Eliska
24.04.2002, 00:19
Mein Freund Gusti, sein 15-jähriger Sprössling, Gusti Junior, und ich sitzen in uns gekehrt auf meinem Balkon und geniessen die paradiesische Morgenstimmung in kontemplierender Stille für eine neue Rekorddauer von Minuten 11:37:475. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt wie schwer das Erdulden eulysichen Friedens den Nachkommen der Vertriebenen fällt.
Das gebührende Anstossen auf die stolze, weil hart erarbeitete Bestleistung erleichterte merklich den nahtlosen Übergang zur Erörterung der permanenten Weltschieflage anhand der aktuellesten Boulevard-Ausgabe. Diese wird täglich von Lektor Gusti in meinem Beisitz mit unerbittlicher Strenge und totaler Hingabe auf den Wahrheitsgehalt hin geprüft und zensiert.
Heute jedoch scheint ein ganz besonderer Tag zu sein. Das spüre ich in der Luft, abgesehen vom neuen Paradies-Erduldungsrekord. Gustis Stirn ist bei der Lektüre nicht faltig-gekraust wie sonst. Kein Anzeichen von Sarkasmus umspielt die Mundwinkel. Ganz im Gegenteil, ein sanftes, innere Ruhe ausstrahlendes Lächeln liegt auf seinem edlen Schlachterantlitz, begleitet von beipflichtendem Nicken. Ähnlich dem Amen nach einer erbaulichen Predigt.
Endlich ist es soweit! Gusti verkündet sein untrügliches Tagesverdikt über den holprigen Weltenlauf im feierlichen Timbre einer Laudatio: “Ich hab’s ja schon lange geahnt; das Goldene Zeitalter ist angebrochen! Die Welt ist endlich auf dem besten Weg zur Genesung”, frohlockt der bis anhin diesbezüglich eher verschwiegene Prophet mit der gut fundierten Begründung:
“Unglaublich, diese totale Absenz von schlechten Nachrichten! Da steht nur Positives drin”, meint Gusti mit feuchten Augen. “Halleluja”, pflichte ich solidarisch bei ohne zu wissen, um was es geht. Doch den sonst notorisch zynischen Griesgram Gusti euphorisch wiedergeboren zu erleben, wäre ein dreifaches Halleluija wert. “Lass uns doch an der frohen Botschaft teilhaben, lieber Gusti,” dränge ich, begierig meine eigene Metamorphose zu beschleunigen.
“Gerne. Höret und staunet! Selbst im Tierreich halten paradiesische Glückszustände Einzug. In Kenia hat eine Löwin auf freier Wildbahn ein Antilopenkalb adoptiert. Hegt, pflegt und schützt es sogar vor den Appetit ihrer Artgenossen. Na, was sagt ihr dazu?”
Ausser mich zu vergewissern, dass wir noch nicht den 1. April schreiben, fiel mir nichts schnell genug ein, um Gusti Junior zuvorzukommen: “Vielleicht handelt es sich um eine emanzipierte Löwin, die ihre Beute nicht länger mit dem faulen Männchen teilen will. Sie tut nur so fürsorgerisch und frisst jede Nacht ein Kalb alleine auf. Am nächsten Tag holt sie sich ein Neues.”
Anstelle von Anerkennung für Juniors offensichtlich scharfsinnige These, steigt Gusti Senior die Zornesröte ins Gesicht: “Das ist wieder ein exemplarisch nihilistisch-zynischer celebraler Flatus gigantus! So typisch für die heutige Jungend. Woher die es hat, alles Gute zu negieren, bleibt mir schleierhaft. Wohl von zuviel Hasch und MTV!” erwehrt sich der Ex-Chefnegierer ob der weis-nasigen Intrusion in sein soeben entdecktes Paradies.
“Vielleicht vom MTV”, Junior gibt sich – typisch – nicht so leicht geschlagen, “aber kaum vom Hasch, weil Du mir den ja ständig klaust. Eher vom Erwachsenen-TV und euren Redensarten.”
Mir gelingt es mit knapper Not erfolgreich zu schlichten, sodass Gusti ungebremst in Fahrt kommt, die Litanei des urplötzlich hereingebrochenen globalen Positivismus abzuspulen.
“Afghanistan feiert das Neujahr nach Jahren wieder frei und unbeschwert. Die Kinder gehen zur Schule, die Frauen arbeiten wieder. Und die Männer erholen sich wie in guten alten Zeiten ungestört im Puff.
“Die Drittweltländer fordern in später Einsicht kaum mehr Almosen sondern freien Handel. Selbst George Double-Me Bush pflichtet dem bei und sieht darin die einzige Chance zur Armutsbekämpfung, dem Herd allen Übels. Voraussetzung für vermehrte Zusammenarbeit, darunter gezielte Entwicklungshilfe, ist jedoch, dass die Korruption in den Entwicklungsländern per subito dem Niveau der Industrieländern angepasst werden muss. Die USA seien traditionell die Vorreiter des freien Welthandels gewesen. Ausser bei Stahl, da bleibt Bush stahlhart, wie auch bei Holzimporten aus Kanada, weil da drin der Wurm unfairer Subventionen steckt.
“Sogar die Schweiz ist endlich bereit, die UNO im helvetischen Nabel der Welt mit offenen Armen zu Empfangen, was zweifelsohne zu einem neuen wirtschaftlichen Höhenflug führen wird. Wer weiss, ob sich dereinst die EU auch noch einsichtig der Schweiz anschliessen wird. Der Euro wird bis dann soweit entwertet sein, um als Untereinheit des Schweizer Frankens anstelle des Rappens einen gebührenden Ehrenplatz zu finden. Eine Stange Bier wird dann so um die sieben Franken und fünfundsiebzig Euros kosten.
“Selbst der Papst entschuldigt sich für die Beischläfchen seiner Hirten mit den Schäfchen. Er hoffe, dass die Priesterschaft es schafft, reumütig ins sich gekehrt, sich vermehrt mit sich selbst zu beschäftigen. Umsonst habe er die Masturbation nicht von der Todsünde befreit!
“Den adrett geknebelten und apart geketteten al-Qaida Dressmen im Strassenfeger-Look steht jetzt auf einmal eine humane Aburteilung ins Haus, bzw. Gitterverschlag. Mit selbst gewählten Anwälten. Auch wird das Strafhöchstmass kulant auf die einmalige Todesstrafe mittels garantiert steriler Spritze reduziert.
“Überall scheint Goodwill einzuziehen. Die bösen Buben sind eindeutig auf dem Rückzug. Die Geschnappten stehen vor Gericht in Den Haag wie auch in Jakarta. Jeder will jedem uneigennutzig helfend entgegenkommen. So auch die Präsidentin unseres Gastlandes, Megawati Soekarnoputri, die vermittelnd zwischen Nord- und Südkorea eingreifen wird.
“Keine nennenswerten Katastrophen, Massenmorde, Attentate, ausser den üblichen in bescheidestem Rahmen um dem Minimalanspruch der Leserschaft an Unterhaltungswert zu entsprechen.
“Ich sehe meine alte These zusehends bestätigt, dass die Welt ein besserer, friedlicherer Planet wird. Noch nie haben soviele Menschen in relativem Frieden koexistiert. Mit all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt scheint man endlich begriffen zu haben, dass die Probleme der anderen, inbesondere der Armen in letzter Konsequenz auch die eigenen sind. Dass man sie zusammen lösen muss. Die internationale Politik ist weitgehend von Altruismus, Emphatie und nicht länger von Hegonismus und Ausbeutung bestimmt.
“Wir werden älter, leben gesünder, bequemer, arbeiten weniger bei wachsendem Wohlstand, wissen mehr, reisen viel, erfreuen uns nie zuvor gekannter persönlicher Freiheiten, und sind dennoch unzufriedener denn je zuvor. Wie kommt das?”
Ja wirklich, woher kommt Gustis frappanter Sinneswandel? Aus der heutigen Tageszeitung, etwa? Nur weil die Katastrophen-Redakteure und Hiobs-Akteure zur Zeit auf dem Katastrophen- & Desaster-Kongress in Hawaii das 100-jährige Jubiläum feiern. Gesponsort von der Hearst Foundation gemäss dem altbewährten Hearst-Motto: Nur Mieses liest der Otto – mit Gutem gehst Bankrotto!
Warte bloss mal ab, mein lieber Gusti, bis dieser Schwarm von Fieslingen und Schriftschleifern frisch gestählt zurück ist, denk ich mir so, als Junior mit einem verstohlenen Seitenblick auf mich die lautere Stille bricht:
“Wieso braucht Megawati in die Ferne zu schweifen anstatt die Probleme im eigenen Land zu lösen? In Aceh, Irian Jaya, den Molukken, auf dem Riau Archipel, zum Beispiel. Was findest Du Positives daran, Paps?”
Das Ausbleiben von Zornesröte deutet darauf hin, dass Pädagoge Gusti diesmal eine Antwort parat hat: “Pass mal auf, Junior, und beantworte mir diese Frage: Was ist generell besser, dass eine Aufgabe gemeinsam gelöst wird, oder ein Jeder auf sich selbst gestellt ist?”
“Das kommt ganz darauf an. Je nach dem. Natürlich fände ich es besser die Prüfungen bei uns in der Schule gemeinsam zu lösen. Doch leider sieht das der Lehrer anders,” lautet Juniors lapidare, nicht ganz unlogische Antwort, welche von Schulmeister Gusti Senior wegen unorthodoxer Abweichung vom Lehrbuchtext unwirsch benotet wird:
"Also komm, hör doch auf mit diesen faulen Sprüchen! Du weisst ganz genau, dass Zusammenarbeit weiter führt als Einzelaktionen. Genau so auf der Grossbühne der Weltpolitik. Megawati vermittlet zwischen den beiden Koreas. Kim Jong-Il vermittelt im Gegenzug zwischen Aceh und Megawati. Südkoreas Präsident Kim Dae-Jong vermittelt zwischen Irian Jaya und Megawati, und so fort. Dadurch entsteht ein globales Vermittlungsgeflecht, in welches alle verstrickt und auf einander angewiesen sind. Kurz: Nicht mehr kurzsichtige Nächstenliebe ist das Gebot des Goldenen Zeitalters, sondern weitsichtige Fernstenliebe ist, was die Geldatome der Welt im Innersten zusammenhält.”
Sichtlich beeindruckt von der gelungenen Konklusion seiner Dissertation lehnt sich Gusti mit einem patronisierenden, “Hast verstanden, Gusti?” im Lehrstuhl bequem zurück. Hat Junior vollkommen, wie sein Resumë eindeutig bezeugt:
“Genial! Bush vermittelt zwischen Israelis und Palästinensern. Im Gegenzug Arafat zwischen Bush und Fidel Castro, Sharon zwischen Bush und bin Laden. Bin Laden darauf zwischen Indien und Pakistan. Fidel Castro zwischen China und Tibet. Musharraf zwischen Saddam und Sahron. Saddam darauf zwischen Istanbul und den Kurden, die Inder zwischen Taiwan und China, und munter weiter so in einem fort.
“Ich glaube, ich habe das Prinzip der Goldenen Verflechtung – hoffentlich nicht rostiger Verfilzung – voll erkannt. Wer hätte da in der Tat noch Zeit Krieg zu führen?”
“Musst nicht gleich übertreiben. Doch scheinbar hast begriffen, um was es geht. So, ich geh jetzt and den Strand. Du, Gusti, kannst noch hier bleiben – wenn Du willst – und versuchen, dem stummen Onkel da einen Kommentar zu entlocken.”
Derart geläutert wie wiedergeboren hebt Gusti Senior von meinem Balkon ab und entschwebt ins Goldene Zeitalter.
“Es sieht so aus, als sei dir ab heute ein neuer Vater beschieden”, lautete der Kommentar des stummen Onkels.
“Das wäre schön”, tönt es bezweifelnd, “doch fürchte ich, dass er morgen wieder der alte stänkernde Alte sein wird, wenn der Effekt des mir geklauten Fuders Hasch verpufft ist. Jetzt ist mir klar, weshalb die Erwachsenen Gras verbieten! Gratis-Trips; darin besteht euer Goldenes Zeitalter!”
Tja, ich weiss auch nicht so recht, woher die heutige Jugend solch absurde Unterstellungen hat.
Geschrieben am: 27.03.02, 10:06 Uhr
Kategorie: The real Dazmar
Autor: Dazmar
Das gebührende Anstossen auf die stolze, weil hart erarbeitete Bestleistung erleichterte merklich den nahtlosen Übergang zur Erörterung der permanenten Weltschieflage anhand der aktuellesten Boulevard-Ausgabe. Diese wird täglich von Lektor Gusti in meinem Beisitz mit unerbittlicher Strenge und totaler Hingabe auf den Wahrheitsgehalt hin geprüft und zensiert.
Heute jedoch scheint ein ganz besonderer Tag zu sein. Das spüre ich in der Luft, abgesehen vom neuen Paradies-Erduldungsrekord. Gustis Stirn ist bei der Lektüre nicht faltig-gekraust wie sonst. Kein Anzeichen von Sarkasmus umspielt die Mundwinkel. Ganz im Gegenteil, ein sanftes, innere Ruhe ausstrahlendes Lächeln liegt auf seinem edlen Schlachterantlitz, begleitet von beipflichtendem Nicken. Ähnlich dem Amen nach einer erbaulichen Predigt.
Endlich ist es soweit! Gusti verkündet sein untrügliches Tagesverdikt über den holprigen Weltenlauf im feierlichen Timbre einer Laudatio: “Ich hab’s ja schon lange geahnt; das Goldene Zeitalter ist angebrochen! Die Welt ist endlich auf dem besten Weg zur Genesung”, frohlockt der bis anhin diesbezüglich eher verschwiegene Prophet mit der gut fundierten Begründung:
“Unglaublich, diese totale Absenz von schlechten Nachrichten! Da steht nur Positives drin”, meint Gusti mit feuchten Augen. “Halleluja”, pflichte ich solidarisch bei ohne zu wissen, um was es geht. Doch den sonst notorisch zynischen Griesgram Gusti euphorisch wiedergeboren zu erleben, wäre ein dreifaches Halleluija wert. “Lass uns doch an der frohen Botschaft teilhaben, lieber Gusti,” dränge ich, begierig meine eigene Metamorphose zu beschleunigen.
“Gerne. Höret und staunet! Selbst im Tierreich halten paradiesische Glückszustände Einzug. In Kenia hat eine Löwin auf freier Wildbahn ein Antilopenkalb adoptiert. Hegt, pflegt und schützt es sogar vor den Appetit ihrer Artgenossen. Na, was sagt ihr dazu?”
Ausser mich zu vergewissern, dass wir noch nicht den 1. April schreiben, fiel mir nichts schnell genug ein, um Gusti Junior zuvorzukommen: “Vielleicht handelt es sich um eine emanzipierte Löwin, die ihre Beute nicht länger mit dem faulen Männchen teilen will. Sie tut nur so fürsorgerisch und frisst jede Nacht ein Kalb alleine auf. Am nächsten Tag holt sie sich ein Neues.”
Anstelle von Anerkennung für Juniors offensichtlich scharfsinnige These, steigt Gusti Senior die Zornesröte ins Gesicht: “Das ist wieder ein exemplarisch nihilistisch-zynischer celebraler Flatus gigantus! So typisch für die heutige Jungend. Woher die es hat, alles Gute zu negieren, bleibt mir schleierhaft. Wohl von zuviel Hasch und MTV!” erwehrt sich der Ex-Chefnegierer ob der weis-nasigen Intrusion in sein soeben entdecktes Paradies.
“Vielleicht vom MTV”, Junior gibt sich – typisch – nicht so leicht geschlagen, “aber kaum vom Hasch, weil Du mir den ja ständig klaust. Eher vom Erwachsenen-TV und euren Redensarten.”
Mir gelingt es mit knapper Not erfolgreich zu schlichten, sodass Gusti ungebremst in Fahrt kommt, die Litanei des urplötzlich hereingebrochenen globalen Positivismus abzuspulen.
“Afghanistan feiert das Neujahr nach Jahren wieder frei und unbeschwert. Die Kinder gehen zur Schule, die Frauen arbeiten wieder. Und die Männer erholen sich wie in guten alten Zeiten ungestört im Puff.
“Die Drittweltländer fordern in später Einsicht kaum mehr Almosen sondern freien Handel. Selbst George Double-Me Bush pflichtet dem bei und sieht darin die einzige Chance zur Armutsbekämpfung, dem Herd allen Übels. Voraussetzung für vermehrte Zusammenarbeit, darunter gezielte Entwicklungshilfe, ist jedoch, dass die Korruption in den Entwicklungsländern per subito dem Niveau der Industrieländern angepasst werden muss. Die USA seien traditionell die Vorreiter des freien Welthandels gewesen. Ausser bei Stahl, da bleibt Bush stahlhart, wie auch bei Holzimporten aus Kanada, weil da drin der Wurm unfairer Subventionen steckt.
“Sogar die Schweiz ist endlich bereit, die UNO im helvetischen Nabel der Welt mit offenen Armen zu Empfangen, was zweifelsohne zu einem neuen wirtschaftlichen Höhenflug führen wird. Wer weiss, ob sich dereinst die EU auch noch einsichtig der Schweiz anschliessen wird. Der Euro wird bis dann soweit entwertet sein, um als Untereinheit des Schweizer Frankens anstelle des Rappens einen gebührenden Ehrenplatz zu finden. Eine Stange Bier wird dann so um die sieben Franken und fünfundsiebzig Euros kosten.
“Selbst der Papst entschuldigt sich für die Beischläfchen seiner Hirten mit den Schäfchen. Er hoffe, dass die Priesterschaft es schafft, reumütig ins sich gekehrt, sich vermehrt mit sich selbst zu beschäftigen. Umsonst habe er die Masturbation nicht von der Todsünde befreit!
“Den adrett geknebelten und apart geketteten al-Qaida Dressmen im Strassenfeger-Look steht jetzt auf einmal eine humane Aburteilung ins Haus, bzw. Gitterverschlag. Mit selbst gewählten Anwälten. Auch wird das Strafhöchstmass kulant auf die einmalige Todesstrafe mittels garantiert steriler Spritze reduziert.
“Überall scheint Goodwill einzuziehen. Die bösen Buben sind eindeutig auf dem Rückzug. Die Geschnappten stehen vor Gericht in Den Haag wie auch in Jakarta. Jeder will jedem uneigennutzig helfend entgegenkommen. So auch die Präsidentin unseres Gastlandes, Megawati Soekarnoputri, die vermittelnd zwischen Nord- und Südkorea eingreifen wird.
“Keine nennenswerten Katastrophen, Massenmorde, Attentate, ausser den üblichen in bescheidestem Rahmen um dem Minimalanspruch der Leserschaft an Unterhaltungswert zu entsprechen.
“Ich sehe meine alte These zusehends bestätigt, dass die Welt ein besserer, friedlicherer Planet wird. Noch nie haben soviele Menschen in relativem Frieden koexistiert. Mit all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt scheint man endlich begriffen zu haben, dass die Probleme der anderen, inbesondere der Armen in letzter Konsequenz auch die eigenen sind. Dass man sie zusammen lösen muss. Die internationale Politik ist weitgehend von Altruismus, Emphatie und nicht länger von Hegonismus und Ausbeutung bestimmt.
“Wir werden älter, leben gesünder, bequemer, arbeiten weniger bei wachsendem Wohlstand, wissen mehr, reisen viel, erfreuen uns nie zuvor gekannter persönlicher Freiheiten, und sind dennoch unzufriedener denn je zuvor. Wie kommt das?”
Ja wirklich, woher kommt Gustis frappanter Sinneswandel? Aus der heutigen Tageszeitung, etwa? Nur weil die Katastrophen-Redakteure und Hiobs-Akteure zur Zeit auf dem Katastrophen- & Desaster-Kongress in Hawaii das 100-jährige Jubiläum feiern. Gesponsort von der Hearst Foundation gemäss dem altbewährten Hearst-Motto: Nur Mieses liest der Otto – mit Gutem gehst Bankrotto!
Warte bloss mal ab, mein lieber Gusti, bis dieser Schwarm von Fieslingen und Schriftschleifern frisch gestählt zurück ist, denk ich mir so, als Junior mit einem verstohlenen Seitenblick auf mich die lautere Stille bricht:
“Wieso braucht Megawati in die Ferne zu schweifen anstatt die Probleme im eigenen Land zu lösen? In Aceh, Irian Jaya, den Molukken, auf dem Riau Archipel, zum Beispiel. Was findest Du Positives daran, Paps?”
Das Ausbleiben von Zornesröte deutet darauf hin, dass Pädagoge Gusti diesmal eine Antwort parat hat: “Pass mal auf, Junior, und beantworte mir diese Frage: Was ist generell besser, dass eine Aufgabe gemeinsam gelöst wird, oder ein Jeder auf sich selbst gestellt ist?”
“Das kommt ganz darauf an. Je nach dem. Natürlich fände ich es besser die Prüfungen bei uns in der Schule gemeinsam zu lösen. Doch leider sieht das der Lehrer anders,” lautet Juniors lapidare, nicht ganz unlogische Antwort, welche von Schulmeister Gusti Senior wegen unorthodoxer Abweichung vom Lehrbuchtext unwirsch benotet wird:
"Also komm, hör doch auf mit diesen faulen Sprüchen! Du weisst ganz genau, dass Zusammenarbeit weiter führt als Einzelaktionen. Genau so auf der Grossbühne der Weltpolitik. Megawati vermittlet zwischen den beiden Koreas. Kim Jong-Il vermittelt im Gegenzug zwischen Aceh und Megawati. Südkoreas Präsident Kim Dae-Jong vermittelt zwischen Irian Jaya und Megawati, und so fort. Dadurch entsteht ein globales Vermittlungsgeflecht, in welches alle verstrickt und auf einander angewiesen sind. Kurz: Nicht mehr kurzsichtige Nächstenliebe ist das Gebot des Goldenen Zeitalters, sondern weitsichtige Fernstenliebe ist, was die Geldatome der Welt im Innersten zusammenhält.”
Sichtlich beeindruckt von der gelungenen Konklusion seiner Dissertation lehnt sich Gusti mit einem patronisierenden, “Hast verstanden, Gusti?” im Lehrstuhl bequem zurück. Hat Junior vollkommen, wie sein Resumë eindeutig bezeugt:
“Genial! Bush vermittelt zwischen Israelis und Palästinensern. Im Gegenzug Arafat zwischen Bush und Fidel Castro, Sharon zwischen Bush und bin Laden. Bin Laden darauf zwischen Indien und Pakistan. Fidel Castro zwischen China und Tibet. Musharraf zwischen Saddam und Sahron. Saddam darauf zwischen Istanbul und den Kurden, die Inder zwischen Taiwan und China, und munter weiter so in einem fort.
“Ich glaube, ich habe das Prinzip der Goldenen Verflechtung – hoffentlich nicht rostiger Verfilzung – voll erkannt. Wer hätte da in der Tat noch Zeit Krieg zu führen?”
“Musst nicht gleich übertreiben. Doch scheinbar hast begriffen, um was es geht. So, ich geh jetzt and den Strand. Du, Gusti, kannst noch hier bleiben – wenn Du willst – und versuchen, dem stummen Onkel da einen Kommentar zu entlocken.”
Derart geläutert wie wiedergeboren hebt Gusti Senior von meinem Balkon ab und entschwebt ins Goldene Zeitalter.
“Es sieht so aus, als sei dir ab heute ein neuer Vater beschieden”, lautete der Kommentar des stummen Onkels.
“Das wäre schön”, tönt es bezweifelnd, “doch fürchte ich, dass er morgen wieder der alte stänkernde Alte sein wird, wenn der Effekt des mir geklauten Fuders Hasch verpufft ist. Jetzt ist mir klar, weshalb die Erwachsenen Gras verbieten! Gratis-Trips; darin besteht euer Goldenes Zeitalter!”
Tja, ich weiss auch nicht so recht, woher die heutige Jugend solch absurde Unterstellungen hat.
Geschrieben am: 27.03.02, 10:06 Uhr
Kategorie: The real Dazmar
Autor: Dazmar