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Vollständige Version anzeigen : Die Virtuelle Welt der Zukunft. Auf Besuch in fremden Köpfen


KA111
19.01.2002, 15:51
Wirtschaft 02/2002

Zu Besuch in fremden Köpfen


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Alles wird gut: Der amerikanische Futurologe Ray Kurzweil über die virtuelle Welt der Zukunft. Ein ZEIT-Gespräch

von Christian Tenbrock (Gesprächsführung)


DIE ZEIT: Wer 1986 für 2000 Dollar Microsoft-Aktien kaufte, ist heute Millionär. Wagen Sie eine Prognose darüber, aus welchem Wirtschaftssektor ein neues Microsoft stammen könnte?

Ray Kurzweil: Es wird wohl ein Unternehmen aus dem so genannten GNR-Bereich sein: Genetik, Nanotechnologie, Roboter, wobei mit Letzterem die Herstellung künstlicher Intelligenz gemeint ist. Die Genetik hilft uns, das Leben zu verstehen; sie wird Möglichkeiten schaffen, praktisch alle Krankheiten zu bekämpfen. Mithilfe der Nanotechnologie dürften wir in 25 bis 30 Jahren in der Lage sein, auf völlig neue Weise jedes nur denkbare Produkt herzustellen. Was künstliche Intelligenz angeht: In Ansätzen existiert sie schon heute. Es gibt Tausende Beispiele von Maschinen, die ihre Aufgaben besser verrichten, als Menschen es könnten, etwa in der Diagnostik. Wir werden hier rasante Fortschritte machen. In zehn Jahren werden Sie auf dem Internet virtuellen Personen begegnen, mit denen Sie reden können und die Sie, nur als Beispiel, beim Kauf eines Camcorders beraten werden.

ZEIT: Voraussetzung dafür ist eine wesentlich größere Leistungsfähigkeit von Computern. Heute haben unsere Rechenmaschinen die "Intelligenz" eines Insekts.

Kurzweil: Auf dem Stand von Insekten waren wir vor zwei Jahren. Inzwischen hat ein 1000-Dollar-PC die Fähigkeit eines Mäusehirns.

ZEIT: Auch die reicht nicht für einen Verkäufer. Droht nicht das Ende des Fortschritts bei Computern? Wissenschaftler sprechen davon, dass "Moore's Law", nach dem sich die rechnerische Potenz eines Computers alle 18 Monate verdoppelt, schon bald nicht mehr gelten wird.

Kurzweil: Ach was. Moore's Law war nur das letzte von inzwischen fünf Paradigmen, die für exponentielles Wachstum der Fähigkeit von Computern gesorgt haben. Es ist richtig, dass wir in zehn bis zwölf Jahren an einen Punkt kommen, an dem wir Chips nicht noch kleiner und damit noch schneller machen können. Dann aber wird es das sechste Paradigma geben - nämlich die Dreidimensionalität. Wir werden kleinste Nanoröhren entwickeln. Etwa im Jahr 2019 dürfte ein PC damit dieselbe Leistungskraft haben wie ein menschliches Gehirn.

ZEIT: Gleichzeitig, sagen Sie, werden Computer winzig klein.

Kurzweil: Die Miniaturisierung ist ein weiterer Megatrend der kommenden Jahrzehnte. Die viereckigen Kisten, die wir heute mit uns rumtragen, werden im Jahr 2010 verschwunden sein. Computer befinden sich dann in Brillengläsern oder Kontaktlinsen, sind Teil von Hemden oder Sakkos.

ZEIT: Wie bitte? Schon in zehn Jahren?

Kurzweil: Ja. Monitore brauchen wir dann auch nicht mehr, weil sämtliche Informationen direkt auf unsere Netzhaut projiziert werden können.

ZEIT: Keine guten Aussichten für Firmen wie Compaq, Dell oder Apple.

Kurzweil: Jedes Unternehmen, das im High-Tech-Bereich tätig ist - jedes Unternehmen! -, wird sein Geschäftsmodell zwischen heute und 2010 immer wieder anpassen müssen. Schon jetzt zeichnet sich ja ab, dass man Geld vor allem mit dem Verkauf von intelligenten Dienstleistungen, etwa über das Internet, verdienen wird. Sehen Sie, in zehn Jahren werden wir praktisch ununterbrochen online sein, drahtlos natürlich. Das Netz wird auch immer wissen, wo wir uns befinden. Nehmen Sie an, Sie stehen in einer fremden Stadt vor irgendeinem Hochhaus. Auf Ihrer Netzhaut - oder auf Ihrem Brillenglas - wird Ihnen dann mittels eines kleinen Displays mitgeteilt, wo Sie sich befinden und welche Firmen in dem Haus ihren Sitz haben.

ZEIT: Noch mal: Sie sprechen über das Jahr 2010?

Kurzweil: Sollten wir uns 2010 wieder zum Interview treffen, können wir das tun, ohne wirklich beieinander zu sitzen. Wir werden volle audiovisuelle virtuelle Realität haben. Das heißt, Sie bleiben in Ihrem Büro, sehen aber nicht Ihr Büro, sondern einen anderen Platz, an dem wir zusammenkommen.

ZEIT: In einer Bar in Hamburg.

Kurzweil: Oder an einem Strand in der Südsee. Sie werden sich auch mit künstlich erzeugten Personen treffen. 2010 wird man die noch nicht mit wirklichen Menschen verwechseln, aber sie dürften ganz unterhaltsam sein. Noch einmal 20 Jahre später werden wir dann mit der Miniaturisierung so weit sein, dass wir intelligente Roboter über den Kreislauf in unseren Körper schicken. Diese Nanobots werden untereinander, mit dem Web und mit körpereigenen Neuronen kommunizieren. Mit ihrer Hilfe wird es möglich sein, völlige virtuelle Realität zu erzeugen, einschließlich aller Sinnesorgane.

ZEIT: Das Ende der Sexindustrie?

Kurzweil: Nun ja, Sie werden virtuellen Sex haben können. Viel wichtiger aber: Wir werden in der Lage sein, die menschliche Intelligenz wesentlich zu vergrößern. Wir Menschen werden Charakteristika übernehmen, die schon heute für Maschinen typisch sind: Wir werden unser Gehirn mithilfe nichtbiologischer Intelligenz aufrüsten, unsere Gedächtnisleistung wird sich um ein Vielfaches steigern, wir werden wesentlich schneller denken. Und wir werden nicht mehr mühsam lernen müssen, sondern Wissen direkt aus dem Computer in unser Gehirn runterladen.

ZEIT: Und was passiert mit unserem Körper?

Kurzweil: Einige körperliche Behinderungen wie manche Formen von Blindheit oder Taubheit werden wir schon sehr bald in den Griff bekommen. Einmal wird uns die Genetik dabei helfen, zum zweiten die Möglichkeit, Schnittstellen zwischen unserem Nervensystem und elektronischen Hilfsmitteln zu schaffen. Im Ansatz passiert das ja schon heute. Ich habe einen Freund, der taub geworden ist. Er hat ein Implantat bekommen, das direkt mit seinem Gehörnerv verbunden ist; jetzt kann ich wieder mit ihm telefonieren. Demnächst wird er ein neues, wesentlich leistungsfähigeres Implantat erhalten, das ihm ermöglicht, Musik zu hören. Auf Dauer werden wir die Teile unseres Gehirns oder unseres Nervensystems, die nicht mehr oder nicht gut funktionieren, durch Elektronik ersetzen.

ZEIT: Viel spekuliert wird ja auch über die Produktion ganzer neuer Organe.

Kurzweil: Nicht nur das. Wir werden auch Fleisch züchten, ohne dass wir Tiere dafür brauchen. Hühnerbrust ohne Hühner. Die Biotechnologie schafft ungeahnte Möglichkeiten. Wir werden in der Lage sein, jede Art von Zelle, Gewebe oder Organ herzustellen. Und wir werden Organe in unserem Körper verbessern, während sie noch funktionsfähig sind. Ich bin 53, und ich werde die Chance bekommen, mir das Herz eines 25-Jährigen zu verschaffen - ganz einfach, indem junge Zellen mit meiner DNA in meinen Blutkreislauf gepumpt werden und im Laufe einer vielleicht einjährigen Therapie die meisten meiner alten Herzzellen ersetzen.

ZEIT: Sie reden hier von etwas, was heute aus ethischen Gründen sehr kontrovers ist. Stichwort Stammzellenforschung.

Kurzweil: Ich glaube, wir werden diese Kontroverse spätestens dann hinter uns lassen, wenn wir Stammzellen aus einer einfachen, mit Proteinen aufgerüsteten Hautzelle erzeugen können. Das wird passieren; dann benötigen wir keine weiblichen Eier mehr und auch keinen Fötus.

ZEIT: Sie sind ein unverbesserlicher Optimist, der auf alles eine Antwort hat. Es gibt genügend Wissenschaftler, die mindestens ebenso glaubhaft wie Sie versichern, dass wir von Ihren Visionen noch viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte entfernt sind. Übersehen die alle etwas?

Kurzweil: Ja. Sie übersehen, dass sich der Fortschritt beschleunigt, weil jede neue Technologiegeneration immer potentere Werkzeuge für die jeweils nachfolgende Technologiegeneration schafft. Viele Wissenschaftler denken in linearen, nicht in exponentiellen Dimensionen. Sie lösen in einem Jahr vielleicht ein Prozent eines Problems und meinen daher, dass es 100 Jahre dauern wird, bis das ganze Problem gelöst ist. Dabei verkennen sie, dass sich die Geschwindigkeit des Fortschritts alle zehn Jahre verdoppelt. Manchmal geht es sogar noch schneller. Exponentielles Wachstum ist eben Kennzeichen des technologischen Fortschritts. Nehmen Sie nur das Internet. Erst ging es so langsam vorwärts, dass niemand merkte, was sich da anbahnt. Seit Mitte der neunziger Jahre aber zeigt die Wachstumskurve von Usern und Websites steil nach oben.

ZEIT: Was heißt das für den Rest des Jahrhunderts?

Kurzweil: Das heißt, dass wir im 21. Jahrhundert den Fortschritt von 20 000 Jahren erleben werden. Die nächsten 100 Jahre werden Hunderte Mal mehr Fortschritt bringen als die letzten 100 Jahre. Und die waren schon ziemlich revolutionär.

ZEIT: Mir schwindelt, Herr Kurzweil. Wenn das so stimmt mit Ihrer exponentiellen Fortschrittskurve, muss die doch irgendwann im Indefiniten verschwinden?

Kurzweil: Tut sie auch. Das ist dann der Zeitpunkt, den ich "Singularität" nenne. Fortschritt wird sich am Ende so beschleunigen, dass er unser menschliches Fassungsvermögen überschreitet. Unser heutiges Fassungsvermögen. Denken Sie an das, was ich zuvor gesagt habe. Im Jahr 2030 wird Rechnerkapazität im Wert von nur einem Dollar die Leistungsfähigkeit des gesamten menschlichen Hirns haben. Computer besitzen, was die Hardware angeht, dann also weit mehr Leistungskraft als Menschen. Dazu werden wir aber - mittels Gehirn-Scanning oder anderer Methoden - auch Software entwickeln, die die menschliche Intelligenz in all ihren Facetten im Computer abbildet - inklusive der Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge und Emotionen zu verstehen und zu fühlen. Maschinen sind dann im menschlichen Sinne intelligent.

ZEIT: Und Mensch und Maschine werden eins?

Kurzweil: Ja. Die künstliche Intelligenz kann natürlich wesentlich schneller lernen als ein Mensch. Sobald eine Maschine in der Lage ist zu lesen, liest sie in kurzer Zeit die gesamte Weltliteratur. Aber die Maschinen werden nicht mit uns konkurrieren. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wird es keinen klaren Unterschied zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz mehr geben. Wir werden uns gegenseitig befruchten, unseren menschlichen Geist durch die intime Verbindung zwischen biologischer und nichtbiologischer Intelligenz erweitern.

ZEIT: Lassen Sie uns in die etwas nähere Zukunft zurückkehren. Wenn nur die Hälfte von dem wahr wird, was Sie voraussagen: Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Kurzweil: Zunächst einmal: Die Wirtschaft ist der wichtigste Antrieb für die technologische Entwicklung. Wir bauen Maschinen mit menschlicher Intelligenz und mehr als Resultat von Millionen kleinerer Fortentwicklungen, die allesamt ihre eigene ökonomische Begründung haben. Zweitens: Schon heute bewegen wir uns auf einen Punkt zu, an dem Wissen der wichtigste ökonomische Wert ist. Das wird sich fortsetzen. Manche Bekleidungshersteller beginnen bereits damit, den Körper ihrer Kunden zu scannen und das Ergebnis abzuspeichern; damit kann ich mich auf dem Web dann einkleiden und mir meine ganz individuelle Maßanfertigung bestellen. In 30 Jahren wird es uns die Nanotechnologie ermöglichen, einen Stuhl oder einen Tisch zusammenzubauen, und zwar mit Software, die man sich vom Internet herunterholt. In jedem Design und aus jedem Material, das man sich vorstellen kann. Technologie wird alle Lebensbereiche verändern, von der Bildung bis zur Medizin. In der Schule wird künftig mittels virtueller Realität unterrichtet, Schüler schlüpfen dann in die Haut und das Gehirn von, sagen wir, Benjamin Franklin und diskutieren den Aufbau der amerikanischen Verfassung. Im Krankenhaus wird der Arzt zum Mentor und Berater, weil Technologie zunehmend Diagnose und Therapie übernimmt. Computerkontrollierte Nanobots zum Beispiel werden den Körper nach Krebszellen absuchen und sie - natürlich - zerstören.

ZEIT: Alles wird gut. Gefahren gibt es keine?

Kurzweil: Ich bin der Letzte, der die Gefahren verleugnet. Sie haben zu tun mit der Dualität der menschlichen Natur. Wir sind beides - kreativ genauso wie destruktiv, und Technologie verstärkt das noch. Technologie hat uns von dem ziemlich miserablen Leben erlöst, das die meisten Menschen vor 200 Jahren fristeten ...

ZEIT: In der Ersten Welt hat sie das getan.

Kurzweil: ... auch im Rest der Welt ist die Lebenserwartung überwiegend höher als vor 200 Jahren. Außerdem können manche Länder heute ganze Entwicklungsstufen überspringen. Ich bin überzeugt davon, dass der technologische Fortschritt im Westen so groß sein wird, dass in etwa fünf Jahren einfache Kommunikationsinstrumente - Telefon, Internet-Anschluss - so gut wie nichts mehr kosten werden. Dann dürfte es möglich sein, Menschen etwa in Schwarzafrika damit fast umsonst zu versorgen. Aber zurück zu den Gefahren: Die Technologien des 21. Jahrhunderts werden wesentlich einflussreicher und mächtiger sein als die des 20. Jahrhunderts - und damit auch gefährlicher. Dasselbe Wissen, das uns ermöglicht, den Krebs zu besiegen, kann auch dazu benutzt werden, im Labor absolut tödliche Krankheitserreger herzustellen. Trotzdem haben wir die moralische Verpflichtung, dem technologischen Fortschritt seinen Lauf zu lassen, schon allein deshalb, weil es noch immer so viel Leid auf der Welt gibt.

ZEIT: Was kann getan werden?

Kurzweil: Einfache Lösungen existieren nicht. Es wird eine Kombination aus ethischen Standards, Verbrechensbekämpfung und technologischen Gegenmaßnahmen sein müssen. Sozusagen die Entwicklung technischer Immunsysteme. Es gibt ein Beispiel, das etwas Hoffnung macht: Als erstmals Softwareviren auftauchten, dachten viele Experten, dass sie eines Tages das ganze System lahm legen würden. Das ist nicht geschehen.

ZEIT: Da haben wir eine Zukunftsindustrie: die Haltet-Technologie-sicher-Branche.

Kurzweil: Investieren Sie schon mal. Noch etwas ist wichtig: Wir müssen wegkommen von zentralisierter Großtechnologie, wir benötigen mehr kleine, dezentralisierte Technologien. Also keine Kernkraftwerke, keine Großraffinerien, keine großen Gebäude, keine Großraumflugzeuge. Großtechnologie bedeutet große Gefahr, dezentralisierte Technologie - wie etwa das Internet - ist praktisch unzerstörbar. Noch ein Beispiel, das in diesem Zusammenhang Hoffnung macht, sind Brennstoffzellen. Wir werden sie einmal mikroskopisch klein bauen und unsere Energieversorgung damit sehr dezentral organisieren können. Überhaupt: Die Menschheit wird auf Dauer weniger konzentriert wohnen, und wir werden auch weniger reisen. Das machen wir virtuell, Flugzeuge benötigen wir nicht mehr so viele.

ZEIT: Noch eine sterbende Branche.

Kurzweil: Die Nanotechnologie wird uns Maschinen geben, die mit Mikroflügeln operieren. Sie werden Ihr eigenes, persönliches Transportmittel haben. Mit dem können Sie dann herumfliegen.

KA111
19.01.2002, 15:57
Die breite Diskussion um dieses Interview ist nicht emotionslos:) aber in einigen Passagen doch recht interesssant. Darum stell ich sie hier ein.

Klaus Richter, Wien:

"Ray Kurzweil präsentiert sich als Fortschritts-Euphoriker ohne eigene Ideen und mit wenig Sinn für die Realität. In diesem Interview ist nichts zu lesen, was die Science-Fiction Literatur nicht schon vor Jahren vorweg genommen hätte - und zwar auf teilweise höherem Niveau und bestimmt mit mehr Unterhaltungswert. Noch Anfang der achziger Jahre verkündeten Zukunftsforscher, die Menscheit würde im Jahr 2000 den Mars kolonisieren und im Asteroidengürtel Erze abbauen. Ray Kurzweils Prognosen bewegen sich auf ähnlichem Niveau."




Henning Schweer, Kiel:

"Ein Glaube scheint sich ja nicht ausrotten zu lassen: Dass die reine Erhöhung von Wissen und Intelligenz die Probleme der Menschheit lösen könnte. Augenscheinlich ist doch, daß es nicht der Mangel an Wissen und Fortschritt ist, der die Probleme von Hunger, Armut und Krieg schafft, sondern der fehlende Willen dieses auch zum Wohle aller anzuwenden. Glaubt Herr Kurzweil eigentlich, daß all die neuen Übermenschen ihre Intelligenz und Stärke in den Dienst der übrigen Menschen stellen werden. Die Erfindung neuer Technologien wird die Menschen nicht zwangsläufig befreien, sondern wohl eher dazu führen, daß die Menschen,die die Technologie besitzen, die übrigen versklaven.

Wie soll man sich diese zukünftige Welt auch vorstellen. Was wird mit all denen sein, die nicht an diesen beschriebenen Entwicklungen teilhaben wollen. Mit denen, die nicht mit Maschinen verschmelzen wollen und ihre Zukunft nicht in der Erschaffung eines Homo superior sehen. Wird ihnen die Möglichkeit gelassen werden, ihre Zukunft frei zu gestalten? Kann es zwischen Gegnern, Befürwortern und all denen dazwischen sogar ein resepektvolles nebeneinander geben? Ich fürchte nicht. Denn wie oben schon gesagt, die bloße Erweiterung der menschlichen Rechen- und Erinnerungskraft wird kein höheres Maß an Einsicht und Toleranz erzeugen. Da schon eher mehr Überheblichkeit und Verblendung.

Ich möchte nicht in den ewigen Chor der Fortschrittsgegner einstimmen. Der technische Fortschritt, hat zumindest einen Teil von uns von Seuchen, Schmerz, Hunger und vielen anderen Übeln befreit. Doch dürfen all die Zukunftsentwürfe nie den einzelnen Menschen und seine Würde aus den Augen verlieren. Nicht mehr Fakten und irgendwelche Implantate werden aus uns bessere Menschen machen, sondern eher der Versuch unsere eigenen Grenzen zu kennen, Bescheidenheit in unseren eigenen Wünschen zu üben und uns in unserem Verantwortungsbewußtsein für unsere Mitmenschen zu stärken. Fortschritt ja, aber nicht unter dem Diktat unserer egoistischen Träume von eigener ewiger Jugend und Glückseligkeit."




Raffael Stocker:

"Mein erster Punkt betrifft Kurzweils Vision vom virtuellen Urlaub. Darin sind alle Sinneswahrnehmungen virtuell, können aber nicht von realen unterschieden werden. Es folgt eine Verschmelzung von virtueller Welt und Realität im Geist des Urlaubers. Als konkretes Beispiel für meine weiteren Ausführungen möchte ich einen virtuellen Griechenlandurlaub gebrauchen.

Man glaubt, in Griechenland zu sein. Man weiß aber, daß der Urlaub nur virtuell ist (sofern man noch zur Unterscheidung fähig ist). Eine Befriedigung ist der Urlaub deswegen nicht, weil keine "Gewißheit" darüber herrscht, daß man tatsächlich, d. h. geographisch, in Griechenland ist. Ist man aber zur Unterscheidung von virtueller Welt und realer Gewißheit nicht mehr fähig, verkommt der Glaube, den Urlaub real erlebt zu haben, zur Gewißheit. Man weiß nun, daß man in Griechenland (geographisch) war. Es wird also das Wissen manipuliert.

Das prognostizierte Ende der Reisebranche erinnert übrigens an das Ende des Kinos, als sich das Fernsehen weit verbreitete...

Ein weiterer mir sehr wichtiger Punkt betrifft Sicherheitsüberlegungen bei der computergestützten "Aufrüstung" unseres Gehirns. Microsoft hält's heute schon kaum aus, Software ohne Hintertüren auszuliefern. Wie Ray Kurzweil anspricht, werden Privatunternehmen den Hauptanteil der Forschung und Entwicklung im GNR-Bereich innehaben. Es besteht nun die Gefahr, daß sich jedes Unternehmen Hintertüren in die Gehirnimplantate einbaut, um so jeden Menschen "bei Bedarf" steuern und überwachen zu können. Damit wird Direktmarketing endlich zum Kinderspiel.

Hintertüren bleiben aber selten lange unentdeckt und geschickte Cracker (der korrekte Terminus für das, wozu die meisten Leute fälschlicherweise "Hacker" sagen) könnten diese ausnutzen, um z. B. eine Person Straftaten begehen zu lassen. Durch deren ständige Verbindung zum Internet würden natürlich alle Bewegungen aufgezeichnet, das Opfer würde wissen, daß es das Verbrechen begangen hat und es gestehen. Ebenso würde die Bestechung hoher Persönlichkeiten hinfällig werden.

Durch ständige Konnektivität und dadurch mögliche Überwachung oder Lokalisierung gehen die wichtigsten Elemente gesellschaftlicher Freiheit verloren: Anonymität und Autonomität.

Kurzweil schlägt gegen solche Probleme "technologische Gegenmaßnahmen" vor, was mich schon zum nächsten Punkt bringt: Mit Hilfe seiner Technologie schafft man eine Schnittstelle zwischen Netz und menschlichem Gehirn, und setzt das Gehirn damit unmittelbar der Gefahr aus, ins Netz "abzugleiten". Die gespeicherten Daten auf den implantierten Chips wären sicherlich auf irgendeine Art und Weise les- und löschbar. Um dies zu verhindern, entwickelt man sich Technologien, die Technologie vom - nunmehr technologisch geprägten Gehirn - fernhalten sollen. Das hört sich verdächtig danach an, den "Teufel mit dem Belzebub auszutreiben".

Dasselbe Prinzip funktioniert im Internet: Firewalls sollen vor Cracker-Angriffen schützen. Der wichtigste Grundsatz lautet hier aber: Ein Sicherheitssystem ist immer nur so sicher, wie sein Geheimnis. Niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen, einen Computer mit unbedingt sensiblen Daten ans Internet anzuschließen. Auch nicht über eine Firewall!

Nun schlägt Kurzweil aber vor, die empfindlichste und zugleich wertvollste aller Perlen des menschlichen Daseins quasi zum Cracken freizugeben. Ein Sicherheitssystem ist nie zu hundert Prozent sicher. Weniger als hundert Prozent Sicherheit sind in dieser Beziehung aber weit mehr als grob fahrlässig. Das menschliche Gehirn muß unter allen Umständen ein Inselsystem bleiben.

Neben der Aufrüstung des Gehirns mit Computertechnik will Kurzweil Computern das Denken "beibringen". Er vergleicht die Leistung von Computern mit der des menschlichen Gehirns. Obwohl das für jemanden, der sich mit Computern und Gehirnen nicht wissenschaftlich auseinandersetzt, logisch erscheinen mag, halte ich es für äußerst fatal und leichtsinnig, so einen Vergleich aufzustellen.

Zuerst gibt es einen wichtigen "Technologieunterschied": Das menschliche Gehirn ist als neuronales Netz aufgebaut. Die einzelnen Neuronen sind dabei übrigens keineswegs besonders schnell. Sie "feuern" im Durchschnitt nur zehnmal pro Sekunde. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns gründet sich nur auf seine massiv parallele Arbeitsweise. Kernpunkt an der ganzen Sache ist die komplexe Vernetzung der einzelnen Neuronen. Erst darin liegt die eigentliche "Leistung" des Gehirns begründet.

Computer dagegen arbeiten erst einmal sequentiell. Moderne PC-Prozessoren können zwar bereits zwei arithmetische Ganzzahl-Operationen parallel ausführen, wirkliche Parallelität erreicht man aber nur durch die Verwendung mehrerer Prozessoren in einem Computer. Von zwei Prozessoren in PCs bis hin zu einigen hundert in Supercomputern ist alles möglich, letztere füllen allerdings heute noch ganze Räume.

Will man nun Computer mit Gehirnen - zumindest auf funktionaler Ebene - vergleichen, muß man die Annahme treffen, daß auf dem Computer ein neuronales Netz simuliert wird. Da ein Computer jedoch sequentiell arbeitet, muß er alle einzelnen Neuronen nacheinander simulieren. Wie schnell das geht, hängt nicht nur von der Rechenleistung ab, sondern auch von der Größe des simulierten Netzes, von der Komplexität der gerade stattfindenden Neuronenkommunikation und schließlich vom verwendeten Simulationsalgorithmus. Da aber die Vernetzungskomplexität bei größer werdenden neuronalen Netzen in Gehirnen (von der Maus zum Affen) exponentiell ansteigt, wird sich die Computerleistung der Gehirnleistung bestenfalls nur linear annähern, selbst wenn erstere mit der Zeit exponentiell zunimmt.

Dies stellt nur meine persönliche Meinung zum Zeitplan dar, ich will mich nicht um ein paar zehn Jahre streiten. Was viel wichtiger ist: Wenn man es trotz allem geschafft hat, ein neuronales Netz eines menschlichen Gehirns zu simulieren, stellt sich immer noch die Frage, was es bringen soll. Die Funktionsweise, das Denken eines Menschen nur auf Basis der untersten "Hardwareebene" verstehen zu wollen, ist vergleichbar mit dem Vorhaben, ein Computerprogramm nur durch die Beobachtung der Elektronenbewegung in einem Prozessor zu deuten. Absolut unmöglich, egal wie viel Zeit und Hilfsmittel man dazu zur Verfügung hat.

Man kann allerdings ein neuronales Netz eines Menschen kopieren und im Computer ausführen, aber man kann kein neues Netz und damit einen Computer mit einem "eigenen" Bewußtsein erschaffen. Ein kleines Gedankenexperiment möge dies verdeutlichen: Man kopiert das neuronale Netz eines Neugeborenen und führt es im Computer aus. Die Verknüpfungen des Netzes sind noch rudimentär, es hat noch nicht "gelernt". Wie möchte man dem Computer jetzt ein menschliches Bewußtsein einprägen? Er kann nicht gewickelt werden, er ernährt sich nicht, er schreit nicht, er wird nicht mit anderen Kindern spielen. Genau das ist es aber, was unser Bewußtsein prägt.

Damit wird es also, entgegen der Prognose von Kurzweil, immer einen Unterschied zwischen maschineller und menschlicher Intelligenz geben, es sei denn, maschinelle Intelligenz besteht nur aus Kopien echter menschlicher (erwachsenser) Gehirne. Die konkurrieren dann mit ihren "Doppelgängern" aus Fleisch und Blut (darf man einen Menschen, nachdem sein Bewußtsein in die Maschine transferiert worden ist, töten, um dies zu verhindern?) und werden sehr schizophrenieanfällig sein.

Noch ein letzter Gedanke sei mir gegönnt: Kurzweils "virtuelle Personen" werden wohl die erste der von ihm prognostizierten Neuerungen sein. Es handelt sich wohl zuerst um hochspezialisierte Expertensysteme (Camcorderverkäufer), die mit etwas 3D-Graphik "aufgepäppelt" sind. Neuronale Netze braucht es dazu nicht oder zumindest nicht zur Simulation eines menschlichen Gehirns. Das Problem ist in diesem Fall kein technisches: Beim Camcorder-Kauf kann man virtuelle Personen akzeptieren, was ist aber, wenn man nicht zwischen virtueller und realer Person unterscheiden kann, z. B. im Falle einer Email-Kommunikation? Man muß als Mensch das Recht besitzen, über die Virtualität von Personen bescheid zu wissen. Das heißt, eine virtuelle Person muß sich immer als solche identifizieren.

Ray Kurzweil besitzt eine euphorische Technologiegläubigkeit, die einen erschauern läßt. Er ist der Ansicht, wir hätten die "moralische Verpflichtung, dem technologischen Fortschritt seinen Lauf zu lassen, schon allein deshalb, weil es noch immer so viel Leid auf der Welt gibt". Ich bin der Ansicht, wir haben die ethische Verpflichtung, technologischen Fortschritt genau unter die Lupe zu nehmen und gegebenfalls zu hemmen, schon allein deshalb, weil Technologie beileibe nicht nur zur Linderung des Leids auf der Welt eingesetzt wird, was Kurzweil verschweigt. Die Frage bei technologischem Fortschritt ist nicht, ob man etwas tun kann, sondern ob man etwas tun soll.

Ich bin keineswegs technologiefeindlich. Ich selbst habe Software entwickelt, mit der man ein Haus komplett über das Internet steuern könnte. Nur möchte ich das niemandem empfehlen. Schon hier können die Risiken größer werden als der Nutzen. Im Falle von Nanotechnologie und künstlicher Intelligenz muß man die Risiken natürlich noch einmal um einige Größenordnungen höher ansetzen. Kurzweils uneingeschränkter Technizismus ist genauso gefährlich wie die totale Verhinderung technischen Fortschritts.

Ich wünsche mir deshalb von allen Wissenschaftlern, gesellschaftliche Verantwortung und Ethik beim Forschen nicht aus den Augen zu verlieren.

Zumindest hat und Kurzweil endlich den wahren Sinn der Menschheit aufgezeigt: Selbstauflösung wegen fehlender Existenzberechtigung."




Dr. Rudolf Taschner, Professor für konstruktive Mathematik an der Technischen Universität Wien:

"John Kenneth Galbraith, der Doyen der amerikanischen Wirtschaftswissenschaft, kennt nur zwei Typen von Futurologen: jene, die von der Zukunft nichts wissen, und jene, die nicht wissen, daß sie von der Zukunft nichts wissen. Ray Kurzweil, einer der schrillsten unter den Fortschrittsverkündern, gehört - das Gespräch mit Christian Tenbrock belegt es - der zweiten Gruppe an.

Doch beginnen wir mit dem Positiven: jener Passage des Interviews, in der Kurzweil seinen Enthusiasmus auf ein erträgliches Maß reduziert und wohl deshalb nur dort sympathisch wirkt. Sie betrifft seine Schilderung, wie elektronische Geräte bereits jetzt und künftig noch effektiver körperliche Behinderungen zu lindern vermögen: sein ertaubter Freund kann mit einem Implantat, das direkt mit dem Gehörnerv verbunden ist, einigermaßen hören und in Bälde wird eine leistungsfähigere Version ihm sogar erlauben, Musik wieder zu genießen.

Ganz im Gegensatz zu seinen restlichen Verkündigungen beschränkt sich Kurzweil hier auf den Aspekt der Heilung. In der Tat: besonders in der Medizin haben Elektronik und Informatik ungeahnte Bedeutung erlangt und segensreiche Entwicklungen eingeleitet. Wunderbar, wenn Kurzweil hier recht behält, wenn es wirklich gelingt, mit elektronischen Prothesen Blinde wieder sehen, Taube wieder hören, Lahme wieder gehen zu lassen. Und es sei unumwunden anerkannt, daß Kurzweil zurecht seinen Ruhm Erfindungen zum Dienste des Menschen, wie zum Beispiel der Entwicklung von Lesemaschinen für Blinde, verdankt.

Doch Kurzweil wurde mit dieser einen, sich an menschliche Bedürfnisse orientierenden Äußerung seinen Phantasmagorien, die das Gespräch dominieren, untreu: Will er doch nicht, metaphorisch gesprochen, den gottgewollten Zustand der Natur bewahren, sondern vielmehr dem lieben Gott und seiner mäßig gelungenen Schöpfung beweisen, wie Elektroingenieure, Biotechniker und Informatiker das alles viel besser zustande bringen: Fleisch zu züchten, ohne Tiere dafür zu brauchen: Hühnerbrust ohne Hühner. In kürzester Zeit die gesamte Weltliteratur maschinell zu inhalieren. Miniaturisierte Kleinroboter in Menschenkörper zu stecken, die mit dem world wide web und den körpereigenen Neuronen zugleich kommunizieren.

Die elektronische Hörprothese von Kurzweils Freund entpuppt sich à la longue als wegwerfwürdige Krücke: Denn schon bald, Kurzweil prophezeit: sehr bald, brauchen wir gar keine Ohren mehr, weil die im Leib implantierten "Nanobots" die völlige virtuelle Realität erzeugen. Das bedeutet: In Sekundenschnelle "laden" wir uns "den ganzen Mozart" ins Hirn - ihn "hören" zu wollen, welch biedermeierlich antiquierter Spleen …

Drei zentrale Sätze Kurzweils, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte, bringen seinen grandiosen Computerfetischismus auf den Punkt. Die Passage, worin der erste eingebettet ist, lautet:

"… in zehn Jahren werden wir praktisch ununterbrochen online sein, drahtlos natürlich. Das Netz wird auch immer wissen, wo wir uns befinden. Nehmen Sie an, Sie stehen in einer fremden Stadt vor irgendeinem Hochhaus. Auf Ihrer Netzhaut - oder auf Ihrem Brillenglas - wird Ihnen dann mittels eines kleinen Displays mitgeteilt, wo Sie sich befinden und welche Firmen in dem Haus ihren Sitz haben."

Das Netz wird immer wissen, wo wir uns befinden. Das "Netz" wird sogar alles wissen: nicht nur, vor welchem Haus wir stehen, auch die Firmen im Haus werden, bei im wahrsten Sinne des Wortes guten Verbindungen, vom "Netz" erfahren, wer sie von außen beobachtet, wie schnell des Beobachters Puls schlägt, woran er gerade denkt, was seine intimsten Gefühle sind, …

Daher ist es ziemlich witzlos, würde jemand auf dem Internet einer virtuellen Person begegnen wollen, die beim Kauf eines Camcorders berät - wozu noch selbst eine DVD bespielen, ist doch im "Netz" ohnedies alles aufgezeichnet. Und genauso witzlos ist es, als Schüler in die Haut und das Gehirn von Benjamin Franklin zu schlüpfen um den Aufbau der amerikanischen Verfassung zu diskutieren, denn als Marionette des "Netzes" braucht niemand mehr etwas zu lernen, weil man ohnehin nur mehr "downloadet".

Und das "Netz" ist nicht bloß allwissend, es ist aufgrund der dezentralisierten Technologie, auf der es beruht, praktisch unzerstörbar. Frappant erinnert das elektronische Netz in Kurzweils Zukunftsvision an das atavistische Terrornetz der Al Qaida: ebenso dezentral, ebenso schwer zu bekämpfen, ebenso der Idee des Humanen gegenüber blind und arrogant zugleich.

Denn das Humane hat in Kurzweils Universum keinen Platz: "Wir Menschen werden Charakteristika übernehmen, die schon heute für Maschinen typisch sind." Kurzweil korrigiert in diesem zweiten zentralen Satz Protagoras: Nicht der Mensch, die Maschine ist das Maß aller Dinge. Und es gilt, Menschen und Maschinen ununterscheidbar zu machen. Bei Maschinen hat Kurzweil keine Zweifel, das Ziel in wenigen Jahren zu erreichen - und Menschen, die sich nicht als Maschinen eignen, werden ohnehin als minderwertiges Material ausgelagert - so etwas gab es schon vor sechzig Jahren, damals betraf es noch eine "Rasse", doch bald sind, wenn es nach Kurzweil, Moravec und anderen Propheten der künstlichen Intelligenz geht, wir alle dran.

Vor zwei Jahren hätten die Rechenmaschinen die Intelligenz eines Insekts besessen und bei Mäusen seien wir schon heute mit einem 1000-Dollar-PC bereits so weit. Etwa im Jahr 2019 (warum gerade 2019 und nicht 2020?) dürfte ein mit Nanoröhren bestückter PC dieselbe Leistungskraft haben wie ein menschliches Gehirn.

Tollkühn behauptet Kurzweil damit implizit, die Leistungskraft des menschlichen Gehirns definieren zu können. Ein hanebüchener Unsinn. Nicht einmal den Begriff der "Intelligenz", selbst jenen eines Insekts, sind wir in der Lage, präzise zu fassen, und die sogenannten "Intelligenztests" prüfen bekanntlich nur dasjenige Denkvermögen, welches zur Bewältigung der jeweiligen Aufgabe vonnöten ist, nie aber die Qualität des Denkens als solche.

Was aus der Sicht eines Mathematikers auch kein Wunder darstellt. Denn über das Denken zu denken ist, nach der Terminologie des brillanten französischen Gelehrten Henri Poincaré, vom Charakter des "Imprädikativen" geprägt: Denken zu definieren setzt Denken voraus - ein circulus vitiosus. Das Imprädikative - nicht zuletzt der berühmte Unvollständigkeitssatz Kurt Gödels belegt es - raubt der formalen Logik, also jener Logik, auf der einzig und allein das Funktionieren des Computers fußt, ihre alles nach wahr und falsch kategorisierende Kraft.

Das Individuum als ein nie durch Definitionen einholbares Geschöpf, als ein Subjekt mit einer nur ihm gehörenden, einzigartigen Lebensgeschichte und Erfahrung ist grundsätzlich mit keinem einzigen technischen Objekt, das keine Geschichte und keine Erfahrung besitzen kann, vergleichbar - allein das Ansinnen eines Vergleichs ist pervers. Deshalb bedeuten Kurzweils Prophezeiungen die Vernichtung des Menschen. Der Tod des Subjekts ist der Preis für die Unsterblichkeit maschineller Intelligenz.

Natürlich gibt Kurzweil vor, genau das Gegenteil zu wollen: seine netten Maschinen würden uns paradiesische Zustände bescheren. Und die Entwicklung in diese Richtung ist in seinen Augen unaufhaltbar: "Das wird passieren; dann benötigen wir keine weiblichen Eier mehr und auch keinen Fötus."

Der dritte zentrale Satz aus dem Interview entlarvt: Der Mann leidet an einem beklemmenden Uterusneid, einem so exzeptionellen seelischen Komplex, daß er das ganze Universum von neuem und viel besser zu gebären beabsichtigt - koste es, was es wolle.

Angesichts dieses Befundes fällt es schwer zu entscheiden, wie man Kurzweil begegnen soll: mit grenzenlosem Mitleid oder mit abgrundtiefem Ekel."

DIE ZEIT

Trüffelschwein
19.01.2002, 19:06
Sehr interessant!

Der gute Prof. Taschner scheint aber selber ein Problem zu haben, wenn er dermaßen ausfällig reagiert.

Es gibt ja auch schon Frauen, die davon träumen, keine Befruchtung durch Männer mehr nötig zu haben, um Nachwuchs zu kriegen. Daher ist es ja wohl mehr als legitim, wenn ein Wissenschaftler davon träumt, daß keine Gebärmutter mehr gebraucht wird. Dem dann ein Problem zu unterstellen, ist mehr als unwissenschaftlich. Schäm Dich, Taschner!

Ciao, T.