Eliska
09.10.2001, 00:03
Der Umriß dieses Krieges
In allen Medien stößt man zur Zeit auf Artikel, die uns erklären wollen, wie sich der Feldzug gegen den Terrorismus auf die globale Ökonomie auswirken wird. Viel zu kurz kommt jedoch die andere Frage, welche Auswirkungen diese Ökonomie auf den Krieg der Zukunft haben wird. So brachte die Agrarrevolution, die vor zehntausend Jahren die erste Welle wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen in der Menschheitsgeschichte auslöste, auch eine spezifische Form von Krieg hervor.
Charakteristisch für diesen "Krieg der ersten Welle" sind Angriffe nach dem Muster "Zuschlagen und Rückzug" - mit kleinen Einheiten, die Mann gegen Mann kämpfen. Bauern kämpfen in der Regel nicht für eine Nation, sondern für einen lokalen Kriegsherrn, der ihnen Sold zahlt - oft nur in Form von Lebensmitteln. Die Kampftätigkeit wird überwiegend in den Winter verlegt, wenn die Soldaten in der Landwirtschaft nicht gebraucht werden. Die Feldzüge sind kurz, die Organisation ist locker, ohne ausgeprägte Hierarchie, netzwerkartig. In den Einheiten ist der Zusammenhalt stark. Oft kämpfen Angehörige einer Familie Seite an Seite. Die Kommunikation erfolgt weitgehend direkt. Die Männer kämpfen für ihre "Ehre", um ihren Mut unter Beweis zu stellen. Der Krieg ist für sie eine persönliche Angelegenheit. Aber selbst wenn die Kampfeinheiten aus fanatischen Anhängern einer Religion oder einer Ideologie bestehen, sind sie oft bestechlich und lassen sich leicht dazu bewegen, die Seiten zu wechseln. Die Geschichte bietet viele Ausnahmen von diesem Muster, aber über einige Jahrtausende war dies in der ganzen Welt die vorherrschende Form des Krieges.
Auf diesen "Krieg der ersten Welle" verstehen sich die Afghanen am besten. Die industrielle Revolution - die zweite große Welle des ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels in der Geschichte - brachte eine völlig neue Form von Krieg mit sich: den "Krieg der zweiten Welle". Mit dem Maschinenzeitalter kam das Maschinengewehr, und die Massenproduktion ermöglichte die Massenvernichtung. Die Wehrpflicht schuf Massenheere. Die Technik standardisierte die Bewaffnung. Mannschaften und Offiziere bekamen eine Ausbildung. Hinzu kamen bürokratische Organisation, Kontrolle von oben nach unten durch alle Offiziers- und Mannschaftsränge, immer größere Waffensysteme mit zunehmender Zerstörungskraft - Flugzeugträger, Panzergeschwader, Bomberflotten, Atomraketen, dazu eine weitverzweigte Rüstungsindustrie.
Auf diesen "Krieg der zweiten Welle" versteht sich der Militärapparat der Vereinigten Staaten hervorragend. Aber er ist nicht darauf eingestellt, in Afghanistan Terroristen zu jagen. Nach der Niederlage in Vietnam hat das amerikanische Militär allerdings begonnen, ein neues Modell von Krieg zu entwickeln, den "Krieg der dritten Welle", der sich von den industriell geprägten Grundannahmen in bezug auf einen Krieg zwischen Massenarmeen gelöst hat, so, wie sich die Wirtschaft von der Massenfabrikation abgewendet hat. Wirtschaft und Militär stützten sich fortan vor allem auf eine breite elektronische Infrastruktur. Der "Krieg der dritten Welle" zielt weniger auf eine Besetzung von Territorien als vielmehr auf informationelle Vorherrschaft. Dazu gehört die Zerstörung der Befehls- und Kontrollsysteme, der Radar- und Überwachungseinrichtungen des Feindes. Dazu gehört auch das Erringen eines Informationsvorsprungs dergestalt, daß wir über unseren Gegner mehr wissen als dieser über uns.
Informationelle Vorherrschaft bedeutet außerdem, daß man dem Gegner - menschlich oder technisch - Augen und Ohren raubt und ihn desinformiert.
Im "Krieg der dritten Welle" werden neue Schwerpunkte gesetzt: "Nischen-Kriege", Sondereinsätze, automatisch gesteuerte Flugzeuge, zielgenaue Waffen, schnelle Eingreiftruppen und "tiefgestaffelte Koalitionen", die nicht nur Länder und deren Regierungen umfassen, sondern auch Unternehmen, religiöse Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und andere offene oder verdeckte Partner. Vor allem erfordert der "Krieg der dritten Welle" eine gründliche Umstrukturierung der Geheimdienstarbeit - Verlagerung des Schwerpunkts von der massenhaften, technisch unterstützten Datensammlung hin zu einem stärkeren Einsatz von Spionen, außerdem gezielteres Sammeln von Informationen, erheblich verbesserte Auswertung dieser Informationen, bessere Kontakte zu den "Abnehmern" der geheimdienstlichen Erkenntnisse, bessere und schnellere Weitergabe an die Einsatzkräfte und eine erheblich verfeinerte Auswertung frei zugänglicher Informationen aus Internet, Presse, Fernsehen und anderen Medien.
Die Geheimdienste müssen verstärkt Software-Systeme einsetzen, mit denen sich Terroristengruppen ins Visier nehmen lassen, indem man Datenbestände nach verborgenen Beziehungen durchforstet. Indem diese Software solche Daten mit Informationen über Bankkonten, Kreditkarten, Abonnenten- und Mitgliederlisten und anderen Quellen kombiniert und abgleicht, kann sie dazu beitragen, Gruppen oder Individuen ausfindig zu machen, die einem bestimmten terroristischen Profil entsprechen.
Die Form des "Kriegs der dritten Welle" leistet angesichts der Herausforderungen, die von Afghanistan ausgehen, offensichtlich bessere Dienste als das Modell des "Kriegs der zweiten Welle", das den Vereinigten Staaten geholfen hat, den Kalten Krieg für sich zu entscheiden. Die Taliban kontrollieren ein Land, das noch nicht einmal die erste Welle, den Übergang vom Nomadenleben zur Landwirtschaft, ganz hinter sich hat. Die Terroristen jedoch, die von den Taliban unterstützt werden, greifen nach allem, was die übrige Welt zu bieten hat. Sie machen sich die Technologien der dritten Welle zunutze: Kreditkarten, Internet, integrierte Verkehrssysteme, Flugsimulatoren und anderes - dies alles in der Hoffnung, letztlich die islamische Welt des siebten Jahrhunderts wiederherzustellen.
Zu der von den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen organisierten weltweiten Anti-Terror-Koalition gehören Länder mit Wirtschaftssystemen auf ganz unterschiedlichem Entwicklungsniveau - erste, zweite und dritte Welle. Bei der dramatischen Konfrontation zwischen Afghanistan und Amerika haben wir es jedoch nicht mit einem Zusammenstoß der Religionen zu tun, wie ihn Samuel Huntington und auch die Mullahs von Kandahar prognostiziert haben. Es handelt sich vielmehr um den Zusammenstoß der unterschiedlichen Formen von Arbeitsorganisation und Kriegsführung, die mit der ersten und dritten Welle einhergehen. Wir erwarten heute einen "Wellenkonflikt" - den ersten klar umrissenen Krieg zwischen erster und dritter Welle in der Geschichte.
Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser.
In ihrem Buch "War and Anti-War" von 1993 (deutsch "Überleben im 21. Jahrhundert") haben die Autoren dargestellt, wie sich beim Auftreten eines neuen Typs von Ökonomie mit deren gesellschaftlichen und kulturellen Begleiterscheinungen auch das Wesen des Krieges verändert.
Von Alvin und Heidi Toffler
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001, Nr. 234 / Seite 49
In allen Medien stößt man zur Zeit auf Artikel, die uns erklären wollen, wie sich der Feldzug gegen den Terrorismus auf die globale Ökonomie auswirken wird. Viel zu kurz kommt jedoch die andere Frage, welche Auswirkungen diese Ökonomie auf den Krieg der Zukunft haben wird. So brachte die Agrarrevolution, die vor zehntausend Jahren die erste Welle wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen in der Menschheitsgeschichte auslöste, auch eine spezifische Form von Krieg hervor.
Charakteristisch für diesen "Krieg der ersten Welle" sind Angriffe nach dem Muster "Zuschlagen und Rückzug" - mit kleinen Einheiten, die Mann gegen Mann kämpfen. Bauern kämpfen in der Regel nicht für eine Nation, sondern für einen lokalen Kriegsherrn, der ihnen Sold zahlt - oft nur in Form von Lebensmitteln. Die Kampftätigkeit wird überwiegend in den Winter verlegt, wenn die Soldaten in der Landwirtschaft nicht gebraucht werden. Die Feldzüge sind kurz, die Organisation ist locker, ohne ausgeprägte Hierarchie, netzwerkartig. In den Einheiten ist der Zusammenhalt stark. Oft kämpfen Angehörige einer Familie Seite an Seite. Die Kommunikation erfolgt weitgehend direkt. Die Männer kämpfen für ihre "Ehre", um ihren Mut unter Beweis zu stellen. Der Krieg ist für sie eine persönliche Angelegenheit. Aber selbst wenn die Kampfeinheiten aus fanatischen Anhängern einer Religion oder einer Ideologie bestehen, sind sie oft bestechlich und lassen sich leicht dazu bewegen, die Seiten zu wechseln. Die Geschichte bietet viele Ausnahmen von diesem Muster, aber über einige Jahrtausende war dies in der ganzen Welt die vorherrschende Form des Krieges.
Auf diesen "Krieg der ersten Welle" verstehen sich die Afghanen am besten. Die industrielle Revolution - die zweite große Welle des ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels in der Geschichte - brachte eine völlig neue Form von Krieg mit sich: den "Krieg der zweiten Welle". Mit dem Maschinenzeitalter kam das Maschinengewehr, und die Massenproduktion ermöglichte die Massenvernichtung. Die Wehrpflicht schuf Massenheere. Die Technik standardisierte die Bewaffnung. Mannschaften und Offiziere bekamen eine Ausbildung. Hinzu kamen bürokratische Organisation, Kontrolle von oben nach unten durch alle Offiziers- und Mannschaftsränge, immer größere Waffensysteme mit zunehmender Zerstörungskraft - Flugzeugträger, Panzergeschwader, Bomberflotten, Atomraketen, dazu eine weitverzweigte Rüstungsindustrie.
Auf diesen "Krieg der zweiten Welle" versteht sich der Militärapparat der Vereinigten Staaten hervorragend. Aber er ist nicht darauf eingestellt, in Afghanistan Terroristen zu jagen. Nach der Niederlage in Vietnam hat das amerikanische Militär allerdings begonnen, ein neues Modell von Krieg zu entwickeln, den "Krieg der dritten Welle", der sich von den industriell geprägten Grundannahmen in bezug auf einen Krieg zwischen Massenarmeen gelöst hat, so, wie sich die Wirtschaft von der Massenfabrikation abgewendet hat. Wirtschaft und Militär stützten sich fortan vor allem auf eine breite elektronische Infrastruktur. Der "Krieg der dritten Welle" zielt weniger auf eine Besetzung von Territorien als vielmehr auf informationelle Vorherrschaft. Dazu gehört die Zerstörung der Befehls- und Kontrollsysteme, der Radar- und Überwachungseinrichtungen des Feindes. Dazu gehört auch das Erringen eines Informationsvorsprungs dergestalt, daß wir über unseren Gegner mehr wissen als dieser über uns.
Informationelle Vorherrschaft bedeutet außerdem, daß man dem Gegner - menschlich oder technisch - Augen und Ohren raubt und ihn desinformiert.
Im "Krieg der dritten Welle" werden neue Schwerpunkte gesetzt: "Nischen-Kriege", Sondereinsätze, automatisch gesteuerte Flugzeuge, zielgenaue Waffen, schnelle Eingreiftruppen und "tiefgestaffelte Koalitionen", die nicht nur Länder und deren Regierungen umfassen, sondern auch Unternehmen, religiöse Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und andere offene oder verdeckte Partner. Vor allem erfordert der "Krieg der dritten Welle" eine gründliche Umstrukturierung der Geheimdienstarbeit - Verlagerung des Schwerpunkts von der massenhaften, technisch unterstützten Datensammlung hin zu einem stärkeren Einsatz von Spionen, außerdem gezielteres Sammeln von Informationen, erheblich verbesserte Auswertung dieser Informationen, bessere Kontakte zu den "Abnehmern" der geheimdienstlichen Erkenntnisse, bessere und schnellere Weitergabe an die Einsatzkräfte und eine erheblich verfeinerte Auswertung frei zugänglicher Informationen aus Internet, Presse, Fernsehen und anderen Medien.
Die Geheimdienste müssen verstärkt Software-Systeme einsetzen, mit denen sich Terroristengruppen ins Visier nehmen lassen, indem man Datenbestände nach verborgenen Beziehungen durchforstet. Indem diese Software solche Daten mit Informationen über Bankkonten, Kreditkarten, Abonnenten- und Mitgliederlisten und anderen Quellen kombiniert und abgleicht, kann sie dazu beitragen, Gruppen oder Individuen ausfindig zu machen, die einem bestimmten terroristischen Profil entsprechen.
Die Form des "Kriegs der dritten Welle" leistet angesichts der Herausforderungen, die von Afghanistan ausgehen, offensichtlich bessere Dienste als das Modell des "Kriegs der zweiten Welle", das den Vereinigten Staaten geholfen hat, den Kalten Krieg für sich zu entscheiden. Die Taliban kontrollieren ein Land, das noch nicht einmal die erste Welle, den Übergang vom Nomadenleben zur Landwirtschaft, ganz hinter sich hat. Die Terroristen jedoch, die von den Taliban unterstützt werden, greifen nach allem, was die übrige Welt zu bieten hat. Sie machen sich die Technologien der dritten Welle zunutze: Kreditkarten, Internet, integrierte Verkehrssysteme, Flugsimulatoren und anderes - dies alles in der Hoffnung, letztlich die islamische Welt des siebten Jahrhunderts wiederherzustellen.
Zu der von den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen organisierten weltweiten Anti-Terror-Koalition gehören Länder mit Wirtschaftssystemen auf ganz unterschiedlichem Entwicklungsniveau - erste, zweite und dritte Welle. Bei der dramatischen Konfrontation zwischen Afghanistan und Amerika haben wir es jedoch nicht mit einem Zusammenstoß der Religionen zu tun, wie ihn Samuel Huntington und auch die Mullahs von Kandahar prognostiziert haben. Es handelt sich vielmehr um den Zusammenstoß der unterschiedlichen Formen von Arbeitsorganisation und Kriegsführung, die mit der ersten und dritten Welle einhergehen. Wir erwarten heute einen "Wellenkonflikt" - den ersten klar umrissenen Krieg zwischen erster und dritter Welle in der Geschichte.
Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser.
In ihrem Buch "War and Anti-War" von 1993 (deutsch "Überleben im 21. Jahrhundert") haben die Autoren dargestellt, wie sich beim Auftreten eines neuen Typs von Ökonomie mit deren gesellschaftlichen und kulturellen Begleiterscheinungen auch das Wesen des Krieges verändert.
Von Alvin und Heidi Toffler
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001, Nr. 234 / Seite 49