KA111
08.11.2001, 03:12
I N T E R V I E W
"Außerordentlich schwankend"
Investmentberater Gerd Bennewirtz über die Qualität von Bio-Tech-Fonds und die Fähigkeiten ihrer Manager
Von Elke Dolle-Helms (Gesprächsführung)
DIE ZEIT: Herr Bennewirtz, sollten Anleger jetzt wieder in Biotechnologie-Aktien einsteigen? Schließlich schreiben viele Unternehmen dieses Sektors immer noch rote Zahlen.
Gerd Bennewirtz: Das Nachfragepotenzial nach Leistungen dieser Unternehmen ist enorm. Zwei Drittel aller Erkrankungen sind heute mit Medikamenten noch gar nicht behandelbar. Die Marktchancen ausgereifter Mittel gegen derzeit unheilbare Krankheiten wie Aids, Krebs und Alzheimer gelten als gigantisch.
ZEIT: Was bedeutet das konkret?
Bennewirtz: Ein Beispiel: Das umsatzstärkste Medikament der Welt, der Blutgerinnungshemmer Losec von der Firma AstraZeneca, hat im vergangenen Jahr 6,1 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Hinzu kommt die deutliche Verschiebung von der Pharmaindustrie hin zur Biotechnologie: Nach einer Prognose der Beratungsfirma Ernst & Young werden die Umsätze der US-Biotechnologie bis zum Jahr 2004 um jährlich 24 Prozent steigen. Der Pharmaindustrie traut man eine Steigerung von nur zehn Prozent pro Jahr zu.
ZEIT: Nach welchen Kriterien werden Bio-Tech-Aktien beurteilt?
Bennewirtz: Die Domäne der Biotechnologie sind aufwändige Screening-Verfahren, in denen erfolgversprechende Substanzen identifiziert und auf ihre Eigenschaften hin getestet werden. Interessant für den Anleger werden die Unternehmen dann, wenn die Medikamente kurz vor der Marktreife stehen. Als erfolgversprechend gelten sie, wenn sie Krankheiten nicht nur besser als bisher, sondern auch zu einem günstigeren Preis-Leistungs-Verhältnis behandeln können.
ZEIT: Der Fall Lipobay hat gezeigt, dass sich auch bereits erfolgreiche Medikamente wegen unerwarteter Nebenwirkungen noch als Flop erweisen können. Ein Rückschlag für die gesamte Branche?
Bennewirtz: Nein, das sehe ich nicht so. Andere Pharmawerte haben sich von dem Bayer-Dilemma nicht beeindrucken lassen. Der gesamte Sektor ist grundsätzlich außerordentlich volatil und wird es künftig auch bleiben. Auch das "Perpetuum mobile Biotechnologie" läuft eben nicht ohne Reibungsverluste. Dafür lockt ein überproportionales Wachstum. Weltweit haben Bio-Tech-Unternehmen derzeit etwa 370 Wirkstoffe in der Forschungsphase III. Wenn diese Arzneien wirken, werden sie auch gekauft.
ZEIT: Wie findet der Anleger einen guten Bio-Tech-Fonds?
Bennewirtz: Wer wenig Geld hat, sollte die Finger davon lassen. Anleger, die Geld übrig haben, das sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht brauchen, sollten sich die Gewinnpotenziale dieses Sektors nicht entgehen lassen. Drei Punkte sind wichtig: Das Fondsmanagement sollte über wissenschaftliche Fachkompetenz verfügen, also etwa eine Zusatzausbildung als Biochemiker haben. Ein weiteres Kriterium ist eine überdurchschnittliche Wertentwicklung in der Vergangenheit. Unabdingbar ist schließlich der Blick auf die Gewichtung des Fondsvermögens.
ZEIT: Die Bezeichnungen der Investmentgesellschaften für ihre Fonds sind sehr verwirrend. Nur selten verbirgt sich im Fondsvermögen das, was der Name suggeriert. Sollte man einen Mischfonds bevorzugen oder eher auf reine Bio-Tech-Fonds setzen?
Bennewirtz: Die Anlagerichtlinien haben in der Tat häufig undeutliche Konturen, die Produktklarheit lässt zu wünschen übrig. Dem Anleger bleibt nichts anderes übrig, als sich genau darüber zu informieren, welche Aktien der Fondsmanager kauft. Welcher Fonds der richtige ist, richtet sich letztlich nach der Risikopräferenz. Konservative Anleger sollten auf große und mittlere Unternehmen setzen und darauf achten, dass das Fondsvermögen auch Pharmawerte enthält. Wer mutiger ist, darf durchaus in reine Bio-Tech-Werte und kleinere Unternehmen investieren.
Gerd Bennewirtz gründete vor zwölf Jahren die unabhängige SJB Fondsberatung in Korschenbroich bei Düsseldorf
DIE ZEIT
"Außerordentlich schwankend"
Investmentberater Gerd Bennewirtz über die Qualität von Bio-Tech-Fonds und die Fähigkeiten ihrer Manager
Von Elke Dolle-Helms (Gesprächsführung)
DIE ZEIT: Herr Bennewirtz, sollten Anleger jetzt wieder in Biotechnologie-Aktien einsteigen? Schließlich schreiben viele Unternehmen dieses Sektors immer noch rote Zahlen.
Gerd Bennewirtz: Das Nachfragepotenzial nach Leistungen dieser Unternehmen ist enorm. Zwei Drittel aller Erkrankungen sind heute mit Medikamenten noch gar nicht behandelbar. Die Marktchancen ausgereifter Mittel gegen derzeit unheilbare Krankheiten wie Aids, Krebs und Alzheimer gelten als gigantisch.
ZEIT: Was bedeutet das konkret?
Bennewirtz: Ein Beispiel: Das umsatzstärkste Medikament der Welt, der Blutgerinnungshemmer Losec von der Firma AstraZeneca, hat im vergangenen Jahr 6,1 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Hinzu kommt die deutliche Verschiebung von der Pharmaindustrie hin zur Biotechnologie: Nach einer Prognose der Beratungsfirma Ernst & Young werden die Umsätze der US-Biotechnologie bis zum Jahr 2004 um jährlich 24 Prozent steigen. Der Pharmaindustrie traut man eine Steigerung von nur zehn Prozent pro Jahr zu.
ZEIT: Nach welchen Kriterien werden Bio-Tech-Aktien beurteilt?
Bennewirtz: Die Domäne der Biotechnologie sind aufwändige Screening-Verfahren, in denen erfolgversprechende Substanzen identifiziert und auf ihre Eigenschaften hin getestet werden. Interessant für den Anleger werden die Unternehmen dann, wenn die Medikamente kurz vor der Marktreife stehen. Als erfolgversprechend gelten sie, wenn sie Krankheiten nicht nur besser als bisher, sondern auch zu einem günstigeren Preis-Leistungs-Verhältnis behandeln können.
ZEIT: Der Fall Lipobay hat gezeigt, dass sich auch bereits erfolgreiche Medikamente wegen unerwarteter Nebenwirkungen noch als Flop erweisen können. Ein Rückschlag für die gesamte Branche?
Bennewirtz: Nein, das sehe ich nicht so. Andere Pharmawerte haben sich von dem Bayer-Dilemma nicht beeindrucken lassen. Der gesamte Sektor ist grundsätzlich außerordentlich volatil und wird es künftig auch bleiben. Auch das "Perpetuum mobile Biotechnologie" läuft eben nicht ohne Reibungsverluste. Dafür lockt ein überproportionales Wachstum. Weltweit haben Bio-Tech-Unternehmen derzeit etwa 370 Wirkstoffe in der Forschungsphase III. Wenn diese Arzneien wirken, werden sie auch gekauft.
ZEIT: Wie findet der Anleger einen guten Bio-Tech-Fonds?
Bennewirtz: Wer wenig Geld hat, sollte die Finger davon lassen. Anleger, die Geld übrig haben, das sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht brauchen, sollten sich die Gewinnpotenziale dieses Sektors nicht entgehen lassen. Drei Punkte sind wichtig: Das Fondsmanagement sollte über wissenschaftliche Fachkompetenz verfügen, also etwa eine Zusatzausbildung als Biochemiker haben. Ein weiteres Kriterium ist eine überdurchschnittliche Wertentwicklung in der Vergangenheit. Unabdingbar ist schließlich der Blick auf die Gewichtung des Fondsvermögens.
ZEIT: Die Bezeichnungen der Investmentgesellschaften für ihre Fonds sind sehr verwirrend. Nur selten verbirgt sich im Fondsvermögen das, was der Name suggeriert. Sollte man einen Mischfonds bevorzugen oder eher auf reine Bio-Tech-Fonds setzen?
Bennewirtz: Die Anlagerichtlinien haben in der Tat häufig undeutliche Konturen, die Produktklarheit lässt zu wünschen übrig. Dem Anleger bleibt nichts anderes übrig, als sich genau darüber zu informieren, welche Aktien der Fondsmanager kauft. Welcher Fonds der richtige ist, richtet sich letztlich nach der Risikopräferenz. Konservative Anleger sollten auf große und mittlere Unternehmen setzen und darauf achten, dass das Fondsvermögen auch Pharmawerte enthält. Wer mutiger ist, darf durchaus in reine Bio-Tech-Werte und kleinere Unternehmen investieren.
Gerd Bennewirtz gründete vor zwölf Jahren die unabhängige SJB Fondsberatung in Korschenbroich bei Düsseldorf
DIE ZEIT