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Vollständige Version anzeigen : Total normal - Alltag im Nahen Osten


Eliska
26.01.2002, 10:16
Wenn die Wirkung der Ursache vorausgeht und damit auch die Strafe der Tat, meint man, sich in einer verkehrten Welt wiederzufinden - aber genau so ist die Wirklichkeit im Nahen Osten. Hier kann sich jeder auf jeden verlassen. Wenn es zu ruhig wird, wird man schon einen Terroristen finden, den man umbringen kann, was sogleich die Rache der Terroristen herausfordert, die dann durch Anschläge beweisen, dass sie nichts anderes sind als blutrünstige Terroristen, die man beseitigen muss - was man ja auch schon vorausschauend getan hat. Der Reaktion folgt die Rache, auf die dann die Reaktion auf die Rache und wieder die Rache auf die Reaktion folgt.

In der Zwischenzeit bemühen sich die Menschen hier in Israel noch, ihre Kinder in die Schulen zu schicken, zur Arbeit zu fahren, ins Kino zu gehen und sich den Luxus zu erlauben, so zu tun, als gäbe es das alles gar nicht. Der Gastgeber einer Talkshow lässt ins Krankenhaus schalten, um sich von einer Verwundeten, die vor Schmerz kaum sprechen kann, die Erlaubnis geben zu lassen, sein Unterhaltungsprogramm ganz "normal" auszustrahlen: "Und nach der Werbeunterbrechung schalten wir wieder ins Krankenhaus."

Die Hamas hat den totalen Krieg erklärt (hatten wir vorher Ringelpietz mit Anfassen?), und die Sicherheitsexperten erläutern dem verwunderten Publikum, das es sich auf Terroranschläge einstellen muss, die alles Bisherige in den Schatten stellen. Nun, seufzt man da, Jugendliche, die in die Disko gehen und in die Luft gesprengt werden, oder Leute, die es beim Pizzaessen erwischt - das ist also noch nichts. Neugierig fragt man sich, wie denn der noch nie dagewesene Terror aussehen kann: vielleicht ein Hochhaus, ein Fußballstadion, ein Vergnügungspark? Ein ganzes Land spielt die neue Variante des "Catch 22", wo man sich einer Selbstmordaktion nur durch Geistesgestörtheit entziehen konnte, aber zugleich klar war, dass man, wenn man sich einer Selbstmordaktion entziehen will, nicht geistesgestört sein darf. Willkommen im Nahen Osten.

Arafat ist kein Partner mehr, weil er den Terror nicht bekämpft. Er wird unter Hausarrest gehalten, weil er den Terror nicht bekämpft. Gleichzeitig ist er auch verantwortlich für jeden Schuss, der hier abgegeben wird, und seine Anhänger drohen mit noch mehr Terror, weil man verhindert, dass er den Terror verhindert. Jede Seifenoper macht mehr Sinn, aber der Narrenmarsch geht einfach weiter. Ohne Hoffnung, das Karussell anzuhalten, werden die militärischen und moralischen Schranken immer weiter nach oben gezogen. Es geht nur noch darum, der anderen Seite weh zu tun und sie dort zu treffen, wo die Schmerzen am stärksten sind.

Geht man auf ein Familienfest, kann ein Terrorist auftauchen und sechs Menschen töten. Wartet man auf den Bus, kann man erschossen werden. Man verabschiedet sich morgens und weiß nicht, ob man bis zum Abend durchkommt. Die andere Seite wird an den Übergängen gedemütigt, ihre Volkshelden in James-Bond-Aktionen ermordet, der Bevölkerung täglich vorgeführt, wer Herr im Haus ist. Als hier die Toten beweint wurden, wurden dort Freudentänze getanzt, und jeder wusste, das die nicht lange anhalten werden.

War alles umsonst? Alle die Verträge, die Hoffnungen, der Beginn der Zusammenarbeit, die Möglichkeit des "Friedens", der schon fast messianische Assoziationen auslöste? Könnte man nicht aussteigen und den Waffenstillstand erklären? Keine Hinrichtungen mehr, keine Terroranschläge, keine Einmärsche. Einfach so. Eine Woche lang. Nur um zu sehen, ob es geht. Zu einfach. Wird nicht funktionieren. Die Schwarzseher werden Recht behalten. Man wird sich noch nach den Tagen zurücksehnen, als man mit diesen kleinen Terroranschlägen lebte und versuchte, sich sein Leben darum herum zu organisieren. Als man das Leid der anderen Seite ignorieren konnte, weil sich darüber das Leid der eigenen Seite schob. Gegenseitige Leidanerkennung ist jetzt nicht möglich. Den angekündigten totalen Krieg wird es wahrscheinlich nicht geben. Aber auch ein weniger totaler Krieg ist im Endeffekt tödlich.

Was tun? Wenn tatsächlich im Zeitalter kosmopolitischer Demokratie universale Menschenrechte mehr wert sind als die Rechte souveräner Nationalstaaten, dann kann es nur noch radikale Lösungen geben. Diejenigen auf beiden Seiten, die den Todestanz nicht mehr mitmachen wollen, müssen sich auf Schutz jenseits der Staatlichkeit berufen können. Wenn die eigentliche Aufgabe der Politik ist, vor allem auch Kinder vor Unheil zu schützen, dann versagt sie auf allen Seiten total und muss neu definiert werden. Nur massive Intervention von außen kann die Menschen hier vor sich selbst schützen und retten.

Wie bei anderen Konflikten auch kann nur noch mehr Druck und noch mehr Einmischung zu einem Prozess beitragen, der langsam auch in Zypern, Irland und sogar in Kaschmir beginnt. Israel und Palästina müssen zu europäischen Projekten werden, müssen als Teil der europäischen Verantwortung mitgetragen werden. Und das nicht nur wegen dem von Israel angerichteten Schaden an EU-Investitionen im palästinensischen Autonomiegebiet. Sowohl die Erinnerung an das Kolonialzeitalter als auch Erinnerungen an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges könnten ein gemeinsames kosmopolitisches Gedächtnis schaffen, auf dessen Grundlage der Nahe Osten zum Modell werden kann. Das klingt verrückt. Doch was ist schon normal in einer Welt, wo man beim Pizzaessen in die Luft gejagt werden kann.

Natan Sznaider
Frankfurter Rundschau

Siehe auch das FR-Spezial Die Nahost-Krise:
http://www.fr-aktuell.de/fr/spezial/nahost/index.htm