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Vollständige Version anzeigen : Neues aus der Stammzellenforschung


Eliska
29.01.2002, 15:35
Nervenzellen aus Knochenmark

Erfolg mit adulten Stammzellen

Ein Forscherteam am Universitätsklinikum Essen hat nach eigenen Angaben aus menschlichem Knochenmark Nervenzellen hergestellt. Das Klinikum berichtete am Montag, prinzipiell sei damit die Tür offen für die rasche Bildung auch anderer Zell-Linien und deren Anwendung zur Behandlung bisher nicht oder nur schlecht behandelbarer Erkrankungen des Menschen.

Bei den Zellen handelt es sich um die "adulten" Stammzellen. Nach Angaben von Professor Andreas Hufnagel ist es der Essener Forschergruppe gelungen, die Stammzellen aus dem Knochenmark zu isolieren, in der Zellkultur um ein Vielfaches zu vermehren und in Nervenzellen umzuformen.

Wie erfolgreich die Gruppe dabei tatsächlich war, muss sich erst noch herausstellen. Mit Sicherheit sind für ein abschließendes Urteil weitere Studien erforderlich. Denn bislang galt es als äußerst schwierig, adulte Stammzellen zu vermehren. "Hunderte von Millionen Dollar wurden dafür ausgegeben - doch es klappt nicht", wie Otmar Wiestler von der Uni-Klinik Bonn im Gespräch mit dem Tagesspiegel gesagt hat. Wiestler ist der Kollege von Oliver Brüstle, der embryonale Stammzellen nach Deutschland importieren möchte.

Die Vorteile der adulten Stammzellen: Für ihre Gewinnung braucht man keine Embryonen, und da sie theoretisch dem Patienten selbst entnommen werden können, besteht bei einer Transplantation keine Abstoßungsgefahr.

Mehr und mehr zeigt sich das Potenzial der adulten Stammzellen, sich in verschiedene Zelltypen zu verwandeln. An der Rutgers Universität im US-Bundesstaat New Jersey gewann ein Team ebenfalls menschliche Stammzellen aus dem Knochenmark, die sie offenbar in Hirnzellen umwandelten. Im einem Tierversuch hatten die US-Forscher derartige Zellen ins Hirn gepflanzt und beobachtet, wie es die Funktion von zerstörtem Nervengewebe übernahm.

Dennoch warnen Forscher vor übertriebenen Hoffnungen. Bis zu einem möglichen Therapie-Einsatz für Menschen mit erkrankten Hirnzellen, wie etwa Parkinsonpatienten, werde es noch Jahre dauern.


Tagesspiegel

KA111
30.01.2002, 02:09
Unglaublich, Eliska:) was die heute alles so hinkriegen, bezw. was sie ansteuern!
Wer jemand dran interessiert gewesen.

Gruß
KA:)

Eliska
31.01.2002, 19:00
Welche Stammzelle ist besser?

Die einen sind zu allem fähig, die anderen unkomplizierte Zellklempner: Embryonale wie adulte Stammzellen versprechen neue Heilungschancen - und haben höchst unterschiedliche Vor- und Nachteile.

Nun ist es entschieden: Unter scharfen Auflagen dürfen embryonale Stammzellen nach Deutschland eingeführt werden. Doch in der erbittert geführten Debatte um die Import-Regelung ging es von Anfang an nicht nur um die Alleskönner unter den Zellen, die auf ethisch bedenkliche Weise aus Embryonen gewonnen werden. Viele Import-Gegner beriefen sich auf die Vorteile eines anderen Zelltyps: der adulten Stammzelle.

Die Techniken, mit der beide Stammzell-Arten gewonnen werden, unterscheiden sich ebenso wesentlich wie der Grad der Empörung, den ihre Herstellung hervorruft. Denn wenn Forscher Stammzellen aus einem Embryo entnehmen, ist dessen Schicksal besiegelt. Zwar gibt es Vorschläge für schonende Verfahren, durch die der Embryo die Zellentnahme womöglich überleben könnte. Doch ob aus einem solchen beraubten Zellhaufen je ein Mensch heranwachsen könnte und sollte, ist fraglich.

Adulte Stammzellen lassen sich hingegen ohne große Schwierigkeiten dem erwachsenen Körper entnehmen. Ihre Verwendung stößt deshalb kaum auf Bedenken. Diese Zellen, die Forscher in den vergangenen Jahren im Gehirn, der Leber, der Haut und vielen anderen Organen entdeckt haben, sind eine Art Reparatur-Set des Körpers: Sterben ausdifferenzierte Körperzellen ab, wandern die Stammzellen zur schadhaften Stelle und ersetzen dort das alte Gewebe.

Der Vorteil dieser Zellvariante liegt auf der Hand: Stammzellen, die einem Patienten entnommen wurden, lassen sich nach der Vermehrung im Labor wieder in den Körper einpflanzen, ohne eine Abstoßung zu verursachen. Um eine ähnliche Therapie mit embryonalen Stammzellen zu verwirklichen, müsste entweder die Immunreaktion auf die fremden Zellen mit Medikamenten unterdrückt werden. Oder es wird genetisch identisches Zellmaterial mit der Klontechnik gewonnen, die ebenfalls auf Bedenken stößt.

Weil sie keine Abstoßungsreaktionen hervorrufen, gelten die Stammzellen des erwachsenen Körpers als therapeutisch nützlicher - jedenfalls im Moment. Tatsächlich werden diese Zellen bereits eingesetzt: So spritzten Mediziner um Gustav Steinhoff von der Universität Rostock im vergangenen Jahr erstmals Infarkt-Patienten Stammzellen aus dem Knochenmark ins Herz. Zwar besserte sich der Zustand der Kranken, ein abschließendes Urteil über den Erfolg der Therapie wagen die Forscher jedoch noch nicht.

Weitere Rückendeckung erhalten die Befürworter der körpereigenen Stammzellen durch neue Forschungsergebnisse. Erst in der vergangenen Woche berichtete ein US-Team von der University of Minnesota von adulten Stammzellen, die den Angaben zufolge extrem langlebig sind und sich in alle möglichen Zelltypen umwandeln können. Derartige Eigenschaften wurden bislang eher embryonalen Stammzellen zugesprochen.

Trotz solcher Meldungen halten viele Wissenschafter die Fähigkeiten der adulten Stammzellen für beschränkt. Zu ihnen gehört auch Wolfgang-Michael Franz von der Ludwig-Maximilians-Universität München, für den embryonale Stammzellen die "Erfolg versprechendere Quelle sind". Aus den Ursprungszellen des Körpers lässt sich, so der Oberarzt, "eine große Menge Herzmuskelzellen gewinnen". Ob das auch mit adulten Stammzellen möglich wäre, dafür gibt es Franz zufolge "keine sicheren Belege".

Der Streit, welcher Zelltyp letztendlich zu besseren Behandlungsmethoden führt, lässt sich nach Ansicht vieler Experten nur auf eine Weise beilegen: durch die gleichzeitige Forschung an embryonalen und adulten Stammzellen. Auch Gustav Steinhoff von der Universität Rostock, der in der Therapie mit Stammzellen aus dem Knochenmark viele Vorteile sieht, will sich nicht allein auf diese Methode festlegen lassen: "Es kann auch sein, dass andere Wege erfolgreich werden", meint der Wissenschaftler.


Martin Paetsch
SPIEGEL