Eliska
22.01.2002, 18:26
Das Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung verlegt die Bronx und die Höhlen von Dunhuang nach Darmstadt
Von Katja Irle
Die Polizeisirenen heulen immer lauter. Doch der Mann am Drücker zeigt sich gänzlich unbeeindruckt. In aller Ruhe sprüht er in dem heruntergekommenen Bronx-Hinterhof seine Graffiti an die Backsteine. Beeilen muss er sich tatsächlich nicht: Der Sprayer ist real, die Strafverfolger sind es nicht. Genauso wenig wie das Haus und die Farbe. Ein Sensor an der Dose ermöglicht es einem Computer, die Bewegungen der Hand zu erkennen. Wie ein Zeichenprogramm simuliert das System verschiedene Farben, die direkt auf der virtuellen Leinwand erscheinen.
Der Grenzgang zwischen virtueller und realer Welt ist das Forschungsgebiet des Fraunhofer Instituts für Graphische Datenverarbeitung (IGD) in Darmstadt. Die Graffitiwand ist eine von zahlreichen Exponaten, mit denen die Wissenschaftler ihr Cybernarium, ein Erlebniszentrum für virtuelle Realität (VR) und erweiterte Realität (augmented reality), füllen wollen. Sofern die Sponsoren mitspielen, soll es in den nächsten zwei bis drei Jahren für etwa 85 Millionen Mark in Darmstadt gebaut werden. Angepeilte Besucherzahl: 400 000 pro Jahr.
Die Ziele des Instituts sind hoch gesteckt:
Die Planer werben damit, eine einmalige Erlebnisreise zu konzipieren. Immerhin kann die Technologie künstliche dreidimensionale Räume erzeugen, in denen mehrere Personen interagieren. Vorzeige-Objekt der Forscher ist der "Augmented Man". In der Installation begegnen sich die Besucher selbst in einem virtuellen Spiegel. Zwei Videokameras filmen die Gäste und schicken die Daten an einen Rechner. Der projiziert sie Sekunden später auf eine Leinwand. In das zeitverzögerte Spiegelbild blenden die Wissenschaftler zusätzlich eine virtuelle Figur ein - der Grenzgänger versucht vergeblich, Kontakt zu den realen Personen herzustellen.
Anders als bei herkömmlichen grafischen Anwendungen am Heimcomputer sollen die Besucher den Eindruck gewinnen, völlig in den virtuellen Raum einzutauchen. Das gelingt beispielsweise im Ozeanarium, einer audiovisuellen Simulation von Europas größtem Aquarium in Lissabon (Expo 2000): Aussehen, Wahrnehmung und Verhalten von tausend Tieren werden mit Techniken des "künstlichen Lebens" vom Computer in Echtzeit simuliert. Als die IGD-Forscher das virtuelle Ozeanarium vor fünf Jahren entwarfen, ermöglichten nur spezielle Grafikcomputer den Tauchgang, sagt Stefan Müller vom IGD. Heute genügt ein normaler PC.
Auch andere Simulationen, die in zwei bis drei Jahren im Cybernarium gezeigt werden sollen, eignen sich für den Hausgebrauch. Das macht die Planung des Erlebniszentrums jedoch nach Ansicht Müllers nicht überflüssig.
"Das ist wie die Entscheidung zwischen Fernsehen und Kino:
Niemand hat zu Hause eine interaktive Leinwand oder eine Cave."
In die Cave (Höhle) steigen Besucher der virtuellen Welt, wenn sie sich die chinesischen Höhlen von Dunhuang anschauen wollen. Dort können sie die wertvollen buddhistischen Wandmalereien mit einer Taschenlampe ausleuchten. Dabei spielt der Computer Erklärungen zu den angepeilten Punkten ein.
Vorbild der Darmstädter ist unter anderem der französische Erlebnispark "Futuroscope" bei Poitiers. Auf mehr als 53 Hektar werden dort audiovisuelle Techniken eingesetzt. Mit 3D-Kinos und anderen Multimedia-Inszenierungen auf der Cyber Avenue zieht das Zentrum nach eigenen Angaben jährlich 2,7 Millionen Besucher an. Auch das Hayden Planetarium im American Museum of Natural Art haben die Darmstädter Forscher vor Augen. Das Planetarium ist nach US-Angaben der größte Simulator virtueller Welten überhaupt.
In Deutschland präsentiert das Universum Science Center Bremen seit September 2000 ein 200 Quadratmeter großes Sternenpanorama und bereitet andere wissenschaftliche Themen anfassbar für die Öffentlichkeit auf. Zwar arbeitet auch das Universum mit VR-Techniken, jedoch ohne virtuelle Interaktion.
Wie sehr das Cybernarium neben Anhängern neuer Medien auch Kunst- und Kulturfreunde erfreut, bleibt abzuwarten. Vermutlich werden sie trotz aller virtuellen Möglichkeiten eine reale Reise bis zur Seidenstraße bevorzugen.
Als Vorgeschmack auf das Cybernarium lädt das IGD vom Mittwoch, 23., bis Montag, 28. Januar, zu den Cybernarium Days in die Centralstation Darmstadt ein.
Weitere Infos unter
www.cybernarium.de/cybernariumdays/
Frankfurter Rundschau
Von Katja Irle
Die Polizeisirenen heulen immer lauter. Doch der Mann am Drücker zeigt sich gänzlich unbeeindruckt. In aller Ruhe sprüht er in dem heruntergekommenen Bronx-Hinterhof seine Graffiti an die Backsteine. Beeilen muss er sich tatsächlich nicht: Der Sprayer ist real, die Strafverfolger sind es nicht. Genauso wenig wie das Haus und die Farbe. Ein Sensor an der Dose ermöglicht es einem Computer, die Bewegungen der Hand zu erkennen. Wie ein Zeichenprogramm simuliert das System verschiedene Farben, die direkt auf der virtuellen Leinwand erscheinen.
Der Grenzgang zwischen virtueller und realer Welt ist das Forschungsgebiet des Fraunhofer Instituts für Graphische Datenverarbeitung (IGD) in Darmstadt. Die Graffitiwand ist eine von zahlreichen Exponaten, mit denen die Wissenschaftler ihr Cybernarium, ein Erlebniszentrum für virtuelle Realität (VR) und erweiterte Realität (augmented reality), füllen wollen. Sofern die Sponsoren mitspielen, soll es in den nächsten zwei bis drei Jahren für etwa 85 Millionen Mark in Darmstadt gebaut werden. Angepeilte Besucherzahl: 400 000 pro Jahr.
Die Ziele des Instituts sind hoch gesteckt:
Die Planer werben damit, eine einmalige Erlebnisreise zu konzipieren. Immerhin kann die Technologie künstliche dreidimensionale Räume erzeugen, in denen mehrere Personen interagieren. Vorzeige-Objekt der Forscher ist der "Augmented Man". In der Installation begegnen sich die Besucher selbst in einem virtuellen Spiegel. Zwei Videokameras filmen die Gäste und schicken die Daten an einen Rechner. Der projiziert sie Sekunden später auf eine Leinwand. In das zeitverzögerte Spiegelbild blenden die Wissenschaftler zusätzlich eine virtuelle Figur ein - der Grenzgänger versucht vergeblich, Kontakt zu den realen Personen herzustellen.
Anders als bei herkömmlichen grafischen Anwendungen am Heimcomputer sollen die Besucher den Eindruck gewinnen, völlig in den virtuellen Raum einzutauchen. Das gelingt beispielsweise im Ozeanarium, einer audiovisuellen Simulation von Europas größtem Aquarium in Lissabon (Expo 2000): Aussehen, Wahrnehmung und Verhalten von tausend Tieren werden mit Techniken des "künstlichen Lebens" vom Computer in Echtzeit simuliert. Als die IGD-Forscher das virtuelle Ozeanarium vor fünf Jahren entwarfen, ermöglichten nur spezielle Grafikcomputer den Tauchgang, sagt Stefan Müller vom IGD. Heute genügt ein normaler PC.
Auch andere Simulationen, die in zwei bis drei Jahren im Cybernarium gezeigt werden sollen, eignen sich für den Hausgebrauch. Das macht die Planung des Erlebniszentrums jedoch nach Ansicht Müllers nicht überflüssig.
"Das ist wie die Entscheidung zwischen Fernsehen und Kino:
Niemand hat zu Hause eine interaktive Leinwand oder eine Cave."
In die Cave (Höhle) steigen Besucher der virtuellen Welt, wenn sie sich die chinesischen Höhlen von Dunhuang anschauen wollen. Dort können sie die wertvollen buddhistischen Wandmalereien mit einer Taschenlampe ausleuchten. Dabei spielt der Computer Erklärungen zu den angepeilten Punkten ein.
Vorbild der Darmstädter ist unter anderem der französische Erlebnispark "Futuroscope" bei Poitiers. Auf mehr als 53 Hektar werden dort audiovisuelle Techniken eingesetzt. Mit 3D-Kinos und anderen Multimedia-Inszenierungen auf der Cyber Avenue zieht das Zentrum nach eigenen Angaben jährlich 2,7 Millionen Besucher an. Auch das Hayden Planetarium im American Museum of Natural Art haben die Darmstädter Forscher vor Augen. Das Planetarium ist nach US-Angaben der größte Simulator virtueller Welten überhaupt.
In Deutschland präsentiert das Universum Science Center Bremen seit September 2000 ein 200 Quadratmeter großes Sternenpanorama und bereitet andere wissenschaftliche Themen anfassbar für die Öffentlichkeit auf. Zwar arbeitet auch das Universum mit VR-Techniken, jedoch ohne virtuelle Interaktion.
Wie sehr das Cybernarium neben Anhängern neuer Medien auch Kunst- und Kulturfreunde erfreut, bleibt abzuwarten. Vermutlich werden sie trotz aller virtuellen Möglichkeiten eine reale Reise bis zur Seidenstraße bevorzugen.
Als Vorgeschmack auf das Cybernarium lädt das IGD vom Mittwoch, 23., bis Montag, 28. Januar, zu den Cybernarium Days in die Centralstation Darmstadt ein.
Weitere Infos unter
www.cybernarium.de/cybernariumdays/
Frankfurter Rundschau