KA111
29.11.2001, 11:56
Ökosteuer-Debatte verärgert Börsianer
Von der EU beabsichtigte Streichung von Steuernachlässen würde Gewinne der zyklischen Branchen stark treffen
EU-Pläne belasten die Aktien energieintensiver Unternehmen
Foto: DW
Von Holger Zschäpitz
Frankfurt/Main – EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti wird zum Schreckgespenst für die deutsche Grundstoffindustrie. Als böse Überraschung will der oberste europäische Wettbewerbshüter Steuernachlässe für energieintensive Branchen zum Kippen bringen. So müssen Konzerne wie BASF, Bayer oder Thyssen-Krupp in Deutschland gegenwärtig nicht den vollen Ökosteuersatz, sondern nur einen Bruchteil zahlen, was Monti als unerlaubte Beihilfe betrachtet. Sollte er sich mit seinem Ansinnen durchsetzen, könnten die Unternehmen bereits ab März 2002 bei der Energie stärker zur Kasse gebeten werden. Im Klartext: Den ohnehin gebeutelten Branchen Chemie, Stahl und Bergbau drohen Mehrausgaben von bis zu 2,5 Mrd. Euro – Belastungen, die voll auf die Gewinne der Unternehmen durchschlagen würden.
Bei Experten verstärken die EU-Pläne die Konjunktursorgen. Die Reaktion der Börsianer fiel daher auch eindeutig aus. Gerade die zyklischen energieintensiven Chemieunternehmen wie BASF und Bayer büßten gestern kräftig Terrain ein. Der Dax stürzte unter die 5000-Punkte-Marke. Mit einem Minus von zeitweise über zwei Prozent war die deutsche Börse insgesamt einer der größten Verlierer weltweit. „Das ist nun wirklich die falsche Medizin für die vom Abschwung mit am stärksten betroffenen Unternehmen“, sagt Thomas Schießle, Analyst bei Delbrück Asset Management. Die indirekte Steuererhöhung passe einfach nicht ins konjunkturelle Umfeld.
Nachteile befürchten Experten sogar für die gesamte deutsche Börse. „Eine Abschaffung der steuerlichen Nachlässe für energieintensive Branchen würde den Standort Deutschland insgesamt verteuern und die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen massiv verschlechtern“, sagt Nasseer Panju, Analyst bei Hauck & Aufhäuser. Die Branchen hätten mit den Ausnahmetatbeständen bisher gut leben können. „Nun käme zu den jetzt schon schwachen Aussichten ein weiterer Belastungsfaktor dazu.“
Tatsächlich leiden die deutschen Grundstoffanbieter schon heute unter der schwachen Konjunktur. Nach zwei negativen Wachstumsquartalen in Folge befindet sich Deutschland als einziges Land der EU bereits in der Rezession. Eine indirekte Steuererhöhung – nichts anderes wäre die von Monti angestrebte Reform der Ökosteuer – würde die Konjunktur weiter belasten.
Ein Gewinneinbruch droht vor allem jenen Branchen, bei denen Energie den größten Kostenblock ausmacht. Analysten nennen als Erstes die Stahlindustrie und hier Thyssen-Krupp. Das Unternehmen verbraucht allein zur Erzeugung von jährlich zehn Mio. Tonnen Rohstahl 52 770 Mio. Megawattstunden (MWh) Energie. Ein Wegfall der Steuerbegünstigungen könnte das Betriebsergebnis nach ersten Überschlagsrechnungen von Analysten um einen hohen Millionenbetrag verhageln.
Ungemach droht aber auch der Chemieindustrie und hier besonders BASF. „Die Ludwigshafener sind wegen des hohen Anteils an Grundstoffchemie der größte börsennotierte Energieverbraucher der Branche“, sagt Christian Schlimm von CAI Cheuvreux. Er hat die negativen Effekte für BASF durchgerechnet und kommt zu wenig erfreulichen Ergebnissen. Sollten die Steuervergünstigungen abgeschafft werden, müsste das Unternehmen für seine im Inland verbrauchten 16,9 Mio. Megawattstunden (MWh) künftig 240 Mio. Euro mehr entrichten. „Das entspricht zehn bis 15 Prozent des operativen Gewinns“, zeigt Schlimm die Dimensionen für BASF. Auch Henkel, Bayer, Degussa und Celanese seien negativ betroffen. Die Auswirkungen seien jedoch wesentlich geringer.
Insgesamt hoffen aber viele Börsianer noch auf eine Einigung mit den Brüsseler Wettbewerbshütern. Ansonsten könnten Unternehmen zu drastischen Maßnahmen greifen. Mögliche Folge: „An vielen deutschen Standorten ginge dann das Licht aus.“
Die Welt
Von der EU beabsichtigte Streichung von Steuernachlässen würde Gewinne der zyklischen Branchen stark treffen
EU-Pläne belasten die Aktien energieintensiver Unternehmen
Foto: DW
Von Holger Zschäpitz
Frankfurt/Main – EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti wird zum Schreckgespenst für die deutsche Grundstoffindustrie. Als böse Überraschung will der oberste europäische Wettbewerbshüter Steuernachlässe für energieintensive Branchen zum Kippen bringen. So müssen Konzerne wie BASF, Bayer oder Thyssen-Krupp in Deutschland gegenwärtig nicht den vollen Ökosteuersatz, sondern nur einen Bruchteil zahlen, was Monti als unerlaubte Beihilfe betrachtet. Sollte er sich mit seinem Ansinnen durchsetzen, könnten die Unternehmen bereits ab März 2002 bei der Energie stärker zur Kasse gebeten werden. Im Klartext: Den ohnehin gebeutelten Branchen Chemie, Stahl und Bergbau drohen Mehrausgaben von bis zu 2,5 Mrd. Euro – Belastungen, die voll auf die Gewinne der Unternehmen durchschlagen würden.
Bei Experten verstärken die EU-Pläne die Konjunktursorgen. Die Reaktion der Börsianer fiel daher auch eindeutig aus. Gerade die zyklischen energieintensiven Chemieunternehmen wie BASF und Bayer büßten gestern kräftig Terrain ein. Der Dax stürzte unter die 5000-Punkte-Marke. Mit einem Minus von zeitweise über zwei Prozent war die deutsche Börse insgesamt einer der größten Verlierer weltweit. „Das ist nun wirklich die falsche Medizin für die vom Abschwung mit am stärksten betroffenen Unternehmen“, sagt Thomas Schießle, Analyst bei Delbrück Asset Management. Die indirekte Steuererhöhung passe einfach nicht ins konjunkturelle Umfeld.
Nachteile befürchten Experten sogar für die gesamte deutsche Börse. „Eine Abschaffung der steuerlichen Nachlässe für energieintensive Branchen würde den Standort Deutschland insgesamt verteuern und die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen massiv verschlechtern“, sagt Nasseer Panju, Analyst bei Hauck & Aufhäuser. Die Branchen hätten mit den Ausnahmetatbeständen bisher gut leben können. „Nun käme zu den jetzt schon schwachen Aussichten ein weiterer Belastungsfaktor dazu.“
Tatsächlich leiden die deutschen Grundstoffanbieter schon heute unter der schwachen Konjunktur. Nach zwei negativen Wachstumsquartalen in Folge befindet sich Deutschland als einziges Land der EU bereits in der Rezession. Eine indirekte Steuererhöhung – nichts anderes wäre die von Monti angestrebte Reform der Ökosteuer – würde die Konjunktur weiter belasten.
Ein Gewinneinbruch droht vor allem jenen Branchen, bei denen Energie den größten Kostenblock ausmacht. Analysten nennen als Erstes die Stahlindustrie und hier Thyssen-Krupp. Das Unternehmen verbraucht allein zur Erzeugung von jährlich zehn Mio. Tonnen Rohstahl 52 770 Mio. Megawattstunden (MWh) Energie. Ein Wegfall der Steuerbegünstigungen könnte das Betriebsergebnis nach ersten Überschlagsrechnungen von Analysten um einen hohen Millionenbetrag verhageln.
Ungemach droht aber auch der Chemieindustrie und hier besonders BASF. „Die Ludwigshafener sind wegen des hohen Anteils an Grundstoffchemie der größte börsennotierte Energieverbraucher der Branche“, sagt Christian Schlimm von CAI Cheuvreux. Er hat die negativen Effekte für BASF durchgerechnet und kommt zu wenig erfreulichen Ergebnissen. Sollten die Steuervergünstigungen abgeschafft werden, müsste das Unternehmen für seine im Inland verbrauchten 16,9 Mio. Megawattstunden (MWh) künftig 240 Mio. Euro mehr entrichten. „Das entspricht zehn bis 15 Prozent des operativen Gewinns“, zeigt Schlimm die Dimensionen für BASF. Auch Henkel, Bayer, Degussa und Celanese seien negativ betroffen. Die Auswirkungen seien jedoch wesentlich geringer.
Insgesamt hoffen aber viele Börsianer noch auf eine Einigung mit den Brüsseler Wettbewerbshütern. Ansonsten könnten Unternehmen zu drastischen Maßnahmen greifen. Mögliche Folge: „An vielen deutschen Standorten ginge dann das Licht aus.“
Die Welt