Eliska
06.08.2001, 20:29
Die Zahlen, so sie denn stimmen, sprechen Bände:
Auf über 430 Milliarden Euro soll sich der Umsatz der privaten Wasserbetriebe weltweit bis 2010 mehr als vervierfachen. Um 650 Prozent, so schätzt die Weltbank, wird der Wasserverbrauch bis zum Jahr 2025 rund um den Globus zunehmen. Jahr für Jahr werden Investitionen von 75 Milliarden Euro nötig sein, prognostiziert die Deutsche Bank Research. Kein Zweifel: Die Wasserwirtschaft steht vor einem Milliardengeschäft.
Die Gründe dafür könnten unterschiedlicher nicht sein - und haben doch einen gemeinsamen Kern. Wasser wird knapp, seine Qualität ist gefährdet. Und zwar weltweit, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Während Trinkwasser in weiten Teilen der Dritten Welt so schmutzig ist, dass es tödlich werden kann, treibt die Menschen anderswo - wie in Deutschland - die Sorge um seine hohe Qualität um. Bleibt es so sauber wie heute, wenn der Wassermarkt liberalisiert wird?
Die Antworten kommen von jenen, deren Dienste immer mehr gefragt sind: private Wasserversorger. Den Weltmarkt teilen sich zwei französische Konzerne: Vivendi Environnement, ehemals Générale des Eaux, und Suez Lyonnaise des Eaux. Beide kümmern sich schon heute um das Trink- und Abwasser von jeweils mehr als 100 Millionen Menschen rund um den Globus.
Teilhaben am großen Geschäft wollen auch Deutschlands Nummer eins, die börsennotierte E.on-Tochter Gelsenwasser, und der RWE-Konzern. Gelsenwasser engagierte voriges Jahr die ehemalige Grünen-Sprecherin Gunda Röstel als Lobbyistin. Die RWE, im Wassergeschäft weltweit die Nummer drei, kauften das Londoner Unternehmen Thames Water. Damit erhöhten die Essener den Anteil ihrer Wassersparte am Betriebsgewinn auf 20 Prozent. Dank Thames Water sind die RWE jetzt auch in den USA, Chile, der Türkei, Australien, Ägypten, Thailand und Singapur aktiv.
Aber die Franzosen haben einen großen Vorsprung. Die Générale (Vivendi) entstand 1853, die Lyonnaise 30 Jahre später. Die frühe Gründung verschaffte beiden einen Wettbewerbsvorteil, der sich bis heute auszahlt. Vor einem Jahr brachte Vivendi Universal seine Umwelttochter, zu der auch Vivendi Water gehört, an die Börse. Die Anlage trotzte allen Turbulenzen und verdoppelte ihren Wert. Die Fragen indes: Verträgt sich Shareholder-Value mit dem Anspruch an Qualität? Und: Macht das Unternehmen Geschäfte mit der Armut?
Glaubt man dem Europachef von Vivendi Water (siehe Interview), dann ist das Geschäft in Dürrezonen nicht attraktiver als anderswo. Im Gegenteil. Ginge es nur um den Verbrauch, wären Länder wie die USA und Kanada besonders lukrativ. Die Amerikaner verbrauchen - einschließlich der Landwirtschaft - pro Kopf etwa zehnmal so viel Wasser im Jahr wie Dänen oder Briten. Allein die privaten Haushalte in Amerika konsumieren doppelt so viel Trinkwasser wie in Deutschland.
Kein Wunder, dass Vivendi vor drei Jahren mit dem Kauf von US Filters die bis dato größte französische Akquisition jenseits des Atlantiks lancierte.
Interessant ist der amerikanische Markt aber vor allem, weil gerade in der Landwirtschaft enorm hohe Produktivitätsgewinne locken. Eine Verbesserung der Effizienz bringt bessere Margen - auch in Entwicklungsländern. Hier geht es ums schiere Überleben. Häufig wäre es schon damit getan, lecke Leitungen zu flicken oder Wasser vorm Verdunsten zu schützen.
Entscheidender noch ist die Frage der Qualität. "Weltweit haben mehr als eine Milliarde Menschen kein sauberes Trinkwasser", wiederholt Uschi Eid, Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium, Statistiken der Weltbank.
Danach werden in 25 Jahren bis zu sechs Milliarden Menschen - zwei Drittel der Weltbevölkerung - aus Hygienegründen an Wassermangel leiden. Schon heute sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation jährlich fünf Millionen Menschen an den Folgen schlechten Wassers. 80 Prozent aller Krankheiten in Entwicklungsländern sind auf verseuchtes Wasser zurückzuführen.
Getreideimport spart Wasser
Das Gerede von "Wasserkriegen" hält der Züricher Umweltbiologe Alexander Zehnder trotzdem für maßlos übertrieben. So kompemsiere Israel seinen akuten Wassermangel durch Nahrungsmittelimporte, in diesem Fall Weizen. Denn Einfuhren von Landwirtschaftsprodukten drosseln den Wasserverbrauch - weil der Agrarsektor mit 70 Prozent der mit Abstand größte Konsument der weltweiten Wasservorräte ist.
Gleichzeitig ist die Landwirtschaft dank Pestiziden, Phosphaten und Nitraten auch der größte Wasserverschmutzer. Das wiederum treibt die Preise in den Industrieländern in die Höhe. Hier ist das kostbare Nass in der Regel ausreichend vorhanden. Die Aufbereitung des von Landwirtschaft und Industrie verpesteten Wassers jedoch ist aufwändig und kostspielig. Und gesetzliche Vorschriften sorgen für immer höhere Qualitätsanforderungen. Und am Einsatz teurer Technologie verdienen die Unternehmen.
Weltweit lassen Verschmutzung und Bevölkerungsexplosion das Wasser immer knapper und deswegen zu einem marktwirtschaftlichen Gut werden. "Wasser ist die erste Ressource, deren Knappheit uns alle herausfordern wird", meint der Schweizer Zehnder, auch wenn der Pro-Kopf-Verbrauch einzelner OECD-Länder sinkt. Denn mit Sparen allein ist es nicht getan. Wer nachhaltig handeln will, muss der Verschmutzung vorbeugen. Dafür werden die Wasserversorger über ihr bisheriges Aufgabengebiet hinaus zu Umweltdienstleistern einer gesamten Region. Gemeinsam mit Behörden, Landwirten und Industrie entwickeln sie umwelttaugliche Zukunftskonzepte.
Ähnlich werden sie in Entwicklungsländern verfahren. Denn die Grenze zwischen Verschwendung und Armut verläuft nicht zwangsläufig zwischen Staaten oder den Hemisphären Nord und Süd. Sie kann auch mitten durch ein und dieselbe Stadt gehen, sagt der Pariser Ökonom Dominique Lorrain: "In Mexico City gießen die Wohlhabenden ihre Gärten mit fast kostenlosem Wasser. Gleichzeitig hat die Stadt aber kein Geld, um Wasserleitungen zu legen. So müssen sich die Armen teures Trinkwasser in der Flasche kaufen."
In solchen Fällen arbeiten die Wasserversorger schon heute mit Entwicklungshilfeorganisationen zusammen, um allen Bewohnern, arm und reich, Trinkwasser zum gleichen Preis zu verschaffen.
In Deutschland herrscht dagegen noch das Prinzip der Kostendeckung. Qualitätsanforderungen, ein stark ausgeprägtes Umweltbewusstsein und hohe Preise machen den deutschen Markt für die globalen Player attraktiv. Fällt erst das Gebietsmonopol der rund 7000 kommunalen Trinkwasserver- und Abwasserentsorger, wie es die Regierung plant, bekommen Privatunternehmen die Gelegenheit zum Einstieg.
Die französischen Weltmarktführer sind bereits präsent. Vivendi Environnement teilt sich seit gut zwei Jahren mit RWE die Berliner Wasserbetriebe. Die Lyonnaise ist mit Thyssen/Krupp über das Unternehmen Eurawasser verbandelt und versorgt unter anderem Goslar, Potsdam, Leuna, Güstrow und Rostock.
In der Regel übernehmen sie die Trinkwasserversorgung in so genannten Private Public Partnerships. In ihnen teilprivatisieren öffentliche Träger die Versorgung, indem sie zum Beispiel einem Unternehmen zusagen, ihm eine bestimmte Wassermenge zu einem bestimmten Preis abzukaufen. Der private Betreiber hat damit eine Erlösgarantie.
Doch auch in Deutschland geht es um Produktivitätsgewinne. 400 000 Kilometer öffentliches Leitungsgeflecht ist nach Angaben von Deutsche Bank Research marode: Es stammt noch aus der Zeit Kaiser Wilhelms. Angeblich versickern pro Tag und Kopf mehr als 20 Liter Wasser.
Die nötigen Investitionen beliefen sich auf 250 Milliarden Euro bis zum Jahr 2015, das ist von den öffentlichen Versorgern nicht zu finanzieren. Die Privaten dagegen lockt ein Umsatzpotenzial von 40 Milliarden Mark pro Jahr - ein erheblicher Teil der weltweit erwarteten Umsatzzuwächse.
Von Michael Kläsgen
(c) DIE ZEIT 32/2001
Auf über 430 Milliarden Euro soll sich der Umsatz der privaten Wasserbetriebe weltweit bis 2010 mehr als vervierfachen. Um 650 Prozent, so schätzt die Weltbank, wird der Wasserverbrauch bis zum Jahr 2025 rund um den Globus zunehmen. Jahr für Jahr werden Investitionen von 75 Milliarden Euro nötig sein, prognostiziert die Deutsche Bank Research. Kein Zweifel: Die Wasserwirtschaft steht vor einem Milliardengeschäft.
Die Gründe dafür könnten unterschiedlicher nicht sein - und haben doch einen gemeinsamen Kern. Wasser wird knapp, seine Qualität ist gefährdet. Und zwar weltweit, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Während Trinkwasser in weiten Teilen der Dritten Welt so schmutzig ist, dass es tödlich werden kann, treibt die Menschen anderswo - wie in Deutschland - die Sorge um seine hohe Qualität um. Bleibt es so sauber wie heute, wenn der Wassermarkt liberalisiert wird?
Die Antworten kommen von jenen, deren Dienste immer mehr gefragt sind: private Wasserversorger. Den Weltmarkt teilen sich zwei französische Konzerne: Vivendi Environnement, ehemals Générale des Eaux, und Suez Lyonnaise des Eaux. Beide kümmern sich schon heute um das Trink- und Abwasser von jeweils mehr als 100 Millionen Menschen rund um den Globus.
Teilhaben am großen Geschäft wollen auch Deutschlands Nummer eins, die börsennotierte E.on-Tochter Gelsenwasser, und der RWE-Konzern. Gelsenwasser engagierte voriges Jahr die ehemalige Grünen-Sprecherin Gunda Röstel als Lobbyistin. Die RWE, im Wassergeschäft weltweit die Nummer drei, kauften das Londoner Unternehmen Thames Water. Damit erhöhten die Essener den Anteil ihrer Wassersparte am Betriebsgewinn auf 20 Prozent. Dank Thames Water sind die RWE jetzt auch in den USA, Chile, der Türkei, Australien, Ägypten, Thailand und Singapur aktiv.
Aber die Franzosen haben einen großen Vorsprung. Die Générale (Vivendi) entstand 1853, die Lyonnaise 30 Jahre später. Die frühe Gründung verschaffte beiden einen Wettbewerbsvorteil, der sich bis heute auszahlt. Vor einem Jahr brachte Vivendi Universal seine Umwelttochter, zu der auch Vivendi Water gehört, an die Börse. Die Anlage trotzte allen Turbulenzen und verdoppelte ihren Wert. Die Fragen indes: Verträgt sich Shareholder-Value mit dem Anspruch an Qualität? Und: Macht das Unternehmen Geschäfte mit der Armut?
Glaubt man dem Europachef von Vivendi Water (siehe Interview), dann ist das Geschäft in Dürrezonen nicht attraktiver als anderswo. Im Gegenteil. Ginge es nur um den Verbrauch, wären Länder wie die USA und Kanada besonders lukrativ. Die Amerikaner verbrauchen - einschließlich der Landwirtschaft - pro Kopf etwa zehnmal so viel Wasser im Jahr wie Dänen oder Briten. Allein die privaten Haushalte in Amerika konsumieren doppelt so viel Trinkwasser wie in Deutschland.
Kein Wunder, dass Vivendi vor drei Jahren mit dem Kauf von US Filters die bis dato größte französische Akquisition jenseits des Atlantiks lancierte.
Interessant ist der amerikanische Markt aber vor allem, weil gerade in der Landwirtschaft enorm hohe Produktivitätsgewinne locken. Eine Verbesserung der Effizienz bringt bessere Margen - auch in Entwicklungsländern. Hier geht es ums schiere Überleben. Häufig wäre es schon damit getan, lecke Leitungen zu flicken oder Wasser vorm Verdunsten zu schützen.
Entscheidender noch ist die Frage der Qualität. "Weltweit haben mehr als eine Milliarde Menschen kein sauberes Trinkwasser", wiederholt Uschi Eid, Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium, Statistiken der Weltbank.
Danach werden in 25 Jahren bis zu sechs Milliarden Menschen - zwei Drittel der Weltbevölkerung - aus Hygienegründen an Wassermangel leiden. Schon heute sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation jährlich fünf Millionen Menschen an den Folgen schlechten Wassers. 80 Prozent aller Krankheiten in Entwicklungsländern sind auf verseuchtes Wasser zurückzuführen.
Getreideimport spart Wasser
Das Gerede von "Wasserkriegen" hält der Züricher Umweltbiologe Alexander Zehnder trotzdem für maßlos übertrieben. So kompemsiere Israel seinen akuten Wassermangel durch Nahrungsmittelimporte, in diesem Fall Weizen. Denn Einfuhren von Landwirtschaftsprodukten drosseln den Wasserverbrauch - weil der Agrarsektor mit 70 Prozent der mit Abstand größte Konsument der weltweiten Wasservorräte ist.
Gleichzeitig ist die Landwirtschaft dank Pestiziden, Phosphaten und Nitraten auch der größte Wasserverschmutzer. Das wiederum treibt die Preise in den Industrieländern in die Höhe. Hier ist das kostbare Nass in der Regel ausreichend vorhanden. Die Aufbereitung des von Landwirtschaft und Industrie verpesteten Wassers jedoch ist aufwändig und kostspielig. Und gesetzliche Vorschriften sorgen für immer höhere Qualitätsanforderungen. Und am Einsatz teurer Technologie verdienen die Unternehmen.
Weltweit lassen Verschmutzung und Bevölkerungsexplosion das Wasser immer knapper und deswegen zu einem marktwirtschaftlichen Gut werden. "Wasser ist die erste Ressource, deren Knappheit uns alle herausfordern wird", meint der Schweizer Zehnder, auch wenn der Pro-Kopf-Verbrauch einzelner OECD-Länder sinkt. Denn mit Sparen allein ist es nicht getan. Wer nachhaltig handeln will, muss der Verschmutzung vorbeugen. Dafür werden die Wasserversorger über ihr bisheriges Aufgabengebiet hinaus zu Umweltdienstleistern einer gesamten Region. Gemeinsam mit Behörden, Landwirten und Industrie entwickeln sie umwelttaugliche Zukunftskonzepte.
Ähnlich werden sie in Entwicklungsländern verfahren. Denn die Grenze zwischen Verschwendung und Armut verläuft nicht zwangsläufig zwischen Staaten oder den Hemisphären Nord und Süd. Sie kann auch mitten durch ein und dieselbe Stadt gehen, sagt der Pariser Ökonom Dominique Lorrain: "In Mexico City gießen die Wohlhabenden ihre Gärten mit fast kostenlosem Wasser. Gleichzeitig hat die Stadt aber kein Geld, um Wasserleitungen zu legen. So müssen sich die Armen teures Trinkwasser in der Flasche kaufen."
In solchen Fällen arbeiten die Wasserversorger schon heute mit Entwicklungshilfeorganisationen zusammen, um allen Bewohnern, arm und reich, Trinkwasser zum gleichen Preis zu verschaffen.
In Deutschland herrscht dagegen noch das Prinzip der Kostendeckung. Qualitätsanforderungen, ein stark ausgeprägtes Umweltbewusstsein und hohe Preise machen den deutschen Markt für die globalen Player attraktiv. Fällt erst das Gebietsmonopol der rund 7000 kommunalen Trinkwasserver- und Abwasserentsorger, wie es die Regierung plant, bekommen Privatunternehmen die Gelegenheit zum Einstieg.
Die französischen Weltmarktführer sind bereits präsent. Vivendi Environnement teilt sich seit gut zwei Jahren mit RWE die Berliner Wasserbetriebe. Die Lyonnaise ist mit Thyssen/Krupp über das Unternehmen Eurawasser verbandelt und versorgt unter anderem Goslar, Potsdam, Leuna, Güstrow und Rostock.
In der Regel übernehmen sie die Trinkwasserversorgung in so genannten Private Public Partnerships. In ihnen teilprivatisieren öffentliche Träger die Versorgung, indem sie zum Beispiel einem Unternehmen zusagen, ihm eine bestimmte Wassermenge zu einem bestimmten Preis abzukaufen. Der private Betreiber hat damit eine Erlösgarantie.
Doch auch in Deutschland geht es um Produktivitätsgewinne. 400 000 Kilometer öffentliches Leitungsgeflecht ist nach Angaben von Deutsche Bank Research marode: Es stammt noch aus der Zeit Kaiser Wilhelms. Angeblich versickern pro Tag und Kopf mehr als 20 Liter Wasser.
Die nötigen Investitionen beliefen sich auf 250 Milliarden Euro bis zum Jahr 2015, das ist von den öffentlichen Versorgern nicht zu finanzieren. Die Privaten dagegen lockt ein Umsatzpotenzial von 40 Milliarden Mark pro Jahr - ein erheblicher Teil der weltweit erwarteten Umsatzzuwächse.
Von Michael Kläsgen
(c) DIE ZEIT 32/2001