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Vollständige Version anzeigen : Thema: Jugendliche. Neu: Von der (Un-)Möglichkeit erwachsen zu werden


Eliska
13.02.2002, 19:54
Schüler jobben, damit die Kohle stimmt, so das Klischee.
Dabei geht es ihnen um viel mehr.

Anja Kühne

Die Nacht zum Sonnabend ist für Anne Weber kurz: Früh um 6 Uhr 30 schlüpft sie in eine Bäckerschürze. Sieben Stunden lang räumt sie dann warme Laugenbrezeln und Apfeltaschen aus der Backstube in die Vitrine und bedient die Kunden. Die 17-jährige Schülerin eines Stuttgarter Gymnasiums kennt kaum einen Mitschüler, der nicht auch einen Job hat. Ihre Freundin Sonja verteilt an Sonntagen in einer Zeitungsredaktion die Post. Eine andere Freundin packt in einem Sportgeschäft Kartons aus. "Wenigstens in den Ferien jobbt fast jeder", meint Anne Weber, die meisten schon seit Jahren.

Schüler, die als Babysitter, Kellner und Packhilfen arbeiten, sind nach Ansicht der Sozialwissenschaftler in Deutschland ein Massenphänomen. Wie viele Schüler wirklich jobben - darüber gibt es keine umfassenden Untersuchungen. Die Befragungen aus verschiedenen Bundesländern in den letzten zehn Jahren konzentrierten sich darauf, "verbotene Kinderarbeit" festzustellen. Nach Angaben des Philologenverbands arbeitet jeder dritte bayerische Schüler. Einer neuen Studie aus Thüringen zufolge gaben fast 38 Prozent der rund 2500 befragten Schülerinnen zwischen 13 und 15 Jahren an, einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen. Nordrhein-Westfalen meldet eine "Kinderarbeitsquote" von 42 Prozent, Hessen von fast 52 Prozent. Das bereitet manchen Erwachsenen Sorge: Die arbeitenden Teenager vernachlässigen für den Konsum ihre schulischen Aufgaben, befürchtet der konservative Philologenverband. Das Deutsche Kinderhilfswerk meint sogar, die Schüler würden den Eltern 90 000 Arbeitsplätze wegnehmen.

Wenn in deutschen Medien von jobbenden Jugendlichen die Rede ist, geschieht dies meist im "Gestus von Empörung", hat der Erziehungswissenschaftler Manfred Liebel, Professor an der Technischen Universität Berlin, festgestellt. Nach Ansicht mancher Erwachsener sind die Schüler so versessen auf "Kohle" und Luxusartikel, dass sie ihre Bildung dem Tanz ums goldene Kalb opfern. Was die Arbeit wirklich für die Schüler bedeutet, warum sie jobben und wie der Job ihr Leben verändert, will Liebel in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt herausfinden.

Anne Weber, die in der Bäckerei arbeitet, reichen die 100 Mark Taschengeld nicht aus, die ihr die Elten geben. Ihr ist wichtig, sich in der Disco auch noch die zweite Cola leisten zu können oder auch die Jeans, die ihr gefallen: "Mit seinem eigenen Geld fühlt man sich selbstständiger", sagt sie. "Dann muss man nicht ständig fragen." Selbst wenn sie jeden Sonnabend sehr früh aufstehen muss, macht ihr die Arbeit doch manchmal Spaß. "Und wenn man Pflichten hat, ist das auch gut für den späteren Beruf", meint sie.


Man fühlt sich erwachsener

Anne Webers Wunsch zu arbeiten, lässt sich nicht einfach auf Konsumlust reduzieren, und das gilt auch für die meisten anderen jobbenden deutschen Teenager, glauben Liebel und sein Kollege Bernd Overwien von der TU. Die Jugendlichen machen die Erfahrung, dass sie zu Hause einen besseren Stand haben, wenn sie eigenes Geld verdienen. Sie empfinden den Job als Ausdruck ihrer Emanzipation von den Eltern, ihres Erwachsenwerdens. In diesem Sinne ist es nach Auffassung der Forscher zu verstehen, wenn der Großteil der in der Thüringer Studie befragten Schüler angibt, zu jobben, um "eigenes Geld zu verdienen".

Allen gefiel es, "frei über den Verdienst verfügen" zu können und den "Wert des Geldes schätzen" zu lernen. Oft sagen die Befragten wie Anne Weber, sie jobbten, "weil es mir Spaß macht". Während manche Erwachsene befürchten, die Kinder könnten wegen der Arbeit in der Schule unkonzentriert sein, gaben nur sehr wenige jobbende Schüler an, durch den Job in der Schule nachgelassen zu haben. Die Jungen arbeiten der Thüringer Studie zufolge häufiger am Bau und im Handwerk, die Mädchen mehr beim Babysitting, im Verkauf und in der Gastronomie. Jungen verdienen im Durchschnitt 9 Mark 41, Mädchen nur 8 Mark 72 pro Stunde. Neunzig Prozent der befragten Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren, die keinen Job hatten, gaben an, sie wünschten sich zu jobben. Kaum ein Schüler sagte aber, er arbeite, "weil ich meine Eltern damit entlaste". Jobs helfen Schülern, sich selbstständig zu entwickeln und auch "soft skills" für den Beruf zu lernen.

Doch steht die jobbende Jugend juristisch in keinem guten Licht. Die Hälfte der in der Thüringer Studie befragten Jugendlichen arbeitete nach dem Arbeitsschutzgesetz und der Kinderarbeitsschutzverordnung illegal: Zahlreiche 14-Jährige jobbten während der Ferien länger als drei Stunden am Tag. Ein Drittel jobbte während der Schulzeit an Wochenenden. Viele 15- und 16-Jährige arbeiteten in den Ferien mehr als acht Stunden und mehr als fünf Tage. Die Anzahl solcher Fälle von "verbotener Kinderarbeit" hat sich nach der Thüringer Studie zwischen 1996 bis 1999 verdoppelt - der Arbeitswunsch der Schüler, den sie auch in die Tat umsetzen, und das Bestreben des Gesetzgebers, Kinder und Jugendliche zu schützen, decken sich nicht. Wird den Kindern in der Gesellschaft weniger Verantwortung übertragen, als sie sich selbst zutrauen?


Was genau ist "Kinderarbeit"?

Bei der Bundesregierung, die im Juni 2000 einen "Bericht über Kinderarbeit in Deutschland" vorgelegt hat, stellt Liebel eine wachsende Verzweiflung darüber fest, "dass immer mehr Kinder und Jugendliche dem Verbot der Kinderarbeit kein Verständnis entgegenbringen". Dass das Gesetz geändert werden müsste, meint die Bundesregierung aber nicht. Nach der Europäischen Richtlinie zum Jugendarbeitsschutz dürfen die EU-Länder Arbeit von Kindern unter 13 Jahren nicht zulassen. Täten sie es doch, bestünde die Gefahr, dass die Entwicklung der Kinder gefährdet würde sowie auch die, dass sie Erwachsene von ihren Arbeitsplätzen verdrängen.

Sollen Kinder oder Jugendliche jobben? Auch in der deutschen Wohlstandsgesellschaft wächst die Kinderarmut und damit die Gefahr, dass Kinder arbeiten, um ihre Familien finanziell zu unterstützen. Doch ist Kinderarbeit heute ein vielschichtiges Phänomen. Wenn Kinder im Haushalt abwaschen und den Müll runterbringen, ist das für die Forscher auch eine Form der Kinderarbeit und genauso, wenn Kinder ihre alten Spielsachen in der Fußgängerzone verkaufen - mehr um der Langeweile zu entkommen als um Geld zu verdienen. Wer eine Aufgabe im Sportverein übernimmt oder im elterlichen Betrieb unentgeltlich hilft, sammelt auch Arbeitserfahrung - aber unbezahlt und also nicht, um materielle Bedürfnisse zu befriedigen.

Wer aber, wie die Studien es tun, nur nach verbotener Kinderarbeit fragt, erklärt den Arbeitswunsch der Jugendlichen einseitig mit dem Geldverdienen. "Dagegen werden die offensichtlichen Wünsche der Kinder, sich durch ihre Tätigkeit nützlich zu fühlen, mehr Autonomie und soziale Anerkennung zu finden, auf das Geldverdienen eingeschränkt und in ihrer Vielfalt kaum wahrgenommen", meint Liebel. Offenbar hätten immer mehr Teenager Lust, "die als lebensfremd empfundene Schule durch eigene Arbeit außerhalb der Schule zu ergänzen".

Deshalb bezweifelt Liebel, dass die abwehrende Haltung der Regierung zur Arbeit von Jugendlichen noch angemessen ist: "Diese Kinder verdienen mehr Vertrauen in ihre Urteilsfähigkeit. Nur bei einem Bruchteil der heute von Kindern gesuchten und ausgeübten Arbeiten handelt es sich um Ausbeutungsverhältnisse." Kinder seien am besten vor Ausbeutung zu schützen, wenn sie unterstützt würden, sich zu wehren - auch, indem sie sich organisieren: "Für die Gewerkschaften wäre dies ein weites Feld."


Tagesspiegel

cherry
14.02.2002, 18:53
Auf jeden Fall ist es gut, daß Kinder und Jugendliche arbeiten. Damit lernen sie, das ihnen die gebraten Tauben im Leben nicht in den Mund fliegen. Gleichzeitig werden sie in ihren Konsumrausch diszipliniert, weil sie die Kohle hart erarbeiten müssen und nicht von den Eltern bekommen.

Meine Kinder, M. 9 Jahre, W 11 Jahre, W 13 Jahre, müssen im Haushalt kräftig mit anpacken. Vom Bügeleisen bis zur Rohrzange, ob männlich oder weiblich. Nur so sind sie aufs Leben vorbereitet, wenn sie nach Ende ihrer Ausbildung ausfliegen.

Eliska
21.02.2002, 18:40
Jenaer Studie deckt übersehene Schülerkompetenzen auf / "Subversiver Bildungsprozess"

FRANKFURT A. M. Realschüler und Berufsschüler in Thüringen haben mehr Stärken, als Lehrer und Wirtschaft in subjektiven Einschätzungen Jugendlichen gemeinhin zubilligen. Zu einem entsprechend unaufgeregten Fazit gelangt das Institut für Erziehungswissenschaften an der Universität Jena in einer Studie zur "Ausbildungsfähigkeit von Regelschülern und Berufsschülern in Thüringen", die das Kultusministerium in Erfurt in Auftrag gegeben hatte. Demnach zeigen die Schüler zwar in Deutsch bei Rechtschreibung und Grammatik Schwächen und Lücken beim Grundwissen in Mathematik und Naturwissenschaften; aber hinsichtlich der verlangten Schlüsselkompetenzen wie Verlässlichkeit und Kreativität, Kommunikations- und Teamfähigkeit weisen die Jugendlichen beachtliche Qualitäten auf.

Die Jenaer Forscher befragten aktive Lehrer, Berufsberater, Ausbilder und Industriekammern sowie 850 Schüler der 10. Realschulklassen und an Berufsschulen. Nach Ansicht der Experten sind die Jugendlichen besser als der durch Vorurteile geprägte Ruf: Sie seien selbstbewusst, kommunikationsbereit, belastbar, motiviert und kritikfähig. Mängel gebe es beim Faktenwissen in Hauptfächern. Außerdem falle es ihnen schwer, sich selbstständig neues Wissen anzueignen.

Die Schüler-Erhebung ergab ein recht einheitliches Bild in Regel- und Berufsschulen: Die Jugendlichen konnten sich kreativ zu Texten äußern, Inhalte knapp und treffend zusammenfassen. Mehr als vier Fünftel der Schüler drückten sich beim Schreiben einer E-Mail in englischer Sprache verständlich aus. Die Wissenschaftler stellten kommunikative Kompetenzen und Teamarbeit beim gemeinsamen Lösen von Aufgaben fest. Allerdings haperte es mit dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Allgemeinwissen. In Deutsch fielen viele formale Fehler auf.

Die Jenaer Wissenschaftler unter Federführung von Professor Michael Winkler und Stefan Kratochwil kommen zu der Hypothese, dass die Jugendlichen offenbar über ein Maß an selbst angeeigneter Bildung verfügten, das in und außerhalb der Schule kaum erkannt werde: "Man könnte hier von einer Art Subversivität in den Bildungsprozessen sprechen: In der Schule erwerben die Jugendlichen nützliche Fähigkeiten, die jedoch nicht dem von den ,Experten' explizit ausgesprochenen Curriculum und Wertehorizont entsprechen. Oder noch stärker zugespitzt: Die Schulen sind im Blick auf ihren faktischen ,Output' möglicherweise besser, als ihre eigenen Fachleute dies wahrhaben wollen."

feu
Frankfurter Rundschau

sharky
23.02.2002, 00:01
... von wegen "Kinderarbeit".

Was ist eigentlich mit den vielen kleinen Babys und Kids, die ständig in der Fernsehwerbung herumturnen?

Die stehen oder liegen z.T. stundenlang vor den Kameras.

Auch "Kinderarbeit"?

Und wer hat die erlaubt?

Wollt' ich schon immer 'mal wissen.

http://www.blauhai.de/images/funshark.gif

Eliska
23.02.2002, 00:57
Da gibt´s, so weit ich orientiert bin, strenge Ausnahme-Vorschriften über Drehzeiten usw.

Eliska:)

Eliska
23.02.2002, 01:09
Übrigens, cherry,

ich denke, dass du deinen Kindern einen großen Gefallen tust, in dem du sie als vollwertige Mitglieder der Gruppe "Familie" ernst nimmst, in der sie nicht nur nehmen sondern auch geben können. Das stärkt das Selbstwertgefühl.

Ich stimme ebenso deiner Ansicht zu, dass Kinder sich ab einem gewissen Alter ruhig selbst etwas Geld verdienen sollen. Das zähle ich - neben den Gründen, die du aufgezählt hast - zur Allgemeinbildung.

Gruß

Eliska:)

Eliska
22.04.2002, 16:27
Fast 40 Prozent der 15-Jährigen rauchen, viele trinken häufig –
Über Sucht bei Jugendlichen

Von Rosemarie Stein

Alle reden von Ecstasy – wir nicht. Auch von Haschisch und Marihuana und Kokain soll hier höchstens am Rande die Rede sein. Solche Modedrogen sind ja nicht nur bei der Jugend „in“, sondern, als Thema, auch in den Medien. Dabei vergessen wir die Oldtimer und Dauer-Hits, denen unendlich viel mehr Jugendliche und Erwachsene zum Opfer fallen als den illegalen Modedrogen und den Opiaten.

Die Einstiegsdrogen sind ganz legal und bei den Großen abgeguckt: Zigaretten und Alkohol. Danach greifen viele ganz leicht zu etwas Neuem („Was verboten ist, das macht uns gerade scharf“). Manche enden schließlich als Junkies und sterben den frühen Drogentod. „Alkohol, Nikotin, Kokain . . . und kein Ende?“ Das war der programmatische Titel, den die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie für ihre 14. Wissenschaftliche Tagung letzte Woche in Berlin gewählt hatte.

Alarmierende Zahlen wurden da genannt: 300 000 Erwachsene und 200 000 Jugendliche sollen in Deutschland abhängig von illegalen Drogen sein, die Opiate noch nicht mitgezählt. Aber drei Millionen gelten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als alkoholabhängig. Und nach dem letzten Bundes-Survey von 2000, einer repräsentativen Befragung von 8000 Einwohnern, hat jeder dritte 18- bis 24-Jährige Drogenerfahrung (Ältere steigen kaum noch ein).

Wahrscheinlich sind es noch mehr. Denn Angaben über sozial Unerwünschtes oder gar Strafbares muss man immer nach oben korrigieren, weil die Fragebogen falsch oder gleich gar nicht ausgefüllt werden, sagte Ludwig Krause vom Münchner Institut für Therapieforschung, Soziale Epidemiologie und Risikoforschung. Auch sonst müsse man Zahlen auf diesem Gebiet mit Vorsicht behandeln, weil sie alle auf Hochrechnungen aus Stichproben, auf Hypothesen und Schätzungen beruhen. Als sicher aber gilt: Seit zwei Jahrzehnten steigt der Gebrauch von Cannabis und von Opiaten steil an, seit Mitte der achtziger Jahre auch die Drogensterblichkeit. Aber die Zahl der von illegalen Drogen Abhängigen und der Todesopfer sei verschwindend gering, verglichen mit dem, was die legalen Massendrogen Alkohol und vor allem Tabak anrichten, sagt Krause.

Der Alkoholkonsum geht bei Jugendlichen zwar derzeit leicht zurück, dafür aber wird das exzessive Rauschtrinken, das Saufen bis zum Umfallen, gerade zur Mode. Und sie fangen immer früher an, jetzt schon mit elf, zwölf Jahren.

Neue Befunde aus einer Befragung von 4000 repräsentativ ausgewählten Schülern der 6. bis 9. Klasse aller Schularten in Nordrhein-Westfalen nannte Michael Klein von der Katholischen Fachhochschule NRW in Köln: 5,6 Prozent der Sechstklässler und 37,7 Prozent der Neuntklässler rauchen regelmäßig, und von diesen 15-Jährigen trinken 12,6 Prozent häufig und 4,2 Prozent regelmäßig Alkohol. Cannabis konsumieren schon in den sechsten Klassen 2,2 Prozent oft und 1,5 Prozent regelmäßig. Die legalen Drogen ziehen die illegalen nach sich: 1,6 Prozent der Kinder, die ans Rauchen und Trinken gewöhnt sind, nehmen auch ständig Cannabis, 3,4 Prozent Ecstasy und gleichfalls 3,4 Prozent andere illegale Drogen. Wer dagegen kaum oder gar nicht zum Glas oder zur Zigarette greift, nimmt auch so gut wie nie andere Drogen.

Die späte Kindheit, etwa die Zeit vom 12. bis zum 14. Lebensjahr, ist die sensible Phase für den Einstieg in den Konsum psychoaktiver Substanzen. Und schon in dieser frühen Lebenszeit entstehen gefährliche Gewohnheiten. Ihre frühesten Erfahrungen sammeln die Kinder mit Alkohol, die erste regelmäßig konsumierte Droge ist aber das Nikotin. Wer jedoch von der Kindheit an ständig raucht, der trinkt später auch zu viel – und umgekehrt.

Bei den früh (vor der 8. Klasse) Anfangenden häufen sich bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Es sind kleine Draufgänger, die keine Regel respektieren und gern etwas Außergewöhnliches erproben – je verrückter, um so lieber. Sie sind unvorsichtig, haben öfter Unfälle, sind mit ihren Schulleistungen zwar nicht zufrieden, es ist ihnen aber auch egal, ob sie Lob erhalten oder nicht.

Kinder, die psychosozial belastet sind, etwa durch Streit in der Familie, greifen um ein Mehrfaches häufiger zur Zigarette oder zur Flasche, die oft eine Bierdose ist. Und wenn Vater oder Mutter Alkoholprobleme haben, sind auch die Kinder stärker gefährdet, vor allem fangen sie an zu rauchen. Schon 21 Prozent der Elfjährigen aus solchen Familien rauchen regelmäßig, und etwas später trinken sie auch. „Wir haben uns bisher viel zu wenig mit der Interaktion von Tabak und Alkohol befasst“, sagte der Moderator Ulrich John vom Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Greifswald zu Kleins Befunden.

Verschiedene auf der Tagung referierte Studien belegten, dass Alkohol- und Tabakprobleme sehr oft mit anderen psychischen Störungen verbunden sind, bei Kindern zum Beispiel mit Panikattacken und Phobien wie Platzangst. 60 Prozent aller Erwachsenen mit auffälligem Alkoholkonsum haben mindestens eine zweite Störung – wichtig für Beratung und Therapie!

Die Vorträge der Suchtforscher werden ergänzt durch eine Übersichtsarbeit, die kürzlich im „Deutschen Ärzteblatt“ erschien (Heft 12 vom 22. März 2002: „Alkoholabhängigkeit bei jungen Menschen“).
Hier schildert der Marburger Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Remschmidt, wie es weiter geht:

Knapp sieben Prozent der 18- bis 21-Jährigen sind alkoholabhängig.

Und was es für Folgen hat: Verkehrsunfälle, Gewalt- und Sexualdelikte, Suizide.

Und schließlich wie man vorbeugt: Vor allem, schreibt Remschmidt, sollte man anstreben, „schon bei Kindern frühzeitig Lebensweise, Einstellungen und Werthaltungen zu prägen, dass Alkoholkonsum als Mittel zur Problemlösung ausscheidet“.


Der Tagesspiegel

Eliska
28.04.2002, 10:22
Suizid-Foren im Internet werden für gefährdete Menschen nach Auffassung von Fachleuten zu einer zunehmenden Gefahr. In Deutschland gebe es nach Schätzungen rund 30 derartiger Foren, in denen Menschen Möglichkeiten zur Selbsttötung austauschten, ihren eigenen Suizid ankündigten oder Abschiedsbriefe veröffentlichten, berichtet der Psychiater Ulrich Hegerl von der Ludwig-Maximilians-Universität-München (LMU). Im Jahr 2000 registrierten die Forscher rund ein Dutzend "Internet-Suizide" in Deutschland. Das Phänomen gebe es aber auch in anderen europäischen Ländern und in den USA.

Vor allem Jugendliche seien gefährdet, betont der Münchner Psychiater Patrick Bussfeld. Vor zwei Jahren etwa sorgte der gemeinsame Suizid einer 17 Jahre alten Österreicherin und eines 24 Jahre alten Norwegers für Schlagzeilen, die sich über Internet zu der Tat verabredet hatten. Es handele sich um eine Subkultur, in der Selbsttötung teilweise verherrlicht und überhöht werde. "Viele reizt der Tabubruch", sagte Bussfeld. "Was für manche nur ein Spiel mit dem Feuer ist, wird für andere zur akuten Lebensgefahr." Dabei spiele auch der Nachahmungseffekt eine Rolle.

Die strafrechtlichen Möglichkeiten gegen die Betreiber derartiger Suizid-Foren seien begrenzt, so Professor Hegerl. Es handele sich um juristisches Neuland. Unterdessen steigt auch die Nachfrage nach qualifizierter Information im Internet. Allein die Homepage des Forschungsprojekts Kompetenznetz Depression werde von mehr als 1000 Nutzern täglich besucht, betonte Hegerl, der das Projekt an der LMU betreut.

Jährlich begehen nach Angaben der Forscher etwa 12.000 Menschen in Deutschland Suizid. In 90 Prozent der Fälle handele es sich aber nicht um eine freie Entscheidung. "Den Freitod gibt es in der Belletristik", sagte Hegerl. "In der Realität stehen dahinter meist ernste Erkrankungen wie Süchte oder Depression." (dpa) / (ad/c't)

heise online

Eliska
03.06.2002, 19:36
Über die Schwierigkeiten, sich in einer Multioptionsgesellschaft zu orientieren / Ein Beitrag von Claus J. Tully

Im Zeitalter der Informationsgesellschaft gelten Traditionen nicht mehr viel. Technische Produkte und ein eigentümliches Vertrauen in sie dominieren das soziale Miteinander der Jugendlichen. Vor diesem Hintergrund weist die Jugendforschung auf zwei scheinbar dauerhaft stabile Befunde hin: Besonders Jungen aus weniger gebildeten Elternhäusern sind kaum an Computern interessiert. Und: Jugendlichen ist nicht der Gebrauchswert von Geräten wie Handys wichtig, sondern der Erlebnisgewinn.

Wir dokumentieren zu dem Thema einen Beitrag von Claus Tully. Er ist wissenschaftlicher Referent am Deutschen Jugendinstitut in München. Von ihm erscheint demnächst das Buch "Mensch-Maschine-Megabyte".

http://www.fr-aktuell.de/fr/160/t160024.htm

Eliska
16.06.2002, 10:23
Lockender Mammon

Viele Schüler betrachten den Unterricht als lästige Pflicht und jobben lieber in Supermärkten oder im Callcenter. Während Pädagogen darin eine Gefahr fürs Lernen sehen, halten die Jugendlichen Geldverdienen für ihr gutes Recht.

Die 16-jährige Hamburgerin Marijke hat zwei teure Hobbys: Ihr Freund wohnt in Nordrhein-Westfalen, ihre beste Freundin in Bayern. Jeder Besuch kostet die Zehntklässlerin der Gesamtschule Steilshoop an die 100 Euro, und die Telefonkosten, 50 Euro im Monat, zahlt Marijke auch aus eigener Tasche.
An zwei Nachmittagen in der Woche arbeitet die Tochter einer allein erziehenden Putzfrau als Praxishilfe bei einer Tierärztin. Ihr Stundenlohn beträgt 6,15 Euro plus Gratisbehandlung ihrer eigenen Tiere, vier Meerschweinchen und einem Kater.
Dass Schüler Geld verdienen, ist in Deutschland normal. Nach Schätzungen des Deutschen Kinderhilfswerks arbeitet bundesweit mindestens ein Drittel aller Kinder ab 13 Jahren im Schnitt mehr als drei Stunden pro Woche - obwohl der Gesetzgeber die Arbeit für Kinder unter 15 Jahren generell verbietet.


Ein Drittel aller Kinder geht jobben

Die Doppelbelastung von Schülern ist so häufig, dass Pädagogen in ihr auch einen Grund für Deutschlands miserable Schulnoten sehen. Viele Schüler, meint etwa der Hamburger Lehrerverbandschef Arno Becker, hielten die Schule nur noch für ihren "Nebenjob". Und sein Kollege Heinz Wagner vom Verband Bildung und Erziehung, Gesamtschulleiter in Paderborn, redet sich in Rage über "die Wirtschaft", die Schüler zum Luxuskonsum wie Markenklamotten verführe und sie gleichzeitig als billige Arbeitskräfte ausbeute - auf Kosten der Schule.
Die Betroffenen sehen das anders. Der Job stehe nicht zum schulischen Engagement in Konkurrenz: "Ist doch besser, wenn ich jobbe, als wenn ich kiffe oder in Läden klaue", findet Marijke. Und falls diese Schülerlogik nicht reicht, folgt das Glaubensbekenntnis aller Jobber: An erster Stelle steht immer die Schule - "immer".
Schulleiter Wagner hat andere Erfahrungen. Nachschreibtermine für Klassenarbeiten etwa legen manche seiner Kollegen inzwischen auf ihren freien Samstag. "Nachmittagstermine werden nicht wahrgenommen wegen der Jobverpflichtungen", klagt Wagner.


Zwischen Geldverdienen und "Fun"

Das Telefonieren im Akkord ist bei Schülern beliebt. Ein "harter Job" sei das "schon", räumt Oberstufenschülerin Janina ein, aber durch die freie Zeiteinteilung mit den Schulaufgaben "gut vereinbar".

Vor allem aber lockt der Mammon: Anfänger am Hörer bekommen 7,50 Euro die Stunde, Profis 9 Euro und mehr. Bei Minimal gibt's 6,50 Euro fürs Warenpacken, bei Karstadt, wo Lars aus Klasse 13 seine Samstage in der Feinkostabteilung verbringt, sogar 9 Euro. Der Einzelhandel ist mit etwa 45 000 beschäftigten Schülern einer ihrer größten Arbeitgeber. Die meisten Kids arbeiten allerdings ganz traditionell als Babysitter oder Zeitungsausträger - für gerade fünf Euro die Stunde.
Geldverdienen ist Motiv Nummer eins für die Erwerbstätigkeit von Schülern, bestätigt eine Studie über Kinderarbeit aus dem Jahr 1999, gefolgt von einem eher gegenläufigen Motiv: "Fun". Dabei besteht der Spaß für viele schon darin, "kein Kind" mehr zu sein, sich unabhängig von den Eltern beweisen zu können.


In den Ferien ans Fabrik-Fließband

Traditionelle Freizeitangebote bieten diese Art Spaß nicht. Laut Janina ist man out, wenn man im Chor singt, in der Badminton-AG spielt oder daheim Klavier übt: "Das wollen nur noch Eltern, wir gehen lieber aus. Und das kostet eben."
Friedhelm Meyer, Chef des Hauptschullehrerverbands, macht das Jobben nicht für die deutsche Bildungsmisere verantwortlich. Hauptschulen stellen trotz des niedrigen Alters ihrer Schüler den größten Teil der Babyjobber, Gymnasien den geringsten. "Der viel größere Bildungsfeind ist der Fun-Faktor", glaubt Meyer. "Wir sind leider eine Spaß- und keine Leistungsgesellschaft. Dagegen kann Jobben sogar helfen, weil die Jugendlichen dabei Verantwortungsbewusstsein entwickeln."
Solche Botschaften sind Musik in den Ohren von Schülerinnen wie Pauline, 20, Gymnasiastin im bayerischen Aichach. "Ich kann mit Geld besser umgehen, und ich genieße meine Freizeit mehr", prahlt die Vieljobberin aus wohl situierten Verhältnissen.

Mit 16 hat die Schülerin in den Ferien das erste Mal am Fließband gestanden, "tödlich" sei's gewesen, aber trotzdem: "eine ganz wichtige Erfahrung". Heute finanziert Pauline als Juweliergehilfin, Kellnerin und Nachhilfelehrerin von ihrem Monatseinkommen von rund 600 Euro sogar das eigene Auto. "Das ist es mir wert."

Um das Abitur macht sich die junge Frau "keine Sorgen". Marketingmanagerin will sie werden. Das Management der eigenen Zeit habe sie jedenfalls schon raus: "Ich komme mittlerweile mit vier bis fünf Stunden Schlaf aus", sprudelt Pauline unbedarft heraus. Das spart Zeit, und Zeit ist Geld, wie jedes Schulkind weiß.
ANNETTE BRUHNS

SPIEGEL

Eliska
19.08.2002, 18:29
Bei den Jugendlichen in Deutschland geht das Interesse an der Politik weiter zurück. Sie trauen den Parteien kaum Lösungen zu. Dennoch sind viele junge Leute optimistisch, gesellschaftlich aktiv und engagieren sich - auch für andere.

Berlin (19.08.2002, 15:26 Uhr) - Die «Null-Bock-Stimmung» früherer Zeiten ist passé. Heute gestalten die Jugendichen ihre Zukunft eher nach dem Motto «Aufstieg statt Ausstieg», Das sind Ergebnisse der 14. Shell-Jugendstudie, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde.
Bei der aufwendigen wissenschaftlichen Untersuchung, die vom Öl- und Energiekonzern Shell finanziert wurde, waren mehr als 2500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt worden. Dabei zeigte sich gegenüber vorherigen Untersuchungen, dass sich ein Trend verstärkt hat: Das rückläufige allgemeine Interesse der Jugendlichen an Politik. Nur 34 Prozent der Heranwachsenden bezeichneten sich als politisch interessiert. 1991 waren es noch 57 Prozent. Eine wichtige Rolle spielen Alter und Bildungsniveau: Es sind vor allem ältere, gut ausgebildete junge Menschen, die sich für Politik interessieren.

Obwohl die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen die Demokratie für eine gute Staatsform hält, stehen in den neuen Bundesländern 52 Prozent, in den alten 27 Prozent der Befragten der demokratischen Praxis kritisch gegenüber. Nach Feststellung der Autoren ist das Vertrauen der Heranwachsenden in politische Parteien, in die Bundesregierung, die Kirchen und Gewerkschaften gering. Der Studie zufolge drücken damit vor allem Jugendliche in den neuen Ländern ihre Kritik an Lebensverhältnissen und fehlenden persönlichen Chancen aus. Insgesamt gaben 19 Prozent der Jugendlichen keine Antwort auf die Frage, welche der Parteien die Probleme in Deutschland am besten lösen kann, 37 Prozent sprachen keiner Partei die entsprechende Kompetenz zu.


Wissenschaftler ermitteln Wertewandel

Dennoch sieht die junge Generation ihre Zukunft optimistisch und leistungsbereit. Die Wissenschaftler stellten einen Wertewandel fest, der sich bereits in den 90er Jahren angedeutet hatte: Die Protest- Stimmung und ablehnende Haltung früherer Generationen ist vorbei, heute geht es um «Aufstieg statt Ausstieg». Übergreifende gesellschaftliche Ziele stehen dabei nicht im Mittelpunkt - Leistung, Sicherheit sowie Macht und Einfluss sind den Jugendlichen wichtiger geworden.

Der Wertewandel wird gerade auch von Mädchen und jungen Frauen getragen, die heute ehrgeiziger, aber auch selbstbewusster sind. Karriere machen und Verantwortung übernehmen ist für sie ebenso wichtig wie für die jungen Männer. Mädchen haben bei der Schulbildung die Jungen inzwischen überholt. Gleichzeitig hat die Familie einen hohen Stellenwert: 75 Prozent der weiblichen und 65 der männlichen Befragten meinten, eine Familie zum «glücklich sein» zu brauchen. Über zwei Drittel der Jugendlichen wollen später eigene Kinder haben. «Karriere und Familie schließen sich bei den meisten Jugendlichen heute nicht mehr aus, sondern sind zwei zentrale, gleichberechtigte Zielvorstellungen für die Lebensführung», stellten die Autoren fest.


Chancen und Nutzen

Trotz des geringen politischen Interesses sind viele Jugendliche in ihrem «Lebensumfeld» gesellschaftlich aktiv. Dabei orientieren sie sich nach der Studie an konkreten und praktischen Fragen, die für sie mit persönlichen Chancen und Nutzen verbunden sind. Obwohl sich die Heranwachsenen für andere Menschen oder den Umwelt- und Tierschutz einsetzen, haben Bürgerinitiativen, Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty International, Parteien oder Gewerkschaften deutlich weniger Zuspruch als Vereine, Bildungseinrichtungen und selbst organisierte Gruppen.

Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) hob bei der Vorstellung der Studie besonders auf die positiven Ergebnisse ab. Die Untersuchung zeige, dass die Jugend viel besser als ihr Ruf sei. Die Jugendlichen sähen optimistisch und pragmatisch in die Zukunft und wollten «mit Bodenhaftung» die gesellschaftlichen Herausforderungen meistern. Die Ministerin hob auch hervor, dass die Familie bei den 12- bis 25-Jährigen hoch im Kurs stehe. (tso/dpa)

Tagesspiegel

Eliska
04.09.2002, 20:58
DEPRESSIONEN / Viele Gründe führen dazu, dass Jugendliche darunter besonders leiden

Jeder Tag wie ein Berg

Gestörte Beziehungen, Schulstress, schlechte Perspektiven im Beruf - das alles kann die Psyche belasten. Dennoch: Das Leiden lässt sich lindern.

von CLAUDIA WEISSENBERG

"Die ist in letzter Zeit richtig depressiv, kein Wunder bei dem Wetter!"
"Meinem Nachbarn ist neulich die Frau verstorben, seitdem ist der ziemlich depressiv!"
Depressiv - das Wort geht leicht von den Lippen. Doch wer weiß schon, was es wirklich heißt, darunter zu leiden?
Dabei ist es gerade jetzt wichtig, das Thema ernst zu nehmen und generell über psychische Fragen nachzudenken.

Alarmierende Zahlen brachte der Gesundheitsreport 2002 der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK):

• In den Jahren von 1997 bis 2001 haben die Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen von 67 auf 101 Tage pro Jahr zugenommen; das ist eine Steigerung um 51 Prozent.

• Der spezielle Blick auf Depressionen zeigt, dass sie bei jüngeren Menschen besonders stark zunehmen: Bei den 15- bis 19-jährigen Mädchen gibt es eine Zunahme um 77 Prozent, bei den 20- bis 24-jährigen sogar um 90 Prozent. Bei jungen Männern ist die prozentuale Zunahme fast ebenso hoch, die Zahl der Fälle aber geringer.

• Nach einem Aufsatz in der "Ärztlichen Praxis" (Heft 8/2002) leidet jeder zweite Jugendliche unter psychosomatischen Beschwerden, so ein Ergebnis der Jugendvorsorge-Untersuchung J 1, die gratis ist, aber kaum genutzt wird.

Hinzu kommt etwas, was Fachärzte immer wieder beklagen: Einerseits ist die Therapie nicht einfach, andererseits macht schon die Diagnose Probleme. Von den zurzeit vier Millionen behandlungsbedürftigen Depressionen sind nur 1,4 Millionen als solche diagnostiziert.

Was ist eine Depression?
Davon spricht man, wenn jemand sich über begrenzte Niedergeschlagenheit und Trauer hinaus über nichts mehr freut und das ganze Leben als hoffnungslos betrachtet. Der Glauben an sich selbst ist verloren gegangen; mangelnde Entscheidungsfähigkeit belastet den Alltag.


Immer gegen Widerstände

"Es ist schon wieder mal 12 Uhr mittags, und ich komme noch immer nicht aus dem Bett raus. Ich traue mich nicht, den neuen Tag anzufangen, der mir wie ein unüberwindbarer Berg gegenübersteht. Es kommt mir so vor, als strampele ich gegen einen unsichtbaren inneren Widerstand."

Mit diesem negativen Selbstbild, das sie in dem Buch "Total durchgeknallt" schildert, lebt nicht nur die 20-jährige Katrin. Ein ehrliches Geständnis - und ein seltenes. Meist wird die Krankheit von den Einzelnen und der Gesellschaft vertuscht. Das erschwert es den Betroffenen, ihre Lage zu akzeptieren und offen zu legen.

Obwohl inzwischen mehr als früher für die Früherkennung getan wird, etwa durch Schulen, Kliniken und das Kompetenznetz Depression, sind die Defizite groß. Dabei käme es sehr darauf an, schon im Jugendalter die Signale einer psychischen Störung zu erkennen.

Doch lange herrschte große Ignoranz:
Da man glaubte, Kinder könnten weder sich selbst betrachten noch über sich nachdenken, schloss man Depressionen bei ihnen aus.
Heute weiß man, dass diese Gruppe seelisch besonders verwundbar ist; der Begriff Vulnerabilität spielt eine zentrale Rolle.

Dennoch: Mit der Diagnose Migräne lebt es sich besser als mit einer attestierten Depression. Sie zwingt die Betroffenen in eine Außenseiterrolle, stigmatisiert sie sogar.


Während bekannt ist, dass Hausärzte 60 bis 70 Prozent der Depressionspatienten lieber selbst behandeln, anstatt sie fachgerecht an Spezialisten zu überweisen, gibt es einen neuen Trend: "Die starke Zunahme der Zahl der Jugendlichen mit einer Depression ist heutzutage sicher auch auf das veränderte Ärzteverhalten zurückzuführen", so Dr. Heike Oberlack-Nieß, Diplom-Psychologin aus Bergisch Gladbach, die sich insbesondere mit depressiven Jugendlichen befasst.
"Das Bewusstsein für psychische Erkrankungen ist bei Arzt und Patient gestiegen", sagt sie. "Vor allem bei den Hausärzten hat die Einsicht zugenommen, betroffene Patienten einem Facharzt zu vermitteln."
Ärzte achten also heute vermehrt auf verdächtige Symptome und stellen daher öfter die richtige Diagnose Depression. Doch dies allein erklärt nicht den dramatischen Anstieg der Zahlen.

Auffallend ist auch, dass gerade die, die im Gesundheitswesen arbeiten, sich am häufigsten der Diagnose Depression stellen müssen. 56 Prozent der DAK-Versicherten, die im Gesundheitsbereich tätig sind, meldeten sich im Jahr 2001 mindestens einmal wegen einer psychischen Erkrankung arbeitsunfähig. Heike Oberlack-Nieß hat hierfür eine Erklärung:
Durch den immer massiveren Kostendruck der meisten Kliniken, Institute und Heime werde noch mehr an Personal gespart, was sich auch psychisch auswirke. "Die Psychohygiene der Mitarbeiter ist ein ganz wichtiger Aspekt, der viel zu wenig beachtet wird", sagt sie.

Doch wieso muss es erst so weit kommen?
Die Grundprobleme liegen neben dem Beruf in den Familien und Schulen. Leistungsdruck und schlechte Perspektiven der Jugendlichen, verbunden mit dem Kommunikationsverlust im Elternhaus, sind die Hauptschwierigkeiten junger Menschen. Das endet nicht selten in krank machender Hoffnungslosigkeit.
Ein Projekt der WHO für Europa bestätigt, dass dies eine generelle Tendenz ist.

Wenn dann noch dazu die Medien mit ihren bunt gemalten Idealbildern das Selbstwertgefühl - und auf das kommt es sehr an - auf ein Mindestmaß schrumpfen lassen, liegt die Gefahr einer Depression oder eines Suchtverhaltens nahe.
Makellose Körper, gehüllt in den neuesten Designertrend, High-Society-Teenies mit scheinbar musterhaften Lebensläufen und eingebildeten tollen Perspektiven, Stars der Rubrik "schön, reich und sexy" formen das heutige Idealbild. Mit diesen Vorbildern soll der Alltag gelebt werden. Da es aber am tatsächlichen Ausgleich durch soziale Beziehungen und positives Erleben fehlt, entstehen innere Konflikte, die sich psychisch und physisch bemerkbar machen.


Mit der Diagnose Depression stellt sich die Frage nach der Therapie.
"Bei einem depressiven Menschen sind immer die Physiologie, genauso aber auch das Verhalten und Erleben verändert. Dies sind nur zwei Seiten einer Medaille. Es ist deshalb nahe liegend, sowohl mit Medikamenten und mit Psychotherapie zu behandeln", so Professor Ulrich Hegerl, der Sprecher des Kompetenznetzes Depression. Er betont: "Depressionen sind heilbar."

Die medikamentöse Behandlung ist notwendig, da bei psychischen Störungen stets auch körperliche Symptome vorhanden sind. Um den Patienten ihren Lebensmut wiederzugeben, reichen Medikamente freilich nicht aus. Die Psychotherapie beleuchtet das erlernte Fehlverhalten, indem sie Denkmuster, Gefühlsreaktionen und Verhaltenstendenzen aufdeckt.
"Durch die Psychotherapie sollen die Betroffenen zu Experten ihrer Krankheit werden, um so zu einer antidepressiven Lebensplanung zu kommen", weiß Dr. Markus Pawelzik von der ChristophDornier-Klinik in Münster.
Erst wenn sich ein gewisses Gefühl von Kontrolle über die eigene Situation einstellt, lässt sich der Alltag wieder bewältigen.


Es bewegt sich etwas

Wenn man die alarmierenden Zahlen und die Reaktionen darauf näher beleuchtet, erkennt man, dass sich in einigen Bereichen doch etwas bewegt. Eine ständige Gefahr liegt aber darin, die kleinen, alltäglichen Abläufe und Verhaltensmuster unseres Lebens als unwesentlich abzustempeln.

Wie viele einsame Kinder gibt es, wie viele Eltern ohne Zeit und offenes Ohr?
Wie viel Oberflächlichkeit, Dominanz und Grobheit herrscht noch immer in vielen Familien?
Bekanntlich kommt vor dem zweiten Schritt der erste - doch während sich in Forschung und Lehre die neuesten Methoden den Rang streitig machen, fehlt unserer Gesellschaft noch immer die Erkenntnis, dass sich diese Problematik im kleinsten Kreis bildet.

Andererseits gilt: "Wenn die Nöte eines Kindes nicht erkannt und deshalb nicht gelöst werden, hat früher oder später die ganze Familie Probleme. Es wächst sich nicht alles von selber aus" - ein Psychologe sagt, was jeder weiß.
Oder doch längst wissen müsste.


Rheinischer Merkur

Eliska
15.11.2002, 18:52
München (dpa/gms) - Immer mehr Jugendliche plagen sich mit Rückenschmerzen herum. Zu diesem Ergebnis sind jetzt finnische Gesundheitsforscher in einer Studie gekommen, wie die Zeitung «Ärztliche Praxis» berichtet. Im Rahmen der Studie wurden von 1985 bis 2001 die medizinischen Daten von rund 200 000 finnischen Jugendlichen untersucht.

Demnach schmerzt bei jedem viertem Mädchen und jedem achten Jungen mit 14 Jahren regelmäßig das Kreuz. Darüber hinaus verdoppelte sich zwischen 1985 und 2001 die Zahl der Fälle von Rückenbeschwerden bei 14- bis 18-Jährigen. Diese Problematik dürfte auch in anderen westlichen Industrieländern bestehen, so die Zeitung. Ursache sei vor allem zunehmender Bewegungsmangel.

SZ

carlo
16.11.2002, 00:17
Nö, german,

keinen Bock, lieber noch eine Tüte... ;)

RIVA
16.11.2002, 00:26
Wer viele Tüten "baut" hat auch Bewegung... dann noch ein bisschen Omas Kaminuhr aufziehen nach dem Essen und der Bär sollte geschält sein......

LISA
16.11.2002, 00:29
"Fische putzen" kenn ich aber anders....

RIVA
16.11.2002, 00:32
Schon, ist doch aber mehr für Diabetiker....

LISA
16.11.2002, 00:36
... und ich dachte, Brennesseltee tut da wunder :rolleyes: .....Diabetikermäßig ;)

RIVA
16.11.2002, 00:39
Nanü? Wie kommt der Gutste jetzt von geschälten, diabeteskranken Bären, die leicht fischeln, aber mit Brennesseltee trotzdem gut schmecken auf Nacktschnecken? :confused: Obwohl... mit einem Löffelchen geschmolzener Schokolade in Olivenöl ... so als freie Assoziation nicht unbedingt hilfreich, aber vielleicht schmeckt's dafür?


:hihi

LISA
16.11.2002, 00:43
Schmecken tut's, aber ob's bekommt :rolleyes:
Schoko in Olive hatte ich noch nicht, aber Flugente in Honigkruste --- absoluter Hochgenuß :eek:

Könnte ich mal wieder zu Weihnachten zubereiten, irgendwo liegt noch das Rezept :p

LISA
16.11.2002, 00:51
Die ("Wörterkette") schnallt er sich jetzt um den Bärenbauch und genießt stillschweigend seine Schokoolivennuggets :hihi

LISA
16.11.2002, 01:06
Gute Idee :)

Gute Nacht.

Eliska
06.03.2003, 09:21
Bildungsexperten warnen vor einem dramatischen Nachwuchsmangel in Naturwissenschaft und Technik. Wie lässt sich das ändern? Eine Vielzahl privater Initiativen will bei Schülern mehr Begeisterung wecken

Ulrich Schnabel

Die Lehrer der berufsbildenden Schule für Wirtschaft in Ludwigshafen verschickten kürzlich ganz besondere Post: Darin erklärten sie den Eltern, warum die Jugendlichen nachmittags so selten nach Hause kommen. Dass ihre Kinder freiwillig an einem Projekt arbeiteten, wollten die wenigsten glauben. An der Berufsschule, bekannt für ihren hohen Ausländeranteil und soziale Spannungen, stöhnten die Schüler sonst eher über den Unterricht. Und plötzlich sollte Lernen Spaß machen?

Die erklärungsbedürftige Begeisterung ist das Ergebnis eines Lehrkonzepts namens TheoPrax, das der Werkstoffkundler Peter Eyerer vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat. Eyerer, im Hauptberuf Leiter des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie im badischen Berghausen und Vater von sieben Kindern, wollte damit etwas gegen das "ewige Gejammere über das deutsche Bildungssystem" tun und die viel beklagte Kluft zwischen Schule, Wissenschaft und Berufspraxis überbrücken. Die Ludwigshafener Schule beispielsweise kooperiert mit der Pharmafirma Pfizer. Diese hatte die Schüler mit einer Umfrage zum Arzt-Patienten-Verhältnis beauftragt. Was bestimmt den ersten Eindruck in der Praxis, worauf achten die Patienten, was ist ihnen im Gespräch mit dem Arzt wichtig? Das sollten die Schüler in Interviews herausfinden.

"Wenn das nur eine Schulübung gewesen wäre", erzählt Klassenlehrerin Claudia Manstein, "dann hätten sich die Schüler dafür kaum begeistert. Aber die Tatsache, dass das ein echter Auftrag war, der auch bezahlt wurde - das hat ihnen den Kick gegeben." Plötzlich mussten die Schüler selbstständig Fragebögen entwerfen, sich über die statistische Auswertung Gedanken machen und eine überzeugende Abschlusspräsentation bei Pfizer organisieren. Dabei entdeckten die Jugendlichen so manches verborgene Talent - "die wussten alle gar nicht, was sie können", erzählt Lehrerin Manstein. Außerdem machten die Schüler die seltene Erfahrung, dass sich jemand für ihre Arbeit wirklich interessierte. Die Pharmafirma jedenfalls zeigte sich von der Studie, dick wie eine Diplomarbeit, höchst angetan. Erhielten die Jugendlichen doch bei der Umfrage in ihrem Bekanntenkreis zum Teil wesentlich offenere Antworten, als dies professionellen Meinungsforschern möglich gewesen wäre.

Rund 70 solcher TheoPrax-Projekte kann Peter Eyerer heute vorweisen. Rund 30 Schulen und fast 60 Firmen hat er zur Kooperation angeregt - seine Privatinitiative ist so erfolgreich, dass inzwischen bereits in acht Bundesländern TheoPrax-Zentren existieren. Doch die Bildungsoffensive aus Berghausen ist kein Einzelfall. In vielen deutschen Schulen werden derzeit ähnliche Modelle für einen praxisnahen Unterricht erprobt. Aufgeschreckt vom dramatischen Nachwuchsmangel, insbesondere in den Naturwissenschaften, haben Lehrer, Wissenschaftler und Unternehmer der täglichen Langeweile im Klassenzimmer den Kampf angesagt. Statt dröger Fakten wollen sie den Schülern Begeisterung am eigenen Denken vermitteln; statt über Technikfeindlichkeit zu lamentieren, lassen sie die Jugendlichen in "Mitmachlaboren" forschen; und statt auf die große Bildungsreform von oben zu warten, setzen sie auf unkonventionelle Ideen und Selbsthilfe von unten.


Da staunt der Didaktiker

Im Rahmen des Programms NaT-Working, das von der Robert-Bosch-Stiftung ins Leben gerufen wurde, bauen Jugendliche mit Stuttgarter Kybernetikern kleine Lego-Roboter, sie starten mit Tübinger Geologen zu Exkursionen ins Feld oder lösen an der Universität Duisburg mathematische Probleme "im sokratischen Dialog". Unter dem Motto "Hands-on Universe" laden Münchner Schulen die aktuellen Beobachtungsdaten eines weltweiten Teleskopnetzes aus dem Internet, um den Physikunterricht zu bereichern, in Ulm entwirft das Netzwerk Universität, Gymnasien, Industrie (Nugi) Pläne für einen zeitgemäßeren Biologieunterricht, und die Berliner Initiative "Das fliegende Lehrerzimmer" will künftig Pädagogen an Bord eines Flugzeugobservatoriums in Astronomie weiterbilden. "So etwas hat es in der deutschen Bildungslandschaft noch nicht gegeben", staunt Manfred Euler vom Kieler Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften über die plötzliche Aufbruchsstimmung.

Fast unüberschaubar ist die Zahl der Modellversuche mittlerweile, die enthusiastisch (und mitunter ein wenig hemdsärmelig) Alternativen zum herkömmlichen Frontalunterricht entwerfen. Da ist von der "entfesselten Lehre" und dem "Mut zur inneren Revolution" die Rede, und fast scheint es, als habe die pädagogische Basis längst jene überholt, die eigentlich an der Spitze der Bewegung stehen müssten: Bildungspolitiker und Fachdidaktiker reiben sich angesichts der Reformkonzepte Marke Eigenbau verwundert die Augen.

Dabei ist der Eifer von Lehrern und Professoren nur zu verständlich. Denn sie müssen heute erschreckt mit ansehen, wie ihnen der naturwissenschaftliche Nachwuchs wegbricht. Soeben erst warnte EU-Forschungskommissar Philippe Busquin vor einem künftigen Akademikermangel, die neueste OECD-Bildungsstudie und die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung stoßen ins selbe Horn. Alleine im Fach Physik hat sich die Zahl der Studienanfänger seit 1990 praktisch halbiert. In Chemie und manchen Ingenieurwissenschaften sieht es nicht viel besser aus. Verantwortlich dafür sind nicht nur der Geburtenrückgang, sondern speziell in den Naturwissenschaften auch die ehemals schwarz gemalten Berufsaussichten - und nicht zuletzt der Schulunterricht.

Dessen Schwächen liegen spätestens seit dem "TIMSS-Schock" 1997 offen. Damals bewies die Third International Mathematics and Science Study, wie wenig deutsche Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften im internationalen Vergleich tatsächlich lernen. Insbesondere selbstständiges Denken und das Übertragen stur eingepaukter Fakten auf neue Zusammenhänge fallen ihnen schwer. Das sind nicht gerade gute Voraussetzungen für eine Karriere in der Wissenschaft.

Schon klagen Physiker wie Harald Genz von der Technischen Universität Darmstadt, dass sie ohne die gezielte Einwerbung von Gastwissenschaftlern aus Osteuropa und Russland ihre Forschung gar nicht mehr aufrechterhalten könnten. Zur Abhilfe hat Genz seit einiger Zeit die "Saturday Morning Physics" ins Leben gerufen, spezielle Schülervorlesungen am Samstagvormittag, die potenziellen Nachwuchs anziehen sollen. Andere Hochschulen wie die RWTH Aachen locken die Jugendlichen nächtens mit "Science Nights" in die Labore, bieten Probestudiengänge an oder präsentieren sich - im Rahmen der Aktion Wissenschaft im Dialog - in Ausstellungen und Wissenschaftsfestivals auf der Straße.


Das Vorbild kommt aus Israel

So lobenswert diese Initiativen im Einzelnen sind - für viele Jugendliche kommen sie eigentlich zu spät. Den meisten wird die Lust an der Wissenschaft nämlich schon im Schulunterricht verleidet. Das belegt eine Studie der baden-württembergischen Akademie für Technikfolgenabschätzung. Dabei wurden Schulabgänger nach ihren gefürchtetsten Fächern gefragt: Am schlechtesten kam dabei die Physik weg, dicht gefolgt von Chemie. Für rund 30 Prozent der Schüler sind dies die ungeliebtesten Fächer überhaupt; sie gelten als sperrig, abstrakt, trocken und zu anspruchsvoll.

Doch es wäre ungerecht, dies einzig den Physik- und Chemielehrern anzulasten. Zwar legt deren Ausbildung zu viel Gewicht auf wissenschaftliche Fakten und zu wenig auf die Kunst der unterhaltsamen Vermittlung. Dennoch gibt es durchaus Vertreter, die mit hohem Engagement ihre Klientel mitzureißen versuchen. Doch ihnen lässt ein starrer Lehrplan und eine häufig miserable Ausstattung diese Aufgabe sauer werden. So stehen den Lehrern für jede Unterrichtsstunde magere 50 Pfennig pro Schüler zur Verfügung, hat kürzlich der Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts (MNU) ausgerechnet. "Wie soll man damit", klagt der MNU-Vorsitzende Arnold a Campo, "modernen experimentellen Unterricht machen?"

Eine Antwort darauf kommt aus Israel, einem Land, für das die Entwicklung von Fachwissen eine Überlebensfrage ist. Nachwuchspflege wird dort ebenso pragmatisch wie effektiv betrieben. Um die Unterrichtsmisere zu beheben, hat der Neurobiologe Itzchak Parnas auf dem Campus der Hebräischen Universität in Jerusalem vor elf Jahren das Belmonte Science Center gegründet, ein Gemeinschaftslabor, das von rund 60 Schulen im Umkreis genutzt wird. "In einer Schule gibt es vielleicht acht veraltete Mikroskope. Das heißt: Acht Schüler können arbeiten, und der Rest langweilt sich", beschreibt Parnas die übliche Praktikumssituation. "Bei uns bekommen alle Schüler ihr eigenes Mikroskop und ihren eigenen Laborplatz mit Computeranschluss, an dem sie richtige Wissenschaft betreiben können - sie spüren, dass wir sie ernst nehmen", erklärt er das Belmonte-Konzept.

Was sich keine Schule allein leisten könnte, steht hier allen zur Verfügung: digital vernetzte Praktikumsplätze, hochauflösende Elektronenmikroskope für DNA-Analysen, tonnenschwere Vakuumtische für optische Experimente - die Einrichtung des Schullabors lässt selbst manchen Hochschullehrer vor Neid erblassen. Die Mittel dazu - bislang rund zehn Millionen Mark - hat Parnas, wie das in Israel üblich ist, bei privaten Spendern aufgetrieben. Nur die laufenden Kosten werden von der Stadt Jerusalem getragen; für die Schulen ist die Benutzung kostenlos.

"Zunächst schulen wir die Lehrer", erzählt Parnas, "dadurch wächst auch deren Prestige bei den Schülern." Um die Betreuung der Kinder dagegen braucht er sich kaum Sorgen zu machen. "Die lernen so viel schneller, mit den Geräten umzugehen, als die Erwachsenen - es ist fantastisch." Nur der mit Kissen ausgelegte Ruheraum, den Parnas zur Entspannung eingerichtet hat, wird nicht benutzt. "Die Schüler sind in den vier Stunden hier viel zu beschäftigt, um sich ausruhen zu wollen." Mittlerweile sind um das eigentliche Experimentierlabor auch Bastelräume für kleinere Kinder entstanden, Planetarium, Auditorium, Amphitheater und ein Wissenschaftsmuseum. "Und vor wenigen Wochen habe ich die Zusage bekommen, für acht Millionen Mark ein Wohnheim inklusive Disco einrichten zu können, um Sommerkurse zu veranstalten", schwärmt Parnas, "alles privat finanziert."

Von solcher Großzügigkeit können deutsche Physik- und Chemielehrer bislang nur träumen. Doch erste bescheidene Nachahmer gibt es bereits: Vergangene Woche wurde in Göttingen das X-Lab eröffnet, das, ganz nach dem Belmonte-Vorbild, attraktive Experimentiermöglichkeiten anbietet und sich als "Brücke zwischen Schule und Hochschule" versteht. Die Gründerin des X-Lab ist die Mikrobiologin Eva-Maria Neher, Frau des Medizin-Nobelpreisträgers Erwin Neher. Sie hat in Göttingen nach und nach Forscher, Unternehmer und Politiker für ihre Idee begeistert und das Geld dafür aufgetrieben. Noch verteilen sich die Experimentierräume auf mehrere Institute der Göttinger Universität. Doch ein eigenes X-Lab-Gebäude ist schon geplant. Ähnliche Konzepte verfolgen auch das "DLR_School_Lab" des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Göttingen, das teutolab in Bielefeld oder das Heidelberger Life-Science Lab.

Schon beschwört Eva-Maria Neher den "Aufbruch der Schulen". Dieser wird allerdings oft nicht nur vom fehlenden Geld, sondern mitunter auch von Denkblockaden gebremst. Das zeigt sich beispielsweise bei den "Starthilfeworkshops", mit denen die Robert Bosch Stiftung die Kooperation von Lehrern und Wissenschaftlern in ihrem Programm NaT-Working anschieben will. "Am ersten Tag jammern die Lehrer häufig über den Lehrplan, ihre Arbeitsbelastung und darüber, dass sie nun noch eine Aktivität übernehmen sollen", erzählt Projektleiterin Ingrid Wünning. "Erst am zweiten Tag springt der Funke über." Dann lassen sich die Pädagogen von der Begeisterung der Wissenschaftler anstecken und merken plötzlich, dass sie deren Ideen in Projektwochen, Seminarthemen oder Leistungskursen aufgreifen können.

Doch nicht jedes gut gemeinte Kooperationsprojekt führt zum Erfolg, nicht jeder Laborbesuch lässt gelangweilte Schüler zu Nachwuchsgenies mutieren. Oft machen sich die Kooperationspartner zu wenig Gedanken darüber, wie sich ihre Aktivitäten mit dem normalen Curriculum verknüpfen lassen. Trifft eine Schulklasse auf einen besonders charismatischen Forscher, der sie einen Nachmittag oder ein Wochenende lang mitreißt, ist die Gefahr groß, dass der übliche Unterricht danach erst recht lebensfern wirkt.

"Viele Initiativen sind didaktisch etwas unbeleckt", formuliert es vorsichtig Manfred Prenzel, der Direktor des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel. Noch fehlt es sowohl an einer systematischen Evaluation der einzelnen Projekte als auch am Erfahrungsaustausch untereinander. "Da erfindet jeder das Rad noch einmal neu", diagnostiziert Manfred Euler vom IPN. Die meisten Initiativen arbeiten lokal eng begrenzt, nur wenige Programme - wie etwa TheoPrax oder NaT-Working - haben ein breites Themenspektrum und sind überhaupt in der Lage, Vergleiche zwischen ihren Projekten anzustellen. Nun soll das Kieler IPN auf Anregung des Bundesforschungsministeriums einen Überblick über die vielen verschiedenen Initiativen gewinnen und deren Vernetzung fördern.


"Strohfeuer bringen gar nichts"

Ein solches systematisches Vorgehen ist in Israel schon lange üblich. Nicht nur im Belmonte-Labor wird gezielt Nachwuchsförderung betrieben. Auch andere Schulen halten nach Talenten Ausschau und schicken sie in den Ferien zu Wissenschaftscamps nach Jerusalem oder ins Weizmann-Institut bei Tel Aviv. Dort werden jüngere Schüler in einem "Wissenschaftsgarten" spielerisch an die Naturforschung herangeführt, dürfen auf der "Mondschaukel" mit Gegengewicht eine Ahnung von der Schwerelosigkeit bekommen oder in einem Laufrad Wasser pumpen und so die Umwandlung von kinetischer in potenzielle Energie am eigenen Leib erfahren. Ältere Schüler können den exzellenten Grundlagenforschern in dem Institut bei der Arbeit zusehen und selbst mit anpacken. Überdies unterhält das Weizmann-Institut, das gern als "Max-Planck-Gesellschaft im Kleinen" beschrieben wird, ein eigenes Department of Science Teaching, in dem 150 (!) Mitarbeiter an besseren Schulbüchern schreiben oder Unterrichtssoftware entwerfen.

Deutsche Wissenschaftsorganisationen sind von so viel Engagement noch weit entfernt. Immerhin, die jetzt angeschobenen Projekte sind ein Anfang. Allerdings betonen Koordinatoren wie Ingrid Wünning, dass nur dauerhafte Partnerschaften zwischen Schulen und Forschern die Lehrer wirklich entlasten. "Oft erleben wir Strohfeuer - das bringt gar nichts", sagt auch TheoPrax-Gründer Peter Eyerer. Die Projekte müssen in den Unterricht eingebettet sein, brauchen Zeit für Vor- und Nachbereitung.

Die Zusammenarbeit von Lehrern und Wissenschaftlern zeige dabei schon jetzt unerwartete "Seiteneffekte", hat Ingrid Wünning bei ihren NaT-Working-Projekten beobachtet. "Die Lehrer, die sich dabei engagieren, sind oft auch an der Gestaltung der Schullehrpläne beteiligt - und bringen ihre Erfahrungen ein." Das ist dringend notwendig. Denn noch immer erfährt man bei der Lektüre der naturwissenschaftlichen Lehrpläne "viel von der Last der Erkenntnis und kaum etwas von der Lust an der Erkenntnis", wie der Physikdidaktiker Manfred Euler es formuliert.

Reformer wie Peter Eyerer hoffen daher auf die langfristige Wirkung ihrer Projekte. "An jeder Schule gibt es etwa 15 Prozent engagierte Lehrer und 25 Prozent, die sich überhaupt nicht für solche Aktivitäten interessieren", meint Eyerer. "Die große Masse dazwischen müssen wir auf unsere Seite ziehen." Dass eine ähnliche Regel nicht nur für Lehrer, sondern auch für Schüler gilt, kann Nikolas Gebhardt bestätigen. Als er sich für sein erstes TheoPrax-Projekt bewarb (Konstruktion eines Fahrradspinds) da "sagten manche Mitschüler: ,Seid ihr doof, habt ihr nichts Besseres zu tun?'", berichtet der Schüler des Melanchthon-Gymnasiums in Bretten bei Karlsruhe. "Inzwischen haben wir eine richtige Welle ausgelöst." Schließlich werden die TheoPrax-Projekte im baden-württembergischen Abitur als "besondere Lernleistung" mit 60 Punkten berücksichtigt, das entspricht vier Grundkurshalbjahren. Manchen Schülern macht die praktische Arbeit auch einfach nur Spaß. Nachdem Gebhardts Mitschüler Florian Stegmüller das Projekt Fahrradspind abgeschlossen hatte, sagte er sich: "Den Stress tu ich mir nicht mehr an." Inzwischen bewirbt sich der 18-Jährige schon für sein drittes TheoPrax-Projekt.


DIE ZEIT

Eliska
06.03.2003, 23:24
Lerninitiativen

In den Natur- und Ingenieurwissenschaften fehlt der Nachwuchs.

Um dem abzuhelfen, sind inzwischen zahlreiche Ausbildungsprojekte gegründet worden, die die Kluft zwischen Schule, Wissenschaft und Berufspraxis überwinden sollen. Um all diesen Initiativen und deren beteiligten Institutionen - Schulen, Universitäten, Institute, Stiftungen, Museen ... - ein zentrales Forum zu geben, hat die ZEIT das Portal Lerninitiativen online gestellt.

Hier können sich neue und bestehende Projekte vorstellen und präsentieren - einfach anmelden und das Projekt eintragen. Sofern die jeweilige Initiative bereits vermerkt ist, kann der Eintrag entsprechend geändert werden.

Das Portal wird stetig ausgebaut, Hinweise und Anregungen hierfür sind herzlich willkommen: lerninitiativen@zeit.de


http://lerninitiativen.zeit.de/

Eliska
25.05.2003, 18:36
Die neue Moral der Netzwerkkinder - das neue Buch von Andreas Steinle und Peter Wippermann.

Von Sylvia Englert

Die heutigen Teens sind Netzwerkkinder, aufgewachsen in der Informationsgesellschaft. Sie verlassen sich auf sich selbst und navigieren souverän in der Unübersichtlichkeit von Marken und Medien. Selbstorganisation und Vernetzung sind ihre Stärken. Um für Selfmarketing und Networking gerüstet zu sein, müssen Körper und Geist ständig verbessert und optimiert werden. Auf Styling und Outfit wird daher ebenso großer Wert gelegt wie auf Interaktivität und Connectivity. Werden statt Sein lautet die Lebensdevise.

Click (http://www.changex.de/d_a01026.html)

Eliska
15.06.2003, 12:07
Von der (Un-)Möglichkeit erwachsen zu werden

Heiner Keupp

Jugend heute als "Kinder der Freiheit" oder als "verlorene Generation"

Erwachsenwerden ist ein Projekt, das in eine Welt hineinführt, die zunehmend unlesbar geworden ist, für die unsere Erfahrungen und unsere Begriffe nicht ausreichen, um eine stimmige Interpretation oder eine verlässliche Prognose zu erreichen. Für diese Welt existiert kein Atlas, auf den Erwachsenen zurückgreifen könnten, um Heranwachsenden ihren möglichen Ort und den Weg dorthin erklären zu können. Insofern sind sie zunehmend auch selbst überfordert, Jugendlichen überzeugend zu vermitteln, worauf es bei einem gelingenden Leben ankommt.
Jugend ist deshalb nicht nur eine Altersphase, deren Bewältigung schwieriger geworden ist. Sie ist auch deshalb komplizierter geworden, weil sie für die Erwachsenenwelt zu einer riesengroßen Projektionsfläche geworden ist, ein Experimentierfeld für zukunftsfähige Problemlösungen, aber auch eine Projektionsfläche für die eigenen Ängste und Verunsicherungen.

So werden Heranwachsende ungeheuer überlastet mit projektiven Erwartungen von Erwachsenen und andererseits werden an ihnen die Wünsche nach einer geordneten Welt exekutiert, nach einer Welt, in der Grenzverletzungen, Chaotik und Ambivalenzen unter Kontrolle sind. Alles Beunruhigende soll weggesperrt oder ausgewiesen werden. Der Ruf nach polizeilichen Lösungen und die Reanimation alter heimpädagogischer Verschlusslösungen beziehen sich auf die "verlorene Generation". Die "Kinder der Freiheit" sollen sich hingegen mit Zukunftsoptimismus und dem "Laptop in der Lederhose" (frei abgewandelter Slogan des CSU-Wahlkampfes 1998) auf die ungeahnten Möglichkeiten des neuen Kapitalismus einlassen.

Vollständiger Artikel (http://www.familienhandbuch.de/cms/Kindheitsforschung-Jugend.pdf)

Besonders interessant ab S. 8!

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Auch von Heiner Keupp:
Vortrag beim Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal am 30. Juni 2002:

Von der (Un-)Möglichkeit erwachsen zu werden –
Welche Ressourcen brauchen Heranwachsende in der Welt von Morgen?

http://www.josefstal.de/infoservice/studienarbeit/keupp_2002.pdf