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Vollständige Version anzeigen : Applaus ist Nebensache


Eliska
31.01.2002, 18:36
Wirtschaftsstudenten spielen Theater - der Karriere wegen

Von Fenja Mens

Die Lehrer mit den Klaus-Bednarz-Pullis sind heute zu Hause geblieben. Und auch die Gelegenheitsbesucherinnen in den Glitzerblusen fehlen. Im Kölner Limelight wird Theater gespielt, aber das Publikum sieht nicht danach aus. Man trägt Anzug in Dunkel- oder Hellgrau. Businesslook eben, denn wer da ins Foyer drängelt, arbeitet im Management einer größeren Firma, im Personalwesen oder als Unternehmensberater - und will nicht etwa Kultur genießen, sondern Nachwuchs gucken. Schließlich wird auf der Bühne Ungewöhnliches geboten: Wirtschaftsstudenten der Universität Köln spielen Equus, auf Englisch. Das Psychodrama des britischen Autors Peter Shaffer handelt vom 17-jährigen Stallburschen Alan, der aus Leidenschaft, Verzweiflung und religiösem Wahn sechs Pferden die Augen ausgestochen hat.

Ein kompliziertes Stück, doch nicht der künstlerische Drang treibt die Wirtschaftsstudenten auf die Bühne, sondern der Wunsch, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Schon seit Mitte der neunziger Jahre können gestandene Manager in Theaterworkshops ihre Führungsqualitäten verbessern. Neu ist dagegen, dass sich bereits BWL- und VWL-Studenten im Schauspiel üben und dabei so genannte Soft Skills wie Einfühlungsvermögen, Teamarbeit und Kritikfähigkeit trainieren. "Damit sind wir weltweit einzigartig", glaubt Paul Drew-Bear, der betreuende Dozent.

"Fast jede Zeile des Textes wurde heftig diskutiert, weil die Interpretationen so unterschiedlich waren", erinnert sich BWL-Student Daniel Goetz an die Konflikte während der Proben. Der 26-Jährige spielt den verstockten Teenager Alan mit Bravour, obwohl er zuvor fast keine Theatererfahrung hatte. "Oft gab es auch Reibereien darüber, wie weit man gehen kann. Ich hätte mich beispielsweise laut Skript nackt ausziehen sollen." Das wollte Goetz nicht und konnte sich letztlich durchsetzen - er behält die Hose an.

Die eigenen Grenzen zu entdecken - und nach Möglichkeit auch zu überwinden - ist ein Ziel des Theaterkurses. Auch Gefühl für den eigenen Körper und die eigene Stimme sollen die Studenten entwickeln. "Viele wussten vorher überhaupt nicht, was sie mit ihrer Körpersprache eigentlich ausdrücken", sagt Drew-Bear. Zehn Wochen haben die Studierenden geprobt, zuletzt sogar zehn Stunden am Tag. Die gesamte Organisation, von den Kostümen bis zur Pressearbeit, lag in den Händen der 24 Hochschüler. Das Budget von rund 50 000 Mark hatten Unternehmen wie Bertelsmann oder die VW-Direktbank gespendet.

Trotz des Aufwands gibt es neben der Premiere vor geladenen Gästen nur noch eine weitere Vorstellung. Mehr als zwei Auftritte seien nicht nötig, meint Dozent Drew-Bear. "Die Auftritte dienen nur dazu, den Druck auf die Gruppe zu erhöhen, ihre Konflikte schnell zu lösen."


Gefördert werden die Guten

Jochen Großpietsch ist direkt aus seinem Büro bei der Unternehmensberatung McKinsey ins Limelight geeilt. "Die Vorstellung ist großartig", lobt er in der Pause zwischen zwei hastig verschlungenen Kanapees. Ihn faszinieren vor allem die vielen Parallelen zum Berufsleben in der höheren Wirtschaftsetage: Ähnlich wie der Schauspieler in seine Rolle, muss sich der Unternehmensberater in seinen Klienten hineindenken können. Auch das intensive Arbeiten im Team kennt der Consultant, genauso wie die Konzentration auf eine Zielveranstaltung: "Man arbeitet ein halbes Jahr oder länger auf eine einzige Präsentation hin. Das erfordert viel Selbstdisziplin und Motivation."

Das Theaterprojekt ist Bestandteil der American Management Seminars, die der Amerikaner Drew-Bear an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln anbietet. In seinen anderen Kursen beschäftigen sich die Studenten mit der Chaostheorie, lesen Shakespeare-Texte oder versuchen Kreativaufgaben ("Was ist das deutsche Pendant zur Baseballmütze?") zu knacken. Auch eine Debating Society, in der nach strengen Regeln auf Englisch diskutiert wird, gehört zum Angebot. "Für uns Wiwi-Studenten sind diese Seminare etwas Besonderes", sagt der BWL-Student Peter Weiß, 25. "Überspitzt formuliert, tragen die Dozenten doch sonst nur die Inhalte ihrer Bücher vor, und wir lernen sie zur Klausur auswendig." Scheine bekommen die Studierenden jedoch nicht - die Teilnahme an den American Management Seminars ist freiwillig. Allerdings darf längst nicht jeder Kölner Wirtschaftsstudent mitmachen: Nur die rund 70 Mitglieder der "Leistungsgruppe", intern auch Alpha-Corps genannt, dürfen die Kurse belegen. Wer dazu gehört, bestimmt Drew-Bear, einzig das Einführungsseminar steht allen Studenten offen. Wer dort gute Leistungen bringt, wird gebeten, einen Lebenslauf und einen Motivationsessay einzureichen. "Zuerst fand ich das seltsam", sagt Weiß, "aber dann habe ich den Sinn erkannt. Nur mit wirklich motivierten Kommilitonen lassen sich solche Projekte durchziehen." Eine für deutsche Verhältnisse ungewohnte Eliteförderung, die Drew-Bear zunächst viel Kritik einbrachte. Mittlerweile haben sich die aufgebrachten Gemüter an der Kölner Universität wieder beruhigt. "Was spricht denn auch dagegen, besonders engagierten Studierenden mehr zu bieten?", fragt der 61-Jährige. Allerdings entwickeln die derart Privilegierten ihre Persönlichkeit weiter, ohne darüber zu diskutieren, was sie der Universität oder gar der Gesellschaft zurückgeben können. Ein berechtigter Kritikpunkt, meint auch Drew-Bear: "Das könnte für uns im Rahmen der Seminare ein Thema werden."

Die Mitglieder der Theatergruppe sind jedenfalls Vorzeigestudenten - das verrät schon die kleine Broschüre, die auf jedem Stuhl zum Vorstellungsbeginn bereitliegt: Fast alle Beteiligten haben im Ausland studiert, fast alle können Stipendien, zahlreiche Praktika und ehrenamtliches Engagement vorweisen, manche auch herausragende musikalische oder sportliche Leistungen. Fotos im Büro-Outfit machen die kurze Vorstellung der 21- bis 27-jährigen high potentials komplett - und verstärken den Eindruck, es handele sich bei der Theateraufführung weniger um ein kulturelles Ereignis als um eine Art Verkaufsbörse. Er wolle lediglich die Studenten mit den Vertretern aus der Wirtschaft in Kontakt bringen, sagt dagegen Drew-Bear, eine "Bewerbungsmesse" sei das Ganze nicht. Das sieht McKinsey-Mann Großpietsch ähnlich. "Aktives Recruiting betreiben wir hier nicht", erklärt er unisono mit den Vertretern anderer Unternehmen - und verrät nach der Vorstellung: "Für ein Gespräch mit interessanten Studenten aus dem Alpha-Corps gibt es schließlich ruhigere Gelegenheiten."


DIE ZEIT 06/2002