Ralph
21.12.2000, 12:45
Der Teil und das Ganze
Gegenwärtig denkt niemand mehr so recht an eine Weihnachtsrallye. Vielleicht ist das ja gerade die beste Bedingung für ihr Eintreffen. Doch Weihnachtsrallye hin, Weihnachtsrallye her: Viel wichtiger ist die Entwicklung im nächsten Jahr. Können wir sie prognostizieren? Ich persönlich denke, die Performance im nächsten Jahr wird nahezu ausschließlich vom Zustand der amerikanischen Wirtschaft abhängen. Trifft die weiche Landung ein, dann wird 2001 sicherlich ein gutes Börsenjahr werden. Im Fall des hard landings jedoch könnten sich die gegenwärtigen Turbulenzen nur als Wetterleuchten entpuppen, dem das richtige Gewitter erst noch folgen würde.
Mein Rat deshalb: Achten wir auf den Dow. Denn er wird aus meiner Sicht der entscheidende Indikator über den Zustand der (alten) Wirtschaft in der Neuen Welt sein.
Missverständnisse
Doch unabhängig von der Richtigkeit dieser Sichtweise gibt es stets Behauptungen über den Markt, die definitiv unzutreffend sind. Einige davon möchte ich heute einmal thematisieren:
(1) Als der deutsche Aktienmarkt sich vor kurzem anschickte, wieder nach oben zu stürmen, titelte eine große deutsche Tageszeitung ihren Börsenkommentar mit der Bemerkung "Anleger zeigen wieder Risikobereitschaft". Dies erscheint auf den ersten Blick natürlich treffend. Die Kurse steigen, also nehmen die Anleger auch wieder Risiken in Kauf. Doch ist das wirklich tatsächlich so? Nein, nicht unbedingt. Hier haben wir es nämlich mit der vielfach anzutreffenden Tatsache zu tun, einen Teil mit dem Ganzen zu verwechseln. Das bedeutet: Ein einzelner Anleger kann natürlich stets höhere Risiken in Kauf nehmen. Für die Gesamtheit der Anleger würde sich das Risiko jedoch nur dann erhöhen, wenn man davon ausgeht, dass gestiegene Kurse ein größeres Risiko beinhalten, wieder zu fallen, als ohnehin fallende Kurse. Und hierüber kann man natürlich durchaus trefflich streiten.
Falschaussagen
Viel klarer wird der Punkt der Verwechslung von Teil und Ganzem jedoch an den nächsten zwei Punkten:
(2) Eine bekannte Börsen-Fernsehmoderatorin hat unlängst in einem Zeitschrifteninterview als Grund für ihren Glauben an bald wieder steigende Aktienkurse angeführt, dass in den nächsten Jahren immer mehr Bundesbürger Aktien besitzen werden. (Mensch Carola, was haste denn da wieder verzapt ?http://www.stock-channel.net/Board/smilies/biggrin.gif )Auch dies klingt auf den ersten Blick logisch, ist es jedoch nicht.
Denn wenn tatsächlich immer mehr Bundesbürger Aktionäre werden, dann nur unter zwei Bedingungen: Entweder müssen im entsprechenden Maße Neuemissionen an den Markt gebracht werden oder aber die bisherigen Aktionäre müssen ihren Aktienanteil deutlich reduzieren. Beides jedoch, deutlich steigende Neuemissionen ebenso wie Reduktionen von Aktienanteilen, stehen deutlichen Kursgewinnen entschieden im Wege. Alleine aufgrund steigender Aktionärszahlen auf eine Hausse zu schließen, ist damit a priori unmöglich. Es kann nämlich ebenso gut sein, dass die Neuen auch die Dummen sein werden.
(3) Ganz kriminell wird die Verwechslung von Teil und Ganzem schließlich beim überall anzutreffenden Lob auf die Restrukturierungen der Unternehmen durch Beschäftigungsabbau. Letzte Woche war es DaimlerChrysler, diese Woche ist es Ford, die ankündigen, durch Abbau der Beschäftigung ihre Unternehmensergebnisse sanieren zu wollen.
Denn auch hier gilt wieder das Gleiche: Eine derartige Strategie ist nur für das einzelne Unternehmen rational, für die Gesamtheit jedoch ist es eine Kamikaze-Strategie. Denn nichts führt an der Tatsache vorbei, dass - am Aktienmarkt wie in der Wirtschaft - alles nur dann verkauft werden kann, wenn es auch von jemandem gekauft wird. Und ohne Einkommen keine Kaufkraft. Also in einer derart haarigen Situation, wie wir sie gegenwärtig in den USA antreffen, Massenentlassungen anzukündigen: Oh la la!
Wie heißt es doch so schön: "What good is for General Motors is good for America." Fragt sich anscheinend nur, was derzeit gut für Amerika und für Europa ist?
Wollen wir tatsächlich gerade jetzt der Tatsache in die Augen blicken, dass wir in den letzten Jahren über unsere Verhältnisse gelebt haben? ..... ein besseres Schlusswort hätte man nicht verfassen können !
Dr. Bernd Niquet ist Buchautor. Seine beiden aktuellen Neuerscheinungen "1000 Prozent Gewinn" und "Die Welt der Börse" handeln über den Crash der Hightech-Aktien.
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Ralph
[Dieser Beitrag wurde von Ralph am 21.12.2000 editiert.]
Gegenwärtig denkt niemand mehr so recht an eine Weihnachtsrallye. Vielleicht ist das ja gerade die beste Bedingung für ihr Eintreffen. Doch Weihnachtsrallye hin, Weihnachtsrallye her: Viel wichtiger ist die Entwicklung im nächsten Jahr. Können wir sie prognostizieren? Ich persönlich denke, die Performance im nächsten Jahr wird nahezu ausschließlich vom Zustand der amerikanischen Wirtschaft abhängen. Trifft die weiche Landung ein, dann wird 2001 sicherlich ein gutes Börsenjahr werden. Im Fall des hard landings jedoch könnten sich die gegenwärtigen Turbulenzen nur als Wetterleuchten entpuppen, dem das richtige Gewitter erst noch folgen würde.
Mein Rat deshalb: Achten wir auf den Dow. Denn er wird aus meiner Sicht der entscheidende Indikator über den Zustand der (alten) Wirtschaft in der Neuen Welt sein.
Missverständnisse
Doch unabhängig von der Richtigkeit dieser Sichtweise gibt es stets Behauptungen über den Markt, die definitiv unzutreffend sind. Einige davon möchte ich heute einmal thematisieren:
(1) Als der deutsche Aktienmarkt sich vor kurzem anschickte, wieder nach oben zu stürmen, titelte eine große deutsche Tageszeitung ihren Börsenkommentar mit der Bemerkung "Anleger zeigen wieder Risikobereitschaft". Dies erscheint auf den ersten Blick natürlich treffend. Die Kurse steigen, also nehmen die Anleger auch wieder Risiken in Kauf. Doch ist das wirklich tatsächlich so? Nein, nicht unbedingt. Hier haben wir es nämlich mit der vielfach anzutreffenden Tatsache zu tun, einen Teil mit dem Ganzen zu verwechseln. Das bedeutet: Ein einzelner Anleger kann natürlich stets höhere Risiken in Kauf nehmen. Für die Gesamtheit der Anleger würde sich das Risiko jedoch nur dann erhöhen, wenn man davon ausgeht, dass gestiegene Kurse ein größeres Risiko beinhalten, wieder zu fallen, als ohnehin fallende Kurse. Und hierüber kann man natürlich durchaus trefflich streiten.
Falschaussagen
Viel klarer wird der Punkt der Verwechslung von Teil und Ganzem jedoch an den nächsten zwei Punkten:
(2) Eine bekannte Börsen-Fernsehmoderatorin hat unlängst in einem Zeitschrifteninterview als Grund für ihren Glauben an bald wieder steigende Aktienkurse angeführt, dass in den nächsten Jahren immer mehr Bundesbürger Aktien besitzen werden. (Mensch Carola, was haste denn da wieder verzapt ?http://www.stock-channel.net/Board/smilies/biggrin.gif )Auch dies klingt auf den ersten Blick logisch, ist es jedoch nicht.
Denn wenn tatsächlich immer mehr Bundesbürger Aktionäre werden, dann nur unter zwei Bedingungen: Entweder müssen im entsprechenden Maße Neuemissionen an den Markt gebracht werden oder aber die bisherigen Aktionäre müssen ihren Aktienanteil deutlich reduzieren. Beides jedoch, deutlich steigende Neuemissionen ebenso wie Reduktionen von Aktienanteilen, stehen deutlichen Kursgewinnen entschieden im Wege. Alleine aufgrund steigender Aktionärszahlen auf eine Hausse zu schließen, ist damit a priori unmöglich. Es kann nämlich ebenso gut sein, dass die Neuen auch die Dummen sein werden.
(3) Ganz kriminell wird die Verwechslung von Teil und Ganzem schließlich beim überall anzutreffenden Lob auf die Restrukturierungen der Unternehmen durch Beschäftigungsabbau. Letzte Woche war es DaimlerChrysler, diese Woche ist es Ford, die ankündigen, durch Abbau der Beschäftigung ihre Unternehmensergebnisse sanieren zu wollen.
Denn auch hier gilt wieder das Gleiche: Eine derartige Strategie ist nur für das einzelne Unternehmen rational, für die Gesamtheit jedoch ist es eine Kamikaze-Strategie. Denn nichts führt an der Tatsache vorbei, dass - am Aktienmarkt wie in der Wirtschaft - alles nur dann verkauft werden kann, wenn es auch von jemandem gekauft wird. Und ohne Einkommen keine Kaufkraft. Also in einer derart haarigen Situation, wie wir sie gegenwärtig in den USA antreffen, Massenentlassungen anzukündigen: Oh la la!
Wie heißt es doch so schön: "What good is for General Motors is good for America." Fragt sich anscheinend nur, was derzeit gut für Amerika und für Europa ist?
Wollen wir tatsächlich gerade jetzt der Tatsache in die Augen blicken, dass wir in den letzten Jahren über unsere Verhältnisse gelebt haben? ..... ein besseres Schlusswort hätte man nicht verfassen können !
Dr. Bernd Niquet ist Buchautor. Seine beiden aktuellen Neuerscheinungen "1000 Prozent Gewinn" und "Die Welt der Börse" handeln über den Crash der Hightech-Aktien.
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Ralph
[Dieser Beitrag wurde von Ralph am 21.12.2000 editiert.]