Eliska
29.08.2001, 08:29
Warum Hightech-Unternehmen Mitarbeiter entlassen und gleichzeitig verzweifelt Fachkräfte suchen. Von Lars Reppesgaard
Eigentlich müsste Popnet jetzt aus dem Vollen schöpfen können.
Die Hamburger Internet-Agentur dürfte mit der Anwerbung neuer Mitarbeiter keinerlei Schwierigkeiten haben – schließlich mussten mehrere ihrer bedeutenden Mitbewerber wie Kabel New Media oder Marchfirst Insolvenz beantragen.
Etliche kleinere Netzagenturen, die ihren Sitz an der Elbe hatten, sind sogar schon ganz von der Bildfläche verschwunden. Und trotzdem: „Der Markt für Systemintegratoren ist noch immer leer gefegt“, seufzt Vorstandsmitglied Thomas Spar. „Uns fehlen Spezialisten, die sich mit Warenwirtschaftssystemen wie SAP oder mit der digitalen Bestandsverwaltung auskennen.“
Ähnliche Probleme wie Popnet haben zurzeit viele Unternehmen in der New Economy.
Bizarres MissverhältnisArbeitsmarkt paradox:
Mehrere hundert Menschen, die in IT-Unternehmen an der Elbe Berufserfahrung gesammelt haben, suchen derzeit einen neuen Job – gleichzeitig müssen etliche IT-Dienstleister Aufträge ablehnen, weil ihnen Fachleute fehlen.
In der gegenwärtigen Konjunkturflaute haben die meisten deutschen Unternehmen im IT-Sektor Mitarbeiter entlassen, und dennoch suchen Softwareentwickler wie SAP oder Wirtschaftsberater wie Cap Gemini, Ernst & Young nach wie vor händeringend Leute.
Wie ist es zu diesem bizarren Missverhältnis gekommen?
Anders gefragt: Wen tragen die Unternehmen noch immer auf Händen – und wen werfen sie bei rauerem Seegang über Bord?
» Die Fachkräfte, die keine Jobs mehr finden, kommen vor allem aus dem Agentur-Umfeld. «
Tim Schwarz, Headstep
Hört man sich in der Branche um, so zeigt sich vor allem:
Fassade ist nicht mehr gefragt.
Es sind vor allem Spezialisten für das so genannte „Front-End“ im IT-Bereich, die erfahren müssen, dass es auch ohne sie geht.
Wer das Design für Webseiten entwickelt oder Internetauftritte durchkonzipiert, hat derzeit schlechte Karten.
Tim Schwarz, Chef des auf die IT-Branche spezialisierten Headhunter-Unternehmens Headstep aus Berlin:
„Die Fachkräfte, die keine Jobs mehr finden, kommen vor allem aus dem Agentur-Umfeld, weniger aus Bereichen wie etwa der Software-Entwicklung.
Kaum jemand hat Geld für neue E-Commerce-Projekte, deshalb ist das, was sie können, im Moment nicht gefragt.“
Beispiel Marchfirst:
340 Menschen beschäftigte die Hamburger Internetagentur zum Jahresanfang, nun sind es nur mehr 140.
Personaldirektor Gert Vorreiter: „Von den Web Producern, Screen Designern und Projektmanagern, die nicht ausgelastet waren, mussten wir uns trennen.“
Content nicht mehr KingOnline-Redakteure haben es ähnlich schwer: Während es früher hieß „Content is King“, dampfte die Wirtschaftswoche jetzt ihre Onlineredaktion von 14 auf vier Mitarbeiter ein.
Die Web-TV-Station TV1.de verabschiedet sich gar völlig von der redaktionellen Berichterstattung. Mehr als die Hälfte des gut 30-köpfigen Teams muss gehen, darunter die komplette Redaktion. Künftig will das Unternehmen aus Hallbergmoos bei München nur noch als Technikdienstleister arbeiten.
„Back-End“ heißt dagegen die Formel, die Personalberater und Unternehmer heute noch immer aufhorchen lässt. Im Gegensatz zum „Vorderende“ – den Webseiten selbst – geht es „hinten“ um Prozesse, die tief in die Unternehmensstruktur eingreifen.
„Techniker, die Oracle-Datenbanken, in denen Unternehmen ihre Daten vorhalten, an das Web anbinden können, stehen nach wie vor hoch im Kurs“, erklärt Tim Schwarz von Headstep.
Das gilt auch für Programmierer, die wissen, wie man die Daten aus dem Bestellsystem einer Firma für einen Online-Unternehmensmarktplatz oder ein elektronisches Bestellsystem nutzbar macht.
TV1.de sucht jetzt beispielsweise ausschließlich System-Ingenieure, die sich mit der Streaming-Technologie auskennen. Sie ermöglicht die Übertragung bewegter Bilder über das Internet.
Auch Vertriebsmitarbeiter will TV1.de noch einstellen – schließlich muss ja irgend jemand die Unternehmen davon überzeugen, diese Dienstleistung abzufragen.
» Je mehr EDV, desto höher die Vermittlungschancen. «
Rainer Keßler, Arbeitsamt Hannover
Die Zeiten, in denen Unternehmen auch Quereinsteiger mit Kusshand einstellten, sind also vorbei. An einem Wirtschafts- oder Informatikstudium, teuren Schulungen durch die IT-Hersteller oder dem Besuch von Weiterbildungsangeboten führt häufig kein Weg vorbei.
„Je mehr EDV, desto höher die Vermittlungschancen“, bringt es Rainer Keßler, Sprecher des Arbeitsamts Hannover, auf den Punkt.
Ein Garant für einen attraktiven Job ist nicht einmal das. Denn Wissen hat in der dynamischen, auf dauernder Innovation basierenden IT-Branche eine geringere Halbwertszeit als in anderen Berufszweigen. Einiges, was noch vor zwölf oder 18 Monaten als Top-Qualifikation galt, hilft deshalb heute auf dem Jobmarkt nicht automatisch weiter.
„Vor zwei Jahren war es furchtbar schwierig, Java-Entwickler zu bekommen“, sagt Tim Schwarz. „Wer heute ein bisschen Java programmieren kann, ist schwer vermittelbar. An solchen Skills hat niemand Interesse.“
Man will Leute, die Umsatz generieren.
Sörge Drosten, Futurestep
Dafür wird die Verquickung von betriebswirtschaftlichen Qualifikationen und Informatik-Fachwissen immer wichtiger.
„Man will sich dezidiert in einzelnen Bereichen und nicht in der Breite verstärken, und man will Leute, die Umsatz generieren,“ analysiert Sörge Drosten, Leiter des Bereichs „Advanced Technolology and New Media“ beim Personalberatungsunternehmen Futurestep in Düsseldorf.
„Verkaufsleute werden immer noch gesucht, ebenso strategische Berater für das E-Business-Umfeld.“
Und auch wer Arbeit hat, darf die innerbetriebliche Weiterbildung nicht vernachlässigen: Er sollte sich durch immer neues Know-how fit halten für die Herausforderungen von morgen.
Schließlich kann man nie wissen, wann eine vermeintliche Boombranche doch an ihre Grenzen stößt.
Von Lars Reppesgaard
sueddeutsche.de
Eigentlich müsste Popnet jetzt aus dem Vollen schöpfen können.
Die Hamburger Internet-Agentur dürfte mit der Anwerbung neuer Mitarbeiter keinerlei Schwierigkeiten haben – schließlich mussten mehrere ihrer bedeutenden Mitbewerber wie Kabel New Media oder Marchfirst Insolvenz beantragen.
Etliche kleinere Netzagenturen, die ihren Sitz an der Elbe hatten, sind sogar schon ganz von der Bildfläche verschwunden. Und trotzdem: „Der Markt für Systemintegratoren ist noch immer leer gefegt“, seufzt Vorstandsmitglied Thomas Spar. „Uns fehlen Spezialisten, die sich mit Warenwirtschaftssystemen wie SAP oder mit der digitalen Bestandsverwaltung auskennen.“
Ähnliche Probleme wie Popnet haben zurzeit viele Unternehmen in der New Economy.
Bizarres MissverhältnisArbeitsmarkt paradox:
Mehrere hundert Menschen, die in IT-Unternehmen an der Elbe Berufserfahrung gesammelt haben, suchen derzeit einen neuen Job – gleichzeitig müssen etliche IT-Dienstleister Aufträge ablehnen, weil ihnen Fachleute fehlen.
In der gegenwärtigen Konjunkturflaute haben die meisten deutschen Unternehmen im IT-Sektor Mitarbeiter entlassen, und dennoch suchen Softwareentwickler wie SAP oder Wirtschaftsberater wie Cap Gemini, Ernst & Young nach wie vor händeringend Leute.
Wie ist es zu diesem bizarren Missverhältnis gekommen?
Anders gefragt: Wen tragen die Unternehmen noch immer auf Händen – und wen werfen sie bei rauerem Seegang über Bord?
» Die Fachkräfte, die keine Jobs mehr finden, kommen vor allem aus dem Agentur-Umfeld. «
Tim Schwarz, Headstep
Hört man sich in der Branche um, so zeigt sich vor allem:
Fassade ist nicht mehr gefragt.
Es sind vor allem Spezialisten für das so genannte „Front-End“ im IT-Bereich, die erfahren müssen, dass es auch ohne sie geht.
Wer das Design für Webseiten entwickelt oder Internetauftritte durchkonzipiert, hat derzeit schlechte Karten.
Tim Schwarz, Chef des auf die IT-Branche spezialisierten Headhunter-Unternehmens Headstep aus Berlin:
„Die Fachkräfte, die keine Jobs mehr finden, kommen vor allem aus dem Agentur-Umfeld, weniger aus Bereichen wie etwa der Software-Entwicklung.
Kaum jemand hat Geld für neue E-Commerce-Projekte, deshalb ist das, was sie können, im Moment nicht gefragt.“
Beispiel Marchfirst:
340 Menschen beschäftigte die Hamburger Internetagentur zum Jahresanfang, nun sind es nur mehr 140.
Personaldirektor Gert Vorreiter: „Von den Web Producern, Screen Designern und Projektmanagern, die nicht ausgelastet waren, mussten wir uns trennen.“
Content nicht mehr KingOnline-Redakteure haben es ähnlich schwer: Während es früher hieß „Content is King“, dampfte die Wirtschaftswoche jetzt ihre Onlineredaktion von 14 auf vier Mitarbeiter ein.
Die Web-TV-Station TV1.de verabschiedet sich gar völlig von der redaktionellen Berichterstattung. Mehr als die Hälfte des gut 30-köpfigen Teams muss gehen, darunter die komplette Redaktion. Künftig will das Unternehmen aus Hallbergmoos bei München nur noch als Technikdienstleister arbeiten.
„Back-End“ heißt dagegen die Formel, die Personalberater und Unternehmer heute noch immer aufhorchen lässt. Im Gegensatz zum „Vorderende“ – den Webseiten selbst – geht es „hinten“ um Prozesse, die tief in die Unternehmensstruktur eingreifen.
„Techniker, die Oracle-Datenbanken, in denen Unternehmen ihre Daten vorhalten, an das Web anbinden können, stehen nach wie vor hoch im Kurs“, erklärt Tim Schwarz von Headstep.
Das gilt auch für Programmierer, die wissen, wie man die Daten aus dem Bestellsystem einer Firma für einen Online-Unternehmensmarktplatz oder ein elektronisches Bestellsystem nutzbar macht.
TV1.de sucht jetzt beispielsweise ausschließlich System-Ingenieure, die sich mit der Streaming-Technologie auskennen. Sie ermöglicht die Übertragung bewegter Bilder über das Internet.
Auch Vertriebsmitarbeiter will TV1.de noch einstellen – schließlich muss ja irgend jemand die Unternehmen davon überzeugen, diese Dienstleistung abzufragen.
» Je mehr EDV, desto höher die Vermittlungschancen. «
Rainer Keßler, Arbeitsamt Hannover
Die Zeiten, in denen Unternehmen auch Quereinsteiger mit Kusshand einstellten, sind also vorbei. An einem Wirtschafts- oder Informatikstudium, teuren Schulungen durch die IT-Hersteller oder dem Besuch von Weiterbildungsangeboten führt häufig kein Weg vorbei.
„Je mehr EDV, desto höher die Vermittlungschancen“, bringt es Rainer Keßler, Sprecher des Arbeitsamts Hannover, auf den Punkt.
Ein Garant für einen attraktiven Job ist nicht einmal das. Denn Wissen hat in der dynamischen, auf dauernder Innovation basierenden IT-Branche eine geringere Halbwertszeit als in anderen Berufszweigen. Einiges, was noch vor zwölf oder 18 Monaten als Top-Qualifikation galt, hilft deshalb heute auf dem Jobmarkt nicht automatisch weiter.
„Vor zwei Jahren war es furchtbar schwierig, Java-Entwickler zu bekommen“, sagt Tim Schwarz. „Wer heute ein bisschen Java programmieren kann, ist schwer vermittelbar. An solchen Skills hat niemand Interesse.“
Man will Leute, die Umsatz generieren.
Sörge Drosten, Futurestep
Dafür wird die Verquickung von betriebswirtschaftlichen Qualifikationen und Informatik-Fachwissen immer wichtiger.
„Man will sich dezidiert in einzelnen Bereichen und nicht in der Breite verstärken, und man will Leute, die Umsatz generieren,“ analysiert Sörge Drosten, Leiter des Bereichs „Advanced Technolology and New Media“ beim Personalberatungsunternehmen Futurestep in Düsseldorf.
„Verkaufsleute werden immer noch gesucht, ebenso strategische Berater für das E-Business-Umfeld.“
Und auch wer Arbeit hat, darf die innerbetriebliche Weiterbildung nicht vernachlässigen: Er sollte sich durch immer neues Know-how fit halten für die Herausforderungen von morgen.
Schließlich kann man nie wissen, wann eine vermeintliche Boombranche doch an ihre Grenzen stößt.
Von Lars Reppesgaard
sueddeutsche.de