PDA

Vollständige Version anzeigen : Fallende Preise für Gen-Medikamente. Klassen-Medizin. Lachende Patentanwälte


KA111
12.12.2001, 02:00
B I O T E C H N O L O G I E

"Gute Zeiten für Patentanwälte"




Rasch sinkende Preise für Genmedikamente erwartet der führende Molekularbiologe Axel Ullrich.






Embryo unter dem Elekronenmikroskop


Frankfurt - Der Molekularbiologe und Robert-Koch-Preisträger 2001, Axel Ullrich, erwartet innerhalb der kommenden fünf bis zehn Jahre günstigere Preise bei den derzeit sehr teuren gentechnisch entwickelten Medikamenten. Dies zeichne sich ab, da derzeit mehrere Firmen parallel an gleichartigen Substanzen gegen bestimmte Krankheiten forschten, sagte Ullrich. "Die Behandlungsstrategie wird die gleiche sein, und somit werden die Produkte konkurrieren und unter Preisdruck stehen."

Innovative Medikamente zur Tumor-Bekämpfung

Bei den im molekularbiologischen Bereich oft auftretenden Streitigkeiten über Patente könne er sich keine schnelle Lösung vorstellen, sagte Ulrich und prognostizierte gute Zeiten für Patentanwälte. Im umstrittenen Gebiet der embryonalen Stammzellenforschung plädiert der Molekularbiologe gegen ein Verbot. Medikamente, die auf gentechnischer Basis entwickelt wurden, seien absolut innovativ und die derzeit hohen Preise dafür durchaus gerechtfertigt, sagte Ullrich. "In näherer Zukunft wird es da Änderungen geben, alleine dadurch, dass mehrere Medikamente für die gleichen Indikationen und basierend auf gleichen Targets (Angriffspunkte für Wirkstoffe) von verschiedenen Wettbewerbern entwickelt werden." Absehbar sei eine entsprechende Entwicklung zum Beispiel bei Antiangiogenese-Medikamenten. Dies sind Arzneimittel, die die Versorgung eines Tumors mit Blutgefäßen verhindern und ihm somit die Lebensgrundlage entziehen sollen. Derzeit forschten mehrere Unternehmen parallel an entsprechenden Substanzen.

Ullrich entwickelte Medikament gegen Brustkrebs

"Wenn sich von entwickelten Medikamenten mehrere durchsetzen sollen, funktioniert das über den Preis", sagte Ullrich. Diese Konkurrenz gebe es bei den derzeit jungen Arzneimitteln wie Herceptin (Brustkrebsmedikament) noch nicht, sie sei jedoch in zwei bis fünf Jahren zu erwarten. Der Krebsexperte hatte Mitte der achtziger Jahre bei der mittlerweile weltweit zweitgrößten Biotechnologiefirma Genentech das Krebsgen Her2/neu entdeckt und damit die Grundlage zur Entwicklung von Herceptin gelegt. Herceptin ist das erste Medikament, das bei Brustkrebs mit einer spezifischen Erbgutveränderung wirkt. Für seine Entwicklung erhielt Ullrich im November den Robert-Koch-Preis. Herceptin ist seit 1998 auf dem Markt und wurde Ende 2000 in Deutschland zugelassen. Im dritten Quartal 2001 erzielte Genentech mit Herceptin einen Umsatz von knapp 84 Millionen Dollar. Die Einmonats-Behandlung kostet laut Ullrich etwa 5000 Mark. Mit einem anderen neuartigen Medikament, dem Lymphknotenkrebsmittel Rituxan, erlöste Genentech im dritten Quartal bereits mehr als 210 Millionen Dollar. Die Entwicklungskosten eines neuen Präparats liegen nach Branchenschätzungen derzeit bei bis zu 800 Millionen Dollar.

Maßgeschneiderte Therapien für Wohlhabende

Zunehmenden Druck bei der Preisgestaltung erwartet Ullrich durch die Krankenkassen. "Ich sehe durchaus die Möglichkeit, dass Krankenkassen sagen, das ist uns zu teuer, dafür zahlen wir nicht." Absehbar sei, dass sich eine Klassen-Medizin herausbilde, in der Wohlhabende sich maßgeschneiderte Medikamente finanzieren. Solche Entwicklungen gebe es bereits in den USA. Neben der Finanzierungsfrage gilt auch die Patentsituation im Bereich der genetischen Forschung als problematisch. Zum einen sind sich Wissenschaftler uneins, ab welchem Wissensstand ein Gen patentiert werden kann, zum anderen versuchen Firmen Ullrich zufolge, an Wettbewerber erteilte Patente zu umgehen.

"Wenn ein Gen sich als wertvolles Zielgen für die Medikamentenentwicklung erweist, dann werden Firmen auf jeden Fall versuchen, ein Patent niederzuschlagen", sagte Ullrich. Oft entwickelten Firmen trotz vergebener Patente eigene Medikamente und hofften darauf, dass der Rechteinhaber auf eine Klage verzichtet oder vor Gericht verliert. "Ich sehe eigentlich nicht, wie die derzeitige Entwicklung korrigiert werden könnte", sagte der Inhaber von rund 80 biotechnologischen Patenten. "Pauschallösungen sind im Moment nicht möglich, also werden die Gerichte in Zukunft sehr beschäftigt sein."

Stammzellen-Streit: "Das macht keinen Sinn"

Bei der umstrittenen Forschung mit embryonalen Stammzellen befürwortet Ullrich die "britische" Lösung, wo anders als in den meisten europäischen Ländern die Forschung an embryonalen Stammzellen unterstützt wird und das therapeutische Klonen erlaubt ist. "Es ist doch unehrlich zu sagen, man zerstört Leben, während gleichzeitig andere Prozeduren zugelassen sind, die Leben zerstören", sagte Ullrich und verwies auf die Möglichkeit des Abtreibens. "Dann wird da um ein paar Zellhaufen gestritten, das macht doch keinen Sinn."

Von Kirsti Knolle, Reuters


www.manager-magazin.de