Eliska
20.10.2001, 09:17
Es gibt ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass der Luftkrieg der USA gegen die Taliban erfolgreich sein wird:
Die Gotteskrieger bieten einen Waffenstillstand an, offenbar in der Absicht, die Reste ihrer Autorität im Land zu erhalten.
Die Gerüchte über Abtrünnige aus der Führungsmannschaft lassen nicht nach,
die innere Stabilität des Regimes bröckelt.
Die Taliban erleben ihre Selbstzersetzung, ihr Herrschaftsanspruch könnte in sich zusammenfallen, Afghanistan hätte dann eine neue Chance.
Das sind – am 13. Tag der Luftschläge – gute Nachrichten, denn offenbar haben die Militärangriffe bewirkt, was politische Isolation und hartes Zureden nicht vermocht haben:
Ein auf Gewalt gebautes und von gewalttätigen Terroristen gestütztes Regime lässt sich wohl nur gewaltsam zerstören.
Wer seine Macht allein auf Waffen gründet, dem müssen zunächst die Waffen genommen werden.
Ist das Gravitationszentrum des Terrorregimes erst einmal getroffen, dann wirken die Kräfte der Selbstzerstörung.
Dieser Fortschritt im Kampf gegen den Terrorismus belegt, dass die von den USA angelegte Strategie so falsch nicht sein kann.
Dieser Fortschritt widerlegt die Kritiker, die den Einsatz des Militärs für ein untaugliches Mittel im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind halten.
Natürlich wird man die Taliban-Führung und vor allem den Terrorguru bin Laden nicht alleine mit Raketen aus der Welt schaffen können.
Natürlich treffen die Bomben auch – ungewollt und unglücklicherweise – Unschuldige.
Natürlich ist Krieg zunächst immer ungerecht und radikalisiert.
Die Luftangriffe aber müssen in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden, als Teil eines auf lange Zeit angelegten politischen Plans, für den der Einsatz des Militärs nur ein erster, möglichst kurzer Schritt sein darf.
Dies ist die Botschaft von Außenminister Colin Powell, der den weitaus wichtigeren Teil der amerikanischen Strategie besorgt:
die politische Koalitionsbildung und die Vorbereitung auf die Nach-Taliban-Zeit.
Fortschritt auch auf dieser Bühne:
Die internationale Gemeinschaft mit den UN an der Spitze ist sich weit gehend einig über eine afghanische Regierung in Idealform.
Sie hält sich zurück in der Unterstützung der Nordallianz, deren Sieg nicht unbedingt einen besseren Flecken Erde aus Afghanistan machen würde.
Und sie stimmt darin überein, dass sich die Afghanen in ihrer Stammesvielfalt und Heterogenität am Ende nur selbst werden helfen können – wenn auch mit aller erdenklichen, vor allem humanitären Unterstützung.
Gut fünf Wochen nach den Anschlägen sind dies rasante Fortschritte im ansonsten zähen politischen Geschäft.
Große Krake Terror
Träumerei? Augenwischerei?
Bis zu diesem Tag gibt es keine Erfolg versprechende Alternative.
Alle anderen Vorschläge zeichnen sich durch einen Mangel an Realitätsnähe aus, oder sie ächzen unter zu schwerem politischen Gepäck.
Besonders der in Deutschland so häufig geäußerte Wunsch nach einem allumfassenden Großkonzept, die Aufarbeitung am besten gleich aller Weltprobleme in einem Aufwasch mit der Krise, überfordert die Politik und züchtet einen nicht erfüllbaren Idealismus.
Die große Krake Terror, diese seit Jahren vor allem in Europa ignorierte Landplage der Moderne, lässt sich nicht mit einem Hieb erledigen.
Wer aber den Amerikanern das Recht abspricht, den ersten Schlag zu führen, der ist zumindest eine Erklärung schuldig, mit welcher Strategie er die Angst des 11.September aus der Welt zu schaffen gedenkt.
Kopf in den Sand wird nicht funktionieren – Terroristen vom Schlage bin Ladens haben ein zerstörerisches Ziel, dem sie nicht abschwören, selbst wenn man sich wohlgefällig verhält.
Auf der Suche nach dem richtigen Rezept gegen den Terror haben sich in den 13 Tagen seit Beginn des Bombardements allerdings ein paar Mythen herausgeschält, die den Blick verstellen auf die Erfolge.
Aber noch gefährlicher: Sie unterstellen allesamt, dass die angegriffene Gesellschaftsordnung hilflos gegen den Terror sei – ein Trugschluss, der auf Dauer zu einer politischen Lähmung führen kann.
Himbeeren statt Kerker
Mythos Nummer eins:
Militärschläge nutzen nichts, sie provozieren nur noch mehr Gewalt.
Antwort: Stimmt nicht, denn in der richtigen Dosierung sind Militärschläge offenbar doch erfolgreich, siehe oben.
Gleichwohl kommt es auf die richtige Balance von Politik und Militär an, besonders um eine unnötige Radikalisierung der islamistischen Gefolgsleute zu vermeiden.
Diesen Balanceakt ist die Anti-Terror-Koalition bereit zu riskieren. Auch deshalb ist die Verbindung der Luftschläge mit humanitärer Hilfe wichtig – als Signal an die afghanische Bevölkerung, dass die Bomben dem Regime gelten, nicht den unterdrückten Menschen.
Und wer den Abwurf von Himbeermarmelade als zynisch empfindet, der möge die Taliban davon überzeugen, humanitäre Helfer künftig nicht einzukerkern, sondern ihre Arbeit tun zu lassen.
Eine Radikalisierung lässt sich nur langfristig bekämpfen.
Wer jetzt den USA und ihrer Allianz unterstellt, es fehlte ihnen dafür der Atem, der zaudert unnötig früh. Außerdem unterschätzt er den Willen in großen Teilen der islamischen Welt, Extremismus in den eigenen Gesellschaften auszumerzen.
Solange noch mehr arabische Jugendliche an amerikanischen Universitäten studieren wollen, als es Freiwillige für ein Selbstmordattentat gibt, so lange besteht Hoffnung.
Mythos Nummer zwei:
Terror ist die Antwort auf Jahrzehnte fehlgeleiteter Außenpolitik der USA, aber auch auf die unterdrückerische Politik der Regime in der Region. Terror ist der Aufschrei der Entrechteten.
Antwort: Das Argument legitimiert ungewollt den Terror, aber Terror lässt sich nicht legitimieren. Terror richtet sich zielgenau gegen Unbeteiligte und Wehrlose. Terror ist heimtückisch und hinterhältig.
Terror tötet nicht nur, er sät Angst und zerstört damit gesellschaftliche Ordnungen. Terror lässt sich nicht entschuldigen, weil Terror bewusst den politischen Weg verhöhnt. Wer Terror wählt, schert sich nicht um Rückhalt und Mehrheiten. Deswegen kann Terror auch nicht die Antwort auf Politik sein, selbst wenn die fehlgeleitet ist.
Recht und Unrecht etwa im Kampf der Israelis und Palästinenser zu unterscheiden ist nach Jahrzehnten der Gewalt im Nahen Osten nahezu unmöglich geworden.
Die Zumessung von Schuld wie in einem Gerichtsverfahren wird nicht gelingen.
Möglich ist lediglich die Beruhigung, später dann die politische Versöhnung, der Weg des Ausgleichs. Als dieser Ausgleich im Herbst 2000 in Camp David gesucht und beinahe gefunden wurde, da trainierten Terroristen im Flugsimulator.
Politik – ob fehlgeleitet oder auf dem richtigen Weg – war ihnen offenbar gleich.
Wer sich von den Mythen nicht blenden lässt, sieht sich gleichwohl einem komplizierten politischen Problem gegenüber. Aber jetzt schon lässt sich eine Botschaft aus den ersten Wochen nach dem 11. September ziehen:
Es gibt eine Antwort auf den Terror.
von Stephan Cornelius
Süddeutsche Zeitung
Die Gotteskrieger bieten einen Waffenstillstand an, offenbar in der Absicht, die Reste ihrer Autorität im Land zu erhalten.
Die Gerüchte über Abtrünnige aus der Führungsmannschaft lassen nicht nach,
die innere Stabilität des Regimes bröckelt.
Die Taliban erleben ihre Selbstzersetzung, ihr Herrschaftsanspruch könnte in sich zusammenfallen, Afghanistan hätte dann eine neue Chance.
Das sind – am 13. Tag der Luftschläge – gute Nachrichten, denn offenbar haben die Militärangriffe bewirkt, was politische Isolation und hartes Zureden nicht vermocht haben:
Ein auf Gewalt gebautes und von gewalttätigen Terroristen gestütztes Regime lässt sich wohl nur gewaltsam zerstören.
Wer seine Macht allein auf Waffen gründet, dem müssen zunächst die Waffen genommen werden.
Ist das Gravitationszentrum des Terrorregimes erst einmal getroffen, dann wirken die Kräfte der Selbstzerstörung.
Dieser Fortschritt im Kampf gegen den Terrorismus belegt, dass die von den USA angelegte Strategie so falsch nicht sein kann.
Dieser Fortschritt widerlegt die Kritiker, die den Einsatz des Militärs für ein untaugliches Mittel im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind halten.
Natürlich wird man die Taliban-Führung und vor allem den Terrorguru bin Laden nicht alleine mit Raketen aus der Welt schaffen können.
Natürlich treffen die Bomben auch – ungewollt und unglücklicherweise – Unschuldige.
Natürlich ist Krieg zunächst immer ungerecht und radikalisiert.
Die Luftangriffe aber müssen in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden, als Teil eines auf lange Zeit angelegten politischen Plans, für den der Einsatz des Militärs nur ein erster, möglichst kurzer Schritt sein darf.
Dies ist die Botschaft von Außenminister Colin Powell, der den weitaus wichtigeren Teil der amerikanischen Strategie besorgt:
die politische Koalitionsbildung und die Vorbereitung auf die Nach-Taliban-Zeit.
Fortschritt auch auf dieser Bühne:
Die internationale Gemeinschaft mit den UN an der Spitze ist sich weit gehend einig über eine afghanische Regierung in Idealform.
Sie hält sich zurück in der Unterstützung der Nordallianz, deren Sieg nicht unbedingt einen besseren Flecken Erde aus Afghanistan machen würde.
Und sie stimmt darin überein, dass sich die Afghanen in ihrer Stammesvielfalt und Heterogenität am Ende nur selbst werden helfen können – wenn auch mit aller erdenklichen, vor allem humanitären Unterstützung.
Gut fünf Wochen nach den Anschlägen sind dies rasante Fortschritte im ansonsten zähen politischen Geschäft.
Große Krake Terror
Träumerei? Augenwischerei?
Bis zu diesem Tag gibt es keine Erfolg versprechende Alternative.
Alle anderen Vorschläge zeichnen sich durch einen Mangel an Realitätsnähe aus, oder sie ächzen unter zu schwerem politischen Gepäck.
Besonders der in Deutschland so häufig geäußerte Wunsch nach einem allumfassenden Großkonzept, die Aufarbeitung am besten gleich aller Weltprobleme in einem Aufwasch mit der Krise, überfordert die Politik und züchtet einen nicht erfüllbaren Idealismus.
Die große Krake Terror, diese seit Jahren vor allem in Europa ignorierte Landplage der Moderne, lässt sich nicht mit einem Hieb erledigen.
Wer aber den Amerikanern das Recht abspricht, den ersten Schlag zu führen, der ist zumindest eine Erklärung schuldig, mit welcher Strategie er die Angst des 11.September aus der Welt zu schaffen gedenkt.
Kopf in den Sand wird nicht funktionieren – Terroristen vom Schlage bin Ladens haben ein zerstörerisches Ziel, dem sie nicht abschwören, selbst wenn man sich wohlgefällig verhält.
Auf der Suche nach dem richtigen Rezept gegen den Terror haben sich in den 13 Tagen seit Beginn des Bombardements allerdings ein paar Mythen herausgeschält, die den Blick verstellen auf die Erfolge.
Aber noch gefährlicher: Sie unterstellen allesamt, dass die angegriffene Gesellschaftsordnung hilflos gegen den Terror sei – ein Trugschluss, der auf Dauer zu einer politischen Lähmung führen kann.
Himbeeren statt Kerker
Mythos Nummer eins:
Militärschläge nutzen nichts, sie provozieren nur noch mehr Gewalt.
Antwort: Stimmt nicht, denn in der richtigen Dosierung sind Militärschläge offenbar doch erfolgreich, siehe oben.
Gleichwohl kommt es auf die richtige Balance von Politik und Militär an, besonders um eine unnötige Radikalisierung der islamistischen Gefolgsleute zu vermeiden.
Diesen Balanceakt ist die Anti-Terror-Koalition bereit zu riskieren. Auch deshalb ist die Verbindung der Luftschläge mit humanitärer Hilfe wichtig – als Signal an die afghanische Bevölkerung, dass die Bomben dem Regime gelten, nicht den unterdrückten Menschen.
Und wer den Abwurf von Himbeermarmelade als zynisch empfindet, der möge die Taliban davon überzeugen, humanitäre Helfer künftig nicht einzukerkern, sondern ihre Arbeit tun zu lassen.
Eine Radikalisierung lässt sich nur langfristig bekämpfen.
Wer jetzt den USA und ihrer Allianz unterstellt, es fehlte ihnen dafür der Atem, der zaudert unnötig früh. Außerdem unterschätzt er den Willen in großen Teilen der islamischen Welt, Extremismus in den eigenen Gesellschaften auszumerzen.
Solange noch mehr arabische Jugendliche an amerikanischen Universitäten studieren wollen, als es Freiwillige für ein Selbstmordattentat gibt, so lange besteht Hoffnung.
Mythos Nummer zwei:
Terror ist die Antwort auf Jahrzehnte fehlgeleiteter Außenpolitik der USA, aber auch auf die unterdrückerische Politik der Regime in der Region. Terror ist der Aufschrei der Entrechteten.
Antwort: Das Argument legitimiert ungewollt den Terror, aber Terror lässt sich nicht legitimieren. Terror richtet sich zielgenau gegen Unbeteiligte und Wehrlose. Terror ist heimtückisch und hinterhältig.
Terror tötet nicht nur, er sät Angst und zerstört damit gesellschaftliche Ordnungen. Terror lässt sich nicht entschuldigen, weil Terror bewusst den politischen Weg verhöhnt. Wer Terror wählt, schert sich nicht um Rückhalt und Mehrheiten. Deswegen kann Terror auch nicht die Antwort auf Politik sein, selbst wenn die fehlgeleitet ist.
Recht und Unrecht etwa im Kampf der Israelis und Palästinenser zu unterscheiden ist nach Jahrzehnten der Gewalt im Nahen Osten nahezu unmöglich geworden.
Die Zumessung von Schuld wie in einem Gerichtsverfahren wird nicht gelingen.
Möglich ist lediglich die Beruhigung, später dann die politische Versöhnung, der Weg des Ausgleichs. Als dieser Ausgleich im Herbst 2000 in Camp David gesucht und beinahe gefunden wurde, da trainierten Terroristen im Flugsimulator.
Politik – ob fehlgeleitet oder auf dem richtigen Weg – war ihnen offenbar gleich.
Wer sich von den Mythen nicht blenden lässt, sieht sich gleichwohl einem komplizierten politischen Problem gegenüber. Aber jetzt schon lässt sich eine Botschaft aus den ersten Wochen nach dem 11. September ziehen:
Es gibt eine Antwort auf den Terror.
von Stephan Cornelius
Süddeutsche Zeitung