KA111
06.02.2002, 02:50
Weiterer IMF-Kredit für die Türkei
12 Milliarden Dollar nach «eindrucksvollen Fortschritten»
Der Internationale Währungsfonds hat der Türkei, die sich in einer schweren Wirtschaftskrise befindet, einen neuen Kredit in Höhe von 12 Mrd. $ gewährt. Damit steigen die gesamten Ausleihungen des Landes beim Währungsfonds auf 31 Mrd. $ und machen Ankara zum grössten Schuldner der Finanzinstitution.
brü. Washington, 5. Februar
Der Internationale Währungsfonds (IMF) hat (wie bereits kurz gemeldet) der Türkei, die in Washington als einer der Frontstaaten im Kampf gegen den Terrorismus angesehen wird, am Wochenanfang einen neuen Kredit in Höhe von 12 Mrd. $ zur Verfügung gestellt. Die Mittel sollen dem Land helfen, eine schwere Rezession zu überwinden und strukturelle Reformen durchzuführen. Horst Köhler, der Managing Director des IMF, begründete die Kreditentscheidung mit der Feststellung, dass der «Fortschritt in der Türkei eindrucksvoll» sei. Die Regierung hätte sich verpflichtet, alle erforderlichen Massnahmen zu ergreifen, um eine wirtschaftliche und finanzielle Erholung zu erreichen.
Grösster Schuldner des Währungsfonds
Der neue Kredit, der über drei Jahre läuft, soll das Wirtschaftsprogramm der türkischen Regierung bis zum Jahr 2004 abstützen. Er besteht aus 12 Mrd. $ an frischem Geld und aus weiteren 4 Mrd. $, die von einer früheren Kredit-Tranche übrig geblieben sind. Rund 9 Mrd. stehen dem Lande sofort zur Verfügung, die anderen 5 Mrd. sollen bis zum Jahresende überwiesen werden; 6 Mrd. $ sollen verwendet werden, um frühere IMF-Kredite zurückzuzahlen. Insgesamt hat die Türkei im Laufe der Jahre 31 Mrd. $ vom Währungsfonds erhalten. Das macht Ankara zum grössten Schuldner der internationalen Finanzinstitution.
In den Kreditvereinbarungen wird angenommen, dass die türkische Wirtschaft, die im Jahre 2001 um 8,5% geschrumpft war, in diesem Jahr um 3% und in den beiden folgenden Jahren um jeweils 5% wachsen werde. IMF-Chef Köhler sagte dazu, es sei erforderlich, dass die Türkei ihr geplantes Reform-Programm «fehlerlos» durchführe. Um das Ziel einer nachhaltigen Reduzierung der öffentlichen Schulden zu erreichen, sei es wichtig, dass das Land in den kommenden Jahren hohe Haushaltsüberschüsse erwirtschafte. Das erfordere fundamentale Änderungen in der Steuer- und Ausgabenpolitik. Beim Währungsfonds in Washington wird erwartet, dass die Türkei in der Lage sein wird, die Reformzusagen einzuhalten. Allerdings sind die jüngsten Inflationsdaten des Landes mit einer gewissen Enttäuschung registriert worden. Die Konsumtenpreise des Landes kletterten im Januar mit 5,3% erheblich schneller als die vorhergesagten 4,1%. In den Kreditvereinbarungen ist vorgesehen, dass die Türkei ihre Inflationsrate in diesem Jahr auf 35% und bis 2004 auf 12% verringern wird. IMF-Vertreter erklärten dazu, dass diese Ziele durch die neueste Entwicklung nicht gefährdet seien.
Zuversichtlicher Finanzminister
Der türkische Wirtschaftsminister Kermal Dervis, der sich gegenwärtig in New York aufhält, stellte dazu fest, die Inflation könne in diesem Jahr unter Kontrolle gebracht werden; die hohen Januar-Daten seien das Resultat eines besonders strengen Winters. Der Minister erklärte, die ökonomischen Prioritäten des Landes bestünden darin, das Verhältnis von Staatsschulden zum Sozialprodukt zu verringern, die Inflation zu reduzieren und strukturelle Reformen durchzuführen, um wieder ausländische Investitionen anzulocken. Minister Dervis ist davon überzeugt, dass das Land Erfolg haben werde: Nach 2002 werde die Türkei solche umfangreichen Finanzierungen nicht länger benötigen; der grosse Schock sei überstanden.
Langer Weg zur Gesundung der türkischen Wirtschaft
it. Istanbul, 5. Februar
IMF-Chef Horst Köhler hatte am Montag über die Türkei nur noch Lobendes zu vermelden. Wie er ausführte, seien die türkischen Behörden entschlossen, die notwendigen Massnahmen zur wirtschaftlichen und finanziellen Erholung des Landes zu unternehmen. Die türkische Regierung hat im letzten Jahr tatsächlich eine Reihe von massgeblichen Reformen durch das Parlament gebracht. Dabei ging es in erster Linie um die Sanierung des schwer angeschlagenen Bankensektors, dessen Zusammenbruch letzten Februar das Land in einen Sog riss und somit die schwerste Wirtschaftskrise der Türkei nach dem Zweiten Weltkrieg auslöste. Die Krise ging vor allem auf die gigantischen Verluste zurück, welche die Staatsbanken, bis anhin Goldminen der Politiker jedweder Couleur, akkumuliert hatten. Das Mammutwerk des Reformpakets, das künftig die Autonomie des Bankensektors und die Privatisierung von Staatsbetrieben garantieren soll, nahm der für Wirtschaft bevollmächtigte Minister Kemal Dervis in Angriff, der als ehemaliger Vizedirektor der Weltbank über entsprechende Kontakte in der internationalen Finanzwelt verfügt. Nicht wenige Politiker verfolgten seinen drastischen Reformkurs mit grösstem Misstrauen, wurden sie doch zu nichts weniger aufgefordert, als eine ihrer wichtigsten Finanzquellen eigenhändig trockenzulegen.
Bankengesetz verabschiedet
Unter Dervis' Federführung hat das türkische Parlament Ende letzter Woche mit der Verabschiedung eines umstrittenen Bankengesetzes in letzter Minute wahrscheinlich die Freigabe des neuen IMF-Milliarden-Schubs ermöglicht. Im ersten Anlauf hatte Staatspräsident Sezer sich geweigert, das Gesetz zu ratifizieren, vor allem weil es nach den Vorstellungen des IMF die Kontrolle der Politik auch über staatliche Banken auf ein Minimum eingeschränkt hätte. Auf Druck des Wirtschaftsministers hat die Parlamentsmehrheit das Bankengesetz jedoch unverändert verabschiedet, womit der Präsident gemäss Verfassung kein zweites Veto einlegen durfte. Dies konnte Dervis während eines Blitzbesuchs in Washington als grosse Errungenschaft seiner Reformpolitik preisen. Politisch sind noch lange nicht alle Hürden für die Reform genommen, da eine Parlamentsminderheit oder auch der Präsident beim Verfassungsgericht noch Einspruch gegen das neue Gesetz einlegen könnte. Die Tatsache, dass das Bankengesetz nun endlich in Kraft getreten ist, wird in der Finanzmetropole Istanbul aber als wichtiges Signal erachtet.
Soziale Unruhen nicht ausgeschlossen
Der IMF hat in einer am Montag verteilten Erklärung indessen drei weitere wichtige Problemfelder für die Strukturreformen festgehalten. Erstens erwartet er auf Grund des mit der Türkei ausgearbeiteten Programmes die Wiederherstellung des Kreditflusses zur realen Wirtschaft. Bereits im Vorfeld der Finanzkrise im vergangenen Jahr hatten die Banken diese Funktion immer mehr vernachlässigt. Zweitens zielt das Programm auf eine verbesserte Transparenz der wirtschaftlichen Tätigkeiten des Staates sowie auf eine Intensivierung der Privatisierung ab. Drittens sollen Auslandsinvestitionen aktiv gefördert werden, was den Abbau einer Reihe von protektionistischen Einschränkungen und bürokratischen Hürden voraussetzt.
Trotz dem vom IMF verbreiteten Optimismus gibt es Experten, die noch schwere Bedenken anmelden, ob die Türkei diese Strukturreformen tatsächlich schaffen werde. Für manche entspricht etwa die Ankündigung von Kemal Dervis, wonach die Teuerung am Ende dieses Jahres auf 35% reduziert sein werde, reinem Wunschdenken; in den neunziger Jahren war sie nie unter 60% gesunken. Problematisch ist ebenfalls die seit Beginn des Jahres ungewöhnlich starke türkische Währung, was beim hohen Zinsniveau auf die Rückkehr von spekulativem «Hot Money» hinweisen könnte. Der nun autonom agierenden Zentralbank sind durch die Vereinbarungen mit dem IMF enge währungspolitische Grenzen gesetzt. Kopfweh bereiten den Experten auch die im Programm vorgesehenen, für die breiten Massen besonders schmerzhaften Entlassungen aus Staatsbetrieben sowie die radikalen Kürzungen der sozialen Ausgaben. Als Folge der Krise haben im letzten Jahr rund eine halbe Million Türken ihre Arbeit verloren. Ein Dekret des Ministerrats vom letzten Freitag sieht nun weitere Entlassungen vor. Demnach sollen die staatlichen Banken Ziraat und Halk weitere 900 Filialen schliessen und 16 000 Personen entlassen. Manche Experten schliessen soziale Unruhen nicht mehr aus.
Politische Motive des IMF entscheidend
Die meisten Experten stimmen allerdings darin überein, dass weniger wirtschaftliche Kriterien als politische Motive für die jüngste Kreditvergabe entscheidend waren. Nur wenige Stunden vor dem Entscheid des IMF hatte die türkische Regierung sich auf die Seite der amerikanischen Regierung geschlagen und den Nachbarstaat Irak vor Konsequenzen seiner Unnachgiebigkeit gewarnt. Die Türkei sei der modernste islamische Staat mit guten Beziehungen zum Westen und ein Verbündeter Israels, sagte ein ausländischer Bankier im Gespräch. Nun wollten die USA die Türkei zu einem Modell eines Staates erheben, der «laizistisch und trotzdem islamisch, attraktiv, touristisch und wirtschaftlich erfolgreich» sei. Getürkt eben :D Aus diesen Gründen hat der Bankier keine Bedenken, dass die Türkei Bankrott gehen könnte.
NZZ
no comment
12 Milliarden Dollar nach «eindrucksvollen Fortschritten»
Der Internationale Währungsfonds hat der Türkei, die sich in einer schweren Wirtschaftskrise befindet, einen neuen Kredit in Höhe von 12 Mrd. $ gewährt. Damit steigen die gesamten Ausleihungen des Landes beim Währungsfonds auf 31 Mrd. $ und machen Ankara zum grössten Schuldner der Finanzinstitution.
brü. Washington, 5. Februar
Der Internationale Währungsfonds (IMF) hat (wie bereits kurz gemeldet) der Türkei, die in Washington als einer der Frontstaaten im Kampf gegen den Terrorismus angesehen wird, am Wochenanfang einen neuen Kredit in Höhe von 12 Mrd. $ zur Verfügung gestellt. Die Mittel sollen dem Land helfen, eine schwere Rezession zu überwinden und strukturelle Reformen durchzuführen. Horst Köhler, der Managing Director des IMF, begründete die Kreditentscheidung mit der Feststellung, dass der «Fortschritt in der Türkei eindrucksvoll» sei. Die Regierung hätte sich verpflichtet, alle erforderlichen Massnahmen zu ergreifen, um eine wirtschaftliche und finanzielle Erholung zu erreichen.
Grösster Schuldner des Währungsfonds
Der neue Kredit, der über drei Jahre läuft, soll das Wirtschaftsprogramm der türkischen Regierung bis zum Jahr 2004 abstützen. Er besteht aus 12 Mrd. $ an frischem Geld und aus weiteren 4 Mrd. $, die von einer früheren Kredit-Tranche übrig geblieben sind. Rund 9 Mrd. stehen dem Lande sofort zur Verfügung, die anderen 5 Mrd. sollen bis zum Jahresende überwiesen werden; 6 Mrd. $ sollen verwendet werden, um frühere IMF-Kredite zurückzuzahlen. Insgesamt hat die Türkei im Laufe der Jahre 31 Mrd. $ vom Währungsfonds erhalten. Das macht Ankara zum grössten Schuldner der internationalen Finanzinstitution.
In den Kreditvereinbarungen wird angenommen, dass die türkische Wirtschaft, die im Jahre 2001 um 8,5% geschrumpft war, in diesem Jahr um 3% und in den beiden folgenden Jahren um jeweils 5% wachsen werde. IMF-Chef Köhler sagte dazu, es sei erforderlich, dass die Türkei ihr geplantes Reform-Programm «fehlerlos» durchführe. Um das Ziel einer nachhaltigen Reduzierung der öffentlichen Schulden zu erreichen, sei es wichtig, dass das Land in den kommenden Jahren hohe Haushaltsüberschüsse erwirtschafte. Das erfordere fundamentale Änderungen in der Steuer- und Ausgabenpolitik. Beim Währungsfonds in Washington wird erwartet, dass die Türkei in der Lage sein wird, die Reformzusagen einzuhalten. Allerdings sind die jüngsten Inflationsdaten des Landes mit einer gewissen Enttäuschung registriert worden. Die Konsumtenpreise des Landes kletterten im Januar mit 5,3% erheblich schneller als die vorhergesagten 4,1%. In den Kreditvereinbarungen ist vorgesehen, dass die Türkei ihre Inflationsrate in diesem Jahr auf 35% und bis 2004 auf 12% verringern wird. IMF-Vertreter erklärten dazu, dass diese Ziele durch die neueste Entwicklung nicht gefährdet seien.
Zuversichtlicher Finanzminister
Der türkische Wirtschaftsminister Kermal Dervis, der sich gegenwärtig in New York aufhält, stellte dazu fest, die Inflation könne in diesem Jahr unter Kontrolle gebracht werden; die hohen Januar-Daten seien das Resultat eines besonders strengen Winters. Der Minister erklärte, die ökonomischen Prioritäten des Landes bestünden darin, das Verhältnis von Staatsschulden zum Sozialprodukt zu verringern, die Inflation zu reduzieren und strukturelle Reformen durchzuführen, um wieder ausländische Investitionen anzulocken. Minister Dervis ist davon überzeugt, dass das Land Erfolg haben werde: Nach 2002 werde die Türkei solche umfangreichen Finanzierungen nicht länger benötigen; der grosse Schock sei überstanden.
Langer Weg zur Gesundung der türkischen Wirtschaft
it. Istanbul, 5. Februar
IMF-Chef Horst Köhler hatte am Montag über die Türkei nur noch Lobendes zu vermelden. Wie er ausführte, seien die türkischen Behörden entschlossen, die notwendigen Massnahmen zur wirtschaftlichen und finanziellen Erholung des Landes zu unternehmen. Die türkische Regierung hat im letzten Jahr tatsächlich eine Reihe von massgeblichen Reformen durch das Parlament gebracht. Dabei ging es in erster Linie um die Sanierung des schwer angeschlagenen Bankensektors, dessen Zusammenbruch letzten Februar das Land in einen Sog riss und somit die schwerste Wirtschaftskrise der Türkei nach dem Zweiten Weltkrieg auslöste. Die Krise ging vor allem auf die gigantischen Verluste zurück, welche die Staatsbanken, bis anhin Goldminen der Politiker jedweder Couleur, akkumuliert hatten. Das Mammutwerk des Reformpakets, das künftig die Autonomie des Bankensektors und die Privatisierung von Staatsbetrieben garantieren soll, nahm der für Wirtschaft bevollmächtigte Minister Kemal Dervis in Angriff, der als ehemaliger Vizedirektor der Weltbank über entsprechende Kontakte in der internationalen Finanzwelt verfügt. Nicht wenige Politiker verfolgten seinen drastischen Reformkurs mit grösstem Misstrauen, wurden sie doch zu nichts weniger aufgefordert, als eine ihrer wichtigsten Finanzquellen eigenhändig trockenzulegen.
Bankengesetz verabschiedet
Unter Dervis' Federführung hat das türkische Parlament Ende letzter Woche mit der Verabschiedung eines umstrittenen Bankengesetzes in letzter Minute wahrscheinlich die Freigabe des neuen IMF-Milliarden-Schubs ermöglicht. Im ersten Anlauf hatte Staatspräsident Sezer sich geweigert, das Gesetz zu ratifizieren, vor allem weil es nach den Vorstellungen des IMF die Kontrolle der Politik auch über staatliche Banken auf ein Minimum eingeschränkt hätte. Auf Druck des Wirtschaftsministers hat die Parlamentsmehrheit das Bankengesetz jedoch unverändert verabschiedet, womit der Präsident gemäss Verfassung kein zweites Veto einlegen durfte. Dies konnte Dervis während eines Blitzbesuchs in Washington als grosse Errungenschaft seiner Reformpolitik preisen. Politisch sind noch lange nicht alle Hürden für die Reform genommen, da eine Parlamentsminderheit oder auch der Präsident beim Verfassungsgericht noch Einspruch gegen das neue Gesetz einlegen könnte. Die Tatsache, dass das Bankengesetz nun endlich in Kraft getreten ist, wird in der Finanzmetropole Istanbul aber als wichtiges Signal erachtet.
Soziale Unruhen nicht ausgeschlossen
Der IMF hat in einer am Montag verteilten Erklärung indessen drei weitere wichtige Problemfelder für die Strukturreformen festgehalten. Erstens erwartet er auf Grund des mit der Türkei ausgearbeiteten Programmes die Wiederherstellung des Kreditflusses zur realen Wirtschaft. Bereits im Vorfeld der Finanzkrise im vergangenen Jahr hatten die Banken diese Funktion immer mehr vernachlässigt. Zweitens zielt das Programm auf eine verbesserte Transparenz der wirtschaftlichen Tätigkeiten des Staates sowie auf eine Intensivierung der Privatisierung ab. Drittens sollen Auslandsinvestitionen aktiv gefördert werden, was den Abbau einer Reihe von protektionistischen Einschränkungen und bürokratischen Hürden voraussetzt.
Trotz dem vom IMF verbreiteten Optimismus gibt es Experten, die noch schwere Bedenken anmelden, ob die Türkei diese Strukturreformen tatsächlich schaffen werde. Für manche entspricht etwa die Ankündigung von Kemal Dervis, wonach die Teuerung am Ende dieses Jahres auf 35% reduziert sein werde, reinem Wunschdenken; in den neunziger Jahren war sie nie unter 60% gesunken. Problematisch ist ebenfalls die seit Beginn des Jahres ungewöhnlich starke türkische Währung, was beim hohen Zinsniveau auf die Rückkehr von spekulativem «Hot Money» hinweisen könnte. Der nun autonom agierenden Zentralbank sind durch die Vereinbarungen mit dem IMF enge währungspolitische Grenzen gesetzt. Kopfweh bereiten den Experten auch die im Programm vorgesehenen, für die breiten Massen besonders schmerzhaften Entlassungen aus Staatsbetrieben sowie die radikalen Kürzungen der sozialen Ausgaben. Als Folge der Krise haben im letzten Jahr rund eine halbe Million Türken ihre Arbeit verloren. Ein Dekret des Ministerrats vom letzten Freitag sieht nun weitere Entlassungen vor. Demnach sollen die staatlichen Banken Ziraat und Halk weitere 900 Filialen schliessen und 16 000 Personen entlassen. Manche Experten schliessen soziale Unruhen nicht mehr aus.
Politische Motive des IMF entscheidend
Die meisten Experten stimmen allerdings darin überein, dass weniger wirtschaftliche Kriterien als politische Motive für die jüngste Kreditvergabe entscheidend waren. Nur wenige Stunden vor dem Entscheid des IMF hatte die türkische Regierung sich auf die Seite der amerikanischen Regierung geschlagen und den Nachbarstaat Irak vor Konsequenzen seiner Unnachgiebigkeit gewarnt. Die Türkei sei der modernste islamische Staat mit guten Beziehungen zum Westen und ein Verbündeter Israels, sagte ein ausländischer Bankier im Gespräch. Nun wollten die USA die Türkei zu einem Modell eines Staates erheben, der «laizistisch und trotzdem islamisch, attraktiv, touristisch und wirtschaftlich erfolgreich» sei. Getürkt eben :D Aus diesen Gründen hat der Bankier keine Bedenken, dass die Türkei Bankrott gehen könnte.
NZZ
no comment