Exor
22.10.2000, 16:10
Wer's noch mal gaaaaanz in Ruhe und genau nachlesen will :D :D :D :
Jeden Tag ein Crash
Die Börse hat viele Deutsche reich gemacht. Jetzt macht sie einige arm. Denn in der neuen Aktienwelt schwanken die Kurse wie nie zuvor. Der Wirtschaft schadet das nicht
Von Marc Brost, Mark Schieritz, Wolfgang Uchatius
Vor zehn Jahren war Deutschland eine Bananenrepublik. So sehen es zumindest erfahrene Börsianer: Damals investierten die Deutschen mehr Geld in gelbe Südfrüchte als in Aktien. Inzwischen ist das Land eine Börsenrepublik geworden - fast jeder hat große Gewinne gemacht, fast jeder hat ein paar Geheimtipps parat, fast jeder ist ein heimlicher Experte. Jetzt hat es die ersten Experten erwischt.
"Mein Depot hat in den letzten drei Wochen so viel verloren, dass ich lieber nicht mehr nachrechne", sagt Peter Trechnow aus Köln. Der 35-Jährige hat sich noch im April am Neuen Markt eingedeckt, als schon die ersten Kassandrarufe durch Internet-Foren und Börsenblätter hallten. Dann bröckelten die Kurse, doch Trechnow behielt seine Aktien. "Das ist diese verdammte Gier", sagt er. "Man sitzt am Computer, sieht, wie das Geld dahinschmilzt, und wartet ab, anstatt auszusteigen, wenn die Verluste noch gering sind." Irgendwann hat Trechnow doch verkauft. Aber da war es schon zu spät.
Mehr als elf Millionen Deutsche besitzen inzwischen Aktien oder Fondsanteile, so viele wie nie zuvor. Allein im ersten Halbjahr 2000 sind eine Million neue Aktionäre dazugekommen. Jetzt lernen sie, dass die Börse auch arm machen kann. Der Neue Markt? Seit Anfang September um 31 Prozent gefallen. Die amerikanische Wachstumsbörse Nasdaq? Um 27 Prozent geschrumpft. Es herrsche eine Stimmung wie beim Ausverkauf, sagen Börsenhändler. Schon macht das Wort vom "Crash auf Raten" die Runde. Am Neuen Markt, weiß die Süddeutsche Zeitung, werde nichts mehr so sein, wie es einmal war.
In Zukunft wird es immer mehr Abstürze geben
Falsch. Alles ist so, wie es immer war. Abstürze gehören zum Aktienmarkt wie überraschende Tore zum Fußball. Dennoch ist der Kursverfall der vergangenen Woche das erste Indiz einer neuen Börsenwelt. Vieles deutet darauf hin, dass es derartige Einbrüche künftig öfter gibt. Dass gleichzeitig aber die Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze, die reale Ökonomie also, gering bleiben. Kurz: Es wird in Zukunft mehr Crashs geben - aber es werden keine Crashs mehr sein.
Die neuere Börsengeschichte verläuft im Zickzack, und wer die Gier der Anleger weckt, muss mit einem tiefen Fall rechnen. Zum Beispiel Infineon: Mit einer gigantischen Werbekampagne lockte die Siemens-Tochter im Frühjahr die Kleinanleger an die Bankschalter. Alle wollten die neue Volksaktie, die I-Aktie, kaufen. Was das Unternehmen herstellt? War vielen egal. Wie das Unternehmen genau heißt? Wussten einige nicht. Hauptsache Infineon-Aktien besitzen. Was alle kauften, konnte so schlecht ja nicht sein. Am ersten Börsentag schoss die Aktie prompt von 35 auf über 70 Euro hoch. Heute notiert das Papier rund 33 Prozent tiefer.
Mehr denn je funktioniert die Börse wie ein Schönheitswettbewerb. Will man erraten, wer zur Schönsten gewählt wird, darf man nicht auf die persönliche Favoritin tippen. Man muss die Kandidatin suchen, die vermutlich dem Gros der anderen am besten gefällt.
Wer dem Trend folgt, gewinnt. Trotz ihrer Prognosemodelle verhalten sich die Finanzprofis nicht anders als die Kleinanleger. Sie rennen mit der großen Herde. "Es gibt eine enorme psychische Barriere, gegen den Markt zu handeln, weil das im Fall von Verlusten nur schwer zu rechtfertigen ist", sagt Thorsten Poddig, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Bremen. Trends werden daher schnell zu Megatrends und einzelne Aktien plötzlich zu Stars auf dem Parkett. Der Markt habe übertrieben, als er noch im Frühjahr die Werte der New Economy in irrsinnige Höhen jagte, sagen heute die meisten Börsianer. Trotzdem kauften sie damals kräftig mit. Bis der Trend plötzlich brach und die Anleger umdachten. Die Kurse schlugen in die andere Richtung aus.
Das Herdenverhalten sei heute eben stärker als früher, meint Ulrich Ramm, Chefvolkswirt der Commerzbank. Hinzu kommt eine wachsende Klasse von Spekulanten, die den Markt treibt: die Hedge Fonds. Sie nutzen jede Chance, schnelles Geld zu machen - zum Beispiel durch den Verkauf von Aktien, die sie noch gar nicht besitzen. Je tiefer die Aktie sinkt, desto größer ist der Gewinn, weil der Fonds günstiger kaufen kann, wenn er die Aktie dann wirklich braucht. Typisch für diese Spekulation sind spätere Panikkäufe - so wie am vergangenen Freitag, als die Nasdaq um mehr als sieben Prozent nach oben schoss. Der Grund: Wenn eine Aktie, auf die eine Verkaufswette läuft, doch zu steigen beginnt, bekommen die Spekulanten kalte Füße - und decken sich mit der Aktie ein, um ihre Verluste zu begrenzen.
Der Börsenkurs fährt Achterbahn. Weil Aktiengeschäfte außerdem heute viel schneller und rund um die Uhr abgewickelt werden können, erwartet der amerikanische Ökonom Robert Shiller, dass starke Kursausschläge zum Normalzustand werden (siehe Interview).
Folgt auf jeden Absturz also ein neuer Höhenflüg? Und auf jede Hausse ein neuer Crash? Gottfried Heller von der Fiduka Vermögensverwaltung, ein Weggefährte des verstorbenen Börsengurus André Kostolany, stört schon das Wort. Von einem Crash könne man nur sprechen, wenn dauerhafter Schaden entstehe. So wie vor 71 Jahren, als nach der Börse die Weltwirtschaft abstürzte. Die Unternehmen gingen massenweise Pleite. Die Volkseinkommen fielen in manchen Ländern um 30Prozent. Die Arbeitslosenquoten stiegen auf bis zu 40 Prozent. Schuld an der Krise, heißt es meist, sei der 24. Oktober 1929 gewesen, der Tag, an dem die Börse krachte.
Was dabei übersehen wird: Entscheidender als ein Kursabsturz ist das, was danach passiert. "Der Börsenkrach von 1929 war ein wichtiges Ereignis, aber er hat die Krise nicht hervorgerufen und war auch kein wesentlicher Faktor für die Härte der Depression", so der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman. Die starken Kursausschläge mögen einzelne Börsianer ruinieren. Damit aus einer Kurskorrektur aber eine gesamtwirtschaftliche Katastrophe wird, muss mehr zusammenkommen.
Zum Beispiel die kollektive Flucht vom Kapitalmarkt. Ein richtiger Crash bedeutet abstürzende Aktien quer durch alle Branchen und panisch verkaufende Anleger. Von Panik aber kann derzeit keine Rede sein. "Die Leute verhalten sich viel ruhiger, viel weiser als bei früheren Einbrüchen", sagt Jörg de Vries-Hippen, Senior Fonds Manager bei der Investmentgesellschaft DIT. Statt sich aus dem Markt zu verabschieden, haben die Anleger ihr Geld aus kriselnden Werten abgezogen und in andere Aktien gesteckt. Beim Kurssturz am vergangenen Donnerstag habe es eine regelrechte "Flucht in die Qualitätswerte" gegeben, sagt Klaus Friedrich, Chefvolkswirt der Dresdner Bank. "Einige Werte der Old Economy haben sogar Höchstkurse erreicht", so Commerzbanker Ramm. Auch Kleinanleger Trechnow wittert schon wieder Schnäppchen: "Ich bleibe dem Neuen Markt treu", sagt der 35-Jährige, "das Geld fließt zurück."
Wenn die Aktionäre umschichten, statt auszusteigen, können zwar einzelne Werte und Branchen abstürzen, nicht aber der gesamte Markt. Solange es ausreichend Käufer gibt, bleibt die Börse am Leben. Und in Zukunft dürften die Kurse noch Auftrieb erhalten. Allein durch die geplante Rentenreform und die damit verbundene Förderung der privaten Altersvorsorge würden dem Kapitalmarkt im kommenden Jahr rund acht Milliarden Mark zufließen, heißt es in einer Studie der HypoVereinsbank. Für das Jahr 2008 rechnen die Banker bereits mit zusätzlichen 52 Milliarden Mark, 40 Prozent davon in Aktien.
Die private Altersvorsorge schaufelt Geld an die Börse
Selbst wenn es wider Erwarten doch zu einer panikartigen Flucht aus allen Aktien kommen sollte - es bliebe zunächst ein Problem der Börse und der Börsianer. Die Wirtschaft könnte unbeschädigt blei
Jeden Tag ein Crash
Die Börse hat viele Deutsche reich gemacht. Jetzt macht sie einige arm. Denn in der neuen Aktienwelt schwanken die Kurse wie nie zuvor. Der Wirtschaft schadet das nicht
Von Marc Brost, Mark Schieritz, Wolfgang Uchatius
Vor zehn Jahren war Deutschland eine Bananenrepublik. So sehen es zumindest erfahrene Börsianer: Damals investierten die Deutschen mehr Geld in gelbe Südfrüchte als in Aktien. Inzwischen ist das Land eine Börsenrepublik geworden - fast jeder hat große Gewinne gemacht, fast jeder hat ein paar Geheimtipps parat, fast jeder ist ein heimlicher Experte. Jetzt hat es die ersten Experten erwischt.
"Mein Depot hat in den letzten drei Wochen so viel verloren, dass ich lieber nicht mehr nachrechne", sagt Peter Trechnow aus Köln. Der 35-Jährige hat sich noch im April am Neuen Markt eingedeckt, als schon die ersten Kassandrarufe durch Internet-Foren und Börsenblätter hallten. Dann bröckelten die Kurse, doch Trechnow behielt seine Aktien. "Das ist diese verdammte Gier", sagt er. "Man sitzt am Computer, sieht, wie das Geld dahinschmilzt, und wartet ab, anstatt auszusteigen, wenn die Verluste noch gering sind." Irgendwann hat Trechnow doch verkauft. Aber da war es schon zu spät.
Mehr als elf Millionen Deutsche besitzen inzwischen Aktien oder Fondsanteile, so viele wie nie zuvor. Allein im ersten Halbjahr 2000 sind eine Million neue Aktionäre dazugekommen. Jetzt lernen sie, dass die Börse auch arm machen kann. Der Neue Markt? Seit Anfang September um 31 Prozent gefallen. Die amerikanische Wachstumsbörse Nasdaq? Um 27 Prozent geschrumpft. Es herrsche eine Stimmung wie beim Ausverkauf, sagen Börsenhändler. Schon macht das Wort vom "Crash auf Raten" die Runde. Am Neuen Markt, weiß die Süddeutsche Zeitung, werde nichts mehr so sein, wie es einmal war.
In Zukunft wird es immer mehr Abstürze geben
Falsch. Alles ist so, wie es immer war. Abstürze gehören zum Aktienmarkt wie überraschende Tore zum Fußball. Dennoch ist der Kursverfall der vergangenen Woche das erste Indiz einer neuen Börsenwelt. Vieles deutet darauf hin, dass es derartige Einbrüche künftig öfter gibt. Dass gleichzeitig aber die Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze, die reale Ökonomie also, gering bleiben. Kurz: Es wird in Zukunft mehr Crashs geben - aber es werden keine Crashs mehr sein.
Die neuere Börsengeschichte verläuft im Zickzack, und wer die Gier der Anleger weckt, muss mit einem tiefen Fall rechnen. Zum Beispiel Infineon: Mit einer gigantischen Werbekampagne lockte die Siemens-Tochter im Frühjahr die Kleinanleger an die Bankschalter. Alle wollten die neue Volksaktie, die I-Aktie, kaufen. Was das Unternehmen herstellt? War vielen egal. Wie das Unternehmen genau heißt? Wussten einige nicht. Hauptsache Infineon-Aktien besitzen. Was alle kauften, konnte so schlecht ja nicht sein. Am ersten Börsentag schoss die Aktie prompt von 35 auf über 70 Euro hoch. Heute notiert das Papier rund 33 Prozent tiefer.
Mehr denn je funktioniert die Börse wie ein Schönheitswettbewerb. Will man erraten, wer zur Schönsten gewählt wird, darf man nicht auf die persönliche Favoritin tippen. Man muss die Kandidatin suchen, die vermutlich dem Gros der anderen am besten gefällt.
Wer dem Trend folgt, gewinnt. Trotz ihrer Prognosemodelle verhalten sich die Finanzprofis nicht anders als die Kleinanleger. Sie rennen mit der großen Herde. "Es gibt eine enorme psychische Barriere, gegen den Markt zu handeln, weil das im Fall von Verlusten nur schwer zu rechtfertigen ist", sagt Thorsten Poddig, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Bremen. Trends werden daher schnell zu Megatrends und einzelne Aktien plötzlich zu Stars auf dem Parkett. Der Markt habe übertrieben, als er noch im Frühjahr die Werte der New Economy in irrsinnige Höhen jagte, sagen heute die meisten Börsianer. Trotzdem kauften sie damals kräftig mit. Bis der Trend plötzlich brach und die Anleger umdachten. Die Kurse schlugen in die andere Richtung aus.
Das Herdenverhalten sei heute eben stärker als früher, meint Ulrich Ramm, Chefvolkswirt der Commerzbank. Hinzu kommt eine wachsende Klasse von Spekulanten, die den Markt treibt: die Hedge Fonds. Sie nutzen jede Chance, schnelles Geld zu machen - zum Beispiel durch den Verkauf von Aktien, die sie noch gar nicht besitzen. Je tiefer die Aktie sinkt, desto größer ist der Gewinn, weil der Fonds günstiger kaufen kann, wenn er die Aktie dann wirklich braucht. Typisch für diese Spekulation sind spätere Panikkäufe - so wie am vergangenen Freitag, als die Nasdaq um mehr als sieben Prozent nach oben schoss. Der Grund: Wenn eine Aktie, auf die eine Verkaufswette läuft, doch zu steigen beginnt, bekommen die Spekulanten kalte Füße - und decken sich mit der Aktie ein, um ihre Verluste zu begrenzen.
Der Börsenkurs fährt Achterbahn. Weil Aktiengeschäfte außerdem heute viel schneller und rund um die Uhr abgewickelt werden können, erwartet der amerikanische Ökonom Robert Shiller, dass starke Kursausschläge zum Normalzustand werden (siehe Interview).
Folgt auf jeden Absturz also ein neuer Höhenflüg? Und auf jede Hausse ein neuer Crash? Gottfried Heller von der Fiduka Vermögensverwaltung, ein Weggefährte des verstorbenen Börsengurus André Kostolany, stört schon das Wort. Von einem Crash könne man nur sprechen, wenn dauerhafter Schaden entstehe. So wie vor 71 Jahren, als nach der Börse die Weltwirtschaft abstürzte. Die Unternehmen gingen massenweise Pleite. Die Volkseinkommen fielen in manchen Ländern um 30Prozent. Die Arbeitslosenquoten stiegen auf bis zu 40 Prozent. Schuld an der Krise, heißt es meist, sei der 24. Oktober 1929 gewesen, der Tag, an dem die Börse krachte.
Was dabei übersehen wird: Entscheidender als ein Kursabsturz ist das, was danach passiert. "Der Börsenkrach von 1929 war ein wichtiges Ereignis, aber er hat die Krise nicht hervorgerufen und war auch kein wesentlicher Faktor für die Härte der Depression", so der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman. Die starken Kursausschläge mögen einzelne Börsianer ruinieren. Damit aus einer Kurskorrektur aber eine gesamtwirtschaftliche Katastrophe wird, muss mehr zusammenkommen.
Zum Beispiel die kollektive Flucht vom Kapitalmarkt. Ein richtiger Crash bedeutet abstürzende Aktien quer durch alle Branchen und panisch verkaufende Anleger. Von Panik aber kann derzeit keine Rede sein. "Die Leute verhalten sich viel ruhiger, viel weiser als bei früheren Einbrüchen", sagt Jörg de Vries-Hippen, Senior Fonds Manager bei der Investmentgesellschaft DIT. Statt sich aus dem Markt zu verabschieden, haben die Anleger ihr Geld aus kriselnden Werten abgezogen und in andere Aktien gesteckt. Beim Kurssturz am vergangenen Donnerstag habe es eine regelrechte "Flucht in die Qualitätswerte" gegeben, sagt Klaus Friedrich, Chefvolkswirt der Dresdner Bank. "Einige Werte der Old Economy haben sogar Höchstkurse erreicht", so Commerzbanker Ramm. Auch Kleinanleger Trechnow wittert schon wieder Schnäppchen: "Ich bleibe dem Neuen Markt treu", sagt der 35-Jährige, "das Geld fließt zurück."
Wenn die Aktionäre umschichten, statt auszusteigen, können zwar einzelne Werte und Branchen abstürzen, nicht aber der gesamte Markt. Solange es ausreichend Käufer gibt, bleibt die Börse am Leben. Und in Zukunft dürften die Kurse noch Auftrieb erhalten. Allein durch die geplante Rentenreform und die damit verbundene Förderung der privaten Altersvorsorge würden dem Kapitalmarkt im kommenden Jahr rund acht Milliarden Mark zufließen, heißt es in einer Studie der HypoVereinsbank. Für das Jahr 2008 rechnen die Banker bereits mit zusätzlichen 52 Milliarden Mark, 40 Prozent davon in Aktien.
Die private Altersvorsorge schaufelt Geld an die Börse
Selbst wenn es wider Erwarten doch zu einer panikartigen Flucht aus allen Aktien kommen sollte - es bliebe zunächst ein Problem der Börse und der Börsianer. Die Wirtschaft könnte unbeschädigt blei