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Vollständige Version anzeigen : Perspektive Deutschland - Internet-Umfrage


Eliska
31.10.2001, 19:14
Ein Klick für den Ruck

Mit einer Internet-Umfrage zu Politik und Gesellschaft will die Unternehmensberatung McKinsey Deutschland voranbringen.

Fast hätte man die Zukunft angesichts des Terrors der Gegenwart schon vergessen. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass Politiker den berühmten Ruck forderten, der durch Deutschland gehen soll. Dass dieser Ruck jetzt durch viele Mausklicks zustande kommt, hoffen zumindest die Initiatoren der weltweit größten Internet- Befragung zu Gesellschaft und Politik. Unter dem Namen „Perspektive Deutschland“ ist jetzt eine Umfrage im Netz gestartet worden. Ihre Ergebnisse sollen Politikern Druck machen, erwartet Jürgen Kluge, Chef der Unternehmensberatung McKinsey, die neben dem Online-Magazin stern.de und dem Provider T-Online die nicht-kommerzielle Internet-Studie finanziert.

Bereits 3.500 Auskunftswillige haben innerhalb von sechs Tagen den Fragebogen ausgefüllt. Das lässt die Initiatoren hoffen, dass bis zum Jahresende mindestens 100.000, vielleicht sogar 200.000 Bürger teilnehmen werden. Die von Wissenschaftlern entworfenen Fragen betreffen Erwartungen an den Staat, etwa ob er die Rente garantieren soll oder den öffentlichen Verkehr finanzieren muss, aber auch das Verständnis von Erziehung („Wie wichtig sind Pflichtbewusstsein und Höflichkeit?“).

Bildungkrise, Arbeitslose, Schuldenberg – vieles deute darauf hin, dass der Staat überfordert sei, wirbt McKinsey für die Umfrage und appelliert im Internet zugleich an die Staatsbürgerpflicht, an der Umfrage teilzunehmen („eine Viertelstunde kann unser Land voranbringen“).

Dass Ergebnisse der Studie, die im Januar publik gemacht werden sollen, in die Schublade wandern, erwartet man bei McKinsey nicht.
„Man wird sich damit beschäftigen müssen“, glaubt Kluge.
Deutschland stehe vor einer Bundestagswahl und brauche die Diskussion über die Zukunft.

Wegen der angepeilten großen Teilnehmerzahl lasse die Studie auch regionale Ergebnisse zu. Zum Beispiel werde man erfahren, was die Menschen in einem bestimmten Landkreis von der staatlich finanzierten Kinderbetreuung halten.

Nun ist das Internet bekanntermaßen ein Medium, das vor allem jüngere Männer nutzen. Die Allensbacher Meinungsforscher etwa lehnen das Netz als Methode deshalb ab.
„Das hat nichts mit der Bevölkerung zu tun“, sagt Allensbach-Sprecher Edgar Piel und verweist auf Telefon-Umfragen mit zweifelhaften Ergebnissen in den neuen Ländern kurz nach der Wende, als nur Auserwählte einen Anschluss hatten.

„Perspektive Deutschland“ soll dennoch für die Gesamtbevölkerung repräsentative Ergebnisse liefern. Zum einen läuft derzeit eine traditionelle Befragung von 3000 Bürgern, die den selben Fragebogen wie im Internet ausfüllen. Zum anderen gebe es, erklärt der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze, der die Studie betreut und auswertet, Techniken, die Daten der Internet-Befragung so zu gewichten, dass sie repräsentativ sind. „Außerdem nähern sich die Populationen im Internet und in der realen Welt an“, ist Kluge überzeugt.

Wissenschaftliche Unterstützung erhält „Perspektive Deutschland“ zudem vom letztjährigen Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel McFadden, der an der University of California in Berkeley forscht. Dort hat er kürzlich ein „Virtuelles Labor“ eingerichtet – für Meinungsumfragen. Weil das Internet so weit reichend und der Zugang billig sei, hätten Netz-Umfragen ein riesiges Potential, so McFadden.

Herkömmliche Meinungsumfragen kosten etwa 100 Mark pro Teilnehmer. Bei hunderttausend wären das zehn Millionen Mark. Wie viel McKinsey sich die Studie kosten lässt, will das Unternehmen nicht verraten, doch es dürfte erheblich weniger sein. Ganz abgesehen davon, dass die Firma ein Eigeninteresse hegt – sie will in Zukunft vermehrt den öffentlichen Sektor beraten.

Von Jeanne Rubner
Süddeutsche Zeitung

Fragebogen: Perspektive Deutschland
www.perspektive-deutschland.de