Tabea
30.12.2004, 18:41
Ich möchte euch ein geniales Buch vorstellen.
Rechtschreibung lernen unter Tränen (vor lachen) :hihi
http://shop.spiegel.de/img/cat/SPON/Zwiebelfisch-s.jpg
Die oder das Nutella – diese Frage hat schon viele Gemüter am Frühstückstisch bewegt. Der, die, das – wieso, weshalb, warum? Ob Nutella nun weiblich oder sächlich ist, ist sicherlich keine Frage auf Leben und Tod, aber eine Antwort hätten wir schon gern. Wir? Ja, wir hilflos Verlorenen im Labyrinth der deutschen Sprache. Wir, die wir unsere liebe Not mit der deutschen Sprache haben. Und leichter, verständlicher oder zumindest nachvollziehbarer ist es nach der Rechtschreibreform auch nicht geworden. In seinen hinreißend komischen und immer klugen Kolumnen bringt Bastian Sick Licht ins Dunkel der deutschen Sprachregelungen und sortiert den Sprachmüll. Ist der inflationären Verwendung von Bindestrichen noch Einhalt zu gebieten, angesichts von Spar-Plänen und Quoten-Druck? Versinken wir sprachlich gesehen nicht längst im Hagel der Apostrophe, wenn Känguru’s plötzlich in den Weiten Australien’s leben? Derlei Unsinn scheint nicht mehr aufhaltbar, wenn es nicht dieses Buch gäbe. Darauf zwei Espressis!
Kostet 8,90 Euro
Hier kann es bei Amazon bestellt werden: Klick (http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3462034480/stockchannelnetg)
Hier nach und nach einige Kostproben von Bastian Sick, der regelmäßig
die Zwiebelfisch-Kolumnen bei Spiegel-Online schreibt:
Das Imperfekt der Höflichkeit
Mein Freund Henry und ich sitzen im Restaurant und geben gerade unsere Bestellung auf. "Also, Sie wollten den Seeteufel, richtig?", fragt der Kellner an Henry gewandt. "Das ist korrekt", erwidert Henry und fügt hinzu: "und ich will ihn immer noch." Der Kellner blickt leicht irritiert. "Angesichts der Tatsache, dass meine Bestellung gerade mal eine halbe Minute her ist, dürfen Sie gerne davon ausgehen, dass ich den Seeteufel auch jetzt noch will", sagt Henry. Der Kellner scheint zwar nicht ganz zu begreifen, nickt aber höflich und entfernt sich.
"Was sollte das denn nun wieder?", frage ich meinen Freund, der es auch nach Jahren noch schafft, mich mit immer neuen seltsamen Anwandlungen zu verblüffen. Henry beugt sich vor und raunt: "Ist dir noch nie aufgefallen, dass Angestellte im Service ständig die Vergangenheitsform benutzen, ohne dass es dafür einen zwingenden Grund gibt?" - "Das mag zwar sein, aber ich wüsste nicht, was daran verkehrt sein sollte", erwidere ich. Henry deutet zur Tür und sagt: "Das ging schon los, als wir reinkamen. Du warst noch an der Garderobe, ich sage zum Empfangschef: 'Guten Abend, ich habe einen Tisch für zwei Personen reserviert!', und er fragt mich: Wie war Ihr Name?" - "Ich ahne Furchtbares! Du hast doch nicht etwa...?" - "Natürlich habe ich!", sagt Henry mit einem breiten Grinsen, "die Frage war doch unmissverständlich. Also erkläre ich ihm: Früher war mein Name Kurz, aber vor drei Jahren habe ich geheiratet und den Namen meiner Frau angenommen, deshalb ist mein Name heute nicht mehr Kurz, sondern länger, nämlich Caspari." - "Ein Wunder, dass er uns nicht gleich wieder vor die Tür gesetzt hat!", seufze ich. Henry zuckt die Schultern: "Ist doch wahr! Eisparfait auf der Karte und Imparfait in der Frage - das sind Wesensmerkmale der Gastronomie. Sag mir nicht, du hättest dir noch nie darüber Gedanken gemacht? Ich jedenfalls finde es höchst bemerkenswert!"
Eine Viertelstunde später kommt eine junge weibliche Servierkraft mit den Speisen. "Wer bekam den Fisch?", fragt sie. Henry wirft mir einen triumphierenden Blick zu, wendet sich der Kellnerin zu und sagt mit einem charmanten Lächeln: "Noch hat ihn keiner bekommen, aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich ihn nun bekommen könnte." - "Henry", sage ich tadelnd, als wir wieder unter uns sind, "du bringst die junge Dame ja völlig durcheinander! Wie kann man nur so erbsenzählerisch sein?" - "Das musst du gerade sagen! Du bist doch der Zwiebelfisch. Wenn hier einer Erbsen zählt, dann du! Außerdem ist es meine Bestimmung, junge Damen durcheinander zu bringen!" Das ist der Henry, wie ihn alle lieben: bescheiden, höflich, zurückhaltend. Ich deute auf meinen Teller und sage: "Für mich gibt's höchstens Brokkoliröschen zu zählen, und das ist schnell erledigt." Henry wirft die Hände in die Luft und imitiert den Kellner: "Also, Sie hatten die Brokkoliröschen?"
Ich bemühe mich, sachlich zu bleiben: "Wenn dich jemand etwas fragt und dabei das Imperfekt verwendet, dann heißt das nicht, dass er sich für deine Vergangenheit interessiert. Meistens verwendet man es, wenn man sich einer Sache vergewissern will: Wie war das doch gleich?" Henry spritzt, den Seeteufel nur um wenige Meter verfehlend, Zitronensaft auf mein Hemd und entgegnet: "Aber manche nehmen das durchaus wörtlich. Neulich habe ich von einer Frau gehört, die im Reisebüro einen Nervenzusammenbruch erlitten haben soll, weil man sie gefragt hat: 'Wie viele Kinder hatten sie?' Die Frau fing an zu heulen und soll unter Tränen gesagt haben: 'Ich hatte drei, aber mein Jüngster ist vor zwei Jahren auf der Bundesstraße überfahren worden.' So was ist doch grauenhaft! Wäre ich dabei gewesen, ich hätte das Reisebüro sofort verklagt!" - "Natürlich, du bist schließlich Anwalt und hast nichts Besseres zu tun. Dann lass mich eben etwas zur Verteidigung des Imperfekts sagen: Zum einen haben wir es hier mit einer Verkürzung zu tun. 'Wie viele Kinder hatten Sie' ist die - legitime - Verkürzung von 'Was sagten Sie noch, wie viele Kinder Sie haben?'. Zum anderen drückt das Imperfekt respektvolle Distanz aus, daher ist es im Service so beliebt. Man will dem Kunden schließlich nicht zu nahe treten. 'Wie war Ihr Name?' klingt - zumindest in manchen Ohren - weniger direkt und somit höflicher als 'Wie ist Ihr Name?' Es ist dasselbe wie mit dem Konjunktiv. 'Ich will ein Glas Prosecco' klingt zu direkt, daher verkleidet man den Wunsch mit dem Konjunktiv, versieht ihn womöglich noch mit einem Diminutivum und sagt: 'Ich hätte gerne ein Gläschen Prosecco!'" Erwartungsgemäß nutzt Henry diese Vorlage zu einem spöttischen Einwurf: "Au ja! Prosecco für alle!" Ich fasse zusammen: "Aus demselben Grund wird in der Frage das Imperfekt verwendet - aus Höflichkeit." Henry verdreht schwärmerisch die Augen: "Das Imperfekt der Höflichkeit! Ein toller Titel! Klingt wie 'Der Scheineffekt der Wirklichkeit' oder 'Der Gipfel der Unsäglichkeit'. Seine Vollendung findet es übrigens im berühmt-berüchtigten Imbissbuden-Deutsch: 'Waren Sie das Schaschlik oder die Currywurst?'
Wir lassen es uns schmecken, und nachdem auch die zweite Flasche Wein geleert ist, gebe ich dem Kellner mit Handzeichen zu verstehen, dass er uns die Rechnung bringen möge. Einen Augenblick später ist er zur Stelle und fragt: "Die Herren wollten zahlen?" Und ehe ich noch Luft holen kann, platzt es aus Henry heraus: "Vor fünf Minuten wollten wir zahlen, und redlich, wie wir sind, wollen wir immer noch zahlen, und zwar so lange, bis wir tatsächlich gezahlt haben!" Der Kellner verzieht keine Miene: "Zusammen oder getrennt?" - "Zusammen!", sage ich. "Du lädst mich ein?", fragt Henry begeistert, "wie komme ich zu der Ehre?" Ich bitte den Kellner um einen Bewirtungsbeleg und sage zu Henry: "Ich setze es von der Steuer ab. Das war ein Arbeitsessen. Daraus mache ich eine Kolumne." - "Na prima", sagt Henry, "das nächste Mal essen wir beim Koreaner. Der fragt nie: 'Was darf's sein?' oder 'Was wünschen Sie?', sondern 'Was soll essen?' Darüber lässt sich prächtig philosophieren!"
Rechtschreibung lernen unter Tränen (vor lachen) :hihi
http://shop.spiegel.de/img/cat/SPON/Zwiebelfisch-s.jpg
Die oder das Nutella – diese Frage hat schon viele Gemüter am Frühstückstisch bewegt. Der, die, das – wieso, weshalb, warum? Ob Nutella nun weiblich oder sächlich ist, ist sicherlich keine Frage auf Leben und Tod, aber eine Antwort hätten wir schon gern. Wir? Ja, wir hilflos Verlorenen im Labyrinth der deutschen Sprache. Wir, die wir unsere liebe Not mit der deutschen Sprache haben. Und leichter, verständlicher oder zumindest nachvollziehbarer ist es nach der Rechtschreibreform auch nicht geworden. In seinen hinreißend komischen und immer klugen Kolumnen bringt Bastian Sick Licht ins Dunkel der deutschen Sprachregelungen und sortiert den Sprachmüll. Ist der inflationären Verwendung von Bindestrichen noch Einhalt zu gebieten, angesichts von Spar-Plänen und Quoten-Druck? Versinken wir sprachlich gesehen nicht längst im Hagel der Apostrophe, wenn Känguru’s plötzlich in den Weiten Australien’s leben? Derlei Unsinn scheint nicht mehr aufhaltbar, wenn es nicht dieses Buch gäbe. Darauf zwei Espressis!
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Hier nach und nach einige Kostproben von Bastian Sick, der regelmäßig
die Zwiebelfisch-Kolumnen bei Spiegel-Online schreibt:
Das Imperfekt der Höflichkeit
Mein Freund Henry und ich sitzen im Restaurant und geben gerade unsere Bestellung auf. "Also, Sie wollten den Seeteufel, richtig?", fragt der Kellner an Henry gewandt. "Das ist korrekt", erwidert Henry und fügt hinzu: "und ich will ihn immer noch." Der Kellner blickt leicht irritiert. "Angesichts der Tatsache, dass meine Bestellung gerade mal eine halbe Minute her ist, dürfen Sie gerne davon ausgehen, dass ich den Seeteufel auch jetzt noch will", sagt Henry. Der Kellner scheint zwar nicht ganz zu begreifen, nickt aber höflich und entfernt sich.
"Was sollte das denn nun wieder?", frage ich meinen Freund, der es auch nach Jahren noch schafft, mich mit immer neuen seltsamen Anwandlungen zu verblüffen. Henry beugt sich vor und raunt: "Ist dir noch nie aufgefallen, dass Angestellte im Service ständig die Vergangenheitsform benutzen, ohne dass es dafür einen zwingenden Grund gibt?" - "Das mag zwar sein, aber ich wüsste nicht, was daran verkehrt sein sollte", erwidere ich. Henry deutet zur Tür und sagt: "Das ging schon los, als wir reinkamen. Du warst noch an der Garderobe, ich sage zum Empfangschef: 'Guten Abend, ich habe einen Tisch für zwei Personen reserviert!', und er fragt mich: Wie war Ihr Name?" - "Ich ahne Furchtbares! Du hast doch nicht etwa...?" - "Natürlich habe ich!", sagt Henry mit einem breiten Grinsen, "die Frage war doch unmissverständlich. Also erkläre ich ihm: Früher war mein Name Kurz, aber vor drei Jahren habe ich geheiratet und den Namen meiner Frau angenommen, deshalb ist mein Name heute nicht mehr Kurz, sondern länger, nämlich Caspari." - "Ein Wunder, dass er uns nicht gleich wieder vor die Tür gesetzt hat!", seufze ich. Henry zuckt die Schultern: "Ist doch wahr! Eisparfait auf der Karte und Imparfait in der Frage - das sind Wesensmerkmale der Gastronomie. Sag mir nicht, du hättest dir noch nie darüber Gedanken gemacht? Ich jedenfalls finde es höchst bemerkenswert!"
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Ich bemühe mich, sachlich zu bleiben: "Wenn dich jemand etwas fragt und dabei das Imperfekt verwendet, dann heißt das nicht, dass er sich für deine Vergangenheit interessiert. Meistens verwendet man es, wenn man sich einer Sache vergewissern will: Wie war das doch gleich?" Henry spritzt, den Seeteufel nur um wenige Meter verfehlend, Zitronensaft auf mein Hemd und entgegnet: "Aber manche nehmen das durchaus wörtlich. Neulich habe ich von einer Frau gehört, die im Reisebüro einen Nervenzusammenbruch erlitten haben soll, weil man sie gefragt hat: 'Wie viele Kinder hatten sie?' Die Frau fing an zu heulen und soll unter Tränen gesagt haben: 'Ich hatte drei, aber mein Jüngster ist vor zwei Jahren auf der Bundesstraße überfahren worden.' So was ist doch grauenhaft! Wäre ich dabei gewesen, ich hätte das Reisebüro sofort verklagt!" - "Natürlich, du bist schließlich Anwalt und hast nichts Besseres zu tun. Dann lass mich eben etwas zur Verteidigung des Imperfekts sagen: Zum einen haben wir es hier mit einer Verkürzung zu tun. 'Wie viele Kinder hatten Sie' ist die - legitime - Verkürzung von 'Was sagten Sie noch, wie viele Kinder Sie haben?'. Zum anderen drückt das Imperfekt respektvolle Distanz aus, daher ist es im Service so beliebt. Man will dem Kunden schließlich nicht zu nahe treten. 'Wie war Ihr Name?' klingt - zumindest in manchen Ohren - weniger direkt und somit höflicher als 'Wie ist Ihr Name?' Es ist dasselbe wie mit dem Konjunktiv. 'Ich will ein Glas Prosecco' klingt zu direkt, daher verkleidet man den Wunsch mit dem Konjunktiv, versieht ihn womöglich noch mit einem Diminutivum und sagt: 'Ich hätte gerne ein Gläschen Prosecco!'" Erwartungsgemäß nutzt Henry diese Vorlage zu einem spöttischen Einwurf: "Au ja! Prosecco für alle!" Ich fasse zusammen: "Aus demselben Grund wird in der Frage das Imperfekt verwendet - aus Höflichkeit." Henry verdreht schwärmerisch die Augen: "Das Imperfekt der Höflichkeit! Ein toller Titel! Klingt wie 'Der Scheineffekt der Wirklichkeit' oder 'Der Gipfel der Unsäglichkeit'. Seine Vollendung findet es übrigens im berühmt-berüchtigten Imbissbuden-Deutsch: 'Waren Sie das Schaschlik oder die Currywurst?'
Wir lassen es uns schmecken, und nachdem auch die zweite Flasche Wein geleert ist, gebe ich dem Kellner mit Handzeichen zu verstehen, dass er uns die Rechnung bringen möge. Einen Augenblick später ist er zur Stelle und fragt: "Die Herren wollten zahlen?" Und ehe ich noch Luft holen kann, platzt es aus Henry heraus: "Vor fünf Minuten wollten wir zahlen, und redlich, wie wir sind, wollen wir immer noch zahlen, und zwar so lange, bis wir tatsächlich gezahlt haben!" Der Kellner verzieht keine Miene: "Zusammen oder getrennt?" - "Zusammen!", sage ich. "Du lädst mich ein?", fragt Henry begeistert, "wie komme ich zu der Ehre?" Ich bitte den Kellner um einen Bewirtungsbeleg und sage zu Henry: "Ich setze es von der Steuer ab. Das war ein Arbeitsessen. Daraus mache ich eine Kolumne." - "Na prima", sagt Henry, "das nächste Mal essen wir beim Koreaner. Der fragt nie: 'Was darf's sein?' oder 'Was wünschen Sie?', sondern 'Was soll essen?' Darüber lässt sich prächtig philosophieren!"