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KA111
05.03.2001, 17:13
Nur eine Schocktherapie kann helfen

Talfahrt in Tokio

Von André Kunz

In Tokio stehen die Zeichen wieder auf Sturm. Die Zweifel an einer Erholung der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt nehmen mit jedem Tag zu. Das Wort Rezession ist schon wieder in aller Munde. Über kein Sturm, sondern ein Taifun ist notwendig, um die japanischen Wirtschaftsplaner und Politiker aus ihrer Lethargie zu reißen und sie zu drastischen Reformen zu zwingen. Nur eine neue und schmerzhaftere Krise führt zur lang ersehnten Wirtschaftserholung.

Die konjunkturelle Großwetterlage in Japan deutet an sämtlichen Fronten auf ein neues Tief hin. Am klarsten spiegelt dies die Börse. Der Nikkei-Index fiel am Donnerstag auf ein 15-Jahrestief und schloss bei 12 681,6 Zählern. Damit steht der Index dort, wo er vor dem verhängnisvollen Beginn der Seifenblasenwirtschaft im November 1985 begonnen hat. Die künstliche Aufblähung der Immobilien- und Aktienpreise in den folgenden fünf Jahren belastet die japanische Wirtschaft bis heute.

In den zehn Jahren seit dem Platzen der Seifenblase hat der japanische Bankensektor in einer herkulischen Anstrengung 70 Billionen Yen (1300 Milliarden DM) an Problemkrediten abgeschrieben. Trotzdem lasten gemäß einer Schätzung der Ratingagentur Standard & Poor's heute immer noch rund 1200 Milliarden DM an unbedienten oder problematischen Krediten auf den Bankbilanzen.

Die jüngste Talfahrt der Börse verschlimmert die Lage drastisch, weil sechs der neun großen Banken mit ihren umfangreichen Aktienbeständen bei einem Topixstand von 1250 Zählern schwere Verluste auf ihrem Aktienvermögen verbuchen. Am Donnerstag notierte der Topix, der alle Titel in der ersten Sektion der Tokioter Börse umfasst, bei 1227 Zählern, dem Stand vom März 1999. Dadurch fährt die weltweit größte Bankengruppe Mizuho Holdings etwa 9,6 Milliarden DM Verluste im Aktienportefeuille ein. Zwar ist Panikstimmung noch nicht angebracht, weil der für den Bankensektor maßgebliche Topix auch am Donnerstag noch weit über 980 Zählern stand, dem schicksalshaften Rekordtief im Oktober 1998, als Japan die schwerste Bankenkrise nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte und die Regierung den Sektor mit Steuergeldern stützen musste.

Eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft kann nur einsetzen, wenn der Bankensektor von der Last der Problemkredite befreit wird, um endlich die notwendigen neuen Kredite an Industrien in Wachstumssegmenten und an Jungunternehmer vergeben zu können. Signale vom Chef der Finanzaufsicht, Hakuo Yanagisawa, der Notenbank und dem mächtigsten Wirtschaftsverband Keidanren weisen darauf hin, dass Tokio sich demnächst aufraffen und mit einem umfassenden Reformplan dieses Problem lösen will. Bankanalysten schätzen, dass mindestens weitere 120 Milliarden DM in den Sektor eingeschossen werden müssen.

Hiobsbotschaften

Die Talfahrt der Börse, eine fallende Industrieproduktion und der Druck der verlangsamenden Konjunktur in den USA ergeben eine Mischung von Hiobsbotschaften an allen Fronten, die die japanischen Politiker zur nächsten Sanierungsübung zwingen werden. Die Notenbank hat sich dem Druck bereits gebeugt und nur einen Monat nach ihrer symbolischen Diskontsatzermäßigung am Mittwoch überraschend den Tagesgeldsatz um 10 Basispunkte auf 0,15 Prozent gesenkt. Eine Rückkehr zur Nullzinspolitik, die Japan nach der Bankenkrise 1998 bis im August 2000 beibehielt, ist nur noch eine Frage von wenigen Wochen.

Sicher ist, dass die japanische Währung unter Druck kommen und in den nächsten Monaten gegenüber dem Euro und dem Dollar markant abwerten wird. Fast so sicher ist auch, dass Japan spätestens im zweiten Quartal 2001 wieder in die Rezession abrutscht und die Welt sich auf neue Großkonkurse im Land der aufgehenden Sonne gefasst machen muss. Ein Taifun steht bevor. Zu hoffen ist, dass er zur kreativen Zerstörung verknöcherter Industriebereiche führt und somit die Erholung des Landes einleitet.
http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A11922208;internal&action=hili.action&Parameter=Japan

Dada
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