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Ralph
27.01.2001, 12:06
Zeitenwende?

Von Bernd Niquet
Donnerstag vergangene Woche, also Donnerstag, der 11. Januar 2001, war mein persönlicher Glückstag. Denn seit diesem Tag weiß ich endlich, dass nun doch alles wieder gut werden wird. Und: Diese Erkenntnis hat mich nur 5,90 Mark gekostet! Was für eine epochale Botschaft ja tatsächlich kein Preis ist. Wie schön und gerecht die Welt doch manchmal sein kann!

An diesem Tag bin ich mir nämlich selbst untreu geworden. Und habe mir nach langer Abstinenz doch noch einmal eines dieser Magazine mit den bunten Bildchen gekauft. Nein, keine nackten Mädchen, dafür jedoch prallvolle geldwerte Informationen. Und schon auf der Titelseite lachte mich die Schlagzeile an: *Expertenrunde ist sich einig: Kurswende kommt.*

Sie können sich sicherlich vorstellen, welch ein Gefühl der Erleichterung mich plötzlich wohlig übermannte. Denn suchen wir nicht alle irgendwie nach Autoritäten, die uns sagen, wo es lang geht?! Und die uns dann, wenn es richtig schlimm ist, trösten und sagen: *Kopf hoch, es ist doch alles nicht so schlimm! (Dafür jetzt aber her mit der Kohle.)* Wie singt doch Romy Haag so schön: *Man braucht das ganze Leben, um die Kindheit zu verstehen.*

Es wird also alles nicht so schlimm. Und dies ist für mich insofern eine kolossal erleichternde Botschaft, weil ich ab sofort alle Dinge, die nicht in dieses Bild passen, einfach nicht mehr beachten muss. Nein, das ist keine Verdrängung, sondern einfach bewusstes Fügen in ein selbstgewähltes Über-Ich. Und welch ein Glück, dass so etwas möglich ist! Denn ansonsten käme man vielleicht noch auf die dumme Idee, sich ein eigenes Puzzle der gegenwärtigen Geschehnisse zu legen - aus Dingen wie den folgenden:

 Das Investmenthaus Morgan Stanley sagt den USA eine Rezession vorher.
 Der Repräsentant der US-Notenbank für Dallas musste bestreiten, dass die US-Wirtschaft bereits im vierten Quartal geschrumpft sein könnte.
 Ein US-Fondsmanager spielte bei CNBC den Günter Schabowski der US-Finanzmärkte und platzte damit heraus, dass die US-Fonds gegenwärtig täglich mit Rückflüssen in Millionenhöhe konfrontiert sind. Was für ein peinlicher Versprecher.
 Die Stars der amerikanischen und deutschen Investmentszene machen sich en gros selbständig. Ein ansonsten untrügliches Zeichen für eine Zeitenwende.
 DaimlerChrysler muss für seine neuen Anleihen noch höhere Risikoaufschläge als die Telekoms bezahlen, um den auch 2001 gewaltigen Kapitalbedarf decken zu können. Aber für die Privatanleger sind dies selbstverständlich günstige Kaufgelegenheiten.
 Die Verschuldung der US-Verbraucher ist im November mit einer Jahresrate von über 10 Prozent angestiegen. Schlechte Nachfrage seitens der Verbraucher ist daher nicht zu erwarten.
 Das Jahr 2000 war dagegen das erste Jahr in der Nachkriegszeit, in dem sich das Nettovermögen der US-Haushalte verringert hat.
 Das Management des Internetfonds FI LUX I.Q hat letztes Jahr 77 Prozent Minus gemacht, ist jedoch weiterhin von seiner Strategie überzeugt und wird deshalb demnächst Niederlassungen in Russland und anderen osteuropäischen Städten eröffnen. Wahrscheinlich deshalb, weil die Leute dort im Geld schwimmen.
 Und: Die *Financial Times Deutschland* zeigt uns eine kleine aber bedeutende Grafik: Die US-Unternehmensgewinne in Prozent des BIP sind heute wieder so hoch wie in den 70er Jahren und damit auf Top-Niveau. Der S&P-Index, also der Wert der Unternehmen selbst, liegt allerdings - ebenfalls in Prozent des BIP - fast doppelt so hoch. Und damit oberhalb jeder historischen Marke.
 Ebenso jenseits des bisherigen historischen Tops: Die Profis der US-Finanzbranche sitzen auf nie dagewesenen Short-Positionen. Was bedeutet: Die Privaten und Kleinanleger sind einfach smarter. Oder auch nicht.

Müssten wir das nun alles beachten, dann könnten wir tatsächlich auf die Idee kommen, nicht nur im Hightech-Bereich, sondern vielleicht ganz allgemein (!) mit der Aktienbewertung über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Und das würde bedeuten, dass uns eventuell eine generelle Zeitenwende bevorstehen könnte.

Doch glücklicherweise *würde* es das nur bedeuten. Denn die Medien sagen uns: *No! Alles wird gut!* The show must go on. Und wer kann sich schon den süßlichen Gesängen der Sugar Daddys widersetzen?

Dr. Bernd Niquet (mailto: berndniquet@iname.com) ist Buchautor. Seine beiden Neuerscheinungen *1000 Prozent Gewinn* und *Die Welt der Börse* handeln über den Crash der Hightech-Aktien.
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Ralph