Christian
09.02.2001, 11:59
Neue Ehrlichkeit: Analysten geben Verkaufs-Tipps
Nach dem tiefen Fall der Staranalysten wie Henry Blodget hat die Wall Street einen neuen Helden auserkoren. Er heißt Sean McGowan und ist 39 Jahre alt. Vor wenigen Tagen noch kannte ihn kaum jemand in der New Yorker Finanzwelt. Jetzt kann sich McGowan der Reporteranfragen nicht mehr erwehren. Sogar Starmoderator Peter Jennings wollte ihn in den Hauptnachrichten des Fernsehsenders ABC zwischen dem neuen Präsidenten George Bush und einem neuen Elefantenbaby im Zoo von Seattle zeigen. Woher so viel Aufmerksamkeit? Als Research Director beim Brokerhaus Gerard Klauer Mattison (GKM) hat er seinen Analysten nahegelegt, nicht immer nur Aktien zum Kauf zu empfehlen, sondern Mut zum Negativen zu haben. Als Anreiz setzte er einen Bargeld-Bonus – die Höhe ist geheim – für die beste Verkaufsempfehlung des Jahres aus.
Während in Deutschland über staatliche Regulierung nachgedacht wird, um die Unabhängigkeit von Aktienanalysten zu garantieren und das Vertrauen der Anleger zurück zu gewinnen, setzt GKM auf Eigeninitiative. Das hat auch an der Wall Street Seltenheitswert – obwohl die Skepsis gegenüber den Analysen der großen Investmenthäuser mindestens genauso groß ist wie hier zu Lande. „Statt Anleger vor dem Absturz zu warnen, haben die Analysten sie mit neuen Bewertungsmaßstäben noch über die Klippen getrieben“, sagt Robert Olstein, Manager des Olstein Financial Alert Fund.
Der Grund ist klar: „Der Wettbewerb im Investmentbanking ist so scharf geworden, dass Analysten kaum Verkaufsempfehlungen zu Kunden oder potenziellen Kunden aussprechen“, sagt Arthur Levitt, der scheidende Chairman der US-Börsenaufsicht SEC. Die Zahlen sprechen für sich. Nach Angaben des Finanzinformationsdienstes First Call/Thomson Financial, der die Ratings von Wall-Street-Analysten auswertet, raten die Analysten nur bei rund einem Prozent der mehr als 25000 Aktien an den US-Börsen ausdrücklich zum Verkauf . In mehr als zwei Drittel aller Fälle sehen sie einen Grund zum Kauf der Aktie. Daran ändert auch das Auf und Ab an der Börse kaum etwas. Vor dem Einbruch des Marktes vor einem Jahr war die Verteilung der Ratings nahezu identisch mit der aktuellen Lage.
Dahinter steckt ein grundlegender Wandel in der Art und Weise, wie Investmentbanken ihr Geld verdienen. Noch vor wenigen Jahren finanzierte sich das Aktienresearch durch die Kommissionen aus dem Handel selbst. Doch diese Gebühren sind höchstens noch ein Zehntel so hoch wie in den Achtziger Jahren. Die Banken konzentrieren sich auf lukrativere Felder, wie zum Beispiel Neuemissionen. Verkaufsempfehlungen sind da schädlich fürs Geschäft. „Wenn ich ‚Verkaufen’ sage, und die Aktie in die Knie zwinge, verursacht das viel Ärger beim Unternehmen und den Investoren“, sagte Staranalyst Henry Blodget vor kurzem gegenüber der WirtschaftsWoche (50/2000).
Auch mit Verkaufsempfehlungen lässt sich Geld für die Kunden verdienen, betont dagegen Sean McGowan. GKM, das McGowan vor elf Jahren mit gegründet hat, verdient zwei Drittel seiner Umsätze mit dem eigenen Trading Desk und den Kommissionen aus dem Aktienhandel. Mit seiner spektakulären Verkaufsprämie hat McGowan sein Unternehmen über Nacht zum Aushängeschild der neuen Ehrlichkeit an der Wall Street gemacht. Die Bedingungen für den Mitarbeiterbonus: Die auf Verkauf gestellten Unternehmen müssen eine Marktkapitalisierung von mindestens 600 Millionen Dollar haben, für mehr als 120 Tage auf „verkaufen“ oder „underperform“ eingestuft sein, und die Aktie muss dann tatsächlich schlechter abschneiden als ein Index vergleichbarer Unternehmen. Erste Anwärter gibt es bereits: GKM-Analyst Jeffrey Logsdon hat die Aktie des Filmstudios Pixar Animation Studios („Toy Story“, „A Bug’s Life“) nach ihrem mehrwöchigen Aufwärtstrend jetzt als Verkaufskandidat ausgemacht.
Quelle: Wirtschaftswoche
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Nach dem tiefen Fall der Staranalysten wie Henry Blodget hat die Wall Street einen neuen Helden auserkoren. Er heißt Sean McGowan und ist 39 Jahre alt. Vor wenigen Tagen noch kannte ihn kaum jemand in der New Yorker Finanzwelt. Jetzt kann sich McGowan der Reporteranfragen nicht mehr erwehren. Sogar Starmoderator Peter Jennings wollte ihn in den Hauptnachrichten des Fernsehsenders ABC zwischen dem neuen Präsidenten George Bush und einem neuen Elefantenbaby im Zoo von Seattle zeigen. Woher so viel Aufmerksamkeit? Als Research Director beim Brokerhaus Gerard Klauer Mattison (GKM) hat er seinen Analysten nahegelegt, nicht immer nur Aktien zum Kauf zu empfehlen, sondern Mut zum Negativen zu haben. Als Anreiz setzte er einen Bargeld-Bonus – die Höhe ist geheim – für die beste Verkaufsempfehlung des Jahres aus.
Während in Deutschland über staatliche Regulierung nachgedacht wird, um die Unabhängigkeit von Aktienanalysten zu garantieren und das Vertrauen der Anleger zurück zu gewinnen, setzt GKM auf Eigeninitiative. Das hat auch an der Wall Street Seltenheitswert – obwohl die Skepsis gegenüber den Analysen der großen Investmenthäuser mindestens genauso groß ist wie hier zu Lande. „Statt Anleger vor dem Absturz zu warnen, haben die Analysten sie mit neuen Bewertungsmaßstäben noch über die Klippen getrieben“, sagt Robert Olstein, Manager des Olstein Financial Alert Fund.
Der Grund ist klar: „Der Wettbewerb im Investmentbanking ist so scharf geworden, dass Analysten kaum Verkaufsempfehlungen zu Kunden oder potenziellen Kunden aussprechen“, sagt Arthur Levitt, der scheidende Chairman der US-Börsenaufsicht SEC. Die Zahlen sprechen für sich. Nach Angaben des Finanzinformationsdienstes First Call/Thomson Financial, der die Ratings von Wall-Street-Analysten auswertet, raten die Analysten nur bei rund einem Prozent der mehr als 25000 Aktien an den US-Börsen ausdrücklich zum Verkauf . In mehr als zwei Drittel aller Fälle sehen sie einen Grund zum Kauf der Aktie. Daran ändert auch das Auf und Ab an der Börse kaum etwas. Vor dem Einbruch des Marktes vor einem Jahr war die Verteilung der Ratings nahezu identisch mit der aktuellen Lage.
Dahinter steckt ein grundlegender Wandel in der Art und Weise, wie Investmentbanken ihr Geld verdienen. Noch vor wenigen Jahren finanzierte sich das Aktienresearch durch die Kommissionen aus dem Handel selbst. Doch diese Gebühren sind höchstens noch ein Zehntel so hoch wie in den Achtziger Jahren. Die Banken konzentrieren sich auf lukrativere Felder, wie zum Beispiel Neuemissionen. Verkaufsempfehlungen sind da schädlich fürs Geschäft. „Wenn ich ‚Verkaufen’ sage, und die Aktie in die Knie zwinge, verursacht das viel Ärger beim Unternehmen und den Investoren“, sagte Staranalyst Henry Blodget vor kurzem gegenüber der WirtschaftsWoche (50/2000).
Auch mit Verkaufsempfehlungen lässt sich Geld für die Kunden verdienen, betont dagegen Sean McGowan. GKM, das McGowan vor elf Jahren mit gegründet hat, verdient zwei Drittel seiner Umsätze mit dem eigenen Trading Desk und den Kommissionen aus dem Aktienhandel. Mit seiner spektakulären Verkaufsprämie hat McGowan sein Unternehmen über Nacht zum Aushängeschild der neuen Ehrlichkeit an der Wall Street gemacht. Die Bedingungen für den Mitarbeiterbonus: Die auf Verkauf gestellten Unternehmen müssen eine Marktkapitalisierung von mindestens 600 Millionen Dollar haben, für mehr als 120 Tage auf „verkaufen“ oder „underperform“ eingestuft sein, und die Aktie muss dann tatsächlich schlechter abschneiden als ein Index vergleichbarer Unternehmen. Erste Anwärter gibt es bereits: GKM-Analyst Jeffrey Logsdon hat die Aktie des Filmstudios Pixar Animation Studios („Toy Story“, „A Bug’s Life“) nach ihrem mehrwöchigen Aufwärtstrend jetzt als Verkaufskandidat ausgemacht.
Quelle: Wirtschaftswoche
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