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Vollständige Version anzeigen : Der Ethikrat


Eliska
14.02.2002, 19:30
Philosophische Hilfestellungen für Gregor Gysi, Frauensenator

von Alice Schwarzer

Zum neuen Frauensenator an der Seite des bekennenden Bürgermeisters Klaus Wowereits ist, ausgerechnet, ein Mann erkoren worden: Gregor Gysi. Dass er außerdem noch das Wirtschaftsressort übernommen hat, soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Einen Ethikrat braucht der Mann, weil er ab sofort ständig mit einem klassischen Dilemma konfrontiert sein wird: Wie kann er sich als männliches Wesen glaubwürdig für die Rechte von Frauen einsetzen? Die Antwort auf diese knifflige Frage kann nur eine Fachfrau geben.

Das fängt ja gut an. In einer Talkshow sprach Gregor Gysi jüngst sogar schon vom »Patriarchat«. Und Kollege Fischer outete sich prompt als »bekennender Feminist«, der einen Mann in einem solchen Amt ganz und gar »unglaubwürdig« finde.

Schön. Sehr schön. Lange nicht mehr erlebt, dass die Herren sich darum streiten, wer der bessere Feminist ist.

Sie kommen zur rechten Zeit. Denn wir brauchen sie, solche Politiker. Schließlich stehen die Ministerien für Gedöns heutzutage so niedrig im Ansehen, dass vermutlich nur noch der Faktor Mann sie vor dem endgültigen Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit bewahren könnte.

Frauensenator Gysis Vorteil dabei ist: Er ist ein Frauentyp. So handlich und dann dieser Schlawinercharme, das mögen Frauen. Und alleinerziehender Vater war er auch schon mal. Auch das mit den berufstätigen Frauen und den fehlenden Kindergärten müsste er draufhaben.

Doch: Frauensenator Gysis Nachteil dabei ist: Er ist ein Frauentyp. Das macht ihn eitel in Bezug auf das andere Geschlecht. Da fragte der Mann sich doch tatsächlich schon 1999 im Traum der ZEIT: »Wie sieht eine Frau mich, Gregor Gysi, in einer von Männern dominierten Welt?« Und parlierte traumwandlerisch weiter: »Mein Traum ist, mit den Augen einer Frau sehen zu können, mir die Frauen von der anderen Seite zu erklären, das Weibliche zu verstehen.«

Das ewig Weibliche. Marxist Gysi. Als hätte er nicht gelernt, dass das Sein das Bewusstsein prägt. Und damit auch das Frauenleben die Weiblichkeit. Um Realitäten geht es, nicht um Mysterien, Genosse. Doch um die zu verstehen, muss Mann Gysi in der Tat wohl einen Besuch auf der anderen Seite machen, wozu er als Frauensenator reichlich Gelegenheit haben wird.

Die Erfahrungen mit der eigenen Mutter, Schwester, Frau haben offensichtlich nicht ausgereicht. Und das Gespräch mit den PDS-Genossinnen wird es auch nicht unbedingt bringen.

Denn die PDS-Frauenpolitik liegt erfahrungsgemäß gern haarscharf daneben, den Genossinnen ist nichts (pseudo-)radikal genug: So bedauert die Frauenfrontfrau Christina Schenk, für die Prostituierte »selbstbewusste Unternehmerinnen oder Angestellte« sind, sogar, dass nicht auch gleich die Strafandrohung für Zuhälterei gestrichen wurde. Und der Parteivorsitzenden Gaby Zimmer ist nichts dumm genug: So diente die PDS-Vorsitzende öffentlich und allen Ernstes Verona Feldbusch eine Stelle als »Praktikantin« an.

Will ein Frauensenator Gysi wirklich etwas reißen, muss er weg von der Anbiederei und hin zum unbequemen Leben. Gehen Sie auf den Strich, Genosse Frauensenator, und fragen Sie, warum da wirklich angeschafft wird. Gehen Sie in die Disco, und sehen Sie, wie dank der Frauensucht Nummer eins, der Essensverweigerung, Mädchen in einem Land des Überflusses verhungern. Gehen Sie in die Koranschulen, und hören Sie, welche Frauenverachtung da gelehrt wird. Gehen Sie in die Frauenhäuser, und sehen Sie, wie die alltägliche Gewalt gegen Frauen und Kinder die Körper und Seelen zerstört. Gehen Sie in die Vororte, und fragen Sie die Frauen hinter den Gardinen, warum sie zu Hause hocken. Und gehen Sie in die Führungsetagen, und fragen Sie: Sag mir, wo die Frauen sind?

Träumen Sie nicht länger, Genosse Frauensenator. Wachen Sie auf, und begreifen Sie: Frauen sind kein Mysterium, Frauen sind Menschen.

Die Autorin ist Herausgeberin der Zeitschrift »Emma«

DIE ZEIT

Eliska
14.02.2002, 19:33
Philosophische Hilfestellungen für Gerhard Schröder, Bundeskanzler

von Rudolf Hickel

Neulich, beim Weltwirtschaftsgipfel in New York: Bundeskanzler Schröder wird am Flughafen abgeholt vom künftigen VW-Chef Bernd Pischetsrieder. Der bittet Schröder einzusteigen in die neue Luxuslimousine aus dem Hause Volkswagen, den Phaeton. Dieses Auto (420 PS, 12 Zylinder, Preis: rund 100 000 Euro) war eigens nach New York gebracht worden, um den Kanzler werbewirksam zum Tagungshotel in Manhattan zu bringen. Unterwegs posierte Schröder bereitwillig für die Fotografen. Der Regierungschef in PR-Aktion für einen Autokonzern - das verlangt nach einer gründlichen Inspektion im Ethikrat.

Hat denn der Kanzler aller Autos vergessen, dass um den Pkw-Markt in den USA auch DaimlerChrysler, BMW und Porsche mit harten Bandagen kämpfen? Die Kanzlerwahl im September gerät nun zur Entscheidung über eine ganz neue Schicksalsfrage: Gegen VW-Gerhard geht Edmund Stoiber mit seiner Heimatmarke BMW ins Rennen. Immerhin haben so die Wähler endlich wieder etwas zu entscheiden: Wollen wir lieber einen VW- oder einen BMW-Kanzler?

Klar ist für mich: Schröders Werbeaktion für VW hält einer Überprüfung nach den Kriterien der Verfassung, der Wettbewerbswirtschaft und überhaupt: der Moral nicht stand. Sein Werbefeldzug durch New York widerspricht dem Geist des Grundgesetzes. Der Kanzler schwebt zwar nicht über allen Interessen im mystischen Staatsverständnis à la Hegel. Doch diese Werbeaktion für einen Konzern steht in Konflikt mit der Rolle der Politik gegenüber dem Wettbewerbssystem. Es ist gerade auch Aufgabe der Bundesregierung, durch den Abbau ökonomischer Monopolmacht dem Wettbewerb Geltung zu verschaffen. Wer Lobbyarbeit für Großunternehmen leistet, läuft Gefahr, bei Kumpanei und schließlich noch intensiveren Abhängigkeiten der Politik zu landen.

Einen Vorteil allerdings hat der Werbeauftritt des Kanzlers: Er provoziert die Diskussion über die grundsätzliche Frage, welche Grenzen den Wechselbeziehungen zwischen Politik und Großunternehmen zu setzen sind.

Schröders unterlegener Rivale Oskar Lafontaine hat doch die richtige Frage gestellt: Wie kann die Politik gegenüber der wachsenden Macht der Monopole eigenen Spielraum zurückgewinnen? Schröder hält bereits diese Frage für falsch. Arbeit mit und für die Konzerne ist seine politökonomische Botschaft. Dies zeigt das Milliardengeschenk an die Großunternehmen in Form der Abschaffung der Besteuerung von Gewinnen bei der Veräußerung inländischer Kapitalbeteiligungen. Selbst die davon profitierenden Konzerne wurden durch diese Spendierfreude überrascht. In Schröders Rollenverständnis als »Kanzler der Bosse« agieren der Staat und sein oberster Lenker als der »ideelle Gesamtkapitalist« (Karl Marx). Nicht erst durch die PR-Arbeit für VW mutiert der Kanzler mit seiner auf Einzelunternehmen bezogenen Ad-hoc-Politik zum »reellen Einzelkapitalisten«. Da wird jenseits aller ordnungspolitischen Bedenken mal die Holzmann AG oder wie jüngst das Waggonbauwerk Ammendorf bei Halle gerettet. Diese Rettungsaktionen, ebenso wie die VW-Werbung, nutzen den Beschäftigten in diesen Unternehmen, und das ist ja gut so. Aber was ist mit den Arbeitsplätzen in kleinen und mittleren Unternehmen, die unverschuldet in die Krise geraten? Wo bleibt die Lobbyarbeit für die Arbeitslosen? Ein Kanzler muss, auch wenn es antiquiert klingt, dazu beitragen, den Wohlstand aller zu mehren. Bleibt der Kanzler bei einer Politik nach dem Phaeton-Muster, droht die Gefahr, dass er den Boden unter den Füßen verliert - wie der Namensgeber dieser Limousine: der Sohn des Sonnengottes Helios, der des Vaters Sonnenwagen zum Absturz brachte.

Der Kanzler hätte lieber mit einem Solarmobil zum Weltwirtschaftsforum fahren sollen, der ökologiefeindlichen Politik der Bush-Administration zum Trotz. Solche Lobbyarbeit könnte, weit über die Impulse für diese Zukunftsindustrie hinaus, dem unteilbaren Wohl der Natur und der Menschen einen heroischen Dienst erweisen.

*Der Autor ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Bremen und Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW)

DIE ZEIT