Eliska
09.10.2001, 17:24
Die neue Phase der Globalisierung
Globalisierung im Zeitraffer, das sind drei Phasen:
Die erste hatte ihre Grundlage in der Gründung des GATT, der heutigen WTO, und bestand aus der Liberalisierung und Deregulierung von Märkten.
Besondere Dynamik bekam sie in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren durch die Entwicklung an den Finanzmärkten mit der mobilsten aller Ressourcen, dem Kapital.
Weit reichend waren aber auch die Veränderungen in Infrastrukturmärkten wie Luftfahrt, Energie, Verkehr und Telekommunikation. Wegfall nationaler Monopole, beinharter Wettbewerb, Preisverfall in wichtigen Sparten und Internationalisierung des Geschäfts waren die Effekte für die Unternehmen und für die Verbraucher.
In der zweiten Phase seit Mitte der neunziger Jahre kamen allgemein politische, gesellschafts- und sozialpolitische Themen hinzu, angeregt vor allem von Nichtregierungsorganisationen, den so genannten NGOs also.
Diskutiert wurde über das vermeintliche Diktat der Kapitalmärkte, insbesondere über "Shareholder Value" und das Denken in Quartalsberichten sowie über Gewinner und Verlierer der Globalisierung, über Umweltschutz, Nachhaltigkeit und, seit dem Vordringen des Internets, über Digital Divide - also die Gefahr des Aufreißens einer digitalen Kluft zwischen Arm und Reich.
Irgendwie schien es so, dass an die Stelle überwundener politischer Frontstellungen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nun mehr und mehr solche Fragen rücken und neuen Zündstoff für gesellschaftliche Auseinandersetzungen bieten würden. Die militanten Proteste von Globalisierungsgegnern - zuletzt in Genua - waren ein trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung.
Mit dem 11. September, den Terroranschlägen von New York und Washington, hat sich das alles relativiert. Plötzlich sehen sich alle vorherigen Konfliktparteien gemeinsam einer ganz neuen Dimension der Bedrohung gegenüber:
Die dritte Phase der Globalisierung - der gemeinsame Kampf gegen den Terror - hat begonnen.
Niemand wird so naiv sein, zu meinen, dass damit über Nacht alle bisherigen Konfliktfelder beiseite geschoben wären. Aber es besteht die Chance, im Angesicht einer Herausforderung, die sich der zivilisierten Welt insgesamt entgegenstellt, zu größerer Offenheit im Umgang miteinander und zu zielgerichteter Zusammenarbeit zu kommen.
Natürlich gibt es auch andere - skeptischere - Szenarien:
Die Welt stehe vor einer Phase des Niedergangs, vor einer Abwärtsspirale aus Unternehmenszusammenbrüchen und einer Militarisierung des öffentlichen Lebens. Oder die Globalisierung werde durch eine neue Phase der Separierung der Regionen und Kulturen abgelöst, die Welt spalte sich erneut in Blöcke.
Als Unternehmer stelle ich mir die Frage:
Welche Beiträge kann die Wirtschaft in dieser komplizierten und neuen Lage leisten, was kann und darf man von ihr erwarten? Zunächst zeigen global tätige Unternehmen tagtäglich, dass es durchaus gelingen kann, Menschen aus allen Kulturkreisen zu einer Gemeinschaft zu vereinen.
Bei Siemens sind es mehr als 460.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 190 Ländern, die eine gut funktionierende multikulturelle Gesellschaft bilden. Alle Mitarbeiter sind unserer Unternehmenskultur verpflichtet. Sie arbeiten konstruktiv zusammen und gehen vielfach auch in ihrer Freizeit gemeinsam privaten Interessen nach.
Dann geht es um Ausbildung.
Auch hier haben globale Unternehmen eine hohe Verantwortung - und gerade wir bei Siemens besitzen auf diesem Feld eine lange Tradition. Wenn die Aufspaltung der Menschen in zwei Klassen - die Globalisierungsgewinner und die Globalisierungsverlierer - vermieden werden soll, dann spielt die Aus- und Weiterbildung eine wichtige Rolle.
Das deutsche duale System der beruflichen Ausbildung bietet dafür hervorragende Ansatzpunkte. Es könnte im Zusammenspiel von Entwicklungspolitik und Unternehmen viel intensiver als heute genutzt werden, um zurückgebliebenen Ländern im Aufholprozess zu helfen.
Der Wissenstransfer in solche Länder geschieht aber auch noch auf anderen Wegen:
Wenn globale Unternehmen bei Projekten in aller Welt lokale Partner einbeziehen, dann übertragen sie ihr Wissen und ihre Erfahrung sozusagen im Schneeballsystem auf diejenigen, die es dann wieder weitergeben können zur "Vermarktung" in eigener Regie.
Die positiven Auswirkungen dieser Kette sind immens.
Und einen ähnlichen Beitrag können globale Unternehmen auch zur Verbreitung und Achtung der Menschenrechte leisten und sie tun dies.
"Wandel durch Kennenlernen", wie es Altbundespräsident Roman Herzog einmal mit Blick auf China sagte; Veränderung durch Begegnung und Integration schafft zwar nicht im Hauruckverfahren von jetzt auf gleich eine ganz neue Welt. Aber es ist der realistische und in der Praxis bewährte Weg, Gesellschaften zu öffnen und Veränderungen dauerhaft wirksam anzustoßen.
"Have" und "Have not" - dieses Gegensatzpaar wurde in den letzten Jahren auch im Zusammenhang mit der Nutzung des Internets verwendet. Hier gilt: Die Chancen sind groß, wenn man etwas tut, um sie auch wirklich zu nutzen. "Schulen ans Netz", das ist eine Aktion in Deutschland. Sie sollte weltweit gelten. Der freie Zugang zum Internet kann sich zu einer der wichtigsten Quellen für Chancengleichheit entwickeln.
Das Internet verschafft gerade zurückgebliebenen Ländern in der Dritten Welt, ländlichen Regionen überall auf der Welt und benachteiligten Bevölkerungsgruppen in jeder Gesellschaft zuvor nie da gewesene Chancen, aufzuholen und Anschluss zu finden. Das Internet kann eine umfassende integrative Wirkung entfalten.
Aber auch das geschieht nicht automatisch.
Digital Divide ist das Stichwort zur Beschreibung der Gefahr einer asymmetrischen Verbreitung des Internets. Und natürlich kann man solche Szenarien nicht einfach in den Wind schlagen.
Es muss gelingen, die Chancen der Technik in konkrete, praktische Schritte zu Gunsten der Menschen umzusetzen, und auch hier sind Politik und Wirtschaft vereint gefordert.
Und schließlich Nachhaltigkeit:
Es ist einfach ein Irrtum zu glauben, dass kurzfristiger Erfolg und langfristige Existenzsicherung im Widerspruch stehen müssen.
Beides ist vereinbar, und zu Recht schauen Bürger und auch Investoren ihren Politikern, ihren Unternehmen und Institutionen zunehmend genauer auf die Finger, ob sie in ernsthafter Weise Nachhaltigkeit zur Maxime ihres Handelns erheben.
Ich bin überzeugt davon, dass wir mit einem stetigen Fluss an Innovationen und Lösungen Antworten auf große Herausforderungen der Menschheit geben können, also Beiträge zu einem besseren Leben und Zusammenleben der Menschen leisten.
Die Welt wurde von den furchtbaren Terroranschlägen getroffen und hält inne.
Die Nachdenklichkeit der vergangenen Wochen und die Besonnenheit im Umgang mit der neuen Situation wecken Hoffnung. Und sie erlauben die Zuversicht, dass wir mehr Kraft auf die Intensivierung der weltweiten Zusammenarbeit zur Lösung der fundamentalen Herausforderungen der Menschheit aufwenden können und weniger Ressourcen in Scheingefechten binden. Das wäre eine gute Voraussetzung, um zu neuer Stabilität und in eine vierte Phase der Globalisierung zu kommen.
Von Heinrich von Pierer; Siemens-Chef
DIE WELT
Globalisierung im Zeitraffer, das sind drei Phasen:
Die erste hatte ihre Grundlage in der Gründung des GATT, der heutigen WTO, und bestand aus der Liberalisierung und Deregulierung von Märkten.
Besondere Dynamik bekam sie in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren durch die Entwicklung an den Finanzmärkten mit der mobilsten aller Ressourcen, dem Kapital.
Weit reichend waren aber auch die Veränderungen in Infrastrukturmärkten wie Luftfahrt, Energie, Verkehr und Telekommunikation. Wegfall nationaler Monopole, beinharter Wettbewerb, Preisverfall in wichtigen Sparten und Internationalisierung des Geschäfts waren die Effekte für die Unternehmen und für die Verbraucher.
In der zweiten Phase seit Mitte der neunziger Jahre kamen allgemein politische, gesellschafts- und sozialpolitische Themen hinzu, angeregt vor allem von Nichtregierungsorganisationen, den so genannten NGOs also.
Diskutiert wurde über das vermeintliche Diktat der Kapitalmärkte, insbesondere über "Shareholder Value" und das Denken in Quartalsberichten sowie über Gewinner und Verlierer der Globalisierung, über Umweltschutz, Nachhaltigkeit und, seit dem Vordringen des Internets, über Digital Divide - also die Gefahr des Aufreißens einer digitalen Kluft zwischen Arm und Reich.
Irgendwie schien es so, dass an die Stelle überwundener politischer Frontstellungen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nun mehr und mehr solche Fragen rücken und neuen Zündstoff für gesellschaftliche Auseinandersetzungen bieten würden. Die militanten Proteste von Globalisierungsgegnern - zuletzt in Genua - waren ein trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung.
Mit dem 11. September, den Terroranschlägen von New York und Washington, hat sich das alles relativiert. Plötzlich sehen sich alle vorherigen Konfliktparteien gemeinsam einer ganz neuen Dimension der Bedrohung gegenüber:
Die dritte Phase der Globalisierung - der gemeinsame Kampf gegen den Terror - hat begonnen.
Niemand wird so naiv sein, zu meinen, dass damit über Nacht alle bisherigen Konfliktfelder beiseite geschoben wären. Aber es besteht die Chance, im Angesicht einer Herausforderung, die sich der zivilisierten Welt insgesamt entgegenstellt, zu größerer Offenheit im Umgang miteinander und zu zielgerichteter Zusammenarbeit zu kommen.
Natürlich gibt es auch andere - skeptischere - Szenarien:
Die Welt stehe vor einer Phase des Niedergangs, vor einer Abwärtsspirale aus Unternehmenszusammenbrüchen und einer Militarisierung des öffentlichen Lebens. Oder die Globalisierung werde durch eine neue Phase der Separierung der Regionen und Kulturen abgelöst, die Welt spalte sich erneut in Blöcke.
Als Unternehmer stelle ich mir die Frage:
Welche Beiträge kann die Wirtschaft in dieser komplizierten und neuen Lage leisten, was kann und darf man von ihr erwarten? Zunächst zeigen global tätige Unternehmen tagtäglich, dass es durchaus gelingen kann, Menschen aus allen Kulturkreisen zu einer Gemeinschaft zu vereinen.
Bei Siemens sind es mehr als 460.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 190 Ländern, die eine gut funktionierende multikulturelle Gesellschaft bilden. Alle Mitarbeiter sind unserer Unternehmenskultur verpflichtet. Sie arbeiten konstruktiv zusammen und gehen vielfach auch in ihrer Freizeit gemeinsam privaten Interessen nach.
Dann geht es um Ausbildung.
Auch hier haben globale Unternehmen eine hohe Verantwortung - und gerade wir bei Siemens besitzen auf diesem Feld eine lange Tradition. Wenn die Aufspaltung der Menschen in zwei Klassen - die Globalisierungsgewinner und die Globalisierungsverlierer - vermieden werden soll, dann spielt die Aus- und Weiterbildung eine wichtige Rolle.
Das deutsche duale System der beruflichen Ausbildung bietet dafür hervorragende Ansatzpunkte. Es könnte im Zusammenspiel von Entwicklungspolitik und Unternehmen viel intensiver als heute genutzt werden, um zurückgebliebenen Ländern im Aufholprozess zu helfen.
Der Wissenstransfer in solche Länder geschieht aber auch noch auf anderen Wegen:
Wenn globale Unternehmen bei Projekten in aller Welt lokale Partner einbeziehen, dann übertragen sie ihr Wissen und ihre Erfahrung sozusagen im Schneeballsystem auf diejenigen, die es dann wieder weitergeben können zur "Vermarktung" in eigener Regie.
Die positiven Auswirkungen dieser Kette sind immens.
Und einen ähnlichen Beitrag können globale Unternehmen auch zur Verbreitung und Achtung der Menschenrechte leisten und sie tun dies.
"Wandel durch Kennenlernen", wie es Altbundespräsident Roman Herzog einmal mit Blick auf China sagte; Veränderung durch Begegnung und Integration schafft zwar nicht im Hauruckverfahren von jetzt auf gleich eine ganz neue Welt. Aber es ist der realistische und in der Praxis bewährte Weg, Gesellschaften zu öffnen und Veränderungen dauerhaft wirksam anzustoßen.
"Have" und "Have not" - dieses Gegensatzpaar wurde in den letzten Jahren auch im Zusammenhang mit der Nutzung des Internets verwendet. Hier gilt: Die Chancen sind groß, wenn man etwas tut, um sie auch wirklich zu nutzen. "Schulen ans Netz", das ist eine Aktion in Deutschland. Sie sollte weltweit gelten. Der freie Zugang zum Internet kann sich zu einer der wichtigsten Quellen für Chancengleichheit entwickeln.
Das Internet verschafft gerade zurückgebliebenen Ländern in der Dritten Welt, ländlichen Regionen überall auf der Welt und benachteiligten Bevölkerungsgruppen in jeder Gesellschaft zuvor nie da gewesene Chancen, aufzuholen und Anschluss zu finden. Das Internet kann eine umfassende integrative Wirkung entfalten.
Aber auch das geschieht nicht automatisch.
Digital Divide ist das Stichwort zur Beschreibung der Gefahr einer asymmetrischen Verbreitung des Internets. Und natürlich kann man solche Szenarien nicht einfach in den Wind schlagen.
Es muss gelingen, die Chancen der Technik in konkrete, praktische Schritte zu Gunsten der Menschen umzusetzen, und auch hier sind Politik und Wirtschaft vereint gefordert.
Und schließlich Nachhaltigkeit:
Es ist einfach ein Irrtum zu glauben, dass kurzfristiger Erfolg und langfristige Existenzsicherung im Widerspruch stehen müssen.
Beides ist vereinbar, und zu Recht schauen Bürger und auch Investoren ihren Politikern, ihren Unternehmen und Institutionen zunehmend genauer auf die Finger, ob sie in ernsthafter Weise Nachhaltigkeit zur Maxime ihres Handelns erheben.
Ich bin überzeugt davon, dass wir mit einem stetigen Fluss an Innovationen und Lösungen Antworten auf große Herausforderungen der Menschheit geben können, also Beiträge zu einem besseren Leben und Zusammenleben der Menschen leisten.
Die Welt wurde von den furchtbaren Terroranschlägen getroffen und hält inne.
Die Nachdenklichkeit der vergangenen Wochen und die Besonnenheit im Umgang mit der neuen Situation wecken Hoffnung. Und sie erlauben die Zuversicht, dass wir mehr Kraft auf die Intensivierung der weltweiten Zusammenarbeit zur Lösung der fundamentalen Herausforderungen der Menschheit aufwenden können und weniger Ressourcen in Scheingefechten binden. Das wäre eine gute Voraussetzung, um zu neuer Stabilität und in eine vierte Phase der Globalisierung zu kommen.
Von Heinrich von Pierer; Siemens-Chef
DIE WELT