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Christian
08.12.2000, 11:33
Merrill-Lynch-Staranalyst über den Internetgau


Henry Blodget, 34, galt als der Internetguru. Der Analyst bei Merrill Lynch wurde zum Star, als er im Dezember 1998 – damals noch bei CIBC Oppenheimer – mit seinem Kursziel von 400 Dollar für den Internetbuchhändler Amazon.com die Hysterie für Internetwerte anfeuerte.

Der ehemalige Journalist startete seine Wall-Street-Karriere 1994 bei Prudential Securities. Zuvor war er als Englischlehrer in Japan tätig und studierte Geschichte an der Universität Yale.

Mr. Blodget, als einer der größten Promoter von Internetaktien wurden Sie an der Wall Street zum Star. Hätten Sie sich träumen lassen, dass sich das alles so schnell in Luft auflöst?

Es ist viel schlimmer gekommen, als ich erwartet habe. Natürlich haben wir immer vor dem Kursrutsch gewarnt und eine Auslese bei Internetwerten kommen sehen. Aber vor allem das Ausmaß des Kursverfalls von 80 Prozent bei den großen Unternehmen wie Amazon oder Yahoo überrascht mich sehr. Ich will hier nichts schönreden. Aber zum Glück hatten die Leute die Billion Dollar, die zerstört wurde, ja nur für sechs Monate. Es hilft, die Perspektive nicht zu verlieren: 1995 waren die Internetaktien eine Billion Dollar wert. Auch nach diesem Armageddon sind sie immerhin noch 500 bis 600 Milliarden Dollar wert.

Das Problem ist doch, dass die meisten Leute ja nicht 1995 in diese Werte eingestiegen sind, sondern auf Ihr Anraten und das von anderen noch bis zum Frühjahr dieses Jahres wie wild gekauft haben. Zum Beispiel hat Merrill Lynch im März einen neuen Internetfonds aufgelegt, der bis heute 60 Prozent seines Wertes verloren hat.

Ein Unternehmen wie Merrill Lynch hört auf seine Kunden und kreiert Produkte, die sie kaufen wollen. Bei der Suche nach dem Schuldigen für die Internetblase wird gern vergessen, dass es eine unglaubliche Nachfrage nach Internetaktien von Seiten der Anleger gab.

Die Nachfrage musste aber auch erst einmal von jemandem geschürt werden.

Die Schuld liegt nicht bei einer Seite alleine. Beteiligt waren die Unternehmen, die Analysten, die Presse und die Anleger. Weil der Markt so lange so gut lief, dachten viele Leute, sie seien smarter als sie es wirklich sind.

Wie kommen Sie selbst dabei weg? Die Anleger hingen ja förmlich an jedem Wort, das von Ihnen kam.

Ja, leider. Ich bilde mir ein, immer vor dem hohen Risiko und den starken Ausschlägen gewarnt zu haben. Selbst aggressiven Anlegern habe ich immer gesagt, sie sollten nicht mehr als fünf bis zehn Prozent ihres Portfolios in Internetwerte anlegen. Aber viel davon ging wohl in der Euphorie unter.

Als es darauf ankam, haben Sie es vielleicht nicht laut genug gesagt.

Selbst das wäre in diesem Jahr ja eine schlechte Empfehlung gewesen. Die beste Empfehlung wäre gewesen, nichts neu zu investieren und alles zu verkaufen. Ich habe Anfang des Jahres damit gerechnet, dass beispielsweise Yahoo um 50 bis 60 Prozent fällt. Es ist viel schlimmer gekommen. Rückblickend hätte ich sagen müssen, alles verkaufen und später zurückkaufen.

Genau das wäre doch Ihr Job als Analyst gewesen, oder?

In all der Euphorie sind wir doch bereits für die vorsichtigen Warnungen im Dezember und Januar von Unternehmen und Investoren vehement kritisiert worden. Die sagten, wir seien Spielverderber, viel zu depressiv und sollten doch unsere Gedanken besser für uns behalten.

Das haben Sie ja dann auch getan. Erst als das Anlegermagazin „Barron’s“ den Begriff Cash Burn Rate Anfang des Jahres in die Diskussion warf und darauf hinwies, dass viele Unternehmen es nicht bis zu den schwarzen Zahlen schaffen werden, wurde das Ausmaß des Desasters klar.

Zwischen 1995 und 1998 war das die wichtigste Frage für uns. Als der Markt 1999 nur noch nach oben ging, wollten die meisten Leute von der Cash Burn Rate nichts mehr wissen. Dann war plötzlich kein Kapital mehr da, und der Markt fiel wie ein Flugzeug, dem der Treibstoff ausgeht. Klar wünschte ich jetzt, ich hätte meine Meinung jeden Morgen laut herausgebrüllt.

Das klingt ja so, als könnten Sie gar nicht wirklich sagen, was Sie denken und würden nur mit dem Strom schwimmen. Wo liegt denn da der Wert Ihrer Analyse für Anleger?

Ich würde niemals etwas schreiben, das ich nicht auch selbst glaube. Das kann ich einfach nicht. Aber als Analyst diene ich eben vier Herren: den institutionellen und privaten Anlegern, den Unternehmen, der Banking-Seite unseres Hauses und der Trading-Seite. Manchmal sind deren Bedürfnisse in Einklang miteinander, manchmal stehen sie in direktem Konflikt. Ein guter Analyst wird immer versuchen, allen gegenüber so hilfreich wie möglich zu sein, ohne dabei seine Integrität aufzugeben.

Haben Sie sich denn von der Euphorie in den Internetunternehmen anstecken lassen und Informationen aus dem Management überbewertet?

Natürlich gibt es die Tendenz, einem guten Management im Zweifel zu glauben. Es ist sehr schwierig für mich, hier ein Managementteam zu kritisieren. Das verursacht zu viel Schaden. Selbst die besten Manager wurden von der Entwicklung überrascht.

Ist Ihr Konflikt mit dem Banking-Geschäft von Merrill Lynch nicht ein viel größeres Hindernis, wenn es darauf ankommt, die Dinge beim Namen zu nennen?

Selbstverständlich gibt es gewisse Konflikte, wenn wir ein Unternehmen an die Börse bringen und die Aktie empfehlen. Aber ich habe die Möglichkeit einen Deal zu blockieren. Niemand hält mir eine Pistole an den Kopf und zwingt mich, einen schlechten Deal zu machen. Der Konflikt, von dem nie jemand spricht, ist der mit den Anlegern.

Wo liegt da das Problem?

Nehmen Sie den Fall einer Aktie, die ich sehr positiv beurteile, weil ich das Unternehmen wirklich gut finde und denke, die Leute sollten die Aktie wirklich im Portfolio haben. Jetzt erreicht sie mein Kursziel oder das Geschäftsumfeld ändert sich schlagartig. Wenn ich in der Situation meine Empfehlung dementsprechend ändere, schade ich doch genau den Leuten, denen ich die Aktie empfohlen habe. Das ist für mich mindestens ein genauso großer Konflikt wie die Beziehung zum Banking.

Aber das heißt doch, Sie können Anleger nie wirklich warnen, bevor eine Aktie einbricht.

Besonders als alle an jedem meiner Worte und jeder Intonation hingen, war ich der Meinung, es sei besser, die Richtung so feinsinnig wie möglich zu kommunizieren, um die Märkte nicht unnötig in Unruhe zu versetzen. Wir haben schließlich auch eine Menge Kunden, die mit meinem Urteil nicht übereinstimmen und eine Aktie viel positiver einschätzen als ich. Wenn ich „verkaufen“ sage und die Aktie in die Knie zwinge, verursacht das viel Ärger beim Unternehmen und den Investoren. Deshalb bin ich da zurückhaltend.

Wozu gibt es denn dann bei Merrill Lynch das fünfstufige Ratingsystem von Kaufen bis zu Verkaufen? Das Äußerste, was Sie einem Unternehmen zumuten, ist ein Neutralrating.

Eines der frustrierendsten Dinge für Außenseiter, was die Arbeit von Wall-Street-Analysten betrifft, ist sicher das Ratingsystem. Es muss allgemein genug sein, um die Interessen aller möglichen Anleger mit einem Zeithorizont von fünf Minuten bis zu zehn Jahren abzudecken. Meine Ratings sind nicht so wichtig, es geht doch viel mehr um unsere Meinung zu den Trends und Fundamentaldaten eines Unternehmens.

Könnten Sie nicht gerade jetzt, wo der Schaden bei Internetaktien bereits angerichtet ist, ein Exempel an der Wall Street statuieren und mit Ihren Ratings ganz klar zum Verkauf bestimmter Aktien raten?

Psychologisch wäre das jetzt natürlich viel leichter zu machen. Aber nun, da die Aktien schon so brutal gefallen sind, würde das nur noch mehr Spott hervorrufen. Ich werde schon zur Genüge verspottet. Das Ratingsystem ist außerdem noch immer wie eine Atombombe. Wer es wirklich einsetzt, verursacht viel zu viel Schaden.


Soviel zum Thema Anlaysten und ihre Ratinx!!! Tolle Einstellung der gute Mann!


Eure Meinungen zu so einem Schwachkopf???


So long Chris


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reg
08.12.2000, 11:33

jani
12.12.2000, 10:10
Es zeigt zumindest, was von Analystenaussagen zu halten ist : Nämlich nichts !!! Dummerweise bewegen sie nach wie vor Kurse; und zwar in beide Richtungen.( s. gestern INSP Absturz ).

Misthaufen alle zusammen !!


Jani