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Vollständige Version anzeigen : Weihnachten und Endorphine


2003
21.12.2001, 10:54
von Herbert Hertramph
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Der Schnee fiel aus dem dunklen Abendhimmel in dicken Flocken auf die kleine Baubaracke in der Nähe des Waldes. Konstantin schüttelte sich vor der Tür, damit der Schnee von seiner Jacke abfiel und zog sich die Stiefel aus, bevor er eintrat. Denn es gab keinen Flur - man landete direkt im "Wohnzimmer". Genaugenommen war dieser erste Raum das "Küchen-Wohn-Arbeits-Schlafzimmer" von Konstantin. Der kleinere zweite Raum sollte eigentlich das "Kinder-Schlaf-Spiel-Aufenthaltszimmer" der beiden Kinder sein. Doch da es keine Fenster hatte, hielten sich die Kinder meist im ersten Zimmer auf. Während Konstantin seine Kleider abklopfte, wanderte sein Blick umher: Bärbel stand an einem der Fenster und zählte Schneeflocken. Ihre blonden Locken schienen dabei das Licht widerzuspiegeln. Sie wurde "die Große" genannt, obwohl sie erst acht Jahre alt war. Aber ihr Bruder Peter, der gerade sehr angestrengt mit Buntstiften und Papier auf dem Boden beschäftigt war, war vier Jahre jünger. In einer Ecke war die "Küche" untergebracht. Sie bestand aus einer Spüle, einem Gaskocher, der auch für die Heiß-Wasser-Zubereitung herhalten mußte und einem selbstgezimmerten Holzschrank für das Geschirr. Die übrigen Möbel hatte Konstantin vom Sperrmüll besorgt: ein Resopaltisch, dessen Seitenränder sich langsam auflösten, dazu vier verschiedenen Stühlen, ein grün-samtenes Sofa und zwei Sessel, von denen einer sogar zum Sofa paßte. Ein Ofen, der noch mit Holz und Kohle gefeuert wurde, sorgte für Wärme.

Müde setzte sich Konstantin aufs Sofa. Es war schon nach acht Uhr, und so bat er die Kinder, in den kleinen selbstgezimmerten Anbau zu gehen, der gleich neben der Baracke war. Dieser Anbau enthielt eine Toilette und etwas, was man mit viel Wohlwollen als Duschkabine bezeichnen konnte. Dort hatte Konstantin gerade warmes Wasser hingebracht. Das war auch der Grund, weshalb Peter trotz eines sehnsüchtigen Blicks auf seine Zeichnungen sofort die Hand seiner Schwester ergriff und wortlos mit ihr mitging. Sie wußten, daß sich bei diesen Außentemperaturen die Wasserwärme nur kurz halten würde. Konstantin drehte sich Petroleumlampen etwas niedriger. Jetzt konnte auch er die Schneeflocken fallen sehen und sogar ab und zu das Blitzen eines Sternes. "Gott zündet seine Kerzen an", hätte Ann jetzt gesagt.
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Ann! War es wirklich erst drei Jahre her? Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Sie hatten sich während ihrer Studienzeit in Heidelberg kennengelernt. Die junge Ökotrophologin spielte abends Saxophon in einem Jazzkeller. Ach, sie war herrlich! Sie kannte keine Konventionen, war ständig auf den Beinen, mußte immer irgendetwas unternehmen. Ihr langes hellbraunes Haar flatterte im Wind, wenn sie sich übermütig auf einen Brunnenrand schwang. Und ihr Lachen erst - ihr Lachen vertrieb alle düsteren Gedanken. Konstantin war eigentlich nie recht klar, wieso sich ein solcher Wirbelwind in ihn, den ruhigen, fast schon gesetzt wirkenden Chemiestudenten so wahnsinnig verlieben konnte. Okay, er war intelligent, gut im Bett, treu und konnte zuhören. Aber bei allen anderen Dingen, auf die Frauen sonst Wert legen, versagte er völlig, z. B. bei tropfenden Wasserhähnen oder beim Rückwärts-Einparken. Sie zogen zusammen und wider Erwarten nahm ihre Zuneigung nicht ab - eher noch zu, weshalb sie sich auch für Kinder entschieden. Konstantin erhielt seine erste Stelle bei einem Konzern in Mannheim, Ann engagierte sich immer mehr in einer Umwelt-Organisation. Durch diese Tätigkeit wurde sie auch auf einen Plutonium-Deal aufmerksam, den der BND eingefädelt hatte. Sie ermittelte verdeckt, so daß Konstantin sie oft wochenlang nicht zu Gesicht bekam. An einem Dienstagabend bekam er einen Anruf von ihr. Sie habe nun genug Material zusammen und wollte es am nächsten Tag öffentlich machen. Am nächsten Tag stand nicht Ann vor der Tür, sondern zwei Polizisten. Sie überbrachten ihm kurz und nüchtern die Nachricht, daß Ann in München einen "tragischen Unfall" erlitten habe und unter die Räder einer Straßenbahn gekommen sei. Für Konstantin brach eine Welt zusammen. Erst Tage später versuchte er, das Material, das Ann gesammelt hatte, ausfindig zu machen. Aber ihr Hotelzimmer war längst durchwühlt worden. Gleichzeitig bekam er völlig unvermittelt Schwierigkeiten im Unternehmen. Bislang war sein Aufstieg, auf Grund seiner hohen Qualifikationen, nahtlos und ohne Probleme verlaufen. Nun schottete man ihn plötzlich zunehmend von Geschäften ab, die mit Auslandskontakten zu tun hatten. Eine der großen Handelspartner des Unternehmens war der Irak, und Konstantin hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß ihm die Konzernaktivitäten in diesem Land höchst merkwürdig vorkamen. Das nahm man zum Vorwand, um ihm unter vier Augen mitzuteilen, daß man an keiner weiteren Zusammenarbeit interessiert sei. In dem Jahr darauf mußte Konstantin feststellen, daß offensichtlich auch kein anderes Unternehmen an ihm interessiert war. Er stand auf einer "Schwarzen Liste", deren Existenz natürlich jeder Personalchef leugnete. Peter war etwas über ein Jahr, Bärbel fünf, als Ann starb. Konstantin mußte einen großen Teil seiner Zeit zu Hause verbringen, das Arbeitslosengeld war bald aufgebraucht. Nun folgte rasch Arbeitslosenhilfe, die eigentlich durch Sozialhilfe ergänzt werden mußte. Aber das brachte Konstantin nicht übers Herz. Wir alle wissen, daß bei Sozialhilfe das Einkommen von Verwandten in gerader Linie angerechnet wird. Die Mutter von Konstantin hatte nicht mehr als eine schmale Rente, die seit den Haushaltseinsparungen noch schmaler geworden war. Die Eltern von Ann lebten schon lange nicht mehr - er mußte zusehen, wie er sich ohne fremde Hilfe durchschlug. So waren sie schließlich in dieser Baracke eines alten Freundes, der keine Miete wollte, an der Grenze zur Schwäbischen Alb gelandet. Dies war ihr erstes Weihnachten hier draußen.

Als die beiden zurückkamen, hatten sie schon ihre Schlafanzüge an. Konstantin hatte zwei Kerzen angezündet. An diesen vorweihnachtlichen Abenden ließen sie oft die Gute-Nacht-Geschichte ausfallen und standen stattdessen zu Dritt vor dem Fenster, um den fallenden Schneeflocken in Stille zuzusehen. Bärbel erklärte Peter gerade, daß die Sterne am Himmel in Wirklichkeit große Leuchtkäfer wären, die den himmlischen Heerscharen den Weg wiesen. Und jetzt im Winter würden sie sich vor Kälte so schütteln, daß Teile ihres weißen Pelzes als Schneeflocken auf die Erde fielen. Peter schaute mit offenem Mund zum Fenster hinaus: "Was Du alles weißt", meinte er zu Bärbel gewandt. "Ja Bärbel, Du bist halt schon viel größer als ich. Ich hab' immer geglaubt, daß die Sterne große gasförmige Gebilde wären, die mit Millionen von Grad verglühen. Und Schneeflocken habe ich immer für einen anderen Aggregatzustand von Wasser gehalten, den es in hohen kühlen Luftschichten annimmt." Bärbel strich ihrem Bruder liebevoll durch das Haar und meinte: "Bist halt ein rechtes Dummerle, Peter. Aber Du wirst die Sachen auch noch tüchtig lernen, wenn Du mal in die Schule kommst." Konstantin lächelte - ja, Bärbel kam ganz nach ihrer Mutter. Dann ging es ab ins Bett. Liebevoll deckte Konstantin die beiden zu, gab jedem einen Kuß auf die Stirn und schloß leis die Tür.

Im Wohnzimmer räumte er die wenigen Spielsachen auf, die seine Kinder besaßen, spülte schnell, schaute zu, daß auf dem Holztisch kein Brösel zurückblieb und rückte einen der grün-samtenen Sessel ans Fenster. Jetzt brannte nur noch eine Kerze. Konstantin schaute in die Dunkelheit hinaus und atmete schwer. Er selbst kam mit dem kargen Leben durchaus zurecht - aber daß er seinen Kindern so gar nichts bieten konnte, daß tat ihm schon in der Seele weh. Schon seit einigen Wochen versuchte er, aus Holz und einigen Abfallmaterialien etwas Spielzeug herzustellen, aber seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet waren bescheiden. Es würde nicht viel zu Weihnachten geben. Er dachte an die Geschichten seiner Kindheit zurück, die von Weihnachstmännern, Christkindern und Engeln handelten und immer ein Happy End hatten. Ach, so ein Engel, das wäre jetzt was. Er konnte sich so sehr in seine Vorstellungen vertiefen, daß er wirklich im Schnee einen Engel auf das Haus zustapfen sah. Er gab diesem Bild nach. Es vermittelte etwas von Wärme, Geborgenheit ...

In diesem Moment klopfte es laut gegen die Tür. Konstantin schrak auf und schoß regelrecht aus seinem Sessel auf. Als der die Tür öffnete, stand der Engel vor ihm, den er gerade durch das Fenster gesehen hatte. Aber es war gar kein Engel. Es war eine junge Frau mit einem weißen Wintermantel, einer weißen Mütze, weißen Handschuhen und einer verfrorenen Nase. "Bitte", hauchte sie, "darf ich reinkommen?" Das war keine Frage. Immer noch völlig überrascht und unfähig, ein Wort zu reden, gewährte er ihr durch Gesten Einlaß. Sie trat ein und mußte sich vor Erschöpfung sofort gegen eine Wand lehnen. "Schon drei Stunden wandere ich in dem Schneegestöber umehr", sagte sie leise, und man konnte unschwer erkennen, daß sie den Tränen nahe war. Zu allem Überfluß begann nun auch noch ihre Nase zu tropfen. ‚Wie ein kleiner nasser Dalmatiner", dachte Konstantin bei sich und hatte Bilder von Walt Disney's Zeichentrickfilm vor Augen. Als sie begann, langsam an der Wand runterzurutschen, wurde er schnell in die Wirklichkeit zurückgeholt und fing sie auf. Er half ihr, den Mantel, die Mütze und die Stiefel auszuziehen und führte sie zum Sessel, worin sie schwer niedersank. Er wollte eine Petroleum-Lampe anmachen, aber sie meinte: "Nein, bitte, lassen Sie es, wie es ist. Es ist gut so." Sie willigte ein, daß er einen Früchtetee zubereitete. Langsam wurde ihr Atem ruhiger. Inzwischen hatte er auch ein Stofftaschentuch aus dem Wäsche-Geschirr-Schrank geholt - Papiertaschentücher konnten sie sich schon lange nicht mehr leisten - und ihr sachte in die Hand gedrückt. Dankbar lächelnd schaute sie ihn an. Und Konstantin überkam ein Gefühl, das er schon lange nicht mehr gehabt hatte: Es war etwas, das Pe Werner - die übrigens vom Typ her genau nach seinem Geschmack war - als "Kribbeln im Bauch" oder Herbert Grönemeyer - der einen sehr sympathischen Vornamen hatte - als "Flugzeuge im Bauch" beschrieben hatten. Peterle würde jetzt sicher sagen, daß es sich um Neurosubstanzen auf der Basis von Morphinen, also um Endophine, handele, die im Gehirn eine Transmitterfunktion zwischen der Großhirnrinde und der retinalen Formation ... aber was wußte Peter schon von Liebe!

Konstantin rückte seinen Sessel gegenüber des ihren hin und ließ sie in aller Ruhe ihren Tee trinken, ohne auch nur durch eine einzige Frage die Stille zu stören. Langsam kam wieder Leben in sie, und sie fing an, ihn mit interessierten Blicken zu mustern. Solche Blicke von Frauen scheute Konstantin in der Regel, er war mehr der zurückhaltende Typ. Sicher, er war intelligent, gut im Bett, treu und konnte zuhören. Aber bei allen anderen Dingen, auf die Frauen sonst Wert legen, versagte er völlig, z. B. bei Autoreparaturen oder beim Möbeltransport. Oft hatte er auch das Gefühl, daß er sich in seinen Gedankengängen wiederholte.

Nun endlich nannte sie auch ihren Namen: Raphaela. Raphaela, das zerging auf der Zunge wie weiße Kokosnußbällchen ohne Schokoloda. Raphaela klang wie der Name eines Engels - oder wie der Name einer Radiomoderatoren im Stuttgarter Raum, die für ihn immer unerreichbar blieb. Nur ihre Senden hatte er früher, als sie noch ein Radio besaßen, immer gehört. Es waren jene moderierten Sendungen, während derer Hörer anrufen und über ihre Probleme sprechen konnten: Ob man Liebe machen dürfte, ohne vorher geduscht zu haben; ob kleinwüchsige Bartträger vom Leben besonders benachteiligt seien; ob Frauen sich wegen der Gleichberechtigungsquote auch am Männer-Strip beteiligen sollten usw. Ja, er hatte diese Sendungen geliebt!

Raphaela hatte Vertrauen zu Konstantin geschöpft. Sie spürte irgendwie, daß sie ihm ihr Herz ausschütten konnte. Peterle hätte jetzt sicher gesagt, daß evolutionsgeschichtlich Frauen die soziale Treue eines Mannes, der ihre Jungen beschützen sollte, über kommunikative ... aber was wußte Peterle schon vom Leben! Und Raphaela beschloß, völlig offen gegenüber Konstantin zu sein. Sie erzählte ihm, daß sie heute Abend in der festen Absicht, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, in die Kälte aufgebrochen sei. Ihr sei alles so sinnlos vorgekommen. Gewiß, sie hatte Geld, mehr als sie ausgeben konnte, sah mit ihren 34 Jahren immer noch blendend aus, hatte eine Traumfigur und einen Doktor-Titel in Philosophie - aber im Grunde ihres Herzens war sie einsam. Konstantin fragte sanft, ob sie nicht vielleicht beruflich Kraft ... schon traten wieder Tränen in ihre Augen. Das sei ja gerade das Schlimme: ihr Beruf! Konstantin befing eine Ahnung: Sollte sie in einsamen Nächten Männerbekanntschaften ... Aber nein, gleich die nächsten Sätze zerstreuten seine Vermutungen. Nein, sie habe gleich nach dem Studium Karriere gemacht, sei heute die Moderatorin einer erfolgreichen Talksendung im Radio, wäre ständig von Menschen umgeben. Konstantin erstarrte förmlich: War sie es wirklich? Konnte das sein? War sie "seine" Raphaela? Inzwischen redete Raphaela weiter: Seit Jahren würde sie sich die Probleme von Wohlstandbürgern und -bürgerinnen anhören: Ob kleinwüchsige Bartträger vom Leben besonders benachteiligt seien oder ob man vor der Liebe duschen müßte. Jahraus, jahrein immer das Gleiche. Bestand das ganze Leben nur aus Bartträgern und Duschen? War das alles? Nein, sie hielt es einfach nicht mehr aus, diese Sinnlosigkeit, diese Eintönigkeit, diese Flachheit, diese Gedankenlosigkeit ... Dann doch lieber gleich Schluß machen, hatte sie gedacht. Doch nachdem sie eine Weile durch den Schnee gestiefelt war - ihr Auto hatte sie an einem Waldparkplatz stehen lassen - war ihr kalt geworden. Nach einer weiteren Weile war ihr noch kälter geworden, und sie fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis sie endlich stürbe. Peterle hätte jetzt warscheinlich erwähnt, daß die Körpertemperatur ... aber was verstand Peterle schon vom Tod! Schließlich war es doch arg kalt, die Vorstellung einer Dusche mit warmen Wasser erschien ihr plötzlich in einem völlig anderen Licht, und sie beschloß, weiterzuleben. Aber inzwischen hatte sie sich schon verirrt und fand den Weg zum Auto nicht mehr. So geriet sie immer tiefer und tiefer in das Schneegestöber, bis sie dachte, sie würde es nicht weiter schaffen. Da hatte sie das schwache Licht in den Fenstern der Baracke gesehen. Zuerst dachte sie, sie würde sich täuschen, aber je näher sie kam, desto klarer waren die Umrisse zu erkennen und mit letzter Kraft schaffte sie es bis zur Tür. Den Rest würde Konstantin kennen.

Konstantin schwieg lange. Er wußte nicht recht, was er sagen sollte. Er war auch gehemmt, da die Radiomoderation seiner Träume vor ihm saß. Schließlich goß sie sich einen weiteren Tee ein und forderte ihn auf, doch etwas von sich zu erzählen. Sie hatte inzwischen die Möblierung in Augenschein genommen und unschwer festgestellt, daß es mit Konstantin nicht zum Besten bestellt war. Zunächst begann er nur sehr zögerlich von sich zu sprechen. Aber Raphaela war geschickt in den Rückfragen und konnte sich sehr gut in Konstantin hineinversetzen. Überflüssig zu sagen, daß Peterle hierin die Elemente der Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte nach Rogers gesehen hätte. Was wußte Peterle schon von Gesprächen! Konstantin taute immer mehr auf und beschloß, nun genauso ehrlich zu erzählen, wie Raphaela das getan hatte. Er sprach von seinen Kindern, von Ann, vom BND, von seiner Lage, von seiner Hoffnungslosigkeit. Zwischendrin war er auch versucht, von der selbstgezimmerten Dusche im Anbau zu sprechen - aber er ließ es dann doch weg, da er die Vermutung hatte, daß Duschen bei Raphaela nicht besonders gut ankamen.

Es war zwei Uhr nachts, bis beide sich ihr Herz ausgeschüttet hatten. Raphaela wollte nun unbedingt noch einen Blick auf die schlafenden Kinder werfen, was Konstantin auch zuließ. Danach stellten sie sich an das Fenster und schauten den Schneeflocken in ihrem Tanz zu. Konstantin hatte irgendwann zwischendurch den Arm um Raphaela gelegt. Sie hatte keinen Widerspruch erhoben und den Kopf an seiner Schulter angelehnt. So schlief sie ein, was Konstantin an irgendeine Szene eines alten Zeichentrickfilms erinnerte, der mit Hunden zu tun hatte. Er trug sie zum Sofa, deckte sie mit der einzigen Decke zu, die noch vorhanden war und rollte sich selbst in den abgeschabten Teppich auf dem Boden ein.

Am nächsten Tag beschloß sie, noch zu bleiben. Sie wurde von den Kindern sofort ins Herz geschlossen - niemand tollte so herrlich mit ihnen im Schnee herum wie sie! Bereits an diesem zweiten Abend fragte sie Konstantin, ob sie nicht immer beieinander bleiben wollten. Er tat sich zunächst mit einer Antwort schwer, dachte dann aber bei sich, daß er ohnehin nichts mehr zu verlieren habe und stimmte zu. Am dritten Tag packten sie die wenigen Habseligkeiten, die in der Baracke waren, in einige große Bündel. Dann machten sich alle vier auf den Weg zu dem Parkplatz, auf dem Raphaela ihr Auto hatte - Konstantin fand den Weg ohne Probleme. So konnten sie den Heiligen Abend bereits in dem geräumigen Haus von Raphaela verbringen, das am Rande von Stuttgart lag. Es war ein Fest, wie es die Kinder noch nie erlebt hatten: Mit all ihren Lieblingsspeisen, mit tollen Geschenken, mit einem wunderschönen Christbaum!

Ja, auch die Zukunft der kleinen neuen Familie wurde glücklich. Konstantin übernahm die Radiosendung von Raphaela. Er hatte weder etwas gegen kleinwüchsige Bartträger noch gegen Duschen und kam ausgesprochen gut mit den Anrufern zurecht. Raphaela tat nun das, was ihr all die Jahre versagt geblieben war: Sie kümmerte sich um die Kinder, hielt das Haus in Schuß und besuchte Volkshochschulkurse. Und an manchen Winterabenden schauten Raphaela und Konstantin mit einem leisen Lächeln durch das Wohnzimmerfenster, während er den Arm um sie schlang und sie ihren Kopf leicht an seine Schulter lehnte.

2003 (ein Märchenfreund) ;)

Eliska
22.12.2001, 00:06
Die etwas andere Weihnachtsgeschichte
- oder Sankt Nicolas und das zeitlose Glück


Grossvater, wer ist das?»
Das Mädchen blickt auf den Plasmaschirm, bleiches Licht fällt auf sein Gesicht.
Der alte Mann neigt den Kopf. «Das ist Sankt Nicolas, mein Kind.»
Das Mädchen tippt mit der Fingerspitze auf den Bart von Sankt Nicolas.
Ein Glöcklein erklingt. Dann taucht ein seltsames Gefährt auf, es erinnert Grossvater an den Schlitten des Weihnachtsmanns, der einst durchs Land zog.
Ein smarter junger Mann steigt aus.

«Und wer ist das?»
«Der Sohn von Sankt Nicolas.»
«Wie heisst er?»
«Auch Nicolas.»
«Warum?»
Der Grossvater seufzt. «Ach, mein Kind, das ist eine lange Geschichte.»
«Erzähl, Grossvater.»

«Möchtest du nicht lieber ein bisschen surfen? Ich bin so müde.»
Doch die Enkelin wendet sich vom Schirm ab und setzt sich dem Grossvater auf die Knie.
«Es war einmal vor langer Zeit…», beginnt er.
Und schon stockt seine Stimme, das letzte Wort geht ihm nur schwer über die Lippen.

«Was ist Zeit, Grossvater?»

«Etwas, das es nicht mehr gibt, mein Kind», murmelt er.
«Etwas, was den Menschen viele Sorgen bereitet hat, deshalb…»
Er tippt auf den Schirm.
Der Schlitten gleitet davon, Sankt Nicolas und sein Sohn winken.
«…deshalb hatten diese beiden die Idee, das abzuschaffen, was man damals Zeit nannte. Es war kurz vor dem Jahr 2000, und die Menschen hatten grosse Probleme mit der Zeitrechnung. Die Computer zählten die Jahre falsch, und es gab ein riesiges Durcheinander auf der Welt… Die Erinnerung lässt ihn erschauern.

«Was sind Jahre, Grossvater?»

Der alte Mann kratzt sich auf der Glatze.
Wie hat sich doch alles verändert, denkt er. Nur die Kinder sind gleich geblieben.
Sie fragen und fragen.

Geduldig fährt er fort:
«Zur Zeit, als es die Zeit noch gab, da zählte man die Tage. Jedem Tag gab man einen Namen. Der erste hiess 1. Januar, der letzte war der 31. Dezember. Denn nach 365 Tagen begann ein neues Jahr.»
«Jeder Tag hatte einen Namen? War das nicht lustig, Grossvater?
Wie würde der Tag heute heissen?»

Bekümmert wiegt der alte Mann seinen Kopf hin und her.
«Ich erinnere mich nicht, mein Kind. Man hat schon lange aufgehört zu zählen.»
«Warum?»
«Irgendwann begannen die Menschen Apparate zu bauen, welche für sie zählten. Sie zählten nicht nur die Tage, sondern sie teilten einen Tag in winzige Augenblicke. Man nannte sie Sekunden…»
Er fährt mit seinem Finger über das Handgelenk des Sankt Nicolas.
Eine Scheibe wird sichtbar, zwei Stäbe zeigen auf Zahlen, die im Kreis angeordnet sind, ein dritter zuckt im Takt des leisen Tickens, das durchs Kinderzimmer schwebt.
«Schau, Sankt Nicolas hat so einen Apparat. Man nannte das eine Uhr. Die Uhr zählt Sekunden. Aus 60 Sekunden wurde eine Minute, aus 60 Minuten eine Stunde, aus 24 Stunden ein Tag…»
«Oh, war das aber schwierig.»
«Deshalb brauchte man eben Uhren.»
«Waren das kleine Computer?»
«Ja, so etwas Ähnliches. Fast jeder Mensch auf der Erde trug eine Uhr am Handgelenk.»
«Du auch, Grossvater?»
«Selbstverständlich, mein Kind. Sankt Nicolas baute die Uhren und wurde sehr, sehr reich damit. Doch dann…»
«Schenkst du mir eine Uhr, Grossvater?», bettelt die Enkelin. «Sie tickt so lustig.»

Der alte Mann zuckt mit den Schultern.
«Es gibt schon lange keine Uhren mehr. Seit alles gleichzeitig ist, braucht man keine Zeit mehr.»
Sein Finger fährt über den Schirm, die Weltkugel erscheint, dreht sich.
Er tippt auf eine Stadt, Wolkenkratzer ragen auf, Autos sausen lautlos über die Strassen. Eine Tür springt auf, Menschen sitzen in einem Büro vor Plasmaschirmen. Der Grossvater tippt einem Mann auf den Rücken. «Hallo», sagt er.
Der Mann dreht sich um, nickt dem Grossvater zu.
«Hallo, alter Freund. Nett, dich wieder mal zu sehen. Wie gehts?»
«Ganz ordentlich. Ich erzähle gerade meiner Enkelin von der Zeit, als es noch Zeit gab.»

«Zeit? Was ist das?» Der Mann grinst. «Entschuldigt mich. Ich bin in Eile.»
Er wendet sich wieder seinem Schirm zu. Der Grossvater tippt nochmals auf die Weltkugel. Jetzt sind sie im Urwald, Affen hüpfen von Baum zu Baum. Und jetzt segeln sie auf einer Jacht übers Meer, der Wind zaust die Haare des Mädchens.
Und jetzt kreisen sie in einer Raumstation um den Mond.
«Weil wir jederzeit überall sein können, ist die Zeit überflüssig geworden.
Wir brauchen keine Stunden, Minuten oder Jahre mehr.
Die Welt ist getrieben von einem gemeinsamen Takt, wie der menschliche Körper vom Herzschlag. Das war die Idee von Sankt Nicolas und seinem Sohn.»
«Dann konnten sie ja keine Uhren mehr verkaufen.»
«Zuerst wollten sie nur die Stunden, Minuten und Sekunden abschaffen.
Denn die Zeit war nicht überall auf der Erde dieselbe.
Im Osten begann der Tag früher als im Westen, es gab Sommerzeit, Winterzeit, es gab Schaltjahre und Schaltsekunden, es gab Zeitkonferenzen, die über die richtige Zeit stritten. Sankt Nicolas und sein Sohn erfanden deshalb den Welttakt. Dazu teilten sie den Tag in tausend Takte, so genannte Swatch-Beats».
«Swatch? Welch lustiges Wort.»
«Nicolas's Watch. So hiessen die Uhren, die sie bauten, um <Swatch-Beats> anzuzeigen.»
«Und die konnten sie verkaufen?»
«Eben nicht! Nach dem grossen Durcheinander mit der Zeitrechnung im Jahr 2000 stellte sich heraus, dass es noch besser wäre, wenn man auch die Tage und Jahre abschaffen würde, also die Zeit überhaupt.

Die elektronischen Netze und die Computer hatten alles so schnell gemacht, dass es auf der Welt ohnehin keine Zeitunterschiede mehr gab. Die Abschaffung der Zeit löste auf einen Schlag alle Probleme. Es gab keinen Streit mehr um Arbeitszeit oder die Laufzeit von Schulden. Es gab keine Termine mehr und keinen Zeitdruck. Man kam nie mehr zu spät. Niemand musste sich mehr um Vergangenheit oder Zukunft sorgen.»

Das Mädchen blickt den alten Mann mit grossen Augen an.
«Was ist Vergangenheit, Grossvater? Was ist Zukunft?»

Er reibt sich die Schläfen.
«Ach ja, das habe ich vergessen zu erklären.
Vergangenheit ist das, was vor diesem Augenblick war.
Zukunft ist das, was nachher kommt. Mit dem Verschwinden der Zeit ist es bedeutungslos geworden.
In der zeitlosen Welt leben alle Menschen im Hier und Jetzt.
Alle wissen sofort alles, was sie interessiert.
Und alle bekommen augenblicklich alles, was sie sich wünschen.
Es gibt deshalb auch keinen Krieg mehr. Kriege wurden stets wegen Vergangenem oder Zukünftigem geführt.»
Er tippt auf den Schirm, Sankt Nicolas und sein Sohn nicken ihnen zu.
«Diese beiden haben der Menschheit Glück und Frieden gebracht.
Sie selber sind jedoch verarmt, weil niemand mehr Uhren brauchte.
Im letzten Jahr der Zeitrechung hat sie Cyberpapst William III. deshalb heilig gesprochen, und sie bekamen einen Ehrenplatz im Himmel…»

«Wo ist der Himmel, Grossvater?»

«Ach, auch das ist ein vergessenes Wort. Heute nennt man ihn Cyberspace. Und damit ist die Geschichte zu Ende.»
Der alte Mann lächelt.

«Danke, Grossvater.»
Das Mädchen tritt vor den Plasmaschirm, löscht das Bild mit einer Handbewegung. «Jetzt habe ich Hunger. Darf ich?»
Der Grossvater nickt.
«Möchtest du auch Pizza mit Pilzen und Speck?»
«Gern, mein Kind.»
Sie tippt, ein Tisch deckt sich, zwei Teller mit Pizza schweben heran, zwei Gläser Cola mit Eis.
«Für mich lieber ein Bier», sagt der Grossvater.
Schon schäumt es ins Glas auf dem Schirm und gleichzeitig ins Glas auf dem Tisch im Esszimmer. Und schon erklingt die freundliche Stimme von Smarty, dem Haushaltroboter: «Ich wünsche euch einen guten Appetit!»

Nachdem sie gespeist haben, fragt der alte Mann:
«Möchtest du auf den Weihnachtsmarkt?»
«O ja!» Die Enkelin jubelt.
Sie gehen zum grossen Plasmaschirm neben dem Mikrowellenautomaten.
Das Mädchen tippt auf das Türsymbol und sofort befinden sie sich auf dem Weihnachtsmarkt. Schneeflocken schweben vom Himmel, auf Tannenbäumen brennen Kerzen, es duftet nach gebratenen Kastanien und Lebkuchen. Ein Weihnachtslied erklingt. Sankt Nicolas verteilt Geschenke, seine Augen glänzen, er streicht sich über den Bart. Der alte Mann führt seine Enkelin an der Hand, eine Träne rinnt über seine Wange.
Welch glückliche Zeit, denkt er.

VON EMIL ZOPFI
http://www.sonntagszeitung.ch/sz50/S65-5884.HTM

Eliska
22.12.2001, 19:12
solche, die es werden wollen...

Etwas lang, obwohl ich´s aufs Wesentliche reduziert habe - aber dieses Märchen hat was...

Wen´s interessiert, die vollständige Version mit ihrem Charme und Witz findet sich unter:
http://www.hbechter.at/Buecher/puscherl.html

Man könnte es ja auch offline lesen

Eliska:)


Das Taschen-Puscherl

Oft genügt eine kleine Geschichte, manchmal ein einziger Satz, um das Leben eines Menschen völlig zu verändern.
(Ralph Waldo Emerson)

In einer mittelgroßen Stadt eines deutschsprachigen Landes lebte zu Ende des zweiten Jahrtausends ein durchschnittlich begabter Mann...

Seine Geschwister sah er immer nur dann, wenn er etwas von ihnen wollte, und natürlich an Weihnachten oder sonstigen Familienfeiern, denen die Kinder den Eltern zuliebe und die Eltern den Kindern zuliebe beiwohnten.
Ein Mensch, der sich für nichts Besonderes hält, und der seine Lebensaufgabe darin sieht, seine monatlichen Rechnungen einigermaßen pünktlich zu bezahlen.
Wenn man den Durchschnittsbürger fragt, ob er glücklich sei, sagt er in ziemlich nüchternem Ton: "Ich kann mich nicht beklagen."
Wenn man ihn fragt, ob ihm seine Arbeit Spaß mache, hat er eine genauso nüchterne Antwort parat: "Ja, ich muß sagen... jetzt wo wir im neuen Werk sind... mit den schönen Büros und genügend Personal... es macht schon Spaß... doch, doch!"
Auf seine Ehe angesprochen, meint er, daß sie eine glückliche sei und weist sofort darauf hin, daß er und seine Frau sich schon seit zwanzig Jahren kennen. Beim Wort "kennen" zuckt er immer mit seinem rechten Mundwinkel und denkt daran, was ihm alles nicht paßt an ihr.
Der Mann hatte eine seltsame Angewohnheit: Er pflegte die Menschen nach der Dicke ihres Geldbeutels zu beurteilen. Wenn er sich an einer Party mit jemandem unterhielt, den er nicht kannte, versuchte er immer unter irgendeinem Vorwand an dessen Tasche zu greifen, denn er pflegte zu sagen: "Dickes Portemonnaie, interessanter Mensch." Als seine Frau diese Marotte entdeckte, nannte sie ihn hinfort "mein Taschen-Puscherl".
Der Mann hätte wahrscheinlich noch jahrelang so weitergelebt und sein Leben für die normalste Sache der Welt gehalten, wenn er nicht eines Tages auf ein kleines Büchlein gestoßen wäre.
Das Büchlein hatte den Titel "Vom Sinn des Lebens" und es sah von außen so aus wie sie eben aussehen, diese billigen Geschenk-Büchlein, die man nur dann als Mitbringsel mißbraucht, wenn die Zeit nicht mehr für den obligaten Blumenstrauß gereicht hat.

Taschen-Puscherl schenkte dem Büchlein zunächst keine Beachtung. Er war kein großer Leser. "Lesen bringt nur Unglück", pflegte er manchmal zu sagen. Und er wußte, wovon er sprach. Seine Frau war eine begeisterte Leserin von Frauen-Zeitschriften. Und damals, vor etwa drei Jahren, hatte sie in einem Artikel etwas über Frauen-Befreiung gelesen. Auf einmal wollte sie mit ihm zu einem Ehe-Therapeuten gehen. Nach fast zwanzig Jahren! Dabei war doch mit ihrer Ehe alles in Ordnung.
Es wurde noch schlimmer. Das schöne Reihen-Einfamilienhaus, die zwei Autos, das Boot auf dem Schlawiner-See, all das genügte ihr plötzlich nicht mehr. Sie wolle mehr vom Leben, schrie sie ihn an. "Was, noch mehr?" schrie er zurück, "du unersättliches Biest, du, was verlangst du eigentlich noch alles von mir?"
Die Frau ging dann zwei oder drei Mal allein zu einem Therapeuten, und die Sache legte sich allmählich wieder. "Aber seither", meint Taschen-Puscherl, "hat sie so einen feindlichen Blick. Und das kommt alles von diesen verdammten Magazinen!"
Taschen-Puscherl legte das Büchlein mit dem Titel "vom Sinn des Lebens" also neben das Klo, wie er das mit allem Lesbaren tat, was ihm zu wichtig zum Wegwerfen und zu langweilig für's Bücherregal schien. Und da lag es dann auch, Monat für Monat. Bis eines Tages seine Verdauung mehr Zeit beanspruchte als die "Schlawiner Zeitung" hergab.
Ohne genau hinzusehen, grapschte er nach einem Stück Ersatz-Lektüre und hielt prompt sein Büchlein "vom Sinn des Lebens" in der Hand. Er wollte es gleich wieder weglegen, da fiel sein Blick durch eine halbaufgeschlagene Seite auf die Frage "Wozu bin ich hier?"

Der Mann bevorzugte dreilagiges, flauschiges Toilettenpapier. Aber das allein war nicht der Grund, weshalb er weiterlas. Auf der nächsten Seite stach ihm die Frage "Was mag ich?" ins Auge. Für eine Weile vergaß Taschen-Puscherl, wo er saß und fing an zu träumen.
Was machte ihm Spaß? Eigentlich eine ganze Menge. Das meiste davon hatte er nur schon lange nicht mehr getan. Wann hatte er das letzte Mal ein Bild gemalt? Wann hatten er und seine Frau zum letzten Mal ein Wochenende in seinem geliebten Frankreich verbracht? Und dabei hätten sie doch jetzt das Geld dazu. Ja, sie könnten sich im Zug sogar Erste Klasse gönnen und im teuersten Hotel logieren. Wann hatte er zum letzten Mal mit der ganzen Familie ein Picknick an einem Bergsee veranstaltet? Wann war er zum letzten Mal auf seiner geliebten Parkbank gesessen und hatte den Vögeln zugeschaut und den Duft der abendlichen Herbstsonne genossen? Wann hatte er das letzte Mal einfach nichts getan, nur in den blauen Sommerhimmel gestarrt und geträumt?
Auf der gleichen Seite standen vier weitere provokative Sätze: "Warum tun Sie die Dinge, die Sie mögen, nicht öfter? Woher beziehen Sie Ihre Energie? Von Dingen, die Sie mögen? Oder von Dingen, die Sie nicht mögen?"
Die nächste Frage lautete "Was kann ich?" Und jetzt juckte es Taschen-Puscherl in den Fingerspitzen. Er mußte sich unbedingt etwas zum Schreiben holen.
Taschen-Puscherl schrieb auf, was er alles beherrschte: Er war gut im Malen und Zeichnen. Er sprach fließend Deutsch und Französisch. Er konnte komplizierte Dinge auf einfache Weise erklären. Er kam bei den meisten Menschen gut an. Taschen-Puscherl spürte plötzlich einen gewaltigen Energie-Schub.
Voller Neugierde schielte er auf die nächste Frage: "Was würden Sie noch tun, wenn Sie bei bester Gesundheit genau zwei Jahre zu leben hätten?"
"Dann würde ich irgendwo auf dem Land in Frankreich eine deutschsprachige Künstler-Kolonie gründen", schoß es aus ihm hervor.
"Glauben Sie, daß dieses Projekt erfolgreich wäre?" war die nächste Frage.
"Ich glaube schon", gab sich Taschen-Puscherl selber zur Antwort, "und wenn schon, zwei Jahre würde ich sicher heil überstehen. Und das Erlebnis wär's alleweil wert!"
"Also, wenn ich zwei Jahre heil überstehe, dann sicher auch drei, vier oder fünf", rief er aus.
"Was wäre das Schlimmste, was Ihnen passieren könnte?" war die nächste Frage.
"Daß ich nach drei Monaten kein Geld mehr habe und wieder meinen alten Job annehmen muß."
"Wäre das sehr schlimm?"
"Überhaupt nicht. Ich wäre dann um eine Erfahrung reicher, hätte mehr Ausstrahlung, und die Chance wäre groß, daß ich eine noch bessere Stelle bekäme."

Die nächste Seite war nicht minder interessant. Da stand zuoberst die Frage: "Macht Ihnen Ihre gegenwärtige Arbeit Spaß? Wenn nein, warum üben Sie sie dann aus? Wenn ja, glauben Sie, daß Sie Ihre Arbeit gut machen? Wenn nein, warum üben Sie sie dann aus? Wenn ja, glauben Sie, daß Sie für Ihre erstklassige Arbeit genügend Geld verlangen? Wenn nein, woran liegt das? Wenn ja, dann hätten Sie doch genügend Geld, um endlich das zu tun, was Ihnen noch mehr Spaß macht! Warum tun Sie es nicht?"
Taschen-Puscherl saß da wie angewurzelt. In ihm drin ging plötzlich ein Licht an. So ein Gefühl hatte er nicht mehr gehabt, seit er als Kind davon geträumt hatte, Pilot zu werden.
Jetzt wollte er es wissen. Würde dieses verflixte kleine Büchlein ihm auch über seine Zweifel hinweghelfen?
Die nächste Seite handelte vom Welt- und Selbst-Bild. "Setzen Sie in die Lücken je ein Wort ein", hieß es da:
Ich bin ein _______ Geschäftsmann.
Ich bin ein _______ Liebhaber.
Ich bin ein _______ Vater.
Die Welt ist _______.
Ich kann _______ Geld verdienen.
Ich bin _______ Talent.
Ich bin _______ Genie.
Was ich anpacke, gelingt _______.

Taschen-Puscherl schrieb drauflos. Als er fertig war, las er weiter: "Schauen Sie sich Ihr Welt- und Selbstbild an." Taschen-Puscherl tat, wie ihm geheißen:
Ich bin ein mittelmäßiger Geschäftsmann.
Ich bin ein nachlassender Liebhaber.
Ich bin ein anständiger Vater.
Die Welt ist chaotisch.
Ich kann nicht gut Geld verdienen.
Ich bin kein besonderes Talent.
Ich bin überhaupt kein Genie.
Was ich anpacke, gelingt manchmal.

Der nächste Satz brachte den sonst so tapferen Mann zum Weinen: "Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, wo Sie heute in fünf Jahren stehen, wenn Sie dieses Welt- und Selbstbild beibehalten!"
"Stellen Sie sich Ihr Leben in zehn Jahren vor, wenn Sie so weitermachen!" lautete die nächste Aufforderung.
Taschen-Puscherl konnte fast nicht mehr weiterlesen; die Tränen verwischten ihm die Sicht. "Stellen Sie sich Ihr Leben in 15 Jahren vor. Stellen Sie sich vor, Sie sind achtzig Jahre alt und haben nichts von dem getan, was Sie schon immer tun wollten." Taschen-Puscherl konnte sich nicht mehr beherrschen.
"Neeeeiiiinnn!" schrie er laut auf...

Der arme Mann war ganz am Boden zerstört. Er konnte sich kaum noch aufrecht halten. Sein Bauch verkrampfte sich zusehends.
Die nächste Seite brachte Erlösung. Da hieß es: "Wenn Ihr bisheriges Welt- und Selbstbild Sie nicht weitergebracht hat, möchten Sie es ändern?"
"Ja bitte", schluchzte Taschen-Puscherl in sein Taschentuch hinein, das schon ganz mitgenommen aussah.
"Glauben Sie, daß Sie es ändern können?" war die nächste Frage.
"Wenn ich nur wüßte wie", wimmerte er leise schluchzend vor sich hin.
Taschen-Puscherl richtete sich wieder auf. "Ich kann's ja mal versuchen", sagte er zu sich selbst. Und es klang schon bedeutend mutiger.
"Um ihr Welt- und Selbstbild zu verändern", hieß es da, "müssen Sie nur eines tun. Ändern Sie's!"
"Wie sähe denn ein Welt- und Selbstbild aus, das Sie weiterbringen würde?"
Taschen-Puscherl las seinen ersten Satz: "Ich bin ein mittelmäßiger Geschäftsmann." "Schön wäre, wenn da stünde 'Ich bin ein Spitzen-Geschäftsmann'", dachte er.
"Schreiben Sie nicht einfach hin 'Ich bin ein Spitzen-Geschäftsmann'", las er weiter, "schreiben Sie, weshalb Sie ein Spitzen-Geschäftsmann sind, und was Sie tun werden, um einer zu bleiben." Taschen-Puscherl faßte langsam Mut. Er richtete sich auf, atmete tief durch...
...und schrieb hin: "Ich bin ein Spitzen-Geschäftsmann, weil ich nur Dinge tue, die mir Spaß machen, weil ich mich täglich weiterbilde, und weil ich nichts anderes im Sinn habe als meinen Kunden zu dienen."

Taschen-Puscherl fand Gefallen an diesem Spiel. Die nächsten Glaubenssätze formulierte er folgendermaßen um: "Ich bin ein wunderbarer Liebhaber, denn nur ich allein bestimme, wieviel Liebe ich geben will!" "Ich bin ein guter Vater, denn ich nehme mir Zeit für meine Kinder. Und sie dürfen sich selbst sein. Ich stehe ihnen mit Rat und Tat zur Seite, lasse sie jedoch ihre eigenen Wege gehen. Denn sie gehören mir nicht."
Auf den nächsten Satz war Taschen-Puscherl besonders stolz: "Die Welt ist ein Schulzimmer. Jeder Tag bietet neue und interessante Lektionen. Lektionen, die manchmal Freude machen und manchmal weh tun."
"Ich kann gut Geld verdienen. Denn Verdienen kommt von Dienen. Ich lasse das Geld frei durch mein Leben fließen, wie sich das für einen gesunden Menschen gehört. Es fließt mir wie von selbst genügend Geld zu, damit ich meine Lebensaufgabe erfüllen kann."

Taschen-Puscherl spürte auf einmal, daß er keine Angst mehr hatte. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren ließ der Druck auf seiner Brust ein wenig nach.
Taschen-Puscherl schrieb in Windeseile die drei letzten Glaubenssätze um: "Ich bin ein Talent in Malen, Zeichnen, Französisch und Werbung. Ich bin ein Genie, denn ich weiß jetzt, wie man sein Gehirn so einsetzen kann, daß es Resultate produziert. Was ich anpacke, gelingt immer. Wenn etwas nicht so herauskommt, wie ich es mir gewünscht habe, bin ich wieder ein Stück gescheiter."
"Yippiiieee!" schrie Taschen-Puscherl. Und er stellte sich vor, wie sein Leben mit diesem neuen Glaubens-System in fünf, in zehn, in zwanzig Jahren aussehen würde.

Taschen-Puscherl war jetzt fest entschlossen, seine Träume wahrzumachen.
Er wußte jedoch, daß ihm die schwierigste Prüfung noch bevorstand.
Seine Frau hatte sich in ihrer Wahlheimat Schlawin sehr gut eingelebt. Sie traf sich mit Frauen, die sie "Freundinnen" nannte, was Taschen-Puscherl immer etwas eifersüchtig machte, denn bei ihm selber reichte es nur gerade für "Kollegen".
Dabei war die Eifersucht unbegründet, denn nach jedem Kaffeekränzchen wünschte seine Frau ihre sogenannten Freundinnen allesamt ins Pfefferland. "Eine Freundin", pflegte er manchmal scherzhaft zu sagen, "ist eine Frau, die alles über die Ehemänner der anderen Frauen erfahren will, um herauszufinden, mit welchem sich am ehesten ein Seitensprung lohnt."
Taschen-Puscherl wußte, mit dieser Einstellung kam er keinen Schritt weiter! Er nahm sich vor, ganz behutsam an die Sache heranzugehen.

Zunächst versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen. Aber seine neuen, erfrischenden Gedanken hatten ihn schon dermaßen verändert, daß er es kaum verbergen konnte. Am Morgen trällerte er unter der Dusche ein Liedchen, wo er sich sonst immer die neusten Horror-Meldungen aus dem Radio zu Gemüte geführt hatte. Abends kam er oft eine Stunde früher nach Hause als erwartet, brachte Blumen mit, wollte mit seiner Frau noch ein wenig spazieren gehen, frische Luft tanken, den Sonnenuntergang genießen. Und als ihn seine Frau einmal zur Rede stellte...
Als seine Frau bei einem solchen Spaziergang sich ganz fest an ihn kuschelte und wissen wollte, was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, da wußte er, daß die Stunde der Wahrheit geschlagen hatte.
"Weißt du", flüsterte Taschen-Puscherl seiner Frau ins Ohr, "ich finde es schön, daß wir selbst nach zwanzig Jahren uns immer noch aneinanderkuscheln können."
"Ich auch", flüsterte seine Frau zurück. "Wenn ich mit meiner Freundin Silvia vergleiche, die hat's nicht leicht mit ihrem Mann."
Taschen-Puscherl schien das zwar nicht gerade der geeignete Moment für solche Vergleiche zu sein. Aber das war nun mal die Art seiner Frau, die Dinge einzuordnen. Unbeirrt fuhr er fort: "Schatz, hast du dir schon einmal überlegt, was du tun würdest, wenn du nur noch zwei Jahre zu leben hättest, bei bester Gesundheit und ohne Schmerzen?"
"Oh, erzähl' so was nicht", entfuhr es seiner Frau, "der Mann von der Silvia hat doch scheint's Lungenkrebs. Die Ärzte geben ihm noch höchstens ein Jahr. Ich kann dir sagen, die arme Silvia macht einen mit. Ihr Mann kann die ganze Nacht nicht schlafen, schwitzt wie ein Bär und schreit sie die ganze Zeit an..."

Taschen-Puscherl nahm seine Frau ganz sanft bei der Hand, schaute ihr liebevoll in die Augen und sagte verständnisvoll aber bestimmt. "Schatz, ich höre dir gerne einmal zu, wenn du die ganze Geschichte erzählst. Aber ich möchte diese Übung jetzt wirklich mit dir machen: Was würdest du noch tun wollen, wenn wir beide noch zwei Jahre zu leben hätten?"
Seine Frau spürte, daß sie der Frage nicht länger ausweichen konnte. "Wir beide? Zwei Jahre? Bei bester Gesundheit? Hmmm, schwer zu sagen." Eine Weile starrte sie vor sich hin. Dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. "Du wirst mich für verrückt halten", sagte sie.
"Nein, sag' es bitte. Ich sage dir nachher auch, was ich mir gedacht habe", bat Taschen-Puscherl und setzte dabei seinen treuen Bernhardiner-Blick auf.
"Ich würde mit dir zusammen in Australien eine Farm für herrenlose Tiere gründen."
Taschen-Puscherl hielt seine Frau überhaupt nicht für verrückt. "Warum tun wir das eigentlich nicht?" fragte er mit dem ernsthaftesten Blick, den er zur Verf&uuml;gung hatte.
"Warum wir das nicht tun?" Seine Frau schaute ihn ungläubig an. Was war nur in ihn gefahren? "Warum wir das nicht tun?" fragte sie nochmals, als müßte sie wirklich sehr tief in ihrem Inneren nach triftigen Gründen suchen. "Ganz einfach", meinte sie mit einem leicht resignierenden Seufzer. "Ganz einfach", weil wir hier unsere Verpflichtungen haben."
"Welche Verpflichtungen meinst du jetzt?" wollte Taschen-Puscherl wissen.
"Na, das weißt du doch selber. Unser Kuno geht noch aufs Gymnasium. Christine hat gerade die Lehre abgeschlossen. Und dann das Haus, dein Geschäft, der Kegelclub und überhaupt."

"Laß' uns das mal ganz nüchtern analysieren, ja? Du sagst 'der Kegelclub und so'. Meinst du noch weitere Verpflichtungen?"
"Ja, unsere ganzen Freunde und die Eltern. Was sagen die wohl dazu, wenn wir plötzlich nach Australien auswandern?"
"Schatz, ist dir schon mal aufgefallen, daß wir eigentlich eher das Leben der anderen leben und nicht unser eigenes?" entgegnete Taschen-Puscherl mit ernster Miene.
"Wie meinst du das: Das Leben der anderen leben?" wollte sie wissen.
"Na ja, nehmen wir diese Dinge doch einmal auseinander. Unser Kuno ist in einem Jahr fertig. Er sagt schon die ganze Zeit, er wolle auf keinen Fall an die Uni. Und wenn ich ehrlich bin, hat er völlig recht. An der Uni laufen lauter hochgebildete Nichtsnutze herum, die nichts anderes tun als ihr Wissen wiederzukauen, anstatt etwas Gescheites damit anzufangen."
"Kein Mensch sagt doch, daß wir unseren Traum von heute auf morgen wahrmachen müssen". Taschen-Puscherl zog seine Frau auf eine Bank am Waldrand und legte zärtlich seinen Arm um ihre Schultern, während sie die letzten Sonnenstrahlen genossen. "Aber zumindest befassen können wir uns doch damit, oder? Überleg' doch mal: Wir leben mit großer Wahrscheinlichkeit noch dreißig Jahre. Möchtest du in dreißig Jahren immer noch mit der Frau Kneubühl über die Blätter streiten, die von unserer Buche in ihren Garten fallen?"
"Gott bewahre! Darauf kann ich verzichten."
"Eben. Oder möchtest du in dreißig Jahren zum zweihundertsten Mal nach Rimini fahren, nur weil deine Eltern dort ein billiges Hotel kennen, wo sie die Spaghetti schön weich kochen?"
"Du hast mir nie gesagt, daß dir das nicht paßt!" Die Frau spielte Entsetzen. Und sie tat es nicht schlecht. Taschen-Puscherl hätte sich fast zu einer Diskussion über Spaghetti hinreißen lassen.

Aber er besann sich, worauf er eigentlich hinauswollte und bohrte weiter: "Also, auf meinen Kegelclub kann ich verzichten, das kannst du mir glauben. Ich gehe dort nur deswegen hin, weil mir in diesem langweiligen Kaff nichts Besseres einfällt und weil ich nicht jeden Abend vor der Glotze hocken möchte. Weiter, was ist mit dem Haus?"
"Ja, was soll schon sein? Hypotheken."
"Ja und? Kann man ein Haus denn nicht verkaufen und damit viel Geld verdienen?"
"Doch nicht in der heutigen Zeit. Überleg' doch mal!" Taschen-Puscherl mußte sich hüten, daß die Diskussion nicht allzu heftig wurde.
"Schatz, hab' keine Angst. Wir brauchen ja überhaupt nichts von dem anzupacken, was wir hier besprechen", beruhigte er sie, "es geht doch nur darum, daß man die Dinge zumindest einmal durchgedacht hat. Wenn wir einmal neunzig Jahre alt sind, ist es zum Nachdenken zu spät!"
"Ja, ich kenne dich. Wenn du dir einmal etwas in den Kopf setzt, dann gibt's kein Zurück mehr!"
"Übrigens... wolltest du dir heute abend nicht Dallas anschauen? Das hat vor fünf Minuten begonnen."
"Schatz, dieses Dallas interessiert mich im Moment überhaupt nicht. Vielmehr möchte ich wissen, was dir an Australien besonders gefällt."
"Was mir an Australien besonders gefällt? Daß es weeeeiit weg ist. Daß die Leute freundlicher sind. Daß sie eine andere Sprache sprechen. Und überhaupt, einfach mal eine andere Kultur kennenlernen. Und ich würde halt furchtbar gern auf dem Land wohnen, mit viel Umschwung für Tiere und ein kleiner Gemüsegarten und beim Eingang ein riesiges Blumenbeet und..."
Frau Taschen-Puscherl kam richtig ins Schwärmen, und die Frage ihres Mannes kam ganz überraschend: "Was spricht denn gegen Australien?"
"Dagegen? Dagegen spricht, daß es weit weg ist. Zu weit weg, wenn man Heimweh hat und mal eben seine Eltern oder Freunde besuchen will."
Taschen-Puscherl wußte, daß seine Frau jetzt so weit war. Der Glanz in ihren Augen, der Klang ihrer Stimme und das Gefühl, das er hatte, wenn er ihre Hand streichelte, all dies sprach Bände!
"Schatz, wo auf der Welt gefällt's dir sonst noch? Wo könntest du dir vorstellen, zumindest eine Zeitlang zu wohnen?"
"Wo's mir sonst noch gefällt?" Früher hatten ihn diese ewigen Wiederholungen genervt. Jetzt waren sie für ihn zu untrüglichen Signalen geworden, daß sein Traum näherrückte.
"Wo's mir sonst noch gefällt? Also, Amerika stelle ich mir schön vor, obwohl ich es noch nicht kenne. Holland hat mir sehr gut gefallen, aber das wäre mir mit der Zeit zu flach. Und natürlich Frankreich. Vor allem die Gegend um Lyon. Da haben wir doch mal dieses riesige Bauernhaus bewundert, weißt du noch? Das mit dem Bächlein mitten durch den Garten."
"Ja, wir haben uns doch noch erkundigt, ob es zu kaufen sei. Dann hast du gesagt, es wäre eine Spinnerei, und dann haben wir's sein lassen."
"Schau mal, Puscherl, ist das nicht der Hund von der Kneubühl?" Taschen-Puscherls Frau zeigte auf den bleichen, wabbeligen Fleischbrocken, der sich ihrer Parkbank näherte.
"Natürlich, das ist doch der einzige Hund in der Nachbarschaft, der aussieht wie eine geschälte Sau", entfuhr es Taschen-Puscherl, und sie mußten beide herzhaft lachen.

Doch Taschen-Puscherl hatte Blut geleckt. Er spürte eine so innige Verbindung mit seiner Frau wie schon lange nicht mehr. Und nichts in der Welt konnte ihn jetzt vom Thema abbringen.
"Willst du wissen, was ich noch tun möchte, wenn wir beide nur noch zwei Jahre zu leben hätten?" Taschen-Puscherls rechtes Auge zwinkerte vielversprechend.
"Au ja, erzähl' mal!"
"Was denkst du?" Er wollte es möglichst spannend machen.
"Was ich denke?" Da war sie wieder, ihre unverwechselbare Art, die Dinge zu verarbeiten. "Was ich denke? Ich denke, du würdest eine große Werbeschule gründen und all dein Wissen an junge, willige Leute weitergeben. Oder?"
"Das wäre auch eine Möglichkeit. Aber es gibt etwas, was mich noch mehr reizen würde. Du wirst sagen, ich sei ein Spinner. Ich träume davon, in Frankreich eine Künstler-Kolonie zu gründen."
"Was, du? Eine Künstler-Kolonie? In Frankreich?"
"Die Idee ist gar nicht so schlecht. Gemalt hast du immer gern, mit Menschen verstehst du dich gut, werben kannst du auch, französisch können wir beide recht ordentlich..."
"Ja, und die Bauernhäuser in der Bresse sind doch für ein Butterbrot zu haben. Da könntest du doch auch deine Tiere halten und dein Gemüse und deine Blumen pflanzen."
"Aber was ist mit Kuno und Christine?" fragte seine Frau mit leicht resignierendem Unterton.
"Schau mal", meinte Taschen-Puscherl zuversichtlich. Wir brauchen ja nichts zu überstürzen. Geben wir uns doch zwei Jahre Zeit. Inzwischen fahren wir jedes zweite Wochenende nach Frankreich und schauen uns Häuser an. Wir suchen so lange, bis wir unser Traumhaus gefunden haben. Dann bauen wir es ein wenig aus, und zwar erst einmal nur am Wochenende. In zwei Jahren sind unsere Kinder so selbständig, daß sie uns nicht mehr brauchen. Dann können wir definitiv hinüber ziehen."
"Ja, und wenn schon", Taschen-Puscherl's Frau war von der Idee begeistert, "und wenn schon, Frankreich ist nicht so weit weg wie Australien", meinte sie. Und Taschen-Puscherl wußte, er hatte das Spiel gewonnen.
Die nächsten zwei Jahre vergingen wie im Fluge. Taschen-Puscherl und seine Frau fühlten sich wie neugeboren. Eine neue Verliebtheit hatte der ehelichen Langeweile Platz gemacht.
Auf die Bemerkung eines Kollegen, er schreibe jetzt wohl ein neues Kapitel in seinem Leben, meinte Taschen-Puscherl fröhlich: "Ein Kapitel? Ich schreibe ein völlig neues Buch!"
Das kleine Büchlein "vom Sinn des Lebens" lag immer noch aufgeschlagen neben dem Klo. Taschen-Puscherl hatte es in seiner Begeisterung gar nicht mehr beachtet. Erst als er nach zwei Jahren den Umzug nach Frankreich vorbereitete und ein paar seiner Bücher wegwerfen wollte, hob er es auf und las die letzte Seite:
"Welches ist Ihre größte Angst?"
"Was hat Ihnen diese Angst bis heute gebracht?"
"Und warum wollen Sie diese Angst heute loswerden?"

Hans-Peter Zimmermann