PDA

Vollständige Version anzeigen : Reformen - Umbau der Netzlandschaft


Sascha
09.04.2001, 15:46
Reformen - Umbau der Netzlandschaft

Neue Adressen, neue Sprachen: Die lange angekündigte Generalüberholung des Internet beginnt. Doch die Reformen stiften womöglich noch größere Verwirrung.

Es war eine schwere Geburt. Gern erinnert sich Vint Cerf an jene heldenhaften Tage, da er widerspenstigen Großrechnern beibrachte, miteinander zu kommunizieren.
Cerf, 57, gilt als einer der Väter des Internet. Anfang der Siebziger schuf er mit seinen Kollegen die Universalsprache der Datenübermittlung, ohne die keine E-Mail ihren Empfänger erreichen würde: das Übertragungsprotokoll "TCP".

Doch was der Netzveteran damals leistete, ist ein Kinderspiel verglichen mit seinem heutigen Job: Jetzt soll er die Kommunikation von mehr als 100 Millionen Internet-Rechnern weltweit organisieren.

Cerf, dessen Name man ausspricht wie die Aufforderung "Surf!", ist ein charismatischer Dandy, der schon seit seiner Schulzeit in Jackett und Krawatte auftritt. Im Hauptberuf ist er Vizepräsident beim Telekommunikationsgiganten Worldcom, nebenberuflich ist er Chef des Internet. Genauer: Vorsitzender der Netzverwaltung Icann, die 1998 von der US-Regierung aus dem Boden gestampft wurde.

Die ersten beiden Jahre war die Icann vor allem mit ihrer Selbsterfindung beschäftigt und taumelte von einer Identitätskrise in die nächste: Die gemeinnützige Firma mit Sitz im Hafenörtchen Marina del Rey bei Los Angeles verwalte nur ganz brav die Internet-Namen, wird Cerf nicht müde zu betonen. Kritiker dagegen sehen die Icann als selbstherrliche Internet-Regierung ohne Mandat: Nur 5 von 19 Direktoren sind durch eine ohnehin umstrittene Online-Wahl legitimiert. Wahlbeteiligung: weit unter einem Promille. "Die haben eine Scheindemokratie aufgebaut, die die Öffentlichkeit in Atem hält", sagt Michael Schneider, 38, Netzpionier und Mitglied eines Icann-Beratungsgremiums namens "Names Council". "Aber während wir beraten, werden die Entscheidungen von einem kleinen Zirkel im Hinterzimmer getroffen."

Nach Jahren der Nabelschau beginnen nun einige längst überfällige Renovierungsarbeiten im Internet - allerdings wiederum vom Hinterzimmer aus. Seit letzter Woche, so die Verheißung, ist das Internet international. Bislang sind Homepages ausschließlich mit dem US-Zeichensatz ASCII auffindbar. Seit dem 5. April jedoch könnten Netzadressen wie etwa "www.allah.com" mit arabischen Schriftzeichen reserviert werden, auch Thai und Hebräisch sind nun möglich - allerdings nach wie vor gefolgt von herkömmlichen Endungen wie ".org", ".net" oder ".com". Viele Beobachter sind verärgert: Verisign, mit 28 Millionen Netzdomains der größte Anmeldedienst der Welt, drückt damit ohne internationale Abstimmung einen eigenen Standard durch, mit Duldung der Icann.

Risiken und Nebenwirkungen: Das Internet, einst ein globaler Datenraum, könnte babylonisiert werden, zersplittert in regionale Unternetze. Denn um die neu zugelassenen Zeichen zu verstehen, braucht ein Computer spezielle Plug-in-Programme. Und wer einen chinesischen Domainnamen mit Hilfe einer deutschen Tastatur ansteuert, muss zukünftig Kauderwelsch wie etwa "www.bq--3b7vcv67.com" eintippen.

Die neue Unübersichtlichkeit erfasst bald auch die Endungen von InternetAdressen, die so genannten Top-Level Domains (TLD) wie ".com" oder ".de". Noch im Laufe dieses Jahres sollen insgesamt sieben neue TLDs hinzukommen, darunter ".name" für Privatpersonen und ".aero" für Fluglinien (siehe Grafik).

Doch während Cerfs Surf-Verein noch immer mit der Einführung zögert, werden auf einem grauen Markt bereits etliche neue TLDs feilgeboten. "Die Icann führt die ganze Welt am Nasenring herum, jetzt entwickeln wir unsere eigene Lösung", sagt Pascal Bernhard von der Agentur Cube, die seit Anfang März den Dienst "beatnic.de" anbietet, bei dem Internet-Nutzer sich Namen mit 20 neuen Endungen reservieren können, von ".auto" bis ".oeko".

Die Anmeldung ist kostenlos, hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Gefunden werden die alternativen Namen nur von Surfern, die eine Einstellung am Rechner ändern - vielen dürfte das zu kompliziert sein. "Damit riskieren wir ein Zerfallen des Internet zu einer Kleinstaaterei", warnt Michael Froomkin, Juraprofessor in Miami und Mitgründer der Netzbürgerbewegung Icannwatch, "aber Schuld daran ist allein das Taktieren der Icann."

Cerf langweilen derlei Debatten. "Viele Leute sind völlig fixiert auf ihren Domainnamen", sagte er bei seinem Cebit-Besuch. "Aber es wird nie genügend eingängige Namen geben. Wer auf gute Suchmaschinen setzt, kommt viel eleganter ans Ziel."

Cerf schwärmt stattdessen lieber von seinem neuen, extravaganten Traumziel, bei dem es nur widerspenstige Maschinen zu zähmen gilt, keine renitenten Netznutzer: ein interplanetares Internet im Weltall.

gefunden in:
http://www.spiegel.de/netzwelt/technologie/0,1518,127213,00.html