Sascha
08.04.2001, 09:52
Flammendes Fanal
Der Reichstagsbrand 1933 war das Signal für den Beginn des braunen Massenterrors. Über die Hintergründe wird bis heute gestritten. Einige Wissenschaftler wollen aus jetzt aufgefundenen Dokumenten herauslesen, dass der Holländer Marinus van der Lubbe doch nicht allein das Feuer legte.
Der Tag, an dem er Geschichte schrieb, begann für Marinus van der Lubbe im kleinen Obdachlosenasyl auf dem Hennigsdorfer Polizeigelände, in der Nähe von Berlin. Als er aufwachte, war es draußen noch dunkel, und der Februarfrost kroch durch die Türritzen in den kargen Schlafsaal. Er quälte sich aus dem Etagenbett gegenüber der Eingangstür, tauschte das weiße Nachthemd des Männerasyls gegen seine löchrige Hose, das schäbige braune Hemd und schlüpfte in die Schuhe; von einem löste sich die Sohle. Der Polizeihauptwachtmeister Schmidt, der am Rosenmontag 1933 die Aufsicht im Asyl führte, schickte van der Lubbe noch zum Feuerholzholen, danach, um 7.45 Uhr, entließ er den Holländer auf die Straße. Van der Lubbe, 24, hatte gut zwölf Stunden in Freiheit vor sich.
Schräg gegenüber, in Max Wolters Lokal, schnorrte er noch eine Tasse heißen Kaffee. Dann stapfte der schmalbrüstige Anarchokommunist mit dem wilden Lockenschopf durch den Schnee Richtung Berlin.
Von Hennigsdorf bis in die damalige Reichshauptstadt sind es rund 20 Kilometer, und van der Lubbe nahm sich dafür Zeit. Der gelernte Maurer konnte mit dem rechten Auge kaum seine Finger zählen, und auch das linke war lädiert; er hatte bei einer Balgerei mit Kollegen und bei Bauarbeiten Kalk und Splitt in die Augen bekommen.
Van der Lubbe lief durch Tegel, vorbei an den Fahnen und Wahlplakaten, mit denen die Nazis und andere Parteien der Weimarer Republik für die letzten, halbwegs freien Wahlen warben, die Adolf Hitler zuließ. Der NSDAP-Chef war erst seit vier Wochen Reichskanzler und seine Macht noch begrenzt.
In der Müllerstraße entdeckte van der Lubbe gegen halb elf Uhr einen Kohlenhändler. Er kaufte für 30 Pfennig vier Pakete Kohlenanzünder, auf deren Verpackung eine rot züngelnde Flamme lockte. Gut drei Stunden später stand er endlich vor seinem Ziel.
Dunkel und düster, wie für die Ewigkeit gebaut, thronte der Reichstag in der fahlen Wintersonne, ein Klotz aus Sandsteinquadern, Ziegeln und Granit, überragt von der mächtigen Kuppel, die die Berliner als "größte Käseglocke Europas" verspotteten. Um einzusteigen, war es allerdings noch zu hell; van der Lubbe lief durch die Straßen, wärmte sich im Postamt und kehrte erst gegen 21 Uhr zurück.
Aber dann hielt ihn nichts mehr auf, nicht das Eis auf dem Treppengeländer, nicht die klammen Hände, nicht die Wachmänner. Er kletterte an der Fassade zu einem Balkon im Hauptgeschoss empor und trat so lange gegen die Doppelscheiben aus acht Millimeter starkem Spiegelglas, bis sie splitterten.
Wie im Feuerrausch stürmte er durch die dunklen Räume, setzte einen Kohlenanzünder nach dem anderen in Brand, rannte die Treppe hinunter, stürzte in die Küche, sprang dann wieder eine Treppe empor ins Hauptgeschoss. Dass einer der Polizisten, die den Reichstag bewachten, von außen auf den tanzenden Lichterschein van der Lubbes schoss, hielt ihn nicht auf.
Während Feuerwehr und Polizei mit lautem Gebimmel herbeirasten, zündete der Brandstifter hastig Portieren und ein Tischtuch an, entflammte Handtücher, Servietten und den Papierkorb neben einer Waschtoilette. Weil die Anzünder schnell verbraucht waren, zog er Hemd, Weste, Jackett und Mantel aus, steckte sie nach und nach an und schleifte die brennenden Kleidungsstücke als Feuerträger hinter sich her, bis hinein in den Plenarsaal.
Als der junge Wachtmeister Helmut Poeschel und der Hausinspektor Alexander Scranowitz den Feuerteufel schließlich entdeckten, stand dieser schwer atmend, mit den Hosenträgern über der nackten Brust und schweißnass in einem Nebengang (nach anderer Quelle: im Bismarcksaal) im Hauptgeschoss des Reichstags. Sein Ziel hatte er erreicht: Der Plenarsaal verwandelte sich wenige Minuten später in ein brennendes Inferno; leuchtend rot und weit sichtbar schlugen die Flammen in der Kuppel empor.
An diesem 27. Februar 1933 brannte das Symbol der Republik, von Parlament und Parteien - die viele Deutsche damals verachteten. Der Reichstagsbrand wurde zum Fanal für die endgültige Zerstörung der Weimarer Demokratie.
Zugleich entzündete sich an der Aktion eine bis heute anhaltende Debatte über die Hintergründe. War der Holländer tatsächlich allein der Täter, wie er später vor Polizei und Gericht beteuerte, oder galt, was Hermann Göring, der Reichstagspräsident, sogleich als erster Politiker an der Brandstätte erklärte: "Ohne jeden Zweifel ist dies das Werk der Kommunisten." Oder war es so, wie nach dem Krieg die gängige Erklärung lautete: Tatsächlich steckten die Nationalsozialisten selber hinter der Brandstiftung? Sie profitierten doch ganz offensichtlich von der den Kommunisten untergeschobenen Tat, um damit den anschließenden braunen Terror gegen die Linke zu rechtfertigen.
Eine SPIEGEL-Serie 1959/60 brachte eine Aufsehen erregende Wendung in der Debatte. Ein Oberregierungsrat im niedersächsischen Innenministerium, Fritz Tobias, der sich die Reichstagsbrandforschung zur Lebensaufgabe gemacht hatte, legte mit zahlreichen Details dar, dass van der Lubbe nur allein gehandelt haben könne. Hans Mommsen, heute einer der angesehensten deutschen Historiker, unterstützte die These des nichtakademischen Außenseiters. Doch zu provokant war diese Version: Schien sie doch, so die Meinung vieler Kritiker, die Nazis und das nach dem Reichstagsbrand einsetzende Terror-Regime von Schuld freizusprechen.
Walther Hofer, einer der prominentesten Forscher über die Zeit zwischen 1933 und 1945, bemühte sich, die Alleintäter-These anhand von Dokumenten zu widerlegen. Die waren allerdings offenbar gefälscht.
Die Debatte schien damit geklärt - erst kürzlich übernahm der Hitler-Biograf Ian Kershaw die Deutung des niedersächsischen Beamten Tobias. Inzwischen aber sind - nach den Wirren der Wende - über 200 Aktenbündel Ermittlungsunterlagen von 1933 zugänglich geworden, die zu neuen Spekulationen reizen. Die Diskussion über die Täterschaft lebt nicht nur munter wieder auf - sie reicht auch weit über das übliche Geplänkel unter wissenschaftlichen Spezialisten hinaus.
Einige akademische Außenseiter - der Physiker Wilfried Kugel, der Theaterwissenschaftler Gerhard Brack, der Soziologe Hersch Fischler und der Journalist und Historiker Alexander Bahar - lesen aus den Unterlagen nicht nur weitere Varianten über den Brand heraus, sie erheben auch schwere Vorwürfe gegen die Vertreter der Alleintäter-Theorie.
Das Rätsel Reichstagsbrand lädt zu Legendenbildungen ein
Im Internet, in Tageszeitungen wie "taz" und "Die Welt", in Fachorganen wie der renommierten "Historischen Zeitschrift" und einem 860 Seiten dicken Wälzer ist von "Geschichtsfälschung" oder "Manipulation" durch den "Amateurhistoriker" Tobias, durch Mommsen oder den SPIEGEL die Rede. Van der Lubbe könne auf Grund der neuen Aktenfunde gar nicht der Täter oder zumindest nicht der alleinige Täter gewesen sein.
Die Wissenschaftler verweisen auf Widersprüche in bislang unbekannten Aussagen des Holländers über seinen Weg durch den Reichstag; sie halten es auf Grund der Zeitangaben der Zeugen für ausgeschlossen, dass van der Lubbe allein durch den Reichstag stürmte und in wenigen Minuten mit Kohlenanzündern und einigen Textilien den Plenarsaal mit dem tonnenschweren Eichengestühl anzünden konnte. Sie finden es verdächtig, dass die Polizei viele auffällige Spuren nicht verfolgte, die sich in den Papieren im Bundesarchiv finden.
Droht also ein neuer Historikerstreit mit zudem brisantem Hintergrund, den die Vierer-Gruppe immer wieder in den Vordergrund spielt: eine braune Verschwörung in den Medien, speziell im SPIEGEL? Das Rätsel Reichstagsbrand lädt ja zu vielerlei Legendenbildungen ein.
Unstrittig ist nur, wie die Nazis ihre Schuldzuweisung in den Wochen nach dem Reichstagsbrand in Aktionen gegen ihre Gegner umsetzten. Polizei und die braune Schlägertruppe SA verhafteten noch in der Brandnacht Kommunisten, dann auch Sozialdemokraten und andere Linke wie den späteren Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky. Bis April wurden allein in
Preußen über 25 000 Menschen festgesetzt; die SA-Männer schlugen ihre Opfer in Kellern und Hinterhöfen zusammen, folterten manche zu Tode.
Erstmals demonstrierte Hitler jene fein abgestimmte Melange aus Pseudo-Legalität und Massenterror, die seine Gegner einschüchterte, die ängstlich Unentschlossenen auf seine Seite zog und die bürgerlichen Verbündeten zu Komplizen werden ließ. Am Tag nach dem Feuer verabschiedete das Kabinett die Notverordnung "Zum Schutz von Volk und Staat". Fortan konnte jeder ohne Anklage und Beweise verhaftet, konnten Wohnungen durchsucht, Zeitungen zensiert, Briefe geöffnet, Telefone abgehört werden.
Nach dem Reichstagsbrand begann der "permanente Ausnahmezustand" (so der Berliner Historiker Ludolf Herbst), der erst 1945 endete, als Deutschland längst in Trümmern lag.
Der Terror nach dem Reichstagsbrand ebnete Hitlers Regierungskoalition aus NSDAP und Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) den Weg zur absoluten Mehrheit bei den Wahlen am 5. März: Die Wahlwerbung der linken Opposition wurde massiv behindert und teilweise verboten. Gut zwei Wochen nach dem Urnengang stimmte das neu gewählte Parlament, ohne die inzwischen verhafteten Kommunisten und gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, dem berüchtigten Ermächtigungsgesetz mit einer Zweidrittelmehrheit zu. Der Reichstag wurde damit endgültig entmachtet, Deutschland war eine Diktatur.
Der Brandstifter van der Lubbe bezahlte seine Tat mit dem Leben. Die Nazis verhängten Ende März 1933 für Brandstiftung rückwirkend die Todesstrafe. Das Leipziger Reichsgericht machte van der Lubbe gemeinsam mit dem KPD-Fraktionsvorsitzenden Ernst Torgler und drei bulgarischen Kommunisten den Prozess. Van der Lubbe wurde zum Tode verurteilt.
Seine Mitangeklagten, darunter der spätere Chef der Kommunistischen Internationale, Georgij Dimitrow, sprach das Gericht in dem spektakulären Verfahren allerdings frei. Nicht diese, sondern unbekannt gebliebene Kommunisten sollten nach dem Urteil van der Lubbe geholfen haben.
Nationalsozialisten und Kommunisten lieferten sich über die Schuldfrage wilde Propagandaschlachten. Die KPD lancierte gefälschte Dokumente, die noch Jahre später Historiker irreführten. Zwei so genannte Braunbücher der KPD wurden 1933 und 1934 in über 100 000 Exemplaren illegal verbreitet.
50 000 Seiten Akten heimlich in Moskau übergeben
Auch nach 1945 trug der Streit über die Schuld Züge eines Glaubenskriegs, den auch angesehene Wissenschaftler mit allen Mitteln ausfochten. Der Reichstagsbrandforscher Tobias war nach seiner SPIEGEL-Serie und einer anschließenden Buchveröffentlichung vorderstes Ziel der Angriffe.
1968 formierte sich ein Komitee "zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges" mit Sitz in Luxemburg, dessen Leitung der renommierte Schweizer Professor und Bestsellerautor Walther Hofer ("Der Nationalsozialismus") übernahm. Einer der Ehrenpräsidenten war der damalige Außenminister Willy Brandt, der sich allerdings bald zurückzog; zum Kuratorium zählten der Historiker Golo Mann und Kabinettsmitglieder wie Horst Ehmke (SPD).
Dem Außenseiter Tobias unterstellte Hofer, an einer "NS-Unschulds"-Legende zu stricken, die dazu verleiten könnte, die Nazis auch von anderen Verbrechen zu exkulpieren. Lubbes Alleintäterschaft, fand Golo Mann, sei "sozusagen volkspädagogisch unwillkommen".
Über ein Jahrzehnt bekämpften Hofer und Edouard Calic, der Generalsekretär des Komitees, mit Dienstaufsichtsbeschwerden oder üblen Schmähungen Tobias, der sich seinerseits mit harten Bandagen und auch auf dem Rechtsweg wehrte. Tobias habe ihn, behauptete etwa Calic ernsthaft, mit Messer und Revolver bedroht; ein Strafantrag wurde abgewiesen.
Die Debatte um den Reichstagsbrand geriet über den polit-pädagogischen Streit zum ermüdenden Hickhack. Hofer und Calic trugen zwar einige Argumente gegen van der Lubbes Alleintäterschaft zusammen, doch den schlüssigen Beweis für eine Brandstiftung durch die Nazis konnte Hofer nie erbringen.
Als das Komitee schließlich 1978 Dokumente vorlegte, deren Echtheit auch wohlmeinende Wissenschaftler in Frage stellten, verstummten die Zweifel an der Alleintäterschaft.
Über ein Jahrzehnt später gab das Bundesarchiv in Berlin die Akten von 1933 zur Einsicht frei - und wieder entflammte der Krieg der Spurenleser, die in der Asche des alten Brandherdes herumdeuteten.
Die Berliner Unterlagen waren auf verschlungenen Wegen in die heutige Bundeshauptstadt gekommen. 1968 hatte sich die Stasi auf die Suche nach den Dokumenten gemacht, als sie den Chemiker und Dissidenten Robert Havemann ins Visier nahm. Der kommunistische Widerstandskämpfer hatte vor dem Brand 1933 einen der bulgarischen Mitangeklagten van der Lubbes beherbergt und war deshalb von der Gestapo verhört worden.
Die Stasi glaubte fälschlicherweise, Havemann habe Verrat begangen, und wollte ihn mit Hilfe des Verhörprotokolls überführen. In Sofia erfuhren Mielkes Männer von einer Dimitrow-Expertin, dass Dokumente zum Reichstagsbrand in Moskau lagen, einst Beutegut der Roten Armee. Es dauerte dann bis 1982, ehe der Kreml die 50 000 Seiten in der Moskauer DDR-Botschaft heimlich an das Ost-Berliner Institut für Marxismus-Leninismus übergeben ließ.
Fischler, Bahar und Kugel sind nach Sichtung der Akten allerdings über die tatsächlichen Täter unterschiedlicher Meinung. Der Soziologe Fischler vermutete zunächst, Hitlers erzkonservativer Koalitionspartner DNVP stecke hinter dem Brand. Die rechte Partei vertrat auch die ostelbischen Junker, und viele der Parteihonoratioren fürchteten, ein Subventionsbetrug bei der so genannten Osthilfe an die ostdeutsche Landwirtschaft könne auffliegen. Mit dem Reichstagsbrand, so Fischler, wollten die DNVP und ihr nahe stehende Kreise "einen Aufstand der Kommunisten provozieren oder vortäuschen, um dann per Notverordnung den Reichstag ... auszuschalten" und damit ein Aufdecken des Skandals durch das Parlament zu verhindern.
Inzwischen spekuliert er, ob sich nicht "nationalsozialistische Führer" ausgedienter Mitglieder der Organisation Consul bedient hätten, um den Reichstag abzubrennen. Diese rechte Terrororganisation hatte 1922 den damaligen Außenminister Walther Rathenau ermordet, und einige ihrer Mitglieder waren laut Fischler auch für ein Bombenattentat auf den Reichstag 1929 verantwortlich.
Bahar und Kugel hingegen glauben, Goebbels und Göring seien "Ideengeber" und "Hintermann" der Brandstiftung, die ein "SA-Spezialkommando zur besonderen Verwendung" angeblich durchgeführt hat. Die SA habe den arglosen van der Lubbe unter kommunistischer Flagge angeworben und dann in einer Parallelaktion in den schon brennenden Reichstag gebracht. Diese These hatte einst auch die KPD vertreten.
Kugel, Bahar und Fischler hegen einen brisanten Verdacht: Die Alleintäter-These sei aus einer Verschwörung Ewiggestriger entstanden. Die 1933 ermittelnden Beamten der Kripo und späteren Gestapo, so wird insinuiert, sollen mit Hilfe altbrauner Netzwerke, die bis in den SPIEGEL reichten, die angebliche Mär von der Alleinschuld van der Lubbes verbreitet haben, um die wahren Brandstifter zu decken oder sich gar laut Fischler vor Strafverfolgung zu schützen.
Bei fast allen großen Kriminalfällen gibt es ein Restquantum an widersprüchlichen Zeugenaussagen, abweichenden Spuren, unerklärlichen Hinweisen. Beim Reichstagsbrand sind solche Unwägbarkeiten besonders zahlreich. Auf Druck Görings suchten Kripo und die Politische Polizei nach Helfern van der Lubbes unter den Kommunisten. Was dabei, auch unter dubiosen Umständen, an Beweisen gegen die Alleintäterschaft zu Stande kam, werten die vier Kritiker nun als Belege für rechte oder nationalsozialistische Helfer van der Lubbes - eine problematische Methode.
Der Techniker Paul Bogun etwa kam von einem Vortrag im Haus der Ingenieure und lief in jenen Minuten am Reichstag entlang, als van der Lubbe in das Gebäude einbrach. Gegenüber der Polizei behauptete Bogun, er habe einen Mann mit heller Hose aus einem Nebeneingang des Reichstags kommen und wegrennen sehen.
Als im Prozess gegen van der Lubbe die Zeitungen über Boguns Aussage in großer Aufmachung berichteten, meldete sich - das zeigen die Berliner Akten - ein Passant und erklärte, er habe an jenem Abend an der entsprechenden Tür des Reichstags gerüttelt, "um mich davon zu überzeugen, was es mit dem Feuerschein auf sich hatte". Das Portal sei allerdings geschlossen gewesen, danach sei er weitergelaufen.
Gut möglich, dass es sich um ebenjenen Mann handelte, den Bogun gesehen hatte. Im Prozess spielte diese Aussage freilich keine Rolle, sie passte nicht ins Konzept der Ankläger. Bahar, Kugel und Fischler sehen in Boguns Beobachtung trotzdem ein gewichtiges Indiz dafür, dass van der Lubbe nicht der einzige Brandstifter im Gebäude war.
Andere Fährten haben Kripo und Gestapo nicht weiter verfolgt. Der Postassistent Duchstein beispielsweise sprach wenige Tage nach dem Brand bei der Polizei vor und behauptete, er habe während van der Lubbes Brandlauf vier Männer in Polizeiuniformen aus einem Nebeneingang des Reichstags kommen sehen. Die Ermittler legten Duchsteins Angabe in dem Ordner "Unwichtige beendete Untersuchungen" ab. Fischler hält Duchsteins Aussage gerade deshalb für eine heiße Fährte. Widerlegen lässt sich so etwas nicht.
Als Scoop gilt den Wissenschaftlern die Entdeckung des Schornsteinfegermeisters Wilhelm Heise. Der 37-Jährige war Stunden nach der Verhaftung van der Lubbes innerhalb der Absperrung am Reichstag festgenommen worden. Drei Mal versuchte er, sich während der Nacht in der Haft zu erhängen. Bahar, Kugel und Fischler finden das verdächtig. Die Polizei ließ Heise nach einigen Stunden gehen. Er war bei der Festnahme so betrunken, dass er torkelte.
Van der Lubbe verstand nicht, dass ihm viele seiner Vernehmer nicht glaubten. Er hatte sogleich alle Schuld auf sich genommen und in ungelenkem Deutsch erklärt, was er von dem Brand erwartete: "Die Arbeiter sollten sich auflehnen gegen die Staatsordnung. Die Arbeiter sollten denken, dass es ein Symbol für einen gemeinsamen Aufstand gegen die Ordnung des Staates ist."
Der Holländer gehörte zu jener kleinen Gruppe Rätekommunisten der Zwischenkriegszeit, die von der Herrschaft des Proletariats träumten, aber sich der brutalen Disziplin der stalinisierten kommunistischen Parteien nicht beugten. 1931 war er aus der niederländischen KP ausgetreten. Er wollte Aktion und Basisdemokratie, nicht Theorie und Parteigehorsam.
Der junge Halbinvalide agitierte auf eigene Faust unter den arbeitslosen Textilarbeitern in Leiden. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten und einer kleinen Rente. Neugierig wanderte er mehrfach durch Europa, auch um herauszufinden, wie die Weltwirtschaftskrise in den Nachbarländern wirkte.
Auf den Weg nach Berlin, das er bereits kannte, machte er sich im Februar 1933. Van der Lubbe wollte wissen, wie das deutsche Proletariat auf den "Führer" reagierte.
15 Tage brauchte er bis zur Reichshauptstadt, und was er dort von den verbitterten Arbeitslosen auf der Straße, vor den Wohlfahrtsämtern und im Männerheim erfuhr, fand er ziemlich enttäuschend. Die Arbeiter, beklagte er später, würden "aus sich heraus nichts unternehmen". Als er einigen eine spontane Demo vorschlug, verwiesen sie ihn an die KPD; die werde den Vorschlag "dann überlegen".
Der Holländer trieb sich viel in Neukölln herum; in dem Arbeiterbezirk mit den trostlosen Mietskasernen, düsteren Hinterhöfen und den vielen arbeitlosen Jugendlichen hatten Nazis und Kommunisten vor der Machtergreifung Hitlers einander blutige Straßenschlachten um ihre Kiezlokale geliefert. Nach dem Januar 1933 versuchten SA-Spitzel, die roten Genossen zu Straftaten zu provozieren, um sie hinterher dingfest machen zu können.
Es wird bis heute darüber spekuliert, ob auch van der Lubbe in Neukölln an verkappte Nazis geraten ist, wie schon die kommunistische Propaganda behauptete. Bahar und Kugel verweisen auf den Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland, der später berichtete, er habe den Holländer damals am heutigen Karl-Marx-Platz getroffen.
Weiland erwartete einen niederländischen Genossen. Als stattdessen van der Lubbe auftauchte und für eine revolutionäre Aktion agitierte, will Weiland misstrauisch geworden sein. Der Besucher habe "von uns verlangt loszuschlagen", alle linken Organisationen würden sich dann anschließen, auch die SA und die Reichswehr. Weiland hat nach eigener Erinnerung daraufhin dem Holländer ins Gesicht gesagt: "Du bist Provokateuren aufgesessen."
Möglich, dass van der Lubbe für seinen Aktionismus ("Man muss etwas machen") Zuspruch von einem Agent provocateur erhielt. Vielleicht haben ihn auch nur einige Verzweifelte aus der grauen Armee der Arbeitslosen ermutigt. Aber außer Weilands Behauptung gibt es keine Belege, und Weiland ist ein problematischer Zeuge: Er hat in einem Brief 1960 ausdrücklich verneint, van der Lubbe getroffen zu haben.
Die Stasi argwöhnte zeitweise ganz andere Helfer van der Lubbes. Bei ihr stand in den fünfziger Jahren der Genosse Walter Jahnecke unter Verdacht, mit dem Holländer "individuellen Terror" - so nannte man Anschläge ohne Erlaubnis der Partei - durchgeführt zu haben, wenn auch nicht auf den Reichstag. Jahnecke hatte bis 1926 mehrere Jahre in der Sowjetunion gelebt und behauptete später, er habe in Berlin Beziehungen zu van der Lubbes Mitangeklagtem Dimitrow gepflegt.
Gesichert ist freilich nur, dass van der Lubbe und Jahnecke sich vor der Zahlstelle des Wohlfahrtsamts kennen gelernt hatten. "Der Mann", urteilte Jahnecke über den Schwärmer aus Leiden, "ist ungeheuer edel in seinem Denken." Er bot dem abgerissenen, hungrigen, aber politisch gut informierten Wanderer Stullen an, organisierte eine Schlafstelle und einen alten Mantel.
Nach einer Woche hatte van der Lubbe vom Reden genug. Und da die Deutschen "nichts unternehmen wollten, wollte ich eben etwas tun", so seine spätere Aussage vor der Polizei. Er kaufte vier Pakete Kohlenanzünder und warf einige Stücke auf das Dach des Neuköllner Wohlfahrtsamts, eines schleuderte er in ein offenes Fenster der Holzbaracke - aus Protest gegen die Arbeitslosigkeit, wie er in den Vernehmungen sagte. Das Wohlfahrtsamt galt als Zwingburg des Kapitalismus.
Erfolg hatten beide Versuche nicht. Den Dachbrand bemerkten Passanten rechtzeitig, und das offene Fenster führte in die Damentoilette; der Anzünder verbrannte auf dem Betonfußboden.
Zwei weitere, ähnlich dilettantische Brandstiftungen unternahm van der Lubbe noch am gleichen Abend am Roten Rathaus und beim Berliner Schloss. Das Rathaus galt ihm als politisches Symbol; das Schloss wählte er, weil es im Zentrum lag und "hohe Flammen" zu erwarten waren: "Ich wollte den deutschen Arbeitern ein Vorbild geben; sie sollten endlich ihre Rechte durchdrücken." Beide Feuer wurden rechtzeitig entdeckt, die Gebäude blieben ohne Schaden. Bisher konnte niemand erklären, wie diese Brandstiftungen von angeblichen Hintermännern van der Lubbes initiiert worden seien.
Tags darauf machte sich der erfolglose Brandstifter vorzeitig auf den Heimweg nach Holland, wohl aus Enttäuschung. Eigentlich hatte er bis zu den Parlamentswahlen am 5. März bleiben wollen.
Hinter Spandau bog er Richtung Norden ab und meldete sich am frühen Abend im Hennigsdorfer Obdachlosenasyl an. Über den Abstecher nach Hennigsdorf am Vorabend des Reichstagsbrands ist viel geraunt worden, auch von Bahar und Kugel. In den nun vorliegenden Berliner Akten liefert der sehbehinderte, ortsunkundige van der Lubbe eine banale Erklärung: "Ich habe mich dorthin verlaufen."
Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, was den eigenwilligen, oft schwankenden Mann gut zwölf Stunden später wieder in die Hauptstadt trieb, entschlossen, dieses Mal dem Reichstag den roten Hahn aufzusetzen. Ein Einfall? Wollte er es einfach noch mal probieren? Oder hat ihn jemand zu einer erneuten Brandstiftung ermuntert?
Der Reichstagsbrand 1933 war das Signal für den Beginn des braunen Massenterrors. Über die Hintergründe wird bis heute gestritten. Einige Wissenschaftler wollen aus jetzt aufgefundenen Dokumenten herauslesen, dass der Holländer Marinus van der Lubbe doch nicht allein das Feuer legte.
Der Tag, an dem er Geschichte schrieb, begann für Marinus van der Lubbe im kleinen Obdachlosenasyl auf dem Hennigsdorfer Polizeigelände, in der Nähe von Berlin. Als er aufwachte, war es draußen noch dunkel, und der Februarfrost kroch durch die Türritzen in den kargen Schlafsaal. Er quälte sich aus dem Etagenbett gegenüber der Eingangstür, tauschte das weiße Nachthemd des Männerasyls gegen seine löchrige Hose, das schäbige braune Hemd und schlüpfte in die Schuhe; von einem löste sich die Sohle. Der Polizeihauptwachtmeister Schmidt, der am Rosenmontag 1933 die Aufsicht im Asyl führte, schickte van der Lubbe noch zum Feuerholzholen, danach, um 7.45 Uhr, entließ er den Holländer auf die Straße. Van der Lubbe, 24, hatte gut zwölf Stunden in Freiheit vor sich.
Schräg gegenüber, in Max Wolters Lokal, schnorrte er noch eine Tasse heißen Kaffee. Dann stapfte der schmalbrüstige Anarchokommunist mit dem wilden Lockenschopf durch den Schnee Richtung Berlin.
Von Hennigsdorf bis in die damalige Reichshauptstadt sind es rund 20 Kilometer, und van der Lubbe nahm sich dafür Zeit. Der gelernte Maurer konnte mit dem rechten Auge kaum seine Finger zählen, und auch das linke war lädiert; er hatte bei einer Balgerei mit Kollegen und bei Bauarbeiten Kalk und Splitt in die Augen bekommen.
Van der Lubbe lief durch Tegel, vorbei an den Fahnen und Wahlplakaten, mit denen die Nazis und andere Parteien der Weimarer Republik für die letzten, halbwegs freien Wahlen warben, die Adolf Hitler zuließ. Der NSDAP-Chef war erst seit vier Wochen Reichskanzler und seine Macht noch begrenzt.
In der Müllerstraße entdeckte van der Lubbe gegen halb elf Uhr einen Kohlenhändler. Er kaufte für 30 Pfennig vier Pakete Kohlenanzünder, auf deren Verpackung eine rot züngelnde Flamme lockte. Gut drei Stunden später stand er endlich vor seinem Ziel.
Dunkel und düster, wie für die Ewigkeit gebaut, thronte der Reichstag in der fahlen Wintersonne, ein Klotz aus Sandsteinquadern, Ziegeln und Granit, überragt von der mächtigen Kuppel, die die Berliner als "größte Käseglocke Europas" verspotteten. Um einzusteigen, war es allerdings noch zu hell; van der Lubbe lief durch die Straßen, wärmte sich im Postamt und kehrte erst gegen 21 Uhr zurück.
Aber dann hielt ihn nichts mehr auf, nicht das Eis auf dem Treppengeländer, nicht die klammen Hände, nicht die Wachmänner. Er kletterte an der Fassade zu einem Balkon im Hauptgeschoss empor und trat so lange gegen die Doppelscheiben aus acht Millimeter starkem Spiegelglas, bis sie splitterten.
Wie im Feuerrausch stürmte er durch die dunklen Räume, setzte einen Kohlenanzünder nach dem anderen in Brand, rannte die Treppe hinunter, stürzte in die Küche, sprang dann wieder eine Treppe empor ins Hauptgeschoss. Dass einer der Polizisten, die den Reichstag bewachten, von außen auf den tanzenden Lichterschein van der Lubbes schoss, hielt ihn nicht auf.
Während Feuerwehr und Polizei mit lautem Gebimmel herbeirasten, zündete der Brandstifter hastig Portieren und ein Tischtuch an, entflammte Handtücher, Servietten und den Papierkorb neben einer Waschtoilette. Weil die Anzünder schnell verbraucht waren, zog er Hemd, Weste, Jackett und Mantel aus, steckte sie nach und nach an und schleifte die brennenden Kleidungsstücke als Feuerträger hinter sich her, bis hinein in den Plenarsaal.
Als der junge Wachtmeister Helmut Poeschel und der Hausinspektor Alexander Scranowitz den Feuerteufel schließlich entdeckten, stand dieser schwer atmend, mit den Hosenträgern über der nackten Brust und schweißnass in einem Nebengang (nach anderer Quelle: im Bismarcksaal) im Hauptgeschoss des Reichstags. Sein Ziel hatte er erreicht: Der Plenarsaal verwandelte sich wenige Minuten später in ein brennendes Inferno; leuchtend rot und weit sichtbar schlugen die Flammen in der Kuppel empor.
An diesem 27. Februar 1933 brannte das Symbol der Republik, von Parlament und Parteien - die viele Deutsche damals verachteten. Der Reichstagsbrand wurde zum Fanal für die endgültige Zerstörung der Weimarer Demokratie.
Zugleich entzündete sich an der Aktion eine bis heute anhaltende Debatte über die Hintergründe. War der Holländer tatsächlich allein der Täter, wie er später vor Polizei und Gericht beteuerte, oder galt, was Hermann Göring, der Reichstagspräsident, sogleich als erster Politiker an der Brandstätte erklärte: "Ohne jeden Zweifel ist dies das Werk der Kommunisten." Oder war es so, wie nach dem Krieg die gängige Erklärung lautete: Tatsächlich steckten die Nationalsozialisten selber hinter der Brandstiftung? Sie profitierten doch ganz offensichtlich von der den Kommunisten untergeschobenen Tat, um damit den anschließenden braunen Terror gegen die Linke zu rechtfertigen.
Eine SPIEGEL-Serie 1959/60 brachte eine Aufsehen erregende Wendung in der Debatte. Ein Oberregierungsrat im niedersächsischen Innenministerium, Fritz Tobias, der sich die Reichstagsbrandforschung zur Lebensaufgabe gemacht hatte, legte mit zahlreichen Details dar, dass van der Lubbe nur allein gehandelt haben könne. Hans Mommsen, heute einer der angesehensten deutschen Historiker, unterstützte die These des nichtakademischen Außenseiters. Doch zu provokant war diese Version: Schien sie doch, so die Meinung vieler Kritiker, die Nazis und das nach dem Reichstagsbrand einsetzende Terror-Regime von Schuld freizusprechen.
Walther Hofer, einer der prominentesten Forscher über die Zeit zwischen 1933 und 1945, bemühte sich, die Alleintäter-These anhand von Dokumenten zu widerlegen. Die waren allerdings offenbar gefälscht.
Die Debatte schien damit geklärt - erst kürzlich übernahm der Hitler-Biograf Ian Kershaw die Deutung des niedersächsischen Beamten Tobias. Inzwischen aber sind - nach den Wirren der Wende - über 200 Aktenbündel Ermittlungsunterlagen von 1933 zugänglich geworden, die zu neuen Spekulationen reizen. Die Diskussion über die Täterschaft lebt nicht nur munter wieder auf - sie reicht auch weit über das übliche Geplänkel unter wissenschaftlichen Spezialisten hinaus.
Einige akademische Außenseiter - der Physiker Wilfried Kugel, der Theaterwissenschaftler Gerhard Brack, der Soziologe Hersch Fischler und der Journalist und Historiker Alexander Bahar - lesen aus den Unterlagen nicht nur weitere Varianten über den Brand heraus, sie erheben auch schwere Vorwürfe gegen die Vertreter der Alleintäter-Theorie.
Das Rätsel Reichstagsbrand lädt zu Legendenbildungen ein
Im Internet, in Tageszeitungen wie "taz" und "Die Welt", in Fachorganen wie der renommierten "Historischen Zeitschrift" und einem 860 Seiten dicken Wälzer ist von "Geschichtsfälschung" oder "Manipulation" durch den "Amateurhistoriker" Tobias, durch Mommsen oder den SPIEGEL die Rede. Van der Lubbe könne auf Grund der neuen Aktenfunde gar nicht der Täter oder zumindest nicht der alleinige Täter gewesen sein.
Die Wissenschaftler verweisen auf Widersprüche in bislang unbekannten Aussagen des Holländers über seinen Weg durch den Reichstag; sie halten es auf Grund der Zeitangaben der Zeugen für ausgeschlossen, dass van der Lubbe allein durch den Reichstag stürmte und in wenigen Minuten mit Kohlenanzündern und einigen Textilien den Plenarsaal mit dem tonnenschweren Eichengestühl anzünden konnte. Sie finden es verdächtig, dass die Polizei viele auffällige Spuren nicht verfolgte, die sich in den Papieren im Bundesarchiv finden.
Droht also ein neuer Historikerstreit mit zudem brisantem Hintergrund, den die Vierer-Gruppe immer wieder in den Vordergrund spielt: eine braune Verschwörung in den Medien, speziell im SPIEGEL? Das Rätsel Reichstagsbrand lädt ja zu vielerlei Legendenbildungen ein.
Unstrittig ist nur, wie die Nazis ihre Schuldzuweisung in den Wochen nach dem Reichstagsbrand in Aktionen gegen ihre Gegner umsetzten. Polizei und die braune Schlägertruppe SA verhafteten noch in der Brandnacht Kommunisten, dann auch Sozialdemokraten und andere Linke wie den späteren Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky. Bis April wurden allein in
Preußen über 25 000 Menschen festgesetzt; die SA-Männer schlugen ihre Opfer in Kellern und Hinterhöfen zusammen, folterten manche zu Tode.
Erstmals demonstrierte Hitler jene fein abgestimmte Melange aus Pseudo-Legalität und Massenterror, die seine Gegner einschüchterte, die ängstlich Unentschlossenen auf seine Seite zog und die bürgerlichen Verbündeten zu Komplizen werden ließ. Am Tag nach dem Feuer verabschiedete das Kabinett die Notverordnung "Zum Schutz von Volk und Staat". Fortan konnte jeder ohne Anklage und Beweise verhaftet, konnten Wohnungen durchsucht, Zeitungen zensiert, Briefe geöffnet, Telefone abgehört werden.
Nach dem Reichstagsbrand begann der "permanente Ausnahmezustand" (so der Berliner Historiker Ludolf Herbst), der erst 1945 endete, als Deutschland längst in Trümmern lag.
Der Terror nach dem Reichstagsbrand ebnete Hitlers Regierungskoalition aus NSDAP und Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) den Weg zur absoluten Mehrheit bei den Wahlen am 5. März: Die Wahlwerbung der linken Opposition wurde massiv behindert und teilweise verboten. Gut zwei Wochen nach dem Urnengang stimmte das neu gewählte Parlament, ohne die inzwischen verhafteten Kommunisten und gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, dem berüchtigten Ermächtigungsgesetz mit einer Zweidrittelmehrheit zu. Der Reichstag wurde damit endgültig entmachtet, Deutschland war eine Diktatur.
Der Brandstifter van der Lubbe bezahlte seine Tat mit dem Leben. Die Nazis verhängten Ende März 1933 für Brandstiftung rückwirkend die Todesstrafe. Das Leipziger Reichsgericht machte van der Lubbe gemeinsam mit dem KPD-Fraktionsvorsitzenden Ernst Torgler und drei bulgarischen Kommunisten den Prozess. Van der Lubbe wurde zum Tode verurteilt.
Seine Mitangeklagten, darunter der spätere Chef der Kommunistischen Internationale, Georgij Dimitrow, sprach das Gericht in dem spektakulären Verfahren allerdings frei. Nicht diese, sondern unbekannt gebliebene Kommunisten sollten nach dem Urteil van der Lubbe geholfen haben.
Nationalsozialisten und Kommunisten lieferten sich über die Schuldfrage wilde Propagandaschlachten. Die KPD lancierte gefälschte Dokumente, die noch Jahre später Historiker irreführten. Zwei so genannte Braunbücher der KPD wurden 1933 und 1934 in über 100 000 Exemplaren illegal verbreitet.
50 000 Seiten Akten heimlich in Moskau übergeben
Auch nach 1945 trug der Streit über die Schuld Züge eines Glaubenskriegs, den auch angesehene Wissenschaftler mit allen Mitteln ausfochten. Der Reichstagsbrandforscher Tobias war nach seiner SPIEGEL-Serie und einer anschließenden Buchveröffentlichung vorderstes Ziel der Angriffe.
1968 formierte sich ein Komitee "zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges" mit Sitz in Luxemburg, dessen Leitung der renommierte Schweizer Professor und Bestsellerautor Walther Hofer ("Der Nationalsozialismus") übernahm. Einer der Ehrenpräsidenten war der damalige Außenminister Willy Brandt, der sich allerdings bald zurückzog; zum Kuratorium zählten der Historiker Golo Mann und Kabinettsmitglieder wie Horst Ehmke (SPD).
Dem Außenseiter Tobias unterstellte Hofer, an einer "NS-Unschulds"-Legende zu stricken, die dazu verleiten könnte, die Nazis auch von anderen Verbrechen zu exkulpieren. Lubbes Alleintäterschaft, fand Golo Mann, sei "sozusagen volkspädagogisch unwillkommen".
Über ein Jahrzehnt bekämpften Hofer und Edouard Calic, der Generalsekretär des Komitees, mit Dienstaufsichtsbeschwerden oder üblen Schmähungen Tobias, der sich seinerseits mit harten Bandagen und auch auf dem Rechtsweg wehrte. Tobias habe ihn, behauptete etwa Calic ernsthaft, mit Messer und Revolver bedroht; ein Strafantrag wurde abgewiesen.
Die Debatte um den Reichstagsbrand geriet über den polit-pädagogischen Streit zum ermüdenden Hickhack. Hofer und Calic trugen zwar einige Argumente gegen van der Lubbes Alleintäterschaft zusammen, doch den schlüssigen Beweis für eine Brandstiftung durch die Nazis konnte Hofer nie erbringen.
Als das Komitee schließlich 1978 Dokumente vorlegte, deren Echtheit auch wohlmeinende Wissenschaftler in Frage stellten, verstummten die Zweifel an der Alleintäterschaft.
Über ein Jahrzehnt später gab das Bundesarchiv in Berlin die Akten von 1933 zur Einsicht frei - und wieder entflammte der Krieg der Spurenleser, die in der Asche des alten Brandherdes herumdeuteten.
Die Berliner Unterlagen waren auf verschlungenen Wegen in die heutige Bundeshauptstadt gekommen. 1968 hatte sich die Stasi auf die Suche nach den Dokumenten gemacht, als sie den Chemiker und Dissidenten Robert Havemann ins Visier nahm. Der kommunistische Widerstandskämpfer hatte vor dem Brand 1933 einen der bulgarischen Mitangeklagten van der Lubbes beherbergt und war deshalb von der Gestapo verhört worden.
Die Stasi glaubte fälschlicherweise, Havemann habe Verrat begangen, und wollte ihn mit Hilfe des Verhörprotokolls überführen. In Sofia erfuhren Mielkes Männer von einer Dimitrow-Expertin, dass Dokumente zum Reichstagsbrand in Moskau lagen, einst Beutegut der Roten Armee. Es dauerte dann bis 1982, ehe der Kreml die 50 000 Seiten in der Moskauer DDR-Botschaft heimlich an das Ost-Berliner Institut für Marxismus-Leninismus übergeben ließ.
Fischler, Bahar und Kugel sind nach Sichtung der Akten allerdings über die tatsächlichen Täter unterschiedlicher Meinung. Der Soziologe Fischler vermutete zunächst, Hitlers erzkonservativer Koalitionspartner DNVP stecke hinter dem Brand. Die rechte Partei vertrat auch die ostelbischen Junker, und viele der Parteihonoratioren fürchteten, ein Subventionsbetrug bei der so genannten Osthilfe an die ostdeutsche Landwirtschaft könne auffliegen. Mit dem Reichstagsbrand, so Fischler, wollten die DNVP und ihr nahe stehende Kreise "einen Aufstand der Kommunisten provozieren oder vortäuschen, um dann per Notverordnung den Reichstag ... auszuschalten" und damit ein Aufdecken des Skandals durch das Parlament zu verhindern.
Inzwischen spekuliert er, ob sich nicht "nationalsozialistische Führer" ausgedienter Mitglieder der Organisation Consul bedient hätten, um den Reichstag abzubrennen. Diese rechte Terrororganisation hatte 1922 den damaligen Außenminister Walther Rathenau ermordet, und einige ihrer Mitglieder waren laut Fischler auch für ein Bombenattentat auf den Reichstag 1929 verantwortlich.
Bahar und Kugel hingegen glauben, Goebbels und Göring seien "Ideengeber" und "Hintermann" der Brandstiftung, die ein "SA-Spezialkommando zur besonderen Verwendung" angeblich durchgeführt hat. Die SA habe den arglosen van der Lubbe unter kommunistischer Flagge angeworben und dann in einer Parallelaktion in den schon brennenden Reichstag gebracht. Diese These hatte einst auch die KPD vertreten.
Kugel, Bahar und Fischler hegen einen brisanten Verdacht: Die Alleintäter-These sei aus einer Verschwörung Ewiggestriger entstanden. Die 1933 ermittelnden Beamten der Kripo und späteren Gestapo, so wird insinuiert, sollen mit Hilfe altbrauner Netzwerke, die bis in den SPIEGEL reichten, die angebliche Mär von der Alleinschuld van der Lubbes verbreitet haben, um die wahren Brandstifter zu decken oder sich gar laut Fischler vor Strafverfolgung zu schützen.
Bei fast allen großen Kriminalfällen gibt es ein Restquantum an widersprüchlichen Zeugenaussagen, abweichenden Spuren, unerklärlichen Hinweisen. Beim Reichstagsbrand sind solche Unwägbarkeiten besonders zahlreich. Auf Druck Görings suchten Kripo und die Politische Polizei nach Helfern van der Lubbes unter den Kommunisten. Was dabei, auch unter dubiosen Umständen, an Beweisen gegen die Alleintäterschaft zu Stande kam, werten die vier Kritiker nun als Belege für rechte oder nationalsozialistische Helfer van der Lubbes - eine problematische Methode.
Der Techniker Paul Bogun etwa kam von einem Vortrag im Haus der Ingenieure und lief in jenen Minuten am Reichstag entlang, als van der Lubbe in das Gebäude einbrach. Gegenüber der Polizei behauptete Bogun, er habe einen Mann mit heller Hose aus einem Nebeneingang des Reichstags kommen und wegrennen sehen.
Als im Prozess gegen van der Lubbe die Zeitungen über Boguns Aussage in großer Aufmachung berichteten, meldete sich - das zeigen die Berliner Akten - ein Passant und erklärte, er habe an jenem Abend an der entsprechenden Tür des Reichstags gerüttelt, "um mich davon zu überzeugen, was es mit dem Feuerschein auf sich hatte". Das Portal sei allerdings geschlossen gewesen, danach sei er weitergelaufen.
Gut möglich, dass es sich um ebenjenen Mann handelte, den Bogun gesehen hatte. Im Prozess spielte diese Aussage freilich keine Rolle, sie passte nicht ins Konzept der Ankläger. Bahar, Kugel und Fischler sehen in Boguns Beobachtung trotzdem ein gewichtiges Indiz dafür, dass van der Lubbe nicht der einzige Brandstifter im Gebäude war.
Andere Fährten haben Kripo und Gestapo nicht weiter verfolgt. Der Postassistent Duchstein beispielsweise sprach wenige Tage nach dem Brand bei der Polizei vor und behauptete, er habe während van der Lubbes Brandlauf vier Männer in Polizeiuniformen aus einem Nebeneingang des Reichstags kommen sehen. Die Ermittler legten Duchsteins Angabe in dem Ordner "Unwichtige beendete Untersuchungen" ab. Fischler hält Duchsteins Aussage gerade deshalb für eine heiße Fährte. Widerlegen lässt sich so etwas nicht.
Als Scoop gilt den Wissenschaftlern die Entdeckung des Schornsteinfegermeisters Wilhelm Heise. Der 37-Jährige war Stunden nach der Verhaftung van der Lubbes innerhalb der Absperrung am Reichstag festgenommen worden. Drei Mal versuchte er, sich während der Nacht in der Haft zu erhängen. Bahar, Kugel und Fischler finden das verdächtig. Die Polizei ließ Heise nach einigen Stunden gehen. Er war bei der Festnahme so betrunken, dass er torkelte.
Van der Lubbe verstand nicht, dass ihm viele seiner Vernehmer nicht glaubten. Er hatte sogleich alle Schuld auf sich genommen und in ungelenkem Deutsch erklärt, was er von dem Brand erwartete: "Die Arbeiter sollten sich auflehnen gegen die Staatsordnung. Die Arbeiter sollten denken, dass es ein Symbol für einen gemeinsamen Aufstand gegen die Ordnung des Staates ist."
Der Holländer gehörte zu jener kleinen Gruppe Rätekommunisten der Zwischenkriegszeit, die von der Herrschaft des Proletariats träumten, aber sich der brutalen Disziplin der stalinisierten kommunistischen Parteien nicht beugten. 1931 war er aus der niederländischen KP ausgetreten. Er wollte Aktion und Basisdemokratie, nicht Theorie und Parteigehorsam.
Der junge Halbinvalide agitierte auf eigene Faust unter den arbeitslosen Textilarbeitern in Leiden. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten und einer kleinen Rente. Neugierig wanderte er mehrfach durch Europa, auch um herauszufinden, wie die Weltwirtschaftskrise in den Nachbarländern wirkte.
Auf den Weg nach Berlin, das er bereits kannte, machte er sich im Februar 1933. Van der Lubbe wollte wissen, wie das deutsche Proletariat auf den "Führer" reagierte.
15 Tage brauchte er bis zur Reichshauptstadt, und was er dort von den verbitterten Arbeitslosen auf der Straße, vor den Wohlfahrtsämtern und im Männerheim erfuhr, fand er ziemlich enttäuschend. Die Arbeiter, beklagte er später, würden "aus sich heraus nichts unternehmen". Als er einigen eine spontane Demo vorschlug, verwiesen sie ihn an die KPD; die werde den Vorschlag "dann überlegen".
Der Holländer trieb sich viel in Neukölln herum; in dem Arbeiterbezirk mit den trostlosen Mietskasernen, düsteren Hinterhöfen und den vielen arbeitlosen Jugendlichen hatten Nazis und Kommunisten vor der Machtergreifung Hitlers einander blutige Straßenschlachten um ihre Kiezlokale geliefert. Nach dem Januar 1933 versuchten SA-Spitzel, die roten Genossen zu Straftaten zu provozieren, um sie hinterher dingfest machen zu können.
Es wird bis heute darüber spekuliert, ob auch van der Lubbe in Neukölln an verkappte Nazis geraten ist, wie schon die kommunistische Propaganda behauptete. Bahar und Kugel verweisen auf den Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland, der später berichtete, er habe den Holländer damals am heutigen Karl-Marx-Platz getroffen.
Weiland erwartete einen niederländischen Genossen. Als stattdessen van der Lubbe auftauchte und für eine revolutionäre Aktion agitierte, will Weiland misstrauisch geworden sein. Der Besucher habe "von uns verlangt loszuschlagen", alle linken Organisationen würden sich dann anschließen, auch die SA und die Reichswehr. Weiland hat nach eigener Erinnerung daraufhin dem Holländer ins Gesicht gesagt: "Du bist Provokateuren aufgesessen."
Möglich, dass van der Lubbe für seinen Aktionismus ("Man muss etwas machen") Zuspruch von einem Agent provocateur erhielt. Vielleicht haben ihn auch nur einige Verzweifelte aus der grauen Armee der Arbeitslosen ermutigt. Aber außer Weilands Behauptung gibt es keine Belege, und Weiland ist ein problematischer Zeuge: Er hat in einem Brief 1960 ausdrücklich verneint, van der Lubbe getroffen zu haben.
Die Stasi argwöhnte zeitweise ganz andere Helfer van der Lubbes. Bei ihr stand in den fünfziger Jahren der Genosse Walter Jahnecke unter Verdacht, mit dem Holländer "individuellen Terror" - so nannte man Anschläge ohne Erlaubnis der Partei - durchgeführt zu haben, wenn auch nicht auf den Reichstag. Jahnecke hatte bis 1926 mehrere Jahre in der Sowjetunion gelebt und behauptete später, er habe in Berlin Beziehungen zu van der Lubbes Mitangeklagtem Dimitrow gepflegt.
Gesichert ist freilich nur, dass van der Lubbe und Jahnecke sich vor der Zahlstelle des Wohlfahrtsamts kennen gelernt hatten. "Der Mann", urteilte Jahnecke über den Schwärmer aus Leiden, "ist ungeheuer edel in seinem Denken." Er bot dem abgerissenen, hungrigen, aber politisch gut informierten Wanderer Stullen an, organisierte eine Schlafstelle und einen alten Mantel.
Nach einer Woche hatte van der Lubbe vom Reden genug. Und da die Deutschen "nichts unternehmen wollten, wollte ich eben etwas tun", so seine spätere Aussage vor der Polizei. Er kaufte vier Pakete Kohlenanzünder und warf einige Stücke auf das Dach des Neuköllner Wohlfahrtsamts, eines schleuderte er in ein offenes Fenster der Holzbaracke - aus Protest gegen die Arbeitslosigkeit, wie er in den Vernehmungen sagte. Das Wohlfahrtsamt galt als Zwingburg des Kapitalismus.
Erfolg hatten beide Versuche nicht. Den Dachbrand bemerkten Passanten rechtzeitig, und das offene Fenster führte in die Damentoilette; der Anzünder verbrannte auf dem Betonfußboden.
Zwei weitere, ähnlich dilettantische Brandstiftungen unternahm van der Lubbe noch am gleichen Abend am Roten Rathaus und beim Berliner Schloss. Das Rathaus galt ihm als politisches Symbol; das Schloss wählte er, weil es im Zentrum lag und "hohe Flammen" zu erwarten waren: "Ich wollte den deutschen Arbeitern ein Vorbild geben; sie sollten endlich ihre Rechte durchdrücken." Beide Feuer wurden rechtzeitig entdeckt, die Gebäude blieben ohne Schaden. Bisher konnte niemand erklären, wie diese Brandstiftungen von angeblichen Hintermännern van der Lubbes initiiert worden seien.
Tags darauf machte sich der erfolglose Brandstifter vorzeitig auf den Heimweg nach Holland, wohl aus Enttäuschung. Eigentlich hatte er bis zu den Parlamentswahlen am 5. März bleiben wollen.
Hinter Spandau bog er Richtung Norden ab und meldete sich am frühen Abend im Hennigsdorfer Obdachlosenasyl an. Über den Abstecher nach Hennigsdorf am Vorabend des Reichstagsbrands ist viel geraunt worden, auch von Bahar und Kugel. In den nun vorliegenden Berliner Akten liefert der sehbehinderte, ortsunkundige van der Lubbe eine banale Erklärung: "Ich habe mich dorthin verlaufen."
Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, was den eigenwilligen, oft schwankenden Mann gut zwölf Stunden später wieder in die Hauptstadt trieb, entschlossen, dieses Mal dem Reichstag den roten Hahn aufzusetzen. Ein Einfall? Wollte er es einfach noch mal probieren? Oder hat ihn jemand zu einer erneuten Brandstiftung ermuntert?