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Vollständige Version anzeigen : Islamabad gegen eine Regierung der Nordallianz in Kabul


Eliska
10.10.2001, 19:24
Pakistan warnt vor dem Rezept für ein Desaster

Am Dienstag sind in der pakistanischen Grenzstadt Kuchlak drei gegen die amerikanischen Angriffe protestierende Demonstranten erschossen worden. Die Regierung in Islamabad hat den inzwischen dritten fundamentalistischen, für die Taliban demonstrierenden Politiker unter Hausarrest gestellt. Und vor allem in der Hauptstadt hat sie Sicherheitsmaßnahmen eingeführt, die als beispiellos gelten. Dazu gehören der Bau von Bunkern und der Schutz von staatlichen Einrichtungen und diplomatischen Vertretungen durch schwer bewaffnete Angehörige der Streitkräfte.

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf hofft, daß die amerikanisch-britische Operation "Dauerhafte Freiheit" in Afghanistan "kurz und scharf" sein wird. Je länger sie dauere, desto größer sei die Gefahr von Gerüchten über Massaker an Paschtunen, die in Pakistan "die Menschen protestierend auf die Straßen treiben" könnten, sagte ein enger Mitarbeiter des Generals gegenüber dieser Zeitung.

In Afghanistan liegt der Anteil der Paschtunen an der Bevölkerung bei 50 bis 60 Prozent, in Pakistan beträgt er etwa zehn Prozent.
Die Klammer zwischen den beiden Ethnien ist eng, die Taliban sind ausschließlich Paschtunen.

Daß sich Pakistan nach dem 11. September von ihnen abgewandt und auf die Seite Amerikas geschlagen hat, wird von einem großen Teil der Bevölkerung akzeptiert. Eine populäre Entscheidung Musharrafs ist dies aber nicht.

Nach Ansicht eines pakistanischen Diplomaten bezweifeln viele, daß Amerika wirklich überwältigende Beweise für die Schuld Usama Bin Ladins habe. Sowohl der meistgesuchte Extremist als auch der Taliban-Führer Mullah Omar hätten für einfache Menschen ein gewisses Charisma, weil sie dem mächtigen Westen die Stirn gezeigt hätten. Hinzu komme bei radikalen Sekten und Parteien die Furcht, daß eine Niederlage der Taliban auch eine Niederlage des fundamentalistischen Islam und einen entsprechenden Machtverlust bedeute.

Wie groß die Gefahr für die innenpolitische Stabilität Pakistans ist, konnte am Montag in Quetta beobachtet werden.
Dort gingen Einrichtungen von UN-Organisationen, Banken, Kinos und Geschäfte in Flammen auf, die Polizei war zeitweilig nicht mehr Herr der Lage.

Hier wie in der Grenzstadt Peshawar spüren westliche Mitarbeiter ausländischer Hilfsorganisationen die wachsende Aggressivität der Einheimischen und der Insassen afghanischer Flüchtlingslager.

Mitarbeiter der Vereinten Nationen haben die Anweisung, in den nächsten Tagen zu Hause zu bleiben.

Präsident Musharraf spricht von etwa 15 Prozent der Bevölkerung, die dem extremen Islam zuneigten. Aber das sind mehr als zwanzig Millionen Menschen - zu denen noch einmal so viele gerechnet werden können, die nicht auf der Straße protestieren, aber mit diesen Demonstranten sympathisieren.

Erheblich verschärft würde die Situation, wenn nach weiteren Bombenangriffen auf Afghanistan die Nordallianz in die Lage käme, in Kabul einzumarschieren und dort eine vorwiegend mit Tadschiken und Usbeken besetzte Regierung zu installieren.


Der vor allem Rußland zugeschriebene Plan, Kabul möglichst bald von der Nordallianz besetzen zu lassen und dann über die künftige politische Struktur Afghanistans nachzudenken, sei "das Rezept für ein Desaster", so der Diplomat weiter.
Der paschtunische Bevölkerungsteil müsse angemessen berücksichtigt werden. Andernfalls würde Amerika einen Bürgerkrieg hinterlassen, ein "Afghanistan in Flammen" - und ein riesiges Flüchtlingsproblem für Pakistan.

Man kenne die konstituierenden Teile der Nordallianz, die nach dem Abzug der Sowjets in Kabul schon einmal regiert hätten und ständig zerstritten gewesen seien. Deren Grausamkeiten, Vergewaltigungen und Massaker hätten den Taliban später einen relativ leichten Sieg ermöglicht, sagte Musharraf bei seiner Pressekonferenz am Montag.


Er hat zweifellos auch die außenpolitischen Interessen Islamabads im Sinn, wenn er in Kabul eine auf "breiten Grundlagen ruhende" Regierung fordert.
Musharraf hat mit dem Ende der Unterstützung des Taliban-Regimes eine wesentliche Komponente pakistanischer Außen- und Verteidigungspolitik aufgegeben, und er möchte jetzt nicht, daß in Kabul eine bisher neben Rußland und Iran auch von Indien unterstützte Gruppierung die Macht übernimmt.

Während über die Haltung des Offizierskorps wenig bekannt ist, hat die politische Klasse Musharrafs außenpolitische Richtungsänderung begrüßt.
Ihr erschien die Unterstützung der Taliban schon lange als ein Klotz ein Bein, der dem Ruf Pakistans und seiner Wirtschaft schadet und die Fundamentalisierung im eigenen Land fördert.

Ihr gilt Musharraf als ein bemerkenswert liberaler, moderner und gemäßigter General, der andere Meinungen gelten läßt und der damit begonnen hat, die Islamisierungspolitik eines seiner Vorgänger, des in den achtziger Jahren mehr als ein Jahrzehnt lang regierenden Zia-ul-Haq, zurückzudrängen. Er fordere die "Maulvis und Mullahs" heraus, heißt es in einer Zeitung.


Musharraf hat drei einflußreiche Generäle, denen fundamentalistische Neigungen nachgesagt werden, "zur Seite" befördert, unter ihnen ein Korpskommandeur und der Chef des Militärgeheimdienstes ISI. Er hat wahrscheinlich als erster pakistanischer Staatschef einen Terroranschlag im indischen Kaschmir verurteilt und am Montag den indischen Premierminister Vajpayee angerufen.

Wie viele Pakistaner sieht möglicherweise auch er die Gefahr eines indischen Vergeltungsschlages, wenn es zu weiteren, vom pakistanischen Territorium ausgehenden Attentaten in Kaschmir kommt. Nicht zuletzt diesem Thema gilt der für das Wochenende angekündigte Besuch des amerikanischen Außenministers Colin Powell in den beiden südasiatischen Ländern.


Das Taliban-Regime spricht nach den Angriffen auf Afghanistan inzwischen von "mehreren Dutzend" toten Zivilisten. Neben Kabul wurden Kandahar sowie Mazar-i-Sharif im Norden, Konduz, Jalalabad und Herat angegriffen.

Der Botschafter der Taliban in Pakistan, Abdul Salam Saif, gab zu, daß ein früher von Mullah Omar bewohntes Haus in Kandahar teilweise zerstört wurde. Der Führer der Fundamentalisten habe sich aber an einem anderen Ort aufgehalten. Er und der Extremist Usama Bin Ladin seien wohlauf und hielten sich weiterhin in Afghanistan auf.

In der Grenzstadt Peshawar wird berichtet, daß Mullah Omar seine Kommandeure per Funk angewiesen haben soll, den Heiligen Krieg gegen Amerika bis zum Ende zu führen. Die einzigen verbliebenen Ausländer, die acht in Kabul inhaftierten Angehörigen der Hilfsorganisation Shelter Now International, sind nach Auskunft ihres pakistanischen Rechtsanwalts "gesund und sicher".

Von Erhard Haubold

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2001, Nr. 235 / Seite 3