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Vollständige Version anzeigen : Von der Sehnsucht, kein Opfer mehr zu sein


Eliska
24.10.2001, 19:28
Ein israelisches Tagebuch / Von David Grossman

Samstag, 13. Oktober

Der Schabbat eignet sich wunderbar dazu, den Luftschutzraum aufzuräumen. Während meine Frau und ich emsig all das Gerümpel hinausschaffen, das sich seit der Zeit, in der wir das letzte Mal einen Krieg befürchteten (vor einem Jahr, beim Ausbruch der Intifada), dort angesammelt hat, brütet meine kleine Tochter über der Gästeliste für ihren bevorstehenden Geburtstag. Die große Frage lautet: Soll man Tali einladen, obwohl sie bei deren Geburtstag nicht eingeladen war? Wir erörtern das Problem mit dem gebührenden Ernst, schon um wenigstens einen Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten. Seit den Anschlägen in den Vereinigten Staaten ist uns sogar die Illusion einer täglichen Routine genommen, die Möglichkeit, auf eine logische Kontinuität zu vertrauen. Ständig schwebt der Gedanke in der Luft: Wer weiß, wo wir in einem Monat sein werden.

Wir wissen bereits, daß unser Leben nicht mehr so aussehen wird wie vor dem 11. September. Als die Zwillingstürme einstürzten, tat sich ein langer, tiefer Riß in der alten Wirklichkeit auf, und durch diesen Spalt dringt nun das dumpfe Donnergrollen all dessen, was daraus hervorbrechen könnte - Gewalt, Brutalität, Fanatismus und Wahnsinn. Alles ist plötzlich möglich. Durch die neue Lage ist die Versuchung, zu zerstören und zu metzeln, gewissermaßen losgetreten und an die Oberfläche der menschlichen Verhaltensweisen geschwemmt worden, ist die Verlockung entstanden, alles Lebende in Stücke zu reißen, vom Körper des einzelnen bis zum Zerschlagen von Gesellschaft, Recht, Staat und Kultur. So nackt und zerbrechlich wirkt plötzlich der Wunsch, das Bestehende und Alltägliche zu wahren. So rührend und sogar heroisch erscheint das Bemühen, irgendeine Routine fortzuführen, Familie, Haus und Freunde zusammenzuhalten (wir beschließen, Tali einzuladen).

Sonntag, 14. Oktober

Zum Glück kam der Vorschlag, dieses Tagebuch zu verfassen, in einer Zeit, in der ich gerade eine neue Geschichte zu schreiben begonnen habe. Andernfalls wäre mein Tagebuch vermutlich sehr deprimierend ausgefallen. Es sind schon etliche Monate vergangen, seitdem ich das vorige Buch abgeschlossen habe, und ich spürte, daß die Schreibpause sich bereits negativ bei mir bemerkbar machte. Wenn ich nicht schreibe, habe ich das Gefühl, in Wahrheit nichts zu verstehen. Alles, was mir passiert, sämtliche Ereignisse, Aussprüche und Begegnungen, scheint nebeneinander herzulaufen, ohne sich zu berühren. Aber sobald ich eine neue Geschichte angefangen habe, reiht sich plötzlich alles an einem Faden auf. Jedes Geschehnis nährt und belebt die anderen. Jede Szene, die ich sehe, jeder Mensch, dem ich begegne, ist ein verborgener Hinweis, der darauf wartet, von mir entschlüsselt zu werden.

Ich schreibe eine Geschichte über einen Mann und eine Frau. Das heißt, sie hat als Kurzgeschichte über einen Mann angefangen, aber die Frau, die er traf - ursprünglich nur als Zufallsbekanntschaft konzipiert, die sich seine Geschichte anhört -, interessiert mich plötzlich nicht weniger als er. Ich frage mich, ob es in literarischer Hinsicht richtig ist, ihr derart nachzugeben. Sie stört das labile Gleichgewicht, das diese Geschichte braucht. Gestern nacht bin ich aufgewacht mit dem Gedanken, ich müßte sie vielleicht ganz herausnehmen und durch eine andere, "blassere" Figur ersetzen, die den Helden meiner Geschichte nicht überschatten würde. Aber als ich sie am Morgen geschrieben sah, konnte ich mich nicht von ihr trennen, zumindest nicht, ohne sie erst ein bißchen besser kennengelernt zu haben. Ich schrieb sie den ganzen Tag.

Jetzt ist es fast Mitternacht. Wenn ich eine Geschichte schreibe, versuche ich, mit einem unfertigen Gedanken einzuschlafen, einem Gedanken, der mir nicht gänzlich plausibel ist, in der Hoffnung, daß er nachts, im Traum, ausreift. Es ist so aufregend und stärkend, mit Hilfe einer Geschichte der Abstumpfung zu entfliehen, die mir das Leben in dieser Katastrophengegend auferlegt. Es ist so gut, sich wieder lebendig zu fühlen.

Montag, 15. Oktober

Immer wieder lese ich in der europäischen Presse feindselige Bemerkungen über Israel. Teils schiebt man dem Land gar die Verantwortung für die jüngsten Ereignisse in die Schuhe. Es empört mich, wie begierig gewisse Kreise Israel als Sündenbock benutzen. Als wäre Israel der eine simple, fast schon alleinige Grund, um den Terror und Haß, den der Westen derzeit zu spüren bekommt, zu "rechtfertigen". Bestürzend ist auch die Tatsache, daß Israel nicht eingeladen wurde, sich der Allianz gegen den Terror anzuschließen, während Syrien und Iran (!) dazugebeten wurden.

Mir scheint, diese und andere Ereignisse (die Durban-Konferenz und ihre Haltung zu Israel; die rassistische islamische Hetze in dieser Richtung) bewirken einen tiefen Wandel im israelischen Selbstverständnis: Die Israelis, die in ihrer Mehrzahl geglaubt hatten, irgendwie schon der Tragik des jüdischen Schicksals entkommen zu sein, haben jetzt das Gefühl, von ebendieser Tragik wieder eingeholt zu werden. Plötzlich wird klar, wie weit sie noch von dem "verheißenen Land" entfernt sind, wie verbreitet die stereotypen Vorstellungen von "dem Juden" noch leben, ebenso wie der Antisemitismus, der sich häufig hinter extremem (vermeintlich "legitimem") Antiisraelismus verbirgt.

Ich habe große Kritik an Israels Verhalten, aber in den letzten Wochen spüre ich, daß sich die Feindseligkeit in den Medien nicht nur aus dem Verhalten der Scharon-Regierung speist. Der Mensch spürt so was tief drinnen, subkutan. Ich empfinde es als leises Vibrieren, das bis in meine archaischsten Gedächtniszellen einsickert, bis in die Zeiten, in denen der Jude nicht als Mensch von Fleisch und Blut galt, sondern immer als Sinnbild für etwas anderes herhalten mußte, als Exempel oder haarsträubende Metapher. "Sie stellen also fest", sagte gestern der Moderator am Schluß eines BBC-Programms zu einem arabischen Interviewgast, "daß Israel der Grund für das Unheil ist, das die Welt heute vergiftet. Ich wünsche allen Zuschauern einen guten Abend."

Dienstag, 16. Oktober

Schon seit zwei Tagen etwa ist die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern im Rückgang begriffen. Das an Enttäuschungen gewöhnte Herz weigert sich noch, Optimismus einzulassen, aber wegen der Beruhigung der Lage darf man sich ohne Gewissensbisse dem Schreiben widmen. Die Frau in meiner Geschichte nimmt immer mehr Raum ein. Ich habe keine Ahnung, wohin sie mich führen wird. Sie hat etwas Bitteres und Grenzenloses an sich, das mich ängstigt und anzieht. Immer gibt es diese riesige Erwartung zu Beginn einer Geschichte: daß diese Geschichte mich überraschen wird. Ja, mehr noch - ich möchte, daß diese Geschichte mich regelrecht betrügt; daß sie mich entgegen meiner ausdrücklichen Absicht an den Haaren packt und zu den mir gefährlichsten Orten zerrt. Daß sie alle bequemen und schützenden Gerüste meines Lebens niederreißt und zerbröselt. Daß sie alles auseinandernimmt: mich, meine Beziehung zu meinen Kindern und zu meiner Frau und zu meinen Eltern, zu meinem Land, zu der Gesellschaft, in der ich lebe, und zu meiner Sprache.

Kein Wunder, daß es so schwierig ist, in eine neue Geschichte einzusteigen. Die Seele erschrickt. Wie alles Lebende strebt sie danach, in ihrer Routine zu verharren. Warum sollte sie bei diesem Selbstzerstörungswerk mitmachen? Was fehlt ihr denn jetzt? Vielleicht brauche ich deshalb so lange, um einen Roman zu schreiben. Als müßte ich in den ersten Monaten Schicht für Schicht einen "grauen Star" von der widerstrebenden Seele abtragen.

Mittwoch, 17. Oktober

Nur wer die neuesten Nachrichten nicht gehört hat, lächelt. So schrieb Bertolt Brecht. Morgens um halb acht meldet das Radio den Anschlag auf den israelischen Minister Rechaweam Seewi. Seewi gehörte zu den extremsten israelischen Politikern, was die Haltung gegenüber den Palästinensern betraf. Ich habe seinen Anschauungen nie zugestimmt. Aber ein solcher Terrorakt ist furchtbar und ungerechtfertigt. Dieser Meinung bin ich auch dann, wenn Israel eine palästinensische Führungspersönlichkeit ermordet. Israel - und jeder andere Staat - hat selbstverständlich das Recht, sich zu schützen, wenn ein Terrorist mit einer "tickenden Bombe" am Leib zu einem Anschlag unterwegs ist. Rechaweam Seewi war, trotz seiner Ansichten, nicht so einer.

Es wird einem angst ums Herz: Wer weiß, wie die Lage jetzt eskalieren wird. In den letzten zwei Tagen hatte sie sich relativ beruhigt, fast wagten wir schon wieder voll durchzuatmen. Nun ist die Falle für uns mit einem Schlag erneut zugeschnappt. Wieder werde ich daran erinnert, wie sehr die unerträgliche Leichtigkeit des Todes über uns herrscht (ich schreibe in dem Gefühl, hier die letzten Tage vor einer großen Katastrophe zu dokumentieren).

Trotzdem hatte ich gestern einen kleinen, privaten Trostmoment: Wie jeden Dienstag lernte ich mit meiner Chawruta, einem Freund und einer Freundin, mit denen ich mich treffe, um Bibel und Talmud, aber auch Kafka und Agnon durchzunehmen. Die Chawruta ist eine uralte jüdische "Institution", eine Studiengruppe, die in Debatte und spitzfindiger Exegese gemeinsam lernt und den Geist schärft. Mit den Jahren haben wir eine Art privates Idiom der Assoziationen und Erinnerungen entwickelt. Ich bin der "Freidenker" unter ihnen, aber mit diesen guten Freunden führe ich schon zehn Jahre lang einen lebhaften, anregenden und aufregenden Dialog. Wenn wir lernen, finde ich Anschluß an die jahrtausendealte Folge jüdischer Gelehrter und Dichter. Ich stoße zum Urgrund der hebräischen Sprache und des jüdischen Denkens vor. Ich verstehe plötzlich den Code, der im gesellschaftlichen und politischen Verhaltenskodex des heutigen Israel verborgen liegt. Bei aller Verwirrung und Verlorenheit, die mich umgeben, habe ich plötzlich ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Donnerstag, 18. Oktober

Alles bricht zusammen. Israelische Truppen dringen in das palästinensische Ramallah vor. Ein Tag der Gefechte. Sechs Palästinenser werden getötet, darunter ein zehnjähriges Mädchen und ein hoher PLO-Mann, der für die Ermordung mehrerer Israelis verantwortlich war. Ein israelischer Staatsbürger wird von Palästinensern erschossen, die aus dem Dorf des zuvor getöteten PLO-Mannes stammen. Der labile Waffenstillstand ist dahin, und wer weiß, wie lange es dauern wird, ihn wieder auf die Beine zu stellen. Ich rufe einen der Menschen an, mit denen ich in solchen Momenten die Verzweiflung teilen kann: Achmed Harb, ein palästinensischer Schriftsteller aus Ramallah. Ein Freund. Er erzählt mir von den Schüssen, die er hört. Erzählt auch von dem Optimismus, der bis vorgestern, bis zur Ermordung Seewis, unter den Palästinensern aufgekommen war. "Sieh dir an, wie die Extremisten beider Seiten zusammenarbeiten", sagt er, "und sieh, mit welch durchschlagendem Erfolg . . ." Vorgestern hatte Israel, erstmals seit Wochen, die Abriegelung Ramallahs aufgehoben. Nach dem Mord an Seewi wurden die Blockaden wieder errichtet. Ich frage, ob ich irgendwie helfen könne. Er lacht: "Wir wollen nur Bewegungsfreiheit, aus der Stadt ein- und ausgehen können."

Zwischen den Nachrichtensendungen, den Sirenen der Krankenwagen und dem Geknatter der Hubschrauber, die ständig am Himmel kreisen, versuche ich mich abzuschotten und darum zu ringen, an meiner Geschichte weiterzuschreiben. Nicht um der Wirklichkeit den Rücken zu kehren - die Wirklichkeit ist da, wirkt ohnehin wie eine Säure, die jede Schutzschicht "auffrißt" -, sondern in dem Gefühl, daß in der gegenwärtigen Lage allein schon der Akt des Schreibens zur Protesthandlung wird, zu einem Akt der Selbstbestimmung in einer Lage, die mich buchstäblich auszulöschen droht. Wenn ich schreibe oder phantasiere oder auch nur eine einzige neue Wortverbindung schaffe, gelingt es mir gewissermaßen - für kurze Zeit -, die Willkür und Despotie "der Lage" zu überwinden. Einen Augenblick lang bin ich kein Opfer.

Freitag, 19. Oktober

Die Woche geht ihrem Ende zu. Die Ereignisse haben sich derart überstürzt, daß ich über viele wichtige und liebe Dinge nicht mehr schreiben konnte: über meinen Sohn, der ein surrealistisches Stück für die Theatergruppe seiner Oberschule verfaßt, und über das Fußballspiel zwischen Manchester United und Deportiva la Coruña, das wir uns gemeinsam angesehen haben (mit dem skandalösen Tor, das Barthez einstecken mußte); über meine Tochter, die eine wissenschaftliche Studie über ihren Wellensittich anfertigt; über meinen Ältesten, der seinen Militärdienst leistet und um den ich ständig in Sorge bin; und auch über unseren fünfundzwanzigjährigen Hochzeitstag diese Woche, den wir in großer Sorge feierten: Wird es uns gelingen, diesen verletzlichen Familienverband auch in den kommenden Jahren zu bewahren?

So viele geliebte Dinge und private Momente gehen wegen Angst und Gewalt verloren. Soviel Kreativität, Phantasie und Verstand werden heute auf Zerstörung und Tod gerichtet (oder auf den Schutz der eigenen Existenz gegen Zerstörung und Tod). Manchmal hat man das Gefühl, daß die meisten Energien in die Wahrung der Daseinsgrenzen investiert werden. Ich fürchte, wenn es hier keinen Frieden gibt, werden wir alle langsam wie eine Rüstung, in der kein Ritter mehr steckt.

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama.

Der israelische Schriftsteller David Grossman lebt in Jerusalem, wo er 1954 geboren wurde. Zuletzt erschien der Roman "Wohin du mich führst".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2001, Nr. 247 / Seite 49