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Vollständige Version anzeigen : Über "Wut und Hass" in der arabischen Welt


Eliska
12.10.2001, 00:18
Der saudische Politiker Ahmed Saki Jamani über Öl, Terror und die Destabilisierung der arabischen Welt

von Das Gespräch führte Jürgen Krönig

die zeit: Werden die Militärschläge in Afghanistan auf den Ölmarkt durchschlagen?

Ahmed Saki Jamani: Nicht wesentlich.
Wenn aber die Aktionen darüber hinausgehen, wird es zu einer sehr ernsten Krise kommen.

zeit: Gilt das vor allem für den Versuch, Saddam Husseins Regime im Irak zu stürzen?

Jamani: Wenn das geschieht, wird das irakische Öl vom Weltmarkt verschwinden, immerhin 2,2 Millionen Fass pro Tag.
Wer soll das ersetzen?

zeit: Saudi-Arabien.

Jamani: Das Land ist aus politischen Gründen gehemmt.
Bei einem Krieg gegen den Irak wird es den Saudis schwer fallen,
die Produktion zu erhöhen.
Der Ölpreis würde unweigerlich über 30 Dollar steigen -
es sei denn, Amerika würde seine strategische Reserve anzapfen.

zeit: Ist der Irak eine große Ölmacht der Zukunft?

Jamani: Ja, fast so bedeutend wie Saudi-Arabien.

zeit: Ein Grund, den Irak nicht in den Krieg gegen den Terror einzubeziehen?

Jamani: Man kann immer leicht eine Begründung finden, den Irak anzugreifen.
Das ist überhaupt kein Problem.

zeit: Falken in Washington plädieren für eine Ausweitung militärischer Aktionen auf den Irak.

Jamani: Man kann nicht den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten.
Wer den Irak angreift, muss einen Preis dafür zahlen.

zeit: Der Preis wäre Aufruhr an den Märkten?

Jamani: Die Folge wäre ein erheblich höherer Ölpreis zu einer Zeit, in der die Rezession immer tiefer wird.

zeit: Die Opec will ohnehin den Preis oben halten, selbst bei Rezession.
Ist diese Strategie richtig?

Jamani: Ich hoffe, die Opec begreift, dass eine solche Politik nicht in ihrem Interesse liegt und bei den Ölverbrauchern unerwünschte Reaktionen auslösen würde.

zeit: Aber Saudi-Arabien braucht doch einen Preis von 25 Dollar pro Fass.

Jamani: 25 Dollar ist ein idealer Preis, bei dem das Land seine Verpflichtungen erfüllen kann. Aber die Saudis könnten auch mit 20 Dollar leben.

zeit: Sie haben die Opec immer wieder davor gewarnt, den Preis hochzutreiben, weil andernfalls der Westen Alternativenergien entwickeln würde.
Bleiben Sie dabei?

Jamani: Die OECD-Länder arbeiten in vielen Feldern der Energieeinsparung.
Die Opec schadet sich bereits selbst.
Vor 20 Jahren hieß ein Prozent Wirtschaftswachstum ein Prozent mehr Ölverbrauch. Das hat sich dramatisch verändert.
Europa verzeichnete vergangenes Jahr erhebliches Wachstum, und der Ölverbrauch sank.
In den USA stieg der Ölverbrauch um weniger als ein Prozent bei einem Wachstum von über vier Prozent - und das selbst angesichts der niedrigen amerikanischen Steuern auf Benzin und Heizöl.

zeit: Nähern wir uns dem Ende des Ölzeitalters?

Jamani: Nein, Öl wird noch lange wichtig sein.
Der hohe Preis wird sogar zu größeren Förderkapazitäten führen, inner- wie außerhalb der Opec.
Sollten die politischen Verhältnisse stabil bleiben, erwarte ich sogar sinkende Preise.

zeit: Geologen warnen, dass Öl in wenigen Jahrzehnten knapp wird.
Haben sie Unrecht?

Jamani: Das sagen sie seit den siebziger Jahren.
In Wahrheit erlaubt verbesserte Fördertechnologie, immer neue Reserven zu erschließen.

zeit: Fast 90 Prozent der Weltvorräte liegen im islamischen Raum - im Golf und in asiatischen Ölstaaten wie Kasachstan.

Jamani: In der Golfregion wären die Reserven noch größer, wenn dort investiert würde. Die Reserven des Irak könnten sich auf einen Schlag verdoppeln, erhöhte man bei der Förderung den recovery factor, den Ausbeutungsgrad.
Er liegt im Golf bei nur 30 Prozent, in den Nordseefeldern dagegen bei bis zu 60 Prozent.
Nein, Öl wird auf lange Zeit reichlich vorhanden sein.
Wir werden das Ölzeitalter hinter uns lassen, und im Boden wird es immer noch Reserven geben.

zeit: Saudi-Arabien, das über 12 Prozent des Weltverbrauches deckt, bleibt erst einmal der wichtigste strategische Partner des Westens.
Im Krieg gegen den Terror verweigert Riad den Amerikanern die Benutzung der Stützpunkte auf saudischem Boden.
Verstehen Sie diese Zurückhaltung?

Jamani: Sie sprechen vom "Krieg gegen den Terror".
Wir brauchen erst einmal eine klare Definition des Feindes.

zeit: Sind Sie von der Evidenz gegen bin Laden nicht restlos überzeugt?

Jamani: Ich habe starke Zweifel, ob bin Laden fähig ist, einen solch komplizierten Plan zu organisieren.
Vielleicht finanzierte er die Terrorschläge.
Aber da muss noch eine andere Größe sein in der Rechnung.

zeit: Bin Laden strebt den Umsturz in Saudi-Arabien an.
Fürchten Sie um die Stabilität des Königreichs?

Jamani: Es geht nicht nur um Saudi-Arabien.
Die ganze Region wäre betroffen, sollten die Falken in Washington den Konflikt über Afghanistan hinausziehen.

zeit: Halten Sie das ungelöste Palästina-Problem für eine tiefere Ursache des Terrorismus?

Jamani: Kein Zweifel.
Wer den Terrorismus bekämpfen will, muss hier ansetzen.

zeit: Was soll der Westen tun? George W. Bush sprach bereits von einem palästinensischen Staat.

Jamani: Amerika muss eingreifen und Israel sagen: "Genug ist genug."
Der Westen muss von Israel verlangen, die UN-Sicherheitsrats-Resolutionen zu akzeptieren und das einzulösen, wozu es sich in Oslo und Madrid bereits verpflichtet hat.
Die Welt muss fair sein gegenüber den Palästinensern, und Israel muss akzeptieren, dass sie eine Nation sind.

zeit: Das würde zugleich von der arabischen Welt verlangen, die Existenz Israels ohne Vorbehalt zu akzeptieren und den Terror zu unterbinden.

Jamani: Selbstverständlich, aber die arabische Welt erkennt Israel bereits an.
Israel dagegen sitzt auf einem Teil des palästinensischen Territoriums.
Nach internationalem Recht muss besetztes Gebiet geräumt werden.

zeit: Rechnen Sie damit, dass Israel dies tun wird?

Jamani: Es hängt von Amerika und dem Westen ab.
Die Intifada wird andernfalls weitergehen.
Die ganze Region könnte in Flammen aufgehen.

zeit: Würde Saudi-Arabien als erstes Land in den Strudel gezogen?

Jamani: Saudi-Arabien hat eine stabile Regierung.
Man darf ihre Stärke nicht unterschätzen.
Nein, die ganze Region könnte destabilisiert werden.

zeit: Der saudische Staat ist auch der Hüter der heiligen Stätten.
Und in der Bevölkerung gärt es.

Jamani: Natürlich herrschen Wut und Zorn.
Wegen Palästina gibt es Bitterkeit und Hass überall in der arabischen Welt.

zeit: Dagegen hilft nur ein stärkeres amerikanisches Engagement im Nahen Osten?

Jamani: Terrorismus ist wie Krebs.
Breitet er sich aus, muss man nach den Ursachen schauen und versuchen, sie zu eliminieren.

zeit: Wer, außer bin Laden, könnte noch an den Anschlägen in Amerika beteiligt gewesen sein?

Jamani: Es gibt so viele Fragezeichen.
Wer spekulierte vor dem Terroranschlag auf das World Trade Center gegen Fluggesellschaften und Versicherungen? Wer kaufte Staatsanleihen und machte binnen einer Woche einen Gewinn von 20 Prozent?
Die Ermittlungen lieferten keine klare Antwort.
Fest steht nur, dass Profite von Hunderten Millionen Dollar gemacht wurden.

DIE ZEIT Wirtschaft 42/2001

Eliska
18.10.2001, 15:30
Der Tod ist die Botschaft

Eine andere gibt es nicht. Fundamentalisten führen keinen Krieg der Kulturen. Sie üben Bandenterror gegen das eigene Volk und die Anderen

Von Abbas Baydoun


Diejenigen, die die Anschläge in New York und Washington verübten, hatten weder verhandelt noch Forderungen gestellt, noch an irgendjemand eine Botschaft gerichtet. Sie hatten auch nicht kundgetan, wer sie sind und was ihr Anliegen ist. Alles, was sie taten, war töten. Töten ohne geistige oder politische Rechtfertigung. Töten nicht als Mittel, sondern als Zweck. Die Gewalt, bar ihrer historischen Begründung, wandelte sich in einen bloßen Akt der Feindseligkeit, in einen um Beifall heischenden Mord, ein gewöhnliches Verbrechen - wenngleich ungeheuren Ausmaßes. Die Mörder haben weder eine Botschaft gesendet noch eine Erklärung gegeben. Es war ein Verbrechen gegen sie selbst, gegen Unschuldige, möglicherweise auch gegen Araber und Muslime. Die Mörder waren überzeugt, dass es keine Sprache mehr zwischen ihnen und irgendjemand anderem gibt. Zwischen ihnen und der Welt ist nur noch das apokalyptische Inferno, das alle erschüttert.

Was in New York und Washington stattgefunden hat, erscheint als Verwirklichung ungeheuerlicher Vorstellungen, wie wir sie aus amerikanischen Filmen kennen, Vorstellungen von einem globalen Verbrechen und der Fähigkeit Einzelner, die Welt zu bedrohen. Es ist anzunehmen, dass die Mörder, gleichgültig, wer sie waren, vorhatten, in einem unvergesslichen Spektakel das Ende der Welt zu verkünden. Die Selbstmörder waren diesmal - unabhängig von ihren ideologischen Gründen - nichts weiter als Selbstmörder, egal wie sie ihren Selbstmord ideologisch definieren. Zweifelsohne haben sie ihren eigenen Tod zum Maßstab gemacht. Ihr Tod wurde zum allgemeinen und absoluten Tod. Die mit ihnen im Flugzeug saßen, waren ihnen gleichgültig, ob Bekannte oder Fremde. Der apokalyptische Tod war das Ziel. Der Tod und das katastrophale Ende der Welt. Wichtig war, dass der Selbstmord mit dem kollektiven Sterben verbunden wurde. Die Umwandlung des eigenen Todes in ein Massensterben oder umgekehrt das Hineinreißen der gesamten Welt in das eigene Grab.

Von Melancholie zur Psychose

Viele sind der Ansicht, dass Probleme in ihrer maximalen Spannung und Unlösbarkeit nur zu solchen Ergebnissen führen können. Für viele bedeutet die Globalisierung nichts anderes als die endgültige Vertreibung, die Besetzung noch der letzten Peripherie. Jeder unerreichbare wissenschaftliche und technische Fortschritt bedeutet, außerhalb des Lebens zu bleiben. Für viele ist die Welt heute ein Planet der Vertreibung. Sie stellen den eigenen Tod mit dem Tod der ganzen Welt gleich und verkünden dies in einem öffentlichen Selbstmord. Einem globalen Selbstmord.

Wenn kleine Gruppen und Sekten in Melancholie fallen oder wenn sich die Melancholie in eine kollekive Psychose verwandelt, dann besteht Gefahr. Diese Gefahr ist besonders eminent, wenn die Melancholie über die Eigenschaft verfügt, den Anderen bis zum Tode in das eigene Ich aufsaugen zu wollen, wie es in den jüngsten Ereignissen zu beobachten war, nämlich in der Form des Selbstmordes. Das Töten des Selbst und des Anderen werden zusammen und in einer Tat vollzogen. Damit steht die Geschichte selbst kurz vor dem Tode. Tod des Selbst und des Feindes. Tod des Ich und des Anderen. Die Fragen an das Selbst verwandeln sich in Tod - ohne Zukunft und weitere Ziele. Heißt das, dass wir an den Nullpunkt gelangt sind, an dem Gruppen und Minderheiten den Eindruck gewinnen, sie wären endgültig ohne Welt und ohne Zukunft und alles, was sie besitzen, wäre der eigene Tod, den sie als Bombe zur Vernichtung der Welt benutzen?

Natürlich ist es nicht das verbrecherische Vorstellungsvermögen, das die Filmemacher veranlasste, sich die Zerstörung New Yorks vor allem durch Einzelne an den Schaltstellen der Macht zu denken. Nein, es ist nicht das verbrecherische Vorstellungsvermögen, sondern der verfrühte Zweifel an den Möglichkeiten des Machtmonopols, an der Kontrolle über dasselbe sowie daran, dieses Machtmonopol von den Einzelnen fernhalten zu können. Es wird sicherlich viel über Sicherheitslücken gesprochen, aber eine solche Tat ist jederzeit wiederholbar. Der Machtwahnsinn kann Einzelnen und Gruppen nicht für immer vorenthalten werden. Und vielleicht ist die Zeit nahe, in der es Einzelnen und Gruppen möglich sein wird, über Atombomben zu verfügen.

Die Täter haben an niemanden eine Botschaft gerichtet, weil es zwischen ihnen und der Welt keine Sprache gibt. Aber ihre Antwort war nicht auf dem Niveau dieser Einsicht. Die nationale Wunde Amerikas ist keine passende Antwort. Nehmen wir an, in der Sprache der internationalen Presse, die Mörder meinten mit dem World Trade Center und dem Pentagon die Symbole der amerikanischen Macht. Dann ist es unverständlich, dass im Folgenden lediglich von dem Leiden der amerikanischen Macht und ihrer Bedrohung die Rede ist. Es ist nicht nachvollziehbar, dass der amerikanische Patriotismus einen Anschlag solchen Ausmaßes auf sich allein bezieht. Die erschütterte, in Angst und Panik geratene Welt eilte natürlich nicht, die amerikanische Macht zu verteidigen. Was uns aber in diesem Zusammenhang berührte, waren die Hunderte von Passagieren, die zu einer lebendigen Bombe wurden. Was uns berührte, waren die Tausende von Menschen, die in einem kurzen Augenblick zermalmt wurden. Was uns berührte, waren die Stunden, in denen der Tod die Macht über die Welt hatte, war die Umwandlung der Finanz- und Militärmacht in von Angst befallene, erniedrigte Individuen. Was uns berührte, war die Ebene, die diese Auseinandersetzung erreichte, nämlich Selbstmord und Mord. Und dass die Welt zu einem Planeten der Affen wurde. Was uns berührte, war, die Amerikaner als Menschen, Brüder und Schwestern und Individuen zu entdecken und nicht als "Machtsymbole".

Ich betete, dass die Täter keine Araber waren. Nicht weil ich als Araber geboren bin, sondern weil die Spirale des Hasses und die Verachtung größer werden, wenn die Täter Araber waren. Da dies aber der Fall zu sein scheint, wird der Konflikt einen rassistischen, ideologischen und kulturellen Charakter annehmen. Schon spricht man über die arabische Bereitschaft zu solchem Terror, die ihre Grundlage in der Religion, in der Erziehung und im arabischen Denken findet.

Zweifellos gibt es viele, die wünschen, sie hätten es getan. Aber noch viele andere Völker wünschen das ebenfalls. Die Menschen nach ihrer Bereitschaft oder gar Absicht zu beurteilen ist stalinistisch, und der "objektive Feind" ist totalitäre Theorie. Hätten wir diese Einstellung, stünden wir nicht weit entfernt von der Ideologie der Terroristen. Die Terroristen warfen alle Amerikaner in einen Topf und sahen sie als Feinde, dasselbe tun diejenigen, die alle Araber in einen Topf werfen und zu Feinden erklären. Das Gerede über einen Krieg, über einen Angriff "auf die amerikanische Art", über den Kampf der Kulturen geht in diese Richtung.

Das verletzte arabische Selbst

Es ist aber eine Illusion, von einem Kampf zwischen zwei Kulturen auszugehen. Denn es ist wahrscheinlicher, dass die gesellschaftliche und kulturelle Krise der Araber darin besteht, dass ihre Kultur und Gesellschaft nahezu auf ewig unfähig sind, zeitgemäß zu sein. Weshalb sie auch nicht über einen Lebensstil verfügen, mit dem und für den sie kämpfen. Die arabische Kultur begann das vergangene Jahrhundert mit einer liberalen Welle, die die Hoffnung weckte, die arabische Kultur würde mit dem Westen gleichziehen. Erst die Resignation, die aus dem Aufholversuch und dessen Scheitern resultierte, führten das verletzte, als unfähig erwiesene arabische Selbst zu Anschauungen nationalistischer, kommunistischer und religiöser Art. Eine Welle nach der anderen. Der islamische Fundamentalismus ist eine davon.

Wir sollten nicht vergessen, dass der Islam, im Gegensatz zum Kommunismus, keine Systemalternative und keine Konfrontationsideologie darstellt, vielmehr eine defensive Ideologie, deren schwierige Wandlung in einen modernen "Lebensstil" zu Krisen, Spaltungen und gelegentlich blinder Gewalt führt. Die Fundamentalisten sind in ihren Gesellschaften Druck und Gewalt ausübende Minoritäten, die von der religiösen und Bevölkerungsmehrheit abgelehnt werden.

Es ist weder ein Krieg der Kulturen noch Krieg überhaupt. Es ist Bandenterror gegen das eigene Volk und die Anderen. Es sind gewalttätige, feindselige, zahlenmäßig begrenzte und marginalisierte Banden, die ihre Anschläge nicht hätten verüben können, wenn nicht die Gewalt und die Lücken im Sicherheits- und Gesellschaftssystem so groß wären. Sie haben nicht mit der Macht einer Armee, eines Volkes, einer Gruppe oder einer Religion zugeschlagen, sondern mit der Macht weniger Einzelner, die ihren Tod mit dem Tod der ganzen Welt gleichstellten. Es sind wenige, die keinen Bezug mehr zu ihren Gesellschaften und Völkern haben, wie bin Laden in Afghanistan, und die Anschläge ohne Botschaft verüben. Ihre einzige Aufgabe ist der Tod.

Der libanesische Dichter Abbas Baydoun lebt als Journalist in Beirut

Aus dem Arabischen von Mustafa Al-Slaiman


(c) DIE ZEIT 39/2001

Eliska
20.10.2001, 09:38
Warum die Vorstellung vom sanften Islam in eine Sackgasse führt

RAINER BRUNNER

Nachdem die Militärschläge gegen Afghanistan begonnen hatten, sprach Osama bin Laden davon, dass nun die „Schlacht zwischen dem Glauben und dem Unglauben“ begonnen habe.
Eine von Gott gesegnete Gruppe des Islams, die „Speerspitzen des Islams“, habe Amerika zerstört. Diese Rhetorik wird der seit den Anschlägen aufgeflammten Diskussion über den Islam weitere Nahrung geben.

Die Debatte unterscheidet sich wenig von jenen, die schon 1979 (Iranische Revolution), 1989 (Rushdie-Fatwa), 1991 (Zweiter Golfkrieg) und 1995 (Streit um Annemarie Schimmel als Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels) geführt wurden.

Im Kern geht es um das Verhältnis von Islam und nichtmuslimischer Welt und um die Frage, wie auf den islamischen Fundamentalismus angemessen zu reagieren sei. Nicht selten hört man dieser Tage die Beteuerung, der islamische Fundamentalismus im Allgemeinen und die jüngsten Anschläge im Besonderen seien eine politische Angelegenheit, ausgelöst durch die westliche Nahostpolitik. Die Akteure bedienten sich nur religiöser Versatzstücke, hätten mit dem Islam als einer „eigentlich“ friedlichen Religion nichts zu tun, mehr noch, im Grunde sei das, was sie tun, unislamisch.

Das mag, vor allem mit Blick auf die im Westen lebenden Muslime, gut gemeint sein, zielt an der Sache aber vorbei und führt in zweifacher Hinsicht in eine argumentative Sackgasse. Zum einen wird dabei eine Trennung von Religion und Politik vorausgesetzt, die für die Fundamentalisten irrelevant ist, die sie im Gegenteil gerade rückgängig machen wollen. Bin Ladens Erklärung ist das aktuellste Beispiel dafür. Zum anderen ist die Beteuerung die Kehrseite dessen, wofür die Fundamentalisten stehen.

Offenbarungsreligionen, das hat auch die Geschichte des christlichen Abendlandes gezeigt, sind anfällig dafür, zur Ideologie zu werden, wenn sie als politische Handlungsanweisung verstanden werden. Mit dem Neuen Testament unter dem Arm wurden bewaffnete Wallfahrten gen Jerusalem veranstaltet, den indianischen Hochkulturen in Lateinamerika das Heil beschert und Ketzer und Hexen dem Scheiterhaufen überantwortet. Das mag man widerwärtig finden, aber es ändert nichts daran, dass Kreuzfahrer und Inquisitoren überzeugt waren, im Namen Gottes zu handeln.


Vordenker der Fundamentalisten

Im Falle des islamischen Fundamentalismus ist das nicht anders. Wenn man die spirituelle Anleitung zu den Anschlägen liest, stößt man nirgends auf weltlich-politische Motive, um so mehr dafür auf die Überzeugung, einen göttlichen Willen zu erfüllen.

Dementsprechend greift die Verknüpfung etwa mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu kurz: Der erste Anschlag auf das World Trade Center fand 1993 statt, im Jahr des Gaza-Jericho-Abkommens, als man wenigstens kurzzeitig auf einen Friedensprozess hoffen durfte.

Auch haben die Amerikaner mit ihrer Afghanistan-Politik den Fundamentalismus nicht erfunden, sondern nur in unverantwortlicher Weise gefördert. Doch daraus nun abzuleiten, sie seien selber schuld an den Attentaten, wäre infam.


Zweifellos sind der Nahostkonflikt und die westliche Politik in der Region wichtige Faktoren, aber wenn man sich die Verlautbarungen der „al-Qaida“ ansieht, kann man nicht mehr entscheiden, ob sich politisch motivierter Hass religiöser Versatzstücke bedient – oder umgekehrt. Weltgeschichte herausgelöstDer europäische Kolonialismus und die westliche Nahostpolitik der letzten 50 Jahre haben gewiss das Ihre dazu beigetragen, den Eindruck der Demütigung zu verfestigen. Aber die bedeutendsten Ahnherren heutiger Fundamentalisten, etwa den 1328 gestorbenen Theologen Ibn Taimiya oder die Wahhabiten, gab es schon vorher.

Wie man es dreht:
Der islamische Fundamentalismus hat eine Doppelnatur.
Er ist ein politisches und religiöses Problem zugleich.
Politisch, weil er auf die Politik des Westens und die politische Situation in der islamischen Welt reagiert.
Religiös, weil die Wortwahl und das Geschichtsbild dezidiert islamisch sind.

Koran und Prophetenvorbild sind die einzig anerkannte Legitimation;
die Rückkehr zu dieser mythisch überhöhten Frühzeit ist das Ziel.
Quellen und Geschichtsbild werden so aus dem Kontext der Weltgeschichte herausgelöst und mit einem überzeitlichen Geltungsanspruch versehen.
Große Teile der realen Geschichte, die auch im Islam eine andere Richtung nahm als in der Theorie vorgesehen, gelten als eine Zeit des moralischen Verfalls und des Niedergangs. Deshalb muss die Diskussion beide Aspekte berücksichtigen.


Sache der Auslegung

Gerade heute muss man dringend über eine Friedensordnung im Nahen Osten nachdenken, auch über die Verteilung der Reichtümer auf dieser Welt.
Aber der Islam muss sich der Diskussion ebenfalls stellen.

Nichts wird man durch die reflexhafte Apologetik erreichen, der Islam an sich sei eine friedliche Religion, der Fundamentalismus dagegen sei unislamisch.

Es ist richtig, dass es im Koran heißt „In der Religion gibt es keinen Zwang“ (Sure 2, Vers 256). Aber es steht auch darin, man solle die Heiden erschlagen, wo immer man sie finde (Sure 9, Vers 5).

Es ist richtig, dass der Begriff „Dschihad“ den spirituellen Kampf gegen innere Anfechtungen bezeichnet.
Aber er umfasst eben auch den bewaffneten Kampf gegen die, die als Ungläubige identifiziert wurden.

Wer will entscheiden, was die richtige Auslegung ist?
Es gibt im Islam keine institutionalisierte Gelehrtenhierarchie, die – und sei es auch nur für einzelne Konfessionsgruppen – eine verbindliche Lehrmeinung vertreten könnte.

Wie sinnvoll ist es dann, unter Berufung auf einzelne Koranverse erklären zu wollen, was der Islam eigentlich sei?

Wer behauptet, diese oder jene Facette der islamischen Geschichte oder der heutigen islamischen Welt habe mit dem Islam in Wirklichkeit nichts zu tun, sagt zugleich, dass es diesen „eigentlichen“ Islam gibt, dessen alleinige Grundlagen, den Koran und das Prophetenvorbild, man nur richtig zu interpretieren brauche. Fundamente des GlaubensWas damit nicht übereinstimmt, wird so zur unstatthaften Abweichung, zur Außerkraftsetzung dieses „wahren“ Islams.
Das aber ist nur die Rückseite einer Medaille, auf deren Vorderseite die Fundamentalisten zum selben Ergebnis kommen.

Religionen sind zu große Gebilde, als dass man sie in derart essenzialistischer Manier pauschal verurteilen oder freisprechen könnte. Eine Religion ist immer nur so tolerant, wie es ihre Anhänger unter bestimmten Umständen zulassen.

Der Fundamentalismus mag ein hässlicher Aspekt der Religion sein, den die meisten Gläubigen ablehnen, aber er ist ein Aspekt der Religion.
Dass man Fundamentalisten mit solchen Überlegungen von ihrem Tun abhalten könnte, wäre eine naive Vorstellung.

Was bleibt, ist das Bemühen, den Dialog mit all den anderen zu suchen, und der Versuch, die Fundamente des Glaubens, den Koran und das Prophetenvorbild, zu historisieren, sie aus ihrer Überzeitlichkeit und bedingungslosen Absolutheit herauszulösen. Das ist angesichts der fehlenden Lehrautoritäten und der Überzeugung, dass es sich beim Koran um die direkte Rede Gottes handle, nicht einfach und stößt nicht nur bei Fundamentalisten auf Widerstand.
Die bisherigen Ansätze scheiterten.
Am spektakulärsten war der Fall des ägyptischen Gelehrten Nasr Hamid Abu Zaid, der zum Apostaten erklärt und dessen Ehe zwangsgeschieden wurde.

Aber ein friedfertiges Zusammenleben der Kulturen scheint nur möglich, wenn auf die ewiggültigen und universalen Absolutheitsansprüche im Namen welchen Gottes auch immer verzichtet wird. Wichtig ist eine Neubewertung der religiösen Quellen.
Es geht nicht um die Abschaffung des Islams, sondern um eine „aufgeklärte“ Religiosität.

Der Orientalist und preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker schrieb bereits vor über 90 Jahren:
„Wem endlich zur Erklärung der gegenwärtigen Tatsache des Islams der Koran und das Leben Muhammeds genügen, dem ist überhaupt nicht zu helfen.“


Der Autor ist wissenschaftlicher Assistent am Orientalischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Süddeutsche Zeitung