PDA

Vollständige Version anzeigen : Die Analysten - Nullgrenzen


reg
10.12.2000, 23:04

Joerg
10.12.2000, 23:04
Eine neue Einschätzung hochdotierter Personen?

I N V E S T M E N T B A N K I N G

Kaufen, kaufen, kaufen

Analysten kennen vor allem ein Ziel: Sie wollen Aktien unters Volk bringen. Das ist ihr Job, denn davon leben die Banken, denen sie dienen. Und deshalb empfehlen sie selbst in der tiefsten Flaute angebliche Hoffnungswerte. Die Anleger kommt der Rat oft teuer zu stehen.


Es ist ganz leicht, aus einem großen ein kleines Vermögen zu machen: Man muss nur dem Rat der so genannten Analysten vertrauen, die im Auftrag der Banken Aktien analysieren.
So erging es auch jenen Anlegern, die auf die Expertise der DG Bank vertrauten: Die brachte, als Mitglied des Bankenkonsortiums, im August 1999 den Internet-Dienstleister Gigabell an die Börse. Die DG Bank hatte einen Emissionskurs zwischen 47,85 und 53,20 Euro errechnet. Der Konsortialführer Trinkaus & Burkhardt war vorsichtiger und setzte schließlich eine Spanne zwischen 38 und 42 Euro fest.

Nur sechs Wochen nach dem Börsengang gab Gigabell eine Verlustwarnung heraus. Trotzdem stieg die Akte zu Beginn des Jahres im Sog der großen Internet-Euphorie auf 120 Euro.


© DER SPIEGEL

Obwohl Gigabell nie die angepeilten Ergebnisse erreichte und die Umsätze parallel zu den Verlusten stiegen, hielt die DG Bank unverdrossen zu ihrem Kunden. Am 19. April kam noch eine Kaufempfehlung. Zwar seien die Planzahlen für 1999 nicht erreicht worden, aber mittelfristig verfolge Gigabell eine zweistellige Umsatzrendite.

Naivität, Hoffen auf Wunder - oder sogar Täuschung der Anleger? Bereits im Mai hatte die Firma das gesamte Geld aus dem Börsengang verspielt, im September war Gigabell endgültig pleite.

So weit sind viele andere Wachstumswerte - noch - nicht, aber auch die übrigen gefallenen Engel an der Wachstumsbörse können ihren Abstieg noch immer mit Kaufempfehlungen schmücken: Ein Kurs kann noch so tief stürzen, es findet sich stets ein Experte, der dem verunsicherten Anleger zum Einstieg rät - denn jetzt, so die gängige Begründung, sei die Aktie wirklich unterbewertet.

Die Erfahrung lehrt etwas anderes: Kein Kurs ist so tief, als dass er nicht noch weiter fallen könnte. Die Grenze liegt bei null.

Für unerfahrene Börsianer ist das eine neue Erkenntnis: Jahrelang gab es an der Börse nur eine Richtung, die Kaufempfehlungen machten fast alle Anleger glücklich, und selbst hoch gesteckte Kursziele erfüllten sich wie von selbst.

Brummt die Börse, haben fast alle Analysten Recht. Aber dann gewinnt auch, wer zur Auswahl seiner Aktien mit dem Dartpfeil auf den Kursteil einer Zeitung wirft.

Die Bewährungsprobe kommt, wenn die Kurse ins schier Bodenlose fallen - so wie jetzt. Dabei haben sich die Analysten der Banken bis auf die Knochen blamiert. Ob EM.TV, Mobilcom oder T-Online: Der Niedergang der einstigen Hoffnungswerte wird begleitet von wohlwollenden Kommentaren und Kaufempfehlungen.


© DER SPIEGEL

Kaufen, kaufen, kaufen: Als ob die Börse ein immer währender Schnäppchenmarkt und jeder Tiefstkurs eine Kaufgelegenheit wäre, preisen die Banken Aktien an. Das ist kein Wunder: Sie verdienen an diesem Geschäft - und das nicht schlecht.

Und die Analysten verdienen mit. "Seit zwei Jahren ist die Branche derart hochgehypt, dass es mittlerweile an qualifiziertem Nachwuchs fehlt", sagt Michael Klein, Leiter des Aktienresearch bei Sal. Oppenheim. "Gute und erfahrene Leute sind wirklich schwer zu finden."

Ähnliche Erfahrungen hat auch die Research-Chefin eines Frankfurter Brokerhauses gemacht. "Selbst einem Junior, der wenig Ahnung hat und schlecht motiviert ist, muss ich inzwischen 200 000 Mark im Jahr bezahlen."

Doch das sind Peanuts im Vergleich zu den Größen des Gewerbes, die mehrere Millionen verdienen. Die europäischen Großbanken haben - wie die Deutsche Bank mit Edson Mitchell an der Spitze - ihr Investmentbanking mit den meisten Analystenteams in London konzentriert. Beide Geschäfte ergänzen sich, denn das viele Geld bekommen die Top-Analysten nicht, weil sie die Anleger akkurat beraten. Es sind die Kontakte zu den Unternehmensführern, die den Banken so viel wert sind.

"Gute Analysten sind Regenmacher", erläutert ein Insider. Auf ihre Vorschläge, hier eine Firma zu kaufen oder dort einen Bereich abzustoßen, hören die Chefs. Oft bekommt die Investmentbank, für die der Analyst arbeitet, anschließend den Auftrag. Bei einigen Fusionen oder Unternehmenskäufen gehört der Analyst sogar mit zu dem Team, das den Deal vorbereitet.

Wie wichtig das Zusammenspiel zwischen Konzernlenkern und Analysten ist, demonstriert Chris Gent. Der Chef von Vodafone konnte sein Unternehmen mit zahllosen Übernahmen zur größten Mobilfunkfirma Europas ausbauen, auch weil er das Vertrauen der Aktienexperten besitzt. "Er kennt 20 Analysten mit Namen", sagt Andrew Beale, der Telekom-Spezialist der Deutschen Bank in London.

Geradezu Kultstatus genießen die Topanalysten in den USA - jedenfalls solange ihre Prophezeiungen eintreffen. Henry Blodgets Worte waren einst Milliarden wert. Denn der wie ein Hollywood-Star gefeierte - und bezahlte - Börsenprophet sagte die Kurse von Internet-Firmen bisweilen nicht nur voraus. Er machte sie.

Im Dezember 1998 empfahl Blodget die bereits wahnwitzig gestiegene Aktie des Online-Buchhändlers Amazon - Kursziel: 400 Dollar. Die Aktie stand damals bei 240 Dollar. Wenige Wochen später war das Kursziel fast erreicht - und Blodget der Staranalyst der Internet-Werte.

Auch die Empfehlungen von Abby Cohen oder Ralph Acampora waren für Anleger regelrechte Kaufbefehle. Cohen, Chefstrategin der New Yorker Investmentbank Goldman Sachs, gilt als die mächtigste Frau der Wall Street. Der Daueroptimist Acampora vom Wertpapierhaus Prudential Securities, genannt "Mr. Bullmarket", hat eine gläubige Schar von Jüngern, seit er 1995 eine lang anhaltende Hausse vorhersagte. Er behielt Recht.

Acampora schaffte es sogar, den gesamten amerikanischen Aktienmarkt in den Keller zu schicken. Als er im August 1998 eine Kurskorrektur im Dow Jones ankündigte, sackte der Index um 300 Punkte ab. Das hat bisher nur Alan Greenspan, der mächtige Chef der US-Notenbank, geschafft.

Neuerdings aber bewegen die Börsenpropheten die Kurse nur noch kurzzeitig, den Trend bestimmen sie nicht. Die Gurus sind entzaubert: Den Crash der Technologiewerte haben die allermeisten falsch eingeschätzt. Wacker empfahl beispielsweise Blodget die von seinem Arbeitgeber an die Börse gebrachte Firma Pets.com. Doch das Papier rutschte trotz ständig wiederholter Kaufempfehlungen von über sieben Dollar auf unter einen Dollar ab.

"Der wichtigste Job eines Aktienanalysten ist es, eine Aktie zu verkaufen", erklärt der Londoner Analyst einer deutschen Großbank. Deshalb gibt es kaum kritische Studien. Schon Arthur Levitt, Chef der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC, klagte, dass in den USA nur ein Prozent der Analysen negativ ausfällt.

Auch vor der Blase, der spekulativen Überhitzung der Aktienkurse, warnten die meisten Analysten nicht. Denn dann hätte es nur einen Rat gegeben: Finger weg von Aktien, bis sich der Markt beruhigt hat.

Beispiel T-Online: Das im April emittierte Internet-Portal der Telekom war von Anfang an der Favorit von Lehman Brothers, einem amerikanischen Investmenthaus. Am 22. Mai prognostizierten die Analysten Tarek Robbiati und Rufus Grantham umfangreiche Geschäftsabschlüsse, die den E-Commerce- und Werbe-Einnahmen zusätzliche Wachstumsimpulse verleihen und den Kurs auf 64 bis 68 Euro puschen sollten. Wer den Experten glaubte und das Papier am ersten Handelstag kaufte, hat sein Kapital bislang halbiert.

Beispiel Mobilcom: Die Analysten der Dresdner Kleinwort Benson empfahlen den Mobilfunkbetreiber nahe am Allzeithoch von 199 Euro. Am 21. März hielten sie einen Einstieg der France Télécom für plausibel. Das würde ausreichen, um das UMTS-Netz zu finanzieren. Ein eklatantes Fehlurteil.

Denn einerseits waren die UMTS-Lizenzen in England bereits zu Mondpreisen versteigert worden, und andererseits war der für die Unternehmen nachteilige Versteigerungsmodus in Deutschland in den Grundzügen bekannt. Jedem echten Experten war klar, das