Eliska
20.01.2002, 15:25
Italiens Frauen zeigen, was Emanzipation wirklich heisst:
Für ihr Glück brauchen sie weder einen Ehemann noch dessen Karriere
VON WALTER DE GREGORIO
Rom - Italiens Frauen arbeiten mehr als die Männer, sind aber glücklicher und erfüllter als diese. Zu diesem Schluss kam Alberto Zuliani, Direktor des italienischen Statistikamts Istat, als er vor exakt einem Jahr an einem Kongress in Neapel erste Zwischenergebnisse der nationalen Umfrage «Istat 2000» präsentierte.
Der Direttore beschränkte sich damals noch auf Tendenzen, die man auf Grund der ersten Zahlen ablesen konnte. Etwa die Vermutung, dass italienische Frauen grundsätzlich mehr Zeit in die kulturelle Weiterbildung investierten als Männer und auch in Schule und Universität erfolgreicher seien. Trotzdem hätten sie auf dem Arbeitsmarkt entschieden schlechtere Chancen als die Männer.
Die heute vorliegenden definitiven Zahlen bestätigen diese Tendenz - und gehen sogar noch einen Schritt weiter. Um das «gesellschaftliche Chancendefizit» zu korrigieren, heisst es im Istat- Bericht, legen Italiens Frauen «mehr Pioniergeist und Innovationsfreude» an den Tag, versuchen flexiblere Arbeitsmodelle aus, sind hartnäckiger und konstanter bei Ausbildung und Beruf als ihre männlichen Kollegen. Gefordert sind vor allem verheiratete Frauen: Unter dem Strich weisen sie mehr Wochenarbeitsstunden auf als die Männer. Dass sie dennoch zufriedener sind als die Männer, mag erstaunen, ist aber statistisch zu erklären.
Italiens Rollenverteilung ist in den letzten zwanzig Jahren total umgekrempelt worden. Das Modell «Hausfrau-Ehefrau-Mutter» wurde auf allen Ebenen und in allen Altersklassen durch «Arbeiterin-Ehefrau-Mutter» ersetzt. Das ist zwar nicht eine spezifisch italienische Entwicklung, wirkt sich aber hier ganz besonders aus. Der Anteil der arbeitenden Frauen beträgt in Italien rund 38 Prozent. Das ist im europäischen Vergleich (50 Prozent) nicht überragend. Mit seinen 1,2 Millionen selbstständig erwerbenden Frauen liegt Italien prozentual aber - unmittelbar hinter Portugal und Griechenland - an dritter Stelle. Diese Zahlen werden auch vom Uno-Bericht «World''s Women 2000» gestützt, der zu ähnlichen Ergebnissen kommt.
Die Gründe für diese Entwicklung sind: Der Dienstleistungssektor hat viele neue Arbeitsplätze generiert. Ausserdem sind Frauen auch innerhalb der Familie selbstbewusster geworden. In den letzten zwanzig Jahren haben sich die Scheidungen in Italien mehr als verdoppelt. Das ist für ein katholisches Land wie Italien eine Kulturrevolution.
Auch bei Trennungen und Scheidungen ergreifen Italiens Frauen heute schneller die Initiative als früher. 1970 wurde in Italien das Scheidungsrecht eingeführt - und am Anfang fast ausschliesslich von Männern benutzt. In den meisten Fällen taten sie es wegen einer anderen Frau. Heute ist es umgekehrt: In 68 Prozent der Fälle sind es die Ehefrauen, die ihre Männer vor die Türe setzen - und sie tun es meistens nicht, weil sie sich anderweitig verliebt haben.
Die moderne italienische Frau macht, was sie will - ohne Stress
Für italienische Soziologen ist das ein klares Indiz für das erstarkte Selbstbewusstsein der Frauen. Es könnte auch eine Retourkutsche dafür sein, wie sich die Männer in der Ehe verhalten - etwa, dass sie sich bei der Hausarbeit und der Kindererziehung nach wie vor zu wenig engagieren. Früher - so legen die Untersuchungen nahe - haben die Frauen solches Verhalten geschluckt. Heute machen sie nicht mehr mit.
Das neue Selbstbewusstsein der italienischen Frauen wirkt sich positiv auf ihren Gefühlszustand aus. Geschiedene Frauen mit Kindern, heisst es in einer Istat-Studie aus dem Jahr 1997, klagen weniger über Arbeitszeitbelastung und verfügen auch über mehr Freizeit als verheiratete Frauen mit Kindern. Eine Frau, die sich von ihrem Mann trennt und die Kindererziehung und -betreuung allein übernimmt, leidet also nicht unter einem grösseren Arbeitsstress, sondern geniesst im Gegenteil mehr Freiräume.
Glaubt man den Untersuchungsresultaten, reduziert sich auch für manche geschiedene Frau der psychische Stress: Sie fühlt sich zufriedener und erfüllter.
Studien des italienischen Forschungszentrums CNR, die auch vom Europäischen Institut für Sozialpsychologie (IEP) bestätigt werden, weisen zudem darauf hin, dass die italienischen Frauen nicht nur in Bezug auf die - vermeintlich emanzipierteren - nordeuropäischen Frauen aufgeholt haben, sondern sogar noch weiter gehen. Die Italienerinnen, lautet die eigenwillige These des CNR, nehmen nicht den Stress auf sich, den Männern im Beruf nachzueifern. Eine Karriere um jeden Preis lehnen sie ab, und sie definieren sich auch nicht über den Berufserfolg: Der Preis dafür ist ihnen schlicht zu hoch und das Ziel zu wenig attraktiv.
Feministische Kreise verurteilen diese These aufs Schärfste. Es handle sich dabei lediglich um einen Trick, um die Frauen wieder zurück an den Herd zu locken. Umfragen aber zeigen, dass die «neue italienische Frau» auch über diese Kritik erhaben ist. Will sie wieder ausschliesslich am Herd stehen, dann tut sie das einfach, weil es ihr Wunsch ist.
Ganz im Gegensatz zu den italienischen Männern. Sie machen laut IEP-Umfragen noch bis zum vierzigsten Altersjahr, was Mamma sagt. In Deutschland wird die Nabelschnur spätestens mit 24 gekappt, in Dänemark mit 23, in Grossbritannien mit 22 Jahren. Während Italiens Frauen - trotz Vorurteilen und objektiven Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt - langsam, aber kontinuierlich ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, neigen die italienischen Männer zur «Re-Infantilisierung».
Die Frau braucht weder einen Ehemann noch gesellschaftliche Akzeptanz via Arbeitsplatz, um glücklich zu sein - darin liegt die Brisanz der gerade stattfindenden Veränderung der Rollenbilder und der Grund für die grossen Konflikte zwischen den Frauen und Männern von heute. Und die moderne italienische Frau hat keine Lust, für den Mann die Mamma zu spielen. Der italienische Mann hingegen sehnt sich nach wie vor nach der «mütterlichen» Ehefrau. Und je mehr er trötzelt, desto weniger bekommt er sie.
SonntagsZeitung.CH
Für ihr Glück brauchen sie weder einen Ehemann noch dessen Karriere
VON WALTER DE GREGORIO
Rom - Italiens Frauen arbeiten mehr als die Männer, sind aber glücklicher und erfüllter als diese. Zu diesem Schluss kam Alberto Zuliani, Direktor des italienischen Statistikamts Istat, als er vor exakt einem Jahr an einem Kongress in Neapel erste Zwischenergebnisse der nationalen Umfrage «Istat 2000» präsentierte.
Der Direttore beschränkte sich damals noch auf Tendenzen, die man auf Grund der ersten Zahlen ablesen konnte. Etwa die Vermutung, dass italienische Frauen grundsätzlich mehr Zeit in die kulturelle Weiterbildung investierten als Männer und auch in Schule und Universität erfolgreicher seien. Trotzdem hätten sie auf dem Arbeitsmarkt entschieden schlechtere Chancen als die Männer.
Die heute vorliegenden definitiven Zahlen bestätigen diese Tendenz - und gehen sogar noch einen Schritt weiter. Um das «gesellschaftliche Chancendefizit» zu korrigieren, heisst es im Istat- Bericht, legen Italiens Frauen «mehr Pioniergeist und Innovationsfreude» an den Tag, versuchen flexiblere Arbeitsmodelle aus, sind hartnäckiger und konstanter bei Ausbildung und Beruf als ihre männlichen Kollegen. Gefordert sind vor allem verheiratete Frauen: Unter dem Strich weisen sie mehr Wochenarbeitsstunden auf als die Männer. Dass sie dennoch zufriedener sind als die Männer, mag erstaunen, ist aber statistisch zu erklären.
Italiens Rollenverteilung ist in den letzten zwanzig Jahren total umgekrempelt worden. Das Modell «Hausfrau-Ehefrau-Mutter» wurde auf allen Ebenen und in allen Altersklassen durch «Arbeiterin-Ehefrau-Mutter» ersetzt. Das ist zwar nicht eine spezifisch italienische Entwicklung, wirkt sich aber hier ganz besonders aus. Der Anteil der arbeitenden Frauen beträgt in Italien rund 38 Prozent. Das ist im europäischen Vergleich (50 Prozent) nicht überragend. Mit seinen 1,2 Millionen selbstständig erwerbenden Frauen liegt Italien prozentual aber - unmittelbar hinter Portugal und Griechenland - an dritter Stelle. Diese Zahlen werden auch vom Uno-Bericht «World''s Women 2000» gestützt, der zu ähnlichen Ergebnissen kommt.
Die Gründe für diese Entwicklung sind: Der Dienstleistungssektor hat viele neue Arbeitsplätze generiert. Ausserdem sind Frauen auch innerhalb der Familie selbstbewusster geworden. In den letzten zwanzig Jahren haben sich die Scheidungen in Italien mehr als verdoppelt. Das ist für ein katholisches Land wie Italien eine Kulturrevolution.
Auch bei Trennungen und Scheidungen ergreifen Italiens Frauen heute schneller die Initiative als früher. 1970 wurde in Italien das Scheidungsrecht eingeführt - und am Anfang fast ausschliesslich von Männern benutzt. In den meisten Fällen taten sie es wegen einer anderen Frau. Heute ist es umgekehrt: In 68 Prozent der Fälle sind es die Ehefrauen, die ihre Männer vor die Türe setzen - und sie tun es meistens nicht, weil sie sich anderweitig verliebt haben.
Die moderne italienische Frau macht, was sie will - ohne Stress
Für italienische Soziologen ist das ein klares Indiz für das erstarkte Selbstbewusstsein der Frauen. Es könnte auch eine Retourkutsche dafür sein, wie sich die Männer in der Ehe verhalten - etwa, dass sie sich bei der Hausarbeit und der Kindererziehung nach wie vor zu wenig engagieren. Früher - so legen die Untersuchungen nahe - haben die Frauen solches Verhalten geschluckt. Heute machen sie nicht mehr mit.
Das neue Selbstbewusstsein der italienischen Frauen wirkt sich positiv auf ihren Gefühlszustand aus. Geschiedene Frauen mit Kindern, heisst es in einer Istat-Studie aus dem Jahr 1997, klagen weniger über Arbeitszeitbelastung und verfügen auch über mehr Freizeit als verheiratete Frauen mit Kindern. Eine Frau, die sich von ihrem Mann trennt und die Kindererziehung und -betreuung allein übernimmt, leidet also nicht unter einem grösseren Arbeitsstress, sondern geniesst im Gegenteil mehr Freiräume.
Glaubt man den Untersuchungsresultaten, reduziert sich auch für manche geschiedene Frau der psychische Stress: Sie fühlt sich zufriedener und erfüllter.
Studien des italienischen Forschungszentrums CNR, die auch vom Europäischen Institut für Sozialpsychologie (IEP) bestätigt werden, weisen zudem darauf hin, dass die italienischen Frauen nicht nur in Bezug auf die - vermeintlich emanzipierteren - nordeuropäischen Frauen aufgeholt haben, sondern sogar noch weiter gehen. Die Italienerinnen, lautet die eigenwillige These des CNR, nehmen nicht den Stress auf sich, den Männern im Beruf nachzueifern. Eine Karriere um jeden Preis lehnen sie ab, und sie definieren sich auch nicht über den Berufserfolg: Der Preis dafür ist ihnen schlicht zu hoch und das Ziel zu wenig attraktiv.
Feministische Kreise verurteilen diese These aufs Schärfste. Es handle sich dabei lediglich um einen Trick, um die Frauen wieder zurück an den Herd zu locken. Umfragen aber zeigen, dass die «neue italienische Frau» auch über diese Kritik erhaben ist. Will sie wieder ausschliesslich am Herd stehen, dann tut sie das einfach, weil es ihr Wunsch ist.
Ganz im Gegensatz zu den italienischen Männern. Sie machen laut IEP-Umfragen noch bis zum vierzigsten Altersjahr, was Mamma sagt. In Deutschland wird die Nabelschnur spätestens mit 24 gekappt, in Dänemark mit 23, in Grossbritannien mit 22 Jahren. Während Italiens Frauen - trotz Vorurteilen und objektiven Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt - langsam, aber kontinuierlich ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, neigen die italienischen Männer zur «Re-Infantilisierung».
Die Frau braucht weder einen Ehemann noch gesellschaftliche Akzeptanz via Arbeitsplatz, um glücklich zu sein - darin liegt die Brisanz der gerade stattfindenden Veränderung der Rollenbilder und der Grund für die grossen Konflikte zwischen den Frauen und Männern von heute. Und die moderne italienische Frau hat keine Lust, für den Mann die Mamma zu spielen. Der italienische Mann hingegen sehnt sich nach wie vor nach der «mütterlichen» Ehefrau. Und je mehr er trötzelt, desto weniger bekommt er sie.
SonntagsZeitung.CH