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Vollständige Version anzeigen : Kündigungen - Scheitern als Chance


Eliska
05.10.2001, 09:49
Eine Kündigung muss keine Katastrophe sein – im Gegenteil:
Sie wird immer öfter zum Karrieresprungbrett.

Von Chris Löwer

Ein „deutlicher Einstellungswandel“ habe sich in den vergangenen Jahren vollzogen, hat Michael Tippmann, Partner der Personalberatung Kienbaum, beobachtet.
„Früher war eine Kündigung ein echter Makel, galt als Hinweis auf schlechte Leistungen“, sagt er. „Heute hat sie das Negativimage verloren, weil sie inzwischen einfach zum Arbeitsleben gehört.“

Noch vor zehn Jahren stammten nur fünf Prozent der Bewerbungen, die ihm auf dem Tisch flatterten, aus gekündigten Arbeitsverhältnissen. Heute sind es rund 50 Prozent.

Ein Zeichen der Zeit:
Die eigene Gestaltung des Karrierewegs ist Führungskräften längst entglitten
und wird fremdbestimmt durch Fusionen, Strukturwandel, Globalisierung und Projektarbeit.

Fällt die Aufgabe im Unternehmen weg oder möchte der Mitarbeiter seiner Firma nicht ins Ausland folgen, hat er rasch die Entlassungspapiere auf dem Tisch –
womit sich ihm freilich auch neue Möglichkeiten eröffnen.

„Erfahrene Fach- und Führungskräfte sind nicht lange ohne Arbeit“, sagt Daniela Rheinholz, Marketingleiterin des Online-Arbeitsvermittlers Gulp.
Was allein zähle, sei Berufserfahrung: „Da spielt eine Kündigung keine Rolle.
Solche Kräfte werden vom Markt unverändert stark nachgefragt“, erklärt sie.

Das gilt laut Rheinholz besonders für die vielen Dotcom-Firmen, die mittlerweile pleite gegangen sind. Oft steige der Marktwert der Mitarbeiter mit dem Scheitern des Startups. Für Unternehmen der so genannten Old Economy sind die Erfahrungen im E-Business, beim Aufbau und Untergang einer Internet-Firma wertvoll.
Selten, dass den Kandidaten nach der Kündigung oder gar der Abwicklung der Internet-Firma Unfähigkeit attestiert wird.

Interessant würden die Kräfte nicht zuletzt dadurch, so Kienbaum-Berater Tippmann, dass sie betriebswirtschaftlich denken, aus Fehlern gelernt haben und hohen Arbeitseinsatz zeigen.


Gut oder schlecht

Natürlich gilt die Karriereformel „Aufsteigen durch Umsteigen“ nicht uneingeschränkt.
Es gibt aus der Sicht von Personalfachleuten „gute“ und „schlechte“ Gekündigte.

Den Unterschied erkennen sie daran, ob häufige Jobwechsel plausibel erklärt werden können. Niemand dreht einem Bewerber einen Strick daraus, wenn er einer Fusion zum Opfer gefallen ist, mit der neuen Führungsriege nicht mehr zurechtkommt oder sich schlicht die Anforderungen gewandelt haben, weshalb sein Profil nicht mehr zum neuen Aufgabengebiet passt.

Selbst der offen eingestandene Fehlgriff bei der Jobwahl wird respektiert.


Logik gibt den Ausschlag

„Entscheidend ist, ob der Lebenslauf einer Logik folgt“, erklärt Robert Rosenbach, Managing Consultant der Online-Personalberatung Futurestep.

Im Idealfall sieht für Rosenbach ein solcher „logisch“ aufgebauter Lebenslauf etwa so aus:
Der 30-jährige Jobsuchende hat eine internationale Ausbildung absolviert, zwei Jahre als Berater gearbeitet, ein Startup gegründet, es nach zwei Jahren wieder abgewickelt – und begibt sich nun wieder auf den „B2C“ oder B2B“-Pfad (was in diesem Fall bedeuten soll: „Back to Consulting“ oder „Back to Banking“).

„Entscheidend ist nicht die Zahl der Wechsel, sondern die Gründe dafür“, sagt Rosenbach.

Dabei solle man nicht versäumen, die berufliche Erfahrung für die Bewerbungsunterlagen sauber zu dokumentieren.

Eine reine Aufzählung genüge nicht, genaue Inhalte und Erfolge von Projekten müssten dargelegt werden: „Das wertet den Lebenslauf ungeheuer auf.“

Fatal sei es dagegen, wenn ein Bewerber als gekränkter Bittsteller zum Vorstellungsgespräch erscheine. Ein Rauswurf ändere schließlich nichts an der Qualifikation, weshalb sich der Bewerber als „gestandene Persönlichkeit“ präsentieren solle.

Rosenbach: „Wichtig ist, sich von dem Druck zu lösen, man müsse unbedingt rasch eine neue Stelle finden. Das macht nervös und unsicher. Außerdem besteht dann die Gefahr, unkritisch das nächstbeste Angebot anzunehmen.“


Kein Versteckspiel

Freilich: Auch wenn eine Kündigung keine Schande mehr ist, empfinden das viele Betroffene so und verstecken den vermeintlichen Makel, so gut es geht.

» Oft hat es seine Vorteile, bereits gekündigt zu sein, weil viele Unternehmihre Stellen recht kurzfristig besetzen. «

Berater Tippmann trifft immer noch auf viele Kandidaten, die vorgeben, noch in einem festen Arbeitsverhältnis zu stehen.

Ein kapitaler Fehler: „Wir haben ein Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmt, und rufen am genannten Arbeitsplatz an“, erklärt Tippmann, „wenn es dort heißt, Herr Schulze hat heute Urlaub, dann ist das o.k.. Heißt es aber, Herr Schulze ist seit drei Monaten nicht mehr bei uns – dann ist es das K.o.“

Oft hat es laut Tippmann sogar seine Vorteile, bereits gekündigt zu sein, weil viele Unternehmen ihre Stellen recht kurzfristig besetzen. Robert Rosenbach von Futurestep rät dazu, aus der Kündigung Lehren zu ziehen, also kritisch zu reflektieren, woran es gelegen hat, um sich beim nächsten Mal besser zu positionieren.

Wenn man, etwa als Dotcom-Gründer, dabei zu dem Ergebnis kommt: das Unternehmenskonzept ist gescheitert, nicht ich – dann umso besser.

Nichtsdestotrotz können es sich pleite gegangene Gründer auch wieder nicht leisten, allzu siegessicher und arrogant aufzutreten.


Bei Kienbaum landen fast täglich Initiativbewerbungen von Risikokapital-verwöhnten Endzwanzigern, die sich als „Vorstandsvorsitzende“ empfehlen und nun wieder als Berater arbeiten wollen – aber nicht für weniger als 350.000 Mark Jahresgehalt. Ihre Unterlagen landen umgehend in der „Erledigt“-Ablage.

Süddeutsche Zeitung