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Vollständige Version anzeigen : Wer kassierte mit dem Terror ab?


Eliska
21.01.2002, 13:10
Kurz vor dem 11. September spekulierten Anleger im großen Stil auf den Kurssturz - Geschäfte, die ohne Vorwissen wenig Sinn ergaben. Über diesen Ermittlungsstrang wahren die Fahnder strengste Geheimhaltung. Der Ruf einiger Finanzhäuser steht auf dem Spiel.

Berlin - Die Spur war brandheiß. Schon wenige Stunden nachdem die Twin Towers des World Trade Centers (WTC) in New York eingestürzt waren, berichteten Branchendienste über vorangegangene Finanztransaktionen, die nur mit dem Wissen über die bevorstehenden Anschläge Sinn ergaben und plötzlich große Gewinne abwarfen. Gleich mehrere US-Börsen meldeten noch in derselben Woche die verdächtigen Geschäfte an die zentrale Aufsichtsbehörde, die Securities and Exchange Commission (SEC), die seitdem die Ermittlungen führt.

Und voller Zuversicht, auf diesem Weg eine Spur zu den Verwaltern der Kriegskasse von Osama Bin Laden zu finden, versprach SEC-Chef Harvey Pitt Ende September 2001 bei einer Anhörung im US-Kongress, seine Behörde werde "die Käufer finden, wo immer sie sind".


Fahnder schweigen sich aus

Gleichwohl konnten oder wollten die Fahnder bis heute keinen der Urheber der Transaktionen ausmachen. Auf Nachfrage teilen die SEC-Beamten nur mit, die Ermittlungen dauerten an. Alles weitere unterliege strikter Geheimhaltung.

Das ist erstaunlich. Denn die Indizien dafür, dass Insider des Terror-Plots mit den Konsequenzen ein Vermögen machen wollten, sind erdrückend. Schon am 19. September veröffentlichte das renommierte israelische Institute for Counter-Terrorism eine Studie, die detailliert die verblüffend zielgerichteten Transaktionen auflistete. Demnach verzeichneten die Händler an der Chicagoer Börse am 6. und 7. September den Kauf von 4744 so genannten Put-Optionen für Aktien der United Airlines (UAL), einer der beiden Fluggesellschaften, deren Maschinen für den Anschlag entführt wurden. Der Umsatz betrug ein Vielfaches der an anderen Tagen gehandelten Menge dieses Kontrakts.


Verdächtige Spekulationen

Mit den Put-Optionen spekulierte der Anleger auf den Fall des Aktienkurses. Durch die Puts erwarb er das Recht, die Aktien für einen Festpreis zu einem späteren Termin zu verkaufen. Fällt der tatsächliche Kurs der Aktie unter den vereinbarten Festpreis, steigt der Kurs der Put-Option. Auch für Anteile von American Airlines, der anderen betroffenen Fluggesellschaft kauften Unbekannte noch am 10. September 4516 Put-Scheine. Für einen bevorstehenden Absturz der beiden Aktienwerte gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Hinweis.

Nicht minder verdächtig waren die Spekulationen gegen die Aktienwerte der Investment-Bank Morgan Stanley, die auf 22 Etagen große Abteilungen im World Trade Center unterhielt, sowie den Konkurrenten Merrill Lynch, der in einem der Nachbargebäude untergebracht war. Für beide Papiere schnellten die Verkäufe von ebensolchen Put-Optionen kurz vor dem 11. September um bis zu 2000 Prozent in die Höhe, obwohl keine negativen Unternehmenszahlen oder Prognosen auf dem Markt waren.

Der Vorteil des Kaufs von Optionen ist, dass sie nur einen vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz erfordern, aber im Fall der richtig geratenen Kursentwicklung enorme Gewinne abwerfen. Und raten mussten diese Anleger wohl nicht. Denn die Umstände und Volumina dieser Geschäfte, "entsprachen genau dem, was man gewöhnlich von Insider-Geschäften kennt", erklärt Don Radlauer, Börsenexperte und Autor der israelischen Studie.

Nicht nur das Timing der Deals passte allzu gut. Zudem waren sie spezifisch auf die vom Anschlag betroffenen Firmen gemünzt. Es gab vielleicht gute Gründe, auf einen Abwärtstrend der Luftfahrt-Industrie zu wetten, aber es gab keinen vergleichbaren Sprung beim Handel mit den Put-Option auf andere Airline-Aktien. Gleichzeitig war der Umfang der Optionskäufe extrem hoch und nur auf die kurze Zeit der fünf Tage vor den Anschlägen beschränkt. "Das widersprach ganz außerordentlich den üblichen Handelsvolumina", urteilte auch Jon Najarian, Mitinhaber der Firma PTI Securities, die selbst täglich im Optionshandel aktiv ist.


Manager Magazin

Eliska
21.01.2002, 13:14
"Die Sache stinkt"

Insgesamt brachten die vermuteten Insider-Deals mit dem Terror nach Radlauers Kalkulationen den Anlegern über 16 Millionen Dollar ein. Denn die Aktienwerte der betroffenen vier Unternehmen stürzten nach den Anschlägen im freien Fall. Dabei machten die beteiligten Händler an der auf den Optionshandel spezialisierten Börse von Chicago allerdings eine verblüffende Erfahrung: Einer der Kunden löste Kontrakte im Wert von 2,5 Millionen Dollar gar nicht ein, die Optionen verfielen.

Insbesondere dieser Umstand stützt den Verdacht, dass es Anleger gab, die vorab von den geplanten Terror-Attacken wussten. Denn nicht vorhersehbar war die Tatsache, dass der Handel für einen Teil der Kontrakte nach den Anschlägen erst einmal ausgesetzt wurde. Zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme des Handels mussten mögliche Insider aber schon mit Verfolgung rechnen. "Normalerweise, wenn jemand einen solchen Profit macht, dann nimmt er das Geld und macht sich aus dem Staub", erklärte ein mit den Transaktionen befasster Ermittler einem Reporter des "San Francisco Chronicle". "Wer immer dies gemacht hat, hat nicht bedacht, dass die Börse für vier Tage schließen würde. Die Sache stinkt."

Das gilt mittlerweile aber auch für die Ermittlungen.


Kapital aus zweifelhaften Quellen?

Während Amerikas Fahnder in Sachen Terror bislang noch beinahe jedes Detail und jeden Verdächtigen sogleich der Öffentlichkeit präsentierten, selbst wenn diese sich später als unschuldig erwiesen, wahren die SEC-Fahnder bei der Börsenspur eisernes Schweigen. Zwar hatte SEC-Chef Pitt schon im September erklärt, es könne schwierig werden, "weil die Leute Strohmänner und ausländische Institute nutzen können". Aber, so versprach Pitt, "wir bekommen diese Information".

Daraus wurde allerdings bislang nichts, zumindest nicht für die Öffentlichkeit. Eine Erklärung dafür ist die mögliche Verstrickung renommierter Firmen der US-Finanzindustrie in die Verwaltung von Kapital aus zweifelhaften Quellen.


Deutsche-Bank-Tochter im Zwielicht

So wurde bekannt, dass rund die Hälfte der UAL-Optionen über die Investmentbank Alex Brown Bankers Trust geordert wurde, der US-Tochter der Deutschen Bank. Nachfragen bezüglich des dortigen Auftraggebers wehrten Sprecher der Bank mit Verweis auf das Kundengeheimnis ab. Pikant an der Bankers-Trust-Connection ist der Umstand, dass gegen frühere Mitarbeiter der Bank seit langem wegen Verstrickung in Geldwäsche-Delikte ermittelt wird, während gleichzeitig der frühere Chef des Private Banking bei Alex Brown, Alvin Krongrad, heute dem Geheimdienst CIA als Direktor dient.

So mancher amerikanische Verschwörungstheoretiker bastelte daraus bereits die These, CIA-Mitarbeiter hätten womöglich Informationen über bevorstehende Anschläge gehabt und versucht, damit Geld zu machen. Plausibler ist jedoch eine viel einfachere These: Die beteiligten Geldhäuser sind vermutlich nicht in der Lage, die wahre Identität der Gewinner des Deals mit dem Terror auszumachen, weil diese im weltweiten Netz der Offshore-Zentren von Cayman Island bis Liechtenstein und den dort registrierten Briefkastenfirmen erfolgreich ihre Spur verwischen konnten. In diesem Fall hätten die beteiligten Geldhäuser aber gegen die Grundregel der Geldwäsche-Bekämpfung verstoßen: "Know your customer" - handele nur mit Kunden, die du kennst.

Wenn dies die Ursache für den schleppenden Gang der Ermittlungen sei, meint Börsenfachmann Radlauer, gebe es für das Schweigen der SEC über die ursprünglich so heiße Spur zu den Hintermännern des Terrors eine einfache Erklärung: "Sie können nichts sagen, ohne die Reputation der involvierten Banken zu beschädigen."

Harald Schumann
Manager Magazin

Eliska
21.01.2002, 13:19
Der Verdacht, dass die Terroristen vor den US-Anschlägen an der Börse spekuliert haben, erhärtet sich. Im Interview mit mm.de erläutert der Sicherheitsberater Klaus-Dieter Matschke die neusten Indizien.
Klaus-Dieter Matschke ist Präsident des Fachverbands Deutscher Sicherheitsunternehmensberater und zugleich geschäftsführender Gesellschafter der Frankfurter Firma für Sicherheitsberatung KDM. Der 53-jährige Matschke hat viele Jahre für den deutschen Geheimdienst gearbeitet und berät heute Großkonzerne unter anderem in Fragen der Spionage- und Terrorabwehr.

mm.de:* An den Kapitalmärkten hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Terroristen an ihren eigenen Anschlägen verdient haben. Gibt es konkrete Hinweise für den Verdacht?

Klaus-Dieter Matschke: Die Ermittlungen laufen nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Deutschland auf Hochtouren. Auf der ganzen Welt arbeiten die Nachrichtendienste fieberhaft an den Recherchen, ob Terroristen auf fallende Kurse gesetzt haben.

mm.de: Hat auch das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel in Frankfurt Ermittlungen aufgenommen?

Matschke: Diese Ermittlungen laufen schon seit einigen Tagen.

mm.de: Wie ist das Gerücht entstanden, und gibt es Hinweise, dass an dem unglaublichen Verdacht etwas dran ist?

Matschke: Die Gerüchte kommen aus Japan. Es sieht wohl so aus, als hätten die Terroristen über die Börse Tokio tatsächlich auf fallende Kurse bei Fluggesellschaften und Großversicherungen gesetzt.

mm.de: Wie viel Geld haben die Terroristen vermutlich in Put-Optionen investiert?

Matschke: Ich habe Informationen, dass es sich da um rund 500 Millionen Dollar handeln soll.

mm.de: Ist dies eine neue Dimension des Terrors, oder gab es schon ähnliche Fälle in der Vergangenheit?

Matschke: Das ist eine Entwicklung des intelligenten Terrorismus, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Vergleichbare Fälle sind mir nicht bekannt.

mm.de: Wie hoch ist die Chance, die Akteure dieser Transaktionen zu identifizieren?

Matschke: Soweit ich informiert bin, sind die zuständigen Stellen durchaus in der Lage, all diese Transaktionen zurückzuverfolgen. Schwierig allerdings wird es, wenn mehrere Scheinfirmen die Geschäfte abgewickelt haben.

mm.de: Kommen die Ermittler an die Hintermänner heran?

Matschke: Ja. Ich denke, dass sie die Geldströme zurückverfolgen können. Dann werden sie in der Lage sein, konkrete Ermittlungsergebnisse zu erzielen.

mm.de: Was hat sich in Ihrem Geschäftsfeld Sicherheitstechnik seit dem 11. September verändert?

Matschke: Wir werden sehr stark angefragt von Unternehmen, die erkennen, dass Sicherheitssysteme eingeführt werden müssen. Nach den entsetzlichen Schlägen ist bei der Wirtschaft die Erkenntnis gereift, sich sinnvoller gegen alles, was es an Angriffen von draußen gibt, zu schützen. Erst sieben Prozent der deutschen Unternehmen haben einen vernünftigen Schutz.

mm.de: Wie können die Konzerne ihre Sicherheit verbessern?

Matschke: Indem die Manager eine intensive Sicherheitsanalyse durchführen. Das beginnt an der Torkontrolle, geht über sämtliche technischen Einrichtungen bis hin zum Bereich des Vorfeldes, indem man feststellt, wer interessiert sich in welcher Art für welches Unternehmen.

* Das Interview führte mm.de-Redakteur Andreas Nölting

Weitere Informationen:
http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,158304,00.html