PDA

Vollständige Version anzeigen : Rezessionsangst - Welt im Abschwung


Sascha
16.03.2001, 19:45
Welt im Abschwung

Deutschland kann sich mit Reformen schützen

Von Uwe Jean Heuser

Nicht nur Aktionäre haben Grund, sich zu sorgen. Japan und Amerika stecken in ernsten volkswirtschaftlichen Schwierigkeiten - und in Deutschland wächst die Nervosität. Ein Gewitter zieht auf.

New York: Die Aktien der Neuen Wirtschaft haben zwei Drittel ihres sagenhaften Wertes verloren. Die Blase ist geplatzt. Und der Dow Jones, Index der Konzerne, beginnt zu stürzen. Vom Chiphersteller Intel bis zum Netzausstatter Cisco offenbart ein führendes Unternehmen des Landes nach dem anderen: Die Gewinnerwartungen sinken; Entlassungen sind die Folge.

Es bewahrheitet sich die so genannte Theorie der nervösen Frösche: Die Börsianer reagieren wie immer maßlos auf neue Nachrichten. Aber die neuen Nachrichten sind diesmal wahrhaft schlechte. Den Technologiekonzernen kommen die Abnehmer abhanden. Viele Internet-Firmen können sich nicht mehr mit neuer Technik ausstatten, klassische Konzerne der Old Economy wollen es nicht. Lieber schieben sie Investitionen auf die lange Bank - es muss nicht immer der schickste Laptop sein. Die Konsumenten, erschrocken beim Blick auf ihre Aktiendepots, drohen die Lust zu verlieren. Und das Konjunkturtal Amerikas sieht von Tag zu Tag länger und tiefer aus.

Tokyo: Die Börse ist auf dem Tiefpunkt von eineinhalb Jahrzehnten. Der Staat steht derart in der Kreide, dass die gesamte Volkswirtschaft 15 Monate lang nur dafür arbeiten müsste, die Staatsverschuldung zu tilgen. Banken sind mit mehr als einer halben Billion Mark schlechter Kredite belastet. Der ehemalige Meister des Exports erlebt herbe Niederlagen - und fällt wieder in die Rezession. Bald ist die Wirtschaftssprache der Region Chinesisch.

Bedrohlicher als Zahlen ist die träge Masse aus Tradition und Vetternwirtschaft, aus der sich die ewig regierenden Liberaldemokraten nicht befreien. Ob der Premier abtritt, ob der Finanzminister die überhöhte Verschuldung des Staates beim eigenen Volk zugibt oder nicht: Es ist fast egal, solange lieber noch ein Konjunkturprogramm eingeschoben wird, als das Knäuel aus Politik, Banken, Konzernen zu entwirren.

Berlin: Gerhard Schröder bleibt vorerst standhaft - und zwar bei heiteren Wachstumsprognosen. Konjunktur, meint er, sei auch Überzeugungsarbeit. Forscher haben derweil anderes errechnet. Sie fürchten, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nicht wie erwartet um mehr als 2,5 Prozent wächst, sondern nur um gut 2 Prozent. Jedes Zehntelprozent weniger Wachstum kostet aber Zehntausende Arbeitsplätze - wollte Schröder nicht einer Million Arbeitslosen Hoffnung geben? Außerdem kostet das sinkende Wachstum einige Steuermilliarden, mit denen Bahn und Bundeswehr saniert, Familien und Ökobauern unterstützt werden sollten.

Glaube niemand, die Weltwirtschaft könne in Flammen stehen und wir Deutschen müssten nicht einmal schwitzen. Zwar handeln wir vor allem mit Resteuropa, und der Euro schützt davor, dass die D-Mark allein aufgewertet wird. Gleichwohl finden deutsche Exporteure weniger Abnehmer in Übersee. Selbst ein standfestes Unternehmen wie Siemens spürt, wie das Geschäft mit der Telekommunikation nachlässt. Es kann schlimmer werden: wenn Dollar und Yen fallen und deshalb Produkte aus Europa im globalen Vergleich teurer werden; wenn die Japaner, immerhin die großen Gläubiger der Weltökonomie, ihr Auslandsgeld zurückholen und somit die Zinsen steigen lassen.

Die führenden Industrienationen dürfen erwarten, dass der amerikanische Chefnotenbanker Alan Greenspan die Zinsen und sein Präsident die Steuern senkt, damit weiter konsumiert wird. Und sie müssen Japan massiv drängen, Kredite ohne Gegenwert zu tilgen, die Staatsfinanzen zu sanieren und für Wettbewerb in den vielen geschützten Branchen des Landes zu sorgen.

Vor allem aber sollte Deutschland selbst handeln, statt auf andere zu hoffen. Die größte Volkswirtschaft Europas lässt nach nur einem guten Konjunkturjahr nach, weil die konjunkturfördernden Reformen - mit Ausnahme von Hans Eichels Steuerreform - zu schwach ausfielen. Die Rentenpolitik zum Beispiel entlastet die Jüngeren nicht um mehr, als es Norbert Blüm schon vor vier Jahren plante. Mehr Jobs entstehen nicht, nur weil Rot-Grün die betriebliche Mitbestimmung neu reglementiert. Arbeitsplätze würden entstehen, wollte die Regierung ihre veraltete Idee aufgeben: Gesetzgeber und Tarifmonopolisten bestimmen, wie lange für wie viel Geld gearbeitet wird. Heute wollen sich viele Betriebe und ihre Belegschaften selbstständig auf die Konditionen einigen, die am besten zu ihnen passen.

Das Arbeitsrecht scheint ein Naturrecht auf lebenslange Anstellung vorauszusetzen. Die Folge: Wer drin ist, genießt Schutz; wer draußen ist, muss zu oft draußen bleiben. Arbeit zu Niedriglöhnen ist nicht erlaubt. Wenn die Regierung jetzt Arbeitslose zu Beschäftigung oder Weiterbildung drängt, ist das ein Anfang. Weitergehen muss sie, indem sie Arbeit für wenig Geld erlaubt und mit eigenem Geld unterstützt.

Nur weil es die ganze Welt den Deutschen sagt, ist es noch nicht falsch: Unser Arbeitssystem ist in der Tat gestrig, das Sozialsystem zu teuer. Und das Bildungssystem ist starr: Warum sollen staatliche Hochschulen nahezu frei von privater Konkurrenz darum wetteifern, die besten Absolventen zu produzieren? Den Unternehmen fehlen neben Ingenieuren auch Manager, die unternehmerische Risiken eingehen und ihre Entscheidungen gerade dann verantworten, wenn die Strategie fehlschlägt. Und in den Aufsichtsräten haben zu viele Chefs von Hausbanken, Großversicherungen, Interessengruppen das Sagen.

Deutschland braucht den Wind des globalen Wettbewerbs. In Zeiten guter Weltkonjunktur hat es die Chance zur Runderneuerung verpasst. Nun wird die Aufgabe schwieriger und dringender zugleich. An den Menschen im Land soll es nicht liegen. Meinungsumfragen machen deutlich, dass sie Marktwirtschaft und Unternehmertum heute positiver annehmen als in den neunziger Jahren. Die Volkswirtschaft darf sich allerdings nicht ziehen lassen, sondern müsste selbst das Tempo anziehen. Dazu bedarf es mutiger Unternehmer und kraftvoller Politiker. Und die hat Deutschland nicht gerade im Übermaß. Noch erinnert uns die schwache Weltwirtschaft bloß an das Manko. Bald schon könnte sie uns die Quittung dafür ausstellen.

gefunden in:
http://www.zeit.de/2001/12/Wirtschaft/200112_1._leiter.html