Eliska
05.09.2001, 16:04
„Bombenexplosion auf dem Schulweg katholischer Kinder in Belfast“
und „Sprengsatz auf dem Schulweg“
Diese Überschriften gingen wohl heute durch sämtliche Tageszeitungen.
Zu diesem Thema ein Korrespondentenbericht aus der NZZ, der sich auch mit den Hintergründen dieses unglaublichen Geschehens auseinandersetzt:
Spießrutenlauf katholischer Schülerinnen in Belfast
ali. Dublin, 5. August
Zum dritten Mal diese Woche mussten katholische Primarschülerinnen in Nordbelfast unter schwersten Sicherheitsvorkehrungen zu ihrer Schule Heilig-Kreuz eskortiert werden, weil protestantische Anwohner versuchten, den Schulweg zu blockieren. Gerade als sich am Mittwochmorgen eine Gruppe von Müttern und Kindern - letztere im Alter zwischen vier und elf Jahren - den Weg durch die Gasse gepanzerter Polizeifahrzeuge und hochgerüsteter Soldaten bahnte, begann ein Hagel von Steinen und Golfbällen. Unmittelbar danach ertönte eine laute Explosion, die Mädchen brachen in Weinen aus, eine Frau fiel in Ohnmacht.
Schließlich erreichten alle Kinder die Schule. Ein Polizeibeamter musste per Ambulanz ins Spital überführt werden. Ersten Angaben zufolge hatte er Beinverletzungen durch einen Wurf-Sprengsatz erlitten. Ein Polizeihund wurde ebenfalls verletzt.
Da die «Red Hand Defenders», ein Sammelbecken für abtrünnige Mitglieder diverser protestantischer Untergrundkommandos, bereits am Montag eine kollektive Todesdrohung an alle Eltern der Primarschülerinnen gerichtet hatten, fiel der Tatverdacht schnell auf diese Kreise. Inzwischen hat sich die Organisation auch zu der Tat bekannt.
Protestanten sind im Ardoyne-Viertel lokale Minderheit
Das menschenverachtende Tauziehen um die katholischen Kinder ist ein beinahe unvermeidliches Ergebnis des Siedlungsmusters von Nordbelfast.
Eng verschachtelt leben hier Katholiken und Protestanten nebeneinander, aber niemals beisammen. Mauern markieren die Berührungspunkte, und auch drei Jahre nach dem Friedensabkommen werden - auf Wunsch der Anwohner beider Seiten - zusätzliche Mauerstücke errichtet.
Da das Bevölkerungswachstum auf katholischer Seite etwas höher ist, entsteht ein demographischer Druck, der zu territorialen Änderungen führt. Ein Straßenzug wechselt dann die Rinnsteinbemalung von grün-weiß-orange auf rot-weiß-blau, und dort entzünden sich Konflikte.
Als Ergebnis derartiger Verschiebungen liegt dann plötzlich eine katholische Schule in protestantischem Gebiet. Im Falle der Heiligkreuz-Schule kommt hinzu, dass die protestierenden Protestanten eine lokale Minderheit darstellen. Ihre wenigen Strassen sind eine Insel im überwiegend katholischen Ardoyne-Viertel, das überdies als Hochburg der IRA und der mit ihr verwachsenen Sinn Fein-Partei gilt.
Diese Protestanten argwöhnen, dass sie vertrieben werden sollen und sprechen von «ethnischen Säuberungen». Sie beklagen sich über nächtliche Angriffe auf ihre Häuser, und darüber, dass ihre Rentner sich nicht mehr ins Postamt trauen, weil dieses im anderen Sektor liegt.
Immer mehr Protestanten und Unionisten außerhalb des Konfliktherdes haben inzwischen allerdings eingesehen, dass Schikanen und Tätlichkeiten gegen kleine Schulmädchen mit Schleifchen im Haar ein kontraproduktives Mittel darstellen, um möglicherweise begründete Beschwerden zu untermauern.
Die weltweite Propagandaschlappe für protestantische Interessen sucht ihresgleichen - und das wird die Wahrnehmung zahlreicher Protestanten noch verstärken, dass der Friedensprozess zu ihren Ungunsten verläuft.
Diese zunehmend negative Einstellung reicht von den bürgerlichen Unionistenparteien bis in die protestantischen Arbeitslosenviertel. Sie schlägt sich in der wachsenden innerparteilichen Bedrängnis des zurückgetretenen Chefministers David Trimble ebenso nieder wie in der Abkehr protestantischer Untergrundverbände vom Friedensprozess.
Verengte Wahrnehmung der Wirklichkeit
Ein Beispiel für den schrumpfenden gedanklichen Weitblick der nordirischen Protestanten hat sich am Dienstag gezeigt:
Die Urheber des protestantischen Protestes gegen die Schülerinnen haben drei Anwälte verpflichtet, die Menschenrechtsverletzungen registrieren sollen.
Die Urheber dieses Gedankens wollen damit Beweismaterial gegen eine übereifrige Polizei sammeln, sind aber zugleich unfähig zu sehen, dass primär die Menschenrechte kleiner Kinder verletzt wurden.
Diese verengte Wahrnehmung der Wirklichkeit entspringt den Verbiegungen, die durch die Segregation sämtlicher Lebensbereiche stattgefunden haben. Oberflächlich mögen Täter und Opfer in dieser traurigen Episode leicht zu unterscheiden sein, doch dringt man etwas tiefer, verwischen sich die vormals klaren Kontraste.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
und „Sprengsatz auf dem Schulweg“
Diese Überschriften gingen wohl heute durch sämtliche Tageszeitungen.
Zu diesem Thema ein Korrespondentenbericht aus der NZZ, der sich auch mit den Hintergründen dieses unglaublichen Geschehens auseinandersetzt:
Spießrutenlauf katholischer Schülerinnen in Belfast
ali. Dublin, 5. August
Zum dritten Mal diese Woche mussten katholische Primarschülerinnen in Nordbelfast unter schwersten Sicherheitsvorkehrungen zu ihrer Schule Heilig-Kreuz eskortiert werden, weil protestantische Anwohner versuchten, den Schulweg zu blockieren. Gerade als sich am Mittwochmorgen eine Gruppe von Müttern und Kindern - letztere im Alter zwischen vier und elf Jahren - den Weg durch die Gasse gepanzerter Polizeifahrzeuge und hochgerüsteter Soldaten bahnte, begann ein Hagel von Steinen und Golfbällen. Unmittelbar danach ertönte eine laute Explosion, die Mädchen brachen in Weinen aus, eine Frau fiel in Ohnmacht.
Schließlich erreichten alle Kinder die Schule. Ein Polizeibeamter musste per Ambulanz ins Spital überführt werden. Ersten Angaben zufolge hatte er Beinverletzungen durch einen Wurf-Sprengsatz erlitten. Ein Polizeihund wurde ebenfalls verletzt.
Da die «Red Hand Defenders», ein Sammelbecken für abtrünnige Mitglieder diverser protestantischer Untergrundkommandos, bereits am Montag eine kollektive Todesdrohung an alle Eltern der Primarschülerinnen gerichtet hatten, fiel der Tatverdacht schnell auf diese Kreise. Inzwischen hat sich die Organisation auch zu der Tat bekannt.
Protestanten sind im Ardoyne-Viertel lokale Minderheit
Das menschenverachtende Tauziehen um die katholischen Kinder ist ein beinahe unvermeidliches Ergebnis des Siedlungsmusters von Nordbelfast.
Eng verschachtelt leben hier Katholiken und Protestanten nebeneinander, aber niemals beisammen. Mauern markieren die Berührungspunkte, und auch drei Jahre nach dem Friedensabkommen werden - auf Wunsch der Anwohner beider Seiten - zusätzliche Mauerstücke errichtet.
Da das Bevölkerungswachstum auf katholischer Seite etwas höher ist, entsteht ein demographischer Druck, der zu territorialen Änderungen führt. Ein Straßenzug wechselt dann die Rinnsteinbemalung von grün-weiß-orange auf rot-weiß-blau, und dort entzünden sich Konflikte.
Als Ergebnis derartiger Verschiebungen liegt dann plötzlich eine katholische Schule in protestantischem Gebiet. Im Falle der Heiligkreuz-Schule kommt hinzu, dass die protestierenden Protestanten eine lokale Minderheit darstellen. Ihre wenigen Strassen sind eine Insel im überwiegend katholischen Ardoyne-Viertel, das überdies als Hochburg der IRA und der mit ihr verwachsenen Sinn Fein-Partei gilt.
Diese Protestanten argwöhnen, dass sie vertrieben werden sollen und sprechen von «ethnischen Säuberungen». Sie beklagen sich über nächtliche Angriffe auf ihre Häuser, und darüber, dass ihre Rentner sich nicht mehr ins Postamt trauen, weil dieses im anderen Sektor liegt.
Immer mehr Protestanten und Unionisten außerhalb des Konfliktherdes haben inzwischen allerdings eingesehen, dass Schikanen und Tätlichkeiten gegen kleine Schulmädchen mit Schleifchen im Haar ein kontraproduktives Mittel darstellen, um möglicherweise begründete Beschwerden zu untermauern.
Die weltweite Propagandaschlappe für protestantische Interessen sucht ihresgleichen - und das wird die Wahrnehmung zahlreicher Protestanten noch verstärken, dass der Friedensprozess zu ihren Ungunsten verläuft.
Diese zunehmend negative Einstellung reicht von den bürgerlichen Unionistenparteien bis in die protestantischen Arbeitslosenviertel. Sie schlägt sich in der wachsenden innerparteilichen Bedrängnis des zurückgetretenen Chefministers David Trimble ebenso nieder wie in der Abkehr protestantischer Untergrundverbände vom Friedensprozess.
Verengte Wahrnehmung der Wirklichkeit
Ein Beispiel für den schrumpfenden gedanklichen Weitblick der nordirischen Protestanten hat sich am Dienstag gezeigt:
Die Urheber des protestantischen Protestes gegen die Schülerinnen haben drei Anwälte verpflichtet, die Menschenrechtsverletzungen registrieren sollen.
Die Urheber dieses Gedankens wollen damit Beweismaterial gegen eine übereifrige Polizei sammeln, sind aber zugleich unfähig zu sehen, dass primär die Menschenrechte kleiner Kinder verletzt wurden.
Diese verengte Wahrnehmung der Wirklichkeit entspringt den Verbiegungen, die durch die Segregation sämtlicher Lebensbereiche stattgefunden haben. Oberflächlich mögen Täter und Opfer in dieser traurigen Episode leicht zu unterscheiden sein, doch dringt man etwas tiefer, verwischen sich die vormals klaren Kontraste.
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