Eliska
08.05.2002, 22:33
Die Gewerkschaften wollen Gleichheit - und produzieren immer mehr Arbeitslose
von Uwe Jean Heuser
Klaus Zwickel macht teure Späße. Der Chef der IG Metall nutzt die Stunde des Streiks, um mit neoliberalen Kritikern abzurechnen, die ihn als Betonkopf hingestellt haben. Jahr um Jahr verlangten sie von ihm flexiblere Lohnabschlüsse - und jetzt serviert er ihnen den "Flexi-Streik", Arbeitsniederlegungen an wechselnden Standorten.
Nach sieben Jahren, in denen sie bescheiden war und doch beschimpft wurde, schlägt die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung zurück. Und hat sie nicht Recht? Netto haben die Arbeitnehmer seit 1995 so gut wie nichts hinzuverdient, während sich die Vorstände der großen Unternehmen mehr als 50-prozentige Gehaltssteigerungen gönnten: deutsche Vorbilder im Raffzeitalter. Und als vergangenes Jahr die Gewinne abstürzten, schrumpften die Chefgehälter nur symbolisch um zwei Prozent. Mit Misserfolgen haben die Leistungsrhetoriker offenkundig nichts zu tun. Am heftigsten bedienten sich Rolf Breuer und seine Vorstandskollegen in den Türmen der Deutschen Bank: Der scheidende Chef allein gönnte sich mehr als zehn Millionen Euro - eine neue Variante von Shareholder-Value. Da soll man sich aufregen, weil die IG Metall für eine Vier vor dem Komma streikt?
Man muss. Denn mit ihrer Strategie bremst die Gewerkschaft nicht bloß die Konjunktur für die Dauer von einigen Monaten. Indem sie flächendeckend Erhöhungen durchsetzt und Niedriglöhne in Deutschland ablehnt, gräbt sie mit am schwarzen Loch des Arbeitsmarktes. Am unteren Rand der Gesellschaft wächst eine neue Klasse der Chancenlosen heran - und mit ihr das Risiko längst vergessener sozialer Klassenkonflikte.
Die Spitzenfunktionäre haben es auf Streik angelegt und die Erwartungen ihrer eigenen Mitglieder nach oben getrieben - und berufen sich nun auf den Zorn der Basis. Dieser Verteilungskampf kostet Arbeitsplätze. Wie alte Tonnenideologen beharren die Funktionäre auf der Standardforderung aus den frühen Tagen der Industriegesellschaft: Mehr Lohn für alle - egal ob sie in einer reichen oder verlustreichen Firma arbeiten, ob ihre Talente am Markt gefragt sind oder nicht. Das überfordert viele Unternehmen und überteuert viele Jobs. Neue Rationalisierung ist die Folge - noch mehr Arbeitslosigkeit.
Wie man die Gesellschaft spaltet
Ihre Schutzbefohlenen müssten am Zuwachs der Produktivität beteiligt werden, sagt die IG Metall. Doch diese Messgröße wächst, wenn die Wirtschaft mit mehr Maschinen und weniger Menschen arbeitet. Steigt nun der Lohn kräftig, setzen die Firmen umso stärker auf Technik. Ungewollte Folge: Die Produktivität klettert weiter - und die Gewerkschaften fordern für noch weniger Arbeitnehmer noch mehr Geld. Zwar glaubt die IG Metall, mit neuer Härte die "Gesellschaft zusammenzuhalten". In Wirklichkeit spalten die Folgen dieser Politik aber die Gesellschaft - in Menschen mit und ohne legale Arbeit, mit und ohne Aufstiegschancen, mit und ohne Zukunft.
Soziale Gerechtigkeit ist heute etwas anderes als allgemeiner Hochlohn. Das belegen Länder, die in den neunziger Jahren massenhaft Arbeitsplätze schafften. Nicht nur Amerikaner und Briten, sondern auch die des neoliberalen Brauchtums unverdächtigen Iren und Niederländer bezahlten einen Preis für ihr Jobwunder: Die Einkommen verteilen sich ungleicher als früher. Schuld ist nicht so sehr, dass die gut verdienenden Investmentbanker, Anwälte und Berater vom Boom profitierten - das auch. Die Verteilung franste insgesamt aus, weil am unteren Ende mehr Menschen für Niedriglöhne arbeiteten, statt weiter zu Hause auszuharren oder auf Kosten der anderen schwarz zu arbeiten.
Ganz von selbst taten sie das nicht. Auf unterschiedliche Weise haben diese Länder schlecht bezahlte Arbeit zugelassen. Ihre Sozialsysteme drängen die Arbeitslosen zur Jobsuche und stocken niedrige Gehälter auf. Durch verlorene Machtkämpfe gezwungen oder durch Einsicht bewogen, verzichteten die Gewerkschaften dieser Länder auf Steigerungen für jedermann und fanden sich damit ab, dass immer mehr Arbeitsbedingungen im einzelnen Unternehmen verhandelt werden.
Das war kein faustischer Handel mit dem globalen Kapitalismus, sondern unter all den schlechten noch der beste Weg zu Verteilungsgerechtigkeit. Mehr Menschen erhielten die Chance, sich ihr Einkommen zumindest teilweise selbst zu verdienen und wieder aufzusteigen.
Und in Deutschland, das den Begriff der "Arbeitslosenkarriere" erfand? Das Sozialwesen ächzt unter dem stetig steigenden Druck, aber die Einkommensverteilung am unteren Ende hält. Dieser Kraftakt zeugt von der immensen Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft - und von enormer Vergeudung. Denn der Preis für den Systemerhalt erschöpft sich nicht in überhöhten Abgaben. Er erschöpft sich auch nicht in sechs Millionen Menschen, die Arbeit gar nicht oder nur auf dem Schwarzmarkt finden.
Wenn die Bundesrepublik einer Errungenschaft sicher war, dann dieser: Jeder konnte aufsteigen in unserer klassenlosen Gesellschaft - ob Reich oder Arm, von Adel oder aus dem Arbeitervorort. Die Biografie Gerhard Schröders ist ein Beispiel für diese Durchlässigkeit der sozialen Schichten. Doch inzwischen haben sich die Verhältnisse geändert. Neue Wirtschaftsdaten zeigen, dass Deutschland zurück zur Klassengesellschaft mutiert. Wer in der falschen Gegend wohnt und deshalb in die falsche Schule geht, wessen Eltern nicht sonderlich gebildet sind und es nicht weit gebracht haben - dessen Chancen auf Karriere und Erfolg sinken. Wer unter Arbeitslosen aufwächst, hat eine kleinere Aufstiegschance als seine Altersgenossen in gesicherten Verhältnissen.
Es ist wieder so weit: Städte zerfallen in reiche und arme Viertel - in den einen steigen die Immobilienpreise, in den anderen die Kriminalitätsraten. Die sozialen Hürden wachsen, und mit ihnen erblühen die alten Traditionen der bürgerlichen Netzwerke neu. Arbeitgeber achten darauf, wer einen Stellenbewerber empfohlen hat und wie er auftritt. Man will wieder unter sich sein.
Dabei hatte Deutschland doch alles getan, um die wachsende Ungleichheit einzudämmen - und hat darüber die Pflege der Chancengleichheit vergessen. Die Wirtschaft kann nicht schnell wachsen, der Arbeitsmarkt nicht genügend Jobs schaffen, solange Rekordabgaben und gewerkschaftlich durchgesetzte Standardlöhne sie belasten. Mangels Dynamik zerfällt die Gesellschaft in Chancenreiche und Chancenarme: Deutschland ohne Elan - außer beim Lohnstreik.
Im Namen der Gerechtigkeit mochten die Regierungen Kohl und Schröder den Arbeitsmarkt nicht öffnen und die sozialen Hilfen nicht beschneiden. Im Namen der Gerechtigkeit verteidigen die Gewerkschaften den flächendeckenden Tarif und mauern gegen Niedriglöhne. Eifrig betrieben sie die Angleichung Ost: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, auch wenn es dann kaum noch Arbeit gäbe! Nun kämpft die IG Metall einmal mehr für einen gerechten Anteil. Doch woran? Der Streik wird keine Massenentlassungen herbeiführen, wie zornige Arbeitgeber prophezeien, aber noch mehr Arbeitslose erzeugen. Schlössen sich alle in ihrer eigenen Gewerkschaft zusammen, wären sie schon die Stärksten.
Und die Bereicherung der Chefs? Die Vorstände der Großunternehmen verfehlen ihren Job, wenn sie unabhängig von Erfolg oder Misserfolg kassieren möchten. Viele Vorstände wollen partout auf das Gehaltsniveau ihrer amerikanischen Kollegen klettern und scheren sich keinen Deut um das, was sich in ihrem Land geziemt. Hier bedient sich der Chef. Doch wer hat den deutschen Tycoons die frischen Millionen genehmigt? Ihre Aufsichtsräte. In ihnen sitzen viele gewerkschaftliche Arbeitnehmervertreter. Auch Klaus Zwickel, der Mann mit der schönen Ballonmütze aus dem 19. Jahrhundert
DIE ZEIT
Interessant dazu auch der Artikel von Elisabeth Niejahr:
Das Märchen vom Aufstieg
http://www.archiv.zeit.de/2002/20/Wirtschaft/200220_soziale_mobilita.html
von Uwe Jean Heuser
Klaus Zwickel macht teure Späße. Der Chef der IG Metall nutzt die Stunde des Streiks, um mit neoliberalen Kritikern abzurechnen, die ihn als Betonkopf hingestellt haben. Jahr um Jahr verlangten sie von ihm flexiblere Lohnabschlüsse - und jetzt serviert er ihnen den "Flexi-Streik", Arbeitsniederlegungen an wechselnden Standorten.
Nach sieben Jahren, in denen sie bescheiden war und doch beschimpft wurde, schlägt die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung zurück. Und hat sie nicht Recht? Netto haben die Arbeitnehmer seit 1995 so gut wie nichts hinzuverdient, während sich die Vorstände der großen Unternehmen mehr als 50-prozentige Gehaltssteigerungen gönnten: deutsche Vorbilder im Raffzeitalter. Und als vergangenes Jahr die Gewinne abstürzten, schrumpften die Chefgehälter nur symbolisch um zwei Prozent. Mit Misserfolgen haben die Leistungsrhetoriker offenkundig nichts zu tun. Am heftigsten bedienten sich Rolf Breuer und seine Vorstandskollegen in den Türmen der Deutschen Bank: Der scheidende Chef allein gönnte sich mehr als zehn Millionen Euro - eine neue Variante von Shareholder-Value. Da soll man sich aufregen, weil die IG Metall für eine Vier vor dem Komma streikt?
Man muss. Denn mit ihrer Strategie bremst die Gewerkschaft nicht bloß die Konjunktur für die Dauer von einigen Monaten. Indem sie flächendeckend Erhöhungen durchsetzt und Niedriglöhne in Deutschland ablehnt, gräbt sie mit am schwarzen Loch des Arbeitsmarktes. Am unteren Rand der Gesellschaft wächst eine neue Klasse der Chancenlosen heran - und mit ihr das Risiko längst vergessener sozialer Klassenkonflikte.
Die Spitzenfunktionäre haben es auf Streik angelegt und die Erwartungen ihrer eigenen Mitglieder nach oben getrieben - und berufen sich nun auf den Zorn der Basis. Dieser Verteilungskampf kostet Arbeitsplätze. Wie alte Tonnenideologen beharren die Funktionäre auf der Standardforderung aus den frühen Tagen der Industriegesellschaft: Mehr Lohn für alle - egal ob sie in einer reichen oder verlustreichen Firma arbeiten, ob ihre Talente am Markt gefragt sind oder nicht. Das überfordert viele Unternehmen und überteuert viele Jobs. Neue Rationalisierung ist die Folge - noch mehr Arbeitslosigkeit.
Wie man die Gesellschaft spaltet
Ihre Schutzbefohlenen müssten am Zuwachs der Produktivität beteiligt werden, sagt die IG Metall. Doch diese Messgröße wächst, wenn die Wirtschaft mit mehr Maschinen und weniger Menschen arbeitet. Steigt nun der Lohn kräftig, setzen die Firmen umso stärker auf Technik. Ungewollte Folge: Die Produktivität klettert weiter - und die Gewerkschaften fordern für noch weniger Arbeitnehmer noch mehr Geld. Zwar glaubt die IG Metall, mit neuer Härte die "Gesellschaft zusammenzuhalten". In Wirklichkeit spalten die Folgen dieser Politik aber die Gesellschaft - in Menschen mit und ohne legale Arbeit, mit und ohne Aufstiegschancen, mit und ohne Zukunft.
Soziale Gerechtigkeit ist heute etwas anderes als allgemeiner Hochlohn. Das belegen Länder, die in den neunziger Jahren massenhaft Arbeitsplätze schafften. Nicht nur Amerikaner und Briten, sondern auch die des neoliberalen Brauchtums unverdächtigen Iren und Niederländer bezahlten einen Preis für ihr Jobwunder: Die Einkommen verteilen sich ungleicher als früher. Schuld ist nicht so sehr, dass die gut verdienenden Investmentbanker, Anwälte und Berater vom Boom profitierten - das auch. Die Verteilung franste insgesamt aus, weil am unteren Ende mehr Menschen für Niedriglöhne arbeiteten, statt weiter zu Hause auszuharren oder auf Kosten der anderen schwarz zu arbeiten.
Ganz von selbst taten sie das nicht. Auf unterschiedliche Weise haben diese Länder schlecht bezahlte Arbeit zugelassen. Ihre Sozialsysteme drängen die Arbeitslosen zur Jobsuche und stocken niedrige Gehälter auf. Durch verlorene Machtkämpfe gezwungen oder durch Einsicht bewogen, verzichteten die Gewerkschaften dieser Länder auf Steigerungen für jedermann und fanden sich damit ab, dass immer mehr Arbeitsbedingungen im einzelnen Unternehmen verhandelt werden.
Das war kein faustischer Handel mit dem globalen Kapitalismus, sondern unter all den schlechten noch der beste Weg zu Verteilungsgerechtigkeit. Mehr Menschen erhielten die Chance, sich ihr Einkommen zumindest teilweise selbst zu verdienen und wieder aufzusteigen.
Und in Deutschland, das den Begriff der "Arbeitslosenkarriere" erfand? Das Sozialwesen ächzt unter dem stetig steigenden Druck, aber die Einkommensverteilung am unteren Ende hält. Dieser Kraftakt zeugt von der immensen Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft - und von enormer Vergeudung. Denn der Preis für den Systemerhalt erschöpft sich nicht in überhöhten Abgaben. Er erschöpft sich auch nicht in sechs Millionen Menschen, die Arbeit gar nicht oder nur auf dem Schwarzmarkt finden.
Wenn die Bundesrepublik einer Errungenschaft sicher war, dann dieser: Jeder konnte aufsteigen in unserer klassenlosen Gesellschaft - ob Reich oder Arm, von Adel oder aus dem Arbeitervorort. Die Biografie Gerhard Schröders ist ein Beispiel für diese Durchlässigkeit der sozialen Schichten. Doch inzwischen haben sich die Verhältnisse geändert. Neue Wirtschaftsdaten zeigen, dass Deutschland zurück zur Klassengesellschaft mutiert. Wer in der falschen Gegend wohnt und deshalb in die falsche Schule geht, wessen Eltern nicht sonderlich gebildet sind und es nicht weit gebracht haben - dessen Chancen auf Karriere und Erfolg sinken. Wer unter Arbeitslosen aufwächst, hat eine kleinere Aufstiegschance als seine Altersgenossen in gesicherten Verhältnissen.
Es ist wieder so weit: Städte zerfallen in reiche und arme Viertel - in den einen steigen die Immobilienpreise, in den anderen die Kriminalitätsraten. Die sozialen Hürden wachsen, und mit ihnen erblühen die alten Traditionen der bürgerlichen Netzwerke neu. Arbeitgeber achten darauf, wer einen Stellenbewerber empfohlen hat und wie er auftritt. Man will wieder unter sich sein.
Dabei hatte Deutschland doch alles getan, um die wachsende Ungleichheit einzudämmen - und hat darüber die Pflege der Chancengleichheit vergessen. Die Wirtschaft kann nicht schnell wachsen, der Arbeitsmarkt nicht genügend Jobs schaffen, solange Rekordabgaben und gewerkschaftlich durchgesetzte Standardlöhne sie belasten. Mangels Dynamik zerfällt die Gesellschaft in Chancenreiche und Chancenarme: Deutschland ohne Elan - außer beim Lohnstreik.
Im Namen der Gerechtigkeit mochten die Regierungen Kohl und Schröder den Arbeitsmarkt nicht öffnen und die sozialen Hilfen nicht beschneiden. Im Namen der Gerechtigkeit verteidigen die Gewerkschaften den flächendeckenden Tarif und mauern gegen Niedriglöhne. Eifrig betrieben sie die Angleichung Ost: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, auch wenn es dann kaum noch Arbeit gäbe! Nun kämpft die IG Metall einmal mehr für einen gerechten Anteil. Doch woran? Der Streik wird keine Massenentlassungen herbeiführen, wie zornige Arbeitgeber prophezeien, aber noch mehr Arbeitslose erzeugen. Schlössen sich alle in ihrer eigenen Gewerkschaft zusammen, wären sie schon die Stärksten.
Und die Bereicherung der Chefs? Die Vorstände der Großunternehmen verfehlen ihren Job, wenn sie unabhängig von Erfolg oder Misserfolg kassieren möchten. Viele Vorstände wollen partout auf das Gehaltsniveau ihrer amerikanischen Kollegen klettern und scheren sich keinen Deut um das, was sich in ihrem Land geziemt. Hier bedient sich der Chef. Doch wer hat den deutschen Tycoons die frischen Millionen genehmigt? Ihre Aufsichtsräte. In ihnen sitzen viele gewerkschaftliche Arbeitnehmervertreter. Auch Klaus Zwickel, der Mann mit der schönen Ballonmütze aus dem 19. Jahrhundert
DIE ZEIT
Interessant dazu auch der Artikel von Elisabeth Niejahr:
Das Märchen vom Aufstieg
http://www.archiv.zeit.de/2002/20/Wirtschaft/200220_soziale_mobilita.html