PDA

Vollständige Version anzeigen : Südafrika


Förster
19.10.2005, 11:58
http://www.spiegel.de/reise/metropolen/0,1518,380312,00.html

JOHANNESBURG

Operation am stockenden Herzen

Von Roman Heflik (roman_heflik@spiegel.de), Johannesburg

Johannesburg, chaotische Metropole im Touristenland Südafrika, bereitet sich auf den ersten nationalen autofreien Tag vor. Damit wollen die Behörden für Busse und Bahnen werben. Die Bewohner von "Joburg" reiben sich verwundert die Augen: Was für Busse und Bahnen?


Eigentlich hatte Ignatius Jacobs den Morgenzug von Soweto ins nahe Johannesburg nehmen, dort mit einem der üblichen Minibus-Taxis ein bisschen herumfahren und schließlich einen Linienbus zurück in die Innenstadt nehmen wollen. Es wäre keine aufwendige Tour geworden - vorausgesetzt, sie hätte durch eine europäische Großstadt geführt.

In Soweto dagegen rollte der Zug erst mit einer halben Stunde Verspätung aus dem Gleis, im Gruppentaxi fehlte der Tacho, und der Bus kam überhaupt nicht. "Meine Beamten haben die Strecke gestern abgefahren, und da fuhr noch einer", beteuert Jacobs. Der Verkehrsminister der Gauteng-Provinz, zu der auch die Multi-Millionen-Metropole Johannesburg gehört, lächelt amüsiert. Die kleine Erkundungstour hat seine schlimmsten Vermutungen über den maroden Zustand des südafrikanischen Transportsystems bestätigt. Aus gutem Grund antworten Südafrikaner auf die Frage nach öffentlichen Verkehrsmitteln häufig mit einem bitteren "What public transport?" Und Reiseführer raten zum Thema "Fortbewegung in Johannesburg" nur zu zwei Dingen: Mietwagen oder - sofern kein Minibus vorhanden - Taxi.

Und trotzdem hat Südafrika den Oktober zum Monat des öffentlichen Personennahverkehrs ausgerufen. Dessen nicht genug: Den 20. Oktober haben die Politiker zum autofreien Tag erklärt - dem Ersten in der Geschichte Südafrikas und des ganzen afrikanischen Kontinents. So viele Johannesburger wie möglich sollen Jacobs' Erfahrungen teilen - auch die, die sonst lieber in ihren Limousinen durch die Stadt rollen. "Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir auf die Verkehrsunternehmen Druck ausüben", erklärt der vor Zuversicht strahlende Provinzpolitiker während einer Pressekonferenz. "Na toll, dann brauche ich ja von meinem Township zur Redaktion zwei Stunden mehr", knurrt ein schwarzer Reporter.

Angst vor Überfällen

Auf noch weniger Begeisterung dürfte der Plan bei der weißen Bevölkerung stoßen: Wenn sie ihre mit Mauern, Stacheldraht und Elektrozäunen gesicherten Heime einmal verlassen, dann höchstens im Wagen. Angesichts der großen Armut und den extrem hohen Kriminalitätsraten haben sie - die durchaus begründete - Angst, Opfer eines Überfalls zu werden. Dass sie sich am autofreien Tag zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle vorwagen, ist wenig wahrscheinlich.

Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie der Personennahverkehr in Johannesburg funktioniert, genügt es, sich morgens um acht Uhr an die Jan Smuts Avenue zu stellen. Die Sonne, die noch schräg am Himmel steht, heizt bereits den Asphalt der vierspurigen Fahrbahn auf, die von den hügeligen Villenvierteln im Norden auf die graubraune Skyline von Südafrikas größter Metropole zuläuft. Wagen drängt sich an Wagen. Johannesburgs Oberschicht macht sich auf den Weg zur Arbeit. Meist sind es Weiße, die die modern-mondänen Geschäftsviertel wie Sandton oder Rosebank ansteuern. Dorthin haben fast alle größeren Unternehmen in den neunziger Jahren ihre Firmensitze verlegt: Downtown-Johannesburg war nach dem Ende des Apartheid-Regimes zu schmuddelig und für Weiße zu gefährlich geworden.

Vom Straßenrand drängelt sich hupend ein Toyota-Minivan zwischen die wartenden Fahrzeuge und bringt die langsam vorwärts rollende Karawane der Berufspendler ins Stocken. Hinter den Scheiben des Vans sind ausschließlich schwarze Gesichter zu sehen, zwölf Personen drängen sich auf die vier Bänke, die man hinter den Fahrersitz montiert hat. Aus einem heruntergekurbelten Fenster dröhnt Kwaitoo-Musik, die afrikanische Mischung aus House-Music und Gangsta-Rap. Die Autofahrer fluchen, doch sie lassen den Kleinbus einscheren: Die Beulen im Blech, die zerknickte Stoßstange und die zerbrochenen Scheinwerfer verraten ihnen, was demjenigen droht, der nicht den nötigen Respektsabstand wahrt.

Minibus für alle

Kaum ein anderes Verkehrsmittel ist in Johannesburg so umstritten wie das Minibus-Taxi - und kaum ein anderes Vehikel ist derart unverzichtbar wie die Fahrzeuge von Toyota, Nissan und VW, von denen einer amtlichen Erhebung zufolge in Johannesburg und Umgebung rund 24.000 als Taxis fungieren. Fast alle verkehren auf festen Routen in die Stadt hinein und wieder zurück. Wer mitgenommen werden will, muss vom Bürgersteig aus mittels bestimmter Handzeichen angeben, wohin er möchte. Für den Großteil der Bevölkerung stellen die Minibusse die einzige Möglichkeit dar, um zur Arbeit zu gelangen: Gerade mal fünf Rand, umgerechnet etwa 60 Cent, kostet eine Fahrt von Soweto, dem riesigen Township im Südwesten Johannesburg, in die Innenstadt.

Viele der Minibus-Lenker haben nie eine Fahrschule von innen gesehen. Und ihre Hemmungen, das Tempolimit zu überschreiten, spülen nicht wenige mit einem ordentlichen Schluck Alkohol herunter. Wozu das führen kann, war erst in der vergangenen Woche in allen Zeitungen nachzulesen: In der Western Cape Provinz hatte es ein Autofahrer gewagt, einen Fahrer wegen seines rüden Fahrstils zur Rede zu stellen. Der beleidigte Chauffeur zog kurzerhand eine Pistole, schoss auf das Auto seines Kritikers - und traf dessen achtjährige Tochter in die Hüfte.

Gewalt in Bahnen

Auch Busse und Bahnen haben unter Johannesburgern einen Ruf, der schlechter nicht sein könnte - wobei Omnibusse lediglich als teuer, unpünktlich und dreckig verrufen sind. Bahnen dagegen gelten als gefährlich: Immer wieder berichten die Medien des Landes von Überfällen und Vergewaltigungen, die sich in den Vorortzügen ereignen. Pannen der im Schnitt 30 Jahre alten Züge sind an der Tagesordnung. Die entnervten Passagiere greifen mitunter zu drastischer Vergeltung: Aus Wut über mehrstündige Verspätungen zündeten Fahrgäste in East Rand in der Provinz Gauteng drei Züge an und verursachten einen Schaden von etwa vier Millionen Euro.

Laut Ignatius Jacobs soll all dies nun anders werden - nicht zuletzt wegen der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft, die Südafrika 2010 ausrichtet. Milliarden Rand pumpen Land und Provinz bereits in einen Hochgeschwindigkeitszug, der Johannesburg mit dem Regierungssitz Pretoria verbinden soll. Weitere Milliarden sollen in neue Nahverkehrszüge, Busse, Straßen und moderne Verkehrsleitsysteme gesteckt werden. Und auch für Bus- und Taxi-Fahrer hat sich Jacobs etwas einfallen lassen: Serviceschulungen und Waffenverbot.


----------

JB ist das wahre Afrika. wers angenehmer will, muss nach Südafrika. Kapstadt, PE oder allgemein an der Südküste entlang bis max. Oos-London. danach wirds kriminell.

Förster
26.10.2005, 21:36
http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,379265,00.html

SÜDAFRIKA

Der Winzer und die Welle

Von Elke Naters

Die Lage zwischen zwei Ozeanen schenkt den Weinbauern am Kap ideale Bedingungen. Doch die jungen Winzer lieben das Meer noch aus einem anderen Grund - sie sind leidenschaftliche Surfer.

"Mist, Mist, Mist!", flucht Miles Mossop am Telefon. Er hat unsere Verabredung vergessen. 40 Minuten später steht er mir mit nassen Haaren gegenüber. Habe ich ihn jetzt vom Surfbrett geholt?

http://www.spiegel.de/img/0,1020,528113,00.jpg
Eben Sadie, Swartland: Was mich interessiert, ist das Fantastische

Das Weingut Tokara, für das Mossop arbeitet, ist ein eindrucksvoller Betonpalast zwischen Zen und scheußlich, mit einem Blick durch riesige Panoramafenster bis nach Stellenbosch hinunter. Bei gutem Wetter. Heute hängen die Wolken tief und lassen den Beton noch grauer aussehen. Mossop führt mich in sein Büro, ein Glaskubus über den Stahlkesseln. Seit einem Jahr arbeitet er hier. Tokara war eine Obstfarm, als ein Banker sie vor wenigen Jahren kaufte. Mehr wegen des Lebensgefühls als mit dem Vorhaben, das Land zu bewirtschaften. Aber sein Nachbar war ausgerechnet der legendäre Winzer Gyles Webb, und der brachte ihn auf die Idee, Wein zu pflanzen und eine kleine Kellerei zu bauen. "Eine kleine", sagt Mossop und deutet auf die gewaltigen Kessel unter uns.

Er ist erst auf Umwegen zum Wein gekommen. Nach der Schule ging er zum Militär, und da er nicht so recht wusste, was er machen wollte, studierte er später Geologie. Danach saß er Hunderte Kilometer vom Meer entfernt in der Wüste, kratzte in der Erde und merkte schnell, dass er so nicht leben konnte. Das war 1994. Das Embargo, das die Welt gegen das südafrikanische Apartheidregime verhängt hatte, war aufgehoben, und das Geschäft mit dem Wein vom Kap ließ sich viel versprechend an. Miles geht zurück zur Uni und schreibt sich für Weinbaukunde ein. Nach acht Jahren Studium reist er um die Welt. Er surft in Indonesien und Australien, besucht Weinkellereien in Frankreich und arbeitet in Kalifornien, bis sich Gyles Webb bei ihm meldet, weil er einen jungen Winzer für Tokara sucht.

Als Miles dort anfängt, hat er so gut wie keine praktische Erfahrung, was das Weinmachen anging. Er hat noch nie einen Wein gefiltert, noch nie gesehen, wie der Wein in die Flasche gefüllt wird. Webb kommt jeden Tag vorbei, um ihm über die Schulter zu sehen. Zondernaam haben sie ihre Weine auf Tokara getauft, "Ohne Namen", so ist die Farm auf einer alten Landkarte eingezeichnet. Den Weinschmeckern sind sie trotzdem nicht entgangen: Komplexes Aroma von Schwarzer Johannisbeere, Vanille und Mokka attestieren sie dem Cabernet Sauvignon, beim Shiraz entdecken sie weißen Pfeffer im Abgang, der Pinotage verströmt die Aromen von Kirsche, Zimt und Tabak.

Surf-Meisterschaft der Winzer

Im Sommer 2000 gelingt Mossop ein besonderes Meisterstück. Er kreuzt erfolgreich Beruf und Leidenschaft und hebt zusammen mit seinem Kollegen Eben Sadie eine Meisterschaft aus der Taufe: für surfende Winzer. Zu den ersten Vintners Surf Classic kommen 15, in diesem Jahr sind es mehr als 40, alles Weinfarmer.

Anfangs hatten die Sponsoren auch die Preise gespendet, was manch unsinnige Konstellation produzierte: "Einmal gab es eine Palette leerer Weinflaschen als Prämie", erzählt Mossop, "aber der glückliche Gewinner war ein Weinjournalist. Immerhin hat er sich noch ein Fass und Trauben dazu gekauft, um einen Wein abzufüllen." Inzwischen werden nur noch Preise überreicht, die etwas mit dem Sport zu tun haben. Nächstes Jahr soll es sogar ein Surfbrett geben. "Ich bin verantwortlich für die Verteilung der Preise. Aber da Gunter Schultz immer gewinnt, werde ich es als zweiten Preis ausloben." Mossop grinst. "Den kriege nämlich meistens ich."

Vor Eben Sadies Büro steht ein Kühlschrank, auf der Tür ein Flaschenetikett: Big Red 1998 Surf Classic 2000. Die sechs Flaschen Rotwein aus eigener Produktion, die jeder Teilnehmer anstelle eines Startgelds mitbringt, werden zu einer Cuvée vermischt und in Magnumflaschen abgefüllt. Big Red heißt die Kreation, jeder bekommt eine Flasche, die übrigen werden gemeinsam getrunken oder für einen guten Zweck versteigert.

Sadie führt mich zu seinem Haus und verspricht "einen rrichtigen Esprresso". Er schwärmt für Spanien und Frankreich, Europa überhaupt, und dazu passt dieses rollende R perfekt. Aufgewachsen ist Sadie bei Elandsbay an der Westküste, sein Vater arbeitete bei der Eisenbahngesellschaft. Sadie studierte Landwirtschaft und arbeitete anschließend 14 Jahre lang in Weinkellereien überall auf der Welt. "Ich habe zwar jede Menge fantastischer Weine gemacht, aber nie den Wein, von dem ich wusste, dass nur ich ihn machen könnte", sagt Eben Sadie.

Zwischen Swartland und Spanien

Seit vier Jahren arbeitet er jetzt daran. Um die Gesetze zu umgehen, die einem Farmer vorschreiben, wie viel Land er kaufen muss, hat Sadie seine Weinfelder lediglich gepachtet. "Warum sollte ich 40 Hektar kaufen, wenn nur vier davon gut sind? Auf 35 Hektar hast du guten Wein und schlechten. Ich interessiere mich nicht für das Schlechte und auch nicht für das Gute. Was mich interessiert, ist das Außerordentliche, das Fantastische." Seine sieben Spitzenlagen sind jeweils einen Hektar groß. In Spanien, in der Nähe von Barcelona, hat er weitere dreieinhalb Hektar. Im September, wenn die Ernte in Swartland eingebracht ist und der Wein in Ruhe reift, reist er mit seiner Familie für ein Vierteljahr nach Spanien. So hat er zwei Ernten im Jahr.

http://www.spiegel.de/img/0,1020,528109,00.jpg
Bevan Newton Johnson, Hemel-en-Aarde: "Die Leute blicken mehr nach vorne als zurück"

Allerdings braucht man Geduld, wenn man wie Sadie Wein für die höchsten Ansprüche macht. Die Pflanzen tragen nach drei Jahren, dann kommt der Wein für zwei Jahre ins Fass, ein weiteres Jahr in die Flasche, macht zusammen sechs Jahre, bis er den ersten Wein verkaufen kann. "In dem Stadium, in dem ich mich jetzt befinde, ist das ein teurer Spaß, denn die Kosten hole ich über den Preis nicht wieder herein, es ist eher eine Liebhaberei. Manche Leute haben schnelle Autos - ich mache eben Wein."

Seine Leidenschaft gilt "Columella". Ein Shiraz, Sadie sagt "Syrah", der auf fünf verschiedenen Lagen wächst, Namensgeber ist der römische Gelehrte Lucius Junius Moderatus Columella, der im ersten Jahrhundert n. Chr ein Standardwerk über Weinbau verfasste. Sadies Felder liegen rund um Paarl und bis zu 40 Kilometer auseinander; sie haben somit nicht nur ein anderes Klima, sondern auch unterschiedliche Böden: Schiefer, Granit und der für das Kap typische dunkelrote Lehm.

Jede dieser Ernten reift zunächst für sich 18 Monate in einem Eichenfass und schmeckt auf bemerkenswerte Weise unterschiedlich. Zusammen ergeben sie einen Columella, der Kritiker schwärmen lässt: Ein Bukett von Kirschen, Trüffeln, Tabak, Mokka und Eisen. Aristokratisch! Elegant! Geschmeidig!

Seepferdchen als Firmenlogo

Bevan Newton Johnson ist gerade aus den Flitterwochen zurückgekommen. Wir stehen im Büro des Weinguts und sehen über das Hemel-en-Aarde-Tal und die Landstraße, die sich vom Meer bei Hermanus hochwindet. Es regnet in Strömen. Ein perfekter Regenbogen spannt sich über den dunklen Himmel vor uns. "Das sieht hier immer so aus", sagt Johnson unbeeindruckt.

Er hat Landkarten auf seinem Tisch ausgebreitet und zeigt, wo der warme Indische Ozean auf den kalten Atlantik trifft und damit das perfekte Klima für den Wein schafft. Dann wandert sein Finger weiter zur Wild Coast südlich von Durban. "Und hier haben wir unsere Flitterwochen verbracht." Wellenreiten, mit seiner Frau Ezanne, einer mehrfachen Landesmeisterin in Boogieboarden, und vier seiner besten Surffreunde.

Die Weinfarm ist ein Familienunternehmen. Johnsons Vater hatte 1994 mit einer Firma angefangen, die Wein kaufte und für den europäischen Markt abfüllte. Das Geschäft lief so gut, dass er das Weingut kaufen und seinen eigenen Wein produzieren konnte. Sein Firmenlogo ist ein Seepferdchen, denn außer dem Wein liebt er das Meer. Jede freie Minute fuhr der Vater mit seinen Söhnen an den Strand, um nach Langusten zu tauchen. Johnson wuchs zwischen Wein und Wellen auf, er surfte, studierte Wirtschaft - und reiste nach Europa. Von dort sah er sein Land mit anderen Augen. "Ich lernte mehr über mein Land als je zuvor, was mir sehr peinlich war. Ich hatte mich immer für Politik interessiert und merkte jetzt, was ich alles an Propaganda geschluckt hatte."

Nach einem Jahr Reisen und Surfen saß Bevan in London und überlegte, was er mit seinem Leben anfangen wollte und wo sein Platz in der Welt war. Alle Überlegungen führten ihn zurück nach Südafrika, und dann bat sein Vater ihn, für ein paar Wochen im Geschäft auszuhelfen. Das war vor neun Jahren. Er ist immer noch da, und er liebt es. Genauso wie seine Heimat. "Es gibt noch viel, was korrigiert werden muss, aber die Gabe, zu vergeben, die sehe ich hier viel deutlicher als in anderen Ländern. Die Leute blicken mehr nach vorne als zurück, und das mag ich am meisten an diesem Land."

Leidenschaft für Wein und Wellen

Die Sonne hat sich inzwischen durch die grauen Wolkenberge geschoben und wirft ihre gebündelten Strahlen auf das Land wie bei einem Heiligenbild. Johnson erzählt eine Geschichte, die seine Leidenschaft für Wein und Wellen auf den Punkt bringt: "Wir saßen bei einer Weinprobe zusammen, und einer der Surfer stellte eine Flasche auf den Tisch, das Etikett abgedeckt. Der Wein sah aus wie Tee, aber er schmeckte fantastisch. Dann enthüllten wir die Flasche: einen 1975er Château d'Yquem, der berühmteste Süßwein der Welt."

Kurz nach Tagesanbruch wurden die Weinfreunde von Eben Sadie geweckt, er wollte endlich surfen gehen. "Total verkatert sind wir also raus. Ich erwischte eine Welle, dann die nächste, und am Ende surfte ich im Tunnel unter dem brechenden Kamm. Die Sonne kam heraus, und ich sah das Licht durch das Wasser scheinen. Dann war ich wieder draußen, und wir sahen uns an und schrien vor Glück."

Sebastian Beaumont und seine Frau Nici wohnen in der alten Polizeistation vom Botrivier, ihr Schlafzimmer war früher eine Gefängniszelle. Vor drei Jahren kam Nici aus London hierher, um auf dem Weingut zu arbeiten, so haben sie sich kennen gelernt. Ihr Vater konnte es nicht fassen, dass seine Tochter in das Land zurückging, das er wegen der Apartheid verlassen hatte. Nun will er selbst zurück.

Bis vor wenigen Jahren hat Beaumonts Mutter das Weingut geführt, 1974 hat sie die ehemalige Obstfarm gekauft. Sebastian Beaumont ist im selben Jahr geboren. Er ist hier zur Schule gegangen und hat am Strand von Vermont, 20 Kilometer weiter, auf einem Styroporbrett das Wellenreiten gelernt. Das Weingut ist ein Familienbetrieb, auch wenn die Beaumonts keine typischen Farmer sind. Raul, der Vater, ein charismatischer Patriarch, hat in den sechziger Jahren auf Ibiza Silberschmuck hergestellt, Jane ist Malerin und war eine aktive Apartheidgegnerin.

"Das", sagt Beaumont und deutet auf die Weinfelder im Windschatten der Zypressen, "ist eine besondere Lage, sie hat ihr eigenes Mikroklima. Es ist, als hätte der Himmel hier ein Loch." Im 20 Kilometer entfernten Hermanus regnet es noch, hier scheint die Sonne. Vor Urzeiten lag das Gebiet der Beaumonts unter dem Meeresspiegel. "Was das genau für den Wein bedeutet, weiß ich nicht", sagt Sebastian, "aber manche Leute beschreiben unsere Weine als salzig." Öfter sind allerdings Hymnen zu hören: Der Pinot Noir ist von betörender Wärme, verlockende Stachelbeer- und Kirschnoten, dazu Zimt, eine Andeutung von Lakritz; der Cabernet Sauvignon ausdrucksstark, mit den Aromen von Kirsche, Johannisbeere, Nelke.

Weine, die das Land reflektieren

Das Meer schafft das Klima für den Wein. Jeden Mittag weht ab elf Uhr eine Brise von der Lagune hinter Kleinmond durch das Tal, sie wirkt wie eine natürliche Klimaanlage. Die Trauben brauchen die kühle Meeresluft, damit sie nicht zu schnell reifen und ihr volles Aroma entwickeln können.

Auch Sebastian ist nach dem Studium an der Weinakademie in Stellenbosch ein Jahr lang durch die Welt gereist. Er sagt: "Wir sind eine neue Generation von Winzern, wir machen Weine, die unser Land reflektieren. Früher hat man vor allem europäische Weine imitiert. Es gab eine Menge 'deutsche' Weine, weil viele Winzer in Deutschland studiert hatten."

Was besonders ist am Wein aus Südafrika? Auf die Frage hat er nur gewartet: "Es ist die Landschaft, das Klima, die Gesellschaft. Wir haben eine reiche Geschichte und viele unterschiedliche Kulturen. Südafrika ist so komplex im Vergleich zu den anderen Ländern der Neuen Welt. Nimm Australien: Da leben fast nur Weiße, und alle - wie langweilig - kommen aus England. Hier haben wir eine kulturelle Dynamik, und du weißt nie, was morgen wird. Es gibt eine Menge Energie. Im Wein, auf den Wellen." Sebastian blickt in die Wolken und sieht auf die Uhr. "Der Wind hat gedreht, und die Flut kommt. Ich glaube, wir sollten zum Strand gehen."