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Vollständige Version anzeigen : Neuer Wachhund für die Finanzbranche


Eliska
07.05.2002, 01:37
Start der Superbehörde

Banken, Finanzdienstleister, Börsen und Versicherungen stehen in Deutschland künftig unter einheitlicher Aufsicht.

Von Helga Einecke

Mit der Aufsichtsreform will Bundesfinanzminister Hans Eichel Anleger und Verbraucher besser schützen und den Finanzplatz Deutschland stärken.

Beim Festakt der neuen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) begründete Eichel die von ihm vorangetriebene Allfinanzaufsicht auch damit, die Finanzkrisen würden immer überraschender auftreten. „Es lässt sich erahnen, dass selbst namhafte deutsche Versicherungsunternehmen bei internationalen Krisen nicht völlig unbeeinträchtigt bleiben“, meinte Eichel mit Blick auf die Folgen des 11. September.


Stärker kapitalmarktorientiert

Finanzmarktkrisen seien kein regionales Problem mehr. Auch auf europäischer Ebene würden neue Aufsichtsstrukturen diskutiert, etwa an diesem Dienstag im Ecofin-Rat der Finanzminister der Eurozone. „Im Moment sehe ich nicht die Notwendigkeit, eine eigenständige europäische Finanzmarktaufsicht zu etablieren“, zerstreute Eichel entsprechende Befürchtungen.

Die deutsche Anstalt sei die Voraussetzung für eine stärker kapitalmarktorientierte Aufsicht. Vor allem im Vergleich zu London mit seiner Financial Services Authority (FSA) komme man voran. Neben Großbritannien verfügten die skandinavischen Länder, Japan und Australien über eine übergreifende Aufsichtsbehörde. Irland, Österreich und die Schweiz würden auch in diese Richtung gehen, unterstrich Eichel die Bedeutung seiner Reform auf internationaler Ebene.


„Heroische Aufgabe“

Die neue Bundesanstalt beschäftigt rund 1100 Mitarbeiter und hat einen Doppelsitz in Bonn und Frankfurt. Unter ihrem Dach werden die Gebiete der Banken-, Versicherungs- und Wertpapieraufsicht zusammengeführt. Sanio, der bisher die Bankenaufsicht leitete, sprach von einer „heroischen Aufgabe“.

Die erforderlichen Einblicke in den Finanzsektor würden immer schwieriger. „Viel zu groß ist der Abstand zur Realität der Märkte geworden, die sich als ein komplexes Spiel mit vielen Unbekannten erweisen“, sagte er. Die „einzig robuste Lösung“ liege in einer Konzentration aller Aufsichtskräfte, um aus dem vereinten Wissensreservoir neue Strategien zu entwickeln.

Der Präsident wies Kritik am Dienstsitz Bonn zurück, den einige für zu fern vom Finanzplatz Frankfurt halten. Gemeinsam mit der Bundesbank gebe es bei der Bankenaufsicht eine „duale Struktur“, womit die bisherigen Zuständigkeiten im Großen und Ganzen unverändert blieben.

Sanio sprach im Hinblick auf die Zusammenarbeit zwischen Bonn und Frankfurt vom „guten Willen aller Beteiligten“, pochte aber auf das aufsichtliche Entscheidungs- und Sanktionsmonopol sowie die Richtlinienkompetenz seines Hauses.


Unternehmensfinanziert

Eine wesentliche Neuerung der Allfinanzaufsicht ist, dass ihr Budget nicht mehr vom Bundeshaushalt abhängt, sondern über eine Umlage vollständig von den beaufsichtigten Unternehmen finanziert wird.

Sanio appellierte an den Verwaltungsrat, das Budget der neuen Anstalt großzügig zu bemessen. Ohne ausreichendes Personal sei keine Aufsicht möglich, die den weltweit üblichen Standards genüge. Leider sei es nicht möglich, den Abstand zu den Gehältern der Finanzindustrie zu verkürzen, obwohl die Anstalt außertarifliche Bezahlung gestattet. Nur eine generelle Anhebung des
Gehaltsniveaus könne den Zustrom qualifizierten Personals sicherstellen.

Das BAFin beaufsichtigt rund 2700 Banken und Sparkassen, 800 Finanzdienstleister und 700 Versicherungen. Die drei vereinten Aufsichtsämter haben bislang ein Eigenleben geführt. Die Versicherungsaufsicht mit Sitz in Bonn ist bereits 100 Jahre alt. Die gerade von Berlin nach Bonn umgezogene Bankenaufsicht wurde 1962 gegründet.

Die Frankfurter Wertpapieraufsicht bringt es auf sieben Jahre. „Das erfordert von der Leitung Fingerspitzengefühl bei der Zusammenführung der bisherigen Teile“, meinte Eichel.

Dagegen sagte Sanio, man stehe vor einem „schwierigen Experiment, dessen Erfolg nicht von oben verordnet werden kann“. Als sein Stellvertreter agiert Karl-Burkhard Caspari, bisher Abteilungsleiter im Finanzministerium, und chrittmacher etlicher Reformen wie die Terminbörse oder die Wertpapieraufsicht.

Die beiden bisherigen Präsidenten der Wertpapier- und Versicherungsaufsicht, Georg Wittich und Helmut Müller, gehen in den Ruhestand. Auf Seiten der Bundesbank ist Vorstandsmitglied Edgar Meister für die Bankenaufsicht zuständig.

Süddeutsche Zeitung

Eliska
07.05.2002, 01:39
Der Name der neuen Superbehörde mit Doppelsitz in Bonn und Frankfurt ist nicht glücklich gewählt: Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.
Von Helga Einecke

Dieses Wortungetüm klingt eher nach verstaubten Amtsstuben als nach frischem Wind für die deutsche Finanzszene.

Gerade diesen Wind aber soll die Anstalt erzeugen. Die Grenzen zwischen Anbietern von Versicherungen, Bank- und Wertpapierprodukten verschwimmen, daher müssen die Kontrolleure den Finanzmarkt als ganzes im Blick behalten, im Inland und auf europäischer und internationaler Ebene.

Seit die Versicherungskonzerne Allianz und Münchener Rück sich eng mit Banken verbinden, redet alle Welt von „Allfinanz“, obwohl das Sparkassen und Volksbanken längst praktizieren.


Problem Besoldungssystem

Ist Finanzminister Hans Eichel und seinen beiden Bonner Statthaltern Jochen Sanio und Karl-Burkhard Caspari also der große Wurf gelungen, der den Finanzplatz Deutschland in Sachen Finanzkontrolle nach vorn bringt? Hoffentlich. Denn es gibt noch viele Hindernisse.

Ein Riesenproblem ist das öffentliche Besoldungssystem, das Experten nicht genügend Gehaltsanreize bietet, für die Aufseher statt für die Banken zu arbeiten. Nur eine privatrechtliche Organisation nach britischem Vorbild könnte das ändern, aber die ist verfassungswidrig.

Die Steuerzahler sind von all dem nicht betroffen weil die Finanzdienstleister ihre staatlichen Kontrolleure selbst bezahlen. Ein weiterer Geburtsfehler ist die Rivalität zwischen Bonn und Frankfurt, also den ehemaligen Bankenaufsehern und der Bundesbank.


Kompetenzgerangel

Die Bundesbank überwacht nun die Kreditinstitute gemäß den Richtlinien der Anstalt, aber das alles im Einvernehmen mit Bonn. Es ist unklar, wie das funktionieren soll, nachdem die Bundesbank vergeblich versucht hat, die Finanzaufsicht selbst in die Hand zu bekommen.

Auch andere setzten ihre Ellenbogen ein, etwa in der erst vor wenigen Jahren als „Börsenpolizei“ aus der Taufe gehobenen Wertpapieraufsicht in Frankfurt oder bei den Versicherungskontrolleuren.

Solches Kompetenzgerangel darf die Gestalter von politischen Rahmenbedingungen in ihrem Reformwillen nicht bremsen. Aber es wäre zu wünschen, dass Dauerkonflikte von vornherein vermieden.

Bisher sind die großen Pleiten im Finanzgewerbe ausgeblieben, ganz im Gegensatz vielen anderen Ländern – unabhängig davon wie deren Aufsichten organisiert sind.

Das hing aber weniger mit der Qualität der Kontrolle als mit der komfortablen Lage der Banken und Versicherungen zusammen. Diese Zeiten sind vorbei, und deshalb tut eine bessere Aufsicht Not.


Süddeutsche Zeitung