KA111
15.01.2002, 21:23
Andersen manövriert sich in ein Desaster hinein
US-Beratungsfirma vernichtete Dokumente zu Enron-Pleite. Kongress, FBI und Börsenaufsicht ermitteln
Von Martin Halusa
New York - Arthur Andersen & Company gehört zum Hochadel der internationalen Wirtschaftsprüfer. Kaum ein börsennotiertes Unternehmen in den USA oder anderswo auf der Welt, das nicht von Andersen oder einem anderen der "Big Five" bilanziert wird. Wenn Andersen seine Unterschrift und seine Stempel unter einen Geschäftsbericht setzt, gilt dies fast wie ein amtliches Siegel - Wirtschaftsprüfer gelten als die Seriosität in Person.
Doch jetzt steht die einst renommierte Firma aus Chicago mit 85.000 Mitarbeitern in 84 Ländern, und neun Mrd. Dollar Umsatz vor einem Trümmerhaufen: Andersen droht eine umfassende Untersuchung des amerikanischen Kongresses, eine Ermittlung durch Bundespolizei FBI und Börsenaufsicht SEC sowie möglicherweise milliardenschwere Klagen geprellter Investoren - Anleger, die in den Energiehandelskonzern Enron aus Houston investiert hatten.
Denn das Geld der Aktionäre ist fast weg: Die Aktie ist statt einst 83 Dollar nur noch wenige Cent wert, weil das Management die Bilanz gefälscht und Gewinne falsch dargestellt hat. Andersen hatte all dies testiert und mitgetragen.
Schlimmer noch: Wie Andersen öffentlich eingestand, hat ein oder mehrere Mitarbeiter Dokumente zerstört - Unterlagen in den Reißwolf gesteckt und Festplatten gelöscht, Spuren verwischt und ist dabei ertappt worden. Der demokratische Senator Joseph Liebermann geht sogar soweit zu sagen: "Die Episode mit Enron könnte das Ende der Firma bedeuten".
Das öffentliche Ansehen ist schon jetzt auf dem Tiefstand angekommen. Andersen, da sind sich in den USA Konkurrenten wie Kunden einig, hat damit gegen ein Grundprinzip der Zunft verstoßen. "Ein Prüfer wäre töricht, nicht alle Papiere so lange aufzubewahren, bis alle Fragen geklärt sind", sagt der Finanzprofessor Roman Weil von der University of Chicago. "Dies ist eine extrem gefährliche Situation für Andersen", betont auch der New Yorker Anwalt Jerry Bernstein, ein früherer Strafverfolger.
Der Wirtschaftsprüfer Itzhak Sharav von der Columbia Universität sagt: "Man kann nicht einfach Papiere verschwinden lassen. Jeder weiß, dass man Unterlagen über eine Bilanzierung bis mindestens drei Jahre nach ihrer Erstellung aufbewahrt". Selbst wenn es sich um einen ehemaligen Kunden handle, könne man die Papiere nicht zerstören.
Der Schaden vor allem auch für die künftige Tätigkeit Andersens ist unabsehbar. "Jedes Mal, wenn man künftig den Namen Andersen ausspricht, denkt jeder zwangsläufig an Enron", sagt der Analyst Bob Willens von Lehman Brothers. Dabei ist nicht einmal klar, wer die Dokumente zerstört hat, welchen Umfang das Beiseiteschaffen hatte und vor allem warum sich ein Prüfer vom Range Andersens in eine derartige Situation manövriert.
Wie in Deutschland auch stehen die Wirtschaftsprüfer in den USA seit längerem in der Kritik. Ihnen wird ein viel zu enges Verhältnis zu den Unternehmen vorgeworfen, die sie bilanzieren. Allein Enron zahlte Andersen pro Jahr rund 50 Mio. Dollar für seine Dienste. Der Chef der Bilanzabteilung bei Enron war einst Prüfer bei Andersen.
Fraglich sei außerdem die Praxis, dass Andersen sowohl beim laufenden Finanzgeschäft beratend zur Seite steht als auch die Bilanz abschließend testiert. Die Prüfer sind deshalb wenig geneigt, die Unternehmen zu einer Änderung fehlerhafter Bilanzierung zu bewegen - weil sie befürchten, den lukrativen Auftraggeber zu verlieren.
Mittlerweile verliert Andersen auch jegliche politische Unterstützung - und dass, obwohl die Firma seit dem Jahr 2000 den Republikanern rund 630.000 und Demokraten 360.000 Dollar gespendet hat. "Gegen Andersen muss ermittelt werden, wenn es Dokumente zerstört hat", fordert der Abgeordnete Billy Tauzin, Vorsitzender des Handels- und Energieausschusses, der allein im vergangenen Jahr 10.000 Dollar an Spenden erhalten hat.
An Wall Street wird inzwischen sogar über eine Fusion Arthur Andersens mit einem der anderen vier großen Wirtschaftsprüfer spekuliert. Andersen selbst habe großes Interesses an der Übernahme, um sich letztlich selbst zu retten, heißt es. Doch der Knackpunkt: Keiner der Konkurrenten hat derzeit großes Interesse an der Übernahme der Probleme Andersens. "Die Dinge sehen für Andersen sehr düster aus", sagt Edward Katz von der Pennsylvania State University: "Es droht die Gefahr, dass die Firma untergeht".
Welt
US-Beratungsfirma vernichtete Dokumente zu Enron-Pleite. Kongress, FBI und Börsenaufsicht ermitteln
Von Martin Halusa
New York - Arthur Andersen & Company gehört zum Hochadel der internationalen Wirtschaftsprüfer. Kaum ein börsennotiertes Unternehmen in den USA oder anderswo auf der Welt, das nicht von Andersen oder einem anderen der "Big Five" bilanziert wird. Wenn Andersen seine Unterschrift und seine Stempel unter einen Geschäftsbericht setzt, gilt dies fast wie ein amtliches Siegel - Wirtschaftsprüfer gelten als die Seriosität in Person.
Doch jetzt steht die einst renommierte Firma aus Chicago mit 85.000 Mitarbeitern in 84 Ländern, und neun Mrd. Dollar Umsatz vor einem Trümmerhaufen: Andersen droht eine umfassende Untersuchung des amerikanischen Kongresses, eine Ermittlung durch Bundespolizei FBI und Börsenaufsicht SEC sowie möglicherweise milliardenschwere Klagen geprellter Investoren - Anleger, die in den Energiehandelskonzern Enron aus Houston investiert hatten.
Denn das Geld der Aktionäre ist fast weg: Die Aktie ist statt einst 83 Dollar nur noch wenige Cent wert, weil das Management die Bilanz gefälscht und Gewinne falsch dargestellt hat. Andersen hatte all dies testiert und mitgetragen.
Schlimmer noch: Wie Andersen öffentlich eingestand, hat ein oder mehrere Mitarbeiter Dokumente zerstört - Unterlagen in den Reißwolf gesteckt und Festplatten gelöscht, Spuren verwischt und ist dabei ertappt worden. Der demokratische Senator Joseph Liebermann geht sogar soweit zu sagen: "Die Episode mit Enron könnte das Ende der Firma bedeuten".
Das öffentliche Ansehen ist schon jetzt auf dem Tiefstand angekommen. Andersen, da sind sich in den USA Konkurrenten wie Kunden einig, hat damit gegen ein Grundprinzip der Zunft verstoßen. "Ein Prüfer wäre töricht, nicht alle Papiere so lange aufzubewahren, bis alle Fragen geklärt sind", sagt der Finanzprofessor Roman Weil von der University of Chicago. "Dies ist eine extrem gefährliche Situation für Andersen", betont auch der New Yorker Anwalt Jerry Bernstein, ein früherer Strafverfolger.
Der Wirtschaftsprüfer Itzhak Sharav von der Columbia Universität sagt: "Man kann nicht einfach Papiere verschwinden lassen. Jeder weiß, dass man Unterlagen über eine Bilanzierung bis mindestens drei Jahre nach ihrer Erstellung aufbewahrt". Selbst wenn es sich um einen ehemaligen Kunden handle, könne man die Papiere nicht zerstören.
Der Schaden vor allem auch für die künftige Tätigkeit Andersens ist unabsehbar. "Jedes Mal, wenn man künftig den Namen Andersen ausspricht, denkt jeder zwangsläufig an Enron", sagt der Analyst Bob Willens von Lehman Brothers. Dabei ist nicht einmal klar, wer die Dokumente zerstört hat, welchen Umfang das Beiseiteschaffen hatte und vor allem warum sich ein Prüfer vom Range Andersens in eine derartige Situation manövriert.
Wie in Deutschland auch stehen die Wirtschaftsprüfer in den USA seit längerem in der Kritik. Ihnen wird ein viel zu enges Verhältnis zu den Unternehmen vorgeworfen, die sie bilanzieren. Allein Enron zahlte Andersen pro Jahr rund 50 Mio. Dollar für seine Dienste. Der Chef der Bilanzabteilung bei Enron war einst Prüfer bei Andersen.
Fraglich sei außerdem die Praxis, dass Andersen sowohl beim laufenden Finanzgeschäft beratend zur Seite steht als auch die Bilanz abschließend testiert. Die Prüfer sind deshalb wenig geneigt, die Unternehmen zu einer Änderung fehlerhafter Bilanzierung zu bewegen - weil sie befürchten, den lukrativen Auftraggeber zu verlieren.
Mittlerweile verliert Andersen auch jegliche politische Unterstützung - und dass, obwohl die Firma seit dem Jahr 2000 den Republikanern rund 630.000 und Demokraten 360.000 Dollar gespendet hat. "Gegen Andersen muss ermittelt werden, wenn es Dokumente zerstört hat", fordert der Abgeordnete Billy Tauzin, Vorsitzender des Handels- und Energieausschusses, der allein im vergangenen Jahr 10.000 Dollar an Spenden erhalten hat.
An Wall Street wird inzwischen sogar über eine Fusion Arthur Andersens mit einem der anderen vier großen Wirtschaftsprüfer spekuliert. Andersen selbst habe großes Interesses an der Übernahme, um sich letztlich selbst zu retten, heißt es. Doch der Knackpunkt: Keiner der Konkurrenten hat derzeit großes Interesse an der Übernahme der Probleme Andersens. "Die Dinge sehen für Andersen sehr düster aus", sagt Edward Katz von der Pennsylvania State University: "Es droht die Gefahr, dass die Firma untergeht".
Welt