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Vollständige Version anzeigen : Arbeitssucht - Gefahren


Eliska
04.09.2001, 09:54
Experten warnen vor dem Trend zur Selbstausbeutung in unserer Arbeitswelt. Bereits 200.000 Menschen gelten in Deutschland als arbeitssüchtig.

Arbeit kann Menschen stark machen:
Wer im Beruf Erfolg hat, tankt Selbstvertrauen.

Arbeit kann aber auch krank machen.

Mit beiden Phänomenen hat die so genannte „Arbeitssucht“ zu tun – und die wird, sagt Professor Holger Heide, „zum Massenphänomen“. Schätzungen sprechen von rund 200.000 Arbeitssüchtigen in Deutschland.


Arbeitssüchtige machen Fehler
– mit gravierenden Folgen für Kapitalausstattung, Standort und Arbeitsplätze

Der Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Bremen hatte Anfang dieser Woche zu einem Workshop eingeladen. Neben Ökonomen kamen dabei Soziologen, Historiker und Psychologen zu Wort. Hintergrund der Debatte: Arbeitssüchtige, so willkommen sie in Betrieben vordergründig auch sein mögen, machen Fehler – mit gravierenden Folgen für Kapitalausstattung, Standort und Arbeitsplätze.

Arbeitssüchtige mit Arbeit zu füttern, wäre eine mehr als kurzsichtige Strategie, denn Arbeitssucht zerstört die Arbeitsfähigkeit. Und bringt Verhaltensweisen hervor, an denen keinem Arbeitgeber gelegen sein kann. „Erste Anzeichen“, erklärt Holger Heide, „sind beispielsweise, dass Menschen nicht mehr im Team arbeiten können, sehr eigenbrötlerisch werden.“


Gefahr der Selbstschädigung

Eine zentrale These des Workshops:
Individualisierte Arbeitsbeziehungen, Vertrauensarbeitszeiten und Dezentralisierung von Verantwortung bergen nicht nur ein höheres Maß an Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung – sie sind auch hinterhältig wie ein Trojanisches Pferd.

Der Trend zur Selbstausbeutung bis hin zur Selbstschädigung ist allerorten zu beobachten, wo Freelancer die Märkte nach Aufträgen abgrasen, Handelsreisende unterwegs sind, Subunternehmer sich vertraglich an einen Auftraggeber binden oder Beschäftigte einfach nur Karriere machen wollen.


Motivationspotentiale werden ausgebeutet

Nackter Zwang steckt selten dahinter – heutzutage verstehen sich Unternehmen oder Auftraggeber vielfach darauf, Motivationspotentiale effektiv auszubeuten. Verausgabte sich der Beschäftigte im Taylorismus noch fast ausschließlich bei körperlichen Arbeiten, so erwarten Betriebe heute obendrein, dass die Mitarbeiter ihre sozialen Fähigkeiten, ihre kognitiven Kompetenzen, ihre emotionale Bindung zur Verfügung stellen.
„Ich finde das verantwortungslos“, erklärte dazu der Historiker Karl-Heinz Roth. Schließlich habe diese „Kreativitätsmobilisierung“ mit den eigentlichen Unternehmenszielen oft gar nichts mehr zu tun.


All das führt noch nicht unausweichlich in die Sucht, sagten die Referenten des Workshops einhellig. Aber die Augen vor den Gefahren zu verschließen hieße, die Spielregeln zu leugnen, die die Arbeitswelt heute gestalten. Auf die Frage allerdings, wie der Sucht beizukommen ist, ohne die Grundfesten des Kapitalismus zu erschüttern, konnte auch der Bremer Workshop keine Antworten geben.

Von Godehard Weyerer

www.sueddeutsche.de