Ralph
05.11.2000, 13:39
Ich stelle mal seine letzte Kolumne hier rein. Wie ich finde, ganz interessant zu lesen ! .... zu finden ist sie immer unter http://nachrichten.boerse.de/index.php3
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Der Oktober 2000 ist vorbei, die Bullen atmen tief durch
Wer mit etwas Abstand das Börsengeschehen beobachten darf, hat den Eindruck, alles ist in Ordnung und ist versucht mit Candides Worten von Voltaire zu sagen: "alles ist aufs beste bestellt in den besten der möglichen Welten" (18. Jahrhundert). Da kann der Anleger in fast allen Zeitungen und Fachzeitschriften lesen, es gebe keinen Crash bei Aktien mehr und schon gar nicht im Oktober; die Statistik beweist es. Und ausserdem gibt es im Zeitalter des Turbo-Kapitalismus effiziente Notenbanken, die im Bedarfsfalle von ihrem Recht Gebrauch machen, die Geldmengen nach Belieben zu erhöhen. Alan Greenspan hat es uns vorgemacht, und die EZB, unter Führung des konservativ erscheinenden Duisenberg, macht es nach. Zunächst einmal wird der Anschein erweckt, man werde die Inflation mit allen Mitteln bekämpfen (es gilt die Erinnerung an die D-Mark und die alte Bundesbank zu wecken), und höchstens zwei Prozent pro Jahr Preiserhöhung zulassen, und dann wird mit einem bemerkenswerten, intellektuellen Zynismus im eigenen Monatsbericht eine Grafik gezeigt, wonach das Wachstum der Geldmenge M3 mit 7,5 bis 8% in diesem Jahr 2000 steigt.
Jeder Volkswirt weiss, dass die Inflationsrate dem Wachstum des Geldangebotes folgt. Das Geld, das nicht in die reale Wirtschaft fliesst (3% reales Wachstum), muss irgendwohin fliessen, das heisst an die Börsen. Und da wir in Deutschland eine aufkommende Aktienkultur haben, passt das alles natürlich auch kurzfristig ins Konzept. "Positiv denken", heisst so etwas, und man darf schon gar nicht als Journalist das Wort "Crash" in den Mund nehmen. Wenn dann doch plötzlich die Aktionäre eine Aktie verkaufen und den Kurs "ungebührlich" drücken, dann hilft das Management der betreffenden Gesellschaft und erzeugt Rückkäufe. Erstaunlich ist nur, dass hin und wieder dennoch mutige Journalisten schreiben: "Nach dem Boom und dem Crash ist die gezielte Auswahl der Aktien wichtig. Der Nemax 50 büsste im Crashmonat Oktober bis zu 19% ein, aber erfreulich: Experten sind sich in der positiven Bewertung bestimmter Aktien überraschend einig." ( Welt am Sonntag vom 29.10.). Oder in einer anderen Zeitschrift (Börse Online Nr. 44) konnte man über den Neuen Markt lesen: "Eine Atempause im Blutbad"... Aber wie gesagt, Sie müssen alles positiv sehen; denn das sagten sich ohne Zweifel auch die Anleger im Herbst 1929 und Frühjahr 1930; denn Aktien sind langfristig die beste Anlage. Und so brauchten die Anleger "nur" 25 Jahre zu warten, um wieder ihre Einstiegskurse zu sehen. Also wer 1930 etwa 65 Jahre als war und kurz vor seiner Pensionierung stand, brauchte nur seinen 90. Geburtstag abzuwarten, und er konnte endlich seinen Lebensabend geniessen. "Positiv denken"! Vergessen Sie dabei aber bitte nicht, dass Churchill einmal sagte, er glaube nur an die Statistik, die er selbst gefälscht habe. Mit anderen Worten Sie bekommen immer nur die Zahlen aufgetischt, die gebraucht werden. Die amerikanische Investmentbank Smith Barney hat kürzlich eine interessante Studie herausgegeben. Danach hat sich der Dow Jones Index in seinen 103 Jahren Existenz im Durchschnitt um 5,6% pro Jahr verbessert. Allerdings kann man diese 103 Jahre in mehrere Abschnitte aufteilen:
1949 bis 1999: 8,4% p. a. (die letzten 50 Jahre)
1979 bis 1999: 14% p. a. (die letzten 20 Jahre)
1994 bis 1999: 20& p. a. (die letzten 5 Jahre)
Also in den letzten 5 Jahren hat sich der jährliche Wertzuwachs auf 20% pro Jahr beschleunigt. Um auf den Durchschnittswert der letzten 50 Jahre zurückzugelangen, also +8,4% p. a., müsste der Dow Jones bis Ende nächsten Jahres um 50% einknicken, oder er müsste in den nächsten 15 Jahren unverändert bleiben. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass dies nichts Neues wäre; denn es geschah bereits zwischen 1966 und 1982, als wir eine Periode der Stagflation hatten, und man als Anlageberater mehr Seelsorger oder Psychologe sein musste als alles andere. Anleger sollten nicht vergessen, dass das Pendel an den Märkten von einem Extrem ins andere schwingen kann. Die extrem hohe Bewertung der heutigen Aktien (10 Jahresdurchschnitt P/E von Robert J. Shiller berechnet) liegt mittlerweile über 40, also weit über dem Durchschnitt von 8 bis 12, und das reinigende Gewitter am Nasdaq (2.300 Milliarden Dollar Wertverlust) und Neuen Markt (rund 135 Milliarden Euro Wertverlust) hat die Bewertung noch nicht auf ein normales Mass zurückgeführt. Es wird also weiterhin unruhige und turbulente Märkte geben, wobei die hohe Volatilität eher ein Anzeichen dafür ist, dass noch "grössere Dinge" auf uns zukommen. Noch zwei andere Merkwürdigkeiten zeigen dem erfahrenen Anleger, dass der Salami-Crash noch lange nicht zu Ende ist:
Der Rendite-Abstand (spread genannt) für Hochzinsanleihen (junk bonds) und Triple A Dollar-Staatsanleihen ist wieder auf Rekordhöhe 800 bis 900 Basispunkte. (Anmerk.: das hat doch zuletzt schon mal jemand geschrieben ! .... wie hiess der bloss http://www.stock-channel.net/Board/smilies/biggrin.gif )
Anleihemarkt und Aktienmarkt scheinen die Zukunft unterschiedlich zu beurteilen. Ein gutes Beispiel ist Amazon. Nach dem Kurseinbruch ist dieser Wert immer noch rund 10 Milliarden Dollar wert. Der Anleihekurs der Aktie von Amazon, die in 8 Jahren fällig wird, ist nur die Hälfte wert. Das heisst die Anleihegläubiger schätzen die Wahrscheinlichkeiten des Überlebens des Unternehmens nur auf 50%. Wer wird Recht haben - der Börsenoptimismus der positiv denkenden Aktionäre, dass dieser Online-Händler in Zukunft weniger als 240,5 Millionen Dollar, also 25 Cent pro Aktie im letzten Quartal verliert, (wobei die Analysten 33 Cents geschätzt hatten) oder die Anleihe-Inhaber, die nachrechnen, dass das Unternehmen seit seiner Gründung 1,75 Milliarden Dollar Verluste eingefahren hat und demnach die 2 Milliarden Anleihegelder bald verbraten haben wird? Wir werden sehen, war letzten Endes Recht behält. Unterdessen empfehle ich nach wie vor 60% des Portefeuilles in Triple A Anleihen zu halten (davon 25% in Dollar), 20 bis 30% in Cash und beim Kauf von "fallen angels" Zurückhaltung zu üben; denn diese Erfahrung habe ich auch 1987 gemacht, ich hatte damals zu früh meinen Cash eingesetzt, um Aktien nach Kursstürzen zu kaufen. Natürlich war es langfristig gesehen eine richtige Entscheidung, aber warum IBM bei 100 kaufen, wenn man sie auch bei 80 bis 85 bekommen kann; IBM ist einer der wenigen Werte, die auf meiner persönlichen Kaufliste stehen.
Roland Leuschel
02.11.2000 11:12
©boerse.de
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Wie ich finde, sollte sich eigentlich diesen Beitrag mal genau durchlesen, denn darin werden genau die Probleme angeführt, die der Börse im Moment zu schaffen macht bzw. noch zu schaffen machen wird. Als besonders riskant erachte ich im Moment, die Gefahr eines "Credit Crunches" .... aber dazu habe ich ja zuletzt schon genug geschrieben !
Ralph
[Dieser Beitrag wurde von Ralph am 05.11.2000 editiert.]
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Der Oktober 2000 ist vorbei, die Bullen atmen tief durch
Wer mit etwas Abstand das Börsengeschehen beobachten darf, hat den Eindruck, alles ist in Ordnung und ist versucht mit Candides Worten von Voltaire zu sagen: "alles ist aufs beste bestellt in den besten der möglichen Welten" (18. Jahrhundert). Da kann der Anleger in fast allen Zeitungen und Fachzeitschriften lesen, es gebe keinen Crash bei Aktien mehr und schon gar nicht im Oktober; die Statistik beweist es. Und ausserdem gibt es im Zeitalter des Turbo-Kapitalismus effiziente Notenbanken, die im Bedarfsfalle von ihrem Recht Gebrauch machen, die Geldmengen nach Belieben zu erhöhen. Alan Greenspan hat es uns vorgemacht, und die EZB, unter Führung des konservativ erscheinenden Duisenberg, macht es nach. Zunächst einmal wird der Anschein erweckt, man werde die Inflation mit allen Mitteln bekämpfen (es gilt die Erinnerung an die D-Mark und die alte Bundesbank zu wecken), und höchstens zwei Prozent pro Jahr Preiserhöhung zulassen, und dann wird mit einem bemerkenswerten, intellektuellen Zynismus im eigenen Monatsbericht eine Grafik gezeigt, wonach das Wachstum der Geldmenge M3 mit 7,5 bis 8% in diesem Jahr 2000 steigt.
Jeder Volkswirt weiss, dass die Inflationsrate dem Wachstum des Geldangebotes folgt. Das Geld, das nicht in die reale Wirtschaft fliesst (3% reales Wachstum), muss irgendwohin fliessen, das heisst an die Börsen. Und da wir in Deutschland eine aufkommende Aktienkultur haben, passt das alles natürlich auch kurzfristig ins Konzept. "Positiv denken", heisst so etwas, und man darf schon gar nicht als Journalist das Wort "Crash" in den Mund nehmen. Wenn dann doch plötzlich die Aktionäre eine Aktie verkaufen und den Kurs "ungebührlich" drücken, dann hilft das Management der betreffenden Gesellschaft und erzeugt Rückkäufe. Erstaunlich ist nur, dass hin und wieder dennoch mutige Journalisten schreiben: "Nach dem Boom und dem Crash ist die gezielte Auswahl der Aktien wichtig. Der Nemax 50 büsste im Crashmonat Oktober bis zu 19% ein, aber erfreulich: Experten sind sich in der positiven Bewertung bestimmter Aktien überraschend einig." ( Welt am Sonntag vom 29.10.). Oder in einer anderen Zeitschrift (Börse Online Nr. 44) konnte man über den Neuen Markt lesen: "Eine Atempause im Blutbad"... Aber wie gesagt, Sie müssen alles positiv sehen; denn das sagten sich ohne Zweifel auch die Anleger im Herbst 1929 und Frühjahr 1930; denn Aktien sind langfristig die beste Anlage. Und so brauchten die Anleger "nur" 25 Jahre zu warten, um wieder ihre Einstiegskurse zu sehen. Also wer 1930 etwa 65 Jahre als war und kurz vor seiner Pensionierung stand, brauchte nur seinen 90. Geburtstag abzuwarten, und er konnte endlich seinen Lebensabend geniessen. "Positiv denken"! Vergessen Sie dabei aber bitte nicht, dass Churchill einmal sagte, er glaube nur an die Statistik, die er selbst gefälscht habe. Mit anderen Worten Sie bekommen immer nur die Zahlen aufgetischt, die gebraucht werden. Die amerikanische Investmentbank Smith Barney hat kürzlich eine interessante Studie herausgegeben. Danach hat sich der Dow Jones Index in seinen 103 Jahren Existenz im Durchschnitt um 5,6% pro Jahr verbessert. Allerdings kann man diese 103 Jahre in mehrere Abschnitte aufteilen:
1949 bis 1999: 8,4% p. a. (die letzten 50 Jahre)
1979 bis 1999: 14% p. a. (die letzten 20 Jahre)
1994 bis 1999: 20& p. a. (die letzten 5 Jahre)
Also in den letzten 5 Jahren hat sich der jährliche Wertzuwachs auf 20% pro Jahr beschleunigt. Um auf den Durchschnittswert der letzten 50 Jahre zurückzugelangen, also +8,4% p. a., müsste der Dow Jones bis Ende nächsten Jahres um 50% einknicken, oder er müsste in den nächsten 15 Jahren unverändert bleiben. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass dies nichts Neues wäre; denn es geschah bereits zwischen 1966 und 1982, als wir eine Periode der Stagflation hatten, und man als Anlageberater mehr Seelsorger oder Psychologe sein musste als alles andere. Anleger sollten nicht vergessen, dass das Pendel an den Märkten von einem Extrem ins andere schwingen kann. Die extrem hohe Bewertung der heutigen Aktien (10 Jahresdurchschnitt P/E von Robert J. Shiller berechnet) liegt mittlerweile über 40, also weit über dem Durchschnitt von 8 bis 12, und das reinigende Gewitter am Nasdaq (2.300 Milliarden Dollar Wertverlust) und Neuen Markt (rund 135 Milliarden Euro Wertverlust) hat die Bewertung noch nicht auf ein normales Mass zurückgeführt. Es wird also weiterhin unruhige und turbulente Märkte geben, wobei die hohe Volatilität eher ein Anzeichen dafür ist, dass noch "grössere Dinge" auf uns zukommen. Noch zwei andere Merkwürdigkeiten zeigen dem erfahrenen Anleger, dass der Salami-Crash noch lange nicht zu Ende ist:
Der Rendite-Abstand (spread genannt) für Hochzinsanleihen (junk bonds) und Triple A Dollar-Staatsanleihen ist wieder auf Rekordhöhe 800 bis 900 Basispunkte. (Anmerk.: das hat doch zuletzt schon mal jemand geschrieben ! .... wie hiess der bloss http://www.stock-channel.net/Board/smilies/biggrin.gif )
Anleihemarkt und Aktienmarkt scheinen die Zukunft unterschiedlich zu beurteilen. Ein gutes Beispiel ist Amazon. Nach dem Kurseinbruch ist dieser Wert immer noch rund 10 Milliarden Dollar wert. Der Anleihekurs der Aktie von Amazon, die in 8 Jahren fällig wird, ist nur die Hälfte wert. Das heisst die Anleihegläubiger schätzen die Wahrscheinlichkeiten des Überlebens des Unternehmens nur auf 50%. Wer wird Recht haben - der Börsenoptimismus der positiv denkenden Aktionäre, dass dieser Online-Händler in Zukunft weniger als 240,5 Millionen Dollar, also 25 Cent pro Aktie im letzten Quartal verliert, (wobei die Analysten 33 Cents geschätzt hatten) oder die Anleihe-Inhaber, die nachrechnen, dass das Unternehmen seit seiner Gründung 1,75 Milliarden Dollar Verluste eingefahren hat und demnach die 2 Milliarden Anleihegelder bald verbraten haben wird? Wir werden sehen, war letzten Endes Recht behält. Unterdessen empfehle ich nach wie vor 60% des Portefeuilles in Triple A Anleihen zu halten (davon 25% in Dollar), 20 bis 30% in Cash und beim Kauf von "fallen angels" Zurückhaltung zu üben; denn diese Erfahrung habe ich auch 1987 gemacht, ich hatte damals zu früh meinen Cash eingesetzt, um Aktien nach Kursstürzen zu kaufen. Natürlich war es langfristig gesehen eine richtige Entscheidung, aber warum IBM bei 100 kaufen, wenn man sie auch bei 80 bis 85 bekommen kann; IBM ist einer der wenigen Werte, die auf meiner persönlichen Kaufliste stehen.
Roland Leuschel
02.11.2000 11:12
©boerse.de
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Wie ich finde, sollte sich eigentlich diesen Beitrag mal genau durchlesen, denn darin werden genau die Probleme angeführt, die der Börse im Moment zu schaffen macht bzw. noch zu schaffen machen wird. Als besonders riskant erachte ich im Moment, die Gefahr eines "Credit Crunches" .... aber dazu habe ich ja zuletzt schon genug geschrieben !
Ralph
[Dieser Beitrag wurde von Ralph am 05.11.2000 editiert.]