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Vollständige Version anzeigen : Börsen im Frühstart?


KA111
22.11.2001, 00:30
Erleben die Börsen derzeit einen Frühstart?

Analysten sprechen kaum noch von Unterbewertung des Gesamtmarktes / Zinsphantasie ist verschwunden


dri. NEW YORK, 21. November. Die Investoren an der Wall Street treten auf die Bremse. Nach einer acht Wochen langen Rally, welche die populären Aktienmarktindizes deutlich über das Niveau vom 10. September, dem Tag vor den Terroranschlägen auf Amerika, gehievt hat, nehmen die kritischen Zwischentöne wieder zu. Zwar sind Kassandrarufer, die nochmals einen Test der Tiefstände vom September fürchten, nur mehr eine kleine Minderheit. Es wächst aber die Angst vor einem Frühstart, da eine schnelle Konjunkturwende nach wie vor nur ein Hoffnungswert zu sein scheint. Die Investmentstrategen der großen Wertpapierhäuser sprechen auch kaum mehr von einer Unterbewertung des Gesamtmarktes, wie dies noch vor wenigen Wochen der Fall war. "Wir denken nicht, daß Aktien inzwischen überbewertet sind, aber wir sind wieder in einem Korridor fairer Bewertungen angekommen", gibt Ed Keon, quantitativer Aktienstratege bei Prudential Financial, den gängigen Tenor wieder.

Technisch betrachtet, befindet sich die Wall Street seit Wochenbeginn sogar wieder in einem "Bullenmarkt". Am Montag schloß der Dow Jones Industrial Average mit 9976,46 Punkten und damit um gut 1740 Punkte oder 21,1 Prozent über dem Tiefstand vom 21. September. Und ein Kursanstieg von 20 Prozent signalisiert aus technischer Sicht einen Bullenmarkt. Der Nasdaq Composite hat in der gleichen Periode sogar um 35,9 Prozent zugelegt, während der marktbreite Index von Standard & Poor's (S&P 500) knapp unter der Marke von 20 Prozent blieb.

Selten zuvor hat die Wall Street freilich einen Bullenmarkt mit so wenig Überzeugung eingeleitet. Denn es fehlt nach wie vor die wesentliche Ingredienz für eine nachhaltige Hausse, nämlich die Aussicht auf deutlich steigende Gewinne in den Unternehmen. Der Blick über das Tal verheißt nicht nur einen langsamen Aufstieg. Das Tal selbst wird auch immer tiefer und länger. Festzustehen scheint, daß das laufende Quartal mindestens so schlecht ausfallen wird wie das dritte, in dem die operativen Gewinne der S&P-500-Unternehmen nach Angaben von Thomson Financial/First Call um 21 bis 22 Prozent gefallen sind.

Fortsetzung auf Seite 30.

Laut Chuck Hill von First Call sind auch die Analystenschätzungen für das erste und das zweite Quartal nächsten Jahres weiterhin "im freien Fall". "Wir glauben, daß die Prognosen der Analysten und Strategen für das Jahr 2002 zu hoch sind, und erwarten daher beträchtliche Korrekturen nach unten, insbesondere Anfang Dezember und Anfang Januar", sagt Hill.

Konsolidiert man alle Analystenschätzungen für die S & P-500-Unternehmen, errechnet sich für das kommende Jahr ein Gewinn je Aktie von gut 53 Dollar. Gegenüber der Gewinnschätzung für dieses Jahr würde dies einem Ergebniszuwachs von 15 Prozent gleichkommen - nach einem geschätzten Minus von 15 bis 16 Prozent in diesem Jahr. Daß der Blick der Analysten noch zu rosig ausfällt, zeigt schon allein der Umstand, daß für die Technologieunternehmen des S & P 500 eine unrealistisch anmutende Gewinnsteigerung von 44 Prozent prognostiziert wird. Anfang September hatte sich sogar noch ein Zuwachs von 66 Prozent errechnet.

Doch selbst wenn man den unwahrscheinlichen Fall unterstellt, daß die Analysten das Gewinnpotential des nächsten Jahres richtig einschätzen, läßt sich daraus kaum mehr ein Kaufsignal für den Gesamtmarkt ableiten. Der S & P 500 wird demnach zur Zeit mit dem Faktor 21 bis 22 des für 2002 erwarteten Gewinnes bewertet. Dies entspricht einer Gewinnrendite (Kehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses) von bis zu 4,8 Prozent. Und dies deckt sich ziemlich genau mit der aktuellen Rendite amerikanischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit. "Aktien sind verglichen mit Anleihen nicht mehr billig", sagt denn auch Prudential-Stratege Keon.

Dies gilt freilich erst seit der vergangenen Woche. Denn seither scheinen auch die Anleger am Anleihemarkt die Erwartung zu hegen, daß die derzeitige Rezession nicht nur moderat ausfallen wird, sondern daß ihr schon im ersten Halbjahr nächsten Jahres ein Aufschwung folgen wird. Anders läßt sich der dramatische Kursverfall der Staatsanleihen (Treasuries) in der vergangenen Woche nicht interpretieren. Die Rendite der Zehnjährigen schoß um 54 Basispunkte auf 4,85 Prozent hoch. Einen derart starken Zinsanstieg binnen einer Woche hat es in der jüngeren Geschichte der Wall Street nur selten gegeben. Katalysatoren der Verkaufswelle waren die Fortschritte in Afghanistan und überraschend stark ausgefallene Einzelhandelszahlen für Oktober. Im Rausch dieses Ausverkaufs ist der Terminhandel sogar so weit gegangen, weitere Zinssenkungen durch die Federal Reserve fast auszuschließen und ab Mitte nächsten Jahres Zinserhöhungen vorwegzunehmen. Die Zinsphantasie ist damit beinahe völlig verschwunden.

Allerdings warnen Ökonomen, daß der Anleihemarkt die Konjunkturwende zu schnell und zu aggressiv vorwegnimmt. "Der Ausverkauf erscheint aus unserer Sicht übertrieben", sagt Bruce Steinberg, Chefökonom von Merrill Lynch. Die Schwierigkeit sei, daß die Gewinnmargen in den Unternehmen im laufenden Quartal wahrscheinlich auf das niedrigste Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg gefallen seien. Um ihre Profitabilität wiederherzustellen, müssen die Unternehmen weiterhin Arbeitsplätze abbauen, sagt Steinberg. Und dieser Prozeß werde noch Monate andauern, was wahrscheinlich zu abnehmenden Konsumausgaben führen werde. Die Kapazitätsauslastung der produzierenden Industrie liege mit 73,1 Prozent auf dem tiefsten Niveau seit 18 Jahren und werde noch weiter fallen. In einem solchen Umfeld könnten Unternehmen keine Preiserhöhungen durchsetzen. Der Anstieg der Anleiherenditen sei aber auch wegen des scharfen Ölpreisverfalls bemerkenswert. Die Drohung eines Preiskrieges durch die Opec könne zwar letztendlich zu höheren Ölpreisen führen, allerdings erst nach einem weiteren Preisverfall.

Wenn sich der Ölpreis auf dem gegenwärtigen Niveau stabilisieren würde, könnte dies den amerikanischen Verbrauchern im nächsten Jahr einen Kaufkraftzuwachs von bis zu 90 Milliarden Dollar bescheren, sagt Steinberg. Dies würde der Größenordnung des Konjunkturpakets entsprechen, über dessen Details derzeit noch im amerikanischen Kongreß gerungen wird. Barton Biggs, der Investmentstratege von Morgan Stanley, sieht die Gefahr, daß das Signal einer V-förmigen Konjunkturerholung, das jetzt von den Finanz- und Rohstoffmärkten ausgehe, die Dringlichkeit weiterer fiskalischer und geldpolitischer Anreize verwässere.

Dies würde letztendlich das Konjunkturtal vertiefen und verlängern. Biggs rät seiner Klientel, die extremen Preisbewegungen bei Staatsanleihen und Öl dazu zu nutzen, Anleihen und Energieaktien zu kaufen.

FAZ.NET

MillenniumBroker
22.11.2001, 20:35
Den schnellen Anstieg der letzten Wochen sehe ich erst mal beendet.

Jetzt rücken die Kunjunkturdaten wieder in den Vordergrund, welche in jüngster Vergangenheit ignoriert wurden...

MillenniumBroker

LISA
22.11.2001, 22:44
Wie dem auch sei - eins haben wir während dieser Rallye
krass beobachten können: die Gier der "Anleger" ist ungestillt!
Und wird wieder aufflackern, sobald die Nachrichtenlage
positive Ansätze zeigt, denn Liquidität ist massig da, dafür
hat Greenspan gesorgt.

Konsolidierung? Ja. Rallye? Ja. Crash? Nein.

Die Beweggründe für diese Rally sind immer noch aktuell
und werden sich nicht ändern, solange keine Terrorattacken
und kein Wirtschaftskollaps die aufkeimenden Hoffnungen
zunichte machen. Denn Börse ist unterm Strich nur Hoffnung,
Hoffnung auf die Zukunft, und sonst gar nichts.

Gruß
Lisa