Ausdruck: "Die islamischen Gesetze, weil sie göttlichen Ursprung haben, sind die einzige gültige Wahrheit, und sie gelten auf ewig und immer für die gesamte Menschheit. Der Prophet Muhammad hat alle erdenklichen Probleme der Menschheit im Koran und den Traditionen und Überlieferungen verkündet und mit seiner Botschaft alle früheren Religionen, Wahrheiten und Gesetze aufgehoben. Die gesamte Menschheit muss dem Propheten Muhammad gehorchen, und seine Gesetze sind rigoros anzuwenden" (zit. n. Choubine 2003, S.65). Dieser totalitäre Herrschaftsanspruch impliziert die Forderung nach einer islamischen Staatsordnung, in der die Schari’a das Alltagsleben regelt, die nur von streng gläubigen Muslimen geführt werden darf und in der alle Andersdenkenden und Unangepaßten systematisch unterdrückt und terrorisiert werden. So wurden und werden in der "Islamischen Republik Iran" Regimegegner als "Gottesgegner", "Krieger gegen Gott", "Verderber auf der Erde", "Feinde des Islam", "Mitglieder der Partei Satans", "Abtrünnige", "Ungläubige", "Apostaten", "Ketzer" und "Gegner des Stellvertreters Gottes" stigmatisiert. "Wer nicht auf die Befehle des geistlichen Führers hört, wird eingekerkert, gefoltert, vergewaltigt und erhängt, erschossen oder gesteinigt. Das heißt: wer nicht mit den Wölfen heult, wird gefressen" (ebenda, S.69).



2) Das Grundprinzip der staatsterroristischen Herrschaftsordnung des Islamismus ist die "Gottessouveränität", die "Hakimiyyat Allah". Nach diesem Prinzip kommt Gott/Allah die alleinige Souveränität zu, während die Menschen auf den Status von gehorsamspflichtigen Gottesknechten zurückverwiesen werden, denen die Aufgabe zufällt, die heiligen Gesetze zu erfüllen. S.201). Daraus folgt nun eine umfassende Verwerfung und Verteufelung des 'modernen' Prinzips der Demokratie. So erklärt der einflußreiche pakistanische Fundamentalist Maududi in seinem Pamphlet 'Der Islam und die moderne Zivilisation' ungeschminkt:


"Ich sage es Euch Muslimen in aller Offenheit, daß die säkulare Demokratie in jeder Hinsicht im Widerspruch zu Eurer Religion und zu Eurem Glauben steht ... Der Islam, an den Ihr glaubt und wonach Ihr euch Muslime nennt, unterscheidet sich von diesem häßlichen System total ... Selbst in Bagatellangelegenheiten kann es keine Übereinstimmung zwischen Islam und Demokratie geben, weil sie sich diametral widersprechen. Dort, wo das politische System der Demokratie und des säkularen Nationalstaates dominiert, gibt es keinen Islam. Dort, wo der Islam vorherrscht, darf es jenes System nicht geben" (zit. n. Tibi 2000, S. 80)31.




3) Der Unterschied zwischen konservativem Gesetzes-Islam und Islamismus besteht nun im Grunde darin, daß der Islamismus zum einen darauf besteht, Herrscher, die den islamischen Gesetzen zuwiderhandeln, also z. B. mit den "Ungläubigen" paktieren und kollaborieren, zu stürzen und zum anderen darin, dem islamischen Bekenntnis nicht einfach nur in der eigenen Lebensführung Folge zu leisten, sondern sich aktiv-kämpferisch an der gesellschaftlichen Durchsetzung der islamischen Ordnung zu beteiligen. In diesem Sinne wird die aktivistische Durchsetzung der Gottesherrschaft in Form des Djihad zur religiösen Pflicht gemacht und die Beschränkung auf fromme Werke grundsätzlich verneint. "'Konfrontation und Blut' ist der Weg für die Errichtung des islamischen Staates: ohne Aufschub und ohne Kompromiss" (Ayubi 2002, S.207).



4) Im Brennpunkt der islamistisch-fundamentalistischen Ideologie steht die kompromißlose und gewaltbereite Bekämpfung der 'kulturellen Moderne' mit all ihren grundlegenden Prinzipien: Wissenschaftlich-humanistisches Weltbild, Menschenrechte, Vernunftprinzip, Idee des freien Subjekts, Demokratie, Pluralismus, Trennung von Religion, Staat/Politik und Privatsphäre etc. Das bedeutet: Die Betonung der autonomen Subjektqualität der vergesellschafteten Individuen als vernunftbegabte Selbstgestalter ihres eigenen Lebensprozesses und die sich darin gründende Schöpferkraft, Selbstverantwortung und Würde des Menschen (als Gattung und Individuum) wird als dekadenter Unglaube und Ursache allen Übels denunziert. Staat dessen beharrt der Islamismus auf der theozentrischen Fiktion Gottes als allmächtiger Schöpfer, Gestalter und Richter des Weltgeschehens. Dabei interpretieren die Islamisten die moderne Zivilisation und Wissenskultur als Wiederauferstehung der jahiliya, d. h. des heidnischen Unwissens und der Ignoranz aus vorislamischer Zeit. "Wir befinden uns heute", so heißt es bei Saiyid Qutb, "in einer jahiliya, ähnlich derjenigen zur Entstehungszeit des Islam oder sogar noch schlimmer. Alles um uns herum ist eine jahiliya: die Auffassungen und Überzeugen der Menschen, ihre Sitten und Gewohnheiten, die Quellen ihrer Kultur, Kunst und Literatur und ihr Recht und ihre Gesetzgebung. Vieles sogar, das wir für islamische Kultur, islamische Quellen oder islamische Philosophie und islamisches Gedankengut halten, ist in Wirklichkeit das Machwerk dieser jahiliya" (zit. n. Ayubi 2002, S.200). Da die moderne Säkularisierung des Denkens und der Kultur für alle Übel der Welt und für die Krise des Islam im Besonderen verantwortlich gemacht wird, propagieren die Islamisten die "Entwestlichung des Wissens" bzw. den absoluten geistig-moralischen Bruch mit der "kulturellen Moderne" als "einzigen Ausweg". "Das Wissen", so der ägyptische Fundamentalist Shukri Mustafa32, "das Gott für uns bestimmte, damit wir unsere Grenzen nicht überschreiten - um Seine gehorsamen Diener zu bleiben -, und das Wissen, das der Prophet jedem Muslim befohlen hat - um Gott zu verherrlichen - , ist einzig das Wissen um das Jenseits. Und nichts sonst."




5) Dem totalitären Herrschaftsanspruch und der militanten Ablehnung der 'kulturellen Moderne' entspricht ein strikt manichäisches Denken, das die gesellschaftliche Krisenrealität im Sinne eines extremen moralischen Dualismus deutet. So werden die sozialen Antagonismen bezüglich Macht, Einkommen, Vorrechten und Prestige und die daraus hervorgehenden gesellschaftlichen Krisenerscheinungen als Ausdruck von sozialen Strukturproblemen geleugnet und statt dessen als Kampf zwischen "Gut" und "Böse", zwischen Gott und Satan, Satan und Islam etc. interpretiert. "Es gibt auch kein Mittelding zwischen Gut und Böse, sondern lediglich diese beiden Pole. Wer nicht für den (fundamentalistischen) Islam Partei ergreift, wird als Gegner angesehen, als Verräter gebrandmarkt" (Riesebrodt 1990, S. 170). Dabei wird das "Böse" und Satanische grundsätzlich als das "Fremde", d. h. das Nichtislamische bzw. Ungläubige wahrgenommen und hypostasiert. Mit anderen Worten: Die Krisen- bzw. Verfallsursache wird "xenophobisch" nach außen verlagert und fremden Mächten, Einflüssen, Machenschaften angelastet. In dieser Form erhält das manichäische Denken die Form einer ausgeprägten Verschwörungsideologie, die sich bis zum Verschwörungswahn steigern kann und insbesondere antijüdische Züge trägt. Nach Ansicht des ägyptischen Fundamentalisten Sheik Sha'rawi, der lange Zeit in Saudi-Arabien gelebt hat, ist die vermeintliche "jüdische Troika" Darwin-Marx-Freud für die Misere der arabischen Gesellschaften verantwortlich (vgl. Lüders 1992, S. 136). Wie im faschistischen Diskurs erfüllt der Jude die Funktion des multidimensionalen Verderbers. So heißt es bei Sayyid Qutb: "Hinter der Doktrin des atheistischen Materialismus steckte ein Jude; hinter der Doktrin des animalistischen Sexualität steckte ein Jude; unter hinter der Zerstörung der Familie und der Erschütterung der heiligen gesellschaftlichen Beziehungen steckt ebenfalls ein Jude ... Die Juden befreien die sinnlichen Begierden von ihren Beschränkungen und sie zerstören die moralische Grundlage, auf der der reine Glauben basiert. Sie tun dies, damit der Glaube in eben jenen Dreck gezogen wird, den sie so reichlich auf dieser Erde verbreiten" (zit. n. Küntzel 2002, S 84).




6) Ein weiteres Wesensmerkmal des Islamismus ist in seiner repressiven Geschlechtermoral und antihumanistischen Lustfeindlichkeit zu sehen. Während die westliche Moderne selektiv-grobschlächtig auf Pornographie, halbnackte Touristen, sexualisierte Werbung und erotische Videoclips reduziert wird, feiern die Islamisten verschleierte und weggesperrte Frauenkörper, religiös sanktionierte Polygamie, vorehelichen Sexualnotstand und den Verzicht auf Empfängnisverhütung als Ausdruck moralischer Überlegenheit. Das wahre Gesicht der islamistischen Sexualmoral zeigt sich freilich z. B. im gegenwärtigen Ägypten im Phänomen der "immer wieder im Nil treibenden Mädchen- und Frauenleichen - meist unverheiratete Schwangere aus der Unterschicht, die ermordet wurden oder sich selbst umgebracht haben - eine mehrerer Formen der sogenannten 'Gewalt der Ehre'" (Harwazinski 1998, S. 445f.). Ein praktisches Beispiel für die islamistische Verwandlung einer humanen Lebensordnung in ein barbarisches Gotteszuchthaus hat u. a. das Taliban-Regime in Afghanistan geboten. Unter dieser islamistischen Herrschaftsordnung durften Frauen keinem Beruf nachgehen. Es galt ein Schulbesuchsverbot für Mädchen und ein Ausgehverbot für Frauen ohne männliche Begleitung. Wohnungen, in denen eine Frau lebte, mußten mit gestrichenen Fensterscheiben ausgestattet sein, damit die Frau von außen nicht gesehen werden konnte. Den Männern wurde das Rasieren von Bärten als "unislamische" Verhaltensweise verboten. Untersagt war der Besitz von Fernsehgeräten und Videorecordern. Nichtislamische Minderheiten waren gezwungen, ein besonderes Kennzeichen zu tragen. Weltweites Aufsehen erregte die Zerstörung der berühmten Buddhastatuen von Bamiyan. Wer in der Öffentlichkeit Ansätze "unislamischen" Verhaltens erkennen ließ, geriet in die Fänge von patrouillierenden Sittenwächtern. "Eine junge Frau, die die Fingernägel für ihre Hochzeitsfeier lackiert hatte, wurde von den Taleban aus dem Taxi gezerrt - ihr wurde ein Finger mit rotlackiertem Nagel abgehackt" (Baraki 2000, S. 64). Homosexuelle wurden unter Steinen lebendig begraben. Autofahrer, die Musikkassetten hören, von der Sittenpolizei aus dem Wagen gezogen und verprügelt.



Worauf der Islamismus letztendlich abzielt, ist die Errichtung einer totalitären, religiös begründeteten Lebensführungsdiktatur unter der repressiv-terroristischen Kontrolle der Parteigänger Allahs im Interesse der reaktionärsten, am meisten despotischen und fortschrittsfeindlichen Teilen der einheimischen aristokratischen Oligarchien und Clans, des ultrakonservativen Klerus, der paternalistisch-patriarchalischen Führungsgruppen der traditionellen Händler und Gundbesitzerschichten, des Islam-Kapitals sowie Teilen der neureichen Führungsebene der organisierten Kriminalität (Drogenbarone, Transport- und Schmuggelmafia, Warlords etc.).




Als 'Erzeugungsformel' des Islamismus läßt sich abschließend das Zusammenspiel folgender Hauptfaktoren und -tendenzen anführen:



A. Die sozialisatorische Wirkungsmacht des konservativen Gesetzes-Islam als hegemoniales Bedeutungssystem im Rahmen einer autokratisch-oligarchischen Herrschaftsordnung.



B. Eine allseitige Gesellschaftskrise mit ihren spezifischen sozialpsychischen Effekten( Abstiegsängste, blockierte Karrierehoffnungen, Identitätsdiffusion, soziale Desorientierung etc.)



C. Eine rapide Bevölkerungsexplosion und das Anwachsen sozial und sexuell frustrierter junger Menschen.



D. Die Existenz eines einflußreichen radikalislamischen Milieus mit einer finanziell, organisatorisch und propagandistisch potenten Infrastruktur.



Wie sich diese Faktoren und Tendenzen dynamisch verflechten, läßt sich exemplarisch anhand der folgenden ausschnitthaften Beschreibung von Kevin Bales (2001, S.235) ein Stück weit erahnen:



"Da es in Pakistan kein effektives öffentliches Schulsystem gibt, richten militante Sekten eigene Schulen ein. Allein im Bundesstaat Pandschab gibt es mehr als 2.500 solcher Deeni Madressahs, religiöse Unterweisungsstätten. Laut einer amtlichen Statistik besuchen 219.000 Kinder, vorwiegend Knaben, solche Schulen. In einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung unter achtzehn Jahre alt ist, herrscht kein Mangel an Jungen, die man zu selbstmörderischer religiöser Eiferei verführen kann."




© Harmut Krauss, Osnabrück 2004









Anmerkungen:







1 Durch Überfälle auf Karawanen feindlicher Stämme besserten Mohammed und seine frühmuslimische Anhängerschaft ihre finanzielle Lage auf. So versetzten sie sich in die Lage, ihre Vormachtstellung über die gesamte arabische Halbinsel zu errichten. "Aber der entscheidende Schritt, mit dem sie sofort eine feste wirtschaftliche Grundlage aufbauen und ihr Ansehen heben konnten, war die Beschlagnahmung aller Besitztümer der Juden in Yathrib" (Dashti 1997, S. 157).





2 Tibi (196, S. 91) schreibt hierzu: "Die historische Situation, die diesem Muster zugrunde liegt, ist: Unterwerfung der Stämme unter die neue islamische Staatsordnung und Expansion durch den Djihad. Im Kontext der islamischen Religionsstiftung war diese Lehre gleichermaßen verständlich und berechtigt. Muslime haben sie aber zur Rechtfertigung ihrer Futuhat/Eroberungen erweitert und zu einer religiösen, kosmologischen Weltanschauung weiterentwickelt."





3 "Verführung" ist hier im Sinne von "Vertreibung" zu verstehen.





4 Vgl z. B. Ulfkotte 2003, S.11)





5 Während der 'große Djihad' den inneren (seelischen) Kampf zur Überwindung der Begierden und zur Befolgung einer rechtgläubigen Lebensweise bezeichnet, ist der 'kleine Djihad' der nach außen gerichtete Kampf gegen die Ungläubigen unter Einschluß von Gewaltmitteln.





6 Eigentlich "Versuchung (zum Abfall vom Islam)". Anmerkung des Übersetzers in: Koran 1984, S.176.





7 "Die pauschale Lizenz Allahs zur Bekämpfung des Unglaubens und Installation seines Gesetzes aktiviert im Normalfall das Maximum an Gewalt, weil die Realisierung des Gottesgesetzes im Zentrum des Glaubens steht. Nicht das Bemühen um eine Realisierung des Sittengesetzes und seinen Beitrag zur Weltgestaltung steht im Vordergrund des islamischen Dynamik, sondern die darwinistische Ausmerzung alles Unislamischen im Namen Allahs".(Raddatz 2002, S.101).





8 D.h. den mit der Waffe Streitenden.





9 Die islamischen Fundamentalisten ihrerseits weisen kategorisch "die Behauptung derer zurück, die behaupten: Der Dschihad im Islam diene nur zur Verteidigung, und der Islam sei nicht durch das Schwert ausgebreitet worden. Diese Behauptung ist falsch; diejenigen, die sich auf dem Gebiet der Verbreitung der islamischen Botschaft (daÿ wa) hervorgetan haben, haben sie in großer Zahl widerlegt. Die Wahrheit ist in der Antwort enthalten, die der Gesandte Gottes gab, als er gefragt wurde, welcher Dschihad auf dem Wege Gottes der größte sei: Er sagte: 'Derjenige der kämpft, damit das Wort Gottes den Sieg erhält, jener befindet sich auf dem Wege Gottes'. Denn der Kampf im Islam geschieht, damit das Wort Gottes auf der Erde den Sieg bekommt, einerlei ob durch Angriff oder Verteidigung. Der Islam hat sich durch das Schwert ausgebreitet" (Manifest der ägyptischen Dschihad-Gruppe. Zit. n. Meier 1994, S. 377.).





10 35,7% der befragten türkischen Jugendlichen stimmten der Aussage zu "Wenn es der islamischen Gemeinschaft dient, bin ich bereit, mich mit körperlicher Gewalt gegen Ungläubige durchzusetzen". 24,3% bejahten die Aussage "Wenn es der islamischen Gemeinschaft dient, bin ich bereit, andere zu erniedrigen". 28,5% regierten positiv auf die Aussage "Gewalt ist gerechtfertigt, wenn es um die Durchsetzung des islamischen Glaubens geht". Und 23,2% stimmten der Aussage zu "Wenn jemand gegen den Islam kämpft, muß man ihn töten". (Vgl. Heitmeyer/Müller/Schröder 1997, S.129).





11 "Wenn der Muslim - nachdem es keine neuen Eroberungszüge und keine neuen Eroberungen mehr gab - finanziell fast ebensosehr belastet wurde wie ein Nicht-Muslim, dann musste man ihn stattdesesn seiner 'ideologischen' Überlegenheit über den dhimmi versichern und ihm rituelle Mittel an die Hand geben, die 'es ihm ermöglichten, seinen historischen Sieg zu feiern, und des der gemeinschaft erlauben, ihre Einheit erneut zur Geltung zu bringen, indem sie ihre Einigkeit gegenüber einem gemeinsam Besiegten erneuern'" (Ayubi 2002, S.55).





12 "Der Mensch im Islam wird nicht im Sinne einer unverwechselbaren Individualität definiert und gefördert, sondern im Sinne des medinesischen Modellmuslims vereinheitlicht und manipuliert" (Raddatz 2002, S.83).





13 Die folgenden Zitate entstammen einer kleinen Auswahl aus einer umfangreicheren Schari’a- Gesetzessammlung, die vor kurzem aus dem Arabischen ins Englische übersetzt wurde und die verschiedenen islamischen Rechtsschulen berücksichtigt. Quelle: Verein contra Fundamentalismus/http://mypage.bluewindow.ch/a-z/vcf/index2.html.





14 Der Ausdruck 'haram' bezeichnet alles, was nach der Schari’a eindeutig verboten ist.





15 "D. h., brecht den Verkehr mit ihnen ab" . Anmerkung des Übersetzers in: Der Koran 1984, S.102.





16 Entsprechend dominieren in der islamisch bestimmten Herrschaftskultur scham-bezogene Werte und eine diesbezügliche 'Konventionsmoral'(die Angst, in der Öffentlichkeit negativ aufzufallen) gegenüber schuld-bezogenen Werten, die den Vorrang individueller Verantwortung betonen.





17 Während es in der westlich-europäischen Entwicklung im Kontext der kulturellen Modernisierung, d. h. in Folge von Aufklärung, Zurückdrängung des Absolutheitsanspruchs religiöser Kontrollmacht, der Ausdifferenzierung einer individuellen Privatsphäre etc. zur Etablierung der Liebesheirat bzw. der Gattenwahl aufgrund persönlicher Zuneigung kommt, ist dieser Entwicklungsweg in den nichtwestlichen, "prä-modernen" und im Grund 'mittelalterlich'gebliebenen Herrschaftskulturen weitestgehend versperrt.





18 Vgl. "Neue Osnabrücker Zeitung" vom 20.11.2002, S.2.





19 "Die Scheidung ist gültig, wenn ausgesprochen von (a) dem Ehemann (b) der geistig gesund ist (c) die Pubertät erreicht hat (d) und sie freiwillig ausspricht" (Vgl. Fußnote 14).





20 Vgl. Fußnote 14.





21 Vgl. Fußnote 14.





22 So heißt es zum perversionsfördernden Charakter der islamischen Geschlechtsmoral bei Raddatz (2002, S.287): "Eine Kultur, die in strenger Geschlechtertrennung die Männer dazu zwingt, Frauen als reine, auf Basis von Kaufverträgen zu ehelichende Sexualobjekte zu betrachten, bringt von ihr selbst abgelehnte Formen sexueller Abweichung hervor. Ein Drittel der ländlich lebenden Männer Marokkos gab an, sich dem Verkehr mit Geschlechtsgenossen oder Tieren zu widmen, wobei sie durchaus zwischen schlechtem Gewissen und Abscheu über sich selbst sowie Entrüstung über die Zumutungen des Systems, in dem sie leben müssen, schwanken."





23 Am 5. Juni 1967 brach der Krieg an der israelisch-ägyptischen Grenze sowie an den israelischen Grenzen zu Jordanien, Syrien und dem Irak aus. Algerien, Jemen, Sudan und Kuwait erklärten Israel den Krieg. Die Israelis errangen die Luftherrschaft, besetzten den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel bis zum Suezkanal, den jordanischen Teil Jerusalems, das westliche Jordanien bis zum Jordan und drangen über die syrische Grenze vor.





24 "Nach dem Krieg zeigte sich deutlicher als je zuvor, daß die selbsternannten Begründer, Verteidiger und Förderer des arabischen Sozialismus in realiter das Wachstum und die Entwicklung einer entstellten und parasitären Form des Kapitalismus vorantrieben" (Al-Azm 1992, S. 248).





25 So konnte man z. B. am 29. April 2002 in der zweitgrößten, von der Regierung kontrollierten Tageszeitung Ägyptens "Al Akhbar" folgenden Kommentar des Kolumnisten Fatma Abdalah Mahmoud lesen: "Hinsichtlich des Schwindels mit dem Holocaust haben viele französische Studien bewiesen, daß dies nichts als Fabrikation, Lüge und Betrug ist. Ich aber beschwere mich bei Hitler und erkläre ihm vom tiefsten Grunde meines Herzens: 'Wenn du es nur getan hättest, mein Bruder, wenn es doch nur wirklich geschehen wäre, so daß die Welt ohne ihr [der Juden] Übel und ihre Sünde erleichtert aufseufzen könnte'" (zit. n. Küntzel 2002, S. 63). Es ist nicht "Armut", sondern dieses politisch-kulturelle Gesinnungsklima, das islamfaschistische Djihadisten wie Mohammed Atta oder Hamas-Terroristen sowie Millionen ihrer Sympathisanten hervorbringt.





26 Renten sind Einnahmen, denen keine Arbeits- oder Investitionsleistungen gegenüberstehen.





27 Dieses "petrolistische System basiert wesentlich darauf, daß die Golfstaaten die ökonomische Rente von den westlichen Energiekonsumenten 'einsammeln' und einen Teil dieser Einnahmen als politische Renten, sprich als Budgetzahlungen, an die erdölarmen Staaten weiterleiten" (Beck 1999, S.43).





28 "Gemäß dem manichäischen Weltbild des Fundamentalismus stehen Frauen", so Riesebodt (2000, S. 120), "zwei Wege offen ...: der Weg Gottes oder der Weg Satans. Als Agenten Gottes sind sie Mutter und Hausfrau, geben dem Gatten Heim und Halt und erziehen die Kinder zu frommen Menschen. Als Agenten Satans verführen sie die Männer durch ihre sexuelle Macht und verderben die Jugend durch ihr schlechtes Beispiel. 'Mutter' und 'Eva' sind Archetypen, die fest im mythischen Bestand fundamentalistischer Ideologien verankert sind."





29 "Sowohl die marokkaniche Schrifstellerin Fatima Mernissi als auch der syrische Schriftsteller Bu Ali Yasin bestätigen die Theorie von Wilhelm Reich, dass sexuell frustrierte Männer ihre Gefühle normalerweise nicht in einer Rebellion gegen alle Erscheinungen politscher, sozialer und ökonomischer Unterdrückung in der Gesellschaft nach außen richten, sondern ihre Agonie vielmehr nach innen richten, auf die Ebene der Verteidigung von Moral und religion" (Ayubi 2002, S.66). Meines Erachtens ist diese Einschätzung nicht ganz zutreffend. Übersehen wird nämlich, daß im fundamentalistischen Diskurs negativ stigmatisierte Frauen zur Vergewaltigung freigegeben werden oder etwa Zwangsehen auf Zeit erlaubt sind usw (was z. B. von den afghanischen Taliban und den algerischen Djihadisten praktiziert wurde), also sehr wohl Frustrationsventile nach außen geöffnet sind.





30 "Eine historisierende Lesart des Koran-Textes, so wie (viele, H.K) Christen ihre Bibel textkritisch lesen, wird von den meisten Muslimen ... als häretisch zurückgewiesen. Der Muslim, der hierfür eintritt, setzt sein Leben aufs Spiel" (Tibi 1996, S. 89).





31 Die Verdammung der Demokratie als 'westliches Teufelswerk' hindert islamische Fundamentalisten freilich nicht daran, demokratische Grundrechte auszunutzen und einzuklagen, wenn es ihren strategischen Interessen dient. Insofern handelt es sich um einen 'scheinheiligen' Antidemokratismus.





32 Zit. n. Al-Azm 1993, S.105. Dort wird auch die weitestgehende Übereinstimmung zwischen christlich-fundamentalistischem und islamistischem Antimodernismus nachgewiesen.

http://www.glasnost.de/autoren/krauss/islamismus.html

carlo
07.04.2004, 10:44
Die anderen Muslime


Von Jochen Buchsteiner

06._April_2004_Islam und Demokratie, heißt es oft, gehen nicht zusammen. In den vergangenen zwei Wochen haben zwei bedeutende Länder der muslimischen Welt - das größte und das reichste - in freien Wahlen ihre neuen Parlamente bestimmt und dabei jene Kräfte abgestraft, die einem Gottesstaat den Vorzug vor einer offenen, säkularen Gesellschaft geben. Während in Indonesien die fundamentalistischen Parteien - trotz Teilerfolgen - in der Minderheit bleiben, wurde die radikalreligiöse PAS in Malaysia geradezu marginalisiert. Beide Länder werden auch in den kommenden Jahren von Kabinetten regiert werden, deren muslimische Mehrheit für Toleranz, Pluralismus und individuelle Entfaltung einsteht.

Musterdemokratien sind weder in Kuala Lumpur noch in Jakarta zu Hause. Solange Regierungskritiker wie der frühere Finanzminister Anwar Ibrahim aus fadenscheinigen Gründen im Gefängnis sitzen, fällt es schwer, Malaysia das Gütesiegel Rechtsstaat zu verleihen. Auch der von Premierminister Badawi verfügte Zwei-Wochen-Wahlkampf entspricht nicht westlichen Fairneß-Maßstäben. Indonesien wiederum ist derart tief von Korruption durchsetzt, daß eine Parteispendenaffäre, wie sie Deutschland nach dem Ende der Kohl-Ära erlebte, in den Zeitungen des Inselreichs kaum einer Notiz wert wäre.

Bei allen Unzulänglichkeiten gewähren beide Länder ihren Bürgern Freiheiten, die in vielen Staaten der arabischen Welt unvorstellbar wären. Keine Frau ist gezwungen, ein Kopftuch zu tragen, weder vom Gesetz noch von der Nachbarschaft. Christen und Hindus sind in allen Sphären der Gesellschaft aktiv, auch in führender Position. Der Jugend beider Länder werden weder Kinofilme noch Bücher vorenthalten; sie darf in den Bars, Technoclubs und Lounges der großen Städte nachleben, was sie in MTV oder auf Reisen in den Westen gesehen hat.

Warum in Kuala Lumpur und Jakarta geht, was in Riad, Teheran oder Islamabad unmöglich ist, scheint sich auf den ersten Blick über die Geographie zu erschließen. Südostasien ist weit weg von Mekka und den politischen Gravitationszentren der islamischen Welt. Andererseits hält die räumliche Distanz Extremisten vom Schlage der Jemaah Islamiah nicht im geringsten davon ab, ihre Terroraktivitäten mit der sechs Flugstunden entfernt operierenden Al Qaida abzustimmen.

Eine größere Rolle als die Landkarte spielt die Geschichte. Erst spät, sechshundert Jahre nach der Islamisierung des Nahen Ostens, ist die Lehre Allahs in die malaiische Welt vorgedrungen. Dort vermischte sie sich mit dem, was bis dahin den Ton angegeben hatte: Buddhismus, Hinduismus, Animismus. Obwohl sich heute fast neunzig Prozent der Indonesier und mehr als sechzig Prozent der Malaysier zum Islam bekennen, ist ein Verständnis für "das andere" geblieben. In Malaysia ist es sichtbar, weil die chinesischen und die indischen Minderheiten das öffentliche Bild mitprägen. Indonesien hat es festgeschrieben. In der "Pancasila", den fünf Grundsätzen mit Verfassungsrang, wird das Land als ein Staat definiert, für den der "Glaube an einen Gott" konstitutiv ist. Welcher Gott, das ist Nebensache.

Absoluten Schutz gegen religiösen Fanatismus garantiert das noch nicht. Als die Indonesier 1955 - zehn Jahre nach Inkrafttreten ihrer semisäkularen Verfassung - wählten, stimmten noch vierzig Prozent für Parteien, die das Land in einen islamischen Staat verwandeln wollten. Davon abgebracht hat sie erst die genuin südostasiatische Politikmischung aus Kontrolle und Perspektive. Unter Suharto in Indonesien und unter der Einparteienherrschaft der Umno in Malaysia war radikalreligiösen Gruppierungen der Weg in die Politik versperrt. Zugleich investierten beide Regime in die wirtschaftliche und soziale Entwicklung, zunächst mit hauseigenen Mitteln, später mit der Hilfe internationaler Investoren. Die damit verbundene Öffnung der Länder hat den Bürgern die Vorzüge des Westens nähergebracht. Die stetig wachsenden Mittelschichten treffen sich gern in "Pastries" bei Croissants und Cappuccino, sie sammeln Blockbuster-Filme aus Hollywood und träumen von deutschen Autos. Auch wenn die Armen nicht in gleicher Weise vom Wachstum profitierten, so können auch sie sich den Verlockungen des Fernsehens und der Konsumwelt nicht entziehen.

Mit dem Wohlstand wuchs auch die Sehnsucht nach den politischen Freiheiten des Westens und dessen ethischen Standards. Der malaysische Regierungschef verdankt sein überwältigendes Wahlergebnis vor allem dem Versprechen, mit der Vetternwirtschaft aufzuräumen und den Behörden Transparenz und Rechenschaftspflichten aufzuerlegen. Auch der indonesische Wahlkampf drehte sich um das Thema Korruption. Nur dort, wo islamistische Parteien wie die PKS sich nicht als religiöse, sondern als "saubere" Alternativen präsentierten, konnten sie leicht zulegen.

Unkritisch gegenüber dem Westen sind Malaysier und Indonesier deswegen nicht. Dort, wo die materiellen und ideellen Importe als Bedrohung der eigenen Identität empfunden werden, versuchen sie gegenzusteuern. Das beginnt bei Kapitalkontrollen, mit denen Malaysia dem westlichen IWF-Paradigma politisch die Stirn geboten hat, und endet noch nicht bei der hausgemachten "Dangdut"-Musik, mit der Indonesien erfolgreich der Schwemme westlicher Pop-Klänge trotzt. Vereint mit der islamischen Welt sind die beiden Länder in ihrer Verurteilung der amerikanischen Irak- und Palästina-Politik. Nie war der Antiamerikanismus stärker als heute. Die Antwort darauf suchen die Muslime Indonesiens und Malaysias aber nicht in religiösem Fanatismus, sondern in einer Demokratie nach ihrem Geschmack.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2004, Nr. 83 / Seite 1

http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E3CC25DBE85B34749A4A9CC4ECAF3ED14~ATpl~Ecommon~Scontent.html

syracus
07.04.2004, 15:29
15:04 07.04.2004
US-Streitkräfte bombardieren Moschee in Falludscha
Die US-Armee hat eine Moschee in der sunnitischen Widerstandshochburg Falludscha bombardiert. Dabei wurden bis zu 40 Aufständische getötet, die sich in dem Gotteshaus verschanzt hatten.

wundere dich nicht über einen kommenden "Heiligen Krieg" gegen Amerika...... Christen bombardieren Gotteshäuser :respekt....

schloss
07.04.2004, 16:23
in 4 Tagen mehr als 20 Postings...alle ganz objektiv berichtend über "den" Islam

Hier betreibt wohl jemand Missionsarbeit in Sachen Christentum...so kurz vor Ostern...???

aber ganz interessant ist schon dass Saudi-Arabien öfter mal negativ auffällt, nur wer kämpft bis heute nicht gegen die Saudis?? obwohl sie doch den größten Bezug zum 11.09. hatte immerhin 14 von 19...

naja das hat denselben Grund, warum 24 Mitglieder der Familie Bin Laden, bei absolutem Flugverbot über dem Gebiet der USA wenige Tage nach dem Anschlag, mit privaten Charteflügen zunächst nach Texas dann nach Boston und Washington geflogen wurden, um von dort schließlich nach Paris ausgeflogen zu werden...wie gesagt, zu einem Zeitpunkt, da allgemeines Flugverbot herrschte...naja sämtliche ;)Mitglieder der Familie Bin Laden...sowie ihrer amerikanischen Geschäftspartner ;);) hatten ja mit Sicherheit nichts mit den Anschlägen zu tun...aber die bin Ladens waren nicht die ganz einzigsten die zwischen 11.09. und 14.09. das Land auf dem Luftweg durchqueren konnten....eine Reihe der saudischen Royals genoss das selbe Privileg... einer davon saß am 13.09. auf dem Balkon des Weissen Hauses und schmauchte mit dem Ölprinz von Texas ein leckeres Zigärrchen...

sowas von unverdächtig....

syracus
07.04.2004, 17:01
der geht in der ganzen Schwemme fast etwas unter ;):

Nimmt man Saudi Arabien als Beispiel, das von fast allen muslimischen Ländern wegen seiner rückständigen Islaminterpretation abgelehnt, aber wegen den Petrodollars geehrt wird, dann muss man sich die Frage stellen, weshalb die USA in Saudi-Arabien den wichtigsten Verbündeten nach Israel sehen. Hier zeigt sich das widersprüchliche Demokrativerständnis der USA und von Europa. Im Westen unterstützt man Regime, die uns nützen, auch wenn sie undemokratisch sind. Falls dies Demokratie ist, dann wird es Zeit, dass man sich ernsthaft über diesen Begriff Gedanken macht.

Erstveröffentlichung: „;FriZ“ Nr.1/2002, Schweiz

Yahya Hassan Bajwa

und solange das nicht aufhört, sollten wir uns besser nicht über den Klee loben, wir sind ja so "zivilisiert" :schaf: ......

syr

schloss
07.04.2004, 18:26
heute hat sich sogar die CDU-Spitze (sogar Egbert Pfügler!!!:eek:) zum ersten mal zweifelnd über ihre eigene Haltung zum Irak-Krieg gezeigt, man will halt nicht weggespült werden, von der Anti-Bush-Welle, die demnächst bald kommt....

carlo, sogar die CDU!!! ein kleiner Schritt, dann bist auch du dabei....

es ist so einfach: Ich habe mich geirrt!!! ....oder noch einfacher: Ich habe mich täuschen lassen!!!

...
CDU/CSU zweifelt erstmals an Gründen für Irak-Krieg

16:27 Uhr, aktualisiert 16:28 Uhr




Der Unions-Abgeordnete Friedbert Pflüger (CDU) fühlt sich schlecht unterrichtet.








Berlin - In der Unionsspitze sind erstmals Zweifel an der Haltung der Partei zum Irak-Krieg laut geworden. Dabei geht es um Berichte über angebliche Massenvernichtungswaffen.
Der außenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Friedbert Pflüger (CDU), sagte am Mittwoch in Berlin, er habe sich auf damalige Informationen des Bundesnachrichtendienstes (BND) verlassen, wonach der Irak mobile Biowaffenlabore hätte. Nach jüngsten Berichten sollten diese Hinweise aber auf nur einer fragwürdigen Quelle beruhen. Pflüger, der auch Mitglied des CDU-Bundesvorstands ist, forderte, dass sich der Auswärtige Ausschuss des Bundestags mit den BND-Informationen befasst.

Auf die Frage, ob sich die Haltung der Union zum Irak-Krieg nun nachträglich revidieren werde, sagte Pflüger, es gebe ernste Punkte, «die es notwendig machen, darüber zu sprechen, ob wir mit allen Einschätzungen richtig gelegen haben». Die Union hatte in der Irak-Krise immer eine militärische Drohkulisse befürwortet und sich an die Seite der USA gestellt. Den Irak-Krieg hatte die Parteispitze bedauert, aber die USA dafür nicht kritisiert.

Vor wenigen Tagen hatte US-Außenminister Colin Powell seine Angaben vor dem UN-Sicherheitsrat in einer spektakulären Sitzung Anfang Februar 2003 zur angeblichen Existenz mobiler irakischer Chemiewaffenlabore in Zweifel gezogen. Die angesehene US-Zeitung «Los Angeles Times» hatte berichtet, dass die Berichte über diese Lkw- Labore im wesentlichen auf BND-Berichten beruht hätten.

Pflüger richtete schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung und den BND. «Ich muss mich als Abgeordneter darauf verlassen können, was die Bundesregierung und der BND sagen.» Zu seiner Meinungsbildung hätten wesentlich die BND-Information und der Bericht von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) beigetragen, dass der Irak über Pockenvirenstämme verfüge.

Im Fall der angeblichen Lkw-Labore wäre es nach den Worten Pflügers «absolut nötig» gewesen, den Abgeordneten mitzuteilen, dass der BND nur eine und dazu noch zweifelhafte Quelle gehabt habe. Pflüger forderte eine Veröffentlichung der entsprechenden Protokolle der Sitzungen des Auswärtigen Ausschusses Ende 2002 und im Februar 2003, in denen BND-Präsident August Hanning berichtet hatte. In den Tonbandaufzeichnungen, die von der Geheimschutzstelle des Bundestags verwaltet werden, fehlen laut Pflüger aber einige Teile. (dpa)

http://www.rundschau-online.de/kr/page.jsp?ksArtikel.id=1081334608113&listID=1037966282302&openMenu=1037966276803&calledPageId=1037966276803

carlo
07.04.2004, 22:54
Original geschrieben von schloss
in 4 Tagen mehr als 20 Postings...alle ganz objektiv berichtend über "den" Islam

Hier betreibt wohl jemand Missionsarbeit in Sachen Christentum...so kurz vor Ostern...???

@ schloss,

ich wäre dankbar für Beiträge in der Sache...Glaubenskrieger und Verschwörer bekommen in diesem thread keinen Milimeter... :p

carlo
07.04.2004, 22:55
Wer beleidigt Allah?


von Hans-Peter Raddatz

In der Religion des Islam wird zwischen Allah und Mensch rigoros unterschieden: "Nichts ist ihm gleich", heißt es im Koran (42/11) – ein Ausdruck ständiger Andersartigkeit, der den Schöpfer von seinen Geschöpfen und ganz besonders von den Menschen trennt, die ihren Verstand ausschließlich zur Gotteserkenntnis in diesem Sinne zu verwenden haben. Im täglichen Ritenvollzug – möglichst auch im Rahmen der Gemeinschaft – erfährt diese Denkverfassung eine tiefe Verankerung sowohl in der jeweiligen individuellen Motivation als auch in den Mustern des kollektiven Verhaltens. Die Urgemeinde, die vom Verkünder des Islam einst in Medina geformt wurde, bildet dabei nach wie vor, auch für das heutige islamische Kollektiv, die umma der Moderne, ein klares, unverändert verbindliches Verhaltensvorbild, in dessen Zentrum natürlich Muhammad, der Prophet des Islam, selbst steht.




"Gotteslästerung" im Sinne einer freien Gedankenoption gegen das göttliche Konzept als vollständige, vom Menschen unerreichbare Transzendenz konnte unter diesen Voraussetzungen auch keine nennenswerte Repräsentation im Koran finden. Hadayatullah Hübsch, deutscher Islamkonvertit, der nach eigener Aussage im Drogenrausch zum Islam fand, hat in dieser Zeitung (Nr. 12/01) auf diesen Umstand hingewiesen und hinzugefügt, daß sich im Koran kein einziger Vers findet, "in dem Gott eine Bestrafung wegen Blasphemie, also Gotteslästerung, oder Beleidigung des Propheten Muhammad oder anderer Heiliger durch eine weltliche Instanz anordnet". Rechenschaft für blasphemisches Verhalten sei nach koranischer Auffassung somit erst bei der jenseitigen Endabrechnung abzulegen.




Anlaß und Ausgangspunkt dieser Aussage war ein Dummer-Jungen-Spruch, welcher aus einer Zeit lange vor der neuen Aktualität des Islam in Deutschland stammt, die islamische Gottesvorstellung lächerlich macht und von Redakteuren der Berliner Tageszeitung zur Verunglimpfung islamischer Geistlicher herangezogen wurde. Während dieses Vorgehen keineswegs gebilligt werden kann, vergißt Hübsch zu erwähnen, daß das weitgehende Fehlen einer koranisch festgelegten Blasphemie-Bestrafung zu konkreten, im hadith, der Tradition des Propheten, niedergelegten Ersatzbestimmungen geführt hat.




Abgesehen davon, daß die Blasphemie für den gläubigen Muslim – und dies wäre nicht nur der Vollständigkeit halber anzumerken gewesen – eine schlicht undenkbare Denkalternative bildet, handelt es sich bei der Regulierung islamwidriger Aussagen zum einen um die islamischen Aggressionen gegen die Christen und Juden und zum anderen um Maßnahmen gegen solche, die sich kritisch über Muhammad als den sakrosankten Fokus des islamischen Glaubens äußern. Letztere Verfehlung ist besonders schwerwiegend und hat in moderner Zeit einen spektakulären Niederschlag im bekannten Fall des Salman Rushdie gefunden.




Bis auf den heutigen Tag stehen zum Beispiel die Christen in der permanenten Gefahr, sich allein durch bestimmte Akzente ihres Glaubens – vor allem die Göttlichkeit Christi – in Gegensatz zu den grundlegenden Vorstellungen des Islam zu bringen. Der ihnen offiziell zugestandene Sonderstatus als sogenannte "Schutzbefohlene" (ahl al-dhimma) hat ihre rabiate Dezimierung nicht verhindern können, da sich seitens des Islam historisch immer wieder die theologisch unvereinbare Gegenposition durchsetzte. So kann nicht verwundern, daß sich die Muslime durch die Interpretation des im Westen gepflegten "Dialogs", dem zufolge der dhimma-Status einen spezifischen Ausdruck islamischer Toleranz bildet, ganz besonders angespornt sahen und die Christenheit in vielen islamischen Ländern dezimierten.




Im westlichen Bereich hat diese eigentümliche Toleranzinterpretation in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einer Expansion der muslimischen Zuwanderung in so großem Stil geführt, daß nun nicht nur ein zunehmendes, öffentliches Unbehagen, sondern auch eine immer offensichtlicher werdende Inkompetenz der Verantwortlichen in Politik, Kirche und Wissenschaft hervorzutreten beginnen. Völlig legitim nutzt Hübsch – ebenso wie alle anderen Islam-Multiplikatoren – diese Inkompetenz zu einer aus seiner Sicht angemessenen Einordnung seiner Religion, die sich nicht nur in zeitloser Verbindlichkeit auf ihr prophetisches Vorbild richtet, sondern in dieser Tradition immer auch eine politische Dimension hat. Die gesellschaftlichen Institutionen legen bereits ein weitgehend islamkonformes Verhalten an den Tag – man erinnere sich der Forderung des Bundespräsidenten, daß sich jeder Deutsche am Moscheenbau beteiligen möge. So müssen die Vertreter des Islam um so klarere Korrekturen bei den – allerdings immer seltener werdenden – Fällen fordern, in denen diese Konformität – zum Beispiel in Gestalt kritischer Aussagen – noch zu wünschen übrig läßt.




In klassischer taqiya-Praxis, jener muslimischen Glaubenspflicht zur kurzfristigen Verleugnung eigener Wahrheiten zugunsten einer langfristigen Durchsetzung des Islam, greift Hübsch die grundsätzliche Berechtigung der Religionssatire westlicher Prägung mit der Behauptung an, diese würde hierzulande in schrankenloser Form geübt. Als Gewährsmann für einen angemessenen Umgang mit dieser Kritikform führt er keinen geringeren als Muhammad selbst an, dem zufolge "die Satire gegenüber den Feinden der Wahrheit und Glaubens- und Gewissensfreiheit angewandt werden solle". Welche Art der Glaubensfreiheit hier gemeint war, zeigt ein Blick in die islamische Tradition.




Im Muhammad-Katechismus des andalusischen Richters Iyad al-Yahsubi (gest. 1149) sind die auch heute unverändert gültigen Regeln und Strafmaßnahmen zusammengefaßt, die das Verhalten – auch der Nichtmuslime – gegenüber dem Propheten des Islam festlegen. Danach ist es zum Beispiel Christen und Juden keineswegs freigestellt, die sich aus ihrem Glauben ergebenden, kritischen Einschränkungen zur Prophetenrolle Muhammads zum Ausdruck zu bringen. In Anlehnung an die Vorbildfunktion des Verkünders, der die Juden Medinas in dem berüchtigten Massaker von Medina im Jahre 627 hinrichten und verscharren ließ, lieferte eine solche Kritik immer wieder den Vorwand zu Maßnahmen gegen die "Schriftbesitzer" mit der historischen Folge einer drastischen Verminderung der Christen und der – bis auf Israel – nahezu vollständigen Vernichtung der Juden im islamischen Raum.




Satire ist indessen diejenige Ausdrucksform, auf die der Islam – wie alle totalitären Ideologien – mit äußerster Empfindlichkeit reagiert. Schon Muhammad hatte nicht nur die medinensischen Juden vernichtet, die sich u.a. über seine plumpe Interpretation der jüdischen Thora lustig gemacht hatten, sondern durch Auftragstäter auch eine Reihe unbequemer Dichter beseitigt, die ihn entweder satirisch in Zweifel gezogen oder zu direktem Ungehorsam aufgerufen hatten, weil es zu jener Zeit – noch – unüblich war, sich einem Stammesfremdem zu unterwerfen.




Aus diesem prophetischen Vorbildverhalten haben alle islamischen Nachfolgergenerationen die Berechtigung abgeleitet, Kritiker des Islam zu vertreiben, inhaftieren, foltern oder schließlich zu exekutieren. Auch wenn der interkulturelle "Dialog" hierüber schweigt, sind die Beispiele aus der Geschichte und der Gegenwart Legion. Ob der frühmittelalterliche Verwaltungsrechtler Ibn al-Muqaffa‘, der 756 gevierteilt wurde, weil er die holzschnittartigen Vorstellungen der orthodoxen Theologie bloßstellte, ob der epochale Mystiker Al-Halladj, dessen Einheitssuche mit Allah nach multipler Folterung 922 zur Verbrennung führte, ob der geniale Philosoph Suhrawardi, dessen Vernunfttheologie große Massen faszinierte und 1191 seine folgerichtige Hinrichtung durch den in Lessings Ringparabel als tolerant verklärten Saladin nach sich zog, oder auch der ägyptische Gesellschaftskritiker Farag Foda, den 1993 die Frage das Leben kostete, warum eine so universal überlegene Religion wie der Islam nicht nur jede konstruktive Kritik, sondern auch die Frau unterdrücken müsse – sie alle fielen dem gleichen Islam zum Opfer, der nun im modernen Westen umfassende Toleranz für sich und seine Erscheinungsformen fordert und auch in wachsendem Umfang erhält.




Im Zuge der "Aufklärung" ist dem westlichen Denken nicht nur die transzendente Dimension, sondern im weiteren Verlauf des modernen Fortschritts und seiner systembedingten Beschleunigung zunehmend auch die Fähigkeit zu allgemein gesellschaftsrelevanten Überlegungen und Verknüpfungen abhanden gekommen. Eine solche Wahrnehmung akzeptiert demgemäß für sich selbst keine übergreifende, feststehende Wahrheit, sondern unter dem Zwang fortlaufender Erkenntnisverengung lediglich das Weltbild des permanenten Wandels als "Wahrheit der Postmoderne". Somit unterliegen auch die eigenen Produkte wie Glaube, Demokratie und wissenschaftliche Objektivität ständigem Wandel im Sinne einer repressiven Anpassung an die einwandernden Kulturen, ihrerseits eine effiziente Machtgrundlage der westlichen Eliten, die zur Absicherung dieser Macht allerdings ständige "Toleranz" fordern müssen. Hier liegt die historische Chance des Islam.




Wer heute überkommenen Christenglauben, die uneingeschränkte Anwendung der Menschenrechte auf die islamische Frau oder eine rationale Beurteilung des Islam im Sinne einer objektiven Analyse einfordert, kollidiert unmittelbar nicht nur mit dem Interesse des Islam, sondern vor allem auch mit den Interessen der Politik und Kirchen, deren "Dialoge" ein tiefgreifendes Toleranzbewußtsein in der aufnehmenden Bevölkerung formten. In diesem Bewußtsein wurden die eigenen, legitimen Interessen derart zurückgedrängt, daß nun im dichtest besiedelten Flächenstaat der EU zum Beispiel die Verdopplung der Zuwanderung in den letzten 15 Jahren und ein Moscheenwachstum von drei auf knapp dreitausend zwischen 1970 und 2000 als normaler Vorgang gilt.




Für den Muslim Hübsch kann diese Entwicklung nur den Beginn einer dem Islam eingewachsenen Tendenz zu einer ganz natürlichen und historisch vielfach bestätigten Dominanz bedeuten. Auch Mehmet Erbakan, der radikalislamische Kaderfüher der türkischen Milli-Görüsh-Gemeinschaft, der Anzeige gegen die in Rede stehende, in der Tat völlig unpassende taz-Aussage erstattet hat, weiß sich seit langem in der proislamischen Fördertendenz westlichen, insonderheit deutschen Dialog-"Denkens". Indem die deutschen Parteien unter der Führung der CDU Milli Görüsh seit Jahren auf breiter Front unterstützen, offenbaren sie eine neue Form des deutschen Antisemitismus, der – zumindest bislang – keine Einwände gegen einen wichtigen, im Jahre 1997 vielfach verkündeten Programmpunkt der türkischen Refah-Mutterpartei – die vollständige Vernichtung aller Juden – erhoben hat. Gegen Proteste israelischer Regierungskreise gegen die antisemitische Kulturpolitik Deutschlands blieben die Parteien ebenfalls entsprechend immun.




Ernsthafte und vor allem dauerhafte "Beleidigungen" Allahs sind also nicht zu erwarten – weder von der Kunst noch von der Politik, geschweige denn den Kirchen. Eine um so probatere und effizientere Grundlage liefern allerdings vereinzelte, unqualifizierte Vorkommnisse der vorliegenden Art, nach noch islamgerechteren Toleranzübungen des Dialogs und entsprechend intensivierter Volkspropaganda zu verlangen. Unter dieser Voraussetzung erscheint die Forderung der Islamvertreter, die Regeln des innerislamischen Verhaltenskatechismus auf die Basisgesellschaft auszuweiten, das heißt sich jeglicher Kritik am Islam und seinen Ausdrucksformen zu enthalten, als nicht mehr legitim , geschweige denn zeitgemäß. Im kirchlichen Bereich hat man sich hierzu schon vor geraumer Zeit entschlossen, so daß immer deutlichere Elemente islamischer Herkunft im Schrifttum des Dialogs und im kultischen Verhalten ihren Niederschlag finden.




So gehört es inzwischen zum katholischen Alltag, Erwähnungen des Islam oder sogar den Koran selbst auf die eine oder andere Art in Gottesdiensthandlungen einfließen zu lassen. Wie erwähnt, gilt es auch im politischen Sektor nicht mehr als angemessen, dem Islam eine wie auch immer geartete Anpassung an Menschenrechtsvorstellungen westlicher Prägung zuzumuten. Das bekannte Wort vom sogenannten "Menschenrechtsfundamentalismus" spricht hier die unmißverständliche Sprache der Auflösung eigener Wertvorstellungen. Wichtige Auswirkungen dieser Entwicklung in Deutschland werden eine wirksame Fortsetzung der Frauenunterdrückung sowie die Übernahme des Islamunterrichts durch islamische, voraussichtlich eher radikalislamische Stellen bei weitgehendem Kontrollverzicht seitens der deutschen Behörden sein.




Die deutsche Gesellschaft kann als Protobeispiel einer dynamischen Industriegesellschaft ohne wesentlichen, kulturellen Identitätsanspruch gelten, womit sie den Expansionsvorstellungen der lokalen Vertreter des Islam besonders entgegenkommt. In der jüngeren Vergangenheit haben kleinere "Verfehlungen" in bezug auf das westliche Islamverständnis immer wieder erfolgreiche Vorlagen für gesteigerte Toleranzforderungen geliefert. Die – von niemandem bestrittene und verfassungsmäßig geschützte – Religionsfreiheit öffnet auf diesem Wege dem Islam als politischer Einheit eine grundrechtlich und politisch ungeregelte Ausbreitungsplattform, auf der er die Regulierung zunehmend selbst in die Hand nimmt: "Ihr könnt uns herabsetzen, beleidigen, demütigen oder verletzen, aber ihr werdet uns nicht mehr los. Ein Leben ohne uns wird es nicht mehr geben ... Nicht ihr werdet die Gesellschaft internationalisieren, modernisieren und humanisieren, sondern wir werden es tun – für euch. Ihr seid bei diesem leidvollen Prozeß lediglich Zaungäste, lästige Gaffer. Wir werden die deutsche Gesellschaft in Ost und West verändern ... " (SZ, 19.09.2000).




Da vor diesem Hintergrund jede deutsche Abweichung vom islamischen Verhaltenskodex zu registrieren, einzuordnen und zu bewerten ist, wobei der einheimische "Dialog" die Rolle eines Tugendwächters zunehmender Stringenz übernimmt, verlagert sich die Würde des Andersdenkenden in wachsendem Umfang auf die Anhänger des Islam. Hadayatullah Hübsch erkennt denn auch konsequenterweise in der Herabwürdigung anderer Religionen wie zum Beispiel durch das antichristliche "Corpus Christi", in dem Jesus die Rolle eines Trinkers und Homosexuellen zugewiesen ist, keine Beleidigung. Er macht hier eher die Verinnerlichung der liberalen Spielregeln durch die Vertreter des Islam deutlich. Nach ihm haben sich die Diffamierten ihre Herabwürdigung nicht nur selbst zuzuschreiben, sondern weitgehend auch das Recht verwirkt, auf die Formen der ihnen zuteil werdenden Beleidigungen Einfluß nehmen zu können.




Indem im Prinzip alle deutschen Medien diese einseitige Verschiebung der Inanspruchnahme von Grundrechten als "Pressefreiheit", "Toleranz" und "Forum der Ausgewogenheit" sehen und zunehmend auch zum ideologischen Kontrollorgan der gesellschaftlichen Institutionen gewordne sind, hat sich die Ausbreitung einer völlig neuen Art von "Leitkultur" in Gang gesetzt. Die Einforderung eigenkultureller Wertideen und die Bewertung fremder Kulturen nach objektiv-analytischen Aspekten, das heißt die Möglichkeit eines negativen Bewertungsergebnisses aus Sicht des "Dialogs" und seiner medialen Kontrolle, gerät zu einer immer absurderen Angelegenheit, die in nicht unerheblichem Umfang auch strafbewehrten Charakter annimmt. In diesem Schutzraum können die anderen Kulturen und Religionen unter Führung des Islam als der mit Abstand stärksten Fraktion in die Rolle der zukünftigen "Leitkultur" wachsen.




Eine ganz wesentliche Voraussetzung für die störungsfreie Fortsetzung einer solchen Entwicklung ist die weitere harmonische Entmündigung der Basisbevölkerung. Dieses Projekt, das mit ideologischen Kampfbegriffen wie "Ausländerfeindlichkeit", "Rechtsradikalismus" etc. bislang mit beeindruckendem Erfolg in Szene gesetzt worden ist, hat natürlich auch eine finanzielle Dimension. Hier ist es ebenso wichtig, durch eine ausreichende Sozialfinanzierung sowohl im islamischen als auch deutschen Bereich die Aktivierung der zweifellos gegebenen latenten Konfliktpotentiale zu verhindern oder abzuschwächen. Dabei wird es entscheidend darauf ankommen, inwieweit diejenige Arbeit, die in den nächsten Jahren globalisiert, das heißt rationalisiert wird, von den sozialen Netzen bzw. den aufkommenden elektronischen Funktionen aufgefangen werden kann.

carlo
07.04.2004, 23:10
Ziemlich komplex, aber trotzdem lesenswert:

http://www.islamische-akademie.de/buecher/grundkonzept/grundkonzept_kap_12bis13.htm

carlo
07.04.2004, 23:39
Kann sich der Islam in die westliche Demokratie einfügen?


Frankfurt am Main. Die Frage, ob der Islam sich in die freiheitlich-demokratische Grundordnung einfügen kann, wird angesichts von rund 20 Millionen Moslems in Europa zu einem Härtetest der westlichen Demokratie. Darauf hat der evangelische Theologieprofessor Walter Dietz (Mainz) bei einem Symposion des christlichen Professoren-Forums hingewiesen, das Mitte April in Frankfurt am Main stattfand.



Dietz hält es grundsätzlich für möglich, dass sich der Islam in die Demokratie einfügt, sofern er nicht die Scharia - das islamische Gesetz - neben oder über die Verfassung stellt. Ein der Moderne aufgeschlossener Islam werde die Unterordnung unter die Prinzipien des Rechtsstaates bejahen können - wenn nicht aus Überzeugung, so doch aus Opportunitätsgründen. Opportun könne jedoch aus islamischer Sicht auch eine zweckorientierte Verstellung (arabisch: Taqiya) sein, die zur Überwindung der Rechtsordnung führen solle. Für unvereinbar mit der Demokratie hält Dietz den Islamismus (Fundamentalismus) und den Dschihad (Heiliger Krieg). Wenn ein militantes Ringen um die Weltherrschaft des Islam als unverzichtbar angesehen werde, sei dies beispielsweise mit dem staatlichen Gewaltmonopol unvereinbar.



Der Dschihad billige die Tötung von Feinden, sei kompatibel mit Terrorismus und bejahe das Anwenden von Heimtücke. Aus Sicht des Islamismus liefere eine “blauäugige” Demokratie die Mittel dazu, dass sie schrittweise unterwandert werden könne und dem Islam in den Schoss falle. Dietz wandte sich aber gegen ein “Feindbild” Islam. Es helfe jedoch auch nicht weiter, den Islam grundsätzlich als Religion der Liebe und des Friedens darzustellen. Man müsse zwischen Islam und Islamismus unterscheiden. Die Frage, ob sich der Islam an der Seite des Christentums in das demokratisch verordnete Netz der Religionen einfügen könne, könne nur von ihm selbst beantwortet werden. Voraussetzung wäre jedenfalls eine politische Selbstbeschränkung des Islam, um die Grundwerte der Verfassung uneingeschränkt akzeptieren zu können.

http://www.jesus.ch/www/index.php/D/article/157/1044/

carlo
08.04.2004, 00:05
Hans-B. Maier


Wie friedlich ist der Islam?



Ein britischer Staatsbürger muslimischer Herkunft, seit seiner Geburt in England zu Hause, fliegt ins Land seiner Eltern und erklärt einem Fernsehreporter an der afghanischen Grenze am 31.10.2001, er wolle seinen Glaubensbrüdern im Heiligen Krieg beistehen; er sei auch bereit, auf britische Soldaten zu schießen. Von dem zwanzigjährigen Amerikaner John Walker Lindh, der als Talibankämpfer von den US-Streitkräften gefangengenommen wurde, hören wir, daß er Bin Laden, mit dem er mehrmals direkten Kontakt hatte, auch dann die Treue gehalten habe, als ihm die Pläne für den Anschlag vom 11. September bekanntgeworden seien.




Islamistische Gewalt und ein mehr oder weniger aktives Sympathisieren mit terroristischem oder zumindest menschenrechtswidrigem Verhalten von Muslimen ist ein weltweites Problem. Dabei ist zunächst zu fragen: Was ist Islamismus und was ist Islam? Und hilft uns eine solche Unterscheidung? Daß es im Koran – anders als jedenfalls im Neuen Testament – programmatische Gewalt-Aufrufe gibt, kann jeder sehen, der z. B. in der von Annemarie Schimmel kommentierten Reclam-Ausgabe die unter dem Stichwort „Heiliger Krieg“ angegebenen Stellen nachschlägt. Trotzdem meinen viele, man dürfe keinen Zusammenhang zwischen dem Islamismus und dem Islam sehen. In der Zeitschrift „Merkur“ hat Siegfried Kohlhammer in einem Aufsatz über „Die Feinde und die Freunde des Islam“ bereits 1995 festgestellt, daß man in Deutschland und anderen westlichen Ländern auf die zunehmenden Gewalt- und Terrorattacken von Islamisten jedesmal geradezu reflexhaft nach einem bestimmten Muster reagiere. Dazu gehörten die Appelle, man dürfe nun kein „Feindbild Islam“ aufbauen, und man müsse erkennen, daß es den Islam gar nicht gäbe und daß der („der“?) Islam eigentlich sehr tolerant sei. Wie wirklichkeitsfremd solche psychologisch durchaus erklärbaren Reaktionen sind, weist Kohlhammer mit Argumenten und Beispielen nach, die so wichtig und so erschütternd sind, daß sein Essay zur Pflichtlektüre für alle wird, die sich mit diesen existentiellen Problemen ernsthaft auseinandersetzen wollen. Nach dem 11. September haben die Herausgeber des „Merkur“ denselben Text noch einmal abgedruckt, und zwar im Novemberheft des vergangenen Jahres (S. 958-978).




Auch jetzt erleben wir ja wieder die bekannten Verdrängungsmuster. Bin Laden und seine „Gotteskrieger“ hätten nichts mit dem Islam zu tun. Dafür einige Beispiele: Hans Magnus Enzensberger spricht in der FAZ vom 18.09. 01 von einer allgemeinen Paranoia und wirft Drogensüchtige, HIV-Positive und „narzißtisch gekränkte Schüler“, die zum Messer greifen, mit den Terror-Strategen in einen Topf. Andere glauben, der Terror lasse sich allein aus politischer Ungerechtigkeit in Palästina und anderswo erklären. Ein Muslim mit deutschem Namen behauptet im „Rheinischen Merkur“ vom 28.09.01, den Dschihadismus gebe es erst seit knapp hundert Jahren, und bemüht für die ägyptischen Muslimbrüder die Nazis und die Bolschewiki. Häufig ist auch zu hören, die Übersetzung „Heiliger Krieg“ sei ein (böses?) Mißverständnis. „Dschihad“ sei der spirituelle innere Kampf; Krieg sei nur zur Verteidigung des Glaubens erlaubt. Wieder andere sagen, die Aufrufe im Koran zur Bekämpfung oder Vernichtung der Ungläubigen gälten nicht den Juden und Christen; sie ständen sogar unter einem besonderen Schutz. Und schließlich wird daran erinnert, daß der Koran auch viele schöne und friedfertige Stellen enthalte und zu einer wunderbaren Poesie und einer tiefen Mystik (Sufismus) inspiriert habe. Zu diesen Reflexen gehört auch die Gleichsetzung muslimischer Terroristen mit „dem Christentum“ in Geschichte und Gegenwart: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen, „christlicher Terror“ in Nordirland. Das kommt nicht etwa nur von Zeitgenossen, die der christlichen Botschaft fern stehen, sondern gerade auch von Christen, die selbstkritisch und korrekt sein wollen. Oder es wird umgekehrt an Beispiele vorbildlicher muslimischer Toleranz in früheren Jahrhunderten erinnert, etwa an die Duldung von Christen und Juden durch hochkultivierte islamische Herrscher in Spanien. Wer auf Gewaltsuren im Koran aufmerksam macht, bekommt oft zu hören, auch von Nichtmuslimen, die den Koran gar nicht in die Hand nehmen, diese Stellen gebe es nicht, sie seien falsch übersetzt, ganz anders gemeint, dürften nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Oder aber, sie seien zeitbedingt, nur aus der damaligen Situation Mohammeds heraus (als richtig und berechtigt) zu verstehen. Und die Bibel wimmele schließlich auch von solchen Stellen; wobei es kaum jemand für nötig hält, zwischen dem Alten und dem Neuen Testament zu unterscheiden.




Auf einige dieser Gesichtspunkte sei noch ein wenig eingegangen. Was das Palästina-Problem betrifft, so kann man die derzeitige Politik Israels kaum gutheißen, zumal unter der derzeitigen Regierung. Die verständliche Verzweiflung und Verbitterung der Palästinenser sollte uns aber nicht blind dafür machen, daß es auf ihrer Seite ein Potential an zerstörerischem Fanatismus gibt, das eindeutig mit dem Koran zusammenhängt: In welchem nicht-islamischen Land würden junge Menschen, und seien sie noch so schwer unterdrückt und gedemütigt und ohne Perspektive, auf die Idee kommen, als Bewerber für Selbstmordattentate Schlange zu stehen? Wo würden Mütter voll Stolz und Zustimmung dabeistehen und lächeln, wenn ihre sechsjährigen Kinder vor der Kamera verkündeten, sie wollten es auch bald dem großen Bruder gleichtun, der sich bereits als heiliger Märtyrer direkt ins Paradies hinübergebombt habe? Je mehr Feinde ein Attentäter in den Tod gerissen hat, um so größer ist der Jubel, weshalb auch die Freudentänze vieler Palästinenser über die Ereignisse in New York und Washington nicht allzu sehr verwundern sollten. Was beim Palästinaproblem bezeichnenderweise immer wieder unbeachtet bleibt, ist der Umstand, daß viele, wenn nicht gar die meisten Muslime in Palästina und anderswo dazu entschlossen sind, den Staat Israel bis zur Liquidierung zu bekämpfen, und zwar in jedem Fall, also ganz unabhängig davon, welche Politik Israel betreibt, einfach deswegen, weil Palästina und Jerusalem von ihnen als islamischer Boden beansprucht werden – und vielleicht auch, weil der Koran selbst Vorurteile gegen Juden (und Christen) schürt. Die Weltgemeinschaft müßte sich endlich dazu bekennen, daß man von Israel nicht erwarten kann, es solle diesen absoluten Vernichtungswillen der anderen akzeptieren – es sei denn, man wäre der Meinung, daß der Staat Israel tatsächlich keine Existenzberechtigung besitze. Wird dieses Existenzrecht aber von der Völkergemeinschaft grundsätzlich anerkannt, und sei es nur, weil man die Geschichte seit 1948 nicht rückgängig machen kann, so gilt: Sobald die Palästinenser in menschenwürdiger Autonomie (und möglichst bald auch in einem eigenen Staat) leben, haben die „Freiheitskämpfer“ auf ihrer Seite, die dann immer noch mit Attentaten gegen israelische Menschen und Einrichtungen vorgehen, als das zu gelten, was sie dann wirklich sind: als islamische Terroristen.





Gewalt im Koran





Über die religiös-politischen Machtansprüche, die ein Moslem grundsätzlich vertrete, schreibt der aus Algerien stammende Islamwissenschaftler Mohammed Arkoun am 18.10.01 in der „Welt“: „Alles, was im Koran gesagt wird, hat das Ziel, die bestehenden Religionssysteme vorerst zu disqualifizieren und dann, auf längere Sicht, zu eliminieren. Dabei handelt es sich einerseits um den Polytheismus, andererseits um die ‚Völker des Buches‘, also Juden und Christen.“ Wer kann nach einem Blick in die Geschichte und in den Koran noch glauben, das Islamismus-Problem sei erst durch den Zionismus oder durch modernes Globalisierungsunrecht aufgekommen? Auch wenn „Dschihad“ an manchen Stellen symbolisch verstanden werden kann, bleiben Suren wie 2,191: „Und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wannen sie euch vertrieben; denn Verführung ist schlimmer als Totschlag ...“ (Mit „Verführung“ ist auch das gemeint, was den Mitgliedern von Shelter Now vorgeworfen wurde. Wo haben in Deutschland oder weltweit Muslime gegen diese – korangetreuen – Menschenrechtsverstöße protestiert?) In 8,39 heißt es: „Und kämpft wider sie, bis kein Bürgerkrieg mehr ist und bis alles an Allah glaubt ...“, in 47, 4:„Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; ...“ In der neueren Koranübersetzung von Rudi Paret (1979) lautet diese Stelle: „Und wenn ihr (auf einem Feldzug) mit den Ungläubigen zusammentrefft, dann haut (ihnen mit dem Schwert) auf den Nacken!“ Hier ist also eine Relativierung und Differenzierung insofern möglich, als man diese Tötungsbefehle nicht auf jeden Moslem in jeder Situation zu beziehen hat. Daß es aber Mohammed in der damaligen Situation jedenfalls darum geht, daß die Andersgläubigen im Kampf umgebracht werden sollen, ist keine Frage: Was hätte ein Schwert sonst am Nacken des Gegners verloren? Man liest, daß diejenigen, die im Heiligen Krieg töten und getötet werden, besondere Glückseligkeit im Paradies erwarte (z. B. 9,20; 47,5 und 6) und daß Allah, wenn die Kämpfer ihr Vermögen (!) für den Sieg spendeten (!), dieses „Darlehen“ verdoppeln werde (57, 10 und 11). Vom „Dschihad im echten Sinn“ sagt Annemarie Schimmel (Sch 2, S. 12), er müsse vom Imam ausgerufen werden, „der die Gegner erst einmal auffordern muß, den Islam anzunehmen“ – als würde dieses zuvor erforderliche Ultimatum die Sache besser machen!




Auf die Frage, ob Juden und Christen als Ungläubige zu gelten hätten, gibt der Koran widersprüchliche Antworten. Anfangs hofft Mohammed noch mehr auf deren Zustimmung, vor allem auf die der Juden. Im Herbst 622 entschließt er sich zur Emigration (Hedschra) von seiner Heimatstadt Mekka nach Yathrib, dem späteren Medina. Bis zum 11. Februar 624 bemüht er sich eifrig um die dort lebenden jüdischen Beduinenstämme, wie den aus dieser Zeit stammenden Suren zu entnehmen ist, übernimmt auch israelitische Rituale. Zum Bruch kommt es, weil die Juden ihm nicht folgen wollen, ihm nachweisen, daß er ihre Bibel, auf die er sich immer wieder bezieht, gar nicht richtig kenne und daß der Koran voller Irrtümer sei. Von da an müssen die Muslime ihre Gebete nach Mekka und nicht mehr nach Jerusalem ausrichten, und Mohammed verkündet nun mit der von ihm beanspruchten göttlichen Koran-Vollmacht (Sure 2,127), die Ka’ba in Mekka sei von Abraham und seinem Sohn Ismael erbaut worden (vgl. dazu z. B. Mircea Eliade, „Geschichte der religiösen Ideen“, Freiburg, Herder/Spektrum 1983, S. 78 ff.). Da, wo Juden und Christen später als „Schutzbefohlene“ einen Sonderstatus genießen, geht es um ihre steuerliche Ausbeutung (Sch 2, S. 116; Gl, S. 312). Es gibt aber auch Stellen, wo sie wie alle Nichtmuslime zu den Ungläubigen gehören, z. B. in 9,29. Von diesem Feindbild leben manche Koran-Passagen geradezu. Man sammelt sich gegen etwas. Interessierte brauchen nur einmal die zweite Sure daraufhin zu untersuchen, wie oft „die anderen“ mit Begriffen bezeichnet werden wie: die Ungläubigen, die Ungerechten, die Frevler, die Verlorenen, die Verführten, die Abtrünnigen; auch von Satanen ist die Rede, und natürlich immer wieder von den Feinden – weil sie sich nicht der mohammedanischen Gruppe anschließen wollen. In 9,30 soll Allah die Christen totschlagen, weil sie reden wie die Ungläubigen: Sie sagen, der Messias sei Allahs Sohn. („Allah schlag sie tot!“/ nach Rudi Paret wörtlich: „Gott bekämpfe sie!“ Hier ist auch noch zu fragen: Spricht hier eigentlich Allah, wie ja für den ganzen Koran behauptet wird, oder nicht doch der Mensch Mohammed?) Verboten ist die Freundschaft mit Juden und Christen (5,51): „Oh ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden; .... Siehe, Allah leitet nicht die ungerechten Leute.“ (Rudi Paret: „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden. ... Gott leitet das Volk der Frevler nicht recht.“) Die auffallend rasche Islamisierung ursprünglich christlicher Länder – wie in der heutigen Türkei und in Nordafrika – kam nicht durch freie Entscheidungen für einen Glauben zustande, der die Konvertiten in ethischer oder spiritueller Hinsicht mehr überzeugt hätte. Natürlich wurde der Islam teilweise auch mit dem Schwert ausgebreitet. Und selbst wenn die Buchreligionen ausgenommen wären von der Gewalt und Feindschaft, was wäre das für eine Beruhigung?




Auch die sanften Stellen im Koran und die islamische Mystik sind ein schwacher Trost, unter anderem deshalb, weil diese Strömungen nie größere gesellschaftliche Bedeutung erreicht haben. Von Glasenapp schreibt, daß sie „den streng Gläubigen von jeher als eine schlimme Ketzerei“ gegolten hätten (Gl, S. 329).




Zur Gleichsetzung islamischen Terrors mit Gewalttaten, die in Zusammenhang mit dem Christentum genannt werden, ist zu sagen, daß in christlichem Namen und im Auftrag der Kirche unfaßbare Grausamkeiten verübt worden sind, abgesegnet und sogar initiiert durch hohe kirchliche Würdenträger wie einen Bernhard von Clairvaux, was besonders schockierend und letztlich unbegreiflich für den sein muß, der aus einem Einblick in die Schriften dieses Mannes eine Ahnung von seiner sonstigen Gesinnung gewonnen hat. Während der Kreuzzüge waren die Opfer dieser Greueltaten vor allem Muslime. Es gibt dafür keine Rechtfertigung. Gerade das kann man aber heute von allen Vertretern christlicher Kirchen hören: Daß es sich hier um einen Irrweg handelte, um zutiefst unchristliche Verfehlungen. Ein Beweis dafür ist das Neue Testament selbst, das ja nicht nur frei von jeder Gewaltprogrammatik ist, nicht nur ausdrücklich den Verzicht auf jede Gewalt und sogar Lieblosigkeit fordert, sondern die Nächstenliebe und selbst die Feindesliebe verlangt. Daß es im Alten Testament anders aussieht, ist bekannt. Aber auch hier müßte man sehr differenziert nach der Textsorte fragen, wenn es um Gewalt geht. Die Gewalttaten, von denen hier (oft nur bildlich) gesprochen, berichtet, erzählt, geträumt, gedichtet, phantasiert wird, auch von klagenden und verzweifelt fluchenden Psalm-Betern, sind jedenfalls nie Handlungsanweisungen einer historisch so faßbaren Person wie im Falle Mohammeds, die den Lesern oder Hörern als prophetische Autorität und zugleich als Feldherr und Machtpolitiker konkret sagt, was sie jetzt und in der Zukunft zu tun haben: Wenn die und die Situation eintritt, dann sollt ihr ... Außerdem hat man als Christ auch die Freiheit, sich auf den zu berufen, der in der Bergpredigt gesagt hat: „Den Alten wurde gesagt ... Ich aber sage euch ...“




Wenn man unter „christlich“ die eigentliche Botschaft versteht, die man – wenn auch nicht nur – im Neuen Testament finden kann, so wird klar, wie absurd die Behauptung ist, auch da gäbe es doch Gewalt oder gar Terrorismus. Daß es sich mit dem Koran anders verhält, ist noch zu zeigen. Schließlich aber ist der Verweis auf eine gewalttätige chistliche Praxis oder gar Lehre insofern nicht hilfreich und auch irreführend, als wir ja zunächst einmal danach fragen dürfen und sogar müssen, wie es heute aussieht. Da wird Nordirland genannt. Die Rede von einem „christlichen Terrorismus“ ist aber deswegen völlig unangemessen, weil es in diesem perversen Bürgerkrieg in keiner Weise um irgendwelche Glaubensinhalte oder gar um Gebote des Neuen Testaments geht. Die Kontrahenten könnten sich heute genauso gut auf zwei verschiedene Fußballmannschaften berufen. Man hat auch noch nie gehört, daß ein IRA-Bombenleger zur Tat seine Heilige Schrift mitgenommen hätte (wie das etwa bei Mohammed Atta der Fall war) oder daß er in der Nacht davor inbrünstig darin gelesen und gebetet hätte. Im übrigen ist die Paranoia in Nordirland derzeit weltweit der einzige Fall, wo Gewalttäter und Terroristen in politisch-territorialen Auseinandersetzungen mit christlichen Etiketten versehen werden. Zu fragen bleibt immerhin, warum die beiden Kirchen, denen in Nordirland so schlimm geschadet wird, sich offiziell nicht mehr von diesem Wahnsinn distanzieren, nicht deutlicher darauf hinweisen, daß die dort aktiv Beteiligten keinerlei Recht haben, sich bei ihren Untaten katholische oder evangelische Christen zu nennen.




Von Muslimen begangene Menschenrechtsverletzungen, Gewalt- und Terrortaten jedoch lassen sich nicht nur unmittelbar aus dem Koran ableiten, sondern sie werden auch tatsächlich millionenfach aus diesem Buch abgeleitet, und zwar in der Gegenwart, von Regierungen und Einzelpersonen, sogar in zunehmendem Maß. In dem oben erwähnten Aufsatz betont Siegfried Kohlhammer unter Berufung auf einen muslimischen Wissenschaftler, daß „die fundamentalistische Weltsicht heute die vorherrschende unter den Muslimen“ sei (S. 977). Der Islamismus nimmt zu, und laut Amnesty International werden „in keinem einzigen der 46 islamischen Länder ... die in der Deklaration der Menschenrechte von 1948 angeführten Rechte“ respektiert (S. 965). In manchen islamischen Staaten wie z. B. im Sudan werden unsägliche Greueltaten begangen. Oft sind es Christen, die diskriminiert und grausam verfolgt werden, etwa in Ägypten, Pakistan, Osttimor – und eben im Sudan, dessen Staatspräsident vor einer Fernsehkamera Osama Bin Laden als einen zutiefst religiösen Helden des Islam beschreibt, ebenso wie der Vorsitzende des Rates der islamischen Geistlichkeit in Mombasa, eine Einschätzung, die auch dem Selbstverständnis dieses – subjektiv idealistisch gesonnenen – Mannes entsprechen dürfte. (Diese im September 2001 bei uns in der Sendung „Jagd auf Bin Laden“ ausgestrahlten Fernsehinterviews wurden zwar vor den September-Anschlägen aufgenommen. Aber auch damals waren schon „kleinere“ Terrorakte Bin Ladens, mit zahlreichen Todesopfern, bekannt gewesen.)




Wie stellen sich prominente Islam-Vertreter in Deutschland zu solchem Terror? Ein Imam aus Nürnberg namens Jussuf Usa wird im Bayerischen Fernsehen am 24.9.2001 gefragt: „Sind die Taliban Islam?“ Antwort: „Islam ist das heilige Gesetz, ist Koran. ... Ob sie (die Taliban) tolerant sind, ob sie gut sind, das weiß nur Gott.“ Das heißt, vielleicht sind sie gut! Jedenfalls will oder darf er nichts Negatives über sie sagen, sich nicht von ihnen distanzieren. Daß sich führende Muslime in Deutschland nicht klar genug vom Terrorismus absetzen, ist ein bekanntes Phänomen. In vielen Fällen hat man den Eindruck, daß sie taktieren. Das gilt z. B. für den Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland und Direktor des Islamischen Zentrums in München-Freimann, Ahmet Al-Khalifa. Die Süddeutsche Zeitung spricht einmal (am 27./28.10.2001) in Frageform von der „Taqiya“, dem islamischen Gebot der Verstellung. Al Khalifa ist Gesprächspartner des bayerischen Kultusministeriums für islamischen Religionsunterricht und steht zugleich (laut SZ vom 2./3.10.2001) im Verfassungsschutzbericht. Seinen Asylantrag hat er damit begründet, daß er in Ägypten als Mitglied der Muslimbruderschaft (!) (die das Grundgesetz per definitionem nicht anerkennen kann) verfolgt worden sei. Von einem Mann, der wegen des ersten Anschlags auf das World Trade Center als Terrorist verurteilt wurde und zuvor im Islamischen Zentrum in München-Freimann aus- und eingegangen war, sagt Al Khalifa, daß er in seinem Zentrum „nur ein paar Monate gewohnt“ habe, da lebten „viele Leute“. (Auch von den muslimischen Einrichtungen in Deutschland, in denen sich die Terroristen um Mohammed Atta vor ihrem letzten Einsatz aufgehalten haben, kommen vor allem Reaktionen der Abwehr, kaum Hinweise auf irgendwelche grundsätzlichen Einsichten, Distanzierungen, Kursänderungen.) Al Khalifa äußert sich noch über Muslime, die offensichtlich zum Teil auch bei uns über den 11. September gejubelt haben, folgendermaßen: „Wenn mich mein Nachbar lange genug ärgert, kann ich dann meine Schadenfreude unterdrücken, wenn bei ihm zuhause eine Wasserleitung bricht?“ (SZ vom 2./3.10.2001)




Wohlgemerkt, hier geht es nicht um Menschen, die aktiv und offen gegen unsere Gesetze verstoßen, wie etwa der „Kalif von Köln“ Metin Kaplan, der wegen eines – prompt befolgten – Mordaufrufs verurteilt wurde und zusammen mit zahlreichen Anhängern vor Gericht „mit einer kaum zu glaubenden Unverblümtheit“ (SZ vom 20.9.2001) verkündete, ihn interessiere das deutsche Recht überhaupt nicht, sondern nur die Scharia. Aber muß einen bei einem Partner wie Al Khalifa nicht auch ein Unbehagen beschleichen? Hat man verstanden, will man verstehen, daß Integration mit Solidarität zu tun hat und etwas anderes sein muß als die Etablierung von Parallelgesellschaften? Nach den Anschlägen in New York und Washington äußerten Politiker in Deutschland die Hoffnung, sie würden aus muslimischen Begegnungszentren zahlreiche sachdienliche Hinweise auf verdächtige Personen bekommen, welche sich offensichtlich in diesen Bereichen aufgehalten hatten, Hinweise von Mitbürgern also, die etwas hätten bemerkt haben müssen und nun bereit sein müßten, mit den Behörden gegen den Terror zusammenzuarbeiten. Und dann war man sehr enttäuscht darüber, daß man keinen einzigen Hinweis bekam. Vielleicht eine notwendige Ent-Täuschung? Zu denken geben muß einem auch Nadeem Elyas, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der zum Ausdruck bringt, man sollte sich als Muslim in diesem Land eben (vorerst?) damit abfinden, daß man die Scharia „flexibel“ handhaben müsse (SZ vom 27.9.2001).




Wie wichtig es ist, daß wir uns über unsere Maßstäbe im klaren sind, hat sich an einem kleineren Beispiel auch gezeigt, als deutsche Gerichte das Problem, ob bei uns in größerem Umfang geschächtet werden dürfe, davon abhängig machten, wie zwingend die islamische Religion es vorschreibe. Man sprach von Religions- und Berufsfreiheit. Was aber, wenn sich, wie hier der Fall, Widersprüche zum hiesigen Tierschutzgesetz ergeben?





Beschwichtigungen





Zum Stichwort „Feindbild Islam“ noch einige Überlegungen. Siegfried Kohlhammer weist darauf hin, daß es eher um das Feindbild in den Köpfen der Zeitgenossen geht, die überall schlimme Feindbild-Bastler am Werk zu sehen glauben. Man warnt vor einem Phantom, vor Vorurteilen, die in dieser suggerierten Form gar nicht existieren. In Wirklichkeit wird eher beschwichtigt, wobei an die Stelle von Argumenten oft Beteuerungen treten. Warum diejenigen verharmlosen, die es vielleicht doch nicht so harmlos meinen, ist klar. Was sind die Motive derer, die auf nicht-muslimischer Seite beschwichtigen? Erstens: Man will – ganz allgemein – keine Scherereien haben, auch nicht gedanklich. Zweitens: Man fürchtet den Vorwurf der Intoleranz (oder gar Fremdenfeindlichkeit), will zeigen daß man keine „dumpfen“ Vorurteile, keine Superioritätsphantasien pflegt. Drittens: Man sieht immer weniger Grund, sich zu einer eigenen kulturellen Identität zu bekennen. Viertens: Religion spielt in Westeuropa kaum noch eine Rolle, ist den meisten völlig gleichgültig. Das gilt insbesondere für das Christentum. Fast alles andere scheint attraktiver, zumindest akzeptabler zu sein. Fünftens: Manche halten kritische Äußerungen über den Islam auch im Hinblick auf ihre eigene Sicherheit für riskant. Ein einziger Fanatiker würde ja genügen. In Deutschland soll es an die dreitausend gewaltbereite muslimische Extremisten geben, eine Zahl, die von Beschwichtigern wiederum eifrig in Frage gestellt wird. Festzustellen ist zum Feindbegriff noch, daß jeder Mensch dann Feinde (und nicht Feindbilder) hat, wenn er von anderen Menschen bedroht wird. Bin Laden ist unser Feind, ob wir wollen oder nicht. Auch Jesus hatte Feinde und sah, daß andere Feinde hatten. Sonst hätte er nicht umgebracht werden und nicht die Feindesliebe aufbringen können. Das Christentum lehrt, daß man den Feind nicht hassen und ihm verzeihen soll. Es lehrt nicht, daß man keine Feinde haben, sie nicht sehen, sich nicht vor ihnen in acht nehmen dürfe.




Wegen dieses hohen Ideals der Nächsten- und Feindesliebe wird es immer ein leichtes sein, den Christen Versagen vorzuwerfen, auch in einer Zeit ohne Kreuzzüge. Und doch bewirkt diese Ausrichtung auf ein völlig unerreichbares Vorbild, daß es zu allen Zeiten auch eine unverfälschte christliche Tradition gegeben hat, die uns heute dazu veranlassen würde, bei einem christlichen Geistlichen, der Haß oder gar Mord predigen würde, unter Protest aus der Kirche zu gehen. Wir würden sagen: Dazu komme ich doch nicht in die Kirche! Was ist das für ein Pfarrer? Man weiß aber, daß es bei islamischen Freitagsgebeten und auch in Koranschulen ganz anders zugehen kann.





Zweifel am Propheten





Und das hat offensichtlich mit dem Koran und mit Mohammed selbst zu tun. Man müßte zumindest versuchen, Muslimen zu vermitteln, daß es kein unfreundlicher Akt oder gar ein persönlicher Angriff auf islamische Gläubige und die ihnen heiligen Werte sein soll, wenn wir offen sagen, daß und warum wir im „Westen“, beispielsweise als Christen, Mohammed natürlich keineswegs für ein untadeliges Vorbild und gar für sündenfrei halten können, wie das für die Muslime gilt (Sch 3, S. 48; Sch 2, S. 50). Die unvoreingenommen Autoren stimmen darin überein, daß er zumindest eine überaus schillernde und rätselhafte Persönlichkeit war, voll von Widersprüchen, und daß er Taten verübt hat, die moralisch äußerst fragwürdig und schockierend waren.




Von Glasenapp stellt fest, daß Mohammeds auf Gott zurückgeführte Eingebungen mit schweren psychophysischen Erschütterungen verbunden gewesen seien und daß er in späterer Zeit „diese Anfälle dann hatte, wenn er moralisch höchst anfechtbare Anordnungen erließ oder sogar seinen sexuellen Wünschen dadurch eine größere Autorität verleihen wollte, indem er sie als eine göttliche Verkündigung ausgab“ (Gl, S. 304). Zu denken ist dabei z. B. an Sure 33,50, wo dem Propheten diesbezügliche Privilegien zugestanden werden. Es gibt auch Suren, bei denen es um persönliche Heimzahlung geht: Nr. 112 z. B. ist die Abrechnung mit Verwandten, die ihn nicht als Propheten anerkennen. Manche Forscher sagen deutlich, mit Bezug auf Stellen im Koran, er habe seine Offenbarungen nach Bedarf bekommen, um seine Anweisungen im privaten und politischen Bereich zu legitimieren. Es ist zwar richtig, daß er sich immer nur als Sprachrohr Allahs ausgegeben hat, insofern also bescheiden war. Aber gerade dadurch mußten seine Gläubigen natürlich immer Allah und seinem Propheten gehorchen. Seine „umma“, die Gemeinde der Gläubigen, war ja von Anfang an ein auf Expansion bedachtes politisches Gebilde, das (vor allem ab 622) nur mit großer Autorität zu organisieren war. Mircea Eliade sagt, Mohammed habe in seiner Funktion als Koran-Prophet die arabische Nation geschaffen. Immer wieder liest man, er habe dabei mit List und Verstellung gearbeitet, mit (frommem) Betrug, mit Gewalt, so z. B. bei Eliade, Glasenapp, Tor Andrae, Gustav Mensching. In der 17. Sure ist gar von einer nächtlichen Himmelsreise von der Ka’ba nach Jerusalem die Rede, die dazu gedient habe, seine Anhänger zu beeindrucken. Bekannt ist auch, daß Mohammed zur Durchsetzung seiner Ziele Friedensgesetze gebrochen, Gefangene grausam umgebracht, Karawanen zu Beutezwecken überfallen hat (Sch 2, S. 44 f.; Gl S. 305 ).





Unterschiede zwischen Christentum und Islam





Nun können auch angefochtene Menschen zu Trägern von Segen und Offenbarung werden. Aber auch die Botschaft selbst ist für den unvoreingenommenen Beobachter ein Problem: Der Koran, so heißt es, unterscheide sich von allen anderen Offenbarungen dadurch, daß er nicht Gegenstand einer Diskussion sein könne, für jeden Moslem völlig unantastbar sei.




Er stammt nach muslimischer Auffassung nicht von Mohammed (weshalb Muslime nicht „Mohammedaner“ genannt werden wollen), sondern von Gott selbst, und zwar, weil das – so der Zirkelschluß – im Koran steht. Dieser Zirkelschluß ist das eigentliche Problem. Das Buch habe schon immer in der vorliegenden Form existiert, in arabischer Sprache also. (Mit der Vorstellung von einer Präexistenz diese Buches verträgt sich eines besonders schlecht: die Tatsache, daß Mohammed zahlreiche Suren offensichtlich für den politischen Tagesbedarf herausgebracht bzw. wieder eingezogen hat.) Der Koran kann nach islamischem Denken eigentlich auch nicht übersetzt, sondern nur auf arabisch rezitiert werden, ist im Idealfall auswendig zu lernen, auch wenn man die Worte nicht versteht. Schon das Vortragen von Koranversen gilt als verdienstvoll. „Koran“ bedeutet „Rezitation“. Der Umstand, daß nicht-fundamentalistische Juden und Christen ihre Offenbarungsschriften als Niederschlag von unterschiedlichen und historisch bedingten Gotteserfahrungen sehen, bei deren Überlieferung sich auch Unstimmigkeiten ergeben können, wird als Beweis dafür genommen, daß sie falsch seien. Das heißt also: Gerade die Tatsache, daß die Aussagen der Bibel nicht auf einen Menschen zurückgehen, sondern auf viele, während der Koran eben mit der Glaubwürdigkeit dieses einen Menschen steht und fällt, spricht für Muslime gegen die Seriosität der Bibel und für den Anspruch des Koran. Daß Mohammed im Laufe seiner Verkündigungen viele Verse zurückgezogen und durch andere ersetzt hat, nach Bedarf, wie kritische Beobachter sagen müssen, gilt als Ausdruck dafür, daß Allah die Freiheit habe, sich zu widersprechen. Sure 2, 106: „Was Wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit bringen, Wir bringen bessere oder gleiche dafür. Weißt du nicht, daß Allah über alle Dinge Gewalt hat?“




Überall da, wo der Koran von der Bibel abweicht, gilt seine Darstellung als Korrektur der jüdischen und christlichen „Fälschungen“ (Sch 1, S. 11). Welche „Fälschungen“ korrigiert der Koran? Jesus wird anerkannt, aber nur zur Bestätigung mohammedanischer Aussagen und als letzter Vorläufer des eigentlichen Propheten. Er wurde nie gekreuzigt, das war ein anderer (4,157; in Kommentaren zu dieser Stelle, so kann man von Muslimen erfahren, stehen Begründungen wie diese: Es war schon dunkel, als Jesus gefangen genommen wurde. Deshalb konnten die Schergen nicht sehen, daß sie den Falschen gefaßt hatten. Oder: Wenn der Verhaftete wirklich Jesus der Prophet gewesen wäre, so hätte er vor Pilatus nicht schweigen können, sondern sich verteidigen müssen. – Hier spürt man besonders deutlich, wie der Wunsch der Vater des Gedankens ist.) Es gibt nach islamischer Darstellung keine Erlösungsbedürftigkeit; kein Golgatha, kein Ostern, kein Pfingsten. Gott kann auch kein Vater sein. Die Trinität ist Vielgötterei von Ungläubigen. Besonders verwerflich und verächtlich ist die Idee der Feindesliebe. Allah gebietet nichts anderes als: Auge um Auge ... (5, 44 – 47).




Daß sich das Christentum mit dem Islam vergleicht, ist naheliegend, wird den Christen durch solche Korrekturansprüche ja geradezu aufgedrängt – im Unterschied beispielsweise zu dem äußerst differenzierten und unserer Mentalität schwerer zugänglichen Buddhismus, wo man ja immer unsicher ist, was da überhaupt zu vergleichen ist, und ob man der anderen Botschaft je gerecht werden kann. Für den Vergleich zwischen Christentum und Islam gilt aber nun: Von den wesentlichen christlichen Aussagen bleibt nichts übrig. Ist es wirklich so intolerant – oder vielleicht einfach realistisch, wenn man dann feststellt, daß diese Religion, wenn sie die Herzstücke des Christentums programmatisch und aktiv als Fälschungen abtut, nicht nur unchristlich ist, sondern auch antichristlich? Und ist es wirklich nur rechthaberische Ideologie, wenn ein Christ von dem, was uns von Jesus überliefert ist, den Eindruck hat, daß es da um eine ganz andere Qualität geht? Um eine Lichtgestalt von einer wohl wirklich einmaligen Offenheit nach oben und zu den Menschen hin. Berichtet wird, daß Jesus sich gerade denen, die aus der Liebe ganz herausgefallen waren, zugeneigt hat, ihnen einzeln nachgegangen ist, daß er die Güte in Person war, frei von jedem Egoismus. Historisch gesichert ist, daß er viele Feinde hatte und daß keiner seiner Gegner ihm eine einzige Falschheit oder Untat nachsagen konnte, offensichtlich deshalb, wie er ganz in und aus der Liebe gelebt hat. Warum sollte man als Christ nicht bekennen, daß ein Prophet Jesus, der dem eigentlichen Propheten Mohammed und seiner Lehre als Vorläufer dienen soll, mit dem historischen Jesus nichts zu tun hat – geschweige denn mit dem verkündigten Christus? Und trotzdem hört man heute häufig, nicht nur von völlig uninformierten Privatleuten, sondern oft auch von offiziellen Vertretern christlich-muslimischer Begegnungsstätten, im wesentlichen stimmten Islam und Christentum doch überein.




Ein besonderes Merkmal islamischer Mentalität scheint zu sein, daß es (noch?) zu wenig um Dialog, Offenheit, Freiheit, Wahrheitssuche geht und wohl eher um Festlegung (auch theologisch: Prädestination), um Gesetzlichkeit (fünf Säulen), um die in einem Kollektiv Identität stiftende Durchsetzung von Macht- und Besitzansprüchen – selbst noch im Paradies: Man(n) bekommt „Jungfrauen mit schwellenden Brüsten“, die noch keiner besessen hat (78,33; 55,72). Es gibt Gnade und Vergebung, aber nur nach völliger Unterwerfung (=„Islam“) unter den Willen Allahs – und (!) seines Propheten. Dieser Durchsetzungsanspruch scheint auch anstelle einer Theologie zu herrschen. Historische Tatbestände werden geleugnet (Kreuzigung; Beeinflussung Mohammeds durch – freilich sehr oberflächliche – Kontakte mit jüdischer und christlicher Überlieferung, auch im Umgang mit einem Cousin seiner ersten Frau, der Christ war), ebenso wie philologische: Nach 61,6 hat Jesus einen Gesandten namens Ahmad vorausgesagt, was wie „Muhammad“ „der Vielgepriesene“ bedeutet. In einer Anmerkung dazu erklärt A. Schimmel, die Muslime behaupteten, daß der versprochene Paraklét im Johannesevangelium (14,16.26; parákletos=der Beistand, der Heilige Geist) eine christliche „Fälschung“ sei: Es müsse heißen „periklytós“ (=der Vielgepriesene), eine uralte homerische Vokabel, die das Neue Testament nicht kennt.





Schwieriger Dialog





In einer ehrlichen Begegnung mit Muslimen sollten Christen deutlicher sagen, woran sie glauben und was sie für wahr halten – und warum, vielleicht etwas deutlicher als Lessing im „Nathan“ mit seiner Botschaft von der Gleichgültigkeit. Wer bei uns das Christentum ablehnt, sollte nicht möglichst viel Christliches unter „Fundamentalismus“-Verdacht und dann auf eine Stufe mit dem islamistischen Terror stellen. Es gibt meines Wissens nur einen Bereich, wo man christliche Fundamentalisten mit Gewalt in Verbindung bringen darf. Gemeint sind die militant fanatischen Abtreibungsgegner in Amerika, die glauben, die Tötung ungeborener Kinder gäbe ihnen das Recht, dafür den Abtreibungsarzt zu töten. Ansonsten sind christliche Fundamentalisten meist sehr friedfertige Menschen, die nicht in der Lage oder nicht bereit sind, zu verstehen, daß die Aussagen der Bibel oft nicht wörtlich, sondern in einem symbolischen Sinn zu verstehen sind. Aus Angst, sie könnten ihren Glaubenshalt verlieren, verlangen sie, Gott müsse die Welt in sechs Tagen zu 24 Stunden geschaffen haben.




Der SPIEGEL hat sogar (am 8.10.01) eine biblische Sagengestalt wie Samson und christliche Jugendsekten, die Jesus-Plakate herumtrugen, mit Bin Laden verglichen. Auch nicht-christliche Zeitgenossen sollten daran interessiert sein, daß gewisse christliche Grundwerte, die in allen islamischen Staaten und zum Teil auch von Muslimen bei uns mehr oder weniger mißachtet werden, Geltung bekommen, auch in Form von Verträgen, schon im Hinblick auf rechtsstaatliche Normen: Trennung von Religion und Staat (Gebt dem Kaiser, ...; Mein Reich ist nicht ...); Würde aller Menschen – unter Verzicht auf jegliche Scharia; die Gleichberechtigung der Frau (in 4,34 z. B. wird zum Schlagen widerspenstiger Ehefrauen aufgerufen. Nach 4, 11 soll eine Tochter nur halb so viel erben wie ein Sohn.); Meinungs- und Glaubensfreiheit und das Recht, friedlich für eine Glaubensüberzeugung zu werben oder sich vom Islam loszusagen, ohne von der Ermordung (z. B. durch eine „Fatwa“, wie Salman Rushdi) bedroht zu sein.




Ein ernsthafter Dialog wird schwierig sein, sowohl über politisch-rechtliche als auch (und besonders) über religiöse Vorstellungen, was ja für den Muslim nicht zu trennen ist. Er wird aber um so eher möglich sein, je deutlicher beide Seiten, Muslime und Nicht-Muslime, zum Ausdruck bringen, was sie, auch langfristig, wollen und was sie nicht akzeptieren können, um den Spielraum für Kompromisse offen auszuloten. Ein friedliches Nebeneinander oder auch ein Gegenüber in respektvollem Abstand ist besser als ein Miteinander, dem die ehrlichen Voraussetzungen fehlen. Ehrlicher wäre z. B., daß wir aufhörten, bei uns mit zweierlei Maß zu messen: So kann es nicht darum gehen, wer eine Salman-Rushdi-Fatwa verkünden oder ob Bin Laden einen Heiligen Krieg ausrufen darf, sondern nur darum, daß solche Handlungen als Straftaten und schwere Menschenrechtsverletzungen in keinem Fall zu akzeptieren sind. Aus ähnlich prinzipiellen Gründen sollten bei uns alle Wert darauf legen, daß nur die Muslime im Westen Moscheen bauen dürfen, die sich glaubhaft dafür einsetzen, daß auch in allen muslimischen Ländern christliche Kirchen oder buddhistische Tempel errichtet werden können. Es geht darum, daß wir uns definieren, den Muslimen mit klaren Konturen gegenübertreten, um für sie ernstzunehmende Partner zu sein. Wenn sie hören, daß Vertreter des Westens zwar einen Krieg gegen ein islamistisches Terrorregime (Taliban) beginnen, aber dann allen Ernstes darüber diskutieren, ob man den Krieg im Fastenmonat Ramadan nicht lieber unterbrechen sollte, so kann das auf muslimischer Seite nur unerwünschte Reaktionen auslösen, nämlich eher Verachtung für eine Schwäche des anderen. Daß eine solche Inkonsequenz gewürdigt und umgekehrt auf Bräuche der anderen Religion Rücksicht genommen würde, das wäre schon ein allzu naive Erwartung.




Sehr wichtig ist bei alledem die Frage, inwiefern muslimischer Abscheu gegen unsere Gesellschaft berechtigt ist: Pornographisierung, Ego- und Spaßgesellschaft, hemmungsloser Materialismus, alles Phänomene, die oft einfach mit Demokratie gleichgesetzt werden. Hier könnten wir viel von den Muslimen annehmen. Nicht nur, um andere weniger vor den Kopf zu stoßen, sondern auch im Interesse unserer eigenen gottgewollten Menschenwürde.



Der Koran. Übers. von Max Henning, Stuttgart 1991 (Reclam); Einleitung und Anmerkungen von Annemarie Schimmel = Sch 1


Annemarie Schimmel, Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen. München 1996 (dtv) = Sch 2


Annemarie Schimmel, Die Religion des Islam. Stuttgart 1990 (Reclam) = Sch 3


Helmuth von Glasenapp, Die fünf Weltreligionen. Düsseldorf/Köln 1963 = Gl




Kann jemand die Seriösität der Quelle beurteilen? :rolleyes:

http://die-neue-ordnung.de/Nr12002/HM.html

schloss
08.04.2004, 18:25
Original geschrieben von carlo
@ schloss,
ich wäre dankbar für Beiträge in der Sache...Glaubenskrieger und Verschwörer bekommen in diesem thread keinen Milimeter... :p

keine Verschwörung, reine Fakten, sogar kurzzeitig in der renommierten Presse nachzulesen gewesen:

wie 24 Mitglieder der Familie Bin Laden Amerika verlassen durfte:

Ketty Kay, "How FBI helped bin Laden family flee US", in: The London Times, 1.10.2001

Kevin Cullen, "Bin Laden kin flown back to Saudi Arabia", in: The Boston Globe, 20.09.2001

Patrick E. Tyler, "Fearin harm, bin Laden kin fled from US", in: The New York Times, 30.09.2001

Jane Mayer, "The house of bin Laden", in: The New Yorker 12.11.2001

zu den Reisen der Royals während des Flugverbots ausgerechnet von Florida aus mit einer Maschine des Rüstungskonzerns Raytheon:

Kathy Steele, "Phantom flight from Florida", in: The Tampa Tribune 5.10.2001

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Die Verschwörer gibt's, aber da gehöre ich nicht dazu, dann gibt es welche, die bewusst weggesehen haben, und welche die nicht nachgefragt haben...

carlo
12.04.2004, 01:10
Was ist bloß mit den Moslems los?


Leon de Winter liest das neue Buch von Bernard Lewis, in dem erklärt wird, warum in der arabischen Welt der Hass auf den Westen grassiert


Es ist auffällig, dass viele Konflikte, die derzeit für Tod und Verderben sorgen, am Rande der islamischen Welt stattfinden: auf dem Balkan, in Tschetschenien, Kaschmir, überall dort in Afrika, wo der Islam an christliche und animistische Bevölkerungsgebiete grenzt. Auch intern ist die islamische Welt von großen Spannungen gekennzeichnet. Es gibt kein islamisches Land, in dem bürgerliche Freiheiten nach westlichem Vorbild garantiert sind. Armut, Unterentwicklung und ein chronischer Mangel an demokratischen Institutionen halten die breite Masse in der islamischen Welt in Wut, Neid und Hass gefangen. Auch anderswo auf der Welt ist man weit vom westlichen Lebensstandard entfernt. Große Teile Indiens, Chinas, Mittel- und Südamerikas sowie Schwarzafrikas haben einen vergleichbaren Rückstand gegenüber dem Westen zu beklagen, doch den virulenten Hass auf den Westen findet man dort selten. Den großen Unterschied in der Einstellung materiell und sozial rückständiger Gebiete gegenüber dem Westen macht also die An- oder Abwesenheit des Islam aus; stellt der Islam die Mehrheitsreligion dar, lodert der Hass hoch auf.



Bernard Lewis, der größte Arabist der modernen Zeit, hat diesem Phänomen ein Buch gewidmet: "Die Wut der Arabischen Welt" (Campus, Frankfurt/M. 192 S., 19,90 EUR.) Es ist vornehmlich ein Abriss der Geschichte der Konflikte zwischen dem christlichen Europa und dem islamischen Nahen Osten. Lewis geht ausführlich auf Natur und Geschichte des Dschihad-Begriffs, auf die Allianz zwischen dem Haus Saud und den Wahhabiten sowie auf den Selbstmordterrorismus ein.



Wie von einem Spezialisten nicht anders zu erwarten, atmet das Buch Ruhe und Übersicht. Kein Satz, aus dem nicht Lewis' überwältigendes Wissen spräche. Lewis wurde 1916 in London geboren und ging 1974 von dort nach Princeton, wo er bis zu seiner Pensionierung 1986 Professor für "Near Eastern Studies" war. "Die Wut der Arabischen Welt" ist die Studie eines Giganten. Und doch lässt sie etwas vermissen. Es scheint, als hätten Lewis' große Liebe zur arabisch-islamischen Kultur und seine Hochachtung vor ihr ihn daran gehindert, die wahren Ursachen für die heutigen islamischen Krisen beim Namen zu nennen. Mag er auch hie und da vor ihnen warnen, er bleibt ein Gentleman, der lieber ein Understatement benutzt, als scharf und erbarmungslos zu polemisieren.



Lewis bleibt sogar an der Oberfläche, wenn er das folgende schreibt: "Wenn islamische Herrscher Europa und Europäer eroberten und regierten und sie dadurch in die Lage versetzten - nicht jedoch zwangen -, den wahren Glauben zu erkennen, war das für Muslime völlig legitim. Dass jedoch Europäer in islamische Länder eindrangen und Muslime nicht nur regierten, sondern - schlimmer noch - versuchten, sie vom wahren Glauben abzubringen, war ein Verbrechen und eine Sünde." An anderer Stelle widmet er einen Absatz dem Werdegang Mohammeds als Prophet und Kriegsherr, doch auch dort vermeidet er es, die wirklich heiklen Punkte anzusprechen.



"Die Wut der Arabischen Welt" redet also um den heißen Brei herum. Es gibt weltweit nur wenige Experten vom Format eines Bernard Lewis, und kaum einer von ihnen wagt sich über die Grenzen des traditionellen Forschungsgebiets der Arabisten hinaus. Das heißt aber nicht, dass Lewis von Kollegenseite gänzlich unangefochten bliebe. Höhnisch wird er im grauenhaft politisch korrekten amerikanischen Universitätsmilieu von den Adepten Edward Saids beobachtet, der in seinem vielgerühmten Buch "Orientalismus" das Studium der arabischen und islamischen Welt durch Nichtaraber und Nichtmuslime faktisch verboten hat. Lewis distanziert sich nämlich von der Zwangsvorstellung der Saidisten, die für jeden Mangel in der arabisch-islamischen Welt erst einmal den Westen verantwortlich machen, vor allem die USA und die Juden. Für die Saidisten wäre die arabisch-islamische Welt ein Paradies, wenn sich der Westen nicht in die internen islamischen Angelegenheiten einmischen würde. Dass diese Auffassung eine introvertierte Illusion sei, deutet Lewis auch in seinem neuesten Buch an, ohne freilich speziell darauf einzugehen. Lewis schwebt über den Themen und bietet dem Laien mit seinem Buch eine hervorragende Einführung - dem Titel (im Original: "The Crisis of Islam") aber wird er nicht gerecht.

http://www.welt.de/data/2003/08/23/157964.html

:rolleyes:

carlo
13.04.2004, 00:05
Eine interessante Seite aus der Schweiz zum Thema:


Das Kopftuch


„Alle monotheistischen Religionen kennen den Konflikt zwischen dem Göttlichen und dem Weiblichen, aber keine ist so weit gegangen wie der Islam, der sich für ein Verbergen des Weiblichen entschieden hat, indem er versucht, es zu verschleiern, zu verstecken, zu maskieren.“ (Fatema Mernissi, „Der politische Harem“)

Die offiziellen Vertreter des Islams sagen, das Tragen des Kopftuchs sei eine religiöse Pflicht und mit Rücksicht auf die Religionsfreiheit müsse es auch in den westlichen Ländern in der Schule und am Arbeitsplatz erlaubt werden. Zum gegenteiligen Schluss kam hingegen das Bayerische Verwaltungsgericht in einem Prozess, den eine iranische Asylbewerberin gegen die deutschen Behörden angestrengt hatte. Die Iranerin sollte aus Deutschland in den Iran abgeschoben werden und brauchte zu diesem Zweck ein Passfoto mit Kopftuch, da der Iran sie sonst nicht zurücknehmen wollte. Da die Frau sich weigerte, das Kopftuch anzuziehen, fesselte man sie an einen Stuhl und band es ihr gegen ihren Willen auf. Die Iranerin sagte vor Gericht, die Nötigung zum Kopftuch Tragen habe ihr Recht auf Religionsfreiheit verletzt. Das Gericht entschied aber, dass das Tragen des Kopftuchs keine religiöse Pflicht sei.

Wer hat jetzt recht, die Muslime oder das Bayerische Verwaltungsgericht? Ist das Kopftuch eine religiöse Pflicht oder ist es keine?


1. Das Kopftuch im Koran


Wer wissen will, ob das Tragen des Kopftuchs eine Vorschrift der islamischen Religion ist, muss nachsehen, was der Koran, das heilige Buch des Islams, darüber sagt. Dabei genügt es nicht, sich auf einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Koranstellen zu berufen; man muss den Hintergrund der Texte kennen und verstehen, wie es überhaupt dazu kam, dass die Menschen die Frauen verschleierten.

„Klar: In einer streng patriarchalen Gesellschaft mit einer totalen Geschlechter-Trennung (die Frauen drinnen, die Männer draussen), sind Frauen auf der Strasse unerwünscht... Männer beherrschen das Terrain... Der Schleier nimmt der Frau jedes Zeichen von Weiblichkeit: Nur so, als geschlechtsloses Wesen, wird sie auf der Strasse geduldet. Frauen, die sich so verkleiden, huschen wie Gespenster durch die Strassen - das Recht zu flanieren haben sie längst nicht mehr.“ (Chalida Messaoudi, „Mein Land macht mir Angst“ in „Was Männerwahn anrichtet“, Alice Schwarzer, Hrsg.)

Das Kopftuch ist eine Folge der grundsätzlichen Aufteilung des Raums im Islam: Für die Oeffentlichkeit sind die Männer zuständig, für das private Heim die Frauen. Die Frau muss sich im öffentlichen Bereich hinter dem Schleier verstecken, da sie sich dort eigentlich gar nicht aufhalten dürfte.

Ohne die Geschlechtertrennung würde es also das Kopftuch gar nicht geben. Darum ist unsere erste Frage im Zusammenhang mit dem Kopftuch: Wird die Zweiteilung des Raumes in ein männliches Draussen und ein weibliches Drinnen vom Koran überhaupt verlangt?

Die offiziellen Vertreter des Islams bejahen das. Sie stützen sich dabei auf die Koranstelle in Sure 33, Vers 53:

„Ihr Gläubigen! Betretet nicht die Häuser des Propheten, ohne dass man euch zu einem Essen Erlaubnis erteilt... Und geht wieder eurer Wege, wenn ihr gegessen habt, ohne zum Zweck der Unterhaltung auf Geselligkeit aus zu sein.! Damit fallt ihr dem Propheten lästig... Und wenn ihr die Gattinnen des Propheten um (irgend) etwas bittet, das ihr benötigt, dann tut das hinter einem Vorhang! Auf diese Weise bleibt euer und ihr Herz eher rein .“*

Im Koran steht also, dass sich Bittsteller den Prophetengattinnen hinter einem Vorhang nähern sollen, denn so würde die Reinheit der Herzen erhalten. Daraus folgerten die Gelehrten, die den Islam im Mittelalter festlegten, dass sich die Menschen nur vor einem verdorbenen Herzen schützen können, wenn die Frau aufs Haus beschränkt ist und der öffentliche Bereich dem Mann vorbehalten bleibt. Damit begründen auch heute die Vertreter des etablierten Islams die islamische Geschlechttrennung.

Allerdings ist diese Interpretation umstritten. Wenn man die Geschichte des „Vorhang-Verses“ und die Gründe für seine Offenbarung berücksichtigt - was nach Meinung massgebender islamischer Gelehrter nötig ist, um hinter seine ursprüngliche Bedeutung zu kommen - sieht die Sache anders aus. Denn als Anlass für die Offenbarung des Textes wird folgendes Ereignis überliefert:

Der Prophet feierte Hochzeit mit seiner jungen Frau Zainab. Nach dem Fest wartete er ungeduldig darauf, bis er mit seiner Braut allein sein konnte, aber drei unhöfliche Männer blieben einfach bei ihm sitzen. Als sie sich endlich verabschiedet hatten, wollte der Diener Anas die Wohnung des Propheten betreten, doch dieser hinderte ihn daran, indem er einen Fuss im Zimmer und den andern draussen hinstellte, einen Vorhang zwischen sich und dem Diener herabzog und dabei den oben zitierten Koranvers murmelte.

„Der Hijab, wörtlich „Vorhang“, ist nicht „herabgekommen“, um sich zwischen Mann und Frau zu stellen, sondern zwischen zwei Männer...
Der Hijab-Vers (Vorhang-Vers) ist in dem Zimmer der Brautleute „herabgekommen“, um ihre Privatsphäre zu schützen und eine dritte Person auszuschliessen...“ (Fatema Mernissi, „Der politische Harem“)

Berücksichtigt man das damalige gesellschaftliche Umfeld, wird klar, warum diese Offenbarung so einschneidende Folgen für das Leben der Frauen des Propheten hatte. Vor ihrer Verkündigung konnten sie vollumfänglich am öffentlichen Leben teilnehmen, doch dann wurden sie plötzlich ins Haus verbannt. Der Prophet sah sich zu dieser Massnahme gezwungen, da seine Stellung in jener Zeit geschwächt war und seine Feinde gemäss den koranischen Berichten seine Autorität über seine Frauen zu untergraben suchten. Sie setzten zum Beispiel Verleumdungen über sie in Umlauf oder verkündeten öffentlich, dass sie eine von ihnen nach seinem Tod heiraten würden. Dem Propheten blieb nichts anderes übrig, als seine Frauen aus dem Schussfeld ihrer Angriffe zu nehmen, indem er sie im geschützten Heim verbarg. Uebrigens waren die Frauen gemäss der Ueberlieferung mit ihrer Ausgrenzung nicht einverstanden; es wurde ihnen aber als Entgeld dafür besondere Ehren im Paradies versprochen

Bis zum Tode des Propheten waren nur seine Frauen von der Aussonderung betroffen. Im Laufe der Zeit wurden aber alle Frauen unter Berufung auf den „Vorhang-Vers“ aus der Oeffentlichkeit vertrieben.

„Ein relativ geringfügiger Vorfall - einige Gäste haben sich nach einem Hochzeitsmahl länger aufgehalten als sie sollten - ruft also eine so bedeutsame Konsequenz hervor wie die Spaltung des muslimischen Raumes in zwei Welten, die Welt des Innen (Heim) und die Welt des Aussen (Oeffentlichkeit).“ (Fatema Mernissi, „Der politische Harem“)


Wenige Zeit nach der Offenbarung des „Vorhang-Verses“ verkündete der Prophet den Koranvers, mit dem heute die Pflicht des Kopftuchtragens begründet wird:

Sure 33, 59: „Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (wenn sie austreten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen) erkannt und daraufhin nicht belästigt werden.“

Dieser Koranvers war die Antwort auf die zunehmende männliche Aggressivität in der Stadt Medina, wo der Prophet mit seiner jungen Gemeinde wohnte. Vor allem die Frauen hatten unter den Zuständen zu leiden. Sie wurden mehr und mehr auf der Strasse angepöbelt, verfolgt und mit der demütigenden Praxis des Ta‘arrud (wörtlich „sich einer Frau in den Weg stellen und sie zur Unzucht auffordern“) belästigt.

Der Koranvers will nun den Frauen des Propheten und den übrigen Musliminnen helfen, sich gegen diese Angriffe zu schützen. Er erteilt ihnen den Rat, „sich etwas von ihrem Gewand über den Kopf zu ziehen“, - also nicht ein zusätzliches Kleidungsstück zu tragen, sondern lediglich ihr Kleid etwas anders zu drapieren - damit die Männer sie von den Sklavinnen unterscheiden können. Denn im Gegensatz zu den freien Frauen waren die Sklavinnen Freiwild.

„Der Schleier war der Triumph der Heuchler: Den Sklavinnen wurde weiterhin auf der Strasse nachgestellt und Gewalt angetan. Die weibliche muslimische Bevölkerung wurde künftig durch einen Hijab (Schleier) in zwei Kategorien gespalten: Die freien Frauen, gegen die Gewaltanwendung untersagt war, und die Sklavinnen, bei denen das Ta‘arrud erlaubt war.“(Fatema Mernissi, „Der politische Harem“ )

Später wurden der „Schleier-Vers“ und der „Vorhang-Vers“ miteinander verknüpft. Aus dieser Verbindung resultierte die oben beschriebene Zweiteilung des Raumes, die die Frauen nur vermummt in der Oeffentlichkeit duldete.

Es ist wenig über den Prozess bekannt, wie und wann genau der Schleier für die Musliminnen zum Obligatorium erklärt wurde, man weiss nur, dass es in den ersten Jahrhunderten nach der Ausbreitung des Islams über die Grenzen Arabiens hinaus geschah. Im Mittelalter, bei der Ausformulierung des islamischen Gesetzes (Scharia), wurde die Verhüllung der Frauen und ihre Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben dann endgültig fixiert. Zur Zeit wird die Verbannung der Frauen aus der Oeffentlichkeit nicht konsequent gefordert, weil man auf die (billige) Arbeitskraft der (verschleierten) Frauen angewiesen ist.

Nach dem bisher Gesagten sollte klar geworden sein, warum diejenigen Leute in der islamischen Religion, die die Frauenunterdrückung bewahren wollen, den Muslimen und Musliminnen verbieten, die Koranoffenbarungen zu hinterfragen oder in ihrem historischen Zusammenhang zu interpretieren.


2. Das Kopftuch ist Politik

Heute kommt dem islamischen Kopftuch eine grosse politische und kulturelle Bedeutung zu. Dass dem so ist, verdanken wir vor allem den westlichen Kolonialmächten des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Kolonialisten wendeten in der islamischen Welt eine despotische Unterdrückungsstrategie an, um die dortigen Bodenschätze auszubeuten. Offiziell rechtfertigten sie ihre Herrschaft mit der Begründung, die Muslime seien unterentwickelt und man müsse ihnen helfen, sich nach westlichem Muster zu zivilisieren. Sie erkoren das Kopftuch zum sichtbaren Beweis für die Rückständigkeit der unterdrückten Bevölkerung und ihrer Religion und lancierten einen Feldzug zur Entschleierung der Frauen. Bezeichnenderweise liessen sie aber zum Beispiel die Mehrehe und das Scheidungsrecht - zwei grundlegende Pfeiler der Frauenfeindlichkeit im Islam - unangetastet. Das Ziel der Kopftuchkampagne war natürlich nicht die Befreiung der Frau; man wollte damit nur von der Raffgier und Brutalität der eigenen Politik ablenken.

Dass die Kolonialmächte das Kopftuch als Zeichen für die Minderwertigkeit des Islams gegenüber der westlichen Zivilisation propagierten, war der Grund dafür, dass es die muslimische Bevölkerung später, in ihrem Befreiungskrieg, zum Wahrzeichen für die Ueberlegenheit des Islams gegenüber dem verhassten Westen machte.

„Obwohl kein Zweifel daran besteht, dass das Verschleiern von Frauen eine Massnahme der Kontrolle und Unterdrückung ist, wurde der Schleier für eine Weile zu einem Symbol nationalen Widerstands gegen die Franzosen (in Algerien). Während des Krieges bestanden französische Beamte darauf, dass algerische Frauen von der Unterdrückung des Schleiers befreit wurden. Französische Militärlastwagen hatten Dorffrauen in städtische Regionen transportiert. Dort wurden die Frauen gezwungen, sich öffentlich zu entschleiern... Algerische Männer und Frauen nahmen diese symbolische öffentliche Vergewaltigung gleichermassen übel... Viele junge Frauen, sogar solche, die in liberalen Familien aufgewachsen waren, trugen freiwillig den Schleier als Demonstration ihrer Zugehörigkeit zum unterdrückten algerischen Volk...“ (Marie-Aimée Helie-Lucas, „Frauen, Nationalismus und Religion im algerischen Unabhängigkeitskrieg“)


So kam es, dass der Schleier, nachdem er anfangs des 20. Jahrhunderts vor allem in den Städten fast vollständig verschwunden war, plötzlich in den siebziger und achtziger Jahren wieder auftauchte. Er signalisierte (und signalisiert noch heute) die Position seiner Trägerin: Mit Schleier gehört sie zum Islam - ohne Schleier zum Westen.

„Natürlich ist nicht jede Frau, die einen Schleier trägt, eine Fundamentalistin. Es gibt mehrere Arten von Schleiern. Es gibt den Schleier, der Armut verdeckt...Es gibt auch den ‚Lass-mich-in-Ruhe‘-Schleier... Dann gibt es noch den traditionellen Schleier der Hausfrauen, der nur Nase und Mund bedeckt. Aber es gibt auch den völlig neuen Ganz-Körper-Schleier der Gymnasiastinnen und Studentinnen, die nichts und niemand zwingt, sich zu verschleiern...
Das alles wird von den Fundamentalisten ausgenutzt. Sie machen den Schleier zu einem politischen Schleier, zu einem Symbol, das besagt: Die gehört zu uns.“ (Chalida Messaoudi, „Mein Land macht mir Angst“, in Alice Schwarzer, „Was Männerwahn anrichtet“)

Die islamischen Fundamentalisten, aber auch der offizielle orthodoxe Islam, haben das Kopftuch für sich gepachtet. Beide vertreten den politischen Islam, beide verteufeln die westliche Kultur und beide wollen aus der Welt einen islamischen Gottesstaat à la Saudi-Arabien oder Iran machen. Die verschleierte Frau, die sich mit ihrer Kleidung zum Islam bekennt und sich damit gegen den Westen stellt, gehört zu ihnen, denn sie lassen keinen andern Islam zu als den ihrigen. Jedes neue Kopftuch bedeutet eine sichtbare Stärkung ihrer Ideologie. Darum setzen sie soviel daran, die Musliminnen davon zu überzeugen, dass sie den Schleier tragen müssen.

„Für die religiösen Gelehrten von Al-Azhar, die höchste Instanz in Glaubensfragen in der sunnitischen islamischen Welt, ist der Schleier nicht eine Sache der Wahl. Er muss von jeder gottesfürchtigen Muslimin getragen werden.“ ((Reuters, 8. 9. 1999)


Das Kopftuch richtet sich gegen den Westen. Es ist eine klare Absage an die westliche Gesellschaft und deren freiheitliche und demokratische Werte. Es soll das Einleben und Fussfassen seiner Trägerin in der nicht-muslimischen Gesellschaft verhindern und sie in ein „islamisches“ Ghetto zwingen, wo sie leicht zu manipulieren ist.

„Kein anderes Symbol kann mit solcher Wucht so schlagkräftig das Anderssein des Islams gegenüber dem Westen demonstrieren wie der Schleier... Die zeitgenössische Verschleierung der Frauen dient der Unterstreichung, dass die Grenzen zwischen der islamischen und der westlichen Zivilisation ... unüberwindbar sind.“ (Nilüfer Göle, „The Forbidden Modern. Civilization and Veiling“ zitiert nach Bassam Tibi, „Aufbruch am Bosporus“)

Da der Schleier das Wahrzeichen des Fundamentalismus und des orthodoxen Islams ist, steht er für eine totalitäre politische Gesinnung, die sich die Erniedrigung der Frau auf die Fahne geschrieben hat. Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass die Trägerin des Kopftuchs in den meisten Fällen keine Ahnung hat, welches Gedankengut sie mit ihrer Kleidung vertritt. Nicht die Kopftuchfrauen müssen wir zur Verantwortung ziehen, sondern ihre islamischen Führer und deren westliche Helfershelfer, die vorgeben, „tolerant“ gegenüber einer fremden Kultur zu sein und dabei (wissentlich oder nicht) eine menschenverachtende Ideologie unterstützen.


Das Kopftuch hat seine Unschuld verloren, es ist nicht mehr einfach ein Stück Stoff ohne Bedeutung. Um des Kopftuchs willen wurden und werden Millionen von Frauen erniedrigt, schikaniert, geschlagen oder getötet. Das müssen wir bedenken, wenn wir entscheiden, ob wir es auch bei uns im Westen offiziell als religiöse Vorschrift anerkennen wollen.

„Wenn bestimmte Deutsche in diesem Zusammenhang von „Toleranz“ als Rahmen für die Akzeptanz des Schleiers sprechen, dann beweisen sie damit, dass sie nicht verstehen, worum es geht: nämlich um einen politischen Konflikt.“(Bassam Tibi, „Aufbruch am Bosporus“)

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*(Koranübersetzungen von Rudi Paret)


Titel der Bücher, auf denen dieser Artikel zur Hauptsache basiert, und nähere Angaben zu den Autorinnen.

„Women and Gender in Islam“ (Yale University Press, New Haven & London) von Leila Ahmed;
Leila Ahmed ist Professorin und Direktorin für Frauenforschung und Professorin für den Nahen Osten an der Universität von Massachusetts.

„Women in the Qu‘ran, Traditions, and Interpretation“ (Oxford University Press) von Barbara Freyer Stowasser;
Barbara Freyer Stowasser ist Professorin für Arabisch und Direktorin des Center for Contemporary Arab Studies der Universität von Georgetown. Sie lehrt arabische Kultur, Islam und arabische Literatur.

„Die vergessene Macht“ (Fischer), „Der politische Harem“ (Herder) von Fatema Mernissi;
Fatema Mernissi ist Soziologin und lehrt an der Universität in Rabat/Marokko. Sie ist seit 1973 Beraterin der UNESCO und der BIT zum Thema muslimische Frauen.


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KINDER


Gespräch mit der 11jährigen Shirin in einem französischen Aufnahmezentrum für Asylbewerber*

Frage: Wie lange bist du schon in Frankreich und was hast du vorher gemacht?
Antwort: Seit etwa einem Jahr, vorher bin ich im Iran zur Schule gegangen, ich war aber unglücklich dort.

F: Weshalb?
A: Sie haben uns schlecht behandelt. Oft wurden die Lehrer böse und kommandierten uns herum. Wir haben viel geweint, doch wir mussten gehorchen. Wir hatten immer Angst.

F: Gab es auch Körperstrafen?
A: Ja.

F: Hat man dich jemals geschlagen?
A: Ja. Einmal hatte ich keine Zeit gehabt, eine Lektion vorzubereiten. Da hat mir die Lehrerin mit einem Stab auf die Hände geschlagen. Ein anderes Mal hat sie meine Freundin mit dem Kopf an die Wand geschlagen.

F: Wie war eure Kleidung?
A: Islamische Kleidung... sogar wenn es heiss war, durften wir sie nicht ausziehen; auch nicht um Sport zu treiben. Selbst in einem abgeschlossenen Raum mit geschlossenen Vorhängen war es verboten. Die Schulvorsteherin sagte uns: „Und was ist, wenn ein Mann hinter den Vorhang sieht?

F: Wie alt warst du da?
A: Acht Jahre alt.

F: Du hattest eine Krankheit, unter der du sehr gelitten hast. Willst du mir darüber etwas erzählen?
A: Ja. Die Haut an meinem Kopf brannte mich. Wenn ich mich kratzte, begann es zu bluten. Nicht einmal während der heissesten Monate durften wir das Kopftuch im Klassenzimmer abnehmen. Es gab ein paar Gebäude nahe bei unserer Schule. Die Lehrerin sagte uns, dass vielleicht ein Mann dort wohnt und uns unverschleiert sehen könnte. Das sei sehr schlecht. Viele Mädchen bei uns hatten dieselbe Krankheit.

F: Erzähl mir von der Schulfeier für die kleinen Mädchen.
A: Diese Feier heisst Ebadat (Gebet) und wird für alle Mädchen, die neun geworden sind, veranstaltet. Wir mussten unsere Schleier und Gebetssteine mitbringen. Es wurde gemeinsam gesungen und gebetet.

F: Warum mit neuen Jahren?
A: In diesem Alter gilt ein Mädchen als reif und muss den Islam als Frau verstehen.

F: Wie versteht man den Islam als Frau?
A: Wir lernen die Gebote des Islam, die Gebetszeiten und dass Schminken etwas Schechtes ist. Sie sagen uns, dass wir nun den Schleier über unseren Kleidern tragen sollten, so wie unsere Mütter.

F: Und was ist, wenn eure Mütter keinen Schleier tragen?
A: Sie sagen uns, dass sie dann ungläubige Musliminnen sind.

F: Was macht ihr sonst noch an einer solchen Feier?
A: Zuerst fragen sie uns über unsere Familien aus, dann singen wir. Sie sagen uns: „Wenn eure Eltern nicht beten, so müsst ihr sie bestrafen.“

F: Was singt ihr?
A: Sie stellen uns Fragen in Form von Versen, zum Beispiel: „Wenn ein Cousin zu euch nach Hause kommt, was musst du dann tun?“ Und wir antworten im Chor: „Ich bedecke mich mit dem Schleier.“ Es gibt eine ganze Reihe solcher Frage-Antwort Verse. Zum Beispiel: „Lach nicht laut, betrachte und berühre keinen Mann...“ Alles bezieht sich immer auf den Islam.

F: Verstehst du die Bedeutung dieser Verse?
A: Ja, es bedeutet, dass wir mit neun Jahren Frauen sind, dass Männer uns nicht ansehen sollen und wir uns verhüllen müssen, wie es im Islam vorgeschrieben ist.

F: Findest du, dass das wirklich der Islam ist?
A: Nein, das glaube ich nicht mehr. Islam heisst: nichts Schlechtes sagen, an Gott glauben und das tun, was er will. Ich bin aber sicher, dass Gott nicht all das will, was sie im Iran von uns verlangen, zum Beispiel islamische Kleidung tragen, wenn es unerträglich heiss ist im Sommer. Unsere Schulvorsteherin sagte, dass uns Gott mehr liebt, wenn wir verhüllt sind. Heute glaube ich, dass Gott alle gleich gern hat und nicht die Frauen, die den Schleier tragen, mehr.

F: Ist deine Schule in Frankreich sehr anders?
A: Ja, extrem. Im Iran erklärt die Lehrerin dir den Stoff nur einmal, auch wenn du ihn nicht begriffen hast. Hier dürfen wir zehnmal nachfragen, ohne dass man mit uns schimpft oder uns schlägt. Ich habe aber noch ziemlich Mühe mit dem Schreiben....
Wir können hier mit den Jungen zusammen spielen und das ist ganz normal. Im Iran konnten wir das nicht einmal ausserhalb der Schule. Wir durften sie nicht ansehen und nicht mit ihnen sprechen.

F: Angenommen, die Verhältnisse im Iran ändern sich und die Schulen werden wie hier. Möchtest du dann zurückgehen?
A: Ja, auf jeden Fall. Ich vermisse meine Freundinnen und auch meine Grossmutter sehr....

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*(aus dem Englischen. Quelle: MoHa, The Letter No 3, January-April 1998)



Islam und Frau


Warum Bariya ausgepeitscht wird


Ein Blick auf die Geschichte des Islams


Der Entwicklung des Islams, wie sie im folgenden Artikel dargelegt wird, liegen zur Hauptsache Bücher der Professorinnen Leila Ahmed, Barbara Freyer Stowasser und Fatema Mernissi zugrunde. Nähere Angaben zu den Autorinnen am Schluss.


Tanja und Michael

Die 25jährige Tanja, Laborantin, und der 27jährige Michael, Ingenieur, schliessen in der Stadt Zürich ihren Bund fürs Leben. Nach der Geburt des zweiten Kindes kündet Tanja ihre Teilzeitstelle, um sich ganz ihrer Aufgabe als Mutter und Hausfrau zu widmen. Sie verlässt nur noch selten die Wohnung. Michael erlaubt ihr nicht mehr, ihre Eltern, Freundinnen oder andere Bekannte und Verwandte zu besuchen. Sie darf auch nicht wie andere Frauen mit den Kindern im Park spazierengehen. Die Einkäufe besorgt Michael selbst. Wenn sie trotzdem einmal ausgehen muss, zum Beispiel zum Arzt, nimmt Michael frei und begleitet sie. Auch im Bett muss sie Michael jederzeit zur Ver-fügung stehen. Da er ihr keine Verhütungsmittel erlaubt, bekommt sie kurz nachein-ander nochmals zwei Kinder. Immer öfters wird sie von Michael geschlagen.

Tanja ist wehrlos. Sie hat grosse Angst, dass Michael sie eines Tages mit den Worten „Ich verstosse dich,“ aus dem Haus jagt, und sie dann mittellos, verachtet und allein auf der Strasse steht.

Als Michael sich aber ein junges Mädchen zur zweiten Frau nimmt, hat Tanja genug und bittet ihn, sie freizugeben. Seine Reaktion ist furchtbar. Er schlägt sie vor den Augen ihrer Kinder und droht: „Wenn ich dir erlaube, dich scheiden zu lassen, musst du mir viel Geld dafür bezahlen und die Kinder behalte ich.“ Tanja bleibt.

Eines Tages eröffnet ihr Michael, dass er für ihre 11jährige Tochter einen 40jährigen Mann gefunden habe. Dies sei eine grosse Chance, denn der Mann sei reich und bezahle viel für das Mädchen... usw. usw.

Die Geschichte von Tanja und Michael ist erfunden. Michael könnte Tanja niemals mit ein paar Worten verstossen, sie einsperren, ihr Verhütungsmittel oder Scheidung verbieten, neben ihr eine zweite Frau haben oder die minderjährige Tochter verkaufen. Es käme ihm gar nicht in den Sinn, er weiss, dass unsere Gesellschaft ein solches Verhalten nicht toleriert und dass Tanja sich notfalls vor Gericht wehren könnte.

Die Geschichte ist aber nicht erfunden, wenn die Ehegatten Fatima und Ali heissen und in einem islamischen Land wohnen. Dort hat Ali die absolute Verfügungsgewalt über Fatima und handelt innerhalb des gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmens.
„Im offiziellen Islam und in seinen Gesetzen ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen sowie die verbriefte Vorrangstellung der Männer über die Frauen auf allen Ge-bieten unanfechtbar festgesetzt...“ (Leila Ahmed, „Women and Gender in Islam“)


Im Grunde genommen finden wir es skandalös, dass Männer irgendwo auf der Welt ungestraft mit ihren Frauen machen können, was sie wollen. Für uns würden wir das jedenfalls niemals tolerieren. Sobald sich die Schurkerei jedoch im Rahmen des Islams abspielt, zeigen wir Verständnis. Wir sind verunsichert, weil man uns sagt, die Unterdrückung der Frauen entspreche der islamischen Kultur und Religion und die muslimischen Frauen seien damit einverstanden; wir sollten uns davor hüten, allen Menschen unsere Kultur aufzwingen zu wollen. Also schweigen wir und beruhigen uns mit dem Gedanken, dass die muslimischen Frauen halt noch rückständig und vielleicht sogar von Natur aus unterwürfig seien.

Aber die hiesigen Muslime sagen immer lauter, dass sie auch bei uns nach ihrer frauenfeindlichen Religion leben wollen. Aus taktischen Gründen stellen sie zwar vorläufig in unseren Breitengraden noch „harmlose“ Forderungen, wie der Ausschluss der muslimischen Schulmädchen vom Sportunterricht oder die Errichtung von islamischen Friedhöfen. Machen wir uns aber nichts vor: Der Wunsch der Muslime, auch bei uns ihre „islamische Identität“, „Tradition“ oder „Kultur“ - wie sie es nennen - zu leben, bedeutet im Klartext, dass sie auch hier im Westen die ganze Palette des islamischen Gesetzes und damit die vollständige Entrechtung der Frau - mit dem Endziel: jeder Frau, also auch der nicht-muslimischen - im Namen ihrer Religion durchsetzen wollen.

Wie sollen wir reagieren? Sollen wir Religionsfreiheit und Toleranz hochhalten und hoffen, dass es bei den zur Zeit noch wenigen bekopftuchten muslimischen Schulmädchen bleibt? Sollen wir uns unbeliebt machen und darauf beharren, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter für alle Einwohner in unserem Land - auch für die aus andern Kulturen und Religionen - gilt? Oder gibt es vielleicht einen Mittelweg, bei dem sowohl die Religionsfreiheit als auch das Gesetz respektiert werden?

Um darauf eine brauchbare Antwort geben zu können, müssen wir uns vorgängig mit folgender entscheidender Grundsatzfrage befassen:

Ist es überhaupt die islamische Religion, die von den Frauen die Unterwerfung unter ihre Männer verlangt, oder sind es nicht eher die Männer, die ihre Privilegien mit Hilfe der Religion begründen und bewahren wollen?

Für die Religion des Islams sind zwei heilige Bücher massgebend. Das erste ist der Koran, in dem die Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfangen hat, aufgeschrieben sind, und das zweite ist die sogenannte Hadith-Sammlung, in der Handlungen und Worte des Propheten Mohammed erzählt werden, die dieser ausser-halb des Korans getan beziehungsweise gesagt hat.

Die Stellung der Frau im Islam wird mit Zitaten aus diesen beiden heiligen Schriften begründet. Wir müssen also untersuchen, ob Gott im Koran und in der Hadith-Sammlung den Männern wirklich die Kontrolle und Unterdrückung ihrer Frauen befiehlt. Wenden wir uns zu diesem Zweck den Anfängen des Islams zu.


Der Koran entsteht

Im Koran sind die Offenbarungen niedergelegt, die der Prophet Mohammed vom Jahre 610 bis zu seinem Tod im Jahre 632 n.Chr. von Gott empfangen hat. Zu Lebzeiten des Propheten wurden diese Offenbarungen von seinen Schülern zum Teil auswendig gelernt, zum Teil auf Blättern, Knochen etc. aufgeschrieben. Nach dem Tod des Propheten wurden sie systematisch gesammelt. Es entstanden unterschiedliche Fassungen, die sich teilweise widersprachen. 15 Jahre nach dem Tode Mohammeds erklärte der damalige islamische Herrscher eine einzige Version zum wahren Koran und erzwang die Vernichtung aller anderen Offenbarungstexte.

Das exakte Aufschreiben war aber an sich schon problematisch, denn dem arabischen Alphabet fehlten die Vokale und zum Teil die Punkte, die zur Unterscheidung der einzelnen Konsonanten nötig sind, so dass auch dieser endgültige Text verschieden verstanden werden konnte und auch heute noch unterschiedlich ausgelegt wird. Zum Beispiel kam kürzlich ein moderner Sprachforscher nach dem Studium des koranischen Urtextes zum Schluss, dass der Koran den männlichen Gläubigen möglicherweise doch keine ‚gross-äugigen Paradiesjungfrauen‘, wie man bis heute glaubte, sondern lediglich ‚weisse, kristallklare Weintrauben‘ für das Paradies in Aussicht stellt. (Christoph Luxenberg; „Die syro-aramäische Lesart des Korans“)

Der Koran war im Alltagsleben des Propheten und seiner Gemeinschaft verwurzelt. Oft gaben die Offenbarungen Antwort auf eine spezielle Situation, zum Beispiel auf die Frage einer Frau bezüglich des rüpelhaften Verhaltens ihres Ehemannes oder darauf, wie Mohammed am besten unhöfliche Hochzeitsgäste loswerden könnte.



Die Frau im Koran


„Je nachdem wie man es benutzt, kann das Heilige Buch ein Weg in die Freiheit oder ein unentrinnbares Gefängnis sein.“ (Fatema Mernissi, „Der politische Harem“)


Der Koran enthält eine Vielfalt unterschiedlichster Frauengeschichten, in denen die Frauen jeweils direkt als selbständige, unabhängige und eigenverantwortliche Persönlichkeiten angesprochen werden. Der Glaube und das Ansehen einer Frau hängen im Koran von ihrem eigenen Willen und ihrer eigenen Entscheidung ab, ungeachtet der Rechtschaffenheit ihres Partners oder der Beziehung zu einem frommen Mann.

Die Gleichheit der Geschlechter wird im Koran an vielen Stellen betont. Für Mann und Frau gelten die gleichen Tugenden, gleiche Qualitäten, gleiche moralische Bedingungen, gemeinsam einzuhaltende geistige und sittliche Verpflichtungen. In seiner grundlegenden ethischen Stimme legt der Koran den Boden für die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Es gibt aber neben der ethischen noch eine zweite Stimme im Koran. Es ist die Stimme der Praxis, wo der Koran auf ganz konkrete Probleme eine Antwort gibt, zum Beispiel auf die revolutionäre Frage, ob Frauen erben dürfen. Die Antwort auf solche praktischen Fragen fällt im Koran oft zu Ungunsten der Frauen aus.

Obschon der Koran also in seiner ethischen Stimme mit unmissverständlicher Deutlichkeit die Gleichheit der Geschlechter verkündet, gibt es Koranverse, die im praktischen Alltag die Unterwerfung der Frau unter den Mann gutheissen. Wie kann man das verstehen?



Der Prophet in der Krise



„Den Frauen den Weg zum Paradies freizugeben, war weit weniger schwierig, als ihnen das Recht auf Erbschaft und Kriegsbeute zuzugestehen.“ (Fatema Mernissi, „Der politische Harem“)


Wir wissen, dass die Frauen in der jungen islamischen Gemeinde keineswegs passiv und unterwürfig waren. Sie trugen Verantwortung und wurden auch als verantwortliche Personen behandelt, sie waren selbstbewusst, politisch einflussreich, forderten und stellten Fragen über das Zusammenleben der Gläubigen und ihr Ver-hältnis zu Gott; Mohammed hatte stets ein offenes Ohr für sie und berücksichtigte ihre Meinung.

Der erste Mensch, der den Islam annahm, war eine Frau, Mohammeds Ehefrau Chadidscha. Diese war Inhaberin und Chefin einer grossen international tätigen Handelsfirma, bei der Mohammed damals arbeitete. Chadidscha spielte für das Ueberleben der neuen Religion eine entscheidende Rolle. Alle Frauen - ob reich oder arm, verwandt oder nicht - die sich Mohammed und seiner Lehre anschlossen, hatten den gleichen Status. Bis in die letzten Jahre der Regentschaft des Propheten, und vielleicht noch länger, mischten sich die Frauen frei unter die Männer und waren nicht verschleiert.


„Dass die Frauen als Anhängerinnen so gleichberechtigt auftreten konnten, kann als Beleg für die egalitäre Botschaft des frühen Islams gelten.“ (Fatema Mernissi, „Die vergessene Macht“)


In den letzten Jahren seines Lebens gerieten der Prophet und die neue Religion in eine gefährliche Krise. Die Autorität Mohammeds war angeschlagen, denn die militä-rischen Erfolge, die er vorweisen musste, um als Prophet glaubwürdig zu sein, blieben aus, und die Opposition gegen seine Lehre nahm zu. Einige seiner einflussreichsten Anhänger waren nicht einverstanden mit den Neuerungen, die der Islam einführte, vor allem was die Gleichberechtigung der Frauen betraf. Sie fürchteten um ihre Privilegien und sahen ausserdem eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen davonschwimmen, wenn die Frauen selbst erbten und nicht mehr als Sklavinnen verkauft werden konnten.

Alle Verse im Koran, die den Frauen eine minderwertige Stellung zuweisen, werden von den Historikern ausschliesslich diesen wenigen letzten Krisenjahren im Leben des Propheten zugewiesen, wobei sich die Beschränkungen, die der Koran den Frauen auferlegte, vor allem auf die Ehefrauen des Propheten bezogen. Diese wurden plötzlich von der Oeffentlichkeit abgegrenzt und in ihre Häuser eingeschlossen, auch wenn sie nicht damit einverstanden waren. Die zunehmende Kontrolle des Propheten über seine eigenen Frauen spiegelt sich aber auch in Koranversen, die alle Frauen betreffen, und bewirkte einen Trend in Richtung Abwertung der Frau.

Zur gleichen Zeit predigte der Islam aber weiterhin unvermindert die prinzipielle persönliche Eigenverantwortlichkeit und die moralische und geistige Gleichheit aller menschlichen Wesen.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Koran immer an der Bot-schaft und Zielrichtung der Gleichberechtigung der Geschlechter festgehalten hat, dass er sich aber anscheinend in einer bestimmten schwierigen Situation, in der es ums Ueberleben der jungen Religion ging, frauenfeindliche Lösungen zuliess. Solche Wider-sprüche finden wir auch in den heiligen Büchern der andern Religionen.


Sogar als der Islam die geschlechtliche Hierarchie einsetzte, legte er - in seiner ethischen Stimme - den Grund für den Umsturz dieser Hierarchie.“ (Leila Ahmed, „Women and Gender in Islam“)




Nach Mohammeds Tod - Der Hadith


Als der Prophet starb, hinterliess er der jungen islamischen Gemeinde keine sicheren Richtlinien, nach denen sie hätte entscheiden können, wie ein islamisches Leben aussieht. Der Koran war kein Gesetzbuch. Nirgends war festgehalten, welche Pflichten der Ehemann gegenüber seiner Frau hat, wie die Waschungen vor dem Gebet durchzuführen sind, welchen Status das uneheliche Kind hat, usw.

Man begann, aus der Lebensführung des Propheten Regeln für ein islamisches Leben abzuleiten. Alle seine Handlungen und Worte, auch die nebensächlichsten Einzelheiten, wurden zusammengetragen: Berichte über seine Expeditionen, sein Privatleben, die Umstände, wie es zu den Offenbarungen kam, sein Verhalten gegenüber den Frauen, Streitigkeiten in seinen Ehen, seine Vorlieben beim Essen, seine Kleidung usw. Diese gesammelten Erzählungen nennt man „Hadithe“.

Die Zeit, in der man mit dem Sammeln der Hadithe begann, war von Machtkämpfen geprägt. Der Prophet hatte es unterlassen, seine Nachfolge zu regeln, und so brachen sofort nach seinem Tod Streitereien aus, die so heftig waren, dass man ihn sogar zu beerdigen vergass:


„Der Prophet starb an einem Montag. Sein Leichnam wurde buchstäblich im Zimmer (seiner Frau) Aischa vergessen und erst in der Nacht des darauffolgenden Mittwochs beerdigt. ‚Da alle mit der Wahl (des Nachfolgers) beschäftigt waren, dachte niemand an die Waschung und das Begräbnis.“ (Fatema Mernissi, „Der politische Harem“ /Tabari Mohammed, „Sceau des Prophètes“).


Die Hadithe spielten in der islamischen Gemeinde eine zunehmend wichtigere Rolle; was der Prophet getan oder gesagt hatte, wurde zum Massstab für ein Leben im Islam. Die Versuchung, Hadithe zu erfinden und damit die Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bringen, war deshalb gross. Wer glaubhaft machen konnte, dem Propheten nahegestanden oder sonst mit ihm zu tun gehabt zu haben, wer sich im geeigneten Moment an entsprechende Worte und Taten des Propheten erinnerte, konnte ungeheuren wirtschaftlichen und politischen Gewinn daraus ziehen.

Mit Hadithen sicherte man sich Privilegien, manipulierte die Menschen und schaltete seinen Gegner aus, und es waren vor allem die Mächtigen, denen bald klar wurde, dass sie die Gläubigen zum Gehorsam zwingen konnten, wenn sie die Erinnerung an den Propheten und seine Zeit zu ihren Gunsten zurechtbogen und als heiliges, sündenloses, unbedingt zu befolgendes Vorbild hinstellten.


„Es fanden grausame Kämpfe um die islamische Macht statt, die die islamische Gemeinde in unzählige Bürgerkriege stürzten und schliesslich zu Spaltungen führten... es entstand eine Flut von erfundenen Hadithen, die man dem Propheten unterschob...“ (Malik Abu Zahna, „Dar al-Fikr al-Arabia“, zitiert nach Fatema Mernissi, „Der politische Harem“)


Schliesslich existierten mehr gefälschte Hadithe als echte. Die islamischen Gelehrten entwickelten eine Wissenschaft zum Aufspüren und Ausschliessen ge-fälschter Hadithe. Schon knapp 200 Jahre nach dem Tod des Propheten sammelte zum Beispiel der angesehendste Hadith-Wissenschaftler Bukhari 600 000 Hadithe, von denen er lediglich 7 257 als echt betrachtete. Diese von Bukhari ausgesonderten Hadithe gelten bis heute als ursprünglich und wahr, obwohl sich auch unter ihnen widersprüchliche Berichte zu ein und demselben Ereignis finden.

Die Hadith-Sammlung, die „Sunna“ (Tradition), „Vorbild des Propheten“, „Kultur“ etc. genannt wird, ist neben dem Koran das zweite heilige Buch im Islam.

Die islamischen Gelehrten verfassten im Laufe der Zeit unzählige Bücher zur Religionsgeschichte, Kommentare zum Koran und den Hadithen, Biographien über den Propheten, seine Frauen, die Hadith-Erzähler, usw. Dabei waren sie oft dem Druck der herrschenden islamischen Diktatoren ausgesetzt, die die überlieferten Berichte über den Propheten für ihren Machterhalt missbrauchen wollten.

Es waren noch keine hundert Jahre nach Mohammeds Tod vergangen, als ein islamischer Führer die gelehrten Muslime veranlasste, die Hadith-Sammlungen, Kommentare und Geschichtsbücher unter seiner Aufsicht zu bearbeiteten, um feste, allgemeingültige Gesetze für alle Gläubigen festzulegen.




Der Zeitgeist und die Frau

Schon kurz nach dem Tode Mohammeds gab es Männer, die frauenfeindliche Hadithe in Umlauf setzten. Es gab aber auch andere, die die Botschaft des Propheten vor solchen Einflüssen schützen wollten und bei seinen Witwen Erkundigungen einzogen. So zirkulierte zum Beispiel ein Hadith, der Prophet habe die Frauen während der Menstruation wegen ihrer Unreinheit von der Moschee und allen religiösen Handlungen ausgeschlossen. Als man bei seinen Witwen nachfragte, ergab sich, dass der Prophet nichts dabei gefunden hatte, wenn menstruierende Frauen seinen Gebetsteppich in die Moschee trugen, und dass er zum Rezitieren des Korans unbesorgt seinen Kopf auf das Knie einer menstruierenden Frau gelegt hatte.

Die Umstände, unter denen die islamische Religion Form annahm, wirkten sich ungünstig auf die Frauen aus. Die junge islamische Gemeinde befand sich dauernd im Krieg. Kaum fünfzehn Jahre nach dem Tode Mohammeds waren die Muslime schon in weite Teile der Welt vorgestossen und beherrschten eine Fläche von der Grösse Europas. Sie übernahmen viele Sitten und Bräuche von den eroberten Gesellschaften, und deren Kultur beeinflusste das Verständnis und die Auslegung des Korans und die Festlegung der Religion.

Die eroberten Gebiete waren zu jener Zeit von der christlichen Kirche dominiert, die schon vor dem Islam die Frauenfeindlichkeit gebracht hatte. Die Haltung und Gesetze der Aegypter zum Beispiel waren bis zum Eindringen der Christen in Bezug auf die Frauen bemerkenswert liberal, Mann und Frau waren gleichberechtigt; die Verschlech-terung für die Aegypterinnen kam mit den Christen, lange bevor die Muslime Aegypten eroberten.

Im Christentum war die untergeordnete Stellung der Frau sogar noch deutlicher als im Islam. Auch die Christen begründeten ihre frauenfeindlichen Traditionen mit der Religion. Einflussreiche christliche Kirchenväter hatten in ihren religiösen Schriften die Frau als minderwertig, untergeordnet, unbrauchbar für den Mann bezeichnet, ja sogar noch schlimmer: als die Ursache von sexueller Versuchung, Korruption und allem Bösen dargestellt. So schrieb zum Beispiel der einflussreiche Kirchenschriftsteller Tertullian an die Frauen:

„Du bist die Tür des Teufels, du hast das Siegel des verbotenen Baumes gebrochen, du hast als erste das göttliche Gesetz verraten, du warst es, die ihn überredete, ihn, den der Teufel nicht anzugreifen wagte, du warst es, die so leichtfertig Gottes Ebenbild, den Mann zerstörte. Um deiner verdienten Strafe ..., musste sogar der Sohn Gottes sterben.“ (Rosemary Ruether, „Mysogynism ... in the Fathers of the Church“)


Der Islam konnte in seinem Frauenbild also nahtlos an die Christen anknüpfen. So wurden in jener Zeit den Frauen zum Beispiel das Tragen des Schleiers und ihre Absonderung von der Oeffentlichkeit befohlen. Beides waren kulturelle Traditionen, die der Islam von den Christen übernommen und fortgeführt hatte.

In der Anfangszeit des Islams hatten die Geschichtsschreiber viele Bücher und Biographien über hervorragende Musliminnen geschrieben. Auch in den Familien-chroniken wurde der selbständige Einfluss der Frauen deutlich. Doch schon nach ungefähr hundert Jahren verschwanden die Frauen aus den Schriften und das Frauenbild wurde von den überlieferten Hadithen über die Ehefrauen Mohammeds bestimmt: Ihre negativen Eigenschaften waren der Beweis für die Minderwertigkeit aller Frauen, ihre angeblich unterwürfige und gehorsame Haltung gegenüber dem Propheten wurde allen Frauen zur Nachahmung gegenüber ihrem eigenen Ehemann befohlen.

Wo aber das überlieferte Verhalten einer Ehefrau Mohammeds nicht den männlichen Vorstellungen entsprach, wurde vor ihrem Vorbild gewarnt. So erging es zum Beispiel Aischa, der Lieblingsfrau des Propheten, die nach seinem Tod an der Spitze eines Heeres in den Krieg gezogen war. Da sie als Prophetengattin Vorbildfunktion hat, könnten aufmüpfige Musliminnen daraus schliessen, dass eine Frau in der Oeffentlichkeit durchaus Verantwortung übernehmen kann. Darum beriefen (und berufen) sich die islamischen Gelehrten auf Hadithe, in denen Aischa ihren Feldzug angeblich bereut. Nach ihnen soll sie nicht Vorbild, sondern Warnung für alle Muslime sein, nicht auf Leute zu hören, die „politische Rechte für die Frauen fordern“. (Said al-Afghani, „Aischa und die Politik“)


Der Islam und die Haremssklavinnen


Die endgültige Festlegung des Islams erfolgte in einem für die Frauen katastrophalen Umfeld. Frauen wurden in Massen als Kriegsbeute aus den eroberten Gebieten angeschleppt und als Harems-sklavinnen nach Belieben verkauft, eingesperrt, fortgejagt, getötet, etc. Die Uebersättigung an Frauen und Sex führte zu Perversitäten. Auch wenn einzelne Frauen ihre Position durch Klugheit, List, Ver-führungskunst oder Schönheit behaupteten, so waren die Frauen als Ganzes doch einer bodenlosen Verachtung ausgesetzt. Sie waren Besitz ihrer Männer und ihnen schutz- und rechtlos ausgeliefert. Es war eine Zeit grosser Unssicherheit für sie und ihre Kinder. Bezeichnenderweise wird diese Epoche heute vom offiziellen Islam „das Goldene Zeitalter“ genannt.


„Dieser Abschnitt in der Geschichte der Geschichte der arabischen Muslime stand für Sieg und Ruhm, für wirtschaftliche und politische Macht. Die Vorstellungsmuster, die damals geformt und gefestigt wurden, wirken bis heute nach... Zu den Symbolen von Erfolg und Macht im „Goldenen Zeitalter“ gehörten die in grosser Zahl verfügbaren Frauen, die man nach Belieben unterdrücken und beherrschen oder reich schmücken durfte, die man sich schenken liess und verschenkte. (Fatema Mernissi, „Die vergessene Macht“)

Entsprechend diesen gesellschaftlichen Umständen war auch das Frauenbild: Die Worte „Frau“, „Sklavin“, „Sexobjekt“ waren praktisch gleichbedeutend. Den Frauen wurde unter Berufung auf den Islam Unterwerfung unter den Mann, Häuslichkeit, Reinheit, Unsichtbarkeit, Bescheidenheit etc. ge-predigt. Das Streben der Frauen sollte sich ausschliesslich darauf ausrichten, ihrem Gebieter-Ehemann zu gefallen, Rebellion gegen ihn war Sünde gegen Gott. Die angeblich moralisch korrupte Natur der Frau musste durch Strenge gezügelt werden.

Diese Zeit, in der die Frau nur als Sexobjekt angesehen wurde, hatte den grössten Einfluss auf den heutigen offiziellen Islam.

Gestützt auf den Koran und die Hadith-Sammlung entwickelten islamische Gelehrte in dieser Zeit ein Gesetzeswerk, das das ganze Leben der Gläubigen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Familie, Partnerschaft bis ins intimste Detail regeln sollte. Dieses Gesetz nennt man „islamisches Gesetz“ oder „Scharia“. Es wurde zum Inhalt der islamischen Religion. Erst damals wurden zum Beispiel auch das tägliche fünfmalige Beten und die Gebetsriten festgesetzt. Alle Muslime hatten das islamische Gesetz zu beachten, Ethik oder persönliche Ueberzeugung wurden unwichtig.


„Es wird an der Zeit zu definieren, was ich unter ‚wir Muslime‘ verstehe. Das ‚Wir‘ bezieht sich nicht auf den Islam als einer individuellen Wahl, einer persönlichen Entscheidung. Ich definiere die Tatsache, Muslim zu sein, als Zugehörigkeit zu einem theokratischen Staat. Was der einzelne denkt, spielt in dieser Definition eine zweitrangige Rolle.“ (Fatema Mernissi, „Der politische Harem“)


Jedes Gesetz, das in die Scharia aufgenommen wurde, musste sich auf eine Koranoffenbarung und/oder einen Hadith beziehen. Die islamischen Gelehrten (selbstverständlich nur Männer), die für die Zusammenstellung der Gesetze verantwortlich waren, interpretierten den Koran und die Hadithe meist im Interesse der herrschenden Clique, so dass die Gesetzgebung entsprechend ausfiel.

Wie in allen heiligen Büchern gibt es auch im Koran Verse, die sich widersprechen. So wird zum Beispiel einmal der Wein verboten, ein andermal erlaubt. Die Gelehrten stellten nun die Regel auf, dass in einem solchen Fall nur der zuletzt offenbarte Vers verbindlich sei. Die zuletzt offenbarten Texte waren aber genau diejenigen aus den problematischen Krisenjahren, die für die Frauen eine negative und einschränkende Botschaft verkündeten.

Die grundlegende koranische Botschaft, die die Gleichheit aller menschlichen Wesen betont, wurde in der damaligen frauenfeindlichen Gesellschaft nicht gehört. So kam es, dass die endgültigen Scharia-Gesetze oft gerade das Gegenteil von dem zum Inhalt haben, was die ursprüngliche Botschaft des Korans beabsichtigt hatte. Dazu zwei Beispiele:

1. Der Koran gestattet den Männern vier Frauen, unter der Bedingung, dass der Mann alle vier gleich behandelt, fügt aber hinzu, dass diese Gleichbehandlung ein Ding der Unmöglichkeit sei.
Umgesetzt in die Scharia, das islamische Gesetz, wird daraus eine Empfehlung an die Männer, mit ihren vier Frauen gleich häufig zu schlafen.

2. Der Koran erlaubt eine Verurteilung wegen ausserehelichen Geschlechtsverkehrs nur dann, wenn vier Personen das Vergehen mit eigenen Augen beobachtet haben. Eine falsche Zeugenaussage soll mit Peitschenhieben bestraft werden. Dieser Koranvers wurde Mohammed offenbart, nachdem einige Gemeindeglieder das Gerücht in Umlauf gesetzt hatten, Aischa, die Lieblingsfrau des Propheten, habe Ehebruch begangen.

Die Scharia verlangt für die Anklage wegen Ehebruchs vier männliche Zeugen, oder - als entscheidende Ergänzung - das Geständnis der Schuldigen. Wie frauenfeindlich diese Ergänzung ist, konnte man kürzlich bei der Bestrafung eines minderjährigen Mädchens in Nigeria miterleben. Bariya wurde schwanger, nachdem sie von drei Männern vergewaltig worden war. Die Schwangerschaft galt als Geständnis für den ausserehelichen Geschlechtsverkehr und das Mädchen musste vor Gericht erscheinen. Dort gab sie die Namen ihrer Vergewaltiger an, hatte aber keine vier männlichen Zeugen. Sie wurde wegen vorehelichen Geschlechtsverkehrs zu 100 Peitschenhieben (die Steinigung blieb ihr erspart, weil man sie noch nicht verheiratet hatte) und zusätzlich zu 80 Peitschenhieben wegen Verleumdung verurteilt. Die Strafe wurde wegen einer Protestwelle von Menschenrechtsgruppen auf gesamthaft 100 Peitschenhiebe reduziert. Die Behörden waren der Meinung, die „Ehre des Mädchens sei nun wieder hergestellt und Bariya sei milde bestraft worden, denn sie habe sich nach der Auspeitschung ohne fremde Hilfe fortbewegen können.“ (NZZ, 24. 1. 2001)

(Was Bariya passiert ist, ist das Schicksal unzähliger Frauen in der islamischen Welt, ohne dass Menschenrechtsgruppen darauf aufmerksam werden.)


„Die Unterdrückung der Frauen in den muslimischen Ländern ist nicht zuletzt eine Verletzung der Lehre und der Gesetze des Korans.“ (Fatema Mernissi, „Die vergessene Macht“)


Die Frauenfeindlichkeit war nun also im Scharia-Gesetz für immer und ewig festgeschrieben. Die Absicht dahinter war, dass die Männer für alle Zeiten und möglichst überall auf der Welt ihre Privilegien behalten oder erlangen sollten. Darum wurde die Scharia als ein für allemal offenbarter, ewiger Wille Gottes verkündet. Niemand durfte in Frage stellen, dass der Prophet seine Offenbarungen von Gott wortwörtlich so empfangen hatte, wie sie im Koran aufgeschrieben waren. Niemand durfte bezweifeln, dass das islamische Gesetz, so wie es jetzt festgelegt worden war, die einzig mögliche Auslegung der islamischen Religion sei. Neuerungen, wie zum Beispiel technische Entwicklungen, durften nur im Sinne und Interesse der schon bestehenden Gesetze geregelt werden. Alle Menschen wurden verpflichtet, für die Ausbreitung dieses Islams zu kämpfen. Wer die Gesetze in Frage stellte oder übertrat, galt als vom Glauben abgefallen und verdiente den Tod.

Dieser im Mittelalter fixierte Islam ist bis heute in der Hand der Mächtigen, Despoten und Tyrannen ein hervorragendes Werkzeug für die Unterdrückung der Menschen geblieben. Stets mit der Macht verbunden, überlebte er unverändert als die einzige, offiziell anerkannte Version der islamischen Religion. Wenn sich Muslime auf die „islamische Tradition“ berufen, meinen sie damit diesen Scharia-Islam.

Trotzdem wurde von Anfang an immer wieder Widerstand gegen den Islam der Herrschenden laut. Es gab abweichende Interpretationen, die nicht einfach einzelne Worte anders verstanden, sondern grundsätzliche Fragen stellten: War der Sinn der islamischen Botschaft wirklich der Erlass von Ge-setzen? Wollte der Koran nicht vielmehr einen Impuls für eine gerechtere und wohltätigere Gesellschaft geben? Solche Stimmen wurden und werden bis heute verfolgt und zum Schweigen gebracht.


„Wenn die Stimme derjenigen, die die Ethik des Islams hören, und derjenigen, die sich nicht besonders für den Islam interessieren, zugelassen würden, dann könnte der Islam zu einem geistig offenen System werden, wie es heute das Christentum für viele in vielen Ländern ist.“ (Leila Ahmed, „Women and Gender in Islam“)



Heute


Heute sind in praktisch allen islamischen Ländern Diktatoren am Ruder, die ihre Herrschaft mit der Scharia begründen. Der Scharia-Islam ist Staatsreligion. Ausser Saudiarabien, wo die Herrscher-Clique die Bevölkerung schon seit vielen Jahrzehnten durch die vollständige Einsetzung aller Scharia-Gesetze (inklusive Strafen wie Handabhacken, zutode Steinigen etc.) im Würgegriff hat, beschränkte sich die Anwendung der Scharia bis vor wenigen Jahren fast überall auf die frauenfeindlichen Familiengesetze.

Da aber der Ruf nach Demokratie und Menschenrechten auch in der islamischen Welt immer lauter wurde, fühlten sich die Machthaber zunehmend bedroht und versuchen nun, ihr Volk noch wirkungsvoller zum Schweigen zu bringen. Zu diesem Zweck unterstützen sie - zuvorderst die saudischen Herrscher - fundamentalistische Gruppierungen, die dafür kämpfen, alle Muslime unter die Fuchtel der Scharia zu zwingen. Dabei sind ihnen mächtige Wirtschaftsleute und Politiker aus dem Westen behilflich. Die einflussreichen Herren aus Europa und den USA sind sehr daran interessiert, in den islamischen Ländern alle demokratischen Ideen zu eliminieren, um nicht ihre Gewinne - zum Beispiel im Erdölgeschäft - zu gefährden. Denn die Profite würden bedeutend geringer ausfallen, wenn sie bei den Verträgen mit den korrupten Machthabern noch die Rechte der einheimischen Bevölkerung berücksichtigen müssten.


„ARAMCO, von vier führenden amerikan. Erdölgesellschaften 1933 gegründ. Konzern, Sitz New York, der mit einer Konzession Ibn Sauds auf 66 Jahre die Erdölfelder seines Landes ausbeutet; der König erhält 50 % des Gewinns.“ („Der neue Brockhaus“, 1962)


So fand - vor allem dank der Petrodollars - in den siebziger Jahren ein enormer Aufschwung des islamischen Fundamentalismus statt. Heute sind die Fundamentalisten in den meisten islamischen Ländern die stärkste Oppositionspartei, in anderen wie Iran, Pakistan, Afghanistan, Sudan, etc. haben sie schon die staatliche Macht übernommen. Auch schafften sie es, in Europa und Amerika Fuss zu fassen und in allen westlichen Ländern unzählige fundamentalistische Propagandazentren zu errichten.


Eine Flut von Zweitehen...


Die konsequente Einführung der mittelalterlichen Scharia-Gesetze durch die fundamentalistischen Regimes hat katastrophale Folgen; vor allem die Frauen erwartet unermessliches Leid. Unter den ersten „islamischen“ Massnahmen, die die Fundamentalisten ergreifen, wenn sie an die Macht kommen, sind immer Gesetze, die die Frauen den Männern unterwerfen. Frauen im fundamentalistischen „Scharia-Staat“ sind von Gesetzes wegen die Gefangenen ihrer Väter, Ehemänner und Vormünder. Die Straf-gewalt der Männer ist keiner staatlichen Kontrolle unterworfen.

Die Frauen sind aber auch die Gefangenen des Staates. Der fundamentalistische Scharia-Staat in der Moderne, der westliche Technologien wie die Passkontrolle und den Computer anwendet, kann die Frauen mit einer noch nie dagewesenen Wirksamkeit überwachen: Wie sie sich kleiden, wie und wohin sie reisen, wie und wo sie arbeiten, ob sie an den (Schein-)Wahlen teilnehmen etc. Ueberall, wo die Scharia regiert, werden die Frauen durch die reguläre Polizei, die Moral-Polizei, die Familie, Nachbarn, Bekannte und Fremde überwacht.

Haleh Afshar beschreibt in ihrem Buch „Women, State and Ideology in Iran“ die Folgen, die die Machtübernahme der Fundamentalisten unter Khomeini und die Einführung der Scharia im Iran hatten: „Die Gesetze, die nach der Revolution eingeführt wurden, haben die Iranerinnen ... auf den Status von privaten Sexobjekten reduziert, die nach der neuen religiösen Ordnung ihren Ehemännern jederzeit zur Verfügung zu stehen haben.“ Sofort nachdem Khomeini an die Macht gekommen war, liess er die „Frauen ins Haus zurücktreiben.“ Innerhalb von Monaten wurden sie als „ungleich“, „sexuell ungestüm“ und „von Natur aus minderwertig“ deklariert. „Allein ihre Anwesenheit in der Oeffent-lichkeit wurde als verführerisch gebrandmarkt und sie wurden aufgefordert, den islamischen Hijab zu tragen, das heisst, sich von Kopf bis Fuss zu bedecken. Frauen, die sich weigerten, wurden mit vierundsiebzig Peitschenhiebe bestraft.

Die neuen Gesetze des Iran lassen das Zeugnis einer Frau nur zu, wenn es von einem Mann beglaubigt wird. Frauen, die darauf beharren, allein auszusagen (wenn sie zum Beispiel von Männern geschlagen oder vergewaltigt worden sind), gelten als Lügnerinnen und werden für Verleumdung zu achtzig Peitschenhieben verurteilt. Alle mühsam erkämpften Ehegesetze wurden von Khomeini wieder rückgängig gemacht: Mädchen dürfen mit 9 Jahren verheiratet werden (vorher 18), Väter und männliche Verwandte haben bei der Scheidung das Recht über ihre Kinder, Männer können ihren Frauen die Arbeit und das Reisen verbieten, eine Ehefrau kann mit ein paar Worten verstossen werden usw.

Die Wiedereinführung der Mehrehe hatte katastrophale Folgen: „Es brach eine Flut von oft kurzlebigen Zweitehen aus, häufig von (älteren) Männern, die sich zum Austoben eine junge Frau nahmen, die alte aber zum Arbeiten behalten wollten.“ (zitiert nach Leila Ahmed)

„...das Recht der Männer auf Verstossung und Polygamie (Mehrehe) ist eine Art institutionalisiertes Zerrüttungsprinzip.“ (Fatema Mernissi, „Die vergessene Macht“)


Aehnlich erging es den Frauen in Pakistan, als dort mit Zia ul-Huq die Fundamentalisten an die Macht kamen. Als Erstes wurde die Verschleierung aller Frauen befohlen. Die Männer wurden für die Durchsetzung dieses Befehls verantwortlich gemacht und dadurch berechtigt, gegen die Frauen gewalttätig vorzugehen. Die Belästigungen an den Arbeitsplätzen und auf der Strasse nahmen sprunghaft zu. Zia ul-Huq liess verkünden, dass die Frauen ausser in Notfällen nie die Grenzen ihres Hauses verlassen dürften; kein Mann sollte wegen Vergewaltigung bestraft werden, und zwar so lange nicht, bis die totale Unsichtbarkeit der Frauen in der Gesellschaft erreicht sei.


„Es geht dem Staat nicht nur um die Ausgrenzung der Frauen - der Kampf gilt letztlich allen demokratischen Formen.“ (Fatema Mernissi, „Die vergessene Macht“)

Die beschriebenen Zustände im Iran und in Pakistan, wie sie vergleichbar oder sogar noch schlimmer auch in Saudi-Arabien, dem Sudan, Afghanistan, in Teilen von Nigeria, etc. herrschen, sind eine direkte Folge der konsequenten Anwendung der Scharia-Gesetze, so wie sie vom offiziellen Islam ausgelegt werden. Wo islamische Bewegungen ihre „islamische Ordnung“ als politische Machtbasis errichten können, verwandeln die Regierungen Land und Heim der Frauen in eine gesetzlich anerkannte Hölle.

Das schlimmste aber ist, dass die Verbreitung der frauenverachtenden Parolen und Gesetze eine Atmosphäre schafft, die männliche Gewalt gegen Frauen erlaubt und fördert. Die Tatsache, dass die Männer offiziell die Macht über ihre Frauen haben, bewirkt zusätzlich zu den frauenfeindlichen Gesetzen eine grenzenlose Brutalisierung der Männergewalt.

Sowohl Khomeini im Iran wie auch Zia ul-Huq in Pakistan sind dank westlicher Unterstützung an die Macht gekommen.

„Zu Hause handeln die westlichen Regierungen nach anderen Richtlinien als im Ausland: Zu Hause ist man sauber - im Ausland schmutzig.“ (Werner van Gent, Journalist, am 23. 1. 2001, anlässlich eines Vortrags in Basel über „Können die grundlegenden Rechte der Menschen durchgesetzt werden?“)


Das Märchen von der „geheiligten islamischen Tradition“


„Die Frage lautet: ‘Wofür ist der Islam gekommen?‘ Ist der Islam gekommen, um die Seelen zu reinigen und sie durch seine Wege vom Bösen und vom verbrecherischen Geist zu läutern oder ist er gekommen, um ihnen weh zu tun, indem er sie bestraft und sie und ihre Taten ächtet? Oder ist der Islam gekommen, um die Gleichheit zwischen Gottes Geschöpfen allein nach ihrem Handeln zu beurteilen oder um die Frau niedriger als den Mann einzustufen? Wollte der Islam die Familie durch die Ehe schützen, oder wollte er dem Mann bei der Scheidung freie Hand geben, so dass die Ehe wie ein Blatt im Wind wird? Für diejenigen, die sich mit dem Islam befasst haben, ist die Beantwortung dieser Fragen klar.“ (Nasr Hamid Abu Zaid, „Die Frauenfrage zwischen Fundamentalismus und Aufklärung“)

Der Erfolg des fundamentalistischen Scharia-Islams hängt neben den Petro-Dollars auch damit zusammen, dass seine brutale totalitäre Ideologie nicht bekannt wird. Dafür sorgen vor allem die Medien, die die beschönigenden und irreführenden Parolen der Fundamentalisten verbreiten. Die Scharia erlaubt nämlich ihren Anhängern das Lügen, wenn es der Ideologie nützt. Diese Verstellungstaktik wird „Taqiya“ beziehungsweise „Iham“ genannt.

Die Verbreitung des mittelalterlichen Scharia-Islams läuft unter dem Titel „Bewahrung der islamischen Tradition“. Die islamische Tradition oder Kultur wird vorwiegend dann ins Feld geführt, wenn man frauenfeindliche Scharia-Vorschriften durchsetzen will. Die Gleichsetzung des Scharia-Islams mit der islamischen Tradition ist aber nichts anderes als die Rechtfertigung einer grausamen totalitären Ideologie.

„Es bleibt festzuhalten, dass der Versuch, sich auf die muslimische Tradition zu berufen, um die Frauen von allen politischen Rechten auszuschliessen, ein durchsichtiges Manöver ist. (...) Wer sich heute auf die islamische Tradition bezieht, verfolgt eine bestimmte politische Absicht. Als ‚Tradition‘ gilt immer nur die Interpretation, die den eigenen Zwecken dient.“ (Fatema Mernissi, „Die vergessene Macht“)




Der Islam bei uns


Es ist also nicht die islamische Religion als solche, sondern die Ideologie des mittelalterlichen Scharia-Islams, die schuld an der schlechten Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft ist. Wir verletzen die Religionsfreiheit nicht, wenn wir uns gegen frauenfeindliche und andere im Namen des Islams erhobene Ansprüche wehren, die unseren freiheitlichen und demokratischen Werten widersprechen.

Und wir müssen uns dagegen wehren, denn der Einfluss dieser totalitären Ideologie ist auch bei uns viel grösser, als wir denken. Ueberall, wo der Islam offiziell vertreten wird, handelt es sich um den Scharia-Islam.

Die Fundamentalisten sind dabei, die Muslime aus der nicht-muslimischen Gesellschaft auszugrenzen und sie Schritt für Schritt zur Einhaltung der Scharia-Gesetze zu zwingen. Die Folgen ihrer Wühlarbeit sind nicht abzusehen. Die Forderungen nach islamischen Friedhöfen, geschlechter-getrennten Sportstunden, Religionsunterricht, Kopftuch, öffentlicher Anerkennung, etc., kommen alle von dieser Seite.

Obschon man im Westen die Möglichkeit hätte, sich über Entstehung, Natur und Ziele des Scharia-Islams zu informieren, begegnen ihm Politik, Medien und Kirchen mehrheitlich positiv und fördernd. Was sollen wir tun?

„Ich weiss keinen besseren Rat als den, einen liberalen Islam heranzuziehen. Aber ich halte den Erfolg für wenig wahrscheinlich. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass der liberale Staat an der Einwan-derungsfrage scheitern wird.“ (Christoph Heger, „Islam und Einwanderung“ )


Es gibt bei uns den oben zitierten „liberalen Islam“, dessen Anhänger ihren Glauben frei und entsprechend ihrer persönlichen Ueberzeugung leben. Dazu gehören die Aleviten oder Leute wie Professor Bassam Tibi, die aber leider häufig übergangen oder ab und zu sogar abgewertet werden. Wir können „einen liberalen Islam heranziehen“, wenn wir diese Muslime - anstelle (!) der Fundamen-talisten - in die staatlichen Kommissionen und zu den kirchlichen Gesprächsrunden einladen und durch die Medien bekannt machen.

„Ich bin Deutsche und Muslimin und ich habe überhaupt kein Problem damit. Denn Muslim zu sein, bedeutet nicht, gleichzeitig fundamentalistisch zu sein, wie so viele es glauben. (...) Die Religion hat auch nichts mit dem Aeusseren zu tun. Man kann nach europäischer Art leben, voll integriert sein und trotzdem kein Schweinefleisch essen, keinen Alkohol trinken, während des Ramadan fasten und den Koran statt der Bibel lesen. (..) Ich habe oft festgestellt, dass Fundamentalisten und Fanatiker in ihrem Glauben respektiert werden, (..) während man, wenn man tolerant und integriert ist, oft nicht ernst genommen wird.“ (Annissa Kahla, „Meine Sicht der Dinge...“)


Mit Bestimmtheit würde sich auch die überwiegende Mehrheit der Muslime und Musliminnen zu einem liberalen Islam bekennen, wenn sie die nötigen Informationen hätten. Die meisten Muslime haben aber von Kindesbeinen an nur den Scharia-Islam als ihre Religion kennengelernt. Man hat ihnen bei-gebracht, dass sie Tod und Hölle riskieren, wenn sie diesen auch nur ansatzweise in Frage stellen. Eine kritische Auseinandersetzung damit oder davon abweichende Varianten des Islam liegen deshalb ausserhalb ihres Erfahrungsbereiches.

Trotzdem müssen wir uns immer wieder ins Bewusstsein rufen: Die Muslime sind Menschen wie wir. Wenn wir nicht in einem Scharia-Staat leben möchten, dann sie auch nicht. Wenn unsere Töchter sich wie ihre Kolleginnen kleiden und am Schwimmunterricht teilnehmen möchten, dann ihre Töchter auch. Die Muslime sind nicht frömmer als wir, aber viele sind einem grossen (auch inneren) Druck und einer aggressiven fundamentalistischen Gehirnwäsche ausgesetzt. Dagegen müssen wir angehen.


„Eines der besten Mittel, den „Integristen“ (Fundamentalisten) entgegenzutreten, ist die eigene Auseinandersetzung mit dem muslimischen Kulturerbe.“ (Fatema Mernissi, „Die vergessene Macht“)


Wenn wir die muslimische Bevölkerung mit der islamischen Vergangenheit bekannt machen und zum Beispiel Erzählungen, Filme, Vorträge, etc. über die eigenständige und selbstbewusste Rolle von Musliminnen aus der frühen Zeit des Islams verbreiten, untergraben wir die Autorität des Scharia-Islams mit seinem verächtlichen Frauenbild. Dadurch würden die Muslime und Musliminnen erfahren, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter zur islamischen Religion gehört und nicht ein westliches Produkt ist.

Wir können unseren muslimischen (und nicht-muslimischen) Mitmenschen Publikationen, die einen liberalen Islam vorstellen und sich kritisch mit dem Scharia-Islam auseinandersetzen in einfacher, verständlicher Form zugänglich machen. Hier sollten wir die Taktik der Fundamentalisten, die in äusserst geschickter Weise jedes schriftliche Erzeugnis sofort übersetzen und billig verkaufen, ohne zu zögern nachahmen.

Frauenforscherinnen und andere Gruppierungen in der muslimischen Welt, die sich oft unter widrigsten Umständen für die Frauensache einsetzen, wären für eine finanzielle und ideelle Hilfe dankbar.

Und wir sollten den massgebenden Leuten in Wirtschaft, Politik, Kirche und Medien klarmachen, dass sie mit ihrer falschen Toleranz und fördernden Haltung gegenüber dem Scharia-Islam die Gleichberechtigung der Geschlechter mit Füssen treten.

Verhindern wir, dass die Fundamentalisten ihre hiesigen Glaubensbrüder und -schwestern in ein Scharia-Ghetto zwingen. Beharren wir darauf, dass in unserer Gesellschaft alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Religion und Kultur das gleiche Recht auf freie Entfaltung haben.

„Vielleicht könnte der Feminismus ein Set von Grundprinzipien formulieren, nach dem die Lage der Frauen in den verschiedenen Kulturen untersucht würde. Massstab dieser Grundprinzipien wäre nicht von vornherein die westliche Kultur. Diese Grundprinzipien (...) müssten die absolute Freiheit garantieren, alles zu hinterfragen und zu untersuchen. Sie dürften in keiner Weise den leidenschaftlichen Feminismus behindern, wenn er Gesellschaften verwirklichen möchte, in denen die Frauen die Möglichkeit hätten, unbehindert ihre Fähigkeiten zu entfalten und in allen Bereichen mitzuwirken.“(Leila Ahmed, „Women and Gender in Islam“)



____________________________



Titel der Bücher, auf denen dieser Artikel zur Hauptsache basiert, und nähere Angaben zu den Autorinnen


Leila Ahmed
„Women and Gender in Islam“ (Yale University Press, New Haven & London) von Leila
Ahmed; Leila Ahmed ist Professorin und Direktorin für Frauenforschung und Professorin für den Nahen Osten an der Universität von Massachusetts.

Barbara Freyaer Stowasser
„Women in the Qu‘ran, Traditions, and Interpretation“ (Oxford University Press) von Barbara Freyer Stowasser; Barbara Freyer Stowasser ist Professorin für Arabisch und Direktorin des Center for Contemporary Arab Studies der Universität von Georgetown. Sie lehrt arabische Kultur, Islam und arabische Literatur.

Fatema Mernissi
„Die vergessene Macht“ (Fischer), „Der politische Harem“ (Herder) von Fatema Mernissi;
Fatema Mernissi ist Soziologin und lehrt an der Universität in Rabat/Marokko. Sie ist seit 1973 Beraterin der UNESCO und der BIT zum Thema muslimische Frauen.

Koranübersetzung von Rudi Paret

Achtung:
Um ihre wahre Gesinnung zu verschleiern, zitieren islamische Fundamentalisten immer wieder aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen von Leila Ahmed und Fatema Mernissi.


http://mypage.bluewindow.ch/a-z/vcf/index4.html

carlo
13.04.2004, 23:18
Nachfolgend ein Kurzporträt der mir bislang nur wenig bekannten, fortschrittlichen Glaubensrichtung des Islam, der Aleviten:



Die Aleviten in der Türkei



Etwa 17 Millionen Menschen
Die Aleviten sind mit nach den sunnitischen Muslimen die zweitgrösste religiöse Gemeinschaft in der Türkei (25% der Bevölkerung). Ein Teil der Aleviten (seine Grösse ist umstritten) spricht türkisch und ist türkischer Abstammung, der andere kurdisch. Religiöse Versammlungen finden auf Türkisch statt, während die sunnitischen Muslime auf Arabisch beten.



Die Aleviten verehren Muhammads Neffen und Schwiegersohn, den vierten Kalifen Ali (regierte 656-661) als überragenden Offenbarungsträger. Sie sind in zwei Gruppen unterteilt, die untereinander nicht heiraten: die Elite der Priester (ocak), die sich für Nachkommen Alis halten und die Mehrheit der einfachen Mitglieder, der "Schüler" (talip).



Von den sunnitisch-türkischen Muslimen werden sie als Härektiker betrachtet und als unmoralisch und unrein gebrandmarkt. Um sich zu schützen, haben die Aleviten die taqiya praktiziert - das Verschweigen der eigenen Glaubenszugehörigkeit bei Gefahr.



Das traditionelle Siedlungsgebiet der Aleviten ist das ländliche Zentral- und Ostanatolien. Viele sind aber mittlerweile in die grossen industriellen Zentren der Westtürkei und nach Westeuropa abgewandert.



Der Alevismus hat Wurzeln in der islamischen Mystik, dem Schiismus und den Auseinandersetzungen zwischen den sunnitischen Osmanen und dem schiitisch-safawidischen Reich. Da die Aleviten der sunnitisch-osmanischen Herrschaft im 16. Jh. ernsthaften Widerstand entgegensetzten, wurden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Um trotz Feindschaft und Verfolgung überleben zu können, heirateten die Aleviten nur noch untereinander und entwickelten ihren Glauben zur Geheimreligion.



Obwohl die Türkei die Heimat vieler verschiedener ethnischer und religiöser Gruppierungen ist, hat man jahrzehntelang nachdrücklich versucht, das Land als homogenen Nationalstaat des türkischen Volkes darzustellen. Nun hat man - auch mit Rücksicht auf die Europäische Union - von dieser Linie Abstand genommen.



Die liberale Presse eröffnete eine öffentliche Diskussion über die ethnische und religiöse Vielfalt des Landes. In den grossen Städten wurden alevitische Zentren eröffnet und alevitische Intellektuelle sprachen öffentlich über ihre alevitische Herkunft, ihre Kultur, Identität und Tradition.



Für Aleviten ist Religion eine Sache der Einstellung. Sie lehnen die äusserliche, rituelle Religionsausübung ab. Sie halten die fünf Säulen des Islam nicht und besuchen keine Moscheen. Sie bevorzugen eine esoterische, allegorische Koraninterpretation und lehnen wörtliche Auslegungen ab. So trinken sie Wein bei ihren religiösen Zusammenkünften. Die Aleviten haben ausser dem Koran noch andere heilige Bücher, die "buyruk". Die Frauen der Aleviten verschleiern sich nicht und nehmen gleichberechtigt am religiösen Leben teil.



Nach Auffassung der Aleviten ist die höchste Stufe der Gottesverehrung die Vereinigung mit Gott, die nur wenige Gläubige erreichen. Liebe und Vergebung haben grosse Bedeutung. Diebstahl, Lüge und Ehebruch sind bei den Aleviten geächtet, denn ein guter Alevit ist "ein Meister seiner Hand, seiner Zunge und seiner Lenden".



Die Mehrheit der Konvertiten in der Türkei kommt von alevitischem Hintergrund. Die alevitische Religion ist dem Christentum näher als der sunnitische Islam.



Gebetsanliegen:
- Die gleichberechtigte Anerkennung der Aleviten in einer Zeit, in der sunnitischer Islamismus an Stärke gewinnt.



- Dass mehr Aleviten zum lebendigen Glauben an Jesus Christus kommen und unter Türken in der Türkei und Europa das Evangelium verkündigen.



- Dass das alevitische Christentum für Türken anziehend und kulturell akzeptabel ist.






Ob das der Islam der Zukunft sein könnte? :cool:

carlo
13.04.2004, 23:29
Absolut wertfrei gemeint, ein Blick in ein Muslim-Forum:

http://muslim-forum.de/index.php?showtopic=986

:rolleyes:

carlo
13.04.2004, 23:34
...und etwas zu einem, schon mehrfach aufgetauchten Begriff, dem der taquia, , der erlaubten Verstellung und bewußten Irreführung des Gegenübers in Notsituationen:



TAQIYA

Taqiya, or not showing their faith openly by means of pretense, dissimulation, or concealment, is a special type of Lying which is used by Shi'a Muslims. "Taqiya" (or taqiyyah) is related to the terms "taqwa'" and "taqi'" - all have the root meaning of "guarding" something, in this case, the Islamic faith.

This practice, along with the practice of Kithman, or concealing their faith from non-Shi'as, were, and are many places today, a method of self-preservation for the Shi'a community. Historically, the Shiites have been in the minority and have been persecuted by Sunni Muslims who considered them heretics. Shi'as are often persecuted today in Pakistan and Afghanistan and Sunni-Shi'a violence is fairly common. Sunnis would often attempt to force Shi'as to curse the House of Ali - believing that no devout Shiite could commit such an act. As a result of this persecution, the idea of Taqiya emerged. In other words, if a Shi'a Muslim's life is in danger, he may lie as long as he holds true to Ali in his heart.

Shi'as believe that the origin of this line of defence comes from the Qur'an. When Moses returned from the mountain and saw his people worshiping the golden calf, he was understandably angry and asked his brother Aaron why he allowed such a terrible sin to be committed. The Qur'an tells us



When Moses came back to his people, angry and grieved, he said: "Evil it is that ye have done in my place in my absence: did ye make haste to bring on the judgment of your Lord?" He put down the tablets, seized his brother by (the hair of) his head, and dragged him to him. Aaron said: "Son of my mother! the people did indeed reckon me as naught, and went near to slaying me! Make not the enemies rejoice over my misfortune, nor count thou me amongst the people of sin." Moses prayed: "O my Lord! forgive me and my brother! admit us to Thy mercy! for Thou art the Most Merciful of those who show mercy!" Sura 7:150-151



This verse is important because, since all Muslims believe that Aaron is a Prophet, none would criticize him for cowardice.

A more specific justification for Taqiya by the Shi'as is the instance when 'Ammar ibn al-Yasir (one of the companions loyal to 'Ali and considered to be one of the first Shi'a) was detained and tortured by infidels. He renounced his faith in order to escape and immediately went to Muhammad and repented. 'Umar suggested that he be put to death for apostasy, however, Muhammad said that it was better for him to renounce his faith with his lips (while still believing in his heart) than to be burned to death by the infidels.

This account is surprising considering how much emphasis the Qur'an places on martyrdom. Today, many Sunnis criticize 'Ammar for his actions and there is a significant difference of philosophy between Sunnis and Shi`a which creates this dilemma. The Sunnis believe that human beings have little or no free will, while the Shi`a believe that humans enjoy a great deal of free will.

To a Sunni, God decides how, and when, one is going to die and what is going to happen to all people - both believers and unbelievers. Therefore, it makes little difference what decisions one makes - everything is in God's hands, and it is not right to outwardly deny the faith in order to escape torture or death.

By contrast, the Shi'a believe that life is a gift from God and like any gift from God, should be preserved and not squandered. Anything that one can do to save one's life should be done, even if it is contrary to God's laws. In a life-threatening emergency, self-preservation, and the preservation of the faith take precedence over obedience to the shari'ah - in fact, this kind of preservation in such situations would be considered obedience to the shari'ah.

Taqiya is to be practiced only when one fears for one's life, the lives of one's family members, or for the preservation of the faith. In those situations, according to most Shi`a jurisprudents, Taqiya is required!

Some Shiite Traditions promoting Taqiya are

Imam Jafar Sadi (R) said: "Associate your opponents only outwardly and oppose them inwardly." (Ft. #1, Usool al Kafi, p.244)

Zararah narrates that I asked a certain question to Imam Baqar (R). He gave me its answer. Another person then asked the same question and the Imam gave him a different answer. Later a third person asked the same question, but the Imam's answer this time was different from the previous two answers. I then asked him: "O, the son of the Messenger (S)! The two persons who just came here to ask you questions were from Iraq and were Shias, yet you gave them contradictory answers". The Imam then answered: "O Zararah! This is good for me as well as for you and this will help us survive and prosper". (Ft. #2 Ibid, p.37)

For more information on this topic, please read this article and this linked section of Relation of Shi'a Theology to the Qur'an.

http://answering-islam.de/Main/Index/T/taqiya.html

Eumel
15.04.2004, 23:24
Debatte über islamistischen Terror

"Ich schäme mich, ein Muslim zu sein"

Von M. Walid Nakschbandi

Drücken sich die Muslime in Europa vor einer klaren Verurteilung des islamistischen Terrorismus? Der Deutsch-Afghane M. Walid Nakschbandi wirft seinen Glaubensgenossen vor, sich nicht klar genug zur Gewissens- und Religionsfreiheit zu bekennen. Ein politischer Weckruf.


Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge die beiden Türme des World Trade Centers in New York wegrasierten, hat eine weltweit kleine Minderheit der Muslime inständig gehofft und gebetet, dass dies kein Terroranschlag sein möge. Eine spürbar große Menge der Muslime allerdings hat sich gefreut.

Mit dem Massaker fanatischer Muslime in Madrid hat nun der Terror Europa ins Herz getroffen. Und wieder herrscht klammheimliche Freude bei vielen der Muslime. Freude darüber, dass man den Ungläubigen eine Lektion erteilt hat. Die Freudentänze der fanatisierten Muslime auf den Straßen in Beirut und die Predigten in den deutschen Moscheen - damals nach dem 11. September - wurden hier zu Lande nicht ernst genommen und von Politikern als ein irrationaler Akt der Dumpfen empfunden.


Was die britische "Times" im Jahre 1860 über die Politik der Deutschen schrieb, klingt heute noch aktuell: "Die Launen der deutschen Politik sind solcher Art, dass wir ihnen nicht zu folgen vermögen. Es ist nutzlos, nach Tiefgründigkeit Ausschau zu halten, wo nach aller Wahrscheinlichkeit nur Pedanterie herrscht, oder nach einer greifbaren Absicht, wo vielleicht nur der Wunsch besteht, irgendeine im Traum geborene historische Idee zu verwirklichen. Wäre die Art der Deutschen wie die unsrige, würden sie von praktisch denkenden Staatsmännern regiert - anstatt von Zuchtmeistern. Erst dann könnten wir uns vorstellen, sie hätten ein fernes Ziel ins Visier genommen..."

Die Muslime in Deutschland sind nicht radikal, fanatisch, sondern einfache gläubige Menschen, die Frieden und Ruhe wollen. So lautete das Glaubensbekenntnis vieler Politiker. Ich sage: Sie irren. Nicht wenige Muslime, auch in Deutschland, haben sich als militant erwiesen, pfeifen auf die Demokratie und treiben Missbrauch mit den Werten der Freiheit, Toleranz und Menschenwürde. "Wir haben die völlig paradoxe Situation, dass Kindern in Hamburg oder in Kalifornien eine fanatischere und intolerante Version des Islam gelehrt wird als irgendwo sonst in der islamischen Welt - außer in Saudi-Arabien", so der amerikanische Islamwissenschafter Bernard Lewis kürzlich in der "Zeit".

Sie wollen unsere Ideale vernichten

Wir meinen es gut mit ihnen, weil wir einen unbändigen Gefallen daran finden, uns vor aller Welt als politisch korrekt aufzuspielen. Wir sympathisieren mit Parade-Muslimen, die wir in Schriftstellern wie Nagib Machfus oder Rafik Schami erblicken. Wenn wir aber das Leben unserer Bürger schützen und die Grundwerte einer liberalen Gesellschaft verteidigen und die eher kleine Zahl aufgeklärter Muslime in Deutschland und andernorts stärken wollen, dann müssen wir mit den militanten Muslimen und deren Sympathisanten anders verfahren.

Dann müssen wir den Artikel 2, Absatz 2 Satz 3 des Grundgesetzes ("In diese Rechte darf nur aufgrund eines Gesetzes eingegriffen werden") endlich ernst nehmen und ihn womöglich revidieren. Jedenfalls müssen wir im Westen den Irrweg der Verständigung um jeden Preis meiden, und der Duldung auch nur eines Ansatzes von Gewalt und der scheinheiligen Anpassung an die fanatischen Muslime eine Absage erteilen. Unsere Werte werden nicht nur am Hindukusch verteidigt, sondern auch vor unserer Haustür, im Bahnhof Zoo oder am Frankfurter Flughafen.

Kostenlos radikale Schulbücher

Ein Blick in eine Moschee in Köln-Mülheim, Berlin Neukölln oder Hamburg-Altona beim Freitagsgebet reicht aus, um zu sehen, dass der Hass dieser Gruppe tief sitzt und ihm mit Argumenten nicht beizukommen ist. Dort werden die nicht gerade friedfertigen Schriften der Maulawis, der so genannten Islamgelehrten, der Gemeinde aufgezwungen. Dort werden Schulbücher radikalen Inhalts kostenlos verteilt.

Wir alle dachten früher, dies seien verwirrte Gedanken einiger Analphabeten. Wie naiv! Begreift endlich, dass sie uns und unsere Ideale vernichten wollen! Auch hier - in Deutschland.

"Im Bereich der inneren Sicherheit gibt es eigentlich nichts, was es nicht gibt", schreibt Heribert Prantl in der "Süddeutschen Zeitung" und kommt zu dem Schluss, dass "man" in Deutschland mit einer Diskussion über neue Gesetze, als Replik auf Gewalttaten, nicht mehr innere Sicherheit, "sondern innere Unsicherheit" produziere. Ist etwa die Politik der freien Demokratien für die Gewaltzustände verantwortlich? Wir müssen uns die Frage stellen, was uns in dieser Ausnahmesituation wichtiger ist: mit vorübergehend eingeschränkten Rechten dem Überleben unserer Gesellschaft eine Bresche zu schlagen oder im Vollbesitz der Grundrechte ein Opfer des Terrors zu werden!

Die Muslime in Deutschland müssen begreifen, dass es den Missbrauch der Glaubens-, Gewissens- und der Bekenntnisfreiheit für Fanatiker und deren Zöglinge nicht länger geben kann. Muslimische Fanatiker und deren Sympathisanten haben es geschafft, dass die Vernunft gesteuerten, aufgeklärten Muslime sich mittlerweile schämen, dieser Religionsgemeinschaft anzugehören. Wie ich.

Der in Afghanistan geborene Autor ist deutscher Staatsbürger muslimischen Glaubens und Geschäftsführer der Berliner AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion, die unter anderem "Zeit-TV" herstellt.

Der Beitrag ist in der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel" erschienen

SPIEGEL ONLINE - 15. April 2004, 12:21

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,294271,00.html

carlo
15.04.2004, 23:55
Interessanter Beitrag...danke, Eumel! :)

schloss
16.04.2004, 12:01
Tolle Hetze!

So wird das garantiert was mit dem Kampf der Kulturen!

WKIII. könnte aber der letzte sein, das sollte man immer bedenken.

schloss
16.04.2004, 12:08
...Freude darüber, dass man den Ungläubigen eine Lektion erteilt hat. Die Freudentänze der fanatisierten Muslime auf den Straßen in Beirut...

haben wir ja alle im Fernsehen gesehen

als hinterher rauskam, das die 20-30 Leute (die ärmsten Schweine aus einem Flüchtlingslager) für das Fernsehbild bezahlt worden sind, hat das keiner mehr zur Kenntnis genommen, aber das Bild ist in den Köpfen geblieben. saubere Arbeit!!
Nun kann man es prima zitieren...

carlo
16.04.2004, 23:33
Original geschrieben von schloss
haben wir ja alle im Fernsehen gesehen

als hinterher rauskam, das die 20-30 Leute (die ärmsten Schweine aus einem Flüchtlingslager) für das Fernsehbild bezahlt worden sind, hat das keiner mehr zur Kenntnis genommen, aber das Bild ist in den Köpfen geblieben. saubere Arbeit!!
Nun kann man es prima zitieren...
Die "ärmsten Schweine" sind nicht so arm, wie Du denkst, schloß - um das zu verstehen, muß man allerdings dort gewesen oder wenigstens mit der Mentalität aufgewachsen sein - der thüringische Weltblick allein reicht nicht ;)

Die Freude über die Attentate gab es sehr wohl, allerdings mochte das aus gutem Grund kaum jemand vor einer Kamera der westlichen Welt offenbaren.

Letztendlich löst es jedoch die Frage an sich nicht... :rolleyes:

carlo
17.04.2004, 15:11
Kommen wir zum Thema der sogenannten Ehrenmorde, also dem unfaßbaren Vorgang, den Vater- und Bruderliebe in blinden Mordeifer umschlagen läßt



Ehrenmorde in Pakistan



«Ehrenmorde» heisst der euphemistische Begriff für die Beseitigung einer Frau, die des Ehebruchs verdächtigt wird oder als Opfer einer Vergewaltigung «Schande» über ihre Familie gebracht hat. Vielerorts gehen die Täter nach wie vor straffrei aus. NZZ 3.7.01)



_
Ehrenmorde an Mädchen und Frauen



(nach einem Bericht von Amnesty International)




Das Leben der Frauen in Pakistan ist vielfach bedroht durch gewaltsame Todesarten, wie Erschiessen, Verbrennen oder Erschlagen mit der Axt, wie Amnesty International berichtet. Als Grund dafür gilt die Behauptung, sie_ hätten Schande über die Familie gebracht. Die Opfer werden aus allen möglichen Gründen umgebracht, auch solchen, die gar nicht zutreffen müssen, wegen angeblich unerlaubter Beziehungen oder weil sie einen Mann ihrer eigenen Wahl heiraten. Auch die Scheidung von einem gewalttätigen Ehemann kann ein Mordgrund sein. Sogar vergewaltigte Frauen müssen damit rechnen umgebracht zu werden, weil sie angeblich Schande über die Familie gebracht haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Anschuldigungen stimmen, es genügt ein Verdacht oder eine Beschuldigung, um von den Verwandten getötet zu werden.



Millionen von Frauen in Pakistan leben äusserst abgeschlossen von der Aussenwelt und unter totaler Kontolle von Männern, die ihnen gegenüber ein Besitzrecht beanspruchen. Die männlichen Verwandten, denen sie unterworfen sind, reagieren mit Gewalt auf Zuwiderhandlungen gegen ihre Kontrolle. Das bedeutet Kontrolle über jeden Aspekt ihres Lebens, Kontrolle über ihre Körper und über ihr Verhalten.



Die Frauen seien daran gewöhnt, dieses Leben zu ertragen, aber mit dem Aufkommen einiger Frauenrechtsgruppen sei das Bewusstsein von der Unterdrückung auch in ihre abgeschiedene Welt gedrungen, sagt Amnesty. In dem Masse, wie sich ein Bewusstsein von Frauenrechten ausbreite, habe auch die Zahl der Ehrenmorde als Antwort auf die_ Befreiungsversuche einzelner Frauen zugenommen, denen jährlich hunderte von Frauen zum Opfer fallen.



Über weit mehr Fälle gibt es gar keine Berichte, und die Täter bleiben in der Regel straffrei.



Staat und Polizei agieren hier als Komplizen, sie sind auf der Seite der Mörder. Auch die Justiz spielt mit in dem üblen Spiel. Wenn einmal ein Mann_ wegen solchen Mordes verurteilt weird, dann zu einer leichten Strafe.
Das ist ein eindeutiges Signal an die Täter - sie können generell mit Straffreiheit rechnen. Die Gesetze diskriminieren Frauen.



_
Es gibt nur wenige Frauenhäuser, wo Frauen Zuflucht finden könnten, und überdies ist Reisen gefährlich. Die Frauen müssen damit rechnen, als Freiwild_ missbraucht oder von ihren männlichen Verwandten gejagt zu werden.



Der Staat verfolgt diese Verbrechen nicht, obwohl sie unter das Strafgesetz fallen, und das obwohl die Regierung 1969 die Konvention über die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung von Frauen (CEDAW) ratifiziert hat.




Entgegen der Annahme, dass kulturelle Eigenarten nicht der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte unterliegen, hat 1993 die Weltkonferenz zu den Menschenrechten der Erklärung und dem Aktionsprogramm von Wien_ festgehalten:



_"All human rights are universal, indivisible and interdependent and interrelated" und die Pflicht der Staaten bekräftigt, "to promote all human rights and fundamental freedoms".



Die Vollversammlung der Vereinten Nationen von 1993 nahm die Erklärung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen an, die die Staaten aufruft, sich nicht auf Sitte, Tradition oder religiöse Überlegungen zu berufen", um ihren Verpflichtungen nicht nachzukommen.



_
Amnesty International berichtet über zahlreiche Ehrenmorde, vielfach Verbrennungen von jungen Frauen, mit allgemeiner öffentlicher Unterstützung und ohne Einschreiten der Behörden oder der Justiz. Die Zahl der Ehrenmorde nehme zu und der Begriff der Ehre erweitere sich. Und vermehrt versteckten sich Mörder hinter dem Ehrenmotiv, weil sie dann kaum bestraft würden.






Everyone has the right to life, liberty and security of the person.



Universal Declaration of Human Rights, Article 3






Die Methoden der Ehrenmorde sind laut Amnesty sehr verschieden. So wurden in Sindh eine Frau und ein Mann in Stücke gehackt mit dem Beil, oft mit komplizenhafter Zustimmung der Gemeinde. In Pundjab wird mehr privat getötet, gewöhnlich durch Erschiessen._ "In den meisten Fällen", schreibt Amnesty, "begehen Ehemänner, Väter oder Brüder der betroffenen Frau die Morde. In einigen Fällen entscheiden Jirgas (Stammesräte), dass die Frau getötet wird und sie schicken Männer, die Tat auszuführen."



Unter den Ermordeten befinden sich auch Mädchen vor der Pubertät. Die Beschuldigung lautet meisten unerlaubte sexuelle Beziehungen, oft bloss angenommene. Die Opfer haben keine Möglichkeit sich zu verteidigen oder ihre Version darzulegen_ Der blosse Verdacht genügt, die "Ehre" des Mannes zu verletzen, das reicht zum Töten.



Neben dem Ehrbegriff ist es vor allem die Berhandlung der Frauen als Ware ohne Personrechte, die zur Gewalt gegen Frauen beiträgt, die, wie Amnesty festhält, tief in der Stammekultur verwurzelt ist. Die Frauen gelten als Eigentum der Männer. Sie können ausgetauscht werden, gekauft und verkauft.



_






All human beings are born free and equal in dignity and rights. They are endowed with reason and conscience and should act towards each other in a spirit of brotherhood.



Universal Declaration of Human Rights, Article 1






Diese Eigentumsrechte wirken sich besonders bei der Heirat aus, d.h. die Frauen oder Mädchen werden fast immer von den Eltern verheiratet. Die Frau wird dem Ehemann gegen Zahlung eines Brautpreises an ihren Vater übergeben. Zu dieser Art Brautpreis gehört auch die Aushändigung einer weiteren Frau an den Vater._ Amnesty schreibt: "Manche Männer akzeptieren einen niedrigen Brautpreis unter der Bedingung, dass die noch ungeborene Tochter des Paares ihnen ausgehändigt wird, die dann für einen weiteren Brautpreis verheiratet werden kann." Man könne auch eine Frau anstelle des Blutgelds an einen Feind übergeben.



Eine Frau verwirkt ihr Leben durch sogenannt unerlaubte sexuelle Beziehungen, womit sie die angebliche "Ehre" ihrer männlichen Verwandtschaft verletzt. Familie und Nachbaren bestimmen, was das ist. Daher werden die Ehrenmorde oft in aller Öffentlichkeit verübt..



Das gesamte Verhalten der Frau unterliegt strengen Kontrollen. Es drohen schwere Strafen, "wenn sie das Essen zu spät bringt, wenn sie widerspricht, wenn sie unerlaubte Familienbesuche macht."



Im fall unerlaubter Beziehungen kommt der Mann oft davon. Er kann dem angeblich ehrverletzen Mann eine Entschädigung zahlen, auch in Form einer ihm ausgehändigten Frau. Der Handel wird von einer Jirga (Stammesversammlung) überwacht. Das Tauschobjekt_ Frau hat keine eigenen Rechte.



Das kommt aber nicht nur in rückständigen Gebieten vor, sondern auch in städtischen und verbreitet allenthalben ein Klima der Angst unter Frauen.__




Wenn es einmal einer Frau gelingt, ins Ausland zu fliehen vor der Todesdrohung ihrer Familie, dann findet sie nur_ wenig Unterstützung. Die Bedrohung ihres Lebens aufgrund der Weigerung, die Zwangsheirat zu akzeptieren, wird noch kaum als Asylgrund anerkennt.



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Wo die meisten Heiraten vom Vater arrangiert werden, gilt freie Partnerwahl als schwerer Verstoss gegen das Vaterrecht. Häufig beschuldigt der Vater einer Tochter, die gegen seinen Willen heiratet, das Paar der unerlaubten sexuellen Beziehung, angeblich ist die Heirat nicht gültig und der Vater oder Bruder greift zur privaten Gewalt. Die Frau kann inhaftiert werden und anschliessend erschossen von einem Verwandten.



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Totale soziale Ächtung und Ausstoss aus der Familie ist das Schicksal der Frauen, die einen Mann ihrer Wahl heiraten und geschieden werden. Nur wenn sie viel Glück haben, können sie in einem der wenigen Frauenhäuser Zuflucht finden mit ungewisser Zukunft.






(1) Men and women of full age, without any limitation due to race, nationality or religion, have the right to marry and to found a family. They are entitled to equal rights as to marriage, during marriage and at its dissolution.
(2) Marriage shall be entered into only with the free and full consent of the intending spouses.
(3) The family is the natural and fundamental group unit of society and is entitled to protection by society and the State.



Universal Declaration of Human Rights, Article 16






Wenn ein Vater die Tochter der unerlaubten Beziehung zu ihrem selbst gewählten Mann beschuldigt, händigt die Polizei sie ihm wieder aus.




Besonders gefährlich ist es für Frauen, die Scheidung zu verlangen, sie sind dann vielfältigen Attacken bis zum Mord ausgesetzt. Das Scheidungsbegehren gilt als Ehrverletzung.




Amnesty berichtet den Fall der 29jähringen Samia, Mutter zweier Kinder, die im Büro ihrer Anwaltin in Lahore erschossen wurde.



"Sie wurde öffentlich ermordet, im Büro ihrer Anwältinnen, weil ... ihr Versuch sich von einnem extrem gewalttätigen Mann scheiden zu lassen, als Schande für die Famillie angesehen wurde. In den 10 Jahren ihrer Ehe hatte sie hochgradige häusliche Gewalt erlitten. 1995 kehrte sie zu ihrer Familie zurück, nach dem ihr Mann sie die Treppe hinuntergeworfen hatte, als sie schwanger war."



Sie floh 1999 nach Lahore und suchte Hilfe bei einem Anwaltsbüro und fand Zuflucht in einem Frauenhaus, das von den Anwältinnen betrieben wurde.



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Zu den Anwältinnen gehörten Hina Jilani und Asma Jahangir, die gegenwärtig UN-Sonderberichterstatterin für aussergerichtliche willkürliche Hinrichtungen ist."



Dieser Fall eines offenen Mordes in Gegenwart zweier bekannter Anwältinnen zeigt, wie sicher sich die Täter fühlten. Sie konnten sicher sein, dass sie nicht gerichtlich zur Rechenschaft gezogen werden würden. Sie mussten nicht mal ihre Identität geheimhalten. Von den Beteiligten an dem Mord, Vater, Mutter und Onkel, wurde niemand verhaftet. Zeitungen in der nordwestlichen Grenzprovinz berichteten, dass "die Öffentlichkeit überwiegend den Mord billigte, wobei viele argumentierten, dass es kein Verbrechen sein könne, da es mit der Tradition übereinstimme." (Amnesty)



Nicht genug damit: Religiöse Organisationen verlangten, dass die Anwältinnen Hina Jilani und Asma Jahangir, die eine Klage eingereicht hatten,_ gemäss dem islamischen und Stammesrecht behandelt und verhaftet werden sollten, weil sie die Frauen in Pakistan irreführten und zum schlechten Image des Landes beitrügen."_



Gegen beide Frauen wurden Fatwas erlassen und ein Kopfgeld wurde auf ihre Tötung ausgeschrieben. Asma Jahangir unternahm rechtliche Schritte__ und forderte die Regierung auf, eine gerichtliche Untersuchung_ von 300 Ehrenmorden, die allein 1989 in Pakistan begangen wurden,_ durch den obersten Gerichtshof anzuordnen. "Es ist nichts bekannt von irgendeiner Aktion, die in dieser Sache unternommen wurde", schreibt Amnesty.



Stattdessen reichte der Vater der Ermordeten und Mittäter bei der Polizei von Peshawar eine Anzeige gegen die beiden Anwältinnen ein wegen Entführung und Ermordung (!) der Tochter. Sie blieben auf Kaution frei.



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Einen Monat später nahm das Obergericht von Peshawar ihr Gesuch, die Sache fallenzulassen, an, und gab Anweisung an die Polizei, nichts gegen die Anwältinnen zu unternehmen wegen dieser Klage, schreibt Amnesty.





Hina Jilani, ist im August 2000 vom Uno-Generalsekretär Kofi Annan auf den neu geschaffenen Posten der «Beauftragten für Menschenrechtsverteidiger» berufen worden. (NZZ 3.7.01)



Es ist völlig irrelevant für ein sogenanntes Ehrendelikt, ob die angeschuldigte Person ihm zustimmt oder nicht. Als unehrenhaft für die Familie gilt auch die Vergewaltigung der Frau. Das Opfer kann daher anschliessend getötet werden, weil es "Schande" über die Familie gebracht habe.



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Es ist sehr gefährlich für Frauen, Anzeige wegen Vergewaltigung zu erstatten. Amnesty berichtet von einem Fall eines 16jährigen vergewaltigten Mädchens, dessen Vater Anzeige erstattete. Die Polizei nahm den Täter in Schutzhaft und händigte das Mädchen dem Stamm aus. "Eine Jirga von Stammesmännern entschied, dass sie Schande über ihren Stamm gebracht hätte und dass die Ehre nur durch ihrern Tod wiederhergestellt werden könne. Sie wurde vor dem versammelten Stamm erschossen.



Ehrenmorde können eine gute Einnahmequelle sein. Ein beschuldigter Mann kann sich freikaufen gegenüber dem angeblich in seiner Ehre Geschädigten, zum Beispiel durch Übergabe einer Frau. Männer ziehen auch Entschädigungsgeld ein für ihre von ihnen selbst ermordeten Töchter. Nafisa Shah spricht von einer Ehrenmord-Industrie unter Beteiligung von Stammesmitgliedern_ und Polizei.




Amnesty berichtet: " Im November 1997 wurde Mussarrat Bibi, eine Mutter von drei Kindern, schwanger und sei elf Jahren verheiratet, zu Tode geprügelt von einer entfesselten Dorfbevölkerung_ im Distrikt Sheikupura, nachdem Gerüchte über ihr angeblich unmoralisches Verhalten aufkamen. Untersuchungen ergaben, dass der wirkliche Grund für ihren Tod darin bestand, dass sie sich geweigert hatte, ohne Bezahlung für den lokalen Landlord zu arbeiten. Zwei Personen wurde für kurze Zeit verhaftet."



Es gebe auch immer mehr Berichte darüber, dass Männer, die einen Mord begangen haben ohne Ehrenmotiv, anschliessend eine Frau ihrer Familie umbringen, um das ganze als Ehrenmord zu erklären, womit sie straffrei ausgehen.



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Das perverse Ehrensystem mit mörderischen Folgen ermöglicht einem Mann, den eine Frau nicht heiraten will, einen anderen Mann ihrer Familie einer unerlaubten Beziehung zu bezichtigen und zu verlangen, dass sie ihm als Entschädigung ausgehändigt wird. Wenn das nicht ausreicht, kann er auch noch eine Frau seiner eigenen Familie umbringen, um die Behauptung der Ehrverletzung zu untermauern. Er hat dann Anspruch auf das gewünschte weibliche Objekt.




Wenn ein Mann seine Frau mit Kerosin übergiesst, kann er behaupten, sie habe sich selbst angezündet, um auf das Wohlwollen der Justiz zählen zu können.__



Shahnaz Bokhari von der Progressive Women's Association in Islamabad sagt, dass die Organisation seit ihrer Gründung im März 1994 1,600 Fälle von Frauen registrierte, die ihn ihrer Wohnung verbrannt wurden, allein in Rawalpindi und Islamabad. Dabei handelt es sich nur um die bekannt gewordenen Fälle.






No one shall be subjected to torture or to cruel, inhuman or degrading treatment or punishment.



Universal Declaration of Human Rights, Article 5






Alle diese verbrecherischen Akte werden weithin als normal betrachtet, so niedrig ist der Status der Frauen in der Stammestradition und der Religion.



Einer Untersuchung zufolge fürchten 82% der Frauen in ländlichen Gegenden Gewalttätigkeit des Mannes. In den Städten sind es 52%.



Die bedrohten Frauen haben kaum Möglichkeiten zu entfliehen. Sie kennen sich ausser Haus nicht aus, können ohne Geld nicht weit kommen und werden allein auf Reisen noch häufig Opfer von sexuellen Übergriffen. Meistens werden sie wieder eingefangen und nach Hause zurückgebracht.






All are equal before the law and entitled without any discrimination to equal protection of law.
All are entitled to equal protection against any discrimination in violation of this Declaration and against any incitement to such discrimination.



Universal Declaration of Human Rights, Article 7





Der einziger Platz, der als sicher gilt vor Ehrenmord, ist das Haus eines sogenanten Sardar, eines heiligen Mannes. Dort arbeiten die geflüchteten Frauen dann als unbezahlte Dienstmädchen und sind nicht geschützt vor Missbrauch.





Es gibt auch einige wenige staatliche und private Frauenhäuser, die aber angegriffen werden. Wenn eine Frau auf gerichtlichem Wege ihr Recht sucht, kann sie nicht mehr in die Familie zurück. Vielen bleibt nur noch der Selbstmord, um erzwungenen Heiraten oder "häuslicher" Gewalt zu entgehen, wozu Familienmitglieder und die Gemeinschaft anstiften..



Es existieren keine laut Amnesty offiziellen Zahlen über die Frauen-Selbstmorde_ Manchmal jedoch kämen solche Fälle ans Licht, zum Beispiel wenn ein Mädchen auf den Zugschienen gefunden wird.



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Das internationale Bewusstsein von der Verantwortlichkeit des Staates für Menschenrechtsverletzungen sei in den letzten Jahren erheblich gewachsen, heisst es im Bericht., und zwar nicht nur Menschenrechtsverletzungen durch Staatsvertreter, sondern auch solchen von privaten Tätern, die der Staat ignoriert: "Wenn der Staat nicht mit der nötigen Sorgfalt vorgeht zur Verhinderung, Untersuchung und Bestrafung von Missbräuchen, einschliesslich Gewalt gegen Frauen im Namen der Ehre, ist er verantwortlich gemäss internationalem Menschenrechtssgesetz."



Die Regierung habe keinerlei Massnahmen ergriffen, den Ehrenmorden ein Ende zu machen. Weder bekämpfe sie die Wurzeln dieses Übels noch mache sie Schluss mit der Straffreiheit der Täter. Hinzu kämen diskriminierende Gesetze. So bestehe diese Praxis weiter fort.



Auch gegen diejenigen, die die beiden Anwältinnen mit dem Tod bedrohten, wurde nichts unternommen.



Daher ist die Regierung mitschuldig an diesen Zuständen.






State Parties shall take all appropriate measures: (a) To modify the social and cultural patterns of conduct of men and women, with a view to achieving the elimination of prejudices and customary and all other practices which are based on the idea of inferiority or the superiority of either of the sexes or on stereotyped roles for men and women.



Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women, Article 5





Auch die umfangreichen Empfehlungen der Untersuchungskommission für Frauen, die unter Leitung des Senats von Pakistan eingesetzt wurde, sind nicht umgesetzt worden, schreibt Amnesty. So dauerten Ehrenmorde und andere Gewalttätigkeiten an



Der Status der Frauen zwischen Stammes-Ehrencodes und islamischem Recht bedeute ein Klima der Unterdrückung. Traditionelle Normen, islamische Vorschriften in Pakistanischer Version (islamistisch) und das Gesetz bestimmen das Leben der Frauen hinsichtlich Vermögen, Heirat,_ Scheidung, sexuellen Beziehungen, Vergewaltigung und Vormundschaft._



Solange die Frauen noch eingesperrt sind in die häusliche Sphäre unter Kontrolle der Männer, können sie keinen Gebrauch machen von den fundamentalen Menschenrechten.



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"Unter den Gesetzen sind es vor allem zwei, die Frauen in Pakistan benachteiligen, beide eingeführt im Namen der Islamisierung des Rechts", sagt Amnesty: _Das 1990 eingeführte Gesetz von Qisas und Diyat betrifft Delikte, die sich auf Körperverletzung, Tötung und Mord beziehen.



Danach werden die Delikte so definiert,_ dass sie nicht gegen die gesetzliche Ordnung des Staates gerichtet sind, sondern gegen das Opfer.



Ein Richter des obersten Gerichtshofs erklärte: "Im Islam behalten das individuelle Opfer oder seine Erben von Anfang bis Ende völlige Kontrolle über die Angelegenheit einschliesslich des Verbrechens und des Verbrechers. Sie können (wenn sie wollen) es nicht berichten, sie können den Delinquenten (wenn sie wollen) nicht verfolgen. Sie können die Verfolgung freiwillig fallenlassen nach. Sie können dem Verbrecher vergeben in jedem Stadium vor der Vollstreckung des Urteils. Sie können auch eine finanzielle oder andere Genugtuung_ annehmen, um das Verbrechen zu sühnen und den Verbrecher zu entlasten. Sie können Kompromisse schliessen. Sie können quisas (eine dem Delikt entsprechende Bestrafung) akzeptieren vom Delinquenten."



Das ist ein deutliches Signal an die Verbrecher, das besagt, dass Morde von Familienangehörigen eine Familienangelegenheit sind und ihre Verfolgung nicht zwingend geboten ist. Sie lässt sich vermeiden und soll auch tunlichst vermieden werden.



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Eine weitere Bestimmung des Gesetzes von Quisas und Dijat: Die Höchststrafe für Mord (Todesstrafe) wird nicht verhängt, wenn der Erbe der Ermordeten ein direkter Abkömmling des Mörders ist. M.a.W. wenn ein Mann seine Frau umbringt, mit der er ein Kind hat, bekommt er höchstens 14 Jahre. Es geht hier nicht um die Befürwortung der Todesstrafe, die Amnesty natürlich ablehnt, sondern darum, zu zeigen, wie die Ehrenmorde gegenüber anderen Morden entschuldigt werden.



Ein Mann, der seine Frau oder Tochter aus Gründen der "Ehre" tötet, kann auch "schwere und plötzliche Provokation" nach Abschnitt 300(1) des_ Pakistanischen Strafgesetzes (PPC) geltend machen: In diesem Fall glt die Tötung einer Person, "die die Provokation machte", nicht als Mord.




Männer, die ihre Frauen oder Töchter umbringen, weil sie angeblich Schande über sie gebracht haben, könnten daher mit mildernden Umständen rechnen, die nicht für Frauen gelten. Als schwere und plötzliche Provokation gelte schon, dass ein Mann einem anderen erzählt, seine Frau betrüge ihn.
Obwohl diese Bestimmung nicht mehr gelte, werde sie immer noch angewandt, schreibit Amnesty.






(1) State Parties shall accord to women equality with men before the law.



Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women, Article 15






Oft spiele die Polizei auch Sittenwächter statt Gesetzeshüter.



Väter bedienten sich gern der Polizei, um ihre erwachsenen Töchter gesetzeswidrig einsperren zu lassen, wenn sie einen Mann ihrer Wahl geheiratet haben.



"Trotz zahlreicher Urteile, die bestätigen, dass die erwachsene Frau das Recht hat, ohne Zustimmung ihres männlichen Vormunds zu heiraten, nimmt die Polizei weiterhin Anzeigen wegen Entführung und "zina" (unerlaubte Beziehungen) gegen Frauen, die von diesem Recht Gebrauch machen, entgegen, selbst wenn die Polizei leicht feststellen könne, _ob das Paar verheiratet ist, und also weder der Entführung noch der "zina" schuldig."



_.
Weniger leicht nimmt die Polizei hingegen Klagen von Frauen entgegen, die von ihren Männern oder ihrer Familie misshandelt werden. Sie fordert sie lieber auf, nach Haus zurückzugehen.



Erscheint ein Ehemann bei der Polizei, der seine Frau umgebracht hat wegen "unerlaubter Beziehungen", unternimmt die Polizei am liebsten nichts.



In manchen Gegenden werden null Prozent Ehrenmorde bekannt, weil die Polizei Bestechungsgelder annimmt. Manche Polizeistationen gelten als Goldminen wegen der hohen Anzahl von Ehrenmorden. In Jacobabad wird die Zahl der Ehrenmorde auf 55 bis 60 pro Monat geschätzt. Schon angesichts des lukrativen Aspekts sei die Polizei nicht interessiert daran, dem Treiben ein Ende zu_ setzen, stellt Amnesty fest..






Everyone has the right to an effective remedy by the competent national tribunal for acts violating the fundamental rights granted him by the constitution or by law.



Universal Declaration of Human Rights, Article 8






Frauen die nach angeblicher Entführung wieder eingefangen werden und solche, deren Vater die Heirat mit dem Mann ihrer Wahl anficht, werden gewöhnlich in staatlichen Gewahrsam genommen, bis die Gerichte den Falll entschieden haben - sie werden vom Gericht als "crime property" behandelt._ Das Recht der Frauen auf Freiheit und Gleichheit wird durch die rigiden patriarchalen Normen, bis vor Gericht, missachtet.



"In der Justiz ist man zum Teil der Überzeugung, dass jedes Eingreifen in die patriarchale Struktur der Gesellschaft die Gesellschaft zerreisst und dass man verpflichtet sei, solcher Umwälzung vorzubeugen." Eine Struktur der Gesellschaft, die die Hälfte der Bevölkerung ihrer Grundrechte beraubt.



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Die Gerichte sprechen seltsames Recht._ Sie finden auch mildernde Umstände, wo keine zu beweisen sind. So in einem Fall, wo der angebliche Ehebruch der ermordeten Frau durch nichts bewiesen werden konnte. 'Der Täter hatte zwei Kinder von seiner verstorbenen Frau', heisst es in der Begründung der mildernden Umstände, 'und wenn er den extremen Schritt tat, ihr das Leben zu nehmen, indem er ihr wiederholte Messerstiche zufügte, dann muss sie etwas Ungewöhnliches getan haben, um ihn in diesem Masse wütend zu machen."



Hier ist die Tat selbst der Entlastungsgrund für die Tat!



Das Opfer muss schuld sein, weil es das Opfer ist.



Vor dem High Court von Lahore_ erklärte 1994 der Anwalt eines Mannes, der seine Schwester schwer verletzt und einen Mann erschlagen hatte, den er angeblich mit ihr zusammen angetroffen hatte,



dass in einer islamischen Gesellschaft eine Person, die sich öffentlich dem "zina" (unerlaubte Beziehung) hingebe, es verdiene, auf der Stelle "erledigt" zu werden. So ein Mord sei mehr eine religiöse Pflicht als ein Delikt.



Der Richter soll gesagt haben: "Prima facie, bin ich geneigt, dem Verteidiger zuzustimmen.



Auch Heiraten gegen den Willen des Vaters stellen für viele Gerichte eine Ehrverletzung desselben dar und rechtfertigen es, dass er "die Kontrolle verliert" und die Tochter tötet. Sie fallen also unter die mildernden Umstände.



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State Parties shall....undertake: ....
(c) to establish legal protection of the rights women on an equal basis with men to ensure through competent national tribunal and other public institutions the effective protection of women against any sort of discrimination; ......
Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women, Article 2





In Pakistan werden jährlich mehr als tausend Frauen Opfer der "Familienehre". (NZZ 3.7.01)



Die Informationen dieses Textes stammen von Amnesty International.



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Die libanesische Autorin Eveline Boutros zum Verbrechen des Ehrenmords:



«Der orientalische Ehrenkodex bringt alle (religiösen) Gemeinschaften zusammen in einem einem elften Gebot, das da lautet: Die Ehebrecherin hat ohne Schwäche noch Ausflucht zu Tode gesteinigt zu werden.» Im Neuen Testament gibt es dazu eine ganz andere Botschaft als in der Scharia. Diese Vollstreckung der Todesstrafe durch Steinigung wird in Ländern, die islamisches Recht_ anwenden, vollzogen.



Die männliche «Ehre» über die «Reinheit» der Frau zu definieren, sei offensichtlich allen archaisch-patriarchalischen Gesellschaften eigen, schreibt die NZZ.



So wird die barbarische Praxis des islamischen Rechts relativiert. Nur in islamischen Ländern wird heute noch gesteinigt, und das in Übereinstimmung mit der Scharia._



Der tunesische Soziologe Abdelwahab Bouhdiba wiegelt dieses Sachverhalt ab, indem er erklärt, die Unterdrückung der Frau sei keineswegs im Islam verwurzelt. Er konstatiert: «Die sexuelle Entfremdung - und sogar Unterdrückung - moderner muslimischer Frauen ist nicht Resultat der islamischen Sicht der Sexualität, sondern



sozialen und wirtschaftlichen Druckes.»



Der Mann will nicht wahrhaben, was angewandte Scharia heisst. Ganz abgesehen davon, dass das barbarische Männermordrecht nicht auf "wirtschaftlichen" Druck zurückzuführen ist, genausowenig wie Vergewaltigungen, nach denen die Frau bestraft wird, sondern eine genuine Form krimineller Brutalität ist, die "kulturell" gerechtfertigt wird.



Keineswegs gebietet das islamische Recht diesen Praktiken Einhalt, im Gegenteil, es bestärkt und legitimiert sie, wie das Beispiel Pakistans zeigt.



Ehrenmorde kommen auch in anderen Ländern vor, wie Brasilien und Italien, aber nicht mit ausdrücklicher Billigung der Justiz und nicht in diesem seuchenartigen Ausmass._



Pakistan gehört wie die Türkei und Jordanien zu den Ländern, in denen diese beschönigend «Ehrentötungen» genannten Morde zunehmen.



In Jordanien gibt es eine Bewegung, die dagegen angeht.



Ihr gehören auch Mitglieder der Königsfamilie an. Im Februar 2001 gab es eine Demonstration vor dem Parlament mit dem Anliegen, dass Artikel 340 des Strafgesetzes geändert werde, der den Täter eines "Ehrenmordes" von der Strafe freistellt. Prozentual hat das kleine Jordanien die weltweit höchste Rate dieser Todesart.



Den Abgeordneten machte die Petition keinen Eindruck.



Die islamistische Opposition hatte bereits eine Fatwa, ein religiöses Dekret, veröffentlicht, in welchem eine Änderung des Paragraphen als «Verletzung der Werte der Ehre der Familie» abgelehnt und als «gegen den Islam gerichtet» bezeichnet wurde.



"Tatsächlich verurteilen weder das islamische noch das viele Bereiche des täglichen Lebens regelnde Stammesrecht solche Praktiken" schreibt die NZZ. Zu präzisieren wäre, dass sie es ausdrücklich billigen. Im Schutz des islamischen Rechts geniessen die Ehrenmörder Respekt und Anerkennung.____



Die jordanische «Kampagne zur Ausrottung der Ehrenverbrechen» wurde von Human Rights Watch ausgezeichnet.



In Bangladesh ist die kriminelle Seuche der Säureattentate weit verbreitet. Es genügt, das eine junge Frau den Heiratsantrag eines jungen Mannes ablehnt, um Säure ins Gesicht geschüttet zu bekommen. Die Täter werden kaum bestraft. Der Terror gegen die Frauen ist so gross, dass das Opfer oft in die Ehe mit dem Täter einwilligt_



Dass auch die betroffenen Opfer selbst oft glauben, Schande über ihre Familie gebracht zu haben, erinnert uns an die Hexenverfolgung, wo die Opfer unter Folter sich_ schuldig bekannten. Der enorme Psychoterror, den das mörderische Klima für die Frauen bedeutet, ist nur noch mit der Folter zu vergleichen.

http://people.freenet.de/frauenfokus/html/ehemordpakist.htm

carlo
17.04.2004, 15:17
Allgemeines Informationen zum Thema
Ehrenmorde/ Verbrechen im Namen der Ehre


In vielen patriarchalischen Ländern, darunter Pakistan, Bangladesch, und der ganze Mittlere Osten, ist nach traditioneller Vorstellung die Ehre eines Mannes abhängig von dem ehrbaren, d.h. normgerechten Verhalten seiner weiblichen Familienangehörigen. Verhält sich Ehefrau, Tochter oder Schwester nicht dem gesellschaftlichen Frauenbild gemäß, trifft die allgemeine Verachtung nicht nur sie, sondern auch den Mann der Familie, dem sie „gehört“ und der sich durch ihr Verhalten entehrt sieht. Die Frau selbst hat keine Ehre, sondern ist lediglich Trägerin der Ehre des Mannes bzw. der ganzen Familie.



Für eine Frau ist es in einer solchen Gesellschaft leicht, die Familienehre zu verletzen: Es reicht, den von der Familie für sie auserwählten Mann abzulehnen, einen gewalttätigen Ehemann verlassen zu wollen und sich selbst einen Mann zu suchen, es reicht, überhaupt in den Verdacht zu kommen, etwas davon tun zu wollen, es reicht, wenn sich ein Unbekannter in sie verliebt, es reicht, vergewaltigt zu werden. Auch wenn eine Frau ohne ihre eigene Schuld entehrt wird (z.B. durch Vergewaltigung) ist der Mann und mit ihm die Familie entehrt. Durch ihr eigenes Verhalten kann die Frau die Familienehre nicht selbst wiederherstellen. Eine verletzte Familienehre kann nach dem traditionellen Ehrenkodex nur durch Verstoßung oder Tötung der Frau wiederhergestellt bzw. die Schande, die über die Familie gekommen ist, gesühnt werden. Zu Verbrechen im Namen der Ehre zählen nicht nur Ehrenmorde, sondern auch die Misshandlung, Unterdrückung und Verstoßung eines Mädchens oder einer Frau, die durchgeführt werden, um die Familienehre zu bewahren bzw. wieder herzustellen.



Ehrverletzungen werden vom sozialen Umfeld hart bestraft, eine ehrlose Familie wird aus der festgefügten Gesellschaft ausgeschlossen. Ehrenmorde sind deshalb in den meisten Fällen „Familiensache“, d.h. dass die gesamte Familie von der vermeintlichen Ehrverletzung informiert wird und das Urteil fällt. Auch wenn der Mord selbst immer von einem männlichen Mitglied ausgeführt wird, sind nicht selten Frauen unmittelbar an der Tatvorbereitung beteiligt.



Die Täter, meist nahe männliche Verwandte wie Väter, Ehemänner oder Brüder gehen häufig straffrei aus oder werden strafmildernd behandelt, da die Richter Verbrechen im Name der Ehre oft tolerieren. Häufig werden auch minderjährige Familienmitglieder zu der jeweiligen Tat angestiftet, um von vornherein eine Strafmilderung zu erwirken.


Obwohl die meisten Ehrenmord in islamisch geprägten Staaten oder Bevölkerungsgruppen vorkommen, sind sie kein religiöses Phänomen und sind in manchen islamischen Staaten (z.B. Westafrika) völlig unbekannt. Auch die muslimische Geistlichkeit streitet eine Aufforderung zum Ehrenmord aus religiösen Gründen ab und verweist auf die Tradition, allerdings ohne ihre Autorität ernsthaft zugunsten von Frauen einzusetzen.



Verbrechen im Namen der Ehre beschränken sich nicht auf die islamische Welt. Sie kommen auch in Brasilien, Ecuador, Indien und in Migrantengruppen in Europa vor. Im Rahmen der Kampagne ‘NEIN zu Verbrechen in Namen der Ehre’ soll die deutsche Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht werden, dass Ehrenmorde bzw. Verbrechen im Namen der Ehre in mindestens 14 Ländern eine große Brisanz darstellen, dass aber auch in Deutschland Ehrenmorde an Mädchen und Frauen begangen werden.

http://www.frauenrechte.de/themen/ehrenmorde/allgemeines.html

carlo
17.04.2004, 15:21
Wie die Türkei diesen Spagat bei beantragter EU-Aufnahme bewältigen möchte, ist mir schleierhaft:

http://www.nadir.org/nadir/initiativ/kurdi-almani-kassel/aktuell/2004/jan2004/ehrenmorde.htm

:rolleyes:

carlo
17.04.2004, 15:29
Erschreckendes Videomaterial aus der Türkei, gesendet in den "Tagesthemen" Anfang März:

http://www.tagesthemen.de/sendungen/0,1196,OID3072122_VID3072146_OIT3072284_RESms256,00.html

Das hätte sich mal der Bundeskanzler ansehen sollen, bevor er den Türken die baldige EU-Aufnahme zusagte... :mad:

carlo
17.04.2004, 17:12
Ein Bestseller zum Thema:

http://www.pressdepartment.de/pix/cover/2004/Souad_Leib150.jpg

Mord im Namen der Ehre. Eine Überlebendes berichtet ...



BEI LEBENDIGEM LEIB verbrannt!



Souad ist Anfang Vierzig; wenn sie sich in die Öffentlichkeit begibt, trägt sie eine weiße Maske, die ihr Gesicht bedeckt. Weil sie entstellt ist. Und weil man sie erkennen könnte – denn das Todesurteil gegen sie wurde nie aufgehoben. Ihre eigene Familie hat es vor vielen Jahren ausgesprochen als Souad 17 war, noch im Westjordanland lebte und verliebt war. Diese Liebe wurde ihr zum Verhängnis, denn man warf ihr vor, die Ehre der Familie zu beschmutzen – um diese Ehre zu verteidigen, sollte sie sterben. Das Urteil sollte ihr Schwager vollstrecken, der sie mit Benzin übergoss und anzündete ...



Souad überlebte diesen Ehrenmord-Anschlag schwer verletzt und nur aufgrund des mutigen Einsatzes einer Mitarbeiterin der Schweizer Hilfsorganisation surgir. Sie brauchte über 25 Jahre, um ein halbwegs normales Leben aufzubauen - der Weg dahin war qualvoll, denn sie musste vor allem eines lernen: sich als Frau mit eigenen Rechten zu begreifen. Heute lebt Souad mit ihrer Familie in Europa. Mit BEI LEBENDIGEM LEIB hat sie endlich ihre Stimme gefunden, um über das grausame Geschehen Zeugnis abzulegen.



Als das Buch im Frühjahr 2003 in Frankreich erschien, stürmte es sofort die Bestsellerlisten. Es ist seither in 16 Länder verkauft worden ...



In Deutschland erscheint BEI LEBENDIGEM LEIB Ende Februar 2004.

carlo
17.04.2004, 17:17
http://wwwfr-aktuellde/ressorts/nachrichten_und_politik/international/?cnt=327876/

MENSCHENRECHTE

Schon ein Kinobesuch kann die Familienehre verletzen

In der Osttürkei begehen auffallend viele junge Mädchen Selbstmord Frauenrechtlerinnen glauben in vielen Fällen eher an Mord durch die eigene Familie

VON GERD HÖHLER ATHEN


Als man Leyla fand, war es zu spät Arbeiter entdeckten die 17-Jährige morgens auf einer Baustelle Das Mädchen hatte sich aus dem vierten Stock eines Rohbaus am Stadtrand von Batman gestürzt Leyla gab noch schwache Lebenszeichen von sich, aber als sie ins Hospital eingeliefert wurde, war sie bereits tot "Suizid" stellten Ärzte als Todesursache fest

Die "Stadt der Selbstmorde" wird Batman genannt Rund 150 Mal im Jahr versuchen sich hier Menschen das Leben zu nehmen - jedem dritten gelingt es Über 70 Prozent der Opfer sind weiblich Nirgendwo in der Türkei werden so viele Selbstmorde unter jungen Frauen registriert wie im Südosten des Landes Jetzt kommt der Verdacht auf, dass es sich in vielen dieser Fälle um Morde handeln könnte Junge Mädchen müssen sterben, weil sie gegen den strengen Ehrenkodex der Familien verstoßen

Die Sozialarbeiterin Nebahat Akkoc hat seit Ende der 90er Jahre in den südostanatolischen Städten Batman, Diyarbakir, Kiziltepe und Bingöl Frauenzentren gegründet Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist, in Interviews mit Frauen möglichst viel über deren Lebenssituation zu erfahren Mehr als 5000 solcher Gespräche hat Akkoc geführt, knapp 2000 davon systematisch ausgewertet 15 Prozent der befragten Frauen berichteten von Morddrohungen, aber nur sieben Prozent trugen sich mit Selbstmordgedanken "Wir glauben, dass es sich in der Mehrzahl der Selbstmord-Fälle in Wirklichkeit um Morde handelt", sagt Akkoc

Dabei geht es meist um die Familienehre Frauen, die diese Ehre "beschmutzen", würden oft zum Selbstmord gedrängt oder von männlichen Familienmitgliedern umgebracht, wenn sie die Selbsttötung verweigern, glaubt Akkoc: "In den meisten Fällen sprangen die Frauen von Balkonen oder tranken Gift - aber sprangen sie wirklich oder wurden sie gestoßen?" Bei den so genannten Ehrenmorden gehe es nicht immer um Liebe und Sexualität, sagt die Frauenrechtlerin Akkoc "Manche Familien verhängen schon wegen eines unerlaubten Kino-Besuchs gegen eine Tochter die Todesstrafe"
Die Befragung gibt ein erschreckendes Bild von den Lebensverhältnissen der Frauen in der überwiegend kurdisch besiedelten Südosttürkei 99 Prozent der interviewten Frauen sind psychischer, 57 Prozent physischer Gewalt ausgesetzt 19 Prozent sind Opfer von Inzest, acht Prozent wurden vergewaltigt Obwohl gesetzlich verboten, ist die Vielehe an der Tagesordnung Zwar hat das Parlament in Ankara schon vor einiger Zeit das Heiratsalter für Mädchen von 15 auf 17 Jahre heraufgesetzt Aber das interessiert viele Familien im Südosten nicht

Frauen und Mädchen, die sich nicht den Regeln des strengen, traditionellen Ehrenkodex unterwerfen, oder später aus arrangierten Ehen auszubrechen versuchen, riskieren ihr Leben Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen werden in der Türkei pro Jahr mindestens 200 Ehrenmorde begangen Der Verlust der Jungfräulichkeit, auch durch Vergewaltigung, gilt als ein Ehrverlust für die Familie, der nur durch den Tod der Frau wettgemacht werden kann Oft beauftragt die Familie mit der Vollstreckung des Todesurteils ein minderjähriges Mitglied, das nicht bestraft werden kann Aber auch volljährige Täter können meist auf Verständnis der Richter hoffen Das türkische Strafgesetzbuch sieht für Ehrenmorde mildernde Umstände vor.

carlo
17.04.2004, 17:26
Aber es gibt Stimmen der geistlichen Führer dagegen:



Türkei: "Ehrenmorde" an Frauen als Verbrechen verurteilt


Religionsamt: Nach wie vor verbreitete Ermordung von Frauen entspricht keineswegs dem Islam



Istanbul - Das türkische Religionsamt hat die so genannten "Ehrenmorde" an Frauen als Verbrechen "im Angesicht Gottes" verurteilt. Die in der Türkei nach wie vor verbreitete Ermordung von Frauen zur Wahrung der Familienehre entspreche keineswegs dem Islam, erklärte Religionsamts-Chef Ali Bardakoglu in einer Botschaft zum Internationalen Frauentag am Montag. Insbesondere in der von starken Traditionen geprägten türkischen Provinz werden Frauen immer wieder von der eigenen Familie verstoßen und getötet, weil sie - meist durch angebliche oder tatsächliche außereheliche Beziehungen zu Männern - die Familienehre beschmutzt haben sollen.


Bardakoglu betonte, die Gewalt gegen Frauen sei nicht mit dem Islam zu vereinbaren. Auch dürften sich die Familien nicht das Recht anmaßen, über Frauen zu richten. "Sitten sind keine Gesetze", erklärte der Chef des Religionsamtes. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte, es sei eine "Schande", dass die Türkei die Probleme der Frauen noch nicht überwunden habe.

Nach Angaben von türkischen Frauenverbänden werden in der Türkei 73 Prozent der Frauen mit Universitätsabschluss in den ersten drei Jahren ihrer Ehe Opfer von Gewalt; bei Frauen aus unteren Bevölkerungsschichten liegt der Anteil bei 90 Prozent. Fast jeder zweite türkische Mann glaube, er habe das Recht, seine Frau bei "Ungehorsamkeit" zu schlagen. Fast ein Viertel der türkischen Männer vergewaltigen ihre Frauen


Ob Aufrufe stärker als die Macht der Tradition sein werden? :rolleyes:

syracus
18.04.2004, 11:00
Interessant, dass bis dato kein einziger Kritischer Artikel zur Thematik aus Gegensicht Eingang gefunden hat :rolleyes:...... Werde ich ändern, aber nicht heute, keine Zeit. Denn wirklich "witzig" finde ich all die sogenannten Experten westlich-religiöser Färbung welche die Fehler des Islams kennen, bzw. kennen wollen..... Die sind auf dem Gebiet nicht besser als es "Experten" auch in anderem sind und "neutral" ist die Sichtweise erst recht nicht.

btw, ich finde den Thread reichlich daneben, was Religion unter Börse verloren hat? Was Religion anderer einen angeht? Das sich einige zumindest als bessere Menschen betrachten (fraglich ob sie wirklich gute Christen wären bzw. sind oder nur Feiertagskircjgänger)? Daher wird's einzig ähnliche Expertenmeinungen aus Gegensicht geben, aber keinen weiteren persönlichen Kommentar dazu. Wenn man's wirklich ist und keine aufgesetzte Scheinheiligenmaske, verbietet sich das eigentlich.....

syr

carlo
18.04.2004, 23:32
Original geschrieben von syracus

A)Interessant, dass bis dato kein einziger Kritischer Artikel zur Thematik aus Gegensicht Eingang gefunden hat :rolleyes:...... Werde ich ändern, aber nicht heute, keine Zeit.


B) Denn wirklich "witzig" finde ich all die sogenannten Experten westlich-religiöser Färbung welche die Fehler des Islams kennen, bzw. kennen wollen..... Die sind auf dem Gebiet nicht besser als es "Experten" auch in anderem sind und "neutral" ist die Sichtweise erst recht nicht.

C) btw, ich finde den Thread reichlich daneben, was Religion unter Börse verloren hat? Was Religion anderer einen angeht? Das sich einige zumindest als bessere Menschen betrachten (fraglich ob sie wirklich gute Christen wären bzw. sind oder nur Feiertagskircjgänger)? Daher wird's einzig ähnliche Expertenmeinungen aus Gegensicht geben, aber keinen weiteren persönlichen Kommentar dazu. Wenn man's wirklich ist und keine aufgesetzte Scheinheiligenmaske, verbietet sich das eigentlich.....
zu A) ...runter vom Verschwörerzug - rein in diesen thread, syr! :)

Im Ernst,
was da so ausgegoogelt wurde, tendiert quantitativ ganz klar zur islam-kritischen Position, allerdings nicht carlo-willkürlich, sondern ganz einfach mangels Angebotes der "Gegenseite".

Findest Du seriöse und reproduktionsfähige statements dazu im www, stell´sie bitte hier herein, denn der thread heißt weder: carlo erklärt die Welt, noch: Wer an Allah glaubt, läßt seine Frau nicht auf die Straße ...das ganze ist trotz familiärer "Vorbelastung" nachwievor ein kleines Abenteuer...


zu B) ...als Meinung respektiert...nur, dann schaffe bitte Quellen herbei, die Deiner Meinung nach objektiv sind. :cool:


zu C) Zement mal, wir befinden uns im Zeitgeschehen, weder im Germa-thread, noch sonst einem börsenrelevanten Bereich, also darf ich nach Salomonelle nicht resistent gegen Antibiotika, Wasser-Quell unseres Lebens und Hilferuf an alle Aquarianer nun auch einmal, oder? ;)

carlo
20.04.2004, 00:05
Nicht der Islam ist bösartig

von Daniel Pipes
New York Post

30. Juli 2002




Englischer Originaltext: The Evil Isn't Islam



Übersetzung aus dem Englischen: H. Eiteneier

"Der Islam ist bösartig." Das war die Nachricht, die ein Agent des US Secret Service gesetzwidrig am 18. Juli auf einem islamischen Gebetskalender hinterließ, als ein Al Qaida-Verdächtiger in Dearborn, Michigan ausgehoben wurde.

Sein derbes Graffiti fasst eine Ansicht zusammen, die seit dem 11.9. in den USA vermehrt zu hören ist. Sie ist Besorgnis erregend und falsch.

Hier liegt das Problem: Es ist ein Fehler, den Islam (eine Religion, die immerhin 1400 Jahr alt ist) für das Böse verantwortlich zu machen, das dem militanten Islam (einer weniger als 100 Jahre alten totalitären Ideologie) zugeschrieben werden sollte. Der Terrorismus der Al Qaida, Hamas, der iranischen Regierung und anderer Islamisten ergibt sich aus den Ideen solch zeitgenössischer Radikaler wie Osama bin Laden und Ayatollah Khomeini, nicht aus dem Koran.

Dem könnte man antworten: Aber bin Laden und Khomeini haben ihre Vorstellungen aus dem Koran. Und sie sind das einzig dauerhafte Muster Jahrhunderte alter muslimischer Aggression.

Nicht ganz. Schauen wir uns beide Punkte näher an.

* Aggressiver Islam: Der Koran und andere maßgebliche islamische Schriften beinhalten Aufhetzung gegen Nichtmuslime. Der berühmte Historiker Paul Johnson zitiert z.B. zwei koranische Verse: „Die am meisten Feindschaft gegen die Gläubigen hegen, wirst du unter den Juden und Heiden finden" (Sure 5,85) und „dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt" (Sure 9,5).

* Aggressive Muslime: Vierzehn Jahrhunderte Islam haben eine lange Geschichte von mit Jihad (Heiligen Krieg) beschäftigten Muslimen gesehen, die das Gebiet unter islamischer Herrschaft vergrößerten, von den frühen Eroberungen der Kalifen zu dem, was Samuel Huntington die „blutigen Grenzen" des heutigen Islam nennt.

Ja, diese beiden Punkte stimmen. Sie sind aber nur die eine Seite der Geschichte.

* Milder Islam: Wie andere heilige Schriften kann der Koran auf Zitate durchsucht werden, die gegensätzliche Meinungen unterstützen. In diesem Fall zitiert Karen Armstrong, eine Verteidigerin des Islam mit Bestseller-Quoten, zwei freundlichere Passagen aus dem Koran: „Es soll kein Zwang sein im Glauben." (Sure 2, 256) und „O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Weib erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möchtet" (Sure 49,13).

* Milde Muslime: Es hat Gelegenheiten von muslimischer Mäßigung und Toleranz gegeben, so im alten Sizilien und Spanien. Und Mark R. Cohen bemerkt in einem viel sagendes Beispiel, dass „die Juden des Islam besonders während der Gründungsjahre und der klassischen Jahrhunderte (bis zum 13. Jahrhundert) weitaus weniger Verfolgung erfuhren als die Juden des Christentums."

Mit anderen Worten: Die Schriften des Islam und seine Geschichte zeigen Variationen.

Zugegebenermaßen ist es derzeit schwer, sich dieser positiven Seite zu erinnern, zu einer Zeit, in der Rückständigkeit, Ablehnung, Extremismus und Gewalt in so großen Teilen der muslimischen Welt vorherrschen. Aber die Gegenwart ist nicht typisch für die lange Geschichte des Islam; sie könnte in der Tat die schlimmste Ära seiner Geschichte sein.

Die Dinge können besser werden. Aber das wird nicht einfach sein. Dazu müssen die Muslime die große Herausforderung angehen ihren Glauben an die Realitäten des modernen Lebens anzupassen.

Was bedeutet das praktisch? Hier einige Beispiele:

Vor 500 Jahren stimmten Juden, Christen und Muslime darin überein, dass der Besitz von Sklaven akzeptabel war, aber das Zahlen von Zinsen nicht. Nach bitteren, langwierigen Debatten änderten Juden und Christen ihre Meinung. Heute billigt keine jüdische oder christliche Gruppe Sklaverei oder hat religiöse Bedenken gegen die Zahlung vernünftiger Zinssätze.

Muslime denken dagegen noch in den alten Bahnen. Sklaverei gibt es in einer großen Zahl mehrheitlich muslimischer Länder (besonders im Sudan und Mauretanien, aber auch in Saudi Arabien und Pakistan) und unterliegt einem Tabu. Um es frommen Muslimen zu ermöglichen keine Zinsen zahlen zu müssen, hat sich eine islamische Finanzindustrie entwickelt, die geschätzte 150 Milliarden US-Dollar stark ist.

Die Herausforderung ist klar: Muslime müssen es ihren Mit-Monotheisten in der Modernisierung ihrer Religion in Bezug auf Sklaverei, Zinsen und vieles andere gleich tun. Keinen Jihad mehr führen um anderen die muslimische Herrschaft aufzudrücken. Keine Unterstützung von Selbstmord-Terrorismus. Keine zweitklassige Bürgerschaft für Nicht-Muslime. Keine Todesstrafe mehr für Ehebrecher und keine „Ehrenmorde" an Frauen mehr. Keine Todesstrafe mehr für Blasphemie oder Abfall vom Glauben.

Statt über das behauptete „Böse" des Islam zu schimpfen, wäre es unsere Pflicht - der Muslime wie der Nichtmuslime - bei der Modernisierung dieser Zivilisation zu helfen.

Das ist die ultimative Botschaft des 11.9.. Sie geht viel tiefer und ist viel ambitionierter als westliche Regierungen das derzeit zu begreifen scheinen.

http://de.danielpipes.org/article/456

carlo
20.04.2004, 00:25
"Ehrenmorde" gibt es auch in Indien:



Mord bei Heirat in falsche Kaste

Ob Genitalverstümmelung bei jungen Frauen in Somalia oder Repressalien gegen Inderinnen, die nicht standesgemäß heiraten - Gewalt gegen Frauen ist weltweit traurige Realität. Anlässlich des Internationalen Frauentags berichtet ARD-Hörfunkkorrespondent Heinzle über die Lebensgefahr für Frauen in Indien, die außerhalb ihrer Kaste heiraten.


Von ARD-Hörfunkkorrespondent Christoph Heinzle aus Neu-Delhi

Der Weg zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist in Indien noch weit




Der Ort Jahankelan, 400 Kilometer nordwestlich von Neu Delhi, wirkt ruhig und friedlich. Und doch ist in dem 3000-Seelen-Dorf im nordindischen Pandschab am 25. November Fürchterliches geschehen. Der frisch verheiratete Jasbeer Singh hatte sich gerade von seiner Frau und seiner Familie verabschiedet, um per Auto zu einer Feier aufzubrechen. Es ist gerade elf Uhr vormittags, sie stehen auf der Hauptstraße des Dorfes, erzählt Jasbeers Mutter Kashmira Kaur. "Ein Mann forderte meinen Sohn auf, aus dem Taxi auszusteigen. Dann kamen drei weitere Männer mit einem großen Messer. Sie begannen auf ihn einzuschlagen und hackten seine Arme ab. Überall war Blut. Ich schrie um Hilfe, aber niemand half. Ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder aufwachte, war er tot. Mein einziger Sohn. Sie haben ihn getötet."




Mord im Namen der Ehre




Auch die 20-jährige Geeta muss hilflos zusehen, wie ihr Mann niedergemetzelt wird. Im Namen der Ehre. Denn Geeta gehört zur stolzen Oberkaste der Rajputen und hatte es gewagt, einen vermeintlich minderwertigen Jat zu heiraten. "Wenn Rajputen-Mädchen außerhalb ihrer Kaste heiraten, hat jeder etwas dagegen. Es heißt, man verletze die Ehre der Kaste. Jungen und Mädchen haben hier nicht die gleichen Rechte", so Geeta Devi. Für ihren kaltblütigen Mord haben sie die Unterstützung weiter Teile der Dorfbevölkerung – sogar der Polizei. Der ermittelnde Beamte Daljit Singh stellt nüchtern fest: "Jeder im Dorf war gegen die Heirat. Es ist eine Tatsache, dass das Motiv für diesen Mord am hellichten Tag Kastendenken war."




Kastengesetze gelten auch in wohlhabenden Gegenden




Kein Massenphänomen, aber auch kein Einzelfall im modernen Indien. Mehrere hundert dieser so genannten "Ehrenmorde" gibt es jedes Jahr. Und nicht – wie man vielleicht erwarten könnte – in besonders armen und rückständigen Gebieten, sondern in wohlhabenden Gemeinschaften, die aber sehr alten Moralvorstellungen anhängen. Frauenaktivistin Brinda Karat erklärt: "Diese Gegensätze sind Teil der Gesellschaftsstruktur, die sich nicht ändert. Indien hat Wirtschaftswachstum, aber ohne soziale Gerechtigkeit und Reformen." Frauen sollen sich nach den Männern richten, denken noch viele, gerade im konservativen Norden Indiens. Sie sollen sich nach den Regeln von Kasten, sozialer Herkunft und überkommenen Handlungsweisen richten. "Im Kern geht es um das Recht Erwachsener, über ihre Heirat selbst zu entscheiden. Die patriarchalische Gesellschaft will die Sexualität der Frauen kontrollieren. Es ist wirklich eine Ironie, dass im 21. Jahrhundert nicht alle Frauen dieses Minimal-Recht haben," so Brinda Karat.




Die junge Witwe Geeta Devi protestiert dagegen lautstark. Sie lebt immer noch in ihrem Dorf – angefeindet, bedroht, von Polizisten bewacht: "Ich will, dass die vier für den Mord an meinem Mann gehängt werden. Meine Zukunft ist düster. Ich brauche einen Job, dann kann ich den Prozess ausfechten."Sie wird wohl gewinnen, Recht bekommen. In den Köpfen ihrer Nachbarn wird das wenig bewirken. So sagt der Dorfvorsteher Kamal Kishore, ein stolzer Rajput: "Es ist nicht in Ordnung, außerhalb der eigenen Kaste zu heiraten. Würde meine Tochter das tun, würde ich sie enterben. Alles mögliche könnte dann mit ihr passieren."


http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID3064584_TYP1_NAV3159220~3041724_REF1,00.html

Stand: 08.03.2004 15:02 Uhr

schloss
20.04.2004, 15:31
und was haben ehrenmorde in Indien mit dem Islam zu tun???

:confused:

achso, sind das nicht auch unzivilisierte "Wilde"

so wie unsere südlichen Freunde, die Spaghettifresser (ooops), da soll es ja in einigen Gegenden auch noch Fehden, und Ehrenmorde geben...la Familia...aber das sind Christen :eek:

carlo
20.04.2004, 20:01
Mensch, schloss :kopf:


kann man denn nicht einmal ein paar Sachen "ausgooglen", ohne, daß Du schon wieder Gespenster siehst...

Nichts liegt mir ferner,
als irgendeine Quintessenz dieses threads, so es sie geben wird, vorwegzunehmen.

Jeder hier kann zum Thema posten,
und sei der Inhalt noch so konträr - den einen oder anderen Zweizeiler unter/vor einem Beitrag möge man mir bitte nachsehen und ist anderen selbstverständlich ebenso gestattet; das sind, was mich betrifft, spontane Gedanken, die mir beim Lesen des Artikels so durch den Kopf gingen...

Also,
Feuer frei, schloss... :)

carlo
23.04.2004, 22:36
Ein ziemlich brillianter Artikel, wie ich finde,
geschrieben hat ihn der bekennende Moslem und geborene Syrer, Prof. Bassam Tibi:




Politisierung der Religion
Sicherheitspolitik im Zeichen des islamischen Fundamentalismus

von Bassam Tibi





Mit dem Verschwinden der zweigeteilten Welt des Kalten Krieges und mit dem Ende der Bipolarität trat der ersehnte Weltfrieden nicht ein. Neue Konflikte und neue Kräfte – vor allem Fundamentalismus und Ethnizität – machten sich bemerkbar.1 Benötigt die Weltpolitik angesichts der eingetretenen Veränderungen ein neues Sicherheitskonzept? Obwohl wir es heute mit einer anderen Weltpolitik zu tun haben, antworten nicht alle Politiker und Experten darauf mit einem klaren Ja; viele meinen, dass der Fundamentalismus eine vorübergehende, rein tagespolitische Angelegenheit sei. Indes haben alle aktuellen internationalen Konflikte in der Welt entweder mit Fundamentalismus oder Ethnizizät oder mit einer Mischung aus beiden, dem Ethno-Fundamentalismus, zu tun. Die Denkmuster der alten Sicherheitspolitik vemögen keine angemessenen Antworten auf diese neuen Herausforderungen zu geben.

Zwischen Fundamentalismus und Sicherheitspolitik besteht also ein Zusammenhang, bei dessen Beschreibung es indessen nicht um die Religion des Islam geht. Mit dem Islam als Religion kann man einen Dialog führen; der islamische Fundamentalismus hingegen ist ein Gegenstand der Sicherheitspolitik. Ist der Islam eine Weltreligion, deren Anhänger ein Fünftel der Weltbevölkerung (1,3 Milliarden Menschen) ausmachen, so handelt es sich beim islamischen Fundamentalismus um eine politische Bewegung, die die Religion für nichtreligiöse Belange instrumentalisiert und missbraucht.

Ausgehend von der Unterscheidung von Islam und Islamismus und der Definition des letzteren als religiösem Fundamentalismus und von der Überzeugung, dass die fundamentalistischen Bewegungen die Welt- und die Sicherheitspolitik angehen, sollen im folgenden vier Gedankengänge mit entsprechend zugespitzten Thesen entwickelt werden.





Islam als Religion
Die erste These besagt, dass der Islam eine Religion und Zivilisation ist, aber kein geeigneter Gegenstand für die Sicherheitspolitik.

Der Islam hat mit Sicherheitspolitik nichts zu tun; er ist eine monotheistische Religion, die auf einer göttlichen Offenbarung beruht.2 Die Faktizität der islamischen Weltreligion und -zivilisation drückt sich auf der religiösen Ebene im Vorhandensein einer großen religiösen Vielfalt aus. Damit ist die Binnendifferenzierung im Islam in Sunna/Schi’a, verschiedene Konfessionen und unzählige Sekten gemeint.3 Auch kulturell zeichnet sich der Islam durch zahlreiche Spielarten aus.4 So ist der afrikanische Islam anders als der südostasiatische oder der Indo-Islam, ganz zu schweigen von seiner ursprünglichen, arabischen Spielart. Die religiöse und kulturelle Vielfalt im Islam drückt auch dem Fundamentalismus ihren Stempel auf.

Zur Illustration:
Allein in einem islamischen Land, in Indonesien, gibt es 300 verschiedene Lokalkulturen. Dennoch sind die lokalkulturell unterschiedlichen Spielarten des Islam einander keineswegs fremd, weil sämtliche Muslime eine im wesentlichen gemeinsame Weltsicht teilen. Dieser Tatbestand bildet die Grundlage für das Vorhandensein einer islamischen Zivilisation, deren Anschauungen allen Muslimen gemein sind. Dies macht jedoch aus dem Islam keinen Monolithen, geschweige denn eine sicherheitspolitisch relevante Größe. Der Dialog zwischen den Zivilisationen kann das Parallelprogramm zur Sicherheitspolitik sein, mit dem den Fundamentalisten das Handwerk gelegt wird.

Kurzum:
Die Beschäftigung mit dem Islam im Kontext der Sicherheitspolitik bezieht sich nicht auf einen angenommenen Monolithen, sondern auf politische Bewegungen, die sich religiös legitimieren und einerseits Ordnungsvorstellungen verfolgen, andererseits irregulären Krieg führen. Wenn sicherheitspolitische Experten leider ohne intime Kenntnis des Islam die fragwürdige These aufstellen, der als vermeintliche Handlungseinheit verstandene Islam sei eine Bedrohung für den Westen, dann gilt es mit genauen Analysen aufzuklären.5 Samuel P. Huntington z.B. erkennt zwar richtig, dass Kulturen und Zivilisationen eine zunehmend wichtige Rolle in der internationalen Politik spielen. Sein großes Problem besteht aber darin, zu glauben, dass Zivilisationen weltpolitische Konflikte austragen könnten. Huntington versucht, diese problematische Annahme durch den Begriff des „core state“ (Kernstaats) zu verschleiern. Er unterstellt, dass Zivilisationen in der internationalen Politik von einem Kernstaat angeführt werden. In bezug auf den Islam entspricht dies nicht der Realität. Huntington muss in seinem Buch einräumen, dass es weder gegenwärtig noch in der Zukunft möglich sein wird, dass einer der 55 islamischen Staaten die gesamte islamische Zivilisation führen kann,6 bleibt aber in seiner Analyse des Zivilisationskonflikts der staatlichen Ebene verhaftet. Er beschränkt die sicherheitspolitischen Fragen auf islamische Staaten bzw. ihre Zivilisation; doch sind die Fundamentalisten irreguläre Krieger. Sie und nicht die Staaten sind der zentrale Gegenstand heutiger Sicherheitspolitik.
Ausgangsposition ist die Annahme, dass die Weltanschauungen der Zivilisationen heute eine größere Rolle in der Weltpolitik spielen als bisher.7 Unter Krieg wird hier, im Gegensatz zu Huntington, jedoch nicht eine militärische Auseinandersetzung zwischen Staaten verstanden. Die These lautet vielmehr, dass der Krieg der Zivilisationen ein Krieg der Weltanschauungen ist, bei dem es um die Anerkennung von Normen und Werten als Orientierung und somit als Ordnungsfaktor der Weltpolitik geht. Wertekonflikte haben nichts mit Armeen, sondern mit sozialen Konflikten zu tun, die sich aber nicht minder globalisieren können. Plädiert wird für den Kulturdialog als einer Friedensstrategie für das 21. Jahrhundert . Fundamentalisten dagegen politisieren die weltanschaulichen Differenzen zwischen den Zivilisationen und heizen damit die Konflikte an.
Die erste These beinhaltet folglich die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus und die Feststellung, dass die neue Sicherheitspolitik zwei Ebenen hat: einmal Wertekonflikte, die politische Auswirkungen haben, aber nicht mit militärischen Mitteln beigelegt werden können, und zweitens die Gewalt der Fundamentalisten. Es ist sehr wichtig, zwischen beiden Ebenen zu unterscheiden.





Fundamentalismus als Ideologie
Die zweite These besagt, dass der Fundamentalismus eine politische Ideologie ist – die Politisierung der Religion ist keine ausschließlich islamische Erscheinung.

Im Rahmen der sicherheitspolitischen Problematik des Fundamentalismus müssen zwei Differenzierungen vorgenommen werden: Danach gelangen erstens alle Fundamentalismen über die Politisierung der Religion zu Ordnungsvorstellungen, die neue Herausforderungen an die bestehenden Ordnungen stellen. Es bleibt zweitens nicht bei dieser weltanschaulichen Konfrontation; die Gewaltanwendung im Rahmen irregulärer Kriegshandlungen, sprich: des Terrorismus, ist eine Materialisierung der weltanschaulichen Konfliktpotenziale.

Die Politisierung von Religion durch die Fundamentalisten richtet sich gegen den säkularen Nationalstaat, und dies bringt einen weltanschaulichen Konflikt in Bezug auf Ordnungsvorstellungen zum Ausdruck. Mark Juergensmeyer spricht in diesem Zusammenhang von einer Konfrontation, die zu einem „New Cold War“8 führt. Wenn Fundamentalisten diesen weltanschaulichen Konflikt im Rahmen von irregulären Kriegshandlungen austragen, dann entsteht eine Verbindung zur zweiten, in der Zusammenfassung der ersten These genannten Ebene der aus der Politisierung der Religion resultierenden sicherheitspolitischen Problematik.

Zur zweiten These gehört die Erkenntnis, dass die Politisierung der Religion nicht ausschließlich den Islam betrifft. Es ist zu beklagen, dass bei dem Gedanken an den Fundamentalismus viele Europäer sogleich an den Islam denken, weil die westlichen Medien fast auschließlich von den Terrorakten islamischer Fundamentalisten berichten. Es sind nur wenige Berichte bekannt über die Zerstörung der Ayodhya-Moschee in Indien durch Hindu-Fundamentalisten oder ähnliche Terrorakte von Fundamentalisten anderer Religionen – z.B. jüdischer Siedler in den besetzten Gebieten Palästinas.
Keineswegs geht es hier um eine Verharmlosung der islamischen Fundamentalisten, wohl aber darum, auf den Zusammenhang von drei zentralen Fakten aufmerksam zu machen.

Erstens ist Fundamentalismus als eine Politisierung der Religion und somit der weltanschaulichen Differenzen zwischen den Zivilisationen eine globale Erscheinung, die in fast allen Weltreligionen anzutreffen ist. Alle seine Spielarten weisen eine gewisse „Familienähnlichkeit“ auf. In der Regel ist der Fundamentalist – obgleich von einem dualen Charakter – mehr Homo politicus denn Homo religiosus. So gefährlich Fundamentalisten auch sein können, mit Armeen kann man sie nicht bekämpfen, weil sie in der überwältigenden Mehrheit eben nicht mit konventionellen militärischen Mitteln operieren. Der Umgang mit ihnen erfordert eine neue Sicherheitspolitik, die nicht mehr auf den Staat fixiert ist und das vorrangig militärische Denken überwindet.
Zweitens ist der Fundamentalismus in allen Religionen eine auf einer Gottesordnung basierende Weltanschauung. Die Mehrheit der Fundamentalisten kämpft politisch für dieses Ziel, nur eine Minderheit unter ihnen entscheidet sich für Gewalt und Terrorismus, um diese Ordnungsvorstellung zu realisieren. Somit ist es empirisch einfach falsch, Fundamentalismus mit Terrorismus gleichzusetzen. Daraus folgt: Gewalt ist nur ein Aspekt des Fundamentalismus; seine weltanschaulichen Ordnungsvorstellungen und die politisierten Wertekonflikte, die in diesem Zusammenhang stehen, sind weit wichtiger.
Drittens bevorzugen bestimmte Europäer in Bezug auf die Politisierung des Islam wohlmeinend den Begriff Islamismus, nicht variierend, sondern alternativ zum Terminus islamischer Fundamentalismus. Dahinter steht die Intention, dem Vorwurf der Verbreitung von Vorurteilen zu entgehen, die mit dem schon zum Klischee gewordenen Fundamentalismusbegriff verbunden sind. Damit vermehren sie aber ungewollt eher die Stereotype vom Islam. Denn mit der ausschließlichen Wahl der Bezeichnung „Islamismus“ für dieses Phänomen beschränken sie die Politisierung der Religionen allein auf den Islam, womit sie den globalen Charakter dieser Erscheinung unterschlagen.





Fundamentalismus und Sicherheitspolitik
Die dritte These lautet, dass der Fundamentalismus als Gegenstand der neuen Sicherheitspolitik „new Frontiers of Security“ erfordert.

Dies beinhaltet die Forderung, das traditionelle Verständnis militärisch dominierter Sicherheitspolitik zu überwinden. Dieser Auffassung liegt die Beobachtug zugrunde, dass nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem fast völligen Verschwinden von militärischen Auseinandersetzungen zwischen organisierten, institutionalisierten Armeen, d.h. von zwischenstaatlichen Kriegen, viele Zusammenhänge neu durchdacht werden müssen. Sicherheitsexperten haben die Berücksichtigung des Wandels gefordert und den bereits hervorgehobenen Bedarf nach einer neuen Sicherheitspolitik unterstrichen. Pionierarbeit haben hierbei Barry Buzan sowie später Martin van Creveld und Kalevi Holsti geleistet,9 die das Ende des Clausewitzschen Krieges als eine Auseinandersetzung zwischen institutionalisierten Armeen angekündigt haben. Nichtmilitärische Aspekte treten immer mehr in den Vordergrund und avancieren zu zentralen Gegenständen der Sicherheitspolitik. Nur in diesem Sinne ist auch der religiöse Fundamentalismus ein Gegenstand dieses erweiterten Begriffs von Sicherheitspolitik.10

Wie etwa die Beispiele Algerien, Ägypten, Israel, Afghanistan und neuerdings Kosovo unter Beweis stellen, sind organisierte Armeen gegenüber den Terrorakten von gewalttätig agierenden Fundamentalisten oder ethnischen Nationalisten hilflos. Das Kosovo-Beispiel zeigt, dass die NATO mit ihren Waffenarsenalen die serbische Armee bezwingen, nicht aber die muslimischen Irregulären der UÇK bei ihren Racheakten an Christen unter Kontrolle bringen konnte.

Jedes sicherheitspolitische Konzept zur Bekämpfung des Fundamentalismus sollte sich davor hüten, die politischen Aktivisten der neuen Strömung mit dem Islam gleichzusetzen. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig in bezug auf die Islam-Diaspora in Europa. Gelingt diese Unterscheidung zwischen der Religion des Islam und ihrem fundamentalistischen Missbrauch nicht, dann leistet man den Islamisten in ihrem Bemühen, die islamische Diasporagemeinde in ein Aktionsfeld für ihre politische Tätigkeit zu verwandeln, und ihrem Anspruch, Sprecher des Islam als solcher zu sein, einen großen Dienst. Die Logistik der islamischen Fundamentalisten im Westen ist zu einem wichtigen Bestandteil dieser Bewegung geworden.





Umgang mit dem Fundamentalismus
Die vierte These schließlich besagt, dass nur in Zusammenarbeit mit islamischen Ländern europäische Staaten lernen können, mit dem Phänomen des islamischen Fundamentalismus umzugehen.

Bei jeder Debatte über die neue Sicherheitspolitik muss bedacht werden, dass das Asylrecht zu einem Instrument von Fundamentalisten und Ethno-Nationalisten geworden ist, mit der Folge, dass diese Bewegungen ihre Logistik in Europa haben. Auf dem Antiterrorgipfel im ägyptischen Scharm el-Scheich im März 1996 haben islamische Staatschefs gegen den Versuch ihrer westlichen Amtskollegen, den Begriff „islamischer Terrorismus“ in das Schlusskommuniqué einzufügen, argumentiert, dass der Islam den Terrorismus verabscheue und dieser deshalb kein islamisches Gesicht haben könne. Zugleich haben sie die Europäer aufgefordert, islamischen Fundamentalisten nicht im Namen des politischen Asyls Zuflucht zu gewähren.11 Ein französischer Beobachter der Szene prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „democracy against itself“.12
In der Welt des Islam wird die inkonsistente europäische Politik der Verteufelung des Islam durch seine Gleichsetzung mit Fundamentalismus und Terrorismus parallel zum „Gewährenlassen der Fundamentalisten“ auf europäischem Boden als Heuchelei wahrgenommen. Auch hat man dort nicht vergessen, dass ein Großteil der terroristisch aktiven Fundamentalisten während des Afghanistan-Krieges vom amerikanischen Geheimdienst CIA ausgebildet worden ist. Während man beispielsweise in den Vereinigten Staaten von der „islamischen Gefahr“ redete, unterstützten die Amerikaner in den Anfängen dieses Krieges über den pakistanischen Geheimdienst die radikalsten und intolerantesten aller islamischen Fundamentalisten, die Taliban.13 Diese haben sich gegenüber den USA genauso verselbstständigt, wie vor ihnen die „arabischen Afghanen“.14
In der Tat sind islamische Fundamentalisten eine Gefahr für die Demokratie im Westen und speziell für Europa, nicht so sehr durch den Terrorismus, sondern vielmehr durch den Missbrauch der Islam-Diaspora und die Verhinderung der Integration der Muslime. Hierdurch können Kulturghettos entstehen, die auf lange Sicht Quellen sozialer Konflikte sein werden. Aus diesem Grund besteht dringender Handlungsbedarf von seiten der politischen Entscheidungsträger. Wird dieser Bedarf nicht erfüllt, muss man sich in Westeuropa bald auf bosnische Verhältnisse gefasst machen.15 Hierüber zu informieren ist Aufklärung und keine Panikmache.

Als Beispiel für die sicherheitspolitische Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen westlichen und islamischen Ländern zur Bekämpfung des Terrorismus der Islamisten soll hier der Plan islamistischer Terrororganisationen, auf einem Großkongress in London 1996 eine „Islamische Internationale“ zu gründen, angeführt werden. Erst der intensive Druck Ägyptens sowie anderer arabischer Länder hat die britische Regierung damals bewogen, diesen Kongress zu verbieten.16





Fazit
In dem bisher Gesagten wurde der Versuch unternommen, die sicherheitspolitischen Konsequenzen der Politisierung der Religion aufzuzeigen sowie ein Bild ihrer verschiedenen Erscheinungsformen im internationalen Kontext zu vermitteln. Abschließend sollen vier in diesen Rahmen einzuordnende Problembereiche angesprochen und daraus Schlussfolgerungen gezogen werden.

Erstens:
Die in der Regel nicht sozialwissenschaftlich, sondern philologisch ausgebildeten westlichen Islamkundler weisen mit Recht auf die Vielfalt im Islam hin. Daraus ziehen sie jedoch die falsche Schlussfolgerung, generalisierende Urteile nicht zuzulassen. Das mag in der Philologie richtig sein, nicht aber in Politik und Gesellschaft – in diesen Bereichen ist es eindeutig falsch, so zu argumentieren. Auf der Basis von Sachkenntnis ist Generalisierung bis zu einem bestimmten Grad möglich und sogar erforderlich, andernfalls setzte man sich der Gefahr aus, das wahre Problem nicht zu erkennen. Die Welt des Islam ist sehr vielfältig, aber die Vielfalt gehört zu einem Gesamtspektrum, das islamische Zivilisation genannt werden soll. Entsprechend ist auch der Islamismus vielfältig und doch ein einheitliches Phänomen. Hinzu kommt, dass man mit Philologie weder das Phänomen des Fundamentalismus noch seine sicherheitspolitische Dimension verstehen kann. Darin liegen die Grenzen der westlichen Islamwissenschaft.

Zweitens:
Der Fundamentalismus resultiert sowohl aus einer Sinnkrise wie einer strukturellen Krise, zu der ganz wesentlich die materielle Verelendung der Bevölkerung in weiten Teilen der Welt gehört.17 In diesem Umfeld wirkt der Fundamentalismus als eine Heilsideologie, die ein besseres Leben in Aussicht stellt, indem sie glorreiche Versprechen macht. Die Terroristen sind eine Minderheit unter den Fundamentalisten; dabei handelt es sich zumeist um Jugendliche ohne Perspektive, die in den Sumpf des Untergrundterrorismus geraten und dabei glauben, im Namen und Interesse des Islam zu handeln. Als Laien, die mit islamischen Lehren wenig vertraut sind, verkennen sie, dass sie mit ihrem Handeln alle islamischen Normen und Werte verletzen.

Drittens:
Es ist nobel und sehr begrüßenswert, über Vorurteile und das „Feindbild Islam“ aufzuklären und gegen die damit verbundenen Klischees vorzugehen, doch sollte man auch reale Konflikte sowie deren Ursachen untersuchen. Die Auseinandersetzung mit der Migration von Muslimen nach Europa18 und den Konfliktpotenzialen, die mit ihr verbunden sind sowie die Aufklärung über den Missbrauch des Asylrechts durch islamische Fundamentalisten steht nicht im Widerspruch dazu, den Dialog mit anderen Kulturen anzustreben und Islam-Feindbilder zu bekämpfen. Beide Felder werden bedauerlicherweise oft miteinander verwechselt.

Viertens:
In Europa ist es wichtig, eine aufgeklärte Version des Islam in der Tradition des „offenen Islam“ der mittelalterlichen Blütezeit des islamischen Rationalismus unter den muslimischen Migranten zu verbreiten. Dieser Euro-Islam, gepaart mit einer Politik der Integration, ist das beste Mittel gegen die Ausbreitung des Islamismus in der europäischen Islam-Diaspora.19 Muslime als Mitbürger sind bessere Partner als Muslime, die zum Gegenstand einer Sicherheitspolitik gemacht werden müssen. Es ist deshalb kein Widerspruch, gegen die Logistik islamischer Fundamentalisten in Europa vorzugehen bzw. über die totalitären Ordnungsvorstellungen der Islamisten aufzuklären und gleichzeitig Muslime als Bürger zu integrieren. Für Europa wird es eine heikle Aufgabe bleiben, die innenpolitischen und weltpolitischen Vernetzungen des islamischen Fundamentalismus voneinander zu trennen





Anmerkungen





1 Zum Fundamentalismus vgl. Tibi, The Challenge of Fundamentalism. Political Islam and the New World Disorder, Berkeley und Los Angeles 1998; zu Ethnizität Michael Brown (Hrsg.), Ethnic Conflict and International Security, Princeton, NJ, 1993; sowie Winston A. van Horne, Global Convulsions. Race, Ethnicity and Nationalism at the End of the 20th Century, New York 1997.
2 Eine Geistesgeschichte des Islam und zugleich eine Einführung in den Islam bietet Tibi, Der wahre Imam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart, 2. Aufl., München 1997.
3 Zu der Sektenbildung im Islam vgl. Fuad Khury, Imams and Emirs. State, Religion and Sects in Islam, London 1990.
4 Z.B. in Marokko und Indonesion, vgl. Clifford Geertz, Religiöse Entwicklungen im Islam, beobachtet in Marokko und Indonesien, mit einem Nachwort von B. Tibi, Frankfurt/M. 1988.
5 Vgl. Fred Halliday, Islam and the Myth of Confrontation, London 1996.
6 Vgl. Samuel P. Huntington, Clash of Civilizations, New York 1996; dt. unter dem (falschen)Titel Kampf der Kulturen, Wien 1996.
7 Vgl. Tibi, Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus, erweiterte und revidierte Neuausgabe, München 1998 (zuerst 1995).
8 Vgl. Mark Juergensmeyer, The New Cold War?, Berkeley 1993.
9 Vgl. Barry Buzan, People, States, and Fear. An Agenda for International Security Studies in the Post-Cold War Era, Boulder/Col. 1991; Martin van Creveld, The Transformation of War, New York 1991; Kalevi Holsti, The State, War, and the State of War, Cambridge 1996.
10 Vgl. Tibi, Conflict and War in the Middle East. From Interstate War to New Security, New York und London 1998. Darin besonders das neue Kapitel 12 „Middle Eastern Security in the Post-Cold War Era. From Interstate War to the Challenge of Islamic Fundamentalism“, S. 214 ff.
11 Vgl. das Interview von Adalbert Reif mit Tibi, Warum läßt Europa Fundamentalisten gewähren?, in: Die Welt, 20. 1. 1997.
12 Jean-François Revel, Democracy Against Itself, New York 1992, S. 199 ff.
13 Tibi, Panzerausbildung in der Koran-Schule? Hinter der afghanischen Taliban-Miliz stehen Pakistans Militär und Geheimdienste, in: Berliner Morgenpost, 17. 11. 1996; vgl. auch Isam Draz, al-Aidun min Afghanistan (Die Rückkehr aus Afghanistan), Kairo 1993, und Kurt Lohbeck, Holy War, Unholy Victory. Eyewitness to the CIA’s Secret War in Afghanistan, Washingto, DC,. 1993.
14 Tibi, Ein Spiel mit dem Feuer. Die ehemaligen Afghanistan-Kämpfer in der amerikanischen Nahost-Politik, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.8.1993.
15 Dieses Argument wird ausgeführt in Tibi, Im Schatten Allahs. Der Islam und die Menschenrechte, München 1994.
16 Vgl. al-Ahram, 7.9.1996.
17 Vgl. Tibi, Islamischer Fundamentalismus als Antwort auf die doppelte Krise, Anhang zu der Neuausgabe von ders., Die Krise des modernen Islams, Frankfurt 1991 (zuerst München 1981), S. 202–279.
18 Vgl. Ursula Spuler-Stegemann, Muslime in Deutschland, Freiburg 1997.
19 Vgl. Tibi, Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, München 1998, Teil 4.
Dieser Beitrag beruht auf Ausführungen des Verfassers in seinem Buch „Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden?“, das demnächst im Primus Verlag, Darmstadt, erscheint.
Prof. Dr. Bassam Tibi, Leiter der Abteilung für Internationale Beziehungen amSeminar für Politikwissenschaft, Georg-August-Universität Göttingen

http://www.dgap.org/IP/ip0002/tibi.htm

carlo
23.04.2004, 22:52
Wer ist Bassam Tibi?


http://www.tendenzen.de/interviewbilder/close499.jpg

Prof. Dr. Bassam Tibi

Bassam Tibi, geb. 1944 in Damaskus, ist seit 1973 Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen und seit 1998 Bosch Visiting Professor an der Harvard University. Forschungsaufenthalte in den meisten arabischen Ländern und Gastprofessuren in den USA (u.a. Princeton, Ann Arbor/Michigan und Berkeley), in Asien und Afrika. So hat er z.B. an den Universitäten Khartoum (Sudan) und Yaoundé (Kamerun) gelehrt und mehrfach am Al-Ahram-Center in Kairo gearbeitet. Er ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. "Krise des modernen Islam", 1981 (dritte Auflage 1991); "Die fundamentalistische Herausforderung", 1992 (zweite Auflage 1993); "Die Verschwörung" (erweiterte Neuauflage 1994); "Im Schatten Allahs", 1994; "Krieg der Zivilisationen", 1995; "Europa ohne Identität?", 1998; "Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt", 1999; "Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden?", 2000. Bassam Tibi ist seit 1987 Gastautor der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und hat im "Spiegel" publiziert. Während des Golfkrieges wurde er einem größeren Publikum durch seine Fernsehauftritte, vorwiegend im ZDF, als Nahost-Experte bekannt. Bassam Tibi lehrt Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen und ist Gastprofessor für Islamologie an der Universität St. Gallen.


Dazu ein sehr lesenswertes Interview mit ihm:

http://www.tendenzen.de/interviews/int499.htm

carlo
23.04.2004, 23:03
Sein neuestes Buch:


http://www.primusverlag.de/buecher/pics/tibi_totalitarismus.jpg


Bassam Tibi
Der neue Totalitarismus
"Heiliger Krieg" und westliche Sicherheit
2004. Etwa 232 Seiten, geb.
EUR 19,90 [D] / sFr 33,90
ISBN 3-89678-494-3
Februar 2004



"Allah verändert nichts an einem Volk, solange sich seine Angehörigen nicht ihrerseits verändern." (Sure 13, Vers 11).


Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Ost-West-Konflikts glaubten viele Optimisten, dass die Zeit für den demokratischen Frieden reif sei. Dabei wurde eine neue Form des Totalitarismus übersehen, die schon lange vor dem Ende des Kalten Krieges in der Welt des Islam voll in Entfaltung war: der Islamismus. Innerhalb des Islamismus ist die Richtung des Djihadismus vertreten, die die Gottesherrschaft durch gewalttätigen Terror durchsetzen will, sich gegen den Westen richtet, und somit dessen Sicherheit betrifft. Der neue Totalitarismus bringt einen neuen Kalten Krieg zwischen säkularer Demokratie und dem Anspruch auf totalitäre Gottesherrschaft zum Ausdruck.
Bassam Tibi beschreibt die weltpolitische Entwicklung vom 11. September bis zum Irak-Krieg und macht deutlich: Die djihadistische Bedrohung muss sehr ernst genommen werden. Ihr ist jedoch nicht mit Regimewechseln durch Krieg, sondern nur mit einer Demokratisierung und kulturellen Reform des Islam entgegenzuwirken

:rolleyes:

carlo
23.04.2004, 23:37
Zwei Bücher von Tibi fristen nun seit bestimmt 4 Jahren ihr Dasein im Regal - immer im Kopf gehabt, in jedem Urlaub vergessen, statt dessen von Sonnenmilch verschmierte Trivialliteratur verschlungen :dumm...

Tibis nachstehendes statement wird mich hoffentlich daran erinnern, "Europa ohne Identität" und "Im Schatten Allahs" beim nächsten Mal endlich einzupacken:





Selig sind die Belogenen


Der christlich-islamische Dialog beruht auf Täuschungen - und fördert westliches Wunschdenken

von Dr. von Bassam Tibi[ 1 ]


Im Mai 2000 nahm ich an einer Veranstaltung der "Kulturhauptstadt Europa" in Rotterdam teil. Genau zu diesem Zeitpunkt erregten heftige Attacken des Imams von Rotterdam gegen Homosexuelle die Gemüter. Der Imam - der sich übrigens ausdrücklich nicht als europäischer Bürger, sondern als marokkanischer Muslim versteht - erklärte unter anderem: "Die Schwulen müssen bekämpft werden; sie sind eine Gefahr für den Frieden." Von solchen Äußerungen alarmiert, schrieb der Soziologieprofessor Pim Fortuyn ein Buch mit dem Titel "Gegen die Islamisierung unserer Kultur".




Fortuyn, ein bekennender Homosexueller, ging in die Politik. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Auch sie gehört zum Thema "Dialog mit dem Islam". Pim Fortuyn gebührt - was immer man ihm sonst vorwerfen kann - das Verdienst, ein Denkverbot durchbrochen zu haben. Er sprach eine Wahrheit aus, die von einer falsch verstandenen westlich-liberalen Toleranz nicht mehr zugelassen wird: Eine religiöse Kultur, die abweichendes Verhalten wie die Homosexualität verdammt und verfolgt, ist rückständig. Ich selbst bin Muslim. Mich kann man nicht, wie Fortuyn, verdächtigen, ich wolle Muslime ausgrenzen. Umso eindeutiger stelle ich fest: Die Islamisierung der Welt ist ein fester Bestandteil islamischer Weltanschauung.




In der Begrifflichkeit des Islam heißt das: Es müsse das "Dar al-Islam" (Haus des Islam) auf die gesamte Erde ausgeweitet werden, um es in ein "Dar al-Salam" (Haus des Friedens) zu verwandeln. Selbst noch die liberalere islamische Reformtheologie hebt al- Taqhallub (Dominanz) als Wesensmerkmal des Islam hervor. Eine solche Weltanschauung ist weder mit dem Kultur- noch mit dem Religionspluralismus westlicher Gesellschaften vereinbar, und sie wirkt daher im heutigen Europa wie ein Fremdkörper. In seinem Buch hat sich Fortuyn mit Recht gegen sie zur Wehr gesetzt. Leider zog er daraus die falsche Schlussfolgerung: Er glaubte, die Lösung könne darin bestehen, den Islam aus Europa auszusperrren. Als Muslim und Migrant müsste nach dieser Logik auch ich aus der europäischen Gesellschaft ausgeschlossen werden - obwohl ich Fortuyns Anliegen, die Islamisierung Europas zu verhindern, teile. Eine erfolgversprechende Lösung kann aber nur darin bestehen, den Islam von seinem universalistischen Absolutheitsanspruch zu befreien und ihn an die pluralistische europäische Moderne anzupassen.




Die Forderung nach einem "Dialog mit dem Islam" wurde schon lange vor dem 11. September erhoben. Seitdem jedoch wird er geradezu fieberhaft geführt. Aber was für eine Art von Dialog findet da statt? Dafür ein Beispiel: Der Bischof von Hildesheim wollte dem Dialogaufruf folgen und suchte den Imam einer Moschee auf, um eine christlich-islamische Begegnung herbeizuführen. Der Imam empfing den Bischof höflich und überreichte ihm ein Exemplar des heiligen Buches der Muslime. Der Bischof nahm den Koran dankend entgegen und wollte dem Imam als Gegengabe die Bibel schenken. Doch der sah ihn entsetzt an und lehnte es ab, das Buch auch nur anzufassen.




Diese Begegnung veranschaulicht exemplarisch die grundlegenden weltanschaulichen Differenzen, die ein gegenseitiges Verständnis erschweren. Der Bischof ist von der Haltung des Imams, die er als grobe Unhöflichkeit auffasst, irritiert. Doch der Imam hat nur seinem Glauben entsprechend gehandelt, sich also nach seiner eigenen Wahrnehmung vorbildlich verhalten. Wenn ein Imam einem Bischof den Koran schenkt, dann ist dies für ihn ein Akt des Da'wa (Aufruf zum Islam), gemäß dem Koranvers: "Und sprich ... zu den Ungelehrten: Werdet Ihr nun Muslime werden?" (Sure Al-Imran, Vers 20). Etwas anderes ist für ihn die Schenkung einer Bibel; das kommt für ihn einem Akt christlicher Missionierung gleich, die er natürlich ablehnt. Der Imam und der Bischof leben in verschiedenen Welten: Die Denkweise des Bischofs ist modern, er geht vom religiösen Pluralismus aus, in dem alle Religionen als gleichwertig gelten und daher miteinander in Frieden leben können. Der Imam hingegen ist in seinem Denken und Handeln noch vormodern und vorpluralistisch. Für ihn gilt das Gebot des Koranverses absolut: "Die Religion bei Gott ist der Islam" (Al-Imran, Vers 19).




Von einigen deutschen Islamexperten wird behauptet, den Islam verbinde mit dem Christentum eine historische Ehe. Vor dem 11. September 2001 sei die Pflege dieser intimen Verbindung sträflich vernachlässigt worden. Als Heilmittel wird jetzt der "Dialog" angepriesen. Doch diese "Ehe"- Vorstellung ist nur dem Wunschdenken wohlmeinender deutscher Idealisten geschuldet. Und bevor man einen Dialog führt, muss man sich doch fragen: Verstehen beide Seiten darunter überhaupt dasselbe? Seit der Wandlung Europas vom "christlichen Abendland" zur säkularen westlichen Zivilisation bedeutet Dialog hier: diskursiver Austausch, nicht aber Missionierung Andersgläubiger. Eine vergleichbare Entwicklung hat im Islam jedoch niemals stattgefunden.




Erst kürzlich gab der Londoner Imam Zaki Badawi ein Beispiel dafür, wie ungebrochen der Missionsgeist unter islamischen Würdenträgern ist. Wohlwollend bezeichnete Badawi Europa als Teil des "Hauses des Islam", weil dort Muslime leben. Eigentlich wollte Badawi damit seine "Toleranz" unter Beweis stellen, denn mit dieser Qualifizierung stempelte er Europa immerhin nicht mehr als Dar al-Harb (Haus des Krieges) beziehungsweise als Dar al-Kuffar (Haus der Ungläubigen) ab, wie das früher der Fall war. Aber er sagte damit doch indirekt auch, dass nur die Anwesenheit von Muslimen Europa überhaupt zu so etwas wie einer zivilisierten Weltgegend macht. Welche Herablassung aus solchen vermeintlichen Zugeständnissen spricht, entgeht den meisten Europäern, die sich von den schön klingenden Worten betören lassen.




Die historische Beziehung zwischen der christlich-europäischen und der islamischen Zivilisation ist durch gegenseitige Bedrohung, aber auch durch gegenseitige Faszination gekennzeichnet. Mit kriegerischen Mitteln - Dschihad einerseits, Kreuzzüge andererseits - wollte die eine Zivilisation die andere unterwerfen. Dieses kriegerische Bewusstsein ist im Islam bis heute lebendig geblieben. Auf westlicher Seite hat dagegen die Faszination obsiegt. Im Westen will man daher zum Beispiel nicht so recht wahrhaben, dass sich die Attentäter des 11. September als Dschihad-Kämpfer, nicht aber als Terroristen verstanden. Und vonseiten der Muslime ist es in höchstem Maße unaufrichtig, wenn sie im Dialog - statt an der in der islamischen Welt sehr weit verbreiteten Dschihad-Deutung des 11. September Kritik zu üben - behaupten, dies alles habe mit dem Islam nichts zu tun, und man trage zu einem "Feindbild Islam" bei, wenn man Mohammed Atta und seinen Meister bin Laden mit dem Islam in Zusammenhang bringe. Es ist sträflich naiv, wenn sich gut meinende Christen mit solchen Erklärungen zufrieden geben.




Um ehrlich miteinander sprechen zu können, müsste man sich zunächst eingestehen, dass nicht einmal die gemeinsam benutzten Begriffe für beide Seiten dasselbe bedeuten. So bezeichnet das Wort "Friede" im Islam nichts anderes als die Ausweitung des Dar al-Islam auf die gesamte Welt - etwas ganz anderes also als der aufgeklärte "ewige Friede" Kants. Auch unter Toleranz versteht der Islam etwas anderes als die westliche Aufklärung, nämlich die Duldung nichtislamischer Monotheisten - also nur von Juden und Christen - als Dhimmi (Gläubige, jedoch zweiter Klasse), das heißt: als geschützte, aber unmündige Minderheiten. Es führt kein Weg daran vorbei, von den Muslimen zu fordern, ihr Verständnis von Toleranz und von Frieden im Sinne einer Akzeptanz des Pluralismus zu revidieren und auf die Doktrin des Dschihad als Eroberung zu verzichten. Diese Forderung ist bereits erhoben worden - jedoch nie von christlicher Seite. Zu Beginn des ersten jüdisch-islamischen Dialogs 1994 in der Londoner Westminster-Synagoge stand ein Rabbiner auf und sagte: "Wir Juden sind den Muslimen dafür dankbar, als geschützte Minderheit unter dem Banner des Islam toleriert worden zu sein. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute wollen wir nicht nur den Muslimen gleichwertig sein, sondern auch als ein souveränes Volk anerkannt werden. Wir wollen also keine Dhimmi mehr sein. Nur unter der Voraussetzung, dass die Muslime dies akzeptieren, können wir einen Dialog führen, anders macht es keinen Sinn!" Anders gesagt: Im 21. Jahrhundert kann die "islamische Toleranz" nicht mehr als Vorbild dienen, denn sie gleicht heute eher der Diskriminierung. Vom Selbstbewusstsein und von der Aufrichtigkeit des Rabbiners, der diese Feststellung traf, können die Christen nur lernen.




Die jüngsten Versuche eines Dialoges mit dem Islam gehen in Deutschland auf die frühen achtziger Jahre zurück. Der damalige evangelische Kirchentagspräsident von Bismarck initiierte entsprechende Begegnungen, Ähnliches geschah von katholischer Seite. Diese Versuche standen unter dem Eindruck der "islamischen Revolution" im Iran. Stets ging es dabei um rein religiöse Themen, nie um konkrete Probleme des Zusammenlebens. Gesprächspartner waren auf europäischer Seite die Kirchen und christlichen Stiftungen, auf muslimischer Islamgelehrte und Regierungsvertreter. Ab den neunziger Jahren aber traten organisierte Gruppen auf, die vorgaben, für die deutschen Muslime zu sprechen. Es handelt sich dabei um zwei miteinander konkurrierende "Räte": den türkisch dominierten "Islamrat" mit eindeutigen Beziehungen zu den als rechtsradikal einzustufenden Milli Görus und den orthodox- islamisch ausgerichteten "Zentralrat der Muslime", der vom wahhabitischen Saudi-Araber Nadeem Elyas geführt wird. Ob der Islamismus von Milli Görus oder die Auffassungen des orthodox- wahhabitischen Islam mit säkularer Demokratie und einem religiös-kulturellen Pluralismus im Sinne des deutschen Grundgesetzes vereinbar ist, war bei den christlich-islamischen Gesprächen nie ein Thema.




Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtes Düsseldorf aus dem Jahr 2001 steht fest, dass dem Zentralrat die "Voraussetzungen fehlen", ein Mandat zur Vertretung der Muslime für sich zu beanspruchen. Auch ergab eine empirische Studie des Zentrums für Türkeistudien in Essen, dass diese Institution nur drei bis fünf Prozent der Muslime in Deutschland vertritt. Ähnlich verhält es sich mit dem Islamrat. Die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ist demnach nicht in Moscheevereinen organisiert. Der Dialog wird also mit Institutionen geführt, die für die in Deutschland lebenden Muslime nicht repräsentativ sind. In der bisher geführten Form ist er somit nicht nur verlogen, sondern auch in höchstem Maße undemokratisch.




Neuerdings sprechen selbst Funktionäre des Zentralrates von einem "europäischen Islam" und geben Bekenntnisse zum Grundgesetz ab. Doch verstehen sie darunter dasselbe wie das von mir vertretene Konzept eines "Euroislam", das heißt: eines mit der zivilisatorischen Identität Europas versöhnten Islam? Ist ihr Bekenntnis zu Demokratie und religiösem Pluralismus aufrichtig oder bloß Iham, also bewusste Täuschung der Ungläubigen?




Skepsis ist angebracht, wenn man bedenkt, dass im bisherigen Dialog von islamischer Seite nichts als Forderungen und Anklagen erhoben wurden. Die Muslime gefielen sich in der Rolle des Opfers. Den christlichen Vertretern wurde nicht nur die deutsche Vergangenheit vorgehalten, sie wurden auch für die Kreuzzüge und für den Kolonialismus mitverantwortlich gemacht. Zugleich verbaten es sich die Muslime, mit der Geschichte des Dschihad konfrontiert zu werden. Bei den islamischen Dschihad- Eroberungen ist jedoch viel Blut geflossen, und Muslime haben Nichtmuslimen ihren Glauben oftmals brutal aufgezwungen. Doch darüber zu reden gilt als tabu. Lieber reden auch die Christen von ihrer eigenen dunklen Vergangenheit. Ein solches Ritual einseitiger Schuldzuweisungen ist kein Beitrag zur Verständigung zwischen den Zivilisationen? Es kommt dabei nur ein verlogener Dialog heraus.




Die ernüchternde Wahrheit lautet: Nicht nur Islamisten, auch orthodoxe Muslime halten die Christen für "Kreuzzügler", Salibiyyun - und zwar auch dann, wenn diese sich vor dem Islam anbiedernd verbeugen. Christen müssen sich mit dieser feindseligen Einstellung offen auseinander setzen, statt sie weiterhin zu verdrängen. Warum geschieht dies nicht? Ich sehe dafür drei Gründe.




Erstens: die Schuldgefühle der Christen, vor allem der deutschen Protestanten, in Bezug auf die unrühmliche Vergangenheit ihrer Kirche im "Dritten Reich". Nie wieder will man in die Gefahr kommen, andere Religionen zu diskriminieren. Hier stellt sich freilich die Frage, warum es Islamisten, die ja militante Antisemiten sind, gestattet sein soll, moralisches Kapital aus dem vergangenen Leiden der Juden zu schlagen.




Zweitens: die gesinnungsethisch verordnete Fremdenliebe der Deutschen, die es ihnen verbietet, zwischen demokratischen und undemokratischen Ausländern und Kulturen zu unterscheiden.




Drittens: die Angst der christlichen Kirchen vor Machtverlust. Wenn nämlich der Anspruch des organisierten Islam, alle Muslime im Rahmen einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu vertreten, zurückgewiesen wird, bliebe dies im Sinne der Gleichbehandlung nicht ohne Folgen für die Kirchen. Wer den Monopolanspruch der orthodoxen Muslime bestreitet, gefährdet das entsprechende christliche Monopol.




Ein aufrichtiger Dialog hat dagegen einige Mindestkriterien zur Voraussetzung: Beide Dialogpartner müssen sich vorurteilsfreies theologisches und historisches Wissen über den anderen aneignen. Im Dialog geht es um "conflict resolution" als friedliche Konfliktbewältigung. Also: Weder brauchen wir interreligiöse Schmusestunden noch einen Austausch von Beweihräucherungen oder verlogenen Zusicherungen des guten Willens. Ehrlichkeit gibt es nur, wenn man ohne Selbstzensur, ohne Tabus und ohne Duckmäuserei miteinander reden kann. Die Geschäftsgrundlage muss die Akzeptanz des religiösen Pluralismus sein, also die Anerkennung der Gleichberechtigung der Religionen. Weder Beschuldigungen noch Selbstbezichtigungen helfen dabei weiter.




Scheut man die Kontroverse nicht, wird man bald auch auf Verbindendes stoßen. Die Geschichte der Mittelmeerregion zeigt, dass sich die islamische und die westliche Zivilisation über Jahrhunderte hinweg gegenseitig befruchtet haben - jenseits kriegerischer Auseinandersetzungen im Zeichen von Kreuzzug und Dschihad. Zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert fand eine Hellenisierung des Islam statt. Von ihr bis zur europäischen Renaissance führt eine direkte Linie. Die Muslime retteten das antike griechische Erbe vor dem Vergessen und bereicherten es. Darauf konnte die Renaissance aufbauen. So leistete der Islam einen wichtigen Beitrag zur Entstehung des modernen Europa. Diese positiven Impulse sollte ein Dialog in Erinnerung rufen. Geschichte kann damit zur Quelle einer künftigen gemeinsamen Werteorientierung werden.





Aus: DIE ZEIT Politik 23/2002

[ 1 ] Der Autor, Professor Dr. Bassam Tibi, geboren 1944 in Damaskus, studierte in Frankfurt/Main Sozialwissenschaften, Philosophie und Geschichte. Seit 1973 ist er Professor für Internationale Politik in Göttingen und seit 1982 parallel in an der Harvard-Universität tätig.

Tibi begründete die "Arabische Organisation für Menschenrechte", ist Mitträger des "Islamisch-Jüdischen Dialogs" und des "Cordoba-Trialogs" für den jüdisch-islamisch-christlichen Austausch. Einem großen Publikum ist Bassam Tibi durch regelmäßige Fernsehbeiträge vor allem im ZDF und durch Artikel in der Presse bekannnt geworden.

Er hat zahlreiche Bücher verfasst, unter anderen "Die Verschwörung - Das Trauma arabischer Politik" (1993), "Pulverfass Nahost" (1997), "Aufbruch am Bosporus - Die Türkei zwischen Europa und dem Islamismus" (1998), "Europa ohne Identität?" (1998 und 2000), "Kreuzzug und Djihad" (1999 und 2001), "Der Islam und Deutschland - Muslime in Deutschland" (2000) und "Fundamentalismus im Islam - Eine Gefahr für den Weltfrieden?" (2000).

Sie wurden in dreizehn Sprachen übersetzt.

1995 erhielt Bassam Tibi den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland Erster Klasse für seinen Beitrag "zu einem besseren Verständnis des Islam in Deutschland". Trotzdem lautet der Titel seines soeben erschienenen neuen Buchs: "Islamische Zuwanderung - Die gescheiterte Integration". (Deutsche Verlags-Anstalt, München 2002, 350 Seiten, 15,86 Euro)

:cool:

syracus
24.04.2004, 14:44
religion / Apocalypse Please

Apocalypse Please

US policy towards the Middle East is driven by a rarefied form of madness. It’s time we took it seriously.

By George Monbiot
The Guardian 20th April 2004


To understand what is happening in the Middle East, you must first understand what is happening in Texas. To understand what is happening there, you should read the resolutions passed at the state's Republican party conventions last month. Take a look, for example, at the decisions made in Harris County, which covers much of Houston.1


The delegates began by nodding through a few uncontroversial matters: homosexuality is contrary to the truths ordained by God; "any mechanism to process, license, record, register or monitor the ownership of guns" should be repealed; income tax, inheritance tax, capital gains tax and corporation tax should be abolished; and immigrants should be deterred by electric fences.2 Thus fortified, they turned to the real issue: the affairs of a small state 7000 miles away. It was then, according to a participant, that the "screaming and near fistfights" began.


I don't know what the original motion said, but apparently it was "watered down significantly" as a result of the shouting match. The motion they adopted stated that Israel has an undivided claim to Jerusalem and the West Bank, that Arab states should be pressured to absorb refugees from Palestine, and that Israel should do whatever it wishes in seeking to eliminate terrorism.3 Good to see that the extremists didn't prevail then.


But why should all this be of such pressing interest to the people of a state which is seldom celebrated for its fascination with foreign affairs? The explanation is slowly becoming familiar to us, but we still have some difficulty in taking it seriously.


In the United States, several million people have succumbed to an extraordinary delusion. In the 19th century, two immigrant preachers cobbled together a series of unrelated passages from the Bible to create what appears to be a consistent narrative: Jesus will return to earth when certain preconditions have been met. The first of these was the establishment of a state of Israel. The next involves Israel's occupation of the rest of its "Biblical lands" (most of the Middle East), and the rebuilding of the Third Temple on the site now occupied by the Dome of the Rock and Al-Aqsa mosques. The legions of the Antichrist will then be deployed against Israel, and their war will lead to a final showdown in the valley of Armageddon. The Jews will either burn or convert to Christianity, and the Messiah will return to earth.


What makes the story so appealing to Christian fundamentalists is that before the big battle begins, all "true believers" (ie those who believe what THEY believe) will be lifted out of their clothes and wafted up to heaven during an event called the Rapture. Not only do the worthy get to sit at the right hand of God, but they will be able to watch, from the best seats, their political and religious opponents being devoured by boils, sores, locusts and frogs, during the seven years of Tribulation which follow.


The true believers are now seeking to bring all this about. This means staging confrontations at the old temple site (in 2000 three US Christians were deported for trying to blow up the mosques there)4, sponsoring Jewish settlements in the occupied territories, demanding ever more US support for Israel, and seeking to provoke a final battle with the Muslim world/Axis of Evil/United Nations/European Union/France or whoever the legions of the Antichrist turn out to be.


The believers are convinced that they will soon be rewarded for their efforts. The Antichrist is apparently walking among us, in the guise of Kofi Annan, Javier Solana, Yasser Arafat or, more plausibly, Silvio Berlusconi.5 The Walmart corporation is also a candidate (in my view a very good one), because it wants to radio-tag its stock, thereby exposing humankind to the Mark of the Beast.6 By clicking on www.raptureready.com, you can discover how close you might be to flying out of your pyjamas. The infidels among us should take note that the Rapture Index currently stands at 144, just one point below the critical threshold, beyond which the sky will be filled with floating nudists. Beast Government, Wild Weather and Israel are all trading at the maximum five points (the EU is debating its constitution, there was a freak hurricane in the South Atlantic, Hamas has sworn to avenge the killing of its leaders), but the second coming is currently being delayed by an unfortunate decline in drug abuse among teenagers and a weak showing by the Antichrist (both of which score only two).


We can laugh at these people, but we should not dismiss them. That their beliefs are bonkers does not mean they are marginal. American pollsters believe that between 15 and 18% of US voters belong to churches or movements which subscribe to these teachings.7 A survey in 1999 suggested that this figure included 33% of Republicans.8 The best-selling contemporary books in the United States are the 12 volumes of the Left Behind series, which provide what is usually described as a "fictionalised" account of the Rapture (this, apparently, distinguishes it from the other one), with plenty of dripping details about what will happen to the rest of us. The people who believe all this don't believe it just a little; for them it is a matter of life eternal and death.


And among them are some of the most powerful men in America. John Ashcroft, the attorney-general, is a true believer, so are several prominent senators and the House majority leader, Tom DeLay. Mr DeLay (who is also the co-author of the marvellously-named DeLay-Doolittle Amendment, postponing campaign finance reforms) travelled to Israel last year to tell the Knesset that "there is no middle ground, no moderate position worth taking."9


So here we have a major political constituency - representing much of the current president's core vote - in the most powerful nation on earth, which is actively seeking to provoke a new world war. Its members see the invasion of Iraq as a warm-up act, as Revelations (9:14-15) maintains that four angels "which are bound in the great river Euphrates" will be released "to slay the third part of men." They batter down the doors of the White House as soon as its support for Israel wavers: when Bush asked Ariel Sharon to pull his tanks out of Jenin in 2002, he received 100,000 angry emails from Christian fundamentalists, and never mentioned the matter again.10


The electoral calculation, crazy as it appears, works like this. Governments stand or fall on domestic issues. For 85% of the US electorate, the Middle East is a foreign issue, and therefore of secondary interest when they enter the polling booth. For 15% of the electorate, the Middle East is not just a domestic matter, it's a personal one: if the president fails to start a conflagration there, his core voters don't get to sit at the right hand of God. Bush, in other words, stands to lose fewer votes by encouraging Israeli aggression than he stands to lose by restraining it. He would be mad to listen to these people. He would also be mad not to.

quelle (http://www.monbiot.com/dsp_article.cfm?article_id=648)

syr

schloss
25.04.2004, 19:50
original von carlo
Nichts liegt mir ferner,
als irgendeine Quintessenz dieses threads, so es sie geben wird, vorwegzunehmen.

Deswegen hast Du Dir auch so einen unverfänglichen Titel für den Thread ausgedacht.

Tut mir leid, für dumm verkaufen kann ich mich selbst ;)

carlo
25.04.2004, 22:03
Niemand zwingt Dich, hier Deine Meinung zu äußern, schloss... ;)


Weil Diskussion jenseits der vorgegebenen SED-Meinung in der "DDR" nicht erwünscht, sondern gnadenlose Verfolgung, Inhaftierung und Berufsverbot nachsichziehen konnte und somit eine "wohlbehütete" Vokabel der Mächtigen war, ist Meinungsvielfalt bei SCN unter anderem ausdrücklich gewollt.

Daß es Dir überaus schwerfällt,
Standpunkte jenseits des eigenen einfach nur zu respektieren, zeigt eine gewisse Prägung und Resistenz im obenbeschriebenen Sinne auf.

Im Geist dieses threads würden Sachbeiträge und/oder fundierte Stellungnahmen, egal, welcher couleur sehr viel mehr imponieren, als einfach nur inhaltsleere und indoktrinäre Anti-Postings.

;)

carlo
25.04.2004, 22:11
Keine Terroristenkunde


Diskussion um islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen

Die Terrorakte



"Es gibt keinen Gott außer Gott, Mohammed ist der Gesandte Gottes" - das bedeutet die Schahada, das Glaubensbekenntnis der Muslime, ins Deutsche übersetzt. Aber die Schahada wird immer auf arabisch gesprochen - auch in der deutschsprachigen islamischen Unterweisung , die an 24 Schulen in Nordrhein-Westfalen ein versetzungsrelevantes Unterrichtsfach ist. Rund drei Millionen Muslime leben mittlerweile in Deutschland, die meisten stammen aus der Türkei, Bosnien-Herzegowina, dem Iran, oder aus Marokko. Sie führen ein Leben irgendwo zwischen Integration und islamischer Parallelgesellschaft. Vor allem Kinder und Jugendliche fühlen sich häufig noch immer diskriminiert - das macht sie anfällig für fundamentalistische oder sogar extremistische islamische Gruppierungen. Dort finden sie Halt und Selbstbewusstsein.

Ein Gutachten, das das Zentrum für Türkeistudien in Essen erstellt hat, kommt zu dem Schluss, dass islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen eine integrative Funktion haben kann. Er bietet die Möglichkeit, eine Brückenfunktion zu übernehmen für die in zwei Lebenswelten sozialisierten Kinder. Gleichzeitig kann er auch das Vertrauen der muslimischen Eltern in die deutsche Schule stärken und die Identifikation mit Deutschland insgesamt fördern. Vier Punkte sind für den Erfolg eines solchen Unterrichts wesentlich: Die Unterrichtssprache muss Deutsch sein, Experten aus islamischen Ländern sollten an der Erstellung des Lehrplans beteiligt sein, die unterrichtenden Lehrer müssen an deutschen Hochschulen ausgebildet worden sein, und muslimische Gemeinden sollen mit eingebunden werden.

Die Einbindung der muslimischen Gemeinden wäre eine gute Maßnahme, um islamischen Religionsunterricht in Deutschland zielführend und pädagogisch sinnvoll zu gestalten. Nicht aber die Einbindung politischer Interessenverbände, wie zum Beispiel Milli Görüs. Der Verband hat nach eigenen Angaben 300.000 Mitglieder in Europa. Nach dem Verfassungsschutzbericht ist Milli Görüs eng mit der radikalen türkischen Tugendpartei verbunden. Die will in der Türkei den Gottesstaat installieren - als Modell für eine weltweite Islamisierung. Mitglieder von Milli Görüs sitzen in der umstrittenen Islamischen Föderation Berlin. Ausgerechnet die Islamische Föderation hat jetzt vor dem Bundesverwaltungsgericht die Anerkennung als Religionsgemeinschaft erstritten. Dabei vertritt sie allenfalls eine Minderheit von Muslimen. Nur vier Prozent der in Berlin lebenden Muslime sind nämlich Mitglieder der Föderation. Trotzdem erteilt sie seit September den einzigen islamischen Religionsunterricht an Berliner Schulen. Viele muslimische Eltern lehnen das ab, sie fürchten Indoktrination. Sie wollen einen von Organisationen unabhängigen Unterricht für ihre Kinder.

Die Wege, die die deutsche Schulpolitik in Zukunft eingeschlagen will, sollten also gründlich durchdacht werden. Denn islamischer Religionsunterricht ist wichtig. Und anders als in Berlin sind in Nordrhein-Westfalen keine islamischen Organisationen am Unterricht beteiligt. Den Lehrplan hat das zuständige Landesinstitut entwickelt - gemeinsam mit Islam-Wissenschaftlern und Theologen aus Deutschland, der Türkei und Ägypten. Schwerpunkte sind hier Glaubensfragen des Islam, aber auch die Entstehung und Geschichte anderer Religionen. Für die muslimischen Kinder eine Chance, ihre Religion zu begreifen und eine Brücke zwischen den Kulturen zu schlagen. Von fundamentalistischen Einflüssen oder gar einer Ausbildung zur Gewalt kann hier keine Rede sein. Über die Zukunft des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen sprach Kulturzeit mit Bassam Tibi.

http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/24674/

carlo
25.04.2004, 22:28
In Deutschland leben immer mehr Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen miteinander. Wie können Spannungen vermieden werden, welche Form der Integration ist sinnvoll?


Der Islam-Experte, Professor Bassam Tibi, über das Zusammenleben der Kulturen.



Bringt die Globalisierung die Kulturen einander näher?

Werte und Weltsichten können nicht globalisiert, nur universalisiert werden. Sie stehen gerade dann im Widerspruch zueinander, wenn Menschen verschiedener Kulturen näher aneinander rücken. Die Globalisierung hat ein „globales Dorf“, aber keine Weltkultur geschaffen. Vielmehr herrscht eine Gleichzeitigkeit zwischen struktureller Globalisierung und kultureller Fragmentation.

In Deutschland und Europa leben heute durch Zuwanderung Kulturen miteinander, in denen nicht immer die gleichen Wertevorstellungen herrschen. Wie geht eine demokratische Gesellschaft mit diesen Differenzen um?

Toleranz hat ihre Spielregeln. Sie verlangt auch, dass man „Nein“ sagt. Eine Demokratie, die ihre Werte nicht verteidigt, ist selbstzerstörerisch. Die deutsche Gesellschaft muss von den Emigranten Loyalität zum Grundgesetz fordern. Nur durch eine Kombination von Fordern und dem Erbringen von Leistungen lässt sich Integration schaffen. Ich glaube aber, dass die deutsche Gesellschaft bisher weit weniger Integrationsfähigkeit zeigt als andere.

In welcher Beziehung?

Sehen Sie, ich lebe seit 37 Jahren in Deutschland, ich spreche sehr gut Deutsch. Trotzdem werde ich wegen meines Aussehens und meines arabischen Namens nicht als deutscher Bürger akzeptiert. Deutschland ist noch immer eine ethnisch-exklusive Gesellschaft.

Was ändert das neue Staatsangehörigkeitsrecht?

Das Gesetz ist ein Fortschritt, aber es schafft nicht von heute auf morgen ein neues Bewusstsein. Integration bedeutet Eingliederung in ein Gemeinwesen und nicht nur den Besitz eines Passes. Das Gesetz ist eine Vorleistung, danach muss ein Umdenken einsetzen, durch Erziehung, durch die Medien. Die Deutschen müssen lernen, den Begriff des Bürgers von seinem ethnischen Gehalt zu lösen, so dass Migranten zu Einheimischen werden können. In meiner Auffassung besteht ein demokratisches Gemeinwesen aus Bürgern im Sinne von Citoyens, die sich zu dessen politischen Kultur bekennen – unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft oder Religion.

Was ist Ihr Ideal vom Zusammenleben der Kulturen?

Man kann aus der Erfahrung anderer lernen. In Israel kann man sehen, wie Juden aus aller Welt zusammmenleben – aufgrund einer gemeinsamen Identität. Oder die USA. Hier herrscht kein indifferenter Multikulturalismus, sondern ein tolerantes Zusammenleben von Kulturen, ein kultureller Pluralismus.

Wie weit sind wir zu Beginn des neuen Millenniums von globalen ethischen Standards entfernt?

Eine Weltkultur wird es nicht geben, weil die Eigenheiten der Kulturen fortbestehen werden – daran ist überhaupt nichts auszusetzen. Aber man kann sich durchaus auf einen Konsens auf einem kulturübergreifenden Fundament einigen. Dazu gehören unter anderem die Akzeptanz der individuellen Menschenrechte, die säkulare Demokratie, die Toleranz im Sinne der Aufklärung und kultureller Pluralismus sowie Zivilgesellschaft.

Sind das nicht sehr westlich geprägte Maßstäbe?

Es gibt Grenzen des Pluralismus, das ist für ein friedliches Zusammenleben wichtig. Was oft vergessen wird: Im Mittelalter gab es im Islam kraftvolle Strömungen der Aufklärung. Wenn ich vom „Primat der Vernunft“ rede, zitiere ich Kant, zugleich aber auch muslimische Denker wie AlFarabi oder Ibn Ruschd. In jeder Kultur gibt es ethische Kernbereiche, deren positive Aspekte für einen interkulturellen Konsens herangenommen werden können.

Sind Sie eher Optimist oder Pessimist in Bezug auf das Zusammenleben der Kulturen im 21. Jahrhundert?

Pessimist bin ich nicht, aber Optimismus kann schnell naiv sein. Ich halte es am liebsten mit Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“. Wir müssen lernen, mit den Unterschieden der Kulturen umzugehen, und hierbei tätig Hoffnung auf einen interkulturellen Konsens haben.

carlo
25.04.2004, 22:35
Noch einen letzten link auf Tibi,
sonst gerät das noch zur kostenlosen Promo-Tour :D

http://www.br-online.de/kultur/literatur/lesezeichen/20011028/20011028_1.html

carlo
25.04.2004, 22:48
Islamunterricht als Weg der Integration

Gewünscht: Adäquater Religionsunterricht für Muslime


http://www.dw-world.de/dwelle/allgemein/bilder_show/0,3772,33304_1,00.jpg


Das Bundesland Niedersachsen hat vor kurzem beschlossen, an seinen Schulen deutschsprachigen Islamunterricht einzuführen. Dieser Schritt fand die breite Zustimmung der politischen Parteien - auch auf Bundesebene.

Sowohl Sozialdemokraten als auch Mitglieder der christlich-demokratischen Opposition haben diesen Schritt als mögliches Vorbild für andere Bundesländer bezeichnet.



Mit rund drei Millionen Mitgliedern ist der Islam die drittgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland, und das bereits seit Jahren. Die meisten Muslime, die in der Bundesrepublik leben, stammen aus der Türkei, aber es gibt auch größere Gruppen aus den verschiedensten arabischen Staaten, dem Iran und anderen Teilen der islamischen Welt.


Kein Religionsunterricht für Muslime


Für diese Muslime gelten in Deutschland dieselben Bestimmungen wie für andere Andersgläubige, darunter auch die Schulpflicht. Lange Jahre aber hatte man sich von deutscher Seite keine Gedanken darüber gemacht, dass auch ein adäquater Religionsunterricht dazu gehören könnte. Während christliche Kinder in den evangelischen oder katholischen Religionsunterricht gingen und nur einige wenige auf Wunsch der Eltern davon befreit wurden, gab es für muslimische Schülerinnen und Schüler zunächst kein Religions-Angebot an deutschen Schulen. Und das, obwohl diese muslimischen Schülerinnen und Schüler immerhin rund sechs Prozent der Besucher deutscher Schulen ausmachten.



Da gerade bei Muslimen die Verbindung zwischen Kultur und Religion ein besonders stark ausgeprägter Teil der eigenen Identität ist, waren viele muslimische Eltern daran interessiert, ihren Kindern Islamunterricht zu geben. Sie griffen dabei auf Privatkurse zurück, die überall angeboten wurden. Es dauerte aber nicht lange, bis auch die deutschen Behörden feststellen mussten, dass ein Teil dieser Kurse unter die Kontrolle radikaler Gruppierungen oder auch Regime geraten war, und man begann, nach Abhilfe zu sinnen.


Gegen radikale Indoktrinierung


Es sollte verhindert werden, dass muslimische Kinder in Deutschland radikal indoktriniert werden. Ganz abgesehen davon, dass eine zu einseitige Pflege der eigenen Religion auch die Integration in die deutsche Gesellschaft erschweren würde.



Wie aber sollte das erreicht werden? Nicht nur, dass man in verschiedenen Bundesländern - denen die Hoheit in Kultur- und Bildungspolitik zusteht - unterschiedliche Auffassungen vertrat. Ein weiteres Problem war der Mangel an ausgebildeten Religionslehrern, ein anderes die Frage der Unterrichtssprache, ein drittes schließlich: Wer denn überhaupt die Muslime in Deutschland vertritt. Es gibt verschiedene regionale und überregionale Verbände, keiner wird jedoch von den Muslimen allgemein und von den deutschen Behörden als Dachverband anerkannt.


Religionslehrer aus der Türkei


Auf diese Weise kam es im Laufe der Jahre zu verschiedenen Modellen des Islamunterrichts an deutschen Schulen. In Bayern versuchte man das Problem der Lehrer dadurch zu lösen, dass man offizielle türkische Religionslehrer ins Land holte. Für Befürworter der Integration war das keine gute Lösung, denn diese Lehrer kannten Deutschland selbst nicht und konnten deswegen kaum Brücken bauen zwischen den Religionen und Kulturen.



In Hamburg führte man deswegen das Angebot eines universellen Religionsunterrichts ein, an dem Christen und Muslime teilnehmen können und in dem die Schüler über alle Religionen lernen - für manche Eltern auf beiden Seiten schon fast etwas zu progressiv. Hierbei wurde Deutsch als Unterrichtssprache eingesetzt und man war sich rasch einig, dass Islamunterricht in Deutschland früher oder später in Deutsch an den Schulen angeboten werden müsse. Dies werde einer Ghettoisierung der Muslime in Deutschland vorbeugen, ihnen die Integration erleichtern, bessere Kontrolle gegen radikale Indoktrination bieten.


Einheitliche Lösung gesucht


Zu diesem Zweck sind inzwischen bereits erste Ausbildungsmöglichkeiten für deutschsprachige Religionslehrer geschaffen worden. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis man sich bundesweit zu einem weitgehend einheitlichen System entscheidet.



Im Hintergrund steht auch die Erkenntnis von Bundespräsident Johannes Rau: "Die Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, haben vielleicht ihre örtliche Bindung aufgegeben, nicht aber ihre geistige. Darum haben sie einen Anspruch darauf, ihre religiösen Überzeugungen zu praktizieren und sie ihren Kindern weiterzugeben."

http://www.dw-world.de/german/0,3367,1585_A_598874,00.html

schloss
25.04.2004, 22:49
Original geschrieben von carlo
Niemand zwingt Dich, hier Deine Meinung zu äußern, schloss... ;)

Weil Diskussion jenseits der vorgegebenen SED-Meinung in der "DDR" nicht erwünscht, sondern gnadenlose Verfolgung, Inhaftierung und Berufsverbot nachsichziehen konnte und somit eine "wohlbehütete" Vokabel der Mächtigen war, ist Meinungsvielfalt bei SCN unter anderem ausdrücklich gewollt.

Daß es Dir überaus schwerfällt,
Standpunkte jenseits des eigenen einfach nur zu respektieren, zeigt eine gewisse Prägung und Resistenz im obenbeschriebenen Sinne auf.

Im Geist dieses threads würden Sachbeiträge und/oder fundierte Stellungnahmen, egal, welcher couleur sehr viel mehr imponieren, als einfach nur inhaltsleere und indoktrinäre Anti-Postings.

;)

Im Gegensatz zu mir scheinst du die Demagogiemethoden der DDR nicht nur auch zu kennen sondern sogar zu mögen. Und da geht man schon mal auf den Mann statt an den Ball, oder was soll Deine Verunglimpfung meiner Person als SED-Freund??

PS:
Niemand zwingt Dich, hier den Kreuzritter zu spielen.
Niemand zwingt Dich, Menschen unbedingt von Deiner Sicht, oder besser noch von Deiner politischen Sichtweise, denn Deine Sicht scheint mir manchmal getrübt, überzeugen zu wollen.
Niemand zwingt Dich, Andersdenkende mit wohlklingenden Phrasen zu diffamieren, nur um von den eigenen Fehlleistungen abzulenken, die hier oder da mal aufgedeckt werden.
Niemand zwingt Dich, Lügen zu glauben.

Und trotzdem tust Du es, Warum??

schloss
25.04.2004, 22:54
Noch was,

Sachbeiträge passen nicht in einen Thread, der von vornherein "indoktriniert" ist.

Ein sachliches Thema wäre:

"Religionen - ein Hort des Friedens oder Grund für die meisten Kriege auf der Welt seit Ewigkeiten"

dann könnte man die "Fehlleistungen" aller Religionen festhalten und würde dem Grundübel der Intoleranz auf die Spur kommen, wenn nämlich der Glaube Handlungen bestimmt und nicht das Wissen und Fakten.

und schon sind wir wieder bei den WMD und dem religiösen Weltenführer Bush...

carlo
25.04.2004, 23:00
Macht keinen Sinn mehr, darauf zu antworten, schloss, nicht persönlich und nicht im Sinne des threads...tut mir leid :(

Vielleicht hilft nur persönliche "Inaugenscheinnahme" weiter...kommste nach Essen? :)

carlo
25.04.2004, 23:28
Quelle: UniSPIEGEL - SPIEGEL ONLINE - DER SPIEGEL 32/2002 - 05. August 2002



_http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,208269,00.html


"Wenn Allah möchte"


Politiker aller Couleur fordern deutschsprachigen Islam-Unterricht an den Schulen für muslimische Kinder. Doch das Projekt kommt kaum voran - es fehlt an Konzepten, Geld und Lehrern.


Alle sind sie dafür: der Bundesinnenminister, Otto Schily, der Bundespräsident, Johannes Rau, der Chef der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Friedrich Merz, die Ausländerbeauftragten von Bund und Ländern - und sogar die Hardliner aus der CSU.



Als die niedersächsische Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD) vorvergangene Woche mitten ins Sommerloch die Nachricht lancierte, ihr Land wolle Islam-Unterricht in deutscher Sprache an den Schulen einführen und schon im nächsten Jahr mit einem Versuch beginnen, erntete sie bundesweit Aufmerksamkeit und Beifall von Politikern aller Couleur. "Wenn wir das hinkriegen, dann wäre Niedersachsen an der Spitze der Bewegung", lobte sich Jürgens-Pieper selbst.



Die Betonung liegt auf "wenn". Denn Jürgens-Piepers ehrgeizige Idee, einen Runden Tisch einzurichten, um sich mit den Islam-Verbänden zu einigen, ist in Wahrheit ein alter Hut - nur ist sie bisher nirgendwo verwirklicht. Experten in den Ministerien anderer Länder wundern sich deshalb über den demonstrativen Optimismus der Niedersachsen. "Was die mit dem Runden Tisch vorhaben, hatten wir schon vor drei Jahren in Angriff genommen", sagt die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD). Bislang ohne Erfolg.



Die nordrhein-westfälische Schulministerin Gabriele Behler (SPD) biss mit ihrer Anregung, über deutschsprachigen Islam-Unterricht zu reden, bei einigen Islam-Verbänden auf Granit. Und Annette Schavan (CDU), Kultusressort-Chefin in Baden-Württemberg, verhandelt seit zwei Jahren, ohne sich jedoch festlegen zu wollen, wann der Islam-Unterricht nun losgehen soll.



Trotz aller wortreichen Bekenntnisse sind die deutschen Politiker somit bislang an rechtlichen Problemen, der Uneinigkeit der Muslim-Organisationen und an ihrem eigenen mangelnden politischen Durchsetzungswillen gescheitert.



Dabei ist der Bedarf längst erkannt. Bereits 1979 beauftragte der damalige Kultusminister Nordrhein-Westfalens, Jürgen Girgensohn, sein Landesinstitut für Curriculumentwicklung, einen Lehrplan für muslimischen Religionsunterricht auf Deutsch zu erarbeiten. Der liegt zwar inzwischen - nicht mit den muslimischen Vertretern abgestimmt - vor. Doch das Fach gibt es bis heute nicht.



Nach über 20 Jahren Diskussion hat es noch kein Bundesland geschafft, regulären Islam-Unterricht unter staatlicher Aufsicht in deutscher Sprache für die rund 700 000 muslimischen Schüler in Deutschland anzubieten. Nur zwei Modellversuche laufen: in Bayern und in NRW. Stattdessen haben es Behörden und Politiker zugelassen, dass die Moscheen die Erziehung junger Muslime monopolisiert haben.



Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September ist freilich das Misstrauen darüber gewachsen, was allnachmittäglich in den Schulungsräumen der Moschee-Vereine gelehrt wird.



Dieses Misstrauen gegen den selbst organisierten Koranunterricht, der von etwa 70 000 Kindern in Deutschland besucht wird, gründet sich auf mehr als nur dumpfe Vorurteile. In Koranschulen werde "gegen den Westen und unsere Lebenskultur agitiert, da werden Überlegenheitsansprüche geltend gemacht, da wird die Ghettoisierung gefördert", sagt die Marburger Islam-Forscherin Ursula Spuler-Stegemann. Auch der Leiter des Instituts für Türkeistudien, Faruk 'Sen, warnt: Korankurse "hemmen die Integration".



In einigen Koranschulen sind die Kinder den ganzen Tag untergebracht, ständig unter Aufsicht der Hodschas, der religiösen Lehrer, mit wenig Kontakten nach draußen. In den Moscheen des konservativ-orthodoxen Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), des drittgrößten Moschee-Dachverbands, etwa werden die Kinder am Wochenende und in den Ferien geschult. Der Verband bemüht sich aber auch, Wohnheime für Schüler zu betreiben.



Die elfjährige Türkin Sebahat, die verschleiert und mit dem Koran im Ranzen in die VIKZ-Moschee in Bottrop-Welheim huscht, lernt dann etwa, dass Männer den Vordereingang nehmen, Frauen dagegen durch den Hintereingang hereinkommen. Oder dass von einer guten Muslimin nur Gesicht und Hände zu sehen sein dürfen. Auch wenn das kein Zwang sei, wie Hodscha Hilmi Faruk Aciksöz betont. "Wenn Allah möchte, begnadigt er die, die keinen Schleier tragen."



Die Koranschulen verschärften die innere Zerrissenheit von muslimischen Jugendlichen, warnt Islam-Kundler Hasan Alacacioglu, der die erste Studie über Koranschulen verfasst hat. Sie zögen die Kinder mit Macht zurück in die Welt ihrer Eltern und Großeltern.



Auch ist der Koranunterricht oft stupide und autoritär und traktiert Kinder wie die fünfjährige Ruhi mit phantasieloser Pädagogik. Gehüllt in ein besticktes Kopftuch, sagt Ruhi ihrer Lehrerin in der Hamburger Pak-Alem-Moschee mit kehligen Tönen arabische Koransuren auf. Die 13-jährige Nida hat gelernt: "Den Koran muss man nicht verstehen, man muss ihn immer wiederholen, damit man ihn auswendig kann."
ehandelt. In Hessen wird ab diesem Schuljahr in einigen Klassen "Ethik mit Schwerpunkt Islam" angeboten. Den Inhalt der Stunden will die Schulbehörde mit dem Integrationsbeirat des Landes festlegen, es soll auch um "Liebe, Sex und Partnerschaft" gehen.



Während die Politiker an den Problemen herumdoktern, bekommen die Praktiker die Folgen der Koranerziehung in den Moscheen täglich zu spüren. Deren "massiven Einfluss" sogar auf alle übrigen Unterrichtsfächer beklagt etwa die Leiterin der Berliner Fichtelgebirge-Grundschule, Annette Spieler, in deren Klassen auch die Islamische Föderation unterrichtet. Manche Siebenjährige hätten kaum noch Zeit für Hausaufgaben. Und ausgerechnet Kinder, die weder gut Deutsch noch Türkisch sprächen, müssten nun zusätzlich Arabisch pauken.



Immerhin aber gibt es vereinzelte Fortschritte. In Bayern hat eine neu gegründete "Islamische Religionsgemeinschaft" einen Lehrplan vorgeschlagen. An fünf Pilotschulen wird bereits Islam-Kunde auf Deutsch unterrichtet. Und Bremen wollte nach erfolgreicher Entwicklung eines Lehrplans eigentlich schon diesen Sommer in den fünften Klassen einer Schule anfangen - es fand sich nur kein geeigneter Lehrer.



Der Lehrermangel ist überhaupt das zweite Riesenproblem des Islam-Unterrichts: Die Länder suchen nach Pädagogen mit einer Ausbildung, die es noch gar nicht gibt. Zwar schreibt die Universität Münster nun einen Lehrstuhl für Islamische Theologie aus, an dem Lehramtsstudierende in einem viersemestrigen Zusatzstudium ausgebildet werden sollen. Doch bis die ersten fertig sind, dauert es noch einige Jahre.



So lange wollte Nordrhein-Westfalen nicht warten. Seit 1999 gibt es an 24 Schulen probehalber Islam-Kunde-Unterricht auf Deutsch. Allerdings, aus rechtlichen Gründen, nur Unterricht, der Wissen über die Religion Islam vermittelt - und keine dem christlichen Religionsunterricht gleichgestellte Erziehung zum muslimischen Glauben, wie etwa Niedersachsen sie einführen will. Ausgeweitet wird der Versuch trotzdem: Im kommenden Jahr könnten noch einmal rund hundert Schulen dazukommen. Schulministerin Behler will Geld für mehrere Dutzend Lehrerstellen lockermachen.



Wie teuer der Islam-Unterricht auf Deutsch die Länder käme, zeigen Berechnungen des Tübinger Juristen Martin Heckel. Würde der Unterricht flächendeckend eingeführt, bräuchte man dafür einige tausend Lehrer - und Hunderte Millionen Euro, die in keinem Bildungsetat eingeplant sind. Jürgens-Pieper hat als Kosten für ihren Modellversuch bislang 11 000 Euro veranschlagt - ein deutliches Zeichen für die Fragwürdigkeit ihres Vorhabens.



Die niedersächsische Ministerin will auf Lehrer zurückgreifen, die bereits Türkisch unterrichten. So machen es auch Bayern und Nordrhein-Westfalen. Da muss es eben reichen, dass ein Türkisch-Lehrer gut Deutsch spricht, damit er im Hauruck-Verfahren zum Islam-Lehrer weitergeschult werden kann.



Ein Lehrer wie Hüseyin Çetin, der selbst Imam war und in der Türkei Gymnasiallehrer, ist ein seltener Glücksfall. Der 43-Jährige unterrichtet an der Gemeinschaftsgrundschule Bruckhausen in Duisburg und erklärt seinen Drittklässlern gerade, warum Allah die Reinen liebt. "Was müssen wir sauber halten?", fragt er. "Unsere Küche", sagt Kübra, 9. "Unsere Straßen", schlägt Fatih vor, "Sauberkeit ist ein Befehl von Gott." Und mit ein bisschen Unterstützung des geduldigen Lehrers kommen die Schüler der 3a/b auch darauf, dass man ein reines Herz nicht durch Wasser bekommt, sondern durch die Dinge, die Allah gefallen.



Dass der Islam-Unterricht den Moscheen Zulauf abgraben werde, glaubt Çetins Schulleiter Rainer Peglow nicht. Aber die Schule müsse falschen Aussagen in den Moscheen etwas entgegensetzen können.



Prompt haben einige von Çetins Schülern schon mal gewagt, ihrem Hodscha zu widersprechen, als der etwas anderes erzählt als der Lehrer in der Schule. Doch die Rebellion wird schnell erstickt. "Euer Lehrer weiß nichts", herrscht der Hodscha die Kinder an. Noch Fragen? Nein, keine.


CORDULA MEYER



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carlo
26.04.2004, 22:34
Der gewollte Dialog mit gewaltbereiten Islamisten scheint mehr als schwierig:




26. Februar_2004, 02:12,_Neue Zürcher Zeitung


Wo der Dialog an Grenzen stösst

Eine europäisch-islamische Konferenz in Beirut


Die Absicht war lobenswert und ganz im Geist der Vermittlerrolle gedacht, die sich Europa im Konflikt zwischen westlicher und islamischer Welt zuschreibt: Im Rahmen einer Konferenz wollte man das Gespräch mit radikalen und als wenig konsensfreudig bekannten Islamisten suchen. Das Experiment verlief wenig erfolgreich.




Vielleicht war es die Koinzidenz der Ereignisse, die den Vorwurf des Wiesenthal-Zentrums, die Bundesregierung in Berlin unterstütze «Massenmörder und Judenhasser», so scharf ausfallen liess. Denn während am vergangenen Donnerstag Deutschlands Aussenminister Joschka Fischer in Brüssel mit dem Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel und jüdischen Geistlichen zusammentraf, um den Antisemitismus in Europa zu verurteilen, ging in Beirut eine Konferenz zum Thema «Die islamische Welt und Europa: Vom Dialog zum Verständnis» zu Ende. Organisatoren waren die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung und das Consultative Center for Studies & Documentation (CCSD) - ein Think-Tank des libanesischen Hizbullah.



Mehr als dreissig Wissenschafter und Schriftsteller aus Frankreich, Deutschland, Ägypten, Libanon, Indien, Jordanien, Iran und Grossbritannien hatten drei Tage lang auf zwölf Panels zusammengesessen - mit dem Ziel, gegenseitige Vorurteile abzubauen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Doch aus Sicht des Wiesenthal-Zentrums handelte es sich bei der Zusammenkunft in der libanesischen Hauptstadt um nichts Geringeres als «Deutschlands Legitimierung von terroristischen Gruppen, die Massenmord an Juden begehen, und von Ideologen, die die Flammen von Antisemitismus und Terror in Europa anfachen». Vor allem die Präsenz des stellvertretenden Hizbullah-Generalsekretärs, Sheikh Naim Qasim, sowie des Vordenkers eines politischen Islam in Europa, Azzam Tamimi vom Institute of Islamic Thought in London, und des Hamas-Ideologen Munir Shafiq hatten den Zorn des Wiesenthal-Zentrums erregt.



Die einzige Alternative?



Kritik an der vom Leiter des Nahost-Referats der Ebert-Stiftung, Andrä Gärber, als «einzige Alternative zu Diffamierung und Marginalisierung» islamistischer Gruppen verteidigten Veranstaltung gab es aber nicht nur von jüdischer Seite: So hatte die Tatsache, dass aus Libanon lediglich Sprecher der «Partei Gottes» (so die deutsche Bedeutung von Hizbullah) vertreten waren, die sich laut Gründungscharta dem Aufbau eines islamischen Staates verpflichtet, bereits im Vorfeld der Konferenz den Protest lokaler Medien und Intellektueller provoziert. Und auch Karin Kneissl von der Universität Wien, die mehrere Foren moderierte, gestand ein, dass sie öfter «Bauchschmerzen» bekommen habe angesichts der Dominanz der zum Teil offen antisemitischen, auf dem Podium jedoch zurückhaltender argumentierenden Hizbullah-Sprecher. Bis heute erkennt die schiitische Organisation das Existenzrecht Israels nicht an, und nur wenige Tage vor Tagungsbeginn verkündete der Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah, es sei legitimes Recht seiner Kämpfer, Minen an der Grenze zum «zionistischen Gebilde» zu legen.



Rund zwanzig schiitische Geistliche, die sich in den ersten Sitzreihen placiert hatten, verstärkten den Eindruck, dass es in Beirut weniger um einen europäisch-islamischen Dialog ging als um eine Plattform zur Verbreitung der Vorstellungen des Hizbullah. Fast schon flehend forderte Tayyib Tizini, Philosophieprofessor an der Universität Damaskus und eine der liberaleren arabischen Stimmen, während einer Pause eine Handvoll westliche Besucher auf, in den Fragerunden doch endlich auch einmal das Wort zu ergreifen. Heba Raouf Ezzat, islamische Politologin an der Universität Kairo, äusserte ebenfalls Zweifel an der Ernsthaftigkeit bestimmter Teilnehmer, dem im Tagungstitel verkündeten Ziel gerecht zu werden. «Manche Leute kommen, nicht um zuzuhören, sondern um zu reden, und andere kommen, um zuzuhören und zu lernen, und sie reden absichtlich nicht zu viel.»



Zu dieser letzteren Gruppe zählten die Hizbullah-Gesandten sicherlich nicht. Vier Jahre nach dem Abzug israelischer Truppen aus dem fast zwei Jahrzehnte lang besetzten Süden des Landes befindet sich die von den USA als «terroristisch» bezeichnete, mit neun Abgeordneten im Parlament vertretene Gruppierung in einer Phase politischer Neuorientierung. Grund genug für die sozialdemokratische Ebert-Stiftung, offensiv einen Dialog mit den Islamisten zu suchen. «Wenn man in der arabischen Welt Einfluss nehmen will, muss man mit allen Kräften dort reden», erklärte der SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Zöpel, der die Eröffnungsrede hielt. Gärber von der Ebert-Stiftung assistierte: «Wir sehen uns in einer Mittlerrolle.» Dezidiert darum bemüht, sich von der amerikanischen Position abzusetzen, war auch der Nahostexperte der regierungsnahen Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes. «Wenn eine Organisation wie Hizbullah dabei ist, sich zu entscheiden, die militärische Option aufzugeben und sich in eine politische Partei umzuwandeln, dann gilt es diejenigen zu unterstützen, die den Dialog suchen.»



Ganz so einfach, wie sich die deutschen Wissenschafter ihre Einflussnahme vorgestellt hatten, sah die Praxis jedoch nicht aus. Denn Initiator der Konferenz war der Hizbullah-Think-Tank CCSD, und der bestimmte nicht nur über die alkoholfreie Getränkeauswahl beim Begrüssungsumtrunk, sondern liess den Mitorganisatoren - neben der Ebert-Stiftung waren noch das Orient- Institut sowie die Universität Birmingham bei der Vorbereitung beteiligt - auch bei der Themenauswahl allenfalls rhetorischen Spielraum. Das französische Forschungsinstitut in Beirut, das zunächst eine Beteiligung zugesagt hatte, zog sich aus diesem Grund später zurück.



Noch keine gemeinsame Sprache



Erfrischend freimütig fiel denn auch das Fazit von CCSD-Direktor Ali Fayyad aus: «Wir haben die Themen ins Programm genommen, die den Europäern wichtig sind, und die Themen, die den Muslimen wichtig sind. Den Europäern ist Demokratie wichtig, uns das Recht auf Selbstbestimmung.» Entsprechend diffus und eher für islamische Interpretationen offen las sich das Programm: «Demokratie - ein flexibles Konzept», «Freiheit und Menschenrechte: Individuelle versus kollektive Identität» oder «Besatzung und Widerstand: Eine differenzierte Perspektive» lauteten einige der Titel.



Sicherlich: Perthes' Diktum, dass «wir Sicherheit für Israel einschliessen, wenn wir von Frieden reden», wurde von allen europäischen Teilnehmern unterstützt. Doch weshalb die Friedrich- Ebert-Stiftung und ihre europäischen Mitorganisatoren die Moderation des Israel-Palästina- Panels dann ausgerechnet dem stellvertretenden Hizbullah-Generalsekretär Naim Qasim überliessen, wird auf diesem Hintergrund erst recht unerklärlich. Kaum eine Wortmeldung muslimischer Sprecher aus dem Auditorium kam ohne die Forderung nach «Gerechtigkeit für das palästinensische Volk» aus - verbunden mit oft unerträglichen Hasstiraden auf Israel. Auch die von deutscher Veranstalterseite als «liberale islamische Stimme» gepriesene Heba Raouf Ezzat sprach von einem «Holocaust», der in Israel unter den Augen des Westens verübt werde.



Dass die Zweifel an der Dialogfähigkeit seiner Parteigänger selbst beim CCSD-Direktor Ali Fayyad bisweilen stärker ausgeprägt waren als bei den sozialdemokratischen Mitveranstaltern, zeigte die vorzeitige Verabschiedung von Sheikh Naim Qasim. Um die westlichen Besucher vor antisemitischen Tiraden zu bewahren, übernahm Fayyad in der «Hin zu einer gemeinsamen Sprache» betitelten Abschlussdiskussion kurzerhand den Part, der laut Programm eigentlich dem stellvertretenden Hizbullah-Generalsekretär vorbehalten war: die Positionen der «Partei Gottes» zu erläutern. Sein Fazit, dass auf beiden Seiten erst einmal ein interner Dialog stattfinden müsse, ehe man sich wieder treffe, dürfte auch bei der Ebert-Stiftung auf Gehör gestossen sein.


Markus Bickel


http://www.nzz.ch/2004/02/26/fe/page-article9FK8T.html

carlo
02.05.2004, 23:01
Was halten die Deutschen vom Islam?


http://www.kas.de/publikationen/2003/1924_dokument.html

carlo
02.05.2004, 23:28
Zweites Bundesland nach Baden-Württemberg ändert Schulgesetz


Niedersachsen hat am Mittwoch als zweites Bundesland nach Baden-Württemberg ein Verbot des islamischen Kopftuches für Lehrerinnen beschlossen. Der Landtag verabschiedete in Hannover mit den Stimmen von CDU und FDP eine Änderung des Schulgesetzes.

http://www.phoenix.de/pmd/1/Ereignisse/Kopftuchstreit/270644.jpg


Unterschiedliche Auffassungen bestehen zwischen Regierung und Opposition über die Auswirkungen des Gesetzes.


SPD für Einzelfallprüfung
Für die oppositionelle SPD, die den Entwurf mittrug, sind weiterhin Einzelfallprüfungen rechtlich nötig. Kultusminister Bernd Busemann (CDU) dagegen will Bewerberinnen nicht einstellen, wenn sie ihr Kopftuch in der Schule tragen wollen. Das Tuch könne auch als politisches Symbol für einen islamischen Gottesstaat und gegen Gleichberechtigung wahrgenommen werden.


Der SPD-Landesvorsitzende Wolfgang Jüttner wandte sich gegen jeden, auch christlichen, Fundamentalismus in der Schule. Die SPD stimmte der neuen Regelung zu. In der Gesamtabstimmung lehnte sie aber das Gesetz als Ganzes ab, weil es in einem anderen Punkt die katholischen Konkordatsschulen privilegiere. Die Grünen hatten einen eigenen Entwurf vorgelegt, nach dem Konfliktfälle direkt an den Schulen geregelt werden sollten.


Das Bundesverfassungsgericht hatte im September 2003 auf Verfassungsbeschwerde der moslemischen Lehrerin Fereshta Ludin aus Baden-Württemberg entschieden, dass ein Kopftuchverbot nur auf Grund eines ausdrücklichen Gesetzes angeordnet werden dürfe.

http://www.phoenix.de/ereig/exp/19993/index.html

Eumel
05.05.2004, 10:49
Die Bankiers Gottes
Immer mehr Muslime wollen ihr Geld nach den Prinzipien der Sharia anlegen. Auch westliche Banken sind in das islamische Geschäft eingestiegen. von alfred hackensberger, beirut

Wo legt eigentlich Ussama bin Laden sein Vermögen an? Als Anhänger der Sharia müsste der ehemalige Bauunternehmer das so genannte islamische Bankwesen bevorzugen, Terrorismusexperten gehen allerdings davon aus, dass al-Qaida transportable und schnell verkäufliche Geldanlagen wie Gold oder Diamanten bevorzugt.

Ähnlich wie das Hawala-Überweisungssystem (Jungle World, 19/04) werden auch islamische Banken verdächtigt, die finanziellen Transaktionen von al-Qaida und anderen weltweit operierenden terroristischen Netzwerken abgewickelt zu haben. Nach dem 11. September 2001 gerieten die islamischen Banken mehrfach ins Fadenkreuz geheimdienstlicher Ermittlungen, Beträge in Millionenhöhe wurden beschlagnahmt und Konten und Fonds gesperrt. Das islamische Banksystem erlitt einen enormen Imageverlust.

Doch Banken können kaum für das Verhalten ihrer Kunden verantwortlich gemacht werden, und eine strenge Trennung zwischen islamischem und nicht islamischem Banking gibt es ohnehin nicht mehr. Viele taditionelle arabische Banken haben »islamische Abteilungen« eröffnet, und auch bei westlichen Großbanken wie HSBC, der Citibank und der Deutschen Bank kann man nach islamischen Prinzipien sein Geld anlegen. Die Branche wächst um 15 Prozent jährlich. »Die Zahl islamischer Banken und Investmentfonds ist auf mehr als 270 gestiegen, mit einem Vermögen von 260 Milliarden Dollar und Einlagen von mehr als 200 Milliarden Dollar«, erklärte Saleh Kamel, Vorsitzender des General Council of Islamic Banks and Financial Institutions, in der vergangenen Woche.

Gemessen am Gesamtvermögen aller Muslime – allein die saudi-arabischen Auslandsinvestitionen werden auf über eine Billion Dollar geschätzt – ist das wenig. Aber das Potenzial des »Islamic Banking« sei immens hoch, schrieb Trends, ein in Paris erscheinendes Magazin über die arabische Welt: »Es gibt 1,5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt, und wenn man davon nur zwei oder drei Prozent als Kunden betrachtet, ist das ein großes Publikum.« Man müsse nur Produkte anbieten, die dem »Glauben« entsprechen.

Der »Glaube« ist für die Anleger ausschlaggebend, die religiöse Integrität entscheidend. Investiert wird auf der Basis des islamischen Rechts, der Sharia, die Zinsen sowie Geschäfte mit Alkohol, Tabak, Glücksspiel und Schweinefleisch verbietet. An die Stelle der garantierten Verzinsung tritt die Gewinnbeteiligung durch Investitionen. Das erhöht, besonders bei langfristigen Investitionen, das Risiko des Anlegers, der sich nicht sicher sein kann, dass der Profit seinen Erwartungen entspricht. Deshalb werden kurzfristigere Anlagen bevorzugt.

Idealerweise basiert das islamische Bankwesen auf dem »gerechten Austausch«, den der Prophet und Fernhändler Muhammad propagierte: »Gleiches für Gleiches, Hand zu Hand, in gleichen Teilen.« In der Praxis aber sind die Unterschiede zum westlichen Bankensystem gering. Man sucht ein akzeptables Investment mit geringem Risiko. Man will Geld machen, die religiöse Verkleisterung gibt dem Ganzen nur einen ethisch-moralischen Anstrich.

Das islamische Bankwesen ist relativ jung. 1974 wurde die Islamic Development Bank gegründet, die heute von 55 Regierungen getragen wird und nach Sharia-Prinzipien Projekte in ökonomisch rückständigen Mitgliedsländern fördert. Ende der siebziger Jahre entstanden in Kuwait, Dubai und im Sudan die ersten explizit »islamischen« Banken, in den achtziger Jahren erfolgte mit der Gründung der Bank Islam Malaysia die Ausweitung des Konzepts nach Asien. Seit Beginn der neunziger Jahre sind islamische Banken rund um die Erde zu finden. Der gewachsene Wohlstand in vielen islamischen Ländern und die stärkere Hinwendung zur Religion ließen einen neuen Geschäftsbereich entstehen.

Islamische Finanzinstitutionen lassen sich in der Regel von einem religiösen Konsortium beraten, das den Koran, die Aussprüche (Hadith) und die Lebensgeschichte (Sunna) des Propheten interpretiert. Der Versuch, die fast 1 400 Jahre alten Texte auf die moderne Wirtschaft anzuwenden, führt jedoch zu unterschiedlichen Interpretationen. Mittlerweile existiert eine unfangreiche Literatur zum Recht des islamischen Finanzsystems, allgemein anerkannte Regeln gibt es jedoch nicht.

Seit 1999 gibt es zwei islamische Market Indices, den dem US-amerikanischen Dow Jones angeschlossenen DJIM und den FTSE. In diese Indices werden Firmen aufgenommen, deren Geschäftstätigkeit mit der Sharia kompatibel ist. Wer etwas mit Alkohol, Tabak, Schweinefleisch und verbotenem Entertainment zu tun hat oder seinen Gewinn durch »Zinsen« erzielt, wird nicht aufgenommen bzw. gegebenenfalls ausgeschlossen.

Da islamische Banken theoretisch ihren Anlegern auch Verluste in Rechnung stellen müssten, ist die Risikovermeidung von besonderer Bedeutung. Jede Firma muss ein niedriges Schuldenniveau haben. Eine zu große Überschuldung führte zum Ausschluss von WorldCom, ein Jahr bevor das US-Unternehmen zusammenbrach. Diese Maßnahme ersparte vielen islamischen Anlegern große Verluste. Im April 2003 wurden AT&T und Motorola aus dem gleichen Grund ausgeschlossen.

Diese konservative Anlagepolitik und die Ähnlichkeiten mit dem »ethischen Investment«, das die Beteiligung an der Produktion gesundheitsschädlicher Waren ablehnt, könnten das islamische Bankwesen auch für Anders- und Ungläubige attraktiv machen. »Die Indices haben großes Interesse außerhalb der islamischen Gemeinschaft hervorgerufen«, wirbt Dow Jones. Auch das Zinsverbot findet bei manchen Nichtmuslimen Anklang. »Zinsen können ein Hindernis für Arbeitsplätze sein, können Geldkrisen erzeugen und Handelsprobleme verstärken«, glaubt der britische Finanzexperte Warren Sofies.

Vor allem aber expandiert der islamische Wirtschaftssektor, weil er als Teil des Abwehrkampfes gegen eine als »anti-islamisch« betrachtete Politik der westlichen Welt gilt. Der Islam gilt als ein Vehikel der individuellen wie nationalen Selbstbehauptung. Einer Studie des Institute for Islamic Banking & Insurance zufolge bevorzugen 55 Prozent der befragten Muslime islamische Banken. Tatsächlich hatten aber nur 21 Prozent ein Konto bei einer islamischen Bank. Dieser Anteil soll sich in den nächsten acht bis zehn Jahren auf 50 Prozent erhöhen.

»Das Wichtigste ist im Moment«, meint Tarik al-Rafai, der Vizepräsident der islamischen Abteilung der US-amerikanischen HSBC, »dass man so viele Produkte anbietet, wie der Markt verlangt.« Für ihn ist das islamische Banking vor allem ein Mittel, neue Kundenkreise anzusprechen: »Aus der Marketingperspektive betrachtet, bringt die Kompatibilität mit der Sharia den Kunden in die Bank. Das religiöse Prinzip zahlt sich aus.«

Jungle World 20 - 05. Mai 2004

www.jungle-world.com/seiten/2004/19/3128.php

Trüffelschwein
12.05.2004, 04:26
Arabiens Versailles

Seit über 200 Jahren fühlen sich Muslime vom Westen gedemütigt – von Napoleon bis zu George Bush

Von Sonja Hegasy

Wohlstand, Demokratie oder Einhaltung der Menschenrechte? Was will die arabische Öffentlichkeit eigentlich? So merkwürdig es klingen mag: Sie will Würde. Genau deshalb schockieren die Bilder aus amerikanischen Gefängnissen in Bagdad alle Araber. Die Aufnahmen nähren das kollektive Opferdenken, das reale Wurzeln hat und sich aus arabischer Sicht seit vielen Jahrhunderten in einer Endlosschleife wiederholt. Arabische Politiker, Intellektuelle und Demonstranten berufen sich dabei stets auf ganz bestimmte Schlüsseldaten der Geschichte.

Beginnen wir in der arabischen Moderne, so ist die Invasion Napoleons in Ägypten 1798 die erste Demütigung im kollektiven arabischen Gedächtnis. Die militärisch-technische Überlegenheit der sich industrialisierenden Staaten Europas, ihr aggressiver Expansionsdrang und der soziale Wandel führten zu einer ständigen Auseinandersetzung mit europäischen Vertretern aus Wissenschaft, Kultur und Politik. Bis heute ist die Erinnerung an die Eroberung allgegenwärtig in der ägyptischen Gesellschaft. Der 200. Jahrestag löste 1998 erbitterte Debatten darüber aus, wie die Invasion, mit der die wissenschaftliche Erforschung der pharaonischen Altertümer begann, zu bewerten sei. Der palästinensische Physiker Antoine Zahlan beschreibt, wie sich seit Napoleon im technisch-wissenschaftlichen Bereich ein kollektives Unterlegenheitsgefühl festgesetzt hat.

Das nächste Schlüsseljahr in der Reihe der Demütigungen ist 1924. Vor genau 80 Jahren wurden in der jungen türkischen Republik das Kalifat und das Amt des Muftis von Istanbul abgeschafft. Auch wenn es im sunnitischen Islam keine der Kirche entsprechende hierarchische Institution gibt, war das Amt des Muftis als höchste geistliche Autorität im Osmanischen Reich am ehesten mit dem Papst vergleichbar. Die Ursache für die Niederlage des Osmanischen Reiches im ersten Weltkrieg sahen viele in einem rückständigen Islam. Damals wurde die islamische Gemeinde ihrer geistlichen Führung beraubt. Der letzte Kalif, Abdülmecid II., wurde des Landes verwiesen. Auch wenn der universale Anspruch des Kalifats schon im 15. Jahrhundert erloschen war, ging nun das letzte Symbol eines politischen islamischen Einheitsanspruches verloren. Versuche, das Kalifat zu retten und den König von Ägypten oder den Herrscher von Hedschas im heutigen Saudi-Arabien zum Kalifen auszurufen, scheiterten. Bis nach Indien erschütterte die Kalifatsfrage die Muslime. Selbst Mahatma Gandhi wurde Mitglied eines All-India Central Khalifat Committee. Aber diese Leerstelle wurde bis heute nicht wieder besetzt. Nur der marokkanische König besitzt noch einen Anspruch auf die Rolle des Führers der Gläubigen, allerdings nicht über die Grenzen seines Landes hinaus. Radikale Islamisten, wie die verbotene Befreiungspartei Hisb al-Tahrir oder die Taliban haben immer wieder versucht, dieses Vakuum zu füllen. So haben die Taliban Mullah Omar 1996 zum Führer der Gläubigen ausgerufen.

Für die arabischen Nationalbewegungen der dreißiger Jahre rückt die Frage nach der religiösen Führung jedoch in den Hintergrund. Ein anderes Problem stand nun im Mittelpunkt: das Palästinaproblem. 1948 erlebt die arabische Welt ihre erste militärische Niederlage gegen Israel. Es folgten die bewaffneten Konflikte von 1956, 1967, 1973, 1982 und 1991, die sämtlich mit Niederlagen der arabischen Seite endeten. Die Deindustrialisierung des Iraks nach dem Golfkrieg 1991 ist schon vor dem 11. September mit dem Programm der Alliierten zur Deindustrialisierung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg verglichen worden.

Eine ebenso zentrale Rolle spielt erstaunlicherweise die Ermordung des israelischen Premiers Jitzhak Rabin 1995. Sein Tod bedeutete das Ende der Hoffnung auf einen selbstständigen palästinensischen Staat. Im selben Jahr beginnen die Chefideologen von al-Qaida sich umzuorientieren. Ayman al-Sawahiri argumentiert nun, man müsse den Terror gegen die eigene Staatsführung zunächst ruhen lassen und stattdessen den Feind von außen angreifen. Dieselbe Gruppe, die noch versuchte, den ägyptischen Staatschef Hosni Mubarak umzubringen und das Land in den neunziger Jahren mit Attentaten überzog, ging nun in die Ausbildungslager nach Afghanistan. Danach kommt im kollektiven arabischen Gedächtnis nur noch der 11. September 2001 und der Fall der Statue Saddam Husseins am 9.April 2003. Damals beruhigte sich das arabische Gemüt mit dem Witz, es sei ja gar nicht die Statue von Saddam Hussein gefallen, sondern die eines seiner Doppelgänger. Insgesamt jedoch werden die Niederlagen und Demütigungen als „das Versailles der arabischen Nation“ empfunden.

Viele Muslime finden, ihre Vertreter würden strategisch aus der Weltgesellschaft ausgeschlossen: Kein muslimisches Land sei ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats oder Mitglied der G8, noch nie hat es einen muslimischen UN-Generalsekretär gegeben.

Oder anders gesagt mit den Worten von Abd Samad Moussaoui, dem Bruder des so genannten 20. Todespiloten des 11. September, Zacarias Moussaoui: „Golfkrieg, Bosnien, Algerien, Palästina, Afghanistan, Tschetschenien – überall in der Welt wurden Muslime verfolgt. Das empörte uns. Nicht nur Zacarias empfand das so. Alle Muslime unseres Alters verspürten in ihrem Inneren die Ungerechtigkeit, denen ihre Glaubensbrüder zum Opfer fielen. Diejenigen, die das besonders stark wahrnahmen, wurden mit der Zeit dünnhäutig. Sie glaubten nicht mehr an die Moral und die Ethik der Regierenden. So wurden einige von ihnen anfällig für totalitäre fanatische Ideologien.“

Nach allem, was wir über die Biografien der Terroristen vom 11. September oder vom 11.März wissen, wurden sie nicht in ihren Heimatländern radikalisiert, sondern in Europa. Das Bild der moralischen Überlegenheit des demokratischen, reichen und freien Westens wird zerstört, wenn Emigranten plötzlich sehen, dass diese Zustände auch hier nicht in Reinform verwirklicht sind. Dieser Spagat kann schwer für jemanden auszuhalten sein, der aus den armen Regionen dieser Welt kommt. Schuldgefühle und Selbstzerstörungswünsche, die daraus erwachsen können, dass man selbst das Leben im Westen genießt und sogar Teil von ihm geworden ist, während die eigene Großfamilie im Elendsviertel wohnt, spielen auf dem Weg zum Selbstmordattentäter eine Rolle. Auch die Vorstellung, dass es keine Rückkehr in die eigene Heimat mehr gibt, unterstützt diesen selbstzerstörerischen Prozess. Obwohl die Rückkehr das wichtigste Topos junger arabischer Emigranten ist, schämen sie sich einzugestehen, dass sie in der Heimat aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Sozialisation inzwischen kaum mehr leben können.

Es mag aus dieser Perspektive angemessener sein, nach einem Psychologen zu rufen als nach einem Heerführer – in beiden Fällen aber ist es sinnvoll, die arabische Depression bei der Suche nach Konfliktlösungen in Rechnung zu stellen.


Sonja Hegasy ist Islamwissenschaftlerin am Zentrum Moderner Orient in Berlin

http://www.zeit.de/2004/20/Dem_9ftigung

@schloss:
Es ist sicher richtig, daß nicht nur im Namen des Islams Verbrechen begangen wurden, sondern auch im Namen des Christentums. Nur: Seit dem Mittelalter war da nicht mehr so furchtbar viel. Hingegen sind die Islamisten in jener Zeit stehengeblieben. Kein Wunder, daß die im obigen Artikel angesprochene Unterlegenheit eintritt. Wenn sich die Muslims ob der westlichen Errungenschaften gedemütigt fühlen, spricht das eindeutig gegen sie. Es wäre ja auch eine andere Reaktion denkbar, nämlich die japanische nach dem Krieg und nunmehr die indische: Aufholen und besser machen!

Kein Wunder, daß die internationalen Organisationen nicht so besonders erpicht auf islamische Beteiligung sind. Wer will schon freiwillig zurück ins Mittelalter?

Für (nicht nur) meine Mittelalter-Theorie spricht auch jener Artikel: Click! (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,299431,00.html)

Selbstverständlich ist es wesentlich schlimmer, Kriegsgefangene zu foltern, als Zivilisten langsam und genüßlich den Kopf abzuschneiden... :rolleyes:

Sicherlich haben auch Bush und Co. eine starke Affinität zu fundamentalistischen, mittelalterlichen Auffassungen. Nur: Bush wird hoffentlich bald abgewählt, aber wer wählt die Mullahs ab?

schloss
12.05.2004, 13:10
...Es wäre ja auch eine andere Reaktion denkbar, nämlich die japanische nach dem Krieg und nunmehr die indische: Aufholen und besser machen!...

Aufholen und besser machen geht eben nicht, entweder man wird genauso dekadent wie der Westen oder noch schlimmer, siehe Japan oder es ist eine unserer westlichen Wachstumsillusionen - Indien...die dritte Welt wird nie aufholen können, denn wir brauchen sie als 3. Welt! Ich empfehle Dir einen Besuch in Indien vor allem im Land....da ist die arabische Welt geradezu fortschrittlich mit ihrem "M;ittelalter"

Es ist sicher richtig, daß nicht nur im Namen des Islams Verbrechen begangen wurden, sondern auch im Namen des Christentums. Nur: Seit dem Mittelalter war da nicht mehr so furchtbar viel.

Die Christianisierung des amerikanischen Kontinents würd ich nicht gerade ins Mittelalter legen. und für Gott und Vaterland ist auch net so lange her. Im Prinzip wird jeder Krieg auch der jetzige gegen den Terror noch im Namen Gottes geführt "God bless America"...Die gesamte Mittelalter-Diskussion ist absurd, und typisch überheblich. Es liegt nicht am Islam, dass die Länder Arabiens im Mittelalter leben, sondern an den (vom Westen installierten oder hinterlassenen) Herrschafftssystemen. Wer von den arabischen Staaten hatte eine unabhängige Geschichte vor 1945? Es waren doch alles westliche Kolonien! Geradezu symbolisch ist da Lybien, nicht vom Westen kontrolliert, ja sogar geächtet, hat Lybien den höchsten Lebensstandard in Afrika, de facto Gleichstellung der Frau und eine Trennung von Religion und Staat. Das soll kein Lob für Gaddafi sein, den loben heute wieder ganz andere. Natürlich bringt der Islam Probleme mit sich, aber der Islam ist nicht das Problem, sondern die Intoleranz, die heuer auf beiden Seiten rapide zunimmt! Und die Überschrift dieses Threads zeigt bereits die Vorverurtielung und Intoleranz unserer abendländischen Weltsicht...

syracus
12.05.2004, 18:39
Naja, der Papst wie fast jeder Bischof im 2. WK wusste genau was vor sich ging in Nazideutschland und hat geschwiegen. Was heute belegt ist. Soviel zum Thema "seit dem Mittelalter war da nicht mehr viel". Passive, wissende Duldung ist genau so verwerflich wie eine eigene Beteiligung......

Und in einem hat Schloss absolut recht: den gesamten Islam als Mmittelalterlich zu bezeichnen ist sowas von indifferent, dekandent und abgehoben das ich lieber nix dazu schreibe. Wir "Wissende", die "Unwissende". Oder wie "Überlegene", sie "Rückständige". Unterscheidet sich nicht viel von der Teilung der Extremisten, die es übrigens auf beiden Seiten gibt (ich sag nur Süden der USA, die lästern sogar über den Papst als "Christen", Beispiele poste ich gerne auf Wunsch, mit Quelle), in Ungläubige und Gläubige. Einfach die Semantik ist eine andere.....

soviel zum Abstecher in diesen Thread :)

syr

mfabian
13.05.2004, 03:02
Die Araber sind ein sehr stolzes Volk, das vor langer Zeit die Welt beherrschte. Auf diese Tradition sind sie natürlich sehr stolz.

Nur, wir im Westen verachten die Araber und lassen sie das auch spüren.

Und warum verachten wir die Araber? Weil sie nichts produzieren. Es gibt kein einziges arabisches Auto.
Einige Araber haben das Glück, dass sie auf Öl sitzen und uns dieses teuer verkaufen können. Das katapultiert sie dank unseren Geldes von der dritten in die erste Welt. Doch sind es auch hier westliche Firmen, die für Logistik, Förderung und Transport sorgen.


In sinngemäss diesen Worten beschrieb der NZZ-Journalist Arnold Hottinger vor vielen Jahren in einem Kommentar die Situation.

Was Hottinger sagt, wird natürlich der arabisch-islamischen Kultur nicht gerecht und ist äusserst unfair. Aber beschreibt exakt die Mainstream-Meinung des durchschnittlichen Amerikaners oder Europäers über die arabische Welt.

Wen wundert's also, dass die 21 jährige amerikanische Fleischfabrik-Arbeiterin Lynndie England und ihr Freund, der Gefängniswärter Charles Graner, mit exakt dieser Meinung (oder einer noch niedrigeren) in Abu Ghureib ihren Dienst versehen?
Und wen wunderts, wenn Lynndie ihren Gefangenen genau denselben Respekt zollt wie dem Fleisch in ihrer Fabrik?

Wen wundert's andererseits, wenn junge Muslime nun auch den letzten Funken Vertrauen in die guten Absichten der USA eingebüsst haben und sich allen möglichen Gruppierungen anschliessen um alles was amerikanisch ist zu bekämpfen?

Oder wie es aus dem Vatikan heute so schön rüberkam: "Die Misshandlungen irakischer Gefangener durch Angehörige der US-Armee schaden Amerika mehr als 9/11".

Es wurde hier bereits darüber diskutiert, ob man Islam-Unterricht an deutschen Schulen einführen soll. Ich bin dafür.
Aber nicht nur Islam-Unterricht für Muslime sondern auch für Christen und Juden.
Und Unterricht über Judentum für Christen und Muslime.
Jeder Schüler sollte möglichst viel über alle Religionen erfahren, denn nur so können Vorurteile abgebaut werden.

Und natürlich das ganze nicht nur in Deutschland sondern auch in der Schweiz, in den USA, in Israel und Saudi Arabien.

Marcus

Trüffelschwein
13.05.2004, 07:42
Original geschrieben von mfabian
Was Hottinger sagt, wird natürlich der arabisch-islamischen Kultur nicht gerecht und ist äusserst unfair.
@mfabian:
In wiefern ist das unfair? Welche Errungenschaften haben denn Muslims in den letzten 200 Jahren zur Weltgemeinschaft beigetragen?

Es ist auch äußerst interessant, daß keiner mehr auf das Kopfabschneiden eingegangen ist. Da sind wohl einige auf einem Auge blind. Die Ablehnung von Bush - die ich teile - rechtfertigt ja wohl nicht, das Unrecht auf der anderen Seite zu ignorieren.

carlo
13.05.2004, 13:22
DIE ZEIT 21/2004_




Die Sehnsucht der Muslime nach Andalusien



An der Grenze zwischen Marokko und Spanien prallen Islam und Christentum, Elend und Wohlstand aufeinander



Von Michael Schwelien



Genau gegenüber der Alhambra steht die Mezquita Mayor, die neue Große Moschee von Granada. Sie wurde im vergangenen Sommer eröffnet. Am Tor bietet ein junger Mann gekräuterte Limonade an. Zypressen und Zitronen duften. Der Garten ist jedem zugänglich, die Moschee nur Muslimen. „Würden Sie mit uns über die Stimmung nach dem 11. März sprechen?“, fragen wir einen Alten am Tor? „Sie meinen nach dem barbarischen Anschlag in Madrid?“, erwidert der Alte ohne Umschweife und greift zum Telefon. Er wählt eine Nummer, dann reicht er das Telefon weiter. Ein Englisch sprechender Mann meldet sich: „Kommen Sie herunter zum islamischen Zentrum, die Stufen links von der Moschee, klopfen Sie an die Tür.“Ein Marokkaner schaut von seiner Heimat aus über die Straße von Gibraltar nach Spanien Foto: Matias Costa/panos pictures



Er trägt einen kurz geschorenen Vollbart und ist modisch-westlich gekleidet. Er stellt sich als Yahya vor, ist offensichtlich befugt, für die Moschee zu sprechen. Der Mann ist, wie er offenbart, ein Konvertit, ein Engländer, der als Jugendlicher Muslim wurde. Zunächst ist er ungehalten. Es ist Freitag, der Tag des Gebets. Er hätte gern vorher ein Fax mit den Fragen bekommen: „Was glauben Sie, wie die Reporter über uns herfallen? Sie stürmen herein und fragen, ob Osama bin Laden die Moschee finanziert hat.“ Doch dann bittet er, Platz zu nehmen auf einer grünen Sitzgruppe unter großen Fotos von Mekka.



Yahya spricht nun ohne Ende, nur unterbrochen von Telefonaten und kurzen Blicken auf die Monitore der Computer im Nebenraum. „Es gibt gar keinen Clash der Kulturen“, sagt er, „die europäische Kultur wurde von den Muslimen geschaffen.“ Wie konnten die Muslime Andalusien damals so schnell erobern, fragt er, um selber zu antworten: Sie kamen nicht mit dem Schwert, sie brachten ehrlichen Handel, Wissen, Gerechtigkeit. Wie ein Prediger duldet er keinen Widerspruch. Irgendwann lässt er einfließen, die Täter vom 11. März seien keine Muslime, auch wenn sie arabische Namen tragen. Er sagt: „They are not us“ – das sind nicht wir. Aber so, wie er die Überlegenheit des Islams behauptet und die westlichen Gesellschaften als verkommen schildert, so argumentieren auch jene, die den Terror gutheißen.



Er sei früher schon einmal hier an dieser für die Muslime so symbolträchtigen Stätte tätig gewesen, so viel will Yahya verraten, 1987, also in seinem 17. Lebensjahr, dem Jahr, in dem er Muslim wurde. Und im vergangenen Jahr wurde er wieder hierher gerufen, lässt der heute 34-jährige Vater von drei Kindern wissen. Er sagt jedoch nicht, wer ihn rief, sagt nicht, weshalb. Yahya übergeht alle Nachfragen. Bei jedem Einwand holt er zum großen Bogen aus. Alle Kämpfe, alle Konflikte von heute, so belehrt er stattdessen, seien angezettelt worden, „um den Dollar zu stabilisieren“. „Zins und die von den Banken erzeugte Gier zu kaufen, kaufen, kaufen“ – das seien die Wurzeln allen Übels, das zerstöre die Familien.



Er ereifert sich leicht, wiederholt sich häufig: „Die Gesellschaft hier ist verkommen. Drogen, Alkohol, Teenager-Schwangerschaften, alles nimmt zu. Tag für Tag werden die Gesetze laxer. Alles ist erlaubt, in dieser dekadenten Gesellschaft. Die schlimmsten Verbrechen werden nicht geahndet.“



Einmal gelingt es, den jungen Gelehrten für einen Augenblick zu unterbrechen, ihn zu fragen, ob der Anblick von knapp bekleideten jungen Frauen auch seine Augen beleidige. Da hat er eine tolerante Erwiderung parat: „Wir haben kein Recht, beleidigt zu sein, denn dies ist keine islamische Gesellschaft.“ Aber er lässt den Umkehrschluss zu: Seine Frau nämlich, erklärt er, verhülle sich, um nicht die Blicke der Männer auf sich zu ziehen. „Muslime“, sagt er, „kümmern sich umeinander.“



Warum, das will man am Ende von ihm wissen, haben die Muslime seinerzeit Al-Andalus wieder verloren? Seine knappe Antwort, bei der wieder einmal sein wissendes Lächeln die Lippen umspielt: „Sie scheiterten, weil sie dekadent waren.“






Diese Reise führt zu Grenzen, an der die Kulturen härter aufeinander prallen als anderswo. Die Grenzen zwischen Europa und Afrika, zwischen Christentum und Islam, zwischen Moderne und Mittelalter, zwischen Rechtsstaat und Polizeistaat. Die geografische Grenze verläuft durch die Straße von Gibraltar, an der engsten Stelle weniger als 15 Kilometer breit.



711 kreuzte sie der arabische Feldherr Tarik Ibn Sijad. Binnen dreier Jahre konnten sich die Mauren fast die gesamte iberische Halbinsel einverleiben. Sie nannten die Provinz Al-Andalus, was vermutlich das Land der Vandalen hieß. Beinahe 800 Jahre später, am 2. Januar 1492, zogen die katholischen Könige, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón, in der Alhambra von Granada ein. Die Reconquista, die Wiedereroberung, war vollendet.



Etwas mehr als 500 Jahre danach wiederum, im Oktober 2001, rechtfertigte Osama bin Laden in einer von al-Dschasira ausgestrahlten Video-Botschaft die Anschläge vom 11. September. Der Pate des Terrors machte dabei eine Anspielung auf Andalusien, deren Sinn sich etlichen Übersetzern anscheinend nicht erschloss. In der Wiedergabe des Texts in der New York Times, basierend auf einer Übersetzung der Nachrichtenagentur Reuters, fehlt sie ganz. Bin Laden sagte: „Die ganze Welt soll wissen, wir werden es nie hinnehmen, dass sich die Tragödie von Andalusien in Palästina wiederholt.“



Damit muss bin Laden die Wiedereroberung Spaniens durch die Christen, die sich über Jahrhunderte ziehende Verdrängung der Muslime, gemeint haben, die im 11. Jahrhundert begann. In seiner Denkweise haben die Kreuzzüge, deren ausdrückliches Ziel nicht allein die Einnahme Jerusalems, sondern stets auch die Rückeroberung Andalusiens war, dazu geführt, dass eine „fremde“ Gesellschaft sich das Juwel des Islams einverleibte. So ist der Sinn der Anschläge von Madrid nicht nur der Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak, deren Camp übrigens Al-Andalus hieß, wie auch die Truppe Mata Moros, „Schlagt die Mauren tot“, genannt wurde. Ein weiteres Ziel der Terroristen ist die „Befreiung“ ihres Andalusiens, ähnlich der „Befreiung“ Palästinas.



Inzwischen hat sich auch herausgestellt, dass die große Mehrheit der mutmaßlichen Täter von Madrid Marokkaner sind, viele kommen aus Tanger. Und es ist zutage gekommen, dass die Hintermänner dieselben sind, die auch die Anschläge in Casablanca am 16. Mai vergangenen Jahres planten, bei dem die Casa de España das Hauptziel war. Damals mag noch mancher geglaubt haben, Armut sei schuld, weil die 14 Selbstmordattentäter von Casablanca alle aus dem Slum Sidi Mounem stammten. Doch nun weiß man, dass die apokalyptischen Reiter aus besseren Verhältnissen kommen. Die Täter von Madrid und ihre Hintermänner sind sozusagen schon „Europäer“ gewesen, hatten sich scheinbar in Spanien integriert, bevor sie Islamisten wurden. Wie Rattenfänger hatten sie die jungen Mörder indes gezielt in den Slums rekrutiert, mit der Gewissheit, wer in einer solchen Hölle lebe, sei zu allem bereit.






Im Atocha-Bahnhof in Madrid laufen nicht nur die Vorortzüge ein. Aus der Halle, die am 11. März um Sekunden verfehlt wurde, fahren auch die Hochgeschwindigkeitszüge nach Andalusien ab. Wenige Wochen nach dem 11. März wurde eine Einkaufstüte mit zwölf Kilo Sprengstoff auf diese Gleisstrecke gelegt, symbolträchtig in der Nähe von Toledo, wo die Rückeroberung Südspaniens ihren Ausgang nahm. Es sollten nicht nur Züge getroffen, es sollte die Nabelschnur nach Andalusien durchschnitten und die Geschichte rückgängig gemacht werden.



In Sevilla, wo der Zug endet, ist Fiesta, Frühjahrsfest mit Corrida, zwei Wochen lang jeden Abend Stierkampf. An diesem Abend sticht der Matador El Cid zwei Stiere ab. Der alternde El Cid – der Name kommt von dem arabischen Titel Lord – tötet die Tiere mit Routine, aber ohne Eleganz. Mitreißenden Beifall erheischt nur ein Stier, der das Pferd eines Picadors aufspießt. In den Tapa-Bars um die Arena herrscht nach dem Kampf ein anderes Gesprächsthema vor. Heute wurde die neue Regierung Andalusiens vorgestellt. Ein historisches Ereignis in einer „Macho-Gesellschaft“: Dem Kabinett gehören mehr Frauen an als Männer.



Eine weitere Entscheidung von großer Tragweite ist ebenfalls Gesprächsthema. Die Muslime von Córdoba hatten beantragt, die prächtige Mezquita-Kathedrale wieder als Gebetshaus nutzen zu dürfen. Die Mezquita war einst die Hauptmoschee des westlichen Islams. Erzbischof Michael Fitzgerald, der Präsident des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog, aber wehrte unmissverständlich ab: Die islamische Gemeinschaft solle „die Geschichte akzeptieren“ und „nicht Rache suchen“. In den Tapa-Bars nahe der Plaza de Torros nicken die Leute mit den Köpfen, den abfälligen Ausdruck moros für Mauren benutzend : „Wir werden den moros doch nicht auch noch unsere Kirchen überlassen.“



In der Kapelle der Kathedrale von Granada ruhen die katholischen Könige Ferdinand II. und Isabella I. Die gemeinsame Grabinschrift preist: „Mahometice Secte Prostratores Et Heretice Pervicacie Extinctores“ – „Vernichter der mohammedanischen Sekte und Auslöscher der ketzerischen Falschheit“.






Am Petit Socco, dem kleinen Platz an der Medina in Tanger, stehen die illegalen Migranten herum. Keine Schwarzafrikaner, sondern junge Marokkaner. Überall in Tanger treiben sich junge Männer herum, die nichts zu tun haben. Bestenfalls reicht das Geld, um sich einen Tee im Café zu bestellen. Da sitzen sie dann, die Blicke starr auf den Fernseher gerichtet. Sitzen Stunden um Stunden und sehen: al-Dschasira für die Politik; TV España für den Fußball, wobei alle Real Madrid zujubeln.



Diejenigen, die auf dem Petit Socco herumstehen, wollen so schnell wie möglich weg nach Europa. Wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, fällt auf, dass immer ganze Gruppen aus ein und demselben Ort stammen – die Schlepperbanden arbeiten offenkundig Dorf für Dorf ab. Seit Jahren geht das so – allen Versprechungen des marokkanischen Staats zum Trotz, den Flüchtlingsstrom schon auf dieser Seite der Straße von Gibraltar einzudämmen.



Überraschend ist in dieser Stadt, die El País den „Vorposten des Islams“ und Le Monde die „Terrorfabrik“ nennt, in der die meisten Frauen nur verschleiert auf die Straße gehen, dass auf einmal sechs junge Frauen den Fremden anhalten. Schülerinnen offenbar, vier von ihnen tragen Kopftücher, die beiden anderen sind ebenfalls züchtig gekleidet. Sie kichern, wenden sich wieder ab, dann fasst eine sich ein Herz: „Sagen Sie bitte, Monsieur, was muss man anstellen, um einen Europäer zu heiraten?“






Um den Grand Socco, den großen Platz, stehen ebenfalls viele Männer herum, Männer in dunklen Anzügen oder Dschellabas, Geheimpolizisten. Hier haben sie viel zu schützen. Oberhalb befindet sich die spanische Kathedrale und die amerikanische Gesandtschaft, daneben steht das Hotel El Minzah, gegenüber liegt das spanische Kulturinstitut Instituto Cervantes. Niemand bleibt hier unbeobachtet. Die Sûreté ist omnipräsent. Nach den Anschlägen in Casablanca vor einem Jahr wurde binnen Minuten der Inhaber des Restaurants Les Citoyens de Tanger, der Alkohol ausschenkt und zumeist Ausländer bewirtet, von einem befreundeten Geheimdienstler gewarnt: „Schließ ab und lass niemanden hinein, den du nicht kennst.“



Auf einer Baustelle gegenüber dem Hotel schleppen kleine Jungs Steine, rühren den Mörtel an. Höchstens zwölf Jahre dürften sie alt sein. Die Polizisten stört das nicht. Die Männer, die im Grand Café de Paris sitzen, auch nicht. Einer, der gerade seinen neuen, silbernen BMW an der Straße abgestellt hat, äußert sich missbilligend, aber erst auf mehrmalige Nachfrage: „Nein, solche Kinderarbeit ist nicht in Ordnung. Wenn sie im Café oder auf den Feldern der Familie helfen, gut, das geht. Aber auf dem Bau, nein.“ Um nach einigem Überlegen zu bedenken zu geben: „Andererseits lernen sie etwas. Und verdienen ein wenig.“



Im Mittleren Osten und Nordafrika müssen rund 13,5 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren, 15 Prozent der Bevölkerung, harte körperliche Arbeit leisten. Dieses Elend schafft Generationen junger Menschen, die nichts zu verlieren haben, die alles tun würden, um in das reiche Europa zu kommen. Und wenn sie dann dort, warum auch immer, enttäuscht werden, schlägt die Hoffnung leicht in blinden Hass um.






In den Garten des Minzah-Hotels dringt diese Welt nicht ein. Hier sonnen sich knapp außer Blickweite der Einheimischen europäische Touristen am Pool. Die Barmänner, das beschwört ein französischer Fernsehreporter, der sich ein Haschischpfeifchen entzündet, mixen den besten Whiskey Sour der Welt – und bestellt seinen dritten, es ist ja schon Mittag. In diese friedliche Oase, in die weder Lärm noch Dreck, weder Migranten noch Terroristen gelangen, kommt Mohammed Abouabdillah zum Gespräch. Der Chefredakteur des Journal de Tanger ist so etwas wie eine offizielle Stimme. Würde in seinem Blatt etwas stehen, was König Mohammed VI. nicht lesen will, dann würde die Redaktion auf der Stelle geschlossen.



Also freut sich der Journalist Abouabdillah, der trotz der Hitze weder sein Tweed-Jackett ablegt noch seine Seidenkrawatte lockert, über den „radikalen Wechsel“ bei der Regierung in Madrid und die „angenehme Überraschung“, dass der neue spanische Ministerpräsident José Zapatero, am zweiten Tag im Amt, schon nach Marokko reiste. Abouabdillah meint allerdings, es sei nur „Zufall“ gewesen, dass so viele der Täter von Madrid Marokkaner waren. Wie auch immer: „Nun haben sich unsere Regierungen entschieden, gemeinsam gegen den Terrorismus zu kämpfen.“



Abouabdillah ist gut informiert, er scheint alles zu wissen und jeden zu kennen. Den Namen Benjaich will er indes noch nie gehört haben. Das verwundert sehr. Über die Brüder Benjaich ist viel in den unterschiedlichsten Zeitungen geschrieben worden. Die New York Times erwähnte die Brüder in einem Artikel bald nach dem 11. März: „Die marokkanischen Ermittler stießen auf Mr. Zougam später, als sie den Benjaich-Brüdern nachspürten, drei marokkanischen Militanten, die sich in verschiedenen muslimischen Kämpfen geschlagen hatten.“ Dieser Zougam – gemeint ist Jamal Zougam, der Inhaber des berüchtigten Telefonladens in Madrid – war als erste Schlüsselfigur der Attentate vom 11. März verhaftet worden.



Im April 2003 soll er sich mit Abdel Asis Benjaich in Tanger getroffen haben. Der wiederum ist ein eingebürgerter Franzose, der auf Bitte der Marokkaner kurz nach den Anschlägen von Casablanca, laut Le Monde, am 12. Juni 2003 in Algeciras von der spanischen Polizei verhaftet wurde. Der Bruder Abdullah Benjaich ist der Neuen Zürcher Zeitung zufolge bei der amerikanischen Bombardierung von Tora Bora in Afghanistan gefallen. Der dritte Bruder Salaheddin Benjaich, das berichteten mehrere Blätter übereinstimmend, ist 1996 nach Bosnien gegangen und hat in den Kämpfen dort ein Auge verloren. Er wurde 2003 als einer der Drahtzieher der Attentate von Casablanca in Marokko zu 19 Jahren Haft verurteilt. Alle drei sollen als junge Männer Luxus und leichtes Leben in Europa genossen haben, dann, wie auf einen Fingerzeig Gottes, den Weg zum Glauben gefunden haben und heilige Krieger geworden sein.



Anscheinend gibt es noch einen vierten Bruder, den heute 40-jährigen Achmed Benjaich. Er lebt laut NZZ „in seiner Heimatstadt Tanger ein ruhiges Leben als gläubiger Islamist“. Der Journalist Abouabdillah will auch von diesem Benjaich nie etwas gehört haben.



Zu den Menschen, die gern auf einen Drink im Minzah-Hotel vorbeischauen, gehört auch ein Spanier, der schon lange in Tanger tätig ist. Ein gebildeter Mann, weit gereist, mit hohen Idealen – der offen reden, aber seinen Namen nicht gedruckt sehen will. „Dieses Gespräch“, sagt er gleich zu Beginn, als er seine Visitenkarte überreicht, „hat nie stattgefunden.“ In seinem Eifer erinnert er an den jungen Yahya aus der Mezquita von Granada. Nur dass der Spanier in Tanger ehemals Kommunist war und nun überzeugter Demokrat ist. „Sechzig Prozent aller Marokkaner sind Anhänger von Osama bin Laden“, weiß er. Um die Chancen der Spanier, im Kampf der Kulturen zu bestehen, stünde es schlecht. „Sie glauben“, tadelt er, „nur an den Wein, die Tapas und das Vergnügen – nicht an den Kampf für die Demokratie.“ Er ist überzeugt: „Alle Immigranten meinen, dass Al-Andalus eines Tages wieder ihr Land sein wird.“ Meint er nur die Provinz Andalusien? „Nein, ganz Spanien.“



Wenn es dunkel wird in Tanger, dann sind die Straßen bald ausgestorben. Spärliches Licht leuchtet aber noch in einem heruntergekommenen Gebäude, an dessen Eingang die Reste eines Davidsterns und die Buchstaben CT zu erkennen sind, das alte Casino de Tanger. In den Spielsälen sitzen betagte Frauen und Männer an zwei Tischen, die letzten verbliebenen Mitglieder der einst großen und einflussreichen jüdischen Gemeinde. Sie spielen Karten. Hinter einem Vorhang versteckt sich eine kleine Bar. Ein paar muslimische Gäste stehen am Tresen. Die meisten trinken das einheimische Stork-Bier. In der Ecke sitzt der beleibte Pächter Moise Emergui, fein säuberlich führt er Buch über jeden Ausschank. Er redet mit gesetzten Worten, er wirkt gelassen. Ob er sich hier noch sicher fühlt? „In Israel hätte ich mehr Angst – so lange der Palästinakonflikt nicht gelöst ist.“ Er macht ein paar Eintragungen in seiner Kladde und erklärt: „Hier werden wir von gut ausgebildeten Polizisten geschützt.“ Und: „Hier nehmen sie die Leute in Haft und lassen sie nicht mehr raus, drüben in Spanien kommen sie sofort wieder frei.“



Angst geht trotzdem um. Eine der Kartenspielerinnen, eine hoch gebildete Dame, die dem alten, weltoffenen Tanger nachtrauert, lädt anderntags in ihre Wohnung ein. Als wolle sie auf ihre Art dem Islamismus trotzen, bietet sie schon am Vormittag einen Whiskey an. Aber sie berichtet auch, dass sie seit geraumer Zeit darauf achte, bodenlange Röcke oder Mäntel zu tragen, aus Sorge, sonst auf der Straße angefeindet zu werden. Hat sie Angst? Wie schlimm erlebt sie in ihrem Alltag die Islamisten, muss man von einem Islamo-Faschismus sprechen? Ihre Antwort verstört: „Sie sind schlimmer als die Nazis, bei denen wusste man wenigstens, wo man dran war.“







Mit einer Stunde Verspätung legt die Jet-Fähre in Ceuta ab. Keine fünfzig Passagiere befinden sich an Bord des Doppelrumpfschiffs, das für über tausend gebaut ist. Ceuta in Afrika ist spanisches Hoheitsgebiet, eine Tatsache, die Marokko nie offiziell anerkannt hat. Somit ist die Grenze hier eigentlich keine Grenze. Zu übersehen ist sie dennoch nicht. Einen Doppelzaun hat die Europäische Union hier für umgerechnet 60 Millionen Euro hochgezogen, um sich die Afrikaner vom Leibe zu halten.



Die beiden Gitter sind von messerscharfem Natodraht umschlungen. Sie stehen fünf Meter auseinander, sodass die Patrouillen der Guardia Civil mit ihren Jeeps dazwischen hindurchfahren können. Scheinwerferlicht, Wärmedetektoren, Infrarotkameras – die Grenzschützer haben alles, was sie brauchen, um die Immigranten zu entdecken, die aus Marokko herüber wollen und von denen manche von weit her kommen, etwa aus Nigeria. Doch wer es aus Nigeria bis hier geschafft hat, dreht nicht einfach um und geht nach Hause. Er schneidet den Zaun auf, zwängt sich hindurch. „So schnell, dass wir mit unseren Fahrzeugen meist nicht rechtzeitig hinkommen“, räumt ein spanischer Offizier ein, „und wenn sie dann davonlaufen, was sollen wir machen, sie erschießen?“



In die andere Richtung, über den Grenzübergang Tarajal mit Schranken, Pass- und Zollkontrolle, laufen auch Menschen. Aber sie rennen nicht. Sie schmuggeln. In aller Gemütsruhe. Autoersatzteile, Eisschränke, Fernsehgeräte, Weizen, Bier und Öl – alles, was Europa zu bieten hat und Afrika mit Zöllen belegt. Die Masse der Grenzgänger sind Träger, junge Leute, die von den Händlern dafür bezahlt werden, die schweren Waren über die Grenze zu schleppen. Die Spanier haben kein Interesse, die Ausfuhr irgendwelcher Waren zu stoppen. Und die marokkanischen Grenzer suchen nach nichts – wenn die Händler sie nur ordentlich für das Wegschauen belohnen.



Die Salons der Jet-Fähre sind leer, doch im Unterdeck stehen einige Lastwagen. Der Warenverkehr geht weiter über die Straße von Gibraltar, wenn auch spärlich. Und mit ihm kommen die Illegalen. In Ceuta lungern die Schwarzafrikaner überall herum. Sie warten auf die Gelegenheit, um auf einen offenen Lastwagen zu springen. Nach Europa.



Im Sommer vor zwei Jahren wäre es hier beinahe zu einem Krieg gekommen. Wegen der vor der Küste gelegenen Isla Perejil. Anfang Juli 2002 „besetzten“ zwölf marokkanische Soldaten den ansonsten nur von Ziegen bewohnten Felsen. Daraufhin legten spanische Kriegsschiffe neben den Fähren an. Abfangjäger und Kampfhubschrauber flogen aus Europa herüber. König Mohammed VI. bekräftigte die uralten Ansprüche Marokkos auf Ceuta sowie auf die andere spanische Enklave, Melilla. Die Spanier ließen sich auf keine Verhandlungen ein. Nach einer Woche räumte eine spanische Eliteeinheit den Felsen.



Die Jet-Fähre könnte eigentlich planmäßig ablegen, aber die Kontrollen verzögern alles. Am Fähranleger wird jeder Pass kontrolliert, jede Tasche durchleuchtet, wie sonst auf einem Flughafen. Und die Marokkaner, ein paar Kilometer entfernt, auf ihrem Posten in Tarajal, an der Grenze, die sie nicht anerkennen, tun das Ihre, um Terroristen, echte wie vermutete, vom Übergang abzuhalten. Einen deutschen Reisenden, der auf dem Landweg von Ceuta nach Tanger wollte, ließen sie nicht durch. Sie hatten in seinem Pass mehrere Stempel aus moslemischen Ländern entdeckt.






Wer drüben in Algeciras nach Osten fährt, kommt in der Nähe von Almeria in eine Landschaft, die so aussieht, als habe Christo sie verpackt. Ein Meer aus Plastik, unter dem Gemüse gedeihen, vor allem Tomaten. Gearbeitet wird nach dem Grundsatz: Pro Hektar unter Plastik erntest du 160 Tonnen Tomaten – und dafür brauchst du einen Moro. Auch hier, in der Kleinstadt El Ejido, wurde der Kampf der Kulturen virulent. Vor vier Jahren trieb ein spanischer Pöbel unter den wohlwollenden Augen von Bürgermeister und Polizei die marokkanischen Tagelöhner durch die Straßen. Ein Pogrom gegen jene, die illegal herübergekommen sind und hier schuften, entfacht von jenen, die selber einst in den Norden Europas auf der Suche nach Arbeit wanderten.



Niemand in El Ejido scheint die Horrortage vom Frühjahr 2000 zu bereuen. Niemand möchte darüber sprechen. Lediglich ein Ladeninhaber seufzt vieldeutig: „Es ist eine Last mit den moros, sie sagen heute dies und morgen das.“

http://zeus.zeit.de/text/2004/21/Marokko

:rolleyes:

mfabian
13.05.2004, 15:10
Original geschrieben von Trüffelschwein
@mfabian:
In wiefern ist das unfair? Welche Errungenschaften haben denn Muslims in den letzten 200 Jahren zur Weltgemeinschaft beigetragen?

Absolut keine Errungenschaften, da hast Du recht. Die Frage ist allerdings, ob wir uns durch unsere (technischen?) Errungenschaften definieren sollen.
Oder anders gesagt: Müssen wir jemanden verachten, der keine neuen Erfindungen auf den Markt bringt?


Es ist auch äußerst interessant, daß keiner mehr auf das Kopfabschneiden eingegangen ist. Da sind wohl einige auf einem Auge blind. Die Ablehnung von Bush - die ich teile - rechtfertigt ja wohl nicht, das Unrecht auf der anderen Seite zu ignorieren.

Auch in diesem Punkt hast Du Recht. Aber es geht hier um den Anspruch, den wir an ein Land stellen:

Ich geb' mal ein Beispiel: Wenn Du mit 2 Promille Alkohol im Blut von der Polizei gestoppt wirst, ist das keine Schlagzeile wert.
Wenn Du aber Chef des Blaukreuzlervereins bist, dann ist der Skandal perfekt.

Amerika tritt mit dem Anspruch an, der Welt Frieden, Demokratie, Freiheit und Wohlstand zu bringen. Daran müssen sich die Amis messen lassen. Schliesslich waren sie selbst es, die die Messlatte für Humanität so hoch gehängt haben.

Deshalb ist es gerechtfertigt, dass wir für die USA strengere Massstäbe anlegen als für Al-Quaida (Theme Enthauptung) oder die Russen im Tschetschenien-Konflikt.

Im Prinzip ist es wie an der Börse: Eine Aktie kann trotz guter Gewinne sinken, wenn die Gewinne unterhalb der Erwartungen liegen. Und genau das ist bei den USA der Fall. ;)

Marcus

syracus
13.05.2004, 15:25
Was soll mich bitte stören, davon abgesehen das es wirklich grausam ist, wenn halt einmal ein Amerikaner der in dem Land einzig dick Geld verdienen wollte zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist? Was ist, ganz grob und zynisch gesagt, ein Toter der nun sogar von Bush an der Beerdigung Besuch bekommen wird im Gegensatz zu über 800 toten US-Soldaten, im Vergleich zu den dutzenden Todesfällen in US-Haft und wohl eher hunderten Misshandelten, vergewaltigten, gedemütigten, von Hunden angefressen und halb zu tode geprügelten Iraker?!? JEDER ist einer zuviel, aber das Theater um den einen Ami ist absolut vermessen in Gegensatz zu hunderten Einzelschicksalen. Und er wusste was er tat, wie selbst seine Mutter mittlerweile einräumte. Das Risiko war im klar.

Und mein Gott, was hier abgeht sprengt langsam meinen Sinn für Werte. Muslime sind also nix wert weil sie dem Westen nix an technischen Neuerungen brachten?!? Krank oder wie :gomad?

syr:ne

carlo
13.05.2004, 16:21
Bitte auf den Ball treten, syracus, nicht den Gegner... :cool:

Danke! :)

syracus
13.05.2004, 17:21
Brigitte hat meine Antwort, last posting in this thread.......

Trüffelschwein
13.05.2004, 18:21
Habe ich von technischen Errungenschaften gesprochen??

Wie wäre es zum Beispiel mit Gewaltenteilung, Trennung von Kirche und Staat, weitgehende Gleichstellung von Mann und Frau?

Ich habe auch nicht gesagt, daß Muslims nichts wert seien, weil sie lange keine Errungenschaften beigetragen haben. Ich habe nur die Berechtigung einer gewissen Verachtung bejaht. Genauso übrigens, wie ich die Verachtung von Bush und seiner Bande bejahe. Dennoch würde ich nie auf die Idee kommen, diesen Leuten irgendwelche Menschenrechte abzusprechen.

syracus schrieb:
Und mein Gott, was hier abgeht sprengt langsam meinen Sinn für Werte. Muslime sind also nix wert weil sie dem Westen nix an technischen Neuerungen brachten?!? Krank oder wie ?Ich finde es schon bemerkenswert, welche Parallelen syracus' Argumentation zu jener von George W. Bush aufweist: Wer nicht meiner Meinung ist, mit dem muß irgendwas nicht in Ordnung sein: hier "krank", dort "böse". Wie nennt man das? Totalitarismus?

Gab es das nicht schon mal in der UdSSR, daß Andersdenkende als krank bezeichnet und daraufhin weggesperrt wurden?

Perry27
13.05.2004, 20:33
Das ist schon eine bemerkenswerte Ethik-Waage :

Auf der einen Seite hundert nackte Poppes und auf der anderen ein abgeschnittener Kopf.

carlo
13.05.2004, 23:49
Liebe Leute :)


wenn mich nicht alles täuscht, nehmen den thread-Inhalt eventuell doch etwas mehr Menschen zur Kenntnis, als von manchem erwartet. Spätestens aus diesem Anlaß möchte ich daran erinnern, daß diese Zusammenstellung von Artikeln in keiner Weise dazu dient,

- den Islam gegenüber anderen Religionen zu diskreditieren,

- seine Anhänger auszugrenzen oder zu stigmatisieren

- islamkritische Stimmungen/Meinungsäußerungen in populistischer Manier für demagogische Zwecke aufbereiten zu wollen.

Meinungsfreiheit heißt aber ebenso wenig,
daß Religion zum praktizierten "Heiligen Pferd" der Kabaa geriert, die weder Zutritt noch Kommentar erlaubt, denn genau dann ist die Metamorphose zur Ideologie nur noch ein Katzensprung weit weg...

Deswegen bitte ich nachdrücklich um statements, die in der Sache wertfrei und seriös sind, ausdrücklich auch, wenn sie dem mainstream entgegenstehen...ich bin nicht im geringsten an Bestätigung, sondern vielmehr am Austausch von Argumenten interessiert! :cool:

Danke sehr! :)

Trüffelschwein
14.05.2004, 11:49
Scharia in Deutschland - wie muslimische Fanatiker unbehelligt zu Gewalt aufrufen
AUTOREN: Anja Dehne und Ahmet Senyurt

Eine Gebrauchsanweisung, wie man richtig seine Frau verprügelt? Sowas gibt's. Ein islamischer Religionsführer in Spanien hat eine detaillierte Anleitung geschrieben. Ruten und dünne Stöcke soll man nehmen. Das hinterlässt am wenigsten Spuren auf der Haut. Der Fall führte auch bei uns zu Empörung.

Er wurde verurteilt. Zu einem Jahr und drei Monaten. Solche Broschüren kann man auch bei uns kaufen. Auf deutsch. Auch bei uns werden Frauen in Gottes Namen grausam misshandelt.

Anja Dehne und Ahmed Senyurt haben mit einer Frau gesprochen, die den Mut hatte zu reden und die Kraft zu entkommen. Hören Sie gut hin. Es gibt viele, die ihr Schicksal teilen in unserem Land.

"Du wirst ihn heiraten, ob Du willst oder nicht", hatte ihr Vater befohlen, als sie 15 war. Und Serap konnte sich nicht wehren. Ihre Eltern schickten sie von Deutschland in die Türkei, um sie zu verheiraten. Sechs Jahre lang wurde die junge Frau dort von ihrem Mann geschlagen, mißhandelt, mißbraucht.

Serap gelang die Flucht, inzwischen lebt sie wieder in Deutschland.

Serap:
"Ich konnte mich von der Gewalt der Religion und der Tradition befreien. Doch es gibt zahlreiche und unzählige Betroffene Frauen und Mädchen, die Opfer im Namen der Tradition und Religion werden und hier in Deutschland leben. Die deutsche Öffentlichkeit hat kein Bild von dieser Traditions- und Religionsgewalt, die wir Muslime in unseren vier Wänden erleben."

Serap bedauert, daß es in Deutschland keine breite Empörung gibt, über Männer, die im Namen des Islam ihre Frauen unterdrücken und mißhandeln.

Ganz anders ist das in Frankreich. Erst vor kurzem gab es große Aufregung über die Aussagen des Imam von Vénissieux. Adelkader Bouziane hatte in einem Interview mit einer französischen Zeitung gesagt: Der Islam gestatte es, die Ehefrau zu schlagen und Frauen bei Untreue sogar zu steinigen. Nach einem Sturm der Entrüstung wurde der Geistliche kurzerhand nach Algerien abgeschoben.

Auch in der Türkei gibt es immer wieder große Empörung. Auch hier rechtfertigen islamische Prediger in ihren Schriften Gewalt gegen die Ehefrau mit dem Koran.

Aber türkische Frauen wollen nicht länger Sklaven ihrer Männer sein. Sie gehen auf die Straße, demonstrieren gegen diese Auslegung ihrer Religion und gegen Szenen wie diese.

Ein Ehemann sticht auf offener Straße über 50 mal auf seine Frau ein, nur weil sie ihn verlassen wollte. Die Polizei schaut zu.

Die Frau überlebt mit schwersten Verletzungen. Gewaltexzesse im Namen der Ehre und im Namen Allahs.

Serap hat das am eigenen Leib erfahren. Inzwischen hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben und in einem Buch veröffentlicht. Seitdem bekommt sie ständig Briefe und E-Mails von muslimischen Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind, die von ihren Männern gequält werden und dringend Hilfe brauchen, auch hier in Deutschland.

Serap:
"Hier in Deutschland fehlt eigentlich dieses öffentliche Bewußtsein über die Gewalt, die im Namen der Religion und Tradition ausgeübt wird. Es ist einfach auch diese naive Einstellung und dieses naive Toleranzverständniss der deutschen Gesellschaft."

In Deutschland gibt es Bücher, in denen Gewalt gegen Frauen islamisch gerechtfertigt wird, ohne Probleme zu kaufen, ganz legal - Und ohne daß jemand daran Anstoß nimmt. Zum Beispiel hier in Frankfurt am Main. Wir drehen in einem arabischen Buchladen, mitten im Zentrum mit versteckter Kamera, denn Journalisten sind hier nicht gern gesehen. Wir finden ein Buch, das auf der islamischen Bestsellerliste ganz oben steht und nach Auskunft des Verkäufers hier reißenden Absatz findet.

"Erlaubtes und Verbotenes im Islam", so der Titel. Darin genaue Anweisungen für de muslimischen Ehemann auf Deutsch. Er darf, heißt es da
"... schlagen, um islamisches Verhalten zu bewahren und wenn der Ehemann Ungehorsam in etwas sieht, was sie tun muss, oder wo sie ihm gehorchen muss."

Zu dem kleinen Buchladen im Stadtzentrum von Frankfurt gehört diese Moschee im Hinterhof. Nach dem Freitagsgebt wollen wir mit den Männern reden, über das Buch, das wir kurz zuvor vorne im Laden gekauft haben.

KONTRASTE:
"Ich habe hier dieses Buch gekauft, da in ihrem Bücherladen. Da steht zum Beispiel hier auf der Seite, daß man Frauen schlagen darf. Wie finden Sie das?"
Moscheebesucher:
"Bitte nicht jetzt, sie müssen stoppen."
KONTRASTE:
"Wie finden Sie das, wenn jemand schreibt, ein muslimischer Ehemann darf seine Frau schlagen?
Moscheebesucher:
"Jeder hat seine Meinung, sie können doch auch ihre Meinung aufschreiben. Das ist doch Freiheit."
KONTRASTE:
"Kennen Sie diesen Autor al Quaradawi?"
Moscheebesucher:
"Hör auf. Gehen Sie nach Hause"
KONTRASTE:
"Sie können hier nicht handgreiflich werden, hören Sie auf, den Kameramann zu schlagen."

Schläge statt schlagender Argumente. Die Kamera sei unerwünscht, heißt es und außerdem würden die falschen Fragen gestellt.

Islamisten in Deutschland billigen nicht nur Prügel für die Ehefrau, sondern sogar die Steinigung von Frauen im Fall der Untreue.

Zum Beispiel dieser Mann: Abdulkarim Grimm, ein ehemaliger Seemann aus Hamburg, der in Kamerun zum Islam konvertierte und inzwischen verwoben ist ins Netz radikaler Islamisten. In einem Internetforum schreibt er auf die Fragen: Warum wird Ehebruch bestraft? Muß es die Steinigung sein? Zitat:
"Die Schwere und weitreichende Konsequenz eines Ehebruchs rechtfertigt die drakonische Strafe auf jeden Fall."

Steinigung als gerechte Strafe? Wir wollten Abdulkarim Grimm dazu befragen, aber ein Interview mit Kontraste lehnt er ab.

So sieht das aus. Das Video einer öffentlichen Steinigung im Iran. Die Opfer werden in Säcke geschnürrt und eingegraben, damit sie nicht weglaufen können.

Dagegen mobil macht die internationale Gesellschaft für Menschenrechte mit Sitz in Frankfurt. Sie sammeln Unterschriften, auch für diese Frau: Amina Lawal. Sie war in Nigera verurteilt worden, weil sie über zwei Jahre nach ihrer Scheidung ein Mädchen zur Welt gebracht hatte.

In den Augen der Scharia Richter war das Ehebruch und der müsse nach islamischem Recht bestraft werden - mit dem Tod unter Steinen.

Amina Lawals Hinrichtung sollte Anfang diesen Jahres stattfinden, aber wegen des internationalen Drucks hoben die Scharia Richter das Urteil vorerst auf.

Die internationale Menschenrechtsorganisation IGFM hatte in Deutschland vor allem auch muslimische Vereine und Verbände um Unterstützung gebeten. Die meisten äußerten sich klar gegen Steinigung. Doch der einflussreiche Dachverband, der Zentralrat der Muslime in Deutschland kritisierte zwar Formfehler im Verfahren von Amina Lawal, wollte sich aber nicht grundsätzlich gegen Steinigung aussprechen.

Martin Lessenthin:
"Diese Reaktion hat uns sehr enttäuscht. Sie ist eine Reaktion des Beharrens auf Steinigung, zumindest im Theoretischen. Der Zentralrat schein nicht bereit zu sein, sich international für steinigungsbedrohte Menschen einzusetzen und generell gegen diese barbaristische Form der Tötung, die Folter, Entwürdigung und Tötung in einem ist, sich dagegen einzusetzten."

Dr. Nadeem Elyas ist Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland. Er wird von Politikern und kirchlichen Würdenträgern als der Dialogpartner anerkannt.

Ihn wollten wir zur Steinigung befragen, aber ein Interview mit Kontraste lehnt Elyas ab.

Serap hat die Brutalität ihres Ehemannes öffentlich angeprangert und verurteilt. Nun lebt sie in Angst. Sie ist schon mehrfach bedroht worden - von Islamisten in Deutschland.

Auf der Homepage der islamistischen Gemeinschaft in Deutschland kann man das Buch über das Prügeln von Frauen kaufen.

Quelle (http://www.kontraste.de/0406/manuskripte/txt_scharia.html)

Auf dass der/die Eine oder Andere ohne Brett vorm Kopf das zur Kenntnis nehmen möge... :rolleyes:

Perry27
14.05.2004, 12:34
Tschuldigung Carlo, die Bemerkung war mir so rausgerutscht. Werde auch nichts mehr posten, denn ich habe mich innerlich absolut festgelegt, und das ließe sich nicht ohne massivste Emotion ausdrücken. Lesen werde ich aber, will ja sehen, wie's um Pappenheim steht.
Viel Glück und Erfolg bei der weiteren wertfreien Betrachtung und das ist ehrlich gemeint.:) Nur - ich könnte das nimmer.

schloss
14.05.2004, 16:02
Zu den Errungenschaften:

Die Moslems haben Europa die Zahlen gebracht incl. der Null und ihrer mathematischen und philosophischen Bedeutung als Nichts und gleichzeitig als Voraussetzung für die Potenzen im Dezimalsystem (aus 1 und 0 wird 10).

Wir würden heute noch mit römischen Zahlen rechnen (ein X für ein U vormachen), und hätten nie sowas wie ne Börse oder nen Computer erfinden können... ;);)

Nebenbei brachten sie auch das Ursache-Wirkungs-Prinzip aus Asien mit, den (Yin-Yan) Dualismus, die Kräutermedizin von Ibn Sidna (Kanon der Medizin geschrieben um 1030 n.Chr.) war bis ins 19 Jhd. ein Standardwerk der europäischen Universitäten. Zum Glück versuchen Schulmedizin und Pharmaindustrie nun all dies neu zu erfinden (und "rentabel" zu machen).

Das ist nur eine kleine Reihe hier, könnte beliebig fortgesetzt werden.

Trüffelschwein
15.05.2004, 01:08
@schloss:

Diese Errungenschaften will ich dem Islam auch nicht absprechen (obwohl: kommen die "arabischen" Zahlen nicht in Wirklichkeit aus Indien, und war das nicht schon vor Mohammed? :confused: ).

Aber das alles war weit vor den letzten 200 Jahren - und von denen rede (nicht nur) ich.

Ich finde es übrigens bemerkenswert, daß die erste Tat Mohammeds nach seiner "Erleuchtung" ein Raubüberfall war...

Wenn ich die Rückständigkeit der Muslims kritisiere, heißt das noch lange nicht, daß ich alle unsere westlichen Errungenschaften positiv beurteile. Was die westlichen Industriestaaten - allen voran die USA - mit der Umwelt anstellen, ist völlig inakzeptabel und wird in spätestens 50 Jahren das völlige Umkippen des Klimas verursachen.

Leider habe ich nicht den Eindruck, daß uns die islamischen Staaten wenigstens auf diesem Gebiet als Vorbild dienen können.

mfabian
15.05.2004, 04:16
Um hier zunächst mal die Diskussionsgrundlage klarzustellen:

Die "arabischen Zahlen" stammen tatsächlich aus Indien. Aber es war Babylon (Irak), das die Zahl Null erfand und somit das Dezimalsystem ermöglichte. Auf deren Konto geht übrigends auch die Erfindung des Rades.

Aber ich muss trotz aller Meinungsverschiedenheit Trüffelschwein recht geben, dass das alles weit älter als 200 Jahre ist ;)

Wir sprechen hier von einigen tausend Jahren vor Christus.

Nun, als wir den EU-Beitritt Griechenlands diskutierten, sprachen wir ja auch nicht vom griechischen Weltreich unter Alexander dem Grossen, von Archimedes, Pythagoras und Sokrates sondern von der hohen Arbeitslosigkeit heute, dem Verfall der Akropolis, der Luftverschmutzung in Athen und Piräus und den Marktpreisen von Rosinen (um die wichtigsten zu nennen).

Insofern war es also sinnvoll von Trüffelschwein, den Zeitrahmen vorzugeben. Und auch das Wort "technisch" bei den Errungenschaften wurde von mir (nicht Trüffelschwein) unfairer Weise in die Diskussion eingeschmuggelt.

Also, was bleibt?

Sind die Araber faul, dumm, arrogant oder alles?

Ein guter Bekannter von mir, der seit Ewigkeiten Spitäler in aller Herren Länder baut hat's so formuliert: Die Lybier sind dumm und faul, die Saudis sind dumm und arrogant.

Ob's stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber das bringt uns vorerst nicht weiter ;)

Bleibt also die Gretchenfrage: Was für Errungenschaften hat uns Arabien (oder weiter gefasst: die islamische Welt) in den letzten 200 Jahren gebracht?

Technische Errungenschaften können wir vergessen. Da gibt's nix. Zwar wurden im Libanon gute Fortschritte beim Züchten von Palmen erzielt aber das interessiert hier keine Sau. Vor allem, weil die libanesischen Palmen pro Jahr etwa $2000 Unterhalt kosten (Wasser und Dünger)

Kulturelle Errungenschaften? Nun, darüber lässt sich streiten. Der Islam beschützt die Frauen. Frauen sind im Islam heilig. Aus diesem Grunde reagieren die muslimischen Völker auch viel zorniger auf die Verhaftungen und Vergewaltigungen von Frauen im Irak als auf z.B. die Folter und Ermordung eines Mannes.
Was die wenigsten wissen: Konkreter Anlass für den Aufstand in Falludjah war die Verhaftung einer Frau!
Aus unserer westlichen Sicht ist aber das, was die Muslims als "Schutz" für die Frau betrachten ein Käfig (wenn auch manchmal ein goldener), der als Einschränkung und Bevormundung betrachtet wird.
Fazit: Ansichtssache, Pattsituation

wirtschaftliche Errungenschaften? Ja, da schon eher: Die Vereinigten arabischen Emirate und Bahrein verlangen keine Steuern, was für mich als steuergeplagten Eidgenossen paradiesisch klingt. Auch haben die arabischen Nationen den Wert des Goldes nie aus den Augen verloren (Gründung einer islamischen Gold- und Silber gedeckten Währung: islamic Mint) während wir dummen Schweizer, Deutsche und Franzosen unsere Goldschätze für 'n Appel und Ei verhökern.

politisch/wirtschaftlich lässt sich noch anfügen, dass man in diesen Ländern mit guten Geschäftsideen noch etwas erreichen kann. Firmengründung innert 48 Std. mit einem Kapital von €1000 und Büromiete ab €90/Mt. während hierzulande die bürokratischen Strukturen derart festgefahren sind ....

Politisch ist's wiederum Ansichtssache: Die meisten arabischen Länder sind Diktaturen bzw. - höflicher ausgedrückt - Scheichtümer. Will heissen: Wenn der Scheich befiehlt, dass von A nach B eine 12 spurige Autobahn gebaut wird, dann wird die morgen gebaut. Punktum.
Bei uns ist das anders, da behindert der demokratische Prozess oft ein effizientes Vorwärtskommen.

--

Vielleicht mal aus meiner Froschperspektive als selbständiger Informatiker:

In der Schweiz sehe ich keine Zukunft. Also auswandern. Aber wohin?

Konkrete Angebote habe ich aus Grossbritanien (besonders Schottland), Kanada, USA (NYC, Atlanta, Kalifornien) und Arabien (Lybien, Jordanien, Saudi Arabien).

Wohin soll ich gehen?

Kanada und England sind mir zu kalt und Amerika ist mir zu gefährlich (mehr Waffen als Menschen). Ausserdem passt mir die politische Situation in den USA nicht und die Kriminalität ist zu hoch.

Die arabischen Länder bieten da schon bessere Aussichten:
Die muslimische Tradition gebietet es jedem Erwachsenen, Kindern zu helfen. Wenn meine 7 Jahre alte Tochter in Amerika irgendwo verloren ginge, würde ich wohl Blut und Wasser schwitzern. Schliesslich gibt es dort zuviele Verrückte, zuviel Gewalt gegen Kinder als dass man ruhig sein könnte. In den Staaten werden immerhin pro Tag 9 Kinder erschossen!

Anders in muslimischen Ländern: Die Religion gebietet, Kinder zu beschützen und darauf kann man sich auch verlassen. Als sich meine Kleine in Aegypten und Dubai selbständig gemacht hat, war ich mir sicher, dass ihr nichts passieren konnte. Und so war es dann auch: Ein Kleinkind (in Aegypten war sie 3) ohne Eltern wird vom nächst besten Aegypter angehalten und der hält sie so lange an der Hand, bis Papi oder Mami gefunden sind.

Ich weiss nicht, ob Du, Trüffelschwein, es als "Errungenschaft" betrachtest, wenn ein Volk besonders kinderfreundlich, familienfreundlich ist und durch seine strenge Religion Massstäbe setzt, die Kriminalität auf einen Punkt nahe Null setzt. Aber für mich ist das ein wichtiger Punkt. Die niedrige Kriminalitätsrate in arabischen Ländern ist für mich ausschlaggebend dafür, wo ich zukünftig mit meiner Familie leben möchte. Es muss möglich sein, auch nach Einbruch der Dunkelheit sich im Freinen aufzuhalten. Auch ohne Schrotflinte. Und auch alleine als Frau oder als Kind.


Ist das gegeben?
In muslimischen Ländern immer.
In der Schweiz/Deutschland? Je nach Gegend
In Amerika? Schwamm drüber.

Marcus

Trüffelschwein
15.05.2004, 23:53
Hallo Marcus,

herzlichen Dank für Deine Klarstellungen und Deinen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion!

Nur:Der Islam beschützt die Frauen. Frauen sind im Islam heilig.Öhm, also, naja, Du hast dann später das noch ein wenig relativiert mit dem "goldenen Käfig", aber ist Dir möglicherweise Beitrag #89 entgangen?

Ich kann jetzt leider keine Quelle dafür angeben, aber ich erinnere mich an Berichte, daß Araber meist ihre Kamele besser behandeln als ihre Frauen. Ich wage auch die Behauptung, daß der Zorn wegen der Vergewaltigungen eher etwas mit der Verletzung von Besitzansprüchen als dem Mitgefühl gegenüber den Frauen zu tun hat. Aber das ist natürlich ein subjektives Empfinden und nicht belegbar.

Belegbar ist jedoch das in #89 genannte. Darüber hinaus gibt es ja nun auch die Islam-spezifische Problematik der Klitoris-Verstümmelungen, die Möglichkeit seitens des Ehemanns, einseitig ohne Formalitäten die Ehe zu lösen, was die betroffene Frau meist in extreme Not bringt, und, und, und.

In Anbetracht dieser Tatsachen kann man ja nun wirklich nicht davon sprechen, daß der Islam die Frauen beschützt. Wie kommst Du nur darauf???


Zur Steuer:
In Alaska (USA!) gibt es auch keine Einkommensteuer, also ab nach Anchorage! ;)

Zur Kriminalität:
Ich glaube, das kann man nicht für das ganze Land verallgemeinern. Im Mittleren Westen der USA gibt es auch Gegenden, in denen es nicht üblich und nötig ist, die Haustür abzuschließen. Unter den Großstädten dürfte Salt Lake City (übrigens mit einer interessanten Software-Industrie dort) eine akzeptable Kriminalitätsrate haben, was höchstwahrscheinlich mit der stärkeren religiösen Bindung der Mormonen dort zu tun hat.

Und da liegt wohl der Hase im Pfeffer: In muslimischen Ländern spielt die Religion eine größere Rolle als in den westlichen Ländern. Der damit verbundene autoritäre Druck führt sicherlich zu einer geringeren Kriminalität. Nichtreligiösen autoritären Druck gibt es übrigens in Singapur, wo die Kriminalitätsrate auch recht niedrig ist.

Leider betrifft die höhere Sicherheit nur Muslims. Meines Wissens sind beispielsweise die philippinischen Fremdarbeiter in Saudi-Arabien keineswegs sicher, insbesondere wenn sie weiblichen Geschlechts sind.

Als Schweizer hat man es da wohl etwas besser, aber generell sind Ausländer dort Menschen zweiter Klasse und vor Übergriffen kaum geschützt. Da haben es Türken bei uns besser

Also dann viel Spaß dort...

syracus
16.05.2004, 12:21
Friday, May 07, 2004

630 killed in Nigeria ethnic clash

YELWA (Nigeria) — Sectarian tensions were on the rise in central Nigeria yesterday as a Nigerian Red Cross team confirmed that 630 people had been killed when Christian ethnic militiamen attacked a mainly Muslim town.

Rescuers and reporters found a fresh 50 by 10 metre burial plot behind a traditional chief’s house in Yelwa, a rural community in a strife-torn region of central Nigeria which was attacked late on Sunday by heavily armed militants.

“We buried over 630 people. Some people were buried in their backyards. They just attacked us because we are Muslims,” said Yakubu Haruna, Yelwa’s 35-year-old local councillor, to general agreement from onlookers.

“The figure is correct. All the bodies were gathered at the traditional leader’s house and then were buried behind it,” Umar Abdu Mamairiga, the Nigerian Red Cross’s national disaster management officer, said.

“They are talking about 630, but there might be more given the number of wounded,” he added. A previous official toll for the fighting had been 67, and a police officer at the scene played down the local people’s claims.

It was clear that whatever the final toll, something terrible had happened in Yelwa late on Sunday when it was stormed by gunmen from the Tarok ethnic group, the Christian rivals of the town’s mainly-Muslim residents.

Ten fresh plots, still stinking of recent deaths, lay side-by-side in a walled compound, overshadowed by a water tower behind the chief’s house that serves as a meeting place in Yelwa, a mainly Muslim market town.

In the streets lay spent 7.62 millimetre cartridge cases of the kind used in Kalashnikov assault rifles, which Yelwa residents said were used by the gang.

Large numbers of heavily armed police have now been drafted into the area, but yesterday was the first day that Red Cross rescue officials could safely visit. They were immediately called upon to treat the wounded.

Among the dozens of young men that queued to see their bullet and machete wounds bandaged were a baby that had been shot through the foot and another with its jaw smashed. Houses and an old mosque were burned out. — AFP

quelle (http://www.timesofoman.com/newsdetails.asp?newsid=56124)

Frieden :rolleyes:?

syr

syracus
16.05.2004, 12:31
Original geschrieben von Trüffelschwein

Belegbar ist jedoch das in #89 genannte. Darüber hinaus gibt es ja nun auch die Islam-spezifische Problematik der Klitoris-Verstümmelungen, die Möglichkeit seitens des Ehemanns, einseitig ohne Formalitäten die Ehe zu lösen, was die betroffene Frau meist in extreme Not bringt, und, und, und.


Zur Aufklärung (bevor man unterstellt, bitte richtig informieren :p..). Was nich heisst, das ich es gut heisse.

Frauenbeschneidung

Waehrend die Beschneidung von Knaben und Maennern eine Sunna ist, die bis zu den Propheten Abraham, Ismail und Isaak zurueckgefuehrt wird, ist die Beschneidung von Maedchen und Frauen eine Sitte, die aus Afrika stammt, wo sie schon in altaegyptischen Schriften belegt ist , und deren urspruenglicher Sinn nicht mehr eindeutig ermittelt werden kann, im Gegensatz zur Knabenbeschneidung, die ein Zeichen des Bundes mit Allah war und bestimmte hygienische Vorzuege hat. Im groessten Teil der islamischen Welt ist die Maedchenbeschneidung voellig unbekannt, waehrend sie dort, wo sie verbreitet ist, weitgehend unabhaengig von der Religionszugehoerigkeit (zum Beispiel auch bei aegyptischen Christen) praktiziert, aber dennoch oft als "islamische Sitte" angesehen wird.

Wie weit diese Sitte zur Zeit des Propheten (a.s.s.) (Fn1)) auf der arabischen Halbinsel verbreitet war, laesst sich schwer einschaetzen. Dass sie nicht voellig unbekannt war, wird aus einer Ueberlieferung deutlich, nach der der Prophet (a.s.s.) eine Beschneiderin ermahnt haben soll: "Schneide aber nicht zu viel ab; das ist besser fuer die Frau." Wenn die Maedchenbeschneidung weit oder gar allgemein verbreitet gewesen waere, dann gaebe es sicher reichhaltigere und deutlichere Ueberlieferungen diesbezueglich. Offensichtlich geht es hier aber nur um die Gewohnheiten eines Teils der heterogenen Bevoelkerung des damaligen Medina, nicht genug, um als Sunna bezeichnet zu werden, und die Aussage des Propheten (a.s.s.) beinhaltet allenfalls eine tolerierende Einschraenkung, keinesfalls aber eine Empfehlung.

Mit der Ausbreitung des Islam wurden Volksbraeuche nur dann abgeschafft oder abgeaendert, wenn deutlich wurde, dass sie islamischen Prinzipien widersprachen. in diesem Fall bedeutet es, dass die Sitte da bestehenblieb, wo fuer die Betroffenen selbst kein Widerspruch zu islamischen Prinzipien erkennbar war, und im Laufe der Zeit wurde sie, zusammen mit der einschraenkenden Bemerkung des Propheten (a.s.s.), ein integraler Bestandteil des Brauchtums und der Rechtsvorstellungen dieser Voelker, der durchaus auch von Frauen mitgetragen wird, die darin eine Betonung ihrer Weiblichkeit sehen.

Ein schwerwiegender Einwand dagegen ist der, dass aus islamischer Sicht Maenner und Frauen grundsaetzlich im Rahmen des Moeglichen ein Recht auf sexuelle Befriedigung haben und sich nach der Lehrmeinung der meisten Rechtsschulen Frauen ohne weiteres aus einer unbefriedigenden Partnerschaft loesen koennen. Einige Formen der Beschneidung erschweren die Befriedigung sehr, andere machen sie ganz unmoeglich, und wieder andere machen sowohl den Geschlechtsverkehr als auch die Geburt von Kindern zu einer groesseren chirurgischen Aktion. Der Widerspruch zu den islamischen Prinzipien ist offensichtlich. Hinzu kommen bei den schwereren Formen der Beschneidung noch aberglaeubische Vorstellungen, die im Islam keinen Platz haben.

Somit wurde die Maedchenbeschneidung auch immer wieder verboten, sowohl von Gelehrten und muslimischen Behoerden als auch von nichtmuslimischen Kolonialverwaltungen. Dies traf allerdings auf den Widerstand der Bevoelkerung, sowohl der Maenner, die nicht bereit gewesen waeren, eine unbeschnittene Frau zu heiraten, weil sie von ihr eine Neigung zur Treulosigkeit erwarteten, als auch der Frauen, die eine unbeschnittene Frau eher fuer einen "halben Mann" hielten, und natuerlich der Hebammen, die solche Eingriffe gegen Bezahlung durchfuehrten. Die Praxis verlagerte sich vor allem bei den aermeren Bevoelkerungsschichten immer mehr in den Untergrund, wo durch Unwissenheit und primitive, unhygienische Mittel schwere Komplikationen hinzukommen, die eine hohe Sterblichkeitsrate unter den Maedchen und Frauen infolge des Eingriffs oder im Zusammenhang mit einer Geburt zur Folge haben. Der Trend zur Beschneidung und auch zu den schwereren Formen davon scheint sich trotzdem vor allem da zu verstaerken, wo man sie zusammen mit anderen Praktiken als Massnahme gegen die "westliche Sexwelle" sieht.

Mit Verboten ist es also offensichtlich nicht getan. Notwendig ist die Bildungs- und Aufklaerungsarbeit. Diese kann im Bereich von Anatomie, Physiologie und Hygiene liegen, vor allem fuer die Hebammen, mit einem betonten Hinweis auf die erwaehnte Aussage des Propheten (a.s.s.), um wenigstens die schwersten Schaeden zu vermeiden. Darueberhinaus muessen die Muslime aber langfristig wieder zum Menschenbild von Qur'an und Sunna zurueckfinden und die Grundlagen fuer eine islamische Sexualethik verstehen, sonst sind alle Verbote und Anatomiekurse nichts weiter als die Behandlung von Symptomen einer an sich kranken Gesellschaft.

Halima Krausen

Fn1: 'alaihis-salatu was-salam = salla-l-lahu 'alaihi wa-sallam. Auf Deutsch "Allah segne ihn und schenke ihm Heil!" Wird von Muslimen bei der Nennung des Propheten Muhammad ehrend hinzugefuegt.

Christlich-Islamische Gesellschaft e.V. (http://www.chrislages.de/baseframe_return.htm)

Oder wie aus Stammtischwissen "tatsächliche" Vorurteile werden. Oder was haben die Ägypter mit den Muslims auf sich?

syr

syracus
16.05.2004, 12:45
15. September 2001

Angriff auf Amerika

Schiesst euch nicht auf jeden Muslim ein!

Der «Grosse Satan» ist der Fanatismus

Von Amos Oz Der israelische Schriftsteller Amos Oz bezeichnet die entsetzlichen Verbrechen von New York und Washington als Taten von Fanatikern, denen der Zweck jedes Mittel heiligt. Gleichzeitig warnt er davor, angesichts der Attacken nun generell die Muslime als Extremisten zu betrachten und den Extremismus im eigenen Kulturkreis zu ignorieren.

Eine Flutwelle von religiösem und nationalistischem Fanatismus rauscht durch die ganze islamische Welt, von den Philippinen über den Gazastreifen nach Libyen und Algerien, von Afghanistan, Iran und dem Irak bis nach Libanon und in den Sudan. Hier in Israel schlägt uns diese Woge seit längerer Zeit entgegen: Fast täglich erleben wir die Verknüpfung zwischen hasserfüllter Aufhetzung und Massenmorden, zwischen religiösenPredigten, die den Jihad feiern, und deren Konsequenzen in Form von Selbstmordattentaten und Autobomben gegen unschuldige Zivilisten.

Ein langer, schwerer Kampf

Dass wir die Opfer von arabischem und muslimischem Fanatismus sind, macht uns oft so blind, dass wir dazu neigen, den Anstieg des chauvinistischen und religiösen Extremismus nicht nur im Bereich des Islam, sondern auch in verschiedenen Teilen der christlichen Welt und sogar im jüdischen Volk zu ignorieren. Wenn sich herausstellt, dass das furchtbare Geschehen in Amerika darauf zurückzuführen ist, dass fanatische Mullahs und Ayatollahs es hartnäckig als den «Grossen Satan» porträtieren - dann müssen sich sowohl Amerika als auch der «Kleine Satan» Israel auf einen langen, schweren Kampf gefasst machen.

Es ist vielleicht nur menschlich, dass hinter dem Schock und dem Schmerz in einigen von uns hier in Israel immer noch eine leise Stimme sagt: «Jetzt werden sie endlich alle verstehen, was wir durchmachen» oder «jetzt werden sie endlich alle auf unserer Seite sein». Doch diese leise Stimme ist äusserst gefährlich für uns: Sie könnte uns leicht dazu verführen, dass wir vergessen, dass es mit oder ohne islamistischen Extremismus, mit oder ohne arabischen Terrorismus überhaupt keine Rechtfertigung für die anhaltende Besetzung und Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch Israel gibt. Wir haben kein Recht, den Palästinensern ihr natürliches Recht auf Selbstbestimmung vorzuenthalten. Zwei riesige Weltmeere vermochten Amerika nicht vor dem Terrorismus zu bewahren: Westjordanland und der Gazastreifen, beide israelisch besetzt, machen Israel bestimmt nicht sicher - im Gegenteil, sie machen unsere Selbstverteidigung viel schwieriger und komplizierter. Je früher diese Besetzung endet, desto besser für die Besetzten wie für die Besetzer.

Es ist viel zu einfach und zu verlockend, jetzt in alle Arten von rassistischen Klischees über die «muslimische Mentalität» oder den «arabischen Charakter» und ähnlichen Blödsinn zu verfallen. Das entsetzliche Verbrechen von New York und Washington ist eine harte Mahnung, dass wir es hier nicht mit einem Krieg zwischen Religionen, auch nicht mit einem Kampf zwischen Nationen zu tun haben. Hier geht es, einmal mehr, um den Kampf zwischen Fanatikern, denen der Zweck - jeder Zweck, sei er religiös, nationalistisch oder ideologisch - die Mittel heiligt, und uns übrigen, die das Leben selber für heilig halten.

Den Tätern nicht in die Hände spielen

Trotz den abscheulichen Äusserungen von Jubel und Freude in Gaza und Ramallah, während in New York noch Menschen lebend verbrannten - kein anständiger Mensch soll vergessen, dass eine beträchtliche Mehrheit von Arabernund Muslimen weder Komplizen des Verbrechens sind noch sich darüber freuen. Fast alle von ihnen sind so entsetzt und bedrückt wie der Rest der Menschheit. Vielleicht haben sie sogar noch einen besonderen Grund zur Sorge, sind doch da und dort bereits einige hässliche Töne von wahllosen anti-islamischen Gefühlen zu hören. Solche Kundgebungen sind keine angebrachte Reaktion auf dieses Verbrechen - im Gegenteil, sie spielen den Tätern direkt in die gierigen Hände.

Denken wir daran: Weder der Westen noch der Islam oder die Araber sind der «Grosse Satan». Der «Grosse Satan» ist die Verkörperung von Hass und Fanatismus. Diese beiden uralten Geisteskrankheiten wüten noch immer unter uns. Wirwollen sehr aufpassen, dass wir uns nicht anstecken.

Neue Zürcher Zeitung

Quelle (http://www.nzz.ch/dossiers/2001/usa/2001.09.15-al-article7NEP5.html)

syr :rolleyes:

syracus
16.05.2004, 12:48
Islam – eine Religion der Gewalttätigkeit?

Missbrauch von Religion durch politische Extremisten

Von Arnold Hottinger, September 01

Die Terrorwelle, die in dieser Woche gegen Amerika gebrandet ist und deren Urheber nach sich verdichtenden Indizien wahrscheinlich aus der islamischen Welt stammen, verstärkt die Tendenz, Muslime pauschal in ein negatives Licht zu rücken. Der Hass extremistischer islamistischer Gruppen auf Amerika hat nach Meinung des Autors jedoch viel mehr mit politischen und sozialen Motiven zu tun als mit Religion.

Je tiefer die Ungeheuerlichkeit der jüngsten Terroranschläge einsinkt und je deutlicher sich abzuzeichnen scheint, dass die Urheber aus der islamischen Welt stammen dürften, desto mehr wächst die Versuchung, Pauschalurteile über die islamische Religion oder wenigstens über die im Zeichen dieser Religion lebenden Gesellschaften zu fällen. Es gibt historische, politische, kulturelle Gründe, die in westlichen Gesellschaften ein negatives Vorurteil gegen «den Islam» begünstigen; so viel wusste man schon vor den jüngsten Anschlägen. Ihre Wirkung droht nun solche Vorurteile weiter zu festigen und zu bestärken.

Die Doktrin vom «heiligen Krieg»

In Wirklichkeit aber hat sich jede Weltreligion, gerade auch die christliche, unter bestimmten historischen und sozialen Umständen und Bedingungen als höchst gewalttätig erwiesen, nicht weil die Religion gewalttätig oder friedlich wäre, sondern weil die Menschen, die den Religionen anhängen, leicht aggressiv werden können. Es wäre etwa darauf hinzuweisen, was den Völkern geschah, die vor der Ankunft der «Christen» die beiden amerikanischen Kontinente bewohnten. Oder was die Juden im «christlichen» Europa erlitten. Kann man aber behaupten, wenn man auf die blosse Lehre schaut, dass die muslimische Doktrin den «heiligen Krieg» lobe und fördere, die christliche hingegen die Demut und «die andere Wange» hinhalte? Das dürfte nach der Doktrin, gewissermassen als Ideal zutreffen, allerdings mit der Einschränkung, dass die muslimische Lehre vom heiligen Krieg (Jihad, was eigentlich «Anstrengung» bedeutet) als Doktrin sehr genau umschrieben und eingeschränkt ist. Einen echten Jihad kann es nach dieser Lehre nur geben, wenn ein wirklicher Kalife existiert oder wenn die Gläubigen angegriffen werden. Sehr oft wird ein falscher, religiös nicht berechtigter Jihad, aus politischen Gründen ausgerufen.

Die politischen Beweggründe und die religiösen lassen sich im Islam schwer auseinanderhalten – wie dies früher, vor dem Sieg der Aufklärung, in Europa auch der Fall war. Staat und Religion, Thron und Altar, stützten damals einander, und sie tun es immer noch im Islam. Das bringt es mit sich, dass Politik und Religion enger aufeinander einwirken, als dies in den europäischen Regimen der Nachaufklärungszeit der Fall zu sein pflegt, welche Staat und Religion so weit als möglich zu trennen suchen. Ausserdem kennt der Islam keinen Papst, der ex cathedra sagen könnte, was orthodoxer Islam sei und was nicht. Die Gelehrten (im Plural) erfüllen diese Funktion. Doch wer genau sind die Gelehrten? Sie können jedenfalls verschiedener Meinung sein.

Das alles zusammengenommen bewirkt, dass es muslimische Gruppen gibt oder solche, die sich muslimisch nennen, die tatsächlich politische oder kriegerische Ziele anstreben, sich selbst dabei aber nicht als Politiker, Krieger oder Terroristen ansehen, sondern als gute Muslime, ja als die einzig Rechtgläubigen einschätzen und gebärden. Solche Gruppen entwickeln manchmal eine ausgesprochen sektiererische Mentalität. Wozu ein bestimmter Gruppenfanatismus gehört, wie er auch in christlichen Sekten vorkommt, der bis zur Selbstaufopferung für die Ziele der Sekte oder Gruppe gehen kann.

«Amerika» als Symbol

Wie aber kommt es zum Hass solcher Gruppen auf das ferne Amerika? Er geht viel mehr auf politische und soziale Ursachen zurück als auf theologische. Nur eben, dass die beiden im Islam sich sehr leicht vermischen. Es gibt ausgesprochene Unglückszonen in der muslimischen Welt, in denen Staat und Politik, so wie sie sind, alle Hoffnungen und Zukunftsaussichten, ja das tägliche Brot der Bevölkerungen zugrunde gerichtet haben und sie auf alle absehbare Zukunft hinaus weiterhin zerstören werden. Zu diesen Unglückszonen, in denen die Verzweiflung täglich wächst, sind Palästina zu rechnen, der Irak und Afghanistan.

Amerika war in die Politik aller drei Zonen tief involviert: in Afghanistan als Waffen- und Geldlieferant während des Guerillakriegs gegen die Sowjetunion sowie später, zusammen mit und unter dem Einfluss von Pakistan, mindestens in der Anfangsphase (1993/94) durch die gewaltsame Einsetzung der Taliban als Träger der Herrschaft über das Unglücksland; im Irak als Hauptgegner im Krieg um Kuwait von 1990/91, dann als Hauptprotagonist des Embargos, das seither andauert und das Saddam Hussein erlaubt hat, seine brutale Herrschaft über das Land zu stabilisieren, weil er in der Lage ist, seiner Bevölkerung durch die Inflation die Kosten des Embargos aufzubürden, während er seine Schergen und andere Stützen des Regimes über die Inflation hinaus kompensiert und sie im Luxus schwelgen lässt.

Schliesslich in Palästina durch jahrelange einseitige Unterstützung der Israeli in einem ungleichgewichtigen siebenjährigen Friedensprozess, der in den Augen der Palästinenser immer mehr auf ein Friedensdiktat der von den Amerikanern gestützten Israeli hinauslief, welchem sie sich – nach erfolgreicher Provokation durch Ariel Sharon – zum Schluss nicht mehr fügen wollten.

Die sektiererischen islamistischen Radikalen hatten zuerst ihre Aktivität gegen ihre eigenen Regierungen gerichtet und diese sogar im Fall von drei Staaten – Iran, dem Sudan, Afghanistan, im letzten Falle mit Hilfe der Amerikaner und Pakistaner – zu Fall gebracht. Doch Leute wie Usama bin Ladin haben einen neuen Feind hinter den eigenen Regierungen ausgemacht (schon Khomeiny ortete ihn als den grossen Teufel): Amerika, die einzige Supermacht, von der alles abzuhängen und auszugehen scheint.

Ein Feindbild der Ohnmächtigen

Dieses Feindbild findet emotionale Zustimmung gerade in den Elendsgebieten, wo die Bevölkerung kaum mehr eine Hoffnung auf politische und soziale Besserung ausmachen kann. Der Gesamtrahmen ihres Lebens und ihrer Umwelt müsse radikal geändert werden, so empfindet sie, unter den Bedingungen ihres Elends, wenn nötig mit Blut, dem eigenen und dem aller anderen. Dies sind die Zonen, in denen man einen reichen Vorrat an zum Selbstmord bereiten Attentätern zu finden vermag. Wer aus politischen Emotionen hinaus zum Selbstmord bereit ist, fragt nicht nach der Zahl der anderen Opfer, die seine Untat hervorbringt, im Gegenteil.

All dies sind politische und soziale Phänomene und Irrwege, auch wenn sie in einem islamischen Gewande einherkommen. Ihre Beweggründe sind nicht islamischer, religiöser Natur, ihre Ziele auch nicht, sondern sie gehen auf eine politische und gesellschaftliche Ausweglosigkeit zurück, die sich in Gewalt gegen die eigene Person und alle anderen, am liebsten die Mächtigsten dieser anderen, entlädt.

Wenn die Angegriffenen in ihrer Bestürzung die Angreifer einfach als «Muslime» ansehen und gegen alle Muslime in Wort und Tat reagieren, begehen sie einen schweren Fehler. Denn ihre falsche Reaktion auf den Angriff der Sektierer läuft dann Gefahr, ihnen nicht nur die Sektierer, sondern die Muslime in ihrer Gesamtheit zu Feinden zu machen. Falls die Angegriffenen wenig diskriminierend auf «die» Muslime schlechthin zurückschlagen sollten, würden sie die Elendszonen, welche die Selbstmordterroristen hervorbringen, stark ausweiten. Es gibt über eine Milliarde Muslime. Von ihnen dürften heute einige tausend den politischen Drahtziehern ihrer Sekten als Selbstmordkandidaten zur Verfügung stehen. Will man ihre Zahl auf Zehntausende oder auf Hunderttausende steigern?

Um das Gegenteil zu erreichen, müsste zweierlei geschehen:

* Erstens, als Symptombekämpfung, Bestrafung der wirklich Schuldigen, nicht aller anderen.

* Zweitens, um das Übel an der Wurzel anzupacken, ein Ende der politischen Doppelzüngigkeit, die von Demokratie redet, aber im Nahen Osten auch undemokratische Machthaber unterstützt und sie sogar einsetzt. Das heisst, weniger Politik des doppelten Masses und mehr Politik echter Gerechtigkeit von Seiten jener, die aus ihren eigenen Interessen – Stichwort Erdöl – heraus nicht umhin können, auf die heute zutiefst desorientierte und daher chaotische Welt der islamischen Völker als Ordnungsmacht einzuwirken.

* Der Autor war langjähriger NZZ-Korrespondent im Nahen Osten. Er lebt in Madrid.

Quelle (http://www.fro.at/sendungen/islam/Hottinger.htm)

syr:sss

syracus
16.05.2004, 12:55
How We Can Coexist

Saudi Intellectuals Respond to American intellectuals

A little while ago, educated people had been discussing a paper prepared by the Institute for American Values entitled "What We're Fighting For" which was signed by sixty American intellectuals. It centers on a number of issues, among the most important of which is to explain the morality behind America's war on what they call terrorism and to call the Muslims to stand with them, adopt American values, and fight against what they describe as Islamic radicalism.

We welcome dialogue and exchange. Dialogue, in principle, is a noble endeavor where we can take a good look at our moral foundations and discuss them with the intent of establishing a more just and equitable relationship between our nations and peoples. From this point of departure, we the signatories to this letter - from the land of the two mosques and the cradle of Islam, the Kingdom of Saudi Arabia - present our point of view as an informed alternative with the intent of establish an atmosphere of mutual understanding that can be adopted by organizations and governments.

The Dialogue

We are firmly convinced that it is necessary for people of knowledge and probity to enjoy a far-reaching depth of vision. Thit will not permit them to pursue choices made by individuals and circles, under the pressure of circumstances, that fail to take ethics and human rights into consideration. Such are the choices that lead societies to perpetual anxiety, deprivation, and inhuman conflict.

The language of their discourse is the language of power. This is a mistake, since making power the language of dialogue tends to permit the forces of conflict to play a difficult and uncertain role in the future.

At this important juncture in history, we call upon unbiased thinkers to engage in earnest dialogue to try and bring about better understanding for both sides that will keep our peoples away from the domain of conflict and prepare the way for a better future for the generations to come who are expecting a lot from us.

We must invite everyone to the process of dialogue that we present to our world, and do so under the umbrella of justice, morality, and human rights, so we can give glad tidings to the world of a process that will bring about for it peace and tremendous good.

To the extent that dialogue is necessary and effective, it must maintain a tone of respect, clarity, and frankness. These are the prerequisites for its success. Dialogue itself can only be built upon such a foundation, and those participating in it must be willing to accept criticism and correction unflinchingly.

Therefore we say clearly and in total frankness that we are prepared to discuss any issue raised by the West, realizing that there are a number of concepts, moral values, rights, and ideas that we share with the West and that can be nurtured to bring about what is best for all of us. This means that we have common objectives. Nevertheless, we, just like you, possess our own governing principles and priorities and our own cultural assumptions.

Our Values and Guiding Principles

There are a number of basic principles and moral values that govern our dealings with other nations. These were set forth fourteen centuries ago by the messenger of Islam, Muhammad. This was before human rights organizations existed and before there was a United Nations with its international charters.

Let us look at some of these:

1. The human being is inherently a sacred creation. It is forbidden to transgress against any human being, irrespective of color, ethnicity, or religion. The Qur'ân says: "We have honored the descendants of Adam." [17:70]

2. It is forbidden to kill a human soul unjustly. Killing a single person is to God as heinous as killing all of humanity, just as saving a single person from death is as weighty as saving the lives of all humanity. The Qur'ân says: "If anyone killed a person except as recompense for murder or spreading havoc in the land, then it would be as if he killed all of humanity. And if anyone saved a life, it would be as if he saved the lives of all humanity." [5:32]

3. It is forbidden to impose a religious faith upon a person. The Qur'ân says: "There is no compulsion in religion." [2:256] A person will not even be considered a Muslim if he or she accepted Islam under duress.

4. The message of Islam asserts that human relationships must be established on the highest moral standards. Muhammad said: "I was only sent to perfect good conduct."

The Qur'ân says: "We sent aforetime our messengers with clear signs and sent down with them the scripture and the balance so the people could establish justice. And We sent down iron wherein is mighty power and many benefits for mankind." [57:25]

We read in another place in the Qur'ân: "God does not restrain you with regard to those who do not fight you on account of your faith nor drive you out of your homes from dealing kindly and justly with them, for God loves those who are just." [60:8]

5. All the resources of the Earth were created for humanity. The Qur'ân addresses this when it says: "It is He who has created for you all that is on the Earth." [2:29]

These resources were only created for human beings to benefit from them within the limits of justice and for the betterment of humanity. Therefore, spoiling the environment, spreading havoc on Earth, perpetrating violence against weaker nations and fighting to wrest from them their wealth and the fruits of their prosperity, is conduct that is reviled by God. In the Qur'ân we read: "When he turns his back, his aim is to spread mischief throughout the Earth and destroy crops and cattle, but Allah does not love mischief." [2:205] and: "Do not make mischief in the Earth after it has been set in order." [7: 56]

6. Responsibility for a crime rests solely upon the perpetrator of that crime. No one may be punished for the crimes of another. The Qur'ân says: "No bearer of burdens must bear the burdens of another." [35:18]

7. Justice for all people is their inalienable right. Oppressing them is forbidden, irrespective of their religion, color, or ethnicity. The Qur'ân states: "And whenever you speak, speak justly, even if a close relative is concerned." [6: 152]

8. Dialogue and invitation must be done in the best possible manner. The Qur'ân says: "Invite to the way of your Lord with wisdom and good preaching and argue with them in the best manner" [16:125]

We believe in these principles, as our religion commands us to. They are the teachings of Muhammad. They agree to some extent with some of the principles that the American intellectuals put forth in their paper. We see that this agreement gives us a good platform for discussion that can bring about good for all of mankind.

The Events of September 11 and their Implications

It is completely unreasonable to turn the tragic events of September 11 into a means of categorizing our world's ideologies, civilizations, and societies. Those attacks were unwelcome to many people in the Muslim world due to the values and moral teachings of Islam that they violated.

At the same time, we find strange the hasty conclusions made about the motivations of the attackers, restricting them to an attack on American society and its universal human values. Without going into a lengthy argument about the matter, we see it as our right and the right of all impartial thinkers, as well as the right of all Americans, to inquire as to why the attackers did not choose some other country that adheres to the same Western values? Why did they not turn their attention to other nations and societies in Asia and Africa that subscribe to idolatrous religions, for they would have been more deserving of attack if the issue with the attackers was to fight against those who disagreed with their values. Moreover, Islam teaches that the Christians are closer to the Muslims than any other people. History tells us that the prophet of Islam, Muhammad, during the early years of Islam, sent a group of his followers to one of the Christian kings of Ethiopia, because his kingdom enjoyed an unparalleled recognition of rights. It also tells us that Prophet Muhammad sent a letter to the Christian king of Rome and one to the Christian king of the Copts. Both letters were received graciously. The Qur'ân speaks about the Christians as being the most morally virtuous in their dealings of all religious societies outside of Islam: "You will find that the strongest among men in enmity to the believers are the Jews and pagans, and you will find that the nearest of them in love to the believers are those who say: 'We are Christians'." [5:82]

Why must we ignore this history and permit a superficial and premature reading of events? This is not all. The laws that Islam came with are there to establish a stable life for both those who believe in it and those who do not. Furthermore, the Qur'ân describes the Prophet Muhammad a "a mercy to all humanity". Yet, when one faction prefers to create a conflict with the Muslims or to ignore their rights, then Islam responds by resistance and self defense, which are among the objectives of jihad. The West must realize that by blocking the specific options and moderate aspirations of the Muslim world and by creating conflicts, they will bring about perspectives in the Muslim world that will be hard to overcome in the future and will create problems for generations to come all over the world.

It is unreasonable to assume that those who attacked the United States on September 11 did not feel in some way justified for what they did because of the decisions made by the United States in numerous places throughout the world. We by no means hold the view that they were justified in striking civilian targets, but it is necessary to recognize that some sort of causative relationship exists between American policy and what happened.

From another angle, if we were to assume that the perpetrators of the September 11 attacks against the United States were the work of some special faction from within Europe, China, or Japan, or even a religious faction of the Jews, would America's decision then have been to subject them and their nations to the type of aggression that they are now confronting the Muslims with? This policy only supplies more evidence to the alleged perpetrators and their sympathizers for their claim that America is oppressing and aggressing against the Muslim world.

The events of September 11 should be an impetus for establishing a new assemblage of international institutions to establish justice and secure people's rights. They are needed to supplant institutions like the United Nations General Assembly and the UN Security Council that were established after the two World Wars to defuse the war between imperious nations. Those institutions failed to realize justice and security for the weaker peoples or protect their countries. Institutions are needed that will not act merely as a theatre for extending the reach of the great powers. How many peoples have become wretched and had their resources stripped away from them by force for the benefit those overbearing powers.

Likewise, those events should make us turn our attention to the fact that exaggerated strength, no matter how many ways it might manifest itself, is never a sufficient guarantee of security. A small group, if they have the will, can cause massive harm and injury to their opponents, no matter how strong those opponents might be.

We have learned from history that power is not the only way to guarantee security, since the types of guarantees that come with sheer power carry with them the seeds of failure and collapse and are always accompanied by resentment and discontent from one side and arrogance from the other. But when those guarantees are built upon justice, then the possibility of their success is far greater.

If the Americans view what happened on September 11 as a turning point for them in how they define their relationship with the Muslims generally, not merely with the group of people that actually carried it out, then can we be blamed when we see that the presence of the Jewish state of Israel on Palestinian land and the control they hold over it through the support of the major powers was and still is a decisive factor in defining and shaping our relationship with the West, as well as with its values and institutions?

Our Position on America

We can easily see today that the Eastern block - Japan and China - seems more alien to the understanding of the Islamic World than does the West. There are many more bridges connecting the Islamic World to the West than there are connecting it to the East. There likewise exist mutually beneficial relationships and common interests between the Muslim world and the West. It should be assumed that the West perceives it in their best interests for there to be balance and stability in the Muslim World and that it knows that the Muslim lands have provided much for them, especially economically. The West is the primary beneficiary of Muslim economic strength.

In spite of this, every individual in the Muslim World perceives that China and Japan have not caused the Muslim World any clear problem, nor have they done anything detrimental to its concerns, countries, and societies. The average Muslim perceives Easterners to be more just, balanced, and more clement than the West. This feeling has been instilled in the minds of the individual members of Muslim society by the West itself.

If the United States sought to withdraw from the world outside its borders and removed its hand from inflammatory issues, then the Muslims would not be bothered whether or not it is a progressive, democratic, or secular nation.

The disagreement between us and American society is not about values of justice or the choice of freedoms. Values, as we see it, are of two types. First there are those basic human values shared by all people, values that are in harmony with the innate nature of the human being and that our religion calls us to. Then there are those values that are particular to a given society. That society chooses those values and gives preference to them. We do not wish to compel that society to abandon them since our religion teaches us that there is no compulsion in religion.

It goes without saying that a number of those values are social preferences that are drawn from their given environment.

Likewise, we do not accept that others can force us to change our values or deny us the right to live by them. We see it as our right - and the right of every people - to make clear to others what we believe in order to foster better understanding between the people of the Earth, bring about the realization of world peace, and create opportunities for those who are searching for the truth.

The United States, in spite of its efforts in establishing the United Nations with its Universal Declaration of Human Rights and other similar institutions, is among the most antagonistic nations to the objectives of these institutions and to the values of justice and truth. This is clearly visible in America's stance on the Palestinian issue and its unwavering support for the Zionist occupation of Palestinian land and its justification of all the Zionist practices that run contrary to the resolutions passed by the United Nations. It is clearly visible in how America provides Israel with the most advanced weapons that they turn against women, children, and old men, and with which they topple down people's homes. At the same time, we see the Bush administration mobilizing its military strength and preparing for war against other countries like Iraq, justifying its actions with the claim that these countries are perpetrating human rights abuses and behaving aggressively towards their neighbors.

This conduct of theirs creates in others a mental image of the United States of America as a nation that respects neither international organizations nor the moral principles upon which democracy rests.

A number of the values mentioned by those American thinkers are not exclusively American values. They come from many sources and represent the contributions of many civilizations, among them the Islamic civilization. Muslims and many others throughout the world do not see these values in America, because those values are effectively concealed by America's actions. The ideal circumstances for cooperation will not be realized as long as American civilization remains in perpetual fear of growing weak or losing its hold on the world, and is perpetually concerned with keeping others from developing, especially the nations of the so-called third world.

Islam and Secularism

The signatories to the American paper focused on the necessity of the separation of church and state, and they considered this to be a universal value that all the nations of the Earth should adopt. We Muslims approach the problem of the relationship between religion and the state differently. Our understanding is to protect the will of the majority and their rights while also protecting the rights of the minority. Islam is a comprehensive religion that has specific laws addressing all aspects of life. It is difficult for a nation to be respected and taken seriously by its people in an Islamic environment without adopting the laws of that religion in general. State adoption of the religion does not mean an infringement on the particular needs of the minorities who live within it or their being forced to abandon their religion and embrace Islam. The idea that there is no compulsion in religion is firmly planted in the Muslim mindset and is clearly stated in the Qur'ân. The separation of church and state that the American thinkers are calling to in their letter shows a lack of understanding of how religion acts as a formative basis for culture in Islamic societies. We see secularism as inapplicable to Muslim society, because it denies the members of that society the right to apply the general laws that shape their lives and it violates their will on the pretext of protecting minorities. It does not stand to reason that protecting the rights of the minority should be accomplished by violating the rights of the majority. We see that the real concern of a religious minority is the protection of its rights and not the violation of the rights of the majority, since infringing upon the rights of the majority is not conducive to social stability and peace, whereas the rights of the minority in Muslim society are protected.

We believe that Islam is the truth, though it is not possible for the entire world to be Muslim. It is neither possible for us to force others to think the way we do, nor would Islamic Law allow us to do so if we were able to. This is a personal choice in Islamic Law. The thing that we have to do is explain the message of Islam, which is a guidance and a mercy to all humanity. However, we are not heedless of the necessities brought about by the present state of humanity and of the need to remove the obstacles that prevent people from properly understanding the message of Islam so they can, if they choose, adopt it of their own free will.

The Muslims have the right to adhere to their religion, its values, and its teachings. This is an option that it will be difficult to try and withhold from them. Nevertheless, what we present is a moderate and balanced understanding and go forward to propagate it, and the West shall see that it is very different than the notions that they have about Islam. This is if the West is truly willing to afford us, our religion, and our abilities proper recognition, or at least willing to study the facts of our religion and our values in a rational and objective manner.

Islam is not an enemy of civilization, but it rejects utilizing the notion of civilization for negative ends. Nor is Islam an enemy of human rights and freedoms, but it rejects transforming freedoms and rights into a tool for conflict just as it rejects relying upon a limited cultural vision as if it is a universal law that must be generally applied to all, forcibly if need be. Continuing to insist upon this vision, even if it is depicted as religiously tolerant, is no less extreme than what goes on in those radical religious groups.

Oppressing others necessarily means that a choice in favor of conflict has been made. It is the catalyst that inflames the strength of resistance, which crates conditions where causing injury to others takes little instigation. The West has to realize that destruction is the least technologically dependant product in the world. It can be produced in countless ways. This will give birth to more forms of radicalism within all societies, including those that adopt separation of church and state. Those might actually turn out to be the most proficient practitioners of this type of extremism.

The Just War and Terrorism

The West often speaks of the problem of terrorism and radicalism. In our view, this problem is a serious one for the world and a number of measures must be taken to deal with it. At the same time, we wish to emphasize the following points that appear to us very reasonable:

First, radicalism is not intrinsically tied to religion. Radicalism can take many forms, political, economic, or ideological. These should be given the same level of attention, because they seek to overturn the moral principles and the systems that secure human rights throughout the world.

Also, religious radicalism is not restricted to one particular religion. We admit there are radical elements among Muslims; we are also well aware that every religious persuasion in the world has its radical elements. Those who study religious thought and culture attest to this fact. Therefore, it is both unreasonable and unjust to irrationally push the issue of Islamic radicalism and then take a course of action that will further instigate it without dealing with all forms of radicalism in the world, both religious and otherwise.

Second, while we believe that the world is confronted by terrorism and radicalism in the broad sense that we have just described, we should also consider that there are a host of other problems that the world is facing with respect to rights, freedoms, and basic human needs like education, health, and nutrition. All of these need to be addressed.

We are on the realization that many of the extremist Islamic groups - as they are called - did not want to be that way when they started, but were forced into that category by political or military forces or their media machinery that blocked their access to channels of peaceful expression. Such powers were able to do away with any possible opportunity for moderation and to strike at the rights of people. This is the major cause for the extremism of Islamic movements and groups. We are also on the realization that this same situation is right now occurring under the guise of the Western program known as the War on Terror.

Stability is the basis for rights and freedoms throughout the world. When we deny people stability and force them to live in perpetual anxiety, oppression, and misery, then they become more likely to act in an immoral and unethical manner. Bitter reality is what sets down decisions. Moreover, it is sometimes what shapes people's thoughts. When people wait a long time without their rights being addressed, it becomes highly likely that they will behave in ways that are difficult to predict and that lead to uncertain consequences.

We seriously call upon the West to become more open to Islam, look more seriously at its own programs, and behave more mildly with the Islamic world. We also call upon them to earnestly review their position on Islam and to open channels of dialogue with prominent Islamic thinkers representing the broad current of Islamic thought and intellectuals and decision makers in the West.

It is important for the West to realize that most of the Islamic movements throughout the Muslim world and elsewhere are essentially moderate. It is necessary to maintain this situation. Moderate movements should have their rights respected. Nothing should be allowed to inflame situations for any reason. People need to be able to conduct themselves rationally and with a sense of security.

We are committed to fighting against terrorism, whether it comes from the Muslims or elsewhere. However, as long as the matter is being referred back to moral values, then why not mention other radical extremists? Why not talk about the Palestinians who are exposed, especially in these days, to most loathsome kind of terrorism possible? Their cities and refugee camps are being torn to the ground, mass murder is being carried out against them, and a suffocating siege is being imposed upon their innocent civilians. This is not being carried out by some individuals or secret organizations. It is being executed by the state of Israel, a member of the United Nations.

If the purpose is to pull up terrorism from its roots, then all out war is not the appropriate course of action, but peace and justice is. The world must seek this in Palestine and elsewhere.

Terrorism, according to the restricted meaning that it is being used for today, is but one of the forms of wrongful aggression being carried out against lives and property. It is immoral to focus on one form of aggression and turn a blind eye to all others, even though they might be more destructive and repugnant. This is a clear case of selective vision and the use of double standards.

Third, concocting conflicts does no good for either side. Those who represent conflict are not always the best representatives of this faction or that. There is nothing better than justice, consideration of the people's rights and adhering to our moral values to dispel the specter of conflict. These principles must be maintained even in times of war when we are forced to go down that road.

In the West, instigating conflict stems from considering and protecting national - if not partisan - interests, even at the expense of the rights of others. The truth is that this policy is what creates a dangerous threat to national security, not only for the West, but for the entire world, not to mention the tragic and inhuman conditions that it produces.

The men throughout the world who are behind these conflicts are, by their decisions and their policies, preparing the masses to turn against them. We must intelligently monitor their behavior and protect our civil societies and the rights and security of our people. We must realize that having conflict mongers in power around the world will bring about the worst situation possible for us in the present, as well as for the future generations who will have to face the effects of our personal calculations. Yes, we should be optimistic, but we must also be clear in accounting for our actions and assessing their affects.

Civil security is in a perilous situation throughout the world in the shadow of this scramble to create conflicts and draw up programs for dealing with them. We have to move beyond the slogans and realize that policies of conflict in the West are bringing about the destruction of civil security throughout the world in the name of fighting terrorism. The number of civilian casualties in Afghanistan because of American bombing increases without the American administration showing any kind of strain on its mores and values from its so-called "just war". In reality, it seems like they are merely creating circumstances in order to give a new validation for more confrontations here and there. And if the West considers September 11 as an affront to civil security in the West, then we can share with it that feeling and even the stance of rejecting attacks against civil security throughout the world. But it is important for the West to realize that civil security in the Islamic World has not seen stability for decades and a lot of the impediments to civil security have come about under the umbrella of Western policy and quite possibly due the direct actions of the West.

It is about time we realize that the use of military force or the power of the media provides no real guarantee for the future. Often matters take surprising turns, going off in directions that defy our estimation. It is as if the events of September 11 showed the uncertainty in this estimation.

Therefore, creating more avenues for dialogue and the exchange of ideas where scholars and thinkers can meet with each other is, in our opinion, the alternative to the language of violence and destruction. This is what compels us to write this letter and to participate in this discussion

Signatories

Dr. Ibrahim b. Muhammad al-Shahwan
Associate Professor at the School of Agriculture, King Sa`ud University

Dr. Ibrahim b. Hamad al-Rayyis
Member of the Teachers Board, King Sa`ud University

Dr. Ibrahim al-Fayiz
Associate Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Ibrahim b. Salih al-Salamah
School of Agriculture, King Sa`ud University

Dr. Ibrahim Abd Allah al-Lahim
Professor of Hadîth Studies, AL-Imam University

Dr.Ibrahim al-Jam`an
King Fahd Hospital

Ibrahim b. Abd al-Rahman al-Bulayhi
Author

Dr. Ibrahim b. Abd Allah al-Duwayyish
Islamic Worker and Member of the Teachers Board, Teachers' College

Dr. Ahmed b. Said Derbas
PhD. Michigan State University , Associate Professor of Education

Dr. Ahmad al-Umayr
Consultant at King Fahd Hospital

Dr. Ahmad b. Uthman al-Tuwayjiri
Member of the Consultative Council

Dr. Ahmad b. Rashid al-Sa`id
Member of the Teachers Board, King Sa`ud University

Dr. Ahmad b. Ibrahim al-Turki
Professor of Microbiology at the School of Agriculture, King Sa`ud University

Dr. Ahmad b. Muhammad al-Shab`an
Professor of Human Geography, Al-Imam University

Asma al-Husayn
Professor of Psychology, College of Education

Dr. Afrah al-Humaydi
Professor at the Department of Islamic Studies, Girls' College

Dr. Umaymah bint Ahmad al-Jalahimah
Professor of Comparative Religion, King Faysal University

Thamer M. AL Maiman
Author and Journalist

Jamil Farsi
MS. Management, San Diego, California and Jeweler

Dr. Jawahir bint Muhammad b. Sultan
Lecturer and Education Director

Jawahir bint Abd al-Rahman al-Juraysi
Education Director

Jawahir bint Muhammad al-Khathlan
Directorate of Girls' Education

Dr. Hasan al-Qahtani
Consultant, King Fahd Hospital

Dr. Hasan b. Salih al-Humayd
Former Professor of Qur'anic Studies, Al-Imam University

Dr. Hamad b. Ibrahim al-Haydari
Professor of Islamic Law, Al-Imam University

Hamad b. Abd al-Aziz b. Abd al-Muhsin al-Tuwayjiri
Businessman

Dr. al-Sharif Hamzah al-Fa`r
Professor at the School of Islamic Law, Umm al-Qura University

Dr. Khalid al-Qasim
Professor at the Department of Islamic Studies, King Sa`ud University

Dr. Khalid b. Abd al-Rahman al-Ujaymi
Assistant Professor of Arabic Language, Al-Imam University

Dr. Khalid b. Abd Allah al-Duwish
Professor of Electrical Engineering, King Sa`ud University

Dr. Khadijah Abd al-Majid
Saudi Intellectual

Dr. Khalid b. Muhammad al-Sulayman
Professor of Mechanical Engineering at the King Abd al-Aziz City of Science and Technology

Dr. Khalid b. Fahd al-Awdah
Professor of Educational Theory, Al-Imam University

Khalid b. Nasir al-Rudayman
Professor at the School of Agriculture, King Sa`ud University

Dr. Khalid b. Ali al-Mushayqih
Professor of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Riyad b. Muhammad al-Musaymiri
Professor at the School of Theology, al-Imam University

Dr. Ruqayyah al-Muharib
Professor at the Department of Islamic Studies at the Girls' College

Dr. Rashid al-Ulaywi
Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Zaynab al-Dakhil
Professor at the School of Theology, Al-Imam University

Suhaylah Zayn al-Abidin
Author

Dr. Sa`d b. Abd al-Karim al-Shadukhi
Professor of Education, Al-Imam University

Dr. Salem Ahmad Sahab
PhD. Mathematics 1981, Colorado State University, and Weekly Columnist, al-Madinah Newspaper, Jeddah

Dr. Soad Jaber
Associate Professor of Pediatrics at the School of Medicine, King Abd al-Aziz University, Jeddah

Dr. Sa`id b. Nasir al-Ghamidi
Professor of Theology, King Khalid University

Dr. Sulayman b. Qasim al-Id
Professor at the Department of Islamic Studies, King Sa`ud University

Dr. Sami al-Suwaylim
Member of the Islamic Law Commission, al-Rajhi Banking and Investment Corporation

Sa`ud al-Fanaysan
Professor of Qur'anic Studies and Former Dean of the School of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Sa`ud b. Khalaf al-Dihan
Researcher at the King Abd al-Aziz City for Science and Technology

Sami al-Majid
Member of the Teachers Board at the School of Islam Law, Al-Imam University

Salman b. Fahd al-Oadah
Former Member of the Teachers Board at the School of Theology, al-Imam University and General Director of the IslamToday Website

Dr. Sultan b. Khalid b. Hithlin
Professor of Islamic Studies, King Fahd University

Sarah bint Muhammad al-Khathlan
Author and Poet

Sulayman b. Ibrahim al-Rushudi
Attorney and Former Judge

Dr. Sulayman b. Abd al-Aziz al-Yahya
Dean of the School of Agriculture and Veterinary Medicine, King Sa`ud University

Dr. Sulayman al-Rushudi
King Abd al-Aziz City for Science and Technology

Sulayman al-Majid
Judge at al-Ahsa Court of Law

Dr. Safar b. Abd al-Rahman al-Hawali
Former Head of the Department of Theology, Umm al-Qura University

Dr. Salih Muhammad al-Sultan
Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Salih b. Sulayman al-Wuhaybi
Associate Professor at the School of Arts, King Sa`ud University and Associate General Director, World Assembly of Muslim Youth

Dr. Salih b. Abd Allah al-Lahim
Professor of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Salih b. Abd al-Aziz al-Tuwayjiri
Professor of Theology, Al-Imam University

Tariq b. Abd al-Rahman al-Hawwas
Professor of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Ayid b. Abd Allah al-Qarni
Former Professor of Hadîth Studies, Al-Imam University

Dr. Abdul Mohsin Helal
PhD. International Relations, Umm al-Qura University, Mecca

Dr. Abdullah S. Mannaa
Author, Publisher, and Former Editor-in-Chief, "IQRAA" and "AL-A'LAMWAL-ITISAL" Magazines

Dr. Omar A. Kamel
Saudi Author and Researcher

Omar Jastaneyeh
Journalist

Abd al-Aziz b. Muhammad al-Qasim
Attorney and Former Judge

Abd Allah b. Abd al-Aziz b. Abd al-Muhsin al-Tuwayjiri
Businessman

Dr. Abd al-Aziz Nasir al-Sibih
Associate Professor of Psychology, al-Imam University

Dr. Abd al-Aziz b. Ibrahim al-Shahwan
Professor and Former Dean of the School of Theology, Al-Imam University

Dr. Abd Allah b. Wukayyil al-Shaykh
Professor of Hadîth Studies at the Department of Prophetic Traditions, Islamic Theological College

Dr Abd al-Wahhab b. Nasir al-Turayri
Former Professor at the Islamic Theological College and Academic Director of the IslamToday Website

Dr. Abd Allah al-Khalaf
Assistant Professor at the Institute of Public Administration, Riyadh

Dr. Awad b. Muhammad al-Qarni
Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Imran al-Imrani
University Professor

Dr. Abd al-Rahman b. Abd Allah al-Shumayri
Professor at the School of Islamic Law, Umm al-Qura University

Dr. Ali Ba Dahdah
Professor at the Department of Islamic Studies, King Abd al-Aziz University

Abd al-Karim al-Juhayman
Author and Journalist

Dr. Abd al-Karim b. Ibrahim al-Sallum
Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Abd al-Rahman al-Zunaydi
Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Abd Allah b. Ibrahim al-Turayqi
Professor at the School of Islamic law, Al-Imam University

Dr. Umar al-Mudayfir
Head of the Department of Psychiatry, King Fahd Hospital

Dr. Abd al-Aziz b. Nasir al-Mani
Professor of Arabic Literature at the Department of Arabic Language Studies, King Sa`ud University

Dr. Abd Allah b. Nafi Al Shari
Professor of Psychology Former Trustee, King Sa`ud University and President of al-Nafi Office for Academic Counseling

Dr. Abd al-Rahman b. Hadi al-Shamrani
Assistant Professor at the School of Arts, King Sa`ud University

Dr. Abd Allah al-Hajjaj
Consultant, King Fahd Hospital

Dr. Abd Allah b. Saud al-Bishr
Member of the Teachers Board, King Sa`ud University

Dr. Abd al-Aziz b. Ibrahim al-Amri
Professor of History, Al-Imam University

Abd al-Aziz al-Wushayqri
Justice at the Supreme Court, Riyadh

Dr, Abd al-Aziz al-Fadda
Consultant, King Fahd Hospital

Dr. Abd al-Rahman b. Abd al-Latif al-Usayl
Professor of International Relations, King Fahd University

Dr. Abd Allah b. Abd al-Aziz al-Yahya
Assistant General Director of Islamic Propagation

Dr. Abd Allah al-Zayidi
Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Abd al-Rahman b. Abd al-Aziz al-Mujaydil
Member of the Teachers Board at the School of Theology, Al-Imam University

Dr. Abd al-Qadir b. Abd al-Rahman al-Haydar
School of Medicine, King Sa`ud University

Dr. Abd Allah b. Abd al-Karim al-Uthaym
Professor of Educational Development, Al-Imam University

Dr. Abd Allah b. Ali al-Ju`aythin
Former Professor of Hadîth Studies, Al-Imam University

Dr. Umar Abd Allah al-Suwaylim
Assistant Professor of Electrical Engineering at the School of Engineering, King Fahd University of Petroleum and Minerals

Abd Allah b. Abd al-Rahman al-Jibrin
Former Member of the Council for Legal Rulings

Dr. Abd al-Rahman b. Abd Allah al-Jibrin
Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Abd al-Rahman b. Salih al-Khalifah
Professor at the School of Agriculture, King Sa`ud University

Dr. Abd Allah b. Hamad al-Sakakir
Professor of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Abd al-Aziz b. Salih al-Sam`ani
Professor of Linguistics, Technology College

Fayez Saleh Jamal
Journalist, al-Nadwah Newspaper and al-Madinah Newspaper

Dr. Fahd b. Muhammad al-Rumayyan
Professor at the School of Agriculture, King Sa`ud University

Dr. Fahd b. Salih al-Fallaj
Professor at the School of Technology, Indiana University of Pensylvania

Dr. Lulu'ah al-Matrudi
Professor at the School of Islamic Law, Al-Imam University

Muhammad b. Marzuq al-Mu`aytiq
Former Appellate Judge and Chief Justice, Al-Zulqa Court of Law

Muhammad b. Salih al-Ali
Member of the Teachers Board, Al-Imam University

Muhammad b. Abd al-Aziz b. Abd al-Muhsin al-Tuwayjiri
Businessman

Mohammad Salahuddin Aldandarawi
Jounalist and Publisher

Dr. Muhammad b. Salih al-Fawzan
Professor of Qur'anic Studies, Teachers College

Dr. Mohammad Saeed Farsy
PhD. Architectural Engineering and Former Mayor of the City of Jeddah

Mohamed Said Tayeb
Attorney, Publisher, and Political Activist

Muhammad b. Abd al-Aziz al-Amir
Justice at the Jeddah Court of Law

Muhammad b. Sulayman al-Mas`ud
Justice at the Jeddah Court of Law

Dr. Muhammad b. Ahmad al-Salih
Professor of Graduate Studies at the School of Islamic Law and Member of the Academic Board, Al-Imam University

Muhammad b. Salih al-Duhaym
Judge at al-Layth Court of Law

Muhammad b. Hamad al-Mini
Member of the Teachers Board at the School of Agriculture, King Sa`ud University

Dr. Muhsin b. Husayn al-Awaji
Associate Professor of Education and Founder/Director of al-Muntada al-Wasatiyyah

Dr. Muhammad b. Sulayman al-Sudays
Professor of Arabic Literature at the Department of Arabic language Studies, King Sa`ud University

Dr. Muhammad b. Abd al-Rahman al-Hudayf
Author, Scholar, and Former Member of the Teachers Board, King Sa`ud University

Dr. Mani b. Hammad al-Juhani
Member of the Consultative Council and General Director, World Assembly of Muslim Youth

Dr. Marzuq b. Sunaytan b. Tinbak
Professor of Arabic Literature, School of Arts, King Sa`ud University

Dr. Mansur b. Ibrahim al-Hazimi
Professor of Contemporary Arabic Literature, King Sa`ud University

Dr. Malik b. Ibrahim al-Ahmad
Member of the Teachers Board, King Sa`ud University

Dr. Muhammad b. Sa`ud al-Bishr
Member of the Teachers Board, Al-Imam University

Dr. Muhammad b. Nasir al-Ja`wan
Founder and Director of the Hunayn School

Muna bint Ibrahim al-Mudayhish
Lecturer at the School of Arabic Language, Al-Imam University

Muhammad b. Salih b. Sultan
Chief of Administration, al-Yamamah Institute of Journalism

Mahdi al-Hakami
University Professor and Regional Director of the World Assembly of Muslim Youth, Jizan

Dr. Muhammad al-Wuhaybi
Professor of Theology, King Sa`ud University

Dr. Muhammad Umar Jamjum
Professor of Civil Engineering and former General Secretary, King Abd al-Aziz University

Dr. Muhammad Umar Zubayr
Former General Director, King Abd al-Aziz University

Dr. Muhammad b. Abd Allah al-Shamrani
Professor of Islamic Law, King Sa`ud University

Dr. Muhammad Abd al-Latif
Consultant, King Fahd Hospital

Dr. Muhammad al-Zuwayyid
Consultant, King Fahd Hospital

Dr. Muhammad b. Sulayman al-Barrak
Al-Imam University

Dr. Muhammad al-Urayni
Consultant, King Fahd Hospital

Dr. Muhammad b. Abd Allah al-Muhaymid
Former Head of the Department of Islamic Law, Al-Imam University

Dr. Muhammad Abd al-Aziz al-Awhali
Associate Professor of Physics, School of Science, King Fahd University of Petroleum and Minerals

Dr. Muhammad b. Sulayman al-Fawzan
Professor of Hadîth Studies, Al-Imam University

Dr. Muhammad b. Ali al-Suwid
Chairman of the English Department, Al-Imam University

Dr. Nora Khaled Alsaad
Assistant Professor at the School of Arts, Department of Social Sciences, King Abd al-Aziz University

Nurah bint Abd al-Aziz al-Khariji

Dr. Nasir b. Sa`d al-Rashid
Professor of Arabic Literature, King Sa`ud University

Dr. Nasir b. Masfar al-Zahrani
Member of the Teachers Board, Umm al-Qura University

Dr. Nasir b. Abd al-Karim al-Aql
Professor of Theology, Al-Imam University

Dr. Nabih b. Abd al-Rahman al-Jabr
Professor at the Department of Accounting, Al-Imam University

Dr. Nasir b. Sulayman al-Umar
Former Professor of Qur'anic Studies, Al-Imam University

Dr. Yusuf al-Ulah
Consultant, King Fahd Hospital

Ahmad b. Abd al-Rahman al-Suwayyan
Editor-in-Chief, Al-Bayan Magazine

Quelle (http://www.fro.at/sendungen/islam/coexist.htm)

syr:p

Trüffelschwein
16.05.2004, 14:48
Original geschrieben von syracus
Brigitte hat meine Antwort, last posting in this thread....... Interessante Beiträge. Gut, daß Du inkonsequent bist.

Wenn Du dann auch noch so Ausdrücke wie "Stammtischwissen" wegläßt, könnte sich eine richtig gute Diskussion entwickeln.

Auf einzelne Punkte gehe ich später ein. Jetzt genieße ich lieber die Sonne. :)

carlo
16.05.2004, 15:02
Danke für die Beiträge, syracus! :)

Mit dem traurigen Thema Beschneidung kann man es sich allerdings, meiner Meinung nach nicht so einfach machen. Der Hinweis auf die vermutete Urheberschaft der frühen Ägypter und Mythen afrikanischer Stämme mag zwar richtig sein, läßt aber die Frage offen, warum dann heute noch Verstümmelungen im Namen Allahs geduldet werden, wenn es der Koran nicht fordert? Ist es ein Zufall, daß in fast allen Staaten, wo dies geschieht, Muslime die vorherrschende Religionsgruppe bilden?

Ich denke,
man könnte von deren Führern schon verlangen oder wenigstens erwarten, daß sie in Kenntnis des Korans Beschneidungen verurteilen.


Eine Übersicht:

http://www.frauenrechte.de/bilder/fgm/afrikakarte-klein.jpg

Bei der weiblichen Genitalverstümmelung handelt es sich um Eingriffe an den äußeren weiblichen Genitalien: Fast ausnahmslos wird die Klitoris zum Teil oder vollständig amputiert (Klitoridektomie). Bei der Exzision werden über eine teilweise oder vollständig Entfernung der Klitoris hinaus auch die inneren Labien (Schamlippen) teilweise oder vollständig herausgeschnitten. Es kommt vor, dass zusätzlich Haut und Gewebe aus der Vagina ausgeschabt werden (Introcision). In etwa 15 Prozent aller Fälle werden außerdem die äußeren Labien teilamputiert und über der Vagina so miteinander vernäht, dass lediglich eine reiskorngroße Öffnung für Urin und Menstruationsblut verbleibt (Infibulation).

Weiterführende Infos gibt´s´hier:

http://www.aktion-menschen.de/menschen/beschneidungmain.html

carlo
16.05.2004, 15:41
Zu Nigeria:

Da geht´s nach meinem Kenntnisstand gerade in erster Linie um Ackerland, das beide Seiten beanspruchen. Sagt jedenfalls die Tagesschau:

http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID3255658_REF1,00.html

Vorher haben muslimische Jugendliche Jagd auf Christen gemacht, sagt die TAZ:

http://www.taz.de/pt/2004/05/14/a0193.nf/text.ges,1

In meinen Augen beides nicht geeignet,
um die Fragestellung des threads zu beantworten, weil nur "aufgerechnet" wird...

syracus
16.05.2004, 18:28
#carlo, zu 101, Antwort steht bereits im Artikel selbst, Fundamentalismus, der über die "normale" Auslegung des Korans hinausgeht. Beschnitten werden übrigens in teils Stämmen selbst dem christlichen Glauben zugeordnete Mädchen. Google hilft in dem Fall wirklich, denn das Ganze hat eigentlich relativ wenig mit Religion als vielmehr den alten Stammeskulturen zu tun. Weder in Saudi Arabien noch im Iran noch in Malaysia wird beschnitten. Bzw. es ist sogar verboten.

syr

mfabian
17.05.2004, 20:20
Original geschrieben von Trüffelschwein
Ich kann jetzt leider keine Quelle dafür angeben, aber ich erinnere mich an Berichte, daß Araber meist ihre Kamele besser behandeln als ihre Frauen.

Du magst mir jetzt diesen etwas unfairen Vrgleich verzeihen aber ich kenne Deutsche, die behandeln ihr Auto besser als ihre Frau :hihi

(Tschuldigung, nicht böse sein ;) )



Ich wage auch die Behauptung, daß der Zorn wegen der Vergewaltigungen eher etwas mit der Verletzung von Besitzansprüchen als dem Mitgefühl gegenüber den Frauen zu tun hat.

Da passt mir das Wort "Besitzansprüche" nicht. Lass es mich so ausdrücken: Wenn bei uns eine Frau vergewaltigt wird, dann lässt mich das kalt, es sei denn es sei meine Frau (oder Mutter, Schwester, Tochter ...).
In der muslimischen Welt ist es aber ein Sakrileg, das alle Menschen betroffen macht. Als in Falludjah eine muslimische Frau aus ihrem Familienkreis heraus vom Amerikanern verhaftet wurde zwecks Verhör, hat das am nächsten Tag eine Demonstration vor dem US-Kommando ausgelöst an der nicht nur die Familie teilnahm.
Der Frau ist in US-Gewahrsam keine Gewalt angetan worden. Sie wurde unversehrt entlassen.
Dennoch war dieser - für uns eigendlich nicht erwähnenswerte Vorfall - ein Schlüssel-Ereignis im irakischen Aufstand gegen die Besatzer.


In Anbetracht dieser Tatsachen kann man ja nun wirklich nicht davon sprechen, daß der Islam die Frauen beschützt. Wie kommst Du nur darauf???

Guter Punkt. Da muss ich darauf zurück kommen. Werd' mal mit meiner Frau sprechen, die hat arabische Kultur studiert ;)



Zur Steuer:
In Alaska (USA!) gibt es auch keine Einkommensteuer, also ab nach Anchorage! ;)

brrrrr! Zu kalt :mad:


Ich glaube, das kann man nicht für das ganze Land verallgemeinern. Im Mittleren Westen der USA gibt es auch Gegenden, in denen es nicht üblich und nötig ist, die Haustür abzuschließen. Unter den Großstädten dürfte Salt Lake City (übrigens mit einer interessanten Software-Industrie dort) eine akzeptable Kriminalitätsrate haben, was höchstwahrscheinlich mit der stärkeren religiösen Bindung der Mormonen dort zu tun hat.

Damit hast Du sicher Recht. Oder wie Dieter Kronzucker es mal formulierte: Alles was man über Amerika sagt ist wahr. Aber ebenso das Gegenteil



Und da liegt wohl der Hase im Pfeffer: In muslimischen Ländern spielt die Religion eine größere Rolle als in den westlichen Ländern. Der damit verbundene autoritäre Druck führt sicherlich zu einer geringeren Kriminalität.

Sicherlich. Es gibt ja auch drakonische körperliche Strafen.
Aber als ehrlicher, friedliebender Mensch hat man dort nichts zu befürchten.


Als Schweizer hat man es da wohl etwas besser, aber generell sind Ausländer dort Menschen zweiter Klasse und vor Übergriffen kaum geschützt. Da haben es Türken bei uns besser


Das bezweifle ich. Schliesslich sind es westliche Ingenieure, die den Laden in Saudi Arabien schmeissen. Ich glaube kaum, dass es irgend einen Saudi in einer wichtigen Funktion innerhalb einer Firma gibt. Ich hab' das in Dubai erlebt: Zwar gehören allen Firmen den Royal Families aber solange der Laden läuft kümmern die sich um überhaupt nichts.


Also dann viel Spaß dort...

Noch bin ich ja hier aber wenn's mit dem Auswandern klappt, werd' ich von meiner Erfahrungen berichten ;)

carlo
18.05.2004, 01:04
Original geschrieben von syracus
1. #carlo, zu 101, Antwort steht bereits im Artikel selbst, Fundamentalismus, der über die "normale" Auslegung des Korans hinausgeht. Beschnitten werden übrigens in teils Stämmen selbst dem christlichen Glauben zugeordnete Mädchen. Google hilft in dem Fall wirklich, denn das Ganze hat eigentlich relativ wenig mit Religion als vielmehr den alten Stammeskulturen zu tun.

2. Weder in Saudi Arabien noch im Iran noch in Malaysia wird beschnitten. Bzw. es ist sogar verboten.
zu 1.
Nach meinem Geschmack etwas janusköpfig...

Wenn der kleinste gemeinsame Nenner darin besteht, uns zu absoluten Gegnern der weiblichen Verstümmelung zu erklären, kann die Frage nach dem Schweigen der duldenden, religiösen Führer wohl kaum mit einem achselzuckenden Verweis auf die fundamentalistische Variante des Islam beantwortet werden, das käme einer Bankrotterklärung gleich. Und die Moslems sind hier prozentual stark in der Überzahl, wenn man den schrecklichen Brauch Religionen zuordnen möchte; da hilft der Verweis "woanders wird ja auch..." wenig.



zu 2.
Stimmt nicht, syracus.

In Malaysia wird beschnitten, jedes dritte Suchergebnis bei google berichtet davon:

http://www.google.com/search?q=Beschneidung+in+Malaysia&hl=de&lr=&ie=UTF-8&start=0&sa=N


Für Saudi-Arabien stellt sich die Frage,
warum etwas verboten werden muß, was niemand zu tun gedenkt?

Dieser Bericht gesteht nur noch dem Westen Saudi-Arabiens Non-Existenz von Verstümmelungen vor, einzig der Iran scheint dieses Vorgehen nicht zu kennen.

http://www.univie.ac.at/ethnomedicine/PDF/Beschneidung%20der%20Frau.pdf


Aber es gibt hoffnungsvolle Ansätze:

http://www.djb.de/content.php/ai_2003-2f6.html


Trotzdem bleibt die Frage unbeantwortet,
warum die Imame im Freitagsgebet kein Wort darüber verlieren, die Macht dazu hätten sie... :rolleyes:

N8! :zz

syracus
18.05.2004, 06:09
Huch Carlo, es wird und wurde sogar in Deutschland beschnitten :eek:.... Ist auch verboten aber einigen haben's trotzdem getan.... Aber ich sehe, es geht um anderes....... Auch wenn Du die Geschichte nicht umschreiben kannst. Und das ist einfach so, ob's nun in's Konzept passt oder nicht. Denke die UNICEF ist eine gute Quelle für Einordnungen jenseits der Vorurteile:


UNICEF ruft gemeinsam mit anderen UN-Organisationen zur Ausrottung der Beschneidung von Frauen und Mädchen auf

Die Leitung von drei UN-Organisationen - von UNICEF, WHO (Weltgesundheitsbehörde) und UNFPA (United Nations Population Fund) traf sich am 10. April 1997 in Genf, um an die Internationale Gemeinschaft und an Politiker zu apellieren, die gemeinsamen Bemühungen zur Abschaffung der Beschneidung von Frauen und Mädchen zu unterstützen.

Carol Bellamy von UNICEF, Dr. Hiroshi Nakajima von WHO und Dr. Nafis Sadik von UNFPA stellten ihren gemeinsamen Plan vor, der innerhalb der nächsten 10 Jahre eine Senkung der Fälle von Beschneidung zur Folge haben soll. Endgültiges Ziel ist die völlige Ausrottung der Beschneidung von Frauen und Mädchen innerhalb der nächsten drei Generationen.

Die Ausrottung dieser gefährlichen und unverantwortlichen traditionellen Praktik, die auf Mißverständnissen und Mythen beruht, wird den Gesundheitszustand von Millionen Frauen und Kindern in den Entwicklungsländern, vor allem in
afrikanischen Staaten, beträchtlich verbessern, verlautbarten die drei Organisationen. Außerdem wird die Ausrottung der weiblichen Beschneidung erheblich zur Förderung der Menschenrechte und der Gleichberechtigung der Geschlechter beitragen.

UNICEF, WHO und UNFPA betonen einen multidisziplinären Zugang und Teamwork, sowohl in den Ländern, wo weibliche Beschneidung praktiziert wird, als auch auf regionaler und globaler Ebene. Regierungen, politische und religiöse Institutionen, internationale Organisationen, Nicht- Regierungs-Organisationen und Hilfsorganisationen sollen gemeinsam an der Ausrottung dieser schmerzvollen Tradition arbeiten. Die Basis für die Zusammenarbeit auf Länderebene werden nationale "Interagency Teams" sein, die von internationalen Organisationen unterstützt werden.

Diese "Interagency Teams" werden die Regierungen bei der Entwicklung und Durchführung einer klaren nationalen Politik unterstützen, um "die weibliche Beschneidung abzuschaffen, und, falls es notwendig ist, Gesetze zu erlassen, die diese Praktik verbieten".

Die öffentliche Meinung in den betroffenen Ländern soll durch Bewußtseins- bildung und Aufklärung über die schmerzhaften körperlichen und seelischen Auswirkungen der weiblichen Beschneidung verändert werden. Die Zielgruppen für diese Aufklärungsprogramme sind die allgemeine Öffentlichkeit, Ärzte und medizinisches Personal, Regierungen, politische und religiöse Führer, Dorfvorsteher, traditioneller Heiler und Hebammen.

"Die Argumente gegen die weibliche Beschneidung beruhen auf den Menschenrechten, vor allem auf dem Recht auf die bestmögliche psychische und physische Gesundheit", sagt Dr. Nakajima. "Diese Praktik ist eine Verletzung der psychischen und psychosexuellen Unversehrtheit von Frauen und Mädchen, und stellt eine Art von Gewaltanwendung gegen sie dar. Daher ist die weibliche Beschneidung in jeder Form und von jedem Gesichtspunkt aus abzulehnen."

"Wir müssen uns allerdings darüber im Klaren sein, daß die weibliche Beschneidung eine tiefverwurzelte traditionelle Praktik ist. Daher kann sie nur dann völlig abgeschafft werden, wenn sich die Einstellung der Bevölkerung dazu verändert", sagt Dr. Nakajima.

"Unser gemeinsamer Plan stellt eine entscheidende Ausgangsbasis dafür her, diese Tradition ein für allemal auszurotten. Die weibliche Beschneidung ist eine gefährliche und lebensbedrohende Prozedur, die jedes Jahr Millionen Mädchen betrifft", sagt Carol Bellamy, Executive Director von UNICEF. "In Ländern wie Kamerun, Ägypten und Burkhina Faso wurden unlängst Erfolge durch Gesetze gegen die Beschneidung erzielt. Wir müssen weiterhin überall Druck ausüben, um sicherzustellen, daß das Recht jedes Mädchens auf ein sicheres und gesundes Leben geschützt wird."

"Die physischen und psychologischen Auswirkungen der weiblichen Beschneidung beeinträchtigen ein Leben lang die Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden - im speziellen die Sexualität und die Fortpflanzung - der Betroffenen", sagt Dr. Sadik. "Die Abschaffung der Beschneidung verlangt aber auch Wissen und Verständnis über die sozialen und kulturellen
Wurzeln dieser Tradition."

Der Begriff "Female Genital Mutilation" - weibliche Beschneidung - wird für alle Prozeduren verwendet, bei denen die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane teilweise oder völlig entfernt, oder verletzt werden. In den meisten Kulturen wird diese Praktik von traditionellen Beschneidern mit Instrumenten wie Messern, Rasierklingen und Glasscherben durchgeführt, üblicherweise ohne Betäubungsmittel. In reicheren Gesellschaftsschichten werden Beschneidungen auch in Krankenhäusern von qualifiziertem Personal vorgenommen.

Das Alter der Mädchen, welche diese Prozedur mitmachen müssen, ist verschieden: Beschneidungen werden an wenigen Tage alten Säuglingen vorgenommen, an weiblichen Kindern und Jugendlichen, manchmal auch an erwachsenen Frauen. Im allgemeinen werden die Mädchen aber zwischen ihrem vierten und zwölften Lebensjahr beschnitten.

Die Beschneidung von Mädchen und Frauen führt sehr oft zu Komplikationen. Kurzfristige Komplikationen sind starke Schmerzen, Schockzustand, Blutsturz, Urinverhalten, Eiterungen im Genitalbereich und Verletzungen des umliegenden Gewebes. Blutsturz und Infektionen können tödlich sein. Längerfristige Komplikationen sind Zysten und Abszesse, Narbenwucherung, Verletzungen der Harnröhre, extrem schmerzhafter Geschlechtsverkehr, Harnwegsinfektionen, Unfruchtbarkeit und schwere Komplikationen bei Geburten.

Jahr für Jahr werden ungefähr 2 Millionen Mädchen beschnitten. Die Gesamtzahl der beschnittenen Frauen und Mädchen beträgt weltweit über 130 Millionen. Der Großteil der betroffenen Mädchen und Frauen lebt in 28 afrikanischen
Ländern, der Rest in Asien und im Mittleren Osten. In Europa, Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten findet man Fälle von Beschneidung bei Immigranten.

Quelle: http://www.unicef.or.at/gericht/missachtungen/beschneidung/fgm2.html

Blutiges Brauchtum . .
Genitalverstümmelung -ein Problem in Afrika und in Europa

Von Barbara Schleicher
Obwohl ich nach meiner Beschneidung große Schmerzen litt, zählte ich noch zu den Glücklicheren. Es hätte weitaus schlimmer kommen können, wie unzählige andere Mädchen erfahren mussten. Bei unserer Wanderung durch Somalia stießen wir auf viele Familien und spielten mit ihren Töchtern. Aber wenn wir sie wiedertrafen, waren die Mädchen oft fort. Niemand sagte ehrlich, was mit ihnen geschehen war, manchmal sprach man einfach nicht mehr von ihnen. Sie waren an der willkürlichen Verstümmelung gestorben - gestorben am Schock, an Infektion, an Wundstarrkrampf oder sie waren verblutet."
Diese Aufzeichnung des somalischen Topmodels Waris Dirie, die heute als UN-Sonderbotschafterin im Kampf gegen die Folter der Genitalverstümmelung tätig ist (siehe Interview auf Seite 3), lässt aufhorchen.

Nach Angaben der UNICEF sind weltweit mehr als 150 Millionen Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelungen betroffen, davon allein 130 Millionen in Afrika. Unbeirrt davon, dass in einigen afrikanischen Staaten Beschneidungen gesetzlich verboten sind, wird auf Grund der hohen Akzeptanz in der Bevölkerung das grausame Ritual weiter praktiziert.

Nach Angaben der UNICEF sind weltweit mehr als 150 Millionen Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelungen betroffen, davon allein 130 Millionen in Afrika. Unbeirrt davon, dass in einigen afrikanischen Staaten Beschneidungen gesetzlich verboten sind, wird auf Grund der hohen Akzeptanz in der Bevölkerung das grausame Ritual weiter praktiziert. Täglich sind geschätzte 6.000 Mädchen und Frauen Opfer dieser Jahrtausende alten Tortur, die mittlerweile - bedingt durch die Migrantenströme - auch in der westlichen Welt durchgeführt wird.
Eine uralte Tortur
Ein erstes schriftliches Zeugnis über weibliche Beschneidungen legt 425 v. Chr. der Grieche Herodot ab, der das Niltal bereiste. Er glaubt die Ursprünge in der ägyptischen Hochkultur zu erkennen,
wo die "milde" Klitorisbeschneidung ausschließlich an Töchtern höherer Kasten durchgeführt wurde. In anderen Quellen wird auf pharaonische Beschneidungen von sudanesischen und nubischen Sklavinnen zur Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften hingewiesen. Ebenso findet die Vorhautbeschneidung zur Kennzeichnung männlicher Sklaven Erwähnung.
In den folgenden Jahrhunderten weitet sich das blutige Brauchtum auf die angrenzenden Regionen aus. Mohammed, als Befürworter der Vorhautbeschneidung bekannt, hinterfragte die weibliche Genitalverstümmelung kritisch und versuchte sie zu mildern. Der Koran schweigt über das brisante Thema. Mit Berufung auf die Sunna (Tradition) wird die weibliche Beschneidung von etlichen muslimischen Glaubensrichtungen praktiziert, wobei 80 Prozent der islamisierten Welt der FGM (Female Genital Mutilation) keine Bedeutung beimessen. Geographisch liegen die traditionellen Beschneidungsländer nördlich des schwarzafrikanischen Äquators. In Äthiopien, Eritrea, Sudan, Somalia, Ägypten, Mali, Kenia, Sierra Leone, Burkina Faso werden 80 bis 99 Prozent aller Mädchen dieser jahrtausendealten Tortur unterworfen - unabhängig, ob sie Muslime, koptische Christen oder äthiopische Juden sind .

http://www.wienerzeitung.at/frameless/lexikon.htm?ID=12972

Auf Malaysia ist es verboten, Naturvölker gibts aber auf Borneo und Java. Ist genau wie oben.

ums nochmals deutlich zu machen: fast alle werden in gewissen Regionen beschnitten, sämtlicher Religionen. Ist halt nicht ganz sooo einfach zuzugeben :p.......

syr

mfabian
18.05.2004, 13:00
@trüffelschwein,

Ich schulde Dir noch eine Antwort auf die Frage

In Anbetracht dieser Tatsachen kann man ja nun wirklich nicht davon sprechen, daß der Islam die Frauen beschützt. Wie kommst Du nur darauf???

Diese Frage lässt sich so nicht beantworten, denn es ist eine politische, keine religiöse.

Der Punkt ist: Es gibt islamische Länder, da haben Frau nicht einmal Wahlrecht und in anderen (Pakistan, Benazir Bhutto) werden sie Ministerpräsident. Da ist alles vertreten und für jedes positive Beispiel könntest Du mir ein negatives nennen und umgekehrt.

Auf die Religion beschränkt: Laut Koran ist die Frau dem Mann gleichgestellt. Ob und wie die einzelnen Staaten dies aber umsetzen, ist jedem Land selbst überlassen.

Marcus

carlo
18.05.2004, 22:25
Wenn Du Dich da mal nicht täuscht, Marcus :rolleyes:




"Kopftuch ist wie gelber Stern"


INTERVIEW DOROTHEA HAHN

taz: Wann hatten Sie zum ersten Mal ein Kopftuch auf?



Chahdortt Djavann: Mit 13 Jahren musste ich mich verschleiern. Wie jede Frau im Iran.



Gab es damals eine Diskussion in Ihrer Familie?



Das ist keine Angelegenheit der Eltern. Unverschleiert auf die Straße zu gehen - das ist der Tod. Es gab ein paar Demonstrationen von Frauen. Aber die waren sehr schnell zu Ende. Das Land führte Krieg gegen den Irak. Vor dem Hintergrund erschien das zweitrangig.



Was haben Sie damals empfunden?



Ich habe mich geschändet und erniedrigt gefühlt. Und ich hatte viele Fragen: Warum muss ich meine Haare vor dem Blick der Männer verstecken? Was ist schuld an den Haaren einer Frau? Warum müssen Männer ihre Haare nicht verstecken?



Wie erklären Sie, dass immer mehr junge Musliminnen in Europa ein Kopftuch tragen?



Seit 20 Jahren findet im Westen eine islamistische Offensive statt. Ganz besonders in Europa. In den 60er- und 70er-Jahren haben die muslimischen Mädchen kein Kopftuch getragen. Was wir heute sehen, ist das Resultat der Tätigkeit der Islamisten.



Spielt die soziale Ausgrenzung der Einwanderer ihnen in die Hände?



Natürlich gibt es soziale Ungerechtigkeiten. Wenn jemand Mustafa heißt und arbeitslos ist, hat er schwere Probleme. Aber die werden nicht leichter dadurch, dass seine Frau verschleiert ist. Man muss jene unterstützen, die sich gegen den Islamismus schlagen. Gerade weil Deutschland und Frankreich die Einwanderer im Stich gelassen haben, sind sie von den Islamisten angesprochen worden. Die Islamisten haben ihnen gesagt: Ihr werdet nie Chancengleichheit bekommen. Kehrt besser zu einem religiösen Leben zurück, zu den Dogmen, schließt euch ein, grenzt euch ab.



Wenn man Sie hört, könnte man meinen, dass die Islamisten bereits großen Einfluss haben.



Den haben sie. Und das gilt sowohl für Frankreich als auch für Deutschland und für Großbritannien. Hätte man vor 15 Jahren reagiert, wäre die Situation heute anders. Stattdessen hat man getarnte und gefährliche Islamisten wie Tarik Ramadan [Islamologe aus Genf, der die Verbindung zwischen Islam und Globalisierungskritikern sucht; d. Red.] und viele andere gewähren lassen.



Die jungen Mädchen sagen, das Kopftuch sei ihre Wahl.



Am Anfang haben sie etwas ganz anderes gesagt. Nämlich: "Meine Religion ist meine Kultur." Als sie gemerkt haben, dass das schlecht ankam, weil es ein rein religiöses Argument ist, haben sie sich etwas anderes ausgedacht. Jetzt sagen sie: "Das ist meine Wahl." Aber keine dieser Frauen ist in der Lage, zu erklären, warum die Frau ihre Haare vor den Blicken der Männern verstecken soll. Ihre Demonstrationen sind von Männern eskortiert. Ohne deren Erlaubnis dürfen die Frauen nicht sprechen.



Trotzdem: Es gibt junge, verschleierte Frauen, die versichern, dass niemand Druck auf sie ausübt.



Eine Unterwerfung wird nicht besser dadurch, dass sie freiwillig geschieht. Im Iran werden Frauen gesteinigt. Unter jenen, die die Steine werfen, sind auch Frauen.



Ist so viel Aufregung über ein religiöses Symbol gerechtfertigt?



Das Kopftuch ist eben nicht das Symbol des muslimischen Glaubens. Wer die religiösen Texte anschaut, stellt fest, dass auch im Alten Testament den Frauen zum Kopftuch geraten wird, genau wie im neuen Testament und wie im Koran. Bei der Frauenunterdrückung ist der Islam den beiden vorausgegangenen monotheistischen Religionen treu geblieben. In den westlichen Ländern gibt es heute eine Demokratie, die auf der Geschlechtergleichheit basiert. Das Kopftuch aber ist das Symbol der Unterordnung der Frauen unter die Männer. Es geht nicht um die Unterordnung unter Gott. Wenn die Frauen unter sich sind, nehmen sie das Kopftuch ab. Sie tragen es nur vor Männern. Es ist das Symbol der Minderwertigkeit der Frauen. Das müssen alle wissen, die sich für die Gleichheit geschlagen haben.



Wie definieren Sie das Kopftuch?



Ich vergleiche es mit dem gelben Stern. Es ist das Symbol, das die Frau im rechtlosen Raum einordnet. Und das alle Gewalt autorisiert. Das Kopftuch zeigt: Die Frauen sind das minderwertige, erniedrigte Geschlecht.



Sie kämpfen also als Frauenrechtlerin dagegen?



Ich bin keine Feministin. Mir geht es um die Menschenrechte. In den demokratischen Ländern gibt es heute das Delikt Pädophilie. Man muss wissen, dass in den muslimischen Ländern ein Mädchen verschleiert wird, wenn es als heiratsfähig gilt. Wenn ein 12-jähriges Mädchen als "heiratsfähig" behandelt wird, ist das Pädophilie. Das Kopftuch ist eine Misshandlung von Minderjährigen. Wie die Beschneidung. Auch da hat es lange gedauert, bis sie in den demokratischen Ländern verboten wurde. Und auch da wurde im Namen des kulturellen Rechtes argumentiert.



Die Klitorisbeschneidung ist eine körperliche Verstümmelung. Das Kopftuch ist ein Kleidungsstück.



Es ist eben kein Kleidungsstück. Wenn man ein Mädchen verschleiert, sagt man ihm: Du bleibst zu Hause, du hast nicht dieselben Rechte wie dein Bruder. Das hinterlässt unauslöschbare Spuren in der Psyche, der Sexualität und der sozialen Identität.



Möglicherweise ist das anders bei Mädchen, die selber entscheiden.



Das ist Demagogie. Im Krieg zwischen Iran und Irak sind kleine Mädchen und Jungen freiwillig auf Minen gesprungen. Sie waren von Islamisten dazu gebracht worden. "Das ist meine Wahl", sagten diese Kinder.



Wird das Symbol nicht dadurch aufgewertet, dass sich jetzt sogar Staatschefs in Europa damit befassen?



Es kann kein islamistisches System ohne das islamische Kopftuch geben. Aber es kann einen Islam ohne das islamische Kopftuch geben. Stellen Sie sich vor, dass die Frauen in Saudi-Arabien oder im Iran ihren Schleier abnehmen. In dem Moment werden sie als menschliche Wesen betrachtet, und es gibt kein islamistisches System mehr.



Sie stimmen dem gesetzlichen Verbot von Kopftüchern in der Schule zu, das Präsident Chirac vorgeschlagen hat. Wollen Sie so ein Verbot auch in Deutschland?



Früher oder später werden Sie nicht darum herumkommen. Jetzt fordert der Iran Frankreich auf, das Gesetz zurückzuziehen. Der Iran ist ein Land, das eine Million Oppositionelle ermordet hat und das steinigt. Dieses Land wagt es, im Namen der Demokratie zu sprechen. Das zeigt, wie eng die Verbindung zwischen Islamismus und Kopftuch ist.



In unseren Ländern ist der Islam aber nicht Mehrheitsreligion. Die Gefahr, dass muslimische Regeln zum Diktat für alle werden, besteht nicht.



Die Islamisten nutzen geschickt die Laxheit in Europa und das aus der Geschichte herrührende schlechten Gewisse - das u._a. aus dem französisch-algerischen Krieg und aus dem Nationalsozialismus resultiert - aus. Wer den Islam kritisiert oder die Barbarei einer totalitären Religion, wird von ihnen als "islamophob" eingestuft. Oder als Rassist. Aber gerade ein Land wie Deutschland hat eine enorme Verantwortung. Die Laxheit der Deutschen hat den Islamismus in der Türkei gestärkt.



Sie schätzen den deutschen Einfluss auf die Türkei hoch ein.



Ich habe in Istanbul gelebt. Und ich kann Ihnen sagen, die Islamisten haben verstanden, dass sie sowohl im Innern als auch im Äußeren ihrer Länder aktiv werden müssen. Sie sind Missionare. Sie wollen einen weltweiten Islamismus organisieren. Das Kopftuch ist das Emblem des islamistischen Systems. Weil es sich in Frankreich und in Deutschland ausbreiten konnte, ist das auch in der Türkei und in Nordafrika möglich.



Sie meinen, dass es eine diplomatische Verpflichtung gibt, das Kopftuch zu verbieten. Kopftuchverbot als Außenpolitik?



Auch als Innenpolitik. Denn es gibt in Europa Mädchen, die Opfer der islamistischen Gewalt sind. Da werden Mädchen angegriffen, weil sie sich nicht so verhalten, wie die Islamisten es anständig finden. Es gibt junge Mädchen, die als "Nutten" beschimpft werden, weil sie kein Kopftuch tragen. Ein Mädchen ist sogar verbrannt worden. Hier in Frankreich.



Mit welcher Berechtigung kann eine demokratische Gesellschaft ein Symbol verbieten?



Eine demokratische Gesellschaft fixiert die individuellen Freiheiten, aber auch ihre Grenzen.



Darf sie dann auch andere Symbole an der Schule verbieten? Zum Beispiel das Palästinensertuch?



Das ist eine Meinung. Darüber kann man diskutieren. Aber es gibt Ideologien, über die es nichts zu diskutieren gibt. Dazu gehört der Faschismus. Und dazu gehört auch der islamische Fundamentalismus. NS-Symbole sind doch auch verboten.



Viele finden es intolerant, das Kopftuch zu verbieten.



Das hat nichts mit Toleranz zu tun. Das ist Ignoranz.



Ist es sinnvoll, allein mit Repression gegen das Kopftuch vorzugehen?



Ich bin nicht gegen Pädagogik. Zuerst muss man auf die Familie setzen. Erst wenn das nicht weiterhilft, muss man auf das Gesetz zurückgreifen. Der Staat muss die Kinder schützen. Das ist seine Aufgabe.



Im Augenblick sorgt das Verbot für eine Radikalisierung eines Teils der Jugendlichen.



Sie sind schon radikalisiert. Es gibt nur Politiker, die das nicht wahrhaben wollen. Die Mehrheit der muslimischen Frauen will kein Kopftuch tragen, und sie will nicht mit diesem Symbol der Entfremdung verwechselt werden. Leider berichten die Journalisten nicht darüber. Ich habe in Frankreich Schülerinnen getroffen, die ihre Lehrer anflehen: "Bitte lasst das Kopftuch nicht an die Schule. Wenn ihr es erlaubt, werden unsere Eltern es auch uns aufzwingen." Die echten Islamisten sind Faschisten. Mit ihnen haben wir in 20 Jahren keine Demokratie mehr. Dieser harte islamistische Kern muss eliminiert werden.



Da gehen Sie aber weit.



Der Islamismus ist keine Überzeugung, Madame.



Was ist der Islamismus?



Die Anwendung der islamischen Dogmen auf das soziale, politische und individuelle Leben aller Bürger. Das ist ein totalitäres System. Heute haben Sie einen Tee mit einem Mann in einem Café getrunken. Morgen können Sie gesteinigt werden.



Was sagen Sie den jungen Frauen, die für das Recht auf Kopftuchtragen demonstrieren?



Manche sind von Islamisten manipuliert worden. Darunter auch solche, die studiert haben. Ihre Eltern sind in dieser Gesellschaft erniedrigt und durch den Dreck gezogen worden. Ich möchte ihnen zurufen: "Sagt nie mehr: Das ist ein anderer Schleier. Das ist nicht derselbe." Das stimmt nicht. Es ist auf der ganzen Welt derselbe Schleier.



taz Nr. 7266 vom 24.1.2004, Seite 4, 293 Interview DOROTHEA HAHN

taz muss sein: Was ist Ihnen die Internetausgabe der taz wert? Sie helfen uns, wenn Sie diesen Betrag überweisen auf: taz-Verlag Berlin, Postbank Berlin (BLZ 100 100 10), Konto-Nr. 39316-106



© Contrapress media GmbH

Quelle (http://www.taz.de/pt/2004/01/24/a0148.nf/textdruck)

schloss
19.05.2004, 12:24
© Contrapress media GmbH

schloss
19.05.2004, 12:28
Original geschrieben von mfabian

...
Auf die Religion beschränkt: Laut Koran ist die Frau dem Mann gleichgestellt. Ob und wie die einzelnen Staaten dies aber umsetzen, ist jedem Land selbst überlassen.

Marcus

So sieht es aus, nicht die Religion ist schuld, und nicht die Gläubigen sind schuld. Schuld sind die, die Religion und Gläubige für ihre Interessen benutzen. Und da wiederum spielt es keine Rolle, welche Religion und welche Menschen man benutzt.

carlo
19.05.2004, 23:40
Zu den Frauen:

"Die Männer sind den Weibern überlegen, wegen dessen, was Allah den einen vor den andern gegeben hat, und weil sie von ihrem Geld (für die Weiber) auslegen. Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam und sorgsam in der Abwesenheit (ihrer Gatten), wie Allah für sie sorgte. Diejenigen aber. für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, warnet sie, verbannet sie in ihre Schlafgemächer und schlagt sie. Und so sie euch gehorchen, so suchet keinen Weg wider sie; siehe Allah ist hoch und groß" (Koran, Sure 4/ Vers 34)

"Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen (statt jemanden anzustarren) ihre Augen niederschlagen, und sie sollen darauf achten, daß ihre Scham bedeckt ist ... und ihren Schal sich über den Schlitz (des Kleides) ziehen (24/31) - ... Und bleibt in eurem Haus .. putzt euch nicht heraus, wie man das früher im Heidentum zu tun pflegte" (33/33).


Ali: "Wenn sie (die Frauen) sich selbst überlassen sind, so kennen sie keine Religion. Sie sind ohne Tugend und ohne Erbarmen, wenn es um ihre fleischlichen Begierden geht. - Sie beklagen sich unterdrückt zu sein, obwohl sie es sind, die unterdrücken ... Erflehen wir Gottes Hilfe, um siegreich aus ihren teuflischen Verführungskünsten hervorzugehen ..." 'Umar: "Die Rede der Verschleierten ist ebenso wie sie selbst etwas, das man schamhaft verhüllen muß: Wie es sich nicht schickt, sie der Öffentlichkeit zu zeigen, ebenso schickt es sich nicht, ihre Rede auszuplaudern" (ebd., 81).


Zu den "Ungläubigen" und Anhängern anderer Religionen:

"Sie wünschen, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und daß ihr (ihnen) gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmet keinen von ihnen zum Freund oder Helfer" (Sure 4, 89).

"Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf" (Sure 9, 5).

"Kämpfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und nicht verwehren, was Allah und sein Gesandter verwehrt haben, und nicht bekennen das Bekenntnis der Wahrheit, bis sie den Tribut aus der Hand gedemütigt entrichten. Und es sprechen die Juden: Esra ist Allahs Sohn.' Und es sprechen die Nazarener: 'Der Messias ist Allahs Sohn.' Solches ist das Wort ihres Mundes. Sie führen ähnliche Reden wie die Ungläubigen von zuvor. Allah, schlag sie tot! Wie sind sie verstandeslos!" (Sure 9, 29, 30).

"Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt. ... Und hätte Allah gewollt, wahrlich, er hätte selber Rache an ihnen genommen; jedoch wollte er die einen von euch durch die anderen prüfen. Und diejenigen, die in Allahs Weg getötet werden, nimmer leitet er ihre Werke irre. Er wird sie leiten und ihr Herz in Frieden bringen. Und einführen wird er sie ins Paradies, das er ihnen zu wissen getan. ... Und viele Städte, stärker an Kraft als deine Stadt, welche dich ausgestoßen hat (Mekka), vertilgten wir, und sie hatten keinen Helfer!" (Sure 47, 4-6, 13).



Wie man hier noch die "heilige Stellung der Frau im Islam" erkennen mag oder auf "Auslegung" der Religion oder deren "Unschuld" plädiert, ist mir nicht begreiflich. Nach meinem Verständnis beinhalten die Suren den klaren Aufruf zum Mord, zur restriktiv-dominanten Behandlung der Frau und Verunglimpfung aller anderen Konfessionen.

Aber das kann mir sicher jemand erklären... :)

Trüffelschwein
20.05.2004, 02:02
Original geschrieben von mfabian
...
Wenn bei uns eine Frau vergewaltigt wird, dann lässt mich das kalt, es sei denn es sei meine Frau (oder Mutter, Schwester, Tochter ...). Ui, ui, ui, ich will mal hoffen, daß nicht Du es bist, der so denkt.

Glaubst Du, in der westlichen Welt sei Mitgefühl gegenüber Nicht-Familienangehörigen ausgestorben? :eek:

Dann muß ich wohl ein Freak sein, denn mir bedeutet Mitgefühl eine ganze Menge - auch gegenüber Fremden. Zugegebenermaßen steigt das Mitgefühl mit der Nähe zu dem/der Betreffenden. Aber ich würde nie so tief sinken, daß mich die Vergewaltigung einer fremden Frau kalt läßt.

Und wenn ich die Bergpredigt dem Vorgänger-Posting von carlo gegenüberstelle, so fällt es mir doch schwer, den Islam und das Christentum als gleich friedfertig zu betrachten.

Daß beide Religionen und die jeweiligen Gläubigen mißbraucht wurden und werden ist unbenommen.

Der Islam ist jedoch offenbar deutlich besser geeignet, Mord und Totschlag zu rechtfertigen."Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt. ... "Wo bitte gibt es im Neuen Testament vergleichbare Stellen???

schloss
21.05.2004, 19:37
Original geschrieben von carlo


Wie man hier noch die "heilige Stellung der Frau im Islam" erkennen mag oder auf "Auslegung" der Religion oder deren "Unschuld" plädiert, ist mir nicht begreiflich. Nach meinem Verständnis beinhalten die Suren den klaren Aufruf zum Mord, zur restriktiv-dominanten Behandlung der Frau und Verunglimpfung aller anderen Konfessionen.

Aber das kann mir sicher jemand erklären... :)

Also doch: der Islam ist schlecht!!!

Der Koran ist ein Sammelsurium wie unsere Bibel. Und ähnlich wie Thora und das alte Testament in einer Sprache ohne Konsonanten geschrieben, was der späteren Übersetzung und Auslegung Tür und Tor öffnet!

Den Aufruf zum Mord wird man also ebenso in der Bibel oder der Thora "finden" wenn man genau danach sucht!

carlo
22.05.2004, 00:04
Original geschrieben von schloss
1. Also doch: der Islam ist schlecht!!!

2. Der Koran ist ein Sammelsurium wie unsere Bibel. Und ähnlich wie Thora und das alte Testament in einer Sprache ohne Konsonanten geschrieben, was der späteren Übersetzung und Auslegung Tür und Tor öffnet!

3. Den Aufruf zum Mord wird man also ebenso in der Bibel oder der Thora "finden" wenn man genau danach sucht!

zu 1. Das hat niemand behauptet. Im übrigen bräuchte man für dermaßen flache Aussagen keinen thread zu eröffnen.

zu 2. Das ist, mit Verlaub, Quatsch mit Soße. Die ursprünglichen Bibeltexte sind in hebräisch verfaßt, dessen Alphabet praktisch nur aus Konsonanten besteht, für die Vokale gibt es Striche und Punkte - einer wortgenauen Übersetzung steht also nichts im Weg.

zu 3. Dann such´mal schön, allerdings bist Du wiederum entschuldigt, weil es drüben kein Religionsunterricht gab. ;)

schloss
23.05.2004, 22:27
sorry, meinte natürlich "nur Konsonanten" bzw. ohne Vokale... Beispiel: 'rf't könnte Erfurt oder Arafat heißen...

Irren ist menschlich, und es zugeben ebenfalls.

Deine ewigen persönlichen Sticheleien, meine Herkunft betreffend solltest Du als Mod sein lassen! Du kennst mich nicht, also lass das. Es gab natürlich auch Christenlehre in der DDR, aber das weiß nicht jeder Wessi...

carlo
24.05.2004, 11:42
Nun sei mal nicht so empfindlich...im "Austeilen" biste schließlich auch nicht so zart besaitet... ;)


Nun aber wieder zum Thema:



Homosexualität im Islam


Die Internetseite Islam-online beschäftigte sich kürzlich mit dem Thema Homosexualität - in den meisten Gesellschaften des Mittleren Ostens weiterhin ein Tabuthema. Islam-online möchte nach eigenem Bekunden einen "lebendigen und modernen Islam" präsentieren und dabei die "Prinzipien von Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechten" ebenso stärken wie ethische und moralische Werte auf der Ebene von Individuum, Familie und Gemeinschaft.



Ideologisch repräsentiert Islam-Online das Spektrum der islamistischen Muslimbrüder. Ein Komitee von Islamgelehrten unter der Leitung von Yusuf Qaradawi, einer der zentralen Figuren in der Bewegung der Muslimbrüder, soll dafür Sorge tragen, dass bei Islam-Online nichts gegen die "festgelegten Prinzipien des Islamischen Rechts" verstößt. Ihren Lesern und LeserInnen aus aller Welt bietet die Site die Möglichkeit, ein Expertengremium per mail direkt um Rat in persönlichen, religiösen und politischen Angelegenheiten zu fragen. So fragte ein Leser aus den USA nach einer "islamischen Bewertung von Homosexualität". Für Islam-Online antwortete ihm am 16. Juni 2003 Reda Bedeir, Vorsitzende des Fachbereichs Englisch an der Azhar-Universität und Englisch-Dozentin an der American Open University in Kairo.



Frage: Wie beurteil der Islam Homosexualität? Hier in Amerika wird Homosexualität allgemein akzeptiert. Ich würde gerne mehr darüber wissen, damit ich anderen die Wahrheit nahe bringen kann.



Reda Bedeir:



Salaam,
Vielen Dank für Deine Frage. Es ist tatsächlich so, dass Homosexualität im Islam als Sünde gilt. So weit es den Islam betrifft gilt Homosexualität als grundlegender Fehler, insbesondere da Menschen nicht von Natur aus homosexuell sind. Menschen werden durch ihr Umfeld homosexuell.



Besonders entscheidend ist dieses Umfeld während der Pubertät. Vorstellungen, Ideen und seltsame Träume sind Symptome verwirrter Versuche, die neuen und ungehemmten sexuellen Begierden zu verstehen. Diese werden schnell als Beleg für die sexuelle Ausrichtung interpretiert. Diese Schlussfolgerungen erhalten noch mehr Gewicht, wenn [Jugendliche] reale sexuelle Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht machen.



Menschliche Instinkte können dem Willen unterworfen werden. Sexualität basiert auf der Entscheidung für eine Identität, aus der bestimmte Handlungsweisen und schließlich sexuelle Fantasien resultieren. Menschen sind auf besondere Art und Weise dazu befähigt, ihre Gedanken zu kontrollieren, manche beizubehalten, andere zu verworfen. Wenn dieser freie Wille allerdings nicht anerkannt wird, kann man sich leicht dazu hinreißen lassen, die Selbstwahrnehmung als Tatsache und nicht als mögliche Wahl zu betrachten.



[...] Der Satz 'Ich bin faul', zum Beispiel, könnte von jemanden für wahr gehalten werden. Wenn der, der dies denkt, den ganzen morgen im Bett herumliegt, wird die Faulheit [für ihn schließlich] zum Beweis für die Aussage ‚Ich bin faul’. Wenn er sich immer wieder entscheidet dies zu tun, verfestigt sich der Beweis und die Idee wird in seiner Identität festgeschrieben.



Dies kann sogar physische Erscheinungsformen annehmen und einige physiologische und psychische Veränderungen für sie oder ihn bedeuten. Dieser Prozess kann bei jedem Selbstbild, egal ob gut oder schlecht, auftreten, das hauptsächlich auf Beweisen, die aus eigenen Taten resultieren, basiert. Dieses Bild könnte sein: 'Ich bin schwul' oder 'Ich bin zufrieden' oder 'Ich liebe es, viel zu essen'.



Die Wahrheit ist – man ist das, was man selbst gewählt hat. Man tut das, wofür man sich entschieden hat und man denkt das, wofür man sich entschieden hat. Es mag eine große Zeitspanne zwischen den Entscheidungen und den Auswirkungen liegen, aber jeder kann sich selbst ändern. Es gibt geheilte Ex-Drogenabhängige, geheilte Ex-Spielsüchtige und Ex-Homosexuelle. Bei all diesen Fehlern ist die Vermeidung tausendmal besser und viel leichter als die Heilung.



Es gibt die Vorstellung, dass Homosexualität genetisch vererbbar ist und dass diejenigen, die diese ‚Prädisposition’ haben, Opfer und keine Sündigen sind. Sicherlich gibt es andere Sachen, die wahrscheinlich genetisch vererbbar sind und auf eine Prädisposition zurückgehen, wie zum Beispiel Spielsucht und Alkoholismus.



Es wurde auch schon behauptet, dass Untreue in den männlichen Genen festgeschrieben ist! Aber das bedeutet nicht, dass dies richtig ist und verhindert nicht, dass dies als sündig angesehen wird. Im Islam wird der Genuss von Alkohol immer noch als sündig betrachtet, selbst wenn man eine Präsdisposition zum Alkoholismus hat.



Der Trick besteht darin, und das wird Dir jeder Ex-Alkoholiker bestätigen, dass sobald man trocken ist, man niemals wieder einen Tropfen anrühren darf. Das ist ein langer und beschwerlicher Weg, aber Dein Leben ist besser ohne. Sobald ein bestimmtes Verlangen eng mit deiner Identität verbunden ist und Du auf irgendeine Weise Gefallen daran findest, wird es immer wieder einfach sein, dahin zurückzukehren – man ist unfähig, die Befriedigung zu vergessen.



Die schwierige Aufgabe besteht darin, sich an die schlechten Seiten dieses Verlangens zu erinnern, wie zum Bespiel einen Kater, das verlorene Geld, den Selbsthass oder einfach nur das Gefühl von Verlust über das, was man verpasst. Auch wenn Du dich zum Guten veränderst, solltest Du dich daran erinnern. [...]



Der Koran und Homosexualität



Es gibt fünf Stellen im Koran, die sich auf schwules und lesbisches Verhalten beziehen. Manche befassen sich offensichtlich mit 'femininen Männern' und 'maskulinen Frauen'. Die zwei wichtigsten Verweise auf homosexuelles Verhalten im Koran ist einmal die 7. Sure, Vers 80-81:



"80 Und (wir haben) den Lot (als unseren Boten gesandt). (Damals) als er zu seinen Leuten sagte: 'Wollt ihr denn etwas Abscheuliches begehen, wie es noch keiner von den Menschen in aller Welt vor euch begangen hat? 81 Ihr gebt euch in (eurer) Sinnenlust wahrhaftig mit Männern ab, statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht maßhält.'"



Und zum anderen die Sure 26, Vers 165[-166]:



"165 Wollt ihr euch denn mit Menschen männlichen Geschlechts abgeben 166 und (darüber) vernachlässigen, was euer Herr euch in euren Gattinnen (als Ehepartner) geschaffen hat? Nein, ihr seid verbrecherische Leute."(1)



Beide Verweise beziehen sich auf schwule und nicht auf lesbische Sexualität, da diese im Koran nicht erwähnt wird. Lut wird in den hebräischen Schriften als 'Lot' bezeichnet. Diese Passage ist ein offensichtlicher Verweis auf die Ereignisse bei Sodom und Gomorrah.



Dies scheint zu implizieren, dass es vor der ersten Erwähnung in Sodom keine Homosexualität gab. Dies ist ein ausschließlich im Islam existierendes Konzept, das weder im jüdischen noch im christlichen Glauben vorkommt. Diese Passage verbindet die Sünden von Sodom – den Grund für die Zerstörung – mit Homosexualität.



Es gibt den Konsens unter islamischen Gelehrten, dass alle Menschen von Natur aus heterosexuell sind. Homosexualität wird von den Gelehrten als sündhaft und als perverse Abweichung von der Norm angesehen. Alle islamischen Denkschulen sowie die islamische Rechtswissenschaft betrachten den schwulen Akt als ungesetzlich.



Nur in Bezug auf die Bestrafung unterscheiden sie sich. Manche halten eine physische Strafe nicht für gerechtfertigt. Andere erachten eine ernsthafte Bestrafung für notwendig, während es einige wiederum für nötig halten, dass mindestens vier erwachsene Männer als Zeugen auftreten müssen, bevor jemand der Homosexualität beschuldigt werden kann.



Ich hoffe, dies beantworte Deine Frage und ermöglicht dir einen kurzen aber klaren Überblick über den islamischen Standpunkt zur Homosexualität. Für weitere Informationen stehen wir Dir gerne zur Verfügung.



Vielen Dank, Salaam.



(1) Koranzitate aus der Übersetzung von Rudi Pahret, Kohlhammer, Stuttgart 2001.

http://www.nahost-politik.de/islam/homosexualitaet.htm

carlo
24.05.2004, 11:49
"Es gibt keine Ethik im Islam"



Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban bearbeitet das Thema Homosexualität und Islam: Schwule, Lesben und Frauen werden gleichermaßen unterdrückt. Für einen modernen Islam bedarf es eines neuen selbstständigen ethischen Systems


Interview ADRIENNE WOLTERSDORF



taz: Heute Abend gibt es einen der ersten öffentlichen Vorträge in Berlin über das Verhältnis des Islams zur Homosexualität. Was sagt der Koran dazu?



Ralph Ghadban: Im Koran gibt es keine klare Aussage zur Homosexualität. Die Geschichte von Sodom und Gomorrha, die auch in der Bibel vorkommt, wird im Koran mehrmals erwähnt. Es gibt zudem einen Vers, der dahingehend interpretiert wird, dass er sich vage mit Homosexualität befasst.



Was bedeutet das? Gleichgültigkeit gegenüber Homos?



Nein, es bedeutet, dass das Problem als solches nicht existierte. Es gibt aus der unmittelbaren Zeit des Propheten einfach keinen Präzedenzfall. Als der erste Kalif Abu Bakr einen solchen Fall zu richten hatte, war er zunächst ratlos. Er berief sich dann auf die Sodom-Geschichte und ordnete die Verbrennung der schwulen Delinquenten an, weil ja auch die sündige Stadt von Gott zerstört wurde.



Tatsächlich werden Homosexuelle in vielen islamischen Ländern nicht verfolgt.



Die Knabenliebe ist ja Bestandteil dieser Kultur. Mit der Expansion des ersten großen islamischen Reiches wurden Unmengen von Menschen zu Sklaven gemacht, Sklavenhalterei wurde gang und gäbe, die Knabenliebe wurde gang und gäbe. Das ging mit einer eher liberalen Haltung gegenüber der Homosexualität einher. Sie galt als Unzucht, die wiederum nach islamischem Recht nur mit Hilfe von vier männlichen muslimischen Augenzeugen anklagbar ist. Was praktisch unmöglich ist.



Was war der Grund für das gesellschaftliche Modell der geduldeten Männerliebe?



Die strenge Geschlechtertrennung. Mit der Herausnahme der Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben, ihrem Wegsperren und Verschleiern, was rund 100 Jahre nach dem Propheten zur Norm wurde, ergab sich ein Vakuum, in dem sich die Knabenliebe massenhaft etablierte.



Damit erkennt der Islam homosexuelle Liebe lediglich als Notlösung, nicht aber als eine Lebensform an.



Ja, und weil es plötzlich ein soziokulturelles Phänomen solchen Ausmaßes wurde, war es nicht mehr möglich, jeden Einzelnen so drastisch zu bestrafen.



Die strenge Geschlechtertrennung besteht bis heute, aber die Knabenliebe ist keine Alternative mehr. Wie geht der Islam heute mit Homosexuellen um?



Heute wird die Päderastie nach wie vor weitgehend als Kavaliersdelikt betrachtet. Außerdem wurde zum großen Teil europäisches Recht übernommen. Und in Europa wurde Homosexualität nie mit dem Tode bestraft. Allerdings war Homosexualität auch in Deutschland bis 1969 strafbar.



Wie erklären Sie dann die Hinrichtung von Homosexuellen in islamischen Ländern?



Das geschieht in Ländern, in denen die Islamisten regieren. In Saudi-Arabien und im Iran wurden in den letzten Jahrzehnten so viele Homosexuelle hingerichtet wie zuvor in der gesamten islamischen Geschichte nicht. Die Islamisten versuchen, eine Art von Islam zu etablieren, der eigentlich in dieser Rigidität so nie existiert hat.



Was heißt das?



Das sind Strömungen, die versuchen, die Moral gänzlich auf die Scharia, das islamische Recht, zu reduzieren, sie einfach wortwörtlich zu nehmen. Die Scharia fordert den Tod der Homosexuellen, aber das wurde in der muslimischen Welt zuvor gar nicht angewandt.



Können die hier lebenden muslimischen Schwulen und Lesben für sich eine liberale Haltung in Anspruch nehmen?



Wo die Islamisten das Sagen haben - und sie sind es ja, die den organisierten Islam dominieren - herrscht eine totale Ablehnung und Verurteilung der Homosexualität. So kommt es auch in Europa zu Hetzpredigten gegen Schwule in den Moscheen.



Gibt es einen theologischen Ausweg aus der Diskriminierung: etwas wie das Gebot der Toleranz, der Nächstenliebe?



Homosexuelle und Frauen werden im Islam ähnlich diskriminiert. Die Frauen versuchen da rauszukommen mit der feministischen Exegese, also der Neuinterpretation des Korans. Das versuchen Homosexuelle auch.



Am Beispiel der Frauen können wir sehen, dass es kaum wirkt.



Eine neue Exegese allein hilft nicht. Wichtiger ist es, ein ethisches System, unabhängig von der Scharia zu bilden, das die moralischen Werte beinhaltet. Daran arbeiten die Islamreformer.



Wollen Sie damit sagen, dass es im Islam keine Ethik gibt?



Streng genommen ja. Der Islam ist wie das Judentum eine Gesetzesreligion. Das ethische Verhalten besteht in der Befolgung des göttlichen Gesetzes, im Islam als Scharia bekannt. Das Christentum ist eine Gewissensreligion, der Mensch ist vor seinem Gewissen und Gott verantwortlich. Das irdische Gesetz wird von den moralischen Prinzipien inspiriert.



Ist im Islam von Bartstutzen bis BH-Tragen nicht alles ethisch gefärbt?



Ja, das islamische Recht erhebt den Anspruch, alles zu regeln. Selbst Fragen, die mit Moral nichts zu tun haben. Aber neben der Scharia finden wir einen Bereich der Religion, der die Beziehung des Menschen zu seinem Gott darstellt und von Gewissen und moralischen Werten geleitet ist. Er kollidiert oft mit der Scharia. Dieser Bereich wurde nicht zu einem selbstständigen ethischen System entwickelt. Eine Wissenschaft der Moral, eine Ethik finden wir im Islam und der islamischen Kultur nicht. Die Islamreformer wollen diesen Mangel beseitigen.



Wie kommt es, dass sich in der Migranten-Homo-Szene offenbar etwas bewegt und das Thema auf die Tagesordnung kommt?



Seitdem die liberale Gesetzgebung in Deutschland Veränderungen gebracht hat, zum Beispiel die Homo-Ehe, kommt auch bei den Migranten Diskussionsbedarf auf. Denn die haben meistens auch einen deutschen Pass. Sie möchten, dass ihre doppelte Problematik diskutiert wird. Zum einen als Homosexuelle. Sie haben Schwierigkeiten mit dem Islamismus in ihren hiesigen Parallelgesellschaften. Viele von ihnen sind ja auch religiös. Zum anderen haben sie als Migranten Schwierigkeiten mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft.


http://www.taz.de/pt/2003/09/02/a0184.nf/text

carlo
24.05.2004, 11:56
Wie steht der Koran zur Homosexualität?

Vortrag von Andreas Ismail Mohr in der interkulturellen Veranstaltungsreihe zum Thema "Homosexualität & Islam" des Zentrums für MigrantInnen, Lesben und Schwule (MILES) im LSVD Berlin-Brandenburg e.V., Willmanndamm 8, 10827 Berlin, gehalten am 13.11.2002.

http://www.miles.lsvd.de/images/mohr-1.jpg

Foto: Andreas Ismail Mohr



(Kurzfassung)


"Wenn man einen traditionellen Islamgelehrten fragte, wie der Koran und somit auch der Islam zur Homosexualität stehe, würde er mit Sicherheit antworten, der Islam lehne diese als Sünde und Vergehen aufs Schärfste ab, da der Koran in der Geschichte vom Volk Lots eindeutig gegen Homosexualität Stellung nehme. Diese Ansicht kann man so oder ähnlich überall im traditionellen und modernen islamischen Schrifttum finden. Doch was sagt der Koran, der im Glauben der Muslime die Offenbarung Gottes an den Propheten Muhammad ist, wirklich?

Die Geschichte von Lot (arabisch: Lut) und seinem Volk, die der biblischen Sodom-Erzählung entspricht, wird im Koran (Entstehung ca. 610-632 n.Chr.) in mehreren leicht unterschiedlichen Varianten erzählt (die wichtigsten Stellen sind Sure 7: Verse 80-84; 11:77-83; 15:58-77; 26:160-175; 27:54-58; 29:28-35; 54:33-39). In einigen der betreffenden Koranpassagen wirft Lot, der Gottesgesandter und Warner ist, den Männern seines Volkes (also den Leuten von Sodom) unter anderem vor, die eigenen Ehegattinnen zu vernachlässigen und sich Männern begehrlich zu nähern - ein Vergehen, das keiner in der Welt zuvor begangen habe. Die Ausleger meinen nun, bei dieser Sünde handle es sich um Sex zwischen Männern und die Leute von Sodom seien die ersten gewesen, die sich diese Perversion einfallen ließen. Die Korankommentatoren erblicken in der Lot-Geschichte des Korans den Beleg dafür, dass Homosexualität, genauer: Geschlechtsverkehr zwischen Männern, sündhaft sei und den Zorn Gottes auf sich ziehe.

Bei dieser Deutung ergeben sich aus moderner Sicht jedoch mehrere Probleme: Zum einen spricht der Korantext nicht explizit von Sex und schon gar nicht von Homosexualität, Knabenliebe oder gar Analverkehr (diese Begriffe kommen im Koran nicht vor), Sex wird höchstens angedeutet: die arabische Wendung "zu jemandem im Gelüst kommen" kann, muss aber nicht sexuelle Bedeutung haben. Es ist zu beachten, dass die Anspielung auf homosexuelles Begehren und Tun Lot als rhetorische Frage und Vorwurf gegenüber den Männern des Volkes, das zu warnen er bestimmt ist, in den Mund gelegt wird. Zweitens handelt es sich um Männer, die verheiratet sind - die Ehefrauen werden ja ausdrücklich erwähnt. Und drittens tun sie ja anscheinend etwas ganz neues, "was keiner in der Welt je zuvor getan hat" (Sure 7:80; 29:28). Dies passt ganz und gar nicht zu dem, was wir heute über Homosexualität wissen und was wir unter Lesbisch- oder Schwulsein verstehen. Der gewöhnliche moderne Schwule ist nicht mit einer Frau verheiratet und außerdem weiß er, dass es Homosexualität immer und überall in der Menschheit gegeben hat, und zwar in sehr unterschiedlichen Formen. Man muss also fragen, was ist wirklich das Vergehen der Leute von Sodom? Außerdem muss man folgendes wissen: im Koran werden legendarische und mythische Geschichten (teils mit biblischem Hintergrund wie in diesem Falle) erzählt, in einer Mischung aus Reimdichtung und Prosa vorgetragen (Qur'an = 'Vortrag, Rezitation'), um bestimmte geistige Wahrheiten zu vermitteln - und immer geht es auch um Glauben und Unglauben. Diese Geschichten werden zudem ausdrücklich als "Geschichten" bezeichnet (siehe etwa 12:3) und als solche muss man sie verstehen, nicht als "historische" Berichte, und - im Falle der Lotgeschichte - keinesfalls als geschichtliche oder moraltheologische Abhandlung über Homosexuelle. Die Texte, die den Anspruch erheben, Offenbarung Gottes zu sein, wollen gelesen und bedacht werden. Moderne Menschen werden sie anders lesen und andere Aspekte darin erblicken als die Alten es getan haben. Der Koran, so einige neuere Kommentatoren, spricht jeden Menschen direkt an, fordert ihn zum selbständigen Nachdenken auf und will nicht nur durch die Brille der Auslegung der mittelalterlichen oder modernen Gelehrten wahrgenommen werden. Dass letztere ein Auslegungsmonopol, beanspruchen steht auf einem ganz anderen Blatt, ist jedenfalls nicht koranisch begründbar.

Ein weiterer Aspekt, der unbedingt beachtet werden sollte, ist der, dass einige der Lot-Geschichten des Korans nahelegen, dass das eigentliche Vergehen der Sodomiter die angestrebte Vergewaltigung der Engel war, die als Gesandte (in Gestalt von Männern) zu Lot kamen (besonders Sure 11:78f; 15:68-71; 54:37); hierzu vergleiche man den Bericht im ersten Buch Mose (Genesis, Kapitel 19:4-9). Es geht somit um Übergriffe und Vergewaltigung, um Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Verletzung des Gastrechts. Die Lot-Geschichte hat jedoch nichts mit Liebe, Beziehung, Freundschaft zu tun. Aus der Erzählung kann also nicht auf die Verurteilung homosexuell liebender Männer - und offensichtlich erst recht nicht auf Frauen - geschlossen werden.

Es gibt noch eine Stelle im Koran (Sure 4:15-16), die lautet: "Wenn eine von euren Frauen eine Schandbarkeit begeht, so nehmt vier von euch zu Zeugen gegen sie, und so sie es bezeugen, so schließt sie ein in die Häuser, bis der Tod ihnen naht oder Gott ihnen einen Ausweg verschafft. Und diejenigen, die es von euch begehen, straft beide. So sie aber bereuen und sich bessern, so lasst ab von ihnen, denn Gott ist vergebend und barmherzig." Diese Koranstelle wurde von den klassischen Auslegern fast immer auf Unzucht oder Ehebruch bezogen; lediglich eine Minderheit wollte darin eine Strafvorschrift sehen, die im ersten Teil Sex zwischen Frauen und im zweiten Teil Sex zwischen Männern betrifft. Allerdings wird gerade diese Meinung zunehmend von neueren Korankommentatoren vertreten. Die Koranstelle wäre somit nach dieser Deutung einer Minderheit der Ausleger eine gegen gleichgeschlechtlichen Sex gerichtete Strafvorschrift. Der Text ist aber, wie so oft im Koran, alles andere als eindeutig oder gar explizit.

Der Koran ist die wichtigste Quelle des Islams. Er gilt, wie schon gesagt, als direkte Offenbarung Gottes an den Propheten Muhammad. Die zweite wichtige Quelle - weitaus umfangreicher als der Koran - ist die Sunna, der "Brauch" des Propheten, wie er in Form vieler Tausender von Überlieferungsberichten (Hadith) in umfangreichen Werken (meist 9. Jahrhundert n.Chr.) gesammelt wurde. Eine Anzahl solcher nachkoranischer Überlieferungen legt dem Propheten Muhammad Worte in den Mund, denenzufolge er jene verdammt "die das tun, was das Volk Lots getan hat", ja sogar zur Tötung und Steinigung der "Sodomiter" (luti) auffordert. Auffälligerweise fehlen diese Aussprüche jedoch in den beiden bedeutendsten Hadith-Werken, Sahih al-Buchari und Sahih Muslim, und große Gelehrte des Islam haben diese Überlieferungen als unsicher oder gar unecht verworfen. Hier ist besonders der berühmte Ibn Hazm al-Andalusi zu nennen, der in seinem umfangreichen juristischen Werk al-Muhalla (um 1030 n.Chr.) die von der Mehrheit der alten Rechtsgelehrten angeführten Hadith-Begründungen für Todesstrafen bei "Sodomie" (lutiyya, liwat) allesamt widerlegt. (Ibn Hazm ist übrigens der Verfasser des bekanntesten arabischen Liebesbuches, Das Halsband der Taube, in dem auch Liebe zwischen Männern thematisiert wird, die nach dem Verfasser allerdings keusch zu bleiben hat.) Die Tatsache, dass klarsichtige Gelehrte solche extremen Überlieferungssprüche als unecht entlarvten, hat jedoch andere nicht daran gehindert, diese gefälschten Muhammadworte weiter zu propagieren, und so finden sie sich heute in den gebräuchlichen Hadith-Sammlungen sowie in den frommen Werken über Moral, Sitten und Recht. Schließlich bediente sich das in den ersten Jahrhunderten nach Muhammad entstehende islamische Recht dieser Aussprüche, um schwere Strafen für homosexuelle Vergehen festzulegen. Dabei interpretierten sie, ausgehend von der herrschenden Meinung bezüglich der koranischen Lot-Geschichte, die Sünde Sodoms als homosexuellen Analverkehr (lutiyya, liwat - analog zu lateinisch sodomia) und genau dieses Verbrechen sollte schwer bestraft werden: durch Steinigung, Herabstürzen von einem Berg oder gar durch Verbrennen bei lebendigem Leibe; letztere Strafe sollte die Vernichtung Sodoms nachahmen, ist jedoch sicherlich eine Übernahme aus dem christlich-römischen Recht.

Wirft man nun einen Blick in die islamische Geschichte, so stellt man fest, dass eben gerade diese grausamen Strafen im Allgemeinen nicht angewandt wurden. Ganz im Gegenteil: Homosexualität, jedenfalls in der Form der Knabenliebe, war gang und gäbe - sie galt beispielsweise als Standeslaster gerade der Richter - und von "Sodomiterverfolgungen" wie im europäischen Spätmittelalter konnte keine Rede sein.

Schließlich gab und gibt es im Koran ja auch Stellen, die homoerotisch gefärbt sind. Sowohl im heiligen Buch als auch in der Prophetenüberlieferung, dem Hadith, gibt es versteckte erotische Anspielungen auf Jünglinge und Knaben, die ja im Vorderen Orient stets als begehrenswerte Sinnbilder für Schönheit, Liebe und Sexualität stehen - das arabische Wort für 'Jüngling' (ghulam) kommt von einer Wortwurzel mit der Bedeutung "von fleischlicher Begierde übermannt werden." In den koranischen Paradiesesbeschreibungen gibt es nicht nur die "großäugigen Jungfrauen" (volkstümlich Huris genannt), deren Geschlecht im Koran übrigens ambivalent ist (arab. hur in Sure 52:20 und 56:22 kann männlich und weiblich sein), sondern auch Jünglinge, die den Paradiesesbewohnern gehören und ihnen Wein ausschenken: "Burschen, die sie [die Paradiesesbewohner] bedienen, (so vollkommen an Gestalt) als ob sie wohlverwahrte Perlen wären, machen unter ihnen die Runde", heißt es in Sure 52:24 und Sure 56:15-18 beschreibt das üppige Leben der Gläubigen im Jenseits so: "Auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen sie behaglich einander (gegenüber), während ewig junge Knaben die Runde unter ihnen machen mit Humpen und Kannen (voll Wein) und einem Becher (voll) von Quellwasser". Dies nimmt bereits die Figur des Schenken (saki) vorweg, der in der späteren islamischen Dichtung (z.B. bei Schamseddin Hafes) der Inbegriff des Geliebten, ja sogar Symbol für Gott ist.

Dass Knaben oder Jünglinge als besonders begehrenswert und verführerisch galten, bezeugen zahlreichen Überlieferungen. Selbst der Prophet Muhammad soll einmal einen Jüngling in einer Versammlung hinter sich plaziert haben mit dem Hinweis, dass der Blick zur Versuchung führen könne. Muhammad selbst, heißt es in einigen Überlieferungen, soll Gott "in schönster Gestalt" erblickt haben, spätere Mystiker sahen Gott in der Gestalt eines schönen jungen Mannes oder eines "Türken mit schiefsitzender Seidenmütze" (Türken aus Zentralasien galten als besonders schön). Homoerotische Vorstellungen, wenn auch stark sublimiert, waren mit dem religiösen Denken besonders der Mystiker engstens verwoben.

Nun, die Zeit, als die Knabenliebe als die höchste Form der irdischen Liebe galt, ist vorbei. Heutzutage scheinen eher puristische Tendenzen das islamische Denken zu beherrschen. Der Orient war in früheren Zeiten sicherlich nicht für Prüderie und Leibfeindlichkeit berühmt, heutzutage erscheint jedoch die westliche Freizügigkeit, die überwiegend als moralische Zügellosigkeit wahrgenommen wird, als Bedrohung für die islamische Welt. Dies hat zur Folge, dass in orthodoxen islamischen Kreisen das Thema Homosexualität wieder diskutiert wird, leider aber überwiegend nur im völlig unkritischen Rückgriff auf die klassischen Gelehrtenmeinungen zur Lot-Geschichte und mit Bezugnahme auf die schweren Strafen des (meist nur in der Theorie existierenden) traditionellen Scharia-Rechts.

Eine wichtige Frage, nämlich die nach Liebe und Partnerschaft, wird in diesen Kreisen nicht gestellt. Dabei heißt es doch im Koran (Sure 30:21), dass Gott für die Menschen Partner/Gatten geschaffen hat, bei denen sie Ruhe, Liebe und Barmherzigkeit finden; darin sei überdies ein Zeichen für Leute, die nachdenken. Der Koranvers ist so formuliert, dass alle Personen männlich oder weiblich sein können. Das arabische Wort für "Partner" (zaudsch) kann also Männer oder Frauen bezeichnen, es muss nicht notwendigerweise "Ehegattinnen" bedeuten, wie die meisten Koranübersetzer schreiben. Jeder Mensch - auch der schwule Muslim und die lesbische Muslima - darf hierin eine grundsätzliche Anerkennung von Liebe und Partnerschaft erkennen. Das heißt also, dass auch für eine mann-männliche oder weib-weibliche Beziehung Platz im Islam sein kann und muss. Im orthodoxen Islam und in fundamentalistischen Kreisen wird es zwar weiterhin keinen Platz für schwule und lesbische Muslime geben, doch es gibt durchaus liberale muslimische Gruppen, in denen die homosexuelle Orientierung von Mitgliedern kein Problem ist, und es gibt auch erste Ansätze zu einer modernen Koraninterpretation (verbunden mit einer mutigen Traditionskritik), die den heutigen Erkenntnissen und Bedürfnissen Rechnung trägt."

Andreas Ismail Mohr


[Anmerkung: Dies ist eine überarbeitete und verbesserte Version der Kurzfassung des am 13.11.2002 gehaltenen Vortrages, die unter den Teilnehmern der interkulturellen Veranstaltungsreihe zum Thema "Homosexualität & Islam" des Zentrums für MigrantInnen, Lesben und Schwule (MILES), Berlin, verteilt wurde.]


http://www.miles.lsvd.de/doku-koranhomo.htm

carlo
24.05.2004, 13:00
An dieser Stelle wäre vielleicht ein kurzer Vergleich zur Stellung der Homosexuellen in anderen Religionen angebracht:


Religionen kämpfen mit einem Tabu


von Hans-Peter Hautz, 08.04.2004

Religion und Homosexualität stehen in einem Spannungsverhältnis, wie es kaum belastender sein kann. Da sich die Auffassungen der Kirchen und Religionen zur Homosexualität unterscheiden, wollen wir einen Blick auf die wichtigsten Glaubensgemeinschaften werfen.


Römisch-katholische Kirche

In der Jüdisch-Christlichen Tradition streiten sich viele Theologen und Bibelforscher über die sechs Passagen der Bibel, die dazu benutzt wurden, die Homosexualität zu verurteilen. Sie sind sich einig darüber, dass Jesus nie etwas über Homosexualität gesagt hat. Allerdings verurteilen einige Bibel-Passagen bestimmte Arten sexuellen Verhaltens (Scheidung, vorehelicher Sex, Masturbation und Geburtenkontrolle).
Die Katholische Amtskirche hält an ihrer Ablehnung von Homosexualität fest. Allerdings betont selbst der Vatikan, es sei nachdrücklich zu bedauern, dass homosexuelle Personen Objekt übler Nachrede und gewalttätiger Aktionen waren und weiterhin noch sind. Für den Vatikan gilt aber: Einzig und allein in der Ehe kann der Gebrauch der Geschlechtskraft moralisch gut sein. Die homosexuelle Veranlagung selbst wird zwar nicht als sündhaft angesehen, wohl aber das homosexuelle Verhalten. Der Weltkatechismus nennt gleichgeschlechtliche Handlungen eine Abirrung, die in keinem Fall zu billigen sei. Freilich wollen längst nicht mehr alle katholischen Theologen, Priester und Bischöfe der harten Haltung des Papstes folgen.


Judentum

Besondere Beachtung gilt zunächst natürlich der Haltung Israels: Durch ein 1988 in der Knesset (israelisches Parlament) verabschiedetes Antidiskriminierungsgesetz und ein Gesetz von 1994, welches verheirateten und unverheirateten Paaren die gleichen Berechtigungen einräumt (z.B. bei der Steuerabgabe usw.) ist die Akzeptanz von Schwulen und Lesben und somit ihre Lebensqualität gestiegen.

Der Talmud (das jüdische Gesetzbuch) verlangt bei homosexuellem Geschlechtsverkehr den Tod. Lesbischsein wird hingegen nur als Obszönität betrachtet. Beim Reformjudentum wird Homosexualität bereits akzeptiert, die ultra-orthodoxen Juden leugnen hingegen gar die Existenz.


Islam

Der Koran (das Gesetzbuch des Islam) bezieht nur indirekt Stellung. Homosexuelle Praktiken sind dem Straftatbestand des Ehebruchs gleichzusetzen und werden somit mit dem Tode bestraft. In Staaten, denen der Islam praktisch als Staatsreligion dient, werden jedes Jahr schätzungsweise mehrere hundert Homosexuelle zum Tode verurteilt. Beachtlich ist, dass von etwa 57 Ländern der Erde, in denen Homosexualität unter Strafe steht, die Hälfte fast ausschließlich dem muslimischen Kulturraum zuzuordnen sind.

Doch die gleichgeschlechtliche Lebensweise ist im Islam stark verankert, auch geschichtlich betrachtet. Es bestehen außerdem große Unterschiede in den Ansichten von Fundamentalisten und gemäßigten Muslimen.


Hinduismus

Die starke Ausrichtung der hinduistischen Gesellschaft auf die traditionelle, heterosexuelle Lebensweise bewirkt, dass die Homosexualität völlig untergeordnet ist. Dies ist auch im Kamasutra so festgelegt. Der Hauptstrom des Hinduismus ordnet die Homosexualität der Welt des Scheins zu. Anzumerken ist, dass Indien als wichtigster Staat mit weitgehend hinduistischer Gesellschaft Homosexualität unter Strafe stellt.


Buddhismus

Im Buddhismus wird generell das Thema Sex tabuisiert, sexuelle Handlungen unter den männlichen Mönchen werden aber verurteilt. Der Dalai Lama, Oberhaupt der tibetanischen Buddhisten, beschreibt die Homosexualität als ein schlechtes sexuelles Verhalten. Es gibt buddhistische Staaten, in denen die gleichgeschlechtliche Liebe bestraft wird.

http://www.oeh.jku.at/oeh/servlet/oeh.PortalServlet?ContentID=/oeh/servlet/cm.news.NewsServlet?AAN=9&section=51

:rolleyes:

schloss
24.05.2004, 18:18
Nun sei mal nicht so empfindlich...im "Austeilen" biste schließlich auch nicht so zart besaitet...

richtig, nur versuche ich im Regelfall nicht mit Dreck zu werfen, sondern mit den Widersprüchen in die sich meine Kontrahenten selbst begeben. Dass die manchmal ganz schön wehtuen kann ich mir vorstellen...;) ...dabei ist es so einfach, die eigenen Widersprüche aus der Welt zu schaffen.

und nun weiter machen beim Missionieren, ich werde Dich hier nicht mehr "stören" :zz

mfabian
28.05.2004, 01:25
Original geschrieben von carlo
Homosexualität im Islam
Frage: Wie beurteil der Islam Homosexualität? Hier in Amerika wird Homosexualität allgemein akzeptiert.

Interessante Aussage aus dem prüden Amerika. :hihi

Aber wahrscheinlich hat der Fragesteller sogar Recht: Die meisten Amis sind wohl aufgeschlossener, toleranter und weniger prüde als wir hier allgemein annehmen. Aber was dringt zu uns? Wenn christliche Fundamentalisten - zu denen ich übrigens auch GWB zähle - zum Sturm auf Homosexuelle blasen unter dem Deckmäntelchen ihrer Doppelmoral.

Aber eben, die Ausgrenzung von Homosexuellen ist in Amerika nicht gang und gäbe und die "normalen" Amerikaner bezeichnen ihre religiösen Fanatiker süffisanter Weise als "American Taliban".

Aber man muss nicht nach Amerika reisen. Schauen wir uns Deutschland (in all seinen Formen) in den letzten 100 Jahren an:

Zur NS-Zeit stand Homosexualität unter Todesstrafe. Später gab's noch Zuchthaus, dann Gefängnis. Das war der berühmte Paragraph 175 in der BRD bzw. §151 in der DDR.

Erst ab 1969 wurde Homosexualität allmählich legalisiert.

Wie spielt jetzt da die christliche Religion hinein? Die Religion war immer dieselbe christliche und dennoch wurde derselbe "Tatbestand" im selben Land mit Todesstrafe bis Toleranz beantwortet. Was nu?

Zurück zum Islam:

Carlo, Du magst ja durchaus Recht haben, dass es diese und jene Sure im Koran gibt, die Frauen einschränkt, sich negativ zu Andersgläubigen äussert oder Homosexuelle ausgrenzt.

Ich behaupte aber einfach ins blaue hinaus, dass es im Koran durchaus auch friedliche und versöhnliche Passagen gibt, ja das diese sogar in der Überzahl sind.

Beweisen kann ich's nicht, denn ich habe weder den Koran noch die Bibel gelesen.

In bezug auf die Bibel kommt mir nur in den Sinn "Die Frau sei dem Manne Untertan" und dennoch setzt sich in der christlichen Welt (mit Ausnahme von Appenzell Innerrhoden) die Gleichstellung von Mann und Frau immer mehr durch.


Deshalb bleibe ich bei meiner ursprünglichen Aussage, dass man (vorausgesetzt man ist Bibelfest, Koranfest) wohl für jede Situation positive und negative Beispiele zitieren könnte.

Ich gebe es zu, ich selbst kann das nicht, weil ich nicht religion-bewandert genug bin.

Aber am Beispiel Homosexualität in Deutschland möchte ich illustrieren, dass es die Politik, der jeweilige moralische Zeitgeist und vielleicht auch die Regierungsform ist, die ein Urteil über einen Sachverhalt fällt, nicht die zu Grunde liegende Religion.

Wie sonst liesse sich sonst der Umstand erklären, dass ein grosser Teil der Amerikaner sich einerseits christlich gibt und es andererseits befürwortet, dass die USA einen Angriffskrieg im Irak führt?

Egal, was die Bibel sagt, die Frau ist dem Manne heute nicht mehr Untertan, eher umgekehrt ;)

Und glaub' mir, Carlo, egal was im Koran an manchen Stellen steht, alle Muslime, die ich kenne sind freundliche, integere, ehrliche, tolerante und anständige Menschen.

Marcus

Gast_B
29.05.2004, 21:00
Dazu muss ich jetzt grad auch mal was sagen :D

Für mich steht das Christentum für menschliche Werte... wie Nächstenliebe, Toleranz etc. Das schließt natürlich die Akzeptanz von Homosexuellen mit ein. Dass das früher mal anders war erkläre ich mir ganz einfach damit, dass die Zeiten damals anders waren. Die Zeiten haben sich geändert und damit die Menschen und ihre Lebensweise und Einstellung zu den Dingen. Und gerade hier sieht man den Unterschied zw. Islam und Christentum. Das Christentum ist fähig, sich mitzuentwickeln und den jeweiligen Zeiten anzupassen... wo Toleranz gefragt ist, wird sie vom Christentum eingeräumt, sobald die Menschen von ihrer Entwicklung her so weit sind. Der Islam dagegen verharrt stur auf alten, überholten Denkweisen.

Und ich halte überhaupt nichts davon, einzelne Phrasen aus der Bibel oder dem Koran wörtlich zu nehmen. Diese Schriften wurden vor laaanger Zeit verfasst, als die Lebensumstände noch völlig anders waren. Klug ist, wer den eigentlichen Sinn der hinter diesen Schriften steht auf die heutige Zeit übertragen kann... das kann das Christentum, der Islam dagegen nicht (oder halt nur sehr sehr schleppend).

Ich muss dazu sagen, dass ich hier eigentlich gar nicht Stellung nahmen will auf die ein oder andere Seite. Sondern ich gehe da rein nach meinem Gefühl. Mit dem Christentum kann ich mich identifizieren. Mir geht zwar so manches gegen den Strich, insbesondere wenn das Christentum für Geldmacherei missbraucht wird. Und ich gehe auch nie in die Kirche, weil ich nicht glaube, dass mich irgendein selbsternannter Pfarrer Gott näher bringen würde. Aber ich habe meinen eigenen festen Glauben und bin mir sicher, dass ich deswegen nicht ein schlechterer Christ bin, nur weil ich irgendwelchen von Menschen organisierten Schnickschnack nicht mitmache. Was würde man im Islam wohl mit einer tun, die sich derart „daneben benimmt“? :gruebel Mit dem Islam hatte ich bisher nur so viel zu tun, dass mein geschiedener Mann Muslime ist. Ich hab den Unterschied gespürt, ja. Seine Eltern gingen nicht mit zur Hochzeit (das erste und letzte Mal seit meiner Konfirmation, dass ich selbst in der Kirche war)... und mein Mann war extrem besitzergreifend mir gegenüber und eifersüchtig. So etwas hab ich sonst noch bei keinem Mann erlebt. Und das obwohl er in Deutschland geboren und aufgewachsen ist... wurde halt durch die Familie so eingeprägt.

Kurz gesagt... beim Islam fehlt mir ganz stark die Weiterentwicklung, insbesondere die Toleranz.

Grüsslis :)

carlo
29.05.2004, 23:42
Respekt für den vertraulichen Einblick in Deine persönlichen Erfahrungen, Brigitte... :verbeug



Zum Thema das nachfolgende:


Abdoldjavad Falaturi


Islam als Lehre und gesellschaftliche Wirklichkeit


Vorbemerkung und Einleitung

Die Abweichung der Wirklichkeit von der Lehre ist ein häufig auftretendes Phänomen. Die Aufgabe der Wissenschaft besteht darin, auf die möglichst reinste Form der jeweiligen Lehre zurückzugreifen, um die Abweichungsgründe erforschen und beheben zu können.



a) Wichtigste historische Daten: Lebenszeit Muhammads (570—632); Offenbarungszeit (610-632); Auswanderung von Mekka nach Medina und Beginn der islamischen Zeitrechnung (623); Zeit der vier rechtgeleiteten Kalifen (632—661); Umaiyadenzeit (661—750); (750-1031 weitere Umaiyadenherrschaft im Westen); Abbasidenzeit (749—1258); Osmanisches Reich (14. bis Anfang des 20. Jh.);



Weitere wichtige Reiche: Mogulherrscher in Indien (1526—1858); Safawiden im Iran (1501—1732); seit dem 17. Jh. Begegnung des Islams mit dem Westen als einer überlegenen Macht.




Quellen der islamischen Lehre sind 1. der Koran, das für alle Muslime verbindliche Wort Gottes (verbale Inspiration); 2. die den Koran deutenden (erklärenden) Aussagen und Verhaltensweisen Muhammads, genannt as-Sunna; 3. der durch Koran und Sunna legitimierte Consensus und 4. die für das Denken und die Praxis relevanten allgemeinen logischen Prinzipien.





c) Der Mensch steht insofern im Mittelpunkt des koranischen Interesses, als seine direkte Beziehung zu Gott, d. h. seine Ergebenheit Gott gegenüber, den Inhalt des Islam (Gottergebenheit) ausmacht. Diese direkte Beziehung und Verbindung zu Gott bildet nicht nur den religiösen Kern der islamischen Lehre, sondern bestimmt darüber hinaus — wie später gezeigt wird — die gesellschaftliche und politische Struktur der islamischen Gemeinschaft.



d) Entwicklungs- und Reformmöglichkeiten der islamischen Lehre: Der Koran wurde nicht auf einmal, sondern innerhalb von 23 Jahren sukzessiv entsprechend den lebendigen Situationen verkündet. Dem entspricht die Dynamik, mit der die Muslime bei der raschen Erweiterung des Islam fremdes Gut islamisierten und adaptierten. Dies, wie auch das Weiterleben des Islam unter verschiedenen Völkern führte zur Aufnahme vieler Strukturen, Sitten und sogar Lebensregeln, die für spätere Generationen als Dogma geltend das Leben und die Weiterentwicklung des Islam erschwerten. Die islamischen Reformatoren haben zu allen Zeiten bis heute ihre Aufgabe darin gesehen, über das Vorgefundene hinweg auf den Ursprung des Islam, auf den Koran, zurückzugreifen. Zu den wichtigsten Reformatoren werden gezählt: Ibn Hanbal (780-855); Abu‘l-Hasan al-Asch‘ari (gest. 946); Ihn Taimiya (1263—1328); Ibn ‘Abdalwahhab (1703—1787); Schah Waliyullah von Delhi (1703—1781). Für die Reformbewegungen anlässlich der Konfrontation mit der wirtschaftlichen und politischen Macht des Westens sind bis heute von besonderer Bedeutung: Djamal ad-Din, bekannt als al-Afghani (1839—1897) und sein ägyptischer Schüler Muhammad ‘Abduh (1849—1905) und ihre Schulen.



e) Islamische und westliche Wertsysteme: Das konsequente Gefüge der islamischen Werte berechtigt uns, von einem islamischen Wertesystern (vgl. dazu das Folgende) zu sprechen, das sich von dem abendländischen in seinem Ansatz, seinem Gehalt und seiner Zielgerichtetheit unterscheidet. Diese Unterschiedlichkeit war und ist immer noch der Grund für gegenseitige Missverständnisse und Vorurteile. Ein besseres Verständnis des Islam setzt voraus, es zu vermeiden, nur die westlichen Denk- und Wertkategorien als Maßstab zu verwenden.



Was ist der Islam und wozu verpflichtet man sich als Muslim?




Die Hingabe an einen einzigen Gott macht den Inhalt einer religiösen Haltung aus, die der Ausdruck "Islam" wiedergibt. Das gilt nicht nur für die von Muhammad verkündete Lehre, sondern auch für alle anderen religiösen Lehren, die, die Gottergebenheit zum Inhalt haben. Als Prototyp eines wahren Muslims hebt der Koran die Person Abrahams, den Bekämpfer der Götzenanbeterei, hervor. In diesem Sinne bringt der Koran auch allen vorherigen Religionen Anerkennung entgegen, die Gottergebenheit gelehrt haben. "Die (einzig wahre) Religion bei Gott (immer und überall) ist der Islam" (Koran: Sure 3/Vers 19). Als Muslim verpflichtet man sich zur Erfüllung dieser religiösen Haltung. Erfüllung findet sie nicht in einer rein gefühlsfreien logischen und philosophischen Überzeugung, sondern in einer mit dem höchsten lebendigen Wesen emotional verbindenden Überzeugung und in den Handlungen, die mit dieser Überzeugung korrespondieren. Anders gesagt: Man verpflichtet sich als Muslim auf Glauben und Handlung; ein Glaube, - der in der Handlung seine Realisierung findet und Handlungen, die ihren Sinn im Glauben erblicken. Diese untrennbare Zusammengehörigkeit des Glaubens und der damit verbundenen Handlung ist die Konkretisierung der un-mittelbaren Gott-Mensch-Beziehung; Mensch nämlich als Individuum und als Mitglied der Gemeinschaft, umma, zu der auch die Person Muhammads als eines der Mitglieder gehört. (Er ist also in keinem Falle Mittler zwischen den Menschen und Gott, was gegen den Sinn des Islam, gegen die ausschließliche Hingabe an Gott, verstößt.) Diese unmittelbare Gott-Mensch-Beziehung wird bestimmt:




a) durch den Glauben, daß es nur einen Gott gibt; daß die Gesandtschaft zur Verkündung dieser wahren Lehre notwendig ist; daß die Verbindung zwischen Gott und den Menschen nicht mit dem Tode abbricht, sondern es ein ma‘äd, eine Wiederkehr am Tage des Jüngsten Gerichtes, und in diesem Sinne ein Weiterleben gibt; daß al-qadä wa‘l-qadar‘ d. h. ein ständiges Präsentsein der Allmacht Gottes die Entscheidungen und Handlungen des Menschen begleitet, ohne dem Menschen seine freie Entscheidung und seine Verantwortung abzunehmen; daß sich der Erschaffungsakt nicht nur auf ein intelligibles Wesen Mensch beschränkt, sondern daß es weitere erschaffene Mächte (als Engel bezeichnet) gibt, die dem göttlichen Willen voll und ganz ergeben sind.




b) durch Handlungen auf der privaten und gesellschaftlichen Ebene, die diese Überzeugungen in der Weise repräsentieren, daß sie daraufhin gerichtet sind, bzw. sein sollen.




So stellt der Glaubensbereich in seinem vollen Umfange die weltanschauliche und die Handlungsbereiche in ihrer Differenziertheit (private, gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, juristische usw.) die praktische Seite der islamischen Lehre dar, indem die erste das Fundament für die zweite liefert und die zweite die faktische Verwirklichung der ersten sein soll. In diesem Sinne kommt eine besondere Bedeutung denjenigen Handlungen zu, die als "Säulen des Islam" bezeichnet werden, nämlich: Gebet (5 mal am Tag), Fasten (Monat Ramadan), Abgaben von Geld und Gütern zum Erhalt der Gemeinschaft und die Pilgerfahrt nach Mekka (nach Möglichkeit mindestens einmal im Leben).



Die islamische Weltanschauung als Basis des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Verhaltens



Die islamische Weltanschauung erschöpft sich nicht darin, daß man an Gott, an die von ihm geschaffene Welt und ihre Ordnung und an seine durch die Gesandten verkündete Lehre glaubt. Sie ist vielmehr durch die Art, durch das Wie des Glaubens zu charakterisieren. Ent-scheidend dabei ist die Weise des Glaubens an Gott. Nicht nur die Überzeugung, daß es einen einzigen Gott gibt, sondern das Verneinen all dessen, was außer ihm als wirkende oder mit-wirkende Macht und Kraft in Frage kommen könnte (Ia ilaha illa‘ llah) liefert das Fundament der islamischen Weltanschauung, von dem die anderen Glaubensartikel als Folge abhängen. Nur Gott, seine Allmacht, seine Allwissenheit und sein Wille begleiten jedes Geschehen; alles, was sonst als wirkende oder mitwirkende Ursache daran beteiligt zu sein scheint (vom Metaphysischen bis hin zu Gesandten Gottes oder anderen Kräften, Mächten und sogar Menschen) ist dem Willen Gottes untergeordnet. So entsteht eine vom Willen Gottes durchzogene Welt und Weltordnung, zu der auch der Mensch, sein Leben, sein Handeln und die Bestimmung seines Verhaltens durch die Offenbarung gehört. Die Kausalität in der Natur und die Freiheit des Menschen werden nicht abgelehnt. Sie sind allerdings immer und überall vom göttlichen Willen begleitet, ohne den es sie nicht geben kann, bzw. ohne den sie nicht wirken können.



Die Grundstruktur einer islamischen Gesellschaft



Die dem Menschen gebotene Haltung, sich in allen Angelegenheiten nur einem einzigen Gott zuzuwenden und die Überzeugung, daß alles andere außer ihm nur als unter dem göttlichen Willen stehend zu respektieren und jede Art von Personenkult abzulehnen ist, bestimmen die Grundstruktur einer islamischen Gesellschaft, die durch weitere Strukturmomente ausgebaut wird: Jeder Mensch als Individuum und als Mitglied der Gesellschaft hat eine direkte Beziehung zu Gott zu pflegen, der seinerseits in der gleichen direkten Beziehung zu den anderen Gesellschaftsmitgliedern steht. Die Wechselbeziehung der Mensch-Gott-Gemeinschaft verschafft als Abbild von der Einheit Gottes eine gesellschaftliche Haltung, die der islamischen Gemeinschaft von innen heraus auf ein Endziel hin eine Einheit bietet, die jenseits aller materiellen Interessen die Mitglieder der Gemeinschaft ohne Rang- und Wertunterschiede miteinander und mit Gott verbindet.




Der Vollzug einer solchen Haltung bedeutet, daß in einer solchen Gesellschaft sich keiner über den anderen erheben darf, weder aus materiellen, noch sogar aus immateriellen, etwa geistigen, Gründen. Nur die Frömmigkeit im Sinne eines vollen Vollzuges der Gottergebenheit, d.h. vollständige Erfüllung privater und gesellschaftlicher Pflichten, gibt Anlaß zu einem Rangunterschied ("der Vornehmste sein"), und nur vor Gott und nicht unter den Menschen (Koran: Sure 49/Vers 13).




Die direkte Folge einer solchen Gleichheit ist das weitere Strukturmoment, d. h. eine dementsprechende Gerechtigkeit, die als Ziel der prophetischen Sendung im Koran angegeben wird (Koran: Sure 57/Vers 25). Nicht nur die Gerechtigkeit unter den Menschen in ihrer Gemeinschaft ist das Ziel der prophetischen Sendung. Die Gemeinschaft nimmt darüber hinaus eine so zentrale Bedeutung ein, daß ihre Rechte als Rechte Gottes bezeichnet werden. Im Gegensatz zu haqq an-näs (Rechte eines jeden Menschen) bezeichnet haqq Alläh die Rechte Gottes, einmal gottesdienstliche Ehrerbietungen, die ihm und nur ihm gebühren und Rechte, die, die Gemeinschaft (umma) als Gemeinschaft besitzt. Zu den Rechten des Menschen gehört sein Besitz sein Leben, der Schutz seiner Familie usw. Zu der Rechten der Gemeinschaft, die als Rechte Gottes deklariert sind, gehört die Bewahrung der Sicherheit der Gemeinschaft, wozu die Vorbeugung vor jeder Störung des Friedens und der geordneten Koexistenz gehört. Diese höchst bedeutungsvolle Identifikation göttlicher Rechte und der, der menschlichen Gemeinschaft drückt nicht nur die einmalige Bedeutung der Gemeinschaft aus, sondern sie weist auf das Präsentsein Gottes in der Gemeinschaft als Beschützer und Partner hin. Der Einklang des göttlichen Willens und des Willens der Gemeinschaft als bestimmendes Merkmal der Struktur der islamischen Gemeinschaft wird noch dadurch verstärkt und weiter ausgebaut, daß der Mensch in der Sprache des Korans stets aufgefordert wird, nachzudenken (zikr, ‘aql), mitzudenken (‘ilm) und Gebote und Verbote nicht als Dogmen, sondern als verstandesgemäß (fahm) und gesellschaftlich gerechtfertigt zu akzeptieren. Die wirtschaftlichen, juristischen und politischen Vorschriften des Islam sind im wesentlichen als Konkretisierung dieser Gesellschaftsstrukturen konzipiert.



Das islamische Gesetz, seine Entwicklung und Bedeutung für die gegenwärtigen Entwicklungen



Die Charakterisierung des Islam als einer "Gesetzesreligion" ist irreführend, wenn diese den Eindruck erwecken soll, daß der Islam aus einer Summe von Gesetzen, wie etwa den römischen oder dergleichen mehr, bestehe. Die Vorschriften, die das Leben des Individuums und der Gemeinschaft regeln sollen, sind nur als Verwirklichung der Hingabe an Gott auf der Ebene Mensch-Gott-Gemeinschaft zu verstehen. Nicht die Gesetze als solche — wie etwa -mathematische Gesetze —‚ sondern die Handlungen im -Sinne der Verwirklichung des menschlichen Lebens haben primäre Bedeutung; Handlungen, die ihrerseits der Vollzug des Verhältnisses der Mensch-Gott-Gemeinschaft sind.




Es sind also nicht Gesetze, die als Bestandteile eines Rechtssystems auf einer Soll-Ebene existieren. Sie sind vielmehr als Ausdruck der‘ Form der Handlungen mit diesen verbunden. -D. h., mit dem Gesetz und dessen Verwirklichung ist ein Stück Glaube und dessen Realisierung verbunden. Das bestimmt das Verhältnis eines Muslims zum islamischen Gesetz. Gesetze sind nicht da, um als Einschränkungen angesehen zu werden, die man möglichst zu umgehen versucht. Sie sind Mittel zur Verwirklichung des Mensch-Gott-Gemeinschafts-Verhältnisses und nicht Selbstzweck; eine Zielsetzung, die in der Realität nicht bei jedem Muslim ernsthafte Resonanz gefunden hat. Darin ist die Tatsache begründet, daß sich verhältnismäßig wenige — weniger als 10% — der Koranverse mit den Gesetzen beschäftigt haben; daß auch diese Gesetze zu etwa 70% erst gegen Ende der Offenbarungszeit, d. h. nach der Stabilisierung des Mensch-Gott-Gemeinschafts-Verhältnisses verkündet wurden; dass die Gesetzesmotivation den Muslimen in verschiedenen Zeiten die Islamisierung anderer juristischer Güter und selbstschöpferische Bestimmungen ermöglicht hat. Die Schattenseite dieser Entwicklung war jedoch die, daß viele Regelungen später als Dogmen starre Formen annahmen, die der ursprünglichen Dynamik des Islam entgegenwirkend einer weiteren zeitgemäßen Entwicklung im Wege standen und noch im Wege stehen. Hier war — und ist heute noch — der Ort, wo die Reformatoren am häufigsten ansetzten und heute noch ansetzen müssen. Das Gemeinsame bei ihnen ist die Orientierung an den Urformen des Islam. Auch heute ist es dem Gebot des Koran nach möglich und sogar erforderlich, sich danach orientierend, ein den Bedürfnissen der Zeit ent-sprechendes Verhältnis verschiedener Gesetze herbeizurufen, ohne dem Koran zu widersprechen.





Die Grundzüge der islamischen Wirtschaft






Das unmißverständliche Streben des Korans nach einer absoluten gesellschaftlichen Gerechtigkeit findet unter anderem in einer der islamischen Maximen seinen Niederschlag, die für die islamische Wirtschaft von grundsätzlicher Bedeutung ist. Es ist das Prinzip einer gerechten Entsprechung zwischen Leistung und Gegenleistung, einschließlich immaterieller Leistungen. Auf die Wirtschaft angewendet bedeutet dies nicht eine Abschaffung des Eigentums oder gar eine gleiche Verteilung der Reichtümer unter allen Mitgliedern der Gemeinschaft. Es meint auch keine Absage der einseitigen Schenkungen und des Verzichtes auf einen Ausgleich. Übersetzt heißt das Prinzip vielmehr Absage gegenüber einer Ausbeutung der Leistung anderer Mitmenschen ohne entsprechende Gegenleistung; gegenüber Spekulationen, die letztlich die Wirtschaft in die Hände einiger Gruppen verlagern, von denen der Rest der Gesellschaft abhängig sein wird; gegenüber Monopolen; gegenüber allen denjenigen Geschäften, die nicht die Leistung, sondern den Zeitablauf als gewinnbringenden Faktor einsetzen: ein Prinzip, das konsequenterweise zum Zinsverbot geführt hat und zum Verbot gleicher Geschäfte, die Geld plus Zeit, aber ohne eigene Leistung für eine — daher ungerechtfertigte — Gegenleistung zu Grunde legen.




Die Überzeugung, daß der göttliche Wille und die göttliche Macht alle Geschehnisse in der Welt und im menschlichen Dasein begleiten und die daraus resultierende, bereits angewandte Folge, daß Gott als Partner in der menschlichen Gemeinschaft ihre Rechte vertritt, hat auch erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen: Der Koran spricht von mal Allah, Reichtum Gottes (Koran: Sure 24/Vers 33), der den Bedürftigen — wirtschaftlich nicht Leistungsfähigen — gewährt werden soll. Es sind die Reichen, die dazu aufgefordert werden, nämlich diejenigen, die im Besitz von Vermögen sind, das über ihren angemessenen Bedarf hinausgeht. Der Überschuss gilt als mal Allah, als Gemeinschaftseigentum. Es steht jedoch nicht beliebig jedem zu, sondern nur denjenigen, die in einer durch und durch islamisch geordneten Gemeinschaft die Leistungsunfähigen sind. Die Rückbesinnung auf diese ursprünglichen islamischen Wirtschaftsprinzipien hat in den letzten Jahrzehnten in manchen islamischen Ländern zu einer noch im Werden begriffenen Umstrukturierung geführt. Es sind Länder, in denen die Suche nach neuen Wirtschaftsmodellen eine der Grundlagen der Revolution ausmacht, wie z. B. Algerien, Libyen und Iran. Die Endform der angestrebten Modelle ist jedoch nicht kurzfristig zu erreichen; mitentscheidend, freilich schwer zu kalkulieren, ist dabei die Reaktion der westlichen und östlichen Weltwirtschaft. Für die Rechtfertigung ihrer Meinung können sich die Vertreter dieser Umstrukturierung über die faktische Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung in den islamischen Ländern — welche die genannten Wirtschaftsprinzipien außer acht ließen — hinwegsetzen und sich auf die Zeit Muhammads und die reichhaltigen Belege in Koran und Sunna berufen.




Die Stellung der Frau im Islam




Aus der gesellschaftlichen und juristischen Perspektive betrachtet, bildet die Stellung der Frau eines der schwierigsten und wichtigsten Probleme im Islam. In keinem anderen Falle hat nämlich die islamische Welt in ihrer geschichtlichen Entwicklung zum Nachteil der Frauen so viele Strukturen, Sitten und Gewohnheiten derjenigen Gesellschaften angenommen, in denen er sich entwickelte. In keinem anderen Falle ist die Kluft zwischen der koranischen Lehre und der historischen und gesellschaftlichen Realität so groß. Die von Kritikern betonte niedrige Einstufung, Diskriminierung und Benachteiligung der Frauen in den islamischen Ländern verstoßen nicht nur gegen den Koran, nämlich gegen die absolute gesellschaftliche Gleichheit, Gerechtigkeit und gegen die Mensch-Gott-Gemeinschaft als Grundstruktur der islamischen Gesellschaft, sie sind darüber hinaus Zeugen des Überlebens derjenigen Strukturen, die der Islam bei seiner Entstehung bekämpfte:




In dem grundsätzlichen islamischen Verhältnis der Mensch-Gott-Gemeinschaft genießt die Frau den gleichen Rang wie der Mann. Ihrem Wesen nach steht die Frau als Mensch dem Mann gleich. So wird bei der Wiedergabe der Schöpfungsgeschichte nicht Eva als Frau zur Last gelegt, beeinflußt vom Teufel (Schlange) ihren Mann Adam verführt zu haben; das Vergehen kommt beiden gleichzeitig und gleichgewichtig zu (Koran: Sure 2/Vers 36).




Während in der Familie die Frau als Mutter viel höhere Achtung genießt als der. Vater, stehen — entsprechend den wirtschaftlichen Verhältnissen — dem Manne in der Gesellschaft größere Rollen und mehr Verpflichtungen zu. Die Ehe geht ausschließlich von der Frau aus, die ihre Bereitschaft dazu ausspricht, wonach erst der Mann seine Bereitschaft aussprechen soll. Hierbei wird laut Koran (Sure 4/Vers 4) die sogenannte Morgengabe (sadaq) nur als Geschenk (nihla) vorgeschlagen. Auch nach der Ehe verfügt die Frau unabhängig vom Mann voll und ganz über ihr Vermögen. Der Mann hat kein Recht, sich darin einzumischen.




Die Frau hat das Recht auf standesgemäßen Lebensunterhalt, auf Wohnung und Kleidung, selbst wenn sie vermögend und wirtschaftlich völlig unabhängig ist. Sie hat das Recht, für die von ihr erbrachten Leistungen im Haus und sogar für das Stillen der Kinder Geld zu verlangen. Der Mann hat kein Recht, der Frau über ihre Verpflichtungen hinaus die geringsten Befehle zu erteilen. Die Frau ist dem Manne gegenüber verpflichtet, sein Eigentum und ihre Treue zu schützen. Die eheliche Verbindung, unter Vermeidung der Perversion (Koran: Sure 2/Vers 223), gilt als beiderseitiges Recht. Als Mißbrauchsverbot der körperlichen Überlegenheit des Mannes und im Rahmen seiner Schutzverpflichtung gibt es eine vieldiskutierte Stelle im Koran (Sure 4/Vers 34): Im Anschluß an eine Aussage über die Schutzpflicht des Mannes (ar-ridjal qawammun ‘ala‘n-nisa / Die Männer sind die Verantwortlichen für die Frauen) gibt der Koran zu den besonders schwierigen Fällen in der Ehe sinngemäß folgende Erklärung: Im Falle einer ständigen — nicht nur einmaligen —Verletzung ihrer religiösen Pflichten (nuschuz) — und nur in dem Falle, wenn das Zusammenleben dadurch unerträglich wird — wird dem Manne, uni einer Scheidung vorzubeugen, die Möglichkeit eingeräumt, Maßnahmen zu ergreifen, die von Ratschlägen bis zur Trennung im Bett reichen, und wenn dies alles nicht nützt, bis zu einem "nicht-schmerzenden Schlage" (ghair mu-barrih / (s. Tabaris Kommentar). Hier meinen die Gelehrten einstimmig, daß die Beschimpfung, jegliche Misshandlung und sogar "nicht-schmerzende" Schläge der Frau wegen jeder Art weltlicher und alltäglicher Streitfragen verboten (haräm) sind: Die Erklärung "nicht-schmerzender-Schlag" hebt grundsätzlich jede Art von Schlägen auf. Ebenso obliegt es der Frau, im Rahmen der allgemeinen Verpflichtungen jedes Muslims, "das Recht zu gebieten und das Verwerfliche zu verbieten" (Koran: Sure 3/Vers 110) und erzieherisch darauf zu wirken, den Mann von der Verletzung seiner Pflichten abzuhalten. Der Frau wird darüber hinaus eingeräumt, ihre Rechte zuerst durch einen Schiedsrichter und dann durch das Gericht geltend zu machen. Die Scheidung, die als solche zwar als verpönteste Erlaubnis deklariert wird (abghad al-haläl ‘inda‘lläh at-talüq) geht in der Formulierung talaq (Freigabe) vom Mann und in der Formulierung khul‘ (Freinahme) von der Frau aus.




Durch die wirtschaftliche Dominanz der Männer bedingt und im Rahmen ihrer Versorgungsverpflichtung lässt der Koran die Möglichkeit zur Vielehe offen. Im gleichen Vers unterbindet er diese Möglichkeit, wenn der Mann nur fürchtet, im Falle einer Vielehe die Frauen nicht gerecht behandeln zu können. (Koran: Sure 4/Vers 3: "Wenn ihr aber fürchtet, (sie) nicht gerecht zu (be)handeln, dann (nur) eine.")




Dazu kommt die Möglichkeit, der Frau bei der Eheschließung das Scheidungsrecht einzuräumen, falls der Mann ohne ihr Einverständnis eine zweite Frau nehmen würde. Davon haben bereits einige Staaten (Tunesien, Ägypten usw.) offiziell Gebrauch gemacht.




Im Falle einer Erbschaft steht der Frau ein geringerer Erbteil zu als ihren Brüdern, wenn sie einen oder mehrere hat. Dies wird als Ausgleich zur höheren wirtschaftlichen Belastung des Mannes, die der Frau gänzlich fehlt, und als Ausgleich zu den harten Verteidigungspflichten, die nur den Männern und nicht den Frauen obliegen, yerstanden. In der Ausbildung und bei der Besetzung gesellschaftlicher Positionen steht einer völligen Gleichberechtigung der Frau nichts im Wege, vorausgesetzt, daß die moralischen Regeln, zu denen sowohl Männer als auch Frauen verpflichtet sind, eingehalten werden, so daß die Frau als eine gleichwertige Partnerin des Mannes fungieren kann, ohne als Objekt des Konsums und des Interesses der Männer missbraucht und von diesen "belästigt" zu werden (Koran: Sure 33/Vers 59).




Diese Haltung — und speziell diese — hat parallel zu den neuen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den islamischen Ländern vielen Frauen ein sehr hochzuschätzendes Selbstbewusstsein verschafft und zum ersten Mal in der Geschichte des Islam einen neuen muslimischen Frauentyp hervorgebracht, dem die gesellschaftlichen Bewegungen in den islamischen Ländern viel zu verdanken haben und ohne den die Bewegungen keinen Erfolg hätten erzielen können.



Politik als religiöse Verpflichtung



Zu den wichtigsten religiösen Handlungen eines jeden Individuums in der Gemeinschaft gehört der Schutz seines Nächsten. "Jeder von euch ist Schützer (der anderen) und jeder von euch ist für seinen Schützling verantwortlich", heißt es nach einer allgemein anerkannten Anordnung Muhammads (as-Sihah von Bukhari). Daraus und aus einer weiteren Verpflichtung den Islam zu schützen, erwächst die politische Verpflichtung jedes Muslims: Politik nicht im Sinne der bekannten machtanstrebenden diplomatischen und politischen Taktik, Strategie und Finesse, sondern nur im Sinne der Schaffung eines gesellschaftlichen Rahmens, der die Erhaltung und Ausübung der Hingabe an den einzigen Gott und der damit zusammenhängenden Lebensregelungen ermöglicht und das Fortbestehen der damit anvertrauten Gemeinschaft garantiert. Es versteht sich von selbst, daß die so verstandene Politik, bzw. der darauf gegründete Staat von der islamischen Weltanschauung getragen werden und mit Hilfe des islamischen Gesetzes Verwirklichung finden können:



a) Grundlage eines islamischen Staates




Entscheidendste Grundlage dafür ist die Überzeugung von der Gerechtigkeit, die das Entstehen eines solchen Staates ermöglicht und sein Bestehen sichert: Gerechtigkeit im Sinne einer absoluten Gleichheit des Menschen als Individuum und als umma-Mitglied vor dem Gesetz sowie vor der legislativen wie auch der exekutiven Gewalt; und schließlich Gerechtigkeit im Sinne einer absoluten Wertgleichheit der Menschen untereinander und vor Gott. Keiner, nicht einmal der oberste Herrscher, hat das Recht, sich irgendwelche Privilegien zuzulegen, von der Besoldung durch die Staatskasse angefangen bis hin zur gesellschaftlichen Rangordnung. Leistung in jeder Hinsicht und der dementsprechende Verdienst gelten zwar als gesellschaftliche Prinzipien, doch dürfen weder sie noch andere (wie Reichtum, Abstammung, Rang, Position, Geschlecht) zu einem Wertunterschied zwischen den Menschen führen. Leistung wird als Erfüllung einer Pflicht gegenüber Gott und den Mitmenschen angesehen. Mit welchen Schwierigkeiten die Verwirklichung einer solchen, nicht einfach zu realisierenden Gerechtigkeitsidee und mit welch hohen Erwartungen sie seitens der umma verbunden ist, läßt sich ahnen. Die logische Folge ist, daß an sich jeder Muslim für den Islam und die umma dienend verantwortlich ist, auch wenn nicht jeder Mensch in der Lage ist. die Gesamtverantwortung auf sich zu nehmen. Unter Beteiligung aller umma-Mitglieder sollte aber das höchste islamische — politische, gesellschaftliche und religiöse — Amt die Gesamtverantwortung repräsentieren. Ein solches — als religiöse Pflicht gedachtes und von der umma getragenes — Amt kann weder diktatorisch noch theokratisch sein. Man pflegt eine solche Staatsform als Nomokrathie zu bezeichnen.



b) Der Aufbau des Staates nach dem Koran




Entsprechend der erörterten Gerechtigkeitsidee liefert der Koran für die Staatsform ein durchaus konsequentes Konzept, das zwar in der Geschichte des Islam stets als anzustrebende Idealform vor Augen gehalten wurde, welches aber in der Realität nur gelegentlich Verwirklichung gefunden hat (weitgehend unter den vier rechtgeleiteten Kalifen). Das Konzept ist aufgebaut auf der absoluten Gleichheit und Verantwortung aller Gemeinschaftsmitglieder. Dies läßt sich am besten an dem Wort "amr", wörtlich: Angelegenheit, gesellschaftlich, Gesellschaftsordnung, erörtern: Bezüglich der Beteiligung aller Gemeinschaftsmitglieder heißt es: "Ratschlage ihnen (gemeint sind die Gemeinschaftsmitglieder) über al-amr" (die Angelegenheit, die, die Gemeinschaft betrifft); ihre Angelegenheit (amr = gesellschaftsbetreffende Angelegenheit) vollzieht sich unter ihnen durch Beratschlagung (schura)". Für das Bestehen des Staates wird aber auf der anderen Seite der Gehorsam vor der Spitze gefordert, der, der Gemeinschaft als Pflicht obliegt: "Gehorchet Gott und dem Gesandten und denen unter euch, die über al-amr zu befinden haben bzw. verfügen (ulu‘l-amr)!" Das Phänomen amr beinhaltet somit die gesamte gesellschaftliche Ordnungsstruktur, die aus einer Basis und Spitze besteht, welche eine Einheit bilden. Die Spitze bleibt als Mitglied der Gemeinschaft integriert in die Gemeinschaft. Ihr kommt nur treuhänderisch die Leitung der gesamten Verantwortung zu. Solange Muhammad lebte, war er praktisch derjenige, der auch u. a. die Spitzenposition innehatte. Die Realisierung dieser fast idealen Staatsform hat aber — wie sonst kein anderes islamisches Gebot — seit seinem Tode bis heute Anlaß zu Spaltungen und Auseinandersetzungen innerhalb der islamischen Gemeinschaft gegeben. Die Spaltung der umma in Sunniten, Schiiten und Kharidjiten zu Beginn der islamischen Zeit geht gerade darauf zurück, nämlich auf die Frage, wer am ehesten als Spitze diese Form zu verwirklichen vermag.



c) Islam und Demokratie




Diese ideale Staatsform jenseits eines die umma zerspaltenden Parteigedanken erweckt den Eindruck, daß es sich dabei weniger um Herrschaft der einen über die anderen, sondern ui die Verantwortung aller Gemeinschaftsmitglieder der für alle handelt, eine Staatsform, die durch die westlichen Kategorien schwer zu erfasse ist. Dieses Ideal gibt den Muslimen sogar den Anlaß die westliche Demokratie als nicht gerecht genug dahin zu kritisieren, daß sie bestenfalls in Wirklichkeit die Herrschaft eines Teils des Volkes über den Rest bedeutet, wobei die islamische Staatsform kein Gesellschaftsmitglied zu Gunsten der anderen von der aktiven Verantwortung ausschließen kann. (Diese Kritik bildet sogar den Ansatz zur Aufstellung der neuen libyschen Staatstheorie.)



d) Herrschaftskritik




Von einigen früheren Perioden abgesehen hatten die Muslime die Zeit der vier rechtgeleiteten Kalifen für die relativ beste Zeit, auf die sie sich heute als auf ein Modell einer angestrebten Gesellschaftsordnung beziehen. Dies ist ein Beweis dafür, daß in den späteren geschichtlichen Entwicklungen dieses Gebot in der Regel verletzt, d.h., das dafür notwendige Verantwortungsgefühl der Muslime zu Gunsten der Machthaber bis hin zu einem islamwidrigen Absolutismus missbraucht wurde.




Von den immanent islamischen Machtkämpfen oder sogar kurzlebigen Protesten gegen die jeweiligen Machthaber abgesehen, hat die kritische Haltung gegenüber den traditionellen islamischen Herrschaftsformen in der Geschichte nur gelegentlich zu Widerständen geführt und erst seit der Begegnung des Westens als einer politischen Macht mit dem islamischen Morgenland (seit dem 17. Jh.) und in Folge der Kooperation der muslimischen Herrscher und Politiker mit diesen die Form einer politischen Bewegung angenommen -




Unzufrieden damit, reichen die Lösungsversuche von einem völligen Säkularismus bis hin zu einer völligen politischen Loslösung von Westen und Osten. Dabei handelte es sich nicht um Wunschträume, sondern um Versuche, die jeweils in dem vielschichtigen Gebäude der islamischen Gesellschaft an sich und in der Art ihrer Begegnung mit West und Ost wurzelten. Erwiesenermaßen fruchtlos und sogar schädlich sind zweierlei Versuche: Diejenigen, die entweder die eigene Tradition beiseite legen und eine blinde Verwestlichung und somit eine vorsätzliche Entfremdung anstreben, oder diejenigen, welche im Gegensatz dazu darauf zielen, die dem Koran fremden Sitten und Gebräuche als Modell für das heutige Leben der Menschheit verwenden zu können.



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Zitierte und weiterführende Literatur


Fischer Weltgeschichte: Der Islam. 2 Bde. Frankfurt:

Fischer 1968/197 1.


A. Th. Khoury: Einführung in die Grundlagen des


Islam. Graz u. a.: Styria 1978.


Der Koran. Übersetzung von M. Henning. Wiesbaden: Verlag der Vertriebsgesellschaft Modernes Antiquariat (VMA) Fourier und Fertig (Lizenzausg. von

Ph. Reclam jun., Stuttgart: Reclams IJB 4206).

K. Kreiser u. a.: Lexikon der islamischen Welt. 3

Bde. Stuttgart 1974 (Urban tb 200/1—3).

syracus
30.05.2004, 13:15
Mir scheint hier verwechseln ein paar "gelebte Religion" mit "vorgegebener Religion". Denn weder der katholisch-christliche Glauben noch der Islam sind fortschrittlich, demokratisch oder sonst was. Was nichts daran ändert, dass man Toleranz auch als Angehöriger der jeweiligen Glaubensrichtung leben kann. Zum Islam wurde genug geschrieben, zum Katholizismus und dem Vatikan dagegen nichts. Denn,


- auch der gibt den Frauen wenig bis kein (im Vatikan und der "Leitung") Mitspracherecht

- auch der trifft Entscheidungen und gibt Weisungen die nicht mehr zeitgemäss sind, als Beispiel seien nur Verhütung (AIDS-Problematik in Afrika) oder Abtreibung nach Vergewaltigung genannt

- auch der annerkennt Homosexualität nicht und benennt sie weiterhin Sünde

- auch der handelt nicht demokratisch

Und dennoch benutzen wohl viele Kirchgänger Kondome, gehen fremd, nennen sich Demokraten und haben wenig Probleme mit gelebter Gleichberechtigung und Abtreibungen nach Vergewaltigungen. Und genau da liegt ein Punkt der hier drin so falsch rüberkommt: Sich selbst rechnet man die Freiheit zu, vom von der Kirche vorgegebenen Weg abzukommen ohne ein Problem damit zu haben, spricht aber Angehörigen anderen Glaubens diese Fähigkeit ab. Ein etwas falsches Spiel, nicht?

syr

Gast_B
30.05.2004, 19:03
Naja, was mein Posting oben angeht habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt. Ich meine, dass die Vorgaben jeder Religion überholt sind, auch die des Christentums. Man kann die Vorgaben aus den jeweiligen Schriften einfach nicht wörtlich nehmen. Aber das ist meine ganz persönliche Sicht der Dinge. In erster Linie wichtig wäre es mir, wenn von den Schriften abweichende „gelebte Religion“ allgemein akzeptiert würde. Und was das angeht sind wir hier halt wesentlich weiter als Regionen, wo der Islam vorherrscht. Aber Du hast recht, das ist wohl weniger eine Frage der Religion selbst.

Dass ich speziell auf den Islam einging, sei mir verziehen. Ich bin was Religionen angeht ganz gewiss nicht verbohrt, sonst hätte ich damals auch keinen Muslimen geheiratet :D Jedem so wie er es mag, ist meine Devise. Mein Posting kam mehr durch meine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema zustande, bei denen ich schmerzlich feststellen musste, dass man es als Frau in einer muslimischen Familie tatsächlich nicht leicht hat. Aber das ist vielleicht wirklich schon zu viel des Partei Ergreifens, was eigentlich gar nicht meine Absicht war :rolleyes:

Liebes Grüssle :)

optim3
30.05.2004, 23:33
http://mitglied.lycos.de/muslimmm/derislam/kriegundfrieden/?



KRIEG


WAS SAGT DER ISLAM ZU KRIEG UND FRIEDEN?
Diese Frage beschäftigt gerade heutzutage viele Menschen.Darauf eine zutreffende sachliche Antwort zu erhalten, ist nicht leicht.Das Wort Islam ist in aller Munde, ebenso der Krieg. Fast automatisch stelltsich da eine Verbindung her. Viele Politiker, Medien und sogenannte Nahost-Expertentun ein Übriges, indem sie Ängste schüren vor dem Islamund seinem Heiligen Krieg.

ISLAM HEISST FRIEDENMACHEN

Zwar redet heutzutage fast jeder vom Islam, doch weißkaum jemand, was das Wort in Wirklichkeit bedeutet. Für die meistenMenschen ist es einfach der Name einer Weltreligion. Darüber aber,daß schon der Name das Wesentliche über diesen Glauben mitteilt,macht man sich meist keine Gedanken. Dabei beruht gerade auf dieser Unkenntnisder wirklichen Bedeutung des Wortes Islam wohl der größte Teilder Vorurteile und Mißverständnisse, die dem Islam entgegengebrachtwerden. Das Wort Islam, ins Deutsche übertragen, bedeutet: Friedenmachen.Der Islam versteht sich als die Religion und Lebensweise des Friedenmachens.Das Friedenmaehen, wie schon der Name sagt, ist das Programm des Islam.Der Islam will Frieden machen in allen Bereichen, die für den Menschenvon Bedeutung sind. Der Mensch soll Frieden machen mit Gott und mit sichselbst, mit seinen Mitmenschen und mit Gottes Schöpfung. Ein Mensch,der dies verwirklichen will, ist Muslim, d.h. einer, der Frieden macht.

KEIN HEILIGER KRIEG
Nun fragt man sich vielleicht: Wie paßt das zusammenmit dem Heiligen Krieg? Die Antwort darauf ist sehr einfach: Der "HeiligeKrieg hat nichts mit dem Islam zu tun. Dieser Begriff kommt im Koran,der Heiligen Schrift des Islam, überhaupt reicht vor. Es ist dem Islamfremd. Ursprünglich stammt dieser Begriff wohl aus dem Mittelalter,der Zeit der Kreuzzüge, als man im christlichen Abendland aufriefzu einer Kriegsfahrt in den Orient, auch damals gegen den Islam und dieMuslime. Das nannte man einen Heiligen Krieg. Wie wir heute wissen, warendiese Kreuzzüge alles andere als "heilig. Kaum jemand im Abendlandwürde sich heute noch mit jenem Mißbrauch von religiösenGefühlen der Menschen identifizieren wollen. Aber der Begriff desHeiligen Krieges hat sich erhalten. Nur wird er, wie nach dem Motto Haltetden Dieb!, jetzt dem Islam und den Muslimen aufgestülpt, gegen dieer sich in Wirklichkeit ja ursprünglich zuallererst gerichtet hatte.

UND WAS IST DANN DSCHIHAD?

Dies ist die nächste Frage, die sich hier anschließt.Nun gut, wird man vielleicht sagen, der "Heilige Krieg" steht so nichtim Koran, aber den Dschihad, den gibt es doch, und ist das denn nicht dasselbe?Nein, es ist nicht dasselbe! Dschihad ist ein Wort aus dem Koran, aberes bedeutet weder "heilig noch "Krieg. Es ist nicht einfach zu übersetzen.Am besten drückt man es im Deutschen so aus: "etwas mit ganzem Einsatztun", oder sich voll und ganz einsetzen. So ist eigentlich alles, wasein Muslim (einer, der Frieden macht) mit ganzem Einsatz" tut: Dschihad.Sein Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit wären ohne Dschihad,d.h. ohne ganzen Einsatz, nur halbherzig und unaufrichtig. Der ProphetMuhammad (s) hat gesagt: Der beste Dschihad ist, das Wort der Wahrheit(und des Rechts) vor einem ungerechten Herrscher zu sprechen." Man siehtan dieser Aufforderung sehr deutlich, welche Art von "ganzem Einsatz hiergemeint ist: die persönliche Überwindung von Angst, Eigeninteresseund Egoismus. Dieser Dschihad ist auch ein Kampf - und zwar ein Kampf gegendas eigene Ich. So wird dem Propheten Muhammad (s) der Ausspruch zugeschrieben,als er einmal mit seinen Gefährten von einem Feldzug zurückkehrte:Wir kehren zurück vom kleinen Dschihad zum großen Dschihad."Den Kampf mit der Waffe bezeichnete er also im Vergleich mit dem Kampfgegen das Ich als den kleineren Einsatz. Das sollte man im Blick behalten,wenn man über Krieg und Frieden im Islam spricht.

KEIN BLINDER PAZIFISMUS

Der Islam vertritt keinen blinden Pazifismus, d.h. erverlangt von seinen Anhängern nicht, das eigene Leben oder die Menschen,für die man verantwortlich ist, dem Prinzip einer absoluten Gewaltfreiheitzu opfern. Der Koran sagt: Euch ist der Kampf vorgeschrieben, und er isteuch zuwider, und es ist möglich, daß euch etwas zuwider ist,das gut für euch ist, und es ist möglich, daß euch etwaslieb ist, was schlecht für euch ist, und Allah weiß, aber ihrwisst nicht. (2:216) Damit erkennt der Koran wohl an, daß die gewalttätigeAuseinandersetzung in der Regel unerwünscht ist, aber er untersagtsie nicht völlig, sondern stellt klare Grundsätze für Gewaltendrohung,Gewaltanwendung und Gewaltverzicht auf. Diese sollen nun kurz betrachtetwerden.

GEGEN GLAUBENSZWANG
Der Kampf, der dem Muslim in der obigen Quranpassagevorgeschrieben ist, hat ein klar umrissenes Ziel. Es ist der Kampf gegenZwang im Glauben und für die Freiheit des Bekenntnisses zu Gott. DerKoran sagt: Kein Zwang im Glauben - das rechte Handeln und das Fehlgehensind schon klar unterschieden. (2:256) Ein deutlicheres Bekenntnis zurreligiösen Toleranz findet man in keiner heiligen Schrift einer anderenWeltreligion. Der Muslim hat den Auftrag, dieses Menschenrecht der Freiheitdes Bekenntnisses zu Gott in jedem Fall zu schützen, notfalls auchmit Gewalt, selbst wenn damit manche bestehende Konvention gebrochen werdenmuß - wie im alten Arabien der heilige Monat, in dem der Kampfan sich verboten war: Sie fragen dich nach dem heiligen Monat, dem Kämpfendarin. Sag: Kämpfen darin ist schlimm, doch Abhalten von Allahs Wegund Ihn leugnen und (Abhalten von) der Heiligen Moschee und ihre Leutevon dort vertreiben, ist schlimmer bei Allah, und die Zwietracht ist schlimmerals der Kampf. Und sie hören nicht auf, euch zu bekämpfen, bissie euch von eurem Glauben abtrünnig gemacht haben, wenn sie das können... (2:217) Dies ist der Zusammenhang, in welchem der Koran den Kampfnicht nur erlaubt, sondern sogar vorschreibt. Der Muslim hat nicht nurdas Recht, sondern er hat die Pflicht, die Freiheit des Bekenntnisses zuGott auch mit Gewalt zu verteidigen gegenüber denjenigen Feinden,die ihrerseits den gläubigen Menschen hindern, nach Gottes Weg zuleben, an Ihn zu glauben, Seine Gebetsstätten zu besuchen und sichdort in Frieden aufzuhalten. All diese Vergehen gegen die Menschenrechtebezeichnet der Koran an anderen Stellen zusammenfassend mit dem Begriffdsulm, d.h. Unterdrückung und Gewalttätigkeit.

GEGEN UNTERDRÜCKUNG

Der Kampf gegen den Glaubenszwang ist zugleich ein Kampfgegen Gewalttätigkeit und Unterdrückung. Deshalb zeigt der Koranan einer anderen Stelle diesen Zusammenhang auch unmißverständlichauf: "Und was ist mit euch, daß ihr nicht auf Allahs Weg kämpftund für die Unterdrückten von den Männern und den Frauenund den Kindern, die sagen: Unser Herr, bring uns heraus aus dieser Stadt,deren Leute Tyrannen sind, und gib uns von Dir aus einen Beschützer,und gib uns von Dir aus einen Helfer.? (4:75) Der Muslim darf nicht nur,sondern er muß eintreten für den Schutz der Menschen, die Gottum Hilfe gegen die Tyrannei anrufen. Das nennt der Koran den Kampf aufAllahs Weg. Den Kampf für weltliche Ziele hingegen lehnt der Islamstrikt ab.

KEIN ANDERER KRIEG
Ebenso unmißverständlich wie der Koran denKampf gegen Glaubenszwang und Unterdrückung befiehlt, verbietet erauch jedweden Krieg, der aus anderen Gründen geführt wird, seiendas politische Macht, wirtschaftlicher Einfluß, Bodenschätze,National- oder Rassenstolz und was auch immer vorstellbar ist. All diesbezeichnet der Koran mit dem Sammelbegriff der Güter dieser Welt.Dem Diesseits steht nach islamischer Auffassung das Jenseits, das Lebennach dem Tod, gegenüber. Und das Jenseits ist besser und bleibender.(87:17) Der Muslim richtet sein Verhalten - auch im Kampf - deshalb nichtnach den Gütern dieser Welt aus. Der Koran untersagt ihm das mitden Worten: Ihr Gläubigen, wenn ihr auf Allahs Weg auszieht, dannschafft Klarheit und sagt nicht zu dem, der euch Frieden anbietet: Dubist kein Gläubiger, und ihr erstrebt (dabei nur) die Güterdes Lebens dieser Welt, und bei Allah ist vielfältiger Gewinn, (genau)so wart ihr früher, dann war Allah gütig zu euch, also schafftKlarheit, Allah kennt, was ihr tut. (4:94) Mit anderen Worten: Wer alsgläubiger Mensch Krieg aus anderen als den von Gott erlaubten Gründenführen würde, handelt so wie früher, d.h. bevor er durchGottes Güte gläubig wurde. Dann wäre er nicht anders alsandere Menschen auch. Der Muslim muß anders sein, denn sein Auftragist Friedenmachen. Streit und Krieg um die Güter dieser Welt aberbringen keinen Frieden. Deshalb rät der Koran zu bestimmten Wegen,den Krieg zu verhindern und den Frieden zu sichern.

FRIEDENSSICHERUNG
Der Koran nennt vier Prinzipien zur Friedenssicherungund Kriegsverhinderung. Diese könnte man auch Grundsätze derislamischen Friedenserziehung nennen. Als erstes vertritt der Koran dasschon genannte Prinzip Kein Zwang im Glauben. Das Eintreten fürdie Freiheit der Menschen, sich zu Gott zu bekennen, ist sein Fundamentder Friedenssicherung.
Zweitens stellt der Koran den Krieg unter die härtesteBestrafung und ruft die schlimmen Folgen davon ins Bewußtsein derMenschen: Die Vergeltung für diejenigen, die mit Allah und SeinemGesandten Krieg führen und im Land Verderben stiften, ist, daßsie getötet oder gekreuzigt werden und daß ihre Hände undihre Fasse wechselseitig abgeschlagen werden, oder sie aus dem Land verbanntwerden; dies ist ihre Vergeltung in dieser Welt, und im Jenseits ist fürsie schmerzliche Strafe (bestimmt). (5:33) Nach dieser Aussage des Koransist also die Kriegsanzettelung, mit der Todesstrafe oder zumindest derVerbannung bedroht. Dadurch soll der Krieg verhindert werden.
Drittens verlangt der Koran von seinen GläubigenFriedenssicherung nicht nur durch Worte, sondern durch erkennbare Maßnahmen,die jedermann klarmachen, daß diese Ziele des Eintretens gegen Glaubenszwangund Tyrannei und für die Sicherung des Friedens nicht nur proklamiertwerden, sondern auch gegen jede Bedrohung geschützt werden können:Und rüstet gegen sie, wozu ihr imstande seid, an Streitmacht undden Streitrossen, damit ihr die Feinde Allahs und eure Feinde einschüchtert,und andere außer ihnen, die ihr nicht kennt. (8:60) Das Ziel dieserMaßnahme ist eindeutig angesprochen: Es geht um die Verhinderungdes Krieges.
Viertens erwähnt der Koran an verschiedenen Stellendas Abschließen von Verträgen, die dazu führen, daßkeine Kriege geführt werden. Ein solcher Vertrag gilt nur dann nichtmehr, wenn der Vertragspartner ihn gebrochen hat. In diesem Fall wird derMuslim das nicht hinnehmen, weil der Koran ihm aufträgt: Und wennsie ihre Eide nach ihrem Vertrag gebrochen haben und euch wegen eurer Religionschmähen, dann kämpft gegen die Anführer des Unglaubens- für sie gibt es keine Eide, vielleicht lassen sie (dann) ab. (9:12)Auch hier wird noch einmal deutlich, daß im Mittelpunkt der islamischenLehre von Krieg und Frieden der Schutz der Freiheit des Bekenntnisses zuGott steht.

NOTWEHR JA?
Schließlich sind auch die Gebote des Korans, einen Krieg nicht zu beginnen und ihn baldmöglichst zu beenden, wesentlicheMittel der Friedenssicherung. Der Muslim hat das Recht der Selbstverteidigung,wenn er angegriffen wird. Aber er hat ebenso die Pflicht, den Kampf auchzu beenden, wenn der Feind ihn einstellt. Die Haltung des Muslims, wasden Krieg betrifft, ist also immer eine Erwiderung auf das, was ihm geschieht:"Und bekämpft diejenigen auf Allahs Pfad, die euch bekämpfenund übertretet nicht (Allahs Grenzen). Allah liebt die Übertreternicht. Und tötet sie, wo ihr sie antrefft und vertreibt sie, von wosie euch vertrieben haben ... und wenn sie aufhören - Allah ist verzeihendund barmherzig, und bekämpft sie, bis es keine Zwietracht mehr gibtund die Religion Allahs ist. Und wenn sie aufgehört haben, dann (gibtes) keine Feindschaft, außer gegen die Ungerechten." (2:190-193)Hier sind auch noch einmal die einzigen erlaubten Kriegsgründe genannt:Selbstverteidigung gegen Angriff und Vertreibung, d.h. dsulm (Unterdrückung,Tyrannei) und Freiheit des Bekenntnisses zu Gott, d.h. bis die ReligionAllahs ist. Noch eindeutiger heißt es im Koran: Es ist denen erlaubt,die kämpfen, weil ihnen Unrecht geschah, und Allah ist ihnen zu helfenschon imstande, diejenigen, die herausgetrieben wurden aus ihren Häusern,ohne Recht, nur weil sie sagten: Unser Herr ist Allah - und wenn es nichtAllahs Abwehren der Menschen untereinander gäbe, wären bestimmtdie Einsiedeleien zerstört und die Kirchen und Gebetsstättenund Moscheen, in denen Allahs Namens viel gedacht wird ...(22:39-40)

FRIEDEN UND GERECHTIGKEIT HERSTELLEN
Im übrigen weist der Vers Und wenn sie aufgehörthaben, dann (gibt es) keine Feindschaft, außer gegen die Ungerechten(2:193) die Muslime an, auch nach dem Kampf, wie schon zuvor, fürFrieden und Gerechtigkeit einzutreten. Diese Friedensbereitschaft fordertder Koran in jedem Fall: Und wenn sie dem Frieden zugeneigt sind, dannseid (auch) ihr ihm zugeneigt und vertraut auf Allah ...(8:61) Der Koranzwingt den Menschen nicht, den Islam anzunehmen. Aber dem Grundsatz Freiheitdes Bekenntnisses zu Gott und "Schutz vor Unterdrückung" mußsich jeder unterstellen und dies auch mit Entrichtung einer Steuer unterBeweis stellen: Kämpft ... bis sie die Ersatz-Steuer (dschisja) ausder Hand gegeben haben und sie Untertanen (geworden) sind. (9:29)

WAS STEHT DEM ENTGEGEN?
Dies sind kurz zusammengefaßt die wichtigsten Grundsätzeüber Krieg und Frieden im Islam. Wer sie berücksichtigt, kannsich nun selbst eine Meinung darüber bilden, wann für die MuslimeWiderstand gegen einen Angriff auf Freiheit und religiöses Bekenntniserlaubt und gefordert ist, und wann die religiösen Gefühle derMenschen zu ganz anderen Zwecken mißbraucht werden. Darüberhinaus sollte man nun aber auch zu einer gerechten Beurteilung dieser islamischenGrundsätze kommen können und sich fragen, was ihnen eigentlichentgegensteht. Was steht wirklich gegen
- Schutz vor Glaubenszwang?
- Schutz vor Unterdrückung und Tyrannei?
- Einsatz für Freiheit und Menschenrechte?
- Verbot jedweder sonstigen Waffengewalt?
- Bemühen um Friedenssicherung?
- Verbot des Angriffs?
- Erlaubnis der Notwehr?
- Friedenmachen auf allen Ebenen?

carlo
31.05.2004, 01:48
Danke für den Beitrag, optim! :)

mfabian
31.05.2004, 01:51
Die Religion ist das eine, der Staat, die Gesellschaft das andere. Oder wie es Brigitte ausgedrückt hat: ich halte überhaupt nichts davon, einzelne Phrasen aus der Bibel oder dem Koran wörtlich zu nehmen.

Wenn wir von den westlichen Ländern sprechen, beziehen wir uns in erster Linie auf die Staatsform, die Freiheit, Demokratie aber nicht auf die christiliche Religion. Sprechen wir aber von arabischen Ländern, nennen wir "Muslim" und "Islam" im gleichen Atemzug. Zugegeben, in den arabischen Ländern hat die Religion für die breite Masse noch einen grösseren Einfluss auf das tägliche Leben als bei uns aber dennoch produziert Aegypten zwei Bier-Marken (Stella und Meisters) obschon Alkohol im Islam verboten ist.

Sind es nicht gerade wir, die christlichen Nationen, die sich so gar nicht an die Vorgaben unserer Religion halten? Wäre Jesus Christus damit einverstanden gewesen, dass die christlichen Amerikaner zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwerfen?

Und vom wem sind die grössten religiös motivierten Kreuzzüge der Menschheits-Geschichte ausgegangen? Von Juden? Moslems? Buddhisten? Hindus?
Nein, es waren die Christen, die ab 1150 das "Heilige Land" mit Krieg und Mord überzogen und es waren Christen, die Folter, Inquisition und Hexenverbrennung im Mittelalter zum Alltag werden liessen.

Historisch betrachtet ist die christliche Religion die schlimmste von allen bzw. haben sich Christen schlimmer benommen als alle anderen religiösen Fanatiker zusammen.

Woher in Dreiteufelsnamen nehmen wir Christen uns also das Recht, andere zu verurteilen, wo wir doch die absoluten Rekordhalter menschlicher Abscheulichkeiten sind?

Marcus

carlo
31.05.2004, 01:57
Original geschrieben von syracus
Mir scheint hier verwechseln ein paar "gelebte Religion" mit "vorgegebener Religion". Denn weder der katholisch-christliche Glauben noch der Islam sind fortschrittlich, demokratisch oder sonst was. Was nichts daran ändert, dass man Toleranz auch als Angehöriger der jeweiligen Glaubensrichtung leben kann. Zum Islam wurde genug geschrieben, zum Katholizismus und dem Vatikan dagegen nichts. Denn,


- auch der gibt den Frauen wenig bis kein (im Vatikan und der "Leitung") Mitspracherecht

- auch der trifft Entscheidungen und gibt Weisungen die nicht mehr zeitgemäss sind, als Beispiel seien nur Verhütung (AIDS-Problematik in Afrika) oder Abtreibung nach Vergewaltigung genannt

- auch der annerkennt Homosexualität nicht und benennt sie weiterhin Sünde

- auch der handelt nicht demokratisch

Und dennoch benutzen wohl viele Kirchgänger Kondome, gehen fremd, nennen sich Demokraten und haben wenig Probleme mit gelebter Gleichberechtigung und Abtreibungen nach Vergewaltigungen. Und genau da liegt ein Punkt der hier drin so falsch rüberkommt: Sich selbst rechnet man die Freiheit zu, vom von der Kirche vorgegebenen Weg abzukommen ohne ein Problem damit zu haben, spricht aber Angehörigen anderen Glaubens diese Fähigkeit ab. Ein etwas falsches Spiel, nicht?

syr
Da wirfst Du jetzt so ziemlich alles in einen Topf, was menschliche Verhaltensweisen so ausmacht, syracus... :rolleyes:

Konsens besteht, denke ich, zumindest darüber, daß das bloße Bekenntnis zu einer bestimmten Religion wertfrei bleibt, und man zunächst weder ein "besserer", noch ein "schlechterer" Mensch wird.

Auch die Demokratie schützt Menschen nicht davor, verlogen, falsch und heuchlerisch aufzutreten, das hat jedoch wiederum nichts mit der gewählten Konfession zu tun.

Der letzte Absatz gefällt mir allerdings am besten, weil er die Frage in sich birgt, wie realitätsbezogen die katholische Kirche heute noch agiert, und ob es auf Dauer nicht in vielerlei Hinsicht schizophrene Züge bekommt, was da so in Rom erdacht wird - das wäre auch einen thread wert! :)

Aber,
und da unterscheiden sich unsere Erfahrungen wahrscheinlich gravierend,
wenn hier, in Berlin, immer wieder junge Frauen von ihren korangläubigen Brüdern/Vätern zwecks "Wiederherstellung der Familienehre" (im deutschen Strafrecht heißt das Mord aus niedrigen Beweggründen) umgebracht werden, weil ihr "Verbrechen" darin bestand, mit einem Nichtmuslim ausgegangen zu sein oder geschlafen zu haben, wenn moslemisch erzogene Frauen gegen ihren ausdrücklichen Willen von Anatolien zur Hochzeit nach D gekarrt werden, um einen nahen Verwandten/Bekannten des Vaters heiraten zu müssen, den sie noch nie vorher gesehen haben, wenn 60% der Schwer- und Schwerstkriminalität in Berlin auf das Konto überwiegend türkisch- und arabischstämmiger Banden geht und arabische Asylbewerber auf Demo´s ihren 3jährigen Söhnen Sprengstoffattrappen a la Märtyrer um den Leib schnallen, könnte einem der fremdgehende Katholik fast symphatisch werden.

Menschliches Fehlverhalten liegt immer noch am Menschen selbst, Religion hin oder her. Aufpassen müssen wir jedoch, wenn Religion als legitimierendes Element wissentlich und absichtlich dazu genutzt wird, deren Anhänger zu menschenrechtsverachtenden und hochkriminellen Taten anzustiften, da helfen falsch verstandene Toleranz und symptomatisch bekundete Schuldkomplexe nicht weiter.

Die Gänze des Christentums kann die drängenden Fragen unserer Zeit genausowenig beantworten wie andere Religionen. Müssen sie aber auch nicht, dafür gibt es Politiker und andere schlaue Leute. Ob der Islam allerdings geeignet ist, die UNO-Charta der Menscherechte im letzten Winkel der Welt zu implementieren, weil ISLAM, wie in optims Beitrag zu lesen war, FRIEDEN bedeute, und man den Koran deswegen in die Tradition der anderen beiden Weltreligionen stellen muß, darf aus gutem Grund sehr stark bezweifelt werden, und um nichts anderes geht´s hier... :sss

mfabian
31.05.2004, 03:01
Original geschrieben von carlo
Ob der Islam allerdings geeignet ist, die UNO-Charta der Menscherechte im letzten Winkel der Welt zu implementieren, ...darf aus gutem Grund sehr stark bezweifelt werden, und um nichts anderes geht´s hier... :sss

Wobei sich hier die Frage stellt, wer denn überhaupt die Menschenrechte bis in den letzten Winkel der Welt implementieren könnte.
Dass Amerika die Menschenrechte im Irak und auf Guantanamò schlimmer missachtet als jedes muslimische Regime, darf nicht als Entschudigung für Verfehlungen letzterer herangezogen werden. Genau so, wie ich es in Diskussionen in amerikanischen Newsgroups nie akzeptiert habe, wenn Amerikaner ihre eigenen Verfehlungen damit entschuldigt haben, dass ja Saddam Hussein "noch schlimmer" war als die Amerikaner. Ein Verbrechen kann schliesslich nicht damit gerechtfertigt werden, dass es Andere gibt, die noch schlimmer sind.

Nachdem die USA aus der Reihe der Friedensbringer also ausgeschieden sind, konzentriert sich aus christlicher Sicht die Kompetenz auf das "alte" Europa, das allerdings derzeit leider noch zu schwach ist, um Amerika Paroli zu bieten.

Unser europäisches Ziel muss es sein, die USA wieder auf den Pfad der Zivilisation zurückzuführen und davon zu überzeugen, dass die Werte, die die USA so lange selbst propagiert hatten, auch nach 9/11 noch ihre Gültigkeit haben.
Amerika ist - ob wir's nun wollen oder nicht - die mächtigste Nation auf Erden und solange die Amerikaner von Terrorangst bzw. Rachegelüsten getrieben den Weg von Folter und Unterdrückung einschlagen, wird es zumindest von Seiten der christlichen Nationen keinen Schritt in Richtunge bessere Welt geben.

Sind die muslimischen Staaten dazu in der Lage? Nein, wohl auch nicht. Zwar haben sie sehr viel Geduld in Punkto Israel bewiesen und sich auch dadurch nicht aus der Ruhe bringen lassen, dass die USA seit nunmehr über 50 Jahren sämtliche Aktionen Israels decken und keine UNO-Resolution gegen Israel sanktioniert haben.

Summa summarum sind auch die Islamischen Länder zu wenig bedeutend, um eine friedlichere und bessere Welt durchzusetzen.

Verbleiben noch die Hindus und Buddhisten, die sich aber international nicht gross einmischen und somit sich selbst irrelevant setzen.

Und die Juden? Kann man sowieso vergessen. Die konzentrieren sich darauf, in New York genug Geld zu verdienen, damit sie in Palästina Kinder zusammenbomben können.

Alles in allem: Nein, die Muslime können die UNO-Charta der Menschenrechte nicht in der Welt implementieren. Die Europäer auch nicht - gegen Amerika. Und die anderen sind ohnehin auf ihre jeweiligen nationalen Konflikte fokusiert.

Marcus

huetchenspieler
02.06.2004, 05:56
Die Mär der Unterdrückung von Frauen im Islam...


Hunderte Peitschenhiebe

| 31.05.04 | focus.de

Ein saudi-arabisches Gericht hat den Gatten einer beliebten TV-Moderatorin zu sechs Monaten Gefängnis und 300 Peitschenhieben verurteilt, weil er seine Frau bewusstlos geprügelt hat.
Anfang April wurde die Moderatorin Rania el Bas von ihrem Mann mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht, wie die Zeitung „Arab News“ am Montag berichtete.

Sie habe 13 Knochenbrüche davongetragen, als der Mann ihren Kopf gegen die Wand und auf den Fussboden schlug. Der Fall hatte in Saudi-Arabien großes Aufsehen erregt: Bas hatte eingewilligt, Bilder von ihren schweren Verletzungen in der Presse zu veröffentlichen, um auf das Leid misshandelter saudiarabischer Frauen aufmerksam zu machen.

Die Moderatorin reichte die Scheidung ein. Zudem will sie einen Zivilprozess gegen ihren Mann anstrengen, wie ihr Anwalt sagte. Nach der in Saudi-Arabien geltenden Auslegung des islamischen Rechts kann sie bei erfolgreichem Ausgang des Verfahrens wählen, ob ihr Mann Schmerzensgeld zahlen muss oder aber mit derselben Härte verprügelt wird, mit der er sie misshandelt hatte.

Perry27
02.06.2004, 08:04
Historisch betrachtet ist die christliche Religion die schlimmste von allen bzw. haben sich Christen schlimmer benommen als alle anderen religiösen Fanatiker zusammen.

Aha, ein kleiner Christenhasser. Sei froh, daß wir die Scheiterhaufen nicht mehr haben, und daß bei uns jeder rumkotzen darf wie er will. Sähest sonst alt aus. Vielleicht sollte man sie aber wieder einführen. Ich wär fast dafür, wenn ich diesen Mist hier lese.

carlo
02.06.2004, 12:21
Du mußt ja mfabians Meinung nicht teilen, perry,
aber das vorstehende posting tritt gerade auf den Gegner und nicht mehr auf den Ball... :finger

Es würde sehr helfen, wenn Du Deinen Standpunkt etwas sachlicher erklärst... :rolleyes:

Perry27
02.06.2004, 12:39
Ich weiß Carlo, es tut mir leid, aber mich hat's heute Morgen echt gepackt gehabt. War auf die Zigarre schon gefasst. Halte standesgemäß andere Backe auch hin. Darf das halt nicht mehr lesen. Passiert sonst bestimmt wieder. Sachlichkeit kontra verkapptem Hass habe ich nicht drauf, will ich auch nicht können. Sorry.

carlo
02.06.2004, 12:47
Schade, perry, aber trotzdem vielen Dank für die Klarstellung. :)

mfabian
03.06.2004, 01:47
Original geschrieben von Perry27
Aha, ein kleiner Christenhasser.

Nee, Perry, kein Christenhass. Persönlich sind mir eigentlich alle Religionen so ziemlich egal. Ich betrachte Religionen ganz allgemein als ein Machtinstrument des jeweiligen Staates, seine Bürger zu kontrollieren.
Was allerdings nicht heissen will, dass nicht der Kern jeder Religion im Grunde viel Gutes und viel Wahrheit enthält (siehe Bergpredigt). Ich glaube an Gott aber der Name, den wir Ihm geben und der Leitfaden ist in meinen Augen irrelevant.

Was mich aber nervt ist, wenn sogenannte Christen andere Religionen verurteilen und deren Schandtaten anprangern, ohne zunächst mal vor der eigenen Haustüre zu kehren. Und da kannst Du sagen was Du willst, in dieser Beziehung gehen wir Christen nun wirklich nicht mit dem besten Beispiel voran.

Lass es mich etwas weniger krass formulieren: Wenn GWB gesagt hätte: "Leute wir erobern den Irak weil wir billiges Öl haben wollen ...", dann hätte ich dafür ein gewisses Verständnis aufbringen können. Aber wenn er sich dabei als guter Christ ausgibt, sich beim Besuch einer Messe filmen lässt mit der Bibel in der Hand und seine Truppen segnen lässt, dann kommt mein Abendessen hoch. :gomad

Oder: Eine Schandtat, die im Namen einer an sich guten Religion ausgeführt wird, ist schlimmer als wenn die Motivation Habgier, Rache oder Hass ist.

Aber mit den letzten beiden Aussagen stehe ich wahrscheinlich nicht im Widerspruch mit wahren Christen; vielen dürfte es ähnlich ergehen.

Falls ich also mit obenstehendem Posting Deine christlichen Gefühle verletzt haben sollte, bitte ich um Entschuldigung. Vielleicht können wir uns ja auf folgendes einigen: zu beurteilen ist der Mensch als Individuum und seine Taten. Unabhängig davon, welcher Religion er anhängt

Einverstanden ;)

Perry27
03.06.2004, 08:38
Danke fabian, aber religiöse Gefühle in dem Sinne hast du bei mir nicht verletzt. So gläubig bin ich jetzt auch nicht. Für mich ist das Christentum eher Kultur und tief verwurzelte Tradition.
Was die Öl-These angeht, möchte ich mich nicht äußern, da dies auf eine rein farbentheoretische Betrachtung wäre. Aber selbst wenn, auch Hitler hat seine Überfälle im Namen der "Vorsehung" getätigt und den "Herrgott" angerufen. Das hat noch nicht viel zu sagen. Die größten Verbrechen des letzten Jahrhunderts wurden allerdings von atheistischen Regimen verübt. Sowohl der Nationalsozialismus als auch der Stalinismus inklusive seiner Ableger waren grundlegend atheistisch.
Indes hat das Christentum seine archaischen Hörner weitestgehend abgestoßen , was man von anderen Religionen nicht gerade behaupten kann.
Religionen sind immer im Kontext mit dem kulturellen Stand der entsprechenden Gesellschaft und deren jeweiligen zivilisatorischen Entwicklungsstand zu betrachten !
Deshalb ist es auch nicht eine Verletzung der religiösen Gefühle , was so manche Beiträge in mir auslöst, sondern eher so etwas wie ein kultureller Zorn, dem ich mich nicht entwehren kann.
Ich persönlich würde mir daher ein wehrhaftes Christentum wünschen, und anstatt auf irgendwelchen Flugplätzen herumzukriechen und diese abzuknutschen, hätte dieser Papst lieber eine anständige Armee aufstellen sollen. Dann könnten wir alle ruhiger schlafen. Ich hoffe, daß das sachlich genug war.

morgendlichen Gruß

carlo
04.06.2004, 23:50
Ein hochinteressanter Artikel:




Millionen gegen Mohammed


Der Vatikan will weltweit die Ausbreitung des Islam stoppen. Eine kaum bekannte Organisation gibt dafür Riesensummen aus

von Andreas_Englisch


Die Chefs der mit weitem Abstand größten Einrichtung der katholischen Kirche residieren in Rom nahe der Spanischen Treppe. Hier werden sie eingenebelt von den Ausdünstungen gewaltiger Schnellrestaurants, und die Priester drängen sich auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz nicht nur durch Touristenmassen, sondern müssen auch noch an den teuersten Unterwäsche-Boutiquen der Stadt vorbei. Dafür wissen alle Mitarbeiter, dass ihr Job ungeheuer an Bedeutung gewonnen hat. Sie arbeiten für eine der einflussreichsten und zugleich unbekanntesten Organisationen des Vatikans.



Die "Congregatio pro Gentium Evangelizatione", die Kongregation für die Evangelisierung der Völker, die zwischen 1566 und 1572 aus der Kongregation "De Propaganda Fide" von Papst Pius V. hervorging, versuchte bisher - ohne das große Interesse der Weltöffentlichkeit zu erlangen -, den christlichen Glauben auf dem Globus zu verbreiten. Geostrategisch schien die Kongregation völlig bedeutungslos, kein Außenminister nahm sich die Zeit, mit ihren Vertretern zu sprechen. Doch das war in der Welt von gestern.



Heute fordern immer mehr Regierungsstellen aus aller Welt ihre Statistiken an, die die Ausbreitung des Christentums und des Islam sehr genau veranschaulichen. Die Kongregation ist die einzige Institution der Welt, die den Konflikt zwischen der christlichen und der muslimischen Religion aktiv austrägt. Sie untersucht nicht wie ein Kultur- oder Forschungsinstitut das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen, sondern arbeitet ganz praktisch mit einem Heer von mehr als einer Million Mitarbeitern daran, die Ausbreitung des Islam und die Verehrung für den Kriegsherren Mohammed einzudämmen. Sie will Menschen in aller Welt zum friedlichen Christentum bekehren, dessen Religionsstifter niemals eine Waffe in die Hand nahm und darüber hinaus den Menschen sogar befahl, ihre Feinde zu lieben.



Die Auseinandersetzung wird allerdings durchaus mit militärischer Präzision ausgetragen. Kardinal Crescenzio Sepe, Chef dieser aktiven Missionare, nennt seine Mitarbeiter nicht zufällig "meine Truppen". Denn die Zahlen in diesem Kampf um die Seelen auf der ganzen Welt sind beeindruckend. Die Kongregation für die Evangelisierung der Völker ist allein zuständig für 40 Prozent der christlichen Welt. Der Kongregation sind 1081 Diözesen direkt anvertraut, darunter alle so genannten "Zonen des Schweigens" - gemeint sind damit alle Teile der Welt, in denen die katholische Kirche de facto verboten ist wie in China, Saudi-Arabien, Vietnam, im Jemen oder in Kambodscha.



Der Kongregation untersteht ein Heer von 85_000 Priestern und 450_000 Ordensleuten. Als Nachwuchs bildet sie in 280 Seminaren weltweit 65_000 Priester aus. Die Hauptarbeit erledigen die mehr als eine Million Katecheten, die den "kämpfenden Teil" der Kongregation ausmachen. Sie klappern überall auf der Welt Dorf für Dorf, Stadt für Stadt ab, um Unentschlossene vom christlichen Glauben zu überzeugen. Der größte Teil der Katecheten ist verheiratet, es sind Christen, die zum Broterwerb versuchen, Menschen von der Richtigkeit des katholischen Glaubens zu überzeugen. Durchschnittslohn: 30 Dollar. Im Monat, wohlgemerkt.



Die Kongregation betreibt aber auch 42_000 Schulen, 1600 Krankenhäuser, 6000 Erste-Hilfe-Stationen, 780 Heime für Lepra-Kranke und 12_000 weitere soziale und karitative Einrichtungen weltweit.

Was es kostet, diesen gewaltigen Apparat zu finanzieren, lässt sich nur sehr schwer schätzen. Der zuständige Kardinal Sepe weigert sich, genaue Zahlen zu nennen. "Wir brauchen sehr, sehr viel Geld", sagt er. Da der Vatikan keine Demokratie ist und keine Aktiengesellschaft, ist der Kirchenstaat nicht dazu verpflichtet, Bilanzen zu veröffentlichen. Es lässt sich nur schätzen, was der Apparat der Kongregation kostet. Die einzige gesicherte Zahl errechnet sich daraus, dass am Tag der Mission, dem vorletzten Sonntag im Monat Oktober, weltweit jährlich etwa 200 Millionen Dollar für Sepes Arbeit zusammenkommen. Insgesamt dürften die Ausgaben aber bei deutlich über 500 Millionen Dollar liegen.



Dafür versucht die Kongregation, auf der ganzen Welt den christlichen Glauben zu verbreiten und aggressive Religionen einzudämmen. Erfolglos verlangt die katholische Kirche die Einhaltung des Prinzips der Gegenseitigkeit: Mit Unterstützung Saudi-Arabiens durfte in Rom zwar die größte Moschee Europas gebaut werden, nach wie vor ist es aber den tausenden Christen in Saudi-Arabien bei Androhung von Gefängnisstrafe verboten, in einer Bibel zu lesen oder gar mit einem katholischen Priester einen Gottesdienst zu feiern.



Im Kampf um die religiöse Zukunft der Welt verzeichnet der Vatikan dennoch beachtliche Erfolge. Von den 6,2 Milliarden Erdenbürgern sind mittlerweile 1,07 Milliarden Katholiken, also 17,2 Prozent. Besonders erfolgreich konnten sie sich auf dem amerikanischen Kontinent ausbreiten: 62,3 Prozent der Bevölkerung sind dort katholisch. Auch in Ozeanien waren die Missionare erfolgreich: 29 Prozent der Bevölkerung haben sie bereits bekehrt. In Europa sind - bei sinkender Tendenz - noch 39,9 Prozent der Bevölkerung katholisch, in Afrika hingegen 137 Millionen Menschen oder 16,6 Prozent der Bevölkerung, Tendenz steigend. Ganz schlimm sieht es auf dem Heimatkontinent Jesus von Nazareths aus: Nur 2,9 Prozent der Asiaten sind Katholiken, ganze 110 Millionen Menschen.



Weil sich seit dem 11. September der christlich-muslimische Konflikt weltweit verschärft, wird mit härteren Bandagen um jeden einzelnen Gläubigen gekämpft. Da sind die Chefs der Kongregation auch mal bereit, einiges in Kauf zu nehmen. So galt im Vatikan als ausgemacht, dass die Kirchenmänner in keinen Staat reisen, in dem das Kreuz als Symbol öffentlich nicht gezeigt werden darf. Doch Kardinal Sepe versteckte bei der Ankunft auf dem Flughafen in Katar kürzlich brav sein Bischofskreuz, um zur Einweihung einer Schule zu fahren. In der von der katholischen Kirche finanzierten Einrichtung werden 4000 Schüler ausgebildet, davon ist nicht einmal ein Drittel christlich. Die Kongregation geht aber wohl zu Recht davon aus, dass in einer christlichen Schule unterrichtete Muslime zumindest nicht mehr die schlimmsten Gerüchte über Christen glauben, sondern eher Toleranz üben.



Überall in Asien setzt die katholische Kirche auf dieses Rezept des zwar kostspieligen, aber aussichtsreichen Versuchs, das Ausbreiten des Islam auf Kosten der Christen zu verhindern. Gerungen wird um jedes Haus, jede Straße. So finanziert die katholische Kirche in Indien, einem Land, in dem nicht einmal zwei Prozent der Bevölkerung katholisch sind, mehr als 28 Prozent der sozialen Ausgaben für Gratis-Krankenhäuser und Lehranstalten für Mittellose.

Besonders erfolgreich operieren Schulen: In den christlich geprägten Gebieten im Süden Indiens ist jeder zweite Schüler einer christlichen Schule ein Muslime. Gute staatliche Schulen gibt es nicht, wohlhabende Muslime bieten zum Teil erhebliche Summen, damit ihre Kinder auf eine christliche Schule gehen dürfen. Und natürlich bleibt der Kontakt mit den Christen nicht folgenlos - häufig werden auf diese Weise ganze Familien zum Christentum bekehrt.



Das System funktioniert so erfolgreich, dass die Regierung in Neu-Delhi einschritt: In zahlreichen Staaten Indiens ist der Versuch einer Bekehrung mittlerweile verboten, es drohen Haftstrafen. Doch in der Praxis funktioniert das Gesetz nicht: Viele Menschen, die sich in Wahrheit zum Christentum bekehrt haben, behalten einfach offiziell ihren muslimischen oder hinduistischen Glauben. Mit gewissem Erfolg konnten auch die chaldäischen Christen des Irak von der Kongregation zur Evangelisierung der Völker mobilisiert werden. Im Irak leben 27_000 Katholiken, die in die Lage versetzt wurden, ihre islamischen Mitbürger mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen. Die Strategiepapiere der Kongregation lassen keinen Zweifel daran: Kardinal Sepe und seinen Mannen ist es sehr wichtig, dass die große Mehrzahl der Iraker Kartons mit Hilfslieferungen bekommt, "auf die ein Kreuz" gedruckt ist.



Am schlimmsten internationalen Brandherd, im Gazastreifen, gelang den Katholiken ein strategisch wichtiger Erfolg. Das Leid der Palästinenser setzen muslimische Extremisten, inklusive Osama Bin Laden, überall auf der Welt ein, um zu "Gegengewalt" aufzurufen, indem sie es gleichsetzen mit dem Leid der Muslime an sich. Sie benutzen es, um dazu aufzurufen, "zurückzuschlagen".



Doch der katholische Patriarch von Jerusalem, der palästinensische Christ Michel Sabbah, konnte mit gewissem Erfolg auch in der arabischen Welt klar machen, dass diese Argumentation Unsinn ist, schon weil es 200_000 palästinensische Christen gibt, immerhin 8,6 Prozent der Bevölkerung. Diese Botschaft streut auch die Kongregation: In Bethlehem leben christliche Familien seit mehr als 800 Jahren. Sabbah versucht mit Nachdruck klar zu machen, dass im Nahen Osten Juden, Muslime und Christen gleichermaßen leiden. Diese Strategie, den Terroristen ihren Urgrund zur Aktion streitig zu machen, scheint aufzugehen: Die Hamas-Bewegung nennt sie in einer Erklärung "schlimmer als eine Bombe".


http://www.weltamsonntag.de/data/2004/05/30/284942.html?s=1

mfabian
07.06.2004, 15:27
Saudi Arabia has lifted several bans stopping women from working, reported AFP. The Saudi Cabinet last week removed a ban on women obtaining commercial licences and said all jobs selling women's clothing would be reserved for Saudi women. :ek
Government ministries were also ordered to create jobs for women, and chambers of commerce told to find women private sector jobs.

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Schade, wird wohl nichts aus meinem Plan, in Mekka ein Geschäft für Bikinis zu eröffnen :cry :cry :cry

carlo
14.06.2004, 11:20
...noch ein Reformansatz:


Ist er die Zukunft des Islam?

Von Nils Minkmar



13._Juni_2004_
Die Zukunft des Islam heißt Tariq Ramadan."


http://www.faz.net/imagecache/%7B80E1585A-C075-47B6-8449-BE2E7669584F%7Dpicture.jpeg


Dieser Spruch des sudanesischen Islamistenführers Hassan al Turabi, dem Mann, der einst Usama Bin Ladin nach Sudan geholt hatte, verfolgt Tariq Ramadan seit Jahren. Wenn man den sanften Zweiundvierzigjährigen darauf anspricht, reagiert er genervt: "Ich habe noch nie einen Beleg für diese Äußerung finden können. Irgend jemand will den Satz auf einem Flur in Khartum aufgeschnappt haben. Das ist doch ein bißchen dürftig als Quelle."


Islamismus in der ganzen Familie

Es ist nicht so, daß Ramadan diesen und all die anderen Islamistenführer nicht kennt, im Gegenteil. Ihre Namen tauchen in nahezu allen Artikeln über ihn auf, was kein Wunder ist, denn der Islamismus war und ist gewissermaßen eine Familiensache. Ramadans Großvater, Hassan al Banna, gründete 1928 in Ägypten die berühmt-berüchtigten Moslembruderschaften, die erste radikale politische Islamistenbewegung des 20. Jahrhunderts. Ramadans Vater Said spielte beim Aufbau Pakistans eine wichtige Rolle. Ramadans Bruder Hani leitet ein radikales islamisches Zentrum in Genf; die Schweiz versucht gerade, ihn auszuweisen, nachdem er in mehreren Zeitungsbeiträgen versucht hat, die Steinigung von Frauen zu rechtfertigen. Das sei wie die nukleare Abschreckung, schrieb Hani Ramadan: Man müsse mit den schlimmsten Waffen drohen, um sie nie anzuwenden.

"Mein Großvater, mein Vater, mein Bruder, immer muß ich mir das anhören", beschwert sich Tariq Ramadan. "Ich habe über zwanzig Bücher veröffentlicht, ich trete mehrmals die Woche öffentlich auf. Man sollte mich mit meinen eigenen Aussagen konfrontieren, nicht mit denen meiner Familienangehörigen." Den Kontakt zu seinem Bruder hat er abgebrochen.

Große Anhängerschaft in Frankreich

Tariq Ramadan ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Erst in den neunziger Jahren ging er nach Ägypten, um eine Ausbildung zum Islamgelehrten zu absolvieren. Die Verhältnisse dort haben ihn gründlich abgeschreckt, seitdem lehrt er wieder in der Schweiz, an der Universität Fribourg. Er ist mit einer zum Islam konvertierten Französin verheiratet und hat vier Kinder, die in Genf leben.

Seine größte und treueste Anhängerschaft hat Ramadan in Frankreich unter den Jugendlichen der Vorstädte. Ein Netzwerk von Vereinen organisiert seine Auftritte und vertreibt seine Kassetten, dort gilt er als Popstar des Islam. Der größeren französischen Öffentlichkeit wurde er bekannt, als er mit dem damaligen Innenminister Sarkozy live im Fernsehen über Beschaffenheit und Größe des Kopftuchs an Schulen verhandelte. "Reicht denn nicht auch ein kleines buntes Bandana-Tüchlein über den Haaren", hatte Sarkozy gefragt, und Ramadan hatte eingewilligt: "Ja, okay, das geht."

Innerfranzösische Zwistigkeiten

An diesem Freitag in Potsdam soll Tariq Ramadan einen Vortrag auf einer Tagung des Einstein-Forums über "Constitution and Confessions, The Politics of Religion" halten. Am Vormittag taucht ein Flugblatt der örtlichen "Antifaschistischen Aktion" auf: Kein Forum für Tariq Ramadan in Potsdam, lautet die Forderung; die Begründung ist aus dem Internet zusammengeschrieben. Pünktlich nach der Mittagspause tauchen zehn merkwürdig modisch vermummte junge Leute mit israelischen Fahnen auf und skandieren Parolen. Susan Neiman, die Direktorin des Forums, empfängt sie an der Tür und lädt sie ein, dem Vortrag von Ramadan zuzuhören und mitzudiskutieren. Stören dürften sie allerdings nicht. Das Grüppchen bespricht sich kurz und beschließt, wieder abzuziehen. "Die Fahne könnt ihr ruhig hierlassen", ruft Neiman ihnen hinterher. "Ich bin ja selbst israelische Staatsbürgerin."

Das Flugblatt rekapituliert eine halbgare innerfranzösische Debatte aus dem vergangenen Jahr, zum Zeitpunkt des Europäischen Sozialforums in Genf. Die Antiglobalisierer und Tariq Ramadan hatten sich gerade angenähert, in der "Monde Diplomatique" waren Beiträge von ihm erschienen, in Genf sollte er auftreten. Es gab dann eine heftige Auseinandersetzung zwischen Ramadan auf der einen und Bernard-Henri Levy, Andre Glucksmann und Alain Finkielkraut auf der anderen Seite. Ramadan hatte ihnen vorgeworfen, sich in "ihrer kommunitaristischen Ecke zu verkriechen" und nicht genügend auf die Moslems zuzugehen, und einige als "jüdische Intellektuelle" bezeichnet.

Ramadan wehrt Antisemitismus-Vorwürfe ab

Dazu sagt Susan Neiman: "Für manche - übrigens gerade in Deutschland - klingt es wie eine Beleidigung, wenn man jemanden einen jüdischen Intellektuellen nennt. Ich bin eine jüdische Intellektuelle, werde es mein Leben lang bleiben und habe gar kein Problem damit, wenn man mich so nennt." Sie hat Tariq Ramadan lange vor seiner Kontroverse mit den französischen Intellektuellen eingeladen und steht dazu: "Wieso auch nicht? Mit den meisten der gegen Ramadan stehenden Herren hatte ich selbst Kontroversen."

Ramadan seufzt leise: "Seit fünfzehn Jahren beziehe ich Stellung gegen den Antisemitismus im Islam. Der Koran liefert nicht den geringsten Anhaltspunkt für antisemitische Haltungen. Es stimmt, daß ich die repressive Politik Israels gegen die Palästinenser kritisiere, aber das macht mich nicht zu einem Antisemiten. Ich kritisiere auch die Repression in Saudi-Arabien und bin deswegen kein Feind des Islam. Schauen Sie, es ist doch so: In arabischen Ländern und den islamischen Gemeinden in Europa wirkt diese Debatte ganz kontraproduktiv. Dort denkt man: Wenn die so einen wie Tariq Ramadan schon als Antisemiten bezeichnen und nicht mit ihm reden wollen, mit wem von uns wollen die dann überhaupt noch reden?"

Neues Verständniss von Religion und Gesellschaft gefordert

Die Arbeit von Ramadan hat einen doppelten Fokus: eine Brücke zu bauen in die Zivilgesellschaft des Westens und den Dialog unter Moslems zu befördern. Hier sieht er zur Zeit die dringlichste Aufgabe. Die islamischen Länder müßten aufhören, den Palästinakonflikt als Entschuldigung für alles Übel anzuführen und selbst ein neues Verständnis des Verhältnisses von Religion und Gesellschaft entwickeln. Diese Arbeit könne aber nur von innen und auf der Basis einer Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Koran-Interpretationen geschehen.

Viel Zeit bleibt nicht: "Der berühmte Clash of Civilizations zwischen dem Islam und dem Westen ist doch längst da. Je mehr wir uns aber einreden, es gebe ihn gar nicht, und zwanghaft beteuern, es werde ihn auch nie geben, desto mehr ist er schon in unserem Bewußtsein verwurzelt."

Islamische Einwanderer müssen sich der Welt öffnen

Im Koran lasse sich eine fundamentale Unterscheidung zwischen der Sphäre des Gebets und der Gottesverehrung und der Sphäre der öffentlichen, der sozialen Angelegenheiten erkennen, sagt Ramadan. Während die Art, Gott zu verehren, in allen islamischen Ländern gleich sei, eine Frage des Dogmas, sei die Art, die Umwelt zu gestalten und mit anderen Glaubensrichtungen zu interagieren, keineswegs vorgeschrieben. Man müsse nun zurück zu einer Lektüre und Diskussion der heiligen Schriften, um deren Prinzipien auf die moderne Welt zu übertragen. Es könne nicht sein, daß die Kultur des mittelalterlichen Medina für immer die islamische Kultur bleiben müsse, wie es die Wahabiten in Saudi-Arabien fordern. "Es stimmt zwar, daß Arabisch die Sprache des Korans ist, aber die arabische Kultur ist nicht die einzig wahre islamische Kultur."

Das gelte vor allem für die zweite und dritte Generation der islamischen Einwanderer nach Europa. Die Algerier in Frankreich, die Pakistanis in England und die Türken in Deutschland müßten sich als Europäer islamischen Glaubens verstehen und ihre Interessen im öffentlichen Raum vertreten. Die Selbst-Gettoisierung müsse ein Ende haben. "Es kann doch nicht sein, daß wir, wenn es Probleme in der staatlichen Schule gibt, eigene Schulen gründen, daß wir uns auf ewig in eigene Vereine und Clubs zurückziehen." Man müsse sich der Welt öffnen, sich nicht in einem falsch verstandenen, folkloristischen Arabismus verstecken. "Zwischen Moslems und Nicht-Moslems herrscht zur Zeit doch nichts als Furcht und Mißtrauen. Das liegt, das sage ich ganz klar, vor allem am Verhalten der muslimischen Gemeinschaften. Die sind nun am Zug, sich über die problematischen Fragen, über ihr Verhältnis zum Terror, zur Unterdrückung der Frauen und zu Eheverbrechen zu äußern. Aber das ist ein Prozeß, der nur von innen heraus angestoßen werden kann."

Kontakt zum Terrornetzwerk?

Aber wann ist seine Position zu sehr im Inneren dieser zum Teil ja verbrecherischen Kreise? Läßt er sich zu sehr mit denen ein?__
Es gibt, nach der Familiengeschichte, nach den Antisemitismusvorwürfen, noch einen Punkt, der zu klären ist: der Bericht des spanischen Untersuchungsrichters Baltasar Garzon, wonach aus abgehörten Telefonaten hervorgeht, Ramadan habe ein Treffen von Al-Qaida-Größen organisiert, an dem auch die Nummer zwei, der Ägypter al Zawahiri teilgenommen habe.

"Ich bitte Sie. Da ist mein Name genannt worden, aber bloß im Zusammenhang mit Kassetten von mir, die irgendwo gefunden wurden. Ich habe damit nichts zu tun. Die Schweizer Behörden beobachten mich seit über einem Jahrzehnt. Wenn ich nur die geringsten Kontakte hätte, wäre das doch bekanntgeworden, und man würde gegen mich vorgehen."

Lehrstuhl in Indiana

In angelsächsischen Ländern geht man pragmatischer mit ihm um. Ramadan hat bei Scotland Yard Vorträge gehalten, im amerikanischen State Department, selbst die britische Regierung nennt ihn in einem Strategiepapier als mögliche zentrale Figur einer islamischen Reformation in Europa. Und im August wird er umziehen, nach Indiana, wo er an der katholischen Universität in Notre Dame einen Lehrstuhl für Islamwissenschaften angenommen hat. "Das Visum habe ich schon nach zwei Wochen bekommen. Glauben Sie, das wäre geschehen, wenn nur der geringste Verdacht gegen mich bestehen würde?"

Hoffnungsträger trotz Doppelzüngigkeit

Seine Rede ist immer noch in weiten Teilen eine Rechtfertigung, nicht nur vor westlichen Medien, vor allem in arabischen Ländern, in Ägypten beispielsweise, wo er den despotischen Stil Mubaraks kritisiert. Entweder man wirft ihm vor, sich nicht genügend von den Ideen seines Großvaters entfernt zu haben oder zu sehr im Interesse des Westens zu sprechen. "Ich kriege es eben von beiden Seiten ab, und zwischendrin unterstellt man mir eine gefährliche Doppelzüngigkeit. Aber es gibt keinen anderen Weg."

Am Abend muß er schon wieder abreisen und woanders über die zwei Häuser des Islam reden, für sein Moratorium der körperlichen Strafen der Scharia werben und sich rechtfertigen. In diesem Jahr ist er schon in Indonesien, Jordanien, Marokko und x-mal in den französischen Vorstädten aufgetreten, ein halbes Dutzend Abendauftritte pro Woche.__
Es ist schon paradox: Man muß sich wünschen, daß ausgerechnet der furchtbare Hassan al Turabi recht behält, nur dieses eine Mal.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.06.2004, Nr. 24 / Seite 27

http://www.faz.net/s/Rub1DA1FB848C1E44858CB87A0FE6AD1B68/Doc~E88432F8E0440471A88A3E4E899496747~ATpl~Ecommon~Scontent.html

carlo
15.07.2004, 23:20
Indonesiens Islamistenschmiede


Besuch in einer Koranschule auf Java, in der junge Leute für den Terrorismus gewonnen wurden


10._Juli_2004_Von Jochen Buchsteiner

Ngruki. Am Eisentor, auf das die kleine Dorfstraße zuläuft, endet die indonesische Demokratie. "Ab hier sind Kopftücher Pflicht" steht auf dem Schild, das an den Gitterstäben befestigt ist. Auf dem Gelände der Koranschule "Al Mukmin" gelten eigene, strengere Gesetze, vielleicht die strengsten im ganzen Land. Manche sagen, es sind die Gesetze des Fanatismus.
Die Banderole hoch über dem Eingang erinnert an den Gründer des Internats: "Abu Bakar Bashir - wir lieben Dich". Bashir sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis in Jakarta, angeklagt wegen Unterstützung terroristischer Gewalttaten. Er gilt als geistiger Führer der "Jemaah Islamiah", kurz JI, jener Terrororganisation, die für die blutigsten Bombenanschläge in Südostasien verantwortlich zeichnet. Eine stattliche Anzahl von JI-Mitgliedern wurde hier, im "Al Mukmin", ausgebildet.
Der Schüler, der am Eingang Wache schiebt, ist auf Besuch nicht eingestellt. Mißtrauisch, nicht unfreundlich bittet er um Geduld und holt sich Anweisungen. Ein "Öffentlichkeitsbeauftragter" erscheint und bietet einen Rundgang an. Wie fanatisierte Glaubenskämpfer sehen die beiden Schüler nicht aus. Weder tragen sie eine Kopfbedeckung noch ein Gewand. Statt dessen T-Shirt, lange Hose, Gummilatschen, so wie Milllionen andere Jugendliche. Der Weg führt vorbei an Verwaltungsräumen und einem offenen Gebetshaus. Die kleine Straße ist schlecht befestigt, die Gebäude wirken schäbig. Das Gelände ist fast verwaist, viele Schüler sind in die Ferien gefahren. Die Zurückgebliebenen vertreiben sich die Freizeit nicht mit Koran oder Kampfsport - sondern mit Basketball. Auch die Schuhe, die sie dazu ausziehen mußten, verraten wenig Berührungsängste mit dem Westen: In den Regalen stehen Schuhe der Firmen Nike und Reebok.
Es ist nicht lange her, da wurde "Al Mukmin" als Werkstatt des islamischen Extremismus gesehen. Im vergangenen Sommer hatte ein Reporter des "Asian Wall Street Journal" Beklemmendes berichtet. In den Gebeten sei aufgerufen worden "Juden aufzuhängen", in den Schlafsälen sah er Poster von Bin Ladin. Derlei ist heute nicht mehr zu finden. Die Bilder, die ein Besucher heute zu Gesicht bekommt, sind ordentlich gerahmt und zeigen die Preisträger des Englisch- und des Arabisch-Rhetorikwettbewerbs. Tarnt sich "Al Mukmin"? Oder hat es sich den vielen Religionsinternaten angenähert, die einen toleranten Islam vermitteln? Die Pesantren, wie die Koranschulen in Indonesien genannt werden, waren nie für Radikalismus bekannt. Lange bevor der Islam im 13. Jahrhundert nach Indonesien kam, waren auf Java Buddhismus, Hinduismus und Animismus zu Hause.__
Die Stadt Solo, die wegen ihres Vororts Ngruki in Fundamentalismus-Verruf geriet, gilt als Hochburg alter javanischer Bräuche. Daß Bashir sein "Al Mukmin"-Pesantren ausgerechnet hier, im liberalen Herzen Zentraljavas, eröffnet hat, sei "reiner Zufall", meint Professor Damartjati Supadjar, der an der Gadjah-Mada-Universität in Yogyakarta lehrt. Der Philosoph verweist auf die "Spiritualität", die den Javanern eigen und traditionell jedem Dogmatismus fern sei. Bis heute verehren viele Javaner neben Allah die Meergöttin Dewi. Und der bei Solo ansässige Entwicklungshelfer Kai Hauerstein erlebte, wie verschleierte Musliminnen bei Vollmond nackt in heilige Quellen stiegen, um Naturgewalten anzubeten.
Derlei wäre im "Al Mukmin"-Pesantren verpönt. "Halber Glaube", urteilt Farid Maruf verächtlich. Der "Kyai", der bis vor kurzem die Schule und jetzt deren Stiftung leitet, ist ein hochgewachsener hagerer Mann, dessen Alter nur noch das Tragen eines dürren weißen Kinnbärtchens gestattet. Er sitzt in einem Besprechungszimmer von "Al Mukmin". Der Raum ist kahl, keine religiösen Symbole an der Wand. Maruf erläutert seine Mission: "Wir wollen eine Generation heranziehen, die vollständig im Sinne des Korans und der Scharia lebt." Entsprechend spartanisch ist der Tagesablauf der 900 Schüler und 900 Schülerinnen, die strikt getrennt voneinander leben. Um vier Uhr werden sie geweckt. Nach dem Frühgebet haben sie Zeit, ihre Dinge zu ordnen, den Unterricht vorzubereiten oder Kleider zu waschen. Um sieben beginnt der Unterricht, der angeblich hauptsächlich den staatlichen Curricula folgt. Nach dem Mittagessen beginnen die Koranstunden. Nach Abendessen und -gebet bieten die 200 Lehrer weitere Unterrichtseinheiten an, um zehn Uhr erlischt das Licht.
Ende der fünfziger Jahre ist Maruf aus Südkalimantan zum Studium auf die Zentralinsel gekommen, er hat sie nie mehr verlassen. Nachdem Bashir mit fünf anderen Geistlichen 1972 "Al Mukmin" gegründet hatte, wechselte Maruf nach Ngruki. Er hielt die Stellung, als Bashir seines Radikalismus wegen eingesperrt wurde und später lange nach Malaysia verschwand. Bashirs Haft und das anstehende Verfahren hält Maruf für eine "grobe Ungerechtigkeit". Die ehemaligen Schüler, nun als Terroristen verfolgt, seien nicht vom Weg abgekommen, weil sie in "Al Mukmin" unterrichtet wurden, sondern umgekehrt, weil sie den Kontakt zu ihrer Schule verloren hätten.__
Marufs Argumente überzeugen nicht alle. "Für die Außenwelt baut das Pesantren eine harmlose Kulisse auf", sagt Bambang Harymurti, Chefredakteur des Magazins "Tempo" in Jakarta. Es gebe aber viele Indizien, daß Ngruki "gezielt als Rekrutierungsstätte benutzt wird oder worden ist". Bashirs Weggefährte, der 1999 gestorbene Pesantren-Mitgründer Abdullah Sungkar, galt lange als Kopf der JI. Der ehemalige Schüler Ali Ghufron, alias Mukhlas, ist wegen des Bombenanschlags auf Bali zum Tode verurteilt worden; in den beiden Nachtclubs waren im Oktober 2002 mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Von seinem Schulkameraden Asmar Latin Sani wurden vor einem Jahr die Überreste vor dem verkohlten Marriott-Hotel in Jakarta gefunden; er hatte sich in die Luft gesprengt und zwölf Menschen mit in den Tod gerissen. Der berühmteste Schulabgänger ist Riduan Isamuddin, bekannt unter dem Namen Hambali. Er wurde vor einem Jahr in Thailand festgenommen und wird bis heute an unbekanntem Ort von den Amerikanern verhört; es heißt, er habe jahrelang als Bindeglied zwischen der Jemaah Islamiah und der Al-Qaida-Gruppe fungiert. Wie denkt man über die früheren Schulkameraden? Noch bevor die Schüler antworten können, zieht ein Lehrer sie weg. Es gibt Dinge, über die wird in "Al Mukmin" nicht öffentlich geredet. Die Front der Schweiger und Wegseher reicht weit über das Pesantren-Gelände hinaus.__
Als sich das Gittertor schließt, ist der Abend angebrochen. Frauen und Männer strömen in die kleinen Moscheen in Ngruki. Andere essen eine Schale Reis am Straßenrand oder sitzen dösend auf ihren Mopeds. Vor einem Haus steht ein älterer Mann, er winkt freundlich. Was man hier mache, will er wissen.__
"Al Mukmin besuchen." Sein Lächeln wird brüchig. "Bashir ist ein bedeutender Mann", sagt er.
"Er steht als mutmaßlicher Terrorist vor Gericht."
"Davon weiß ich nichts."
"Seine Schüler haben Bomben gelegt."
"Davon habe ich nichts gehört."
"Aber Sie leben doch neben dem Pesantren!?"
"Ich habe keine Ahnung, was hinter den Mauern passiert."


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.07.2004, Nr. 28 / Seite 7

http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E5896C93C8AF24E85AA6B390A7D461DEA~ATpl~Ecommon~Scontent.html

syracus
16.07.2004, 16:25
Islam-Feindbilder dekonstruiert

Beiträge zur Analyse moderner Kreuzzugsideologien

Der Hang, sich in der Politik auf die Religion zu berufen, kennzeichnet nicht nur Islamisten, sondern ist auch unter westlichen Intellektuellen und Politikern anzutreffen. Nach dem 11. September 2001 habe sich Samuel Huntingtons These vom «Zusammenprall der Zivilisationen», vom «Clash» zwischen dem Islam und dem Westen, in eine geopolitische Kraft verwandelt, für die sich die militärischen und aussenpolitischen Kreise in den USA und anderen westlichen Ländern begeisterten, schreiben Emran Qureshi und Michael A. Sells in ihrem Band «Die neuen Kreuzzüge».

Wider Huntingtons Schema

Die Verfasser kritisieren die «Islamphobie», eine schon lange vor dem «11. September» bestehende westliche intellektuelle Tradition, die den Islam als eine existenzielle Bedrohung ansehe. Sie bieten eine hervorragende Sammlung von elf gut belegten Aufsätzen, die sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln annähern. Im ersten Teil setzen sich mehrere Autoren mit Huntingtons These auseinander. Sie räumen zwar ein, dass eine muslimische Feindseligkeit gegen die westliche Politik existiere und ebenso ein Konflikt zwischen starken Kräften, die im Namen des Islams auftreten, und westlichen Mächten, die grosse Teile der muslimischen Welt dominieren. Doch sie stellen die Prämissen von Huntingtons These in Frage. In ihren Augen ergibt sich der Zusammenprall nicht aus dem Wesen des Islams als einer Religion, die den westlichen Werten widerspräche. Er sei vielmehr das Produkt besonderer historischer Umstände, die sich ändern könnten. Zudem sei es falsch, aus der Existenz der westlichen Zivilisation allein unvermeidliche gewaltsame Angriffe auf den Westen abzuleiten.

Verwicklungen durch Ölinteressen

Die übereifrige Anwendung der Zusammenprall-Theorie, schreibt Fatema Mernissi, mache aus «1,2 Milliarden Muslimen in der ganzen Welt potenzielle Feinde» und schaffe «eine Feindseligkeit, die mehr nach Irrationalität als nach kalter Analyse» schmecke. Der Annahme, dass der Westen und der Islam je eine Einheit bildeten, hält Mernissi entgegen, dass die islamischen und die westlichen Staaten ineinander verwachsen seien. Seit den dreissiger Jahren hätten die westlichen Mächte den «Palastfundamentalismus» des saudischen Regimes begünstigt, das sich auf die militante, intolerante Ideologie des Wahhabismus stützt. Sie hätten den konservativen Islam als Puffer gegen den Kommunismus und als Mittel betrachtet, das arabische Öl in ihren Einflussbereich zu bringen. Pluralismus und Demokratie in der arabischen Welt hingegen hätten ihre Interessen bedroht. Auch heute würden in westlichen Staaten Arbeitsplätze mit arabischem Geld geschaffen. Die saudischen Herrscher kauften Waffen, statt für Arbeitsplätze im Nahen Osten zu sorgen, wo etwa zehn Millionen Arbeitslose leben. Wolle der Westen sich konstruktiv verhalten, sollte er anders über die Ressourcen verfügen lassen.

Edward Said sieht in dem Glauben, dass Zivilisationen homogen seien, den schwerwiegendsten Irrtum der Zusammenprall-These. Tatsächlich umfasse der Islam viele verschiedene Strömungen und Gegenströmungen. Keine Kultur könne ohne ein Gespür für die kreative Provokation zwischen dem Inoffiziellen und dem Offiziellen - auch in einer undemokratischen Gesellschaft - verstanden werden.

Ausdruck innerer Probleme

John Trumpbour durchleuchtet die Konstruktion des muslimischen Feindes als ein Spiegelbild der Ängste und Sorgen der westlichen Gesellschaft. Huntington suche mit seiner Theorie nach einem Feind, um die eigene Identität zu verdeutlichen. Die «Muslim-Angst» habe einerseits eine aussenpolitische Denkschule zuwege gebracht, die sich auf die Gefährdung durch «Schurkenstaaten» konzentriere. Andererseits sei der «Multikulturalismus» zu einem Feind im Innern geworden, indem nicht assimilierbare muslimische Immigranten die westliche Zivilisation von innen her untergrüben.

Faktische Fehler in Huntingtons Darstellung des Islams zeigt Roy Mottahedeh auf. Beispielsweise behaupte Huntington, die Kreuzzüge hätten das Christentum nur für kurze Zeit im Heiligen Land anzusiedeln vermocht. Es habe zu jener Zeit aber schon im ganzen Nahen Osten Christen gegeben, und sie hätten die oft intoleranten Kreuzfahrer meist als eine Last empfunden. Darüber hinaus kritisiert der Autor, dass Huntington nicht zwischen Arabern und Muslimen unterscheide und verschiedene politische Kulturen der muslimischen Welt wie die nichtarabischen parlamentarischen Demokratien von Pakistan und Bangladesh übergehe. Den Vorschlag Huntingtons, der Westen solle die Konflikte unter den Muslimen ausnützen, bewertet Mottahedeh als bedenklich.

Vom Mythos zur Tat

Im zweiten Teil des Buches untersuchen die Autoren die Konsequenzen der «Islam-Angst». Tomas Mastnak macht darauf aufmerksam, dass schon seit dem 15. Jahrhundert «antitürkische Gefühle» den Mythos einer kulturell und religiös gebundenen Zivilisation in Europa gefördert und der Idee einer politischen Gemeinschaft Geltung verschafft hätten. Rob Nixon legt dar, wie sich durch das Werk von V. S. Naipaul, dem Literaturnobelpreisträger von 2001, eine antimuslimische Einseitigkeit ziehe, die die These der Unvereinbarkeit des Islams und des Westens weiterverbreite. Dieser Ansatz ähnle dem der serbischen und kroatischen Nationalisten, schreibt Norman Cigar. Sie hätten einen religiösen Nationalismus propagiert, der im Völkermord endete. - Das gut lesbare Buch hilft, angesichts einer vereinfachenden «Islamphobie» die Komplexität des Themas tiefer zu erfassen.

Monika Jung-Mounib

Emran Qureshi, Michael A. Sells: The New Crusades. Constructing the Muslim Enemy. Columbia University Press 2003. 416 S., Fr. 67.-.


Neue Zürcher Zeitung, 16. Juli 2004, Ressort Politische Literatur

Neue Zürcher Zeitung (http://buecher.nzz.ch/books/nzzbooks/0/list/$9KQ8V$T.html)

:rolleyes:

Eumel
18.07.2004, 23:09
Der ewige Hass des Islam
Antisemitismus gehört zum Gründungsprofil dieser Religion - sagt ein deutscher Orientalist

Von Hans-Peter Raddatz

Hamburg - Wer den Nahen Osten kennt, weiß, dass er sich ein günstiges Umfeld schafft, wenn er Israel und die USA verdammt. Als Deutscher muss er zuweilen Kritik einstecken, weil Hitler "den Job nicht richtig erledigte". Kein Stereotyp ist den Arabern teurer als der "ewige Jude", der die Muslime schon immer beherrschen und auspressen wollte.

Eine große Rolle spielen dabei die "Protokolle der Weisen von Zion", deren arabische TV-Version seit 1993 über die Bildschirme flimmert. Den Muslimen gilt die Gründung Israels 1947 als Beweis für die zionistische "Weltherrschaft", der wiederum der "Vasall Amerika" zu Diensten ist.

Auch die Muslimbruderschaft reagierte mit Nachdruck auf den neuen Judenstaat. Dieser 1928 gegründete Kampfkader betreibt die Radikalisierung wichtiger Länder des Islam mit Israel als oberstem Feindbild. Medial versiert, kooperiert er betont mit den Wahhabiten Saudi-Arabiens, den Islamisten Ägyptens und Pakistans, den Palästinensern sowie den "gemäßigten" Islamisten der Türkei.

Indem er nach seiner "Flucht" aus Mekka die Juden beseitigte, machte sich schon der Prophet selbst zum Vorbild ihrer Verfolgung. Sein "Modell von Medina" wurde zum Gründungsmythos des Islam, auf dem auch die aktuelle Propaganda fußt. Die "Schriftverfälscher", die Vertreter der falschen Religionen, mussten lernen, dass ihre Existenz eher Tieren als Menschen entspricht.

Koran und Tradition vergleichen Juden - teilweise auch Christen - mit "Schweinen" und "Affen", ein biologisches Ordnungsdenken, das höchsten Autoritäten des Islam zufolge bis heute gilt. Die Enthumanisierung der "Ungläubigen" hat diese einem Dauerdruck ausgesetzt, der - siehe Sudan - ungebrochen fortlebt. Nach wie vor gelten sie als "Bindeglied zwischen Mensch und Tier", die man als "Sklaven der Gläubigen" nutzen oder anderweitig entsorgen muss. Ohne diese Regel "politischer Korrektheit" sind Karrieren in den "modernen" arabischen Medien kaum denkbar.

Logischerweise blieb auch Muslimbruder Arafat nach dem "Friedensvertrag" von Oslo nur festzustellen, dass von Frieden erst nach Israels Vernichtung die Rede sein könne. Der Frieden des Islam besteht im Kampf gegen den Nichtislam. Den unterstützten UNO, EU und diverse Westregierungen mit Milliarden US-Dollars.

Seit 1974 sprach die UNO vom Führer der PLO als "Oberhaupt der palästinensischen Nation", und der Papst empfing ihn öfter als jedes andere weltliche "Oberhaupt". Im Rahmen des ausgeprägten Antisemitismus in Frankreich hielt es der frühere Premier Rocard kürzlich für angemessen, die Gründung des Judenstaats als "historischen Fehler" zu sehen.

Unverkennbar ziehen Islamisten und westliche Sympathisanten am gleichen Strang. In Deutschland agiert ein Verbund, der einen stark meinungsbildenden "Dialog" führt und dabei wie eine Lobby für den Islam auftritt. Derzeit tauft diese Lobby die Islamisten der türkischen "Weltsicht" (Milli Görüsh) und des arabischen "Zentralrats" in "Demokraten" um, während der Verfassungsschutz sie als Sicherheitsrisiko einstuft. Die Berliner Al-Nur-Moschee und die Bonner Fahd-Akademie sind weitere Beispiele: Obwohl Erstere Al-Kaida-Kämpfern Unterschlupf bietet und Letztere staatsfeindliche Inhalte vermittelt, genießen beide (noch) die Fürsprache des Außenministeriums.

In den teil-totalitären Systemen der islamischen Region bilden Moscheen und Medien ein untrennbares Kartell der antijüdischen Indoktrination. So forderte "Al-Akhbar", die größte Zeitung Ägyptens, die Ausrottung des "Fluchs der Juden", der auf dieser Welt lastet. "Ich will dich tot, das nenne ich Frieden", fügte Al-Ahram hinzu, Sprachrohr der ägyptischen Regierung, in das zuvor auch "Akil", Organ der türkischen Islampartei, ähnlich getönt hatte. "Wenn jeder Araber einen Juden tötet, bleibt kein Jude übrig", ist ein Leitfaden, der viele Statements in Druck- und Bildmedien durchzieht.

Durch zahllose Blätter, u. a. "Al-Riyad", das Regierungsorgan Saudi-Arabiens, geistern die Gräuelideen vom jüdischen Ritualmord, die auch den Judenmord der Nazis rechtfertigen sollen. Deren Verbindungen zur Muslimbruderschaft gelten als Beweis, und Hitlers vielzitierte Aussage, "als Mohammedaner den Krieg gewinnen zu können", suggeriert den Arabern den Holocaust als Pflicht.

So verdichten sich "Friedensprozess" und Antisemitismus zu einem Katalog der Gewaltpropaganda. Wenn arabische Journalisten Mäßigung hinsichtlich der Juden und ihrer "Agenten" fordern, stempelt man sie selbst zu "westlichen Agenten" und bedroht ihr Leben. Noch beherrscht der Mainstream den Kreislauf der Denunziation, Subversion, Gewalt und - Selbstmordattentate. Da man diese "Inhalte" auch in den - z. T. von Deutschland finanzierten - Schulbüchern vermittelt, ist allerdings kaum erkennbar, wo eine Friedensbereitschaft eigentlich ansetzen soll.

Seit dem 11. September lernen Attentatsanwärter, dass ihr Status nach erfolgter Detonation risikolos ist. In endlosen Wiederholungen betreiben Moscheen, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen Intensiv-Werbung mit "Rechtsgutachten" für den verdienstvollen Selbstmord: "Selbst in vollständig zerrissenem Zustand, als Ansammlung über und über verstreuter Organteile, werden die Märtyrer und ihre Loyalität von Allah in Ehren angenommen. Denn es ist Allah selbst, der sie für den Krieg gegen die Juden auswählt, und aus ihrem Opfer unseren Sieg macht."

Derzeit dürfte es keine Religion geben, die von radikalen Strömungen stärker gefährdet ist als der Islam. Dies hat auch mit der hohen Reproduktionsrate zu tun. Im Schnitt liegt sie etwa dreimal so hoch wie im Westen. Mehr als die Hälfte der weltweiten Waffenproduktion geht jährlich in den islamischen Raum. Für Israel ist dies ein Menetekel, im Westen wird die Entwicklung nur zu oft verharmlost.

Der Autor ist Orientalist und Wirtschaftsanalytiker. Er hat zahlreiche Bücher über den Islam veröffentlicht, zuletzt "Allahs Schleier".

erschienen am 15. Juli 2004 in Politik

Quelle (http://www.abendblatt.de/daten/2004/07/15/318351.html)

schloss
19.07.2004, 12:25
"Der ewige Hass des Islam"

Das wär doch mal nen ehrlichen Titel für diesen Thread!

carlo
19.07.2004, 12:51
Original geschrieben von schloss

...und nun weiter machen beim Missionieren, ich werde Dich hier nicht mehr "stören" :zz
Auf den Tag genau 8 Wochen durchgehalten :respekt :respekt

Tag, schloss! ;)

carlo
27.07.2004, 23:13
DIE ZEIT 31/2004_


Helfen, beten, kämpfen


Die Lehren der radikalen Muslimbrüder inspirieren Islamisten in der ganzen Welt. In ihrem Herkunftsland Ägypten gewinnen sie an Boden. Die Regierung verfolgt und fürchtet sie. Und nutzt sie zugleich: Die Fundamentalisten dienen dem Regime als Argument gegen Reformen

Von Michael Thumann


Kein Staatsdiener lässt sich gern nachsagen, er sei nicht vorbereitet gewesen. Für den Fall, dass die Lage in Ägypten explosiv wird, pflegt der Innenminister gepanzerte Mannschaftswagen am Unruheherd in Stellung zu bringen. An diesem Freitag stehen sie in der Altstadt von Kairo, schwarz, vergittert, ein gutes Dutzend an der Zahl. Davor wachen Polizisten mit Helmen, Schilden und Schnellfeuergewehren. Gewöhnlich kontrollieren sie die Universitäten, weil dort gern Demonstranten übers Gelände ziehen und die Außenwelt mit Zwist und Aufruhr zu infizieren suchen. Heute umkreisen die Polizisten die erhabene Al-Azhar-Moschee, wo gerade tausend Männer zum Freitagsgebet auf die Knie sinken. Ägypten ist ein mehrheitlich islamisches Land. Doch viele seiner Beamten sehen im Islam eine Gefahr für den Staat.Die Al-Azhar-Moschee in Kairo bildet Imame für die ganze Welt aus


http://zeus.zeit.de/bilder/2004/31/politik/muslimbruder_500.jpg


Foto: Stefano di Luigi/Contrasto/Agentur Focus



Präsident Hosni Mubarak kam an die Macht, als sein Vorgänger Anwar al-Sadat von einer islamistischen Terrorgruppe ermordet wurde. Das war vor fast 23 Jahren. Heute geht ein Riss durch Ägypten – zwischen einer abgebrühten, überwiegend säkularen Elite und einer wachsenden jungen, meist gläubigen Bevölkerung. Auch wenn Hosni Mubarak soeben seine Regierung mit neuen Ministern aufgefrischt hat: Er steht für vieles, was jungen Ägyptern weniger gefällt. Der 76-jährige Präsident gilt als verlässlicher Freund Amerikas, als dankbarer Empfänger von zwei Millionen Dollar US-Militärhilfe im Jahr, als geduldiger Partner Israels, als Herr des permanenten Ausnahmezustands in Ägypten und Sachwalter der wirtschaftlichen Stagnation. Junge Ägypter fragen, wie sich das Land von Amerika distanzieren kann, wie Israel bekämpft und die eigene Identität gestärkt werden kann. Ihre Antwort heißt: Islamisierung.



Eine weltweite Organisation, älter als die Vereinten Nationen



Die Rede ist hier nicht vom islamistischen Terror. Ihn hat Mubarak mit Erfolg bekämpft. Der letzte große Anschlag in Ägypten liegt sieben Jahre zurück. Danach haben die wichtigen islamistischen Gruppen der Gewalt abgeschworen. Was der Präsident heute fürchtet, ist die Macht jener Islamisten, die nicht mit Bomben werfen. Sie beackern das Brachland, das die Westimporte Sozialismus und Liberalismus hinterlassen haben. Wo profane Macht versagt, bieten sie den Glauben als Lösung an. Sie rufen auf zum Kampf gegen die Globalisierung, die in den Augen vieler Ägypter in das Land einfällt wie es zuvor nur die Kreuzritter taten.



Die Rede ist von den Muslimbrüdern. Sie sind selbst eine globale Organisation und älter als die UN. Schon 1928 gründete Hassan al-Banna die legendäre Gruppe al-Ichwan al-Muslimin, deren Ideologen und Prediger islamistische Zellen in der ganzen Welt inspirierten. Heute sind ihre Filialen über viele muslimische und westliche Länder verstreut. In Ägypten ist ihre Mission schwierig. Wo immer die Muslimbrüder politisch handeln, treten Polizisten und Staatsanwälte auf den Plan. Zuletzt rollte im Mai eine Verhaftungswelle über sie hinweg. Doch Ausgrenzung und Arrest haben die Macht der Muslimbrüder nicht gebrochen.



Die Geschichte dieser Gruppierung erzählt, wie autoritärer Kleinmut schon die Ansätze von Demokratisierung in der arabischen Welt verhindert. Wie Verbote moderate Islamisten schwächen, die den Ausgleich mit dem Staat suchen. Wie Repression Radikalismus schürt.



Das Hauptquartier des islamistischen Widerstands liegt im Kairoer Zentrum, unweit der amerikanischen Botschaft. Das Haus des Ärzteverbandes hat schon bessere Zeiten gesehen. In dem Putz- und Kachel-Palast aus den fünfziger Jahren vermuten die Sicherheitsbehörden Widerstand gegen die Staatsgewalt. Doktor Issam al-Erian, Schatzmeister der Muslimbrüder und Vizechef des Ärzteverbandes, empfängt hier seine Kunden. Eine Frau mit hellbraunem Kopftuch und dunklem langen Rock sucht einen Anwalt für einen Arbeitsvertrag. Sie kommt zu al-Erian, einem vertrauenerweckenden Mann mit getrimmtem Bart und randloser Brille. Er telefoniert kurz, schreibt eine Nummer auf und reicht ihr den Zettel. Die Frau bedankt sich unter mehrfachem Nicken. Ein alter Mann braucht einen Chirurgen, hat aber kein Geld. Al-Erian kennt einen Kollegen und gibt ihm dessen Telefonnummer. So funktioniert sie, die islamistische Konspiration.



Al-Erian sitzt seit 18 Jahren an diesem Schreibtisch, mit Unterbrechungen. Die Zeit von 1995 bis 2000 verbrachte er im Gefängnis, wegen »staatsgefährdender Umtriebe«. Die Muslimbrüder haben gelernt, sich dem feindlichen Biotop anzupassen. Weil sie von Parlamentswahlen ausgeschlossen waren, eroberten sie die Berufsverbände. Ob bei Ärzten, Anwälten, Journalisten – überall demonstrierten sie ihre wachsende Macht. Die Behörden haben vielen Verbänden Neuwahlen verboten, weil die Muslimbrüder in jeder Abstimmung zulegten. Bei der Parlamentswahl 2000 stellten Kandidaten, die den Muslimbrüdern nahe standen, die stärkste Oppositionsgruppe. Willkürliche Nachwahlen und willfährige Richter korrigierten das für den Staat unerfreuliche Ergebnis. Doch was täten die Brüder, wenn sie tatsächlich einmal die Mehrheit erringen würden, Herr al-Erian?



»Wir wollen die Aufhebung des Ausnahmezustands, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Parteienfreiheit«, sagt er. Geschenkt, das wollen fast alle ägyptischen Oppositionsparteien; aber würden die Muslimbrüder bei einer Wahlniederlage die Macht auch wieder abgeben? »Ja, natürlich.« Würden sie die Aufhebung von Gesetzen durch demokratisch gewählte Nachfolger akzeptieren? »Durchaus, wenn sie nicht gegen die Verfassung verstoßen. Kein Gesetz darf die Prinzipien der Scharia verletzen. Sie ist die Hauptquelle der Gesetze.« Das dürfte ägyptische Säkulare und Christen beunruhigen. Werden sie nicht diskriminiert? »Auf keinen Fall! Sie genießen die gleichen Rechte und Pflichten wie Muslime. Der Islam ist zwar nicht ihre Religion, aber ihre Zivilisation.« Und Juden? »Für sie gilt das Gleiche!«



Ägypten hat diplomatische Beziehungen mit Israel. Werden die Muslimbrüder diese achten? »Nein. Palästina ist arabisches Land.« Aber was tun mit diesem jüdischen Staat, der schon seit 56 Jahren existiert? »Seine Existenz ist ein Verbrechen des Westens.« Rechtfertigt das Terroranschläge gegen Zivilisten? »Wir Muslimbrüder haben jeder Art von Gewalt abgeschworen. Doch Widerstand in Palästina ist keine Gewalt, sondern Kampf für die Freiheit.« Was ist mit dem Terror im Irak und Saudi-Arabien? »Der Irak ist besetzt, da ist der Kampf gerechtfertigt, in Saudi-Arabien sind Anschläge ein Verbrechen.«



Die Muslimbrüder wissen, dass sie mit solchen Argumenten die Meinung vieler Ägypter treffen. Stimmungen aufzufangen oder – wenn nötig – anzuheizen ist ihre große Stärke. Sie haben einen Entwurf für die »Demokratisierung« Ägyptens vorgelegt, von dem niemand weiß, wie aufrichtig er ist. Der Vorschlag konkurriert mit Reform-Initiativen der Regierung und der USA. Anregungen von außen lehnen die Muslimbrüder grundsätzlich ab, ob aus Washington oder Brüssel. Wenn die Amerikaner allerdings Druck auf Mubarak ausüben wollen, die Gesellschaft zu öffnen – bitte sehr! Moderne Ideen von politischer Freiheit und traditionelle islamische Prinzipien gehören zu ihrer programmatischen Wundertüte.



Doch die Macht der Muslimbrüder liegt nicht in politischen Traktaten. Auch nicht in Beratungsstunden im Ärzteverband. Nicht in der islamistischen Zeitung Arabischer Horizont mit der Auflage eines Vorstadtblatts. Die Macht liegt im Krankenhaus. In der Poliklinik im Stadtteil Dokki zum Beispiel. Diese Klinik gehört zur Stiftung Dawat al-Haq – Ruf der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit erkennt der Besucher an einer Tabelle, die am Eingang ausgehängt ist. Es ist die Preisliste für die Leistungen der Ärzte. Das ist ungewöhnlich in Ägypten. Hier lassen sich Mediziner gern mit rasch zugesteckten Umschlägen bezahlen oder schicken der Heilung eine Rechnung hinterher, die krank macht. Die Poliklinik in Dokki ist nicht nur durchsichtig, sondern auch noch erschwinglich. Dafür sind die Wartestühle aus Plastik, die Neonröhren nackt, der Wegweiser zum Röntgenlabor mit dem Filzstift auf die Tür gekritzelt. Wichtiger ist, dass das neue Röntgengerät funktioniert. Arme zahlen die Hälfte, weil reiche Islamisten helfen.



Aus Spenden wächst das Gebäude in die Höhe. Auf dem Flachdach der Klinik ragt eine dreischiffige Moschee empor, ein stattlicher Raum, rundum eingefasst mit poliertem Granit. Das Minarett ist noch nicht verputzt. »Wir wollen weiter aufstocken«, sagt Scheich Achmed al-Kordi, der in der Moschee die Freitagspredigten hält. »In Planung sind ein Waisenhaus, eine stationäre Klinik und ein Seminar für religiöse Erziehung. Die Nachfrage ist groß.« Dawat al-Haq ist ein Magnet, eine Wohlfahrts-AG, wie Islamisten sie in vielen Ländern betreiben. Zu den Feiertagen löffeln Besucher kostenlose Mahlzeiten. Bedürftigen wird die Hadsch bezahlt, die Pilgerfahrt nach Mekka. Witwen und arme Familien mit mehr als drei Kindern bekommen auf Antrag jene Sozialhilfe, die der Staat nicht leistet.



Dawat al-Haq hat offiziell nichts mit den Muslimbrüdern zu tun. Die Stiftung meidet jegliche politische Diskussion. Nur gehört sie zu dem islamistischen Netz, das sich immer enger über die dicht bevölkerten ägyptischen Städte und Dörfer spannt. In den Augen der Menschen ist der Islam die Lösung, wie die Muslimbrüder rufen – und die Islamisten sind die Wohltäter. So lässt es sich leicht werben. Wie eine Zelle der Muslimbrüder entsteht, erklärt ein Journalist der Zeitung Arabischer Horizont: »Eine Familie lädt eine andere ein. Männer die Männer, Frauen die Frauen. Gemeinsam lesen sie den Koran. Schließlich beginnen sie, ihre Kinder vor bösen Einflüssen zu schützen, vor dem Fernsehen, vor staatlichen Schulen. Sie schicken sie in islamische Kindergärten. Dort bekommen sie nicht die verdrehten staatlichen Schulbücher zu lesen.« Stattdessen liegen Lehrwerke aus: Die Pflichten der muslimischen Jugend – oder die Aufklärungsbroschüre Warum ich den Schleier trage, mein Sohn.



Gegen diese Literatur hilft kein Verbot, gegen Sozialhilfe wirkt keine Ausgangssperre, gegen Islamisierung der Gesellschaft ist keine konkurrierende Idee gewachsen. Gamal Nassers Dritte-Welt-Sozialismus kennen die Jungen nur aus dem Geschichtsbuch. Was hilft also überhaupt gegen eine grassierende Frömmigkeit, die sich gegen westlichen Einfluss abzuschotten sucht? Aufschlussreich sind die Sorgen der Muslimbrüder. Polizeiknüppel? Läppisch. Es sind die Dissidenten in den eigenen Reihen, welche die Brüder beunruhigen. Das Reizwort heißt Wasat – was so viel bedeutet wie Mitte. Die Abweichler wollen ins Parlament.



Noch hat Wasat keine Postanschrift, kein Büro. Aber bei Abou al-Ula Mady laufen die Fäden zusammen. Der 46-jährige Diplomingenieur leitet heute das Studienzentrum für politischen Islam in Kairo. Seine Karriere begann in den siebziger Jahren als Studentenführer mit islamistischer Mission, führte ihn zu den Muslimbrüdern und schließlich 1996 für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Das hatte nicht nur mit der Verfolgung der Muslimbrüder zu tun. Mady hatte zuvor mit anderen gemäßigten Islamisten Wasat gegründet und die Stirn besessen, einen Antrag auf Zulassung als Partei zu stellen. Das hat der Staatsgerichtshof nicht nur abgelehnt, sondern bestraft. Ein zweiter Antrag 1998 wurde ebenfalls zurückgewiesen. Am 17. Mai haben sie den dritten Versuch unternommen. Die Richter schweigen.



Aber Muslimbrüder wie Doktor al-Erian äußern sich freimütig: »Die Wasat-Leute laufen in eine Sackgasse. Der Staat will keine Partei der Muslimbrüder. Wozu also soll die Wasat-Partei gut sein? Zu nichts Gutem.« Was denkt Abou al-Ula Mady über die einstigen Gefährten? »Die Muslimbrüder bleiben Eiferer. Sie haben immer noch den militanten, aggressiven Geist ihrer Gründungsphase. Deshalb distanzieren sie sich auch nicht klar von Gewalt.« Man mag sich nicht. Das hat damit zu tun, dass beide aus demselben Stall kommen. Aber auch damit, dass Demokratie nicht gleich Demokratie ist, wenn Islamisten darüber reden.



Mady findet es absurd, dass die Muslimbrüder stets einen alten Mann an ihre Spitze stellen, der in einem neblig-trüben Verfahren ausgekungelt wird. Stirbt er, folgt der nächstjüngere Alte. Der augenblickliche Führer Mohammed Akif ist so alt wie die Gilde der Muslimbrüder selbst – 75 Jahre. »Wasat will den Parteiführer offen wählen«, sagt Mady. »Er darf nur einmal wiedergewählt werden.« Während für die Muslimbrüder das Gottesgesetz der Souverän ist, sieht Wasat im Volk die letzte Instanz.



Kein Zufall, dass unter den Gründungsmitgliedern der Wasat fast zehn Prozent christliche Kopten sind. »Die Scharia ist, wie in der Verfassung geschrieben, eine Quelle der Gesetze, aber eben nur eine«, sagt Mady. »Wir wollen kein Grundgesetz à la Iran. Wir brauchen eine zivile Verfassung.« Die Schura, die beratende Kammer der Weisen und Würdenträger in vielen arabischen Ländern, wird von Muslimbrüdern gern als islamisches Parlament hervorgezeigt. Mady wischt das vom Tisch: »Die Schura soll bleiben, aber wie kann sie über Gesetze befinden? Wir brauchen ein Parlament, das Gesetze für alle Details des Lebens verabschiedet.«



Würde Ägypten eine Demokratie aushalten?



Das wäre dann ja fast so wie in den Mutterländern der westlichen Demokratie, in Großbritannien und Amerika? »Na ja, nicht ganz«, lacht Mady. »Die Amerikaner treten ihre Reformvorschläge für Demokratie im Nahen Osten im Irak selbst in den Staub.« Kein Grund, in Bagdad Bomben zu zünden, meint Mady. Das sei »Terrorismus«. »Im Übrigen können wir ja auch von jüngeren Demokratien lernen«, sagt er. »Von der EU zum Beispiel.«



Doch so viel man unten reden mag, von oben kommt nur Schweigen. Die Ansichten von Abou el-Ula Mady sind für den ägyptischen Staat nicht von Belang. Wie für viele arabische Regierungen sind Islamisten nun mal Islamisten, doppelzüngig, populistisch, heimtückisch. Differenzieren schadet nur. Doch Wasat kann nicht als Untergrund-Organisation, sondern nur als anerkannte Partei funktionieren. Ein Verbot heißt Untergang für Politiker, die durch die Institutionen marschieren wollen. Anders bei den Muslimbrüdern: Die Ächtung bremst sie nur auf der politischen Bühne, in der Gesellschaft wächst ihr Gewicht.



Warum der Regierung das sogar nützt, wurde auf einer Kundgebung gegen die US-Intervention im Irak Anfang 2003 sichtbar. Das Regime brauchte damals eine laute, aber kontrollierte Demonstration. Man fragte die Muslimbrüder. Sie brachten innerhalb weniger Tage über 100.000 Menschen zusammen. Die Stärke der Muslimbrüder darf zugleich als Rechtfertigung des autoritären, im Land zunehmend isolierten Regimes herhalten: »Seht her, wenn wir nicht wären, hätten die Islamisten die Macht.«



Ein hochrangiger Berater der Regierung hält diese Logik für wirr und dreht das Argument um: »Die Muslimbrüder blühen doch auf unter diesem Regime. Nur in einer Demokratie können Alternativen zu den Islamisten wachsen.«



Über die Folgen der Freiheit darf man spekulieren: Würde die Basis der Muslimbrüder wirklich schrumpfen? Würden säkulare Parteien oder die moderaten Islamisten von Wasat aufsteigen? Meinen sie es ernst mit der Demokratie? Wer es vor lauter Furcht nicht ausprobiert, wird es nie erfahren. Bis den Muslimbrüdern die Macht vielleicht irgendwann von selbst in die Hände fällt.


http://www.zeit.de/2004/31/Aegypten

carlo
28.07.2004, 11:16
Die Kinder des Heiligen Krieges




Gaza-Tagebuch, Teil 2: Besuch bei der eisernen Witwe des von Israelis getöteten Hamas-Führers Rantisi, die Kinder als Märtyrer wirbt - nur ihre eigenen nicht. Und in einem der Camps, in denen diese Kinder gedrillt werden


von Bruno Schirra


http://www.welt.de/media/pic/000/163/16388v1.jpg

Israelischer Panzer im Gaza-Streifen
Foto: AP
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Eine Woche lang ist unser Autor durch den Gazastreifen gereist. Zuletzt hat er Anti-Arafat-Aktivisten des "Volksbefreiungs-Komitees" besucht. Wir setzen seine Reportage fort mit intimen Porträts von Akteuren im Hintergrund und den Kindern, die sie an die Front schicken.





Gaza-Stadt, Mittwochmittag






Das ist kein Gehen. Es ist Schreiten. Unerhört langsam. Ein Schweben fast, in Ockergelb. Vom Kopf bis zu den Füßen ganz ummantelt, so betritt sie den Raum. Hoheitsvoll und duldsam zugleich lässt sie sich nieder, sitzt stolz mit hochgerecktem Oberkörper auf der Kante ihres Stuhles. Sie zupft grazil die Handschuhe an ihren Fingern zurecht, hebt langsam die Arme, lässt die Ellbogen zur Tischplatte sinken, legt die Kuppen der weit gespreizten Finger gegeneinander. Ein gleichschenkeliges Dreieck, dessen Spitze nur Millimeter vor dem bedeckten Kinn verharrt.



Zwei Stunden lang wird sie so dasitzen, regungslos fast bis zum Schluss. Nur ihre Augen sind zu sehen, starr über dem Brillenrand.



Eine Inszenierung voll Erhabenheit. Ihr Schweigen füllt den Raum ganz aus, dann entbietet sie endlich Gottes Gruß, preist Gott mit leiser Stimme. "Fragen Sie jetzt", sagt sie.



"Darf ich Ihnen meinen herzlichen Glückwunsch aussprechen?"



Sie hält inne. "Wozu?"



"Zum Tod ihres Mannes. Sie müssen eine glückliche Witwe sein."



Sie zuckt zusammen. Bleibt stumm. Überlegt. "Mein Mann war mir ein guter Ehemann. Wir hatten ein glückliches Leben. Mehr als die meisten anderen."



Der Frau des Kinderarztes Abdelasis Rantisi ist es am 17. April dieses Jahres widerfahren, dass ihr der Mann weggebombt wurde. Die israelische Armee bekennt sich sogleich zu dem Attentat. "Gezielte Terrorabwehrmaßnahme" nennt sich das in ihrem Sprachgebrauch. Rantisi war einer der Gründer der islamistischen Hamas und Führer ihres militanten, radikalen Flügels. Der Arzt hat Selbstmordattentate nicht bloß gerechtfertigt, er hat sie initiiert.



Und jetzt sitzt Rasha Al Rantisi, zur Witwe gemacht, in seinem Arbeitszimmer und hört, was sie gefragt wird. "Sind Sie eine glückliche Witwe?"



"Ich bin so glücklich, dass er zum Märtyrer geworden ist. Dies war ihm von Allah selbst vorherbestimmt. Er wurde durch Gott erwählt, ein Märtyrer zu sein, nicht durch Scharon. Dies ist eine Ehre, die er sich immer gewünscht hat. Darum bin ich glücklich."



Ist das Spiel? Ist das wahrhaftig?



Ihr gegenüber sitzt Mohammed, der Sohn, 23, eines von sechs Kindern, ein schmächtiger Junge. Kurz vor dem Auftritt seiner Mutter hat er, einsilbig und sehr monoton, Freude und Stolz über das Sterben seines Vaters geäußert, und wie er jetzt dasitzt, krumm und gebeugt, scheint es, als hinge er an den Lippen seiner Mutter. Fast sklavisch, ihr sehr ergeben.



"Ihr Mann war Kinderarzt. Wissen Sie, für den Tod wie vieler Frauen, Kinder und Männer Ihr Mann verantwortlich war, wie viele Tode er in Auftrag gegeben hat?" Sie schweigt, fordert ihren Sohn auf, Tee nachzuschenken.



Vertraute ihres Mannes sagen heute, dass in dessen islamistischer Familie Rasha Al Rantisi "seine beste Ratgeberin gewesen ist". Härter und unbedingter noch als er. "Rantisi hat auf sie gehört." Man spürt das im Gespräch mit ihr. Wie sie sein Tun rechtfertigt, da ist kein Zweifel. Mitleid ist ihr fremd. "Das jüdische Gebilde", sagt sie, "muss vernichtet werden. Mit allen Mitteln, um jeden Preis."


Unterschied, sagt sie lakonisch und fällt in eine lange Klage über das Leid, den Schmerz, die Unterdrückung ihres Volkes, und das sind sehr bewegte Worte.



"Gut. Aber für den Tod wie vieler Kinder war ihr Mann verantwortlich? Wie viele palästinensische Kinder hat er in den Tod geschickt, um israelische zu töten?"



Ihr Blick ist hart: "Ich fühle mit allen Müttern meines Volkes, mit allen Müttern dieser Welt, die ihre Kinder im Krieg verlieren."



"Auch mit den israelischen Müttern?"



Sie schüttelt unmerklich den Kopf. "Seit mehr als 100 Jahren kommen die Juden aus aller Herren Länder hierher, deswegen haben wir das Recht, sie zu töten. Wo immer wir sie treffen können, wann immer, wie immer." Dann erklärt sie, dass Kinder nicht zu töten seien. "Aber die Kinder dieser Juden hier werden später Soldaten sein. Und uns, die Moslems, den Islam angreifen. Weil das so sein wird, müssen wir uns verteidigen. Schon heute."



"Heißt das, dass Sie diese künftigen Soldaten jetzt schon töten dürfen, obwohl sie noch Kinder sind?"



Sie antwortet mit demselben Blick, starr über den Brillenrand hinweg. "Ja", sagt Rasha Al Rantisi. Ein Ja, das lange, sehr lange im Raum hängt. Sie wartet auf die nächste Frage, die nicht kommt. "Wir dürfen das nicht, wir müssen das. Es ist unsere Pflicht. Ob wir wollen oder nicht", bekräftigt sie und ruft in flammender Rede zum Kampf, fordert die "Mütter meines Volkes auf, den höchsten, den süßesten Preis zu zahlen." Den Tod der eigenen Kinder im Martyrium. Und Rasha Al Rantisi, sagt sie, ist ein Mensch, der selbst bereit ist zu geben, was er anderen abverlangt.



Am 14. Juni 2003 strahlt Al Dschasira eine Pressekonferenz aus, auf der sie öffentlich davon Zeugnis ablegt. "Ich hoffe zutiefst, dass mir selbst, meinem Ehemann und unseren Kindern das Martyrium Allah zuliebe gewährt wird, um zu beweisen, dass wir die Ersten sind, die um Allahs Willen ihre Kinder opfern. Es liegt in Allahs Güte, wenn unsere Kinder als Krieger sterben. Auch wir blicken immer vorwärts, um zusammen mit unseren Kindern im Martyrium um Allahs Willen vereint sterben."



Das wiederholt sie jetzt in dieser zweiten Stunde des Gesprächs, sie preist sich selbst, das eigene Beispiel an, und Mohammed, der Sohn, er nickt zustimmend.



"Darf ich Ihnen etwas vorlesen und Sie dazu befragen?"



Sie stimmt zu und hört dann die Transkription eines Telefonates, das vor geraumer Zeit von Jassir Arafats Allgemeinem Geheimdienst mitgeschnitten wurde. Ein Hamas-Mann will ihren Sohn Mohammed sprechen. Der Anrufer ist einer, der Selbstmordbomber rekrutiert. Rasha Al Rantisi spricht mit ihm. Er beschwert sich: "Wir haben in der Moschee auf Mohammed gewartet, er ist nicht aufgetaucht. Wir befürchten, dass Arafats Regierung etwas mit ihm angestellt hat." Ihrem Sohn gehe es gut, entgegnet Rasha Al Rantisi, er habe bloß "den ganzen vorherigen Tag geschlafen", nachdem er in der Nacht davor gelernt habe.



Der fromme Anrufer eröffnet Rasha Al Rantisi, dass ihrem Sohn unerhörte Ehre zuteil geworden sei: "Er wurde ausgewählt, ein Märtyrer zu werden und uns und Allah Ehre zu machen."



Rasha Al Rantisi hört Amir, dem Übersetzer, zu und wird zunehmend unruhig. Die Hände verkrampfen sich, die Augen blitzen. Dennoch hört sie weiter zu.


"Ich will diese Ehre nicht!", schreit Rasha Al Rantisi, dem Transkript zufolge, in scharfem Ton den Hamas-Bruder an. "Mein Sohn hat nichts, überhaupt nichts, mit irgendetwas dieser Art zu tun. Ich will diese Ehre nicht! Ich segne dich! Aber mein Sohn ist vollauf beschäftigt mit seinem Studium."



Dem Übersetzer ist sein Unbehagen anzumerken, während er die Antwort des Selbstmordwerbers vorliest: "Wir von Hamas hoffen, dass Ihr Sohn den ganzen Weg für das palästinensische Volk bis zu seinem Ende geht. Oh, Schwester, die Tür zum Dschihad ist weit geöffnet, und wir haben den Weg dorthin vorbereitet für Ihren Sohn. Ich wäre überrascht, wenn ausgerechnet eine Frau wie Sie sich unserer Forderung zur Fortsetzung des Heiligen Krieges gegen den Zionismus widersetzen würde."



Dann kündigt der Selbstmordwerber an: "Mit Gottes Hilfe werden Sie bald Neuigkeiten von Mohammed erfahren, die der gesamten moslemischen Welt und Ihnen ganz sicher noch recht viel Herzensfreude bereiten werden."



"Ich will mit Leuten wie Ihnen nichts zu tun haben", weist die Mutter von Mohammed Al Rantisi den Mann, der ihren Sohn zum suicide bombing rekrutieren will, scharf zurecht. Laut dem Bericht des palästinensischen Geheimdienstes knallt sie dann grußlos und voller Wut den Hörer auf.



Rasha Al Rantisi hat die ganze Zeit zugehört, sich nur noch mit Mühe beherrschen können, aber nun bröckelt ihre Maske, sie fällt aus der Rolle, schnauft kurz auf, aus ihrem Mund zischt es. "Wer sind Sie, mir dies vorzulesen. Lügen. Lügen. Lügen."



Sie presst das mit eiseskalter Stimme hervor. Ihr Sohn Mohammed hat dem allem zugehört, verlegen, zusammengefallen, ihm schießt die Schamesröte ins Gesicht. Als möchte er tief im Boden versinken. Kurz nach diesem abgehörten Telefonat hat seine Mutter ihn zum Studium an einer anderen Universität angemeldet. Im Ausland.



"Ihr Mann hat die Aussagen dieses Protokolls vor seinem Tod bestätigt, und in den Straßen von Gaza sagen nun die Leute, dass Sie schon immer mit zweierlei Maß gemessen hätten." Rasha Al Rantisi ist während ihres kurzen Ausbruches aufgestanden und zur Tür gegangen. Sie dreht sich um. "Raus!"





Vier Stunden später, irgendwo im Gazastreifen:






Hamid hat Angst. Scheißende Angst. Er weint. Hamid weint aus Scham. Ihm ist die Hose nass geworden - aus Angst. Er weint und weint und kann nicht mehr aufhören, sieht die anderen, die dicht um ihn herumstehen, die feixend auf ihn zeigen, ihn knuffen und schubsen. "Hamid hat in die Hose gepisst", lacht eine helle Bubenstimme. Und alle andern, sie lachen mit.



"Du hast eine Verabredung", hat der Anrufer eine Stunde vorher nur gesagt, "du wirst abgeholt." Und grußlos aufgelegt.



An der Küstenstraße geht die Fahrt nach Süden Richtung Chan Yunis. Am Strand von Gaza stehen schwarz verhüllte Frauen bis zu den Hüften im Meer und verschaffen sich Kühlung. Irgendwo biegt der Fahrer ab. Hält an einem verfallenen Fabrikareal. Dort warten Abu Abir und Rafik Damch, die beiden Aktivisten des palästinensischen "Volkswiderstands-Komitees".



Wie alle Gruppen im Gazastreifen, organisiert das Komitee jedes Jahr in den dreimonatigen Schulferien Sommercamps. Es hat hier so etwas wie ein mobiles militärisches Trainingscamp aufgebaut. Für Kinder. Mit Stacheldrahtparcours, Metallreifen, die an Seilen schwingen, und Pappkameraden, denen Schläfenlöckchen angemalt sind.


"Wir lehren unsere Jugend, dass sie bereit ist, wenn ihre Zeit des Kampfes gekommen ist", sagt Abu Abir. "Die wird kommen, denn dieser Krieg wird so lange nicht zu Ende sein, bis der letzte Millimeter ganz Palästinas befreit sein wird. Diese Jungen hier müssen lernen, wie man kämpft, wie man tötet. Sie müssen lernen, ihre Angst zu besiegen."



Wie schnell das geht, ist im Gazastreifen bei den täglichen Kämpfen zu sehen, wenn sich Buben, mit Steinen und Zwillen bewaffnet, an wandernde Frontlinien bewegen, oft genug als menschliche Schutzschilde, aus deren Deckung heraus palästinensische Terroraktivisten israelische Armeeeinheiten beschießen. Auch ein Grund für den Tod palästinensischer Kinder in diesem Krieg.



Zwei Dutzend Jungen sitzen in kleine Gruppen unterteilt um ihre Instrukteure herum. Drei der Lehrer sind maskiert. Sie wollen nicht erkannt werden. Die Buben lauschen ihren Worten, schauen begierig zu, während ihnen gezeigt wird, wie Gewehre auseinander und wieder zusammengebaut werden. Was zu beachten ist beim Wurf einer Handgranate. Sie fragen eifrig nach. Es sind Schuljungen von neun bis 14. Jeder von ihnen wird am Ende dieses Sommercamps ein Zeugnis bekommen. Zwei Wochen später wird ein englisches Fernsehteam ein Lager des Komitees filmen, in dem demonstriert wird, wie man am besten jüdische Siedlerautos stoppt. Wie die Insassen zu töten sind.



Jetzt stehen die Buben auf, greifen sich jeder eine AK 47, und so mancher trägt sehr schwer daran. "Was tust du hier?" Der zehnjährige Hussein strahlt in aller Unschuld übers ganze Gesicht. Um seine Stirn ist ein schwarzes Band geschlungen. "Tod den Juden", steht da in Weiß. "Ich lerne."



"Was?"



"Wie ich Juden töten kann", antwortet er und lächelt ein seliges Kinderlächeln. Seine Eltern wissen nicht, dass er hier ist und was hier geschieht, das gibt Rafik Damch offen zu. "Nicht alle Väter sind bereit, das Höchste für unseren Kampf zu opfern. Aber in ihren Söhnen brennt das Feuer."



Sommercamps wie dieses gibt es mehrere im Gazastreifen. Es braucht nicht viel, sie auf- und abzubauen, und was nun zu hören ist, ist nichts Besonderes hier - Lärm von Schießereien ist alltäglich.



Schrilles Pfeifen tönt über das Feld. Die Buben springen auf, drängeln sich vor, stellen sich vor dem Stacheldrahtverhau auf, und auf ein Kommando hin laufen sie los, schmeißen sich zu Boden. Drei der Instrukteure feuern sie an, dann schießen sie mit scharfer Munition, sie halten ganz nah an die Buben dran.



Die robben unterm Stacheldraht durch, mit verzerrten Gesichtern, in denen die Angst steht. Dann springen sie auf, hetzen unter Beschuss zur nächsten Prüfung, springen durch angezündete Reifen. Natürlich strahlen die Jungen später, mit stolz geschwellter Bubenbrust.



Bis auf Hamid. Der steht da mit seinen elf Jahren, eingefroren in seiner Angst, allein. Er kann das nicht, er will das nicht. Er bleibt hier an diesem Tag ein Junge, der nur bibbert und zittert, mit nasser Hose, umringt und ausgelacht von seinen Kameraden.



Kinderhäme. Hamid, der weint und weint und greint. Nichts als ein Häuflein Wimmern. In diesem Sommercamp irgendwo in Gaza.



Artikel erschienen am Mi, 28. Juli 2004

http://www.welt.de/data/2004/07/28/311018.html?s=1

carlo
28.07.2004, 11:23
Der Islamforscher Bernard Lewis über den Zustand der arabischen Welt und warum die Herrscher Israel als Blitzableiter brauchen


von Wolfgang Schwanitz



DIE WELT: Sie erklären in Ihrem jüngsten Buch "Atatürks Paradox": Er habe nach dem verlorenen Krieg die Türkei gegründet und dem Westen widerstanden, aber Weichen zur Annahme von Vorzügen der westlichen Zivilisation gestellt. Geht es darum auch im Irak?



Bernard Lewis: Nicht ganz, denn Atatürk vertrieb die Invasoren, errichtete eine Republik und ging erst dann westliche Wege. Im Irak hingegen ist die Diktatur von außen beseitigt worden. Aber sie war auch von außen aufgedrängt worden. Saddam Husseins Macht wurzelte nicht in der arabisch-islamischen Kultur. Sie beruhte auf einem europäischen Modell, dem der Nazis.



DIE WELT: Wann war das?



Lewis: Im Jahre 1940. Die Franzosen ergaben sich. Die Vichy-Regierung wurde ein deutscher Satellit. Damit standen die französischen Mandatsgebiete von Libanon bis Syrien für die Deutschen offen, die sie benutzten, um ihren Einfluss im arabischen Osten zu erweitern.



DIE WELT: Im Irak waren die Deutschen am Anfang erfolgreich.



Lewis: Ja, denn das Regime, dass die Deutschen dort unter Raschid Ali al-Kailani 1941 installiert hatten, war der Gipfel ihres Erfolges. Es war dem Typ nach eine Nazi-Regierung, unterstützt von einer nazi-ähnlichen Bewegung, die in die Baath-Partei mündete. Die islamische politische Tradition kennt zwar Autokratie und Gehorsam, weist aber Despotismus und Diktatur zurück.



DIE WELT: Haben die Reformen seit dem 19. Jahrhundert der Baath-Diktatur den Weg geebnet?



Lewis: Sicher. Im Irak ging es damals um Modernisierung oder Verwestlichung. Europa galt als Modell der Moderne. Aber was hieß das? Die zentrale Autorität zu stärken. Der Staat erhielt mehr Macht. Zugleich wurden die Kräfte der traditionellen Gesellschaft geschwächt, die ein Gegengewicht zum Staat gebildet hatten. Beschnitten wurde alles, was von innen organisch gewachsen war: Basar-Händler, Stämme, ländliche Notabeln und religiöse Würdenträger. Sie alle waren nicht durch den Staat ernannt, sondern ihre Führer erwuchsen aus der sozialen Ordnung heraus.



DIE WELT: Wie stehen die Chancen für eine Befriedung der Palästinafrage ohne Saddam Hussein?



Lewis: Sie haben sich von keinen zu geringen Chancen verbessert. Die Betroffenen sehen mehr, was sie vorher entweder nicht erkannten oder nicht wagten, anzusprechen. Zum Beispiel ergab eine Umfrage in Gaza, wer an der Misere Schuld sei, dass nur noch eine Minderheit auf die Israelis verwies. Früher wurde denen alle Verantwortung zugeschoben. Jetzt halten Palästinenser ihre eigenen Führer für verantwortlich. Ein großer Fortschritt.



DIE WELT: Spielen die Medien da eine Rolle?



Lewis: Natürlich. Israel, so gut oder schlecht es in seiner bunten Zusammensetzung auch sein mag, ist eine Demokratie und offene Gesellschaft. Darüber berichtet das Fernsehen in den umliegenden diktatorischen Ländern. Auf meinen Reisen sah ich, dass Israels Nachbarn den dortigen Meinungsstreit verfolgen. Etwas also, was es bei ihnen so kaum gibt.





Lewis: Ich hoffe. Aber er hat doch eine bemerkenswerte Fähigkeit zum Überleben. Ein Problem ist freilich die Bereitschaft vieler, ihm zu helfen - vor allem in Europa.



DIE WELT: Er ist eine Galionsfigur.



Lewis: Er ist mehr als das. Er übt die wirkliche Kontrolle aus und erhält jährlich Millionen Dollar, darunter von der Europäischen Union ohne klare Rechenschaft.



DIE WELT: Israels Zaun auf der Grünen Linie (Waffenstillstandslinie von 1949, d. Red.) oder auf besetztem Gebiet, ist das der entscheidende Punkt?



Lewis: Die Grüne Linie hat wenig Sinn, denn liest man die Waffenstillstandsabkommen von Rhodos nach dem Krieg 1949, so steht dort klar, dies sei die Linie des Waffenstillstandes, kein Grenzverlauf.



DIE WELT: Die UN-Vollversammlung hat den Bau des Zaunes verurteilt.



Lewis: Überzeugender wäre es gewesen, wenn dieses Gremium etwas fairer wäre. Sehr einseitig wies es nur knapp auf das Problem des Terrors und der Selbstmordanschläge hin, die der Hauptgrund für den Bau dieser Barriere sind. Israel gab es schon lange, aber ohne Zaun. Der ist ein Akt der Verzweiflung, eine Reaktion auf die Anschläge. Das hätte die UNO besser beachten sollen.



DIE WELT: Was sind die Voraussetzungen für Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern?



Lewis: Jeder muss die Legitimität sowie die staatliche Existenzberechtigung des anderen anerkennen. Wenn es darum geht, wie groß Israel sein soll oder wie dessen Grenze verläuft, so ist das verhandelbar. Außerdem muss dem Terror entsagt werden. In gewisser Weise ist die Palästinafrage sehr wertvoll für die Regierungen der Region. Der arabische Raum ist wirtschaftlich hinter Äquatorialafrika zurückgefallen. Die Einwohner wissen das und hegen berechtigte Wut gegen ihre Regierungen. Diese lenken den Zorn auf die Palästinafrage. Wenn sie kein Israel hätten, müssten sie es erfinden. Ansonsten träfe sie nämlich der ungeteilte Zorn ihrer Einwohner.



DIE WELT: Wie steht der Iran zu Friedensverhandlungen?



Lewis: Dessen Regierung ist ein Problem, denn sie hilft diversen, sich religiös definierenden Terrorgruppen in Gaza und Libanon. In Teheran selbst hat man den Islam verdreht. Sie sind dort nicht nur antijüdisch, sondern auch antichristlich, obwohl der Koran Toleranz gebietet.



DIE WELT: Sie sahen einst die islamische Revolution von Ayatollah Khomeini 1979 im Iran voraus. Was möchten Sie heute voraussagen?



Lewis: Eine demokratische Revolution im Iran und im Irak. Ich sehe dafür originäre Potenzen. Aber es wird weder schnell noch leicht sein.



DIE WELT: Hat Irans islamische Revolution das Leben verbessert?



Lewis: Nein. Der Lebensstandard verschlechterte sich in jeder Hinsicht. Es gibt weniger Freiheit, einen minderen ökonomischen Standard. Vor allem Frauen geht es viel schlechter. Das legale Hochzeitsalter war zuvor 18. In dieser Republik ist es neun Jahre. Sie legalisierten die Verheiratung kleiner Mädchen, islamischen Scharia-Gesetzen folgend.


DIE WELT: Saudi-Arabien ließ einen Ungeist aus der magischen Flasche. Können sie ihn zurückholen?



Lewis: Kaum. Die Lage wird angespannter. Extremisten stellen sich auf Webseiten zur Schau. Die wahhabitische Richtung zeigt sich als extrem fanatisch, intolerant und gewaltsam. Das ist nicht der traditionell tolerante Islam. Heute gibt es dort Massaker durch sunnitische Extremisten, die betende Schiiten ermorden. Das ist die neue wahhabitische Version des Islam.



DIE WELT: Könnte eine bessere Bildung den tiefen Komplex der Araber gegenüber dem Westen abbauen?



Lewis: Ja, denn es sind begabte Menschen. Früher zählten sie zu den besten Forschern. Dann fielen sie zurück. Ein Grund dafür ist das Ersterben der Forschung. Im Mittelalter waren islamische Gesellschaften sehr aktiv und kreativ. Warum verharrten dieselben Menschen plötzlich im intellektuellen Abseits? Einige sagen, dies war Folge des Verfalls der Wirtschaften. Eine andere Sache: die Entdeckung Amerikas. Dies war sicher eine Ursache, warum Europa voranging. Es entdeckte die Neue Welt, die Gold- und Silberländer, die Ländereien für neue Saatgüter. Dabei machte es technologische Fortschritte und mauserte sich zum modernen Europa. Aber warum haben die Muslime nicht Amerika entdeckt? Sie hatten auch eine atlantische Küste.



DIE WELT: Europäer bauten Atlantik-Schiffe, Muslime leichte für das Rote Meer und den Indischen Ozean.



Lewis: Genau, als die europäischen Schiffe in östlich-asiatische Gewässer kamen, hatten sie, gebaut für den Atlantik, Vorteile: mehr Kanonen, Besatzung und Fracht.



DIE WELT: War die Behandlung der Frau ein weiterer Punkt?



Lewis: Ja, eine der größten Errungenschaften der Christenheit ist die allgemeine Akzeptanz der Monogamie. Alle anderen Zivilisationen haben Polygamie erlaubt. Das Christentum war die erste Weltreligion, in der nur eine Frau erlaubt wurde. Wie türkische Autoren bereits betonten, Frauen sind nicht nur eine Hälfte der Bevölkerung, sondern sie sind auch die Mütter der anderen Hälfte. Kinder, die mit einer gebildeten Mutter heranwachsen, erreichen sicher mehr im Leben als solche mit einer Analphabetin als Mutter. Trotzdem haben islamische Gebiete ihre Perioden der Blüte erlebt.



DIE WELT: Vielleicht sind Frauen im frühen Islam viel besser als später behandelt worden?



Lewis: So ist es. In den königlichen Familien in Europa waren Frauen und Töchter stets wichtig. Mütter standen im Familienstammbaum. Bei den Osmanen hingegen wissen wir oft nicht, wer die Mütter waren. Sie waren meist namenlose Konkubinen aus dem Harem. Dem war nicht so im frühen Islam. Bei den Kalifen und der Umayyaden-Dynastie (von 661 bis 750 n. Chr., d. Red.) etwa waren Mütter freie Damen. Das System des Harems kam später.



DIE WELT: Der Islam wirkte einst als großer Friedensbringer in seinen eigenen Räumen.



Lewis: Sicher, obwohl es natürlich auch Kriege untereinander gab, etwa türkische Sultane gegen persische Schahs. Aber das war wenig im Vergleich zur Kriegsgeschichte Europas, dessen viele Kriege auch die militärische Technologie vorantrieb. Außerdem mussten Europäer viele Sprachen erlernen, um sich verständigen zu können. In islamischen Regionen gab es hingegen drei entscheidende Sprachen: Arabisch, Persisch und Türkisch. Europäer mussten aber nicht nur die Sprachen ihrer Nachbarn erlernen, sondern auch die ihrer Vorfahren, um solche Schriften wie das Alte und das Neue Testament lesen zu können: Hebräisch und Griechisch.


DIE WELT: Welches Land kann in der Bildung Modell stehen: Irak, Palästina, Ägypten oder die Türkei?



Lewis: Vor Jahren hätte ich auf Tunesien verwiesen, aber dort geht es bergab. Die Regierung wird weniger liberal, mehr autokratisch. Tunesien zählte einst zu den Vorreitern von Offenheit, Erziehung und Frauenrechten. Nun geht es rückwärts, im Gegensatz zu Marokko.



DIE WELT: Der Kampf gegen al-Qaida - wird er Jahrzehnte dauern?



Lewis: Ich glaube, dass es ein langer Prozess ist und die Ergebnisse keineswegs sicher sind. Man muss die Möglichkeit einkalkulieren, dass al-Qaida gewinnen könnte. Sie haben viele Verbündete im Westen, bewusste und unbewusste. Zu den bewussten zähle ich die wachsenden islamischen Minderheiten und Konvertiten Europas. Es verhält sich ähnlich wie damals mit dem Kommunismus, der Unzufriedenen im Westen gefiel, da er ihnen eindeutige Antworten zu geben schien. So hat auch der radikale Islam Anziehungskraft auf Menschen. Er vermittelt ihnen Überzeugungen und Gewissheiten, ja gibt ihnen den Sinn einer Mission. Sie erscheinen vereint, die Demokratien aber tief gespalten.



DIE WELT: Also kommt ein globales islamisches Reich?



Lewis: In Demokratien scheint man einander mehr zu hassen als äußere Gegner. Die Schwäche und Spaltung scheinen die westliche Seite zu beherrschen. Die Politik in Europa ist da nicht gerade hilfreich, insbesondere nicht die französische und die deutsche Politik



DIE WELT: Ist al-Qaida noch stark genug für einen ähnlichen Schlag wie am 11. September 2001?



Lewis: Oh, ja. Davor gab es eine lange Folge von Angriffen auf die amerikanischen Einrichtungen. Radikale wurden ermutigt, da eine wirksame Gegenwehr fehlte. Nach dem 11. September waren sie schockiert über die Härte der neuen US-Administration in Afghanistan und Irak. Dann sah al-Qaida in westlichen Debatten Schwäche und Spaltung. Natürlich fühlen sie sich ermutigt und begannen wieder, darunter in Spanien, das dann seine Truppen aus Irak abzog. Zweifellos könnten weitere Anschläge folgen.



DIE WELT: Welche Ursache hat die Spaltung zwischen USA und EU?



Lewis: Im Hinblick darauf könnte sich die EU als Neidgenossenschaft umbenennen. Es ist ja sehr erklärlich, dass Europäer gegenüber Amerika Vorbehalte hegen, dass sie ja weit überflügelt hat. Deswegen verstehen Europäer die Muslime gut, die sich gegenüber Amerika so ähnlich fühlen.



DIE WELT: Worin könnte die Spezialität einer deutschen Nah- und Mittelostpolitik liegen?



Lewis: (lacht) In der Weisheit, das Gefühlsbetonte und das Irrationale der französischen Politik auszubalancieren.



DIE WELT: Wird die EU ein globales Gegengewicht zu Amerika bilden?



Lewis: Nein. Neben den Vereinigten Staaten werden künftig globale Spieler China, Indien und möglicherweise ein gesundetes Russland sein. Sicher weiß niemand, welcher Art die Macht in Moskau sein wird, aber gewiss nicht kommunistisch. Europa wird Teil des arabischen Westens sein, des Maghrebs. Dafür sprechen Migration und Demografie. Europäer heiraten spät und haben keine oder nur wenige Kinder. Aber es gibt die starke Immigration: Türken in Deutschland, Araber in Frankreich und Pakistaner in England. Diese heiraten früh und haben viele Kinder. Nach den aktuellen Trends wird Europa spätestens Ende des 21. Jahrhunderts muslimische Mehrheiten in der Bevölkerung haben.



Mit Bernard Lewis sprach in Princeton Wolfgang G. Schwanitz.



Artikel erschienen am Mi, 28. Juli 2004

http://www.welt.de/data/2004/07/28/310913.html?s=1

carlo
09.08.2004, 14:03
900 Millionen Dollar



Was ist eigentlich mit dem Geld geschehen, das die Europäische Union der Palästinensischen Autonomiebehörde überwiesen hat?

Eine detektivische Erkundung von Bruno Schirra



Die Menge tobt, reckt voll Wut und Hass die geballten Fäuste in die Luft, treibt sich selbst in einen ekstatischen Furor. "Rache! Rache! Rache!", dröhnt es aus tausenden Kehlen. Ihr Führer vernimmt diesen vielstimmigen Aufschrei, lässt die Masse Mensch gewähren, dann hebt er beide Arme und gebietet seinen tobenden Anhängern Einhalt. Auf Arabisch.



"Lasst niemanden denken, dass sie uns mit ihren überlegenen Waffen erschrecken können. Wir haben eine gewaltigere Waffe! Die Waffe des Glaubens! Die Waffe des Martyriums! Die Waffe des Dschihad!" Die Menschen lauschen diesen Anfeuerungen ihres Führers, und als der Friedensnobelpreisträger geendet hat, entlädt sich ihr Hass, ihre Wut, ihre Angst in einem gellenden Schrei. "Tod Israel! Tod den Juden! Tod Amerika" - und Jassir Arafat vernimmt die Raserei seiner Anhänger, die ihm zugehört haben und ihm jetzt hier in Gaza-Stadt zujubeln.



Drei Monate später wird derselbe Arafat, nachdem bei einem Anschlag des Islamischen Dschihad nahe der israelischen Siedlung Kfar Daron im Gazastreifen sieben Israelis und ein Amerikaner getötet wurden, dies als einen Akt des Terrors brandmarken und sich angesichts westlicher Kameras davon distanzieren. Auf Englisch.



Beide Episoden sind symptomatisch - haben sie doch nicht an irgendeinem Tag der nun seit dreieinhalb Jahren tobenden Al Aqsa Intifada stattgefunden, sondern im Januar und April 1995, zu einer Zeit, an die sich viele Israelis heute als die guten alten Tage erinnern. Aus den Regierungsstuben europäischer Hauptstädte ergoss sich damals noch ein Strom wirtschaftlicher Hilfs- und Aufbauleistungen für Palästina - fünf Milliarden Dollar waren es von 1993 bis heute: nation building der europäischen Art.



Die Milliarden Zahlungen aus Europa sind an Bedingungen gekoppelt: etwa die Kondition strengster Kontrolle und absoluter Transparenz. Oder die Erwartung der europäischen Geber, die Palästinensische Autonomiebehörde möge die palästinensische Gesellschaft demokratisieren, in Schulen, Medien, und Moscheen für Frieden werben und ein Klima schaffen, das den Hass zum Erlöschen bringt.



Doch eine Dekade nach Oslo herrscht Krieg im Heiligen Land: Krieg zwischen Israelis und Palästinensern. Krieg zwischen Palästinensern und Juden. Was in Europa so nicht genannt wird, vernimmt man umso deutlicher in den Moscheen, den Schulen, den staatlichen Fernseh- und Rundfunksendern der Palästinensischen Autonomiebehörde. Wenn im palästinensischen Fernsehen etwa der prominente Sheik Ibrahim Mahdi auftritt, klärt der - bei Arafats Autonomiebehörde fest angestellte und wohl besoldete - Geistliche gern über den wahren Kern des Konfliktes auf: "Die größten Feinde der islamischen Nation sind die Juden, möge Gott sie bekämpfen. Gesegnet sei der, der einen Soldaten tötet. Gesegnet sei der, der seinen Sohn zum Dschihad und zum Martyrium erzieht. Gesegnet sei der, der eine Kugel in den Kopf eines Juden jagt. Scham und ewige Gewissensbisse über die, die es unterlassen, ihre Kinder für den Dschihad zu erziehen. Gesegnet sei der, der einen Selbstmordgürtel um seinen Leib schlingt oder um den seines Sohnes und sich ,Allahu Akbar - Gott ist groß, gelobt sei Gott, da ist kein Gott außer Allah, und Mohammad ist sein Prophet' rufend, in die Meute der Juden stürzt."

Worte, die in Palästina ankommen, wenn auch nicht in Europa. Kein Wunder, denn in Brüssel versteht man kein Arabisch. Und so weiß man dort auch nicht, dass der mit Europas Politikern englisch parlierende Jassir Arafat anlässlich des "Tages des palästinensischen Kindes" schon mal zu ganz besonderen Taten aufruft. Über das von Europa durchfinanzierte palästinensische Fernsehen. In warmen Worten fordert Arafat da die "Kinder Palästinas" auf, ganz in der "islamischen Tradition Kämpfer an der islamischen Frontlinie zu sein. Als Märtyrer für Allah zu sterben". So verspricht der palästinensische Präsident ihnen am 1. Juni 2003 den Ehrenstatus eines "Schahid", eines Märtyrers.



Kein Grund für europäische Politiker, den Dialog mit Jassir Arafat - den Tel Aviv und Washington nicht mehr als Gesprächspartner akzeptieren - zu überdenken. Denn im Bewusstsein der Europäer ist Jassir Arafat noch immer als Staatsmann geadelt; er gibt den palästinensischen Nelson Mandela. In Brüssel wie in der einen oder anderen europäischen Hauptstadt scheint die Trennschärfe abhanden gekommen zu sein, mit deren Hilfe man zwischen eigenem Wunsch und palästinensischer Realität unterscheiden könnte.



Diese Realität heißt etwa Dr. Ahmad Abu Halabiya. Er ist Mitglied des von Jassir Arafats Autonomiebehörde berufenen Fatwa-Rates, und seine Predigten werden im Fernsehen übertragen. "Oh Brüder, oh Gläubige! Wir dürfen niemals Haifa und Akko, Galiläa und den Negev vergessen", stellt der frühere Rektor der Islamischen Universität in Gaza palästinensische Prioritäten klar. "Es ist nur eine Frage der Zeit. Bekämpft die Juden, wo immer sie sind. Tötet sie, wo immer sie sind. Die Kriminellen, die Terroristen sind die Juden. Sie sind diejenigen, die geschlachtet und getötet werden müssen, so wie Gott der Allmächtige es befiehlt: Bekämpft sie. So lange Ihr die Juden mit Füßen tretet, so lange wird euch nichts geschehen. Wenn ihr aufhört, sie mit Füßen zu treten, dann werden sie euch jagen und bestrafen. Das ist die Art der Juden. Tötet die Juden, wo immer sie sind. Tötet die Amerikaner, wo immer sie sind. Wir werden keine einzige Krume unseres Landes aufgeben. Keine von Haifa und Jaffa, und Akko und Petah Tikva und Aschkelon, keine Krume unseres Landes und von Gaza und der West Bank."



Für die moderate Ikone europäischer Gesprächspartner, den 2001 verstorbenen Feisal Husseini, der auf Englisch bei seinen europäischen Dialogpartnern den Eindruck "einer moderaten Stimme des Friedens" hinterließ, war, wenn er ins Arabische fiel, Tel Aviv "eine jüdische Siedlung". Siedlungen - das ist wohl wahr - sind bis zum heutigen Tag eines der wesentlichen Hindernisse für einen funktionierenden Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Deshalb fordert Europa, das dabei ganz sicher nicht an Tel Aviv, sondern an Gaza und Kirjat Arba und Ariel denkt, deren Räumung. Kurz vor seinem Tod zog Faisal Husseini auf einer Konferenz in Beirut ein Resümee des Friedensprozesses, wie er ihn sich vorstellte: "Auch wenn wir uns einverstanden erklären, ein Gebiet als unseren Staat anzusehen, das 22 Prozent der Fläche Palästinas - die Westbank und den Gazastreifen - umfasst, so bleibt doch die Befreiung des gesamten historischen Palästina vom Fluss bis zum Meer unser Endziel. Wir unterscheiden zwischen langfristigen strategischen Zielen und stufenweisen politischen Zielen, die wir auf Grund des internationalen Drucks vorübergehend akzeptieren müssen."

Der internationale Druck wurde auch über europäische Finanzleistungen aufrechterhalten. Vor zwei Jahren brach in Europa zum ersten Mal eine breite Diskussion aus, ob und wie weit Brüssels Zahlungen im korrupten Morast von Arafats Klientelwirtschaft versinken, ob gar europäische Gelder direkt oder indirekt Terror mitfinanzieren und dazu missbraucht werden, ein Klima des Hasses in den Schulen, Universitäten und Medien zu schüren. Das offizielle Brüssel reagierte gereizt. Für Transparenz sei gesorgt, für Kontrolle sowieso. Der ehrwürdige Internationale Währungsfond (IWF) stehe kraft seines ehrwürdigen Namens für die Seriosität der jährlichen Dollar-Schwemme in Richtung Palästina. Der IWF konnte die Brüsseler Behauptung so buchstabengetreu allerdings nicht im Raum stehen lassen. Nur den korrekten buchhalterischen Zahlungsablauf überwache man - nicht aber die korrekte Verwendung der Gelder bis hin zum Empfänger. Deshalb könne man sich schlecht zum möglichen Missbrauch äußern.



Das konnte der IWF allerdings im Herbst letzten Jahres. Bei einer Konferenz in Dubai veröffentlichte er seinen offiziellen Bericht: "Ökonomische Leistungen und Reformen unter Konfliktbedingungen". Allein im Zeitraum zwischen 1995 und 2000 sind 900 Millionen Dollar an Einahmen der Palästinensischen Autonomiebehörde ganz einfach "verschwunden": vom palästinischen Finanzministerium an unbekannte Ziele transferiert. Einzig und allein weisungsbefugt war Jassir Arafat, dem das amerikanische Magazin "Forbes" bescheinigt, er sei (mit 900 Millionen Dollar Privatvermögen) einer der reichsten Staatsmänner dieser Welt.



Arafat selbst kontrolliert bis zum heutigen Tag acht Prozent des Gesamtbudgets der Palästinensischen Autonomiebehörde in Höhe von 74 Millionen Dollar allein für das Jahr 2003. Ohne jemandem Rechenschaft zu schulden. Der IWF-Bericht listet allein 34 Millionen Dollar auf, durch die Arafat 2003 "Organisationen" und "Einzelpersonen" bezahlt.



Im Bericht steht nicht, wer die Gelder empfängt. In Arafats Büroabläufe Eingeweihte wissen aber über die Art und Weise Bescheid, wie Arafat Gelder zuweist. Fatah-Aktivisten und andere reichen Forderungen ein, die der PA-Vorsitzende persönlich genehmigt. Er zahlt sie per Briefumschlag und in bar aus. An Mitglieder seiner persönlichen Geheimdienstapparate, mutmaßen Skeptiker. Auch an solche, die in Terror involviert sind? Der IWF-Bericht geht darauf nicht ein. Ein erklecklicher Teil der Brüsseler Alimentierung versickert jedenfalls im nicht kontrollierbaren Irgendwo. Zum geringen Teil kommt er über Umwege bei Suha Arafat wieder an Licht - der Gattin des Palästinenserführers. Deren standesgemäßes Auskommen und die angemessene Wohnstatt im feinen Pariser Hotel Bristol finanziert Jassir Arafat mit monatlich 100 000 Dollar.



Die Pariser Justiz forscht nun einem unangenehmen Verdacht hinterher: Erfüllen die jährlich 1.2 Millionen sowie mindestens 8,9 weitere Millionen, die aus der Schweiz heraus über ein undurchsichtiges Kontokassensystem in den Zugriffsbereich der Suha Arafat gelangten, den Strafbestand der Geldwäsche? Und wer steckt dahinter? Und sind dies Gelder, die aus Brüsseler Kassen stammen? Alimentiert also der europäische Steuerzahler Kost und Logis von Frau Arafat?

Schaut man sich die Zeittafel terroristischer Anschlage seit 1993 an, so fällt ins Auge, dass immer dann von palästinensischen Gruppen gebombt wurde, wenn eine realistische Hoffnung auf Frieden aufschien. Die Täter kamen oft genug aus Arafats Geheimdiensten und Polizeiapparaten. Das treibt manch europäischen Politiker zu Betrachtungen ganz eigener Art. Von Chris Patten etwa geht die Kunde, er habe angesichts der Verstrickungen palästinensischer Autonomiebeamter in Terroranschläge gesagt: Er, Patten, könne ja auch nicht wissen, was der europäische Beamte in ihrer Freizeit denn so treibe.



Der Mann hat Recht. Bis zum heutigen Tag ist nicht bekannt geworden, dass etwa dänische Polizisten nach Feierabend Teile von Schleswig-Holstein heim ins skandinavische Königreich zu bomben suchen. Was denen nicht zu unterstellen ist, will man von palästinensischen Polizisten auch nicht behaupten. Auch nicht von Kamal Abdullah Tubasi, aus Dschenin. Der 29-Jährige war fest angestellter Beamter, er stand auf der Gehaltsliste einer der Geheimdienste von Jassir Arafat; zugleich war er Al-Aksa-Brigadist. Am 19 Mai 2003 schickte Tubasi die 19 Jahre alte Hiba Da'arma auf ihre Reise ins israelische Afula. Hiba sprengte sich in die Luft, drei Menschen wurden getötet. Selbstverständlich wird niemals zu beweisen sein, dass auch nur ein europäischer Cent in den Taschen von Herrn Tubasi gelandet ist. Er wurde mit zwei weiteren Al-Aksa -Brigadisten von israelischen Spezialkommandos in einer mutmaßlich völkerrechtswidrigen Aktion am 25. April diesen Jahres getötet. Tubasi, so die Israelis, sei in die aktuelle Planung und Durchführung terroristischer Aktionen innerhalb Israels verwickelt gewesen.



Nun muss man bekanntlich israelischen Behauptungen kritisch gegenüberstehen, zumal, wenn sie aus Sicherheitskreisen kommen. Brüssel ignoriert bis heute die Beweiskraft der Dokumente, die das israelische Militär seit zwei Jahren aus den Amtsstuben der palästinensischen Behörden abtransportiert. Dokumente, die die Verstrickung von Jassir Arafat und seinen Apparaten in den Terror belegen. Der Verdacht der Desinformation - ja, der Fälschung - liegt in der Luft.



Ein Verdacht, den die britische BBC nicht teilt. Gut möglich allerdings, dass man in Brüssel die BBC nicht hört oder nicht so recht verstehen kann. Die strahlte im Herbst letzten Jahres zur besten Sendezeit eine Dokumentation aus, in der Minister von Jassir Arafat, leitende Sekretäre seiner Fatah und Führer der Al-Aksa-Brigaden in Dschenin zu Wort kommen. Die Al-Aksa-Brigaden, die auf der "Terror Watch List" des amerikanischen Außenministeriums stehen, sind, je nach Standpunkt des Betrachters, der bewaffnete Arm von Jassir Arafats Fatah Bewegung oder eine von Arafat nicht zu kontrollierende Terrorsplittergruppe.



Eine Frage, die sich laut BBC Ata Abu Rumeileh erst gar nicht stellt: "Fatah hat einen politischen und einen militärischen Arm", sagt der Generalsekretär von Arafats Fatah in Dschenin. "Es gibt keinen Unterschied zwischen Fatah und den Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden."



Auf die Frage, wer die beiden Flügel der Fatah führt, antwortet Ata Abu Rumeileh nur sehr kurz: "Jassir Arafat." Sie werden laut BBC monatlich mit 50 000 Dollar von Arafats Autonomiebehörde mitfinanziert. Die Quelle der BBC: Der frühere Minister für Jugend und Sport innerhalb der Autonomiebehörde, Abdel Fatah Hamajel, der erklärt, diese Alimentierung der Al-Aksa-Brigaden sei notwendig, um sie vom Terror abzuhalten und um ihre "Lebenshaltungskosten" zu decken. Die Aufgabe der Al-Aksa-Brigaden beschreibt ihr Führer Zakaria Zubaidi so: "Märtyreroperationen innerhalb Israels sind nicht die Strategie des palästinensischen Volkes. Sie bringen uns keine politischen Vorteile. Sie bringen aber Vorteile für das Volk, das jeden Tag getötet wird. Das will Rache. Deshalb führen wir Märtyreroperationen durch."



Der BBC-Reporter hakt nach: "Würden die Al-Aksa-Brigaden diese Attacken stoppen, wenn Arafat es ihnen sagen würde?" Die Antwort des Brigadisten kommt unvermittelt: "Ja, natürlich, aber er wollte uns dies nicht befehlen, solange Israel seine Ermordungen weiterführt. Wenn Arafat uns zu einem Waffenstillstand aufruft, werden wir das respektieren und die Märtyreroperationen stoppen."



Artikel erschienen am Sa, 7. August 2004

http://www.welt.de/data/2004/08/07/315512.html?s=1

syracus
09.08.2004, 14:22
Carlo kann mir sicher sagen wo die unauffindbaren 8.8 Milliarden $$$ Hilfsgelder hingeflossen sind im Irak unter christlicher US-Aufsicht wenn 900 Millionen so einen langen Artikel wert sind. Und er kann mir sicher auch sagen, warum gerade Amerika mit ihrer Rüstungsindustrie nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts auch einen Blitzableiter brauchen. Noch immer vermisst werden Islamforscher mit Namen, die darauf schliessen lassen, dass sie entsprechendes Kulturwissen mitbringen. Das Kaugummis nicht funktionieren im Mittleren Ostan analog Deutschland nach dem 2. Weltkrieg fällt mittlerweile jedem Ungebildeten auf :schaf:.....

syr;):)

carlo
09.08.2004, 14:40
"Jede Religion hat auch blutige Grenzen"



Ist der Islam erneuerungsfähig? Ein Gespräch mit dem Tübinger Theologen und Kirchenkritiker Hans Küng

von Gernot Facius



Im September erscheint von Hans Küng im Piper-Verlag das Buch "Der Islam". Küng warnt darin davor, sich in der Auseinandersetzung mit dem Islam von Feindbildern leiten zu lassen. Das Gespräch führte Gernot Facius.



DIE WELT: Die Islam-Debatte schien ein Jahr lang auf die Kopftuchfrage focussiert - eine Verengung der Diskussion?



Hans Küng: An sich handelt es sich beim Kopftuch um eine sekundäre Frage, aber zugleich wird ein symptomatisches Problem berührt. Denn Religion, egal welche, darf man nicht rationalistisch betrachten, es geht hier um Symbole, die in der Regel einen großen emotionalen und oft auch politischen Gehalt haben.



DIE WELT: Es kann ja sein, dass damit eine Generaldebatte über die Präsenz religiöser Symbole im öffentlichen Raum eröffnet wurde, die man eigentlich gar nicht wollte?



Küng: Das liegt aber auch an einzelnen Kirchenvertretern, die sich recht kategorisch gegen das Kopftuch ausgesprochen haben. Man könnte sich ja durchaus auf einer mittleren Ebene einigen und nicht in Extreme verfallen. Einerseits kommt für uns die Laizität à la francaise nicht in Frage, die allen Kindern in der Schule das Kopftuch und überhaupt religiöse Symbole verbietet; französische Laizisten können so dogmatisch und autoritär sein wie römische Prälaten. Andererseits genügt es nicht zu sagen, das Kopftuch sei ein religiöses Symbol, das solle man auch Lehrerinnen gestatten, denn es komme nur darauf an, was die betreffende Person sich darunter vorstellt. Es wirkt eben auch als ein politisches Symbol, unabhängig davon, was die jeweilige Trägerin denkt. Insofern kann man verstehen, dass man bei beamteten Lehrerinnen, die Einfluss haben auf das Denken von Kindern, genauer aufpasst.



DIE WELT: Die Diskussion über den Islam bewegt sich zwischen zwei Polen: Eine Schule sagt, der Islam sei von Natur aus aggressiv, die andere, er sei von Natur aus friedfertig. Was ist nun richtig?



Küng: Man hüte sich vor jeder Einseitigkeit. Zum Beispiel der von Samuel Huntington, der behauptet, der Islam habe blutige Grenzen. Wie kann ein Christ so etwas sagen, wenn man weiß, was Christen alles angestellt haben? Jede Religion hat leider auch blutige Grenzen, schauen wir nur nach Israel. Zweifellos hat auch der Islam zwei Seiten. Dem Koran sind eindeutige Aussagen zur Friedfertigkeit zu entnehmen, ebenso eindeutige zum Djihad. Djihad bedeutet an sich "moralische Anstrengung", aber sehr oft auch gewaltsame Auseinandersetzung, ja Krieg.



DIE WELT: Hält der Islam den Krieg für heilig?



Küng: An sich nicht, aber unter Umständen wird zum Krieg aufgerufen. Ähnliches ist natürlich in der hebräischen Bibel zu finden, und auch Christen, die vom Evangelium her auf Gewaltlosigkeit verpflichtet wären, haben zahlreiche "heilige Kriege" geführt.



DIE WELT: Der gegenwärtige Papst gilt vielen Beobachtern als "Islam-Freund". Zu recht?



Küng: Richtig ist, dass dieser Papst erfreulicherweise mehr als andere in der römischen Kurie für den Religionsdialog offen ist. Das Problem liegt anderswo: dass er und seine Umgebung gleichzeitig Gegenteiliges vertreten; dass ein Dokument wie "Dominus Jesus" nicht nur gegenüber den Muslimen, deren Religion angeblich "defizitär" ist, belastend wirkt, sondern auch gegenüber evangelischen Christen, die nicht voll als Kirchen anerkannt werden. Beim jüngsten Papstbesuch in Bern hat der Evangelische Kirchenbund keinen Vertreter entsandt, weil der Papst die in vielen Gutachten empfohlene und in der Schweiz von 90 Prozent auch der Katholiken gewünschte Abendmahlsgemeinschaft verhindert.

DIE WELT: Der Islam: ein Monolith oder eine religiöse Kraft, die in Bewegung ist?



Küng: Viele Muslime machen sich keine Vorstellungen, welche epochalen Umbrüche der Islam erlebt hat. Er hat in seiner 1400jährigen Geschichte fünf Paradigmenwechsel hinter sich. Aber wie es Christen gibt, die geistig noch im altkirchlich-hellenistischen Paradigma oder dem des römisch-katholischen Mittelalters leben, so gibt es auch im Islam manche, die geistig noch in der Zeit des Arabischen Reichs-Paradigmas beheimatet sind oder in dem klassischen Weltregions-Paradigma der Abbasiden. Oft sind die Auseinandersetzungen zwischen den Paradigmen in der eigenen Religion viel heftiger als die zwischen den drei abrahamischen Religionen. Seit der Moderne stellt sich die Frage nach der historischen Kritik wie der Bibel so auch des Korans. Obwohl der Islam nach orthodoxer islamischer Lehre als buchstäbliches Wort Gottes angesehen wird, gab es immer wieder Versuche, aufgrund der im Koran gegebenen unterschiedlichen historischen Situationen zu einer differenzierten Interpretation zu kommen.



DIE WELT: Und heute?



Küng: Ich werde in meinem im Herbst erscheinenden Buch "Der Islam" beschreiben, dass es heute unter muslimischen Intellektuellen einen regelrechten Aufbruch gibt, den Koran in neuer Weise zu interpretieren. Dass sie dabei auf Schwierigkeiten in der Tradition stoßen, ist nicht verwunderlich.



DIE WELT: Euroislam? Wird es tatsächlich so etwas geben können?



Küng: Der Begriff Euroislam ist nicht entscheidend. Es ist ein Faktum, dass der heute in Europa gelebte Islam ein anderer ist als etwa der in Saudi-Arabien. Jede Muslima bei uns fährt Auto, dort ist es ihnen verboten, um nur ein Beispiel zu nennen. Es ist keine Frage, dass die Entwicklung faktisch dazu geführt hat, dass die meisten Muslime in Europa den Koran freier interpretieren. Das führt natürlich zu Spannungen, auch innerhalb von Familien. Ich bin heute freilich mehr daran interessiert zu erfahren, was im islamischen Raum außerhalb Europas passiert. In der Türkei ist derzeit ein Experiment von islamischer Demokratie zu beobachten. Das muss man sehr ernst nehmen, unabhängig von der Frage eines EU-Beitritts.



DIE WELT: Fundamentalismus, Islamismus, die Begriffe sind schillernd. Sicherheitspolitiker diskutieren über eine "Islamisten-Datei". Islamist gleich potentieller Gewalttäter?



Küng. Das wäre so, wie wenn Sie Pietisten hierzulande zu potentiellen christlichen Schlägertrupps erklären würden. Islamisten sind zunächst einmal Leute, die den Islam ernst nehmen. Islamisten haben in Ägypten und anderswo nicht deshalb an Einfluss gewonnen, weil sie Gewalt gepredigt haben, sondern weil sie sozial und karitativ tätig waren. Deshalb war es auch unvernünftig zu versuchen, ihre Organisationen zu verbieten oder von der politischen Verantwortung auszuschließen.



DIE WELT: Ein "Gottesbezug" in der Europäischen Verfassung, für den sich auch Muslime eingesetzt haben, ist gescheitert. Bedauern Sie das?

Küng: Wir können sehr froh sein, dass nach den Nazi-Greueln die Formel von der "Verantwortung vor Gott und den Menschen" ins deutsche Grundgesetz kam. Ich hätte es begrüßt, einen solchen Satz auch in die Präambel der EU-Verfassung aufzunehmen. Aber es ist illusorisch, für ganz Europa noch eine einigermaßen einheitlich gläubige Bevölkerung vorauszusetzen. Zwar traurig, aber wahr. Im Übrigen sollten sich die christlichen Kirchen fragen, ob sie nicht wesentlich dazu beigetragen haben, dass so viele Menschen gegen eine Nennung des Gottesnamens sind.



DIE WELT: Wie das?



Küng: Ich meine, dass es zur Zeit von Johannes XXIII. und des Zweiten Vatikanischen Konzils viel weniger Schwierigkeiten gegeben hätte, sowohl den Namen Gottes als auch die christliche Tradition Europas zu nennen. Damals hatte man gegenüber der katholischen Kirche das Gefühl, sie sei eine offene Kirche, während man heute mit Recht sagt: Das ist eine Kirche, die, wenn immer sie kann, versucht, ihre starren Positionen von der Pille bis zur Sterbehilfe, vom Priesterzölibat bis zur Frauenordination rigoros durchzusetzen. Ich kann daher schon die Hemmungen begreifen. zeichnen.



DIE WELT: Das hängt zusammen mit der Aufklärung und der Französischen Revolution?



Küng: Keine Frage. Aber dies ist ein einseitiger Standpunkt, der zumindest in der französischen Gesellschaft darauf beruht, dass sowohl von katholisch-klerikaler wie laizistischer Seite die Revolution von 1789 noch immer nicht richtig "verdaut" wurde.



DIE WELT: Kann das Nein nicht auch daher rühren, dass die römische Forderung nach einer Neuevangelisierung Europas als Rekatholisierungskampagne verstanden wird?



Küng: Genau. Und insofern hat die Politik dieses Papstes, vor allem die rigide Moraldoktrin und die Ernennung vieler erzkonservativer und unfähiger Bischöfe, immens geschadet. Mit einem Wort: Viele wollen keine "polnischen" Verhältnisse, sie wollen nicht, dass die Amtskirche in weltliche Dinge eingreift und Vorschriften macht.



Artikel erschienen am Mo, 9. August 2004

http://www.welt.de/data/2004/08/09/316737.html?s=1

:rolleyes:

ALMA_Advice
10.08.2004, 00:11
Warum :rolleyes:? Der Artikel ist doch ganz okay, finde ich... ;)

carlo
10.08.2004, 01:39
Original geschrieben von syracus
Carlo kann mir sicher sagen wo die unauffindbaren 8.8 Milliarden $$$ Hilfsgelder hingeflossen sind im Irak unter christlicher US-Aufsicht wenn 900 Millionen so einen langen Artikel wert sind. Und er kann mir sicher auch sagen, warum gerade Amerika mit ihrer Rüstungsindustrie nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts auch einen Blitzableiter brauchen. Noch immer vermisst werden Islamforscher mit Namen, die darauf schliessen lassen, dass sie entsprechendes Kulturwissen mitbringen. Das Kaugummis nicht funktionieren im Mittleren Ostan analog Deutschland nach dem 2. Weltkrieg fällt mittlerweile jedem Ungebildeten auf :schaf:.....

syr;):)
Lieber Syracus,


wenn unsere Steuergelder von ihren Empfängern zur Sicherung eines glamourösen, privaten Lebensstiles verwendet, und weitaus schlimmer noch, damit im Namen der Religion Allahs haßpredigende Lehrer, den Koran assoziierend und synchron gewaltverherrlichende Fernsehsendungen finanziert werden, sollte die publizistische Bewertung nicht unbedingt in Relation zum Umfang des Skripts gebracht werden, oder? :rolleyes:

Für die Suche nach den verschwundenen Hilfs-Milliarden der Amerikaner kann man Untersuchungsausschüsse einsetzen, für die, mit unserem Geld "eingetrichterte" Lebensphilosophie

Nur ein toter Jude ist ein guter Jude

braucht´s wieder mindestens zwei Generationen für die "Löschung der Festplatte"...


carlo :)

carlo
10.08.2004, 01:54
Original geschrieben von ALMA_Advice
Warum :rolleyes:? Der Artikel ist doch ganz okay, finde ich... ;)
...finde ich auch. :)

Allerdings beschleicht einen manchmal das indifferente Gefühl, daß die Verfasser ihre wohlwollend-aristokratische Grundhaltung angesichts gewisser real-existierender Erfahrungswerte sehr schnell umschreiben würden...



:rolleyes:

ALMA_Advice
10.08.2004, 15:02
Der König ist tot...

Eben. :schaf:

mfabian
26.08.2004, 01:48
Original geschrieben von carlo
...finde ich auch. :)

Allerdings beschleicht einen manchmal das indifferente Gefühl, daß die Verfasser ihre wohlwollend-aristokratische Grundhaltung angesichts gewisser real-existierender Erfahrungswerte sehr schnell umschreiben würden...
:rolleyes:

Gegen den Artikel (wo sind die 900 Mio für Palästina) ist soweit auch nichts einzuwenden. Ein Grossteil des Geldes wurde verbaut in Schulen, Spitäler, humanitäre Einrichtungen.

Genützt hat's nicht viel. Manche der gutgemeinten Bauten wurden während des Krieges zerbombt. (Ich sag' jetzt nicht von wem ;) )

Eigentlich wird alles schön in folgendem Abschnitt zusammengefasst:

Die Milliarden Zahlungen aus Europa sind an Bedingungen gekoppelt: etwa die Kondition strengster Kontrolle und absoluter Transparenz. Oder die Erwartung der europäischen Geber, die Palästinensische Autonomiebehörde möge die palästinensische Gesellschaft demokratisieren, in Schulen, Medien, und Moscheen für Frieden werben und ein Klima schaffen, das den Hass zum Erlöschen bringt.
Doch eine Dekade nach Oslo herrscht Krieg im Heiligen Land: Krieg zwischen Israelis und Palästinensern.

Es ist aus europäischer Sicht traurig, wenn die Gelder in die Hände von Terroristen gelangen, die sich dafür Waffen kaufen, die sie gegen Israel einsetzen. Genau so, wie wenn dafür Häuser gebaut werden, die dann israelischen Bomben zum Opfer fallen.

Wieso sollen Europäer also Geld spenden, wenn nicht sichergestellt ist, dass das Geld auch bei den Bedürftigen ankommt?

Dasselbe muss aber auch für den Irak gelten und da die Summe mit 8.8 Mrd fast zehnmal so hoch liegt wie die in Palästina eingesetzten 900 Mio muss die Frage erlaubt sein, wie sinnvoll es ist, wenn Europa nun aufgefordert wird, sich am Wiederaufbau des Irak zu beteiligen.

* Wenn die Besatzungsmacht 8.8 Mrd$ veruntreut, macht es keinen Sinn, Geld in den Irak zu schicken, so lange diese Besatzungsmacht dort das Sagen hat.

* Spitäler, Infrastruktur (Strom, Wasser, Gas, Abwasser) wurden von den Besatzern zerstört. Warum sollen wir nun für den Schaden aufkommen, anstatt in erster Linie mal die Verantwortlichen - die Amis - zur Kasse zu bitten?

Den zweiten Punkt kann man mit dem humanitären Argument kontern. Recht so. Aber wie sollen wir dem Irak (und damit meine ich die Menschen, die dort leben) helfen, ohne dass (Punkt 1) die Hilfsgelder in den dunklen Kanälen der Besatzer verschwinden?

Oder werden wir in der Lage sein, mehr Geld in den Irak zu schicken, als die Besatzer ableiten können?

Hier besteht durchaus ein Dilemma bei den potentiellen europäischen Spendern. Wie kann man das Geld direkt dem guten Zweck zuführen, ohne dass es sich die Amis unter den Nagel reissen?

Eine Variante, die bereits jetzt schon praktiziert wird, ist, direkt benötigte Produkte zu liefern. Eine mehrere Tonnen schwere Gasturbine oder ein elektrisches Schaltgehäuse kann nur schwer gestohlen werden. Vor allem, weil diese Dinger mit Seriennummern versehen sind und sich ein Diebstahl so eindeutig nachweisen liesse.
Ebenso dürften technische High-Tech für Spitäler vor dem Zugriff der Amerikaner weitgehend verschont bleiben.

Gerade vorgestern war ich bei einer ehemaligen Tochterfirma der ABB und habe auf dem Werksgelände mit eigenen Augen grosse (so 3 * 4 * 4 Meter) Kisten mit Aufschriftetiketten Irak gesehen.

Es gibt also durchaus Möglichkeiten, der Irakischen Bevölkerung trotz Besatzung zu helfen. Dabei stellen sich allerdings zwei logistische Probleme:

1.) Genau herauszufinden, was (=Hardware) wo benötigt wird.
Das kann allerdings nur vor Ort abgeklärt werden und ist sehr zeitaufwändig.

2.) Die Transportwege werden von den Besatzern kontrolliert.
Da Flüge nach Bagdad bisher ausschliesslich den Besatzern vorbehalten sind, hat sich Dubai als Drehscheibe für Hilfssendungen in den Irak etabliert. Von dort aus erfolgt die Lieferung via Abu Dhabi, Saudi Arabien und Kuweit auf dem Landweg.
Das dauert zwar etwas länger aber verursacht zum Glück keine zusätzlichen Kosten, denn die Transportkosten werden von den reichen Emiraten gesponsort. Überhaupt sind die Emirate und Saudi Arabien derzeit jene Staaten, die am meisten Geld aufwenden, um der irakischen Bevölkerung zu helfen.

---

Es ist den Irakern zu wünschen, dass die Besatzung durch US-Truppen bald ein Ende hat! Den GI's übrigens auch.
Sobald der letzte Besatzer das Land verlassen hat und der Irak wieder in irakischer Hand ist (damit meine ich eine vom Volk gewählte Regierung und nicht ein Marionettenregime) werden mehr Hilfsgüter in das Land strömen als die Iraker verdauen können ;)
Nicht nur Europäer und Araber sondern auch Asiaten werden ins Land strömen, um den Irakern beim Wiederaufbau zu helfen.

Was fehlt? Frieden!

Also gönnen wir doch den Irakern nach 30 Jahren Saddam-Terror und 1 Jahre Besatzung einen wirtschaftlichen Aufschwung und Stabilität und Frieden.
Schicken wir doch die Boys nach Hause zu ihren Frauen und Kindern. Die GI's haben ja schon längst keinen Spass mehr am Dienst in der Wüste bei 40° Hitze.

Und jene Soldaten, die derzeit in Abu Ghraib noch ihren Spass haben, werden in Guantanamo ein ähnlich interessantes Betätigungsfeld finden. :rolleyes:

Marcus

carlo
28.08.2004, 00:50
Streitbar, aber lesenswert, finde ich:





Der dritte Totalitarismus


Radikale Islamisten kämpfen um die Weltherrschaft. Das haben sie mit Hitler und Stalin gemein


Von Yehuda Bauer



Im vergangenen Frühjahr strahlte die ägyptische Fernsehstation IQRAA, die mit saudischem Geld finanziert wird, eine für muslimische Frauen bestimmte Sendung aus. Die charmante Fernsehjournalistin Doua Amer fragte die dreijährige Basmallah: „Weißt du, wer die Juden sind?“ – „Ja.“ – „Hast du sie gern?“ – „Nein.“ – „Warum?“ – „Weil sie Affen und Schweine sind. Und auch, weil sie die Frau unseres Propheten vergiften wollten.“



Menschen einer ganzen Welt werden von solchen Lehren beeinflusst. Es gibt heute an die 1,2 Milliarden Muslime. Man spricht von internationalem Terror; aber versteht man auch, was dahinter steckt? Der internationale Terrorismus ist nicht ohne den radikalen Islamismus denkbar, und dieser Islamismus ist eine Ideologie. Selten wird gefragt, welche Ziele diese Ideologie verfolgt, woher sie kommt, wie sie in die Gegenwartsgeschichte einzuordnen ist. Die Weltgemeinschaft, und nicht nur die Amerikaner, reagiert auf diese Herausforderung mit polizeilichen und militärischen Aktionen: die Terroristen finden, ihre Organisationen zerschlagen, ihre finanziellen Quellen beschlagnahmen, ihre Führer gefangen nehmen oder töten. Reicht das als Antwort?



Viel ist von Fundamentalismus die Rede. Gläubige, die ihre heiligen Schriften streng wörtlich nehmen und ihre Lehren für die allein selig machenden halten, gibt es in vielen Religionen. Radikaler Islamismus ist auch fundamentalistisch, doch geht er weit über den Fundamentalismus heraus. Es gab im Islam eine ganze Reihe von fundamentalistischen Sekten und Strömungen, so die des Abdul Wahab, dessen Lehren im 19. und 20. Jahrhundert vom Königshaus Saud in Arabien verbreitet wurden. Offiziell werden sie bis heute in Saudi-Arabien befolgt, obwohl zwischen dem Puritanismus eines Abdul Wahab und den etwas weniger puritanischen Gepflogenheiten des saudischen Königshauses Welten liegen.



Der radikale Islamismus aber ist etwas ganz anderes. Ihn schuf Hassan al-Banna in Ägypten, der 1928 die Muslim-Bruderschaft gründete. Die Bewegung verbreitete sich hauptsächlich durch ihre soziale Arbeit. So richtete sie in Dörfern und Städten Kliniken ein und sprang überall dort in die Bresche, wo der Staat auf dem Feld der Sozialfürsorge nichts zuwege brachte. Die Kehrseite ist, dass in solchen sozialen Einrichtungen und in islamistischen Schulen bei der Auslegung des muslimischen Gesetzes strengste Frömmigkeit herrscht. Der maßgebliche Ideologe dieser Bewegung war Sajjid Qutb, ein ägyptischer Beamter, der in New York gelebt hatte und dort zu der Überzeugung gekommen war, dass der Westen dekadent sei. Der Islam werde an seine Stelle treten und eines Tages die Welt beherrschen.



In seinen Schriften vom Anfang der fünfziger Jahre greift Qutb auch die Juden an. Er betrachtet sie als die Avantgarde des Westens und als Feinde des Islams. So wenig wie Hitler in Mein Kampf spricht Qutb deutlich aus, was mit ihnen zu geschehen habe. Aber die Schlussfolgerung ist klar – es gelte, die Juden zu vernichten, wo es eben geht. Der Staat Israel müsse verschwinden. Qutb wandte sich gegen den arabischen Nationalismus, also auch gegen den damaligen ägyptischen Diktator Gamal Abdel Nasser. Denn Qutb strebte keinen nationalistischen, sondern einen islamischen Staat an, der den Weg zur islamischen Weltherrschaft ebnen sollte. Nasser sah in der Muslimbruderschaft, der er ursprünglich selbst angehört hatte, einen Todfeind: Qutb wurde 1966 hingerichtet. Der radikale Islamismus ist also ägyptischer Herkunft, und fast alle seine auf Qutb folgenden ideologischen Köpfe waren Ägypter – so auch Ajman al-Sawahiri, der Stellvertreter bin Ladens. Die einzige wichtige Ausnahme war Abdul ’Ala al-Maududi, ein 1979 verstorbener Pakistaner.



Der radikale Islamismus ist selbstverständlich nicht identisch mit dem Islam. Wie weit er sich in der islamischen Welt verbreitet hat, ist allerdings unmöglich festzustellen, denn Meinungsumfragen sind in Ländern wie Pakistan, Malaysia, Indonesien oder Saudi-Arabien undenkbar. Man kann immerhin sagen, dass es auch antiradikale Strömungen im Islam gibt, so die friedliebende, sehr weit verbreitete Sufi-Philosophie; dazu kommen liberale Tendenzen in einigen islamischen Ländern und in der muslimischen Diaspora im Westen.



Was will der radikale Islamismus? Erstens nichts weniger als die Weltherrschaft. Das sagt er klipp und klar, schwarz auf weiß. Der Islam soll überall durchgesetzt werden, wenn möglich durch friedliche Überzeugung, wenn nicht, dann eben auf andere Art. Zweitens fordert der Islamismus die Abschaffung des Staates und seiner gesetzlichen Normen. Gott ist für ihn der alleinige Gesetzgeber, zusätzliche menschliche Gesetzgebung hält er nicht nur für überflüssig, sondern sogar für lästerlich. Ein islamistischer staatlicher Apparat ist deshalb nur als eine rein technische Einrichtung vorstellbar, die von Priestern beherrscht wird. Für das nationale Moment von Staatlichkeit ist in der Glaubensgemeinschaft der Muslime nach islamistischer Lesart kein Platz. Parlamente und Demokratie seien das Produkt irregeleiteter Ideen von Ungläubigen. Die schiitische Revolution des Ajatollah Chomeini im Iran sah diesen Punkt freilich etwas anders; dort war man von Anfang an bereit, den Bürgern zumindest ein minimales Rederecht zuzugestehen, natürlich unter strikter religiöser Aufsicht.






Drittens will der radikale Islamismus die Vernichtung der Juden und an erster Stelle Israels. Dies soll das Vorspiel zum Sieg über den Westen insgesamt und über Amerika im Besonderen sein. Der islamistische Antisemitismus hat seine Wurzeln zum Teil in der Judenfeindlichkeit, die während des Kampfes der jüdischen Stämme in Arabien gegen den aufkommenden Islam des 7. Jahrhunderts entstand. Sie fand, neben freundlicheren Einschätzungen der Juden, ihren Niederschlag im Koran. Hinzu kommt der Einfluss des modernen europäischen Antisemitismus und besonders seiner nationalsozialistischen Prägung. Er verbreitete sich vor dem Hintergrund wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Probleme der islamischen Welt. Die antisemitische islamische Propaganda, und häufig auch die arabisch-nationalistische, bedient sich historischer Fälschungen, so der „Protokolle der Weisen von Zion“, der Ritualmordbeschuldigung, und auch christlicher theologischer Motive wie der Mär von den Juden als Christusmördern. Das Resultat ist ein genozidaler Diskurs. Wir müssten eigentlich aus der Geschichte gelernt haben, dass es Fanatiker mit ihrer Ideologie blutig ernst meinen.



Der radikale Islamismus verbreitet die Utopie einer friedlichen, von Gott mittels der Herrschaft von „Weisen“ regierten Welt. Weil in dieser Sicht nach dem Sieg über die Ungläubigen die menschliche Geschichte abgeschlossen sei, kann man von einer universellen, apokalyptischen Utopie sprechen. Wir müssen uns keine Illusionen darüber machen, dass jede radikale, universelle, apokalyptische Utopie absolut mörderisch ist.



In den letzten 100 Jahren entstanden drei radikale Ideologien, die die Welt von Grund auf verändern wollten: der Bolschewismus, der Nationalsozialismus und der radikale Islamismus. Es gibt große Unterschiede zwischen ihnen, aber auch ein Reihe von Parallelen. Alle drei galten oder gelten ihren Anhängern als quasireligiöse oder religiöse Offenbarungen. Alle drei strebten oder streben nach der Weltherrschaft. Alle drei waren oder sind radikale Utopien, die das Ende der geschichtlichen Welt versprechen oder versprachen: sei es die klassenlose Gesellschaft, sei es das „Tausendjährige Reich“. Alle drei wollten oder wollen die Abschaffung von Staat und Recht; im Sowjetkommunismus gab es zwar, auf dem Papier, eine wunderbare Verfassung, doch in der Praxis regierte die Partei und in der Zeit des Stalinismus der oberste Genosse, dessen Wort Gesetz war. Im Nationalsozialismus wurde die durch Normen begrenzte preußisch-deutsche Staatsbürokratie zunehmend von dem Willen des Führers ersetzt, in dessen Person die Partei und dadurch wiederum die Volksgemeinschaft verkörpert war. Weltherrschaft, radikale Utopie, Zerstörung von Staat und Recht, absoluter Glaube sind die gemeinsamen Komponenten der Totalitarismen – und schließlich der Massenmord, der im radikalen Islamismus bisher nur angestrebt ist, in den anderen Fällen aber verwirklicht wurde.



Zwei Unterschiede zwischen den totalitären Ideologien sind indes besonders hervorzuheben. Revolutionäre Bewegungen, die eine Religion statt einer anderen oder eine Klasse an Stelle der bisher regierenden an die Macht bringen wollten, gab es in der Geschichte oft. Da sind Islamisten und Kommunisten nicht anders als die Christen in den Konfessionskriegen der Reformationszeit oder die französischen Revolutionäre von 1789. Aber eine auf einer Rassenhierarchie aufgebaute Weltutopie hat es bis zu den Nationalsozialisten nicht gegeben. Man könnte also behaupten, dass der Nazismus die einzige wirklich radikale Revolutionsbewegung war, auch wenn die anderen beiden nicht weniger gefährlich waren oder es noch sind.



Der zweite Unterschied: Anders als Nationalsozialismus und Kommunismus ist der radikale Islamismus keine zentral organisierte Bewegung. Er ist nicht mit einem bestimmten Land verbunden, und mit Ausnahme von bin Laden hat er auch keine charismatische Führerpersönlichkeit hervorgebracht. Er operiert in einer Vielzahl von Gruppen, die miteinander eng kooperieren, auf ideologischer Basis.






Alle drei Ideologien wandten sich gegen die Juden, die sie als exemplarische Vertreter und Symbole einer feindlichen, liberalen, individualistischen, in sich widersprüchlichen Welt betrachten. Während das NS-Regime das Projekt eines weltweiten Genozids an allen von ihm als Juden definierten Menschen hervorbrachte, entschloss sich Stalin kurz vor seinem Lebensende zu einer Massendeportation aller sowjetischen Juden in die Eiswüsten Sibiriens, wo sie in Massen umgekommen wären. Beide totalitäre Regime sahen die Juden als Avantgarde der Moderne und als die geheimen, eigentlichen Herrscher der westlichen Welt an. Diese Wahnvorstellung pflegen auch die radikalen Islamisten.



Gewiss heizt der Nahostkonflikt den radikalen Islamismus und seinen Judenhass an. Allerdings wurde die genozidal antisemitische Linie des Islamismus durch seinen Vordenker Qutb bereits 1950 festgelegt, zwei Jahre nach der Gründung Israels und 17 Jahre vor der Eroberung und Besetzung des Westjordanlandes. Wer glaubt, dass ein israelisch-palästinensischer Kompromiss den radikalen Islamismus zufrieden stellen würde, der irrt. Die Ideologie verlangt die Vernichtung nicht nur Israels, sondern der Juden insgesamt. Immerhin würde ein Kompromiss den radikalen Islamismus sehr wahrscheinlich schwächen; doch bleibt fraglich, ob die Eliten beider Seiten im Nahostkonflikt zu einem Kompromiss imstande sind.






Der radikale Islamismus hat offenbar mehrere Ursachen. Die muslimische Welt ist ins Hintertreffen geraten, nicht nur im Vergleich mit Europa und Amerika, sondern auch mit Japan, Indien, Korea und jetzt sogar China. Das scheint mit einem Mangel an Individualismus zusammenzuhängen: Es fehlt der Mittelstand, der eine demokratische Entwicklung vorantreiben könnte. Ansätze in dieser Richtung, die sich im frühen 20. Jahrhundert entwickelten, wurden zum einen durch die westlichen Kolonialmächte zunichte gemacht, die sich lokaler Autokraten bedienten. Zum anderen sträubten sich konservative Geistliche, von denselben Autokraten unterstützt, gegen jede Reform, die den Islam an die Moderne angepasst hätte. Dadurch unterschied sich der Weg des Islams von dem des Christentums und des Buddhismus. Die Verarmung in der islamischen Welt trug ihren Teil zur Karriere des Islamismus bei, die Ideologen der Bewegung indes stammen größtenteils aus den besseren Kreisen – es sind Söhne von Millionären und hohen Beamten darunter, Absolventen religiöser Akademien und Ärzte. Auch bei den Nazis war die (Pseudo-)Intelligenz führend, genauso im Kommunismus. Die verarmten und verbitterten Menschen, die das Fußvolk abgeben, laufen den reichen und wohlausgebildeten Revolutionären hinterher.



Dagegen müsste eine groß angelegte Kampagne geführt werden, doch das ist nur möglich, wenn sich Muslime selbst daran beteiligen. Man kann eine Ideologie nicht allein polizeilich oder militärisch bekämpfen. Die Schlacht findet nicht zuletzt in den Köpfen statt. Sogar im Kampf gegen das nationalsozialistische Regime mussten die Westmächte erst ihre eigene Bevölkerung von der Notwendigkeit der Auseinandersetzung überzeugen. Der menschenfeindlichen Interpretation des Islams durch die Islamisten muss eine friedliche und fortschrittliche entgegengestellt werden. Ebenso nötig wäre ein wirtschaftlicher Aufbauplan für islamische Länder – am besten verantwortet von den Vereinten Nationen. Dazu eine antiradikale politische Allianz, in der nicht nur Regierungen, sondern auch NGOs mitarbeiten sollten. Ein naiver Pazifismus eignet sich zur Durchsetzung eines solchen Entwicklungsprogramms nicht. Es muss klar sein: Wo Beweise vorliegen, ist die Anwendung militärischer Gewalt gegen Terroristen unausweichlich.



Der erste Schritt im Kampf gegen den radikalen Islamismus ist aber die Erkenntnis, dass die zivilisierte Welt in großer Gefahr schwebt – Globalisierungsfreunde wie Globalisierungsgegner, Linke wie Rechte, Sozialdemokraten, Liberale und Konservative sollten sich darin einig sein. Besonders in Europa wiederholt sich derzeit eine Entwicklung, die aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt ist. Wohlmeinende Liberale, Konservative und Sozialisten glaubten damals, dass Hitler nur das Unrecht von Versailles tilgen wolle und Stalin die friedliebende Sowjetunion zur Demokratie führen werde. Letzteres wurde uns auch in den fünfziger und sechziger Jahren immer wieder von liberalen Menschenfreunden gepredigt. Heute wird das Verständnis für die Motive der Terroristen damit begründet, dass man es sich nicht mit dem Islam verderben dürfe. Diese Naivität müssen wir zurückweisen, wenn wir gegen die Bedrohung durch den radikalen Islamismus gewappnet sein wollen.

http://www.zeit.de/2003/32/Essay_Bauer

carlo
01.09.2004, 17:43
Von Tariq Ramadan hörten wir bereits, hier meldete er sich abermals zu Wort - sehr bemerkenswert, finde ich:





Moslems unter Generalverdacht



Tariq Ramadan sieht Araber im Westen in der Pflicht


von Nathan Gardels



Genf*-* Tariq Ramadan (42) ist der Enkel von Hassan Al Banna, der 1928 die Moslembrüderschaft in Ägypten gründete - jene islamistische Vereinigung, die Einfluss in der gesamten arabisch-islamischen Welt erlangte. Ramadans Vater Said wurde von Gamal Abdel Nasser 1954 ins Exil gedrängt. Er fand Aufnahme in der Schweiz, weshalb sein Sohn nun im Besitz eines Schweizer Passes ist. Ramadan ist umstritten. Er will Brücken bauen zwischen Islam und westlichen Denkkategorien und sieht Moslems in der westlichen Diaspora in einer großen Verantwortung. Das US-Magazin "Time" listete ihn unter die weltweit wichtigsten 100 Denker und Wissenschaftler. Zuletzt erschien von ihm "Western Muslims and the Future of Islam" (Oxford University Press, 2003). Einem Ruf der Universität Notre Dame (US-Bundesstaat Indiana) für eine Professur über Religion, Konflikt- und Friedensforschung konnte er nicht nachkommen, weil die US-Heimatschutzbehörde ihm das Visum verweigerte. Die Behörde verdächtigte Ramadan, Verbindungen zu radikalen Gruppen zu unterhalten. Nathan Gardels sprach mit ihm über die Geiselnahme der beiden Franzosen und mögliche Auswirkungen auf Moslems in der westlichen Welt.



DIE WELT: Bisher haben Geiselnahmen im Irak mit der dortigen US-Politik zu tun. Nun ist Frankreich betroffen, das Land, das am stärksten gegen den Irak-Krieg eingetreten ist. Markiert das eine neue Stufe im globalen Terrorismus, die den Kampf gegen die US-Politik im Nahen Osten mit einer radikalen Opposition gegen den westlichen Säkularismus verbindet?



Tariq Ramadan: Meine Befürchtung ist, dass global agierende Terroristen wie Aiman Al Zawahiri, Al Qaidas zweiter Mann, auf lokaler Ebene mit Gruppen wie der Islamischen Armee für den Irak, die die beiden Journalisten in ihrer Gewalt hat, zusammenarbeiten. Beide haben die gleiche Agenda: Mit antiwestlicher Rhetorik und Terrorakten wollen sie den Bruch zwischen dem Islam und dem Westen provozieren. Sie greifen mit dem Kopftuchverbot in Frankreich ein Thema auf, das Moslems in aller Welt emotional berührt. Besonders solche, die sich vom Westen unterdrückt fühlen. Zawahiri und die Geiselnehmer wollen die Moslems zu einer binären Sichtweise drängen: dass die Welt gespalten ist zwischen "uns" und "denen". Ich fürchte, dass dieser Plan aufgehen könnte.



DIE WELT: Wie sollten Frankreich und andere westliche Regierungen auf solche Entführungen reagieren? Wie sollten Moslems in Frankreich und im übrigen Westen antworten?



Ramadan: Westliche Regierungen sollten solchen Erpressungen nicht nachgeben. Moslems im Westen sollten nicht nur jede Geiselnahme, sondern auch die vergiftende binäre Sichtweise entschieden zurückweisen. Sie müssen eindeutig sein, wenn sie verstanden worden wollen - von anderen Moslems und von der Gesellschaft, in der sie leben. Das ist eine verzwickte Lage. Als US-Moslem, der die amerikanische Politik im Nahen- und Mittleren Osten kritisiert, gilt man schon als illoyal gegenüber seinem Land. Die Leute sagen, man sei mehr Moslem als Amerikaner. Europa und die USA sollten Nutzen aus ihren moslemischen Mitbürgern ziehen. Sie können lernen, wie sie mit der islamischen Welt im Großen umgehen können. Westliche Moslems indes sollten unterstreichen: Wir leben in einer Demokratie, wir respektieren das Gesetz, den offenen politischen Dialog und wollen allen Moslems dazu verhelfen. Wir verraten nicht unsere islamischen Prinzipien, wenn wir eine offene Gesellschaft propagieren. Wir befürworten den Säkularismus, weil er uns gestattet, zusammenleben zu können. Er ist die Voraussetzung für religiöse Freiheit - unsere und die der anderen. Westliche Moslems haben eine große Verantwortung für die Zukunft der islamischen Welt, die deren Erfahrungen nutzen kann. Es können sich unterschiedliche Modelle herausbilden, aber die Prinzipien sind von universeller Gültigkeit: Herrschaft des Gesetzes, gleiche Bürgerrechte unabhängig von der Religionszugehörigkeit, allgemeines Wahlrecht, Verantwortlichkeit der Führer.

DIE WELT: Wie sollen fromme Moslems, die das Kopftuchverbot ablehnen, damit umgehen?



Ramadan: Als Franzose und Moslem kann man im demokratischen Dialog versuchen, einen Weg zu finden, der beiden gerecht wird: dem Gesetz und dem islamischen Glauben. Zum Beispiel könnte man versuchen, das Gesetz so zu interpretieren, dass moslemischen Mädchen erlaubt wird, eine diskrete Kopfbedeckung zu tragen, die eben nicht Zeichen der Sympathie für Islamisten, sondern Ausdruck der Religiosität ist. Es wäre ein Fehler, sie vom öffentlichen französischen Schulsystem auszuschließen. Das Gegenteil von dem wäre erreicht, was die eigentliche Intention des Gesetzes ist, nämlich die an den Prinzipien der französischen Staatsbürgerschaft orientierte Integration. Die Moslems sollten sich nicht in ein paralleles Schulsystem flüchten, das sie wie in einem Getto vom Rest der Gesellschaft isolieren und eine Art Schizophrenie hervorrufen würde. Klar und deutlich aber müssen sie ihren Mitbürgern und den Moslems in aller Welt sagen: Wir respektieren das Gesetz, auch wenn wir mit ihm nicht übereinstimmen.



DIE WELT: Nach den Anschlägen von Madrid und der jetzigen Geiselnahme: Erwarten Sie Reaktionen gegen Moslems in Europa?



Ramadan: Ja, es gibt sie bereits. Die Atmosphäre ist elektrisiert, es gibt einen Generalverdacht gegen alle Moslems. Aber sie sollten sich nicht mit der Opferrolle abfinden. Wir sollten uns nicht in die Defensive begeben. Wir sollten es ablehnen, potenzielle Verdächtige zu sein. Wir sind Moslems und wir glauben an etwas. Wir sind Bürger, die Falsches verurteilen und Richtiges unterstützen.



http://www.welt.de/data/2004/09/01/326564.html?s=1




© Global Viewpoint



Übersetzung: Dietrich Alexander



Artikel erschienen am Mit, 1. September 2004

carlo
04.09.2004, 21:50
Aus aktuellem und gleichermaßen erschütternden Anlaß, jedenfalls für alle Eltern und diejenigen unter uns, die nicht abgestumpft nur noch imaginär "aufrechnen", der folgende Artikel:




Zum tschetschenischen Terrorismus


Warum sie morden

Von Mainat Abdulajewa


04.*September*2004*


GROSNYJ, 3. September. Die Schule in Beslan ist gestürmt, zur Zeit der Niederschrift dieses Artikels sind bereits fünf tote Kinder gefunden worden. Der tschetschenische Terrorismus hat einen neuen grausamen Höhepunkt erreicht. Gleich zu Beginn der Geiselnahme hatten sich in der Schule zwei Frauen unter den Terroristen, die von den russischen Medien als "schwarze Witwen" bezeichnet werden, sich selbst aber "Schahid" nennen, selbst in die Luft gesprengt; mit ihnen starb eine noch unbekannte Zahl von Opfern. Woher kommen diese Terroristinnen? Ein Rückblick gibt Antwort.

Eine junge Frau drängte sich am 10. Juni 2000 durch die Menge und faßte den russischen General Rassul Gadschijew beim Arm. "Kennen Sie mich noch?" fragte sie. Im nächsten Moment gab es eine gewaltige Detonation. Der General und acht seiner Leibwächter waren auf der Stelle tot. Dazu ein Dutzend Verletzte mit Splitterwunden. Auch die Frau selbst kam ums Leben.

Eine neue Form von Krieg

Ajsa Gasujewa, zweiundzwanzig Jahre alt, aus Urus-Martan in Tschetschenien, war die erste tschetschenische Selbstmordattentäterin. Was die schöne grünäugige Frau mit dem Sprengstoffgürtel um den Leib vor die Militärkommandantur von Urus-Martan geführt hatte, war der Verlust von sechzehn ihrer nächsten Verwandten, getötet von russischen Militärs in knapp einem Jahr seit Beginn des Krieges - darunter ihr Mann, zwei Brüder, eine Schwester, mehrere Cousins und Neffen. Ajsas Mann, der den Rebellen angehörte, war verwundet und gefangengenommen worden; noch am selben Tag stattete General Gadschijew, der Militärkommandant von Urus-Martan, ihm im Bezirkskrankenhaus einen Besuch ab. Er hatte keine Fragen an den Patienten, trat vor ihn hin und bohrte ihm das Bajonett in die Brust.

Danach war es Ajsa zweimal geglückt, bei ihm vorzusprechen und um Herausgabe der Leichname ihres Mannes beziehungsweise des Bruders zu bitten, doch Gadschijew ließ sich nicht erweichen. Beim letzten Besuch versprach er ihr unter Zeugen, sie bei lebendigem Leibe einzugraben, sollte sie es wagen, ihm noch einmal unter die Augen zu treten. Danach hatte die Frau ihr Zuhause verlassen, war zwei Wochen lang nicht gesehen worden. Bis sie am Morgen des 10. Juni 2000 vor dem Tor der Kommandantur auftauchte.

So begann in Tschetschenien eine neue Form von Krieg - der Krieg der Selbstmordattentäter. Menschen, die zu sterben bereit sind, wenn sie andere mit in den Tod reißen und so persönliche Rache nehmen können.

Die öffentliche Meinung in Rußland hat über die Attentäterinnen klare Vorstellungen

In den fünf Jahren seit Ausbruch des zweiten Tschetschenien-Krieges haben Dutzende Menschen, unter ihnen Frauen, diesen Akt der Verzweiflung begangen. Sie setzten sich ans Steuer sprengstoffbeladener Autos und drangen damit auf das Gelände irgendeines der zahlreichen Militärstützpunkte vor, sie zündeten ihre Sprengstoffgürtel in Sportstadien und auf Bahnhöfen, in Bussen und an Haltestellen. Sie besetzten im Oktober 2002 das Musical-Theater "Nord-Ost", nahmen Zuschauer als Geiseln, und sehr wahrscheinlich waren es tschetschenische Frauen, die in der vergangenen Woche auch die beiden russischen Flugzeuge zum Absturz gebracht haben.

Die öffentliche Meinung in Rußland hat über die Attentäterinnen klare Vorstellungen, und sie wird von den staatlichen Medien darin bestärkt: Schahid, das seien Zombies, die von Ideologen des Islamismus um den Verstand gebracht worden sind. Aber man muß die persönlichen Schicksale dieser Frauen kennen, um zu verstehen, wie sie, die früher ein vollkommen normales Leben führten, Mütter von Kindern, Ehefrauen, sich zu einem solch verheerenden Schritt entschließen können.

Dieses von Ausweglosigkeit und purer Verzweiflung gezeichnete Phänomen ist eine unmittelbare Folge der Vorgehensweisen des russischen Militärs, das Ortsansässige auf den bloßen Verdacht hin, den Mudschahedin anzugehören, ohne Ermittlung, ohne gerichtliches Urteil verschleppt, wenn nicht gleich erschießt. Manchmal auch einfach so, ohne jeden Verdacht.

Die Rache für ungezählte Tote

Fünf Jahre nach Kriegsbeginn erhält Rußland die schreckliche Quittung für sein Handeln. Die massenhaften Verbrechen, verübt im Namen des Kampfes gegen den Weltterrorismus auf dem Boden der winzigen Republik Tschetschenien, sind in Rußlands Städte zurückgekehrt - in Form von wohldurchdachten militärischen Operationen und Terrorakten einzelner. In Tschetschenien selbst, von dem der Kreml seit Jahren verkündet, daß der Frieden wiederhergestellt sei, ist der Widerstand keineswegs erlahmt, er wird im Gegenteil immer massierter und organisierter. Rußlands Machthaber können nun nicht mehr so tun, als bemerkten sie das nicht, und weiterhin Wahlen inszenieren, wie die vom August, wo in Abwesenheit jeglicher internationaler Beobachter gewählt wurde. Die tschetschenische Bevölkerung ignorierte diese Abstimmung weitgehend. Was das Staatliche Wahlkomitee nicht davon abhielt zu verkünden, mehr als achtzig Prozent der Tschetschenen hätten die Wahllokale aufgesucht.

Seit vielen Jahren wetteifern die russischen Fernsehkanäle darin, den Wiederaufbau der tschetschenischen Volkswirtschaft in den rosigsten Farben zu schildern, möglichst viele Reportagen von Ernterekorden auf Tschetscheniens Kornfeldern auszustrahlen. In Wirklichkeit sind diese Felder vermint und von Leichen übersät; der Krieg, ins sechste Jahr gehend und darin bereits dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar, wird von beiden Seiten mit immer noch zunehmender Erbitterung geführt. Ein Ausweg ist für die nächsten Jahre kaum zu erwarten - falls Präsident Putin nicht doch noch die Einsicht gewinnt, daß seine Kaukasuspolitik Hunderttausende unschuldiger Menschen das Leben kostet. Beileibe nicht nur Tschetschenen, am Krieg beteiligte wie unbeteiligte, sondern längst auch die eigenen Landsleute, die ihn gewählt haben.

"Mit Terroristen wird nicht verhandelt!" verkündet Putin nach jedem neuen Vorstoß tschetschenischer Rebellen. Und so geht der Krieg weiter, und die Zahl der Opfer nimmt zu.

Daß in Tschetschenien zahllose unschuldige Menschen sterben, ist für Rußland nicht das Hauptproblem - daran hat man sich gewöhnt, scheint es auch für unvermeidlich zu halten. Nun aber wächst sich dieser Krieg langsam, aber sicher auf das ganze russische Territorium aus. Die jüngsten Ereignisse in ihrer traurigen Aufeinanderfolge lassen keinen Zweifel mehr zu, daß sie im Zusammenhang mit dem Krieg in Tschetschenien stehen, den zu beenden Rußland sich nicht in der Lage sieht. Die Crux ist, daß sich kein Krieg über einen derart langen Zeitraum unter der Decke halten, auf einen Status quo begrenzen läßt. Solange nicht eine der beiden Seiten unterliegt, breitet er sich zwangsläufig aus, erfaßt ein immer größeres Gebiet, immer mehr Menschen. Die Militäroperation, die den Terrorismus in Tschetschenien ausmerzen sollte, hat dazu geführt, daß ganz Rußland zum Kriegsschauplatz geworden ist.

Als Mowsar Barajews Kommando das Moskauer Musical-Theater besetzte, waren achtzehn Frauen dabei, die sämtlich ihre Angehörigen im Krieg verloren hatten. Eine von ihnen, die alle Welt während der Geiselnahme im Fernsehen sah, war die zweiundzwanzigjährige Asset aus einem Vorort von Grosnyj. Vor Ausbruch des Krieges hatte sie an der hiesigen Filiale einer Moskauer Privathochschule studiert und wollte Buchhalterin werden. Im Februar 2000 waren russische Soldaten in das von den Rebellen aufgegebene Grosnyj eingezogen und hatten Assets siebzehnjährigen Bruder getötet. Es gab keine Anschuldigungen - man zerrte ihn aus dem Keller, wo er sich mit anderen Zivilisten versteckt gehalten hatte, und erschoß ihn vor den Augen Assets. Anderthalb Jahre später fuhren eines Nachts bewaffnete Unbekannte in Panzerwagen vor Assets Haus und nahmen ihren Mann mit, einen achtundzwanzigjährigen Chirurgen im städtischen Krankenhaus, der seither verschollen ist.

Die anderen Geiselnehmerinnen im Musical-Theater hatten vergleichbare Schicksale. Alle hatten sie ihre Männer, Brüder, Kinder verloren oder Folter und Gewalt durch russische Soldaten am eigenen Leib erfahren.

Alle Russen gelten als schuldig

Wörtlich bedeutet Schahid: "der für den Glauben Gefallene". Der Islam untersagt den Suizid, doch gibt es eine Reihe Faktoren, die diesen in Friedenszeiten unverrückbaren Grundsatz außer Kraft setzen können. Krieg ist einer davon. Der Tod eines Schahid ist kein herkömmlicher Fall von Selbstmord, wo ein Mensch eine Rechnung mit sich selbst begleicht. Hier leistet der Rachegedanke den entscheidenden Antrieb, der Wunsch, die Gerechtigkeit wiederherzustellen, und sei es um den Preis, daß Unschuldige ihr Leben lassen müssen. Denn jene, um derentwillen diese Frauen Rache üben, traf auch keine Schuld. Und darum, so meinen sie, habe sich jeder, der teilnahmslos und schweigend die Verbrechen geduldet hat, wie sie über Jahre in Tschetschenien verübt wurden, mitschuldig gemacht und verdiene die Rache.

Jedesmal nach einem Terrorakt unter Beteiligung einer Selbstmordattentäterin mahnen die russischen Medien zu besonderer Wachsamkeit. Manche von ihnen geben spezielle Ratschläge, wie man sich im Falle eines Sprengstoffanschlags am besten schützt und woran man einen weiblichen Schahid erkennt. Als äußere Merkmale werden schwarze Kleidung und die für Muslime typischen Kopfbedeckungen genannt. In Wirklichkeit läßt sich eine Frau, die einen Sprengstoffgürtel trägt, kaum erkennen. Sie hebt sich nicht ab in der Menge, und natürlich geht sie nicht im Parandscha, nicht verschleiert. Eine, die sich psychisch für den Tod gerüstet hat, schert sich nicht mehr um islamgerechte Kleidung, Kopftuch und dergleichen. All ihr Bestreben wird im Gegenteil darauf gerichtet sein, sich nicht vom Durchschnittsbürger zu unterscheiden, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auch die Behauptung, man könne einen Schahid an seiner Nervosität erkennen, ist wirklichkeitsfremd: Haben sich diese Menschen doch längst von allem Weltlichen gelöst und sehen ihren Tod als Akt der Läuterung und Aufopferung. Zu sterben ist für sie ein heiliger Akt, weshalb sie ihn zumeist kühlen Blutes vollziehen.

Damals, als die Welt die Tragödie im Moskauer Musical-Theater mitansehen mußte, unterhielt sich die dreiundzwanzigjährige Philologie-Studentin Tamila aus Grosnyj mit ihrer Mutter: "Hätte ich gewußt, daß Barajews Kommando diesen Überfall plant, ich wäre mit dabei." Als die schockierte Mutter einzuwenden versuchte, es handele sich bei den Geiselnehmern doch immer um Kriegsgeschädigte, Menschen, die ihre Nächsten verloren hatten, sagte ihr die Tochter: "Soll ich etwa warten, bis sie jemanden aus unserer Familie töten, um Rache üben zu dürfen?"

Tamila mußte nicht lange warten: Im März 2003 entführten die Militärs ihren Bruder, sein Schicksal ist unbekannt. Vier Wochen später verschwand auch sie. Keiner weiß, wo sie steckt. Möglicherweise wurde auch Tamila verschleppt. Doch kann es ebensogut sein, daß sie unter jenen ist, die nun die Schule im ossetischen Städtchen Beslan überfielen.

Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Die Autorin, Jahrgang 1974, arbeitet als Journalistin in Grosnyj für die Zeitung "Nowaja gaseta" und für Radio Liberty.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2004, Nr. 206 / Seite 35

http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EEDDB33F9D5A042458DB2643610ACD164~ATpl~Ecommon~Scontent.html

:(

carlo
04.09.2004, 22:59
...und etwas sehr mutiges gilt es zu berichten...obwohl es in Europa der Glaubensfreiheit selbstverständlich sein sollte:




Die Provokateurin


Ayaan Hirsi Ali aus Somalia gilt als Star der niederländischen Politik. Sie kämpft für Frauen und gegen den Islam. Jüngste Methode: Für einen Film ließ sie Koran-Suren auf eine Nackte schreiben

von Jan Kanter



Die Frau trägt Kopftuch und Schleier - aber das ist auch schon fast alles. Den gesichtslosen Körper verhüllt ein Gazetuch, das mehr zeigt als verbirgt. Vor allem lässt die dünne Stoffbahn den Blick zu auf arabische Schriftzeichen, Suren des Korans - gemalt auf Bauch, Arme und Beine und Rücken der Frau. Die Verse beschreiben die nachrangige Stellung der Frau im Islam und die so Bemalte spielt die Hauptrolle in einem kaum zehnminütigen niederländischen Film: Der Titel: "Submission". Unterwerfung.



Der kleine Film, der in der letzten Woche im niederländischen Kulturprogramm gezeigt wurde, hat große Empörung ausgelöst. Vor allem die moslemischen Gemeinden fühlen sich provoziert - das aber war die Absicht der Initiatorin und Autorin des Filmes: Ayaan Hirsi Ali provoziert gern.



Mit Leidenschaft bringt sie die Muslime ihres Landes - und wenn es irgend geht der ganzen Welt - gegen sich auf. Kurz musste die 35-jährige niederländische Parlamentsabgeordnete deshalb sogar im Ausland untertauchen, seit zwei Jahren geht sie keinen Schritt mehr ohne Leibwächter - und das in einem Land, in dem selbst der Premier bisweilen mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Im Sommer schrieb eine niederländische Band einen Song, in dem die Politikerin mit dem Tod bedroht wird. Es war nicht die erste Morddrohung gegen Hirsi Ali.



Ihr Programm lässt sich in einem Satz zusammenfassen: "Die Befreiung der islamischen Frau." Von den Morddrohungen lässt sie sich dabei nicht einschüchtern: "Als ich in die Politik gegangen bin, war klar, dass ich mich um die Rechte der Frauen kümmern würde: Die ganze Aufregung kann ich nicht verstehen. Schließlich mache ich nur meine Arbeit", so Hirsi Ali in einem Fernsehinterview anlässlich ihrer Filmpremiere.



Auch dieser nüchterne Satz über ihre Arbeit - wieder eine Provokation. Diesmal gerichtet an ihre Parteispitze der liberalkonservativen VVD. In einem Land, in dem Politik gewöhnlich unter einer kuscheligen Decke aus Harmonie und Kompromissen betrieben wird, ist bereits die Ankündigung zur Provokation eine Provokation. Entsprechend zurückhaltend fiel denn auch die Reaktion auf den Film aus. Alles, was der liberalkonservative Innenminister und Parteifreund sagte, war: "Der Film verstößt nicht gegen das Gesetz."



Die Parteispitze der VVD, denen die 35-Jährige vermutlich längst über den Kopf gewachsen ist, hätten wissen können, auf was sie sich einließen, als sie Ayaan Hirsi Ali vor der Wahl im Januar 2003 einen sicheren Listenplatz versprachen und damit von der sozialdemokratischen Konkurrenz weglockten. Im Kielwasser des während des Wahlkampfes im Mai 2002 ermordeten Populisten Pim Fortuyn hatte die junge Frau erstmals auf sich aufmerksam gemacht - und anderem mit dem Satz, den sie inzwischen relativiert hat: "Der Islam ist eine rückständige Kultur." Ein Satz, der ihr den Hass der islamischen Gemeinden einbrachte - und in Zeiten, in denen die etablierten Parteien eine schillernde aber tragbare Alternative zum Polit-Schreck Fortuyn suchten, auch den Ruf eines politischen Shootingstars.



Ayaan Hirsi Ali weiß, wovon sie spricht. Der Islam, den sie kennen lernte, ist eine unerbittliche, grausame Religion. Ayaan Hirsi Ali wurde 1969 im somalischen Mogadischu geboren. Ihre Mutter wurde die vierte Frau eines somalischen Politikers, der zwar für sein Land fortschrittliche Ideen entwarf, aber für seine Familie die alten, konservativen Werte des Islam genau passend fand.


Die Tochter erlebte ihren Vater allerdings nie als Reformpolitiker sondern immer als politischen Flüchtling, der nach dem Staatstreich von 1969 erst in Saudi-Arabien und später in Kenia Unterschlupf fand. Dort verheiratete er die junge Ayaan, die immerhin auf einer islamischen Mädchenschule Abitur machen durfte, mit einem entfernten, in Kanada lebenden Neffen. Vor dieser Ehe floh Hirsi Ali über Deutschland in die Niederlande: "Als ich weglief", erzählte sie in einmal in einem Interview, "hat mein Vater mich verstoßen. Erst nach Jahren tat ihm das leid und er versuchte später alles, um eine Scheidung in die Wege zu leiten. Er war der Meinung, dass ich erneut heiraten müsse. Die Aussicht, dass ich kinderlos sterben könnte war für ihn unerträglich."



2002 wurde die Ehe tatsächlich geschieden, was aber, so Hirsi Ali, die Beziehungen zu den Eltern nicht nachhaltig verbesserte, weil sie in der Zwischenzeit ihrem "Mann" nach eigenem Bekunden mehrfach untreu gewesen war, wofür sie nach der Religion ihres Vaters im besten Fall hundert Stockschläge, eigentlich aber die Steinigung verdient hätte: "So pervers kann Religion sein. Sie infiltriert persönliche Beziehungen und zwingt Eltern, sich zwischen ihren Kindern und ihrem Gott zu entscheiden", sagt sie. Hirsi Ali hat ihre Eltern schon seit langem nicht mehr gesehen.



Ihren Vater hat sie als liebevoll in Erinnerung - und als einen Mann, der die Familie in den entscheidenden Momenten im Stich gelassen hat. Das komplexe, oft schwierige Verhältnis dürfte Hirsi Alis Arbeit bis heute beeinflussen, sie bestreitet das. "Dass ich den Kontakt zu meinem Vater verloren habe, ist vermutlich der größte Preis, den ich für mein Leben, wie ich es heute führe, bezahlt habe", sagt sie. Gerne würde sie ihn besuchen, "aber er würde vermutlich, die Tür verbarrikadieren, wenn ich vor seinem Haus stünde."



Wie das Leben, das sie als 22-Jähriger Flüchtling ohne jegliche Sprachkenntnisse fern der Heimat und der Familie führte, aussah, verhüllt ihre offizielle Abgeordneten-Biographie mehr, als dass sie es erklärt: "Diverse Jobs. Von der Putzfrau bis zum Postsortierer."



Drei Jahre lebte sie das typische Leben der Immigrantin, allein, verfemt, in einer fremden Welt. Hirsi Ali beschloss, sich selbst die Sprache beizubringen - so weit, dass sie kurze Zeit später an der Universität Leiden Politik studieren konnte. Nebenbei arbeitete sie als Übersetzerin in Frauenhäusern und Abtreibungskliniken.



In dieser Zeit brach sie auch mit ihrer Religion, dem Islam: "Mein Glaube war ein Glaube der Furcht. Ich hatte Angst, Fehler zu machen. Angst, Allah zu erzürnen." Heute nennt sie Mohammed einen "perversen Tyrannen": Es griffe aber zu kurz, ihre Provokationen allein als Rache der Abtrünnigen zu verstehen. Hirsi Ali hat sich ernsthaft mit ihrer Religion, dem Glauben und der Schöpferfigur auseinander gesetzt. Aber die seelischen Verletzungen und auch die körperlichen aus ihrer Kindheit und Jugend, in der ihr ein Koranlehrer einmal einen Schädelbasisbruch zufügte, weil sie keine Lust zum Lernen hatte, haben sie vermutlich stark für ihren Feldzug motiviert. Deshalb philosophiert sie über das Verhältnis von Gott und Mensch - und geht mit Sätzen an die Öffentlichkeit wie: "Ich will zeigen, dass es eine andere Wahrheit gibt, als diejenige, die mit Hilfe von saudischem Geld in der Welt verbreitet wird."


Nach ihrem Studium arbeitete die bekennende Feministin als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei dem Think-Tank der sozialdemokratischen PvdA: Es folgten erste öffentliche Auftritte - und schnell das Entsetzen der Partei über die junge Frau, die so gar nicht tolerant war.



Zum richtigen Zeitpunkt für alle Beteiligten kam das Angebot der VVD. Die Liberalkonservativen interessierte an Hirsi Ali vor allem deren Immigrantenhintergrund: Als junge Einwanderin hatte sie die niederländische Integrationspolitik am eigenen Leib gespürt, und ihre Erfahrungen als "die falsche Toleranz" der etablierten Politik gegenüber den fremden Neubürgern zusammengefasst. Das Laissez-faire der Politik, so ihr Urteil, habe dazu beigetragen, dass in den Niederlanden eine Parallelgesellschaft entstanden sei, in der niederländische Gesetze und Werte wenig galten.



Eine Bewertung, die gut in die Zeit passte. Pim Fortuyn hatte mit diesem Thema, das die niederländischen Bürger sehr und die etablierten Parteien bis dahin nur am Rande interessierte, durchschlagenden Erfolg gehabt.



Hirsi Ali - und in erster Linie Pim Fortuyn - haben etwas bewegt. Eine Parlamentskommission hat Anfang des Jahres einen Bericht über die Integrationspolitik mehrerer niederländischer Regierungen vorgelegt. Das Fazit: Die Integration von Ausländern funktioniert nicht wegen, sondern trotz der Integrationspolitik. Die derzeitige Regierung, an der Hirsis VVD beteiligt ist, hat Besserung gelobt.



Ob das der Neuniederländerin ausreicht, bleibt abzuwarten. Aus ihrem Umfeld wird ihr ein eher ungeduldiger Satz zugeschrieben: "Mohammed verspricht das Paradies nach dem Tode, die Sozialdemokratie in zehn bis 20 Jahren, ich aber will solange nicht warten."



Die nächste Provokation ist schon ausgedacht: Ihr erster Film, Submission, trägt den Zusatz "Part 1". Die Teile zwei bis vier sind schon geplant. Ayaan Hirsi Ali will vorerst noch nicht verraten, wie sie aussehen.


http://www.welt.de/data/2004/09/04/328002.html?s=1

:cool: :respekt :cool:




Carlos, völlig unmaßgebliche Meinung dazu:

Wir werden im Europa der nächsten 20 Jahren eine bipolare Bewegung beobachten können...entweder pro wahabitisches, traditionelles Islam-Verständnis mit Scharia, Frauenverachtung und völliger Abgrenzung etc. oder eine progressive Variante, die den Glauben an Mohammed dermaßen konserviert, daß die Anlehnung an westliche Lebensweise nicht sofort blasphemisch wirkt, sondern sich vielmehr an den Gepflogenheiten und Gebräuchen des gewählten Lebensraumes orientiert, also beispielsweise 13jährigen Mädchen die Teilnahme am Sportunterricht oder der Klassenfahrt nicht aus religiösen Motiven verboten wird.

Wen man abends so anbetet, ist zweifelsfrei Privatsache,
aber wen man im Namen des Propheten glaubt, hassen zu müssen, scheint mir eine zutiefst menschlich inszenierte Angelegenheit zu sein... :rolleyes:

syracus
06.09.2004, 12:03
Carlo macht mal wieder "alles in einen Topf" :bäh ......


Dabei gibt's die Tage Reaktionen die eigentlich genau in diesen Thread gehören. Aber nicht da sind :p.....

Terrorists incite rising disgust in Arab states

September 6, 2004

Expressions of shame and self-reproach have swept the Arab world as Muslims mourn the deaths of Russian schoolchildren - and voice unusually critical condemnations of the social ills blamed for breeding terrorism.

The Arab world has watched with mounting disgust as a wave of civilian hostages - some of them Arabs and Muslims - were slaughtered by insurgents in Iraq.

Last week, newspapers and satellite channels were dominated by pictures of bloodied, naked children in Beslan, north Ossetia, fleeing armed guerillas suspected to be Islamic rebels. Many Arabs found themselves in an increasingly common quandary: struggling to reconcile their sympathy for a political cause with growing revulsion at the wrath levelled by self-described "holy warriors" against the innocent.

"What is the guilt of those children? Why should they be responsible for your conflict with the government?" Grand Sheik Mohammed Sayed Tantawi, Egypt's highest-ranking imam, railed during Friday prayers in the Egyptian town of Benha. "You are taking Islam as a cover and it is a deceptive cover; those who carry out the kidnappings are criminals, not Muslims."

Sheik Tantawi's refrain was a familiar one among Muslims who have felt unfairly tarred by the growing number of highly publicised bloodbaths perpetrated by fellow believers.

But on Saturday some prominent Arabs had a more sobering interpretation: corrupt, repressed Arab and Islamic societies have turned into breeding grounds for terrorism. It is a judgement rarely voiced in heavily censored Arab rhetoric.

"Most perpetrators of suicide operations in buses, schools and residential buildings around the world for the past 10 years have been Muslims," wrote Abdulrahman al-Rashed, general manager of the Al-Arabiya TV channel.

In a blunt column in the pan-Arab newspaper Asharq Al-Awsat, he listed attacks carried out by Muslims in Iraq, Russia, Sudan, Saudi Arabia and Yemen. "Our terrorist sons are an end-product of our corrupted culture," he wrote. "The picture is humiliating, painful and harsh for all of us."

Russian officials said 10 of the guerillas who seized the school in Beslan were "Arabs", though this could not immediately be verified.

Chechnya has long figured prominently among the battles listed by radical Islamists of "jihads", or holy struggles. Like Palestinians, Iraqis and Kashmiris, the predominantly Muslim Chechens are generally viewed sympathetically by Arabs, and their plight is often seen as proof that Islam is under fire worldwide.

Virtually all Arab governments and Iran put aside any Chechen sympathies and condemned the hostage-taking and later carnage in Beslan. King Abdullah II of Jordan, who was visiting President Vladimir Putin in Russia last week, called the siege "criminal and cowardly".

The Saudi daily Arab News blasted Mr Putin but saved its harshest condemnation for the guerillas, "who had put themselves in a position where no one would shed tears when the punishment came. They reached a new low when they chose toddlers as bargaining chips."

Quelle (http://www.smh.com.au/articles/2004/09/05/1094322644860.html?oneclick=true)

Muslim leaders condemn killers

David Smith
Sunday September 5, 2004
The Observer

Islamic leaders in the Middle East yesterday denounced the slaughter of children in Russia as 'unIslamic', as commentators asked unusually soul-searching questions about the region and terrorism.

Even the outlawed Muslim Brotherhood, Egypt's biggest Islamic group, condemned the bloody siege in Beslan. Its leader, Mohammed Mahdi Akef, said that kidnappings may be justified but killings are not. He added: 'What happened is not jihad [holy war] because Islam obligates us to respect the souls of human beings; it is not about taking them away.'

While some Islamic fundamentalists in the Middle East have long supported fellow Muslims fighting in Chechnya, such was the barbarity of the hostage takers that few voices spoke in support of the actions in Ossetia. Egypt's leading Muslim cleric, Grand Sheik Mohammed Sayed Tantawi, was quoted as saying during a Friday sermon: 'What is the guilt of those children? Why should they be responsible for your conflict with the government? You are taking Islam as a cover and it is a deceptive cover; those who carry out the kidnappings are criminals, not Muslims.'

Ali Abdullah, an Islamic scholar in Bahrain who follows the ultra-conservative Salafi stream of Islam, also condemned the school attack as 'unIslamic'. However, he insisted Muslims were not involved and revived an old conspiracy theory: 'I have no doubt that this is the work of the Israelis, who want to tarnish the image of Muslims.' But the reaction was overwhelmingly filled with revulsion. Abdulrahman al-Rashed wrote an article in the pan-Arab Asharq Al-Awsat newspaper under the headline: 'The Painful Truth: All World Terrorists are Muslims!'

Al-Rashed said that Muslims will not be able to cleanse their image unless 'we admit the scandalous facts... Our terrorist sons are an end-product of our corrupted culture. The picture is humiliating, painful and harsh for all of us.' His extraordinary critique was echoed by Ahmed Bahgat, an Egyptian Islamist. Writing in the pro-government newspaper, Al-Ahram , he said hostage-takers in Russia and Iraq are only harming Islam. 'If all the enemies of Islam united and decided to harm it... they wouldn't have ruined and harmed its image as much as the sons of Islam have done by their stupidity, miscalculations and misunderstanding.' Horrifying images of the dead and wounded students 'showed Muslims as monsters who are fed by the blood of children and the pain of their families'.

Quelle (http://observer.guardian.co.uk/international/story/0,6903,1297664,00.html)

Die muslimische Welt denkt um nach diesem sinnlosen Massaker. Nun mal sehen wie man den Weg zusammen gehen wird, Muslime und Christen. Auch Carlo wird seinen Teil beitragen müssen, ansonsten werden die Fantasien möglich...

syr:schaf:

carlo
07.09.2004, 01:13
Manchmal frage ich mich, wer von uns beiden der angelsächsische Muttersprachler ist... :rolleyes:



"What is the guilt of those children? Why should they be responsible for your conflict with the government?"
Um diese Frage zu stellen, muß man keiner Konfession angehören.



"You are taking Islam as a cover and it is a deceptive cover; those who carry out the kidnappings are criminals, not Muslims."
Leere Worte, wie immer: Islam bedeute ja eigentlich Frieden usw. usf. - Hamas, Hisbollah, Al-Aksa, Fatah-Bewegung, Al-Quaida, ägyptische Muslimbruderschaft, Mr. Robot, El-Sadr, Zellen in Süd-Thailand und Indonesien - alles nur ein paar sinnentleerte Spinner, denen zufällig etwas TNT und der Koran in die Hände gelangte? Noch nie einen Bericht (SPIEGEL-TV) über die systematische Gehirnwäsche zukünftiger Selbstmordattentäter in deren "Schulen" oder wenigstens eine Aufzeichnung des "Abschiedsvideos" gesehen, syr?


Und/oder man ignoriert das hier auch gleich noch mit:

"Most perpetrators of suicide operations in buses, schools and residential buildings around the world for the past 10 years have been Muslims," wrote Abdulrahman al-Rashed, general manager of the Al-Arabiya TV channel.

In a blunt column in the pan-Arab newspaper Asharq Al-Awsat, he listed attacks carried out by Muslims in Iraq, Russia, Sudan, Saudi Arabia and Yemen. "Our terrorist sons are an end-product of our corrupted culture," he wrote. "The picture is humiliating, painful and harsh for all of us."


...und wer hat wirklich Schuld an dem ganzen Scheiß? Richtig vermutet, die Juden, wie immer:

Ali Abdullah, an Islamic scholar in Bahrain who follows the ultra-conservative Salafi stream of Islam, also condemned the school attack as 'unIslamic'. However, he insisted Muslims were not involved and revived an old conspiracy theory: 'I have no doubt that this is the work of the Israelis, who want to tarnish the image of Muslims.'


Weiß nicht, syr,
aber von "Nachdenken" kann ich nichts entdecken, bis auf die wenigen Intellektuellen, die im öffentlichen Leben kaum eine Rolle spielen, gar nichts, höchstens die üblichen Psalme aus der freitäglichen Gebetsmühle.

Warum gibt es keinen millionenfachen "Aufstand der Anständigen" (Muslime), die der Restwelt klar und deutlich machen, daß deren Religiösität nicht für abgeschnittene Menschenköpfe vor laufender Kamera, an Brücken aufgehängte Kreaturen und drumherum tanzenden Mob und Geiselnahmen, die nicht einmal vor Kindern halt macht, steht?

Mir fehlt da gewissermaßen die Volksabstimmung, im wahrsten Sinne des Wortes... :rolleyes:

carlo
07.09.2004, 01:15
Aber gleichwohl thx for the articles... :)

carlo
09.09.2004, 08:58
Mir fehlt da gewissermaßen die Volksabstimmung



Der russische Präsident warnt vor "politischer Show" und kündigt eine interne Aufarbeitung der Geiseltragödie an. Schweigemarsch in Rom für die Opfer von Beslan



...



Mit einem bewegenden Schweigemarsch haben am Montag in Rom zehntausende Menschen ihre Solidarität mit den Opfern des Geiseldramas von Beslan bekundet. Mit Kerzen in der Hand zogen die Teilnehmer am Abend durch das historische Zentrum der italienischen Hauptstadt. Über der Demonstration erstrahlten bei Einbruch der Nacht tausende Lichter. An der Spitze des Zuges, an dem auch zahlreiche italienische Prominente teilnahmen, war ein Plakat mit der Aufschrift zu sehen: „Rom ist mit den Kindern von Beslan“. Auf einem von Kindern getragenen anderen Plakat hieß es: „Unsere Zukunft werden sie nicht ermorden“. Die städtischen Behörden schätzten die Zahl der Teilnehmer auf 150.000.

Die Solidaritätskundgebung auf Initiative von Bürgermeister Walter Veltroni zog vom Kapitol zum Kolosseum. „Von Rom kommt ein Signal großer Hoffnung nach dem Horror und den Gewalttaten“, rief Veltroni seinen Bürgern zu. An der Demonstration nahmen auch Vertreter aller monotheistischen Religionen teil, unter ihnen der Imam der Moschee von Rom, Mahmud Achmed Scheweita, und Großrabbiner Riccardo Di Segni. Der Initiative Veltronis schlossen sich auch Parteien aller Couleur, Gewerkschaften und der Zivilschutz an, der Hilfe für Beslan zur Verfügung stellte. Der aus Tunesien stammende Italiener Rzaigui Laroussi sagte, als Moslem empfinde er Scham „über das Massaker an Kindern“.

*WELT.de/dpa/AFP

Artikel erschienen am Di, 7. September 2004


:cool: :cool:

mfabian
10.09.2004, 01:45
Was man zu Beslan noch unbedingt erwähnen sollte ist, dass die Mehrzahl der Terroristen gar keine Tschetschenen waren sondern der Polizei bekannte Verbrecher und Mörder.
"Terror-Söldner" um hierfür einen neuen Begriff zu definieren.

mfabian
10.09.2004, 02:13
Hier mal eine Geschichte, die es nie in die internationalen Medien geschafft hat. Sie wurde mir so erzählt, von jemandem der zur fraglichen Zeit an der Uni Moskau studiert hat.

An der Uni Moskau sind Studenten aus allen möglichen ex-sovietischen Republiken immatrikuliert. Auch Ausländer aus befreundeten Staaten: Angolaner, Kubaner, Araber etc.
Jene auswärtigen Studenten leben in einem Studentenheim, das zur Universität gehört.

Um die Kosten des Studentenheims möglichst gering zu halten, werden die Studenten für regelmässige Arbeiten herangezogen. Z.B. einmal pro Woche die Treppe feucht aufnehmen, Abwaschen in der Küche etc.

An jenem fraglichen Samstag Nachmittag vor etwa 15 Jahren, war ein tschetschenischer Medizinstudenten gerade damit fertig geworden, eine Treppe feucht aufzunehmen als ein arabischer Student besagte Treppe hinunterrannte und natürlich seine Fussabdrücke auf den noch feuchten Stufen hinterlies.

Einer der tschetschenischen Studenten stoppte ihn und verlangte, dass der Araber nun die Treppe neu putzen solle. Der Araber wusste, dass mit Tschetschenen nicht zu spassen ist und willigte grundsätzlich ein. Nur "Ich mache das morgen. Im Moment bin ich sehr in Eile, denn mein Freund heiratet, ich bin Trauzeuge und schon spät dran."

Damit liess er den Tschetschenen stehen und setzte seinen Weg fort. Der Tschetschene rief ihm noch nach "dafür wirst Du bezahlen!".

Derselbe Tag, mehrere Stunden später, kurz nach Mitternacht kam unser arabischer Freund - leicht angeheitert - mit einer Gruppe weiterer Studenten, die zur Hochzeit eingeladen waren, zurück ins Studentenheim.

Aus dem Schatten neben dem Eingang löst sich eine Gestalt. Es ist der Tschetschene vom Nachmittag. "Du erinnerst Dich noch an mich? Ich habe Dir gesagt, dass Du für die Beleidigung noch bezahlen wirst." Mit diesen Worten rammt er dem arabischen Studenten ein Messer in die Brust. Der arabische Student ist sofort tot.

Ohne mit der Wimper zu zucken, zieht er das Messer aus seinem Opfer, wischt es seelenruhig ab, legt es weg und wartet auf seine Verhaftung.

Vor Gericht sagt er aus, der Araber habe ihn beleidigt und es sei für ihn eine Frage der Ehre, dass diese Beleidigung mit dem Tod gesühnt werde.

Nun, der Student hat einen einflussreichen Vater, einen bekannten Arzt in Tschetschenien, der es irgendwie schafft, dass sein Sohn seine Strafe in Tschetschenien antreten kann.
Ins Gefängnis kommt er natürlich nicht, denn 9 Monate später taucht er kurz im Studentenwohnheim auf. Lange genug um seinen Kommilitonen unter die Nase zu reiben: "Ich hab' Euch ja gesagt, dass ich nicht ins Gefängnis gehe".

Allerdings bleibt er nicht lange genug um der sofort alarmierten Polizei eine Chance geben, ihn erneut festzunehmen.

Unter dem Strich bleibt die Frage nach dem Wert eines Menschenlebens aus der Sicht eines Tschetschenen. Wenn bereits eine verschmutzte Treppe als Grund für einen Mord gesehen wird, braucht's wohl nicht viel mehr, um ein paar Kinder in die Luft zu jagen, oder?

Man mag einwenden, dass dieser Fall eine Ausnahme und der Tschetschene ein extremes Examplar seines Volkes war.

Dem entgegne ich aber, dass besagter Tschetschene ein Medizinstudent war, ein zukünftiger Arzt, der Sohn eines Arztes, ein gebildeter junger Mensch aus sehr gutem Hause. Wenn schon angehende Ärzte keinen Respekt vor einem Menschenleben haben, wo liegt dann wohl die Hemmschwelle bei einem ungebildeten, der keine Perspektive und nichts zu verlieren hat?

Die Geschichte passierte wie erwähnt vor etwa 15 Jahren. Also noch lange vor Perestroijka und noch viel länger vor dem Krieg.
Doch selbst wenn: Das Opfer war ja kein Russe sondern ein Araber. Ein Muslim, ein Glaubensbruder.
Es war auch kein Mord im Effekt. Sondern verklausuliert angekündigt und schliesslich hat der Tschetschene wohl Stunden mit dem Messer in der Hand am Eingang des Studentenheimes auf sein Opfer gewartet.

Die Tschetschenen sind ein hartes, kämpferisches Volk mit einem Ehrenkodex, der für uns nur sehr schwer nachvollziehbar ist. Kein Wunder also, dass die meisten Russen die Tschetschenen fürchten und am liebsten eine grosse Mauer an der Grenze errichten würden.

Tschetschenen sind nicht die Art Menschen, mit denen Du Streit haben möchtest. No way!

Marcus

carlo
10.09.2004, 08:12
Erst einmal danke für den Beitrag, Marcus. :)


Aber ehrlich gesagt, bekomme ich bei solchen Geschichten Bauchschmerzen. Selbst, wenn sie der Wahrheit entspräche (und dafür spricht ja einiges), transportierte sie im derzeitigen Umfeld eine einfache und gleichzeitig gefährliche Botschaft:

Tschetschenen sind brutale und korrupte Primitivlinge, denen ein Menschenleben nichts bedeutet.

Sowas fällt immer irgendwo auf fruchtbaren Boden,
und nach einiger Zeit und "guter Pflege" sind aus anfänglichem Befremden und Skepsis feste Überzeugungen erwachsen, die man dann getrost als rassistisch bezeichnen könnte.

Deswegen ist es manchmal vielleicht doch besser, wenn es nicht jede story in die internationalen Medien schafft, finde ich... :rolleyes:

carlo
10.09.2004, 23:46
Neue Berliner Erkenntnisse zum Islam-Unterricht:




Senat will Islamunterricht stärker kontrollieren


Lehrer beklagen Probleme mit arabischen und türkischen Schülern - Islamische Föderation weist Vorwürfe zurück

von K. Jahr-Weidauer und Regina Köhler



Berliner Lehrer beklagen zunehmende Probleme mit arabischen und türkischen Kindern und Jugendlichen an ihren Schulen. Betroffen sind vor allem Grund- und Hauptschulen in sozialen Brennpunkten. Verhaltensweisen wie Überlegenheitsgebaren, Frauenfeindlichkeit, Isolationstendenzen und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden seien ein Problem, dem sie sich teilweise machtlos gegenüber sähen, heißt es. Während einer Veranstaltung der Lehrergewerkschaft GEW wurde auch darüber diskutiert, inwiefern der in zunehmendem Umfang angebotene islamische Religionsunterricht für die Probleme mitverantwortlich ist. Seit mehr als einem Jahr hätten Gewalt und Unterdrückung unter den muslimischen Schülern an seiner Schule eine neue Qualität erreicht, sagte Rolf Stoffel von der Otto-Hahn-Gesamtschule in Neukölln. "Muslimische Schüler werden von anderen Schülern ihrer Glaubensrichtung bedroht, wenn sie sich nicht nach den Regeln des Korans verhalten." Das gehe bis zu Schlägen. Deutlich zugenommen hätten auch antisemitische Verhaltensweisen, die schon bei Grundschülern auftreten, ergänzte eine Kollegin.



Detlef Mücke von der Helmholtz-Oberschule kritisierte Unflätigkeiten und eine verrohte Sprache sowie eine sich verstärkende verbale Gewalt gegenüber Kolleginnen durch muslimische Schüler.



"Im Islamunterricht werden die Jungen gefordert, die Mädchen sind still", bestätigte auch Marion Berning, Schulleiterin der Rixdorfer Grundschule Neukölln. Das vermittelte Frauenbild habe mit Gleichberechtigung nichts zu tun.



Die Lehrer wiesen außerdem darauf hin, dass viele muslimische Eltern große Angst gegenüber fundamentalistisch-islamistisch eingestellten Eltern geäußert hätten. Viele fühlten sich unter Druck gesetzt, wenn sie ihre Mädchen zu Schwimmunterricht oder zu Ausflügen mitschicken wollen.



Burhan Kesici, Verwaltungsratsvorsitzender der Islamischen Föderation, wies die Vorwürfe der Lehrer, sein Verein sei mitverantwortlich für die zunehmenden Probleme an den Schulen, zurück. "Die Islamische Föderation unterrichtet an 37 Schulen in Berlin. Wir wissen, dass es viele Probleme an den Schulen gibt. In den meisten Fällen können wir als Verein aber nicht eingreifen, weil die strittigen Entscheidungen wie Schwimmunterricht, Kopftuchtragen oder das Fasten der Kinder im Fastenmonat Ramadan allein die Eltern fällen."



Schulsenator Klaus Böger (SPD) teilt hingegen die Sorge der Lehrer. "Ich habe veranlasst, dass der Islamunterricht verstärkt und ohne Voranmeldung kontrolliert werden kann", sagte er der WELT. Außerdem würden die Islamkundelehrer überprüft. "Das neue Schulgesetz sieht vor, dass nur entsprechend ausgebildete Lehrkräfte Religion unterrichten dürfen. Das werden wir durchsetzen."



"Wir brauchen Erzieher und Sozialarbeiter an den Schulen", forderte indes Lutz Redlich, Schulleiter der Neuköllner Elbe-Grundschule. Er berichtete von zunehmend scharfen Auseinandersetzungen zwischen arabischen und türkischen Schülern an seiner Schule. Sechs zusätzliche Wochenstunden für Konfliktgespräche seien ein erfolgreiches Angebot, würden aber nicht ausreichen, die Probleme umfassend zu lösen. Zusätzliche Erzieher könnten vor allem die Arbeit mit den Eltern verstärken.

http://www.welt.de/data/2004/09/10/330712.html?search=senat+will+islamunterricht+st%E4rker+kontrollieren&searchHILI=1


:rolleyes:

mfabian
10.09.2004, 23:57
... eine einfache und gleichzeitig gefährliche Botschaft:

Tschetschenen sind brutale und korrupte Primitivlinge, denen ein Menschenleben nichts bedeutet.

Zum Original-Beitrag (http://www.stock-channel.net/stock-board/showthread.php3?p=654348#post654348)


Im wesentlichen läuft es exakt darauf hinaus!

Natürlich ist es gefährlich, nun ein ganzes Volk in eine moralische Schublade zu stecken wegen eines Einzelfalles. Doch andererseits sind solche Geschichten keine Einzelfälle. Schliesslich war die Hauptperson dieser Geschichte ein gebildeter Medizinstudent.

Auf was ich aber hinaus will, ist um Verständnis zu werben für die Angst, die die Russen beim Kampf gegen Tschetschenien fühlen. Die Tschetschenen sind eben nicht das unschuldige, friedliebende arme vom bösen Russland unterdrückte Volk als das sie oft - ebenso fälschlich - dargestellt werden.

Die Wahrheit liegt wohl wie so oft irgendwo dazwischen.

Auf alle Fälle wissen die Russen - und nicht nur die Moskauer Studenten - dass man sich einen Tschetschenen nicht zum Feind machen sollte.

Jetzt wissen wir auch, warum ;)

Marcus

Perry27
11.09.2004, 09:36
Hieß es nicht einmal : Kriegerische Reitervölker ?
Schade, daß gewisse Dinge in Deutschland nicht offen diskutiert werden dürfen. Da wo es heikel wird tritt sofort die selbstverordnete Denkbremse in Aktion.
Irgendwann liegt man dann mit durchgeschnittener Kehle in der Gosse und wundert sich. :eek: Das Schönste : Wegen seines wohlfeilen und humanen Verhaltens wird man vor dem Abmurksen auch noch als dekadenter Feigling verhöhnt. :p :gomad Da wundert man sich dann noch mehr.
Meine Position jedenfalls ist klar. :cool:

syracus
13.09.2004, 10:27
Carlo, wenn du willst, was ich aber nach deinen letzten Reaktionen eher wenig vermute, kann ich die jeglichen Link zu jeglichem Video angeben. Zarkawi's Werbebotschaft, den auf das UN-Gebäude in Bagdad, Paul Johnson, Nick Berg, 12 Koreaner, explodierender Humve, etc. Wie auch Nadjaf nach US-Angriff, Falludja nach/während US-Angriff, etc. Nur sagen welchen.... Lächerlich die Lobhudelei über staatlich angeordnete Demos, die wahren fanden Tage danach statt. Und dann erst musste die ossetische Regierung abtreten. Fraglich auch, warum Putin erst eine Untersuchung ablehnt, übrigens wie Bush nach 9/11, um sie dann unter Druck doch zuzulassen. Auch wieder wie GWB.

Noch was Carlo, der von dir so gern angefürhte Atomwaffensperrvertrag ist bis dato von deinem besonderen Schützling Israel nicht unterzeichnet worden, geschweige denn ratifiziert. Aber wie du selber scheint auch die Regierung in Berlin sich nicht frei machen zu können von ihrer geschichtlichen Schuld und folgendem blinden Folgezwang, Deutschland liefert nun 2 weitere U-Boote, auch das läuft unter den Sperrvertrag. Und D hat ihn unterschrieben. Die letzten 3 sind als Träger für Harpoon- Cruise Missiles "umegebaut " worden, mit atomarem Sprengkopf (Janes lesen ;)). Nur denk ich, dass eine Diskussion mit dir eher sinn- und wertlos ist, zu tief sitzen die alten Feindbilder welche nun mit neuen ersetzt werden müssen und zu gierig wird die Mainstreampresse als "wahr" und alles wissend betrachtet.

Ps. Naiv finde ich die Meinung, mit Gewalt Frieden oder gar Demokratie bringen zu können. Das mag gegen einen Agressor wie Deutschland im 2. Weltkrieg funktionieren, aber wenig gegen Terroristen oder Freiheitskämpfer. Je nach Definition. Tschetschenen sind hier im Westen auch 10 Jahre lang als Freiheitskämpfer bezeichnet worden und einer der wichtigsten Vertreter hat erst im August in den USA Asyl erhalten. Den USA die im Irak Terroristen bekämpfen und nun den Russen Verhandlungen mit tschetschenischen Freiheitskämpfern empfiehlt... Was diese gar nicht gern gehört haben. westliche Scheinheiligkeit der doppelten Standards, welche auch Diktatoren unterstützt solange es ihnen nützlich ist. Wie etwa aktuell in Pakistan. Mit am schwierigsten ist es wohl, sich selbst einzugestehen das man auf gewisse Art Teil dieser dekadenten Scheinheiligkeit ist...

http://www.sacredcowburgers.com/parodies/lesson_learned.jpg

Passt wohl zu manchem hier :p.....

syr

syracus
13.09.2004, 10:54
Derriere.de | 18. Dezember 2003

Die USA-Israel Connection

Israel und die Vereinigten Staaten verbinden gemeinsame Interessen. Isreal dient als Wächter am Golf

Die moderne nahöstliche Landkarte wurde von Großbritannien und Frankreich nach dem 1. Weltkrieg gezeichnet. Sie waren es, die Grenzen in den Sand zogen, Emirate, Scheichtümer und Monarchien schufen und arabische Familiendynastien an deren Spitze platzierten. 1

Die arabischen Diktatoren, deren Despotismus heute angeprangert wird, gehen auf das Konto westlicher Großmächte. Wir haben sie geschaffen, militärisch ausgerüstet und finanziell unterstützt; wir sind mitverantwortlich für diese Barbaren.

Auch die Bundesrepublik Deutschland hat in dieser Beziehung keine weiße Weste. Wo dicke Profite lockten, waren Skrupel und moralische Bedenken rasch über Bord geworfen. Der deutsche Staat und die deutsche Wirtschaft haben mit Saddam Hussein und dem Monarch von Saudi-Arabien, wo routinemäßig gefoltert und hingerichtet wird, glänzende Geschäfte gemacht.

Heute ist es freilich nicht mehr opportun, sich zu diesen Geschäftsbeziehungen zu bekennen.

Der Nahe Osten: ein Kabinett despotischer Klientelstaaten

Europäer und Nordamerikaner haben die Werte der abendländischen Aufklärung nie in den Rest der Welt exportiert. Die Errungenschaften des langen und zähen Kampfes, die Siege der neuzeitlichen europäischen Revolutionen und der amerikanischen Verfassung: Freiheit, Gleichheit, Solidarität fanden hierzulande Anwendung, nicht aber in der Dritten Welt.

Demokratie und Volkssouveränität wurden im Westen verwirklicht, der Dritten Welt aber vorenthalten. Deren Rolle beschränkt sich traditionell auf den Export von Rohstoffen, die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte und Absatzmarkt für westliche Konsumartikel.

Das politische System des Nahen Ostens zeigt diese Struktur sehr deutlich. US-amerikanische Nachkriegsplaner erkannten rasch die Bedeutung der erdölreichsten Region der Erde und begannen Einfluss zu nehmen auf die Förderländer. Dazu installierten sie ein Kabinett despotischer Klientelregimes, denen, vollständig abhängig vom Schutz der Vereinigten Staaten, nur eine Bedeutung zukommt: Export des Öls zu einem akzeptablem Preis und garantierter Rückfluss der Profite amerikanisch-arabischer Ölkonzerne in den Westen.

Die arabischen Völker kommen in dieser Gleichung an keiner Stelle vor. Der Reichtum ihrer Länder wird ihnen genommen. Sie werden unterdrückt von Gewaltherrschern und einer kleinen korrupten Oberschicht, die wir am Leben halten und deren Mangel an Transparenz und demokratischem Anstrich wir gleichzeitig heuchlerisch beklagen.

Ein Auszug aus dem nahöstlichen Gruselkabinett:

Saudi-Arabien: größter Ölexporteur des Nahen Ostens. Absolute Monarchie; Herrschaft einer fundamentalistischen Sekte, der Wahabiten. Folter und öffentliche Hinrichtungen. Erkannte als einziger Staat, im Verein mit Pakistan, das Taliban-Regime in Afghanistan diplomatisch an. Seit der Staatsgründung 1932 unter us-amerikanischer Schirmherrschaft. Beherbergte bis vor kurzem die größten US-Basen in der Region.

Iran: Bis zum Ausbruch der Islamischen Revolution von 1979 Groß-Verbündeter der Vereinigten-Staaten. Der Shah kam 1953 erst nach britisch-amerikanischem Putsch an die Macht. (Zuvor hatte der Iran die Ölindustrie verstaatlicht und britische Konzerne enteignet.) Des Shah`s Geheimpolizei SAVAK war für schlimmste Verbrechen verantwortlich. Militärisch aufgerüstet und trainiert von den USA und Israel. Israels Waffenlieferungen an das iranische Militär gingen auch nach 1979 weiter, in der Hoffnung, es gäbe einen Putsch der Offiziere gegen die Mullahs.

Jordanien: Autokratisch geführter Staat mit Scheinparlament (auch der Irak unter Saddam Hussein besaß ein Kopfnickerparlament). Das haschemitische Herrscherhaus ist wirtschaftlich und militärisch komplett abhängig von den Vereinigten Staaten. Ohne dessen militärische Protektion würde es zusammenklappen wie ein Kartenhaus. Der jordanische Monarch wird für sein Ruhighalten gegenüber Israel jährlich mit Hunderten Millionen Dollars entlohnt. (Unter den nahöstlichen Staaten unterhalten nur Ägypten und Jordanien diplomatische Beziehungen zu Israel.)

Ägypten: Arabische Diktatur. Präsident Mubarak regiert seit über 20 Jahren, lässt sich regelmäßig mit 100 Prozent der Stimmen "wiederwählen". Folterstaat ebenso wie Jordanien und Saudi-Arabien. Ägypten erhält nach Israel und vor Kolumbien für sein Stillhalten gegenüber Israel die zweihöchsten US-Finanzhilfen, jährlich über 2 Milliarden US-Dollar.

Ein ähnliches Abhängigkeitsverhältnis zu den USA gilt für die Emirate und kleinen Scheichtümer am Golf: Kuwait (britische Schöpfung), Vereinigte Arabische Emirate, Katar (neben Ramstein in Deutschland größter US-Luftwaffenstützpunkt außerhalb den USA) und Bahrein (Heimathafen der 6. US-Flotte).

Allein Syrien und der Iran fallen aus der Reihe, obwohl die CIA im Auftrag der amerikanischen Regierung in beiden Ländern seinerzeit putschte. Sie bezahlen ihre hartnäckige Weigerung, sich dem Nahost-Diktat Washingtons zu unterwerfen, mit Wirtschafts-Sanktionen und latenten Kriegsdrohungen.

Allgemein gilt: Alle arabisch-nahöstlichen Diktatoren und Monarchen, obwohl sie dies öffentlich bestreiten würden, kooperieren unter der Hand mit den Vereinigten Staaten und Israel. Sie können gar nicht anders, sie haben keine andere Wahl; ihr eigenes Überleben hängt ab von ihrer Bereitschaft, sich dem Willen Washingtons zu beugen und Israel gegenüber stillzuhalten. Deswegen ist ihr gelegentliches Eintreten für das Lebens- und Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser mit Vorsicht zu genießen. Deren Schicksal ist ihnen im Grunde völlig egal. Nur wenn der Druck des eigenen Volkes wächst und ihr politisches Überleben infrage steht, werden sie sich mit größerer Vehemenz für einen palästinensischen Staat einsetzen.


Fußnote:

1. Im Sykes-Picot-Abkommen 1916 wurden die ehemals türkisch kontrollierten Gebiete im Nahen Osten zwischen Großbritannien (Mesopotamien, Palästina, Jordanien) und Frankreich (Syrien) aufgeteilt. Endgültige Regelung auf der Konferenz von San Remo 1920.

Literatur:

Über die Rolle Israels in der US-Außenpolitik:

Benjamin Beit-Hallahmi: The Israeli Connection: Who Israel Arms and Why, New York: Pantheon, 1987;

Israel Shahak: Israel`s Global Role: Weapons for Repression, Belmont, MA: Association of Arab-American University Graduates, 1982;

Jane Hunter: Israeli Foreign Policy: South Africa and Central America, Boston: South End, 1987;

Bishara Bahbah: Israel and Latin America: The Military Connection, New York: St. Martin`s, 1986;

Jonathan Marshall, Peter Dale Scott, and Jane Hunter: The Iran-Contra Connection: Secret Teams and Covert Operations in the Reagan Era, Boston: South End, 1987;

"Carving a big slice of world arms sales", Business Week, 8. Dezember 1980;

Über Israels Rolle im Nahen Osten:

N.S.C. [National Security Council Memorandum] 5801/1, "Statement By The National Security Council Of Long Range U.S. Policy Toward The Near East", 24. Januar 1958, Foreign Relations of the United States, 1958-1960, Vol. XII ("Near East Region; Iraq; Iran; Arabian Peninsula"), Washington: U.S. Government Printing Office, 1993, S. 17-32.

Israel Shahak: "How Israel`s strategy favours Iraq over Iran", Middle East International, 19. März 1993

http://www.derriere.de/International/International_01,12,03d.htm

:rolleyes:

syracus
13.09.2004, 11:20
Gleich noch einen hinterher, nur damit keiner meint sogenannte "Christen" seien zu keinen Gräusslichkeiten fähig....

Das Massaker von Sabra und Shatila

Am 6. Juni 1982 marschierte die israelische Armee im Libanon ein, um, so die israelische Beschreibung, "Vergeltung zu üben" für die Ermordung des israelischen Botschafters Argov in London am 4. Juni. Der Einmarsch, der kurz darauf die Bezeichnung "Operation Frieden für Galiläa" erhalten sollte, ging zügig voran. Die israelische Regierung hatte zunächst angekündigt, dass sie nur etwa 40 km weit in libanesisches Territorium eindringen würde. Die Militärführung unter Ariel Sharon hingegen verfolgte ehrgeizigere Ziele, die schon lange vorher sorgfältig geplant worden waren. Nachdem die israelische Armee den Süden des Landes besetzt und den palästinensischen und libanesischen Widerstand niedergeschlagen hatte, drang die israelische Armee weiter bis nach Beirut vor. Am 18. Juni 1982 schließlich hatte die israelische Armee den bewaffneten Teil der PLO, der sich im Westteil Beiruts aufhielt, umzingelt. Libanesischen Statistiken zufolge hatte die israelische Offensive bis dahin 18.000 Menschenleben, hauptsächlich Zivilisten, gefordert, Beirut war massiv bombardiert worden. Ein Waffenstillstandsabkommen, das durch den amerikanischen Vermittler Philip Habib zustande kam, sah eine Evakuierung der PLO in Beirut bis zum 1. September 1982 vor, die auch ordnungsgemäß verlief. Zurück in den Flüchtlingslagern blieben nur noch Frauen, Kinder und Alte.

Am 10. September verließ die internationale Schutztruppe Beirut. Am nächsten Tag, dem 11. September verkündete der damalige israelische Verteidigungsminister Ariel Sharon, Initiator der Operation "Frieden für Galiläa", daß "2000 Terroristen" in den palästinensischen Flüchtlingslagern um Beirut verblieben seien. Am Mittwoch, den 15. September, ein Tag nach der Ermordung des libanesischen Präsidenten Beschir Gemayel, ein israelischer Verbündeter und Anführer einer christlichen Miliz, besetzte die israelische Armee Westbeirut und kesselte die Flüchlingslager von Sabra und Shatila ein, wo libanesische und palästinensische Zivilisten lebten. Historiker und Journalisten sind sich einig, dass während eines Treffens zwischen Ariel Sharon und Beshir Gemayel am 12. September in Bikfaya ein Übereinkommen getroffen wurde, wonach es den "libanesischen Kräften" gestattet wurde, "die palästinensischen Lager aufzuräumen". Ariel Sharon hatte schon am 9. Juli seine Absicht bekundet, die Phalangisten nach West Beirut zu lassen, und in seiner Biographie bestätigt er, dass er diese Operation während eines Treffens mit Gemayel in Bikfaya ausgehandelt hatte. Aussagen zufolge, die Sharon vor der Knesset am 22. September 1982 machte, wurde die Entscheidung, die Phalangisten, in die Lager zu lassen, am Mittwoch, den 15. September 1982 um 15.30 getroffen. Weiterhin sagte Sharon, dass "die Tsahal (israelischen Streitkräfte) angewiesen worden waren, die Flüchtlingslager nicht zu betreten. Das "Aufräumen" der Lager würde von den Phalangisten übernommen werden." Am 15. September schon früh morgens begannen israelische Kampfflugzeuge damit, über West Beirut zu fliegen und israelische Bodentruppen hatten ihren Zugang zur Stadt gesichert. Ab 9 Uhr morgens war Sharon persönlich anwesend, um das Vordringen der israelischen Armee zu überwachen. Er hielt sich in der Nähe der kuwaitischen Botschaft auf, direkt am Rand der Flüchtlingslager von Sabra und Shatila. Vom Dach dieses sechsststöckigen Gebäudes war es möglich, die Stadt und die Flüchtlingslager genau zu beobachten.

Gegen Mittag des 15. September waren die Flüchtlingslager vollständig umzingelt von israelischen Tankern und Soldaten, die Checkpoints an strategischen Punkten um die Flüchtlingslager herum errichteten, um genau zu beobachten, wer das Flüchlingslager betrat und wer es verließ. Am Nachmittag begann die israelische Armee damit, die Flüchtlingslager zu bombardieren. Am Donnerstag, den 16. September 1982 war West Beirut vollständig unter israelischer Militärkontrolle. In einer Pressemitteilung sagte der israelische Militärsprecher: "Die Tsahal kontrollieren alle strategischen Punkte in Beirut. Die Flüchtlingslager, in denen sich zahlreiche Terroristen aufhalten, sind umzingelt und abgeriegelt." Am Morgen des 16. September ging folgende Meldung aus: "Die Aufräumaktion der Flüchtlingslager wird jetzt von den Phalangisten erledigt." Den ganzen Vormittag über wurden die Flüchtlingslager bombardiert und israelische Heckenschützen schossen auf die Leute in der Staße. Gegen Mittag gab die israelische Militärführung den Phalangisten freien Zugang zu den Flüchtlingslagern. Kurz nach 17.00 stürmte eine Gruppe von 150 christlichen Phalangisten, die Israels Verbündete waren, das erste Lager. Zu diesem Moment telefonierte General Drori mit Ariel Sharon und sagte: "Unsere Freunde dringen in die Lager ein. Wir haben ihren Zugang vorbereitet", woraufhin Sharon antwortete: "Meine Gratulation! Die Operation unserer Freunde findet unsere volle Zustimmung."

Während der darauffolgenden 40 Stunden ermordeten, vergewaltigten und verletzten diese Phalangisten eine große Anzahl unbewaffneter Zivilisten, die meisten von ihnen Kinder, Frauen und ältere Menschen. Die israelische Armme wußte genau über die Vorgänge in den Flüchtlingslagern Bescheid, und die Militärführer waren in ständigem Kontakt zu den Milizenführer, die die Massaker verübten. Doch sie griffen nie ein. Im Gegenteil, sie hielten Zivilisten zurück, die die Lager verlassen wollten, und sorgten dafür, dass die Lager in der Nacht hell beleuchtet waren. Die Zahl der Opfer schwankt zwischen 700 (die offizielle israelischen Zahl) und 3500. Etwa 1000 Menschen wurden im städtischen Friedhof begraben. Aber eine große Anzahl von Leichen wurde von den Phalangisten selbst vor Ort mit Bulldozern verscharrt. Außerdem wurden am 17. und 18. September viele Menschen auf Lastwagen deportiert, die nie wieder zurückgekehrt sind.

Quelle (http://www.kritische-stimme.de/Verbrechen/sabra2.htm)

http://www.littleredbutton.com/sabra_shatila/images/sabra015.jpg

Wer Hass sät, wird Hass ernten :(.....

carlo
15.09.2004, 22:25
Lieber syracus,


den Zusammenhang Deiner Beiträge zum Thema dieses threads vermag ich zwar nicht herzustellen, aber gut:

Nirgendwo steht geschrieben, daß Christen und Juden die "besseren" Menschen sind. Genausowenig, daß Muslime die "schlechteren" Menschen sind. Können wir uns auf dieser Basis verständigen? :gruebel

Es ist wenig hilfreich,
sich gegenseitig vorzurechnen, wer sich wann und wessen Gottes Namen berechtigt ansah, anderen Menschen das Leben zu nehmen. Sonst könnte man Sabra und Shatila jetzt mit Hama "kontern", mindestens 10.000 tote Syrer, umgebracht auf Anordnung des eigenen Präsidenten, ein halbes Jahr vor Shatila/Sabra - und die Weltöffentlichkeit schwieg.

Spätestens die Existenz leiblicher Kinder sollte die "revolutionäre" Phase im Leben, die den Tod von Menschenleben aus Ideologie heraus billigend in Kauf nimmt, abgeschließen, wenn ähnlich gelagerte Erkenntnisse nicht schon seit dem Beginn kognitiven Denkvermögens auf der (humanistischen) Agenda standen.

Gleichwohl,
im Namen Allahs werden zur Zeit, rund um den Erdball die schrecklichsten Verbrechen begangen, zynisch formuliert, mit uneinholbarem Vorsprung vor allen anderen Religionen dieser Welt und schlimmer noch:

Die Mörder rühmen sich der Tat, ergötzen sich und publizieren sie ungeniert vor laufender Kamera, der Tod als Faktum weicht einer kaum zu überbietenden Obszönität, die Transformation von Botschaften verliert jeden Respekt vor menschlichem Leben, ja mehr noch, die Urheber verachten es...

Das ist, meiner unmaßgeblichen Meinung nach, sehr wohl ein Problem, über das es sich zu diskutieren lohnen sollte... :rolleyes:

Carlo

Trüffelschwein
17.09.2004, 01:53
@carlo: :supi
Daß es im Namen des Christentums etliche Greueltaten gegeben hat, steht ja wohl außer Frage. Aber es geht darum, was uns Europäern hier und heute sowie in naher Zukunft droht.

In 3sat lief die Tage eine kleine Reihe im Rahmen der Sendung "Kulturzeit". Hier das Material dazu:


Der unheilige Krieg
Geschichte und Realität des Dschihad in Europa





http://www.3sat.de/images/leer.gifhttp://www.3sat.de/images/leer.gifhttp://www.3sat.de/images/leer.gifhttp://www.3sat.de/imperia/md/images/kulturzeit/2004/09_september/11_20/1409_dschihad_n_310x180.jpg http://www.3sat.de/images/leer.gif
© dpa http://www.3sat.de/images/leer.gif

Islamistische Extremisten töten weltweit unter dem Deckmantel des Dschihad. Sie führen einen "Heiligen Krieg", der mittlerweile auch in Europa Einzug gehalten hat: von der Hamburger Terrorzelle um die Todespiloten des 11. September, über das Madrider Massaker bis zu dem Ultimatum Osama bin Ladens an Europa. Kulturzeit analysiert in einem dreiteiligen Schwerpunkt die Geschichte und Realität des Dschihad in Europa.

Im Mittelpunkt stehen die religiösen, psychologischen und politischen Ursachen des Terrors. Welche politischen Ziele verfolgt der islamische Fundamentalismus? Ist ein Dialog der Religionen und Kulturen möglich und wie könnte er aussehen?

Zum Zusammenhang von Religion und Terror nehmen Experten Stellung wie der in Tunis aufgewachsene und in Paris lebende Philosoph Abdelwahab Meddeb, der die innerislamischen Konflikte beschreibt, der Orientalist Hans-Peter Raddatz, der vor dem Mythos eines toleranten Islam warnt, der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar, der die Gewalt der Frommen untersucht, und der Soziologe Mark Juergensmeyer, der Fanatismus auch als Kompensation versteht.

Die Wurzeln des Dschihad (http://www.3sat.de/kulturzeit/specials/70383/index.html)
In der christlichen Welt gelten sie als Terroristen und Mörder, in der islamistischen als Märtyrer und Gotteskrieger. Doch der Dschihad ist nicht nur der Heilige Krieg Osama bin Ladens und El Kaidas. Was hat er für politische und religiöse Ursprünge?

Das Unbewusste des Terrors (http://www.3sat.de/kulturzeit/specials/70405/index.html)
Islam und Moderne ergeben zusammen eine explosive Mischung, die zur globalen Bedrohung geworden ist. Die Frustration über die Rückständigkeit lässt viele Muslime leiden. Welche psychologischen Muster liegen hinter dem Terror?

Europas Muslime und der Dschihad (http://www.3sat.de/kulturzeit/specials/70409/index.html)
Die Spuren islamistischer Attentäter führen auch nach Europa. Da ist es wichtig, zu Muslimen nicht auf Distanz zu gehen. Dialog und Verständnis müssen von beiden Seiten gefördert werden. Doch wie ist eine Kommunikation möglich?

Buchtipps

http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifAbdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam. Wunderhorn 2002. ISBN 3884232010
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifJohn L. Exposito: Von Kopftuch bis Scharia. Was man über den Islam wissen sollte. Reclam 2003. ISBN 3379201057
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifMark Juergensmeyer: Terror im Namen Gottes. Freiburg 2004. ISBN 3451283956
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifSudhir Kakar: Die Gewalt der Frommen. C.H.Beck 1997. ISBN 3406417833
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifTariq Ali: Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung. Die Krisenherde unserer Zeit und ihre historischen Wurzeln. Diederichs 2002. ISBN 3720524655
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifBassam Tibi: Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus. Hoffmann und Campe 1995. ISBN: 3455110606
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifBassam Tibi: Der neue Totalitarismus. "Heiliger Krieg" und westliche Sicherheit. Primus Verlag 2004. ISBN: 3896784943
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifDag Tessore: Der Heilige Krieg im Christentum und Islam. Patmos 2004. ISBN 3491724821
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifPeter Heine: Terror in Allahs Namen. Extremistische Kräfte im Islam. Herder 2001. ISBN: 3451052407
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifArmin Maalouf: Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber. dtv 1983. ISBN: 9783423340182
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifHans G. Kippenberg, Tilman Seidensticker (hg.): Terror im Dienste Gottes. Die "Geistliche Anleitung" der Attentäter des 11. September 2001. Frankfurt am Main 2004. ISBN 3593375273
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifGerhard Konzelmann: Dschihad und die Wurzeln des Weltkonflikts. Ullstein 2002. ISBN 3548364950
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifGilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus. München/Zürich 2000. ISBN 3492044328
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifEdward Gibbon: Der Sieg des Islam. Eichborn Verlag 2003. ISBN: 3821845333
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifHans-Peter Raddatz: Von Allah zum Terror? Der Djihad und die Deformierung des Westens. München 2002. ISBN 377662289
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifGilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge. Die arabische Welt und die Zukunft des Westens. Piper Oktober 2004. ISBN: 3492046436
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifMurad Hofmann: Islam. Diederichs 2001. ISBN: 3720521915
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifBassam Tibi: Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt. Bertelsmann 1999. ISBN: 3570003809
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifBernard Lewis: Die Araber. dtv 2002. ISBN: 3423308664
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifBernard Lewis: Der Atem Allahs. Die islamische Welt und der Westen - Kampf der Kulturen? dtv 2001. ISBN: 3423306408
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifNasr Hamid Abu Zaid: Ein Leben mit dem Islam. Erzählt von Navid Kermani. Herder 2001. ISBN: 3451052091
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifAhmed Raschid: Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad. Droemer 2000. ISBN: 3426272601
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifBerndt Georg Thamm: Terrorbasis Deutschland. Die islamistische Gefahr in unserer Mitte. Diederichs 2004. ISBN: 3720525252
http://www.3sat.de/images/karo_grau_out.gifKaren Armstrong: Kleine Geschichte des Islam. Berliner Taschenbuch Verlag. ISBN: 3442760879

Quelle (http://www.3sat.de/kulturzeit/specials/70318/index.html)

Trüffelschwein
17.09.2004, 02:12
Die Wurzeln des Dschihad
Der unheilige Krieg - Teil I

http://www.3sat.de/imperia/md/images/kulturzeit/2004/09_september/11_20/1409_dschihad09_n_310x180.jpg http://www.3sat.de/images/leer.gif
Bin Laden findet viele Anhänger unter Fundamentalisten © dpa

"Die Attacken vom 11. September und vom 11. März waren Warnungen an Europa", erklärte Osama bin Laden im April 2004. "Für den Fall, dass Europa Attacken gegen die Muslime unterlässt biete ich einen Waffenstillstillstand an." Dass Osama bin Laden seine Drohungen ernst meint, hatten die Anschläge in Madrid und Istanbul gezeigt. Der Terror der islamischen Gotteskrieger ist längst in unserer Nachbarschaft angekommen.

Die Islamisten wollen den Kampf Islam gegen Christentum heraufbeschwören. Im Namen Allahs erklären sie dem Westen den Heiligen Krieg - den Dschihad. Der Westen, so ihre Vision, muss islamisiert werden.


Fehler auf beiden Seiten

http://www.3sat.de/imperia/md/images/kulturzeit/2004/09_september/11_20/1409_dschihadmeddeb_n_155x90.jpg http://www.3sat.de/images/leer.gif
Abdelwahhab Meddeb http://www.3sat.de/images/leer.gif

Wenn Moslems wie am 11. September im Namen Allahs morden, dann ist das die Schuld der Feinde des Islam. Gotteskrieger glauben, westliche Einflüsse mit zerstörerischer Gewalt im kriegerischen Dschihad abwehren zu müssen. Mit dem Islam hat das nichts zu tun, denkt der Großteil der islamischen Welt. Die Krankheit des Islam, schreibt der tunesische Schriftsteller Abdelwahhab Meddeb, ist das Leugnen und Verdrängen der eigenen Schuld am Versagen. Der Orient kennt keine Selbstkritik, sieht sich in der Opferrolle. Demgegenüber attestiert Meddeb auch die Krankheit des Westens als Verrat an den eigenen Prinzipien wie Freiheit und Gleichheit, von denen sich der Islam ausgeschlossen fühlt.

"Der Fehler des Westens ist, dass er mit zweierlei Maß misst", sagt Meddeb. Er habe seine eigenen Prinzipien außerhalb Europas gegenüber dem Orient immer je nach Interesse auf barbarische Art und Weise ausgespielt: "der Geist der Kreuzzüge beispielsweise, seine Hegemonie und immer wieder die Nicht-Akzeptanz und die Erniedrigung des Islam." Der Islam wiederum habe diese Sicht übernommen. "Der Islam will, dass die Welt nur islamisch ist. Man hat den Willen, alles dem Islam zu unterwerfen."


Absolutheitsansprüche

Islam und der Westen - der Absolutheitsanspruch beider Systeme macht die Vermittlung zwischen den Kulturen so schwierig. Zwei jeweils universelle, mit Missionierungsanspruch behaftete Religionen prallen aufeinander, so Meddeb. Bis ins späte Mittelalter war die islamische Welt dem Westen überlegen. Heute hat der Islam noch immer nicht den Verlust seiner Macht verkraftet, fühlt sich erniedrigt und frustriert. Aus der Kränkung heraus wird der Westen als Hort der Dekadenz und Gottlosigkeit verachtet, zugleich heimlich bewundert.

Doch der verpasste Anschluss an die Moderne liegt nicht selten in den Entwicklungshemmnissen der eigenen Kultur, in der fehlenden ökonomischen und politischen Freiheit. Der Islam kennt keine Trennung von Staat und Religion - definiert sich immer als Gemeinschaft von Gläubigen, als Nation of Islam. Der ökonomische und gesellschaftliche Protest kann sich daher nur in religiösem Gewand äußern, da es an weltlichen Institutionen fehlt.

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Wilfried Buchta

Der Protest sei immer religiös, meint der Islamwissenschaftler Wilfried Buchta. Das habe damit zu tun, dass die meisten Staaten Diktaturen mit homogenen Einheitsparteien seien. Jede säkulare Opposition werde brachial verfolgt. Während die Verfolgung von religiöser Opposition sich immer schwieriger gestalten.


Die Anfänge

Der reguläre Dschihad nahm seinen Anfang mit der Eroberung Mekkas im Jahre 630 durch den Propheten Mohammed. Zwischen dem 7. und dem 17. Jahrhundert wurden klassische Dschihad-Kriege zur Verbreitung des Islam geführt. Hier gab es festgelegte Regeln im Kampf gegen Ungläubige. Das Töten von Zivilisten, Frauen, Kindern, Glaubensbrüdern und sich selbst ist im Koran streng verboten.

"Es gibt den kleinen Dschihad, das ist der Heilige Krieg und es gibt den großen Dschihad – die Anstrengung, den Krieg nach innen, die Selbstdisziplin", sagt Meddeb. "Der Dschihad ist für jeden Gläubigen eine Pflicht, aber mit präzisen Bedingungen. Es gibt natürlich den kriegerischen Rahmen, die Religion des Kampfes. Aber auch die Möglichkeit mit den Nicht-Moslems einen Pakt zu schließen. Es gibt die Option, dass der Dschihad unter bestimmten Bedingungen beendet wird und keine Pflicht mehr ist. Extremisten und Fundamentalisten machen daraus eine unumgängliche Pflicht auf allen Ebenen."


Urväter des radikalen Islamismus

So auch Osama bin Laden oder die Wahhabiten in Saudi-Arabien, die ihren anmaßenden Dschihadismus als einzig regulären Dschihad zur Verbreitung des Islam interpretieren. El Kaida-Dschihadismus geht auf die radikale Weltanschauung der Muslimbrüder zurück. Maßgeblich an der Politisierung des Islambegriffes war Hassan al-Banna beteiligt, der 1928 die Muslimbruderschaft gründete. Er und Seyyed Qutb gelten als Urväter des radikalen Islamismus. Qutb, der nach einem USA-Aufenthalt zum radikalen Islamisten geworden war, wurde für seine Agitation verhaftet und 1966 in Ägypten hingerichtet.

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Sudhir Kakar

Der Psychoanalytiker Sudhir Kakar aus Indien hat die Gewalt der Frommen erforscht: "Qutbs Buch 'Meilensteine' ist der bedeutendste Text der Dschihadisten und Fundamentalisten", sagt er. "Das Hauptargument dieser Weltanschauung ist: In der Vergangenheit hat der Koran die Araber vor dem Verderben, dem Alkohol, dem Konsum und der populären Unterhaltung geschützt. Im 20. Jahrhundert müssen die Moslems wieder vor dieser Barbarei, der Dschahilija – also dem unwissenden Westen - beschützt werden."


Kampf der Interpretationen

Friedlich oder gewalttätig also? Unter den Geistlichen in der islamischen Welt ist heute hinsichtlich des Dschihadbegriffes ein Kampf der Interpretationen im Gange. Gewalt sei im Koran latent vorhanden, sagen die einen; der Terror gegen die Ungläubigen nicht zwangsläufig, die anderen. Im Gegenteil: Aus dem Koran heraus ließe sich sogar Moderne und Säkularismus begründen, so Abdelwahhab Meddeb.

Die Gefahr der falschen Koraninterpretation geht heute vor allem von den religiös Halbgebildeten aus, die in ihren Brandreden religiöse Argumente nutzen, um den Terror zu begründen und die Massen zu manipulieren. "Mit der Demokratisierung der Bildung in der islamischen Welt, die die strenge Aufteilung zwischen den geistigen Führern und Gläubigen gebrochen hat, hatten große Massen Zugang zu einer schlechten religiösen Bildung, was zu massenhaft Halbgebildeten führte, die ohne einen Abschluss und ohne Arbeit frustriert den Nährboden für islamische Extremisten bilden", erklärt Meddeb.

Extremisten, die im Dschihad, im Heiligen Krieg, die moralische Rechtfertigung für den gewalttätigen Kampf gegen den Westen verstehen. Im Kampf wollen sie die Machterfahrungen erleben, die eine gescheiterte Moderne und eine blockierte Demokratie ihnen vorenthält. Solche Bilder und Gesten haben tiefe historische und psychologische Wurzeln in der Geschichte des Islam. Der Dschihad – eine muslimische Pflicht also, dessen extreme Ausprägung von fanatischen Gotteskriegern längst auch in europäischen Moscheen ausgerufen wird und immer mehr zu einer Bedrohung für unsere westlichen Demokratien wird.

Quelle (http://www.3sat.de/kulturzeit/specials/70383/index.html)

Trüffelschwein
17.09.2004, 02:27
Das Unbewusste des Terrors
Der unheilige Krieg - Teil II

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Islam und Moderne ergeben zusammen eine explosive Mischung, die zur globalen Bedrohung geworden ist. Die Zerrbilder vom Kampf der Kulturen machen Angst. Während im christlichen Abendland eine moderne globalisierte Welt mit Werten wie Freiheit und Gleichberechtigung entstand, fühlen sich die Muslime ausgegrenzt. Die gefühlte Erniedrigung und die Frustration über die Rückständigkeit lässt viele Muslime leiden, sie fühlen sich bedroht.

Der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar hat religiöse Kriege untersucht und weiß, wo die psychologischen Wurzeln des Dschihad liegen und wieso der gewaltsame Fundamentalismus die Antwort des Islams auf die Moderne ist. "Fundamentalismus wird zum religiösen Terror", so Kakar, "wenn die religiöse Gemeinschaft sich bedroht fühlt – sei es real oder nur imaginär. Es sind die Veränderungen der modernen Welt, die Globalisierung und neue Technologien. Es ist ein Gefühl der Hilflosigkeit, ein Opfergefühl. Hier bietet der Fundamentalismus den Menschen Zuflucht. Er gibt vor, heilen zu können. Für manche aber ist es noch schlimmer: Es ist nicht nur das Gefühl des Leidens, sondern eine Art Verfolgungswahn, angegriffen zu werden. Die Muslime fühlen sich gelähmt und dann kommt es zur Gewalt. Die Gewalt ist der einzige Ausweg, ein Akt der Erlösung vom Verfolgungswahn." Gewalt als individuelle Erlösung, Terror als muslimische Pflicht? Besonders die Männer fühlen sich in der patriarchalischen Gesellschaft des Islam provoziert, den Dschihad und seine extremistische Ausprägung, den Terror, zu kämpfen. Kampf ist Männersache. Terror hat mit bestimmten Vorstellungen von Männlichkeit zu tun.


Gewalt als Kompensation und Kontrolle

Der Soziologe Mark Juergensmeyer erinnert daran, dass traditionell die Männer verantwortlich für die soziale Ordnung in der Gesellschaft waren: "Männer waren Politiker und Führer. Wenn sie sehen, dass etwas falsch läuft, die soziale Ordnung bedroht und aus den Fugen geraten ist, fühlen sie sich persönlich erniedrigt, sie fühlen sich machtlos, sie fühlen persönliche Schande und dann ist ihre Männlichkeit herausgefordert." Gewalt als sexuelle Kompensation für verletzte Männlichkeit? Zwischen Islam und dem Westen steht vor allem der fundamentale Gegensatz der Weltanschauungen und der Werte. Vor allem, wenn es um die Behandlung der Frauen geht. Muslime fühlen sich bedroht von der Freizügigkeit der Frauen im Westen und beklagen den Verfall der Sitten. Psychologisch steht dahinter auch die unbewusste Angst über den zunehmenden Verlust der Herrschaft über die eigenen Frauen.

Die Frage der Verhüllung der Frau muss dem Orientalisten Hans-Peter Raddatz zufolge, als Begleiterscheinung mitbetrachtet werden, wenn es um das Problem der Gewalt geht: "Deswegen ist auch die Frage des Kopftuchs nicht einfach zu klären, indem wir sagen, es sei ja nur ein Stück Stoff und wir würden das schon hinkriegen. Der Grund, weshalb insbesondere die Islamisten auf der Verhüllung ihrer Frauen so beharren, ist die Verfügung über die Gewalt an sich. Und die Gewalt an sich, ob sie politisch oder sonst irgendwie ist, beinhaltet immer die Kontrolle der Frau. Der Mann ist in dem Moment machtlos, in dem er die Frauen nicht mehr kontrollieren kann.


Masochismus, Verfolgungswahn, schlechtes Gewissen

Verlustängste, Machtlosigkeit und verletzte Männlichkeit, all das wird im Islam wöchentlich in den Moscheen angeheizt durch Hetzreden. Sie bedienen sich gezielt mittelalterlicher islamischer Geschichte und Symbolik. Damit manipulieren sie die Gläubigen und stilisieren sie zu Gotteskriegern in einer überirdischen Auseinandersetzung und schüren den heiligen Hass auf die Ungläubigen. "Die Hassprediger", so Kakar, "predigen sadomasochistische Vorstellungen gepaart mit viel Blut. Das schürt den Verfolgungswahn der muslimischen Zuhörer. Es führt dazu, dass sie nervös werden und der Verstand ausgeschaltet wird. Außerdem reden Prediger ihren Zuhörern Schuldkomplexe ein. Sie sagen: 'Eure Vorfahren beobachten Euch und denken wie schlecht und verkommen ihr geworden seid'. Das bewirkt, dass die Gläubigen etwas gegen diese Schuldgefühle tun müssen."

Masochismus, Verfolgungswahn, schlechtes Gewissen. Freud betonte, dass Schuldgefühle ein Hindernis in der Kulturentwicklung sind. Historische Schuldgefühle verfolgen die schiitischen Muslime bis heute und motivieren sie religiös. Die Schiiten gedenken alljährlich des vor 800 Jahren getöteten Enkel des Propheten, Imam Hussein. Geißelrituale dienen der Buße für das Urversagen der Gemeinde, die den Imam bei der Schlacht in Kerbela im Stich gelassen habe. Eine Art schiitische Erbsünde.

Kakar diagnostiziert den Muslimen eine Art Paranoia und narzistische Kränkung: "Der Dschihadi handelt, wie Psychoanalytiker es ausdrücken, aus narzistischer Wut und Kränkung heraus. Der Narzismus ist der Schutzschild, der gegen die Erniedrigung abschirmen soll. Man kann sich zwar nicht dagegen wehren, aber man versucht es. Keiner möchte von oben herab angesehen werden. Wenn aber dieses Schutzschild zu hart attackiert wird und es zusammenbricht, dann entwickeln sich eine gewaltige Wut und außerordentliche Rachegefühle." Paranoide Gotteskrieger, die den vermeintlich drohenden Identitätsverlust durch den Rückgriff auf archaische Rituale wiedergutmachen wollen, tun dies in teilweise realitätsverleugnenden Ausmaßen.


Zeichen der Krise

Im Islam werden traditionell Tiere als Opfergabe geschlachtet und geköpft. Grausame Enthauptungsvideos islamistischer Terroristen aus dem Irak sind nur aus der fehlinterpretierten Historie heraus zu begreifen - wenn auch nicht zu verstehen. Der Islam hatte das Enthauptungsritual längst vom Menschen auf das Tier verlagert. Köpfungen sind weder im Koran noch in der islamischen Rechtsordnung vorgeschrieben. Sie sind also nicht eine Erscheinungsform des Islam, sondern eher Zeichen seiner Krise. Auch Moslems sind alarmiert. Der Schriftsteller Abdelwahhab Meddeb betont, dass das Tier ein Ersatz für den Menschen ist, den man geopfert hat: "Hier fällt man auf die archaische vorislamische Geste zurück. Die menschliche Enthauptung ist eine Regression. Diese Menschen kehren zu einem Ritual zurück, das vor Abraham angewendet wurde. Man muss diesen Terroristen Wahnsinn unterstellen. Diese extreme Regression, das heißt, in der heutigen Wirklichkeit, archaische Rituale anzuwenden, macht den Wahnsinn aus. Auch in der Psychoanalyse ist das die Definition von Wahnsinn."

Wie aber lässt sich der Islam modernisieren, wenn er jegliche Säkularisierungstendenzen als Bedrohung wahrnimmt? Der Islam definiert sich als Gemeinschaft und in scharfer Abgrenzung zu Nichtgläubigen. Freier Wille und Eigenverantwortung stehen gegen die kollektive Vorbestimmung Allahs. Es gibt viele Hindernisse für den Modernisierungsprozess. Sudhir Kakar glaubt dennoch an eine Islamische Reformation: "Eine islamische Reformation muss her. Dabei muss der Islam seine Prinzipien aber nicht aufgeben. Ich denke bei Reformation an praktische Gleichheit der Geschlechter, mehr Rationalität und vor allem an eine Säkularisierung der Gesellschaft.

Eine islamische Reformation? Inzwischen wächst sogar die inner-islamsiche Kritik an den Dschihadisten. Aufgeklärte Intellektuelle wie Sadiq Al-Azm oder Gilles Kepel attestieren bereits den Niedergang des Islamismus. Selbst der Nachrichtensender Al-Dschasira spricht selbstkritisch davon, dass zwar nicht alle Moslems Terroristen aber alle Terroristen Moslems seien. Die Annäherung des Islam an die Moderne, der Dialog mit dem reformorientierten Teil der islamischen Welt muss jetzt von beiden Seiten gesucht und gefunden werden.

Quelle (http://www.3sat.de/kulturzeit/specials/70405/index.html)

Trüffelschwein
17.09.2004, 02:40
Europas Muslime und der Dschihad
Der unheilige Krieg - Teil III

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Französische Musliminnen demonstrieren mit gegen die Geiselnahme französischer Journalisten im Irak © AP

Im Irak sind zwei Franzosen als Geiseln verschleppt worden, um den französischen Staat zu erpressen, das Kopftuchverbot zurückzunehmen. Das Drama um die verschleppten Reporter zeigt, dass der Heilige Krieg, der Dschihad, direkt vor unserer Haustür stattfindet. Gewaltbereite Extremisten und Schläfer haben längst ein Netzwerk des Terrors in Europa aufgebaut. In Spanien, England und auch in Deutschland haben sie Unterschlupf gefunden.

Die Hamburger Zelle um Todespilot Mohammad Atta konnte unbehelligt die Anschläge vom 11. September planen, auch vor dem verheerenden Madrider Anschlag gab es Hinweise. Die Islamisten leben und nutzen die demokratische Gesellschaft - ideologisch und religiös akzeptieren sie sie aber nicht für sich. Welche Ziele haben die Dschihadisten in Europa? "Demokratie ist nicht das Ziel dieser Menschen", sagt der Orientalist Hans-Peter Raddatz. "Sie ist das Mittel, um ein anderes Ziel zu erreichen, nämlich das Islamische."


Grenzen setzen

Hinweise auf verdeckte Terrorzellen werden oft sprachlich gar nicht verstanden. Dabei wird in vielen islamischen Zentren und Moscheen europaweit offen zum Heiligen Krieg aufgerufen. Viele fordern die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts. Oft auch mit unserem eigenen Mitwissen und unter Ausnutzung unserer demokratischen Rechte wie Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit.

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Hans-Peter Raddatz

"Wir haben ja noch den Zustand, dass wir Moslembrüder und radikale Gruppen als angeblich demokratiefähig fördern und nicht bereit sind die Argumente, die dagegen sprechen zur Kenntnis zu nehmen", sagt Raddatz. "Wir haben in Deutschland eine unübersichtliche Gemengelage. Es liegt an uns, den Muslimen zu sagen wo die Grenzen zwischen den demokratischen Spielregeln und den schariatischen Ansprüchen liegen."


Wie funktioniert Integration?

Im Rahmen der Globalisierung und der Migration wird von den Europäern permanente Dialogbereitschaft und Toleranz gefordert und geübt. Moscheenbau, Ghettobildung - es entstehen Parallelgesellschaften und es gibt Aufrufe zum Heiligen Krieg. Wie funktioniert Integration, durch Anpassung oder Abgrenzung? Für die Muslime ist die Grundlage der Gesellschaft die Scharia, das islamische Recht, für uns die Verfassung. Raddatz wirft Europäern realitätsfernes Wunschdenken vor. "Es wurde und wird den Muslimen bisher keinerlei wirkliche Anpassungsleistung abverlangt, Anpassungsleistung im Sinne von Integration, das heißt das Bekenntnis zu einer Rechtsordnung, die anders ist als die islamische. Das ist der springende Punkt. Genau dieses Bekenntnis wird den Muslimen bisher nicht abverlangt."

Wie aber lässt sich die Integration muslimischer Mitmenschen in einem säkularen Staat, in einer demokratischen Gesellschaft regeln, ohne die Verfassungsebene, die Freiheit des einzelnen und die religiösen Traditionen zu beschneiden? Das beste Beispiel dafür ist die Kopftuchdebatte. Ist das Kopftuch Gradmesser für religiöse Freiheit und Toleranz, Integrationswillen und Multikulturalismus oder Bedrohung der freiheitlichen Grundwerte, womöglich eine Quasi-Anerkennung islamischen Rechts, der Scharia. Wie sollte ein Dialog mit dem Islam in Zukunft aussehen?

Raddatz sieht zwei zentrale Punkte, die hier eine Rolle spielen: die Religionsfreiheit und die Rolle der Geschlechter. "Das sind zwei Grundrechte auf die wir nicht verzichten können. Ansonsten hätten wir ein feudales Gewaltsystem. Da fehlt es uns. Wir haben bisher keine klare Aussage gemacht, was wir von den Muslimen erwarten, im Hinblick auf ihre eigene Fähigkeit, Religionsfreiheit zuzugestehen."


Wunschislam des Westens

Europäer wollen Zuwanderung als Bereicherung verstehen und wehren Gefahren als unzulässige Feindbilder ab. Eine Schuldkultur im Westen trifft auf eine Schuldzuweisungskultur im Orient. Europäer neigen zum eigenen Schuldbekenntnis, zur Täterrolle, Muslime neigen zur Opferrolle. Im Westen wird daher in Kategorien eines Wunschislam gedacht. Der Wunschislam besteht aus immer wiederkehrenden Floskeln, so Raddatz: "Der Islam ist Friede, der Islam ist kein Monolith, sondern zerfällt in tausend bunte Facetten, weswegen es den Islam eigentlich nicht gibt. Es gibt keinen Zwang im Islam und Dschihad heißt Anstrengung im Glauben." Das seien fiktive Vorstellungen, die auch vom Selbstverständnis der Muslime sehr weit abweichen.

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Abdelwahhab Meddeb

Aber was ist das wahre Ziel der Muslime? Im Koran ist die Täuschung der Ungläubigen verankert und lässt die wahren Ziele des Dschihad im Dunkeln, so der tunesische Schriftsteller Abdelwahhab Meddeb. Ein Dialog unter ungleichen Bedingungen, sagt der Moslem. "Die Taqqiya, die Täuschung als Glaubenspflicht, existiert im Innern des Islam. Sie hat mit der Geschichte zu tun", so Meddeb. "Ins Leben gerufen wurde sie durch gewaltbereite schiitische Sekten, die von den Zentralregierungen unterdrückt wurden und sich daher der Täuschung bedienten, um im Geheimen operieren zu können. Daraus wurde eine Pflicht des Untertauchens und sich Vermischens.


Nicht erkennbar sein

Nicht erkennbar sein ist ein enormes Hindernis für den freien Dialog. Im Internet rufen Islamisten offen oder verschlüsselt zum blutigen Dschihad gegen den Westen auf. Im teils offenen, teils verdeckten Missverständnis zwischen den Kulturen will der Westen aufgrund seiner zivilisatorischen Werte nicht diktatorisch handeln. Diese Zurückhaltung wird von der aggressiven Schuldzuweisungskultur, die Islamisierung will, als Schwäche in Konfliktsituationen gegen den Westen ausgenutzt. Wird die List der Islamisten unterschätzt? Wie gefährlich ist der Heilige Krieg in Europa?

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Sudhir Kakar

Der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar hat religiöse Konflikte untersucht: "Religiöser Terror in Europa ist gefährlich, besonders der islamische", sagt er. "Für Fundamentalisten, die in Europa leben, ist Europa der Hort des Unglaubens. Viele fühlen sich bedroht, ihr islamisches Leben nicht führen zu können. Die Vorstellung, dass ihr islamisches Leben vor der Zerstörung steht, bedroht sie und in dieser Zerrissenheit sind sie bereit, von terroristischen Organisationen rekrutiert zu werden."

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Französische Musliminnen demonstrieren gegen den Terror © reuters

Doch es gibt auch einen reformorientierten Teil der islamischen Welt. Erste Anzeichen sind die Demonstrationen französischer Moslems in Paris gegen die Entführung der französischen Journalisten im Irak. Eine von den Dschihadisten sicher unerwartete Solidarisierung von Muslimen und Nicht-Muslimen gegen den Terror.

Quelle (http://www.3sat.de/kulturzeit/specials/70409/index.html)
http://www.3sat.de/images/leer.gif

Perry27
18.09.2004, 10:27
Meine ganz persönliche Meinung ( und die ist mir genauso heilig wie Anderen die Suren) ist folgende :

Der Islam hat in Mitteleuropa nichts, aber auch garnichts zu suchen !
Wer dieser unheilvollen Invasion nicht ganz entschieden entgegentritt, der wird sich irgendwann mit durchgeschnittener Kehle auf der Straße wiederfinden, oder seine Kinder.
Da das Volk aber nicht ganz so blöd ist, wie es hingestellt wird, wird es bald zu einer handfesten Radikalisierung der Bevölkerung kommen. Frankreich wird es vormachen, und wir werden folgen, sobald die uns eingepflanzten Denkbremsen in den Köpfen endlich beseitigt sind.

p.s. in Paris haben gerade mal fünf Männeken demonstriert, in Großaufnahme gezeigt, natürlich. Insgeheim aber freuen sie sich über jeden Terroranschlag , so wie bei uns anscheinend Einige auch.

Perry27
18.09.2004, 10:29
Scn hakt, sorry.

carlo
21.09.2004, 21:31
Vielen Dank für Deine Beiträge, trüffelschwein :verbeug

carlo
21.09.2004, 22:31
@ perry :)


danke auch für Deinen Beitrag, obgleich man den Teufel nicht umgehend an die sprichwörtliche Wand malen sollte. Bei aller verständlicher Skepsis, aber Tausende durchgeschnittener non-muslimischer Kehlen in Europa dürften selbst unter Annahme "übelster" Denkmodelle keinen, halbwegs seriösen Zukunftsmodellen gerecht werden.

Unter Assistenz ethisch-familiärer Erfahrungen, rezidivierender Eindrücke einiger Reisen in die "Hoheitsgebiete Allahs" und eines schwer zu liquidierenden, humanistischen Basis-Ideals behaupte ich, daß die übergroße Mehrheit aller Muslime im Minimum nicht mehr und nicht weniger im Leben Glück und deswegen für erstrebenswert hält, immer zu essen und zu trinken, Kinder "durchzubringen" und im Winter ein warmes Haus zu haben.(vergl. auch hierzu die Pawlowsche Bedürfnispyramide) Damit befänden sie sich in guter Gesellschaft von 99,9% der übrigen Menschheit.

Gleichwohl muß, und genau das war einer der Ursprungsgedanken zu diesem thread, sehr darauf geachtet werden, daß die einigen wenigen, denen Allahs Lehre nur als Schindmähre auf dem höchst egozentrisch bestellten Gottesacker dient, nicht die Zustimmung breiter Mehrheiten bekommt, die schlußendlich auf die Vernichtung der Ideale der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft abzielt, da sind wir uns sicher einig.

Und spätestens hier wäre dann die Wehrhaftigkeit der Demokratie gefragt...es bleibt also spannend. ;)

Perry27
22.09.2004, 12:02
danke auch für Deinen Beitrag, obgleich man den Teufel nicht umgehend an die sprichwörtliche Wand malen sollte. Bei aller verständlicher Skepsis, aber Tausende durchgeschnittener non-muslimischer Kehlen in Europa dürften selbst unter Annahme "übelster" Denkmodelle keinen, halbwegs seriösen Zukunftsmodellen gerecht werden.

Dein Wort in Gottes Ohr, Carlo

syracus
22.09.2004, 14:03
Jo Carlo, und im Namen Gottes (may he continue to bless America) sind für 3000 im WTC im Gegenzug zwischen 14'000-40'000 irakische und 8'000-20'000 afghanische Zivilisten umgebracht worden. Abhängig je nach Quelle. Aber stell dich bitte nicht sooo dumm, DU selber hast den Angriff auf Falluja mit dem zugegebenermassen grausamen Übergriff auf 4 (!!) Blackwater-Security Angestellte verteidigt, ohne dich je zu den paar hundert Toten Zivilisten zu äussern. Ps. Während der Kreuzzüge sind hunderttausende im Namen Gottes abgeschlachtet worden. Und dann kommst du mit einem Video. Ich könnt lachen wenn's nicht so traurig wär, aber das ist die heutige moderne Welt. Oder möchtest du mal die Gegenseite sehen? Gibt auch Aufnahmen wie verletzte irakische Soldaten, deutlichst sichtbar verletzt ohne jegliche Verteidigungsmöglichkeit, regelrecht hingerichtet wurden. Du hast die Bilder wohl noch nicht gesehen, die, die nun aber Videos produzieren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schon. Und zu Perry sparr ich mir lieber jeden Kommentar, der wär wenig diplomatisch. Aber ich zähl in zu den klassischen Vorreitern des wohl doch kommenden "Clash of Civilizations" :o....

Pakistan urges US to gain trust of Muslims

(AP, AFP, Reuters)
22 September 2004


NEW YORK — Pakistani President Pervez Musharraf promised on Monday to “end the presence of Al Qaeda” in his country but said the United States could gain the confidence of Muslims only by working to resolve the many international disputes that affect Islamic people.

“The Muslim world feels as if it is being targeted, and this needs to be addressed,” President Musharraf told an audience at a Manhattan hotel.

He said the first priority should be the Israeli-Palestinian conflict but attention should focus further on poverty and illiteracy, which he said were “at the core of terrorism.”

Speaking at a dinner sponsored by the US Pakistan Business Council and the US Chamber of Commerce, Gen Musharraf drew a rosy picture of Pakistan for foreign investment, saying the country of 150 million was undergoing an ‘economic renaissance’ based on development of industries from energy to telecommunications.

President Musharraf arrived in New York over the weekend to attend the opening of the UN General Assembly. He was scheduled to meet with President George W. Bush today to discuss the two nations’ alliance in the war on terror.

The Pakistani leader also plans to meet with Indian Prime Minister Manmohan Singh.

War on terror

Meanwhile, President Musharraf said in an interview on Monday, the United States could lose its war on terrorism unless it deals with the poverty and political disputes that give rise to militant extremism.

“We are only involved at the moment in fighting terrorism frontally, the military perspective, the immediate response. But we are not addressing the root causes,” President Musharraf said in the interview on ABC News.

“I always say the root cause is political disputes, poverty and illiteracy,” President Musharraf said, adding that he does not think those issues are being addressed.

“I hope they are, otherwise we are not going to succeed. We may be winning battles, but we lose the war,” he said. :o

On the subject of his country’s role in the ongoing hunt for Al Qaeda militants and remnants of toppled Taleban leadership, President Musharraf described the Pakistani campaign as a success.

“We have operated in south Pakistan, we have busted their sanctuaries from three valleys, so we are very successful. However, there may be more elsewhere,” he said, adding that the military operation continues.

Poor and illiterate people who feel aggrieved because of political disputes are easy targets for indoctrination by militant groups, said Gen Musharraf.

Palestinian issue

President Musharraf named the Palestinian issue as the principal political dispute that must be addressed because he said it had ”the maximum negative perspective” throughout the Muslim world.

“There is unanimous sympathy for the Palestinians against the Israelis. And the United States is seen or perceived as an Israeli supporter and totally against Muslims,” President Musharraf said. ”So I think this is the one which needs to be resolved immediately.”

Quelle (http://www.khaleejtimes.com/DisplayArticle.asp?xfile=data/subcontinent/2004/September/subcontinent_September726.xml&section=subcontinent&col=)

:o

Perry27
22.09.2004, 18:45
Vielleicht war das, was ich da geschrieben habe, etwas krass. Syracus scheint eine starke Affinität zum Islam zu haben, so daß er sich über solche Bemerkungen sicher nicht freut. Das war auch nicht meine Absicht.
Eines stelle ich aber fest. Es beteiligen sich sehr wenig Leute an dieser und an ähnlich gelagerten Diskussionen. Vielleicht haben sie ein paar gesunde Hemmungen, die mir zugegebenermaßen manchmal fehlen. Das Internet reizt aber dazu an hier und da seine Meinung zu bekunden, und dann kommt dann unter Umständen sowas dabei heraus. Ich fühle mich damit auch selten wohl in meiner Haut, eben deshalb, weil ich vermuten kann, daß sich Andere dadurch kompromitiert oder angegriffen fühlen können. Andererseits gibt es immer irgendeinen Anlaß dafür, wenn ich mich negativ äußere.
Im vorliegenden Fall war es so, daß ich erfahren habe, daß eine moslemische Gemeinde in einem benachbarten Ort es gerichtlich durchgesetzt hat, daß zu gewissen Zeiten keine Kirchenglocken mehr geläutet werden dürfen. Das hat mich wirklich gefetzt, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Mit großer Politik oder politischen Interessen hat das also so gut wie nie was zu tun.
Ich war der Ansicht, daß man sich hier zu threadassoziierten Themen äußern könnte, was sich aber als höchst heikel erweist.
Wenn ich zum Beispiel ab und zu in meiner Heimatstadt bin, dann sehe ich, daß nahezu die gesamte Neustadt mittlerweile von Türken bevölkert ist. Wenigstens wirkt es so. Die alten Rentnerinnen die da noch wohnen sieht man ja nicht. Auch die ehemalige Wohnung meiner Eltern, in der ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, wird von Türken bewohnt. Außerdem ist der gesamte Stadtteil regelrecht verslumt. Das steckt man auch nicht so einfach weg, und dann rutscht mir über die Tastatur schon mal das eine oder andere raus.
Endlose Literaturrecherchen zu unternehmen und paste&copy-Beiträge zu kreieren ist hingegen nicht mein Ding, und dazu würde mir auch wirklich die Zeit fehlen. Aber ich lese die Beiträge in den Boards, die seit 9/11 ja regelrecht explodiert sind. Wirklich aktiv dabei sind in der Regel die Leute, die mehr oder weniger extrem usa-kritisch , israel-kritisch, kapitalismus-kritisch, globalisierungs-kritisch, anti-christlich und pro-multikulturell eingestellt sind.
Werden andere Meinungen geäußert droht einem, wenn man Pech hat, sofort die Nazi-Keule oder man wird als manipuliert und gleichgeschaltet abgestempelt oder ähnliches.
Und da ich glaube, daß es der Mehrheit der Bevölkerung so geht wie mir, empfinde ich das als große Ungerechtigkeit.
Wenn ich nun zum Beispiel den starken subjektiven Eindruck gewinne, daß das einzige Ziel des Islam die mehr oder weniger aggressive Selbstverbreitung ist, wohin soll ich dann mit diesem Eindruck ? Verdrängen und die entsprechenden Beiträge nicht mehr lesen, nur damit Friede Freude Eierkuchen herrscht ? Da geht's halt schon mal durch mit der Tastatur.

Ich persönlch möchte gerne mit allen Menschen auf dieser Welt in Friede und Harmonie zusammenleben. Aber das darf nicht über die Schiene der absoluten Selbstverleugnung laufen.
Ich bin als Christ erzogen worden und stelle allmählich fest, daß ich damit in Deutschland scheinbar einer absoluten Minderheit angehöre, die zudem noch indirekt diskriminiert wird. Was scheren mich denn heute die Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und sonstigen Bocksprünge, die das Christentum in den letzten 2000 Jahren gemacht hat ?
Ich bin stolz darauf, daß es die griechischen und europäischen Philosophen gab, die Schriftsteller, Maler und Musiker, die unsere Kultur vorangebracht haben, und ich möchte nicht in einem engstirnigen philosophiefreien Nichts enden müssen . Insbesondere möchte ich das für meine Kinder und deren zukünftigen Kinder vermieden wissen.
Ich achte das oberste Gebot des Neuen Testamentes, nämlich die Nächstenliebe, und ich möchte gerne danach leben. Wenn Jesus aber gesagt hat, daß man seine Feinde lieben soll, und wenn er gesagt hat, daß, wenn einer einem auf die eine Wange geschlagen hat, man auch die andere Wange hinhalten soll, dann hat er mit der Wange sicher nicht die Kehle gemeint . Davon hat man im Übrigen auch nur eine !

Ich bitte um Nachsicht für dieses lange Geschreibsel.

Gert
22.09.2004, 22:00
Perry,

hast gut geschrieben...

Und du stehst da bestimmt net alleine da..

carlo
22.09.2004, 23:14
@ perry,

vielen Dank für die gewährten Einblicke in Teile Deiner Vita,
die, so hoffe ich zumindest für die Mitleserschaft, die zunächst geäußerte, primäre Schärfe des Standpunktes nachvollziehbar werden läßt.

:cool:

carlo
23.09.2004, 22:27
Jo Carlo, und im Namen Gottes (may he continue to bless America) sind für 3000 im WTC im Gegenzug zwischen 14'000-40'000 irakische und 8'000-20'000 afghanische Zivilisten umgebracht worden. Abhängig je nach Quelle. Aber stell dich bitte nicht sooo dumm, DU selber hast den Angriff auf Falluja mit dem zugegebenermassen grausamen Übergriff auf 4 (!!) Blackwater-Security Angestellte verteidigt, ohne dich je zu den paar hundert Toten Zivilisten zu äussern. Ps. Während der Kreuzzüge sind hunderttausende im Namen Gottes abgeschlachtet worden. Und dann kommst du mit einem Video. Ich könnt lachen wenn's nicht so traurig wär, aber das ist die heutige moderne Welt. Oder möchtest du mal die Gegenseite sehen? Gibt auch Aufnahmen wie verletzte irakische Soldaten, deutlichst sichtbar verletzt ohne jegliche Verteidigungsmöglichkeit, regelrecht hingerichtet wurden. Du hast die Bilder wohl noch nicht gesehen, die, die nun aber Videos produzieren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schon. Und zu Perry sparr ich mir lieber jeden Kommentar, der wär wenig diplomatisch. Aber ich zähl in zu den klassischen Vorreitern des wohl doch kommenden "Clash of Civilizations" :o....

Zum Original-Beitrag (http://www.stock-channel.net/stock-board/showthread.php3?p=661281#post661281)


Lieber syracus,


jetzt habe ich vorstehendes zwischen vier und sechs Mal gelesen - und der sinnstiftende Zusammenhang Deiner Worte verbirgt sich mir. Das wird wohl in erster Linie an mir liegen, wärst Du also so freundlich, das Ganze etwas zu illustrieren? :)

carlo
23.09.2004, 22:32
Bis syracus antwortet, gibt´s wieder ein wenig zu lesen:

DIE WELT beschäftigte sich in der Samstag-Ausgabe vorrangig mit arabischen Schriftstellern und Intellektuellen, einige Auszüge daraus:




Wir liebten euch doch alle



Warum es nicht stimmt, dass die islamische Welt bloß Opfer westlicher Vorurteile, Irrtümer, Abneigungen ist


von Siegfried Kohlhammer



Ist unser Verhältnis gegenüber den arabischen Ländern und ihrer Literatur von Unkenntnis, Vorurteilen und Zerrbildern bestimmt? Keinen anderen Begriff benutzen die Islamisten häufiger, wenn sie den Westen als Feind des Islam attackieren, als den des Kreuzzüglers. Mit den Kreuzzügen begann angeblich der bis heute anhaltende Krieg des Westens zur Schwächung und Vernichtung des Islam, dem es mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten gilt, bevor es zu spät ist. Auch moderate, zur Verständigung bereite oder säkulare Muslime sehen in den Kreuzzügen eine wesentliche Ursache für das gespannte und von Misstrauen bestimmte Verhältnis der islamischen Welt zum Westen.



Und wie denn auch nicht? Waren die Massaker des ersten Kreuzzuges, zumal bei der Einnahme Jerusalems, nicht Ereignisse, die sich dem individuellen wie kollektiven Gedächtnis unauslöschlich einbrennen mussten? Und gab es in der Folge nicht genug weitere Ereignisse, die ein "Feindbild Westen" immerhin verständlich machten? Aber wenn dem so ist, warum sollte dann angesichts der jahrhundertelangen islamischen Eroberungen und Razzien, die weit nach Europa hineinreichten, der Massaker und Versklavungen - noch im Zeitraum zwischen 1530 und 1780 wurden etwa eine Million europäischer Christen in die Sklaverei allein in die nordafrikanischen Barbareskenstaaten verschleppt -, ein jahrhundertealtes "Feindbild Islam" weniger verständlich sein?



Weder in dem einen noch in dem anderen Fall aber stimmt dieses Bild ganz mit den historischen Fakten überein. Darauf weisen schon die arabischen Wörter für Kreuzzug hin, nämlich al-hurub al-salibiyya oder harb al-salib, die Lehnprägungen aus den europäischen Sprachen sind - und zwar des 19. Jahrhunderts. Bis dahin hatten die Kreuzzüge als eine separate historische Einheit weder in den Geschichtsbüchern oder Chroniken noch im kollektiven Gedächtnis existiert; das erste Buch in arabischer Sprache zu diesem Thema (1865) war eine Übersetzung aus dem Französischen, und erst 1899 erschien das erste eigenständige arabische Werk über die Kreuzzüge. Der ägyptische Gelehrte Sayyid 'Ali al-Hariri, erkannte darin aber bereits den propagandistischen Wert des Begriffs und wandte ihn gegen die Engländer. Woraus man lernen kann, dass, wer die Vergangenheit vergisst, sie später aus dem Ausland importieren muss.



Aber auch im christlichen Europa führte die Konfrontation mit dem Islam keineswegs nur überall und immer zu einem Feindbild, zu Dämonisierung, Verteufelung. Schon im Mittelalter finden wir oft erstaunliche Dokumente des Interesses, der Achtung, ja der Bewunderung im Hinblick auf die islamische Welt. Während die kirchliche Propaganda einerseits wesentlich zur Verteufelung des Islam beitrug, war die Kirche doch andererseits die entscheidende Institution, worüber die ersten genaueren Informationen über die islamischen Religion eingeholt wurden.



Das Interesse der Kirche am Islam war zunächst defensiv begründet. Man wollte die islamische Häresie, den islamischen Unglauben widerlegen, ab dem 13. Jahrhundert hoffte man, die Muslime zu missionieren. In beiden Fällen mussten dafür genauere Kenntnisse eingeholt werden, denn die Widerlegung oder Bekehrung sollte qua ratio erfolgen - wie der Islam schloss auch das Christentum Zwangsbekehrungen aus.


Solche Kenntnisse lassen schon Werke aus den ersten Jahrzehnten der Kreuzzüge erkennen. So wendet sich 1120 William von Malmesbury gegen die damals noch verbreiteten Vorstellungen, die Muslime verehrten in Mohammed ihren Gott (er sei vielmehr sein Prophet, korrigiert William) oder seien Polytheisten. Vor 1110 hatte Petrus Alfonsi, ein zum Christentum konvertierter spanischer Jude, die erste annähernd objektive Darstellung Mohammeds und seiner Religion gegeben. Später wird im Auftrag des Abtes von Cluny, Petrus Venerabilis, der selber über respektable Islamkenntnisse verfügte, die erste Koranübersetzung fertig gestellt (1143 von dem Engländer Robert of Ketton).



"Ich greife euch nicht mit Waffen an, wie es viele von uns häufig tun, sondern mit Worten; nicht mit Gewalt, sondern mit Vernunft; nicht im Hass, sondern in der Liebe. Ich liebe euch; euch liebend, schreibe ich euch; euch schreibend, lade ich euch ein zum Heil", so Petrus Venerabilis an die Adresse der Muslime. Auch im 13. Jahrhundert fand die Idee einer friedlichen Missionierung - als Alternative zur militärischen Unterwerfung - bedeutende Fürsprecher in Roger Bacon und Raimundus Lullus, die nicht nur die Notwendigkeit gründlicher Kenntnisse der fremden Religion, sondern auch der fremden Sprachen betonten (Lullus lernte selber Arabisch). 1312 unterstützte das Konzil von Vienne die Aufforderung zum Fremdsprachenerwerb, insbesondere des Arabischen.



Das Interesse am Islam und Orient wurde bald Sache von Gelehrten. Nicht mehr die Kirche oder der Hof, sondern die Universität war die Institution, wo diesem - nun missionsunabhängigen - Interesse von Fachgelehrten nachgegangen wurde. 1539 wird am Collège de France der erste Lehrstuhl für Arabistik eingerichtet. Etwa 250 Jahre vor der arabischen Welt gründet ein Medici 1586 die erste Druckerei für arabische Texte. Eine nicht mehr abreißende Reihe von Grammatiken, Wörterbüchern, Texteditionen beginnt für den Bereich der orientalischen Sprachen zu erscheinen, kulminierend in der Bibliothèque orientale von 1697, veröffentlicht von jenem Antoine Galland, der die "Geschichten aus Tausendundeiner Nacht" dem Vergessen entreißen sollte.



Auch Feindschaft gegenüber dem Islam als Religion führte nie dazu, die islamische Kultur und ihre geistigen wie materiellen Produkte abzulehnen. Ein totalitärer Unfug wie der, "islamische Physik" oder "islamische Kunst" ihrer Herkunft wegen abzulehnen, kam dem Mittelalter nicht in den Sinn. Aller Islamfeindschaft, allen Kreuzzügen und Türkenkriegen zum Trotz "hat der Westen nichts als Bewunderung für die Künste des Orients gehabt" (Richard Ettinghausen). Von entscheidender Bedeutung für die Geschichte Europas aber wurde die Aneignung der Wissenschaften, der Mathematik und der Philosophie, wie sie die islamischen Ländern von der Antike, aus Persien, Indien übernommen und weiterentwickelt hatten.



Die einschlägigen Leistungen der islamischen Welt und ihre Bedeutung für Europa sind hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, dass ein solcher Prozess des interkulturellen Wissenstransfers der empfangenden Seite enorme Leistungen abverlangt. Es bedarf der Anerkennung der Überlegenheit der anderen Seite. Das heißt auch: der Unterlegenheit der eigenen, was nicht einfach ist in einer Gesellschaft, zu deren obersten Werten die Ehre gehört. Die mühselige Arbeit der Aneignung fremden Wissens beginnt also mit der Anerkennung der eigenen Ignoranz. Und diese Arbeit fand ausschließlich auf christlichem Boden statt - in Spanien vor allem und Sizilien zunächst, und dann in den europäischen Zentren des Lernens und Lehrens. In diesem Sinne waren Christen aus allen Teilen Europas und spanische Juden die "Lichtbringer Europas". Die islamische Seite war an diesem Prozess desinteressiert, warum auch hätte sie sich daran beteiligen sollen?

Dieses Desinteresse der islamischen Seite hielt an, als das christliche Europa aufgeholt hatte und die islamischen Errungenschaften zu überbieten begann. Niemand dort interessierte sich für Abaelard oder Hume, für Galileo oder Newton. Heute beschwört die islamische Welt unermüdlich und beleidigt, dass der Westen ihr doch alles verdanke, ohne zu fragen, warum sie ihre Schätze etwa ab dem 13. Jahrhundert in die Rumpelkammer zu stecken begann und nicht mehr beachtete. Averroeismus gab es nur im Westen, nicht in der islamischen Welt, und nicht dort, sondern europäischen Philosophen galt Avicenna als dux et princeps philosophiae.



Die große positive Bedeutung, die das mittelalterliche Spanien für ein genaueres und objektiveres Islambild in Europa und die Aneignung arabischer Kultur im weitesten Sinne hatte, wird fast gänzlich überschattet durch das schreckliche, lange Ende (1492-1609) des Zusammenlebens von Christen, Muslimen und Juden in den Königreichen Kastilien, Aragon, Navarra und Portugal. Die rechtlichen und institutionellen Modalitäten dieser jahrhundertelangen kulturell und ökonomisch sehr produktiven Convivencia dreier Religionsgemeinschaften entsprachen weitgehend denen des muslimischen al-Andalus, das generell als leuchtendes Beispiel islamischer Toleranz angeführt wird. Die Convivencia im mittelalterlichen Spanien verdiente, als analoges Beispiel christlicher Toleranz besser bekannt zu werden. Die mittelalterliche Literatur bietet einige erstaunliche Beispiele für eine geradezu neuzeitlich anmutende Bewunderung der Muslime und Formulierungen des Toleranzgedankens. Wolfram von Eschenbach mit seinem "Parzival" ist nur das bekannteste Beispiel - dort heißt es: "Die nie die Botschaft vom Glauben der Taufe empfangen haben - ist das Sünde, wenn man jene erschlagen hat wie Vieh? Große Sünde nenne ich das! Ganz und gar von Gottes Hand sind schließlich die zweiundsiebenzig Völker, die er erschuf." Die berühmte Rede der Gyburg im Kriegsrat, in der sie den Heiden den Status der Gotteskindschaft zugesteht, wird auch "Toleranzrede" genannt, und beide Textstellen sind in eine Unesco-Sammlung zum Thema Menschenrechte aufgenommen worden.



Im Jahrhundert der Aufklärung werden solche Ausnahmen zur Regel. Die Oriento- und Islamophilie der Aufklärer zeichnet ein idealisiertes Bild der islamischen Welt - ihrer gleichsam aufgeklärten deistischen Religion (keine Kirche, keine Kleriker, keine Inquisition, keine Bücherverbrennungen oder autos da fé ... so glaubte man), ihrer Toleranz, ihrer gerechten Gesetzgebung und undogmatischen Vernunft. Autoren wie Pierre Bayle oder Edward Gibbon, Montesquieu, Voltaire, Lessing malten an diesem Bild des edlen Muslim mit, dessen europakritische Funktion der des edlen Wilden entsprach.



Man könnte annehmen, dass die Romantik in ihrer Wendung gegen die Aufklärung sich auch gegen deren positives Bild der islamischen Welt, des Orients wenden würde. Mit der Romantik aber erreichte die Orientbegeisterung neue Höhen, wenn auch freilich die Gründe und Begründungen dafür andere waren. Im Orient sei "das höchste Romantische" zu finden, schreibt Friedrich Schlegel 1800. Drei Jahre später empfiehlt er den Weg in den Orient zu den Quellen eines noch nicht modern zerfaserten, ursprünglich einheitlichen geistigen Enthusiasmus.


Die Zahl der romantischen Werke orientalischer Thematik, seien es Epen oder Gemälde, Opern oder Gebäude, ist groß und mit den bedeutendsten Namen der Zeit verbunden - von Byron bis Delacroix, von Rossini bis Lamartine, Goethe, Nerval, Meyerbeer, Vernet... All dies wird oft als Exotismus abgetan: eine Schwärmerei, die Projektion eigener Wünsche und Bilder auf einen im Grunde unbekannten Orient. Auch wo dies zutraf, wurde dadurch doch nicht die große produktive Leistung der Romantiker verhindert, nämlich dass sie durch ihre Begeisterung die wissenschaftliche Sammlung und Erforschung orientalischer Quellen und Werke, das Studium orientalischer Sprachen und Kunstwerke vorangetrieben und so - qua Philologie, Geschichtsschreibung und Archäologie - die objektive Kenntnis gefördert haben.



Eine anachronistische Kritik der Orient- und Islambilder und der einschlägigen künstlerischen wie wissenschaftlichen Werke, die nicht auch deren Leistungen anerkennt, sondern nur die betrübliche Tatsache zu konstatieren vermag, dass jene Menschen nicht so klug und moralisch hochstehend waren, wie es ihre Kritiker heute sind, ist nicht sehr produktiv. Während jene versuchten, wie immer unzureichend, etwas Neues zu sehen, zu beschreiben, zu verstehen (oder auch zu imaginieren), fällt diesen immer nur derselbe geist- und trostlose Refrain ein: "Tut nichts, der Westler wird verbrannt!"



Es gibt keine vorneuzeitliche Kultur/Zivilisation, die sich selbst relativiert hätte, keine, die das Ideal der objektiven Selbst- und Fremdwahrnehmung auch nur aufgestellt hätte. Einen Großteil dessen, was wir über diese Reiche wissen, verdanken wir aber den modernen westlichen Wissenschaftlern, ihren Methoden und Techniken, ihrem Interesse, ihrer Hingabe.



Mit Aufklärung und Romantik waren die beiden bis heute grundlegenden Interpretationsmuster der westlichen Welt orient- und islamophil konnotiert sowie araberfreundlich. Auch der neuzeitliche Kolonialismus und Imperialismus waren keine antiislamischen Unternehmen. Soweit dabei Ideologie neben ökonomischen und realpolitischen Gründen eine Rolle spielte, lautete deren Schlachtruf "Zivilisation!", nicht "Dieu le veut!" Ein "Feindbild Islam" spielte längst keine Rolle mehr.



Dass die islamische Welt in ganz besonderer Weise Opfer westlicher Vorurteile, Irrtümer und Abneigungen sei - das stimmt einfach nicht.



Der Publizist und Übersetzer Siegfried Kohlhammer, geboren 1944, war von 1978 bis 2004 Lektor vorwiegend in Asien. Aufsehen erregte er 1995 mit seinem Essay "Die Freunde und die Feinde des Islam"im Merkur, den die Zeitschrift nach dem 11. September 2001 noch einmal abdruckte.



Artikel erschienen am Sa, 18. September 2004

http://www.welt.de/data/2004/09/18/333532.html?s=1

carlo
23.09.2004, 22:40
Unterwegs zur neuen Inquisition


Mehr Fragen als Antworten: Arabische Länder als Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse


von Hussain Al-Mozany



Eine der Tugenden, die den Arabern zugeschrieben werden oder die sie meistens für sich selbst in Anspruch nehmen, ist die Großzügigkeit. Die Augen eines jeden urwüchsigen Arabers werden geradezu aufleuchten, wenn man den Namen des als freigebig bekannten vorislamischen Dichters Hatam at-Taiy erwähnt. At-Taiy soll einmal sein eigenes Pferd für einen unerwarteten Gast geschlachtet haben, weil seine Kamele zu diesem Zeitpunkt in weiter Entfernung weideten. Die Großzügigkeit Hatams machte ihn zwar berühmt, aber andererseits trieb sie ihn in den materiellen Ruin.



Die These von der Großzügigkeit der Araber könnte als narzisstisches Ansinnen gelten, wenn sie zuweilen in Zusammenhang mit der vermeintlichen Sparsamkeit der Deutschen gebracht wird. Aber solche unangebrachten Vergleiche entstammen in Wirklichkeit spekulativen Theorien, welche am ersten Fels der Tatsachen zerschellen. Und die erste harte Prüfung ist die kommende Buchmesse in Frankfurt, wo die Araber und ihre Kultur Schwerpunkt sein werden. 9000 Quadratmeter Ausstellungsfläche stellten die deutschen Gastgeber für ihre Partner bereit, aber das schien den Arabern etwas zu groß zu sein, deshalb baten sie darum, die Fläche um die Hälfte zu verkleinern. Dennoch überwiegt der übrig bleibende Raum alle seit 1976 für Messepartner angebotenen Ausstellungsflächen.



Nach jahrelanger Überzeugungsarbeit, eigentlich Verfolgungskunst, gelang es den deutschen Gastgebern, die offiziellen Repräsentanten der arabischen Staaten als Partner der Frankfurter Buchmesse zu gewinnen. Auf den Vorschlag des ehemaligen libanesischen Kulturministers Gassan Salama reagierte die Arabische Liga unter dem ägyptischen Vorsitzenden Amru Musa positiv, so dass er den arabischen Staaten vorgelegt wurde. Im August 2003 wurde der Vertrag zwischen der Frankfurter Messeleitung und der Arabischen Liga in Tunis unterschrieben. Die Aufgaben wurden schnell verteilt, der Tunesier Mungi Busnina, Vorsitzender der Arabischen Organisation für Bildung und Kultur, wurde zum Hauptkoordinator ernannt, der Ägypter Mohmmad Qunaim, der ehemalige Vizekulturminister Ägyptens, zum verantwortlichen Direktor und der Ägypter Samir Sirhan, der langjährige Leiter der Kairoer Buchmesse, zum Vorsitzenden des Informationsausschusses. Auch die Summe von drei Millionen Dollar als finanzieller Beitrag der arabischen Beteiligten wurde festgelegt.



Es begann eine selbst für die arabischen Verhältnisse beispielhafte Kampagne in mehreren arabischen Hauptstädten, um diese Geldsumme aufzutreiben, begleitet von unzähligen Statements und Appellen an "arabischen Stolz und Würde", die gefährdet sein könnten, falls die offiziellen Stellen die finanzielle Unterstützungen verweigerten, kurz: Die ganze Glaubwürdigkeit der arabischen Welt stünde auf dem Spiel.



Weil alle Gesuche und Appelle wirkungslos blieben, griff man auf das altbewährte Mittel zurück, welches das Überleben aller arabischen Diktatoren seit Jahrzehnten sichert: Wer mitmacht, wird belohnt, wer aber die Unterstützung verweigert, wird bestraft. Die Araber standen unter einem enormen Zeitdruck, wie der deutsche Messeleiter Volker Neumann feststellte, deshalb wandte man sich an finanzkräftige Sponsoren wie den libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri, der angeblich eine Million Dollar spendete. Es folgte der amtierende Kulturminister Ägyptens, Faruq Husni, der die Einkünfte aus der Tut-Anch-Amun-Ausstellung in der Schweiz 2004, schätzungsweise eine Million Dollar, den Veranstaltern zur Verfügung stellte.

Dementsprechend, in Basar-Manier, lief auch die Verteilung der Einladungen. Von insgesamt 213 arabischen eingeladenen Literaten kommen etwa 50 aus Ägyptern, 31 aus dem Libanon, 20 aus Tunesien, 16 aus Saudi-Arabien, elf aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und neun aus Jordanien, nur fünf aus dem Irak. Die letzten beiden Zahlen stellen sich im Vergleich so dar, als lüde man zu einem deutschen Kulturfestival fünf Teilnehmer aus Berlin ein und doppelt so viele aus Cottbus.



Es kam der Arabischen Liga, offizieller Vertreter der durchweg diktatorischen Regime, deren Chef in der Regel vom ägyptischen Staatspräsidenten ernannt wird, in keiner Weise gelegen, eine Kultur, die sich außer ihrer Reichweite befindet, zu fördern. Phänomene wie die irakische Exilliteratur wurden rundweg übergangen, obwohl sich unter den irakischen Exilgemeinden die namhaften arabischen Dichter wie al-Gawahiri oder al-Baiti befanden. Diese weitgehend kritische, von Zensur und massivem Druck der arabischen staatlichen Organe und religiösen Kreise heimgesuchten Literatur kommt der Arabischen Liga deshalb suspekt vor, weil sie fürchtet, der neue freie Geist, auf den die innerarabischen Kulturschaffenden längst setzen, könne nur "Unruhe stiften".



Um diese offensichtliche Vorgehensweise zu vertuschen, konnten sich die orientalischen Veranstalter nicht um die Tatsache herumdrücken, dass sie nicht leicht zu übersehende Dichter wie den in London lebenden irakischen Dichter Saadi Yusuf oder den in Deutschland lebenden Fadil al-Azzawi einladen mussten, dafür aber kamen ihnen drei weitere Iraker aus dem Lager des gestürzten Diktators Saddam, al-Takarli, al-Musawi und Mamduh, vertraut vor, weil sie mehr oder weniger die offizielle Linie der irakischen Literatur unter Saddam repräsentierten. Das bedeutet allerdings nicht, dass die arabischen Literaten, die sich in ihren Heimatländern aufhalten und zur Messe eingeladen wurden, mit der offiziellen Kulturpolitik einverstanden wären. "Die Meinungsverschiedenheiten", bemerkte der jordanische Literaturkritiker Fakhri Salih, "die regelmäßig unter den arabischen Kulturministern stattfinden, beweisen, dass wir mit all unseren internen Streitereien, Ressentiments und unserem Eigennutz nach Frankfurt reisen, um dort vor der ganzen Welt unsere schmutzige Wäsche auszubreiten." Der Ägypter Gamal al-Ghitani warnte sogar vor einem Skandal in Frankfurt: "Die ganze Geschichte bietet wenig Anlass zum Optimismus. Die Frage, ob die Arabische Liga in der Lage ist, die Teilnahme in angemessener Form zu präsentieren, muss leider negativ beantwortet werden. Gehen wir überhaupt nach Frankfurt, um wirkliche Themen wie die Globalisierung zu diskutieren?"



Ibrahim Aslan, einer der wichtigen Vertreter des modernen arabischen Romans, gestand, die Araber seien unfähig, die Bedeutung eines derartigen Ereignisses zu verstehen. Er verlangte von der arabischen Welt, "für ein einziges Mal selbstlos zu agieren und das allgemeine arabische Interesse zu vertreten, ohne diese engstirnigen Selbstgefälligkeiten". Noch weiter geht der Palästinenser Ibrahim Nasrallah, indem er von den Arabern verlangt, zu gestehen, dass ihre "Kultur abgenutzt ist, klein und kleinlicher wird". Er führt an, dass viele glauben, die Frankfurter Messe sei ein Zaubertor, wo "der Held sich in einer anderen, glücklichen Zeit befindet, in der sich seine absurden Träume verwirklichen lassen".


Sollte die arabische "Kulturmission" in Frankfurt scheitern - und alle Anzeichen deuten schon jetzt darauf hin -, sind natürlich die Schuldigen bereits ausfindig gemacht: Die pathologische Wahnvorstellung vom zionistischen Erzfeind, der alle Araber überall belauert und mit einer "beispielhaften Dynamik" das arabische Projekt, auch das gut gesinnte, im Ansatz vereitelt.



Bezeichnend ist das Fehlen einer Diskussionsbasis über das zentrale Problem in der jüngsten Geschichte der Araber, nämlich der palästinensisch-israelische Konflikt. Dieses Thema wird ausgeklammert, weil es aliterarisch ist. Somit verpassen die Araber eine der besten Gelegenheiten, ihre Anforderungen, Standpunkte und Wünsche hinsichtlich dieses blutigen Konfliktes zum Ausdruck zu bringen.



Es ist ja kein Geheimnis, dass die Äußerungen der arabischen Intellektuellen in dieser Angelegenheit von der arabischen Obrigkeit mit höchstem Misstrauen betrachtet werden. Der syrische Dichter Adonis etwa wurde aus dem Schriftstellerverband seines Landes ausgeschlossen, weil er Kontakt zu israelischen Gleichgesinnten hatte. Die Kontakte mit dem israelischen Erzfeind sind lediglich einigen arabischen Diktatoren vorbehalten.



Schriftsteller zu sein in einer zunehmend fanatisierten, islamisch-radikalen, gar dem ganzen Schaffensprozess feindselig gegenüberstehenden arabischen Welt ist ohnehin ein gefährliches Unterfangen. Selbst in einem als relativ "liberal" zu bezeichnendes Land wie Ägypten, das in Wirklichkeit seit 1981 unter Kriegsrecht steht, gab die Regierung dem Druck der islamisch-fundamentalistischen Kreise nach und bildete einen zehnköpfigen Rat von Klerikern, der gesetzlich ermächtigt wurde, Bücher zu konfiszieren, die den Islam diskreditieren. Der Rat ist auch berechtigt, Anzeige gegen missliebige Verfasser und Verleger zu erstatten.



Wenige Wochen nach der Einberufung dieses Männergremiums, die "zehn Scheichs" genannt, schritt es zur ersten Tat und beschlagnahmte mehrere Bücher, darunter den Roman "Der Sturz des Imams" der ägyptischen Bürgerrechtlerin Nawal al-Sadawi, Gamal al-Bannas Buch "Die Verantwortung für das Scheitern des islamischen Staates", Scheich Khalil Rizqs Abhandlung "Imam Mahdi und die verheißungsvollen Tage" und aufklärerische Bücher wie Ali Yusuf Alis "Der Ruf des Gewissens". Seitdem wurden hunderte von Büchern und Kassetten, die angeblich keine vorherige Genehmigung erhalten hatten, aus dem Verkehr gezogen. Der furchterregende Begriff "neue islamische Inquisition" macht jetzt die Runde.



Dagegen wird der Ägypter Ibrahim al-Muallim, Vorsitzender des arabischen Verlegerverbandes, von den Organisatoren beauftragt, sowohl offizielle als auch inoffizielle Verlage für die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse zu werben. Man machte sich keine Gedanken darüber, dass al-Muallims Verlag "Dar al-Schuruq" Hauptverleger der Werke des islamischen Propagandisten und Vorbilds aller heutigen Fundamentalisten, Sayyid Qutb (1903-1966) ist. Am 31. August verkündete er in Kairo eine Fatwa, wonach er es für legitim und der islamischen Scharia entsprechend hält, wenn man Amerikaner entführt oder umbringt.



Unter den Namen der eingeladenen Literaten befindet sich auch der saudi-arabische Dichter Ali al-Dumaini. In Wirklichkeit aber sitzt al-Dumaini neben seinen Kollegen Abdallah al-Hamid und Matruk al-Falih in saudischer Haft, als so genannte Meinungshäftlinge, weil sie es wagten, das im Stil des Mittelalters regierte Königreich dringlich zu Reformen aufzurufen. Und während die machtbesessenen Prinzen Arabiens eine Amnestie für Verbrecher und gar Angehörige der al-Qaida, die in den letzten Monaten das Land mit Terror überzogen hat, erlassen haben, weigern die sich immer noch, diese Meinungshäftlinge freizulassen.

Sie sind im Gefängnis allen denkbaren Einschüchterungen ausgesetzt. Man brachte ihnen in der einen Hand einen Koran, in der anderen Hand ein Schwert. Sie sollten beim Koran schwören, sich nie wieder "politisch" zu betätigen. Hätten sie geschworen, hätte man ihnen angedroht, sie später als Abtrünnige zu erklären, um sie dann nach der saudischen "Scharia" zu enthaupten.



Anstatt von der saudischen Regierung die Freilassung des Dichters zu fordern, handeln die arabischen Organisatoren in typisch offizieller arabischer Panik. Sie strichen den Namen al-Dumainis von der endgültigen Liste der arabischen Teilnehmer. So bewiesen die arabischen Diktatoren abermals, dass sie reformunwillig und des Dialogs mit der westlichen Zivilisation unfähig sind, auch wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen. Sie halten sich grundsätzlich in Sachen Kultur und Völkerverständigung bedeckt. In der Unterstützung terroristischer Aktionen, im Taktieren mit den erstarkten islamischen Fanatikern zeigen sie ihr wahres Gesicht.



Wenn es nach ihnen ginge, würden sie keinen Augenblick zögern, der arabischen Literatur, die ohnehin einen schweren Stand hat, den Todesstoß zu versetzen.



Der Schiit Hussain Al Mozany wurde 1954 in Amarah/Südirak geboren, wuchs in Bagdad auf. Seit 1980 lebt er in Deutschland. Er veröffentlichte zahlreiche Erzählungen und Romane und übersetzte unter anderem "Die Blechtrommel" von Günter Grass ins Arabische. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der "Mansur oder der Duft des Abendlandes" (Reclam, Leipzig). Hussain Al Mozany lebt in Köln.



Artikel erschienen am Sa, 18. September 2004

http://www.welt.de/data/2004/09/18/333530.html?s=1

carlo
23.09.2004, 22:55
Wir brauchen den Mohammed-Film


Stefan Weidners "Mohammedanische Versuchungen" führen direkt ins Herz einer widersprüchlichen Religion und ihrer Kultur


von Marko Martin



Er teilte das Hotelzimmer mit einem Algerier, den er im Zug von Constantine nach Tunis kennen gelernt hatte. So war es öfter auf dieser Reise vorgekommen, er hatte blindes Vertrauen in diese Begegnungen, in seine zwar jugendliche, aber geheimnisvoll instinktsichere Menschenkenntnis, und tatsächlich wurde er nicht enttäuscht, vielmehr fühlten sich alle für ihn verantwortlich und wurden ihrer Verantwortung gerecht. Dieser Algerier nun gab sich als Imam zu erkennen..."



Es beginnt wie eine Adoleszenzgeschichte, ein literarisches road-movie, biegt dann in Richtung Erstlektüre-Erinnerung ("Den Koran zu kaufen war der Weg zur Quelle dieser Faszination") und verzweigt sich in einen Essay, eine Erzählung, in mehrere Vorträge und einen metaphysischen Krimi. Sogar eine Art Vision wird geboten - der älter und zum Autor gewordene "S." hoch über den Dächern von Kairo, seine Gedanken beim Gang über die nächtlich menschenleeren Hochstraßen strukturierend -, jedoch bei all dem: Keine Wirrniss, keine Kitschpinselei; nirgends. Zu Deutsch: Es annemarie-schimmelt in keiner Zeile dieser "Mohammedanischen Versuchungen" noch hans-küngelt sich Stefan Weidner politisch korrekt um Schrecken und lockende Ambivalenz seines Themas.



Wir müssen uns Stefan Weidner, Jahrgang 1967 und bereits einer der profiliertesten Arabisch-Übersetzer und Kulturvermittler, wohl als einen ziemlich mutigen Menschen vorstellen, denn wirklich Angst scheint er nur vor der Platitüde zu haben - sei sie nun kulturrelativistisch glättend oder eurozentristisch polemisch.



Was für andere als Erweckungserlebnis geendet hätte, wird für den 17-jährigen Weidner, lesend in der Nachmittagshitze des tunesischen Küstenortes Sousse, zum Anreiz, es genauer zu wissen. Da sitzt ein Jüngling mit ersten Arabisch-Kenntnissen und großer Empathie für jenen Kulturraum vor einer Art Jugendherberge und versucht, der dem knappen Reisebudget abgesparten arabisch-französischen Koran-Ausgabe irgendetwas Zündendes abzugewinnen. Fehlanzeige.



Ausgehend von dieser frühen Erfahrung, in der sich schon Begeisterungsfähigkeit, intellektuelle Neugier, religiöser Respekt und ein Verstehenwollen mit Kritik, ja mit Ironie verbinden, erzählt Stefan Weidner von seinen späteren Reisen nach Algerien, Ägypten, Syrien und in den Libanon - Bildungsreisen im wahrsten Wortsinn, dem gängig- unreflektierten "Ich war dort und dort" etwas Formendes entgegensetzend, eingebettet in lokale Details von großer atmosphärischer Dichte. Weidner gelingt dies, weil er seine Vorträge, seine so zahlreichen wie hochgepriesenen Lyrikübersetzungen in diesen Ländern einer Öffentlichkeit vorstellt, deren Sprache er spricht und dabei doch die Balance zwischen Fremdheit und Anverwandlung hält.



Wie gut, dass Weidner mehr ist als ein Blatt im ostwestlichen Wind und sein Buch nicht zum kryptischen Selbsterfahrungstrip mutiert. Die Ambivalenz der eigenen Gefühle wird aufgehoben in der Reflexion über zwei Denkschulen, die essentialistische versus der "differenzierenden".



"Essentialistisch meint: Der Islam habe einen letztlich unveränderlichen Wesenskern, eine Essenz. Diese Position hat eine schwerwiegende, deterministische Konsequenz und äußert sich stets in Aussagen, die kaum historische oder geografische, geschweige denn individuelle Differenzierungen zulassen und der Komplexität ihres Gegenstandes nicht gerecht werden können. Gleichwohl ist diese Denkrichtung nicht einfach abzutun. Ohne essentialistische Voraussetzungen könnte man nämlich überhaupt keine allgemeinen Aussagen formulieren, und es gibt Fälle, wo diese unverzichtbar sind." Befinden wir uns tatsächlich noch im Inneren eines "erzählten Essays" oder bereits zwischen den Seiten eines Philosophie-Handbuchs? Gemach, gemach.


Aus Weidners Zeilen spricht nicht nur der Respekt vor den vielen Facetten eines Welt-Themas, das inzwischen weit mehr ist als sein eigenes literarisches Übersetzerfeld, sondern auch die Achtung vor dem Leser. Sein Buch errichtet eben kein Stoppschild vor dem interessierten Laien, im Gegenteil: Es dechiffriert auf kluge und logisch nachvollziehbare Weise all jene arroganten und bis heute wirkungsmächtigen Expertentricks à la Edward Said, mit denen einer öffentlichen Diskussion über den Islam schon im Vorfeld die Existenzberechtigung entzogen werden soll. "Für Nicht-Essentialisten", schreibt Weidner, "ist ,Islam' nur ein Oberbegriff für sehr vielgestaltige Phänomene. Statt des Islam wird von diesen Forschern gleichsam meta-orientalistisch der Diskurs über den Islam analysiert, so dass zuweilen der Schluss nahe gelegt wird, den Islam selbst gebe es nicht oder man könne jedenfalls nicht darüber reden. Gelegentlich kippt diese Auslegung dann in eine Art Ad-hoc-Essentialismus um: Die rein persönliche Islaminterpretation wird zum ,eigentlichen' Islam erklärt."



Wenn es so etwas wie die Schönheit des Gedankens gibt, schnörkel- und arabeskenlos, nicht auf Verblüffung, sondern auf Verstehen zielend, dann findet sie sich in solchen Passagen.



Ein rassistischer Narr, wer aber nun annähme, nur ein Westler wäre dieser Art der Gedankenführung mächtig - Weidners zahlreiche und oft sehr liebevoll beschriebene Gesprächspartner sind alles andere als stichwortgebende Text-Marionetten. Andererseits: Ein naiver Träumer, wer glaubt, die westliche Kultur des Zweifels mache Menschen automatisch selbstkritischer und böte nicht auch eine Abbiegung in Richtung rabulistisch vorgetragener Verschwörungstheorie. So trifft Weidner etwa in Beirut eine junge, attraktive und aus säkularer Familie stammende Frau, die überdies in Deutschland studiert hat. Eines Tages fragt sie: "Was hältst du von Auschwitz?" Als ihr Gegenüber stutzt, präzisiert sie: "Ob du an den Holocaust glaubst." Ihr klar zu machen, dass es sich hier wohl kaum um eine Glaubensangelegenheit handelt, ist verlorene Liebesmüh', glaubt sie doch zu wissen, dass alles nur eine Propagandalüge sei. Auf beunruhigende Weise aufschlussreich die Argumentation der jungen Libanesin: "Ihr habt uns alles gelehrt, die Skepsis, den kritischen Verstand, nichts einfach zu glauben, alles nachzuprüfen, Descartes, Kant, Heidegger, Derrida und so weiter. Und wir sind sehr gute Schüler, wir spucken auf die Religion, nur damit ihr uns glaubt, nur um uns und allen zu beweisen, dass wir so frei sind wie ihr. Und nachdem wir alles, was wir früher einmal waren, so restlos in Frage gestellt, geleugnet, bekämpft haben, nachdem wir in allem nur noch uns selber trauen, dem, was wir sehen und fühlen und wollen, kommst du und sagst uns, wir sollen an den Holocaust glauben, bloß damit die Israelis einen Grund haben, die Palästinenser in ihren Flüchtlingslagern zu massakrieren?"



Die zunehmend hysterischer werdende Suada ergeht sich so ausführlich wie kontextlos über restriktive Sexualgebote, über dominante Eltern und verbotene voreheliche Kontakte. Man ahnt mit Schaudern, was sich da alles tummelt und vermischt, mit Sehnsucht, Hass und geradezu zwanghafter Lügnerei aufgeladen.


Weidner, hier durchaus zurückhaltend, schlägt ein anderes Konzept vor. Anstatt einen "Krieg der Kulturen" auszurufen und damit die Fundamentalisten zusätzlich zu stärken, sei es "viel klüger, die Gegenseite zum Überlaufen zu verlocken und ihre Disziplin und Moral zu unterminieren".



Weidner meint übrigens damit nicht die kulturrelativistischen postcolonial studies, zu denen er listig anmerkt: "Wer Platon und die abendländische Philosophie kritisiert, wird über Koran, islamisches Recht und islamische Theologie nicht achtlos hinweggehen wollen - es sei denn, er findet diese vielleicht wirkungsmächtigste Tradition binären Denkens, struktureller Gewalt und unverhüllter Diskursherrschaft ohnehin indiskutabel. Würde man alle Furien der Entzauberung so schonungslos darauf ansetzen wie auf vergleichbare westliche Texte, wenig Achtenswertes bliebe übrig von dem, was strenggläubige Muslime für den im Himmel gespeicherten O-Ton Gottes halten. Fazit: Wenn wir dem anderen von gleich zu gleich begegnen wollen, wahrhaft von gleich zu gleich, laufen wir Gefahr, ihn zu vernichten."



Wo aber bleibt dann das Positive? Weiß Allah, wo es bleibt: Vielleicht ja dort, wo es keiner vermutet hätte, etwa in einer kleinen Moschee in einem der ausufernden Vororte Kairos. "Flackernde Neonröhren. Billige Teppiche. Schweißgeruch der Füße aus den billigen Schuhen im Schuhregal. Zerfledderte Koranausgaben. Fanatische, sektiererische Gesichter."



Ausgerechnet an diesem Ort aber - und jetzt sind wir mitten im metaphysischen Krimi - stößt er auf eine geradezu atemberaubende Argumentationskette. Die hier versammelten Theologiestudenten und Gelehrten sind nämlich der Ansicht, dass der Vergötterung des Menschen Mohammed schnellstens ein Ende gesetzt werden müsse und dass es höchst blasphemisch sei, die letztlich auf ihn zurückgehende Sunna und Sharia - also ein Großteil des islamischen Rechts - mit dem Koran auf die gleiche göttliche Stufe zu stellen. "Es geht gar nicht um die Interpretation des Koran", sagen diese sich als ultra-religiös verstehenden Muslime, "oder überhaupt nur um die Frage, ob der Koran interpretierbar sei. Wir glauben, dass der Koran nicht interpretiert werden darf. Er ist absolutes Gotteswort." Was aber ist dann, fragt der kaum mehr seinen Ohren trauende Deutsche, mit all dessen rigiden, einander widersprechenden Vorschriften, die man ja zusammen gar nicht einhalten könne. Nebbich, antworteten da die Islamisten, denn: "Jeder, der versucht, diese Vorschriften auf einen Nenner zu bringen, äußert im Grunde schon durch seinen Versuch ernste Zweifel, er zweifelt an der Fähigkeit des Koran, die Dinge klar auszudrücken, nämlich so klar, wie es die Menschen bräuchten. Wir können damit nichts machen. Daher ist es unmöglich, den Koran wörtlich zu nehmen; er löschte seine eigenen Befehle in einem ständigen Double-bind selber aus, wenn wir ihn wörtlich nähmen."



Und dann kommt's: Für einen erneuerten, attraktiveren, ergo post-mohammedanischen Islam braucht es - Hollywood! "Der Königsweg: Der große Mohammed-Film! Wir Ägypter werden einen solchen Film nie wagen. Doch Hollywood kann das. Bitte sagen Sie den Leuten in Hollywood, man möge so bald wie möglich einen Mohammed-Film drehen. Und wenn er hier verboten wird, ihn mit dem Satelliten auf unsere Bildschirme übertragen. Nur so kann der Islam vor den Mohammedanern gerettet werden!" Also Ende gut, alles gut? Selbstverständlich hätte gestern niemand von Demokratie gesprochen, präzisiert am nächsten Tag einer von Weidners Gesprächspartnern. "Wir denken in Jahrhunderten." Es klang nicht unbedingt beruhigend.



Artikel erschienen am Sa, 18. September 2004

http://www.welt.de/data/2004/09/18/333547.html?s=1

mfabian
24.09.2004, 00:27
jetzt habe ich vorstehendes zwischen vier und sechs Mal gelesen - und der sinnstiftende Zusammenhang Deiner Worte verbirgt sich mir. Das wird wohl in erster Linie an mir liegen, wärst Du also so freundlich, das Ganze etwas zu illustrieren? :)

Zum Original-Beitrag (http://www.stock-channel.net/stock-board/showthread.php3?p=662558#post662558)


So wie ich Syracus verstanden habe, meint er folgendes:

Die Amerikaner haben mittlerweile 20'000 bis 80'000 Zivilisten in Afghanistan und Irag getötet als Rache für die 3300 Toten von 9/11. Und dies, obschon zumindest ein Zusammenhang zwischen 9/11 und Iraq nicht nachgewiesen ist.

Du regst Dich auf über 4 getötete US-Zivilisten, vergisst aber die von den Amis hingerichteten Irakischen Kriegsverletzten oder den 60 Zivilisten des letzten Falludjah-Raids oder die Irakische Hochzeitsgesellschaft, die von den Amerikanern bombardiert wurde (200 Tote).

Mit anderen Worten: Auf jeden verletzten oder getöteten US-Soldaten kommen mehrere Dutzend Irakische Zivilisten, von denen man aber nie etwas hört und liest.

Es ist übrigens interessant, wie wir auf Meldungen reagieren. Lenin hat einmal sinngemäss gesagt: "Wenn ein Mensch stirbt, ist das eine Tragödie. Wenn 100 Menschen sterben, ist das eine Schlagzeile".

Mit dem einen US-Soldaten oder -Zivilisten, dessen Foto in den Medien herumgereicht wird, kann man sich identifizieren und wir schreien auf, wenn dieser Mensch hingerichtet wird. Wenn aber auf der anderen Seite 50 Iraker hingerichtet werden, nehmen wir höchstens die Zahl als statistischen Wert war.

mfabian
24.09.2004, 01:45
... daß eine moslemische Gemeinde in einem benachbarten Ort es gerichtlich durchgesetzt hat, daß zu gewissen Zeiten keine Kirchenglocken mehr geläutet werden dürfen. Das hat mich wirklich gefetzt, wenn ich das mal so ausdrücken darf.
Zum Original-Beitrag (http://www.stock-channel.net/stock-board/showthread.php3?p=661559#post661559)


Ich verstehe sehr gut, dass Du Dich darüber aufregst. Würde mir auch so ergehen. Aber lass mich mal ganz plump nachfragen: Wer ist jetzt zu verurteilen? Die moslemische Gemeinde oder aber das Gericht, dass dem Begehren stattgegeben hat?

Meiner Meinung nach das Gericht. Denn ein korrektes Urteil hätte lauten müssen: "Wir sind ein christliches Land und Kirchenglocken gehören zu unserer Religion und unserer Kultur. Wer hier bei uns leben und arbeiten will hat sich unserer Kultur anzupassen. Und wem das nicht passt, der darf gerne gehen."

Perry27
24.09.2004, 08:53
Meiner Meinung nach das Gericht. Denn ein korrektes Urteil hätte lauten müssen: "Wir sind ein christliches Land und Kirchenglocken gehören zu unserer Religion und unserer Kultur. Wer hier bei uns leben und arbeiten will hat sich unserer Kultur anzupassen. Und wem das nicht passt, der darf gerne gehen.":ne Spätestens dann käme die Nazi-Keule, mfabian. Ich habe das schon zig mal erlebt. Aber Du hast vollkommen Recht, und wenn man die ganze Sache von der demoskopischen Entwicklung her sieht, kann einem schon Angst und Bange werden.:ek

carlo
24.09.2004, 23:40
Hallo marcus,

danke für Deine soufflierenden Dienste, aber so einfach wollen wir´s dem syr nicht machen, gelle? ;)

Unabhängig davon sehen wir uns ja morgen,
dann unterhalten wir uns ohne www weiter, okay? :)

carlo, der jetzt ins Bett muß... :zz

carlo
29.09.2004, 23:54
Hier steckt mehr als Sprengstoff drin:





"Der Koran erklärt die Bibel auf Arabisch"


Christoph Luxenberg fordert ein neues Leseverständnis von der Heiligen Schrift der Moslems

von Jan Rübel



Mit seinem Buch "Die syro-aramäische Lesart des Koran" hat Christoph Luxenberg nicht nur die Fachwelt verstört. Der Semitist übersetzt das heilige Buch der Moslems mit einer neuen Methode - und kommt in Teilen zu völlig neuen Schlüssen. Mit dem unter Pseudonym schreibenden Autor sprach Jan Rübel.



DIE WELT: Seit Jahrhunderten rätseln die Forscher über zahlreiche Stellen im Koran. Haben Sie mit Ihrer Lesart die Rätsel gelöst?



Christoph Luxenberg: Ich denke schon. Ich bin nämlich von der Überlegung ausgegangen, dass zur Zeit der Entstehung des Korans das Arabische noch keine Schriftsprache war. Daraus ergibt sich die Frage, woher die Araber plötzlich diese grammatisch so perfekte Sprache gehabt haben sollen.



DIE WELT: Was ist Ihr Schlüssel, diese Sprache zu lesen?



Luxenberg: Arabische Schulen gab es damals nicht, und wenn man gebildet war, dann im Aramäischen - der damaligen Lingua franca im westasiatischen Raum. Auch glaube ich, dass die Urheber der arabischen Schriftsprache Juden oder Christen gewesen sein müssen. Sie werden im Koran ja auch als Angehörige der Schrift oder Schriftbesitzer bezeichnet. Die Redaktoren des Korans waren im Aramäischen also vorgebildet und haben versucht, diesen religiösen Stoff in eine arabische Form zu bringen. Sie haben auf Aramäisch gedacht und dies wörtlich übersetzt. Es muss dabei keine aramäische Vorlage gegeben haben, die Redaktoren können schöpferisch tätig gewesen sein. Selbst dort, wo ein Ausdruck echt arabisch ist und im Kontext keinen Sinn ergibt, bin ich über den entsprechenden aramäischen Ausdruck zu einer plausiblen Bedeutung gekommen.



DIE WELT: Welche Beziehung besteht zwischen Arabisch und Aramäisch?



Luxenberg: Sie ähnelt der zwischen Deutsch und Holländisch. Beide haben gemeinsame Wurzeln, aber Unterschiede in der Bedeutung. So heißt "bellen" auf Holländisch "klingeln", während in Deutschland keiner auf die Idee käme, an der Haustür zu bellen.



DIE WELT: Die Reaktionen einiger Arabisten lassen jedoch vermuten, dass die das gern an Ihrer Haustür täten. Sie stoßen sich an zahlreichen Ihrer Übersetzungen: Aus Jungfrauen im Paradies wurden bei Ihnen weiße Weintrauben.



Luxenberg: Das betreffende koranische Wort "Hur" ist aramäischen Ursprungs und bedeutet "weiß". Worauf sich dieses Adjektiv bezieht, erschließt sich nicht unmittelbar. Aus dem Kontext heraus wird jedoch klar: Es geht um das Paradies, den himmlischen Garten. Die Rebe fehlt in koranischen Beschreibungen des irdischen Gartens nie. Im himmlischen Garten ist das Wort "Hur" ein metaphorischer Ausdruck für weiße Trauben. Auch syrisch-aramäische Wörterbücher belegen, dass sich dieses Adjektiv im Femininum auf "weiße Trauben" bezieht.



DIE WELT: In der altarabischen, vorislamischen Poesie aber spielen die Huris als Jungfrauen eine Rolle.



Luxenberg: Die so genannte altarabische Poesie ist erst seit dem neunten Jahrhundert schriftlich dokumentiert. Die streng klassische Form dieser Poesie kann nicht aus der Zeit vor dem Koran stammen. Diese ist erst nach der Schaffung der arabischen Grammatik in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts mindestens überarbeitet worden. Manches ist auch erst danach entstanden, insbesondere solche Passagen, die die "Huris" oder "Paradiesjungfrauen" zum Inhalt haben.


DIE WELT: Ein anderer Streitfall ist Ihre Deutung eines Kopftuch-Gebots im Koran.



Luxenberg: An dieser einen Stelle (Sure 24, Vers 31), in der man bisher ein Kopftuch gesehen hat, ist der Ausdruck "Chumur" auf Grund einer Fehllesung im Sinne von "Kopftücher" interpretiert worden. Außer diesem koranischen Bezug ist dieses Wort im heutigen arabischen Sprachgebrauch gar nicht geläufig. Zudem ist ihm das Verb "schlagen" beigestellt - das kennt die arabische Phraseologie nicht. Im Aramäischen dagegen ist der Ausdruck belegt, und zwar ausschließlich in Verbindung mit einem Gürtel: Danach wird dieser "um die Lenden geschlagen".



DIE WELT: Was halten Sie denn von der aktuellen Debatte um ein Kopftuch-Verbot?



Luxenberg: Das Kopftuch an sich ist nicht spezifisch islamisch. Wer es aus reiner religiöser Überzeugung trägt, soll es doch tun. Nur wenn es politisch instrumentalisiert wird, irritiert es zu Recht, und das scheint heute der Fall zu sein. Religion ist Privatsache, und wer glaubt, soll nicht vor aller Welt zeigen: Schaut hin, ich glaube, und ihr nicht. Eine solche provokative Haltung ist im Grunde antiproduktiv, denn sie zeugt weder von einer echten religiösen Überzeugung noch von einer friedfertigen Gesinnung. Ich bin also nur gegen das provokative Tragen des Kopftuches, nicht grundsätzlich gegen das Kopftuch selbst.



DIE WELT: Warum schreiben Sie unter Pseudonym?



Luxenberg: Moslemische Freunde warnten mich. Sie meinten, nicht alle Moslems seien Intellektuelle. Und da viele Gläubige sich den Koran als Gottes unveränderliches Wort vorstellen, werden einige geschockt sein. Das könnte zu unberechenbaren Reaktionen führen.



DIE WELT: Haben Sie bereits negative Erfahrungen gemacht?



Luxenberg: Persönlich nicht. Viele Moslems, mit denen ich mich inkognito unterhalten habe, sahen meinen Standpunkt ein.



DIE WELT: Aber einige von ihnen dürften verstört darüber sein, dass Sie im Koran eine andere Form der Bibel sehen.



Luxenberg: Der Koran spricht oft von der Schrift und vom Glauben an sie. Er will nichts anderes sein als eine Erklärung der Schrift in arabischer Sprache. Außerdem heißt es da an die Adressen der Gläubigen, die damals noch nicht Moslems hießen: "Ihr glaubt ja an die gesamte Schrift." Damit sind das Alte und Neue Testament gemeint, die der Koran nennt.



DIE WELT: Später relativierte die islamische Theologie diese Würdigung.



Luxenberg: Unter dem Vorwand, Juden und Christen hätten ihre Schriften verfälscht. So haben sich die islamischen Religionsgelehrten mit dem Koran begnügt, der über solche Verfälschungen allerdings nichts schreibt. Dies ist in einem politischen Zusammenhang zu sehen. Nach der Etablierung des Arabischen Reiches kam das Bedürfnis auf, sich von anderen Religionen abzugrenzen und eine eigene Identität zu gründen.



DIE WELT: Seit wann ist der Islam denn in Ihren Augen eine eigenständige Religion?


Luxenberg: Nach islamischer Tradition von Anfang an, also gegen 622 nach unserer Zeitrechnung. Aber wir haben aus dieser Zeit keine schriftlichen Belege. Die frühesten Koranhandschriften datieren vermutlich erst aus der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts. Daraus schließen manche Islamwissenschaftler, dass der Islam erst um diese Zeit entstanden ist. Als Philologe meine ich aber, dass man den Korantext insgesamt erst klären soll, bevor man diesbezüglich irgendwelche Schlüsse zieht.



DIE WELT: Welche Folgen für den Dialog zwischen Christen, Juden und Moslems könnten Ihre Forschungsergebnisse haben?



Luxenberg: Das sehe ich sehr positiv, denn ich bin davon überzeugt, dass die Moslems an einem philologisch begründeten Verständnis ihrer heiligen Schrift interessiert sind. Dafür gibt es auf schiitischer Seite Anzeichen. Im vergangenen Herbst erschien in der Sondernummer einer schiitischen Theologenzeitschrift aus dem Libanon über Koranauslegung eine wohlwollende Rezension meines Buches. Meine Methode sei ernst zu nehmen, heißt es da, sie bedeute eine Bereicherung der Koransprache.



DIE WELT: Nun ist es schiitische Lehrmeinung, man könne den Koran bis heute neu interpretieren.



Luxenberg: Schiiten sind philologisch und theologisch nicht an sunnitische Dogmen gebunden und fühlen sich frei, auch wissenschaftlich über den Koran zu arbeiten. Ich weiß von meinem Verleger, dass die iranische Botschaft in Berlin einen ganzen Karton mit meinem Buch bestellt hat, um sie an wissenschaftliche Institutionen im Iran zu verschicken.



DIE WELT: Und welche Folgen hätte ihre Lesart für das Christentum?



Luxenberg: Auch das Christentum müsste sich auf seine Anfänge besinnen. So, wie es heute aussieht, hat es nicht immer ausgesehen.



DIE WELT: Also in Zweifel ziehen, dass Jesus Gottes Sohn ist?



Luxenberg: "Gottes Sohn" ist ein evangelisch-theologischer Begriff. Bei Paulus heißt es ja auch, dass durch Christus die Menschen zu "Gottessöhnen" werden sollen. Dies ist aber eine Debatte für Theologen, ich bin Philologe.



DIE WELT: Denken Sie manchmal daran, das Sie sich mit der neuen Lesart letztlich fundamental irren könnten?



Luxenberg: Wenn man etwas zum ersten Male darstellt, kann man einen Irrtum nicht ausschließen. Ich mache Vorschläge und belege sie. Wer einen besseren Vorschlag hat, der möge ihn bitte auf den Tisch legen.



Artikel erschienen am Mi, 29. September 2004

http://www.welt.de/data/2004/09/29/339024.html?s=1







...aber den Gedanken an diese Sichtweise gab es offenbar schon früher:



Mohammed, textkritisch gesehen


von Jan Rübel



Als Sulaiman Baschir seinen Studenten an der Najah-Universität in Nablus seine These vortrug, der Islam habe sich erst nach und nach als Religion entwickelt, warfen diese ihn kurzerhand aus dem Fenster. Dass ihr Lehrer den Koran, dieses unantastbare Buch Gottes, menschlich, weil kritisch betrachtete, mochten sie ihm nicht verzeihen. Anderen kritischen Koran-Exegeten erging es noch schlimmer. Der ägyptische Intellektuelle Faraq Foda wurde auf der Straße erschossen, sein Landsmann Nasr Hamid Abu Zaid suchte - nach einer Zwangsscheidung - Asyl in den Niederlanden, der sudanesische Reformtheologe Mahmud Taha wurde gehängt. So harrt der Koran mit all seinen Stilen und Schichten noch immer einer Textkritik, wie sie die Bibel seit 200 Jahren erlebt.



Bis im Jahr 2000 das Buch des Semitisten Christoph Luxenberg, eines Fachmanns für Arabisch und Aramäisch, der aus guten Gründen unter Pseudonym arbeitet und schreibt, die Fachwelt in Aufregung versetzte. "Die Syro-Aramäische Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koran-Sprache", die in diesen Tagen in zweiter, überarbeiteter Auflage erscheint (Verlag Hans Schiler, Berlin. 350 S., 29,90 Euro), geht von der These aus, dass der Wortschatz des Koran stark vom Aramäischen durchwebt ist - und nicht nur von der "klaren arabischen Sprache", wie es der Koran selber erzählt. Luxenberg nimmt sich die so genannten dunklen Stellen im Koran vor, Passagen, über deren Bedeutung sich schon vor 1000 Jahren Koran-Kommentatoren den Kopf zerbrachen.



Bei jedem unklaren Wort studiert er zunächst den berühmtesten Kommentar, den 903 n. Chr. erstellten "Tafsir" von Ibn Jarir Al Tabari, und konsultiert den "Lisan Al Arab", das Hauptwörterbuch für die klassische arabische Sprache. Stellt sich keine einleuchtende Erklärung ein, sucht er nach einem aramäischen Wort, welches in seiner Struktur dem unklaren arabischen Wort gleich ist, aber anderes bedeutet.



Stellt sich nichts Erhellendes ein, wendet er sich den so genannten diakritischen Punkten zu: Früheste Koran-Handschriften zeigen, dass sie in einem Arabisch verfasst wurden, welches aus Rumpfbuchstaben bestand - Zeichen, die nur verstand, wer den Kontext schon kannte. Denn ein solches Zeichen konnte bis zu fünf verschiedene Buchstaben meinen. Oder er übersetzt ein unklares arabisches Wort zurück ins Aramäische, um dann aus diesem semantischen Inhalt heraus die bestmögliche Bedeutung zu lesen.



Was Luxenberg eine Diskussionsgrundlage nennt, lässt die Geschichte der bisherigen Korandeutung als eine Kette von Irrtümern und Fehlinterpretationen erscheinen.

http://www.welt.de/data/2004/09/29/339023.html?search=christoph+luxenberg&searchHILI=1

Artikel erschienen am Mit, 29. September 2004

Perry27
11.11.2004, 20:56
Ein guter Kumpel von mir ist Moslem, macht gerade Ramadan und hat auch schon eine Hadsch gemacht. Er meint, daß wir alle von Adam und Eva abstammen. Er war mal mit einer Deutschen verheiratet und seine Kinder waren sogar Messdiener. Er meinte, daß die Messdienerjungens am Altar immer so hyperkinetisch rumwackeln und nicht richtig bei der Sache sind. Na ja, wo er Recht, hat hat er Recht. :rolleyes: :)