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Vollständige Version anzeigen : Krieg im heiligen Ramadan


KA111
26.10.2001, 00:58
Was ein Krieg während des Ramadans bedeutet

Von Alia Begisheva

Islamische Staaten fordern eine Unterbrechung der US-Angriffe auf Afghanistan während des heiligen Monats Ramadan, der um den 17. November herum beginnt. Doch Amerika weist darauf hin, dass Muslime selbst während des Ramadans Kriege geführt haben. Und das stimmt.



Hamburg - "O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren. Vielleicht werdet ihr Allah fürchten", lautet der Vers 183 in der zweiten Sure des Korans. Fasten ist neben Glaubenbekenntnis, Beten, Wallfahrt und Almosen eine der fünf tragenden Säulen des Islam. Rund ein Fünftel der Weltbevölkerung folgt dieser religiösen Tradition. Mit dem Fasten wollen die gläubigen Muslime Allah für seine Gaben danken und lernen, in Askese zu leben. Durch das Fasten werden dem Gläubigen alle Sünden vergeben.
Je näher der Ramadan, der heilige Monat der Muslime, rückt, desto größer wird der Druck auf die USA. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf warnte vor einem Widerstand der islamischen Welt im Falle einer Fortsetzung der Bombardements im Fastenmonat.

"Für Muslime ist Ramadan eine sehr wichtige Zeit", sagt eine gläubige Türkin aus Frankfurt am Main, "allein aus Respekt vor den Menschen müssen die Amerikaner die Militäraktion zumindest unterbrechen." So wie diese Frau denken viele Muslime. Sie habe überhaupt keine Zweifel daran, dass eine Fortsetzung der Angriffe auf Afghanistan die ganze muslimische Welt gegen Amerika aufbringen werde, so die 30-Jährige.

Der Fastenmonat Ramadan fällt nach dem islamischen Mondkalender jedes Jahr auf ein anderes Datum. In diesem Jahr beginnt er je nach Land - in Abhängigkeit davon, wann man den Mondsichel sieht - um den 17. November herum. Das "Fest der gnädigen Reinigung" dauert 30 Tage. Jeder neue Fastentag beginnt, wenn das Auge einen schwarzen von einem weißen Faden unterscheiden kann. Er endet mit dem Sonnenuntergang. Dazwischen dürfen die Muslime, die während des Ramadans sich mit allen Armen und Hungernden solidarisieren wollen, weder essen, noch trinken, noch rauchen. Auch körperliche Liebe und laute Musik sind verboten. Regelverstöße werden in orthodoxen Ländern wie Pakistan, Oman, Iran oder im Nordjemen hart bestraft. Das gilt nicht nur für gläubige Muslime, sondern für alle, die sich zu dem Zeitpunkt im Land aufhalten. Kinder, Kranke, Reisende und stillende Frauen sind unter anderen von diesen Regeln befreit. Das wirtschaftliche Leben wird während des Ramadans in den islamischen Ländern stark zurückgefahren. Die sozialen Kontakte treten in den Vordergrund.

Der tägliche Höhepunkt des Ramadans ist der Iftar, das festliche Abendessen: Dabei isst man zunächst eine Dattel, so wie es auch der Prophet getan hat, anschließend gibt es meistens ein großes Gelage. Auch das Frühmahl Sahur vor Sonnenaufgang ist üppig. Besondere Bedeutung hat die 27. Nacht des Ramadans: Einer Überlieferung zufolge übergab der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed in dieser "Nacht der Bestimmung" bei Mekka den Koran. Der Fastenmonat wird mit Bairam, dem "Zuckerfest" beendet. Die Armen erhalten Almosen, um feiern zu können.

USA vor einem Dilemma



Nach den unmissverständlichen Forderungen Pakistans und anderer islamischen Länder nach einer Feuerpause steht Amerika vor einem Dilemma: Einerseits riskiert man die islamischen Verbündeten zu verlieren, andererseits verliert man kostbare Zeit. Denn nach dem Ramadan ist in Afghanistan längst Winter - die wichtigen Straßen in den Bergen werden unpassierbar sein, die Temperaturen fallen bis zu unter 20 Grad Celsius. Der Einsatz der Bodentruppen wäre nahezu aussichtslos.

Die USA setzten ihr guten Ruf bei den Afghanen aufs Spiel, sagt Andreas Rieck vom Deutschen Orient-Institut in Hamburg. "Weil die Amerikaner das Land im Krieg gegen die Russen unterstützt hatten, war die afghanische Bevölkerung bislang nicht gegen die Amerikaner eingestellt." Die Forderung der islamischen Welt nach dem Ende der Militäraktion vor Beginn des Fastenmonats sei kein taktischer Zug, sondern entspringe einem religiösen Bedürfnis: Es gehe nicht um die Taliban, sondern um die Glaubensbrüder.

Dürfen während des Ramadans Kriege geführt werden?

"Traditionell wurden die Kriege während des Ramadans und während der zwei folgenden heiligen Monaten unterbrochen", sagt Schirin Fathi vom Orientalischen Seminar der Universität Hamburg. "Das hat nicht nur spirituelle, sondern auch ganz praktische Gründe." Wer den ganzen Tag nichts essen darf, sei einfach kein guter Krieger.

Für den US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ist der Ramadan bislang kein Grund zur Unterbrechung der Angriffe. Vor kurzem sagte er: "Die Geschichte ist voll von Beispielen, dass auch muslimische Länder an verschiedenen für sie wichtigen religiösen Feiertagen gegeneinander oder gegen andere Staaten gekämpft haben."

In der Tat: 1973 hatten zum Beispiel Ägypten und Syrien während des heiligen Monats Israel angegriffen. Und auch während des afghanischen Bürgerkrieges gab es keine Feuerpause. Auch in Algerien, wo Kommandos radikal-islamischer Gruppen brutal gegen die Zivilbevölkerung vorgehen, wird von Extremisten auf Spiritualität keine Rücksicht genommen. Allein während des Ramadans 1999 wurden 160 Menschen Opfer von Anschlägen.



Ali Hamed vom Muslimischen College in London sagte in diesem Zusammenhang gegenüber der Zeitung "The Guardian": "Ramadan ist zwar ein heiliger Monat, in dem Muslime besonders andächtig sind. Doch nichts kann sie von Kämpfen in dieser Zeit abhalten. Die erste islamische Schlacht überhaupt wurde im Ramadan begonnen."

Auch im Tschetschenien-Krieg halten sich weder die Russen noch die tschetschenischen Partisanen an die muslimischen Traditionen: Im Fastenmonat Ramadan geht der Krieg in der Kaukasusrepublik mit unverminderter Grausamkeit weiter.

Doch es gibt auch andere Beispiele: So hatte sich Äthiopien während des Krieges gegen das Nachbarland Eritrea an religiöse Vorschriften gehalten, genau so der Iran und der Irak im acht Jahre dauernden Krieg während der achtziger Jahre. Am ersten Tag des muslimischen Fastenmonats hat US-Präsident Bill Clinton 1998 den umstrittenen Vier-Tage-Krieg gegen den Irak für beendet erklärt. Auch im Konflikt zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir herrschte Waffenstillstand während des heiligen Monats.

Dennoch steht für die islamischen Verbündeten der USA fest: Wenn Muslime im Ramadan gegeneinander kämpfen, dann ist das eine Sache, wenn Nicht-Muslime aber Muslime angreifen, eine andere. Die Regierungen in Pakistan, Indonesien und vielen anderen islamischen Ländern fürchten neue Proteste, sollten Zivilisten in einer Zeit getötet werden, in der ihre Religion Beten und Einkehr verlangt.

SPIEGEL

Matze
26.10.2001, 01:04
Als ob sich da einer der Taliban drum kümmert, in der Zeit mal niemanden zu massakrieren wegen einer anderen Einstellung, ich glaube nicht:(.

Krieg ist Krieg, das hat man sich so ausgesucht von allen Seiten, da kann man nicht mal eben aufhören und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, ob nun moslem oder kathole / evangele :D.....

Matze

KA111
26.10.2001, 02:16
Du übersiehst da, vielleicht etwas unsensibel: Die dann explosive Zerstörungswut etlicher religiös-emotional aufgeheizter Radikalinskies aus allen möglichen Ländern, die im harakirimäßigen Alleingang einen Terror-Job als Martyrer machen. Dieser Krieg ist mit bisherigen nicht vergleichbar.
Gruß
Konrad