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Vollständige Version anzeigen : Vorsicht Falle - befristete Arbeitsverträge


Eliska
31.10.2001, 20:03
Wer einen befristeten Arbeitsvertrag unterschreibt, verbaut sich womöglich die Zukunft. Schuld ist ein neues Gesetz, das Arbeitnehmer eigentlich schützen soll

von Stefanie Scharbau

Eigentlich war es ja gut gemeint: Ein neues Gesetz sollte Arbeitnehmer absichern, aus befristeten Verträgen sollten unbefristete werden. Heraus kam aber das Gegenteil: Statt mehr feste Stellen zu schaffen, machen die Arbeitgeber die Schotten dicht. Wer schon einmal befristet beschäftigt war, bekommt keine zweite Chance auf einen Zeitvertrag - denn er könnte eine unbefristete Stelle einklagen.

Diese Bestimmung hätte für Proteste sorgen müssen. Doch sie ist versteckt in den Paragrafen des Teilzeit- und Befristungsgesetzes vom 1. Januar 2001. Die Auswirkungen werden erst jetzt deutlich: Wer nach einem Zeitvertrag ein zweites Mal für denselben Arbeitgeber tätig werden will, kann dies laut Gesetz nur mit einem unbefristeten Vertrag. Gleich, ob der erste Vertrag 20 Jahre oder zwei Monate zurückliegt, gleich, ob es sich um eine vierwöchige Aushilfstätigkeit oder eine Zweijahresbeschäftigung handelte. Doch mit Festeinstellungen sind Arbeitgeber geizig. In schlechten Zeiten sowieso, aber auch in guten. Sie haben Angst, dass sie sich nur schwer von den Mitarbeitern wieder trennen können, sollten die Umsätze sinken.

"Das Gesetz ist eine Katastrophe", sagt Ingrid Kolb, Leiterin der Hamburger Henri-Nannen-Schule, der Journalistenschule von Gruner + Jahr und der ZEIT. "Vor allem bei Zeitschriften bekommen junge Journalisten schon seit Jahren zunächst nur befristete Verträge, egal, wie gut oder schlecht die Geschäfte laufen." So sind die Berufsanfänger der Medienbranche die Leidtragenden. Verlage und Hörfunksender wollen flexibel bleiben und die Zahl der unbefristet Beschäftigten möglichst gering halten. Der Verlag Gruner + Jahr bietet beispielsweise Halbjahres- und Jahresverträge an, Burda und Bauer und der Handelsblatt-Verlag vergeben ebenfalls Jahresverträge. Der Axel Springer Verlag versucht, eigenen Journalistenschülern Planstellen anzubieten, weicht aber häufig auf Zeitverträge aus. Ähnlich sieht es beim Hamburger Spiegel-Verlag aus. Auch der WDR und der NDR beschäftigen viele Mitarbeiter über befristete Verträge.

Die Personalabteilungen reden ungern über das Dilemma. Vielmehr beteuern die Verlage, dass einzelne Verträge seit Inkrafttreten des Gesetzes "entfristet" wurden. Die Betonung liegt allerdings auf einzeln; es sind nur sehr wenige, die wegen des Gesetzes eine Planstelle bekommen haben.

Susanne Lange* gehört zu den Benachteiligten der Regelung. Die ehemalige Henri-Nannen-Schülerin hatte sich auf eine für zwei Jahre befristete Redakteursstelle bei einer überregionalen Zeitung beworben und den Job schon so gut wie sicher. Doch dann kam das Nein. Die Rechtsabteilung hatte die Angelegenheit geprüft: Die 30-Jährige war Ende vergangenen Jahres bereits für zwei Monate als Aushilfe beim Verlag beschäftigt gewesen. Nur eine Festanstellung hätte eine erneute Beschäftigung möglich gemacht. Das wollte der Verlag nicht und entschied sich deshalb für eine andere Bewerberin.


"Das haben wir nicht gewollt"

"Viele junge Leute haben schon mal Zeitverträge unterschrieben. Und jede Berufserfahrung ist doch wichtig", sagt Ingrid Kolb. Von diesen schon bewährten Kräften wollen die Verlage jetzt aber lieber die Finger lassen, sagt eine Gruner + Jahr-Betriebsrätin. Auch wenn das niemand öffentlich zugibt.

Die Gewerkschaften schützen dabei die Betroffenen nicht. "Die Probleme sind Auswirkungen eines Gesetzes, das wir so nie gewollt haben", sagt Martina Pereng, Referatsleiterin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). "Wir sind für unbefristete Arbeitsverhältnisse, da können wir eben keine Befristungen erleichtern." Wie passt es dann zusammen, dass der DGB das Gesetz mit auf den Weg gebracht hat?

"Das Teilzeit- und Befristungsgesetz erschien uns als Gesamtpaket akzeptabel", erklärt Martina Pereng. Die Gewerkschaften feiern es als Erfolg, dass dank des Gesetzes jeder Mitarbeiter Rechtsanspruch auf eine Teilzeitstelle hat. Die Befris-tungsregelung haben sie als Kröte geschluckt. Personalabteilungen, aber auch Betriebsräte argumentieren anders. "Wir können nach wie vor befristet einstellen", sagt eine Axel-Springer-Betriebsrätin. "Es muss lediglich ein sachlicher Grund gegeben sein." Der Gesetzgeber hat den Unternehmen tatsächlich zugestanden, dass es Situationen gibt, in denen befristete Verträge sinnvoll sind. Schwangerschafts- oder Krankheitsvertretungen beispielsweise. In diesen Fällen sind Befristungen auch über das Höchstmaß von zwei Jahren möglich, sogar mehrmals hintereinander. Hat ein Mitarbeiter sich bewährt, kann man ihn trotzdem nicht einfach so zwei Jahre weiterbeschäftigen.

Nicht nur die Medienbranche ist betroffen: Beschäftigte des Hotel- und Gaststättengewerbes, der Landwirtschaft und vieler Produktionsbetriebe werden überdurchschnittlich häufig befristet eingestellt. Das Gleiche gilt für Schauspieler und Krankenhausärzte. Im Jahr 2000 hatten fast zehn Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland einen befristeten Vertrag. Häufig bleibt es nicht bei einem. An Halbjahresverträge schließen sich Jahresverträge an, an Jahresverträge wiederum Halbjahresverträge. Der Arbeitnehmer lebt in permanenter Unsicherheit über seine Zukunft.

"Das geht so weit, dass unsere Kollegen wegen der Belastung psychische Probleme bekommen", sagt Joseph-Michael Leucker, Betriebsrat eines Siemens-Werkes in Nordrhein-Westfalen. 2400 Beschäftigte haben hier Ende letzten Jahres Mobiltelefone hergestellt, fast die Hälfte aller Mitarbeiter mit befristetem Vertrag. Aufgrund des stark schwankenden Handy-Absatzes wollte die Geschäftsführung sich nicht ausschließlich an feste Mitarbeiter binden. Seit Inkrafttreten des Befristungsgesetzes mussten mehrere hundert Mitarbeiter gehen. Sie waren bereits maximal zwei Jahre befristet beschäftigt gewesen. Heute haben viele von ihnen einen Vertrag mit einer Zeitarbeitsfirma und arbeiten im selben Werk - für knapp 1000 Mark weniger.

Auch "in der Medienbranche wurden keine Planstellen im nennenswerten Umfang geschaffen", sagt Manfred Moos von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, zuständiger Medienbeauftragter im Landesvorstand Hessen. Viele Verlage weichen auf neue oder freie Mitarbeiter aus.


Warten auf die Planstelle

Im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, das zuständig für dieses Gesetz ist, gibt man sich gespalten. "Entlassungen haben wir nicht gewollt", sagt der Referent Harald Widlak. Aber das Gesetz würde ja auch Neueinstellungen erleichtern, sagt Widlak. Der Katalog der Sachgründe wurde nämlich weit gefasst: Für Projekt- und Saisonarbeit können beispielsweise befristete Verträge vergeben werden. Junge Menschen, die ihre Ausbildung oder ihr Studium absolviert haben, dürfen unmittelbar danach befristet beschäftigt werden. Selbst zur "Erprobung" eines Mitarbeiters können Zeitverträge geschlossen werden.

"Das Gesetz lässt viel Raum für Interpretationen", sagt Wolfgang Brinkmeier, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Hamburg. Doch das bedeutet nicht, dass die Unternehmen es auch zugunsten ihrer Arbeitnehmer auslegen. "Die Arbeitgeber gehen äußerst vorsichtig vor", sagt Brinkmeier. Wird ihnen nämlich nachgewiesen, dass die Befristung eines Vertrages unwirksam ist, gilt dieser als auf unbestimmte Zeit geschlossen.

"Ich hätte den Zweimonatsvertrag nie unterschrieben, wenn mich vorher jemand informiert hätte", sagt die ehemalige Henri-Nannen-Schülerin Susanne Lange. Auch im Burda Verlag wäre es bei genügend Vorlauf wohl nicht zu einem "Härtefall" gekommen. "Einer unserer technischen Redakteure war bereits über zwei Jahre befristet beschäftigt. Anschließend gab es leider keine Planstelle für ihn", erzählt eine Betriebsrätin. Der junge Mann ist heute arbeitslos, hat aber vom Verlag die Zusage, dass er die nächste verfügbare Planstelle bekommt. Wann das sein wird, vermag der Betriebsrat nicht zu sagen.

* Name von der Redaktion geändert


DIE ZEIT - Chancen 44/2001

Ralph
31.10.2001, 20:08
Jetzt kann man dieses Instrument sicherlich in die Schublade "Deregulierung des ARbeitsmarktes" packen ....... dies wird zwar immer wieder und immer wieder gefordert ..... wenn man sich aber diese Entwicklungen ansieht, dann muss man schon sagen, dass man sich in ganz schöne Probleme manövrieren kann .... und das nicht als Unternehmenr !

Ralph

Matze
31.10.2001, 20:10
Das ist echt übel, aber irgendwo denke ich, sind die Möglichkeiten, Mitarbeiter freizusetzen auch entsprechend ausreichend. Probezeiten bis zu 6 Monaten ermöglichen doch Zeit genug, einen potentiellen, neuen Mitarbeiter kennenzulernen. Nach aktuellem Kündigungsrecht können Mitarbeiter unter 2 Jahren Betriebszugehörigkeit mit einer Frist von vier Wochen freigesetzt werden. Das sollte auch bei heutigen Verhältnissen Zeit genug sein für eine Planung, so denke ich da zumindest drüber! Über die Verhältnisse dadrüber, müsste man allerdings auch sicherlich nochmals reden, aber für einen Arbeitnehmer hängt eine Menge davon ab, z.B. ob das Arbeitsamt dann entsprechend "überbrückt"...., das diese auch eingehalten werden!

Matze
->frisch freigesetzt :D :D

Eliska
26.11.2001, 20:25
Die Industrie- und Handelskammern wollen das Teilzeitgesetz zu Fall bringen.

Von Michael Bauchmüller und Andreas Hoffmann

[SZ vom 27.11.2001) Am Teilzeitgesetz lässt Martin Wansleben kein gutes Haar. „Das Gesetz verunsichert die Wirtschaft und hemmt Neu-Einstellung“, sagte der neue Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) am Montag in Berlin. Die rot-grüne Bundesregierung habe mit Eingriffen im Arbeitsrecht eher dazu beigetragen, Stellen abzubauen, als neue zu schaffen.

„Rund 250000 Stellen gäbe es mehr, wenn die neuen Gesetze zur Teilzeit nicht eingeführt worden wären“, hat der neue Verbandsvertreter gezählt. Dabei verwies er auf eine DIHK-Umfrage bei 2000 Unternehmen. Die Personalchefs zögerten nun bei der Einstellung.

Verunsichert seien vor allem mittelständische Betriebe. Besonders Frauen würde der Teilzeitanspruch mehr schaden als nützen, meinte Wansleben. Denn die Personalchefs befürchteten nun, dass jüngere Beschäftige später ihren gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit durchsetzen wollten.

„Die Chancen für Frauen am Arbeitsmarkt verschlechtern sich.“ Ähnlich kritisch beurteilt Wansleben die neuen Regeln für befristete Arbeitsverhältnisse. Nach DIHK-Angaben halten sich viele Betriebe mit Neu-Einstellungen zurück, seit sie nur noch für insgesamt zwei Jahre befristete Arbeitsverträge abschließen dürfen.

Wansleben verlangte deshalb, die Fristen zu lockern. Wer schon einmal in einem Unternehmen für begrenzte Zeit gearbeitet habe, müsse nach einer sechsmonatigen Wartezeit wieder einen Kurzzeitjob annehmen können.

Arbeitsminister Walter Riester (SPD) lehnte die Kritik ab. Die Möglichkeiten für befristete Verträge seien nicht eingeschränkt, sondern erweitert worden, sagte er. Die von Wansleben genannte Zahl von 250000 verlorenen Jobs durch die Reform der Teilzeitarbeit bezeichnete er als „absolute Idiotie“. Zumindest bis August seien nicht weniger, sondern mehr Frauen beschäftigt worden. „Wenn auf diese Art Zahlen in die Welt gesetzt werden, dann wundert mich gar nichts mehr“, sagte er in Berlin.

Neben dem Abbau von bürokratischen Regeln setzen die Arbeitgeber auch verstärkt auf die Tarifpolitik. Der Präsident Gesamtmetall, Martin Kannegießer, macht sich für zweistufige Tarifverträge stark. „Wir sollten künftig einen Teil des Lohnes an die betriebliche Leistungsentwicklung knüpfen“, sagte er der Welt. Das Gehalt sollten Gewerkschaften und Arbeitgebern teilweise auf Branchen-, aber auch auf Betriebsebene aushandeln. Es sei immer schwerer, einen einheitlichen Lohnsatz für alle Betriebe zu finden.


BDI: Nun die Lohnpolitik

Reformen bei der Lohnpolitik fordert auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Im „Policy-Mix“ aus Lohn-, Geld- und Fiskalpolitik seien nach den Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank nun die Tarifpartner am Zuge.

„Schon das Gerede über harte Lohnrunden und kurze Vertragslaufzeiten ist Gift für die Konjunktur“, sagte BDI-Präsident Michael Rogowski. Der „richtige Weg zu mehr Beschäftigung“ führe über Lohnanpassungen, die den Produktivitätsspielraum nicht ausschöpften.

Unterdessen wächst der Druck auf die Koalition, der nahenden Rezession entgegenzusteuern. So kritisierte der IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel ungewohnt deutlich den wirtschaftspolitischen Kurs von Bundeskanzler Gerhard Schröder.

„Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen, jetzt muss gehandelt werden“, schrieb er in einem Beitrag für die Gewerkschaftszeitschrift. Die Politik der ruhigen Hand reiche nicht aus. Im Winter würden vier Millionen Menschen ohne Job sein.

Auch die Wachstumsprognosen böten „keinen Anlass zum Jubeln“. Die Koalition müsse sich stärker wieder den Themen Arbeit und Beschäftigung widmen, verlangte der Gewerkschafter. Bislangaber schweige sich die SPD aus, wie sie dem Ziel der Vollbeschäftigung näher kommen wolle.

Auch der grüne Fraktionschef Rezzo Schlauch mahnte, SPD und Grüne müsste sich mehr den aktuellen Problemen stellen: „Oben an steht die Bewältigung der Arbeitslosigkeit.“ Seine Partei trete dafür ein, weitere Brücken von der Sozial- und Arbeitslosenhilfe in den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. „Wir wollen ein Einstiegsgehalt schaffen. Und wir wollen die Teilzeitmauer im Bereich der 630-DM-Jobs abbauen.“ In Zukunft solle es einen Niedriglohnsektor bis 1800 DM geben.

Entgegen den Forderungen des NRW-Arbeitsministers Harald Schartau (SPD) wird die nächste Runde des Bündnis für Arbeit erst Mitte Dezember stattfinden. Wie aus Gewerkschaftskreisen verlautet, wolle die IG Metall zunächst ihren Kurs in der Tarifpolitik abstecken.

sueddeutsche.de